Nr. 250 39.Jahrgang Ausgabe B Nr. 123 Bezugspreis: Bierteljährl. 105- ML, monatl. 35, fret ins Haus, voraus zahlbar. Post. bezug: Monatlich 35,-, einschl. HuStellungsgebühr. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig, Saar- u Memelgebiet, sowie Defterreich u. Lugemburg 69.- M., für das übrige Ausland 87 M. Postbestellungen nehmen. an Belgien, Dänemark, England, Efthland, Finnland, Frankreich, Holland, Lettland, Luxemburg, Desterreich, Schweden, Schweiz. Tschecho- Glowatei und Ungarn. Der„ Borwärts" mit der Sonntags beilage Bolt und Zeit", der Unterhaltungsbeilage Heimwelt" und der Beilage„ Siedlung und Kleingarten" erscheint wochentäglich zweimal, Gonn tags und Montags einmal Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin Abend- Ausgabe Vorwärts Berliner Dolksblatt Groß- Berlin 79 Pf. auswärts 80 Pfennig Anzeigenpreis: Die einspaltige Nonpareillezeile toftet 16,- M.- Netberezeile 80,- m. Kleineinzeigen" das fettgedruckte Wort 4, M.( zulässig zwei fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 3, M. Stellengesuche und SchlafStellenanzeigen das erste Wort 2,50 M., jedes weitere Wort 2, M. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Familien- Anzeigen für Abon. nenten Zeile 8,- M. Anzeigen für die nächste Nummer müffen bis 4 Uhr nachmittags im Hauptgeschäft, Berlin SW 68, Lindenftraße 3, abgegeben werden. Geöffnet von 9 Uhr früh bis 5 Uhr nachmittags. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Expedition: SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher: Redaktion Morisplay 151 95-97 Expedition Morinplat 11753-54 Montag, den 29. Mai 1922 Ungarische Wahlmache. Ungarische Wahlen. Budapest, 29. mai.( Ung. Tel- Corr.- Bur.) Bei den gefiri. gen Wahlen zur ungarischen Nationalversammlung waren bis drei 2hr nachmittags aus dreiundzwanzig Wahlbezirken die Endergebnisse eingetroffen. Bis 10 Uhr abends waren 74 Abgeordnete der Regierungspartei und 6 der Oppositon gewählt. In 18 Bezirken wird eine Stichwahl vorgenommen werden. Aus 43 Bezirken steht das Ergebnis noch aus. Die Ruhe wurde irgends gestört. lution Vorwärts- Verlag G.m.b.H., SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher: Verlag. Ervedition und Inseraten. Abteilung Moritzplatz 11753-54 Eine Lektion. " " Das Ergebnis der Elternbeiratswahlen. Die geftrigen Elternbeiratswahlen in Berlin haben mit Meinung durch Neuwahlen tundgebe. Diese sollten nicht mehr ver- einem Sieg der christlich- unpolitischen Liste und mit einer zögert werden; denn nur durch sie fonne man genau erfahren, ob schweren Niederlage der Bereinigten Liste der SPD., England mit Frankreich brechen und in Beziehungen zu Rußland USP. und KPD." geendet. Es ist uns höchst schmerzlich, und Deutschland treten solle, oder ob man lettgenannte beide Län- unsere Partei in eine solche Niederlage verwickelt zu sehen, der verlassen und gleichzeitig mit Frankreich zugrunde gehen wolle. müssen aber erklären, daß uns dieses Ergebnis in feiner Weise versichert haben, das Ruhrgebiet am 31. Mai nicht besetzen Nach englischen Meldungen soll die französische Regierung überrascht. Auf politischem Gebiet hat unsere Partei foeben einen erzu wollen, was ja um so glaubhafter ist, als die Reparations- folgreichen Rampf gegen den Verfuch der Kommunisten gefommission Deutschland eine Fristverlängerung von einigen führt, fich in eine sogenannte„ proletarische Einheitsfront" als Am gestrigen Sonntag wählten die 141 ländlichen Bezirke Wochen zur Erstattung seiner Borschläge gewährt. Der nord heimtückische Zerstörer einzuschleichen. In Verfolg dieser Bolimit öffentlicher Stimmenabgabe. Das Wahlrecht ist nicht allgemein, sondern durch allerhand Bedingungen und auf er glaube nicht, daß über den 1. Juli hinaus USA. Truppen parteilofen Arbeiterkomitees, durchkreuzte er die nicht allgemein, sondern durch allerhand Bedingungen und auf amerikanische General Harbord hat in Paris geäußert, tit beleuchtete der Vorwärts" den Schwindel der das Alter über 24 Jahre beschränkt. Der Terror herrscht Der Terror herrscht im Rheinland bleiben würden. Die Anleiheverhand- durchsichtige Absicht, die Zugkraft unserer Partei dem steckenweifer, Oberwahlmacher ist Hauptmann Gömbös, der feit Iungen in Paris werden nach amerikanischer Aeußerung gebliebenen fommunistischen Karren dienstbar zu machen. dem von ihm bewirkten Scheitern des letzten Habsburger längere Zeit beanspruchen; bei diesen Verhandlungen sollen Mitten in diesen notwendigen scharfen Kampf fiel die gemeinButches, den Horthy wie den Ministerpräsidenten Bethlen laut Pariser, New York Herald" die amerikanischen und neu- fame Aktion der drei Arbeiterparteien" für die Berliner in der Tasche hat. Rein Ungar, der irgendwie an der Revo in der Tasche hat. Rein Ungar, der irgendwie an der Revo- tralen Banfiers das Verlangen der Reparationsfommission Elternbeiratswahlen, und während wir das kommunistische nicht etwa an der bolschemistischen, sondern an der demokratischen Karolni- Revolution- teilgenommen hat oder nach einer Kontrolle der deutschen Finanzgebarung mißbilligt Treiben auf das entschiedenste bekämpften, waren wir ge an sie zu erinnern wagt, durfte kandidieren, so mancher der und gefordert haben, daß der Schlußbericht des Anleiheaus nötigt, die Aufrufe für eine gemeinsame Liste der SPD., artige Kandidat wurde samt seinen Anhängen eingesperrt. Schusses den Gesamtbetrag der deutschen Reparations: USB. und KPD." abzudrucken." Wie gearbeitet wird, zeigt auch folgendes fleine Beispiel: fo mird fie, nach der Parifer Chicago Tribune", 100 schuld bestimmen müsse. Was die Höhe der Anleihe betrifft, Der Minister des Innern, Klebelsberg, hat seinen sozial- Millionen Golddollar umfassen. Weitere Anleihen sollen demokratischen Gegenkandidaten im Wahlireis Dedenburg, folgen, und alle diese Anleihen seien als Konverfionen der deut Professor Dr. He belt, an der Wählerwerbung durch Stellung schen Kriegsschuld in Handelsanleihen gedacht. Die erste Anunter Bolizeiaufsicht gehindert, weil Dr. Hebelt jüngst leihe sei bestimmt, das Kapital der Reparationsschuld teilin der Eisenbahn vor einigen Reisenden der Erweiterung weise zuudzukaufen. Da aber Frankreich, Belgien und Italien der Rechte der nationalen Minderheiten, insbesondere der Deutschen in Ungarn, das Wort geredet dringend Reparationsgelder nötig haben und erwarten, daß politische, sondern um pädagogische Fragen handelte. hatte. So verfahren dieselben Ungarn, die vor der Welt die alles Geld zu dieser Anleihe praktisch für Reparationen Der Kampf ging nicht um bürgerliche oder sozialistische Politik, Entrechtung ihrer losgerissenen Boltsteile in der Tschecho- verwendet wird, so fommt die Anleihe indirekt diesen Ländern flowakei, Rumänien und Südflawien beklagen beren Los- zugute. Mit der ersten Reparationsanleihe wäre Deutschland sondern um konfeffionelle oder weltliche Schule. Da das Interimstande, die Reparationszahlungen für 1922 und vielleicht effe der Kommunisten an solchen Dingen, die in feiner Weise auch für 1923 zu zahlen und den schweren Druck auf den Reichs- mit Krakeel verbunden sind, gering ist, hatten auch die Antern. Staatssekretär Bergmann soll verlangt haben, daß Go gering die straft dieſer Partei an fich ist, so ford fie für haushalt, d. h. also auf den deutschen Steuerzahler, zu erleich gehörigen der KPD., die sich an den Wahlen beteiligten, schwere Widerstände in threr eigenen Partei zu überwinden. man Deutschland gestatte, die Hälfte der Anleihe zur Verbesse So stand rung der wirtschaftlichen und finanziellen Lage des Reiches zu diese Sache auch nicht einmal halb zur Verfügung. Die zu verwenden. Deutschland brauche namentlich Geld, um Weizen," Unterſtüßung" von dieser Seite war also viel zu teuer erBaumwolle und Rohstoffe aus Amerifa und andere Produkte fauft. aus dem englischen Reich zu kaufen. führt haben! reizung sie durch ihre Unterdrückungspolitik selbst herbeigedemokraten, wird ins Barlament zugelassen, damit Nur eine fleine Oppofition, darunter auch einige Sozial man sich im Ausland als Kulturstaat ausgeben kann. Heute und übermorgen wählen die Städte, auf die das Landergebnis noch Eindruck machen soll, als ob das noch nötig wäre. Hat doch das Sprengattentat der,„ Erwachenden Un garn" auf die repulitanische Wählerversammung im ElifabethStädter Klub zu Budapest die Wählerschaft schon ausreichend eingeschüchtert. Geheim ist die Stimmenabgabe nur in Budapest und einigen der Städte. Englische Arbeiterpartei für Neuwahlen. London, 29. Mai.( EE.) Der Arbeiterführer Frank Hodge jagte in einer Rede, es sei höchste Zeit, daß das englische Bolt seine Die heutige Reichstagssihung. Der Reichstag tritt heute um 2 Uhr nachmittag zusammen, um eine Erklärung der Reichsregierung entgegenzunehmen. Diese Erklärung wird sich auf die Konferenz von Genua und die Pariser Verhandlungen beziehen und vom Reichstanzler Dr. Birth abgegeben werden. Nach den bisherigen Dispofitionen dürfte der Reichstanzler eine recht furze Rede halten, und dann werden die Bertreter der Parteien das Wort nehmen. Der Reichsfinanzminister Dr. Hermes und der Reichsminister des Auswärtigen Dr. Rathenau werden sich erst später zum Wort melden, wenn der Gang der Debatte dies notwendig machen wird. Der Böllerbundrat habe Anfang Mai diese Frage untersucht; er sei für die Aufnahme Deutschlands, vorausgefeßt, daß es in der Frage der Reparationen am 31. Mai Aufrichtigkeit und guten Willen zeigt. gierungserklärung fortgesetzt. Am Mittwoch werden einige Geseze verabschiedet. Man hofft, dann in die Pfingstferien gehen zu können. Gegen die rheinische Losreißung. engere Kreis der disziplinierten Parteigenossen ist der Parole Das Ergebnis ist so, wie vorauszusehen war. Nur der gefolgt, Werbekraft hat sie nach feiner Seite hin zu entfalten vermocht. Eltern, die eine Beeinflussung der Schule durch die Kommunisten nicht wollen, sind direkt ins Lager der Schulrealtion getrieben worden. Dabei wurde freilich übersehen, daß es sich hier nicht um Die Wahlen enthalten eine eindringliche Lehre. Gewiß ist es notwendig, daß die politische Arbeiterbewegung einheitliche ,, Times" meldet, es bestehe Grund zu der Annahme, daß Aktionsfraft entwidelt; aber dieses Ziel ist nicht zu erreichen der Völkerbund bei seiner Tagung im September aufgefordert durch eine äußere Gemeinschaft, der keine Ideenwerde, die Aufnahme Deutschlands zu erwägen. gemeinschaft und fein Solidaritätsgeist innewohnt. Eine folche Gemeinschaft ist nichts als ein Monstrum mit drei Köpfen, von dem ein jeder etwas anderes will. Es ist auch eine gefährliche Irreführung der öffentlichen Meinung, wenn man die Vorstellung auffommen läßt," SPD., USP. und KPD." wären drei gleichberechtigte, gleichwertige und wohl auch gleich starke Faktoren der Arbeiterbewegung. Die SPD", die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, ist eine gefestigte, sich weiter entwickelnde Macht; die beiden anderen Gruppen sind viel jünger, viel kleiner und untereinander wieder von verschiedenem Wert. Bei den Unabhängigen zeigt fich immerhin eine gewisse Neigung, aus den Tatsachen zu lernen und praktische Arbeiterpolitik zu treiben eine Neigung, flärung der politischen Parteien des befeßten Gebiets im Freistaat zu ihrer Zersetzung führen muß die kommunistische Partei Der Sozialdem. Parlamentsdienst veröffentlicht eine Er- die bei der unsicheren programmatischen Grundlage der Partei Heffen, die bejagt, daß man jeden Versuch der Errichtung einer ist ohne flare Ideen, ohne geistige Führung, direktionslos. rheinischen Republit mit allen zu Gebote stehenden Mittel zu verfrafeelfüchtig, nichts als ein Ausdrud der Unreife und Verhindern wissen werde. mi rrenheit, die leider in manchen Arbeiterköpfen noch zu finDie Unabhängige sozialdemokratische Partei gab dazu eine Erflärung, in der sie ihre Unterschrift gemeinsam mit den beiden den ist. Solange fie bleibt, was sie heute noch ist und fein Rechtsparteien zwar ablehnt, aber sich fachlich ebenfalls auf das Anzeichen spricht dafür, daß sie jemals etwas Besseres werden fchärffte gegen die Bestrebungen der Sonderbündler ausspricht, da fönnte kann die Einheit der Arbeiterbewegung nur im Schon diese Dispositionen zeigen, daß die Einigung in eine weitere Berreißung des deutschen Wirtschaftsgebietes geeignet schärfften Rampf gegen sie wiederhergestellt und beder Reichsregierung wieder hergestellt ist. Der Reichskanzler fei, die Berelendung des deutschen Proletariats nur noch zu ver- festigt werden. mird die Bolitif des Gesamtkabinetts vor dem Reichstag und größern. Auch die Unabhängigen tönnen sich solcher Einsicht kaum der ganzen Deffentlichkeit verantwortlich vertreten. Eine Keine sozialdemokratische Beteiligung an den Saarwahlen noch verschließen. Es ist tennzeichnend, daß die Freiheit" parlamentarische Krise, die von manchen Blättern in Aussicht geſtellt wird, ist höchſt unwahrscheinlich. Denn auch diesmal beschäftigte sich eine Funktionärversammlung der Sozialdemokratischen tags gleichfalls genötigt war, in schärfster Weise gegen die Saarbrüden, 28. Mai.( Eig. Drahtmeldung.) Am Sonnabend unter der neuen radikalen Redaktion am Morgen des Wahlist eine Mehrheit, die sich zum Sturz der Regierung vereinigen Bartei des Caargebiets mit der Frage der Beteiligung an den Wahlen Kommunisten Stellung zu nehmen, indem sie folgendes schrieb: fönnte, nicht zu erbliden. Das angekündigte Mißtrauens zum Landesrat, die am 25. Juni stattfinden sollen. Nach reiflicher Die russische Sowjetregierung braucht anscheinend Dotum der Deutschnationalen wird allenfalls bei Ueberlegung aller für und gegen eine Beteiligung an der Wahl wieder einmal Meldungen über irgendwelche revolutionäre Affioder Deutschen Volkspartei und bei den paar Kommunisten sprechenden Gründe blieb die Bersammlung auf dem ursprünglich nen" in Westeuropa, um die leidenden Massen Rußlands über den Unterstützung finden, also abgelehnt werden. Ein positives eingenommenen Standpunkte stehen, nämlich der Wahlenthaltung als tapitalistischen Regierungskurs der Bolschewifi hinwegzutäuschen. Bertrauensvotum scheint nach dem bisherigen Verlauf der schärfstem Proteft gegen die Karitatur eines Parlaments, mit dem Anders läßt sich beim besten Willen das hysterische Gebaren die Regierungskommission beabsichtigt, ihrem volsfremden autoDinge nicht notwendig, dürfte aber, wenn es noch notwendig fratischen Regiment einen parlamentarischen Mantel umzuhängen. Der deutschen Kommunisten unter Radeks Leitung nicht werden sollte, eine Mehrheit finden. Der Sturz des Kabinetts Nach dem Umfall des Zentrums, der Deutsch- Demokraten und der erklären, das nunmehr geradezu gemeingefährlich für die ganze ArBirth wegen der Bariser Abmachungen wäre nur ein Gewinn Liberalen Volkspartei des Saargebiets, die sich an der Wahl beteiligen beiterbewegung wird. Nachdem es den Kommunisten nicht gelungen für die Ultras des französischen Chauvinismus. Für sie ar- wollen, ist der Mut unserer Parteigenossen an der Gaar um so war, während der Genua- Konferenz die westeuropäische Arbeiterbeitet unsere nationalistische Opposition. beachtenswerter. Sie allein haben sich, bis zur Stunde, zur striften schaft zur Unterstützung der russischen Sowjetdelegation zu gewinnen, Ablehnung, bekannt. hatten sie nach Genua, wo sie mit den kapitalistischen ReReichstommiffar für das Memelland. An Stelle des bisheri- gierungen einen Burgfrieden abgeschlossen haben, gen Reichs- und Staatsfommiffars für das Memelgebiet, Graf fein Intereffe mehr an dem Weltarbeiterfongreß, so daß sie ultimativ crank zum Reichs- und Staatskommissar für die Ueberleitung im beitern gegenüber den Schein einer Freundschaft mit der sogenannten Lambsdorff- Gumbinnen, ist der Regierungspräsident Dr. Rosen- die Neunerkommission sprengten. Um aber den kommunistischen ArMemelgebiet bestellt worden. Einheitsfront zu wahren, haben die kommunistischen Strategen die Barole„ Einheitsfront von unten auf" herausgegeben. Leider sind allem Anscheine nach auf diesen plumpen Dummenfang, Die großen Tage" der Debatte über Genua und Baris der Montag und der Dienstag find für sie in Aussicht genommen werden also schwerlich große Ereignisse bringen. Für die sozialdemokratische Fraktion spricht Genosse Her mann Müller. Morgen vormittag 11 Uhr beginnt die Debatte über Dberfchlefien und um 2 Uhr wird die Beratung der Resl Scharfer Devisenrückgang, Dollar 277! den selbst die Sommunffken nkchl ernst nehmen, amh ewsge SPK.. und U SPD-Arbeiter hereingefallen. Der Stellungnahme unserer Partei zu dieser neuen Mache der Kommunisten hat bereits Genosse Dittmann einer Delegation gegen- über Ausdruck gegeben in der Anrwort, daß es sich hier um nichts weiter handle,.als um einen kommunistischen Trick". Wo sollte übrigens der Zustand hinführen, wenn jeder aus eigene Kappe, den Parolen von Abenteurern folgend,„Einheitsfront" machen wollte.— Wir nehmen an, daß unsere Parteianhänger auf den kommunistischen Unfug nicht hereinfallen und daß sie diesen ge- meingefährlichen Treibereien die Spihe zu bieten wissen, um die gesamte Arbeiterschaft, die noch aus der Märzaksion gewarnt Ist, vor eventuellen Schädigungen zu bewahren. Hoffentlich wird es nicht noch einmal passieren, daß sich Anhänger unserer Partei sogar von der„Freiheit" dafür ruf- sein lassen müssen, daß sie auf den„kommunistischen Dummen- fang" hereinfallen. Hoffentlich werden sie aus den gestrigen Elternbeiratswahlen die Lehre ziehen, die sich auch aus allen anderen Erfahningen unwiderstehlich aufdrängt: Wenn man die sozialistische Arbeiter- bewegung fördern will, dann darf man mit den Kommunisten keine„gemeinsamen Aktio- nen" veranstalten, sondern man muß s i e auf das entschieden st e bekämpfen. Teilergebnisse der Wahl. Tiergarten: Soz. 131, Christi. 266 Mandate: Prenzlauer Berg: Soz. 296, Chr. 325: Friedrichshain: Soz. 315, Christi. 31t: Charlotten bürg: Soz. 22t, Christl. 231: Spandau: Soz. 47 einschl. 3 weltliche Schulen, Christl. 77: Wilmersdorf: Soz. 23, Christl. 47: Steglitz: Soz. 60, Christl. 156: Neukölln-Britz-Rudow: Soz. 156 einschl. der 6 weltlichen Schulen, Christl. 165: Köpenick: Soz. 46, Christl. 39: Hohenschönhausen: Soz. 6, Christl. 12: I o- h a n n i s t h a l: Soz. 9, Christl. 6. Di« Wahlbeteiligung überstieg nur in wenigen Bezirken 50 Prozent. Während es den„Christlich-Unpolitschen" gelang, ihre Wähler stark heranzuziehen, ließen die sozialistischen Wähler viele Lücken offen. Der Angriff auf üas preußische Kabinett. Der„Sozialdemokratische Parlamentsdienst" schreibt: Nach den überstandenen Meinungsverschiedenheiten im Reich hat man jetzt scheinbar in Ermangelung von Krisenlust „Gegensätze im preußischen Kabinett" entdeckt. Anlaß hierzu bot die oolksparteioffiziöse„Zeit", die im Anschluß an eine Neröffentlichung aus Ostpreußen feststellt, daß der Erlaß gegen die Beteiligung der Behörden an sogenannten Hindenburg- feiern in Abwesenheit der beiden preußischen volksparteilichen Minister Dr. v. Richter und Dr. Boelitz gefaßt wurde und diese nach dem Bekanntwerden des Erlasses sofort Ein- s p r n ch dagegen erhoben haben. Es trifft zu, daß diese beiden Minister nicht anwesend wa- ren, doch besagt das keinesfalls, daß bei ihrer Anwesenheit der Beschluß nicht gefaßt worden wäre. Für die Krankheit des Herrn Boelitz ist das Staatsministerium nicht verantwort- lich und auch für die Abwesenheit des Dr. v. Richter, der während der betreffenden Kabinettssitzung sich zu einer Aus» schußsitzung begab, kann das Staatsministerium nicht verant- wörtlich gemacht werden. Daß Dr. v. Boelitz und Dr. v. Rich- t'e'k oder gar die Fraktion der Deutschen Volkspartei gegen iM. Erlaß Einspruch erhoben haben, ist frei erfun- den. Der Ministerialerlaß besteht nach wie vor, wie sich überhaupt das Staatsministerium nach seiner Beschlußfassung nicht mehr mit der Angelegenheit beschäftigt hat. Hieraus er- gibt sich von selbst, daß die Mehrheit des Staatsministeriums, wie behauptet worden ist, nicht„umfiel" und den ersten Be» schluß nicht„zurückzog". Wenn Boelitz überhaupt einen Erlaß herausgab, so entsprach das lediglich den alten Geschäftsgepflogenheiten der preußischen Regierung, nach denen der Kabinettsrat einen Be- schluß saßt, den Ressortministern aber die inhaltliche Weiter- gäbe ossizieller Beschlüsse obliegt. Die Gper ües Voltes. Bon Kurt Singer. Die große Volksoper ist aus dem Stadium der theo- rctischcn Wünsche in das Fahrwasser der Praxis getreten. Am 1. September soll das erste Spieljahr der Oper beginnen, soll die Borarbeit für das Volks-Schaufpielhaus beendet sein, soll sich zeigen, was die Propaganda der Herren Pfeiffer, Nest, Lange zuwege gebracht hat. Was die Volksbühne für das gesprochene Drama und für das Konzert vorbildlich zustande brachte, soll die neue Gründung für die Oper erschließen. Zweifellos ist der Wunsch nach Opern- mustk, nach Wort-Ton-Bindung im Geiste unserer großen Musik- dramatiker, ist die Sehnsucht nach Singspiel, romantischer und Märchenoper in den Menschen von heute zwar stärker, aber noch weniger erfüllbar, als die Befriedigung schauspielerischer Wünsch«. Denn für die Oper gibt es keinen so fadenscheinigen Ersatz, wie das Kino für die nur Schaulustigen: und wer sich unter Bürgern und Arbeitern, unter Akademikern und Beamten heute ein Opernbillett leisten kann, der ist ein weiß«? Rabe. Die bewußte Erziehung zum Spiel und Erleben der Partituren ober ist weder häufig genug heute erreicht, noch jemals ebenbürtiger Ersatz des sich vor unseren Augen und Ohren vollziehenden musitdromatischen Geschehens. So ist eine billige, das feiertägliche Kunstbedürfnis der Arbeitenden stillende Volks-Oper-Unternehmung torsächlich— wie jüngst der Reichs- Präsident andeutete, der Generalsekretär Hermann ausführte— eine Kulturaufgabe für Deutschland, oder, mit kleincrem Wort gesagt: für Berlin. Die Kapellmeister 5) o e ß l i n und P r ä t o r i u s stellten sich in dem akustisch schlechtesten aller Berliner Lokale(Wandelhalle des Reichstags) vor das Blüthner-Orchester und begleiteten einzelne der außerordentlichen Mitglieder der künftigen Volksopcr zu Wagner- Arien. Beide sicher, temperamentvoll, routiniert. Mehr läßt sich zunächst nicht sagen. Es klang, wie wenn die Musik aus den Zelten käme. Und schon erheben sich zwei entscheidende Fragen: Welches wird dos Orchester der Oper sein? Der Propagondazettel verrät nichts davon, und doch ist das Ensemble der Orchestermusiker wichtiger, als die Dirigentenauswahl. Weiter: Soll wirklich noch ein drittes Wagner-Theater in Berlin erstehen? Die Houptnamen der Solisten sprachen dafür, eiy Sinfonieorchester(Blüthner?) aber nnißte dazu erst in lmiger, systematischer Vorarbeit gewandelt und gemodelt werden. Auch verlangt gerade die große Oper eine Aus- dehnung und eine szenische Rührigkeit, die dem alten Westentheater kaum zuzutrauen ist, verlangt ein großes Orchester, großen Auf- wand an Chorpersonal, das Unsummen verschlingt. Die 10 Millionen Aktienkapital reichen nicht hin und nicht her. Andererseits läßt sich mit Lortzing und Weber keine Repertoireoper aufbauen, läßt sich Interesse divergierender Volkstreise kaum ohne preußischer Stäütetag. Goslar, 29. Mai.(Eigene Meldung. Verspätet eingetroffen.) Nach Eröffnung der Sonnabendsitzung verlas der Vorsitzende, Ober- bürgermeister B ö ß- Berlin, zunächst eine Reihe zum Entwurf der Städteordnung eingebrachter Entschließungen. Die Entschließung der USP. wird zurückgenommen und die Erklärung abgegeben, daß die Unabhängigen für die SPD.-Entschließung stimmen, die folgenden Wortlaut hat: Der Preußische Städtetag hält die Zusammenfassung des ge» samten Gemeitide-Berfasstmgsrechtes für ganz Preußen für richtig. Der vorliegende Entwurf entspricht aber nicht den berechtigten Erwartungen des preußischen Volkes. Würde dieser Entwurf Gesetz, so wird die Schaffensfreude und das Derantwortlichkeitsgesühl der örtlichen Volksvertretungen aufs schwerste beeinträchtigt. Grundsätzlich ist eine einheitliche Regelung des gesamten Ge- meindeverfassungsrcchtes für das ganze Deutsche Reich anzustreben. Solange dies nicht verwirklicht ist, richtet der Preußische Städtetag an das preußische Staatsministerium das dringende Ersuchen, im Landtag einen Gesetzentwurf vorzulegen, der insbesondere folgende Grundsätze berücksichtigt: 1. Einheitliche Regelung des Seibstoerwaltungsrcchts für Stadt und Land, zusammengefaßt in einem Gesetz: 2. Einkörpersystem als Ausdruck des auf demokratischem Wege vermittelnden Willens der Bürgerschaft, also weder Magistrats- noch Bürgermeistereioerfassung, dementsprechend Wahl der Leitung der Gemeindeoertreteroersammlung durch diese selbst. 3. Das ausführend« Organ der Gemeindevertreterversammlung ist der G em e i n d e o o r st a n d(Bürgermeister, Stadträte, Bei- geordnete, Senatoren usw.) in kollegialer Zusammensetzung. 4. Keine Beschränkung der Selbstverwaltung, deshalb Eingriff des Staates bei Verletzung von Gesetzen, Beseitigung des Befrötigungsrechtes. 5. Die Selbstverwaltung der Gemeinde erfordert eine gesunde kommunale Finanzwirtschaft, die nicht nur im ausreichenden Anteil an dem reichs- bzw. landcssiaatlichen Steueraufkommen bestehen kann, sondern auch aus eigenen Steuerquellen. Böllige Entschädigung für die Ausführungs- und Auftragsangelegenheiten. 6. Unbeschränktes gesetzlich begründetes Recht zur Ueber- nähme und Führung von Unternehmungen, die dem gemeinen Wohl der Bevölkerung dienen. In Uebercinstimmung mit den Grundsätzen der Selbstvcrwal- tung der Gemeinden ist die Berwaltung der Kreise, der Provinzen, der Verwaltungsgerichte und der Berwaltungsbehörden des Staates unter unmitt-lbarer Beteiligung des Volkes neu zu gestalten. Der Preußische Städtetag verlangt daher schleunige Vorlegung auch dieser Gesetze. Sozialdcmolratische Fraktion auf dem 9. Preußischen Städtetage. Im Auftrage der SPD. sprachen zu diesem Antrag die Genossen Stadtverordneter Haas-Köln und Oberbürgermeister Lein«rt-Han- nover. Im Auftroge der USP. naym der Stadtverordnete Hoff- mann-Elberfeld das Wort, der im wesentlichen denselben Stand. punkt, wie in der Entschließung wiedergegeben, einnahm. Di« Redner der bürgerlichen Fraktionen stimmen dem Entwurf der Städteord- nung mit den Abänderungsanträgen des Vorstandes zu und lehnen das Einkammersystem sowie die sozialdemokratischen Abänderungs» anträge ab. Stadirat Doerr-Berlin(Komm.) lehnt jede Diskussion über den Entwurf ab und hält lediglich«ine politische Dolksversammlungsrede. Die Entschließung der SPD. wird mit den Stimmen sämtlicher bürgerlicher Fraktionen abgelehnt. Die tschechische Außenpolitik. In der Debatte des Abgeordnetenhauses über die auch im „Vorw." mitgeteilte Rede Dr. Bcneschs kam für die deutschon So- zialdemokraten Genosse Dr. Ezech zum Worte, um in einer ausführlichen Rede die Außenpolitik zu besprechen. Er sagte: Der Abschluß der Genueser Konserenz stellt keine Ueberraschung dar. Wenn wir uns fragen, ob das Schicksal der Konferenz un- abwendbar war und ob es nötig war, daß die Hoffnung von Mil- lionen arbeitender Menschen ohne Erfüllung bleibt, so lautet die Antwort: Das Schicksal der Genueser Konserenz war in der Stund« besiegelt, m der die Unantastbarkeit der Friedensver- träge von Versailles ausgesprochen wurde, in der Stunde, in der diese Diktate zum Katdinalgrundsatz« erhoben wurden, in der Stunde, in der feststand, daß Amerika, die einzig« Macht, die die Mittel zu dem Wiederausbau besitzt, von der Konferenz abwesend sein werde. Unbedingt ist es nötig, daß die Reparati o n« n neue Werke lebender oder toter Komponisten wacherhalten. Der alte Notschrei bleibt also: Geld, Geld, Geld. Und der Ruf nach Aktienkauf, nach freiwilligen Zeichnungen muß um so dringender werden, je mehr man versuchen will, von der Schablone abzurücken. Die Kosten einer Opernaufführung überschreiten die eines Schau- spiels um das Mehrfache. Die Billigkeit des Billetts darf nie und nimmer mit der Ueblichkeit eines provinzialen Kunstnivcaus er. kauft sein. Das wissen die Verantwortlichen der Bolksopcr genau, und sie streben nach Abhilfe. Noch steht kein Stein des Hauses der Fun-\-iid. tu ist das Nolksbühnenfundoment nur in den Köpfen d. Eitcnden Männer, nicht auf dem Erdboden der Tatfachen gelegt. Eine außerordent- lich schwere, verantwortungsvoll« Arbeit steht bevor. Das Gewicht des Namens E b e r t, der das Ehrenpräsidium der großen Volks- oper übernommen hat, wird genügen, um gerade die arbeitenden Schichten für das geplante Werk zu interessieren. Wenn zu den 10 Millionen noch 20 Millionen geflossen sind, wenn Tausende mit äußerer und innerer Anteilnahme dem Wert verbunden sind, dann, aber erst dann sind alle Bedenken weggeschwemmt. Bisher lebte die Volksoper vom künstlerischen Bestand anderer Gemeinschaften. Jetzt heißt es bald, auf eigenen Füßen zu stehen. Oeffnet die Hände, öffnet die Herzen— und«in neues Tor zum Tempel der Kunst kann offenstehen! Die„Nationalen" sabosieren die Hauptmann-Feier. Gerhart Hauptmanns 60. Geburtstag soll durch Fcstfeiern in der Hauptstadt seiner Heimatprovinz— Breslau— begangen werden. Aber der schlefische Prooinziallandtag lehnte einen Zuschuß ob. Der Reichs- kanzler greift ein, um die gefährdeten Spiele zu sichern. Ein Ausruf an das deutsche Dolk, der für den Besuch der Spiele werben soll, wird vom gesamten Präsidium des Reichstags unterzeichnet. Und nun beginnt eine Komödie, die den musfigsten Schi'dbürgerllückchen erfolgreich Konturrenz macht. Konrad Haenisch erzählt sie im„Ber- liner Tageblatt". Der Unabhängige Dittmann konnte seinen Nomen nicht unter den Aufruf setzen, weil die Prinzipien seiner Partei es ihm verboten, zusammen mit Bürgerlichen zu wirken. Eine Verrücktheit— aber immerhin eine methodische. Ader cs kommt noch viel schöner. Bon dem Präsidium des Landtags unterzeichneten nicht der dcutschnationale Herr von Kr ich, nicht Herr Porsch vom Zentrum, und Herr G a r n i ch von der Deutschen Bolkspartei zieht seine bereits gegebene Unterschrift zurück. Grund: für den einen ist Hauptmann nicht der Vertreter des deutschen Bolkstums, der andere muß Rücksichten nehmen und Herr Garnich kann schon gar nicht. So sehen die Helden der„Nationalen" aus, die sonst immer das Wort von der nationalen Einheitsfront im Munde führen— aber bei einer nationalen Tat ins Mauseloch ihrer Partei kriechen. Schöppenstedt engros! Eine Kunstschenkung für Köln. Es wird oft beklagt, daß den deutschen Kunstsammlern jener selbstlose Gemeinsinn fehle, wie er in Frankreich, England und besonders in den Vereinigten Staaten herabgesetzt«erden. Ohne die Herabsetzung ist jeder Wieder- aufbau ein kindisches Beginnen. Eine Völkerversöhnung inmitten eines Walde» von Bajonetten, ein Gotlesfticde unter der Pakronanz von Zoch ist ein Gebilde der Phantasie. Di« chaotischen Verhältnisse der Weltwirtschaft sind verschuldet durch die Friedensverträge. Redner kritisiert Beneschs den Franzosen liebdienerische Politik. Die heuti- gen Verhältnisse werden durch ein« große Arbeitslosigkeit in der ganzen Welt gekennzeichnet. Die Zahl der Arbeitslosen in der Tschechoslowakei beträgt 350 000. Diese Zahl aber wird noch durch die Angehörigen dieser Arbeitslosen auf das Drei fache gesteigert. Die Arbeitslosenunterstützungen sind unzureichend. Dabei steigen die Lebensmittelpreise zu einer ungerechtfertigten Höhe an. Mitten in dieses Elend kommt nun der Generalangriff der Unternehmerschaft. In der Zeit der hohen Dividenden kommt die Zumutung des Lolm- abbaues. Die Versklavung der deutschen Arbeiterschaft bedeutet auch die Versklavung der tschechischen Arbeiter. Durch den Niedergang der Mark wird auch unsere Industrie vom Weltmarkt ausgeschaltet. Die Dcrsklavunq Rußlands bedeutet das Verhungern der Welt. Di« Arbeiterschaft ist bei der Konferenz ziemlich abseits gestanden. Durch Zwietracht geschwächt, fehlten ihr die Einwirkungs- Möglichkeiten auf die Weltgeschichte. Aber dieser Zustand kann und wird nicht von Dauer lein. Die Arbeiter beginnen sich dessen bewußt merken. Sie wissen, bcft die Umformung der kapitalistischen Wirts äzast in eine soziale nötig ist. Der Gang der Geschichte wird sich nickt nach der Konserenz von Genua, sondern nach der Kons«- reuz von Frankfurt richten.(Lebhafter, andauernder Deftoll auf den Bänken der deutschen Sozialdemokraten.) Darauf sprach der tschechische Sozialdemokrat Abg. R e m e c. der im großen imd ganzen ähnliches wie Dr. Ezech sagte, wenn er auch seinen freundschaftlicheren Standpunkt zu Benesch hervorhob. Schweigen an üer Totenmauer. Paris, 29. Mai.(WTB.) Gestern hat auf dem Friedhof Pere Lachaise die Feier zur Erinnerung an die Kommune stattgesunden. Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschaftler zogen mit Fahnen nach der historischen Mauer. Es durften keine Reden ge- halten werden. Bis zum Abend sind Zwischenfälle nicht gemeldet. Am gleichen Tag hat Clemenceau bei einer Denkmlesent- hüllung für gefallene Gymnasialschüler in Nantes geredet— übrigens gar nicht so tigerhaft. Er verwies u. a. darauf, daß die französischen Truppen Ende Juli 1914 zehn Kilometer von der Grenze zurück- gezogen wurden, betonte Frankreichs Friedenswillen, hält aber natür- lich an seinem glorreichen Werk von Versailles fest, dos unausgesetzt den Frieden bedroht, nicht zum wenigsten dadurch, daß es den Reoanchewahnsinn in kranke Hirne diesseits der Grenze gesät hat und fortwährend wachsen läßt. Bei einer Pariser Friedenskundgebung der Ligen für Mensch-n- rechte wurden die Reden zweier deutscher Vertreter mit stürm!- schem Beifall ausgenommen._ hinhes Kandidatur für den Moskauer Botschasterposicn kommt nicht mehr in Frage. Wir haben gegen diese Kandidatur des ehe- maligen kaiserlichen Flügeladjutanten, die in der Welt den Aber- glauben von dem deutsch-russischen Militärabkommen stärken könnte, schon entschieden Stellung genommen. Als weitere Kandioaten für den wichtigen Posten werden der Gesandte in Stockholm, N a- d o ln y. und Rudolf H i l f e r d i n g genannt. Zum angeblichen Anglorheinstaatprojett erNärt der d e m o- tratische Parteiausschuß, daß noch Kenntnis seiner Mi:- glieder die Nachricht, von Rheinländern seien Derhandlungeii ick er die Errichtung einer Rheinischen Republik unter englischem Proiek- torat eingeleitet worden, falsch ist und nicht einmal gutgläubig aui- gestellt sein könne. Der Rcichsregierung ist die Sache unbekannt. Der ehemalige deulschöfterreichische Siaatskanzler Dr. Mayr ist plötzlich gestorben und in Innsbruck unter allgemeiner Teilnahme bestattet worden. Stadtpräsident von Bromberg wird der Posizeichef von Posen, Sliwinski, der diesen Posten verlor, weil unter Duldung und Mithilfe seiner Polizei eine Tagung der bäuerlichen„Poln. Vollepartci" von Prügelbanden der Großgrundbesitzerpartei gesprengt und die Bauernsührer Witosch(ehem. Ministerpräsident) und Rataj attackiert wurden. Die Entwaffnung der Mrangclarmee in Bulgarien ist beendet, die Waffen sind der Interalliierten Mission übergebenwordun��� sich darin äußert, daß die Mäzene ihr Lebenswerk dem Staat als Vermächtnis hinterlassen. Um so mehr müssen die rühmlichen Zlus- nahmen, die ja auch bei uns nicht fehlen,.hervorgehoben werden. Ein solcher Fall liegt jetzt für Köln vor. Der Maler Wilhelm Clemens hat feine ganz« großartige Kunstfammlung.�di« er in Jahrzehnten eifriger Tätigkeit zusammengebracht hat, der Stadt Köln geschenkt, und Max Ereutz nennt in einem Aussatz des„Eiceronc" diese Stiftung„die kulturelle Ehrenvcttung unserer Zeit für die Späteren". Clemens brachte eine große Fülle von Kunstgegenständen allerersten Ranges zusammen, und besonders hat er Borzüalichcs aus seiner niederrheinischen Heimat gesammelt, so daß die Camm- lung ein wertvolles Kulturdokument rheinischer Sammlertätigkeit um 1900 darstellt. Eine zusammenstürzende Stadt. Eine eigenartige Katastrophe von größtem Umfang hat die italienische Stadt C o r a t o in der Pro- vinz Bari dclle Puglie betroffen. Sie bricht langsam in sich zu- sammen und droht ihre 54 000 Einwohner ohne Dach über dem Kopf zu lassen. Corato liegt ungefähr 40 Kilometer von Bari entfernt und ist in neuerer Zeit aus einem unbedeutenden Kirchdorf zu einer ansehnlichen Stadt aufgeblüht. Die Landschaft Puglia ist durch ihre Trockenheit bekannt und Corato ist aus Lehmboden und Sand erbaut. Neun Monate hatte die letzte Trockenheitsperiode angedauert: vor einem Monat jedoch sing es an zu regnen, und der Regen strömt« unablässig drei Wochen hindurch Tag und Nacht herab. Plötzlich zeigten sich in einer großen Zlnzahl von Häusern und Lsfentlichen Gebäuden Risse in den Mauern, und die Fundamente begannen nach- zugeben. Eine ungeheure Aufregung entstand, als eines Tages die neue Madonncnkirche und einige Häuser von fünf Stockwerken plötz- lich unter furchtbarem Lärm einstürzten. Die Bevölkerung wurde von einer Panik ergriffen, als man am selben Tage an Hunderten von Häusern Risse entdeckte, die neue Katastrophen ankündigten. Am nächsten Tage räumten ungefähr 300 Familien ihre Wohnungen, und seitdem schreitet die Zerstörung unaufhaltsam fort. Tag und Nacht spielen sich unbeschreibliche Szenen ab, man erlebt das ungewöhn- liche Schauspiel, wie eine ganze moderne Stadt von einer Vernichtung heimgesucht wird, die vollständiger ist, als sie der Krieg der Neuzeit im Gefolge hatte. Durch die andauernden Regengüsse ist der Lehm und Sand, auf dem die Stadt erbaut Ist, derartig mit Wasser durchsetzt, daß es unter allen Häusern hervorquillt, und der Boden dem Druck der Häuser nachgibt. Di« italienische Regierung hat Truppen, Bauarbeiter und Material zur Verfügung gestellt. Die Ingenieure halten den Versuch, die Stadt wieder instand zu setzen, für aussichts» los. Es bleibt den Einwohnern keine andere Wahl, als sich in einer Entfernung von einigen Kilometern auf felsigem Boden wieder an- zubauen. Im Neuen VolkSthentrr mutz infolge einer Erkrankung heute abend statt.Heuchler"»Schuster AioloS" gegeben werden. In der Volksbühne beginnt die iür da» Klasiiiche Theater am Dien-tag, den 30. Mai, swtlsindcnde Vorstellung von,« ö» t g L e a r" bereit» um 2'/, Uhr. Zugunsten der Altershilfe findet am Dienstag w der Philharmonie ein Konzert der Berliner Liedertafel statt. Leitung Äustkdir. Wievemann. Der Msrö it Eine Aussage de vsrNn. 23. Mai, vormittags 10 Uhr. Er erscheint der frühere Sergeant Runge und macht in Gegen- wart des Redakteurs Kuttner und des Sekretärs Franke solgende Aussage: Ich habe am Edenhotcl am IS. Januar 1919 von 7 bis 10 Uhr abends Posten gestanden. Dr. Liebknecht ist bei seiner Einführung geschlagen worden von einem gewissen?äger V r a u n c s. Dr. Karl Liebknecht hat auf dem Schädel zwei Wunden(Spallen) mii dem Kolben erhalten. Er bat daraauf um Watte, die ihm v e r w e i- g e r t wurde. Ebenso wurde ihm verweigert, nach der Toilette zu gehen. Dei dieser ganzen Begebenheit war Kapitänleut- nant Pflugk-chartung zugegen. Beim Abtransport hat der Matrose v. W u t k o w s k i auf den Dr. Liebknecht eingeschlagen. Zehn Minuten spater wurde Frau Luxemburg eingeliefert. Da machten der Ehaufseur I a n s ch k o w und Berschel die Karabiner zurecht und verlangten von mir scharfe Patronen, die ich verweigerte. Inzwischen kam ein Offizier, der mir den Befehl gab, diese Bande nicht mehr lebend aus dem Edenhokel herauszulassen. Ich sollte von meinem Karabiner Gebrauch machen und schießen. Den Offizier kenne ich mit Namen nicht. Der zweite Ofsizier war Oberleutnant Bogel, der mir denselben Befehl gab. Der dritte Offizier war Oberleutnant P f l u g k- H a r t u n g, der mir den- selben Befehl gab und sagte: Ihr Name wird notiert. Wir haben hier eine hohe Brnmie von 150 000 Mark auf diese beiden Köpfe gesetzt. Diese Befehle, die mir gegeben werden, hätte ich streng auszuführen. Ich sagte darauf, ich mache von meiner Schußwaffe nicht Gebrauch. Darauf erwiderte Pfluak-Lartung, dann solle ich den Kolben nehmen. Er sagte:„Rosa Luxemburg wird Ihnen durch Oberleutnant Bogel hinaus und in di« Arme geführt, und Sie haben nur zuzuschlagen, merken Sie sich das." Ich war in Verwirrung geraten. Der Jäger Dreger sagte zu mir:„Diese hohen strengen Befehle müssen wir schon ausführen." Jetzt wurde Frau Luxemburg durch den Oberleutnant Bogel, der sie in den Armen hatte, hinausgeführt. Nach Aussage eines Fähnrichs Wein- bald soll Frau Luxemburg schon vorher Kolbenschläge von einem Fähnrich choffmann erhalten haben. Bon meiner Schußwaffe machte ich nicht Gebrauch, sondern, um meinen Befehl auszuführen, stieß ich nur Frau Luxemburg. Sie fiel um, oder vielmehr Oberleuwant Voc?el riß sie um. Sie wurde sofort in das bereitstehende Auto ge- schleppt. Ich faßte Frau Luremburg nicht an, sondern es waren Dreger. Janschto und Berschel. Ich glaube, daß Ober- lcutnant Bogel dabei noch geholfen hat. Ich selber habe auch der Frau Luxemburg keinerlei Verletzungen zugefügt, sondern nur leicht gestoßen, um den mir erteilten Befehl auszuführen. Die Offiziere hotten mir nämlich gedroht: wenn ich den Befehl nicht ausführie, dann müßte ich auch sterben. Beim Abtransport sprang Leut- nant Krull auf das linke Trittbrett und schoß in unmittelbarer Röhe der Nürnberger Straße der Frau Luxemburg eine Kugel in den Kops. Das erstemal ging die Pistole nicht las. Darauf sprang er vom Auto ab, ging die Nürnberger Straße zurück in das Edenhotel. Inzwischen erschien ein Offizier bei mir und sagte:„Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht. Gehen Sie sofort nach oben vier Treppen lEden- Hotel) und lösen Sie den Scheißer da oben ab, mit dem i st da o b e n n i ch t s l o s. Da ist auch der Redakteur von der„Roten Fahne", den müssen Sie erschießen." Auf der Treppe angekommen, kam mir Leutnant Krull schon entgegen und sagte zu mir:«Du sollst sofort nach oben kommen und Ordnung lchasfcn, da ist auch der Redakteur von de?„Roten Fahne", den solst Du sosort erschießen." Ich fragte Krull, woher die Befehle kommen, da ich schon meine Defehle hätte. Krull sagte zu mir:„Die Befehle kommen von f)errn Hauptmann Papst, die müssen ausgeführt werden." Oben stand ein Mann an der Wand. Einer sah daneben. Krull nahm mir meinen Karabiner ab, sah nach, ob er geladen war und tzigte zu mir: „Ich gehe dreimal hin und her. wenn ich das dritte Mal zurückkomme, haben Sie zu schießen, das ist das Zeichen. Das Personal Ist schon oben alles weggeräumt." Das stimmte auch. Ich faßte meinen Karabiner. In der Aufregung und Verwirrung fiel er mir aber zu Boden. Der Redakteur der„Roten Fahne" kam auf mich zu und sagte zu mir:„Kamerad, schieß nicht, ich habe noch eine Aussage zu machen." Er wurde in ein Zimmer geführt und vernommen und dann wieder abgeführt. Darauf sagte ein Offizier zu Krull:„Sie haben den Mann abzuführen und dafür zu sorgen, daß ihm nichts passiert." Ich ging auf meinen Posten zurück. Unten angekommen, sagte Dreger zu mir:„Du hast ja Deinen Befehl doch wohl nicht ausgeführt, Du hast ja nicht gelchollen, denn es hat ja nicht geknallt." Dann sagte Dreger, ich solle Ablösung holen, ihn friere so. Ich ging in das Wachlokal zurück. Inzwischen waren die anderen auch zurückgekommen und brüsteten sich damit, namentlich der Jäger Friedrich, sie hätten Liebknecht ordentlich eins gebrannt. Friedrich zeigte mir auch seine P i st o l e, er habe auch m i t g e s ch o s s e n. Ich fragte Friedrich, wie das gekommen ist. Darauf sagte Friedrich zu mir: „Die Fluchk ist künstlich herbcigesührl (es kann auch gelautet haben, die Flucht ist vorsätzlich herbei- geführt) worden. Die Offiziere haben das Messer Liebknechts genommen und dem Leutnant Schulz zur See damit in die Hand gestochen. um vorzutäuschen, daß Liebknecht sie angegriffen habe und dann geflüchtet sei." Die Transportmannschaftcn hoben dann auch gesagt:„Ra Runge, die Luremburg, die alle Sau. schwimmt schan." Ich fragte: „Ja warum habt Ihr denn Frau Luremburg ins Waller ge- schmissen?" Da sagte Leutnant Vogel:„Die alte San hat nicht mehr verdient." Sie hätten auf Befehl gehandelt. Darauf setzten sich die Mannschaften an den Tisch. Es wurde Wein und Kognak getrunken. Ich habe auf dem Strohsack gelegen und war furcht- bar aufgeregt und oerwirrt. Ich wurde gefragt, ob ich mittrinken will, was ich verneinte. Bei Tisch ging es sehr lustig zu. Es wurde viel getrunken. Ich wurde beglückwünscht, bauptsäch- lich vom Leutnant Zander sowie von allen Offizieren. Es wurde mir gesagt, m i r p a s s i e r e n i ch t s. Ich käme nach einem ande- ll Eöenhotel. S Jägers Runge. ren schönen Städtchen, da lebe ich glücklich, herrlich und in Freuden. Ich erwiderte aber daraus, daß es mir doch an den Kragen gehen könnte und böse Folgen haben könnte. Zwei Tage darauf wurde die Wache abgelöst und wir wurden nach dem Zoo verlegt. Ich wollte gern wegmachen, aber die Ossiziere liehen mich nicht weg. Ich wollte nämlich Anzeige er» statten. Eines Abends im Zoo, als ich von Posten kam, begegneten mir Leutnant Liepmann und der Jäger Friedrich. Friedrich sagte:„Da kommt ja Runge." Leutnant Liepmann sagte:„Na Mann, wo bleiben Sie denn, ich suche Sie schon lange, Sie müssen fort, denn wir fliegen alle Ins Zuchthaus, wenn Sie die Wahrheit sagen und wenn Sie nicht fortkommen. Er ging mit mir nach dem Werbe» bureau und brachte mich zum chusarenrcgiment Nr. 3 zum Ritt» meister Weber, der schon in Kenntnis gesetzt war. lFür den Sekretär Franke tritt die Stenotypistin Frau Dreysuß als Protokollführcrin ein.) Ich kam nun zum Husarenregiment 8, Rittmeister Weber. Auch da wurde ich gefeiert. Sämtliche Offiziere vom Jägerregiment 2 drangen auf mich ein, daß ich flüchtig werden mußte. Wir rückten weiter bis nach Wünsdorf. Ich kam aus dem Dienst nicht heraus. Die Offiziere ließen mich nicht aus den Händen. Eines Tages vor» mittags war ich mit dem Reinigen der Guiaschkanone besänftigt. Es kamen zwei kleine Kinder auf den Hof und sagten, Husar Runge soll mal aus die Straße kommen zu einem Soldaten. Ich ging auf die Straße, da kam mir ein Unteroffizier entgegen und sagte zu mir: Mensch, Du mußt flüchtig werden, ich bin hergeschickt aus Befehl des Herrn Oberst Weichs(es handelt sich um den Kommandarten des 8. Hujarcnregiments). Er zeigte mir die Abschrift des Hasibcsehls. die ich gelesen habe und sagte mir: Du mußt sofort weg. Er brachte mir auch einen Fahrschein mit einem roten Streifen Ich sollte nach Köln fahren. Außerdem gab er mir 240 M., über die ich quittiert habe. Ich sagte darauf: Dann müßte ich erst meinen Wachtmeister und den Rittmeister Weber in Kenntnis setzen, was ich auch tat. Der Wachtmeister sagte zu mir: Das könne er auf sein Gewissen nicht nehmen, er müßte erst Herrn Ritlmeistcr Weber in Kenntnis setzen. Rittmeister Weber sagt« mir: Ich sollte sofort alles liegen lasten und iofort wegmachen, mich im Edenhotel melden, die wüßten schon da Bescheid. Bon da aus gehe die Sache weiter. Ich schickte an meine Frau die Depesche. daß ich auf Urlaub komme. Abends um 10 Uhr kam ich an. Am nächsten Tag ging ich auch hin nach dem Edenhotel und fragte, wo» hier werden soll: Ich wolle nicht flüchtig werden. Es wurde mir gesagt: Sie müssen weg, da wir sonst alle ius Zuchthaus fliegen. Ich blieb mehrere Tage in der Wohnung des Leutnants Liep- mann, bis es den Hausbewohnern auffiel und sie Verdacht äußerten. Ich setzte den Leutnant Liepmann davon in Kenntnis sowie den Jäger Friedrich. Ich mußte mich dann in einer Kneipe in der Nürnberger Straße aushalten, bis die Papiere da waren. Es wurde auch öfter nochgesehen, ob ich auch da sei. Die Papiere lauteten auf den Namen Krankenwärter D ü n w a l d. Die Papiere kamen vom Edenhotel, Friedrich muß die Aussteller kennen, er hielt die Verbindung zwischen mir und dem Edenhotcl. Ich fuhr mit diesen Papieren nach meiner Wohnung und zeigte das meiner Frau, die zu mir sagte:„Mann, mit diesen Papieren kannst Du nicht weg, das sieht Dir jeder an, daß Du nicht 28 Jahre alt bist."(Das Alter des angeblichen Dünwold.) Ich fuhr nach dem Edenhotel zurück, weigerte micb zu flüchten. Di? Poviere wurden darauf geändert, so daß mein Alter herauskam(45 Jahre). Ich wurde gezwungen zu flüchten nach Flensburg. Ich mußte angeben, wann der Zug abfährt und wann ich ankomme. Es erschien ein Ofsizier und bracht« mir 4000 Mark, eine Bescheinioung, ich sollte nach Prag fahren, nach dem deutschen Konsulat, da sollte ich weiter beschäftigt werden, was ich ober ablehnte, da es kein Auslandspaß war. Tarauf wurde ich nach Flensburg geschickt. Ick nahm 2000 Mark mit, 2000 Mark überließ ich meiner Frau. Ich schickte von Flensburg aus eine Depesche, daß ich zurückkomme, da ich mich hier mit dem Geld nicht länger halten könnte.(Das mar im Februar 1919.) Dararuf bekam ich eine Depesche zurück: Nicht mehr schreiben, alle verreist. Ich kam in Flensburg mit einem Oberleutnant Sommerfeld zusammen, der mich erkannte.(Er hatte dort ein Werbebureau.) Er warb mich an, nahm mich mit nach Heide(Holstein) zum Freikorps Bülow. Ich wurde dort dem Stab vorgestellt und gefeiert. Inzwischen hatten mich aber zwei Unteroffiziere in der Kaserne erkannt — es waren Postschaffner— und mir auf den Kopf gesagt, daß ich Runge wäre, was ich dann auch nicht leugnet«. Die Mannschaften wollten mich lynchen Wir wurden verlegt, ticker rein nach Holstein. Ich kam nach Borkholz, der Stab war in Wieding- stedt. wußte aber genau, daß ich Runge war. Auch da wollte mich die Mannschaft lynchen, trotzdem ich sagte, ich bin nicht der Täter. Man glaubte mir aber nicht. Ich wurde nach Sonderburg versetzt, setzte aber auch da den Hauptmann v. Köppelsdorf in Kennt- nis, sowie den Feldwebel, daß ich nicht Dünwald, sondern Rung« sei. Ich blieb dort bis zum 11. April. An diesem Tage wurde ich in Sonderburg verhastet. Die Kriminalbeamten, die mich verhaf- teten, sagten sofort, ich solle schweigen über die Sachen und sollte die Tal auf mich nehmen, da ich 100 000 M. bekäme. Ich sollt« keinen anderen Anwalt neh- mcn wie den Rechtsanwalt G r ü n s p a ch, der mich freibringen würde. Ich wurde dann am 13. Ülpri! in das Edenhotel eingeliefert und dem Gerichtsrat Jörns vorgeführt, der mir sagte, ich solle keine Brühe machen, denn es fei schon so Brühe genug, ich fiele hin- ein mit der Sache, wenn ich die Wahrheit sagte. Ich solle di« Strafe ruhig auf mich nehmen, es käme eine Amnestie und dann würde ich sofort frei, und in der Not könne ich mich wieder „an uns" wenden. (Wir brechen die Aussage Runaes hier ab und werden die Fortsetzung in der nach st en Nummer bringen. Wir J>«- schränken uns absichtlich darauf, die Aussage Runges nach sorgiälfi- ge?. wo?kge!rkuer Aufnahme, ohne ieden Zusah und ohne jede Aen- derung wiederzugeben. Red. d.„V.") Zucker als Lockmittel. Kürzlich wurde, wie berichtet, ein Warenhausinhaber frei- gesprochen, der einem Käufer an Stelle der verlangten 8 Meter Kleiderstoff nur die Hälfte abgegeben hatte. Ein zweiter Fall, wo ein Geschäftsmann seine Ware zum Schaden der Der» b r a u ch e r rationiert, wird jetzt aus Treptow bekannt. Hier hat ein Kaufmann gegen Ende vorigen Jahres sich in den Besitz eines großen Postens Zucker zu setzen gewußt. Es sollen zwei Waggons gewesen sein. Der Kaufpreis hat 400 M. pro Zentner betragen, ist also sehr niedrig gewesen. Alle irgendwie verfügbaren Rebenröume des großen Eckzcschästs wurden mit Zuckersäckcn vollgestopft. Nun begann ein lehrreiches Spekulationssxiel. Der Kaufmann rationierte mit Viertel- und 5)albpfundcn, gab aber, angeblich zur Vermeidung der Hamsterei, den Zucker nur ob, wenn auch andere Ware in an- sehnlicher Menge gekauft wurde. Um jede kleine Zuckcrration mußte man oft förmlich betteln. Trotzdem zog es der benachbarten Kon- kurrenz, die gewöhnlich überhaupt keinen Zucker hatte, die Käufer weg. Der Verkaufspreis überstieg anfangs vorsichtigerwsife den Einkaufspreis nur um 50 Pfennige, weil ja an dem vermehrten Ab- fatz anderer Ware gut verdient wurde. Dann aber ging der Preis in mehreren Abständen immer höher, vor einigen Wochen auf 9 Mark, so daß also damals am Pfund schon mehr als 100 Prozent verdient wurden. Als dann die große Zuckerkrise«intrat, wurde der gute Zuckermonn zunächst noch etwas zurückhaltender. Er hatte ja genügend Borrat und konnte in Gemütsruhe abwarten, wie sich die Dinge entwickelten. Bald darauf wurde der sogenannte„Auslands- zucker" mit mindestens 22 Mark verkauft. Jetzt war es Zeit, daß der Treptower Kaufmann einen neuen, diesmal kräftigen Sprung machte und seinen für 4 Mark eingekauften Zucker für 14,50 Mark verkaufte, also noch 6 bis 7 Mark billiger als den Auslandszucker. Somit ist der Verdienst an einem einzigen Pfund gegenwärtig auf mehr als 200 Prozent oder auf rund 10 Mark geklettert. Man wird wohl nicht zuviel sagen, wenn man eine derartige Spekulation mit lebenswichtigsten Nahrungsmitteln für eine an der äußersten Grenze des Wuchers stehende übermäßig« Preisbildung hält.