Abendausgabe Nr. 8940. Jahrgang = Vorwärts Ausgabe B Nr. 45 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise find in der Morgenausgabe angegeben Rebattion: Sm. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-295 Tel- Ubreffe: Sozialbemoirat Berlin Berliner Volksblatt Preis 70 Mark Donnerstag 22. Februar 1923 Berlag und Anzeigenabteilung Geichäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag Gmb. Berlin S. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 2506-250% Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Kohlenkrise in Frankreich. Paris, 22. Februar.( EE) Heute wird in Paris ein Kohlen- laut verneinend, und bezüglich des zweiten Teiles fei er nicht in der fongreß unter Vorfih Le Troquers eröffnet werden. Mit der Lage, eine Erklärung abzugeben. Davison fragte weiter, ob das Berichterstattung war Pulier beauftragt worden, doch lehnte er Verfäumnis feltens Deutschlands, die deutschen Kriegsbefchuldigten dies aus persönlichen Gründen ab. Er gab jedoch dem Vertreter zu bestrafen, nicht einer der Gründe gewesen sei, den England im des„ Echo de Paris" sehr wichtige Erklärungen ab, in denen er Jahre 19 21 veranlaßt habe, die Besetzung des Ruhrgebietes zu fagte: Im Winter 1922/23 haben sich die Kohlen rar gemacht. Auch billigen, und weshalb dieser Grund nicht jezt hinreichend fei. Mac die französische Kohle wurde in den Monaten Oktober und November Neill erwiderte, es sei ihm bekannt, daß das Bersäumnis einer der Inapp. Seit der Ruhrbefehung hörten die deutschen kohlen- Gründe gewesen sei, die den früheren Premierminister beeinflußt lieferungen auf. Die Versorgung der Industrie mit Heiz- hätten. material wird immer schwieriger. Infolgedessen mußten die metallurgischen Werte ihre Täfigfeit um ein Drittel ein. schränken. Der englische Markt ist mit Aufträgen überhäuft. Minister sollen verhaftet werden! Deutsche Polizeibeamte sollen Büttel spielen. Bon französischer, belgischer und deutscher Seite wird er mit Auf- Effen, 22. Februar.( WTB.) General Degoutte hat trägen geradezu überschwemmt. Die Folge ist eine Erhöhung einen Befehl erlassen, nach dem den deutschen Ministern des kohlenpreises, die infolge der Steigerung des Pfund- der Aufenthalt im Einbruchsgebiet verboten ist. Die turfes fich noch steigern wird. Die französische Kohle dedi zwei Polizeiorgane und die öffentlichen Organe find angewiesen, Drittel der Bedürfnisse. 40 bis 60 Millionen Tonnen werden in die minister, falls sie das Einbruchsgebiet betreten, fe ft 3uFrankreich jährlich gewonnen, die jedoch für den französischen Ber- nehmen(!) und den Militärgerichten der Befagungstruppen zuzubrauch vollkommen ungenügend find. Frankreich muß führen. Falls das nicht geschieht, werden die angedrohten Santalso einführen. Der Kots aus dem Ruhrgebiet ist unbedingt fionen"( Bestrafung der Städte und Ortschaften) durchgeführt werden. notwendig, denn auf Belgien fann man nicht rechnen, weil Es scheint, als ob es dem General Degoutte haup fächlich auf es mehr Kohle braucht, als es felbft fördert. Troß des guten Willens die Geldstrafen antäme, die er von den Städten erpressen möchte. der Belgier können sie die Aufträge, die sie entgegengenommen Dena, daß deutsche Beamte seinem Befehl Folge leisten und deutsche haben, nicht ausführen. Regierungsmitglieder den französischen Militärgerichten ausliefern würden, das glaubt Degoutte doch selbst nicht. Amerikanische Stimmungen. Bon Dr. Reinhard Streder. Marchfield Wisc., Ende Januar. Ueber eines erstaune ich bei meinen Reifen im Lande hier immer wieder von neuem, das ist die Unkenntnis von den politischen Wandlungen in Deutschland, die Unkennt nis unserer neuen Berfassung und der neuen Richtlinien der deutschen Politik. Lezteres ist noch am ehesten zu begreifen, denn bei den ewigen Regierungswechseln in Deutschland haben sich ja wirklich flare, überzeugende Richtlinien noch gar nicht. herausarbeiten lassen. Am ehesten war noch der Name Birth ein Programm. Aber als dieses eben anfing, verstanden zu werden, trat Dr. Wirth zurück. Nun sollte doch wenigstens die neue republikanische Verfassung im Laufe von drei Jahren zu einem Faftor der auswärtigen deutschen Politik geworden sein. Daß sie es nicht wurde, dafür kann man wohl den offiziellen Vertretern der neuen deutschen Republit im Auslande hier die schwersten Borwürfe nicht erparen. Sie haben nichts getan und alles unterlassen, um den legten Sinn der deutschen Revolution deutschamerikanischen wie englischamerikanischen Kreifen verständlich zu machen. Und dabei wäre wirklich die Aufgabe gar nicht so schwer zu lösen. Wie lebendig sind hier noch unter den Deutschamerifanern die Erinnerungen an 1848, wie manchen traf ich, der noch von seinem Bater her oder gar noch aus seinem eigenen Leben die eindrucksvollste Erinnerung an jenen politischen Frühling Deutschlands hatte. Und einen Mann wie Karl Die englischen Delegierten im Ruhrgebiet. Schurz haben viele noch persönlich fennen gelernt und reden Ungültige Verordnung der Rheinlandkommission. Ein Vorschlag zur Lösung der Ruhrfrage. gehört. Hätte doch Deutschland das geistige Kapital, das in Nach einem Erlaß des Reichspoftminifters ist die Verord solchen politischen Köpfen zu feiner Verfügung stand, lieber Condon, 22. Februar.( EE.) Die vier Mitglieder der eng nung der Interalliierten Rheinlandtommission vom ausgenugt, statt es niederzufartätschen oder über den Ozean fifchen Arbeiterpartei, die das Ruhrgebiet bereift hatten, find nach 2. Februar über den von der Rheinlandfommiffion gewährten Schuß zu jagen! In den Händen solcher Männer wäre unser natio London zurüdgefehrt und erstatteten ihren Bericht, in dem es heißt, für die Beamten, Angestellten und Privatpersonen, die sich den nales Schicksal alle. Wahrscheinlichkeit nach um einiges flüger daß die Stimmung im Ruhrgebiet sehr erbittert fei. Die Spezialordonnanzen der Rheinlandkommission und den späteren verwaltet worden als in den Händen beschränkter Generäle Deutschen seien entschloffen, den Besatzungstruppen große Ber- Berordnungen über die Beschlagnahme von Pfändern unterworfen und eigennütziger Dynastien. Mir scheint es fast noch wichlegenheiten zu bereiten. Die franzöfifchen Soldaten feien sehr haben, ebenfo rechtswidrig wie die Verordnungen felbt. Die tiger, daß man einen Abdrud unserer neuen Verfaffung jedem nervös. Insbesondere die Bergarbeiter glauben an die Niederlage Verordnung vom 2. Februar ist daher auch im altbefeßten Gebiet Deutschamerikaner in die Hände gäbe, als unseren Schulkindern Frankreichs. Die Urbeiter feien überzeugt, daß Frankreich sich in von den Beamten, Angestellten und Arbeitern nicht zu beachten. drei Monaten aus dem Ruhrgebiet werde zurüd iehen müssen. Aber Eine Berufung auf diese Verordnung schüßt die Beamten usw. nicht in anderen Kreisen der Bevölkerung herrsche nicht diefelbe Anficht. vor der Anwendung der deutschen Geseze oder disziplinarischer Die deutschen Kapitalisten fäuschten ihre Arbeiter, die sie glauben Maßnahmen. machten, daß fie die Reparationen nicht bezahlen tönnten. Die fransöfifchen Kapitalisten täuschten ihre Arbeiter, indem sie ihnen erklärten, daß fie Deutschland zum Zahlen bringen fönnten. Legale Straßen". Paris. 22. Februar.( WTB.) Havas meldet aus Roblenz: Der Bellbirettions ausschuß der Interalliierten Oberfommission Die Mitglieder der Arbeiterpartei schlagen eine 3nternatio habe für den Berkehr zwischen dem belegten Gebiet und dem nalisierung der deutschen Bergwerte durch Frank- nicht befeßten Deutschland eine Anzahl von jogenannten reich, England, Italien, Belgien und Deutschland vor. Die Berwal legalen Straßen" bestimmt. Jede Barenbeförderung tung der Bergwerte würde von einem internationalen Direfforium auf and ren Wegen sei in aller Form verboten, wäre als Be. besorgt werden. Die Kohlen würden auf den bisherigen Märkten trug anzufchen und ziehe die vorgesehenen Etrafen nach sich, wenn weiler verkauft werden. In gleicher Weise würden die Dividenden Rontrebande ein oder ausgeführt werde. Jeder Verkehr zwischen verteilt werden. Frankreich würde unter interallierter Kontrolle zu 7 Uhr abends unt 7 Uhr morgens fei auch auf den legalen Straßen feiner nationalen Sicherheit gelangen. England feinerseits würde Schuh gegen die Weltfonkurrenz genießen, der es ausgefeht fei, wenn es zu einer Vereinigung des lothringischen Erzes mit der Ruhrtohle fommen würde. Lord Cecil will abwarten. verboten. Nachtverkehr in Mainz verboten. Paris, 22. Februar.( WTB) Nach einer Havasm fdung cus Mainz hat der Oberdelegierte der Interallierten Rheinlandfom mission gestern für den Abschnitt Mainz bis auf weiteres den nacht verfehr in dem Gebiete der Stadt Mainz zw schen 9 Uhr abends und 8 Uhr mergens verboten mit ter B gründung, daß an den Telegraphen und Telephonleitungen Sabotagealte begangen worden seien. daheim. Bolitisch fann man die Stimmung hier wohl ungefähr folgendermaßen charakterisieren: die Amerikaner fangen an au er fennen und zu einem großen Teil auch schon zu be fennen, daß Ameritas friegerisches Eingreifen in Europa ein Fehler mar. Bon dem verflossenen Präsidenten Wilson und feinen 14 Punkten spricht man stellenweise ganz offen als von einer großen Blamage. Trotz der American League ist die Stimmung der heimgefehrten Soldaten für Frankreich und England nicht sehr freundlich, für Deutschland nicht ungünstig. Man hat in deutschen Quartieren beffere Erfahrungen gemacht als in französischen, namentlich was die Sauberteit anbetrifft. Der französische Militarismus forgt ja nun auch selbst dafür, han er über alle Deane hinüber deutlich erkannt werden kann. Allgemein verbreitet ist die Ansicht, daß das amerikanische Kapital, weil es sich so eng mit dem englischen Interesse ver bunden hatte, zuleht das amerikanische Volf in den Krieg hegen mußte, um sein Geld zu retten. Die verbrecherische Bresse. propaganda gegen Deutschland verliert deshalb sichtlich von ihrer Wirkung, wozu auch beiträgt, daß England heute das Spiel Frankreichs nicht mehr mitspielt. Auch hinter der nisches Kapitalsintereffe. Bedauerlich ist auch die Stellung von American League vermutet man übrigens vielfach amerikaSamuel Gompers, der selbst heute noch nicht von der franzöfifchen Bajonettpolitit abrüden will. Aber man ist in sozialistischen Kreisen andererseits nicht davon überrascht, weil man die fonservative Gesinnung des Mannes feit langem fennt und weil man von den Führern der Gewert Schaften leider glaubt annehmen zu müffen, daß sie häufig tapitalistische und stellenweise sogar egoistische Gesichtspunkte über das Intereffe der Arbeitermassen stellen, von internationalen been gar nicht erst au reen, London, 22. Februer.( BTB.) Lord Robert Cecil( der neue Bertreter Englands im Bölferbund) sagte in einer Rede in Cambridge, die ernfte Gefahr bestehe, daß der Bölferbund zu einer Gruppe von Staaten werde, anstatt ein Organ aller zu fein. Er glaube, daß die Lösung der Ruhrfrage schliehlich vom Bolterbund übernommen werden müsse. Es bestehe aber große Französische Anleihepläne in England. Gefahr, die Möglichkeit einer Lösung zu vernichten, wenn man nicht Frankfurt a. M., 21. Februar.( Mib.) Wie der Londoner den rechten Augenblid für die Bermittlung abwarte. Rorrespondent der Frankfurter Beitung" erfährt, versuchen feit zwei Tagen in London anwesende finanzielle Agenten Frant. Keine Veränderung im englischen Kabinett. Conton, 22. Feruar.( BTB.) Die Gerüchte über baldige reichs einer franzöfifchen Anleihe den Weg zu bereiten, Veränderun en im Minifterium haben Anlas zu einer anscheinend wofür fie 7proz. Goldbonds vorschlagen. Wie der Londoner Korreinspirierten Mitteilung gegeben, in der biefe Gerüchte a's unbefpondent hört, besteht wenig Aussicht, daß sie Geld bekommen, obwohl gründet oder mindestens verfrüht bezeichnet werden. ein befanntes internationales Banthaus an fich nicht abgeneigt sei, Die amerikanische Politit stedt eben noch tief im alten Horne habe gegenwärtig nicht den Bunsch, in das Ministerium die Bonds in England zu plazieren. Die Agenten erhielten bereits manch e ster Liberalismus. Vielleicht ist das zurückzukehren, Chamberlain fchre zur Erholung nach Südfrankreich eine Ablehnung in Amerika und werden weiterhin in Standinavien 18. Amendement zur Verfassung, das staatliche Alkoholverbot, und Lord Cecil wolle mitte März nach Amerita reisen, um dort für ihr Glück versuchen. Andere französische finanzielle und industrielle das erste Aufwachen des sozialen Gewissens, aus dem sich Interessenten sind zurzeit bemüht, englische Kreise für einen groß nach und nach weitere Einschränkungen der sogenannten„ perzügigen Plan zweds gemeinsamer Ausbeutung der befehten rheini- fönlichen Freiheit" zugunsten sozialer Verpflichtungen ergeben Borstoß der enelischen Konservativen gegen Deutschland. schen Provinzen bzw. der zu gründenden Rheinischen Republik" können Manches mag auch der Krieg dazu beigetragen haben, London, 22. Februar.( WTB.) Im Unterhaus fragte das mit zu gewinnen. Das Angebot sieht in präziser Form die kapitalistische um die Augen für die Gefährlichkeit des Kapitalismus zu glied der Arbeiterpartei Le a ch den Premierminister, ob Mitteilungen und industrielle Beteiligung Englands an den von Frant öffnen. Man kann darüber hier auch in firchlichen Kreisen so zwischen der britischen Regierung und der franzöfifchen Regierung reich beherrschten Industriezentren vor und richtet sich insbesondere scharfe Urteile hören, daß es einem überrascht, wenn man die bezüglich der Besetzung des Ruhrgebiets erfolgt feien, ob an eine Gruppe von englischen Wirtschaftsführern. Die Berhand vorwiegend reaktionäre Haltung der deutschen Staatskirche irgendein Versprechen seitens der franzöfifchen Regierung über die fungen, die von der obenerwähnten Finanzaftion unabhängig find, fennt. Art und die Dauer der Besetzung gegeben worden fei, find unbedingt ernst zu nehmen. das es auch flar mache, daß, sobald ein lebereintemmen erzielt den Bölkerbund zu agitieren. werde, Frankreich alle politischen Ziele betreffs des deutschen Ge Ein Schwindler. Rürzlich berichteten wir über die Aus- nismus. Er erfüllt einen großen Teil der Arbeiterschaft bietes aufgeben würde. Bonar Law erwiderte, die britische Re weifung eines Wertmeisters Men 3 aus Asbach( Westerwald). Der gierung habe fein Bersprechen seitens der franzöfifchen Re- Deutsche Werkmeisterverband, der die Parteipreffe um diese Bergierung bezüglich der Dauer der Ruhrbefeßung erhalten. Was die öffentlichung erfucht hatte, ist der Sache auf das genauefte nach Art der Besetzung betreffe, so habe die franzöfifche Regierung der gegangen. Er hat babei festgestellt, daß die Darstellung des Menz britischen Regierung eine Abschrift ihrer Rote vom 10. Januar an von Anfang bis Ende erlogen ist. die deutsche Regierung übermittelt, worin die geplanten Maßnahmen mitgeteilt wurden. In dieser Mitteilung heiße es, daß der Zwed der Besetzung sei, die Durchführung des von der Reparationsfom mission aufgestellten Zahlungsplanes zu sichern. Dollar 23000. Der Berliner Devisenverkehr wurde heute sehr start durch die Davison( fonfervatio) fragte, ob die britische Regierung von herrschende Geldknappheit beeinflußt. Die Umfäße find sehr gering. ben von den deutschen Gerichten bezüglich der Kriegsbeschul. De: Dollar wurde gegen mittag mit 23 000 angeboten. digten getroffenen Entscheidungen befriedigt sei und welche An der Effet.enbörse rechnet man für morgen mit einer sehr stillen meitere Attion unternommen werde, um die Liste der Kriegsbe- und flauen Börse. Die Goldanleihe bildet weiterhin das Gesprächs. fchuldigten zu erledigen, über die noch nicht verhandelt worden fei. thema der Börsenbesucher. Uebe: ihren voraussichtlichen Erfolg MacNeill erwiderte, die Antwort auf den ersten Teil der Frage gehen die Meinungen nach wie vor weit auseinander. Als ein schweres Hindernis für den Fortschritt sozialistifcher Erkenntnis erweist sich leider auch hier der Kommu mit naiven Illufionen. Man erzählt sich, daß Lenin daran dächte, hier die Negerbataillone für den Kommunismus mobil zu machen. Die Arbeiterbewegung wird so auch hier zersplittert und ein großer Teil der Arbeiterschaft durch leere Träumereien zur energielofen Abfehr von den möglichen Aufgaben der Gegenwart verleitet. Andererseits verschwimmt in den Augen des Bürgertums die Grenze zwischen Sozialismus und Kommunismus, und die Angst vor beiden erschwert nicht nur das Bordringen des amerikanischen Sozialismus, sondern auch ein besseres Berständnis Ameritas für die deutsche Republit, in welcher der Sozialismus eine entscheidende Rolle spielen tann. Das schwerste Hindernis aber für eine Verständigung Deutschlands mit Amerita liegt nach wie vor darin, daß aud das neue Deutschland immer noch nicht nachdrücklich genug die Veranttvortung für die kaiserliche Politik von sich abschüttelt. Alldeutsche Großmäullgkeit erdrückt in hiesigen deutsch-amerikanischen Kreisen leider immer noch die Stimmen der Äernunft. Und unsere offiziellen Vertreter gehen mehr mit diesen Kreisen als mit den geistigen Erben der 48er Ideen, als mit den deutsch-amerikanischen Republikanern. So schleppt auch das heutige Deutschland immer noch die Bleikugeln der Verantwortung für den U-Boot-Krieg, für die wahnsinnige Annexionspolitik Ludendorffs, für den deutschen Mili arismus mit sich. Sobald man in englisch-amerikanischen Kreisen diese Bleikugeln der heutigen deutschen Republik abnimmt, ist die Verständigung aar nicht mehr schwer. Einer deutschen Republik, die wirklich demokratisch sein will die wirklich in Frieden mit den Amerikanern zusammen an der Schaffung einer befleren Weltordnung einschließlich der Korrektur des Vertailler Friedens arbeiten will, kommt man schon jetzt mit vollem Verständnis entgegen, gerade auch in bürgerlichen Kreisen. Bei den Sozialisten finden die Soziali- sierungsparagraphen unserer neuen Verfassung lebhaftes Interesse, und man versteht, welches Verbrechen der f r a n- zösische Kapitalismus begeht, wenn er das deutsche Volk mit Waffengewalt an der Ausführung solcher schönen Aufgaben hindert. Es ließe sich hier politisch leicht und viel wirken, wenn statt der Vertreter alldeutsch-imperialistischer Ideen lieber einmal' Vertreter unserer republikanischen Geistes- weit hier auftreten. Die Aeußerungen des a m e r i k a n i- fchen Botschafters in Berlin haben hier ein starkes Echo gefunden, wonach das deutsche Volk an der Entstehung des Weltkrieges ebenso unschuldig ist wie die anderen Völker, wonach nur ein paar tausend Militaristen und alldeutsche Schreier die Kriegsstimmung künstlich erzeugten. Wenn aber dann hier deutsche Vertreter erscheinen, die, statt solchen Ein- druck zu vertiefen, ihn wieder verwischen, indem sie mit dem deutschen Volte zugleich jene Säbelrassler und Landkartenver- scklinger zu rechtfertigen versuchen, dann ist es natürlich dem Auslande außerordentlich erschwert, sich ein besseres Bild vom heutigen Deutschland und vom wirklichen deutschen Volk zu machen. Während diejenigen Kreise in Amerika, die die französischen Methoden billigen, großenteils Stillschweigen bewahren, sind kritische Stimmen zahlreich laut geworden. Der frühere amerikanische Vertreter in der Rheinlandkommission, Pierrepont B. N o y e s, hat in einer vor der Foreign Policy Association gehaltenen, von der Presse sehr ausführlich behan- delten Rede seiner Meinung dahin Ausdruck gegeben, daß es nur noch zwei Staaten gäbe, die in finanzieller und moralischer Hinsicht stark genug seien, in der Weltfrage wirksam Hilfe zu leisten: Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Weiter führt« er nach dem Bericht von„Foreign Preß Service" unter anderem aus: ..Unsere Sympathie ist wie 1St8 mit Frankreich. Wir mißbilligen die Taten Deutschlands, aber die letzten vier Jahre haben bewiesen, daß wir mit unseren Versuchen und Verfahren, jener Sympathie und jener Mchbilligung Wirkung zu verleihen, im Unrecht waren. Diese Verfahren sind nunmehr erledigt. Die Beharrlichkeit, mit welcher Frankreich sich bei seinen militärischen Maßnohmen auf die übertriebensten Nachtriegshalluzinationen der Alliierten versteift, stellt nicht nur ein« Bedrohung der Zivilisation dar, sondern auch, um ganz offen zu reden, eine Bedrohung des Frieden, und Wohlergehens unseres eigenen Volkes. Wir an unserem Teile werden deshalb Reparationen und Canttwnen vergessen, bis eine Zeit mit wieder normalen Der- Hältnissen eine neuerliche Prüfung der Forderungen der Gerechtigkeit gestattet. Wir, Engländer und Amerikaner, beklagen hiermit die Reparanonsmaßnahmen, wie sie der Versailler Vertrag vorsieht. Wir raten Frankreich, sein« Truppen aus dem Ruhrgebiet und ebenfalls aus dem Rheinland zurückzuziehen. Wir raten Frankreich, feine militärischen Streitkräfte auf ein Maß zu reduzieren, das die fernere Möglichkeit militärischer Lösungen ausschließt. Roch weiter als Mr. Royes geht in seiner Kritik S«- n a t o r B o r a h, der die französische Ruhrpolitik als„r u ch- losen Miliia ri smu s", als Verletzung der Waffenstill- Gedanken eines Zufriedenen. Mitgeteilt von Karl Fischer. Dieses sind die großen und guten Gedanken eines Zufriedenen, die er unlängst vor einem kleinen und beschränkten Kreis verkündet hat. Damit sie einer breiten Oeffentlichkeit bekannt und von der All. gemeinljeit benutzt werden können, seien sie hier wiedergegeben: „Die meisten Menschen von heute sind sentimental bis zur Seichthell. Uebemll sieht man sie sitzen und hört sie sagen und klagen, daß die Zeiten gräßlich und die Preise für all« Ding« unerträglich groß seien. Ich bin satt, also kann ich über dieses Thema mll Klarheit und Wahrheit urteilen, denn Hunger und Haß, schiefe Ansichten und vorschnelles Verdammen haben von jeher auf Du und Du mitein- ander gestanden. Also satt muß man sein, um hierüber als gerechter Richter zu Gericht sitzen zu können. Was zunächst die Lebensmittel betrifft, so versteht man das Jammern und Jaulen der Menschen nicht. Lebensmittel und Stoffe und Sttefel und olles, was man braucht, ist doch in Hülle und Fülle vorhanden, wovon man sich leicht bei einem Gang durch die Geschäft« und durch einen Blick in die Schaufenster überzeugen kann. Es ist nur selbstverständlich, daß die Waren aller Art, wenn der Dollar hoch steht und die Preise zum Platzen protzig groß sind, in Geschäften und Schaufenstern in Massen aufgeschichici sind, daß sie aber, wenn der Dollar sinkt, und die Preise in die Tiefe gehen, nach dem Keller und der vierten Etage verschwinden, um auf bessere Zeiten zu warten. Denn jedermann will doch verdienen, viel oerdienen. Verdienen ist dos Vergnüglichst«, was es gibt, und die recht« Würz« des Lebens. Wenn man nun aber bissig und boshaft behauptet, das sei Schiebung, und unier solchen Umständen können viel« Anschaffungen sich nicht leisten, so sog« ich, da» ist auch gut so� Es darf nicht fein, daß sich olle alles leisten können, dadurch kommt nur de? Luxus in da» Leben eines jeden. Di« Menschen werden übermütig und un- lustig zur Tätigkeit, wie man es als abschreckendes Beispiel beim Arbeiter fleht, der. anstatt zu schuften, wie es seine verdammte Pflicht ist. immer nur aus fein« Menschlichkeit pocht und angepuppt � wie ein Baron einbergehen will. Hohe Preise müssen sein, damit die Herde nicht über die von der Vatur gesetzte Hürde hinwegsetzt, und alle Unterschied« der Schichten verwischt»»erden. Und außerdem die Preise? Was hört man nicht für falsche und durchaus schädliche An- ffharimgcn darüber! Die meisten Menschen können nicht rechnen, denn sonst würden sie nicht bis zur Unerträglichkett den Unsinn reden, daß die Preis« unerschwinglich hoch sind. Rechnen können nur oll« die. welche verdi«n-n und Geld machen, die„Schieber", wie sie vom dummen Pack und Pöbe! gescholten wer- T standsbedingungen und des Vertrages von Versailles und als „Vergehen gegen die Menschlichkeit" bezeichnet. Auch er for- dert, daß die Vereinigten Staaten endlich ihrer Haltung durch einen förmlichen Protest bei Frankreich Ausdruck verleihen. Er erklärt: Dies ist ein« Lage, in welcher die Dereinigten Staaten mit Ehren nicht mehr schweigen können. Auf die von Wilson verkün- deten amerikanischen Grundsätze hin ist der Waffenstillstand unter- zeichnet worden und auf sie hin hat Deutschland seine Waffen nieder. gelegt. Unsere Soldaten sind es gewesen, welche die Niederlage und Entwaffnung Deutschlands möglich gemacht haben- In jenen Nerlautbarungen und Grundsätzen haben wir offiziell und ostmals erklärt, daß wir mit dem deutschen Boll als Volk keinen i Streit hätten, sondern ein Gefühl der Sympathie und Freundschaft ihm gegenüber hegten. Mit anderen Worten: Wir lieferten die Soldaten und wi? lieferten die Grundsätze, auf die hin der Waffen» stillstand abgeschlossen wurde, der die Entwaffnung und Wehrlos. machung Deutschlands zur Folge hatte, und wir haben auch ganz bestimmte Zusagen hinsichllich der Behandlung Deutsch- lands abgegeben. Nachdem dies alles stattgefunden hatte und nach. dem Deutschland entwaffnet und ohnmächtig gemacht worden war, ist man in sein Gebiet einmarschiert und hat dort ein milttärisches Regiment aufgerichtet, was alles unbeschreibliches Leiden und un. sagbares Elend über das deutsche Volk als solches bringt und über- dies große finanzielle und wirtschaftliche Derluste für uns selbst bedeuten wird. Es braucht kaum erst gesagt zu werden, daß aus solchen Aeußerungen auf augenblickliche Interventionsabsichten Amerikas keineswegs geschlossen werden darf. Es handelt sich um Stimmungen, die erst ausreifen und durch eine vernünftige Politik Deutschlands gefördert werden müssen, bevor sie sich in Taten umsetzen können. Der Dolch wirü gewetzt. Teutschnationale Hetze gegen die Sozialdemokratie. Heber die Frage, ob, wann, über was verhandelt werden kann, bestehen begreiflicherweise zwischen unserem Stettiner Parteiorgan, dem„Volksboten", und der deutschnastonalen „Pommerschen Tagespost" Meinungsverschiedenheiten. Der „Volksbote" hatte in ruhigster, sachlichster Weise den Stand» punkt vertreten, daß jede Verhandlungsmöglichkeit ausgenützt werden müsse, zugleich aber auch gesagt, daß das Ende des Ruhrkampfes unter erträglichen Umständen herbei- geführt werden müsse, und er hatte hinzugefügt, solange sich hierfür keine Gelegenheit zeige, sei es überflüssig, nach Bsr- Handlungen zu rufen.'Die„Tagespost" ist nun mit dieser Auffassung unzufrieden, weil sie der Meinung ist. von Ver- Handlungen dürfe überhaupt nicht die Red« sein, solange die Franzosen im Ruhrrevier wären. Und' mm sehe man, wie sich die„Tagespost" mit dem„Volksboten" über diese Me,- nungsdifferenz auseinandersetzt. Sie schreibt: Es ist ja überhaupt geradezu ein deutsches, ein Menfchhetts- rätfel, daß dle Volksverrätcr noch immer wagen dürfen, sich mausig zu machen, nach den grandiosen, von ihnen erzielten„Erfolgen". Wäre derlei irgendwo in anderen Landen möglich, denn gerade in jenem des deutschen Michel? Es ist nach alledem ersichllich, welch' impertinentes Spiel hier getrieben wird. Ein Spiel, da» nichts anderes als Verrat am beut- fchen Balte ist. Der Dolch wird geweht. Wehe, wenn sich ein Teil unserer Arbeiterschaft abermals betören lassen sollte, wie schon ein- mall Das Verhängnis, das über dem deutschen Land und Volk schwebt, würde sich vollenden, wenn wir auch diesmal die Waffen fünf Minuten zu früh aus der Hand legten! Was hier im„Volks- boten" geschieht, ist ein Zug im verrälcrischen Spiel, ein Glied mehr in der SNavenketle, die abermals dem Deutschen angelegt werden soll und diesmal so fest und gründlich, daß keine Hoffnung auf Frei- heit mehr aufdämmern möchte. Warum aber diese» Tun? Warum die fortgesetzten Versuche, die Abwehrfront zu er- schüttern, die Bevölkerung zu entnerven, willenlos zu machen, den Zusammenbruch herbeizuführen? Die roten Felle schwimme» weg, im Ruhrland sind sie es zum größten Teil bereits, man fürchtet die erwachte Freiheitssehnsucht, well chre Er- füllung nicht nur Freiheit vom Franzosenjoch, sondern auch den. Die Wahrheit ist vielmehr, daß die Preis« für manch« Dinge niedriger sind wie früher, viel zu niedrig. Ich bin satt, also seh« ich das alles so an, wie man es be- trachten muß. Zum Beispiel: Eine Fahrt mit der Stadtbahn kostet heut« in der zweiten Klasse IM Mk. Darüber schimpfen und schreien die Menschen, weil sie nicht wissen, daß dies« KV Mk. noch keine lg Pf. bedeuten. Früher aber bezahlte man dafür Zv Pf. Heute regt man sich darüber auf, daß die Preise für Theater- karten und für Bücher immer mehr in die Höhe klettern, und man faselt davon, daß den meisten Menschen die geistige Nahrung fehlt. Ich sage, das ist ganz gut so! Die Theater schaukeln di« Menschen nur in«inen schönen Schein hinein und entfremden sie der Wirklichkeit, die heißt: Geld machen. Denn die ganze Geschichte mit der geistigen Nahrung ist nur Schwindel. Ich bin satt, also kann ich dos beurteilen Und di« Bücker bringen den Menschen nur Beunruhigung. Da stehen allerhand gefährliche Sachen drin und aufreizend« Dinge, und die Folgen sind Revolution und Republik und allerhand andere verdächtige und verderbliche Angelegenheiten. Ich sag«, wer nicht Bücher liest, der lebt glücklich, denkt daran, sein Geld zu vergrößern, ist satt und zufrieden. Zufriedenheit aber ist das höchst« Gut, was man hat." Diese Gedanken eines Zufriedenen sind so edel und schön, daß es wahrlich hieße, sie fceschmutz-n ihoffemtich macht der unvorsichtig« Setzer nicht daraus: sich beschmutzen), wollle man auch nur«in Wort Kommentar und Kritik daran kleben! Dr. Ernst Zander begeht heut«'einen 50 Geburtstag. Seit 20 Iahren ist er�der Leiter des Berliner Dolks-Ehor». und die arbeitenden Schichten der Bevölkerung verdanken ihm ungezählte Stunden der Erh bung und Freude. Ein Sohn des Volkes ist Zander. Nach Absolviernng der Volks'chule wurde er Zahntechniker und bereitete sich zugleich selbständig zum Abiturientenexomen vor. Nachdem er dies an einem Gymnasium bestanden hatte, begann er das Studium der Medizin, ober ql-ichzeitiq sein« private Ausbisdung in der Musik. Er beschäftigte sich auch mit geisteswissenschaftlichen und nationalökonomisch-n ProHemen und trat dem Soziat'smus früh nahe. Da der Plan, nach beendetem medizinischen Staats- cromen als Doktor der Medizin di« Nniversitätslchrerlaufbahn«in-■ zuschlamn. nicht ausführbar war mußte er ol, prokt''cher Zahnarzt! ber"ssich tötig lein Ab-r'eine �onze frei» Zeit widmete er keinem j LieMinaskinde, der Musik Dem Berliner Belks-Chor, den er damals unter Mitarbeit aleichgrsinnter Freunde"eschoffen Hot und seitd'm � als Dir'oeut leitet, galt seine Haup'orbeit. Se't 20 Iohr'n llbt.j Zander Woche für Woche zwei volle Abende mit dem Eber. Dazu kommen oll fü» Kousereu�en und V'-hen mit SaNst-n und Orchestern, die Stunden am Klavier und Schreibtisch wo die Borar» beiten für Programme gettoffen werden— ganz zu schweigen von der seelischen Inanspruchnahme, die ein? solch« Ausgabe dem Derantwort- sichen bedeutet. Und all dos wurde im Neb—beruf— und viele Jahre hindurch nur ehrenamtlich— geleistet! Möge— das ist unser, Glückwunsch zum heutigen Tage— der jugendfri'che Jubilar noch von dem der Sozialdemokratie in sich schließen würde. Und wo blieben dauo all die Pfründen, und Futtcrtrippenjäger, dle Nutznießer der Revolution?! Das ist es: Uns, dem deutschen Volke, geht es um Freiheit und Leben, den Marxisten um ihre Herrschaft über verhetzte Massen. Wir haben uns kürzlich mit dem Treiben dsr so- genann'en„Vaterländischen Verbände" beschäftisen müssen. Wir haben dann gezeigt, wie die„Hamburger Nach- richten" durch Uebernahme lrcm�fischer Propagandalügen über den„Vorwärts"— dessen Haltung den„Hamburger Nachrichten" doch eigntlich bekannt fein muß— die öffeNt- lich« Mcinung vergiften. Der Fall dei�„Pommerschen Tagespost" ist nur ein zufällig herausgegriffenes Glied aus einer endlosen Kette. Sozialdemokratische Arbeiter und Angestellte stehen an der Ruhr vorne an der Front, sozialdcmokra- tische Beamiz merken dort an verantwortliche? Stellung unter schwerster Gefahr, sozialdemokratische Redner bereisen das Ruhrvevier, sozialdemokratische Zeitun- gcn werden dort verboten, sozialdemokratische Redak- teure verhastet und von Haus und Herd gejagt. In Berlin, in Hamburg, in Stettin, überall, wo man weit vom Schuß ist, wird inzwischen mit irrsinnigen Lügen, mit schmutz-gcn Vesdvmpst'ngen zu töMtdfem Haß gegen die'emgen aufge- reizt, die draußen im Feuer stehen. Wohin soll das führen? Wir richten an alle, denen es mit ibrcr L'cb-e zum deutschen Volk ernst ist, die Aufforderung, sich diese Frage noch recht- zeitig gründlich zu überlegen. Was hier geschieht, ist ein Verbrechen, und was daraus droht, ist die Katastrophe. Selbstmorü der Sozialdemokratie! Oder: Kommunistische Phantasien? Ueb««ine Konferenz der preußischen Oberpräsidenten in Berlin sind allerhand Gerücht« in die Oeffentlichkett gedrungen, di« Wahres und Falsches oermischen. Dies« Gerüchte sind in verzerrter Form auch in die Redaktion der„Roten Fahne" gelangt und haben dort die größte Virwirr ung angerichtet. Es wird dort erzählt, daß Seeckt d«n Bürgerkrieg orgfnifiere und daß die S o- zialdemokrati« mit im Komplott sei. Dann werden die Namen Roßbach, Marloh, Hitler, Severing, Nosk«, Hörfing bunt durcheinandergewürfelt, so daß man nicht mehr sieht, wo der ein« anfängt und der andere aufhört? es wird schließlich erklärt, die Sozialdemokraten seien„in den Klauen von Cuno und Seeckr", sie übten— schon wieder einmal—„Verrat", und zwar diesmal„aus Feigheit". Soweit es möglich ist, aus dem Geschreibsel«inen Sinn zu erkennen, ist die Sozialdemokrati« nach der Meinung des Schrei- bers im Begriffe, den Bürgerkrieg gegen s i ch| e l b st zu organisieren, also den kompliziertesten Selbstmord zu verüben. Wie muß es im Gehirn von Menschen aussehen, di« so etwas schreiben oder gar— die es glauben! Zur Frag« der militärischen Geheimorganisa« tionen werden die sozialdemokratischen Redner im R.ichstag bei der Beratung des Reichswehretats in unzweideutiger Weise Stellung nehmen._ 3n Dopern spricht man frei! Freispruchrcaktionärer Redakteure durch das BolkSgericht. München, 22. Februar.(TU.) Bor dem Dollsgcricht hatten sich der Schriftsteller Joseph Eerny-Stolzing und der vcranl- wortliche Schrfftleiter des.Heimatlandes". Hauptmann a. D. Wilhe'm Weiß wegen Aufreizung zum Klassenhaß, Aufforderung zum Hochoerrat und zur Brandstiftung zu verantworten Schriftsteller Cerny erklärte, der Kassen bamps sei ein« sozialistiiche Erfindung, di« das deutsche Volk in namenloses Unglück gestürzt habe. Der Abwehr kommunistischer Angriff« habe sein Lustatz gegolten. Hsuptmonn a. D. Weiß schloß sich diesem Siandpunkr an. Die V.- kämpfung des roten Terrors sei kein Klassenkampf, sondern eine Abwehrmaßnohm« gegen den Klassenkamvk, gegen die Umsturz- bewegung zur Eroberung der politisch«, Macht mit ungesetzlichen Mitteln. Der Staotsamralt beantragte ein« Geld st ras« von 70 000 M. und im Nichteinbringungsfalle je«in« Gefängnisstrafe von 200 Togen. Hiernach wurde das Urteil gefällt: es lautete auf Frei» s p r e ch u n g beider Angeklagten. weitere Jahrzehnt« mit unverminderter Tatkraft und Hingab« feine« Amtes matten und möge zugbich« ne jüngere Generation an feinem Beispiel lernen, was Energie und Idealismus gegen alle Hcmmun- gen der Umwct durchsetzen können! Dr. A. G. Französische Witze über die RuhrakNon. Während die natio- nalistische Presse Frankreichs die Vorgänge im Ruhrvevier>n ernst gemeinten Artikeln preist, können einig« Pariser Witzblätter nicht umhin, sich über die Politik des Herrn Poinoar« und die Taten seiner in ein wehr- und waffenloses Land eingebrochenen Heldenscharen lustig zu machen.— Ein Witzblatt bringt in großer Aufmachung das Telegramm einet Agentur, die triumphierend»erkundet:„In Paris ist jetzt endlich di««rst« Kohl« aus dem besetzten Ruhrreoier angekommen. Le Trocguer hat sich beeilt, sie in der Deputierten- kammer auszustellen. Es ist ein sehr schönes Stück, das mindestens 2S0 Gramm wiegt. Die Kohl« wurde von dem donnernden iltpolaus der Abgeordnstcn begrüßt! Nachdem sich der Beifall gelegt hatte. erklärt« der Minister:„Meine Herren! Sie sehen, Deutschland be- zahtt wirklich, und diesmal zohtt es nicht in leeren Worten, sondern. wie das Kohlenstück beweist, in realen Werten."— Eine andere Notiz besagt:„Die Deutschen, deren teuflisch« Listen nur zu gut bekannt sind, haben uns dadurch Schwierigkeiten zu bereiten ge- glaubt, daß sie die Bergleute im Ruhrrevier zum Streik Zwingen. Sie haben dabei gehofft, die Okkupationsarmee des Heizstoffs zu berauben und unsere Ingenieur« durch di« Kälte zum Rückzug zu zwingen. Glücklicherweise ist dieser Hollcnplan durch di« Aufmerk- samkeit unserer Regierung verhütet worden. Uebcr den P'an unter- richtet, hat Herr Poincare unverzüglich besohlen, daß 20«0 Tonnen Kohl«, die im französischen Kohlenbecken von Anzin zur Vorladung bereitlagen, um nach Paris zu kommen, sofort nach der Ruhr auf den Weg gebracht werden."— Ein anderes Blatt meldet aus Essen folgend« hochnotpeinlich« Affäre:„Sctt längerer Zeit schon begt« man gegen«ine Frau Storchmann, die Vorsteherin einer Bedürfnis. anstatt, den Verdacht, daß sie den„Tempo" und ander« für das Glück der Republik kempfcnde Bl'tter zu einem Zweck mißbrauch«. der einer Verhöhnung der edlen französischen Notion gle-chzuachten sei. Der Verdacht hat sich in vollem Umfang bestätigt. Nach pein- lich geführter Untersuchung wurde Frau Storchrnann der Auswe,. sungsbefehl zugestellt. Da man Demonstrationen befürchtete, so wurde die Umgebung der Bedürfnisanstalt von je Zwei Infanterie- und Kavallerieregimentern und zwölf Batterien besetzt, während ein bolzer Offizier der Gendarmerie in Begleitung eines Tromveters Frau Storchmann aus der Dedürfnisanstatt berausbolt« und fi« unter starker Bedeckung abführen ließ Am n"cksten Tage kam aus Baris«in« neue Hüterin der Anttalt an in der Person der Witwe Desfoguee. der«s auch bereits gelungen ist. ein« große St�iferung der Einnahmen zn er-ielrn. da ste den glück'chen Einfall hatte � in der Anstatt einen Aein-n Kmematogran'en o'ck'ustellen, der die Be- fucher durch die Vorfübnmq heiterer S enen anpenodm u-iterb-tt, ongenedmer. als es der„Temps" und die anderen Pariser Blätter vermochten." Berltn-r Ainkonle, Orchester. Im Wagner- Abend am??>., nbenb# 8 N'r. im BIütkner-Saal ivirtt Hennv Hildebrand. Ltntenbach(Dclang)»IS Sollstin«it. Dirigent: Ca« ill» Hildebr-nd. delcassS gestorben. IN; z a, 22. Februar.(BJIB.) Der frühere Mvisker der aas- «Zrkigen Aug legenhcilen Velcasse ist plötzlich gestorben. Theophile D« l c a s s e wäre am 1. März 71 Jahre alt geworden. Dieser klein« Provinzsournalist ist zu einer der bekanntesten Person- lichkeiten Frankreichs und Europas geroorden. Zlls Minister des Leistern in vier linksgerichteten und keineswegs nationalistisch gerich- teten Ministerien(Brisson, Waldeck-Rousseau, Combes und Rouvier) betrieb er auf eigen« Faust mit Geschick und Hartnäckigkeit die Einkreisung Deutschlands, wobei ihm allerdings die Tölpelhaftigkeiten Wilhelms U. und seiner Regierung die besten Vorschubdienste leisteten. Es entstand dabei ein Rattenkönig von Geheimocrträgen mit England, Spanien und Italien über die Teilung Nordafrika?, die bald das Tagesgespräch aller europäischen Kanzleien wurden, bis der deutsche Kaiser mit seiner berühmten Tanger-Rede im Frühjahr 1902 dazwischenfuhr und ein«uro- päi'cher Krieg droht«. Damals ließen der Ministerprästdent Rouvier und die radikale Kammermehrheit, die durch die gefährlich« selb- ständige Politik Deleasses aufrichtig überrascht waren, den Minister fallen, der sechs Jahre lang von der politische« Bühne ver» schwand. Zlber auch das Kompromiß ron Algeciras vermochte sein Werk nicht zu zerstören, es wurde vielmehr«n der Marokko- Frage praktisch fortgesetzt, bis es zum Eklat von Agadir kam. Damals— 1911— war Delcasse gerade wieder Minister geworden, und zwar hatte er das Marinecmt in dem t.ineswegs deutschfeind- lich-n Kabinett Ca llaux und schien seine frühere Revanchepolitik zurückgestellt zu hoben. Doch nach dem Sturz Caillaux' und der Machtergreifung durch P o i n c a r e befand sich Delcasse bald wieder in seinem Element. Poincare setzte auf Betreiben Jswolsty» den damaligen französischen Botschafter in Petersburg Georges Louis ab, dessen mäßigender Einfluß den Kriegstreibern in beiden Ländern ein Dorn im Auge war, und ernannte Delcasse zum außerordowlichm Bot- schaftcr. Die wenigen Monate, die er am Hof« des Zaren verbracht«, waren zweifellos für die Entwicklung Europa, verhängnisvoll. In den letzten sieben Jahren seines Lebens hat er kein« aktive Rolle als Staatsmann mehr gespielt. In den Augen de? inter- . nationalen Sozialismus wird er immer einer der großen Schul. d i g e n der Borkriegsjahr« bleiben. Die �ustizüebatte. Der Preußisch« Landtag fuhr in seiner heutigen Sitzung, nachdem der Gesetzentwurf zur Aendcrung des Stempelsteuer- gesetzes an den Rechtsausschuß und der Gesetzentwurf betreffend den Lu-bau des B i n n e n h a f e n s in Emden an den Ber- kehrsausfchuß gegangen war, zunächst in de? zweiten Beratung des Haushams der Justizverwaltung fort. Genosse Lubert verlangt ein« neue Abgrenzung der Zuständig- keit der einzelnen Gericht«, damit ein schnelleres und besseres Ar. baten möglich werde. Die Zivilkammern der Landgerichte feien völlig überlostet. Di« Zuständigkeit der Amtsgericht« müsse mindesten» auf 120 000 M. erhöht werden. Das bringe dann auch eine Ersparnis an Kosten und Spesen. Ferner müßten die Zeugen und Sachverständigen besser als bisher entschädigt wer- den. Schließlich müsse mit dem Anwaltszwang für die Amtsgericht« gebrochen werden, denn in der Regel wür- den nur Rechtsanwöl« zugelassen. Ein Rechtsanwalt koste aber heute ein großes S'.ück Geld. Di« Arbeiterschaft müsse fordern, daß auch endüch die Arbeitersekretäre zu den Amtsgerichten zugelassen werden. Haben wir bei der Zivilrechtspflege— betonte Genosse Sichert— im ollgemeinen wenig Beschwerden, dann um so mehr bei der S t r a f r e ch t s p s l e g«.' Eine Reih« von unhaltbaren Ur- teilen liegt vor. Selbst Herr Dt. Seelmann von den Deutsch- aatirnalen hat dos gestern in gewissem Grad« zugegeben. Nicht nur der pelitische Umschwung, sondern die ganze Wandlung de» Voltes in intellektueller und moralischer und humanitärer Hin- sscht ist«m dem Richtertum anscheinend spurlos vorübergegangen. Bei den Demonstrationen für die Republik hagelt es Strafverfolgungen über Strafverfolgungen gegen die Ar» beiter. Ich«rinner« nur an die Lorgäng« m Erfurt. Die Stahlhelmleute bleiben ungeschoren. (Fortsetzung in der Morgenausgabe.) Film und Noßdach-Leute im Staatsrat. Der Preußische Staatsrat begann leine Februartagung am Dienstag mit der Beratung der Ausführungsbestimmunaen zum Reichslichtspielgefetz. Der vom Etaatsministerium vorgelegte Entwurf erfuhr durch unseren Froktionsretner Genossen ISeinberg eine lcharfe Kritik. Der Entwurf will die durch das Reichseefetz beseitigte Berechtigung der Ortspolizeibehörde. die Aufführung eines von de» Filmprüfstellen freigegebenen Film, zu verbieten, durch eine Hintertür wieder einführen. Weiter sieht der Entwurf vor, daß nicht nur Erziehungsberechtigte und Kinobefitzer bestrast werden können, wenn Jugendliche die Vor- fübrungen von Films besuchen, die für Personen unter 18 Sahren nicht freigegeben sind, sondern daß auch die Jugendl chen selbst und zwar von i? Iahren an strafrechtlich herangezogen werden können. lindere Fraktion beantragte, im Gutachten des Staatsrat» auszu- 'prcchcn, daß diese Bestimmung gestrichen werden soll. Das Z«n- trum ließ erklären, daß es aus.Gründen der Moral" für die Ve'behaltung der beantragten Abschnitt« in den Ausführungsbestim- münzen sei. Der demokratische Redner, Oberbürgermeister Söß. sprach die Zustimmung zu unserem Antrag aus. Ein R e» gierungsvertreter suchte die Ausführungen des Genossen Weinberg zu entkräften. Nachdem der Zentrumsredner noch einmal für die gefährdete Moral e'ngetreten war, wurde der Antrag un» far-r Fraktion mit den Stimmen des Zentrum» und der Arbeits. aameinschast abgelehnt. Der Staatsrot nahm dann«in Schrei- den des Ministers des Innern betr die Ausübung der Sicherheitspolizei in Altona und Wandsbek zur Kenntnis. Genosse Schümann aina dabei auf das Treiben der Roßbach-Leute in dar verschiedensten Landesteilen ein und gab besonders seinem Er- staunen darüber Ausdruck, daß man in Altona den schon verhos» taten Leutnant Rohbach wieder freigelassen hat. Sonnenwinter. Den Wetterpropheten hat der Februar einen empfindlichen Streich gespielt: statt des Winterlenzes, den die angekündigte „Wärmewelle" bringen sollte, haben wir stramme Kälte, am Tage verschönt durch die schon angenehm warm scheinenden Sonnenstrah-[ lcn. Und ist es am Ende nicht besser so? Di« Umwertung aller Werte auch auf die Jahreszeiten anzuwenden, hat sein Bedenkliches; was nützt es uns, wenn wir im Februar uns paletotlos sonnen, während der Mai mit seinen Frösten alle Vegetation vernichtet! Und schön sind diese sonnenlichterfüllten Tage, die der glücklicher- weise vorhandenen Schneedecke so malerische Reflexe verleihen. Und auch nutzbringend. Wäre es üblich, den Abschluß der Heuernte mit so feierlichem Gepränge, wie den der Roggenernte durch das Ernte- fest, zu begehen, so könnten heuer die Landwirte in den Riederun- gen sich festlich schmücken. Denn die auf den im Herbst überschwemm- ten Wiesen lagernden Heuhaufen konnte man jetzt mit Tragbahren oder Schlitten aufs feste Land bringen— hoffentlich macht sich dieser Zuwachs an Futtermaterial in den Milchpreisen bemerkbar. Auch das Schilf und Rohr kann geerntet werden— es hilft der Stroh- tnappheit ab. Rur der arme Städter, der weder Heu noch Stroh, weder Korn noch Kartoffeln erntet, ist wirtschaftlich übel dran. Die Kohlen schwinden, die Kleidung, die Stiefel sind mehr auf den Lenz als den Winter eingestellt. Die Jugend freilich kehrt sich nicht an diese Küm- mernisse, Schnee und Eis bedeuten für sie frohes Tummeln im Freien. Mit vom Sport und Sonnenschein geröteten Wangen keh- ren sie heim:.Mutter,'ne Stull«— und noch eine." Das Mar- kenbrot schwindet dahin, aber das Elternauge blickt doch trotz aller Sorgen wohlgefällig auf die kleine Schar... Glückliche Jugend im Sonnenwinterl Heftnöel! In der Doxhagener Straße zu Lichtenberg hat sich die Tragödie einer Alten abgespielt. Die 66 Jahre alte Witwe D. wurde erhängt aufgefunden. Langjährig« Krankheit und völlige Blind- h« i t sollen die Greisin zu dem letzten Schritt getrieben haben. Das ist gewiß ein trüber Fall, der das sozial« Elend, die grausame Rot der alleinstehenden alten Leute von neuem im trüben Lichte erscheinen läßt. Die.Rote Fahne", die in dummdreisten demagogischen Hetze- reien zurzeit das menschenmögliche leistet, belastet nun den De« zernemen für Armenpjteg«. den Stadtrat Genossen Hinze, indirekt mit der Derantwortung für diesen Selbstmord. Sie findet, daß seine Stellung überflüssig sei und fragt, ob er nicht auf das damit ver- Kunden« Gehalt und die Pension verzichten wolle zugunsten der anderen Armen, die sich erst demnächst das Leben nehmen werden. Es gehört sicher schem ein gut Teil Robustheit und kommunistisch« Unocrl'roreicheit dazu, sich mit einem solchen Fall in dieser Wer!« zu beschäftigen, besonders wenn die Kommunisten berücksichtigen. daß ja einer ihrer Stadträt«, der Herr Stolt, ebenfalls«in an- neiMbares Gehal: bezieht, auf das die Hilfsbedürftigen in seinem Tätigkeitsbereich also auch ein gutes Anrecht haben. Im Bereich des Herrn Stolt und des Herrn Letz, der auch kommunistischer Stadtrat ist, werden dann die Selbstmord« alter Leute radikal abgeschafft sein. Vielleicht wird aber Herr Dörr, unseres Wissens der Verfasser solcher Sudeleien in der„Roten Fahne", der nach der Formel„Weh Brot ich esse, deß Lied ich singe", in dos Moskauer Horn bläst, nach dem Ratschlag, den er anderen gibt, zunächst einmal selber auf die Gelder verzichten, die er und seine Kollegen aus Rußland in Gold beziehen._ Die neuen Marz-Mietzufchläge. Wie wir hören, steht es noch nicht fest, ob d«r O b e r p r ä s i» dent die vom Magistrat beschlossen« neue Mietzinsregelung, die am I. März in Kraft treten soll, in allen Punkten genehmigen wird. Es schweben noch Derbandlungen über einige durch die neuen Ve» schlüsse aufgeworfenen Fragen. Der Oberpräsident ist mit der Prü. fung des Magisiratsbeschlusses an Hand der ta'tächlichen Unterlagen und der Forderungen der Vermieter und der Mieter beschäftigt und Ist anscheinend bemüht, im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften die sozialen Forderungen der Mieterschaft mit den Anforderungen einer gesunden Hauswirtschaft in Einklang zu bringen. In Micterkreisen besteht die Besorgnis, daß es den So-ialrentnern. Kleinrentnern, Arbeitslosen usw. in nächster Zeit nicht mehr möglich sein wird, die Mieten aufzubringen, wenn hier nicht schnell und durchgreifend geholfen wird. Sobald die Entsche:- dung der Aussichtsbehörde vorliegt, werden wir.die neue Mietzms- regelung im einzelnen erläutern. Die Ausplünderung der Schuhkonsumeuten. Das Durcheinander auf dem Schuhwarenmarkt nimmt noch der geringen Erholung, die der Dollar in den letzten Tagen erfahren hat, immer groteskere Formen an. Man kann heut« zwischen der Friedrichstadt und der Tautzienstraß« einerseits, den Straßen im Norden. Osten oder Süden geradezu ungeheuerliche Differenzen feststellen. Ein Paar Damenlackschuhe, die ftn Zentrum Berlins 80 000 M. kosten, sind in anderen Stadt- vierteln sürtO 0 0 0 6 i 5 5 0 000®. zu haben. Ebenso liegen die Verhältnisse bei den Schuhreparaturen, die zum allergrößten Teil sich in einer durchaus unberechtig- ten Höhe hal!«». Für das Besohlen und Erneuern der A b s ä tz« werden heut« von großen Ähuhzeschäften Preis« zwischen 14000 bis 16000 M. ver'.anat. Di« kleineren Schuh- machereien dagegen verlangen für dieselbe Arbeit Preis« zwischen 21 000 und 26 000 M. Den mit Recht erstaunten Kunden wird besonders von den kleinen Schuhmachereien ein Tarff der Schuh- macherinnung vorgelegt, in denen die Kalkulation für Erneuerung der Sohlen und Absätze enthalten ist. Die Schuhmacherinnunq setzt dabei den Preis für Sohlenleder mit 47 000 M für ein Kilo Sohlenleder«in. Dies« Preis« waren allerdings Anfang diese« Monats berechtigt. Heut« kostet das Kilo Leder dagegen 28 000 bis 30 000 M. Aus einem Kileugramm Leder vermag der Schuhmacher fünf Paar Sohlen und Absätze zu schneiden. Di« Preis« für Nägel. Wach, usw. betragen etwa 300 M.. der Gesellen. lohn für die Reparatur an jedem Paar Stiefel rund 2000 M. Wie uns von fachmännischer Seft« mitgeteilt wird, ist also ein Reparatur- preis selbst von 15 000 M. schon sehr reichlich bemessen. Di« dar- über hinausgehenden Prelsfocherungen ssnd dagegen absolut und«. rechtigt.__ Unzweckmäßige Linieuänderungen. Man schreibt uns: In der Sonntagsnummer des.Dorm." vom 18. werden di« Aenderungen der Linienführung der Straßenbahn ab 19. Februar bekanntgegeben. Wenn man diese einer genauen Durchsicht unterzieht, kommt man zu dem Schluß, daß die Straßen. bahn mit dieser Linienveränderung zum mindesten für«inen großen Teil der Berliner Einwohner«in« Verteuerung bringt. Bei- spielsweis« wird die Linie 44 von der Brunnenstraß« in die bis- herige und neue Linie 11 überführt. Di« Bewohner der Bete- ranenstraße und der Weichbildgrenze Pankows haben also jetzt, wenn sie in Moabit beschäftigt sind, von Montag, den IS. ab, täglich 200 M. mehr Fahrgeld zu zahlen, weil sie gezwungen sind. um nach ihrer Arbeltsstätte zu kommen, Umsteigefahrscheine zu lösen. Man sollte meinen, daß die Straßenbahn bei Linienveränderungen auch etwas mehr Rücksicht auf das fahrend« Publikum nehmen muß. Es ist beisvielsweise nickt einzusehen, warum die Linien 50, 51. 27 und 121 alle von der Schönhauser Allee kommend durch die Luisen- straße über den Potsdamer Platz geleitet werden müssen. Wenn schon di« Linie 44 umzuleiten wac. so mußt« zweifellos hierbei gleich in Betracht gezogen werden, ob nicht eine der vorerwähnte» Linien über Moabit nach Schöneberg geleitet werden kann Vielleicht genügt ein Hinweis im„Vorwärts, um so schnell wie möglich eine Aenderung dieses Zustoudes herbeizuführen. Es ist hierbei noch ausdrücklich zu betonen, daß die Linie 10 zwar in den Morgen- stunden von den Bewohnern der Schönhauser Alle« ab Danzrger Straße nach Moabit benutzt werden kann, daß aber in den Abend- stunden auch diese Linie ab Moabit in Fortfall kommt, da sie nach 7 Uhr abends nur vom Stettiner Bahnhof ab verkehrt. Um üen Mlcheinheitspreis. Atargarinefabriken als Großverbraucher von Arischmilch. Der Ausschuß für Volksernährung und der Volkswirtschaftlich: Ausschuß im Deutschen Milchwirtschaftlichen Reichs- verband, der Spitzenorganisation der Erzeuger und Molkerei- genossenjchaften, des Deutschen Städtetages, der Deutschen Much- Händlervereinigungen und eine Anzahl landwirtschaftlicher Körper- schaften tagten gestern gemeinsam, um zu einer gemeinschaft- lichen Regelung der Milchpreis« Stellung zu nehmen. Die Milchbelieferung liegt im ganzen Reich nach Ansicht der Ausschüsse sehr im argen. Berlin bekommt kaum 50 Proz. seines Bedarfes und hat ständig um die geringen Zufuhren zu kämpfen. Hamburg, das unmittelbar an di« SchleswigHolstei- nifche Milchkammer grenzt, hat di« höchsten Milchpreise; dann folgen Berlin, Frankfurt, das Rheinland, Bayern und Sachsen. In Sachsen liegen die Derhältniff« ganz besonders schwierig. Dort ist der Milchprois durch di« zuständigen Behörden künstlich sehr niedrig gehalten worden und infolgedessen können heut« in Sachten nur 25 Proz. der Kindermilch auf Karten geliefert werden. Notwendig ist nach Ansicht der Aus- schüsse, die Bildung eines für ganz Deutschland gül- tigen Milchpreises. Allerdings müsse dann eine ander« Berechnungsart für den Grundpreis gefunden werden als bisher. Zu diesem Zwecke sei es nötig, durch die zuständigen Behörden die Verwendung von Frischmilch für andere Zweck« als di« der Ver- teilung an di« Bevölkerung zu untersagen. Es geh« nicht an, daß, wie es neuerdings geschieht, einzelne groß« Margarine- f a b r i k e n jetzt groß« Meiereien errichten und die dort ge- wemnen« Frischmilch testtos für die Margarinefabrikat! on verwenden. Ebenso sei es nicht angängig, die Trockcnmilchfabriken mit Frischmilch zu beliefern, wie das ebenfalls vielfach geschehe. Bezüglich der Festsetzung von Höchstvreisen durch Stadtverwaltungen wurde folgender Beschluß an- genommen:„Die Vereinigten Ausschüsse nehmen von dem Urteil des Reichsgerichts vom 16. Dezember 1922 Kenntnis, wonach der Erlaß des Reichsministeriums für Ernährung vom Ze,. April 1921 über die Festsetzung der Gültigkeit entbehrt und die Peeizsestsetzung für Milch nur durch Vereinbarung oller Jnteressentenzriinpen mög- lich ist. Es täte not. daß sich auch die Konsumenten-Veriretting?» mit diesen Fragen beschäftigten. Kamiuski wird auf seine« Geisteszustand untersucht. Das neu« Strafverfalpeen der Mosseneinbrecher Karl Bernora! und Otto Kaininski, dos auf Grund ihrer Geständnisse eingeleitet worden war. nimmt einen ungeheuren Umfang an. In- zwischen hat Rechtsonw. Dr. Artur Feld im Hinblick auf das in der letzten Hauptverhandlung hervorgetreten« sonderbare Verhalten Kaminskis bei der Strafkammer des Landgerichts IN beantragt, Kaminski auf feinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Das Ge- richt hat jetzt auch diesem vom Geföngnisorzt Dr. Lehnfen unter- stützten Antrag stattgegeben. Kamins» wird in diesen Togen zur Beobachtung nach der städtischen Irrenanstalt in Buch überführt werden.___ Wie Getreide verteuert wird. Anfang vorigen Jahres ermittelte der Verein gegen das Be- stechungsunwesen, daß der Landwirt Erich Eichstädt in Meckow durch Bestechung von Gutsbeomten Getreide zu erlangen suchte. In vierzehn Tagen hatte Eichstädt einige tausend Zeut- n« r vom Rittergut Biesdorf bei Berlin gekauft und dafür den ungeheueren Bettag von 7 Prozent des Rechnungswertes als „Provision" gezahlt. Der Administtator des Rittergutes Biesdorf erklärte, er habe di« Provision zwar«inkassiert, aber an den Ver- mittler, einen Landwirt Högel in Charloltenburg, welcher Hilss- arbeiter beim Magistrat Berlin ist, ausbezahlt. Mangels ausreichen- der Beweise konnte Eichstädt nur wogen unerlaubten Handel» zu 10 000 Mark Geldstraf« verurtM werden. Schupo-Souzert für dl« Ruhrhilse. Das gestern abend im Marmvrsaal im Zoo abgehalten« Konzert des Orchestervcreins der Schutzpolizei rmier der Leitung von Clemens Schmal stich ze- staltete sich durch di« Anwesenheit de» Reichspräsidenten und oes Reichskanzlers zu einem künstlerischen Ereignis. Reben den Vertretern der Reichsministerien war die griamte preußische Staatsregicrung, u. a. der Minister des Innern S e v« r i n g und der Ministerialdirigent Dr. Abbegn, sowie di« Spitzen der städtischen Körperschaften und der Polizeipräsident von Berlin vertreten. Die Feier wurde eingeleitet durch«in Präludrum in Es-Dur von Schmal- sich. Es folgte«in von Frau Henny Porten gesprochener Prolog, der in di« Ermabnung ausklang,.in Einigkeit und Treue zur schwergeprüften Bevölkerung von Rhein rmd Ruhr zu sieben. Frau Gertrud Bindernagel von d« Staatsoper brachte die Arie aus„Oberon" zum Borttoq. Nach einer Gefelklchaftspause folgt« ein Orchrstervvrttag aus dem Vorspiel der„Meistersinger" und die Ansproch« von Hans Sachs, vorgetragen von Carl Braim von der Staatsoper. Der außerordentlich gut« Besuch brachte einen erheblichen Bettag für di« deutsch« Dolksspenbe. Dem Charakter der Veranstaltung«nffprecbend. hoben sich sömttich« Kräfte unier der Regie de« Polizeimaien» Sachs« unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Ein« zweimalig« Wiederholung ist in Aussicht genommen. Helfer u«d Helferin««», der ArbeitSgeineinsckaft der Kinder« frerurde. Freitag, den 23., 8 Uhr, Sitzung im lledlgenheim, Schönstedtstr. l. Dreizehn Arbeiier unter einer Uaoint begraben. Wie der „Tiroler Anzeiger" au» Innsbruck meldet, ist gestern beim Spuller Seemerk«ine Lawine niedergegangen, di« 13 Arbeiter verschüttete. Wetter für morgen. verlin und Uwgcgeud. Zunächst gelinder, Lderwiegend trüb« mit Niederschlägen und srilchen, zwischen Südest und Südwest schwanienden Winden, später zeitweise aufklarend»md wieder etwa« kälter. Groß-Serliner Parteinachrichten. lve.«dt. Z-heaviethal. Dl« wen essen werken ersucht, in der am Freltaa.»dend» 7><, Uhr, bei Schneider, Frtebnchsteate«. stattfindenden Persammlnna der Nonsumgenosienschatt zadlreich t-Uzuuehmen. Tageaordnnng:„Wahl der Delejletien."_ Sport. Tab 10. Berliner Leckötogerennen beginnt morgen, Freitag, abend« S Uhr und endet am Donnerstag, 1. Mörz, abend« 10 Uhr. Drei Holländer, zwei Dänen»nd zwei Italiener gehen mit lS drulichen Fahrern aus di« SechStagcreise. Die Fahrer find zu folgenden Mannschaften zu- lammengestellt: van Nek— ttberger, be Crasto Dermeer, Tor»— Rizetto, Fenfien— Newa«, Magnussen— Schreseld, lSebrüder Huschle, Willig— Kohl, Häusler— Etellbrink. ttewanow— Techmer. Oskar Tietz— Lauer. Krupkat— Hahn, Nantbey— Behrendt. Pawke— Kuschkow. Die BeriungSkämps« sollen an jedem Tage um 2 Uhr nachts, nachmittags 4 Uhr und abends!