Nr. 6+ 40. Jahrgang Ausgabe A nr. 3 Bezugspreis: Für den Monat Januar 1600 m. Doraus zahlbar. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig, Gaar. und Memelgebiet sowie Desterreich und Luxemburg 2100 M., für das übrige Ausland 2600 M. Postbestellungen nehmen an Belgien, Dänemart, England, Estland, Finnland, Frank. reich, Holland. Lettland, Luxemburg, Defterreich, Schweden. Schweiz. Tschechoslowakei und Ungarn. Der Vorwärts" mit der Sonntags. beilage Bolt und Reit". der Unter haltungsbeilage..Seimwelt" und der Beilage ,, Siedlung und Kleingarten" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin" Morgenausgabe Vorwärts Berliner Volksblatt 45 Mark Anzeigenpreis: Die einipaltige Nonpareillezcile Loftet 300 M. Reklamezeile 1500 M. Kleine Anzeigen" das fettgedruckte Wort 120 M.( zulässig zwei fett. gedruckte Worte). jebes weitere Wort 80 M. Stellengesuche das erste Wort 80 M., jedes weitere Wort 60 M. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Familien- Anzeigen für Abonnenten Zeile 80 M. Anzeigen für die nächste Summer müssen bis 4% Uhr nachmittags im Hauptgeschäft, Berlin GW.68, Linden. ftraße 3, abgegeben werden. Geöffnet von 9 Uhr früh bis 5 Uhr nachm. Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratifchen Partei Deutfchlands Redaktion und Verlag: SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Redaktion: Dönhoff 292-295 Verlag: Dönhoff 2506-2507 Freitag, den 5. Januar 1923 Vorwärts- Verlag G.m.b.H., SW 68, Lindenstr. 3 Bankkonto: Direktion Posticheckkonto: Berlin 375 36 der Diskonto- Gesellschaft, Depofitenkaffe Lindenstraße 3 Die Pariser Konferenz gescheitert! Paris, 4. Januar, 7 Uhr abends.( WTB.) Die Konferenz ist beendet. Die englischen Delegierten verlassen morgen früh Paris. Paris, 4. Januar.( Havas.) Poincaré und Bonar Law gaben nach der Nachmittagspause Erklärungen ab, welche die Unstimmigkeit in der Reparationsfrage feststellten. Die englische Delegation wird morgen früh, die belgische morgen abend abreisen. Morgen finden zwischen der franzöfifchen, italienischen und belgischen Delegation noch Besprechungen ftatt. Erklärung der deutschen Regierung. Berlin, 4. Januar.( WTB.)( 2 mtlich.) Nach den heute hier eingetroffenen Nachrichten ist die Pariser Konferenz ergebnislos verlaufen. Es hat sich herausgestellt, daß die auf der Konferenz vertretenen Mächte nicht einmal dem englischen Reparationsplan, der eine Gesamtschuld Deutschlands mit einem Gegenwartswert von nahezu vierzig Milliarden Goldmark vorsah, eine Summe, die die Leistungsfähigkeit Deutschlands bei weitem überschriften hätte, ihre Zustimmung erteilen wollten. land erlauben würde, sich zum Nachteil der zerstörten Länder zu erheben. Poincaré habe diese Auffassung gestern nachmittag flar ausgesprochen. Ueber dem unbesetzten Mannheim freuzten Donnerstag früh längere Zeit französische Kriegsflugzeuge. Bonar Laws Bemühungen. Paris, 4. Januar.( WTB.) Bonar Law sagte nach her Morgenpreffe in der Rede, die er gestern auf der Konferenz hielt: Die wahre Meinungsverschiedenheit zwischen Frankreich und Eng land ist eine sachliche. Wenn ich glaubte, der französische Blan fönnte Geld einbringen, würde ich ihn sofort annehmen, da es unser Ziel ist, aus einem schlechten Geschäft so viel wie mög lich herauszuschlagen. Weiter erklärte er: Wenn Deutschland seine Verpflichtungen nicht erfüllen würde, wäre England bereit, die strengsten Sanftionen zu ergreifen. Das bei der Bant von England deponierte französische Gold befinde sich schon in Ame. rifa. Frankreich könne es wiedererhalten, wenn es seine Schulden bei den Alliierten bezahle. Man dürfe sich feine Illufionen über die Realität der Meinungsverschiedenheit unter den Alliierten Die Konferenz ist nicht nur in Deutschland, fondern von den Einsichtigen aller Länder begrüßt worden in der Hoffnung, daß Englands Einspruch keiner Erörterung wert. endlich, vier Jahre nach Beendigung des Krieges, das ReparationsParis, 4. Januar, 5 Uhr nachm.( WIB.) Die Konferenz- problem eine ausführbare Lösung finden und daß verhandlungen sind zurzeit auf eine Stunde unterbrochen. Sie soll Deutschland wie ganz Europa aus dem wirtschaftlichen Chaos, in um 26 Uhr wieder aufgenommen werden. Zu Beginn der heu- das es durch eine politische Behandlung dieses rein wirtschaftlichen figen Nachmittagsfihung( 2 Uhr) verlas Marchese della Torretta die Themas gestürzt worden ist, herausgebracht werden könnte. Diese neuen italienischen Vorschläge, die nach Havas dem fran- Hoffnung ist nicht erfüllt. Die deutsche Regierung hat in zösischen Plan sehr nahe kommen und sich vor allem dem Gedanken ernsten Besprechungen mit maßgebenden Faktoren der deutschen der Beschlagnahme von Pfändern als Gegenleistung für das Mo- Wirtschaft eine eingehende Untersuchung über die wirtschaftliche machen; die betreffe den Betrag der deutschen Schuld und die ratorium anschließen. Wie Havas weiter berichtet, hat dann Leistungsfähigkeit Deutschlands angestellt und das Art der Einziehung. Hinsichtlich des zweiten Bunftes verkenne Poincaré die gestern von Bonar Law erhobenen Einwände beant. Ergebnis in Vorschlägen, die bis an die äußerste Grenze dieser so der französische Blan, daß die einzige Art, sich sofort bedeutende wortet. Im Anschluß daran verlangte der englische Premier- festgestellten Leistungsfähigkeit gingen, niedergelegt. Sie hat an die Bahlungen zu verschaffen, darin bestehe, den Kredit Deutschlands wieder zu heben. Die wirtschaftlichen Pfänder machten die Wiederminister die Erörterung einer note, die er am frühen Nachmittag Konferenz das Ersuchen gerichtet, dieje Borschläge entgegenzuneh- aufrichtung dieses Kredites unmöglich. Die Hand auf das Ruhrgebiet zu legen, heiße die Lebensader Deutschlands bedrohen. der Konferenz übergeben hat und in der die gestern von Poincaré men und durch einen Beauftragten erläutern zu lassen. Deutschland ist nicht gehört worden, obwohl Andererseits würden die 3ahlungen, die Frankreich während an dem englischen Plan geübte Kritik beantwortet wird. Der fran es nach dem Friedensvertrag einen Anspruch der Moratoriumsdauer verlange, die Stabilisierung der Mark 3ösische Ministerpräsident erklärte, daß er fie zur Kenntnis genommen habe, daß es ihm genüge, festzustellen, daß dieses Do- darauf hat. Seine Vorschläge find in Paris nicht einmal ent- unmöglich machen. Limes" meldet: Bonar Law sagte u. a., es habe fument den Grundfah der Pfänderbeschlagnahme, den die franzö- gegengenommen worden, während auf der unter dem Borsitz Bonar feinen Zwed, einen unausführbaren Plan aufzustellen, fische Regierung für unerläßlich halte, ablehne, und daß es ihm Cars tagenden Londoner Konferenz die deutschen Vorschläge weniges werde besser sein, einen zeitweiligen Plan anzunehmen. Der daher unmöglich scheine, in die von Bonar Law verlangte Er- fiens in Empfang genommen und geprüft worden fino. Die deutsche Regierung hat angesichts der Ablehnung, die in britische Plan mürde die Mark binnen 6 Monaten stabilisieren. Der örterung einzutreten. Indeffen wurde auf Drängen der englischen Paris schon der englische Reparationsplan gefunden hat, davon französische Plan wolle Pfänder nehmen, bis Deutschland die notDelegation und der belgischen Vertreter vereinbart, daß jede der Delegationen für fich den englischen Entwurf und die italienischen abgesehen, ihre Vorschläge, die unter diesen Umständen teine Aus- wendigen Anleihen ausgegeben habe, was aber gerade durch die Ergreifung der Pfänder unmöglich gemacht werden Pläne einer Prüfung unterziehen solle und daß nach einer Stunde ficht auf Berücksichtigung haben konnten, der Konferenz unaufge- würde. Schließlich sagte Bonar Law, ein deutscher industrieller fordert zur Kenntnis zu bringen. Troß dieser neuen Ent- 3ufammenbruch fönne nicht vor Borteil sein für die Länder, die Konferenzverhandlungen wieder aufgenommen werden sollen. täuschung hält die Regierung an der Ueberzeugung fest, daß nur die eine Entschädigung von Deutschland erwarten. Die belgische, franzöfifche und italienische Delegation zogen sich dar- eine vernünftige und für Deutschland tragbare Löfung der Reparaauf, jede in einen besonderen Raum, zurüd, um die gewünschte fionsfrage Europa vor dem fonft unvermeidlichen Ruin bewahren rasche Ueberprüfung vorzunehmen, während die englische Delegafion fich in ihren Gasthof begab. Italien gegen England. Paris, 4. Januar, 24 Uhr nachm.( WTB.) Die drifte Bollihung der Konferenz hat einige Minuten nach 3 Uhr begonnen. Die Agence Havas verbreitet unter allem Vorbehalt das Gerücht, die italienische Delegation werde sich gegen den brifischen Vorschlag ausfprechen. Man versichere, daß in diesem Falle die britische Delegation heute abend Paris verlassen würde. Die Schlußreden. tann. Sie wird sich von dem Wege, wie er durch die Note vom 14. november und die darauf folgenden Ertlärungen vorgezeichnet, und wie er vom Reichstag gebilligt worden ist, nicht abdrängen lassen. Die Debatte Bonar Law/ Poincaré. Opposition in England. Condon, 4. Januar.( WTB.) In einem Leitartikel wirft Daily Mail" Bonar Lam vor, er habe die Entente gefährdet und den Deutschen in die Hände gespielt. Die Deutschen hätten endlich das Ziel erreicht, nach dem sie seit dem Waffenstillstand gestrebt hätten. Dem Anscheine nach hätten sie jedenfalls Großbritannien und Frankreich getrennt. Das Blatt bezweifelt, ob Bonar Laws Vorgehen in Paris von der Mehrheit seiner Anhänger im Unterhaus gutgeheißen werden würde. Paris, 4. Januar.( EE.) In der Nachmittagssigung antwortete Bonar Law auf die Kritik Poincarés an dem englischen Blan. Die Pariser Konferenz ist gesprengt. Sie hat nicht nur Er stellte besonders fest, daß die Alliierten zu unrecht sich darüber beklagten, daß sie bei Durchführung der englischen Pläne zu geringe nicht die erhoffte Endlösung" gebracht, sondern auch nicht Zahlungen von Deutschland erhielten, besonders dadurch, daß fie einmal ein Provisorium, das über die Schwierigkeiten der schlechter behandelt würden als England selbst, wenn deffen Pläne nächsten Monate hinweghilft. Deutschland hat um ZahlungsParis, 4. Januar.( Havas amtlich.) Bonar Law hat in der ausgeführt würden. Bielmehr sei es richtig, daß Großbritannien aufschub ersucht, die Reparationskommission, unfähig, fich über Schlußfizung der Konferen folgende Erklärung abgegeben: Die te- von Deutschland weniger erhalten würde, als es selbst Amerita dessen Bedingungen zu einigen, hat der Konferenz der Minigierung Seiner Majestät ist, nachdem sie die französischen Vor- schulde. Diese Behauptung wollte Poincaré nicht bestreiten. sterpräsidenten den Bortritt gelassen, die nun gleichfalls, ohne schläge mit größter Aufmerksamkeit geprüft hat, zu der Ueber. Es fei richtig, daß England an Amerita mehr zu bezahlen habe, als ein Ergebnis erzielt zu haben, auseinandergegangen ist. Die zeugung gekommen, daß diese Borschläge, wenn sie zur Ausführung es selbst von Deutschland erhalten solle. Man dürfe jedoch nicht ver- nächste Rate der deutschen Zahlungen wird am 15. Januar gebracht werden, nicht nur nicht die Ergebnisse zeitigen werden, gessen, in welcher finanziellen Lage sich Frankreich und in welch fällig und soll Frankreich zufallen. die sie erreichen sollten, sondern wahrscheinlich ernste und fogar anderer England sich befände und daß Frankreich zweifellos größere unheilvolle Folgen für die wirtschaftliche Lage Europas Opfer zugemutet würden als England. nach sich ziehen werden. Unter diesen Umständen tann sich die britische Regierung diesen Borschlägen weder anschließen noch eine Verantwortung für sie übernehmen. Die Regierung Seiner Majestät will gleichzeitig der Regierung der Französischen Paris, 4. Januar.( WTB.) Ueber die Verhandlungen im Republik versichern, daß sie die unversöhnliche Meinungsverschiedenheit in einer so ernsten Angelegenheit außer ersten Teil der heutigen Konferenz berichtet Havas noch: Der itaordnentlich bedauert, daß aber dadurch die freundschaftlichen Ge- lienische Delegierte Marquis della Torretta fritisierte furg den bri. fühle nicht nur der britischen Regierung, sondern nach ihrer Ueber. iifchen Plan und hob besonders hervor, daß die Solidarität zeugung auch des britischen Voltes gegenüber der französischen der ehemals feindlichen Mächte durch die Vorschläge Bonar Laws Regierung und dem französischen Volk unverändert bleiben. entgegen den Versailler Bestimmungen gebrochen worden sei. Ministerpräsident Poincaré gab hierauf die folgende Er- Italien könne auf diese Weise von Desterreich und Ungarn flärung ab: Die Regierung der Französischen Republik hat die feine Zahlungen verlangen und habe geglaubt, als Rompen britischen Vor'chläge sehr aufmerksam und sehr eingehend geprüft. fation einen Anteil an der deutschen Zahlung beanspruchen Je mehr sie sie studiert hat, desto mehr mußte sie erkennen, daß zu können, die aber der britische Plan beträchtlich herabsehen wolle. Bahn frei für Neubesetzung? fie mit ihrer wesentlichen Herabfeßung der französischen Forde. rung eine Umgestaltung des Friedensvertrages Bonar Law fandte um 2 Uhr ein Flugzeug mit einem Delegierten an Bord nach London, um eine dringliche Meldung überbringen zu lassen. Einstweilen, solange der Bertrag von Versailles noch gilt, steht die Sache in rechtlicher Hinsicht folgendermaßen: Deutschland hat nicht mit einzelnen Mächten, auch nicht mit der Ge samtheit der„ allierten und assoziierten Regierungen", sondern nur mit der Reparationstommission zu tun, der durch den Vertrag die Vollmacht zur Gewährung oder zur Verweigerung von Zahlungsaufschüben übertragen ift. Deutschland hat wie der Beklagte Anspruch auf ein Urteil hat ein Recht auf eine Entscheidung der Reparations tommission. Die Reparationsfommission fann mit Stimmenmehrheit Bahlungen von Deutschland verlangen, die Deutschland nicht leisten fann. Würde sie aber aus einer solchen Nichtleistung eine vorfägliche Berfehlung Deutschlands kon= struieren wollen, so würde sie sich mit den Tatsachen und mit sich selbst in Widerspruch segen. Denn nicht nur waren die ftruieren wollen, so würde sie sich mit den Tatsachen und mit internationalen Sachverständigen, war schließlich auch die sonst in allem uneinige Pariser Konferenz einig in der Ueber. von Bersailles nach sich ziehen, und es ihr unmöglich wäre, Paris, 4. Januar.( WTB.) Nach Erkundigungen der Agence zeugung Don der augenblicklichen Zahlungsunfähigkeit berartige Lösungen anzunehmen. Die Regierung der Franzöfifchen Havas bei den verschiedenen Delegationen scheint ein Ausgleich der Deutschlands auch die Reparationsfommission selbst hatte Republik bedauert es lebhaft, daß sie sich über diese ernsten Franen britischen und der französischen Ansichten für die franzöfifche Re im Jahre 1922 diese Zahlungsunfähigkeit anerkannt und ihr mit der britischen Regierung nicht hat verständigen fönnen. Sie gierung unmöglich zu sein. Die französische Regierung habe Rechnung getragen. Die Reparationstommission fann also dankt aber der britischen Regierung für ihre freundschaftlichen Er- ihren Willen zu einem solchen Ausgleich zum Ausdrud gebracht und formell einen unmöglichen Beschluß fassen, aber für ſeine flärungen und kann ihr die Versicherung geben, daß troß diefer fämtlichen Alliierten vorgeschlagen, sich ausschließlich an wirt- Richtausführung Deutschland verantwortlich machen, hieße der Meinungsverschiedenheiten die Gefühle der Regierung der Fran- fchaftliche Pfänder zu halten. Der Verzicht auf militä Gerechtigkeit ins Gesicht schlagen. zösischen Republik und des französischen Boltes gegenüber England rische Zwangsmaßnahmen wäre Frankreichs äußerstes Zus Erst muß die Reparationsfommission das Moratorium unverändert herzlich bleiben werden. geständnis. Frankreich werde teinen Plan zulaffen, der Deutsch abgelehnt haben, muß Deutschland den am 15. Januar fälli gen Betrag nicht gezahll haben, muß eine„vorsätzliche Ler- fehlung" festgestellt und eine Einigung der Alliierten über die Ergreifung von Matznahmen erzielt fein, er st dann sind Sanktionen vertragsmäßig zulässig. Sogenannte Sanktionen, die ohne Entscheidung der Re- parationskommission oder von einer einzelnen Macht ergriffen mcrden, sind vertragswidrig und in völkerrechtlichem Sinn „feindliche Handlungen". Deutschland hat aus dem'Vertrag von Versailles aber nicht nur Pflichten, sondern a u ch R e ch t e. Was ihm durch den Vertrag nicht genommen wird, das ist ihm zugestanden und wird durch den Vertrag geschützt. Der Vertrag schützt Deutschland vor dem eigenmächtigen Vorgehen einer einzelnen Macht, indem er ausdrücklich nur ein gemeinsames Vor- gehen der Alliierten zuläßt. Der Vertrag hat, indem er es zur Entwaffnung verpflichtete, Deutschland unfähig gemacht, äußerer Gewalt Widerstand zu leisten. Damit kann aber nicht jedem Nachbar das Recht gegeben sein, nach Belieben über das entwaffnete Deutschland herzufallen. Führt Frankreich einen solchen Uebersall auf eigene Faust aus, dann m a ch t e s den Vertrag von Versailles zu einem Fetzen Papier und wird es vertragsbrüchig auch seinen V e r- bündeten gegenüber, denen damit die Pflicht zufällt, Deutschland n der Rechtsspähre, die hm der Vertrag belassen hat, zu schützen. Diese Auffassung wird erfreulicherweise auch in Eng. l a n d vertreten. So beschäftigt sich der„Manchester Guardian" in einem ausführlichen Artikel mit dem von Frankreich auf Grund des Verfailler Vertrages in Anspruch genommenen Recht zu Sanktionen. Auf Grund einer eingehenden Analyse der in diesen Tagen so oft zitierten Paragraphen 17 und 18 der zweiten Anlage zum Reparationskapitel kommt der Ar» tikel zu Ergebnissen, die mit unserer Auffassung in allen Punkten übereinstimmen. Zunächst weist er nach, daß es sich bei den im Vertrage für den Fall einer vorsätzlichen Nichterfüllung der Repara- tionsverpflichtungen vorgesehenen Maßnahmen nach allen Regeln der Vertrags- und Gesetzesauslegung ausschließlich um Maßnahmen wirtschaftlicher oder finanzieller Art, keines» falls aber um territoriale Maßnahmen han- d e l n kann. Das fei zweifellos der Grund, weswegen P o i n c a r 6 selbst jede Absicht einer militärischen Besetzung des Ruhrgebiets in Abrede gestellt und lediglich von der Ent- sendung von Ingenieuren und Zollbeamten gesprochen habe. Man werde jedoch in England prüfen müssen, ob die Ver- wendung solcher Personen eine wirtschaftliche und finanzielle Maßnahme und nicht vielmehr ein« Besetzung unter anderem Namen sei. Der Artikel bezeichnet es dann weiter als einen Ver- stoß gegen den ganzen Geist und Wortlaut des Verfailler Vertrages, wenn Frankreich behaupte, ohne Zustimmung seiner Alliierten gegen Deutschland vorgehen zu können. Dabei wird auf ein höchst bemerkenswertes französisches Zeugnis für diese Auf- fassug hingewiesen. In dem amtlichen Berichte des von der französischen Kammer für die Prüfung des Versailler Ver- träges eingesetzten Ausschusses heiße es ausdrücklich, daß die bei Nichterfüllung der Reparationsverpflichtung vorgesehenen Maßnahmen von den Alliierten„in gemeinsamem Einverständnis" zu treffen seien. Der Verfasser dieses Berichts sei kein anderer als Herr B a r t h o u, der jetzige Vor- sitzende der Reparationskommisiion, und die französische Kammer habe seine Auslegung des Z 18 bei der Ratifikation des Versailler Vertrages angenommen. Diese Uebereinstimmung deutscher und englischer Rechts- auffasfungen läßt nun freilich aus das praktische Ver- halten Englands noch keinen Schluß zu. Es läßt sich heute nicht sagen, bis zu welchem Grade sich der englische Protest gegen französische Eigenmächtigkeiten steigern wird. Eigentlich müßte England, wenn es im Rahmen des Vertrags bleiben wollte, die schleunige Entscheidung des Völ- kerbundes anrufen, dessen Pflicht es wäre, gegen einen Der Kreuzestod fürs Kriegerdenkmal. Von Hans Bauer. Es gibt ehrbare völkische Zeitgenossen, die das Christentum für so etwas wie eine jüdische Finte halten, nicht» zu tun hoben wollen mit dem milden Mann aus Bethlehem und lieber sür den handfesten Wotan mit dem Umhängebart schwärmen. Dagegen ist nichts zu sagen. Herr Wotan hat zwar, da er schließlich kein abgebrannter Feldherr war, keine Memoiren hinter- lasten: aber wer will nachweisen, daß er nicht streng rituell noch den Grundsätzen gelebt hat, die heut« jene ehrbaren Völkischen für sich als verbindlich erachten! ' Es gibt aber nun auch andere Zeitgenosten, dl« unter Ableh- nung Wolmis für das Christentum schwärmen, aber unter merk- würdiger Verkennung seiner Forderungen und seines Ideengehalts in ihren Taten durchaus nicht zu ihm stehen. Solche Menschen sind nicht wie die Wotan-Wütarich« lächerlich, sondern ekelhaft. Wer die Gewalt anbetet und Gewalt tut, den soll man in Schach halten, aber wer Christentum bekennt und Nationalisterei treibt, ist verächtlich. Di« Oberammergauer bekennen Christum. All« zehn Jahre machen sie das ganze Dorf mobil, sein« Leidensgeschichte vor- zuführen. Das vergangene Jahr erst war wieder ein Pastions-Jahr. Es ist an sich nichts dawider einzuwenden. Di« Begleitumstände indessen, unter denen sich das letzte Mal das Spiel vollzog, mußten bedenklich stimmen. Einmal spielte sich die Passion fast ausschließlich vor Leuten ab, die weniger mühselig, als„beladen" waren, und dann standen die Vorführungen unter dem besonderen Protektorat von politisch so eindeutig bestimmten Personen wie Kahr und Kar« dinal Faulhaber. Und nun erfährt man noch, daß vor einigen Ta- gen beschlossen worden ist, S Millionen Mark von den„Erübrigun- gen des Passionsspieles" zur Errichtung eines Krieger- denkmals zu verwenden. Kriegerdenkmäler brauchen nichts Makelhoftes zu sein. Dw schlichter, in aller Still« errichteter Stein kann dem dankbaren Ge- denken an Gefallene dienen. Makelhaft aber ist in einer Zeit äußer- stcr Lebensbedrängnis des deutschen Voltes die Bereitstellung einer Summ« von 5 Millionen für einen protzigen Block, der offenbar in einer Auffälligkeit hergerichtet werden soll, die die Lebendigbaltung des Kriegsgeistcs bezweckt. Und doppelt makelhaft ist. daß die Millionen dazu verwendet werden sollen, die durch Darstellung jener Zeit Christi hereingebracht morden sind, in der er nach der Meinung der Gläubigen sich zur Erlösung der Menschheit zum Todesgange nach Golgatha rüstete. Oberammergau, genug schon kompromittiert durch sein« Re- tlameschlaqerei, ist durch diesen neuesten Mumpitz nachgerade ein« unappetitliche Angelegenheit geworden. Deutschland hat Humer, die Acrmsten seiner Söhne krepieren am Hunger: und dies« bayerischen Maulchristen setzen 5 Millionen, die sie durch Darstellung der Todesnot des Bedrücktesten aller Armen zusammengeneppt haben, an ein Kriegerdenkmal! Tausende von Pastoren haben toT Krieg ihren Altar entweiht: die Oberammergauer haben sogar da» Kreuz geschändet. gewaltsamen Vertragsbruch Frankreichs«wen Einhaltsbefehl zu erlassen, doch ist bei der allgemein anerkannten Schwäche des Völkerbundes eine solche Entwicklung der Dinge wenig wahrscheinlich. Eine weitaus realere Macht würde eine englisch- amerikanische Koalition darstellen. England und Amerika sind Gläubiger Frankreichs und Deutschlands, und sie können nicht wollen, daß einer ihrer Schuldner den andem und damit auch sich selber wirtschaftlich zugrunde richtet. Ihr Gläubigerinteresie läuft parallel mit ihrer rechtlichen Ver- pflichtung, das mit ihrer Hilfe geschlagene und entwaffnete Deutschland nicht zur wehrlosen Beute eines gewaltätigen Nachbarn werden zu lassen. Jedoch wäre es falsch, darauf zu rechnen, daß Deutschland gegen französische Gewalttaten von England oder Amerika oder von beiden sofort wirksame Hilfe erhalten werde. Der französische Imperialismus wird voraussichtlich, wenn er Ernst macht, zuächst einen ungestörten Triumph der widerrechtlichen Gewalt erleben. Nur freilich, was daraus wird, das steht auf einem anderen Blatt. Denn die Politik, die Deutschland seit dem Mai 1S21 ge- trieben hat, ist doch nicht ohne Erfolg geblieben. Damals drohte die gesamte Entente solidarisch mit Ruhrbesetzung. inneren Zollgrenzen und neuer Blockade. Wenn Frankreich jetzt allein auszuführen versucht, was damals von allen ge- meinfam angedroht wurde, dann geht es den gefährlichen Weg in die Isolierung, Indes, bis zum 16. Januar sind noch zehn Tage, bis dahin kann manches geschehen, was das Bild ändert. Aufgabe des deutschen Volkes und seiner Regierung ist es, die wahrscheinlich äußerst kritische Entwicklung dieser Tage kalt- blütig zu beobachten und jede sich bietende Gelegenheit zu er- greifen, um eine vielleicht noch mögliche Besserung der Situa- tion herbeizuführen._ poincarö und öer Zrkeöenspakt. Edle Sorge um die Kleinen. Paris. 4. Januar.(EE.) In einem nach Washington ge- richteten Tetegramm bittet Poincare den Botschafter Iusierand, dem Staatssekretär Hughes folgende Bemerkungen zu machen: 1. Der Zweck, den Deutschland durch sein Angebot verfolgte, war offen- kundig der, daß Frankreich das linke Rheinufer räumen soll, bevor Deutschland seine Reparationsverpflich- tungen erfüllt habe. 2. Es fei töricht, zu behaupten, daß Deutsch- land vor seinem Eintritt in den Bölkerbund nicht alle Bestimmungen de» Versailler Bertrage, zu erfüllen habe. Dieser Vertrag fei von Deutschland unterschrieben worden. Infolgedessen hätte Deutschland nicht die Freiheit, Frankreich heute anzugreisen. 3. Der Borschlag, Frankreich, Italien und England nicht anzugreifen, würde Deutsch- land die Möglichkeit gewähren, die kleinen Alliierten, besonders Polen und die Tschechoslowakei und sogar Neutrale wie Dänemark anzugreifen, um sich wieder in den Besitz der Gebiete zu setzen, die von Dänen und Polen bewohnt sind, und um sein« Hegemonie über Europa wieder vorzubereiten. Frankreich wisse sehr gut, daß an dem Tage, wo Deutschland wieder den Krieg eröffne, es sich auf die kleinen Nationen stürzen wolle.(!) Sein Plan, nicht anzugreifen, würde ihm dieses Recht lasten und würde es Frank. reich verbieten, den kleinen Staaten zu Hllfe zu eilen. Das Interesse Amerikas. Wiedereintritt in die Reparationskommissio« 7 New Aort, 4. Januar.(WTB.) Nach einer Meldung aus Washington verlautet von zuständiger Seite, daß die Regierung für Annahme des Entwurf» Robinson», betreffend die Ver- tretung der Vereinigten Staaten in der Reparationskommission fei. Sie habe eine solche Vertretung immer als wünschenswert erachtet. Sie stehe jedoch auf dem Standpunkt, daß es Sache des Senats sei, der einen ähnlichen Dorschlag des Präsidenten Wilson a b g e- lehnt habe, hierüber Beschluß zu fassen. Dummheit oder Schikane! Von Walter Fabian. Was- ich hier erzähle, ist ein« wahre Geschichte. Ich«Gähle U, wie sie sich zutrug, ohne ein Wort hinzuzufügen, ohne ein Wort 'ortzulassen. Aber ich darf nicht darauf rechnen, daß man mir glaubt. Es ist«ine verzweifelt« Situation: ich erzähle eine wahre Begebenheit— und weiß, daß jeder, der sie liest, mich für einen Märchenerzähler, Lügner oder Verleumder hallen muß. Immerhin, ich will beginnen. Ich wollte von Frankfurt a. M. nach Berlin fahren, zusammen mit einer Dam«. Meine Begleiterin hatte sich den Tag über trank gefühlt, und sie hätte sich zu Bett gelegt, müßten wir nicht noch heute noch Berlin zurück. Jedenfalls erlaube ich ihr nicht, ihren Koffer zu tragen. Ich bitte sie, vor der Sperre zu warten, bis ich mein Gepäck hineingebracht habe. So bringe ich meinen Koffer in den Zug. Dann gehe ich lang- sam zurück und sage dem Mann an der Sperre, ich käme gleich wieder hindurch, zusammen mit einer Dame, der das zweite Billett gehör«. Hier beginnt da» Erlebnis.„Aber mit einem zweiten Koffer kommen Sie nicht hindurch", sagte er mit erhobener Stimme. —„Doch," wag« Ich einzuwenden,„denn wir haben ja zwei Plätze, cmd die Dame, mit der ich reise, darf ihren Koffer nicht heben, da sie krank ist."—„Sie kommen hier nicht mit einem zweiten Koffer hindurch," sagt er drohend. Ich merke, e» hat keinen Sinn, hier in der Schilderung fort- zufahren. Denn ich müßte feststellen, daß wir beide abwechselnd die beiden Sätze sprachen, die ich eben niederschrieb. Ohne Erfolg. Er hörte nicht auf meine sachliche Erklärung, und mir gelang es nicht, den Sinn seiner Anweisung zu erfassen. Aber ich bin von Natur ein friedlicher Mensch. Ich ließ ihn stehen, suchte meine Begleiterin und bemühte mich zunächst, durch die Sperre des nebenan gelegenen Bahnsteigs hindurchzukommen, um weiteren Auseinandersetzungen zu entgehen. Die Bahnhofs- bureaukratie war nicht in der Lage, uns dies zu gestatten. So kehrten wir zu meinem alten Freunde zurück, m der stillen Hoffnung, er werde inzwischen ruhiger geworden lein. Di« Hoffnung trog. Sobald er uns sah, sprang er von seinem Sitze auf, öffnet« die Tür seines Schalterhäuschens und versperrte uns den Weg. Das alte Spiel begann: seder wiederholte seinen Satz. Irgend etwas In mir bewunderte meine Geduld. Wenn es auf mich angekommen wäre, ständen wir heut noch auf unserem Platz. Denn ich bin ein Mann des Rechts und weiche nur der V'rmmft. Und all inein Bemühen reichte nicht hin, hier Vernunft zu entdecken. Offenbar war aber meine Begleiterin noch friedliebender als ich.(Wir kamen beide aus dem Haag, vom Weltfriedenskongreß!) Sie fürchtete sich vor dem Augenblick, in dem mein Pazifismus unterliegen und meine Wut steigen müßte. So ergriff sie den Kaffer, den ich neben mich gestellt hatte, trug ihn. alle Schmerzen mutig unterdrückend, die fünf Schritte durch die Sperr« und setzte Ihn dort zu Boden. Die Verordnung der preußischen Behörde hatte gesiegt. Ich betone, es geschab gegen meinen Willen. Wenn es auf mich angekommen wäre, ich stünde heui noch da. Und da» wäre bester so gewesen. Denn dann hätte ich diese Geschichte dort nieder- Deutfthlanös Not. Unterernährung und Zunahme der Krankheiten. Der preußische Wohlfahrtsminister Halle zum Donnerstag die Vertreter der in- und ausländischen Presse zu zwei Borträgen über die Zerrüttung der deutschen Volksgesundheit eingeladen, die von dem Geh. Obcrmedizinalrat Dr. Krahne und Geheimrat Prof. Dr. Dietrich gehalten wurden. Dr. Krahne führt« aus: Seit Mitte 1922 ist ein« neue Der». schlechterung der Dolksgesundheit unoerkennbar. Die Preise für die wichtigsten Nahrungsmittel find unerschwinglich. Eine vierköpfig« Familie braucht für den normalen Bedarf an Fett bzw. Margarine pro Jahr 2