Ur. 16. Erscheint täglich nußer Nontag». Preis pränumerando: Vierlei- jährlich 3,30 Marl, monatlich 1,10 Ml., wöchentlich»8 Pia- frei tn'S HauS. Einzelne Rummer 5 Psg. Sonntags-Nummer mit illuslr. Sonntags-Beilage„Neue Welt" 10 Psg. Post-Abonnement: 3,3oant. proQuartal. Unter Jtceuj- band: Deutschland u. Oesterreich- Ungarn 2 Ml., siir das übrige Ausland 3Mr. pr.Monal. Eingetr. in der Post-ZsttungS- Preisliste für 1395 unter Nr. 719». II. Jahrg. Jnsertlons-Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder deren Raum eo Psg., für Vereins- und Berfammlungs- Anzeigen 20 Psg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Erpeditton abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn- und Festtagen bis 9 Uhr Vormittags geöffnet. Kerusprecher: Amt>, Ztr. 1508. «elrgrninin- Adresse: »Aolioidemokrat KeriiiU' Berliner Volksblatt. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Nedaliti«»: sv.lg, N<»tb-Strah- z. I Soutiubnib. strit 19. IlUtlMr 1893. I S rpt 0 iiimt: SW. 19, ZZ-utb-Ktr.1»! 3. Drüben nnd Müben. Am Dienstag Abend kündigte der französische Präsident seinen Rücktritt an; am Mittwoch begründete er seinen Entschluß in einer Botschaft an die Kammer und den Eenat; und am Donnerstag Abend hatte Frankreich einen neuen Präsidenten. Die Präsidenlenkrisis, gleich der Ministerkrisis, die ihre Einleitung gebildet hat, vollzog sich im Lichte der Oeffentlichkeit, unter den Augen des französischen Bolks und der Welt. Und nicht blas unter den Augen des Volks, sondern mit dessen Mitwirkung. Tie französischen Bürger, die der Wahl des neuen Präsidenten im alten Königsschloß zu Versailles beiwohnten, waren nicht un- thätige, ohnmächtige Zuschauer— sie waren mitthätig bei der Handlung, denn sie sind Wähler und Auftraggeber der Deputirten und Senatoren, die im Namen und Auftrag des souveränen Volks den obersten Beamten der Republik Frank- reich zu ernennen haben, welcher der erste ist unter Gleichen. Das französische Staatswesen mit seiner uneingeschränkten Oeffentlichkeit gleicht jenen Bienenstöcken von Krystallglas, die den vollsten Einblick in das Leben und die Arbeit des Bienenvolks gestatten. Es duldet keine Heimlichkeiten. Hämisch bespricht unsere deutsche Polizei- und Philister- presse die Vorgänge in Frankreich, und ergeht sich wieder in der pharisäischen Litanei: Bei uns ist es doch anders! Ja, das ist ausnahmsweise einmal nicht gelogen Ja! Bei uns ist es anders. Bei uns„zahmen* Deutschen ist das„öffentliche Leben* kein öffentliches wie bei den„wilden* Franzosen nnd anderen „wilden* Nationen,, die so wenig polizei-politische Erziehung haben, daß sie sich selbst regieren wollen. Bei uns herrscht für das„öffentliche Leben* der möglichst hermetische Ausschluß der Oeffentlichkeit. Das Deutsche Reich ist keine Republik und wir haben keinen Präsidenten. Dafür haben wir einen Reichs« k a n z l e r, der, die Verschiedenheit in der Stellung eines obersten monarchischen und eines obersten republikanischen Beamten in Rechnung gebracht, eine ähnliche Stellung ein- nimmt, wie der französische Präsident, und eine noch stärkere Regierungsgewalt darstellt, wenn er auch nicht die nämliche politische Gewalt besitzt. Auch bei uns hat ein Wechsel des obersten Beamten stattgefunden. Und die Umstände, unter denen er sich voll- zog und die Umstände, unter denen der Wechsel in Frank reich sich vollzog, fordern zu einer Vergleichung heraus. Dort keine Regung, kein Akt, ja man kann sagen, keine Geberde der Regierung, die nicht von jedem Staats- angehörigen beobachtet, kritisirt und kontrollirt werden könnte. Hier Heimlichkeiten und Geheimnißkrämerei. Hinter verschlossenen Thüren, dem Volke verschlossenen Thüren wird über die Geschicke des Volkes verfügt. Eines Abends legt das deutsche Volk sich zu Bett in dem Glauben, daß der Steuermann fest stehe am Feuilleko». lNachdruck v»boU».j JTrn Exil. 55 Roman von Georges Renard. Autorisirte Uebersetzung von Marie K u n e r t. Und wie wird sie beschaffen sein, die Kunst der Zukunft, Herr Prophet? unterbrach Frau Dösaubiers ihn. Darf man es wissen? Nimm Dich in Acht, jetzt bist Du verloren! flüsterte Cayrolaz seinem Gefährten zu. Aber Rene zuckle die Achseln und erwiderte tapfer, von der Diskussion fort- geriffen: Sie werden verzeihen, Madame, wenn ich Ihnen das, waS noch nicht existirl, nicht mit vollkommener Genauigkeit schildern kann. Aber ich weiß wenigstens, daß diese Kunst einfach und gesund, klar und maßvoll, von Gerechtigkeit und Wahrheit gesättigt, von hochherzigen Sympathien für alles, was leidet und lebt, beseelt sein wird. Und sie wird auch, weil alles dies daraus folgt, in dem Besten, was sie hatte und hat, die Seele des alten und des neuen Frankreich vereinigen. Dieses Glaubensbekenntniß wurde mit einer Verblüfft- heit angehört, der gleich darauf ein wildes Gemirre von Ausrufen, Gelächter, entrüsteten oder spöttischen Be- merkungcn folgre. Renö, der von allen Seiten angegriffen und mit Argumenten bombardirt wurde, wußte nicht mehr, wohin er hören sollte. Im Fluge griff er den Gedanken auf, den zwei seiner Gegner geäußert hatten: Wenn man so absonderliche Ansichten hat, gründet man eine Revue für sich allein und er dachte später varan, daß die„Jugend* nach diesem hitzigen Streit seine Prosa nicht sehr gast- freundlich aufnebmen würde. In dem wachsenden Tumult Staatsruder und daß der Kurs des Reichsschiffes fest vor- gezeichnet sei. Und als anderen Morgens das Volk auf- ivachr, ist der Steuermann über Bord geschwemmt, und treibt das Schiff steuerlos auf den Wellen. Und wer hat den Steuermann von seinem Posten gestoßen? Warum wurde er von seinem Posten gestoßen? Wir können es wohl vermnthen, allein wir wissen es authentisch bis zum heutigen Tag nicht. Ein dichter Schleier des Amts- geheimnisses bedeckt bis ans den heutigen Tag die Ereignisse und Personen, die diesen jähen System- und Personenwechsel herbeiführten. Das Volk wurde nicht befragt, über den Kopf des Volkes hinweg wurde über das Schicksal des Volkes verfügt— ganz als ob wir in China lebten, oder in Rußland. Ganz wie es weiland in der Türkei war, ehe die bittere Roth zu Reformen zwang; oder in dem Reiche des Kalifen zur Zeit von Tausend und Eine Nacht, wo eine Laune des Herrschers den Großvezier zum Hausknecht, den Hausknecht zum Großvezier machte. Fürwahr, nur mit tiefster Beschämung kann der Ver- gleich unserer„zahmen*„Ordnung" mit der„wilden Un- ordnung* dort drüben in Frankreich uns erfüllen. Und ein gar klägliches Schauspiel bieten wir den übrigen Völkern. Freilich, es giebt ja auch einen B e d i e n t e n st o l z, und je niedriger die Bedientengesinnung, desto höher ist sprichwörl- lieh der Bedientenstolz; aber der Sklave, der mit seinen Ketten prahlt, hat auch stets für den verächtlichsten der Menschen gegolten. Und mit Recht. Noch ein anderer Punkr fordert zu Vergleichen auf. Casimir Perier ist gefallen, weil er die Staatsregierung als Partei- fache auffaßte und persönliches Regiment übte. Für Frank- reich hat das Parteiregimcnt und das persönliche Regiment in der Person Casimir Pericr's Schiffbruch gelitten. In Deutschland haben wir, seit der Gründung des Reiches, daS Parteiregiment und das persönliche Regiment in der ausgeprägtesten Form. Nach dem Sturze des Fürsten Bisniarck versuchte dessen Nachfolger, Caprivi, in einem Anfluge von staatsmännischem Verständniß, dieses Re- gierungssystem zu durchbrechen und die Regierung über die Parteien zu stellen. Bei den anormalen Verhältnissen des Deutscheu Reichs, das noch in den Windeln des militäri- scheu Polizei- Absolutismus steckt, konnte der Versuch aber nicht gelingen, und mußte Caprivi zu Fall kommen. Jetzt ist das System der Parteiregierung und des pcrsön- lichcn Regiments in Deutschland schärfer zugespitzt als je. Tie Franzosen sind schneller als die Deutschen. Sie, die„Wilden*, haben sich das System der Parteiregierung und des persönlichen Regiments vom Halse geschafft. Wie lange werden wir, die„Zahmen*, das Joch noch tragen? Ter neue französische Präsident der Republik Frank- reich hat die Bedeutung seiner Wahl wohl erkannt; erbrach feierlich mit dem Prinzip des persönlichen Regiments, und während Casimir Perier im Juni des vorigen Jahres sein Amt als Kampfpräsident gegen die Sozialdemokratie angetreten hatte, betonte sein Nachfolger gestern, daß er mußte er sich fast heiser schreien, um mit seinen Antworten durchzudringen. Glücklicher Weise brachte ein Neuankömmling eine Ablenkung. Es war der Verleger der„jungen* Schule. Man stieß und drängte sich um ihn. Cayrolaz benutzte diese Pause, um Rens vom Kampfplatz fortzuziehen, und kaum war er auf der Straße, als er ihn auch freund- schaftlich ausschalt. Ich werde Dich noch einmal in Gesellschaft führen! Du bist ja der reine Wilde, geh! Du haltest es wohl sehr nöthig, die Theorien und Prätentionen dieser guten jungen Leutchen unbarmherzig zu zerpflücken! Die Hauptsache war für Dich, in ihren Kreis ein- zutreten. Vom Feuer des Kampfes noch erhitzt, nahm Rens Cayrolaz' Worte ganz ernst. Du findest es nicht erbärmlich, daß man die Kunst zum Hebel der Dscadence erniedrigt, daß man die jungen Leute auffordert, den Todtentanz anzuführen? Cayrolaz schnippte nnt den Fingern und antwortete lachend: Ach, ich! Du weißt doch, wie ich auf alle ihre literarischen, philosophischen und sonstigen Ausschneidereien pfeife. Worte! Worte! Worre! Vorausgesetzt, daß meine Literatur mir nur genug Pspetten einbringt!... tu dem Jargon Cayrolaz' bedeuteten Pspetten Gold- ilberstücke. Rens, der dadurch wieder auf den Boden der Wirklichkeit versetzt wurde, hatte nicht die Indiskretion, seinen Kameraden zu fragen, was ihn denn zwang, soviel Pspetten zu verdienen, ihn, der fast nur gut bezahlte Artikel schrieb. Er seufzte nnd schwieg. Nach Hause zurückgekehrt, faßte er seine literarischen Erfahrungen zusammen, und er mußte sich gestehen, daß das Resultat kein glänzendes war. Er war nicht so jeitel, sich für ein neucrstandenes Genie zu halten, aber er hatte auch nicht die Demuth, sich für weniger intelligent als den kein Parteimann sein werde; und während der neugewählte Casimir Perier mit dem Gebrüll blinder Leidenschaft und mit Aufrufen zum Bürgerkriege begrüßt ward, waren die ersten Worte, die Faure gestern aus dem Munde des Senatspräsidentcn begrüßten, Worte der Freiheit und des Friedens. Nicht, daß wir uns Illusionen hingäben! Das goldene Zeitalter der Freiheit und des Friedens ist noch lange nicht gekommen. Ter Kapitalismus ist in Frankreich noch zu mächtig, um ein ruhiges„Hineinwachsen der Gesellschaft in den Sozialismus* zu' gestalten. Wäre dem anders, so würde nicht Faure, sondern Brisson zum Präsidenten gewählt worden sein— Brisson, der zwar nicht Sozialist ist, aber die Nothwendigkeit des Sozialismus, wenigstens die Nothwendigkeit, ihm freie Bahn zu lassen, begriffen hat. Faure wird den Einflüssen des Kapitalismus nicht auf die Dauer zu widerstehen vermögen, und wohl oder übel in das Parteiregiment und die Kampf« Politik hincingerissen werden. Aber er verfügt nicht mehr über die gleichen Kampfmittel wie Casimir Perier; und selbst wenn im Laufe der Weiterentwicklung der Dinge, die offene Diktatur proklamirt würde, so hätte der neue Präsident doch auch nicht annähernd die Macht seines Vorgängers. „Wer immer von dem Kongreß— den vereinigten Deputirten und Senatoren|— zum Präsidenten gewählt wird— schrieb unser Genosse Fourniäre un- mittelbar vor der Präsidentenwahl in der„Petite Röpnblique'— wer immer zum Präsidenten gewählt wird, er kann nur der Liquidation, nicht einer Partei, sondern eines Regierungssystems präsidiren. Die Revo- lution ist ini Marsch; nichts wird sie aushalte n." PoUUVÄie AeberNrttt. Berlin, den 13. Januar. Ans dem Reichstage. Die Debatte über die Aende» rung der Slrafprozeß-Ordnung wurde heute noch während der ganzen Sitzung fortgesetzt und trotzdem nicht zu Ende gebracht, so daß der Gegenstand auch morgen an erster Stelle auf der Tagesordnuug steht und das parlamentarische Tagewerk dieser Woche wohl mit ihr abgeschlossen werden dürfte. Als erster Redner ergriff heute der Abgeordnete Lenzmann das Wort, der besonders in dem ersten Theile seiner Rede auf die Verhältnisse bei unseren Gerichten, die sogenannte Unabhängigkeit der Richter, den übermäßigen Einfluß der Staatsanwälte, die Versuche, die Berthe idigung zu beschränken und den Vcrlheidiger selbst als überflüssige und lästige Beigabe zu behandeln, recht interessante Streif- lichter fallen ließ. Der freisinnige Redner hob besonders auch hervor, wie der„Reservelicutenant" und das Interesse an der militärischen Rangliste auch in den richter- Durchschnitt derer, die er zu Erfolgen gelangen sah, anzu- sehen. Warum war er denn dazu verurtheilt, unaufhörlich nur ein Pflanzenleben zu führen? Erfühlte, er sah es: er ivar das Opfer seiner Ideen. Er besaß eine Seele, die erst morgen oder übermorgen auf Verständniß hoffen durfte. Wehe denen, die zu früh geboren sind, die ihrer Zeit voran- schreiten, die so durch den Zufall ihrem wahren sittlichen Klima ferngehalten werden! Renö gehörte einer dem Unter» gang geweihten Vorhut an, er war einer von denen, welche die militärische Sprache so treffend als„verlorene Posten* bezeichnet..... Jndeß, was sollte er thuu? Man kann nicht glauben, was man will; und dazu zu sagen, was er nicht dachte, fehlte Rens die Dreistigkeit. Ach, wenn er doch zehn oder fünf- zehn Jahre warten konnte! Dann war er vielleicht von der großen Masse der Armen eingeholt, dann hatte sich die Gunst des Publikums den Wahrheiten zugewandt, die er hochhielt. Allein, würde er diesen späten Glückstag noch erleben? Er hatte düstere Vorahnungen, er empfand Furcht davor, zu sterben, bevor dieses zweite Exil, das ihn in seinem eigenen Lande traf, sein Ende erreicht hatte.... Dann wurde er wieder ruhiger.... Besaß er nicht noch Kräfte zum Kampf und sein fast gesichertes tägliches Brot? Und mit einer heftigen Bewegung, ähnlich der, mit welcher ein muthigcr Renner den Kopf wirft, verbannte er die feige Muthlosigkeit weit von sich und wiederholte hartnäckig entschlossen: Es gilt auszuharren! Es gilt auszuharren! XII. Um diese Zeit schien das Leben, das auch den am meisten vom Mißgeschick Verfolgten zuweilen zulächelt und sanfte Launen zeigt, gütiger gegen Rens. Seine Stellung bei dem„Unparteiischen* wurde besser. Er hatte einige Artikel veröffentlicht, die bemerkt worden waren und erhielt nun das Recht zu zeichnen, die Ehre, seineu Namen auf dem Hauptblatte zu sehen. Da sein Gehalt erhöht worden war, so zog auch wieder etwas Wohlstand in das kleine Heim licheu Kreisen immer mehr überwllchere, so daß der Militarismus auch bei Jüngern der Thenns an erster und die Justiz erst an zweiter Stelle rangire. Natürlich suchte der neue Justizmiliister diese„Ueber- treibungen" zn widerlegen, gelungen ist ihm dies aber nicht, Das was die weitereu Redner vorzubringen hatten, war von weniger Interesse und bezog sich meist auf Fach- fragen und technische Einzelheiten. Die Abgeordneten selbst treiben sich schaarcnweis in den Vorhallen herum, während im Saale zeitweise kaum drei Dutzend Zuhörer anwesend sind. Da der von unserer Fraktion als Redner bestimmte Abgeordnete v. Vollmar plötzlich unpäßlich geworden ist, wird an. seiner Statt morgen Erillenberger reden.— BnndcSrath. In der am Donnerstag, den 17. d. M., abgehaltenen Plenarsitzung des Bundeßraths wurde der Gesetz- entwurf wegen Abänderung des Zollvereinigungs-Vertrags vom 8. Juli 1867 und ein Antrag, betreffend die Besetzung von vier Rathsstelle» bei dem Reichsgericht, den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Neber eine Hingabe, detreffend die Handhabung des Bau-Unfallversicherungsgesetzes vom 11. Juli 1837, wurde Be- schlufj gefaßt. Außerdem wurde» Eingaben vorgelegt.— Ueber die angebliche Ministerkrifis äußert sich der »Reichs-Anzeiger" heute. Er schreibt: „In der Presse tauchen seit einiger Zeit stets von neuem Gerüchte über angebliche Veränderungen im Staatsministerium auf. Dieselbe» entbehren jeder Begründung und müssen um so entschiedener zurückgewiesen werden, als die frivole Verbreitung solcher Verinuthungen geeignet ist, das Ansehen der Regierung zu schädigen." Das offizielle Blatt, das mit seinen Nichtigstellmige» Wochen hindurch zögerte, das ruhig zusieht, wie ungeschickt in der Köller'schen Korrespondenz die Mittheilungen über die Ministerkrifis in Abrede gestellt iverden, hat keinerlei Veranlassung, sich über die Frivolität anderer Zeitungen zn entrüsten. Ist sein Zorn gerechtfertigt, dann fällt der Vor- wurf der Frivolität ans den„Rcichs-Anzeiger" zurück, weil er so lange einer auch von ernsthaften Zeitungen gebrachten Nachricht gegenüber geschwiegen hat.— Die Umsturzdebatte». Die Sozialdemokraten sind die einzigen, die mit dem Verlaufe der Debatten über die Umsturzvorlage der Regierung zufrieden sind, vollauf be- friedigt einerseits von den Reden ihrer Vertreter und andererseits triumphircitd über die Kläglichkeit der Reden, welche zur Vertheidignng der Unistnrzbekämpfung gehalten wurden. Hieraus erklärt es sich, daß auch blos unsere Partei Anlaß hat, die Reichstags-Verhandlungcn über die Umsturzvorlage in Massen zn verbreiten. Soeben erschien der erste Theil des stenographischen Berichtes, der von der Buchhandlung des �.Vorwärts" herausgegeben ist. Er enthält die Regierungsvorlage und die Motive, die Reden Nieberding's, Au er's, Stumm's, die zweite Rede Nieberdings und den Anfang der Rede Limburg-Stirum's. Das zweite Heft wird in den nächsten Tagen erscheinen. Das erste Heft(112 Seiten groß Octav, in schöner Ausstattung) kostet, blos 15 Pfennige. Wir wünschen im Interesse der Partei, daß es die weiteste Verbreitung findet. Wir glauben, daß die Herren Nieberding und Stumm kaum Freude darüber empfinden werden, daß ihre Reden von den Sozialdemokraten in Massenauflagen verbreitet werden.— Die Besteuerung der Eiseubahu-Fahrkarten durch das Reich soll von der preußischen und bayerischen Re- gierung geplant sein. Wir leben im Zeitalter des Verkehrs!— Tie Tabak- Ffabrikatsteuer, deren Entwurf im Herbste 1893 so leicht und schlank aus.dem Bundesrathe heraussprang, begegnet diesmal fortgesetzt erheblichen Schwierigkeiten. Der„Hamb. Korrcsp." schreibt über die Aussichten der Vorlage das folgende: Unsere Meldung, daß der Eiiigangszoll für Tabak in der im Bundesrathe abgeänderten Tabaksteuer- Vorlage von 40 M. auf 45 M.— gemäß dem süddeutschen Antrage— erhöht worden ist, wird der„Schles. Zlg" mit dem Hinzufügen bestätigt,„daß diese Erhöhung des Zollsatzes bei der ersten Lesung in den Bundesraths-Ausschüsjen gegen die Stimmen nicht nur Sachsens und der Hansa st ädte, sondern auch in der Rue Tiquetonne ein, wo man bisher nur durch Wunder der Sparsamkeit die Roth abgcivendet hatte. Der Direktor der Zeitung, Herr Isaak Bernheim, war ein vorsichtiger Mann, der seine Börse zu öffnen ivnßte, wenn er auf ein noch unbekanntes Talent stieß, das geeignet schien, die Leser anzuziehen. Er betrachtete das als eine Kapital- einlage; eines Tages würde er schon die Zinsen seines Geldes einzuziehen wissen. Nachdem er einmal über- zeugt war, das sich aus Rene etwas machen ließ, sparte er iveder Komplimente noch Versprechungen, und so konnte der J'unge Mann wenigstens für einige Monate nicht nur die jefriedigung, die eine ausgedehntere Thätigkeit giebt, sondern auch vor allem daS kräftigende Bewußtsein des Er- solges genießen, das ihm so nöthig war, um das Gefühl seines Werthes zu festigen. Endlich einmal schwellte der Wind seine Segel. Eines Morgens im März ließ der Direktor ihn zu sich rufen. Zunächst beglückwünschte er ihn und wieder- hollte ihm, daß er binnen kurzem durch einen vortheilhaften Kontrakt an die Zeitung gefesselt werden würde. Inzwischen habe er ihm einen vertraulichen Auftrag zu geben. Er habe soeben erfahren, daß die Diskontobank, die schlecht verwaltet würde, in gefährliche Spekulationen, die nach den Statuten verboten seien, verwickelt wäre. Eine Katastrophe, die auf den Staalskredit nachtheilig wirken könne, sei zu befürchten. Es handelte sich nun darum, eine Untersuchung anzustellen. Beweise zu sannneln und dem Publikum die Gefahr zu enthüllen. Rens sei in seiner Eigenschaft als Jurist mehr geeignet als irgend jemand anders, eine so verwickelte Angelegenheit zu ent- wirren. Die Aufgabe sei delikat, aber sie biete auch eine schöne Gelegenheit, seinen Namen bekannt zu nmchen. Indessen will ich Ihnen nicht verhehlen, fügte Herr Bernheim hinzu, daß Sie hochstehende Persönlichkeiten an- zugreisen haben. Sie werden Zorn und heftige Feindseligkeiten erregen. Fürchten Sie sich davor, sich in die Sache eimulasse»? Noch ist es Zeit, vorsichtig zn sein und sich zurückzuziehen.,,, m Rens hätte sich geschämt, wenn er einem solchen Beweg- grund nachgegeben hätte. Er liebte die Großfinanz nicht; er hielt sie, wenn auch nicht für die Ursache, so doch wenigstens für die stärkste Verkörperung der Geldherrschaft, für die faulste Stelle an, Körper der von der Korruption angefressenen zeitgenössischen Gesellschaft. Mit Leiden- Preußens angenommen worden ist". Es ist noch nicht bekannt, ob Preußen auf diesem Standpunkt verharren und sich endgiltig majorisiren lasten will. Sehr richtig bemerkt die„Kreuz- Zeitung",„daß eine solche einseitige/ Erhöhung des Zolles für dieTabaki n du st rie Norddeutschlands insbesondere Westfalens geradezu vernichtend wirken müßte." Tie„Germania" schließt sich diesem Urtheile an. Welcher Ausweg aus diesen Schwierigkeiten im Bundesrathe gewählt werden wird, ist noch ungewiß; es scheint, daß eine gleichzeitige Herabsetzung der bisher in Aussicht genommenen Steuersätze zunächst in Frage kommt. Ob dadurch die Vorlage. die trotz aller Meinungsverschiedenheiten im Schöße der ver- kündeten Regierungen sicher zn stände kommen wird, dem Reichs- rage schmackhafter erscheint, halten wir für sehr zweifelhaft. Kundige Parlamentarier erachten bekanntlich die Aussichten der Tabakfabrikat-Steuer im Reichstage für ä u ß e r ft g e r i n g.— Als künftiger Nnterstantssekretär der landivirth- schastlichen Abtheilnug des Ministeriums in Elsaß- Lothringen ist, wie wir schon vor einigen Tagen meldeten, der Reichstags- Abgeordnete Zorn von Bulach in Aussicht genommen. Er ist der Hauptführer der r e i ch s- l ä u d i s ch e n A g r a r i e r p a r t e i. Die agrarischen Grundsätze genügen jetzt wieder einmal, wie es scheint, als Befähigungsnachweis für höhere Staatsämter.— Ritterliche Kauipfesweise. I» Tortmund ist ein junger 21 jähriger Mann wegen eines sogenannten„Dynamit- Attentats" zu zehn Jahren Zuchthaus verurtheilt worden. Auf die Frage des Präsidenten soll der Jüngling erklärt haben:„Ja, ich bin Sozialdemokrat; aber Anarchist bin ich noch nicht." Dieser Vorgang regt die„Kreuz- Zeitung" zu folgender Betrachtung an: „Der Vorgong, sagt sie, sollle doch auch den Blödeste» die Augen öffne», wohin wir steuern, wenn nicht bald den B e- Hörden schärfere Mittel in die Hand gegebe» werden, mit � denen sie den sozialdemokratischen Bestrebungen nachdrücklicher als bisher entgegentreten können, und was es mit der Behauptung der Sozialdemokraten auf sich hat, daß die Gesellschaft allmälig in den ZukunflSstaat hineinwachsen würde. Die sozialbcmokralische„Rheinisch-weslsälische Arbeiter-Zeilung" sucht natürlich den„Genossen" Wecker zu verleugnen, und das- selbe werden voraussichtlich die sozialdemokralischen Vertreter im Reichslag auch thun. Nachdem aber Wecker bekannt hat, daß er Sozialdemokrat, aber noch kein Anarchist sei, nachdem festgestellt ist, daß er mehrere Monate bei den Führern der Uima'er Sozialdemokraten gewohnt hat, und daß diese um sein verbrecherisches Vorhaben gewußt haben, da wird es nicht gelingen, Wecker von den Iiockschößen abzuschütteln." Das ist so recht die Kampfesiveise der Kämpen für Reaktion in jeder Gestalt. Mögen alle, die befugt sind, für die Sozialdemokratie Erklärungen abzugeben, mag unsere gesammte Parteiliteratnr seit Gründung der Partei sagen ivas sie wollen: kommt ein junges Bürschchen daher, das sich für einen Sozialdemokraten halten mag, und legt irgend jemandem(ohne den geringsten Schaden anzurichten) eine Gelatine- Patrone unters Fenster,— flugs verlangen die Herren der Reaktion„schärfere Mittel" für die Behörden, damit„den sozialdemokratischen Bestrebungen" nachdrücklicher entgegengetreten werden könne.— Das nennt mau„ritterliche Kampfesweise"!— Der neue Präsident der französischen Nepnblik, Herr Felix Faure, ist ein unbedeutender und wenig bekannter Mensch. Dieser Thatsache verdankt er wohl auch zum Theil seine Wahl. Ein Mann, für den, aber gegen den nicht viel vorzubringen ist, dessen Reichthum eine Garantie zu bieten schien, daß er sich an Sraatseigenthnm nicht ver- griffen hat, konnte leichter gewählt werden, als politisch prononzirte Persönlichkeiten, ihm konnten auch leichter die Stimmen der Monarchisten z n f a l l e n. Da es so recht bezeichnend ist, daß Herr Faure bisher ein ganz unbekannter Mann war, werden rührende Geschichten von ihm erzählt, so daß er sich vom einfachen Lohnarbeiter in einer Gerberei zu einem der reichsten Schiffsrhcder und Fabrikanten herauf- gearbeitet habe. Leider verschweigen die bürgerlichen Blätter, wie das dem Manne in der kapitalistischen Gesellschaft ge- langen ist. Tie einfache Wahrheit ist jedenfalls die, daß Herr Faure, der Sohn eines reichen Gerbcreibesitzers ist, den sein Vater gezwungen hat, kurze Zeit ini Geschäftsbetriebe thätig zu sein, damit er später bei Leitung des Geschäftes vom Betriebe desselben eine Ahnung habe. Komisch berührt es, wenn schaft schlug er also den Weg ein, den man ihm wies. In wenigen Tagen hatte er einen Stoß von Aktenstücken zu- sammengetragen, welche die sträfliche Leichtfertigkeit der Administratur bewiesen, und im Einverständmß mit seinem Direktor begann er den Feldzng. Schon der erste Artikel, obgleich er die Sache erst einleitend behandelte, erregte Sensation und wurde von drei oder vier Pariser Blättern nachgedruckt. Bravo! sagte der Direktor zu ihm, nur weiter so! Der zweite, der schärfere Angriffe enlhielt, verursachte Unruhe an der Börse und auf dem Boulevard. Rene hörte, wie er komnientirt und diskntirt wurde. Er hatre das Ver- gnügen, die Entrüstung eines ministeriellen Blattes zu er- regen. Er schrieb seinen dritten Artikel, der den nn- widerleglicheu Beweis für die von ihm erhobenen Anklagen enthielt, nnt Lust und Liebe zur Sache und trug ihn schleunigst nach der Zeitung. Herr Bernheim fragt nach Ihnen, wurde ihm schon beim Eintritt gesagti Rens trat freudig erregt in fein Kabinet. Er war erstaunt, als er ein ärgerliches, verdrießliches Gesicht vor sich sah, das er sich nicht gleich zn erklären wußte. Herr Bernheim besaß in seinem hageren, gelblichen Gesicht wahre Raubvogel-Augcn, doch ihren charakteristischen Ausdruck erhielten seine Zügs dura, eine sehr lange, ge- bogene Nase, die sich bei jeder lebhaften Erregung bewegte. Au diesem Morgen zilterlc die verrälherische Nase sichtlich. Zeigen Sie mir Ihren Artikel, sagte der Direktor mit eisiger Miene. Er las ihn langsam, indem er dabei die Augenbrauen zusammenzog, dann sagte er mit Anstrengung, aber doch in entschiedenem Tone: Es thut mir leid, Ihr Artikel kann nicht veröffentlicht werden. Und warum nicht? fragte Rens, der wie aus den Wolken gefallen war. Ist irgend eine Stelle noch schärfer auszudrücken, irgend ein Argument besser hervorzuheben?' Alan antwortete ihm nur durch eine verneinende Be- wegung des Kopfes. Handelt es sich darum, einen Ausdruck zu mildern? Nein, nichts von allem. Der Inhalt müßte geändert werden. Der„Unparteiische" muß aus höheren Gründen nunmehr jeden Angriff auf die Diskontobank ausgeben. (Fortsetzung folgt.) die gegnerische Presse in Deutschland und Frankreich den sozialistischen Abgeordneten daraus einen Vorwurf macht, daß sie für den ehemaligen„Eerbergesellen" nicht gestinnnt haben. Wäre Herr Faure wirklich aus dem Proletariate hervorgegangen, so würde er erst recht keine � sozialistische Stimme erhalten haben, da er in seiner politischen Thätig- keit immer die Interessen der Großbourgeoisie vertreten hat, also ein Gegner der Klasse wurde, aus der er angeblich hervorgegangen ist. Ueber seinen Lebenslauf liegen folgende Angaben vor: Er ist ein reicher Schiffbauer aus Havre und soll ein jährliches Einkommen von 100 000 M. haben, er war auch früher Präsident der dortigen Handelskammer. Er kam im Jahre 1881 ins Parlament und wurde dem Ministerium Gambetta als Unter-Staatssekretär für Handel eingereiht. Die gleiche Stellung bekleidete er im Ministerium Fcrry und im Ministerium Tirard; vom Jahre 1888 an war er Unter-Staatssekretär für die Kolonien. Als Abgeordneter interessirte er sich überhaupt für die Fragen des Handels und der Kolonien. In dem ehemals gambettistischen Kreise, der jetzt noch in der Kammer eine große Rolle spielt, ist Felix Faure sehr geachtet. Er fungirte auch früher als Vizepräsident der Kammer.— Aus die Glückwünsche des Senatspräsidenten antwortete der neue Präsident der Republik: Ich bin von der bohen Ehre, welche die National- versamrnlnug mir erwiesen hak, tief ergriffen. Ich habe die hohe Mission, die Sie mir übertragen haben, nicht ge- sucht, ubernehme sie aber trotzdem mir hoher Erkenntlich- keil der Pflichten, welche sie mir auferlegt. Ich werde alle ineine Thalkraft, alle meine Hingabe der Erfüllung meiner Auf- gäbe widmen. Von jetzt an höre ich auf, einer Partei anz»- gehören, um der Schiedsrichter zwischen allen zu werden. In diesem Geiste appellire ich an die Mitwirkung aller Vertreter der Nation, ohne Unterschied der republilanffchen Ansichten. Wir werden uns stets in dem gemeinsamen Bestreben begegnen. ivelches die Liebe zum Vaterlande, die Hingabe an die Republik und die Sorge für das Geschick aller unserer Mit- bürger, besonders der armen und niedrig gestellten, uns eingeben werden." Die Bcnrthcilung der Wahl in Paris. Die Blätter der gemäßigten und der republikanischen Partei begrüßen die Wahl Felix Faure's zum Präsidenten der Republik wohlwollend. Das„Journal des Debats" hebt hervor, Faure sei von gemäßigt liberalem Geiste und von klarem, sicherem Berstande. Der Kongreß habe die Geschicke Frankreichs in gute Hände gelegt.— Der„Figaro" sagt, die Wahl Faure's, eines gemäßigleii, rechtschaffenen und arbeit- samen Mannes, werde von allen denen wohlwollend aufgenommen werde», welche eine Beruhigung und Eintracht wünschen.— „Le Siöcle" weist darauf hin, daß Felix Faure einer der über- zcugtesten Freihändler der Deputirtenkammer war.—„Le Soleil" meint, der Kongreß habe weise gehandelt, indem er Faure wählte, da dieser die»leisten Garantien für die Aufrecht- erhaltung der Ordnung in» Innern und für das Ansehen Frank- reichs nach außen hin biete.— Die Blätter der radikalen wie der sozialistischen Partei sind der Ansicht, die Wahl Felix Faure's lasse die zweideutige Unbeständigkeit fort- bestehen, an welcher die Republik leide. Der„Nadical" meint, es sei immer die Politik eines neuen Geistes, welche zur Herrschast gelaugt.„La Lanterne" hebt hervor, mit Felix Faure beginne eine Aera der heftigen Reaktion; wo Casimir Pener Schiffbruch gelitte», werde auch Faure scheitern.—„Petite Republique" meint, der Neugeivählte sei nicht ein Präsident, sondern ei» Fignrant; die sozialistische Partei brauche sich ivegen der Wahl eines Mannes nicht zn beunruhigen, der weder Charakter noch auch einen Werth habe. Das Kabinet Dupuy Hot nun auch dem neue» Präsidenten seine Demission eingereicht. Man erwartet, daß ein aus Mitgliedern des alten Kabinets und einigen gemäßigten Republikanern zusammengesetztes Mtiiisterium demnächst ge- bildet werden wird.— Die französischen Thronpräteudenten scheinen von der Aussichtslosigkeit ihrer Ansprüche und von der inneren Befestigung der Republik mit der Zeit doch überzeugt worden zu sein. Die bonapartistischen Richtungen haben deshalb aus Ülnlaß des Rücktritts Casimir Perier's keine Aktion unter- nommen, obgleich doch das Manifest Perier's mit seinen zahl- reichen Auswürfen gegen die republikanische Regierungssorm Gelegenheit zum Kampfe gegen die Staatsform gegeben hätte. Nur der junge Herzog von Orleans ist mit einem Manifest ans der Bildfläche erschienen, und zwar so zeitlich und in so engcm Anschluß an die Erklärung Perier's, daß der Verdacht nicht ausgeschloffen ist, daß Herr Pcrier, der Enkel des Ministers Lonis Philippe's, dessen Urenkel schon vorher von seinen Absichten benachrichtigt hat. Ans dem Phrasenschwatt des Manifestes heben wir die folgenden Sätze zur Erheiterung der Leser hervor: Die Vorsehung hat mir, als sie mich zum Repräsentanten der Monarchie machte, ein schweres Vermächtniß auferlegt. Aber an dem Tage, an welchem mein Land mich rufen wird, werde ich in Ihnen das Vertrauen und i» meiner Hingebung an das Land die Kraft finden, meine Aufgabe ganz und bis ans Ziel zu erfüllen. Mein Leben und mein Blnt gehören Frankreich, dem Frankreich, das»leine Vorfahren groß und geachtet gemacht haben. Das wird das Werk der Zukunft sein. Die Monarchie scheint trotz aller dummen Streiche der Republikaner in Frankreich keine Aussichten mehr zu haben.— Ein Wahlsieg in England. Man schreibt uns aus London: Bei den Schulrathswahle» in Northampton wurde Genosse Dr. Stanto» mit 4956 Stimmen und außerdem Genosse E. L. Paulton gewählt. Italiens koloniale Schwierigkeiten. Aus der einzigen Kolonie Italiens iverden von Offiziösen fortwährend«ntgillige Siege gemeldet. Es scheint aber für die Italiener schlechter zu stehen, als die offiziöse Beleuchtung es erkennen läßt, bestätigt doch eine italienische Mililärzeitung, daß die Regierung beschlossen hat, als Vorsichtsmaßregel weitere Bataillone Infanterie, welchen wahrscheinlich einige Gebirgskanonen beigegeben werden, nach Maffauah zu entsenden.— Das Blutbad in Kroze(Russisch-Polen) soll doch ein« kleine Sühne erfahren. Die„Frankfurter Zeitung" meldet wenigstens aus Peters- bürg, daß der Kaiser eine Untersuchung der Thätigkeit des früheren Gcneralgouverneurs von Wilna, Orsiewski, angeordnet habe. Tie Ueberwachung der Untersuchung sei dem Justiz- minister Murawiew übertragen worden. Alle vom Kriegsgericht in Wilna vcrurtheilten Bewohner Kroze's seien vom Kaiser begnadig: worden.— Chinesisch- japanischer Krieg. Ueber die Folgen des Krieges schreibt die„Franks. Ztg.":„Die ans der Mandschurei in Tientsin eintreffenden Chinesen erzählen, daß es in dem Land« zwischen den Flüsse» Ialu und Liao Ho grauenhaft aussehe. Die volkreiche Gegend sei menschenleer geworden; es steht kein Haus mehr und selbst die Balken derselben seien verbrannt. Städte und Dörfer hätten keine Spur von Leben mehr und ganze Einwohnerschaften seien todt. Hier und da sehe man gruppen« weise erfrorene Leichname, wahrscheinlich seien es ganze Familiew Weder Nahrungsmittel, noch Brennmarerial seien zu kaufen. Die ckinefischen Deserleure, die sich in die Berge und Wälder geflüchlet bärten, seien Räuber und hätten alles menschliche Gefühl verloren. Die Leiden der Verwundeten seien schrecklich. Sowohl die chinesischen. wie die japanischen Armeen litten unter Proviantmangel. Selbst den stumpisinnigen Chinesen werde der Anblick solcher Roth zu stark." Nach einer Meldung der„Times" aus Peking ist General Wei am 16. d. M. hingerichtet worden. Demselben Blatt wird aus Hiogo gemeldet: die japanischen Truppen haben eine äußerst starke Abtheilung der Tonghaks vollständig geschlagen, 30(5 von ihnen getödtet und die übrigen zerstreut. Das Reuter'sche Bureau meldet aus Jokohama: Nach einer Depesche des Generals Nodzu aus Käiping, den lö. ds., befinden sich in der dortigen Umgegend 41 feindliche Regimenter. Der Kommandeur der dritten Division berichtet, eine feindliche Ab- theilung sei in südwestlicher Richtung von Daburiusai vorgerückt, 2060 Mann befänden sich mit S Feldgeschützen in Kistu Tokoku.— Siamesisches Parlament. Das durch seine Verwicklungen mit Frankreich mehr in den Gesichtskreis der europäischen Politik gezogene hinlerindische Kaiserreich erhält jetzt, wie ein amtlicher Erlaß des Königs mittheilt, ein Parlament, unter dem Namen gesetzgebender Rath. Derselbe soll am 24. d. M. zum ersten Male zusammentreten.— Der LiittZcher Anarchisten-Prozeß. (Sitzung vom Donnerstag Vormittag.) W e st k a in p leugnet, an dem Raub von Clevron theil- ginvunnen zu haben, trotz der bestiinniten Anklagen von Müller und Broich, die seit der Verhaftung unter sich keine Verbindung halten. Er giebt entschiedene Erklärungen ab, um die An- schnldigungen von Müller und Broich zurückzuweisen und um den Gendarmen, der ihn von Chevron weggeführt hat, zu wider- legen. Westkamp leugnet alles, indem er die Anklagen, die ihn belasten, auf seine Mitangeklagten zurückweist, ohne jedoch irgend etwas bestimniler zu behaupten. Immer sagt er, er meint, er glaubt, er nimmt an u. s.>v. Er weicht aber geschickt den Fallen aus, die ihm beim Verhör gestellt werden. Westkamp behauptet, nicht in Maastricht gewesen zu sein, ob- gleich der Russe das Gegentheil behauptet und verschiedene Per- sonen ihn in Maastricht gesehen haben wollen.' Er gesteht zu, bei Poulet gewesen zu sein und dort Leblanc getrosten zu haben. Bei dieser Gelegenheit soll Leblanc gesagt haben, daß der Koffer des Russen bei Müller niit Beschlag belegt worden sei und daß Müller sofort nach Maastricht abreisen solle. Westkamp giebt vor, den ganzen Tag. an dem das Attentat bei Renson staltfand, gearbeitet zu haben. Erst später sei er ausgegangen. Er will ganz genau sein Alibi nachweisen. Er sagt jetzt genau das gleiche aus, wie er beim Unlersuchungs- richter bekundet hat. Energisch beftrettet er, daß bei ihm eine Zusammenkunft stattgefunden habe, in der man sich über Aus- sagen im Fall der Verhaftung geeinigt habe. Es ist richtig, daß man häufig zu ihm kam; aber er arbeitete sowohl Sonntags wie Wochentags und kümmerte sich wenig nm andere. Er wisse nicht, daß zu ihm Aufrufe ge- bracht worden seien, und er habe dieselben nicht vertheilt. Die Mitangeklagten Verbist und Joris behauptet er nicht zu kennen. Bergb will er seit Jahren nicht gesehen haben. Eine lange Devatte entwickelt sich darüber, ob Müller in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai bei Westkamp logirt habe. Müller und Bach bestreiten dies. Westkamp bejaht es. Er erklärt außerordentlich selten chei Schlebach gewesen zu sein. Er hat die Bekanntschaft des Müller bei Wille gemacht, aber rvenig Beziehung mit ihm gehabt. Müller ist von Westkamp zu mir gezogen, um mich um meine Ersparnisse zu bringen. Er selbsd war selten bei Westkamp, obgleich sämmtliche Zeugen das Gegentheil bekunde». Er behauptet, nicht mal die Adresse von Westkamp zu Zeilen gekannt zu haben. Broich und Müller be- schuldigt er, ihm aus Rache in diesen Prozeß verwickelt zu haben. Gearbeitet habe er in Chevron. Dynamit habe er nie besessen, obgleich der Russe behauptet, ihn von„Theodor", das ist der Vorname Vossem's, erhalten zu haben. Er selbst war nie Sozialist oder Anarchist. Er sei doch auch nicht der einzige Mensch mit dem Vornamen Theodor. Ter Russe hat sich ge- weigert, dem russischen Untersuchungsrichter mehr zu sagen, als den Vornamen. Vossem bestreitet alle Bekundungen Müllcr's, indem er sagt, Müller könne viel reden; ich weiß von nichts. An dem Tage, a» dem das Attentat Berard passirte, habe er bis Mitternacht bei dem Fuhrmann Karlen gespielt, dessen Namen er sich nicht erinnere. Vossem leugnet, Müller ei» Papier mit der Adresse des Generals Londot gezeigt zu haben. Er bestreitet alle An- schuldigungen Müller's und des Russen, obgleich die beiden voll- ständig zusammenstiimne». Das Ehepaar Schlebach erklärt, Vossem niemals bei sich gesehen zu haben. Vossem erklärt, nicht einmal von der Existenz des Russen etwas gewußt zu haben. Müller beschuldigt ihn, im Kohlenbergwerk La Haye eine Schachtel mit Zündern verborgen zu haben. Diese Schachtel wurde wieder gefunden. Es ist unmöglich, daß Müller sie dort verborgen habe, weil er niemals dort gearbeitet hat. Außerdem werden derartige Kapseln, die vollständig n>it denen der Theaterbombe übereinstimmen, von jenem Kohlenbergwerk nicht benützt. Er gesteht zu, feinen Schwiegervater beauftragt zu haben, Revolverpatronen r» die Maas zu werfen, nicht aber Dynamit. Müller habe ihm gesagt, daß er der Anstifter des Attentats Renson sei. Dieses Geständniß wurde in dem Zimmer von Vossem an dem Sonntag Mitlag gemacht, an dem Müller ver- hastet wurde. Dieser soll zu Müller gesagt haben, daß die Bombe von St. Jaques von ihm unter ungünstigen Umständen gelegt worden sei, und daß die bei Renson niedergelegte für den Richter Renson bestimmt gewesen sei. Müller ärgert sich über die Aussagen Vossem's und erklärt, daß Vossem der beste Helfershelfer des Russen gewesen sei. Ohne diesen hätte der Russe niemals Dynamit nach Lüttich be- kommen. Müller beschuldigt energisch Vossem, daß er ihn kom- promitliren wolle, weil er gegen ihn ausgesagt habe. Es beginnt «in langes, erregtes Zwiegespräch zwischen den beiden An- geklagten, zu dessen Schluß Müller noch einmal erklärt, daß Vossem und der Russe die Bombe von St. Jacques gemacht haben. Vossem erklärt, deshalb nicht früher seine heutigen Er- klärungen abgegeben zu haben, weil nian ihm die Aushebung der Untersuchungshaft verweigert habe. Die weiteren Aussagen von Vossem sind so unbestimmt, daß auf eine gewisse Verwirrung bei ihm zu schließen ist. Verhör Wilke's. Der Angeklagte gesteht zu, die Mehr- zahl der Angeschuldigten gekannt zu haben, aber er verwahrt sich eiuschieden dagegen, in Chevron Dynamit gestohlen zu haben. Als Anarchisten will er blos Bach kennen, niemals aber mit ihm «in Komplott geschmiedet zu haben. Er bestreitet auch jemals «inen aus die Anklage sich beziehenden Brief aus England erhallen zu haben. Nachmittags-Sitzung. Das Verhör Wilke's>vird fortgesetzt. Er wird über einen Franken angeboten zu haben, falls er eingestehe niit den anderen in Chevrn gewesen zu sein. Wille bestätigt den Inhalt des Briefes. Präsident: Müller beschuldigt Sie, am 3. Mai mit Westkamp und ihm am Platze d'Avrdy gewesen zu sein, um das Attentat in der Friedenstraßs auszuführen. Wille: Es ist leicdt, falsche Zeugenaussagen zu veranlassen. Am 3. Mai habe ich um lOVs Uhr Westkamp verlassen. Präsident: Sie waren also am 6. Mai nicht bei Westkamp? Wilke leugnet dies und nennt Müller einen Verleumder. Er bestreitet, daß Westkanip ihm vom Versteck der Zünder etivas gesagt habe. Er hatte nicht gewagt, zu ihm von Dynamit zu sprechen, wußte doch Westkamp, daß er Sozialist sei. Hierauf giebt er Rechenschaft darüber, wie er seine Zeit verbracht habe. Broich und Müller behalten ihre Aussage, daß Wilke in Chevron gewesen sei, aufrecht. Der Angeklagte Verbist erklärt hierauf, mit den Atten- täte» gar nichts gemein zu haben. Betreffs des Attentats von St. Jacquet äußert Berg und Jooris das gleiche. Hierauf folgt das Verhör Leblanc's. Er leugnet Anarchist zu sein. Die Bekanntschaft des Russen habe er bei Bouc gemacht. Der Russe erhielt Geldbriefe von der russi- s ch e n G e s a n d s ch a f t in Paris. Er schrieb oft an die Adresse 83 Rue de Grenelle. Leblanc behauptet, mit dem Russen weniger verkehrt zu haben, wenn derselbe seine anarchistischen Ideen betonte. Präsident: Damit steht doch in Widerspruch und deutet auf besondere Intimität hin, daß Sie zwei Uhren versetzt haben, uni ihm Geld zu verschaffen? Angeklagter: Er war mir Geld schuldig, und drang in mich, ihm noch mehr zu verschaffen. Präsident: Am 24. April schrieben Sie an Lucas, sich vor dem Russen zu hüten, weil er mit kleinen Bomben Versuche mache und diese dann mit größeren fortsetzen könne. Der Angeklagte bejaht dies. Präs.: Der Russe hat doch ein Attentat bei Tits versucht? Angekl.: Ja, aber ich war nicht dabei. Präs.: Sie haben den 29. April bei den» Russen verbracht? Angekl.: Ja, ich ging mit ihm spazieren. Er bat mich ver- lassen, nin zu Müller zu gehen. Nachher habe ich ihn auf dem Kirchplatze gesehen, wo er mit einer anderen Person sprach. Präs.: Hatte der Russe einen Regenmantel? Angekl.: Nein. Präs.: Miller behauptet dies aber. Angekl.: Es ist aber unrichtig. Präs.: Wußten Sie, daß der Russe Architekt ist 1 Angekl.: Ja. Präs.: Ist der Russe Ihnen noch Geld schuldig? Angekl.: Ja. Präs.: Wo haben Sie ihn am Abend besucht? Angekl.: Bei Schlebach. Präs.: Als der Russe Lüttich verlassen hatte, lud er sie ein mit ihm in Maastricht zusammenzukomnien? Angekl.: Ja, um Geldfragen zu erledigen. Präs.: Am 29. waren Sie in Maastricht? Angekl.: Ja. Präs.: Sie haben die verschließbare Tasche des Russen ge- öffnet und durchsucht? Weshalb thaten sie dies. Angekl.: Um zu sehen, ob sie nichts enthält was zu ver- zollen gewesen wäre. In Gegemvart Müller's habe ich die Tasche zurückgestellt. Um ö'/e Uhr wird die Verhandlung vertagt. VÄvketttsckvttfttpsT» Neber die Parteibewegutig im Wahlkreise Schwarz- bürg» Rudolstadt, beziehentlich der Stadt Franken- Hausen berichtete in einer Parteiversammlung der Vertrauens- mann Genosse Winter. Dem Bericht entnehmen wir, daß die Einnahmen 508,43 M., die Ausgaben 521,66 M. betrugen, mithin ein Defizit von 13,23 M. vorhanden ist. An Briefen gingen ein und ab 113 Stück. Oessentliche Volksversammlungen fanden drei statt. Eine Versammlung wurde Verbotes»?. Beschiverde hiergegen ist bis an das Ministerium gerichtet, Anttvort aber noch nicht eingegangen. Für das laufende Jahr wurde eine aus neun Personen bestehende Lokalkommission gewählt. Genosse Franz Winter»vurde»viederum einstimmig als Vertrauensmann ge- »vählt.— Hieran schloß sich ein Referat des Genossen Winter übe? die U in st u r z v 0 r l a g e. Genosse Winter schloß mit folgenden Worten seinen oftinals von Beifall unterbrochenen Vor- trag:„Was man aber auch iinmer gegen uns schmieden möge, die Sozialdeinokratie»verde man nicht überivinden, denn immer werden neue Kämpfer in die gelichteten Reihe» eintreten mit dem Beivußtsein, für die Befreiung des darbenden Proletariats zu kämpse». Und thue hier jeder seine Pflicht, dann sei auch der Sieg unser." Inder Vierteljahres-Generalversammlnug des Sozial- de»n akratischen Vereins zu Frankfurt a. M. be- richtete der Vorstand, daß i>n letzten Vierteljahr 5 Versammlungen, ohne die vom Parteitag und den Stadtverordneten-Wahlen, statt. gesunde» haben. Es wurde Beschiverde darüber geführt, daß die stingeren Mitglieder des Vereins noch immer vor die Polizei zitirt und durch allerhand Nachfragen event. sogar in ihrer Heimath und beiin Unternehmer belästigt werden. Dadurch erkläre es sich auch, daß der Verein für einen Wahlkreis mit 14 000 sozialdemokratischen Stimmen nicht ganz 800 Mitglieder zählt. An Beiträgen giiigen ein 500 M., an Ausgaben»varen zu be- streiten über 400 M., so daß etivas mehr als 100 M. Kassen- bestand vorhanden sind. � Im Kampfe gegen den Umsturz thun die Militärvereinler ihre Schuldigkeit. In Gruben bei Meißen war Gemeinde- rathsivahl. Bei der Stinunenauszählung»raren die Vorstands- initglieder des Militärvereins zugegen. Einige Tage später er- hielten drei Mitglieder des Vereins die Mittheilung, daß sie ausgeschlossen seien auf grund sozialistischer Umtriebe. Wie das Meißener„Volksblatt" mittheilt,»varen die betreffenden, die nichts verbrochen hatten, als bei dieser Gelegenheit mit einem Sozialdemokraten an einem Tisch gesessen zu haben, bisher gar- nicht Sozialdemokraten, werden es aber nun werden.— Auch in W a r t h a u i. Schl. wurden vorige Woche zivei Genossen aus dem dortigen Militärverein ausgeschloffen und der Staat war nochmals vor dem Untergänge gerettet. Die Mahnung d e s z u'st ä n d i'g e n Ministers an die polizeilichen Organe, die Versammlung, die sich mit der söge- nannten Umsturzvorlage beschäftigen, scharf zn überwachen, scheint sich nicht nur auf politische, sondern auch auf die gewerk- schastlichen Versammlungen zu erstrecke». In einer vor längerer Zeit staltgefundenen öffentlichen Veranstaltung des Metallarbeiter- Verbandes(Zahlstelle Essen a. d. R.) hielt Spur- Es sei» einen Vortrag über:„Die Konzentration des Kapitals und die Geiverkschasten." In der Diskussion nahm Genosse Sitten- feld-Essen das Wort. Im Verlauf seiner Ausführung kain der Redner auch auf den bekannten Passus in der Zkrupp'schen Arbeits- ordnung.der da lautet:„Arbeiter, die den Vereinen und Parteien an- gehören, die aus den Umsturz der Heuligen Gesellschaftsordnung hinwirken,»verde» entlassen", zu sprechen. Sittenfeld sprach die Hoffnung aus, der an iv es ende überwachende Be- ainte»verde den Herrn Staatsanwalt auf diesen Verstoß gegen die Gewerbe-Ordnung aufmerksam machen. Jetzt ist Sittenfeld wegen Beleidi- gung des Staatsamvalts unter Anklage gestellt und wird der Termin bald stattfinden.— Zn erivähnen ist noch, daß die be- treffende Arbeitsordnung sch on sehr oft in öffentlichen Versamm- lungen, u. a. auch seinerzeit vom Genoffen Singer gerügt wurde. » Polizeiliches, Gerichtliches:e. — Die Erfurter Parteigenossen vertheilten am 4. Nö- veinber v. I. ein Flugblatt in der Umgebung von Erfurt. In einigen Ortfchafien wurden die Flugblätter konfiszirt, später zwar wieder zugestellt. Da die Verlheilung dadurch gestört »vorden war. legte die Veßlagsfirma R e i ß h a u s u. K 0. Be- schwerde beim Landrath ein. Derselbe»vies die Beschwerde ab, indem er die Legitimation der Firina zur Führung der Besch!verde bestritt. Der Regierungspräsidenr, an den numnehr die Beschiverde- führer sich»vaiidte», antivortete, daß die betr Gemeindevorsteher wohl berechtigt»varen, die Flugblätter zu konfisziren,„da in dem Inhalte des Flugblattes sehr wohl eine Verhöhnung der Worte seiner Majestät des Kaisers, mithin der Thalbestand einer nach § 95 des Reichs-Strafgesetzbuchs strafbaren Handlung erblickt »verde»» könnt e." — Zu 100 M. Geldstrafe»vurde der Redakteur der Mannheimer„Volksstimme", Genosse Jean Hauck ver- urtheilt,»veil er durch einen Artikel den Anführer der Bürger- Vereinigung beleidigt haben sollte. — Genosse Block, Redakteur der„RH. Wests. Arb.-Ztg.", wurde von den D 0 r t m u n d e r. Gerichten zu 150 M. Geldstrafe ver- urtheilt. Er sollte zlvei höhere Bergbeamte beleidigt haben, in- dem er sie„Kommis" der Grubenbarone genannt hatte. Der Staatsanivalt hatte die Kleinigkeit von 6 Monaten Ge- f ä n g n i ß beantragt. — Genosse Wächter erhielt vom B 0 ch u m e r Schöffen- gericht»vegen„Hausfriedensbruchs", begangen durch Einfahrt in eine Kohlenzeche ohne Genehmigung der Verwaltung, 20 M- Geldstrafe zudiktirt. Die Versammlungen der Arbeitslosen. Ueberaus zahlreich besucht tagten gestern Vorinittag acht Versammlungen, welche für die Arbeitslosen in Berlin ein- berufen»varen. Gaden auch diese Versammlungen nicht an- nähernd einen Ueberblick über die Zahl der Beschäftigungslosen, so lassen sie doch immerhin, darauf schließen, daß trotz aller günstigen Umstände in diesem Winter dennoch die Arbeitslosigkeit einen sehr großen Umfang angenommen hat. Unstreitig find Tausende den Versammlungen fern geblieben,»veil sie, vom Elend und der Roth niedergedrückt, nicht die Energie besaßen, an einer solchen öffentlichen Kundgebung theilzunehmen. Vor allen Ver- sammlungslokalen zeigte sich ein starkes Polizei-Aufgebot. Be- ainte zu Fuß und zu Pferde patrouillirten auf und ab, daneben hatten»vieder zahlreich die Geheimpolizisten in den Versamm- luiigen Platz genommen. Die Ruhe wurde trotzdem nirgends gestört nnd verliefen die Versammlungen in»vürdevoller Weise. Zur Annahme gelangte nachstehende Resolution: Die Versammlung erblickt in der herrschenden und immer mehr um sich greifenden Arbeitslosigkeit den schwersten Uebelstand, unter dem die Arbeiterklasse zu leiden hat. In der Arbeitslosigkeit tritt dem Arbeiter der Widersinn der kapitalistische» Produktionsiveise am unmittelbarsten und am empfindlichsten entgegen. Die Arbeitslosigkeit bedeutet für den Arbeiter, der in der kapitalistischen Gesellschaft ohnehin nur kümmerlich sein Dasein fristen kann, die völlige Ver» n i ch t n n g d e r E x i st e n z. Eine Beseitigung der Arbeitslosigkeit ist aber unter der Herrschaft der kapitalistische» Produktionsiveise nicht möglich, da es gerade in, Wesen dieser Produktionsweise liegt, die Arbeitslosigkeit immer aufs neue zu erzeugen und sie mehr und mehr zu vergrößern. Erst in der kommenden sozialistischenGesellschaft »vird die Arbeitslosigkeit für immer beseitigt sein. Wenn also auch eine Beseitigung der Arbeitslosigkeit in der heutigen Gesellschaft nicht möglich ist, so verlangt die Versaininlung doch von den herrschenden Klassen und Macht- habern, daß»venigstens alle Mittel angeivandt werden, um da? Uebel nach Möglichkeit zu mildern. Die Versammlung fordert zu diesem Zwecke die gesetzliche Einführung eines achtstündigen Arbeitstages für alle Staats-, Gemeinde- und Privatbetriebe. Und »veiter fordert sie den Staat und die Gemeinden auf, durch sofortige Inangriffnahme aller nothlvendigen, öffentlichen Arbeiten den Beschäslignngslosen Arbeit und Verdienst zu verschaffen. Für den ersten Wahlkreis tagte dieVersammlung im Feenpalast und»var von ungefähr 1000 Personen besucht. Der Genosse, Reichstags-Abgeordneter Meist begann sein treff- liches, die gegenwärtigen Zustände scharf kritisirendes Referat einleitend mit der Erklärung, daß auch er nicht iin stände ist, augenblickliche Hilfe denjenigen zu schaffen, die heute lieber statt Worte Brot entgegenge»o»nmen hätten. Unter Zugrunde- legung des Bibelivortes:„Iin Schweiße deines Angesiches sollst du dein Brot essen" veranschaulichte Redner, wie dieser Grundsatz in der he»ltigen Gesellschaftsordnung mit Füßen getreten»vird. Einerseits wird der großen Masse tagtäglich innner mehr die Gelegenheit, arbeiten zu können, genominen; den »venigen, die sich glücklich schätzen, noch Arbeitsgelegenheit zu habe», läßt man kaum so viel, u»n sich vor dem Verhungern zu schützen,»vährend andererseits diejenige», die im Ueberfluß leben, gar nicht arbeiten. Redner greift zurück zu den Vorkonimnissen des vorjährige» 18. Januar und unterzieht die staatliche»vie kommune Fürsorge für das Wohl der großen. breiten Volksmaffe einer besonderen Beleuchtung, namentlich im Vergleich zu der Fürsorge, die man in jene» Kreisen für die nothleidenden Agrarier stets bei der Hand hat. Selbstverständlich sind diese Zustände keines« »vegs dazu angelhan, die Zufriedenheit im Volke zu fördern, hierzu bedarf es einer gründlichen Umgestaltung der heutigen Produklioiisiveise. Redner ermahnt überall aufklärend dahin zu»virken, daß nur das feste Zusammenhalten sowohl auf»virlhschaftlichem»vie auf politischem Gebiet im stände ist. Zustände herbeizuführen, in denen auch die Arbeitslosigkeit, der Schrecken von Hunderttausenden, aufhören wird.(Lebhafter Beifall.) Zunächst ersucht der Vorsitzende Timin die Krimmalbeamten, von deren Anwesenheit dem Bureau Mittheilung geworden ist, den Saal zu verlassen; den vereüisgesetzlichen Bestimmungen sei genügt durch Anivescnheit zweier legitimirter Beaimen. Mehrere Herren verlassen darauf die Versammlung. Ferner unterbreitete der Vorsitzende den Anivesenden folgende ziveite Resolution:„DieVersammlung der Arbeitslosen protestirt ganz entschieden gegen die Maßnahmen des Grundbesitzer-VereinS des Westens Berlins, betreffs Aufhängung von Tafeln in den Häusern mit dem Verzeichniß der Arbeitslosen; sie erblickt darin nichts weiter als eine schwarze Liste, die die Arbeits- losen als Arbeitsscheue brandmarken soll." Jahn, Buch- druckerei- Hilfsarbeiter, begründet diese Resolution, und hebt hervor, daß in dem Arbeitsnachiveis, dem er vor- zustehen hat, in diesem Jahre 40 pCt. mehr Arbeitslose zu verzeichnen seien, wie in demselben Zeitabschnitt des Vor- zahres. Tischler D a h in s hat ganze Stadtviertel vergebens nach Arbeit durchsucht: größere Werkstellen haben die Zahl der Arbeiter bedeutend reduzirt; er erklärt ferner, daß die Arbeit so bezahlt»vird, daß sich der in Arbeit Stehende kaum vor dem Verhungern schützen kann. Ein auf geistigem Gebiet Thätiger schildert seine Erlebnisse wie folgt: Seine Arbeitszeit war von 8 Uhr früh bis 10 Uhr abends 5et 28 M Woche»lrhn> ErkraukungZfalle»lachten ihn arbeitkkos, nach längever Zeit gelang es ihm, wieder Beschäftigung zu finden, da kam der Dlagistrat und legte aus den erfiverdienten Wochen- lobn Beschlag für rücknändige Steuern; gegenwärtig hilft er sich durch erbetene Unterstützung von Verwandten, bis ihm auf seine Reklamation sein beschlagnahmtes Geld verabfolgt werden wird. Nürnberger giebt ein lief trauriges Bild von dein„viel- gepriesenen" Wanderburschenleben, sowie von den mehr als mangelhaften Einrichtungen der verschiedenen Verpflegungs- stationen, und erklärt am eigenen Leibe erfahren zu haben, wie nothwendig es ist, daß die Arbeiterschaft organifirt sein muß. Nach einem kernigen Schlußwort des Referenten, in welchem er Hervorbob, daß alle Anzeichen die Thatsache verbürgen, daß die Regierung fich scheut für Ausnahme einer gründlichen Arbeits- lolen-Statistik, nur um nicht in den Spiegel des herrschenden Elendes blicken zu müssen, gelangten beide obige» Resolutionen zur einstimmigen Annahme. Im Möhri n g'schen Saale, Admiralstraße, sprach vor etwa 200 Arbeitslosen Genosse G. Wagner. Er führte aus: Wenn die Zeit herani ahe, wo man in bürgerlichen Blätiein lesen könne:„Streuet Brot für die Vögel und für das Wild ini Walde, damit die Thicre auch zur harten Winterezeit Nahrung finden", dann gebe es tausende und abertausende von Menschen, für die nicht gesorgt sei. nock werde. Tie Frage, ob das immer so gewesen, lasse sich nur beantworten: So wie heute war es noch nie.— Habe, fährt Redner fort, es auch ein Tdeil der menschlichen Gesellichast fast immer verstanden, sich a u s 5t o st e n des anderen besonders gütlich zu Ihun, so sei die bittere Roth der zur Arbeitslosigkeit verurtheilten modernen Proletarier doch nicht zu vergleichen mit der mißlichen wirthschastlichen Lage der Unterdrückten vergangener Zeiten. Die Verdrängung der menschlichen durch die maschinelle Arbeitskrasl sei die Ursache, die mit Nolhwcndigleil die induslrielle Reserve-Armee geschaffen habe und sie vermehre. Nebenher laufe noch die stetige Zunahme der industriellen Frauenarbeit, eine Wirkung der fortschreitenden Anwendung von Maschinen und zugleich eine Ursache der Vermehrung der Reserve-Armee. Bon Zeit zu Zeit erzeuge die regellose kapitalistische Produktion, deren treibende Kraft nur der Prosit sei, eine Ueberfüllung des Marktes, so daß durch die dann eintretenden Krisen der ständigen Reserve-Armee noch weitere tausende von Erwerbslosen eingereiht würden. Roth und Elend wachse dann ins ungemessene, mancher gehe zu gründe, allerdings auch mancher nicht kapitalkräftige Unternehnier, der von seinen kräftigere n Ausbeutergenossen aufgefressen werde. Während einerseits die Armuth riesengroß werde, schreite auf der anderen Seite die Konzentralion des Kapitalbesitzes immer mehr fort, und die jtlassengegensätze vertiefen sich. Nur der Sozialisinus könne durchgreifende Abhilfe schaffen, indem er zur Herrschaft gelangt und die Klassenwirthschaft ablöst; damit»verde auch erst die Arbeitslosigkeit taufender arbeitswilliger Mensche» völlig verschwinden. Die ganze Entwickelung des Kapitalismus dränge dem Sozialismus zu, die Aufgabe der sozialdemokratische» Arbeiterbewegung könne es nur sein, sie zu beschleunigen. Aber nicht Gewalt, sondern die Macht der Aufklärung solle das Mittel dazu sein. Gerade in einer Versammlung von Arbeitslosen, die das Elend verbittere, müsse die Mahnung ausgesprochen werden: Laßt Euch nicht binreißen, nicht provoziren! Jeder möge die Lehre mit aus der Versamm- lung nehmen, daß er in den Reihen seiner Kollegen und Klassen- genossen gewerkschaftlich und politisch seine Jntercssen zu vertreten habe gegenüber einer Gesellschaft, die nicht sähig und willens sei, ihn vor Hunger und leiblicher Sorge zu bewahren. Nachdem Redner noch das Treiben der Perier, Crispi und der„Macher" in Deutschland treffend gekennzeichnet hatte, schloß er unter st ü r- mischem Beifall seine Ausführungen mit dem Wunsch, jeder der Versammelten möge sein Theil zur Förderung des sozialisti- schen Gedankens beitragen, damit Ausbeutung und Unterdrückung. und auch die Roth unverschuldeter Arbeitslosigkeit in nicht allzu ferner Zeit vcrschirändcu. An der kurzen Debatte bctheiligten sich Hugauf, Frau Greiffenberg und Kuner, die sich im wesent- lichen den Ausführungen des Referenten anschlössen. Die Reso- lution wurde einstimmig angenommen, worauf die Versammelten Mit einem begeisterten Hoch auf die Sozialdemokratie sich trennten. Die Arminhallen in der Kommandantenstraße waren bald nach ihrer Eröffnung vollständig gefüllt. Vor dem Lokal und in den umliegenden Nebenstraßen herrschte an Zivil- und uniformirter Polizei kein Mangel, so daß alle Passanten, wen» sie es auch noch so eilig hatten, ihre Schritte hemmten und neu- gierig nach der Ursache des übergroßen Polizei-Ausgebots fragten. Stadtverordneter Bernhard Bruhns gab in seinem Referat zunächst eine treffende Kritik der kapitalistischen Pro- duktionsweise und knüpfte im Anschluß daran eine Schilderung der sogenannten Wohlfahrtseinrichtungen(Asyle für Obdachlose, Arbeiterkolonien ic.), durch welche die herrschende Klasse glaubte, die Vagabondage aus der Welt zu schaffen. Die Bourgeoisie kann die induslrielle Reserve-Armee nicht beseitigen, doch könne sie sehr wohl deren Loos bei einigem guten Willen bedeutend mildern; deshalb ersuchte der Redner zum Schluß, der vor- geschlagenen Resolution die Zustimmung zu geben, um einen Protest einzulegen gegen die Gesellschaft, die in so grober Weise ihre Pflichten vernachlässigt. Auf die Verlesung der Resolution erfolgte brausender Beifall. In der Diskussion ging Robert Schweitzer, ein früherer Seemann, des näheren auf die auch vom Referenten gerügte Vernichtung der Korinthen in Griechen- land ein, behandelte weiter den Bauschwindel, vor dem das Gesetz leider sehr wenig Schutz biete, und erwähnte unter anderem bei Besprechung der Ausnütznng weiblicher Arbeitskraft einen Unglücksfall in Charlotteuburg. der sich am Donneistag Nach- mittag in der Tachpappen-Fabrik ereignete, indem ein siebenzehnjähriges Mädchen bei dem Hinaufwinden von Papprollen— einer für das junge Mädchen viel zu schweren Arbeit— durch die Windenkurbel er- schlagen worden sei. Da eine weitere Diskussion nicht beliebt wurde, erfolgte einstimmige Annahme obenslehender Resolution und hierauf, mit einem begeisterten Hoch ans die Sozialdemokratie, der Schluß der würdevoll verlausenen Versammlung. Vom Osten der Stadt waren die Tchaaren der Arbeitslosen nach dem Kelle r'schen Saale zusammengeströmt, der bald bis ans den letzten Platz besetzt wurde. Nach kurzer Zeit trat die Absperrung ein. Gleich zu Eingang seines Referats deutele der Reichstagsabgeordnete V o g t h e r r auf die Episoden der vorjährigen„Schlacht ani Friedrichshain" hin. Daß der Gummi- schlauch als staaisretterisches Mittel in Bewegung gesetzt wnrde, werde von manchen Seiten auf ein„Mißverständniß" zurückgeführt— wie sollten die ahnungslosen Arbeiter aus den Gedanken kommen, daß man„erwartet" hätte, eine nach Tausenden zählende Volksversamnilung werde im Gänsemarsch das Lokal verlassen. Trotz aller Jälschnngs versuche, trotz aller Strafen der Vertreter der Presse, die ihre Pflicht als ernst auffaßten, sei es nicht gelungen, die öffentliche Meinung soweit zu korrigiren. daß die„Thaten" der Polizei-Organe gelobt und das Verhalten der Arbeitslosen getadelt wurde.(Lebhafter Beifall.) Nach dieser Cinleilung gab der Redner eine er- schöpsende, und das Auditorium in hohem Grade fesselnde Kritik der Arbeitslosigkeit— der nothivendigen Folge einer unver- ständigen Wirthschaftsmetbode— ihrer Entstehung und der lächer- lichen Anstrengungen das Mene-Tekel der biirgerlicken Gesellschaft zu ignoriren. Was habe der Staat, was hat die Stadt gelhan, das Elend zu mildern? Nicht einmal die Schneebeseiliguug, wo sich das„öffentliche Interesse" doch unmöglich bestreiten lasse. wurde zu gunften der nach Arbeit verlangenden Einwohner Berlins beschleunigt! Byzantinische Schweitwedelei nach oben und brutale Rücksichtslosigkeit nach unten beeinflußt daS Verhalten sogenannter„liberaler" Behörden!(Stürmisches Bravo.) Wie die preußisch-deulsche Sozialreform sich mit der brennenden Frage der Arbeitslosigkeit abgesunden hat, illustrirte der Beraniwortlichsr Redakteur: I. Tirrl(' Redner, oft unterbrochen von Znstimniungs-Aenßeriinaen der Aeisamnicllen, an verschiedenen Beispielen. Unter lautem Beifall beendete der Vortragende seine wirkungsvollen Ausführungen mit der Aufforderung: Alle, die noch hinter den Schanzen stehen, auf zum Kanipf gegen das System der KIassenherr>chast und Aus- beutung! Einen Fall magistratlicher Fürsorge führte der Genosse Schmidt in solgendem an: Im Taininmühlengebäude (in der Sparkasse) seien bis vor kurzem sieben Frauen bei der Reinigung beschäftigt gewesen, von denen jetzt zwei entlassen sind, während die übrigen jetzt die- selbe Arbeil für geringeren Preis aussühren müffcn. Man hat, wie der Redner versicherte, die Arbeit dem Portier in Submission übertragen. Wie hänge das zusammen mit der Sorge für die einheimischen Arbeiter, deren Wohl doch nach seinem»eulichen Erlaß dem Magistrat so sehr an« Herzen liege.(Lachen.) Müller und Lantzky führten eine Reibe von Beispielen vor, ivelche die Nothlage der Arbeiter in grellem Lichte zeigten. Ein Brauereiarbeiter benutzte die Gelegenheit, um seiner Mißstimmung über die vorzeitige Beendigung dcs Boykotts beredten Ausdruck z» geben; er fand jedoch bei der Versammlung keine Gegenliebe. Zimmerer G e f s r o i s meinte, daß der Roth- stand der öffentlichen Sicherheit, den berufenen Organen, mehr Schwicrigkeiten mache, als die Misere der hungernden Arbeiter. Das Baugewcrbe, welches besonders unter dieser Krise zu leiden habe, umsasse eine Zahl von ca. 35— 40 ovo Personen. Wenn nun durch statistischen lltachweis sestgestelll sei, daß während dcs ver- gangenen Jahres nur L3l Bauten in ganz Berlin ausgeführt seien, so lasse sich daran ermessen, welche große Schaar von Arbeitern schon während der Bau Periode arbeitslos war.— Tie Polizei habe aus„Sittlichkeitsgründen" die Arbeit der Kegel- jungen, welch e die Schnle besuchen, inhibirl— daß die Arbeit des Frühstück- und Zeilungsschleppens die Kinder nicht weniger behindere, ihre Schulpflicht auszuüben, scheine nicht anerkannt zu werdcn. Ein Antrag, die ArLitsloscu-Versanmilungen regelmäßig, auch im Somnier, einzuberufen, da der Anlaß selbst i» der besten Zeit des Jahres dazu vorhanden sei, wurde den Vertrauensleuten übe, wiese». Tie Resolution wurde gegen eine Stimme angenommen; ein mit brausendem Beifall aufgenommenes Hoch aus die Sozialten.okratie schloß die Versammlung. D i e V e r s a in m l u n g in„Sanssouci" war von zirka Illüv Personen, fast nur Männer», besucht. Genosse Scholz als Vorsitzender ersucht vor Beginn der Versammlung die An- wesenden, unter Hiim eis auf die ber. Gummischlauch- Affäre im vorigen Jahre, sich möglichst ruhig zu verhallen, um der Polizei nicht Gelegenheit zu einer zweite» Auflage des 18. Januar löS4 zu geben.(Beifall.) Reichstags- Abgeordneter Klees- Magdeburg schilderte in seinen, hieraus folgenden Referat i» eingehender Weile die Entwickelung der Großproduktion undzeigle, wie durch die Eins, hrung der Maschine und des Tampses aus fast allen Gebieten des Erwerbslebens eine gewaltige Uniwälzung ein- getreten ist. Diese Umwälzung machte, indem sie die kleinbürgerliche Produktion vernick.tete, einen großen Theil namentlich ber gelernten Arbeiter überflüssig, und mußte demgemäß die von Jahr zu Jahr sich steigernde Arbeitslosigkeit im Gefolge haben. Aus diese Weise wurde die Diaschine anstatt den Albciter» durch Erleichterung der Arbeit zum Segen zu gereichen, im Gegcntheil zum ollgcineine» Fluch. Demgegenüber versuche nlau es immer von neuem, das Hand- werk und die Innungen wieder neu zu belebe», während es ge- radezu dem Blötesten und Dümmste» in anbeiracht der gegen- wärtigen Zustände klar werden müsse, daß die von uns von jeher ycstellle Forderung der Verkürzung der Arbeitszeit bezw des Acht- stuiidentuges das einzige Mittel ist, der Arbeitslosigkeit inner- halb der heutigen Gesellschaft ein'gcrmaßen Einhalt zu lhun. Mit der Einrichtung eines unentgeltlichen Arbeitsnachweises seitens einzelner städtischer Gemeinden sei so gut wie gar nichts gethan, wenn man dagegen die Freizügigkeit und den Unier- stntznngswohnsitz neuerdings einzuschränken sucht. Durch Um- Wandlung der heulige» Gesellsckaft in die sozialistische wird auch das durch lange Arbeitslosigkeit vielfach zerrüttete Familienleben ein glücklicheres und die Freiheit und Gleichberechtigung der Frau ermöglicht werde».(Beifall.) Zur Ergänzung der in diesem Jahre vorzunehmenden Berufs- Iiatistik ersucht Redner unter lebhaiiem Beifall der Versammlung, dieselbe um Annahme seines Zusatzanlrages zur allgemeinen Resolution:„Die maßgebenden Behörde» aufzu- sorder», bei der demnächst stattzufindenden Be- r u f s st a t i st i k r e sp. Volkszählung zugleich eine itlus nähme der im letzten Kalenderjahre statt- gehabten Dauer der Arbeitslosigkeit vorzu- n e h m e n. In der Diskussion wurden die Ansführungen des Referenten durch Kaden, Hoffmann und Jahn in einigen Punkten ergänzt. Von H o f im a n n wird nachstehender Antrag:„Die sozialdemokratischen Sladtverordueten Berlins auszufordern, bciui Magistrat anznsragen, weshalb die Arbeit auf städtischen Banken, die eine große Anzahl Arbeitsloser beschäsligen würde, eingestellt ist" befürwortet. Diese beiden Anträge, sowie die allgemeine Resolution wurden einstimmig angenommen. Mit einem dreifachen Hoch ans die Sozialdemokratie gingen die Versammellen auseinander. In der„Brauerei F r i e d r i ch s h a i n" waren gut 2000 Personen versammelt. Ter Referent, Abg. Förster, wies gegenüber den vielfachen Behauptungen nach, daß die Arbeits- losigkeit keine rein großstädtische, sondern eine allgemeine Er- scheinung sei, die in den Großstädten nur auffallender hervor- trete, als auf den, Lande, um dann als Ursache jener allgemeinen Erscheinung die Trennung der Arbeitsmittel vom Arbeiter und als Radikalniittel zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit die Wieder- Vereinigung der Arbeitsmittel mit dem illrbeiter zu bezeichnen. Zur vorübergehenden Linderung empfahl Redner die Erringung des gesetzlich sixirlen„Achlstundeiilages", zun. Beweise des ungebiuren Umsanges der Arbeitslosigkeit Vornahme statistischer Erhebungen. Zum Schluß warnte Ziedner eindringlich vor Gewallthäligkeiten, da nur Besonnenheit, Ruhe und kühle Ueberlegung zum endgiltigen Siege der Arbeiterpartei jühren kann. Stur wenn die Arbeiter, schloß Redner, sich selbst ausgeben, ist ihre Sache verloren; so lange ihnen aber das Selbst- vertrauen bleibt, gebort ihnen die Zukunft.(Anbaltendcr, brausender Beifall.) Ter nächste Redner, Neubert, versprach sich von statistischen Ausnahmen nichts. Ii» übrigen krilisirte er die in den Gasanstalten 12 Stunden währende Arbeitszeil. Tann folgte ein Mann der Propaganda der That. Ter Redner stieß jedoch niit seiner Taktik ans den energischsten Widerspruch und trat alsbald ab. Tie nachfolgenden Redner — Auer, Herbst und der Referent— nahmen dann Gelegenheit, eingehend nachzuweisen, einen wie großen Gesallen man den herrschende» Klassen mit der Befolgung seiner„Taktik" erweise» würde. Tie Resolution gelangte gegen eine Slinime zur Annahme. Nachdem der Vorsitzende die Anwesenden ersucht halte, jede Temonstration aus der Straße zu vermeide», schloß er mit eii em dreifachen Hoch aus die Sozialdemokratie, in welches die Versammlung begeistert einstimnire.— Uniforniirle Polizeibeamte waren hier nur in verhältnißmäßig geringer Zahl nuspebote», und da auch de» Heimkehrenden, im Gegensatz zu der Anordnung im vorigen Jahie, der Weg nach allen Seilen offen gelaffen wurde, so kam es diesmal zu keine» Störungen. Jm Kolberger Salon halte man Tische und Stühle zum theil enlsernt und ließ sich die Zahl der Besucher auf 000 schätzen. Bei der Eröffnung der Versanimlung machte der Vor- sitzende aus das starke PoIizei>Ausgedoi aufmerksam, und forderte die Versamnilung zur Vorsicht und Besonnenheit aui. Hierauf ergriff Genosse Robert Schmidt das Wort, um in treffender Weise die Ursachen der Arbeitslosigkeit darzulegen. Besonders eingehend beschäsligte sich Redner in seiner Kritik mit der Stellung, welche die städtische Verwaltung zu dieser Frage im vorigen Jahre eingenommen hat. Fast ein- imil Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing i »iüthi'g, so führt Redner aus, wendet sich die freisinnige Majorität im roihen Haufe gegen jede von unseren Vertretern empfohlene Maßregel, die wenigstens die schlimmsten Uebel der heutigen Pro- duktionsweise mildern würde. Für den achtstündigen Arbeitstag sowie für Beseitigung des Submissionswescns ist in diesen Kreisen weder Neigung noch Versländniß vorhanden. Sticht anders sieht es in den Regierungskreisen aus. Hat auch der Herr Minister Bölticker im vergangenen Jahre de» Nothstand nicht geleugnet, so stellte er sich doch ganz aus den Standpunkt, ein außerordentlicher Nothstand ist nicht vorhanden, mithin sind auch keine besonderen Maßnahmeii zur Beseitigung des- selben nölhig. Allerdings ein höchst sonderbarer 5tontrast zu den oft gehörten Versicherungen aus jenen Kreisen, für das Wohl der ilnteren Volksklasfen Sorge zu tragen. Im Hinblick aus die Vorgänge am 18. Januar 1894 bemerkt Redner: Die Arbeiterklasse hat gezeigt, daß sie sich zu den von einigen Gegnern gewünschten Handlungen nicht hinreißen läßt, sondern im Vertrauen aus den Fortschritt der sozialistischen Ideen, diese Heranssorderung ihrer Widersacher in voller Ueberzeugung ans den Sieg ihrer Forderungen unbeachtet ließ.(Lebhafter Beifall.) Ta allseilig von einer Diskussion Abstand genomme» wnrde, so erlangte die Versammlung nach Annahiue der Resolution ein frühzeitiges Ende. Die Versammlung im Swinemünder Ge- sellschaftshans war wohl von 800 Personen besucht. Die Tische waren aus dem Saale entfernt. Den Vortrag bielt Ge- nosse Max Pfund. Ter Referent ging von der Ansicht aus, daß nian weniger zusammengekommen sei, die Leiden, die ein jeder am eigenen Leibe verspüre, auszumalen, als vielmehr gegen die bestehenden Zustände zu protcstiren.— In kurzen Zügen schilderte er daher nur die naturgemäßen Begleiterscheinungen der Arbeitslosigkeit und kam sodann auf die Ursachen der Arbeitslosigkeit zu sprechen. Er wies hin auf die Entwickelung vom mittelalterlichen Handwerk zur modernen Großindustrie und erblickte die Ursachen der allgemeinen Arbeitslosigkeit in der kapitalistilchen Produktionsweise. Nur durch Aushebung dieser und Ersatz derselben durch eine auf genossenschaftlicher Grund- läge beruhende sozialistiiche Produktionsweise können Verhältnisse geschaffen werden, die zedeni eine auskömmliche Existenz gewähren. Tieies Ziel sei aber so lange nicht zu erreichen, so lange noch die Mehr heil des Volkes dem Sozialismus nicht allein indifferent, sondern vielfach sogar feindlich gegenüberstehe. Auf- gäbe der aufgeklärten Arbeiter sei es daher, die Lehren des Sozialismus überall zu verbreiten. Tas Ziel, die sozialistische Gesellschaft, sei aber nur durch rastlose und aus- dauernde Ansllärungsarbcit zu erreichen. Bis zur Er- reickung desselben sei nach Möglichkeit dahin zu streben, die Nebel der herrschenden Zustände zu mildern. Manches könnte schon beute gebessert, gemildert werden, wenn die großen Arbeit- aebcr, Staat und Kommune, sozialpolitische Einsicht walten ließen. Redner schloß mit der Verlesung der Resolution, deren Annahme empfehlend. Die Darlegungen des Referenten wurden mit Beisall entgegengenommen. In der Diskussion nahm als erster Redner Anarchist Wiese das Wort, um den Arbeitern das neueste Allheilmittel, das auch demnächst in Versammlungen propagirt werden soll, die„wahrhafte Propaganda der Thal", nämlich die Gründung von Produ klivgenossenschaften zu empfehlen. In gründ- licher Weise widerlegte Nälher den Redner, welcher, durch Tiskussionsschluß verhindert, nicht mehr zum Worte kam. Die übrige» Redner äußerten sich im Sinne Näther's und des Refe- renlen und wurde schließlich die Resolution einstimmig ange- nommen. Nachdem Rüther noch einen flammenden Appell an die Versammelten gerichtet hatte, treu zur Fahne der Sozialdemo- kratie zu sieben, schloß er die Versammlung mit dem alten Kampfrufe; Hoch die internationale Sozialdemokratie! Soziale Dleberlicht. Die städtische ArbeitSvermittelnug in Frankfurt a. M. n»d die Rogieriiug. Tritt in Deutschland wirklich einmal eine etwas sreimülhigere Stadtverwaltung den berechtigten Forderungen der Arbeiter bei, so hat man andrerseits dafür gesorgt, daß eS einer höheren Verwaltungsbehörde möglich wird, die vorwitzigen Beschlüsse der betreffenden Kommune zu korrigiren. Im Frankfurter Ortsstatut für den Arbeits- Stachweis befand sich bekanntlich ei» Paragraph, welcher besagte, daß der städtische Arbeitsnachweis bei dem Aus- bruche von Streiks und Aussperrungen die Arbcilsvermittelnng einzustellen habe. Ter Bezirksausschuß zu Wiesbaden strich diesen Paragrapben. Gegen diesen Ent- ichcid legte der Frankfurter Magistrat bei dem Provinzialrath in Kassel Beschwerde ein, die aber nun zurückgewiesen worden ist. Eine weitere Beschwerde dagegen ist ausgeschlossen; der Magistrat beabsichtigt nun den Arbcitsiiachweis auch ohne den§11 ins Leben treten zu lassen. Die Frankkurter organisirten Arbeiter haben nun auf das sorgsältigste die Frage zu überlegen, ob sie unter den obwaltenden Umständen diese Einrichtung als vor- läufige Abschlagszahlung betrachten, oder aus dieselbe.ihrerseits verzichten sollen. Ter diesjährige Kougrest für innere Medizin wird in der Zeit voni 2. bis 5. April in München unter dem Vorsitz des Herin Geheimralh von Ziemsse» stallsinden. Anmeldungen zu Vorträgen sind an Herrn Pros. Baemler- Freiburg i. B. einju- sende». Vepef�ien. Wolff'S Telegraphen-Bnreau. Koblenz, IS. Januar. Der Rhein steigt stündlich mn 5 Zentimeter, auch die Mosel steigt weiter, doch sind bisher noch keine Ueberschwemmungen vorgekommen. Man erwartet, daß infolge des Welteruinschlages— es wird kälter die Wasser- gesahr geringer wird Trier, 18. Januar. Die Mosel steigt immer noch, aber nicht in beunruhigendem Maße. Aus Saarbrücken wird gemeldet, daß die Saar sälll. Paris, 18. Januar. Die Depntirten Vasly und Defontaine sind aus der sozialistischen Kamniergruppe ansgetrele», weil die Gruppe ihrem Ausschüsse das Recht zuerkannt hat. eigenmächtig über die Unterschriste» der Parteimitglieder zu verfügen. Pisiuo, 18. Januar. Die italienische Bevölkerung brachte den ans Parenzo durchreisenden Landtags- Abgeordneten Rizzi und Glezer Ovationen dar und begleitete die Abgeordneten bis zum Bahnhose. Bei der Rückkehr von dort durchzogen Burschen und Weiber unter großem Lärm und Abaffo-Rufen aus den neuen Bürgermeisier und die kroatische Gemeindevertretung die Straße». Zwei Burschen wurden festgenommen; die Stacht ver- lies vollkommen ruhig. Mailand, 17. Januar. Der Mörder des Generalprokurators Celli heißt Anton Realini. Derselbe verbrachte seit 1873 infolge von 14 Verurtbeilungen 18 Jahre im Gefängnisse. Am 8. Januar Halle er seine wegen Diebstahls und Sinlichkeitsverbrechens verhängte vierjährige Gelängnißstrafe verbüßt; gestern verschivand er aus seiner Wohnung, wo er besonders überwacht wurde. sDepeschen-Bureau Herold.) Wien, 18. Januar. Unweit der Station Simmering erfolgte heute morgen ein Zusammenstoß zwischen der Maschine des Orienl-ExpreßzugeS und einer Güterzug-Lokomoiive. Beide Maschinen wurden stark beschädigt. Verletzungen von Personen kamen nicht vor. > Berlin SW., Beurhstraße ± Hierzu zwei Beilage». 1 Beilage zum„Vomarts" Berliner Bolksblatt. Deutscher Reichstag. 18. Sitzung vom 18. Januar 1895, I U h r. Am Vundcsrathstische: Nieberding, S ch ö n si e d t. Auf der Tagesordnung steht die Forlsetzimg der erste» Ve- �lhung des Gesetzentwurfs, betreffend Aenderung und Ergänzung des Gerick, tsverfassungs-Gesetzes und der Strasprozeß-Ordnung(Wiedereinführung der Berufung, Entschädigung unschuldig Verurtheilter u. f. iv.).— Das Haus ist sehr schwach besetzt. Abg. Lenzmann(dfr. Bp.): Diese Vorlage ist keine fach- niannische, sonder» eine hochpolitische. Die jetzige Vorlage ist ein Produkt der äußersten Unzufriedenheit, die sich schon seit Dezennien gegen unsere Justizverwaltung bemerklich gemachi hat. Das Vertrauen zu unserer Rechtspflege, namentlich Slrasrecktspflege ist geschwunden; das hat die Regierung durch Herrn Nieberding selbst ausgesprochen. Das Volk versiehi meistens nicht die heutige Rechlsprecherei, wie man von einem Verbrechen aus untauglichem Objekt oder mit untauglichen Mitteln sprechen kann. Ich verweise ferner auf die schwankende Judikatur in betreff des dolus eventualis: In der Besetzung der Richterstellen wandelt die Justizverwaltung auch nicht die richtigen Wege. Sehr häufig wird an die Spitze einer Straf- kninmcr ein Richter gesetzt, der nicht mehr im stände ist, die Ver- Handlungen zu leiten, und dessen ganzes Verdienst darin besteht, daß er eine gewisse Autoritär gegenüber den unteren Gerichten hat. Auf der einen Seite zeigt sich eine ungebührliche Herabsetzung des Richterstandes, auf der anderen ein Streberthnm, wie es die alten preußischen Richter nicht kannten. Unsere ganze Juris prudens ist, sozusagen, unter de» Militarismus gestellt; ein Richter, der heute nicht Reserve-Osfizier ist, hat garnickt mehr die rechte Qualifikation zum Richter. Ich habe hier den Bescheid einer Militärbehörde, nach welchem ein Soldat deshalb nicht zu einer Vernehmung vor Gericht beurlaubt wurde, weil er noch nicht recht in der kurzen Zeil seines Dienstes gelernt hätte, wie er vor Gericht auftreten soll. Zu einer sch''"wgerichb lichen Verhandlung wurde der Hauptentlastungszeuge nicht beurlaubt, weil Kompagnievorstellung war. Das ist sehr typisch. I» einem anderen Falle wurde aus einem ähnliche» Grunde der Hauptentlastungszeuge nicht zur Verhandlung beurlaubt, es fand vielmehr nur eine kommissarische Vernehmung statt und das Er- gebniß derselben wurde trotz meines Widerspruchs in der Haupt- Verhandlung verlesen. Der Angeklagte wurde zu ö Jahren Zuchthaus verurtheilt. Das Reichsgericht verwarf das Urlheil, weil es keinen hinreichenden Grund für eine koinmissarische Ver- nehmung als vorliegend erachtete, und bei der neuen Vcrhand- lung wurde der Angeklagte, nachdem der Entlastungszeuge persön- lich erschienen, aus Antrag der Staatsanwaltschaft selbst frei ge- sprachen.(Hört, hört! links.) Ich hätte gewünscht, daß die Vorlage in erster Reihe die unwürdige Stellung der Verth eidigcr im Strafprozeß geändert hätte. Der Staatsanivalt hat den ganzen Apparat der Polizei zu Gebote, kann Zeugen vernehmen lassen und das ganze Aktenmaterial mit Muße zu Hause studiren. Der Vertheidiger kann die Akten nur in der Gerichtsschreiberei in Gegenwart von so und so viel Schreibern einsehen. Nicht einmal die Anklageschrift erhält er. Die Vorlage hätte die Stellung der Vertheidiger dahin ändern müssen, daß dieselben schon im Vorverfahren dem Angeklagten zur Seite stehen können. Die sogenannte Gesetzcswächterei der Staatsanwälte kennen wir ja zur Genüge. Ohne eine Aenderung der Stellung der Ver- theidiger wird das Mißtrauen gegen die Rechtsprechung nicht verschwinden. Die Vorlage hat auch eine außerordentlich große politische Bedeutung, auch abgesehen von der Einführung der Berufung und der Entschädigung der unschuldigen Justizopfer. Denn es tritt thatsächlich eine Abbröckelung der Schwurgerichte ein trotz der Erklärung des Staatssekretärs. Erkennbarermaßen zieht sich eine bestinimte Tendenz gegen die Schwurgerichte durch die Vorlage. Auch die als harnilos be- zeichnete Veränderung in der Geschnstsvertheilung hat eine eminent politische Bedeutung. Der Staatssekretär erklärte zwar diese Frage für so untergeordnet, daß die Regierung daran die Vorlage�nicht scheitern lassen würde. Ich freue mich, daß diese reaktionäre Tendenz der Vorlage beseitigt werden kann. Das jetzige Verfahren soll die Unparteilichkeit der Richter garantiren. Wir haben kein Mißtrauen gegen den Richlerstand, sondern wollen vielmehr dessen Unabhängigkeit schützen. Bei der Geschäfts- vertheilung durch den Justizminister wird dieser doch den Land- gerichts- Präsidenten befragen müssen, und dieser kann dann doch die Geschäfte nach Sympathie und Antipathie vertheilen. Und in politisch erregten Zeiten kann die Justiz- Verwaltung sich besonders gehorsame Gerichte zusammensetzen. In der Blüthe des Kulturkampfes haben evangelische Gerichte die Verlesung des Hirtenbriefes des Erz- bischofs von Köln mit 3, 4 Monaten bestrast, katholische Gerichte aber nur mit 1 Tag. Nach der Anficht meiner Freunde könnte die Vorlage an dieser Frage scheitern. Das allgemeine Verlangen von Juristen und Nichtjuristen geht nach der Berufung. Daß die Bestrafung durch die Berufung in ein späteres Stadium gerückt wird, ist kein stichhaltiger Grund dagegen. In zweiter Instanz werden die Zeugen noch besser orienlirl sein als in der ersten. Das finanzielle Interesse kann gegen die Berufung nicht in belracht kommen. Denn dem Rechte zu seinem Siege zu verhelfen, ist die heiligste Aufgabe des Staates. Für die Berufung spricht alles. Es ist kaum zu verstehen, wie man in Süddeutschland so lange auf einer Instanz hat bestehen können. Für mich ist die Hauptsache, daß in zweiter Instanz die ganze Sache der Sphäre des ersten Richters entzogen werden muß. Ich habe beim Siegener Bank- Prozeß vergeblich versucht, die Sache vor ein anderes Gericht zu bringen, weil die Siegener Richter sich Wochen lang haben von dem Bankkrach vorerzählen lassen müssen und weil sie durch die öffentliche Meinung beeinflußt waren, was ja sehr mensch- lich ist. Eine große Befriedigung gewährt es aber, daß die verbündeten Regierungen sich endlich entschlossen haben, unsere Forderung der Entschädigung der un- schuldig Verurtbeilten zu erfüllen, wenn auch in einer bedauerlichen Beschränkung. Bei de» früheren Verhandlungen sind Beispiele in großer Zahl angeführt worden dafür, daß auch für die unschuldig erlittene Untersuchungshaft Entschädigung ge- währt werden muß, namentlich da in Deutschland viel zu viel Personen verhaftet werden. Die jungen, schneidigen Richter berücksichtigen viel zu wenig, welche üblen Folgen die bloße Verhaftung'mit sich bringen kann. ES wäre ganz gut, wenn zur Vorbereitung der Richter auch ein Probe- sitzen gehörte.(Heiterkeit.) Ich behalte mir vor, diese Aus- dehnung der Vorlage in der Kommission zu beantragen. Auch die Feststellung der Entschädigung ist nicht richtig geordnet. Die Landesjustizbehörden sollen darüber entscheiden; das schmeckt nach Gnade und Almosen, und das wollen wir nicht. Die Entschädigungsfrage muß von dem Richter gelöst werde», der den Mann für unschuldig erklärt. Sehr bedenklich ist es, daß wir eine Verschlechterung des Wiederaufnahme-Verfahrens in Kauf nehmen sollen, während man das Wiederaufnahme- Verfahren eher urtheilter jetzt, wenn nach den neuen Beweismitteln das Vev brechen zwar unter denselben Strasrechts-Paragraphen fällt, aber die Strafabmessungs-Gründe andere geworden sind. Bedauerlich ist es ferner, daß nian einige Prozebgarantien beseitigen will, die früher vorhanden waren. Ob drei oder sünf Richter im Kollegium sitzen, ist ziemlich gleichgiltig; man sollte nur zur Verurtheilung ein einstimmiges Urtheil verlangen. Denn wenn unter drei Richtern einer zweifelhaft ist, dann ist die Sache zweifelhaft. Wenn nicht die Einstimmigkeit verlangt wird, dann wird der Vorsitzende und der Referent mit seiner Akten kenntniß einen überwiegenden Einfluß ausüben. Die Garantien des Verfahrens können wir nicht entbehren und auch nicht die Vorschrift, daß der Angeklagte durch die Anklageschrift von dem in Kenntniß gesetzt wird, was man von ihm will. Es wird da- durch das Hanplverfahrcn vielfach vermieden, denn es gehört nicht zu den schönsten Situationen des Lebens, in die Anklage- dank eingeschlossen und nachher freigesprochen zu werden. Die Aenderung der Zuständigkeit begrüßen wir nni Freuden, namentlich daß die Bagatellen von 25 anf 100 M. erhöht werden sollen. Kriminalpolilisch ist es wünschenswerth, das Landgericht zu entlasten; aber weshalb hat man nicht die Ver- folgnng der flüchtigen Wehrpflichtigen dem Landgericht ab- genommen und auf den Einzelrichter übertragen? Nicht einverstanden bin ich mir der Einschränkung der Schwurgerichte; da handelt es sich»m einen politischen Gesichtspunkt. Das Delikt des Meineids ist meist so thatsächlich, daß die Geschworenen darüber ruhig urtbeilen können, und wenn behauptet wird, daß Fehlurtheile vor- gekommen sind, so liegt das daran, daß man nach den Berichten der Staatsanwälte urrheilt, welche ein Verdienst darin sehen, in einer Sitzungsperiode recht viel Jahre Zuchthaus herausgebracht zu haben.(Widerspruch rechts.) Mau sollte einmal die Ver- theidiger darüber fragen. Wenn man die Kompetenz der Schwurgerichte nicht beschneiden will, dann weisen Sie ihnen doch die Dinge zu, für welche sie besonders geeignet sind die politischen und Preßdelikte, dann können Sie ihnen andere Dinge sehr wohl abnehmen. Aber das werden wir ivohl nicht erreichen, das beweist besonders die echt reaktionäre Maßregel, daß man das Resümee des Vorsitzenden wieder einführen will, wodurch die Geschworenen captivirt werden. (Widerspruch rechts.) Der Vorsitzende ist meist im Einverständniß mit dem Staatsanivalt längst vorher mit seinem Urtheil fertig. (Sehr richtig! links.) Wenn man das Resümee nicht beseitigen will, dann muß es wenigstens protokollarisch fixirt werden, damit der Revisiovsrichtcr sehen kann, ob es objektiv gewesen ist. Außerordentlich bedenklich ist auch die Beichränkniig der Beweisaufnahme. Aber einverstanden bin ich mit der Aenderung des Kontnmacialverfahrens. Ter Nacheid ist dem Voreid vorzu- ziehen. Eine andere Frage ist die, ob der Eid im Vorverfahren anzuwenden sein wird, dadnrch werden die Zeugen zu leicht auf eine bestimmte Aussage sestgenagelt, ohne die Garantie des Richterkollegiums und der Vertheidigimg. Daß auf ein genaueres Protokoll Werth gelegt wird, ist er- sreulich; denn durch falsche Protokollirnng sind schon oft Revisionen unmöglich geworden. Die Beschleunigung des Ver- fahrens soll durchgeführt werden; aber wir wollen dafür sorgen, daß bezüglich der Presse nur das Forum des Ursprungsorts gelten soll. Es steckt ein Ansatz der Reaktion in der Vorlage; wenn wir den beseitigen können, so wird ein guter Schritt vorwärts gemacht werden. Wir werden uns daher bestreben, die Vorlage besser zu gestalten. Wir wollen mir dem ernsten Willen daran gehen, die Sache in dieser Session zum Abschluß zu bringen, damit wir am 1. Juli, spätestens am 1. Oktober die Berufung und die Entschädigung wieder einführe» können.(Zustimmung links.) Preußischer Justizminister Schönstedt: Die Regierungen können mit dem Verlauf der bisherigen Verhandlung durchaus zufrieden sein; auch der letzte Redner hat vom Standpunkte eines erfahrenen Praktikers eine Reihe derjenigen Bedenken, die in der Presse und Rechtsliteratur erhoben worden sind, ans ihren wahren Werth zurückgeführt. Ich bin selbstverständlich in diesem Augenblick nicht daraus vorbereitet, alle die- jenigen Fälle, welche er im Beginn seiner Rede vorgebracht bat, nachzuprüfen und zu konlrolliren. Ich kann nur bitten, solche und ähnliche Fälle zur Kenntniß der Zentraliustanz zu bringen. Daß die Anklageschrist dem verhafteten Angeklagten vorgelesen und dann vom Gefängniß- inspcktor aufbewahrt wird, ist richtig, ich kann mir aber nicht denken, daß irgend einem Vertheidiger die Aushändigung der Anklageschrist von einem Gcfängnißinspektor vmveigerl worden ist. Ich bitte in dieser Beziehung um das erforderliche Material, ebenso auch über die Fälle, in denen die Onalifikalion der Slraf- kainmer-Vorsitzenden angezweifelt worden ist. Im allgemeinen haben mich die einleitenden Worte des Vorredners durchaus sympathisch berührt. Ich bedauere mit ihm. daß das Ansehen der Justiz in weiten Kreisen des Volkes gegenwärtig nicht mehr dasselbe ist wie früher, und soweit ich dazu beilragen kann, das Sl»sehen der Justiz iv jeder zu heben und ihr eine angesehenere Stellung zu geben, wird es an mir nicht fehlen.(Bestall.) Ich habe um so weniger Veranlassung, tief einzugchen auf diese Vor- läge, als ich mich nicht mit ihr zu i d e n t i f i z i r e n vermag. Ich habe die Vorlage übernommen, wie sie im Bundcsrath festgestellt war. Herr lltintelen hat schon beachtungs- wertste Abänderungsvorschläge angedeutet. Mit der Wieder- einfübrung der Berufung konimt die Regierung wiederholt mit warmer Begeisterung gefaßten Beschlüssen des Reichstages ent- gegen; ebenso macht die Regierung dem Beschlüsse des Reichs- tage- eine Konzession mit der Enschädigung unschuldig Ver- urtheilter. Im großen Ganzen bewegt sich die Vorlage auf dem Boden des Reichstagsbeschlusses von 1886. Dieser Beschluß ist allerdings nur in Anwesenheit von 60 Mitgliedern gesaßt worden. Ich bedauere lebhast, daß auch jetzt das Haus so schwach besetzt ist. Von denjenigcu, welche ein lebhaftes Interesse für die Ein- führung der Berufung und die Entschädigung unschuldig Ver- urtheilter haben, wäre es nicht polirisch klug, die Vorlage durch zu viele Abänderungen zu niodifizircn, die über die Vorlage hinausgehen, da die Vorlage sonst zu Fall kommen könnte und es fraglich wäre, wen» sie wieder in der gewünschten Form zum Vorschein käme. Es fragt sich nur, welche Opfer der Reichstag für die Einführung der Berufung und die Entschädigung Verurtheilter zu bringen geneigt sein wird. Die anderweitige Regelung der Geschäsisvertbeilung bat keine politische Bedeutung. Für die Beschränkung der Schwurgerichte sind politische Gesichts- punkte in keiner Weste maßgebend gewesen, es handelt sich viel- mehr darum, besonders verivickelte Rechtsfälle, wie sie z. B. beim Bankrott ic. vorgekommen und die ein eingehendes Aklenstudium verlangen, den Laienrichtern zu entziehen. Alles Nähere bleibt den Koininissionsberathungen vorbehalten.(DieletzlenAnssührungen des Redners gehen auf der Journalistentribüne vollständig ver- loren.) Abg. v. Buchka: Eigentlich ist die Berufung unvereinbar mit dem Grundsatze der Mündlichkeit, denn die mündliche Ver- Handlung kann nicht reproduzirt werden. Die Garantie, welche früher die Berufung ersetzte, liegt in der Besetzung des Gerichts mit 5 Richtern, von denen 4� zur Ver- Jn der zweiten Instanz ist das Zeugenmaterial unzuverlässiger als in der ersten, weil längere Zeit dazwischen liegt und weil die Zeugen durch das erste Versahren und das Urtheil beeinflußt sind. Der Grund, daß es in den kleinsten Zivilsachen eine Berufung giebt, in den Strafkamm er fachen aber, wo es sich um die Ehre des Menschen bandeln kann, nicht, ist allerdings ein solcher, der alle Beachtung verdient, und wir werden ihn bei den Weiterberathnngcn dieser Vorlage berücksichtigen. Einverstanden bin ich mit der Ausdehnung der Kompetenz c Schöffengerichte und der Straf- kammern; man hätte aber nocy etwas weiter gehen sollen, als es in der Vorlage geschieht. Aber dagegen muß ich mich er- klären, daß die sämmtlichen politischen Delikte den Geschworenen überwiesen werden. Mit politischen Dingen dürfen wir die Schwurgerichte nicht belasten; wir müßten sie ihnen eigentlich alle nehmen. Bezüglich der Geschäftsvertheilung durch die Justizverwaltung sollen nach der Erklärung vom Bundesrathstische politische Motive nicht vorliegen. Was vorgebracht ist, scheint aller» dings dafür zusprechen, daß die Justizverwaltung das Recht haben muß, einzugreifen. Ich habe in dieser Beziehung kein Miß- trauen gegenüber der Justizverwaltung; namentlich dem preußischen Justizminister kommen wir mit Vertrauen entgegen. Aber es handelt sich hierbei um eine der Garantien für die Unabhängigkeit der Richter und wenn diese Vorschriften geändert werden, so wird die Möglichkeit eines Mißbrauches geschaffen. Nothwendig sind die Aenderungen in bezug auf die Ablehnung der Richter. Ist es doch vorgekommen, daß auS ganz nichtigen Gründen ein Angeklagler sämmtliche Mitglieder des Landgerichts und des Oberlandesgerichts in Mecklen- bürg und die mecklenburgischen Miiglieder des Reichs- gerichts ablehnte! Nicht zu billigen ist die Massen- Vereidigung der Zeugen; es wird Sache des Richters sein, der Eidesleistung die nörhige Würde und Feierlichkeit zu verleihen. Die Beschleunigung des Strafverfahrens, um derThat schnell die Strafe auf den, Fuße folgen zu lassen, ist durchaus zu billigen. Es ist nicht nölhig, dabei ein Vorverfahren stattfinden zu lassen, denn es wird sich doch bei den schleunigen Verfahren meist um Gewohnheitsverbrecher handeln, denen die Polizei schnell das Handwerk legen will. Die Schwurgerichte halte ich für eine überwundene Einrichtung; sie sind hervor- gegangen aus den Forderungen des Jahres 1843, man verlangte an stelle des schriftlichen Verfahrens das mündliche Verfahren, man verlangte unabhängige Gerichte und faßte das alles zusammen in der Forderung der Schwurgerichte, in denen man das Palla- dinm der Freiheit erblickte. Alle Forderungen sind erfüllt, wir habe» unabhängige Richter, wir haben die Mitwirkung der Laien in den Schöffengerichten, die weit über den Geschworenengerichten stehen. Die Wiedereinführung des thatlichen Resümees des Vorsitzenden der Schwurgerichte ist durchaus zweckmäßig. Für die Entschädigung unschuldig Verurtheilter treten wir auch ein und ich bin mir Herrn Lenzmann darin einverstanden, daß auch für unschuldig erlittene Untersuchungshaft eine Entschädigung gewährt werden muß. Ich bitte, die Vor» läge nicht an eine Kommission von 23 Mitgliedern zu ver- weisen, sondern nur von 21 Mitgliedern; das ist gerade genug. (Beifall rechts.) Abg. Schröder(dsr. Vg.) spricht seine Freude darüber aus, daß die verbündeten Rrgierungen Aenderungen der Vorlage nicht absoluten Widerstand entgegensetzen wollen. Danach ist zn hoffen, daß über die Vorlage eine Verständigung ttzielt wird. Der Ent- wurf hält sich nicht ganz auf deni Boden einer Novelle; denn er ändert gewisse Prinzipien der Justizgesetze in bezug aus die Zu- sammensetzung der Gerichte. Die Entschädigung unschuldig Ver- urtheilter halte ich für so wichtig, daß ich dafür manche Kon- zessio» zu mache» bereit wäre, lieber die anderen Fragen wird sich reden lassen, so über die Frage des Voreides oder des Nacheides, obgleich man sich davon nicht soviel versprechen sollte. Aber in der Beschleunigung des Verfahrens darf man nicht zu w e i t g e h e n, daß man zur E" t l a st u n g des überlasteten Richters und zur B e q u- m l i ch- keit der Richter die 3i echte der Angeklagten be- e i n t r ä ch l i g t. Man sollte das ganze System ändern; jetzt geht jedes Prinzip verloren. Wozu sollen danach die Schwur- gerichte überhaupt noch diene»? Sie bleiben eigentlich nur eine Art Anstandsgerichte. Ich habe mich meist immer in Uebereinstimmnng mit den Urlheilen der Schwurgerichte befunden, öfter als mit den Urtheilen von Richterkollegien; aber der ganze Apparat, der dabei aufgewendet wird, ist zu groß gegenüber dem Ergebniß. Herr v. Buchka meinte, die Schwurgerichte hätten nur eine politische Bedeutung gehabt. Das ist richtig, daß wir bessere Formen der Rechtspflege. haben; aber wenn man etwas ändern will, dann muß Hand anderweitig angelegt werden. Wir m ü s s e n das Laienelement auch bei den Strafkammern einführen, damit die Gerichte mit dem Volke in Fühlung kommen. Die Frage der Berufung ist nicht so einfach, wie man sie bei den früheren Verhandlungen immer betrachtet hat. Mans kann nicht einfach ein Stückwerk hineinbauen; denn der Strafprozeß ist ein Organismus, den man nicht so ohne weiteres ändern kann an einem Punkte; jede Aenderung an einer Stelle hat eine Aenderung an einer anderen Stelle zur Folge. Es muß alles von vornherein gründlich überlegt werden. Darauf wird um 5 Uhr die weitere Debatte bis Sonn- abend 1 Uhr vertagt. Außerdem steht die erste Berathung des Gesetzentwurfs betreffend die privatrechtlichen Verhältnisse der Binnenschifffahrt auf der Tagesordnung. xisvlmnenksvtkiSxes. Budgetkommission. Die heutige Sitzung wurde zu einem großen Theil mit einer Debatte über die Art der Beschaffung der Fouragevorräthe ausgefüllt. Nach Mittheilung der Ver- treter der Militärverwaltung ergab sich, daß der direkte Einkauf der Fourage bei den Produzenten sich zum theil sehr erheblich billiger stellte, als durch die Zwischenhändler. Schließlich macht der Abg. Richter darauf aufmerksam, daß die Einstellung der Okioberpreise für den Bezug der Fourage ihn auf ven Gedanken gebracht habe, daß die Fouragevorräthe, die sich früher nur auf ein halbes Jahr erstreckten, jetzt auf nahe ein ganzes Jahr vorhanden seien. Bei der weiteren Frage, woher die Mittel zum Ankauf dieser Vorräthe gekommen seien, habe er die Ueberzeugung gewonnen, daß man die eisernen Bestände für die Betriebsmittel in Anspruch genommen habe. Das sei ein Ver- fahren, das mit dem Etatsrecht des Reichstages im Widerspruch stebe. Die Regierungen hatten kein Recht, in solcher Weise die Betriebsmittel ohne Zustimmung des Reiches zu verwenden. Cr beantragt eine Resolution, welche der Militärverwaltung eine genaue Direktive gebe» will, an die sie sich zu halten habe. Von feiten des Vertreters der Militärverwaltung wird das Versahren derselben zu rechtfertigen versucht. Die Nothwendigkeit, allen Eventualitäten vorbereitet zu sein, nöthige zu dem Ge- schehenen. Hammacher stimmt Richter darin bei, daß etatsrechllich das Verfahren der Miitärverwaltung nicht gerechtfertigt werden könne, hält aber den übrigen «rleicktern als erschweren sollte. Schutzlos ist». B. ein Ber-urtbeilung erforderlich sind, und in den anderen Prozeßformen. Inhalt des Richter'scheu Antrages für unannehmbar. Ter R eichs-Schatzse�retär meint, es bletbe nach dem Gehörten nichts Anderes übrig, als eine einmalige Bewilligung sür den Ankauf der Borrälhe vom Reichstag zu verlangen, Richter beantragt, zu erklären' es ist unzulässig, daß die Vermehrung der kriegsmäßigen Vorräthe aus dem Betriebsfonds erfolgt. Ter Staatssekretär des Reichs.-Schatzamtes bittet, die Resolutionen zurückzuziehen, die verschiedenen Ressorts würden alles thun, eine befriedigende Verständigung mit dem Reichstage herbeizuführen. Lieber erklärt, daß seine Partei genossen sür die Resolutionen Richter's nicht stimmen könnten ste könnten deren Tragweile nicht übersehen; er gebeselbst in bezug auf die etatZrechlliche Auffassung nicht so weit, wie der Abg. Ha m macher. Unter der Voraussetzung, daß die Zusage des Staatssekretärs ersüllt werde, zieht Richter seine Resolutionen zurück. Mehrforderungen für anderweite Verpflegnngsbedürsnisse werdeil nach kurzer Debatte beivilligt. Nachträglich stellt sich beraus— was schon mehrfach während der Beralhnngen der Kommission konstatirt wurde rind vorauszusehen war- daß ungeachtet der Erklärungen gegenüber der im Jahre 1893 tagenden Mililärgesetz-Kommission, es werde alles gefordert was nothwendig sei, und Mehrfordcrungen würden nachträglich nicht entstehen, zetzt eine Mehrforderung nach der andern komine. So jetzt wieder Mehrforderungen für die Bekleidungsämter. Hierbei bringt der Abgeordnete Müller(Zentrum) eine interessante Auslassung von sachverständiger Seile zur Sprache, aus welcher hervorgeht, wie, begünstigt durch gewisse Anordiiungeii der Militärverwaltung, es einer Verhältnis' mäßig kleinen Anzahl Tuchfabrikanten gelang, einen Ring zu bilden, um die Preise vor Tuch trotz erheblich geringer gewordenen P r o d u r- tions losten, zuerheblich höheren Preisen oer Militärverwaltung aufzuhängen. Die mi jetzigen Etat geforderte Summe würde sich um mehr a l s«00 000 M. ermäßigen, wenn d i e T u ch e z u e K r l i ch e in Marktpreis erworben würden. Die Mit theilungen des Abg. Müller machten einen tiefen Eindruck in der Kommission, doch mußte» wegen vorgerückter Zeit die weitere» Verhandlungen abgebrochen werden. ** Die WahlpriifungS-Kommissiou beschloß heute die Wahl deS Abgeordneten Banlleon(Ulm) für ungilt'g zu erklären. Gegen diese Wahl war seinerzeit ein Protest von unseren Ge- Nossen eingegangen; ebenso liegt ein solcher von seilen der Volks- Partei vor. Der Reichstag hat seinerzeit Erhebungen beschlossen und das Resultat derselben lag jetzt der Wahlprüsungs- Kommission vor. Von unseren Genossen war im Protest fierügt worden, daß in dem Städtchen Geislingen die ozialdemokratischen Stimmzettelvertheiler au, Wahltage vor den Wahllokalen verhaftet und in Haft behalte» wurden. Da die Metallwaarenfabrik in Geislingen dort eine so dominirende StellnnA einnimmt, daß kein Arbeiter oder Kleinbürger wogen darf, für die sozialdemokratische Partei öffentlich zu agitiren, gewann der Graveur Härder zioei wandernde Handwerksburschen, welche gegen Bezahlung die Zettelvertheilung vor den Wahl- lokalen übernahmen. Bei dieser Thätigkeit wurde» die beiden Arbeiter wegen— Landstreicherei verhastet und später auch zu gering sügigen Haft strafen vernrtheilt. Die Wahlprüfungs-Kommission erachtete diese Verhaftung für ungerechtfertigt und damit den Protestpunkl sür das Wahl ergebniß für erheblicki. Da Bantleon nur mit neun Stimmen Majorität gewählt ist, von denen durch das Ergebniß der Er- Hebungen noch einige abzuziehen sind, so sprach die Kommission mit Majorität die Ungiltigkeit ans. Die Wahl oeS Abg. Jörns(11. Hannover, Einbeck-Nord- heim) wurde rinstimmig für gillig erklärt. ToUaizz. Magistrat und Pferdebahn Gesellschaft. Die Direktion ber Großen Berline/ Pferde-Eisenbahn-Gesellschaft hatte sich seinerzeit dem Magistrat gegenüber bereit erklärt, eine elektrische Bah» durch die Ritter- und Reichenbergerstraße über den Land- wehrkanal nach dem Treptower Park, bezw. durch die Wiener- straße über den Kanal nach dem Treptower Ansftellungspark anzulegen. Tie von der Gesellschaft gestellten Bedingungen sind jedoch derartig, daß sie den Gemeindebehörden nicht empfohlen werden konnte», weil dadurch die Bestimmungen der bestehenden Verträge in den wesentlichsten Punkten geändert werden müßten. Der Magistrat hat deshalb die mit der Gesellschaft dieserhalb gepflogenen Verhandlungen abgebrochen, dagegen letzterer ausgegeben, weil ein besonderes Gewicht darauf gelegt wird, daß die Linie in der Reichenbergerstraße, wenn es sein muß, auch mit Pferdebahnbetrieb so bald als möglich zu stände kommt— aleichgiltig ob sie von der Großen Berliner Pferde- Cisenbahn-Gesellschafl ausgeführt wird— nunmehr baldigst ein Spezialprojekt für die im Nachtragsvertrage vom«./!'/. November 1384 vorgesehene Pserdebahn-Linie von der Lützowstraße durch die Markgrafen-, Ritter-. Reichenbergerstraße zur Genehmigung vorzulegen. Was die Fertigstellung einer mit elektrischem Bc- triebe zu erbauende» Bahn, und zwar bis zum Beginn der ISWer Ausstellung im Treptower Park— durch die Wienerstraße über den Landivehrkanal— Treptow anbelangt, so wird Voraussicht- lich in Gemäßheit des Beschlusses des Magistrats durch öffent- lich« Bekanntmachung zur Beiverbung um die Konzession für diese Bahn baldigst Aufforderung erfolgen. Zum Regiebetrieb der Straßenbahnen kann sich der Magistrat ans Furcht vor dem Sozialismus bekanntlich immer noch nicht entschließen. Für die Feuerwehrkutscher. Im Jahre 1885 und 1334 sind Fälle vorgekommen, daß Spritzenfahrer der Feuerwehr bei der Hast, mit welcher im Alarmsalle der Betrieb der Gespanne in den Feuerwachen vorgenommen werden muß, sich die Schädel eingestoßen haben, weil sie bei der Ein- oder Ausfahrt vergaßen, sich zu bücken. Der Magistrat hat nun in Uebereinstimmung mit der Feuerwehrdirektion genehmigt, daß die Einfahrte» etwas erhöht werden, so daß dergleichen Unglücksfälle nicht wieder vorkommen können. Der Magistrat hat zu jenem Ziveck 8000 Mark in den Feuerlöschetat für 1395/36 einznstelle» beschlossen. AuS dem Militärstckat. Die Frage, ob ein T h i e r a r; t Lieutenant werden könne, wird jetzt in den Blättern variirt. Btslang habe die Frage als eine offene gegolten, doch sollen jetzt nach der„Verl. Thierärztl. Wochenschrift" in den letzten Jahren sieben Thierärzte zu Ossizieren„befördert" worden sein. Heil ihnen! Die Frage, ob jeder Lieutenant auch im stände ift, den nützlichen Berns eines Thierarztes auszuüben, bedarf wohl keiner weitläufigen Untersuchung. Hebt sich die Sittlichkeit? Zur theilweisen Bejahung dieser Frage ist man wohl berechtigt, wenn man die Klagen über schlechte Geschäfte der L o t t rri e- E inn e hm e r hört, die jetzt weit und breii in der Hauptstadt des Reiches der Gottes- furcht und frommen Sitte ertönen. Während es in frühere» Zeiten bekanntlich schwierig war, einen Loosantheil zur königlich preußischen Klassenlotterie für Geld und gute Worte zu bekommen, geben sich die vom Staat mit dem Vertrieb der Loose betrauten Leute jetzt alle Mühe, um das Publikum unter der Hand für das preußische Lotterie- spiel zu interessiren. Zur Ehre der Berliner muß aber gesagt werden, daß sie trotzdem wenig Neigung zeigen, sich dem preußischen Spielteufel in die Arme zu, versen; den Verlockungskünsten zum Trotz bleiben ste standhaft solchem verderblichen Laster gegenüber und die überscbüssigen Loose der königlich preußischen Lotterie bleiben in den Händen der Einnehmer. Ein erfreuliches Zeichen in trüber Zeit, dieser Fortschritt der Sittlichkeit Für die Verhängung deö Boykotts über die Firma Nauck u. Hart mann suchte in einer vorgestern abgehaltenen Versammlung der Reichstags-Abgeordnete B ö ck e l seine poli- tischen Freunde zu animiren. Auch die Richtung der Radau- Autisemilen will sich mit de» Anschlagsäulen-Pächtern beschäftigen. Der deutsche Antisemitenbund halle zum Freitag Ahend eine Versammlung einberufen, in der eiu Redakteur Wilberg über das Thema:„Bierboykott, Sozialdemokratie. Börsenschwindel" eine Rede reden sollte. Die Firma Nauck u. Hartmann hatte in ihrer Zensorenweisheit lächerlicherweise das Wort„Börsenschwindel von den Anschlagzetteln gestrichen und so den Einberufer» das anssichtsvolle Geschäft theilweise zu schänden gemackt. Die Nadau- Antisemiten haben nicht so unrecht, wenn sie in ihrem Zentralorgan schreiben, daß die Börse für unantastbar gehalten werde. Unseres Erachtens sollten die Uebergriffe der Firma Nauck u. Hartmann gelegentlich wieder einmal in der Stadlverordneten- Versammlnng"zur Sprache gebracht werden. Uebrioens wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß, als vor einiger Zeit bereits das von den Pächter» der Anschlagsäule» der Berliner Arbeiterschaft gegenüber beliebte Verfahren im Rathhause gerügt wurde, sich sowohl unter den bürgerlichen Stadtverordneten als auch in der bürgerlichen Presse keine Hand gegen die Herren Nauck». Hartmann rührte. Es schadet den Herren Antisemiten nichts, daß sie jetzt einmal am eigenen Leibe die Wirkung einer derart skandalösen Bevormnndung erfahren müssen. Auf dem altgermauischen Gräberfeld zu Britz, von dem ichon verschiedene Gesäße und metallische Veigaben in das Märkische Provinzial-Musenm abgeliefert sind, ist es kürzlich dem Magistratssekretär Koye gelungen, zwei sehr große Urnen mit dem Leichenbrand-Jnhalt völlig unversehrt aus der Erde zu heben. Die Gefäße, die etwa 2000 Jahre lang in der Erde gestanden haben, sind 35 bezw. 37 Cenlimeter hoch und haben einen Um sang von 124 Centimetern! einige Linien und schön ausgeglättete halbkugelförmige Vertiefungen bilden die Verzierung. Zwei so genannte kleine Thränen-Urnen, worin sich keine Leichenreste, sondern nur eingespülter Sand befand, staiiden daneben. Da? Zodiakallicht wird, wie eine Fachzeitschrift mittheilt, in der nächste» Zeit auch in Berlin in günstiger Stellung zu sehen sein. Nicht weit von der Spitze des Lichtkegels steht der Mars. Bei der Abschätzung der Lichtvertheilnng empfehle» sich Vergleichungen mit gewissen Stellen in der Milchstraße. Ueber die Ursachen dieses Lichtgebildes ist Sicheres nicht belannt. Ob es in der Umgebung der Erde entsteht, bleibt gleichfalls sehr zweifelhaft. Stach den speklroskopischen Beobachtungen handelt es sich sehr wahrscheinlich nur n», reflekiorischcs Sonnenlicht, nicht um Lichtentwickelungen, welche einem Polar- oder Kometen licht analog wären. Auf den eigentlichen Sternwarte», die meist in oder nahe bei größeren Städten liegen, läßt sich iür die Erforschung des Zodialallichtes nur wenig thun. Um so -verlhvoller sind daher Beobachtungen von Freunden der Wissen- schaft, die an günstigen Orten mit freiem Ausblick auf de» Himmel wohnen. Ter Geschäftspla» des hiesigen Geiverbegerichts sür die Amlsperiode 1835/36 ist soeben in Beyer's Verlag, Fischer- straße 5, erschienen. In die neue Auflage des Planes sind die 123 und 124 der Gewerbe-Ordnung, über die vielfach Un klärheit herrscht, aufgenommen worden. Tie Nixdorfer Genossen seien darauf aufmerksam gemacht, daß die berichtigte Wählerliste sür die Gemeindeivahlen bis zum 30. d. M. im Amtshaus zu jedermanns Einsicht öffenllich aus- liegt und Anträge aus Berichtigung derselbe» in dieser Zeit gestellt werden müssen. Eine Mark für den arme» Man». Unter den Lehrern der höhere» Lehranstalten erregt zur Zeil ein Rundschreiben Aus- sehen, das den Zweck hat. diese Herren um eine Mark zu er- leichtern. Der Betrag soll zu einer Adresse znsammen geschossen iverden, welche einige Patrioten dem Fürsten Bismarck zu seinem achtzigsten Geburtstag überreichen woUen. Ob man nicht auch versuchen wird, die Aolksschullchrer zu schröpfen? Die berüchtigte Iosty-Rnine wird jetzt endlich vom Erd- boden verschwinden. Seil heute Morgen ift eine Anzahl Arbeiter init dem Abriß der alten morschen Gebäude beschäftigt; auf dem Grundstück wird ein Fabrikgebäude errichtet werden. Infolge des eingetretenen ThauwetterS werden bereits die ersten Hochwasserstnlhen von allen Seite» gemeldet. In der Umgegend von Berlin sind die vielen kleinen Bäche und Rinnsale schon ziemlich angeschwollen und nia» befürchtete, daß sie bald aus ihren Betten treten und das tiefer liegende Land über- schwemmen werden. Die im Sommer so unschuldig aussehende Panke scheint auch wieder ungeberdig werven zu wolle» und droht im Nieder-Schönhausener Schloßpark Verwüstungen anzu- richten. Bei der Spree und der Havel inachen sich die verstärkten Zuflüsse bereits bemerkbar. Die Besuchszeit für Kranke ist in der Charitee jetzt ebenso sestaesetzt worden wie in den städtischen Krankenhäusern, und zwar Mittwoch, Sonnabend und Sonntag von 2—3 Uhr nachmittags. Dagegen ist die Sprechstunve für Geisteskranke am Freitag früh von 8l/*—9l/i Uhr beibehalten worden. Bei der Kanarienansstellung, welche der Berliner Kanarienzüchrer-Verein gestern in den Räumen des Hauses Alexanderstraße 37 eröffuel hat, wurde die große goldene Medaille dem Züchter Gustav Barchel(Lindenstr. 10) für eine ttolleklioii von Kanarie» zuerkannt, ivelche erst vor wenige» Tagen in Dresden gleichfalls mit der goldenen Medaille ausgezeichnet worden sind. Große silberne Medaillen erhielten die Züchter Mertsch, Pawclk-Schöneberg, Wollcr. der erste Vorsitzende des Vereins, ferner Witt, Wunderlich, Boden, Hummel und A. Schulz, Ileine silberne Medaillen erhielten die Züchter Heinze, Schmidt, Schröder, Bartels und Borde. Außerdem kamen 12 bronzene Medaillen und Diplome zur Vertheilnng. Die Ausstellung selbst ist mit 335 Thieren beschickt, 216 davon wurden den Preis- richtern vorgeführt. Als Seltenheiten sind ein Bastard von Stieglitz und Kanarienvogel und ein sehr schöner Pariser Trom- peler ausgestellt. Der Verein selbst hat eine komplet eingerichtete Flughecke init Hähnen und Weibchen besetzt. A»S der besten der Welten. Eine polizeiliche Streife hat ain Donnerstag Spälabend auf den Feldern an der Nord baynstation Gesundbrunnen bis zur Schönhauser bezw. Prenzlauer und Königs-Ehaussee stattgehabt. In Düngerhaufen, in Laube» k. versteckt wurden ca. 15 Personen, die sich dort zum Nächtige» niedergelegt hatten, ausgestöbert. Es waren sämmtlich harmlose Obdachlose, die durch bittere Noth gezwungen waren, in der rauhen Jahreszeit bei Muller Grün Nachtquartier zu uehmen. Bäuerisches. Gegen die Eingemeindung hat sich die Wilmers- dorfer Gemeindevertrelung in ihrer letzten Sitzung energisch aus- gesprochen. Wie Amisvorsteher Sock unter Zustimmung der Versammlung mitlheilte, habe er die auf stellenweise Ein- verleibung gerichtete Anfrage des Berliner Magistrats einfach unbeantwortet gelassen. Mit lautem Krach stürzte Freitag Vormittag um lOist Uhr eine große Menge Stuck vom vierten Stock des Hauses Elsasser- traße 96 aus den Bürgersteig hinab. Anscheinend hatte sich die aus Gips bestehende Verzierung, die unmittelbar unter dem Gesims saß. infolge der feuchten Witterung gelöst. Ein kleines Mädchen, das gerade vorüberging, kam mit dem Schrecken davon, da die Masse dicht vor ihm niederschlug. Ein etwas seltsamer Scherz hat den in der Kronprinzen- traße in Weißensee wohnenden Arbeiter Dahlenburg in Mord- "erdacht gebracht und zur Verhastuna des Spaßvogels geführt. Vor einigen Tagen traf D. den ihm befreundeten zur Zeit arbeits- losen Glaser Köhler, der ihm seine Noth � klagte. Hierauf erwiderte D., daß er ihm leicht Geld verschaffen könne, er möge nur mit ihm nach Hanse kommen. Beide begaben sich nun in die Wohnung des D. und dort gab der letztere dem K. ein Fläschchen mit heller Flüssigkeit; der Spender der Mixtur beauftragte nun den Freund, nach dem Schattner'schen Restaurant l» der Krön- prinzeustraße zugehen u»d demWirthe einige Tropfen der Flüssig- teil, die ein schnell wirkendes Gift sei, ins Schnapsglas zu gießen. Sobald Sch. davon getrunken, werde er, Dahlenburg, kommen und das Spargeld des Restaurateurs, das hinter dem Büffet liege, entwenden. K. nahm das Fläschchen und erzählte, als er nach Hause kam, den Mordplan seiner Frau, die ihm rieth, der Be- Hörde die Angelegenheit zu melden. Dies geschah auch und D. wurde sofort verhaftet; der des Mordes Verdächtige gab aber lackenden Mundes an, daß er sich mit K. bat einen Ulk machen ivollen, denn die Giftphiole habe klares Wasser enthalten. Leider hatte das K.'sche Ehepaar die Flüssigkeit forlgegossen, doch ergab die genaue chemische Untersuchung des Fläschchens nichts, was den Verdacht wider D. hätte bestätigen können und der Ver- hastete wurde gestern wieder auf freien Fuß gesetzt. Eiue gegen die„königlichen" Bühnen gerichtele Denunziation, von einem unserer bekanntesten hiesigen Thealer- direktoren unterzeichnet, lief, wie der„B. B.-K. berichtet, kürzlich beini Polizeipräsidium ein. Gegen die Leitung des Opern- und Schanspielhauses wurde die Anklage erhoben, sie halte an Sonn- tage» Proben ab. ebne jede Rücksicht auf die geltenden Vor- schriften über die Sonntagsruhe. Dem Theaterdireklor, dessen Namen die Eingabe trug, ging hierauf der Bescheid zu, daß das Probcnwesen der Thealer, insbesondere auch der königlichen Thealer, der Kompetenz des Polizeipräsidiums gar nicht unter- stehe. Nun aber stellte es sich heraus, daß jene Eingabe eine gefälschte Unterschrift trug. Der durch den unerklärlichen Pe- scheid überraschte Direktor erbat sich Ausklärung mid erklärte, als ihm das mit seinem Namen linterzeichnete Schriftstück vorgelegt wurde, es wäre ihm niemals eingefallen, eine so„lhörichte" Ein- gäbe zu machen. Der Urheberschaft jener Fälschung wird nach- geforscht. Berhaftet wurde am Freitag Morgen gegen 10 Uhr der Kassenrendant des königlichsn Leihamtes Äbtheilung III in der Liiiienstraße. Albert Klasse. Er wird beschuldigt, 8000 Mark amtlicher Gelder unterschlagen zu haben. In seiner im zweiten Stock des Hauses Elsasserstr. 72 belegenen Wohnung erschienen der Staatsanwalt Benedix, der Gerichtsassor Dr. Metz und ei» Polizeilieiltenant, um eine Haussuchung dahin vorziinehinen, ob von der unterschlagenen Summe noch Geld oder Wcrlhpapiere vorhanden seien. Wie verlautet,»st die eingehende Durch» sllchling ohne Erfolg geblieben. Der unoetrene Beamte wurde krank im Bette liegend angetroffen. Nach ärztlichem Gut- aasten ift er von einem Herzleiden, einer Nieren- und einer Lungenkrankheil befallen. Klasse soll eingeräumt haben, die Unterschlagungen im Amte begangen zu haben und mußte daher in Haft genomme» werden. Da aber sein Zustand eine andere Ueberführung in das Untersuchungsgefängniß nicht zuließ, so niußle der Kopp'sche Krankenwagen gerufen werden, um ihn nach der Krankenabtheilung des Gefängnisses zu bringen. Ties scheint weniger wegen eines Fluchtverdachtes, als aus Be- sorgniß, daß Klasse Hand an sich legen könne, geschehen zu sein. Auf dem Wege nach Berlin ist der Privatmann Adolf Albrecht aus Stendal spurlos verschivunde». Derselbe, ein 72jähriger Greis, hat sich am 3. Januar aus seiner Behausung eulsernt und ist 24 Stunden später in Schönhausen a. d. Elbe gesehen worden. Die Behörde glaubt, daß Albrecht die Absicht gehabt hat, seine in und um Berlin wohnenden Kinder z» be- suchen, daß aber die Kräfte des alten Mannes dem anstrengenden Fußmärsche nicht gewachsen gewesen und daß A. infolge totaler Erschöpfung zusammengebrochen, in ein Krankenhaus auf- genommen worden oder aber unterwegs erfroren sei. Etwaige Mittheilunge», die sich auf den Aufenthall des Vermißten be- ziehen, sind an den Kausmann E. Kerstmiu Stendal, oder an den Landrath des westhavelländischen Kreises in Rathenow zu machen. Ein dreister Einbruch ist vorgestern Nacht in dem Laden des Schuhmachermeisters Ne Nendorf, Schöneberg, Kolonnen- straße 20, verübt worden, indem die große, nicht durch die Roll- jalousie geschützte Spiegelscheibe von den Spitzbuben mit solcher Vehemenz eingeschlagen wurde, daß sie in tausend Stücken auf die Straße fiel und das gewaltige Krachen die uinwohnenden Leute aus dem Schlafe ansschreckte. Die Diebe griffen dann nach den in dem Laden befindlichen Schuhwaaren. Als sie aber einige paar lange Stiesel herausnehmen wollten, wurden diese von innen durch den herbeigestürzten Meister festgehalten. Kurz eni« schloffen zog einer der Einbrecher ein Messer und stach nach N.. welcher insolgedessen die Stiefel fahren lassen mußte, worauf die Spitzbuben damit forteilten ftmd entkamen. Gegen die Wahl des Geineinde-Baumeisters Weigand zum Schöffen der Gemeinde Rixdorf hat der dortige Kommunal- Resormverei» bei der Aufsichtsbehörde Protest erhoben. Braiidstiftnng soll die Ursache eines Schadenfeuers sein. welches vorgestern Nacht anf dem Grundstück des Landwirths Mehnow zu All-Weiße»see ausbrach. Tie Obduktion der Leiche der Wittwe Bartelt aus Weißensee hat ergeben, daß die� Verletzung am Kopfe, welche der Handelsfrau durch einen Messerstich des Schlächters Hoffmann zugefügt wurde, nicht tödUich ivar, sie konnte nur durch Ver- nachlässigung der Wunde die schlimmsten Folgen haben. Infolge dessen wird gegen H. nur Anklage wegen Körperverletzung erhoben werden. Eine« schauerliche» Selbstmord verübte Tonnerstag Nachmittag um 3 Uhr der 42jährige frühere Gastwirth Wilhelm Schulze in dem Hause Elisabethstr. 53/54. Er war schwind- süchtig und sah nach ärztlicher Ansicht seiner Auslösung binnen kurzem entgegen. Um seine Leiden abzukürzen, stürzte er sich aus dem zweiten Stock durch den Lichlschacht in das Kellergeschoß und starb alsbald an einem Schädelbruch. Witterungsübersicht vom 18. Januar 1895. Wetter-Prognose für Sonnabend, 19. Januar 1895. Etwas kälteres, theils heiteres, theils nebliges Wetter»ist schwachen südlichen Winden, ohne erhebliche Niederschläge. Berliner Wetterbureau. Polizeibericht. Am 17. d. M. morgens wurde eine Frau in ihrer Wohnung, in der Jnvalidenstraße erhängt vorgefunden. — In der Waschanstalt von Müller und Snßman», Grüner 113 wurde vormittaas der Waschmeister beim Auflegen eures Treibriemens aus eine im Betriebe befindliche Welle von dieser ersaßt und mehrere male herumgeschlendert, er crlilt schwere innere Verletzungen.— In einem Hause in der Waldemarstraße fiel eine Frau infolge eines Fehltnus von der Treppe und erlitt einen Bruch des Unierfchenkels.— Nachmiliags erlitt die vier Jahre alte Tockiler eines in der Naunynstraße wohnenden Klempners so schwere Brandivunden, daß sie in ein Kranken- haus gebracht werden mußte. Das Kind war mit zwei noch jüngeren Geschwistern allein in der Wobnung, als seine Kleider aus noch nicht festgestellte Weise in Brand geriethen.— Auf dem Georgenkirchplatze wurde die Leiche eines neugeborenen Kindes in einem Schneehaufen aufgefunden.— In einem Hause in der Elisabelhstraße stürzte sich ein dem Siechlhum verfallener Manu über das Treppengeländer des zweiten Stocks in den Flur hinab und fand auf der Stelle den Tod.— Abends gerielh aus dem Platze am Schlesischen Thor ein Kind unter die Räder eines Geschäflswagens und erlitt eine Quetschung des Ober- schenkels.— In der Nacht zum 18. d. M. sprang ein Mann in der Trunkenheit aus dem Fenster seiner in der Oderbergerstraße im Erdgeschoß belegeneu Wohnung auf den Bürgersteig hinab und verstauchte sich den Fuß.— Im Lause des Tages fanden drei kleine Brände statt. Ueber die Frage, ob der einem Tchankwirthe gesetzten Polizeistutide auch die in seinem Lokale tagenden Versammlungen pcliliicher Parteien unterworfen sind, hatte in ihrer jüngsten Sitzung die Strafkammer des Landgerichts II zu entscheiden. Bei dem Schankivirlh Keßner Halle im Oktober eine Versamm- Inng der sozialdemokratischen Partei stattgefunden, welche sich bis nach 11 Uhr, der dem Keßner gesetzten Polizeistunde ausdehnte, auch soll an die Mitglieder der Versammlung noch nach dieser Zeit Bter verabreicht worden sein. Keßner war deshalb wegen Ucberlretung der Polizeistunde in Strafe genommen worden. Gegen dieses Urtheil hatte sein Vertdeidiger, Rechtsanwalt Schöps, Berufung eingelegt. Er führte vor der Strafkammer aus, daß die Theilnehmer einer politischen Versammlung, welche in einem bestimmten lliaum eines Schauklokals tage, nicht als Schankgäste im Sinne des§ 365 Nr. 2 des Sl.-G.-B. angesehen werben tonnten. Es verhalte sich mit solchen Versammlungen ähnlich wie mit den Zusammenkünsten geschlossener Gesellschaften, welche nach ständiger Rechtsprechung an die Polizeistunde des sie aus- nehmenden Wirths nicht gebunden seien. Auch das Vereins- gesetz von 1856 kenne eine derartige Beschränkung von Versamm- luugen politischer Vereine nicht. Die Strafkammer schloß sich diesen Ausführungen an, hob das frühere Urtheil auf und er- kannte auf Freisprechung. I» der Privatklagesache des Pastors Schwabe gegen eine Anzahl Redakteure hiesiger Blätter, nach deren Ver- Handlung und Vertagung am 13. Juli die Revolveraffäre auf dem Korridor des Gerichtsgcbäudes stattfand, ist für den 9. Fe« bruar jetzt endlich ein neuer Termin anberaumt worden. Die Privatklage stützt sich darauf, daß zahlreiche Zeitungen die Notiz gebracht halte», gegen den Pastor Schwabe schivebe in der An- gelegenheit Schwabe-Berg ein„Meineidsverfahren*. Thatsächlich Hai aber nur ein„Erinittelungsverfahren* geschwebt.— In der Revolverangelegenheit, die dem Referendar Schwabe zur Last fällt, hat Rechtsanwalt Dr. Grilling gegen die abermalige Ab- lehnung des Strafverfahrens wiederum Beschwerde eingelegt. Unter allen Umständen verlangt der Anwalt mindestens die Er- offnung deS Hauptversahrens, zu der nichts erforderlich sei, als daß der Angeschuldigte dringend verdächtig erscheine. Dies treffe mindestens zu. DaS Wirk«» des Werkmeisters. Unter Ausschluß der Oeffenllichkeit verhandelte gestern das Schwurgericht II gegen den Werkmeister Heinrich Brauweilcr aus Königs- W u st e r h a u s e n. Der Angeklagte, welcher in der Dynamit- fabrik zu Hoher- Löhme angestellt war, ist beschuldigt, im Jahre 1893 dreimal die Frau eines seiner Arbeiter ver- gewaltigt zu haben, und zwar in einem Falle, während sich die Frau in bewußtlosem Zustande befand. Die Geschworenen de- jahten die Schuldfrage in vollem Umfange nur in einem Falle, während in einem anderen thätliche Beleidigung für vorliegend erachtet wurde. Da dem Angeklagten mildernde Umstände de- willigt waren, lautete das Urtheil auf ZJahre 6 Monate Gefängniß. Wegen Verübllng groben Unfugs hatte sich dieser Tage der Arbeiter Franz Delewsky vor dem Rixdorfer Schöfsengericht zu verantworten. D. hatte eines Abends seinen Hausschlüssel vergessen und um ins Haus zu gelangen, gab er seiner Frau durch Händeklatschen ein Zeichen. Ein dazukommender Nacht- Wächter untersagte ihm dies und da D. sich nicht hieran kehrte, sondern weiterllatschte, brachte der Nachtwächter ihn wegen Ver- Übung groben Unfugs zur Anzeige. Diese Anklage war aber selbst dem Gerichtshof zu absurd; er sprach den Angeklagten frei unter der Begründung, daß es am richtigsten gewesen wäre, wen» der Nachtwächter nichts geredet, sondern dem Angeklagten lieber die Hausthür, zu welcher er den Schlüssel besaß, geöffnet hätte. SluS dem Polizeistant. In Essen hatte sich vor einigen Tagen der Polizcisergeant Beckord wegen gefährlicher Körperver- letzung vor Gericht zu verantworten. Derselbe stand unter der Anklage, in der Nacht vom 11. zun, 12. Dezember 1893 im Jung'schen Saale den Galvaniseur Paul Ancke mittels Säbels vorsätzlich körperlich mißhandelt zu haben. Der Grund, weshalb die Sache erst jetzt spruchreif, war folgender: Der Verletzte hatte kurz»ach der That gegen den Polizeibcamten Strafantrag gestellt, der Antrag aber war von der tgl. Slanlsaiiwallschasl a b g e- lehnt worden; darauf wandte sich der Kläger an die Ober- staatsanwaltschaft, doch auch diese schloß sich dem Be- schluß der Staatsanwaltschaft an. Nun wandte sich Kläger an das Ober-Landesgericht, und dieses erkannte, daß der Straf- antrag gegen den Polizeibeamten aufzunehme» sei. Und so kam nun die�Anklage dreizehn Monate nach der That zur VerHand- lung. Angeklagter giebt wohl zu, dem Ancke die schwere Ver- letzung beigebracht zu haben, doch will er in Nothwehr gehandelt, auch gar nicht beabsichtigt haben, den Ancke zu verletzen. Die Zeugen bekunden zur Sache folgendes: Der dramatische Verein „Konkordia" feierte am 11. Dezember 1893 im Jung'schen Saale (Gerlrudenhof) eine geschlossene Festlichkeit. Zutritt hatten nur mit Einladung versehene Personen. Nachts zwischen 12 und 1 Uhr traten zwei Polizeisergeanten, von denen einer der An- geklagte, in den Saal. Auf die Frage eines an der Thür stehenden Komiteemitgliedes, ob sie eine Einladung haben, antworteten die Beamten nicht, sondern begaben sich lächelnd in den Saal an die Theke, erhielten dort Bier und überschauten das festliche Treiben. Nach einigem Disput verließen sie das Lokal, kehrten in Be- gleitnng einiger anderer Polizcibeamten aber zurück und geboten dann Feierabend. Ein großer Theil der Anwesenden kam der Auf- forderung auch schleunigst, ein anderer Theil kam derselben nur zögernd und anscheinend univillig nach. Ancke giebt nun an, daß er eben im Begriff war, sich zu dem Tisch, an welchem seine Familie saß, zu begeben, um sich anzukleiden, als in der Milte des Saales der heutige Angeklagte, Beckord, auf ihn zutrat und ihn aufforderte, sofort das Lokal zu verlasse». Dabei kam es zu einem Wortwechsel, während welchem der Angeklagte mit seinein Leib immer gegen den des Ancke stieß.diesem auch mil derSäbelscheide oder dem Säbelkorb gegen die Hüfte stoßend. Als daraus Ancke zu dem Beamten, indem er eine Hand auf dessen Schulter legte, ganz ruhig sagte:„Nur ruhig, sachte, immer sachte, wir werden unser Recht schon finden", da zog der Angeklagte, Beckord. plötzlich den Säbel und im nächsten Augenblick halte der Ancke schon einen wuchtigen Schlag über das Gesicht und zwar derart, daß ihm die Oberlippe der Länge nach durchschnitten und sieben Zähne des Oberkiefers durchbrochen waren. Als Ancke blut- uberströmt aufschrie, meinte der Angeklagte sofort,„ja, sehen Sie, ich blute auch!" Der Angeklagte giebt an. nicht er, sondern Ancke wäre provozirend aufgetreten. Das Urtheil lautete nach dem Antrage des Staatsanwalts ans Freisprechung des Beamten; der Fall sei nicht genügend aufgeklärt Im„Volksblatt für Halle" hatte im Juki v. Js. ein Artikel gestanden, welcher die Thäligkeit der Staatsanivaltschaft in B r e s l a u bei Ablehnung eines von dem verhafteten Ge- nossen Kunert gestellten Urlaubsgesuches besprach. Diesen Artikel druckte der in Zeitz erscheinende„Volksbote" ebenfalls ab. Die Staatsanwaltschaft in Breslau fühlte sich dadurch beleidigt und stellte Strafantrag gegen die Redakteure. Der Redakteur des „Volksboten", Henischel in Zeitz, ist deswegen bereits verurtheilt. Gegen den Redakteur des„Bolksblattes für Halle", Richard I l l g e, verhandelte am 23. September v. Js. das Landgericht Halle. Es erkannte jedoch auf Einstellung des Verfahrens, da der Strafantrag nicht in einer dem Gesetze entsprechenden Weise gestellt war. Der erste Staatsanwalt in Breslau hatte nämlich die Namen verwechselt und gegen den„Redakteur des in Zeitz erscheinenden„Volksboten", Richard Jllge" Strafantrag gestellt. Es ging also aus dem Schriftstücke nicht hervor, daß er den Redakteur des„Volksblaltes für Halle" verfolgt wissen wolle. — Gegen das Urtheil hatte die Staatsanwaltschaft in Halle Revision eingelegt.— Das Reichsgericht erkannte heute auf Verwerfung derselben, da es gleich der Vorinstanz der Meinung war, daß der vorliegende Strafantrag nicht rechts- giltig sei.— Zur Einholung eines neuen Strafantrages durste es zu spät sein, da seit dem Erscheinen des Artikels bereits mehr als ein halbes Jahr verflossen ist. Tie Kasseler„Straßeu-Kratvalle" vom Mai vor. Jahres kamen vor einigen Tagen vor der Kasseler Strafkammer zur Ab- urtheilung. Die fünf Hauptangeklagten sind schon vom Schwur- gericht abgeurtheilt worden. Jetzt handelte es sich um 15 An- geklagte, die sich wegen Betheilignng an den Ausschreitungen während der genannten Tage zu verantworten hatten. Alle 15 Angeklagte sollen sich der Verletzung des Z 116 des Str.-G.-B. schuldig gemacht haben. Es waren 34 Zeugen, zum weitaus größten Theile Schutzmänner, geladen. Die Angeklagten sind meist Arbeiter und Handwerksgesellen von auswärts. Sie stellen ihre Betheiligung an den Unruhen in Abrede, dagegen werden sie von den Schutzleuten alle mehr oder weniger hartnäckigen Wider- standes bezw. Ungehorsams gegenüber ihren Aufforderungen zum Auseinandergehen bezichtigt. Die Beweisaufnahme nahm jedoch einen solchen Verlauf, daß die Anklagcbehörde selbst die Anklage aus§116 fallenließ. Zwölf Angeklagte wurden bei dieser Sach- läge kostenlos freigesprochen und nur die Angeklagten Köhler und Bier des Widerstandes gegen die Etaatsgeivalr schuldig gesprochen. Köhler verurtheilte der Gerichtshof zu 4 Monaten und Bier zu 3 Monaten Gefängniß. Majcstätsbcleidigungs- Prozeß in Budapest. Der Journalist Zarandl wurde wegen Majestätsbeleidigung, begangen durch Veröffentlichung eines offenen Briefes an den König in einer periodischen Zeilschrift, zu einjährigem Staatsgesängniß und dreijährigem Amtsverlust verurtheilt. Verein deutscher Schnhmachcr(Filiale 3). Ko llegen! Umständehalber findet die Vereinsversammlung am Montag nickt in der Schiitzenstraße, sondern bei Engel, Zimmerstr. 89, statt. Da die Borstandswahl vorgenommen wird ist es Pflicht der Mitglieder, zahlreich zu erscheinen. Achtung, Schneider und Schneiderinnen! Am Montag, den 21. Januar, abends 3Vs Uhr, findet im Lonisenstädlischen Konzerthaus, Alte Jakobstraße 37, eine öffentliche Versammlung statt, in welcher über die Ergebnisse der Konferenz berichtet wird. Ebensalls wird die Agitations-Kommisston Bericht erstatten und die Jahresabrechnung vorlegen, zugleich soll dann die Neuwahl derselben sowie Wahl der Person sür's Bureau und des Bezirks- Vertrauensmanns vorgenonimen werden. Da die Tagesordnung eine hockwichtige ist, so sind alle Kollegen und Kolleginnen sämmtlicher Branchen(Mäntelnäherinnen, Blousen- und Trikot- taillen-Arbeiterinnen mit einbegriffen) hiermit ganz besonders eingeladen. Die A g i t a t i o n s- K o m n> i s s i o n der Schneider und Schneiderinnen Berlins. Achtung, Lederarbeiter! Ueber die Glaceeleder- Fabrik von Max Krüger, Berlin N.. Prinzen-Allee 60, ist die Sperre verhängt. Bei allen Unternehmern wurde der alle Lohntnrif, wie er bis 1891 bestanden, ohne Arbeitseinstellung an- nähernd durchgesetzt. Nur Herr Krüger machte hiervon eine Ausnahme und lehnte rundweg alles ab. Die Firma sucht jetzt auswärtige Gerberei-Arbeiler. namentlich Zurichter. Ter be- treffende Fabrikant versuchte bereits vor drei Jahren unsere Organisation zu sprengen— aber weit gefehlt— es ist und wird ihm nicht gelingen. Es sind nur noch II Mann zu unter- stützen, was für hiesige Lederarbeiter ein leichtes ist. I. A.: Die Lohnkommisston.— Ärbeiterfreundliche Blätter werden um Abdruck gebeten. Achtung, Müller! Ter Zuzug arbeitsloser Kollege» nach München ist streng fernzuhalten. Die Miinchener Kollegen liegen im Kampfe mit der Bäcker-Kunstmühle(vorm. Bavaria). Kein Kollege gebe sich zum Streikbrecher und Lohndrücker her! Sichtung! Porzcllaumaler und Dreher. Zuzug nach Turn bei Teplitz(Böhmen) nach der Porzellanfabrik von W a h l i s ist fern zu hallen. Die Weißgerber der Otto'schen Glaceeleder- fabrik habe»' wegen Lohndifferenzen die Arbeit niedergelegt. Man halte den Zuzug fern. Achtung, Stuckatcure! In verschiedenen Zeitungen werden Stuckateure nach Zürich für die Firma W. Marlin gesucht. Es wird uns mitgetheilt, daß sich in Zürich selbst zur Zeit 66 bis 86 arbeitslose Slnckateure befinden und man vermulhlich fremde Kollegen blas deshalb nach Zürich locken will, um dann leickster einen Druck auf die Löhne ausüben zu können. Anfragen über die dortigen Verhältnisse sind zu richten an Adam Sieger, Müller- straße 16 in Zürich III. Alle Arbeiterblätter werden um Abdruck dieser Notiz gebeten.___ Zuzug nach der Möbelfabrik von W. S ch u I z e in 3fi l s i t ist streng fernzuhalten. Zirka 30 Glasarbeiter sind als Opfer des Oldcnburger Glasarbeiter-Slreiks noch arbeitslos und zu unterstütze». Für Sendungen Adresse: Albert Gebel, Bergedorf, Hinterm Graben 18. DaS Agitationskomitce der Tabakarbeiter für Frank- furt a. M. sendet eine Referentin durch die hessischen Städte, wo die Tabakindustrie zu Hause ist, um namentlich die Arbei- teriunen zur Organisation heran zu ziehen. Die Arbeit uiederzulcgcn beschloß eine von S06 Personen besuchte Versammlung der Taschen» und Federmesser-Arbeiter in Solingen. Der Deutsche Holzarbeiter-Verband hält am 15. April d. I. in Erfurt seinen ersten Verbandstag ab. Anträge sind bis zum 18. Februar an den 1. Vorsitzenden, 5k a r l Kloß in Stuttgart einzusenden. Vevlmmnlungen. Friedrichshageu. In einer gntbesuchten Versammlung des Arbeiter- Bilvungsvereins sprach am 11. Januar Schrislsleller Wilhelm B ö l s ch e über das Thema:„Die Urheimath des Menschengeschlechts". Der sehr lehrreiche und leichtverständliche Bortrag wurde mit Beifall aufgenommen. Unter Vereinsangelegen- heilen wird bekanntgegeben, daß gemäß des Beschlusses der letzien Generalversammlung die Bibliothek erheblich vergrößert ist, und wird zu recht reger Benutzung derselben aufgefordert. Britz. Ain Sonntag, den 13. d. M., nachmittags, fand in Britz eine öffentliche Versammlung statt, in welcher Genosse Stabe rnack einen mit großem Interesse aufgenommenen Vor- trag über die Umsturzvorlage hielt. Von einer Diskussion wurde wegen der Ausführlichkeit des Vortrages Abstand genommen. Es wurde die Resolution einstimmig angenommen, welche in allen am 12. Januar in Berlin tagenden Versammlimgen zur An- nähme gelangte. Zu Punkt 3 der Tagesordnung erstattete der Vertrauensmann Bericht vom verflossenen Juyre. Der>elve ergab eine Einnahme von 363,26 M., eine Ausgabe von 297,90 M.; bleibt ein Bestand von 5.36 M. Es gingen noch serner für das „Volksblatt" ein 15 M.; dieselben wurden dorthin abgeführt. Da die Revisoren die Richtigkeit der Rechnungslegung be- stäligien, wurde dem Vertrauensmann einstimmig Decharge erthellt. Es folgte hierauf die Wahl einer Vertrauensperson; die Wahl fiel auf Genossen Wille. Nach kurzer Berichterstattung der Lokalkommission erfolgte die Neuwahl einer solchen. Es wurden folgende Genossen in die Kommission gewählt: G. Kursch, H. Jentsch, F. Jeserich, H. Schliebitz, 5k. Langer, St. Schönberner. TtCchUrverri». Heute, abends 9 Uhr, Melchlorflr. 16, Versammlung mit Damen. AUo-mei,.- Kranke», und Ktrebeliass« der Uletattarbelter»nd Kterbekass» der Meto Uardriter(E. H. 29, Filiale Berlin s.) Mtigliederveriaimnlung am Sonnabend, den ig. d. M., abends 8)s Uhr, bei Wille, Hochsir. sea. Tagesordnung: Kassenbericht, Berwaliungsbericht, die Handhabung des Z 10 s. St durch den Vorstand, Beschlustsaffung über die Feier des lojiiyrrge» StisiungSsestcS. A.Uv«>nei»e Kranken- und Kterdekasse der Metailarbeiter, Filiale Berlin z. Mitgliederversammlung am Sonnabend, den Ig. Januar, abends slj Uhr, Manteuffelstr.«6. Tagesordnung: Kassenbericht. Berschiedenes. Siehe Inserat in voriger Nummer. AUgeniei»- Kranke», nnd vi-rbekaste der Metallarbeiter(E. H.iS, Hamburg), Filiale Berlin o, Sonntag, den 20. Januar, vormittags lo� Uhr, Ärleriir. 12s, bei Stmnke, MirglisderverfanimluUg. Zentral Kranke» und Sterbckals« der deutsihen �pagenbaner (E. H. Nr. 8), Sitz Goiha. Am Sonntag, den 20 Januar, vorniittags 10 Uhr, Milgliederveisainmlung, Verltn, Bezirk 8, in Neumann's Lokal,. Pafeivaller- strast« 3. Tageso. dnung: Abrechnung vom 4. Quartal 1894. Zentrat-KranKen- und Kterkekaste der deutschen Wagenbauer (C H. Berlin), B.zirl 4 Bersaniinlung am Sonntag, de» 2». Januar, vor- mittags 10 Uhr, im Bereinshaus Sud-Ost, Waldemarsir. 76. Tagesordnung: Abrechnung und Kassenangelegenhcil. Kerrtn Hertiner Hch>rn»nach»e. Sitzung am Sonnabend, den 19. ds., abendS s Uhr, im Lolal bei Dlöllig, Neue Fr>edr>chllr. 44, AUgrneei»» Kranken- nnd Kierbekals« der Metallarbeiter(S. H. Nr. 29, Hamburg). Sonntag, den 20. Januar er., vormittags 10 Uhr, Ver- fammtuna der Q.lsbeaiitlen sämmtlicher Filtalen Berlins und Umgegend in viölltg's Lolal, Neue Friedrichslr. 14. Wichttge Tagesordnung. jjalz- und Kretterträger. Milgltedervsrsammlung an> Sonntag, den 20. Januar Ii- so, vormittags iv?� Uhr, Märttscher Hof, Admiralstr. isc. «tstische Grs-Uschaft Sonntag, den 20. Januar, abends ox Uhr, im Lolale des Kolberger Salons, Kolbergerstr. 23, Versammlung. Vortrag des Heirn Dr. Joel über„die Frau im Spiegel der Beschichte UN» Wissenschast". Nachdem geselliges Beisammensein und Tanz. Kninaniftische vrinetnde. Sonnlag, vormittags 10% Uhr, Aomman- danlenstrave 79. Zur to. Jahresfeier der Freien iSenieinden. Vortrag des Herrn Ä. Schäser über: Die Vorlaufet der neuen religiösen Reform. Lroireligiösr bteineinde. Sonntag, den 2g. Januar, vormtiiags 8ls Uhr, Roseiiihalersir. 38. Bo-lrag des Herrn Dr. Wille über:„Die Grundsätze der öKnisinde. Um 10t Uhr vormittags ebendaselbst, Vortrag v«S Herrn Waldech. Manasse über:„Was uns hemmt". Mviltag, den 21. Januar, abendS Uhr, Komma. idanlenstr. 30, in den Arminhallen: BeschUebsnde Semeinde-Ver- samnilung. Der Kerb»»» der Wöb-ipolirer hält am Montag, den ll. d. M., Abends 8z Uhr, bei Herrn Wille, Andreassir. 26, seine Versammlung. Siehe morgen Jnserai. VermiCrlttes. Größenwahn. Der 23 jährige Joh. G. Dietz aus Hom« bürg war bei einem Gehalte von 2 Mark 15 Pfennig per Tag als Posthilfsbote angestellt und war im Landbolenfach beschäftigt und verpflichtet worden. Er ließ es sich nun beikommen, ihm eingezahlte Gelder im Betrage von 5 und 64 M. zu unter- schlage» und suchte den Defekt durch falsche Eintragung zu ver- schleiern. DieSache kam trotzdem schnell heraus, nnd am 15. Januar dieses Jahres stand der Angeklagte vor den Geschworenen. Bei seinem hohen Gehalte war das Verbrechen natürlich nur aus besonderen psychologischen Gründen zu erklären. Die wurden denn auch in der Verhandlung zu tage gebracht. Zu- nächst hatte der Verbrecher die unbegreifliche Absicht, demnächst zu h e i r a t h e n, schaffte sich Möbel an und stürzte sich in Schulden. Sodann meinte sein als Zeuge oder Sachverständiger vernommener Vorgesetzter, Dietz habe an„Größenwahn" gelitten, was daraus zu folgern sei. daß der Besagte sich Bücher, darunter auch Schiller's Werke angeschafft habe. In der That, ivenn ein Pofthilfsbote in seiner Anmaßung so weit geht, Heirathen und Schiller lesen zu wollen, und sich diese Vorrechte der„besseren" Gesellschaft durch Unterschlagung von 76 M. zuzuführen sucht, was braucht es da noch weiterer Beiveise für das„Uebcrhanduehmen der Genußsucht im Volke"? Der freche Genußsüchtling wurde gebührendermaßen zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt. DaS schwedische Schiff„AthoS" und das norwegische Briggschiff„Marie" sind in der Nordsee mit Mann und Maus untergegangen. Schneeverwehungen. Der Verkehr der Personenzüge auf der Gottharobahu ist wieder hergestellt. Von vielen Seiten, ganz besonders von Tefst», werden große Verheerungen und Verkehrsstörungen durch Lawinen gemeldet. Auch Menschenleben sind mehrfach zum Opfer gefallen. Orkan auf den Fidschi-Jnseln. Die Fidschi-Jnseln wurden von einem furchtbaren Orkan heimgesucht, durch ivelchen-großer Schaden zu Land und zur See angerichtet wurde. Me Schiffe haben schwer gelitten; man glaubt, daß viele Menschen um- gekommen sind. Die Barke„Ophir" ist mit 766 Tonnen Copra auf eineni Riff bei Levuka gescheitert. Ein unbekannter Schuner ist bei der Insel Taviuni gescheitert; man befürchtet, daß alle Personen, die sich an Bord befanden, ertrunken sind. - WviekksKen der Vrdskttott. Wir bitten bei jeder Anfrage eine Chissre(Zwei Buchstaben oder eine Zasi) anzugeben, unier der die Antwort ertheiU werben soll. Wiesbaden 45. Wollen Sie sich umbringeii? Wir haben keine Beranlassung, Ihnen auf den Weg zu helfen. W. D. 100. Eine genaue Siatistik ist in diesen Dingen nicht zu haben. Vielleicht gebe» wir nächstens in einem besonderen Artikel aus Ihre Frage annähernd Auskunft. tktlschc, Berlin. Manuskript enthaltend„Hanshaltungs- plan" hier eingegangen. Dürfte zur Veröffeutlichnng wahrschem- lich zu umfangreich sein.— Rathen Ihnen von der Absendung des betr. Briefes ab, da Sie eine Beleidigungsklage zu erwarten hätten. E. E. Ja, nur die nothivendigsten Sachen muß er heraus- geben. OrtS-Krankenkasse der Schneider. Bringen Sie die An- gelegenheit in der Generalversammlung zur Sprache. Lieguitz. Wen» der Gefangene anständige Kleider hat, nein. V. St. Die nolhwendigsten Sachen muß Ihnen der Wirth lassen. Zwei Wettende. Das Wort rührt von Grillenberger her. lrempe. Wissen wir nicht. H. W. 133. Wenn Sie wieder arbeitssähig sind, fällt die Invalidenrente fort, und im Falle Sie in Arbeit treten, muß Sie die Krankenkasse wieder als Mitglied aufnehmen. Selbst- redend müffen Sie von Ihrem Meister gemeldet werden. VviefltÄlken drv Expedition. Nicke, Köpenick. Fürbringersir. 28. H. E. S. 100 koste» 10,- Mark. 200 20,- Mark(ohne Porto.) Für ben Jichalt der Inserate über- nimmt die Nebaktio» dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortnng Tljeater. Sonnabend, den 19. Januar. Gpernliau«. OavaNerls. rusticana. Der Barbier von Sevilla. Kchansvirlliaus. Halali. Die stille Wache. Deutsches Tsteater. Die Weber. Kerliner Theater. Der Pfarrer von Kirchfeld. Fesßng-Ttieater. Die wilde Jagd Zlene» Theater. Die geschiedene Frau. Wiener in Paris. Vestbeiiz-Theater. Fernand's Ehekontrakt. Theater Unter den Linden. Der Probekuß. Friedrich. WUHelmstädt. Theater. Orpheus. Kchiller Theater. Hagar's Sohn. Kellealliance-Theater. DieGaloschen des Glücks. Central-Theater. O! diese Berliner. Adolph Ernst-Theater. Ein fideles Korps. Aleranderplah■ Theater. Das Privallogis. Die Direktrice. Atational-Tiieater. Maria Stuart. Uelchshallentheater. Spezialitäten- Vorstellung. American- Theater. Spezialitäten Vorstellung. Apollo» Theater. Spezialitäten Vorstellung. Aanfmann'v Uarists. Spezialitäten» Vorstellung. Schiller-Theater. (Wallner-Theater.) Vallner-Tbeaterstrasse. Konnabend. den 19. Januar, abends 8 Uhr: Hagar s Kohn. Konntag, den 29. Januar, nachm. 3 Uhr: De» Meeres und der Liebe Mellen. Abends 8 Uhr: Krieg im Frieden. viodtor- Abende im Bürgersaale des Rathhauses, abends 7'/2 Uhr: Zum 2. Male: Heine-Abend. Wontag, 21. Januar, abends 8 Uhr, Hagar» Sohn. Die»It.>g. 22, Januar, abends 8 Uhr Hagar'« Kohn. Mittwoch, 23. Januar, abends 8 Uhr: Hagar's Sohn. Donnerstag, den 24. Januar, abends 8 Uhr: Hagar'» Sohn. Lentral-'rdkater Alte Ja Ii obstraste Ur. 30. Emil Thomas a. 0. Anna Bäckers. Joseilne Bora. Zum 138. Male: O. Ulf ff Dfllilltl! Große Posse mit Gesang und Tanz in 6 Bildern von Julius Freund. Musik von Julius Einödshofer. Anfang Vs3 Uhr. Morgen: O, diese Berlinerl Kaufmann'» Variete. Bai Sensationellste der Saison! MAttcke.'N NauckoN! der Kolossal-Mensch als DWT Pauline vom Ballet-W ist wohl die«rdrolliglte Unmmero, welche je in einem Spezialitäten-Theater eng«- girt war. Ferner: Das Kiesen-ki'oZramm mit IL LlananunAmenn ohne pause. �äoIpIiLrn8t-7d6Aier �uktreton Ser KrotesKtiiuziei'iu Miss Rose Batclielor vom Prince of Wales-Theater in London. Zum ä5. Male: Ein fideles Corps. Große Gesangsposse mit Tanz. Räch dem englischen„A Gaiety Girl" von Jonas Sidney, frei bearbeitet von Eduard Jacobson und Jean Kren. Ansang 7V2 Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. UV" Intolge des großen Andrang« bleibt die Kastr von Uor mittags Uhr ununterbrochcn geöffnet.'WQ_ Castan's Panoptikum. i�Noch nie ünpefen!� Die Riesen de» dunkeln Erdthetl»: Hie Dinka, 40 Männer, grauen u. Kinder. Bas scheckige Ilädchen Harietta. Unter den Linden 21. am. jeden Sonntag Nachmittag OrS.Ulu.b.Ali-ÄÄ Zauber und B0y'S Wunder. Täglich Anfang 1,8 Uhr. Natlonal-Theater. Große Frauksurteritrabe 132. Vollsoorstellung zu bedeutend ermäßigten Preisen. Gastspiel des Herrn Varl Wesselsky vom Stadttheater in Hamburg und des Herrn Ernst Eppstein vom Stadt Theater in Würzburg. Maria Stuart. Trauerspiel in 5 Auszügen v. Schiller. Regie: Max Samst. Kassenöffnung 6', Uhr. Ans. 7-/2 Uhr Morgen: Ganspiel des Fräulein Julia Lehre, königl. Hofschauspielerin, des Herrn Varl Wesselsky vom Stadt- Theater in Hamburg und des Herrn Ernst Eppstein vom Stadttheaier in Würzburg: Tie Brillit m 1 fflimu Trauerspiel in 5 Akten von Friedrich von Schiller. Uircn» Renz Carlstraese. Sonnabend, den 19. Januar, abends 7-/2 Uhr: Gala-Vorstellung: Alls, iiiif, zur sröMn ZO! Original-Sporl-Schauslück in drei Ab- tdeilungen v. Direktor Er. Renz. Außerdem: Der ostpreußische Hengst Blovdel und Honstre-Tableau von 60 Pferden, vorgef. v. Dir. Er. Kens. El Bolero, ger. v. 6 Damen u. 6 Herren in spanischen Original-Prachtkostümen, mit 12 Schulpserdeu, angeführt vom Direktor Ft. Renz. Auftreten d. Herrn Gustav kuttemann(als Gast) mit seinem Schulpferde Ginclnatns. Aus treten der excentrischen Clowns Ge� drüder Permand. Fräulein Mathilde Renz, jen de baqnette. Mr. Prankoni, Saliomortale-Reiier. Mr. Wassiliams, Jockeyreiler. Cavallerie zn Fuss etc. Morgen, Sonntag: 2 Vorstellungen. Nachmilt. 4 Uhr(ermäßigte Preise): Bio lustigen Keidelderger. Abends 7V, Uhr: Auf auf zur fröhlichen .Jagd! Montag: Aul auf zur fröhlichen Jagd I FV. Renz, Kommissionsrath. |lur noch kum Zeit l Circus G. Schumann. Friedrich Karl■ Dfer. Texas Jack's American Prairie Life-Show. Täglich, abend» 7-/2 Uhr: Grosse Vorstellung. Heute Nachmittag 4 Uhr: Scküler- Vorstellung.(Sin tritt zu allen Plätzen 20 Psg. Morgen, Sonntag: 2 Vorstellungen. Nachmittags 4 Uhr halbe Preise. Ur a n i a Anstalt für volksthümliche Naturkunde. Am Landes Ausstellungspark (Lehrter Bahnhof). Geöffnet von 5 10 Uhr. Täglich Vorstellung im wissenschaftlichen Theater. Näheres die Anschlagzettel. »Sanssoucä" Kottbnsernraste 4 a. Jeden Sonntag u. Donnerstag: Sänger (Meysel, Pietro, Britton, Eber, us, Stcidl, Röhl und Schräder.) Ansang Sonntags 7 Uhr. Entree 50 Psg. Grosses Programm! Zum Schluß: Circus-Bilder Ensemble von Meysel. Blenstag: Böhmisch. Brauhans. Fttll'pM Snrgstr. ÄÄ, neben der Sörse. 1 �r. TlitMlitllt.-�orsttllllNlil Austreten von 20 Kü»:stlern allerersten Banges. an m? f Anfang Wochen- Entree 30Pr.| tngg 71 2 Uhr ./ Concert 6 Uhr. Sonntags.| Vorstellung 7 Uhr. Der ca. 5000 Personen fassende Saal steht den pp. Vereinen und Gewerkschaften zu Festlichkeite» zur Verfügung. Auch können an allen Tagen bis 3 Uhr nach- mittags Versammlungen ab geHallen werden. Bie Direction. Passage-Fanopticum. Neu 1 Neul I. Prof. Frdr. Schwinge's Wandernde Lichtbilder. n. Das Lied von der Glocke in 15 lebenden Bildern mit transparentem Hintergrund. Musik von Romberg. Der Meister; Rob. Biberti vom Kgl. Opernhaus in Berlin. Ich zeige allen Freunden und Be kannten hiermit an, daß meine Frau geb. M e i ch e l t im 54. Lebensjahre nach langem Leiden saust entschlafen ist. Die Beerdigung findet Sonnlag, den 20. d. Bits., nachmittags 4 Uhr, nach dem Kreuz-Kirchhof(Marien- dorf) statt. f2219b] I. Manthctt. Mervand deutsch. Korbmacher (Filiale Kerlin) Sonntag, de» 20. Januar, abends 6l/2 Uhr, Kommandantenstr. 20: KktMinliiüg mit gmiiftt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Schöpstin über: Den Gott Mammon und sein Paradies. 2. Diskussion. Nachdem gcmüthliches Beisammen- sein mit Tanz. Uin zahlreiche Be- theilung bittet Der Vorstand. Montag, den 21. Januar, abdS. 8�/2 Uhr, Versam»ilnug daselbst. Achtung! Wdorf! Freie Lmiinpilii kt to rniii pcrbl. Marbtittr. Somuag, den 20. Januar, im Vereins- lokal Schütz. Prinz-Handjerystr. 7: Regelmässige Tagesordnung: 1. Protokoll-Verlesung. 2. Vereinsallgelegenheiten. Verschiedene Anträge. 98/2 Ter Vorstand. Nlnsilevei'sin (Blasmusik) sucht Mitglieder. Mitt- wochs 9 Uhr, Mariannenstr. 32 bei Boberstein. 2213b* Carl Tutzauer Admiralstr. 38. Säle für Vereine"<1 Kegelbahn noch einige Tage frei. fcft-ganl■« : BHllt Vruuneustr. 188 (500 Personen) zu Versammlungen und Festlichkeiten noch einige Tage frei. Vi. GrDndel. Louis Keller's Festsäle Sehenswürdigkeit Berlins Koppenstr. 29. 2I9S>I Nieseu-Jestsäle bis zu 5000 Pers. A» einigen Tage» der Woche sind die Säle noch zu Privat- Festlichkeiten zu vergeben. Eonis Keller, n Achtung! Achtung! Große öffentliche"HSZ sozialdem. Uersammlnng der Rosenthaler»>«d Oranienburger Vorstadt am Sonntag, den so. Jannar 1805, vormittag» 10 Uhr, in Rehlite' Salon, Berg-Straße 12. Tages-Ordnung: 297/8 1. Warum ist es nothwendig, daß sich das Proletariat politisch organisirt? Referent: Otto Räther. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Arbeiter, Parteigenossen! Es ist Pflicht eines jeden von Euch, in dieser Versammlung zu erscheine» und Euch über dieses Thema auszuspreche», da man gerade jetzt dabei ist, ein Attentat aus unsere wenigen volitischen Rechte aus« zuüben. Der Tinbernker. Achtung! Achtung! VI. IVadlkreis. ssDff- Grosse öffentliche sWldmcklit. Volks- Vtrslliiliilluilg am Montag, den 21. Januar 1895, in keichcrt's Fest-Sälen, Müller-Straße Nr. 7. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Stadtverordneten Gen. L. Vogtherr über: Die Schwebe« bahn und deren Einführung in Berlin. 2 Diskussion. 3. Verschiedenes. 297.9 Die Uertranenspersou. Verband deutscher Zimmerleute (LokaUVerband Berlin). Sonntag, 20. Januar, vormittags 10- tthr, tut Lokale des Herrn Lange, Stromftr. 28: -Versammlung für Moabit. Tages-Ordnung: 1. Vortrag über Bauschwindel. Referent wird in der Versammlung bekannt gemacht. 2 Di-kussion. 3. Verschiebeues. 290/12 Um regen Besuch bittet Der Dorstand. Berbllllli aller in der MetalliMstrie beMtigten Arbeiter Hrrliu» und Umgegend. � Montag, 2R. Januar, abends 8'/» Nhr: Z? Le�irks-Versammllliig für den Osten« in Louis Keller's Saal, Koppenstr. 29. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Gen. IVIax Pfund über:„Sozialpolitik." 2. Diskussion. 3. Aufnahme neuer Mitglieder. 4. Verbnndsangelegen Heiken u. Verschiedeues. Zu dieser Versammlung sind alle im Osten wohnenden und arbeitenden Kollegen eiugeladcn. Dienstag, de» 22. Januar, abends 8'/« Nhr: Versalilinliilig aller ia kr Mttalliubußrie beslj. Hils'Sarbeiter im Rejiaurant Oeigmiiller, Alt« Jakobstr. 43»: Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Gen. j. Türk über:„Klassenkämpfe." 2. Diskussion. 3. Aufnahme neuer Mitglieder. 4. Verbandsangelegenheiten und Verschiedenes. Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht 193/8 Her Vorstand. Attbaiib kt in Bnchbinbereien, der Papier- und Ledergalantericwaaren- Industrie beschäft. Arbeiter u. Arbeiterinnen(Mitgliedschaft Berlin). Montag, den 21. Januar, abends SV� Uhr, bei Deigmüllerf Alte Jakobstrasse Ho. 48 a i Ckfittal Versammlllllg. 1. Geschäfts« Gesammlvorstandes. Tages-Ordnung: und Kassenbericht(Jahresbericht). 3. Mitgliedschastsangelegenheiten. - Witglirdohuch trgitimirt. 2. Neuwahl des 75/11 Herrin j>er Majlhinißtll, Kcher nnd Bernssgenosltll Berlins und Umgegend. Arn Sonntag, den 20. Januar, nachmittags 5 vhr, Eindenstrasse 105: Z? General-Persammlung. Tages-Ordnung: I. Bericht des Vorstandes. 2. JaHres-Kassenbericht u. Bericht der Revisoren. 3. Antrage. 4. Telegirtenwahl zu der in iBauchurg stallfindenden General« Versammlung des teulschen Verbandes. 5. Wahl des Gesammlvorstandes. Die Mitglieder werden ersucht, püukiltch zu erscheinen. 195/20 Her Vorstand. Achtuug! Stavtapbeiteps Achtung! Sonntag, den 20. Januar, vormittags 10 vhr, in Keller's Festeilen, Koppen- Stiasse Ko. 29: Bereinsversammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag(Referent wird in der Versammlung bekannt gemacht). 2. Tis- kussion. 3. WerkstatlangelegeuHeiien. 4. Verschiedeues.— Erscheinen mibe- dingt nothwendig. In der Versammlung Billetausgabe zum Maskenball. Der Vorstand. Sonnabend, den 9. Februar 1895: Crcher Wiener Mken-M des Fachvrrein« im nebeustehenden Lokale, worauf die Kollegen und Freunde besonders hingewiesen werden. Für Amüsement ist reichlich gesorgt. Während der Kaffeepause große humo- ristische Vorträge, originelle Fest- polonnaise u. s. w. u. s. w. Billels ä 40 Pf. sind zu haben bei den Kol- legen R. Popig, Münchebergerstr. 22; 6. Liebenow, Dresdeuerstr. 57; und beim Portier des Lokals. 229;6 Das Komitee. ?«'»«« Mritrlw. Sgsjy»'• 1394L' Künstliche Zähne zu Klinik-Preisen. Kant Vereinszimmer, 120 Personen wUUl, fassend, frei. Alte Jakobstr. 83 gttPittjaMÄÄS Konkurrenz, ist wegen Uebernahme eines großen Restaurants sofort billig zu ver- lausen Alte Jakobstr. 137. 2216b Festsäle Oranienstr. 180. Sonnabende und Sonntage zu Ver- sammlungen und Tanz frei. 20t3b. Vertittszimmer mit Pillnino 2189b' Faber, Grimmftr. 42. __ Kanarieuhähue, feine Hohl Klingelroller-Weibchen ver- kauft Schönhauser Allee 69, Zoch.' stohtungl Kein Laden. Koutrall-Schuhwarhe. Nur eigene Fabrikation, 25 Zigarren 1 Mark. Garantie rein amerikanische Taoake. Rippentabak 2 Pfd. 70 Psg. 14631.' H. f. Dinslagr, Korrduierslr. 4, Hoj park. rat�lenl gebraucht, kauft Möbel- NIVULtz Handlung Rosenthaler- Straße 13. Juventur-Auöverkauf. Sehr billige Reste am Lager. D. 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Mit diesen Argumenten habe man vordem die Sklaverei vertheidigt. damit begründete man die Leibeigenschaft, und dieses Motiv liege unzweifelhaft auch diesem Gesetz zu gründe, das für den einen Theil nur Rechte, für den anderen Theil nur Pflichten kenne. Wer gehört zum Gesinde? Der Vortragende führte die ver- schiedenen Kategorien auf und bemerkte, daß ein nicht geringer Theil, weil zu den gewerblichen Arbeitern gehörig, nicht mit- gezählt werde. Die Statistik verzeichne von 1325000 unter dieser Rubrik angegebenen Personen nur 42 000 Männer, aber 1232000 Franen— ein großer Prozentsatz derselben fällt unter die Gruppe: Persönliche Bedienung. Charakteristisches Gepräge erhalte die Gesinde-Ordnung(für Preußen) durch Bestimmungen, welche den Makler verpflichlelen, die Eigenschaften dessen, der sich vermiethet, genau anzugeben. Tie Pebson werde hier zur Sache, mit der man Schacher treibt. Der krasseste Gegensatz zeige sich in de» Fällen, wo eine Auf- lösung des Kontraktes erlaubt sei. Die Herrschaft könne zivil- rechtlich für den Schaden, den der Dienstbote erleidet, haftbar gemacht werden; diesen treffe aber im anderen Falle noch Strafe außer der Schadenersatzpflicht, die sich nicht nur auf den Lohn und das Eigenthum des Betreffenden erstrecke, sondern ihn sogar — eine nioderne Schuldknechtschaft— zum„Abdienen" der betreffenden Summe verpflichte. Es werde der Herrschaft in diesen Fällen ein Vorrecht vor anderen Forderungen, selbst vor den aus der Alimentation entspringenden Verpflichtungen eingeräumt. Bekannt ist, führt der Redner weiter aus, daß es in das Belieben der Herrschaft gestellt ist, ob sie dem Dienstboten die Freiheit, sogar die frische Luft ganz oder nur theilweise ent- ziehen will; ein Rcchr auf diese menschlichen Bedürfnisse existirt nicht. Geringe Thätlichkeiten und Zeichen der Gering- schätzung, welche im anderen Falle als Beleidigungen angesehen würden, begründen kein Recht auf Verlassen des Dienstes. Wo sei da die Grenze? Redner erinnert an den Fall Ger lach und an die Entscheide mehrerer Gerichtshöfe, wo Mädchen wegen Verlassen des Dienstes in Strafe genommen wurden, ob- wohl selbst nach dem Buchstaben der Gesinde-Ordnung Grund zur Aufgabe der Stellung vorgelegen habe. Ter Herrschaft seien sehr viel mehr Hilfsmittel geboten, sich eines Dienstboten zu ent- ledigen, als im umgekehrten Falle; dazu komme, daß das Richternmt der Polizei übertragen sei. Die Behörde habe event. auch zu entscheiden, ob die Arbeit zu verlassen sei, weil da» Effen„ekelhaft" war! Es muß erst die nothdürftigste Kost ver- weigert werden, es muß erst Gefahr für Leben und Gesund- heit bestehen, ehe ein solches armes Menschenkind„seine" Herrschaft verlasse» darf. Warum habe mau die Ausstellung von Zeug- nissen nicht auf beide Kontrahenten ausgedehnt? JedensallS würde dann eine ganze Reihe Bourgeois überhaupt leine Mädchen mehr bekommen.(Sehr richtig!) Aehnlich wie im Militär-Slrafverfahren habe man bestimmt, daß ein Dienstbote bis nach Erledigung seiner Beschwerde im Dienst zu bleiben hält», das hierdurch vieles unterdrückt bleibe, liege aus der Hand. Ihre Beschwerden gemeinsam vorzutragen, durch Verbindung ihre Lage zu bessern, habe man den Parias der Gesellschaft nicht zu- gestanden; das Gesetz vom April 1854 bestra>t diese Frevelthat niit einem Jahre Gefängniß! Wenn man frage, ob die Gesinde-Ordnung überhaupt nöthig sei, so habe man darauf nur verneinend zu antworten. Warum bestehen in anderen, freieren Ländern, wie z.B. in Amerika, der- artige rückständige Gesetze nicht? Dort sei auch der Ton gegen- über den Dienstboten ein wesentlich anderer als wie bei uns, die ganze Behandlung der eines freien Arbeiters angemessen. Auch in Deutschland sei es an der Zeit, mit den vielen Gesinde- Ordnungen(in manchen Provinzen, Schleswig, Hannover:c. bestehen mehrere) aufzuräumen. Ter moderne Großbetrieb habe die Grenze zwischen Gesinde und gewerblichen Arbeitern vielfach verwischt; daß ein Schutz der Ausgebeuteten im Gast- wirthsgewerbe, welche noch aus grund ihres Dienstbuches als Gesinde gellen, nolhwcndig sei, werde durch die Erhebungen der Reichskommission außer allem Zweifel gestellt. Gegenüber diesen arme» Menschen, welche unter der Gesinde-Ordnung schmachteten, seien die gewerblichen Arbeiter, wenn sie auch nur ein kümmer- liches Konlitionsrecht benützen könnten, wirkliche Aristokraten Man werde versuche» müssen, durch gesetzliche Bestimmungen betreffend das Gastwirthsgewerbe Bresche in die Domäne des mittelalterlichen Geistes, die Gesinde-Ordnung zu legen. Die Lohnarbeiter sollten bestrebt sein, ihre unter der Gesinde-Ordnung schmachtenden Brüder und Schwestern von diesem Joch zu be- freien. Die Rede des Reichstags-Abgeordneten Molkenbuhr wurde oft durch Beifallsbezeugungen unterbrochen, auch am Schlüsse gaben die Anwesenden ihre Zustimmung in lebhafter Weise zu erkennen. Frau Ihrer wies im Laufe der Debatte aus den Widersinn hin, der in dem von dem Referenten angezogenen Gesehe seinen Ausdruck findet.„Ekelhafte Krankheiten" berechtigen die Herrschaft einen Dienstboten zu entlassen, andernfalls sei dieser aber gut genug, bei ekelhaften Krankheiten— die doch bei den„Herrschaften" nichts Seltenes seien— seine Gesundheit, sogar sein Leben bei der Pflege aufs Spiel zu setzen. Das Patriarchalische Verhältniß sei eben dahin, darum die Klagen über schlechte Dienstboten; aus diesem Grunde schon allein recht- fertige sich aber auch eine Aushebung der Gesinde-Ordnung. Wenn die Dienstboten von allen für sie so ichmählichen Be- stimmungeu derselben unlerrichtet wären, wenn jeder es sich zur Pflicht mache» wollte, � an seinem Theile zur Ausklärung dieser Menschen zweiter Klasse beizutragen, müsse die Gesinde-Ordnung der öffentlichen Meinung weiche».(Beifall.) In recht eindrucks- voller Weise führte Frl. Baader einige Bilder aus dem Leben der modernen Sklaven vor; sie erwähnte». a. einen Fall, wo «ine nobele Herrschast einem Mädchen, dem die Aufsicht über das Hans anveriraut war, während� die Familie sich eine Badereise leistet, zur Bestreitung seiner Ausgaben für Beköstigung Speise- marken der Volksküche überwiesen habe. Die Rednerin forderte die Frauen und Mädchen auf, alle zu ihrer Kenntniß gelangenden Fülle von Ausbeulung des Gesindes öffentlich zu besprechen. (Beifall.) Es sprachen noch Zitzmann, Frl. Milautzky und Frau Schädlich, welche die Liste der„herrschaftlichen" Sünden um eine Reihe haarsträubender Begebenheiten bereicherten. In einer Resolution sprachen die Anwesenden aus, daß sie die Ausführungen des Reserenten als treffend anerkennen und für Abschaffung der Gesinde-Ordnung und Schutz aller Arbeiter und Arbeiterinnen durch die Gcwerbe-Ordnung thätig sein wollen. Der Wahlverein für den 1.»reis hielt am 16. Januar in den„Arminhallen" eine öffentliche Versammlung ab, wozu auch Frauen Zutritt hatten; indeß war der Besuch ein überaus schwacher. Genosse Timm referirte über:„die Erörterung der Bedeutungder Trusts und Kartelle auf dem Frankfurter Parteitag." Der Referent beschränkte sich im wesentlichen aus ein Resümee des Vortrages von Schippe! und der Ansichten mehrerer Tis kussionsredner, welche diesem auf dem Parteitag entgegentraten Da niemand aus der Versammlung zur Diskussion das Wort verlangte und auch sonst nichts vorlag, erfolgte der Schluß der Versammlung. Eine gutbesuchte Generalversammlung des dritten Berliner Wahlvercinö, die am 16. Januar bei Deigmüller tagte, eröffnete der Vorsitzende, Genosse K r ä k e r, mit einem „Glück aus" zu den Kämpsen im neuen Jahr. Mit kampfes freudiger Begeisterung stimmten die Anwesenden in das drei- malige Hoch auf die Sozialdemokratie ein. In Abwesenheit des Kassirers, der wegen Krankheit am Erscheinen ver hindert war, gab der Vorsitzende den Kassenbericht vom 4. Quartal 1894. Die Einnahmen inkl. eines Bestandes von 327,42 M. betrugen 626,62 M., die Gesammtausgaben 249,35 M., so daß ein Ueberschuß von 377,27 M. zu verzeichnen bleibt. Die Jahresbilanz gestaltete sich daraus folgendermaßen Gesammt- Einnahme 1395,22 M., Gesammt-Ausgabe 1017,95 M Nach dem Bericht des Vorstandes, der gleichfalls vom Gen. Kräker unterbreitet wurde, fanden im verflossenen Jahre 17VersanimIungen statt. Ferner hat man die Einrichtung getroffen, von der man sich einen agitatorischen Werth versprach, die Beiträge durch Bezirkskassirer abholen zu lassen, leider wird den Kassirern von einzelnen Mit- gliedern dieses Amt noch recht erschwert. Der Verein verlor im Lause des Jahres 6 Mitglieder durch den Tod, die Reorganisation des Vereins bewirkte, daß er sich im vergangenen Jahre um 200 Miiglieder vermehrte und gegenwärtig die stattliche Zahl von 650"Mitgliedern aufweist; diese Zahl gegenüber den 14 000 Stimmen, die in dem Kreis abgegeben wurden, sagt jedoch, wie viel Arbeit noch bevorsteht, um die Mitglieder- zahl mit der Stimmenzahl in ein richtiges Verhältniß zu bringen. Aus der sich hieran schließenden Neuwahl des Ge- sammtvorstandes gingen hervor: Kräker erster. Hoch zweiler Vorsitzender. Frdr. Schulz erster, H a r n d t zweiter Kassirer. Mahle erster, H o f f m a u n zweiter Schrifljührer. Jahn Beisitzer. Kahlen, Schweitzer und Schätze!, Revisoren Unter Punkt Verschiedenes beantragte der alte Vorstand de» Ausschluß des Mitgliedes Grevcndorf, und fügte diesem An trage eine eingehende Begründung hinzu. Die Versammlung stimmte dein Antrag ohne Debatte einmüthig zu. Ein Antrag das diesjährige Slistungsfest nun doch noch, und zwar im Februar zu seiern, wurde nach kurzer Debatte abgelehnt. Ein weiterer Antrag, am 18. März eine öffentliche Volksversamm- lung einzuberufen, wurde einstimmig angenommen. Hieran schloß der Vorsitzende die Ve-sammlung mit der Mahnung, in diesem Ji.hre noch emsiger für die Stärkung des Vereins zu agitiren, wie im Vorjahre. Ter Wahlvcrein für den vierte» Kreiö hielt am 15. Januar in Ficbig's Salon, Große Frankfurterstr. 23, seine ordentliche Generalversammlung ab, die sehr stark besucht war Bei dem Bericht des Vor st an des bedauerte Genosse Erbe, daß ein großer Theil der Mitglieder ihren Ver. pflichtungen nach vollzogener Reorganisation des Wahlvereins nicht nachgekommen ist. Die Mitgliederzahl ist von 1191 seit dem Ende des vorigen Vierteljahres auf 1905 gestiegen. Vier Mitglieder sind verstorben, deren Andenken noch nachträglich die Versammlung durch Erheben von den Sitzen ehrte. — Den Kassenbericht erstattete der 5iassirer Zabel. Mit dem Bestand ans dem vorigen Quartal im Betrage von 722,57 M. beliesen sich die Einnahmen aus 3081.82 M.; abzüglich 2651,16 M. Ausgaben verblieb ein Bestand von 430,66 M. Die gefammte Jahreseinnahme betrug 5922,27 M., die Ausgabe 5491,61 M. Nach Ertheilung der Decharge er folgten einige Wahlen. Zum Führer des Stralaner Viertels wurde Genosse Kaiser gewählt; serner wurden einige Bezirks iührer-Poste» neu besetzt, und zwar erhielt Wen gels den 147., Wasewitz den 155., Walter de» 94. und G r o s ch den 93. Wahlbezirk(letzterer als Ersatzmann) zur Leitung der Agitation zugewiesen.— Nach Erledigung dieser geschäftlichen Angelegenheiten erhielt Genosse Bebel das Wort, um in einem oft von Beifall unterbrochenen trefflichen Vortrag die„Agrar frage" zu behandeln. Ter sozialdemokratische Wahlverein für den 6. Berliner Ncichstags- Wahlkreis hielt am 15. d. M. im Schön hauser Viertel(Belforterstraße) eine stark besuchte Versammlung ab. Tieselbe ehrte zunächst das Andenken an die verstorbenen Vereinsmitglieder Frey, Träger, Bamberg und Schröder in üblicher Weise und hörte sodann einen Vortrag des Abgeordnelen Wilhelm Liebknecht. Einleitend nahm derselbe Gelegenheit, veranlaßt durch eine private Meinnngs äußerung, dahingehend, daß er zu wenig in seinem Wahlkreise erscheine, daraus hinzuweisen, daß er dies in diesem Wahlkreise nicht für so dringend erforderlich Halle, zudem er mit Arbeit und anderen Verpflichtungen überbürdet sei. Dessenungeachtet würde er jederzeit, sobald ma» ihn rufe, zur Stelle sein. Mit seinem Vortrage knüpfte er an die Verhandlungen der vorigen Versammlung(Diskussion über Erfurter Programm und Grund- und Bodensrage) an und bemerkte, daß der Wahlvereii auf dem richtige» Wege sei, woran er übrigens nie gezweiselr hätte. Das Studium des wissenschaftlichen Parteiprogramms sei von der allergrößten Wichtigkeit, wie er in längeren Aus- führungen klarlegte, dabei die Nothwendigkeit deS Entstehens des Sozialismus aus der Entwickelung der Verhältnisse heraus ver- anschaulichend und den Entwickelungsprozeß, welcher die mittleren Schichten der Bevölkerungsklassen vernichte, als den Boden ve- zeichnend, aus dem der Sozialismus mit Nothwendigkeit ent- stehen mußte. Mit Recht werde der gesellschaftliche Widerstreit ein Klassenkampf genannt. Heut sei die Kluft zwischen Arm und gleich bereits so breit und lief, daß eine Ueberbrückung derselben unmöglich ist. Wenn die Verhältnisse sich in Deutschland auch noch nicht in dem Maße verschoben haben wie in England, so werde es doch auch bei uns dahin kommen, daß sich nur noch zwei Klassen gegenüberstehen: Besitzende und Besitzlose. Jedem Denkenden müsse der Sozialismus als eine Nothwendig- keit erscheinen, als der berufene Nachfolger des Kapitalismus. Daher sei die Idee des Sozialismus nicht zu vernichten. Was das Sozialistengesetz nicht vermocht, werde ein Umsturzgesetz ebenso wenig vermögen. Der letztere Gegenstand veranlaßte den Redner, kurz auf die Umsturzvorlage einzugehen, welche ihr Dasein der Furcht vor der Sozialdemokratie verdanke, welche wiederum aus der Unsicherheit der wirlhschastlichen Verhältnisse entspringe. Diese im Gegensatze zu England beleuchtend, wies der Vortragende an dem Beispiele Englands die Macht der Arbeiterorganisation nach, welche unbesiegbar fei, sobald sie begriffen, daß der Kapitalismus durch den Sozialismus ersetzt werden müsse. Kurzsichtiger und engherziger als die englische sei die deutsche Bourgeoisie. Hier dränge man auf einen Gewalt- und Staatsstreich hin. Den bevorstehenden Wahlkampf hätten wir nicht zu fürchten, aus deuiselben würden wir siegreich hervorgehen. Aber noch ernstere Kämpfe ständen uns bevor. In der Gesellschastipyramide ständen zwei starke Mächt« mit einander im Widerstreit: oben die Pickelhaube und unten das demokratische allgemein« Wahl- recht. Die Kämpfe, die andere Länder bereits hinler sich hätten, ständen Deutschland noch bevor. Aufgabe der Sozialdemokratie sei es, im Kampfe um die Freiheit auf dem Posten zu sein. Deshalb sei für die Sozialdemokratie die Parole: Organisation? — An den inhaltreichen fesselnden Vortrag knüpfte sich eine Debatte nicht. Seitens des Vorstandes erging an die Wahl- vcreins-Milglieder noch die Aufforderung, sich baldmöglichst in den Besitz der Broschüren zu setzen, die durch die Bezirksführer zu beziehe» sind und von. denen die eine:»Die Ursachen der Arbeitslosigkeit" unentgeltlich geliefert wird. Tie Handlungsgehilfen erörterten am 16. Januar in einer Jehr gut besuchten Versammlung das Thema: Der Fall «-tadthagen. In dem großen Saale des Keller'schen Etablissements hatten ungefähr 1500 Personen Platz gesunden. Nach den Dar» stellungen des Referenten Julius Türk ist der Sach- verhalt in dem„Falle Stadthagen" der folgende: In der Fischerstraße befindet sich das Knrzwaaren- Engrosgeschäft der Gebr. Tietz, dieses Geschäft beschäftigt 70 Angestellte. Hier trat vor nun 16 Jahren der damals 50jährige Stadthage n mit einem Monatsgehalt von 100 M., welches im Laufe der 16 Arbeitsjahre bis auf 130 M. stieg, ein. Demselben wurde die Führung der Escompte-Kasse übertragen: Auf diesem Posten wurde er, ein redlicher gewissenhafter Mann, das Opfer eines unredlichen gewissenlosen Lagerverwalters, welcher drei Jahre lang Betrügereien dadurch verübte, daß er Quittungen, die Stadthagcn zu begleichen hatte, fälschte. Der Schwindel wurde von Stadthagen entdeckt, als ein Lehrling denselben Trie versuchte. Herr Georg Tietz, von dem Vorfalle in Kenntniß gesetzt, stellte Nachforschungen an und entdeckte nun, was Stadthagen nicht gelungen war, die jahrelangen Betrügereien. Lehrling und Lagerverwalter wurden entlassen und Stadthagen nach einiger Zeit die Führung der Kasse abgenommen. Hierdurch fühlte sich der alte Mann schwer verletzt, er lief umher als fünftes Rad am Wagen, suchte sich nützlich zu machen, wie er konnte, niemand beachtete ihn. Und als er schließlich in der Zeitung las, daß die Gebr. Tietz für seinen bisherigen Posten eine andere Kraft suchte», erhängte er sich am 22. Dezember v. I. in seinem Stübchen, durch Lieblosigkeit und verletztes Ehrgefühl in den Tod getrieben. Etliche Tage darauf erschien in der„Voss. Ztg." ein ehrender Nachruf seitens der Firma. Redner knüpfte an den Fall Stadthagen �eine sich von selbst ergebende Kritik der Zustände in der heutigen kapitalistischen Welt und forderte die Handelsangestellten energisch zur Organisation, zum Anschlüsse an die Freie Vereinigung der Kaufleute auf. Herr G n t f e l d betont, daß Herr Sladthagen nicht entlassen wurde, sonder» nur eine andere"Beschäftigung erhalten sollte, die seinen Fähigkeiten entsprach. In einem Briefe, den Redner verliest, hat der Verstorbene kurz vor feinem Tode seinem Neffen den Dank ausgesprochen für seine Verwendung bei dem Chef. Er sprach die Hoffnung aus, nach der Inventur wieder im Gc- schüft verwendet zu werden. Zur Sache selbst sind von wesentlichem Belang die Dar- legungen des Herrn Stadthagen, Neffen des Tobten und selbständigen Geschäftsinhabers. Wenn derselbe im großen und ganzen auch die Darstellung des Referenten be- stätigte, so trugen die Ausführungen des Redners doch dazu bei, die Sache wesentlich zu klären und daS vom Reserenten scharf gezeichnete Bild ein wenig abzutönen. Herr S tadthagen bekennt sich keineswegs zur sozialdemokratischen Partei, und be- dauert, daß dieser Vorfall zu Parteizwecken benützt wird. Er konnte nicht umhin, zuzugestehen, daß sein Onkel dem innegehabten Posten nicht gewachsen war, er gab auch zu. daß Herr Tietz kaufmännisch richtig gehandelt habe, als er den Onkel seines Postens enthob. Nur machte er Herrn Tietz zum Vorwurf, daß derselbe herzlos gehandelt habe, indem er aus den Gemüthszustand des alten Mannes keine Rücksicht nahm. Als dem Redner der Fall bekannt wurde, habe er sich zu Gebr. Tietz ans den Weg gemacht und sie gebeten, seinem Onkel doch einen anderen Posten im Geschäfte zu übertragen. Die Antwort, die er erhalten, sei gewesen:„Nach der Inventur, jetzt haben wir leine Zeit!" Hierfür habe man keine Zeit gehabt, wohl aber, sich nach einer anderen jüngeren Kraft umzuthun. Im Lause der Verhandlungen führten die Debatten zu sehr erregten Szenen, besonders, da einige freisinnige Redner das Wort nahmen undschließlich alle politischen Gegensätze mehr in den Vordergrund traten. Der Verstorbene gehörte dem Verein Waldeck an, weshalb man den„Fall Stadt- Hagen" möglichst abzuschwächen suchte. Ohne die Rednerliste zu erschöpfen— es hatten sich noch mehrere Redner gemeldet, unter anderem auch ein Verwandter des Herrn Tietze, der die Sache klarlegen wollte— erreichte die Versammlung ihr Ende. In einer Resolution, die mit großer Majorität zur Annahme gelangte, wird das Versahren der Firma Tietz aus das Entschiedenste verurtheilt. Eingelaufene Drulkschriften. von der„ZKnen Zeit"(Slultgart, I. H W. Die h' vertag) ist soebe» das u. Hefl bei 13. Jahigaiiges evfdjtencn. Au« dem Inhalt beben wir hervor: Ter Aufang de»«ampses.— Der druie Band de«„»aptlal". Bon Eduard Vsrustein. v.—.«(ein Eyolf. Vo» Erich Echlaikjer.— Zmlschle'«„Teulfche Weschichie". Von Franz Mehring. IT.— Lilerarlsche Rundschau.— Nottzen: Luur Zwiespalt zwislbeu Srotzinduslrie und Grobgrundvegh. Zur Kon- i-nlralion des Kapilals in der deutsche» Zellstosf-Jndustrte.— Feuilleton: Die Schlacht der Mttroben. von Edward Aveltng.(Fortsetzung.) Besuchszeit tierschiedeuer Musee» und sonstiger SeheuSwürdigkeiteu. Alte« und Neue« Museum am Lustgarten. Besuchszeit täglich, mit Ausnahme de« Montag« tn den« Wimerinonale» von 10—3 Uhr, in de» « Sommermonaten von s— s Uhr: Sonntags im April- September 12 bi« 6 Uhr, Ol toder und Mär, is— B Uhr, November und Februar>3—« Uhr, Dezember und Januar 12-s Uhr(Unenigelltich).— Die Rational- g a l l« r i e in der MuseumSsirahe. Besuch«, c>l Wocheniag» von 10— 3 Uhr (Montag« auSgenommc»). Sonntag« im April— September von 12 bi« 6 Uhr, im März und Oltvber 12— ö Uhr, Februar und November ti dit « Uhr, Januar und Dezember i»— 3 Uhr(Unentgeilltch).— K u n st ge werbe» Museum, Prinz Albrechlstr. 7. Eieössnel an den Wochentagen(Montag« ausgenommen) im Sommer von 9—3 Uhr, im W»tec oon 10—» Uhr, S onntag«, Apr l— September von 12— 6 Uhr, Oktober und März 12—0 Uhr, November und Feblruar 12—« Uhr, Dezember und Januar 12—3 Uhr sUnent- gelllich).— Museum für Böikerlunde, Königgrätzerstr. 120. Besuch«- zeit wie im jkunstgewerbe-Museum(Unentgeltlich).— H y a t e n e- M u s c u m, ftlosiersir. fB. Besuchszeit Sonntag« wie im Kunstgcwerbc-Museum. Auber- dem Dienstag« und Freitag« von 10—2 Uhr sUnentgeMich).— Museum sür Naturkunde, Jnvatidcnstr.«2. Besuchszeit Sonnlag« wie im Kunst- gewerbe-Museum. Außerdem Montag« und Sonnabend« von ll— 3 Uhr.— Museum für deutsche BolkSt rächten und Erzen gntsse de« Hausgewerbe«,«losleistr. 36. Jeden Tag mit Ausnahme de« Mittwochs von 11— 2 Uhr gcöstncl. EtnirtltSgelb: Erwachsene 00 Ps., Kinder 20 Ps., Vereine Sonntag« 10 Pf.— R e i ch§ p 0 st- M u s e u m, Leipzigerstr. 10. we- össnet Sonnlag« 12—2 Uhr. Montag«, Dienstag«, Donnerstag«, Freitag« von 11— 2 Uhr(Uncntgcllltch).— viathhan», Köniastrade. E-össnel täglich außer Donnerstag und Freitag von 11—3 Uhr(Unentgeltlich). AuSsichtSlhurm 00 Ps.— Kunstausstellung de« Verein« Berliner Künstler, Wtlhclmstr. 92. Sonntag« 11—2 Uhr, Wochentag« 10— e Uhr. 60 Ps.«mm. — Sternwarte. Enckeplatz 3a. Mittwoch« und Sonnabend« von 9 dt« 11 Uhr vormittags.— Urania, Wistenschaftliche« Theater. Sternwarte. gnvalidenstr. 57-62, Geöffnet von 5 Uhr Nachmluag« dt» 10X Uhr Abend«. ntree 00 Ps. Zuschlag sür Thealer von 00 Ps. bis 2 M.— Aquarium, Schadowsir. u. Geöffnet von 9—6 Uhr.«ntree Sonntag» 00 Pf.,»n jedem letzten Sonnlag im Monat 20 Ps.— Castan'« Panopttlum, Friedrich- straße. Geöffnet 10—10 Uhr.«tnlrtllSprei« 00 Pf.— Passage, Panopttlum 10-10 Uhr.«inlrtllSprei« 00 Pf.— Marine. Panorama, Am Lehrter Bahnhos. Sonnlag« von 9—9 Uhr.«ntree 00 Pf.— Neapel- Panorama am Bahnhof Thiergarten, zwei neue Dioramen: Kalalombcn de««opuzinerllofter« zu Palermo und Vcsuoau«bruch Sonntag« 20 Ps. Etnlrttttprct«. Da« Panorama ist bi« Uhr Abend« zu bestchttgen.—Zvologtscher Garten,---------- «intriUöpret» 1 ummigo-'o h-i« uiniviueqiei». Panorama n» MV �7 uyr rioenos 1 besichtigen.— Zoologtscher Garten, Lützowuser. Sonntag» i Pf.— Borstg'« Gart»!, mit Palm, nhau». All. Moabit««-««. »trittöpret« 60 Pf. DW" Pankow."MD Fmen- ukH Wßtü-MNgs- Verein Wlinle Nord). Sonntag, den Sv. Januar, nachmittag» Ä Uhr: Wanden-Versani an lung. � Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Bsumann über:„Die Frauen des Prole- tariats und die Dainen der Bourgeoisie." 2. Diskussion. 3. Ausnahme neuer Mitglieder. 4. Verschiedenes. Gäste sind sebr ivillkommen. Zur Deckung der Unkosten Tellersammlung. Nach der Versammlung: LiainiitKIioKes Beioammonsvin mit Tanz< Die Frauen werden ganz besonders ersuch:, zablreich zu erscheinen. 120/19 Die Bevollmächtigte. Verein Berliner Jalousiearbeiter u. Berufspn. Ausserordentliche Generalversammlung am Montag, den LI. d. M., abends 8 Uhr, im Vereins lokal Langestr. 05. Tages-Ordnung: 1. Kassenbericht. 2. Neuwahl des Vorstandes. 3. Neuwahl Revisoren. 4. Diskussion. 5. Verschiedenes. Um das Erscheinen sämnillicher Mitglieder wird gebeten. der 2212b vor VorstanS. Iii kok» Takaken und Utensilien Cigarre n-Fabrikanten !! billigster Einkauf!! W. Hermann Müller ___ Berlin SV"1 Alexanderstr. 22.*9� Streng reelle Bedienung. fjS� Creditgewährung nach Lfebereinkuuftü Ein Jeder mache den Versuch. Jede Uhr* repariren u. reinigen tostet .bei mir unter Garantie des lGutgehens nur I.kt) M., saußer Bruch, kleine Re- paraturen billiger. Grobes Lager neuer u. gebrauchter Taschenuhren. Regulatoren u. Wecker 3C. Alle Arten Ketten, sowie Brillen und Pincenez. 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Mitgliedsbuch legitimirt.— Um pünktliches Erscheinen ersucht 143/20_ Die Grtsverwaltung. Zentralverein deutscher Böttcher. im Sonntag, den 20. d. H., nachmittags 2 Uhr, hei Willce, Ändreasstr. 26: U Mitglieder-Uersammlimg. 5S Tages-Ordnung: Befchlnßsassung über Verlegung des Vereinslokals und Vorstandswahl. Die Mitglieder werden ersucht, pünktlich und zahlreich zu erscheinen. 07/12 H. Winter, Vorsitzender. Künstl. Zähne 2 M. Vollst, schmerzl. Zahnziehen 1 U. Plomben 1,50 M. sofort. Theilzahlung. Zahnarzt Wolf, Leipzigerstr. 22. Spr. 8-7 Uhr. Ueperat. [2145b Ma/npe mif Pom 1 Ilratfiieii-Bad, 5;y. SÄTomnÄiatz._ Bäder-Lieferant für sämmtl. Krankenkasse» Berlins u. Umgegend. Dampsttaärnhäder, Packung in seidene Lake». Massage. Vereins Mitglieder zahlen nur Vö Pfg. pro Bad mit Packung u. Massage Ivannenhiidop. 3 Köder mit Seife n. Handtücher 1 Mb. ''Außerdem: Seel-, Schwefel-, Sitzbäder. 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