Nr. 404 39. Jahrgang Ausgabe A r. 198 Bezugspreis: Für den Monat August 90,- 9. bocaus zahlbar. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig, Saar. und Memelgebiet, sowie Desterreich und Buremburg 188,- M, für das übrige Ausland 172,- M. Bostbestellungen nehmen an Belgien, Dänemart, England, Efthland, Finnland, Frankreich, Solland, Lettland, Zuremburg. Defter reich, Schweden, Schweiz, Tschecho Glowakei und Ungarn. Der Barwärts" mit der Sonntags beilage Bolt und Zeit", der Unter haltungsbeilage Heimwelt" und der Beilage Siedlung und Kleingarten" erscheint wochentäglich zweimal, Gonn tags und Montags einmal. Telegramm- Adresse: Sozialbemotrat Berlin Sonntags- Ausgabe Vorwärts Berliner Volksblatt 4 Mark Anzeigenpreis: Die einspaltige Nonpareillezetle foftet 25,- M. Reflamezeite 125- M. Aleine Anzeigen" das fettgebrudte Wort 7, M.( zulässig zwei feitgebrudte Berte), jedes weitere Wort 6, R. Stellengesuche und Schlafftellenanzeigen das erste Wort 4- Wt., jebes weitere Wort 3,- M. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Familien- Anzeigen für Abonnenten Beile 10,- 2. Anzeigen für die nächste Nummer müffen bis 42 Uhr nachmittags im Sauptgeschäft, Berlin SW 68, Lindenfiraße 3, abgegeben werden. Geöffnet von 9 Uhr früh bis 5 Uhr nachmittags. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-295 und 2506-2507 Sonntag, den 27. August 1922 Erste Maßnahmen des Reichs. Gestern, Sonnabend vormittag, fand unter dem Vorsitz Wintervorräte vorschußweise zu beschaffen. Auch die des Reichspräsidenten ein Ministerrat statt, an dem alle Reichs Mittel der sozialen Fürsorge für Kriegsbeschädigte und Kriegshinter minister bzw. in ihrer Vertretung die Staatssekretäre und bliebene sind verdoppelt, für Rieinrentner steht das gleiche auch ein Bertreter Breußens teilnahmen. Gegenstand der Bes bevor. Die Bezüge der Sozialrentner find erst vor kurzem aufgeratung war die innere Lage des Reiches, namentlich die durch bessert worden; Berhandlungen über weitere Hilfsmaßnahmen stehen bie Geldentwertung der letzten Wochen verschärfte Teue vor dem Abschluß. Um eine beffere und sparsame Er rung und die daraus für das Reich und die Bevölkerung nährung besonders bedürftiger Boltstreife zu ermöglichen, foll für den kommenden Winter drohenden Schwierigkeiten. der Ausbau und die Erweiterung der Bolts-, Kinder- und Studentenspeiseanstalten soweit wie irgend möglich angestrebt werden. Zur Einleitung regte der Reichskanzler an, daß bis zu der auf morgen, Montag, anberaumten Verhandlung der Reichsregierung mit den Ministerpräsidenten und Innenministern der Länder die hauptsächlich dazu berufenen Reichsrefforts fertige Borschläge ausarbeiten möchten, mit denen der drohenden Krisis in der Ernährung und Wirt fchaft unseres Volfes entgegengewirkt werden könnte. In der sich anschließenden Aussprache gaben die Vertreter ber Refforts ein Bild der Lage innerhalb ihres Aufgabenfreifes und er. Brterten die Möglichkeiten gesetzgeberischen oder verwaltungsmäßigen Borgehens. Auf dem Gebiete des allgemeinen Wirtschaftslebens find vom Reichskabinett zur Berringerung des Bedarfs an Einfuhrdevisen bereits Beschräntungen in der Einfuhr von Lurusgegenständen beschlossen; ferner werden Erhöhungen der Ausfuhrabgabe in den nächsten Tagen befanntgegeben. Es sind Maßnahmen in Borbereitung, um tie reine Devifenfpetulation durch eine periodisch erfolgende nachträgliche Kontrolle der vollzogenen Devisengeschäfte zu unterbinben, ohne daß durch diese Maßregel ber für den Geschäftsverfehr not wendige Devisenhandel behindert werden soll. Ob auf dem Gebiete des Geldmefens und der Balutagestaltung, insbesondere im inne. ren Geldmartt, noch weitere Maßregeln getroffen werden können, wird geprüft. Der besonders wichtigen C Sicherstellung der Bolfsernährung follen folgende Maßnahmen dienen: Die angebahnte Regelung Der Kartoffelversorgung für den Winter wird durch nach drückliche Förderung des Bertragsabschluffes zwischen Er zeugern und Verbrauchern weiter verfolgt werden. Die Berwertung von Kartoffeln in den Brennereien wird auf das mit Rücksicht auf die Viehhaltung( Schlempefutter! Red.) gebotene Mindestmaß befchränkt. Durch geeignete Maßnahmen wird eine fachgemäße Verteilung des Zuders Auf dem Gebiete des Transportwesens hat die Reichsbahnverwaltung alle Vorbereitungen getroffen, um für den Winter einen möglichst geregelten Abtransport der Rohlen, der Kartoffeln und des Getreides zu sichern; der Lokomotivbestand ist gegen das Borjahr etwas, der Beftand an Güterwagen erheblich vermehrt. Es bestand im Ministerrat Einmütigkeit darüber, daß die Ueber tretung der bestehenden und der neu hinzukommenden im Intereffe des Boltsganzen erlassenen Berbote unter scharfe Strafen, # insbesondere unter Gefängnisstrafen gestellt werden müßte. Das Reichskabinett ist entschlossen, in Erkenntnis der Ge. fahren, denen bei einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage weite Bevölkerungsschichten ausgefeßt sein würden, mit schnellen und umfassenden vorbeugenden Maßnahmen einzugreifen. Die in der Sigung des Ministerrats vorbereiteten und hier frizzierten Absichten der Reichsregierung werden am Montag mit den Bertretern der Länder durchberaten, nach durchgeführt werden. ihren Anregungen eventuell erweitert und unmittelbar Vorwärts- Verlag G.m.b.H., SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher: Berlag, Saustexpedition u. InseratenAbteilung: Dönhoff 2506-2507 Zeitungsnot und Arbeiterpresse. Die Krise, die schon seit Monaten das Zeitungsgewerbe bedroht, ist jetzt in ein verschärftes, wenn nicht entscheidendes Stadium getreten. Die Verteue rung der wichtigsten Rohstoffe zur Herstellung der Zeitung nimmt Formen an, denen die selbständigen Zeitungsbetriebe auf die Dauer nicht mehr gewachsen sind. Man muß fürchten, daß die Zahl der Zusammenbrüche im Zeitungsgewerbe in allernächster Zeit noch gewaltig zunehmen wird. Letzten Endes ist dieser kritische Zustand bedingt durch die geradezu phantastische Steigerung der Preise für Druckpapier, die mit dem Dollar nahezu Schritt halten. Ein Kilo Zeitungsdrucpanjer, das vor dem Kriege 0,20 m. gekostet hatte, war bis zunt Januar d. 3. auf 7 M. in die Höhe gegangen; es foftete im August 28 und soll jetzt auf 70 m. erhöht werden. mit anderen Worten: im September wird ein Kilogramm Zeitungspapier den 350fachen Friedenspreis fosten. Da die Herstellung des Borwärts" für jeden Abnehmer 2 Kilogramm Papier monatlich benötigt, wird allein das Drudpapier im nächsten Monat 140 M. fosten, während heute noch der Bezugspreis 90 M. monatlich beträgt. Das ist nicht der einzige Rohstoff, der so unglaublich viel Rosten bereitet, auch der übrige Materialaufwand im Zeitungsgewerbe hat sich enorm verteuert. War es schon bisher den Zeitungen unmöglich, ihre Bezugspreise entsprechend den gestiegenen Broduktionskosten zu erhöhen, so besteht heute die Gefahr, daß das noch weniger als früher möglich sein wird, daß also eine große Zahl von Zeitungsbetrieben eingestellt werden muß. Saft schwere Rlage führt, so hat die Arbeiterpreffe erst recht Benn schon die bürgerliche Breffe über diese gewaltige alle Ursache, dieser Entwicklung mit der größten Besorgnis entgegenzusehen. Biel mehr als die meisten bürgerlichen ZeilunDie Maßnahmen der Reichsregierung, wie sie in vor gen ist fie auf die Erlöse aus den Abonnements angestehenden Communiqué angefündigt werden, find beachtliche wiesen, und sie fann sich nicht wie die übrige Presse durch InAnfänge zur Durchführung eines Wirtschaftspro ferate, die manchmal mit Zugeständnissen an interessierte Kreise gramms, das die schwierigsten Nahrungssorgen für den verbunden sind, für den Ausfall schablos halten. Die ArWinter von den betroffenen Kreifen, insbesondere von den So- beiterschaft ist in Gefahr, ihr stärkstes machtmittel zialrentnern abwenden soll. Aber es find erst Anfänge. im Kampfe um ihr Recht und um die Berbreitung ihrer Forde zu begrüßen ist es, daß man ohne Vorurteile die Borschläge rungen vor der Deffentlichkeit zu verlieren oder in ihrem Wirder Gewerkschaften mit aller gebotenen Beschleunigung geprüft fungsgrad beeinträchtigt zu sehen. Was das bedeutet, nachund in der Tat positive Maßnahmen ins Auge gefaßt hat. dem schon heute ein gewaltiger Teil der öffentlichen Meinung um nur auf einige, noch dringend einer weitergehenden Rege- von den Interessen privater Gelbgeber diftiert wird, darüber lung bedürftige Bunkte hinzuweisen, fei hervorgehoben: Es wird fich niemand einer Zäufung hingeben fönnen. In genügt nicht, dem Unwefen der Schlemmerei durch Seuern ent- demselben Maße mie die Arbeiterpresse zu Einschränkungen Im nächsten Wirtschaftsjahr herbeigeführt werden; die Berwendung gegenzutreten, es muß auch die 3uderversorgung be- gezwungen wird, wird die Arbeiterschaft mundtot gemacht.. von inländischem Zuder zur Herstellung von Trinkbranntwein reits bei der Einfuhr richtig organisiert sein, um zu ver- Das muß unter allen Umständen verhindert werden. wird verboten, zur Herstellung von Süßigkeiten weitgehend ein- hindern, daß ausländischer mit inländischem Zuder zusammen Ungeheurer Opfer und gewaltiger Kraftanstrengung hat geschränkt. In Aussicht genommen ist ferner nach Einvernehmen in den Versorgungsmartt tommt und daß in Wirt- es bedurft, um die Arbeiterpresse zu dem zu machen, was sie mit den Ländern ein Verbot der Herstellung starter Biere. In der lichkeit der Auslandspreis des Zuders maßgebend wird. Auch heute ist, zu einem Organ, das die Interessen der Arbeiterangesichts der hohen Fleischpreise besonders wichtigen Frage die Kartoffelversorgung müßte noch straffer organi- fchaft gegenüber den politischen und reirtschaftlichen Anschauder Bersorgung der Bevölkerung mit Seefischen soll auf eine fiert werden, vor allem, um zu verhindern, daß eine un- ungen anderer politischer Gruppen mit großem politischen Gegenügende Bersorgung der Hochseefischerei mit deutscher Rohle nötige Belastung der Eisenbahnen eintritt, welche die Gesamt micht und mit dem technischen Ausgebot aller modernen Mittel hingewirkt werden; das würde gleichzeitig ermöglichen, ein Berbot versorgung mit Lebensmitteln nachteilig beeinfluffen würde. des Zeitungswesens vertritt. Jest droht dieser kraftvollen des Löschens in fremden Höfen an deutsche Fischdampfer und Schließlich aber muß noch mehr, als in den furzen Andeu- Entwicklung durch die Rohstoffverteuerung eine nicht zu unterein Ausfuhrverbot für Seefische zu erlassen. tungen der Regierung zum Ausdrud tommt, für die Kriegs schäzende Gefahr. Nachdem ohnehin die Aufwandstoften einer invaliden und hinterbliebenen sowie für die Arbeiterfamilie durch die fortschreitende Teuerung der LebensSozialrentner gesorgt werden. Eine Erhöhung der mittel und Bedarfswaren in erschreckendem Ausmaße gestiegen Papiermarkbezüge nützt hier wenigfie ist meist schon ent- find, liegt es nahe, daß eine Anpassung der Bezugspreise an wertet, ehe die Zahlung erfolgt. Man müßte unter allen Um die erhöhten Produktionskosten der Beitung weite Streife ständen eine Hilfe durch Lieferung von Lebensmitteln abschrecken wird, noch weiter eine Tageszeitung zu halten. in großzügigfter Weise organisieren und mit Hilfe der von Der Arbeiter, der so handelt, der sich seines wichtigsten den großen Organisationen schon gebildeten oder noch zu bil- Rampfmittels begibt, schäbigt damit sich selbst. Es iſt benden Bezugsvereinigungen in ähnlicher Weise wie bei der Aufgabe aller Parteigenoffen, nach Mitteln zu suchen, die dazu Kartoffelversorgung eine Gewähr dafür schaffen, daß die beitragen, die fatastrophale Krife zu überwinden. Oft ist es Aermiten der Armen, die Hilfsbedürftigsten der Hilflosen nur ein Trugschluß, wenn man von den hohen" Zeitungswenigsten etwas zu effen bekommen. Ohnehin sind sie gebühren spricht. Man vergist oft, daß es andere Baren des schwer genug davon betroffen, daß sie durch die Geldentwertäglichen Bedarfs gibt, die noch viel gewaltiger im Preise getung ihrer mühsam erarbeiteten oder im Kriegsdienst mit stiegen find, und die trotzdem noch getauft werden. Aber man Lebensgefahr und törperlichen Schäden verdienten Bezüge so ist es mun einmal gewohnt, bie geistige Nahgut mie enteignet worden sind. rung minder 31 u achten als die körperliche Ernsteste Arbeit tut not. Wir begrüßen die Anfänge, und als manche Genußmittel. Und so tommt. es, möchten aber wünschen, daß auf dem Wege entschieden daß die Wirtung steigender Bezugspreise im ge= weitergegangen wird. Weite Boltsteile find von famten Zeitungsgewerbe ein Rüdgang der Abonnentenzahl höchster Not bedroht. Dem ärgernisgebenden und widerlichen Treiben in den Schlemmergaststätten und in manchen Bergnügungslokalen muß Einhalt geboten werden; und in manchen Bergnügungslokalen muß Einhalt geboten werden; es ist Aufgabe der Länder und Gemeinden, durch Steuern und sonstige durchgreifende Maßregeln diesem wachsenden und beschä menden Unfug entgegenzutreten. In Preußen ist bereits eine Verfügung vorbereitet dahin, daß bei Behandlung von neuen Ronzessionsgefuchen für Schanklokale das Bedürfnis grundfählich ver neint werden solle. Auf dem Gebiet der Fürsorge für die notleidende Bevölkerung find vor allem verstärkte Hilfsmaßnahmen für Kriegsbeschädigte, Kriegshinterbliebene, Sozialund Kleinrentner eingeleitet. Die Teuerungszuschüsse für bedürftige Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene sind mit Birtung vom 1. August 1922 er. höht worden und erhöhen sich ab 1. September 1922 um durch schnittlich weitere 66% Broz. Die Hauptfürsorgestellen sind ferner ermächtigt, für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene Kompromißmöglichkeit? Baris, 26. Auguft, 9 Uhr abends.( EE.) Ueber die heutige Nachmittagsfihung der Reparationskommission wurde folgendes fommuniqué veröffentlicht: Ruhrbefegung Streit und ernsthaften Widerstand der Arbeiter voraussehe, wähend fie Frankreich fein Gelb bringe. Der Borschlag bringe Frankreich bie Rontrolle der Ruhrbergwerte durch die rechtmäßigen Besizer. Das schlechte Gewiffen. Die Reparationstommiffion war von 5 bis 7 Uhr versammelt. Sie hörte die Darlegungen ihrer ans Berlin zurüdgekehrten Mitglie Rom, 26. Auguft.( EB.) Wie das italienische Außenministerium der Bradbury und Mauclère an und beschloß danach, am morgigen ben an ber interparlamentarischen Ronferenz in ien teilnehmen Sonntag eine neue Sihung abzuhalten, um den Bericht durchzu- den Abgeordneten mitteilt, haben Frantreich, England, fprechen. Belgien, bie Tschechoslowatei und Rumänien ihre Hier herrscht heute abend der Eindrud vor, daß ein kom- Teilnahme an der Ronferenz wegen Meinungsverschiedenheiten in promis im Berelge des möglichen lege. der nationalen inderheitenfrage in legter Stunde ab gefagt. Die italienischen Abgeordneten beschlossen, trogdem as Der deutsche Lösungsvorschlag wird in Berliner Melbungen der Ronfereng teilzunehmen, um zur internationalen Ber Der Daily News Suge Stinnes zugeschrieben, der von ber[ hnung beizutragen. ist. Das ist ein offenes Geheimmis; es wird durch die Einstellung vieler Zeitungsbetriebe bestätigt, und es wäre Torheit, an der Gefahr vorbeizugehen, obwohl man gerade in der Arbeiterpreffe oft genug die Behrnehmung machen konnte, daß ber meitaus überwiegende Teil der geschulten organisierten Sozialisten den Wert seines Blattes im Rampf um die Macht Fisher richtig einzuschäßen wußte. Es muß also Borsorge dagegen getroffen werden, daß die Arbeiterpreffe von der wachsenden Teuerung erdrosselt, der politische Einfluß der Arbeiterschaft in der Deffentlichkeit herabgemindert oder in einzelnen Teilen des Reiches fogar ausgeschaltet wird. Noch mehr als bisher muß sich die Arbeiterschaft bewußt werden, daß alle Demonstrationen und politischen Attionen im Parlament an irtungstraft verfieren, wenn sie nicht von einer tatkräftigen und einflußreichen Bresse unterstützt werden. Würde die großstädtische Arbeiter= presse durchweg auch nur einmal täglich erscheinen, so wäre ihre Cchlagfertigkeit erheblich verringert und manches gegnerische Propagandamaterial würde sein Publikum erreichen, ohne rechtzeitig widerlegt werden zu können. Welchen Einfluß das allein auf die Lohnverhandlungen ausüben würde, kann sich jeder leicht vorstellen, der weiß, wie diese Verhandlun- gen geführt werden und- wie Zug um Zug von beiden Parteien Gründe für ihre Haltung ins Treffen geführt werden, die es mit Tatsachen zu belegen gilt. Es wäre daher nicht von der Hand zu weisen, daß man die Entrichtung der Abonnementsgebühren in eine nähere Beziehung zur Lohnzahlung bringt. In Oesterreich hat man bereits mit gutem Erfolge die Propaganda und die Kassierung der Abonnementsgebührcn in die Betriebe verlegt, so daß im Gesamthaushalt der Familie die Ausgabe für die Zeitung nicht so sehr in Erschci- nung tritt. Ein ähnlicher Weg wäre vielleicht auch bei uns in Deutschland gangbar, wenngleich die Organisation auf Schwierigkeiten stoßen mag. Jedenfalls ist e» erforderlich, daß die Arbeiterschaft sich selbst zu einmütiger Abwehr aufrafft. Daß von gesetz- lichen Maßnahmen nicht viel zu erwarten ist, ersieht man daraus, daß dos vom Reichstag beseblosfens Gesetz über Hilfsmaßnahmen für die Presse sich bisl>er als gänzlich unzulänglich gegenüber der katastrophalen Teuerung erwiesen hat. Unaufhaltsam steigen die Preise weiter und wenn jetzt schon der 350fache Borkriegsstand für Druckpapier erreicht worden ist, so ist es durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Fabrikanten im Hinblick auf die Teuerung in der Urproduk- tion, in Kohle, Holz usw., früher oder später noch weiter- gehende Forderungen stellen. Wir verlangen, daß man end- lich zu H ö ch st p r e i s e n für Holz und Zellstoff übergeht, die der erwähnte Gesetzentwurf vorsieht. Aber wir geben uns keiner Täuschung darüber hin, daß auch solche Maßnahmen die Krise nur zeitweilig mildern, nicht aber aus die Dauer aufhalten können. Das Sterben der Leitungen, insbesondere ober auch die Gefährdung der Arbeiterpresse bedeutete in Wirk- lichkeit die Erdrosselung der Demokratie. Die zunehmende Beherrschung der öffentlicbcn Meinung durch privatkapitalistische Interessen ist letzten Endes der T o d der Demokratie, die Auslieferung der Politik an wenige kapitalkräftige Gruppen. Eine demokratische Republik hat die Pflicht, das zu verhindern. Ebensosehr aber hat dix Ar- beiterschaft als wichtigste Trägerin des demokratischen Gedan- kens die Aufgabe, ihre eigene Kraft ganz in den Dienst der Sache zu stellen und ihre bedrobte Presse zu stärken. -» Auf der Tagung des Augustinusvereins, die den Münchener Katholikentag einleitete, inachte der Dorfitzende, Verleger Leasing, M. d. R., erschütternde Mitteilungen über die Not der Presse.(Der Augustinusocrein bezweckt die Pflege der katholischen Presse.) Die maßlose Steigerung des Papierpreises— so führte Leasing aus—, der innerhalb weniger Tage von 28 auf 70 und 80 M. pro Kilo geklettert ist, stellt die Existenz d«- ganzen selb- ständigen Presse in Frage. Tie bisherigen gesetzgeberischen Maß- nahmen sind kaum ein Tropfen aus den heißen Stein. Die Vcr- sammlung faßte einen Beschluß, der neben der Selbsthilfe des Volkes Gesetzesbestimmungen fordert, um die Presse zu erhalten. ßeinkoft-VolksVirtschaft. Herr B r e i t k o p f, der Berbantzsdirektor der „A n u g a", ist sicherlich ein erfgbrener Mann, wenn es sich darum handelt, Genüsse für den Gaumen der Wohlhabenden zusammenzustellen. Bon den Röten der arbeitenden Bevölke- rung hat er dagegen noch nichts gehört, da er Leser der Rechtspresse ist. Dafür weiß er, daß eine leckere Tafel durch Tischreden oerschönt wird, und daß nichts das Mahl so würzt, als wenn der Redner zwischen Fisch und Braten auf die Be- gehrlichkeit und Faulheit der Arbeiter schimpft. Herr Breit- köpf bat deshalb nor dem„Reichsverbaude deutscher Feinkost- leute' in diesem Sinne einen Vortrag über die Ursackzen der Lebensmittelteuerung gehalten, der dermaßen das Entzücken der„Täglichen Rundschau" hervorgerufen hat, daß sie ihn Wieso ich öen Goethekragen ersanö. Don Tobias Pembcrlein. Not macht erfinderisch. Erich Käs« war in Not. Also erfand ich den Goethetragen. Womit nicht gesagt sein soll, daß Not immer den anderen erfinderisch macht, oder daß Erich Käse kein Genie wäre. O nein, er ist eines: denn er hat das Haar- netz erfunden, was einmal festgestellt werden muß. ferner die Schuh- kreme„Eros"— das Pulver allerdings nicht; dazu ist er nicht Sachse genug... Um aus des berüchtigten Pudels Kern zu kommen: Erich Käse hatte wo» am Halse. Zuerst war es ein Pickel, ein gewöhnlicher kleiner Pickel, wie er in der Jugendbewegung häufig anzutreffen ist. Leider begnügte sich der Pickel nicht damit, einer zu sein, er wollte über seinen Stand hinaus, was ihm auch gelang. Er wuchs zu einem faustgroßen Furunkel aus.„Man sieht's dem Pickel niemal» an, was einmal aus ihm werden kann," singt der Volks- mund. Ich mußte lachen, weil Erich einen so geschwollenen Ein- druck machte. Er fragte empört, ob ich mich auf seine Kosten vcr- lustieren wolle. »Das nicht, lieber Erich, ich wundere mich nur, daß all« solch« Ding« immer dir passieren!" Er hüllte sich in nichtssagendes Schweigen. Weil der Furunkel nicht gerieben werden durfte, trug Erich von da ab einen Schillerkragen, was zur Folge hotte, daß dieses famose Kleidungsstück bald allenthalben nur noch„der Furunkelkragen" genannt wurde. Wenn wir nachts durch die Straß«» pilgerten, entwickelt« Erichs Furunkel rubinrotes Eigen- licht, und in Neukölln ist es Erich zu nächtlicher Stunde passiert, daß ein Mann auf ihn zurannte, der ihn für einen Feuermelder hielt. Ein Schimmer düsterer Schwermut verklärte bald Erichs ent- haltfome Gesichtszüge:„Co geht es nicht mehr weiter. Tob, ich werde nicht m«hr ernst genommen, mein Prestifch ist erschüttert.. „Was kann ich denn für dich tun?" fragt« ich warmherzig an. „Das weiß ich selbst nicht; ich möchte/ daß man nicht mehr mein Furunkel sieht, aber ohne, daß es reibt." Ich verfuhl in ein langes Nachdenken mit dem Resultat, daß ich den Goethekragen erfand(D.R.P. Nr. 2 492 073). Diese Schöpfung hat den Borteil, den Hals zu oerdecken, steht aber doch so weit ab, daß sie nicht reibt. Seine Festigkeit erhält dieser Kragen durch eine hieb-, stich- ustd feuerfeste Einlage aus Chromnickelftahl, welche direkt auf den Schulterblättern festgelötet werden kann. Als Erich zum erstenmal im Schmuck der neuen Erfindung prangte, tonnte ich einen Laut des Entzückens nicht unterdrücken. Er sah schni«k« aus, knorke, ff., prima, zackig— einfach edel!„Komm. wem Jung«/ jagte ich siol�„M lasse dich xhotograghieren, dann als Leitartikel abdruckt. Wir aber bemitleideten im stillen Herrn G o t h e i n. den Erfinder des„zweibeinigen Horn- viehs". Denn in Gestalt des Herrn Breitkopf ist ihm eine fürchterliche Konkurrenz erwachsen. Herr Breitkopf stellt als ersten Grund der Lebensmittel- teuerung die Faulheit der Bergleute fest. Das Geld, das wir zum Ankauf von Lebensmitteln brauchen könnten, geben wir für die Einfuhr englischer Kohle aus: Dabei muß man aber wissen, daß eine tägliche Ueberstundc der deutschen Bergarbeiter genügte, um diesen wesentlichen Faktor der Lebcnsmittelnot zu beseitigen, und daß die entbehrliche Kohle mehr als die Hälfte des Handslsbilanzdefizits ausmacht! Dem großen Volkswirtschaftler Breitkops ist es ganz und gar entgangen, daß soeben erst die Bergarbeiter in das Ueberschichtenabkommen eingewilligt haben. Die Mehrarbeit im Bergbau wird tatsächlich geleistet. Wir fürch- ten aber, daß sich nun ganz andere Dinge als die Ur- fachen der Lebensmiltelteverung herausstellen werden. Aller- dings entdeckt Herr Breitkops neben der Faulheit der Berg- arbcitcr auch noch die Faulheit der Staats- und Ber- waltungsbeamten als Ursachen der Teuerung. Hier verkündet er folgende Weisheit: Wir können heute mit 3 Millionen Staatsfnnk- t i o n S r e n das heißt auf fünf Erwerbstätige einen verwaller, rechnen. Durch die unter solchen Umständen zweifellos nicht mehr rein produkliv zu nennende Verwendung so großer Volksteile muß mit Naturnotwendigkeit ein weiterer Rückgang der heimischen Gütcrschaffung und der Avssuhrindustrie eintreten, sich die Lebens- mittelnot noch weite-' verstärken und die Teuerung ins Uferlose und Unerträgliche gehen. Selbst ein Direktor der„Anuga" dürfte wissen, daß der weitaus größte Teil der Staatsbeamten nicht in der Berwal- tung, sondern in den Staatswirtschaftsbetrieben, in Eisenbahn, Post und Telegraphie tätig ist und daher durchaus zu der produktiv tätigen Bevölkerung gerechnet werden muß. Aber selbst die reinen Berwaltungsbeamtcn leisten im Sinne der Produktion wertvollere Arbeit als die zahllosen Schnapsfabriken, von denen die„Anuga" wimmelt. Wenn schließlich Herr Breitkopf in Anfang, Mitte und Schluß des Artikels den Achtstundentag als„unseren Ruin" bezeichnet, so sichert ihm das den Beifall aller derer, die noch nie acht Stunden am Tage gearbeitet baben. Und von denen leben ja schließlich die Feinkosthändler! Jeden Flach- köpf, der auf die Arbeiter schimpft, aber vom Wucher und den Riesenprofiten des Kapitals sein stille ist, bejubeln sie als ihren Mann. Konservative Albernheiten. Tie„Kreuzzeitung" beschimpft christliche tvewerkschaftcu. Die„.Kreuzzeitung" ist so geschmackvoll,'die deutschen Ge- werkschastler irrsinnig zu nennen, weil ihre Führer die Gewerkschastsinternationale telegraphisch in tiefster Wirtschaft- licher Not Deutschlands um Hilfe angerufen haben. Das christlich-konseroativs Blatt, das den lieben Gott reichlich überheblich sogar in seinem Titel alle Tage als Reklame be- nutzt, meint: Und heute scheuen sich die Gewerkschaften nicht, wieder zu winseln, um wieder der Gefahr eines Fußtrittes für ihre und der aufrechterhaltenen, internationalen Lüge schwer leidende Ar- beiterschaft heraufzubeschwören. Sind die wirtschaftspolitischen Vor- schlä-ze zur Steuerung der heraufziehenden Not auch kindisch, so kann man ihre A l b e r n he i t e n noch mit dem immerhin fühl- baren guten Willen, der dahinter steck, entschuldigen. Den Hilferuf an die Internationale aber als außenpolitischen Versuch zur Lösung der Reparationslrise gelten zu lassen, verbietet der gesunde Menschenoer st and. Dos schreibt die„Kreuzzeitung" a n d e m T a g e, da der Gesamtoerband der ch r i st l i ch e n Gewerkschaften Deutsch- lands an den Internationalen Bund der Christlichen Gewerk- schaften sowie an die Gcsamtverbände der christlichen Gewerk- schaften Belgiens, Italiens und Frankreichs das folgende Telegramm abgeschickt hat: bist du meine Schutzmarke.Nur echt mit Erich'— komm, mein Junge!" Bei der Rückkehr vom Photographen war mein Bureau von einer großen Anzahl Menschen belagert. Erich wurde gefilmt, ich interviewt— dann war der Direktor der„Deutschen Schillertragen- Werke" anwesend, der seine Produktion auf meine Erfindung um- stellen wollte, ein gewisser Werner Ianschge wollte«inen„Inter- nationalen Gocthckragen-Bund" gründen nebst zugehöriger Pro- pagandazcitschrift, die Gcschäftsführerin eines rechisstehenden Frauen- verein? regte die Fabrikation von„Goetheblusen" an, ein Amerikaner erwarb sich dos Recht, 320 Tonnen meiner Kragen in einer wohl- feilen Wellblechausgobe herzustellen und im Innern Afrikas zu vertreiben(xermsn culture in rtie worki!),«in gewisser Ernst Pissauer hotte eine flammende Goethekrazen-Hymne gedichtet, ein Student wünschte seine Doktorarbeit über meine Erfindung zu machen, Professoren und Parteisekretäre schworen ihre Gummi- wäsche ob... Ich habe alle Hände voll zu tun und oerdiene Geld wie Heu. Bin also zu frieden. Erich Käse jedoch mit Nichten. Er beichtet mir voll Kümmernis. daß er noch einen Furunkel bekomm«» habe, aber woanders. Ob ich nicht eine besondere Hose... Ich denk« nicht daran. Andere wollen auch etwas erfinden. Kuhci. vor die Front! Polilik in der Sonnlagspredizk. Aus Friedrichroda wird uns geschrieben: Sanntogmorgen Kirchplotz. Orgel will Singende himmelwärts leiten. Meine Fünfjährige zupft mich, mit ihr„zum lieben Gott zu gehen".'Steht mir nach langer Fern« Innerlichstes bevor? Drinnen singt die Fleischersfrotu, die mir gestern 2S Gramm zu wenig zuwog