Nr. 36. eiTdjcliit täglich außer Montags. Preis pränumerando: Viertel- lährltch s,30 Mark, monatlich l.lo Ml., wöchentlich 28 Pfg. frei ln's HauS. Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags- Nummer mit illustr. Sonntags-Beilage„Neue Well" io Pfg. Post-Abonnement: Z.ZOMl. proQuartal. Unter Kreuz- band: Deutschland u. Oesterreich- Ungarn 2 Ml., für das übrige AnSlond oMl.pr.Monar. Eingetr. in der Post-Zeitungs-Preisliste für 189° unter Nr. 712». 12. Jahrg. JnfertionS-iBebühr beträgt für die sünfgespaltene Peittzeile oder deren Raum<0 Pfg., für Vereins- und Verfanunlungs- Anzeigen 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis« Uhr Nachmittags in der iikpeditton abgegeben werden. Die Erpedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn- und Festtagen bis 9 Uhr Vormittags geöffnet. Fernsprecher: Amt l, Ur. tS08. Selrgramm- Adresse: „Koiialdemoiirat Kerl!»!' Berliner VolKsWatt. Zentralorgan der s ozialdemokratischen Partei Deutschlands. Itedaktion: LV. 13, ZZeutö-Stcaße 2. Dienstag, den 12. Februar 1893. Spedition: LV. 19, Uettth-Straße 3. Rochefort— Canrobert. Paris, den 9. Februar 1895. Vorigen Sonntag hatten>vir zwei charakteristische Manifestationen. Das offizielle Volk geleitete traurig zum Jnvalidendom den Leichnam des letzten der Marschälle, Canrobert; und das Volk von Paris empfing lustig, mit begeisterten Zurufen und revolutionären Liedern seinen ver- loreuen Sohn, Henri Rochefort. Canrobert war alt:— er hatte 85 Jahre. Er war sehr taub; und als einer seiner Freunde, um ein Compli- ment zu machen, ihm gesagt hatte, er habe das Gehör vom betäubenden Kanoncngebrüll verloren, antwortete er ihm; ,.Es ist richtig, ich bin einer der letzten, die den wahren Krieg kennen gelernt haben." Er verstand darunter den Krieg, in dem man persönlich kämpft gegen einen Feind, den man steht, den man vor sich hat; und nicht jenen modernen Krieg, in dem die Armeen meilenweit von einander stehen und sich tödtcn, ohne ein- ander zu sehen— wo die Soldaten hinter Erdwällen liegend von Kartätschen-Bomben zerrissen werden— ohne Ruhm und ohne Heldenmnth. Canrobert war ein tapferer Soldat der romantischen Epoche des Krieges. Er diente zuerst und verdiente sich seine Sporen in Algerien, wo jener Krieg noch möglich war. Tie arabischen Krieger, mit denen er sich in seiner Jugend schlug, hatten keine andere Kriegs'.r's'-nicbaft als ihren Muth— das war die Zeit der ritterlichen Thaten. Bei der Belagerung einer Kabylenstadt rief nach mehreren vergeblichen Stürmen der Oberst seinen wankenden Truppen zu:„Das Kreuz der Ehrenlegion, wer zuerst in der Stadt ist!" Canrobert, der das hörte, stürzte sich sofort, das lockige Haar im Winde fliegend, von einem Hügel, ans dem er stand, herab lind rannte ganz allein durch das feindliche Feuer in die Stadt; die Truppen eilten ihni nach und fanden ihn, am Boden liegend, mit Wunden bedeckt— die Stadt war aber genommen und die Trikolore wehte von der Moschee. Algier, das den französischen Soldaten so schöne Ge- legenheit gab, ihren Heldenmnth zu entwickeln, hat sich für de« Verlust seiner Freiheit grausam gerächt; es ist das Unglück Frankreichs geworden. In Algier, wo unsere Offizier» und Generäle nur mit Barbaren zu kämpfen hatten � oerlernten sie die Kunst des großen Krieges; die Generale von 1879/71, die sich von den deutschen Taktikern schlagen ließen, halten ihre Lehrzeit daniit zugebracht, die Araber zu besiegen. Die Lamorciöre, Cavaignac, die Canrobert, die St. Arnaud— alle diese Generäle, welche das Volk von Paris niedergemetzelt, und ihren Degen für den Staatsstreich Napoleon'» hergegeben haben, waren afrikanische Generäle, welche die Araber wie Schlacht- vieh getödtet, die Liebe zu ihrem Vaterlande verloren und dafür die Liebe zur Fahne, d. h. zum menschenmordenden Feuillekon. lNachdruck verbot«». 1 Slnzzeu aus dem � fndamerilmni scheu Hinterlaude. Ein Blatt südamerikanischer Geschichte. In diesem Augenblick hielt ein großer, starker Reiter mit ausgesprochenem Jndiancrtypus vor der Apotheke, stieg ab und kam hinein. „Guten Nachmittag, nleine Herren.. „Guten Nachmittag, Doktor.. „Wie geht's.. „Und Ihnen... Kommen wohl von seiner Excellenz dem Herrn Vizepräsidenten... geht's ihm leidlich?" „Gewiß," sagte der Indianer, aufgeblasen wie ein deutscher geheimer Medizinalrath,„habe die Ehre ihn zu behandeln... sehr komplizirter Fall... eine Affektion mit einer Asfliktion... sehr komplizirt... kein Tonicum hat Effekt gehabt bis jetzt... werden etwas Calmirendes verschreiben müssen. Gebt mir ein Blatt Papier, Francisco..." Und er schickte sich an gravitätisch einen Klemmer auf die dazu garmcht geeignete Nase zu setzen, und langsam und bedächtig ein langes Rezept zu Papier zu bringen. Darauf verließ er, nachdem er sich sehr förmlich ver- abschiedet, die Apotheke und verschivand aus seinem Pferde. „Ist ein großer Doktor, unser Landsmann, will ihn Euch bestens anempfehlen, wenn Ihr etwas brauchen solltet," meinte der Apotheker, mit dem Blatt Papier spielend, ist gescheuter als alle die fremden Doktoren hierzulande, wenn er auch nur in dem Kriege studirt hat..... Sagt mir, Kriegshandwerk eingetauscht hatten. Bazaine, der Metz ver- rieth, wenn nicht unter Mitwirkung, so doch ohne den empörten Widerspruch Canrobert's, der, obgleich Marschall von Frankreich, doch unter ihm diente— Bazaine kam aus Afrika und aus Mexiko. Canrobert war jener niederträchtige General, der in den letzten Jahren des Kaiserreichs, als die republikanische Agitation sich der breiten Volksschichten bemächtigte, den Vorschlag machte, die Massen der Unzufriedenen in die Champs Elyses(die Elyseischcn Felder— bei Paris) zu locken, und sobald sie dort seien: Rrran! Alles mit Kartätschen über den Haufen zu schießen. Daher ist ihm der Name General Rrran geblieben. Canrobert war ebenso beschränkt und engherzig, wie glcichgiltig für das Leben seiner Mitbürger. Als Ronan durch die Gnade des Kaisers zum Senator ernannt ward, vcranstalteie der fromme Herr Marschall im Senat einen höllischen Skandal, weil er das Ende aller Tage gekommen glaubte, wenn dieser Ungläubige, der die Gottheit Christi leugnete, in die Versammlung der Auserwählten eintreten würde. Es war eine der berühmtesten„Lcderhoscn"(oulotto äs poan), die das offizielle Volk am Sonntag in den Palast der Invaliden trug. Man begrub die Vergangenheit. »* Ehe der alte Adel Frankreichs erlischt, hat er noch zwei Männer hervorgebracht, die in verschiedener Richtung den Geist der Neuzeit vertreten: Saint Simon, der seinen Stammbaum von �Karl dem Großen ableitete, und Henri Rochefort, den Sproß einer der edelsten Adelsfamilien Frankreichs. Die Familie der Grafen voll Rochefort-Lncey wurde durch die Revolution zu gründe gerichtet; und unser Rochesort mußte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ganz inng als Kommis(Stadtschreiber) ans das Stadthaus gehen, wo damals Hausmann seinen Thron aufgeschlagen hatte. Ich glaube nicht, daß er sich durch Fleiß auszeichnete. Er gehörte jedensalls zu jenen Beamten, die es für ihre Pflicht halten, möglichst wenig Zeit aus dem Bureau zuzubringen. Von Charles Lamb, der gleich Rochefort Be- amtr und ein sehr geistreicher Mann war, erzählt man, daß er seinem Chef, der ihm sein Zuspätkommen vorwarf, geantwortet habe:„Sie haben recht mein Herr, aber bc- denken Sie, daß ich auch sehr früh iveggehc." Villeniessant, der intelligente Gründer des„Figaro", der die neuen Talente suchte und sie zur Produktion aufmunterte, zeichnete Roche- fort aus, der ihm einige Artikel geschickt hatte, und sich beeilte, die Feder des Beamten mit der des Journalisten zu vertauschen. Mit diesem Augenblick bc- gairn Rochefort's schriftstellerisches Leben, das nur e i u blitzendes, sunkensprühendes Fcueriverk Pariser Witzes ist. Sehr hoch mußte Villeniessant die frondirenden Artikel seines neuen Redakteurs schätzen. Denn Rochefort, der sich niemals unter eine von einem anderen ihm auferlegte Regel Vantista, wann wird über des Präsidenten Gesuch ab- gestimmt werden.. „Gegen vier Uhr, da es keine großen Debatten geben wird..." „Das wäre in zwei Stund'cn... Seid so gnt und schickt mir einen Boten, wenn die Sache bestimmt an- genommen ist... schickt einen einfachen Zettel mit den Worten ja oder nein..." „Ick gehe... lebt wohl, Pamho..." „Auf Wiedersehen, Bantista..." Ter kleine Bursche des Apothekers wollte sich des Re- zeptes bemächtigen, daß der braune Doktor ans dem Laden- tisch gelassen; aber sein Patron wies ihn zurück. Laß das. Du arbeitest noch zu unsicher... für solche Personen, wie für seine Exzellenz den Herrn Vizepräsidenten, mache ich die Rezepte selber..." Trotzdem ließ er das Rezept vor der Hand liegen, ging vor seinem Ladentisch auf und ab, schaute durch die offene Thür aus die Straße und rief ab und zu einen Bekannten an, um mit ihm zu schivatzen..." „Nach einiger Zeit erschien ein Soldat: „Die Arznei für seine Exccllenz..." „Setz Dich Freund. Das wird erst gekocht und dauert länger als Du einen Schnaps trinkst... oder komme wieder in einer oder zwei Stunden." Der Soldat, der viel Zeit und Geduld hatte, setzte sich auf eine Bank, um zu warten. Nach einer Weile erschien ein Junge in der Apotheke, der einen kleinen Zettel überbrachte. Der Apotheker las ihn flüchtig, blieb noch eine Weile unschlüssig stehen, dann kehrte er langsam hinter seinen Ladentisch zurück, langte nach dem Rezept und begann es herzustellen. „Hier, mein Lieber... und ich lasse Sr. Exzellenz recht baldige Besserung wünschen..." .Zur selben Zeit wurde in der Kammer das Abdankungs- schreiben des Präsidenten verlesen und angenommen, und gebeugt hat, griff im„Figaro" alles an, was dessen Lesern lhener war. Er, der Sohn des Aristokraten, verspottete unbarmherzig Gott und die katholische Religion, die von den Herren Bourgeois, den Söhnen der Voltärianer, verehrt wurden; und er schlenderte seine unbarmherzigsten Satiren gegen das Kaiserreich, vor dem diese Menschen sich in den Staub beugten, deren Großväter die Revolution gemacht und die Republik gegründet hatten. Rochesort trieb es so arg, daß er schließlich den „Figaro" verlassen und die furchtbare„Laterne" gründen mußte, welche den Sturz des Kaiserreichs vorbereitete. Rochesort hat in der Politik der letzten 49 Jahre eine wichtige Rolle gespielt, doch ist er kein eigentlicher Politiker, sondern vielmehr ein politischer Impressionist*), wenn ich diesen Malerausdruck gebrauchen darf. Eine poli- tische Stellung hat er nie einnehmen wollen:' wenn er durch die zwingende Gewalt der Verhältnisse zu Macht ge- langte, oder wenn er in die Kammer geivählt wurde, dann hat er stets die erste sich bietende Gelegenheit benutzt, sich aus dieser Stellung zurückzuziehen. Er ist ein Dlicllant der Feder und hat alle Männer, die in der Politik einen beherrschenden Einfluß chatten, persönlich angegriffen: Mac Mahon, Gambetta, Ferry, Grevy, Constans, Casimir Pcrier und noch viele andere,— und sie alle hat er tödtlich verwundet.„Die Feder Rochefort's ist eine ganze Armee werth!" sagte Bonlanger einmal. Aber wenn er angreift, so vertheidigt er auch, und alle Opfer behördlicher Willkür haben in ihm einen Beschützer gefunden; mit seiner Feder vertrat er ihre Rechte, mit seinem Gelde unterstützte er sie. Geivisse Ungerechtigkeiten können auf Rochesort einen derarligcn Eindruck machen, daß der Eindruck bei ihm zur Besessenheit(obssssioa) wird. Neulich ivnrde ein Soldat ivegen Beleidigung des Präsidenten des 5?riegsgerichtes, das ihn zu drei Jahren Gefäugniß verurthcilt hatte, zum Tode verurtheilt; man wandte sich an Casimir, damit er, von seinem Begnadigungs- recht Gebrauch machend, die Todesstrafe umändere; er verweigerte es. Diese Weigerung empörte Rochefort der- maßen, daß er seitdem in jedem Artikel Casimir Perier an den Tod des armen Soldaten erinnert. In der französischen Journalistik vertritt kein Schrift- stellcr den Pariser Geist besser, als Rochesort, und kein Schriftsteller wird von dem Pariser Volk mehr geliebt, als er. Seine Rückkehr wurde mit Jubel begrüßt; ttrotz seiner 65 Jahre ist er an Körper, Geist und Charakter so jung geblieben, daß er jetzt mit demselben Feuer, welches er mit 40 Jahren hatte, den Kampf gegen die Schurken in der Regierung aufnimmt. Eallug. *) Impressionist— einer, der sich von den Eindrücken (Impressionen) des Augenblicks, seiner Umgebung u. f. w. be- stimmen läßt. nicht viel kürzere Frist später erlag der Vizepräsident trotz des kalmirenden Mittels, das ihm der braune Hausarzt gegeben, seinen Affektionen und Afflicionen so plötzlich, daß er niir noch mit Roth und Mühe seine Beichte abzulegen Gelegenheit hatte. Bei der Abdanknngsdebatte hatte übrigens Bantista Gill die beste Gelegenheit gehabt, einmal sein Rcduertalent glänzen zu lassen und dann die eben vernommenen Rath- schlüge seines Freundes, des Apothekers, ztl beherzigen und zu bcthätigcn. Die Parlamcntsrcdner Paraguays haben gegenüber den eltropäischen Kollegen die wirklich gute Eigen- schast an sich, daß sie nie lange Zeit reden. Ist einer ein großer oder sehr großer Redner, so dauert eine solche nationale Musterrede höchstens fünf Minuten, währeno die Normalreden es selten über zivei Sätze bringen. Desto eifriger bethciligen sich alle mit ihrem Ja oder Nein bei den Abstimmungen und in den Geheimsitzungen zur Prü- sung irgend welcher Gegenstände, und. solche Gcheimsitzungcn pflegen innerhalb jeder ordentlichen Sitzung vielleicht sechsmal einzutreten, wo die Redegeister und die bis dahin noch unbemerkten Rednertalente eine ausgiebige Er- munterung und Bewässerung mit alkoholreichen Getränken erfahren. Zwischen zwei solcher Pansen hatte Gill sogar den Math gehabt, sich für den intimsten Freund des Prä- sidcntcn zu erklären und es für eine Schande zu halten, daß man überhaupt noch über Annahme oder Abweisung voliren wolle, statt die Abdankung sofort durch Akklamation znrückzuiveisen. Und wenn es � einer staats- zerstörenden Majorität dennoch gefallen sollte, den verdienteil Präsidenten gehen zu heißen,,.werde er stolz sein, an semer Seite rm Exil oder sonstwo zu ver- weilen. Trotz dieser Musterrede ergab die Abstimmung die An- nähme der Abdankung Rivarola's mit genau zwei Stimmen Mehrheit, ivobei der Redner, Herr Bantista Gill, sich natürlich bei der Minderheit befunden hatte. Und als man auf Polififtfie MebevNislt. Berlin, 11. Februar. Sinei dem Reichstag. Zur Diskussion stand der Etat für den Reichskanzler und die Reichskauzlei. Ter Umstand, daß der„Leipziger Volkszeituug" die Abschrift eines Briefes zuging, in dem bitter darüber geklagt tuird, wie in Ostpreußen der Herr Regierungspräsident die Wahlen macht, gab heute gelegentlich des Etatsposten„Einnahme des Reichs- tags" Herrn v.fMantenffel dcir Borwand, sich in wenig gc- wählten Ausdrucken über genanntes Organ zn ergchen. Der Brief soll im Reichstagsgcbände verloren worden sein. Unser Genosse Echoenlank, als Cbefrcdakteur der„Leipziger Volks- zeitung" wies diese Angriffe zurück. Er erklärte, daß die Redaktion den Brief in seiner Abwesenheit erhalten habe, ohne näheres über dni Ursprung desselben zu ivissen, denselben aber abdruckte, weil er ihr politisch hochwichtig erschien. Bebel konstatirte, daß, wenn ein Mißbrauch der Stellung eines Abgeordneten hier im Hause vorliege, die sozialdemokratische Fraktion— auch wenn der belrcffeude ihr selbst angehöre— einen solchen Mißbrauch entschieden mißbillige; allein ein solcher Mißbrauch liege nicht vor, wie Schocnlauk dargethau habe. Im übrigen würde jedes bürgerliche Blatt, wuui ihm ein Brief von Wichtigkeit von einem sozialdemokratischeil Führer herrührend zugehe, den- selben ohne Bedenken ebenfalls veröffentlichen. Der Abgeordnete M o l k e n b n h r frng an, ob und wann die Rcichsregiernng gewillt sei, aus den Ergebnissen der dlwch die Kommission für Arbeiterstatistik festgestellten Mißstände, die Konsequenzen zu ziehen? Der Minister von Bötticher antwortete darauf, daß die Regierung ihre Entscheidung erst in letzter Zeit ge- troffen habe und zwar gehe diese dahin, daß ans gesetzlichem und nicht auf dem Verordnungswege� eine Regelung der Ar- beitsverhältnisse in den Bäckereien verslicht werden soll. Bon dem Abgeordneten Richter wurde der Reichskanzler, nach der staatsrechtlichen Giltigkeit der Erlasse des Kaisers vom Februar 189V befragt, auf die sich der Kanzler letzthin bei der Diskussion über die Interpellation Hitze berief, und welche bekanntlich von keinem Minister gegen- gezeichnet sind. Da Fürst von Hohenlohe nichts Geschriebenes bei sich hatte, mußte der Mlnister v Bötticher antworten. Herrn v. Bötticher fehlt es nie an Worten und so sagte er„heute auch etwas". Eine halbwegs genügende Antlvort ans die Anfrage war es freilich nicht, was er zu sagen hatte. Richter replizirte deshalb wiederholt, wobei er auch die Thatsachen erwähnte, daß Hauptmann von Ratznier zum Gouverneur von Kamerun ernannt worden sei, ohne daß der Kanzler Graf von Caprivi etwas von dieser Ernennung wußte, und daß beim letzten Kanzlerwechsel ohne Kenntniß des neuen Kanzlers Graf von Eulenburg zuni Statthalter von Elsaß- Lothringen ernannt war, eine Herrlichkeit, die allerdings nur L4 Stunden gedauert hat. Richter bezeichnete die Antworten des Ministers v. Bötticher als ausweichende Bemerkungen und legte Verwahrung dagegen ein, daß eine unverantwortliche Kabinetsregicrung Platz greise. Ei» solches lBild hilfloser Verlegenheit, wie heute die deutsche R c i ch s r e g i e r u n g, hat wohl noch niemals eine Regierung geboten. Und wodurch diese hilflose Verlegenheit? Durch die einfache Frage des Abgeordneten Richter: wie konnte die Reichsregierung kaiserliche Erlasse, die nicht von einem Minister gegengezeichnet sind(wie die Februar-Erlasse, die Entlassung Bismarck'»:c-) im Reichsanzeiger veröffentlichen und ihnen Gesetzeskraft zuerkennen? Der neue Reichskanzler war wie aus den Wolken gefallen und blickte, wie nach einer Antwort suchend, um sich. Die Herren Bötticher, Berlepsch und Köllcr umdrängten ihn, um Rath einzuflüstern— sie, deren Gesicht mit pein- lickster Deutlichkeit verricth, daß sie selber ohne Rath waren. Und schließlich, nachdem schon einem anderen Redner das Wort enhcilt war, hatte der neue Reichskanzler eine Antwort gefunden, die nur ein Ausweichen war, und wahrhaftig kein geschicktes. Herr von Bötticher kam seinem Chef zu Hilfe, allein was läßt sich sagen, wenn man weiß, daß die Wahrheit nicht gesagt werden kann? Die Bei- spiele persönlichen Regiments, die der Abgeordnete Richter mehr andeutete als anführte, und denen er die Inschrift: Verfassungsbruch an die Stirn klebte, ließen in das Wesen unserer inneren Politik einen Einblick thun, so bc- schämend, daß sogar die Mitglieder der Reichsregierung sich der Wirkung nicht zn entziehen vermochten. Es muß aber auch gesagt werden, in einem„kon- stitntionellen" Staate hat noch niemals eine Regierung eine ähnliche Rolle gespielt, wie die deutsche Reichsregierung des neuesten Kurses.— dem Nachhauseweg war, erschien schon die Nachricht, daß der schon lange Zeit kranke Vizepräsident, der nach der Ver- sassung die Regierung bis zum Ablauf der Präsidentur- Periode zu führen hatte, eben seinen Leiden erlegen wäre. Am selben Abend hatte der Apotheker eine längere geheime Unterredung mit dem Herrn Ober-Staatsanwalt und diese endete damit, daß Herr Guanes wieder in seine Tasche griff und das Konto Gill's danach mit Interesse ftndirte. Wenige Wochen darauf wurde ein unbedeutender Deputirter namens Salvador Jovellanos zum Präsidenten erwählt, der in seiner Antrittsrede zur großen Freude der Zuhörer versichern konnte, daß der Erlrag des englischen Anlchens dem- nächst in Asuncion eintreffen werde, um zur Unter- stützung und Neubelebung von Industrie und Ackerbau verwandt zu werden. Er schätze sich glücklich, daß es seiner Regiernngsperiode vorbehalten gewesen sei, in dieser schönen Weise für den Fortschritt des Landes sorgen zu können.— „Du hast wohl nichts dagegen, lieber Freund, wenn ich bei Dir mich aus einige Tage einquartiere", sagte Nicanor Godoy z» Rivarola wenige Tage darauf, indem er einen späten Nachmittag, begleitet von einem Eckensteher, der ihm allerlei Sachen nachtrug, in die Wohnung seines Freundes trat.„Ich komme mit meinen ganzem Hausrath angezogen... Daß dieser so klein ist, dafür kann ich nicht ... ich gedenke einige Tage hier zu bleiben, da ich allerlei Geschäfte habe... Du wirst wohl ganz zufrieden darüber sein, daß ich Dir ein paar Tage Gesellschaft leiste.-. Du siehst mir gar zu kopfhängerisch aus... Danke Freund," wandte er sich dann an den Peon, indem er ihm einen kleinen Koffer und einen großen Käfig mit kleinen Papageien abnahm, von der Form, wie in ihm die Bäuerinnen von Paraguay am Asnecener Hafen oder auf dem Marktplatz Im LlbgeordnetenhauS wurde heute noch über den Eisenvahnelat debattirt. Die Sitzung wurde fast ausschließ- lich mit Klagen über die ungünstigen Gehalts- und Avance- mentsverhältnisse der Eiseubahntechuiker und Erwiderungen hierauf seitens der Minister und Geheimräthe ausgefüllt. Nächste Sitzung ist Dienstag Vorniittag. Tagesordnung: Etat der Eisenbahnen und des Finanzministers.— Tas Zentrum und der Umsturz. Innerhalb der Zentrumspartei scheint es stärker zu kochen und zu gähren, als man in uneingeweihten Kreisen wissen kann. Ein offizielles Zentrnmsblatt nach dem anderen bringt spalten- lange Arnkel, run den Umfaß der Partei den Partei- genoffen einigermaßen plausibel zu machen. Und wie kläg- lich fallen diese Versuche ans! Das A und O der Ent- schuldigungsversnche ist immer noch, daß' ja die Abstimmung in der Kommission nicht endgiltig sei — eine Zentrums-Korrespondenz schrieb ja sogar, sie sei nur probeweise erfolgt— und das Zentrum seine Taktik bei de» späteren Abstimmungen immer noch ändern könne, wenn ihm dies nöthig erscheine.— So schreibt heute das Berliner Zentrumsblatt, die„Germania" in demselben Sinne: „Die Abstiiinn'.mg fand statt in der ersten Lesung der Koni- »nssionsberalhnng uud bindet gar nicht für die Zukunft, sondern luvt, wie jeder Parlamentarier weiß, falls nicht in der zweite» Lesung der Koucuussionsbsraihung eine einwandfreie Fassung gesunden wird, es völlig frei, gegen alle anderen ans- tauchenden Vorschläge und auch gegen den vo» der Regierung vorgeschlagenen§ lila zu stimme»." Von großem Interesse ist auch ein der„Kölnischen Volks-Zeitung" zugegangener Brief eines hervorragenden badifchen Parlamentariers. Leider gestattet es der Raum des„Vorwärts" nicht, denselben wörtlich abzudrucken. Unser Bedauern � ist lediglich auf den Umstand zurück- zuführen, daß unsere Leser sich an dcm merkwürdigen Eier- tanze des„hervorragenden Parlamentariers" nicht mit- ergötzen können. Nachdem der Mann die Haltung des Zentrums sehr gelobt hat, schreibt er: Die Zustimmung zu§ lila will trotz ihres provisorischen Charakters nicht verstanden werden, da die definitive Annahme der von der Kommission beschlossenen Fassung undenkbar cr- scheint. Man hat bei uns so sehr al? irgendwo in Deutschland eine ausgeprägte Schen vor„Kantschnk". Bestimmungen über- Haupt, die nicht blos auf grundsätzlichen Anschauungen beruht, sondern auch ans Erfahrungen unerfreulicher Art. Und seine Betrachtungen schließt er folgendermaßen: Die ernsten Bemühungen des Zentrums, der Vorlage eine Gestalt zu geben, daß ei» Gesetz zu stände kommt, welches in Wirklichkeil eine wirksame Waffe im Kampfe für„Religion, Ordnung und Sine" wird, verdienen und finden vollen Beifall. Doch ist bei uns i» Baden die Hoffnung klein, daß Regierung und Parteien etwas zn stände kommen lassen, das für das Zentrum annehmbar er- scheinen kann. SolNe diese Besorgniß in Erfüllung gehen, so wird das Zentrum leichten HerzcnS„Rein" sagen können. Seine Wähler werden ein solches„Siein" mit Genug- l h u u u g entgegen nehmen. Und je weiter es die Hand geboten hat, desto mehr wird es auch in andere» Kreisen gerechtfertigt erscheinen, die vielleicht ei» „Ja" gewünscht haben. Dieses Moment darf auch einige Berücksichtigung in An- spruch nehmen. Mit einem Worte- Was gewisses weiß man im Zentrum nicht! Und diese Partei ist die ausschlaggebende im Reichstag! Armes Deutschland!— Stöcker und die Sozialdemokratie. Am Freitag Abend hielten die„Christlich-Sozialen" des(3. Wahlkreises eine Versammlung ab, in welcher Herr Hosprediger a. D. Stöcker eine„Enthüllung" eigener Art zum Besten gab. Er erzählte(wir folgen dem Bericht des Ahlivardt-Monitcurs), er habe einmal mit vier sozialdemokratischen Abgeordneten zusammcngesessen und sie gefragt, ob er nebst seinen Christlich- Sozialen bei den Wahlen nicht mit den Sozialdemokraten zusammengehen könnten. Doch müßte er die Bedingung stellen;„die Herren müßten neben den anderen Parteien in Frieden arbeiten und ihre Beleidigungen gegen Kirche und religiöses Leben lassen und ihren Haß gegen das Vaterland ablegen." Herr Stöckcr behauptete, drei der sozialdemokratischen Abgeordneten seien nicht abgeneigt gewesen, auf den Vorschlag einzugehen, nur an Singer's Widerspruch sei die Sache gescheitert.— Die vorstehende Notiz druckt heute Abend die„Volks- Zeitung" ab. Diese Darstellung des Herrn Stöcker ist wie so vieles andere, was der Herr Hosprcdiger a. D. sagt, der Wahr- heit nicht entsprechend, der Vorgang spielte sich, wie wir aus bester Quelle wissen, im Jahre 1881(Ende Oktober) anläßlich der engeren Wahlen zum Reichstag ab. Damals stand im vierten Berliner Wahlkreis Genosse Bebel und im sechsten Wahlkreis der verstorbene Genosse Hasenclcver gegen einen fortschrittlichen Kandidaten in der engeren Vögel zum Verkauf anbieten.„Ich bitte um Entschuldi- gung, daß ich meine Menagerie mitgeschleppt habe; aber diese Vögel sind einmal meine Leidenschaft, und sie sollen Dich nicht viel stören, ich will sie auf dem Vorplay unter- bringen."_ Thentev. Nenes Theater. Ein wohlfeiler Erfolg, mit stoffwohlfeile» Mitteln gewonnen, das war das Merkmal der ersten Aufführung eines Volksstücks an» Sonntag. Man gab im Neuen Theater das Scdauspiel„Liebe von heute" von Robert Misch. Wer seit Jabren zum Theaterläufer verdonnert ist, der kennt längst die billigen Theaterrequisiten, die für Volksstücke vom Schlage der„Liebe von heute" im Schwang sind. Man beleidigt den proletarischen Intellekt, mitunter in ganz roher und wider- sinniger Weise, um desto lauter da» gute Herz des arme» kleinen Mannes preisen zu können. Derlei schmeichelt bcm vollbesetzten Parqnei; sie können auf die ehrlichen Tröpfe von Proletariern im Hocbgesühl ihrer gesellschaftlichen Bildung mit Schndcnsreude berabblicken, und da sie anderseils doch einiges Mitgefühl mit dcm Leben der braven Proletarier haben, so neigen sie zugleich zur Selbslveriröstung und meinen:„Sind wir nicht prächtige, aufgeklärle Menschen?" Aus einer Trivialität und aus einer verlogenen obendrein baut sich das Volsslück von Misch auf. In der Familie der protzigen, bis znr gröbsten Karrialur taktlosen Frau Lulschansky, einer neugebackenen Berliner Millionärin, wächst das Proletarierkind Helene, die Tochter des Lithographen Richter, auf. Sie ist die Nichte der Frau Lulschansky. Wenn Frl. Helene inmitten der Pöbelhaitigkelt. die sie umgiebl, fein von Verstand und Gemüth wurde, so konnte ihr Wesen sich nur entwickelt haben in inneren Kämpfen gegen den reich gewordene» Pöbel, in den sie zufällig gerieth, nicht umgekehrt. Der Blick des gut veranlagten Weibcs mußte geschärft werden gegen das Rowdythum und die Windbeutelei der Frau Lulschansky und ihrer Tochter'und all der Gesellen, die der Parvenü- Familie schmarotzend Wahl, wohingegen im zweiten Berliner Wahlkreis Stöcker gegen Virchow in engerer Wahl stand. Diese Kail- stellation suchten Herr Stöcker und seine Freunde znr Herbeiführung eines gemeinsamen Zusammengehens gegen den Fortschritt zu benutzen. Und so erklärten sie sich bereit, für den sozialdemokratischen Kandidaten zu stimmeu, falls die letzteren die Erklärung abgäben, daß der sozialdcmo- kratischen Partei alle revolutionären Bestrebungen fern lägen und sie sich auf den Boden der Sozialrcform stelle. Wenn dies geschehe, versprach man sogar, für die Aushebung des Sozialistengesetzes zu wirken. Unter den damals maßgebcn- den berliner Genossen— darunter auch Singer, der damals noch nicht kandidirte— fand dieses Entgegenkommen die gebührende Abweisung. Man hielt es aber im Kreise der Genossen auch für zweckmäßig, die Meinnng der beiden Kandidaten einzuholen, und so erschien in Dresden eine Deputation die Bebel, Liebknecht und H a s e n clever unterrichtete und diese nm ihre Ansicht ersuchte. Die Ant- wort war eine schroff ablehnende. Bemerkt sei, daß man konservativerseits voraussetzte, daß, wenn die Konservativen für die sozialdemokratischen Kandidaten stimmten, die sozialdemokratischen Wähler für Stöckcr stimmen ivürdeil. Das Endresultat dieser engeren Wahlen war, daß im 2. und 4. Wahlkreis die fortschrittlichen Kandidaten, im L. der sozialdemokratische Kandidat siegte.— Ter Verkauf, welchen die erste Tagung des vom Parteitag in Frankfurt a. M. niedergesetzten A g r a r- Ausschusses genommen hat, wird in den weitesten Kreisen der Parteigenossen hohe Befriedigung hervorrufen. Gerade diejenigen Punkte, die nach dein kehlen Parteitage zu ernsthaften Differenzen zn führen schienen, sind, nachdem offene Aussprache gewisse Mißverständnisse beseitigt hatte, ohne jegliche Schwierigkeit erledigt worden. Durch die ge- faßten Beschlüsse ist nicht nur ein gedeihliches Zusauimcn- wirken für das Studium der Landfrage sowohl als für div Landagitation gesichert, sondern auch jeglicher Befürchtnng, der Agrar- Ausschuß könne zu einer„Verwässernng" des Programnis benutzt werden, der Boden entzogen ivorden. Eine Abänderung des Programms ivar überhaupt niemals in Frage und ist es jetzt nicht das worum es sich handelt ist blos die Frage, ob dcm Parteiprogramm, dessen Grundlagen niemand an- tastet und wir von niemandem antasten lassen, in seinem praktischen Theil durch Formuliriing einiger speziell die Lage der Landbevölkerung betreffenden Forderungen zn „ergänzen"— wie der Ausdruck in der Resolution des Frankfurter Parteitages lautet.— Tie Nachwahl iu MörS-ReeS. Bei der am 9. d. M. im 7. Wahlkreise des Regierungsbezirks Tüffeldorf(Mörs-Siecs)»all- gehabten Rcichstags-Ersaywahl erhielt nach amtlicher Festslellung Amtsgerichtsrath Fritzen(Zentrum) 12 787 Stimmen, Landrath Dr. Haniel(frcikonservativ) 10 432 Stimmen. Aus dem kleinen Landbezirk Danun-Dämmerwald steht das Resultat noch aus.— Zum Erlast des Kaisers über Soldatenmisthand- luugcu, den wir unlängst veröffentlichten, bemerkten frei- willige und honorirte Vertheidiger der Regierung, daß er blos dafür Zeugniß ablege, daß vor 1899 Soldatenmißhand- lnngeir häufig vorkamen, jetzt seien sie aber blos noch Ans- nahmen. Leider sind diese Ausnahmen nicht so selten. Sehr hänfig kommen uns detaillirte Meldungen über Soldaten- inißhaiidlnngen zu, müssen aber in der Regel von der Ver- össeiitlichuiig absehe», da ein Beweis vor Gericht dadurch erschwert wird, daß die Zeugen noch in der Uniform stecken und diese Nachtheile befürchten könnten, wenn sie von dein Redakteur eines sozialdemokratischen Blattes als Zeugen über die Hanlnngen ihres Vorgesetzten vernommen werden. Einen der uns in letzter Zeit mitgctheiltcn Fälle, für den wir aus dem Zivilstande mit ausreichenden Zeugenaussagen aiifwarten können, sei hier mitgetheilt. Otto Micha» diente in der 19. Kompagnie des 52. Infanterie- Regiments in Kottbus. Sein Sergeant Müller drückte seinen Tadel über die mangelhaften Leistungen des Michail in der Weise ans, daß er ihm so gründlich ans den Fuß trat, daß Blut- Vergiftung, welche den ganzen Körper erfaßte, die Folge war. Alle Versuche der Acrzte, die Amputation cincr Zehe, die Einschnitte ins Fleisch halfen nichts, Micha» starb an den Folgen der Blntvergistnng. Wir wollen noch hinzufügen, was die„Märkische Volks« stimme" hierzu bemerkte. Sie schreibt: Kottbns, 5. Februar. Abermals können wir von einer beim hiesigen 52. Jnfanterie-Regimenc vorgekommenen Rekruten» Mißhandlung berichlen, welche in ihrem weiteren Verlaufe d«n Tod des Betreffenden zur Folge hatte. Der Rekrut Micha» wurde beim Excrziren vom Unierosffzier heftig auf die Zehen getreten. Micha» beachtete dies trotz heftiger Schmerzen nicht dienen. Aber nichts von alledem. Helene verliebt sich arglos, wie ein Kind, in einen Gast der Familie Lutschansky, den vornehmen Herrn Arnemann, einen Regierungsasseffor, der dem Polizeipräsidium zngclheilt ist. Leidenschafl verblendet! Gut! Aber soll ein Wesen, voll von gesunder Kraft, unl gescheite». wellkundigen Sinnen sich von einem moralischen Krüpvel dauernd in Fesseln schlagen lassen? Anfangs meint's der Assessor leiblich gut mit seinen„ernsten Absichte»". Dann aber trilt das uralte Komödiennnglück ein und oer plumpe Tric unserer Bühnen- spelulanten, hundert- und tausendfältigen Erfahrungen des wirk- lieben Lebens zum Trotz wird das bischen gesellschaftlicher Schliff so dargestellt, als sei er unerreichbar für Proletarier; als seien die Proletarier.Typen von wilden Barbaren, die sich sofort unmöglich machen, wenn sie irgend einem Herrn von X. begegnen. Der Assessor verlobt sich mit Helene, aher insgeheim. Herr Richter, der Litbograph und Arbeiterführer, ist so kindlich naiv, daß er alles glaubt und alles duldet. Helene mußte aus dcm Hause Lutschansky fort und mußle in die bescheidene Stube ihres Vaters heimkehre». Dort fühlt sich der Herr Assessor gcnirt, zumal die Freunde und Genossen des Lithographen sich benenehme», als sei ihnen gesellschaflliche Kultur auch nicht dem Namen nach be- kannt. Das giebt ein Halloh im Tdealcr, wenn in einer wichtigen Ausschußsitzung der Arbeiterschaft einer der Ver- trauensmänner sich am Gilka zum Vieh delrinkt! Wie jubeln da die Unwissenden den„Dichter" heraus! Allmälig wird dem Assessor seine Braut zum Verdruß. Er ist Lebemann und Schuldenmachcr und muß sich„arrangiren". Zuerst verführt er Helenen, sie ist ihm blind ergeben. Sie lernt seine Lumpen- hafligkeit kennen und hofft noch immer und klammert sich an ihn, wo selbständige Naturen ihrer Art längst sich mit Ekel von solchem Manne abgewandt hätte». Schließlich verkauft der Assessor sich schäm- und würdelos an Zinna, die Tochter der Frau Lulschansky und der alte Richter flucht dem Verführer seiner Tochter.- Die gröbliche Manier der Komödie wäre vielleicht noch auffälliger geworden, wäre im ganzen nicht leidlich gespielt und wären die Hauptrollen(Helene— Fräulein Sandvw. Assessor— Herr, Reusch) nicht zwei sehr ver- ständigen und diskrrten Schauspielern anvertraut worden. oTdrfj, fönten s>iS)!e noch welter Dlciist zu thun.?lach Ansicht der Augehörigen unterließ der Rekrut jedenfalls die Meldung des Vorfalles aus Furcht vor eventuellen Folgen für sich. Bald machte sich jedoch seine Nebersührung nach dem Garnison-La- arech nothwendig, wo das Bein hcflig anschwoll und der Rekrut ehr bald unter den heftigsten Schmerzen, wohl an den Folgen einer Blutvergiftung, starb. Der Unteroffizier soll in Untersuchungshaft genommen sein. Am Montag erfolgte die Beerdigung des Verstorbenen unter ungewöhnlich starker Betheilizung der Bevölkerung. Interessant zu bemerken war es. wie der Superintendent am Grabe um die Todesursache herumging. Er meinte, es sei für uns irdische Menschen geradezu unbegreiflich. wie ein„so ganz kleiner Unfall" den Tod eines blühenden und kräftigen Menschen znr Folge haben könnte. Aus den Reden und Mienen der Umstehenden wie der Angehörigen ging jedoch deutlich hervor, daß man den Fall durchans nicht so „unbegreiflich" fand. Ter Hauptmann versprach den Angehörigen «ine strenge Untersuchung des Vorfalles. Ob dieselbe gegen weitere derartige Ausschuiiungen helfen wird, bezweifeln wir freilich.— Landtagswa�l in WiirtteuiletL. Unser Stuttgarter Korrefpondenl schreibt uns: „Ter Landesvorstand erläßt in der„Schwab. Tagwacht" eine Bekanntmachung an die Parteigenossen im Lao.de wegen ibres Aerhaltei�s während der Stichwahl und empfiehlt den Parteigenossen im allgemeinen Stimmenthaltung. In denjenigen Wahlkreisen aber, in welchen die Partei ausschlaggebend ist, mögen sich die Eenosien angelegen sein lassen, durch Belheiligung an der Wahl denjenigen Kandidaten z u Fall zu bringen. der ans grund seiner Polizeizugebörigkeit als ein Feind jeder freiheitlichen Entwidelung angesehen werden muß. In oubetrachl der znr Zeit in ganz Teutschland drohenden Reaktion, die dem arbeitenden Nolle seine politischen Rechte nehmen will, in Bciüchsichiigung. daß es Ausgabe der Partei ist, die ziw Zeit so wie so spärlichen Rechte des Volkes zu schützen, soll jeder Parteigenosse daraus bedacht sein, daß in der Stichwahl nur solche Kandidaten gewählt werden, welche sich als enlschiedenc Gegner der reaktionäre» Strömung und gegen jede Beschränkung der politischen Rechte erklären." Die L6 Stichwahlen selbst, von denen wir an K direkt betheiligt sind, finden bereits am 14. und 15. d. M. statt. Und der Landtag ist, wie im„Staatsanzcigcr für Württemberg" vom 11. d. M. bekannt gemacht wird, aus den 20. d. M. e i n b e r n f e it worden.— Giitc«nie Mordtvo.sse. Vor einigen Wochen ging durch einen Thcil der Presse die Nachricht, in Oestv-rcich sei ein neues I u f antcrie-Gewehr erfunden ivordcn, - das blas 5 Millimeter Bohrung habe, auf drei Kilometer „die Kucchen zu Mehl" zermalme, und noch zwei Kilometer weiter, als unser 8 Millimcter.Gcivchr, mit tödtlichcm Er- folge schieße. Tie Nachricht verschwand plötzlich aus der Presse— offenbar auf höhere Veraiistaltniig, denn die Anbeter des Militarisnius haben guten Grund, dafür zu sorgen, daß derartige Greuel mit einem Schleier bedeck» werden. Jetzt wird plötzlich„von militärischer Seite" die Richtigkeit der Mitthcilnng bestätigt. mit der ominiösen Hinzusügung, daß, wenn eine Militärmacht ein so außerordentlich vervollkommnetes Gewehr herstelle, dann s e l b st v e rst ä n d l i ch alle übrigen Militärmächte dem Beispiel folgen müßten. Allerdings ist das„selbstverständlich". Und„selbstverständlich" ist auch, daß das neueste Lster- rcichische Gewehr bald von einem noch„rasanteren", d. h. ans noch weitere Entfernung tödllichen Gewehr ersetzt sein wird. Das hindert indcß nicht, daß uns abermals Dutzende von Millionen für das neueste Mordgeivehr aus der Tasche genommen werden.— Ter österreichische Ne'chsrath ist aus den 1V. d. M. kinberufen. Er wird wohl sofort in die Berathung der Etats eintreten, jedenfalls soll ihm eine Wahlresorm-Vorlage nicht zugehen.— Tas Tuest war, wie wir unlängst berichtet hatten, Gegenstand abfälliger Beurtheilung und entsprechender Be- schtüsse im tyroler Landtag. Noch energischer will aber der Landtag von Vorarlberg gegen das Ofsiziersduell vorgehen. Die Majorität des Wehrausschnsses will die Landwehr- vorläge ablehnen, wenn das Ofsiziersduell nicht unbedingt verboten wird. Ans die Entwickelung der Angelegenheit kann mau aus prinzipiellen Gründen begierig sein.— Belgien und der Kougostaat. Die belgisch« Regierung wird aui Diensiag die Vorlage, belreffend die Uebernahme des Kongostaates, einbringen.— Die spanische» Schutzzölle. Tas spanische„Amtsblatt" veröffeutlichu gestern das©c|etz, durch melches der Eingangszoll für fremdes Getreide auf 2,a0 Pesetas, für Mehl auf-t.tl? Pesetas und für Kleie aus 2 Pesetas pro 100 Kilogramm erhöht wird. Das Gesetz ist bis zum 31. Dezember giltig. Die Regierung behält sich das Recht vor. die Gilligkeitsdaner des Gesetzes zu verlängern.— Ter Bombenbarou vv« Uugern-Tternberg— rekte Jagolkowsky— hat das Ziel seii.er Auftraggeber erreicht. Die armen Opfer seiner Niedertracht sitzen im Zuchthaus oder Gefäugniß, wie unser Bericht über das Endergebnis des Liitticher Anarchistenprozcsses zeigt. Tie russische Regierung hat bckannllich ihren sKeat provocateur vor dem verdienten Schicksal bewahrt, indem sie ihn rechtzeitig in Sichcrheits- Haft nahm und sich weigerte, ihn nach Belgien auszuliefern. Hand in Hand mit der russischen Regierung ging die französische," indem sie sich weigerte, über jenen Herrn v. Leonard in Paris, welcher dort bei der russischen Gesandt- schaft ist, Auslunft zn geben, der den„Baron" so eifrig niit den uöthigen Geldmitteln versah und zugleich dafür sorgte, daß die Lütlicher Polizei von Zeit und Ort der geplanten Altentale Kenntniß erhielt. Oder hatte man in Lütüch bezw. Brüssel auch kein Interesse daran, rechtzeitig hinter das Treiben zu kommen, obgleich die Slnwejcicheit Jagolkowsky's bekannt war und auffallen mußte? Wie dem sei, nachdem der Bombenbaron seine Schuldig- kcit gelhan, hat die russische Regierung ihre» Schützling auf freienFuß gesetzt undsoeben befindet sich derselbe wieder in einer sehr leicht zu errathenden Mission in Zürich be- ziehentlich der Schweiz. Allem Anschein nach ist eine zweite Auflage der Hallunken st reiche des Ungern- Sternberg— reoteJagolkowsky— geplant und möglicherweise in D e u t s ch l a n d. Die Jnternationalität der Arbeiter zu friedlicher Kulturarbeit ist ein Verbrechen, aberinternationaicLockspitzelverschwörungen find ein für die Gesellschaft wohlthätiges Werk. Und die russische Regierung hat ihre Kunst, internationale Ber- schwörungcn zur Begehung von Verbrechen an- zuzetteln, in Bulgarien und Belgien so meisterhaft buvlefen, daß man sich aus ähnliche Ueber- rasch, mgm anderwärts gefaßt machen darf. Warum soll die russische Polizei nicht auch ungernsen den deutschen Machthabern zu Hilfe kommen, um die Umsturzvorlage durchzudrücken, wenn sie ihren Eifer in Belgien bewies, wo viel weniger aus dem Spiele stand?— Also die Augen auf und scharf auf- gepaßt in der Schweiz und in Deutschland! Ein Spießgeselle des Jagolkowsky ist der Schneider David Schapira, von dein der Staatsanwalt Telmaide im Lntticher Prozeß als einem Dr. Schapira sprach, und ein dritter Bombenlockspitzel ist ein gewisser Malanckiewicz. Diese drei haben in Gemeinschaft mit dem im Lntticher Anarchistenprozcß vernrtheilten Deutschen Bach„gearbeitet". Schapira wurde durch die belgische Regierung von der englischen rcklamirt, er bekam aber selbstverständlich recht- zeitig Wind und verduftete von London nach Paris, wo die Gönner des Jagolkoivüly auch über ihn die schützenden Arme breiten, In Teutschland hat das Agent- ProvoTateurthnm sich bisher darauf beschränkt, gewisse Brandschristen an den geeigneten Stellen zu verbreiten, und es haben sich Gimpel gefunden, die auf den Leim gingen nnd den •Agent provocatenrs zu Diensten waren. Die Porgänge in den Nachbarländern urrd die Thütigkeit einer internationalen Lockspitzel-Verschwörerbande lvom Schlage der Jagolkowsky- Schapira- Malanckrewicz, denen sich die Bach, Hamm, Ricken würdig anschließen, uölhigt uns, nachdrücklich allen unfern Parteigenossen zuzurufen: Achtüiig! Und die Auge» auf! China scieinl»u» doch dem Friedensschliisse geneigter, es hat seine Unterhändler nachträglich mit ausreichenden Bolliuachlen versehen.— Navlaittcnlsbcrichke. Deutscher Reichstag. (Schluß aus der 1. Beilage) Abg. Lieber(Z.): Die eifrige Auszählung aller Einwände gegen Diäten, wie sie von Herrn v. Holleuffer erfolgic, hat doch nicht verhindern können, daß er wider Willen zum Befür- worter des Antrages wurde. Wir stehen nach wie vor grundsätzlich auf dem Boden des Antrages ind zwar nicht sowohl mit Rüchsicht aus die Ge- wühlten, sondern auf die Wähler, die doch die Diälen- losigkeit in der Auswahl der Kandidolen beschränkt. Tie Vertreter des Arbciterslandes, die der breiten Schichten des erwerbenden Mittelstandes brauchen wir hier nothwendig in größerer Zahl als jetzt vorhanden sind. Abg. Richter t Tie Zeit, wo man an einen solchen Antrag hochpolitische Diskussionen knüpfte, ist vorbei. Herr v Holleusser spricht von Berfassungsbedeukcn. Wo waren diese, als die fünf- jährige Legislaturperiode eingeführt wurde? Der Ton in den Wahlversammlungen könnte auch noch schlechter werden, wenn es Diäten gicbt, deutele Herr v. Holleusser an; er will auch die passive Wählbarkeit auf diejenigen beschränken, die im Mahlkreise wohnen. Letzteres wäre in der That eine Verschlechterung des jetzigen Rechteztistandes; denn die parlamentarische Intelligenz ist nicht nach Maßgabe der Oertlichkeil in Deutsch- land verthcilt. Das Stichwort„Erwerbsparlamentarier" ist seiner Zeil von dem Fürsten Bismaick in die Debatte hineingebracht worden. Erwerbsparlainentarier haben sich schon jetzt gefunden, aber vorzugsweise unter den Beamten, welche vielleicht davon ausgingen, daß sie leichter ein höheres Amt erwerben könnten, wenn sie sich vsler unter den Augen des vorgesetzten Ministers bewegten. Die Parte«», die immer von der Vertretung des Mittelstandes sprechen, müssen den Antrag annehmen. Abg. Förster-Neustettin(A»t.)t DieRede des Abg. v. Holleusser hat sich in lauter Widersprüchen bewegt. Warum soll den» ge- rade der Besitz und die oft zneifelhaile Bildung eher besähigeii, hier im Reichstage ein Wort mitzureden, als das Berständniß des Handwerkers und Arbeiters? Sollten denn wirtlich die Wähler so leicht sich in's Schlepptau nehmen lassen bei den Wahle» durch zweiselhasle Eristenzen, die aus den Mandaten Erwerb ziehen wallen? Im Namen des gleichen Rechts für alle müssen wir diese Forderung ersüllen. Abg. Graf zu Limburg-Ttirum: Die Frage ist eine hoch- politische Frage, mit welcher Sie(links) die Frage des all- gemeinen Wahlrechts anschneiden, nicht wir. Das Korrelat des Wahlrechts ist die Diätenlosigkeit, Sie alteriren den Charakter der Sachlage, wenn Sie jetzt Diäten verlangen. Die Herren sind gegen die Verwalturgsbeamten als Abgeordnete eingenommen, aber nicht gegen die Richter, die auch ihr volles Gehalt bekommen, wenn sie im Parlament sitzen. In den Landräthen und Verwaltungsbcamten befindet sich ebenso viel Unabhängigkeit, als unter den anderen Beamtenkategorien. Die Verfassung ist doch nicht ein unwandelbares Ding, und für ewige Zeiten desnmmt. Wir haben die Legislaturperiode aller- dings verlängert; wie können Sie uns das vorhalten in dem Augenblicke, wo Sie selbst cbensalls die Bersassung ändern wollen? Ueber den Ton in Wahlversammlungen sollte doch err Richter nicht reden; keine Partei hat zn dem verhetzenden one in denselben soviel beigetragen als er. Freilich hat er keinen Bortheil davon gehabt, denn der Nachwuchs ist den Sozial- demokralen zugefallen. Herr Richter sprach auch dagegen, dah Leute nur aus den Wahlkreisen gewählt werden dürsten. Wir haben stets beklagt, daß die Mandate sich immer mehr kon- zenlriren auf Leute, die in Berlin wohnen. Mir jenem Korrelat würden allerdülgs die Herren Berliner nicht gut fortkomme». Erwcrbsparlanientarier fürchtet Herr Richter nicht. Mir will es doch so scheinen, als ob der Beruf des Journalisten und des Parlamentariers sich so gut verträgt, daß man nicht recht weiß, ob der Journalist für den Parlamentarier arbeitet oder der Par« lamentarier für d.n Journalisten.(Sehr gut! rechts.) Diäten können gegeben werden, aber nur mit dem Korrelat, daß der Abgeordnete in dem Wahlkreis« wohnt, der ihn wühlt. Der Titel wird bewilligt. Die Resolution Ancker und Ge- uossen, die Diäten belressevd, wird angenommen; dagegen stimmen die beiden Parteien der Rechten und ein TKeil der Rational- liberalen. Ter Rest des Etats des Reichstages wird genehmigt. Es folgt der Etat sür den Reichskanzler und die Reichskanzlei. Abg. Siegle(natl.) fragt, waS von Reichswegen auf die Beschwerten der deutschen Ansiedler in Syrien und P a l ä st i n a bisher geschehen sei. Seil 1803 seien solche Kolonisten dort vorhanden, die Reichs regierung habe ihueu später das freie Niederlassungsrecht von der Türkei erwirkt; die Grund- läge ihrer Ausiedluiig fei ihr Besiyrechl an dem erworbenen Grund und Boden. Dieses hatten die türkischen Untcrbehörden neuerdings zu ignoriren angefangen, sie wollten die„Vakufs", Freibriefe für die Ländereien noch nicht auerkennen und es hätten bereits gewallige Verdrehungen stattgefunden. Seit einer Reihe von Jahren werde einjach das Land alS Re- giernngsland requirirt. Etaaisseirelär v. Marschall: Die Lage der deutschen Kolonisten verdient, wie ich bestätigen muß, unsere ganze Aus- merlsamkeit und Fürsorge. Unsere Kolonisten in Jaffa nnd anderen Orten sind brave Arbeitsleute. Ihre Lage ist gewiß schwierig; unserer Einwirkung aber ist durch die iniernaiionalen Verträge mit der Türkei«ine Grenze gezogen. Es handelt sich um eine der verwickeltest«« Materien, umidas türkische Grundeigenthum-rccht, welches durch Satzungen religiöser Art und durch Gewohnheitsrechte komplizirt wird. Das Staatsland in der Türkei kann auch in der Form des Privatlandes besessen und übertragen werden. Der Besitzer von Staalsland muß den Zehnten bezahlen und ist gewissen Beschränkungen unkerworsen, nur von Privatland hat er die Grundsteuer zu bezahlen. Es handelt sich also nicht um Expropriationen sondern nur um höhere Belastungen des Grundstücks bei der Verwandlung von Privatland in Staats'and. Rechtlich war die Cache ziemlich zwciselhaft. Trotzdem hat die Boischast die Sache mit Nachdruck verfolgt und gellend ge- macht, daß es alle Sicherheit erschüttern müßte, wenn die Rechts- giltigkeit stattgehabter Bodenübertragungen durch spätere Bei- ordnungen wieder in Zweifel gestellt würde. Die Pforte ver- sprach Abhilfe, es kamen aber neue Beschwerden, wieder ging die Botschaft vor, und es ist dann ein Erlaß der Pforte er- gangen, der im wesentlichen den Wünschen der Kolonisten entsprach. Abg. Frese(frf. Vg.)t Es giebt eine Menge von Exisiciizen, welche in der Heimath schiffbrüchig geworden, dann ins Ausland gehen, und dort, ivenn es ihnen schief geht, sofort die Intervention des Reiches glauben anrufen und seine Hilfe sür sich mobil machen zu können. Der solvente fleißige Kaufmann findet sich in die Sitten anderer Länder hinein; der Abenteurer stiftet nur Unfrieden und giebt zu internationalen Ber- Wickelungen Anlaß. Das Ansehen Deutschlands im Auslände ist eher gewachsen. Tie Bremer Handelskammer ist der An- ficht, daß speziell in Nordamerika das Ansehen Deutschlands nicht so groß gewesen ist als jetzt. Ein solches Resultat ist nur der Wirksamkeit des Grasen Caprivi zu verdanken. Eine Gefahr, daß es wieder fallen könnte, würde höchstens aus der Absicht sich ergeben, die Handelsverträge zu kündige», oder aus dem Zu- standetemmen einer Börsenresorm, welche den deutschen Kauf- mann um seinen Kredit im Auslande bringen könnte. Damit würde auch das Deutsche Reich an Treu und Glauben ver- lieren. Mag unser Vaterland vor solchen Erscheinungen bewahrt bleiben! Abg. Molkeiibuhr(Soz.): Schon seit dem I. April 1832 haben wir in der Gewerbe-Ordnung eine Bestimmung,»velche besagt, baß für gewisse Erwerbszweige Dauer, Art und Zeit� der Arbeit vom Buudesrath bestimmt werden kann. Die Sünde gegen diese Vorschrislen soll mit Geld- und Ha tstrase geahndet werden können. Bis heute ist der Bundesrath nirgcnos ein- geschritten. In den Motiven der Gewerbe-Ordnungs-Novclle ist aber ausdrücklich auf solche Gewerbe hingewiesen iporden. Die Regierung geht so eifrig ans dem Gebiete der Strafgesetzgebung vor; wie kann siejdulde», daß alljährlich Hunderttausende an Leben und Gesundheit gefährdet werden dadurch, daß diese Vorschriften noch immer nicht erlassen sind? Scko 1892 hat die K o m- m hs s i o n f ü r A r b e i t e r st a t i st i k die Zustande im Bäckereigewerbe ans grund einer Einladung des Reichskaxzierszu ermitteln beschlossen. Tie Kommisston hat in 10 pCt. der Väckereibetriebe um- gefragt, wie lange die Arbeitszeit sei und sie ist zu folgendem Resultat gekommen. In 5347 Betrieben sind 10979 Hilfspersonen beschäftigt, davon 1221 Werkführer über 0000 Gesellen und 3440 Lehrlinge, von den letzleren 1800 unter 10 Jahren. Die Lehrlingszüchterei ist noch schlimmer, alS sie sich nach diesen Zahlen darstellt, denn es sind die Betriebe, in welchen nur Lehrlinge beschäftigt sind, aus der Enquete ausgeschieden worden. Run ist sestgestellr worden, daß in 15 pCt. der Bäckereien 12 und weniger Stunden, in 23 pCt. 12-14, in 13 pCt. 14—10 Stunden täglich gearbeitet wurde.(Vizepräsident v. Buol ersucht den Redner, nicht allzu tief in die Details sich zu vertiefen; die Sache ließe sich zweckentsprecheuder bei einem Titel des Reichsamts des Innern erörtern.) Ich würde dies gern lhun, wenn inir später nicht öas Wort abgeschnitten würde, weil die Ermittelungen auf Veranlassung des Reichskanzlers an- gestellt sind. Es wurde also thalsächlich eine übermäßig lange Arbeitszeit ermittelt, besonders in den größeren Betrieben. In !9 pCt. der Bäckereien ist die Arbeitszeil der Lehrlinge eine längere als die der Gesellen. Vom Ladenpersonal sind nur? pCt. wentger als 14 Stunden beschäftigt, 50 pCt. arbeiten 14—10, 35 pEt. länger als 10 Stunden. Daß eine so lange Arbeitszeit gesundheitsschädlich ist, liegt auf der Hand. Dazu kommt, daß, namentlich in Berlm, eine sehr große Zahl von Bäckereien im Keller gelegen ist. Wo Dampfkessel existiren, wird der Dampf in die Werkstätte geleitet und eine Hitze von 35 Grad C. erzeugt. Sonntagsarbeit ist in weitestem Maße vorhanden und doch gehl die Regierung, die Cchützerin von Religion, Ordnung und Sitte nicht vor. Nur 5 pCt. sämmilicher Bäcker gewähren 52 freie Sonntage in» Jahre. In den östlichen Provinzen wird überhaupt kein freier Sonntag gewährt. Nach dem Gutachten des Reichsgesundheits- amles herrscht in den Bäckereien eine ganze Reihe von Krank- Helten, Berkrüppelung der Hände und Füße u. s. w. Die Koni- Mission ist zu der Anschauung gekommen, daß sehr wohl eine Regelung der Arbeitszeit durchführbar ist, dahingehend, daß höchstens 12 Stunden täglich gearbeitet, mit einer mindestens 8 stündigen Ruhepause und einer lOstündigcn Sonntagsruhe. Konkurrenzrücksichtcn können hier nicht in Frage kommen, denn alle anderen Staaten, England, Frankreich, die Niederlande, die Schweiz, Schweden und Nor- wegen u. s. w., sogar Australien haben diese Frage schon ge- regelt und wir sind nur noch mit Rußland und der Türkei im Rückstände. Will die Regierung in der Sache etwas thun oder das Material der Komnusston für Arbeiterstatistik als„schätz- bares Material" in den Papierkorb des Reichskanzlers werfen? (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär v. Bötticher: Es ist nicht die Absicht, die Arbeiten der Kommission dem Papierkorb zu überliesern. Diese werthvollen Arbeiten sollen vielmehr einer Würdiguug unter- zogen und auf grund des Ergebnisses die Maßregeln getroffen werden, welche für einen Fortschritt auf diesem Gebiet der deutschen gewerblichen Thätigkeit erachtet werden. Auch Herr Molkenbuhr sollte doch wissen, daß der Bundesrath gerade, um die Verhältnisse in den einzelnen Gewerben genau übersehen zu können, die arbeitsstatistische Kommission eingesetzt hat, um dann auf grund des angezogene» Paragraphen, der Gewerbeordnung seine Maßnahmen zu treffen. Die Sache ist bezüglich des Bäckcrgewerbes in Fluß; die preußische Regierung hat sich dafür entschieden, daß der Weg der Gesetzgebung beschritten werden soll und ber Vorredner wird diesen Weg ja wohl auch als den zu- treffenden anseben. Bei der Redaktion des Gesetzes werden alle die einzelnen Uebelstände. die er heute angedeutet hat, erwogen werden. Rücksichtlich der Kellner, der Müller und der H a n d e ls an g e st eil t e n sind ja ebenfalls Enqueten im Gange, der K 120 e ist also keineswegs begraben. Abg. Hitze: Ueber eine absichtliche Verzögerung kann nicht mit Recht geklagt werden. Die Frage, ob die Arbeiter- schutzgesetzgebung auch aus d a s H a u d>v e r k aus- gedehnt werden könne, hat ihre großen Schwierigkeiten. Ii» Bäckereigc, verde ist Nacht- und Sonntagsarbeit sehr ausgedehnt, zum theil allgemein üblich. Da lasse sich nicht mit rauher Hand eingreifen, sondern Vorsicht muß geübt und Ausnahmen müssen zugelassen werden, umsomehr, da es sich hier um Handwerker handelt, die in starker Konkurrenz unter einander stehen und die chemischen Prozesse, die der Bäckerei- betrieb zur Voraussetzung hat, sich nicht an Polizeivorschriften binden lassen. Die Kommissiou hält die zwölfstündige Arbellszeit für durchführbar. Abg. Richter: Ueber die Form der verfassungsmäßigen Verantwortlichkeit des Retchskauzlers ist«ine Bemerkung am Platze, da die Gegenzeichnung des Reichskanzlers in den letzten Jahren nicht befolgt worden ist, wie es hätte geschehen müssen. Die kaiserlichen Erlaffe vom Febru. r 1890 sind von keinem Kanzler, noch � von einem verautwurtlichen Minister gegen- gezeichnet. Fürst Bismarck hat es abgelehnt, sie zu zeichnen. diese Erlaffe haben nach dem Wortlaut der Reichsverfassung keinerlei Giltigkeit. Es fragt sich, ob etwa nachher vom Grafen Caprivi oder vom Fürsten Hohenlohe eine Gegenzeichnung ersolgt ist. Wenn nicht, so entbehren sie nach wie vor der Giitig- teit, sie sind l-los Privainußeningen und können hier ebenso wenig zur Diskussion gestellr werden wie Privotänfiernngen. welche beiin Empfang des Reichslagsprüsidiuins fnllem Sie sind aber im„Reichs-Slnzeiger" veröffentlicht? Wie war das möglich, wenn sie doch keine Giltigkeir besaßen ohne die Gegenzeichnung? IN der„Reicks-Anzeiger" berechtigt, etwas amtlich zu pnbliziren, tvos ihm ohne Gegenzeichnimg zugegangen ist? Beim Grafen Caprivi meldete sich im vorigen Jahre ein Herr v. Natzmer mit der Mittheilnng, er sei zum Gouverneur von Kamerun ernannt. Er berief sich auf eine Ernennung des Monarchen. Es ist dem Neichskanzler, der zuerst zweifelte, ob der Mann richtig im Kopfe sei, später gelungen, diese Ernennung ruckgängig zu niachen. Ein solches Verfahren kann doch Miß- siäiide mit sich führen. Entweder wird durch die Rückgängigmachung der Monarch selbst bloßgestellt oder es wird die Lluloriiät der Mliiister bloßgestellt, wenn sie sich nachträglich fügen. Zivil- und Mllrtärkabinet sind den Ministern untergeordnet. Darf ein solches Kabinet einen an sich ungiltigen Akt dritten Personen bc- rannt machen? Ich möchte den Reichskanzler ersuchen, diese Kabinette in der Beziehung mit Anweisungen zu versehen. Reichskanzler Fürst Hohenlohe: Diese Erlasse sind zu einer Zeit ergangen, wo ich nicht im Zimte war; Fürst Bismarck trug dafür die Verantwortung. Eine Anstellung des Hauptmanns Natzmer hat nicht stattgefunden; der Gegenstand steht also zur Diskussion des Reichstages nicht. Zlbg. Richter: Fürst Bismarck hat die Verantwortlichkeit abgelehnt für die Erlasse; die Uebernahme der Verantwortlichkeit soll aber nach der Verfassung in der Form der Gegenzeichnung erfolgen. Die„Nntional-Zcitnng" schrieb damals, es sei zu wünschen, daß diese Versäumniß nachgeholt werde, abgesehen von den schweren Bedenken gegen die Unterlassung der Gegen- Zeichnung aus persönlichen Gründen. Bisher ist also eine Gegen- Zeichnung nicht erfolgt. Wie kann also Fürst Hohenlohe sich vor uns auf solche Erlasse beziehen? Das ist nicht diejenige sorg- fällige Beachtung der Verfassung, die wir zu fordern ein Recht haben. Ebenso liegt es im Falle des Hauptmanns v. Natzmer. Nach unseren Verfassungsbeilimmungen dürfen dritte Personen doch überhaupt nicht zwischen den Monarchen und den Minister treien. Staatssekretär v. Bötticher: Mir ist zwar bekannt gc- worden, daß Fürst Bismarck es abgelehnt hatte, die Gegen- Zeichnung zu übernehmen. Er hat diese Erlasse persönlich entworfen � und»venu er sie nicht gegengezeichnet hat, so ist dieses Verfahren lediglich der Erwägung zuzuschreiben, daß die beiden Erlasse gewissermaßen programmatische Erklärungen waren, die ein Ziel bezeichneten, welches der Kaiser als das seinige hingestellt halle. Der Kaiser sprach in dem Erlaß aus, was er auf dem Gebiete der Arbeiterfrage als das Er- strebenswerthe ansah, und solche Erlasse bedürfen keiner Kontre- signatur. Was die Ernennung des Hauptmanns v. Natzmer an- laugt, so hat dieser niemals eine Ernennung im Kolonialdienst erhalten. Der Abg. Richter ist also von Voraussetzungen aus- gegangen, welche thatsächlich einfach nicht zutreffen. Abg. Richter: Das sind also nur ausweichende Bemerkungen. Ich habe behauptet, der Hauptmann v. Natzmer hat sich dienstlich gemeldet beim Grafen Caprivi, als vom Monarchen ernannt. Darauf sind Caprivi und Marschall nach Potsdam gefahren und haben die Ernennung rückgängig gemacht. Daraus habe ich gefragt, wie ist es möglich, daß von dritten Personen eine solche Ernennung mit- getheilt werden kann. Wenn jetzt Fürst Bismarck mit den Erlassen eiuverstanden gewesen sein soll, so weiß doch jeder, daß Fürst Bismarck jede Gelegenheil wahrgenommen hat, um das Gegentheil zu bekunden. So vor Herrn Rittershaus. Dieser Herr veröffentlicht als Er- klärung des Fürsten Bismarck, daß letzterer zwar die Redaktion übernommen habe(Minister v. Bötticher: Na, also! Heiter- keil), aber um sie abzumildern(Heilerkeit). Die Redaktion hat er also übernommen, aber nicht die Gegenzeichnung. Jetzt sollen es nicht Erlasse sein, die der Gegenzeichnung bedürfen. Das stimmt auch nicht. Es war eine Verfügung und Anordnung des Staatsministeriums oder des Reiche- tanzlers. die der Gegenzeichnung bedurft hätte. Wenn es keine Anordnung wäre, so hätte der Reichskanzler Fürst Hohenlohe sich nicht auf sie beziehen dürfen, er hat sie aber als für sich maßgebend ausdrücklich erklärt. Sie sind also durchausgeschlagen mit Ihren Deduktionen! Wenn ein Jnternum, wozu dann die Veröffentlichung im Reichsanzeiger? Sie hätte das Publikum in der Werthschätzung solcher Erlasse nur irre führen können. Staatssekretär v. Bötticher: Der gegenwärtige Herr Reichskanzler hat diese Erlasse nicht für verbindlich erklärt. Das Staatsministerium ist nach wie vor der Ueberzeugung, daß das Programm in diesen Erlassen zur Durchführung kommen muß, so hat der Reichskanzler erklärt. Das gegenwärtige Mi- nisterium rst also der Meinung, daß das Ziel, welches in diesen Erlassen als erstrebenswerth bezeichnet wird, nun auch durch- geführt werde. Erlasse des Kaisers werden sehr häufig publizirt ohne Kontresig natur. Es koniml eben auf ihre Natur an. Dem Monarchen ist es durchaus nicht verwehrt, seine Meinung über öffentliche Angelegenheiten kund- zugeben. Die Stelle dafür ist der amtliche Theil des„Reichs- Anzeigers". Abg. Richter: Mit solcher Einrichtung wird doch unleugbar die öffentliche Kritik eingeengt. Ich weiß garnicht, was für wichtigere Anordnungen und Verfügungen eines Monarchen es geben kann, als daß bestimmte Vorlagen in Angriff zu nehmen sind. Wenn die Minister einverstanden sind, warum immer noch keine Gegenzeichnungen? Fürst Bismarck war gegen die Erlasse und gleichwohl sind sie publizirt worden. Das war ein Bruch der Verfassung. Mit der Verantwortlichkeit der Minister ist es so schwach bestellt, daß wir jede Gelegenheit wahrnehmen müssen, auf der Beobachtung der Verfassung zu bestehen. Siaatssekretär von Bsetticher: Herr Richter mag sich doch an diejenigen Minister hallen, die aus grund dieser Erlasse Ge- setzesvorschläge gemacht oder Anordnungen getroffen haben. Da hat er ja einen verantwortlichen Minister. Er kann ja auch eine Interpellation an den damaligen Reichskanzler richten, warum die Gegenzeichnung unterblieben ist; vielleicht bekommt er eine Antwort.(Heiterkeit rechts.) Abg. Richter: Die Frage ist eine der allerwichtigsten im ganzen Rechts- und Verfassungsleben. Fürst Hohenlohe bat sich auf die Erlasse berufen, da muß man doch wissen, ob sie gegen- gezeichnet sind. Die Verfassung spricht nicht blos von Vorlagen, sondern ganz allgemein von Anordnungen und Verfügungen. Warum wird die verfassungsmäßige Form nicht erfüllt? Abg. v. Stumm(Rp.): Warum hat Herr Richter nicht scholl 1ö9v oder innerhalb der fünf Jahre seitdem seine Frage an den Bundesrath gerichtet? Jetzt gefällt er sich in Ueber- treibungen und hält uns durch diese Kontroverse stundenlang auf. Abg. Richter: Vor drei Tagen erst hat sich Fürst Hohen- lohe auf diese Erlasse bezogen. Darum habe ich auch den Fall des Hauptmanns v. Natzmer hinzugefügt. Vielleicht könnte man noch einen andern Fall hinzufügen: daß Graf Eulenburg ohne Hinzuziehung des verantwortlichen Ministers unmittelbar nach seiner Entlassung als Ministerpräsident zum Statthalter von Elsaß-Lothringen ernannt worden ist und daß erst durch den Fürsten Hohenlohe diese Ernennung rückgängig gemacht worden ist. Abg. v. Mauteuffel: Ich möchte darauf hinweisen, daß Artikel 17 der Verfassung die Ausführungen des Staats- sekretärs vollständig bestätigt. Es kommt hier weder eine Anordnung noch eine V rsügung in Frage, da diese sich nur auf den Erlaß von Gesetzen beziehen. Abg. Hasse kommt auf seine Interpellation betreffend den Schutz der Deutschen in: Auslände und die Antwort zurück, die ihm damals der Staatssekretär v. Marschall gegeben hat. Der Staatssekretär habe ihn nicht gerade sanft behandelt, aber in der Sache weitgehende Ronzessionen gemacht und den angegriffenen Verantwortlicher Redakteur: I. Tierl< deutschen Vertreter in Guatemula Peyer gänzlich fallen gelassen. Selbst die Akten des Auswärtigen Amts seien übrigens nicht vollständig gewesen. Es seien in die Hände des Redners Schrift- stücke gelangt, welche namentlich den Fall des Generals Möller anders darstellen, als er in der Antwort des Staatssekretärs erschienen sei. Sein Urtheil über den früheren Reichskanzler werde von den weitesten Kreisen des In- und des Auslandes gelheilt. Redner bezieht sich auf ein Schreibe» der Ortsgruppe des alldeutschen Verbandes zu Bogota, welche dieses Urtheil stützen soll. Abg. v. Marschall: Nachdem der Vorredner weiteres Material in Aussicht gestellt hat, darf ich wohl die Mittheilung desselben abwarte». Was die letzte Mittheilnng betrifft, so kommt es doch nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität der Beschwerden an. Was Herrn Möller anbetrifft, so habe ich nochmals unfern Konsul in Salvador telegraphisch befragt und die Antivorl erhalten, daß Herr Möller schon 1893 sich an der Revolution betheiligt hat. Ich kann also den Ausdruck, daß Herr Möller mit der deutschen Flagge Mißbrauch getrieben hat, wenn er sich an der Revolution betheiligt und nachher die deutsche Flagge aufzieht, um sein Eigenthum zu schützen, nicht zurück- nehmen. Abg. Graf Arnim(Rp.) tritt als Mitglied des Vorstandes des alldeutschen Verbandes dem Abg. Frese entgegen. Dem Ge- fühl der damaligen Zeil des Regiments Caprivi ist der alldeutsche Verband entsprungen, daß das Natioualbeivlißlseiii von der höchsten verantwortlichen Stelle nicht so gestützt worden ist, wie es erwartet wurde. Dank unserer Bestrebungen ist eine große Zahl von Orts- gruppen in Australien.Amerika.Asien geschaffen, ivelcheJahresberichte einreichen und nützlich wirken. Natürlich kommen Beschwerden; daß die meisten begründet sind, hat doch die Desavouirung des Herrn Peyer gezeigt. Der Staatssekretär hat die Flottenvermehrung selbst befürwortet, darin lag indirekt«ine Bestätigung unserer Haltung und unseres Vorgehens. Staatssekretär v. Marschall: Den Intentionen, welche der „Alldeutsche Verband" verfolgt, bin ich weit entfernt, entgegen- zutreten, warne aber dringend vor der Forlsetzung des bisherigen Verfahrens. Abg. Hasse: Es ist doch wunderbar, daß eine solche Menge von Beschiverden aus den letzten Jahren jetzt plötzlich aufgetaucht sind. Daß es unzweckmäßig ist, solche Dinge im Reichslage zur Sprache zu bringe», davon haben mich die heutigen Debatte» nicht überzeugt. Abg. Richter bedauert, daß der Neichskanzler keine Erklärung abgegeben hat in betreff der Erlasse und Ernennungen, die der Gegenzeichnung entbehren. Die be- schränkende Auslegung des Artikels 17 durch Herrn v. Manleuffel besteht für keinen Staatsrechtslehrer und auch nicht für den Fürsten Bismarck. Ich werde fortfahren, alles derartige hier vorzubringen, weil ich der Ausübung einer u n v e r a n l iv o r t- liehen Kabi netsregierung überall entgegenzutreten für meine Pflicht halte. Tamil schließt die Diskussion. Der Etat des Reichskanzlers und der Reichskanzlei werden bewilligt. Schluß 6 Uhr. Nächste Sitzung Dienstag 1 Uhr.(Etat: Reichsamt des Inner», Postverwaliung.) Abgeordnetenhaus. 17. Sitzung vom 11. Februar, II Uhr. Am Ministertische: Miqucl, Thielen und Kommissarien. Die Spezialberalhung des E i s e» b a h n- E t a t s wird fortgesetzt und zwar bei den Einnahme»: aus der Ueberlaffung von Belricbsanlagen und für Leistungen zu gunsten dritter sind 14 937 099 M., für Ueberlaffung von Betriebsmitteln 9 931 009 Mark, Erträge aus einer Veräußerung 29 636 600 M. und für verschiedene Einnahmen 18 267 500 M. veranschlagt. Die Ein- »ahmen werden ohne Debatte bewilligt. Die Ausgaben für die Eise n bah ndirektion sind im ganzen veranschlagt auf SÜ6 703S00M. gegen 590 959 000 M. im Vorjahre. Abg. Lohmau»(natl.) weist auf die Entlassung von Bau- beamte» hin. Den Regierungebaumeistcrn ist allerdings in de» Vorschriften gesagt, sie hätten keinen Anspruch auf dauernde entgeltliche Beschäftigung. Aber in dem Begleitschreiben zum Patent und in dem Einberufungsschreibeu ist von einen« solchen Vorbehalt nicht die Rede. Redner glaubt, daß für diese Baubeamlen ebenso gesorgt werden müsse>vie für andere Beamte; denn sie glauben fest angestellt zu sein. Aus der Praxis ist kein Fall bekannt geworden, daß jeinals einer dieser Beamten entlassen ist. Ter Minister sollte es nicht auf einen Prozeß ankommen lassen, sondern durch Entgegenkommen gegenüber den Wünschen der Beainleu Prozesse vermeide». Redner einpfiehlt die Erhöhung der Beamteugehälter. Abg. Wallbrecht(»tl.) weist darauf hin, daß den Beaniten nicht einmal, sondern vielfach Erhöhungen der Gehälter versprochen seien. Daß diese Versprechungen nicht erfüllt ivorden sind, dient nickt dazu, de» Geist der Zufriedenheit zu fördern. Man muß dafür sorge««, daß dein Staatsdienste die besten tecknische» Kräfte zugeführt werden; aber unter solchen Verhält- niffen werden sich die besten Techniker vom Staatsdienst fern halten. Das technische Studium wird heute vielfach verkannt, trotzdein es viel«vichtiger ist, als das Studium der alten Sprachen. Wenn die Fortschritte auf dem Gebiete der Technik geheinmt«verde», dann wird Teutschland bald nicht mehr kon- kurrenzfähig sein im internationalen Wellbeiverb. Btinister Thielen; Ich bestreite, daß die Techniker in der Eisenbahnverivaltung Beamte ziveiter Klaffe, Stiefkinder seien Es ist übersehen»vorden, daß nicht mehr etatsinäßige Stellen vorgesehen«verde«« können,«veder für Juristen noch für Techniker, als dauernd erforderlich sind. Nun trifft es sich allerdings un- gtmstig für die Techniker, daß ein großer Theil der für Techniker bestiminten Beschäftigung ein rein fluktuirender ist. je nach dem Umfang der Bauthätigkeit. Wir können nur diejenigen Techniker dauernd anstelle», für die«vir im Durchschnitt der Jahre eine dauernde Beschäftigung haben. Es finden zivischen dem Herrn Fiuanzminister und mir Erwägungen statt, ob diese Zahl der dauernd zu beschäftigenden Techniker, mit andere» Worten, der etatsinäßigen Stellen erhöht werden kann. Auf die juristische Erörterung der Frage kann ich nicht eingehen, «veil die Sache vor dein Richter zum Austrag komme» tvird. Es konnte keiner der Baumeister über seine Stellung im Unklaren sein; sie mnßten«vissen, daß sie keinen Anspruch auf dauernde entgeltliche Beschäftigung hätten. Nach einigen«»«ivesentlicheren Debatten und persönlichen Bemerkuiigen, an denen na»nenllich die Abgeordneten v. Erffa, Brömel, Buch, v. Thiedeman», v. Schalscha, betheiligt sind,«vird der Titel„Besoldungen" genehmigt. Bei den Ausgaben für Wohlsahrtszweck«, 17 714 800 M.. Iveist Abg. Brömel darauf hin. daß die Kapitalsonds der Pensions- kästen der Beaniten ehemaliger Privatbahnen bedenklich zusamme»- schmelzen; die Regierung hätte diese Raffen schon früher beseitigen sollen; sie sollte jetzt«venigstens die betreffenden Beamten nicht so ungleich und so hoch belasten, wie es geschehe z. B. bei der ehemaligen Steltiner Bahn. Geh. Rath Gerlach: Die Pensionskassen«varen vielfach bei ihrer Uebernahine schon insuffizient; die Eisenbahnverwollung fleht den Beamten als Selbstschuldnerin gegenüber; sie wird zirka 61 pCt. der Pensionen decken müssen, da durch d«e Beiträge der Beaniten nur 39pCl. gedeckt sind. Der Titel wird genehmigt. Bei den Ausgaben für Unterhaltung und Ergänzung der Jnventarien sowie für Beschaffung von Betriebsmaterialien 60157 200 M.«veist Abg. Brömel darauf hin, daß die Verträge mit Hand- wcrkern wegen der Unterhaltung und Reparatur von gewissen Utensilien von den Betriebsämtern gekündigt seien, wie«nan an- nehme infolge der Neuorganisation. An die Stelle der Betriebs- Zmil Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing ämter treten die Direktionen mit größeren Bezirken und damit tritt die Gefahr hervor, daß bei der größeren Konzentration der Vergebungen die größeren Betriebe bevorzugt werden, schon aus Bequemlichkeitsgründen. Wenn nun auch die Handwerker keine besondere Bevorzugung beanspruchen, so möchte doch zu wünschen sein, daß die Direktionen, soweit die Verträge bisher befriedigend erfüllt sind, auf die bisherigen Lieferanten Rücksicht nehmen. Minister Thielen: Der Wunsch des Vorredners ist durch- aus berechtigt und es ist auch schon eine dahingehende Anweisung an die Behörden ergangen. Der Titel wird beivilligt, ebenso der Titel: Unterhaltung:c, der baulichen Anlagen 198 110 500 M. Die übrigen ordentlichen Ausgaben werden ohne Debatte bewilligt. Schluß 4t, st Uhr. Nächste Sitzung D i e n st a g 11 Uhr(Etats der Eisenbahnen und des Finanzministeriums). Zur Agitation. Tie vor acht Tagen in Ernstthal und Meerane ini 17. sächsischen Wahlkreise verbotenen Versammlungen. i» denen der Abgeordnete des Kreises, Genosse A u er, über: „Den Umsturz im Reichstage" reden wollte, fanden nun den letzten Sonnabend und Sonntag statt. Die Tagesordnung lautete jetzt: Die neuen Vorlagen im Reichstage. In Meerane«var zwar auch in dieser Versammlung die Besprechung der Umsturz- vorläge untersagt, aber über den„Geist, der die Umsturzvorlage beherrscht und eingegeben hat", durfte unser Genosse schließlich reden: Die jubelnde Begeisterung, mit der die Zuhörer dem Redner solglen, scheint darauf zu deuten, daß die beliebte Polizei- liche Einschränkung dem Referat keinen Abbruch gethan hat. Beide Versammlungen«varen überfüllt und überall kam der Wunsch zun« Ausdruck, die Regierung möge den Reichstag auf- lösen, damit den Wählern Gelegenheit gegebe» werde, die Antwort auf die Umsturzvorlage zu geben. Eine gut besuchie Versammlung fand am Sonnabend in Aschersleben statt, in«velcher Genosse Klees- Magdeburg über die Umsiurzvorlage sprach.— I» F r e i b e r g i. Schl. sprach über das gleiche Thema der Genosse Feld mann.— Protestversammlungen fanden«veiter statt in Ellerbek, Estebrügge und Sande Lohbrügge, wo die Genossen Legien, F i s ch e r- Hamburg und de Haas-Hamburg referirten.— In P l a u e n i. V. refenrte Genosse G e r i s ch über: Soll das Volk wählen oder der vornehme Denker?— In T r i b e r g und V i l l i n g en im badischen Schivarzwalde hielt Genosse Dreesbach- Mannheim Referate über die Umsturz- vorläge.— Alle Versammlungen erfreuten sich eines guten Besuchs und«varen vom besten' Geiste getragen. Polizeiliches, Gerichtliches:c. — In Leipzig«virdlnstig weiter verboten. Die Verlranensmänner der Metallarbeiter sämmtlicher Bezirke sind„aufgelöst", und die auf Sonnabend Abend in den ver- schiedenen Bezirken anberaumt gewesenen Versammlungen ver- boten worden. Die Bücher und Slempelkasten der Vertrauens- inänner wurden beschlagnahmt.— Dagegen ist die auf Sonntag einberufene öffentliche Versammlung der Metallarbeiter mit der Tagesordnung: Wie stellen sich die Leipziger Metallarbeiter zu der Auflösung der Einzelmitglieder des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes, gestattet worden. — Verworfen«vurde die Revision der Breslauer Genossen, die am 21. Juni v. I. vor der dortigen I. Straf- kammer wegen Vertheilnng eines Flugblattes, durch das das Etaatsministerium beleidigt und Slaatseinrichtungen verächtlich gemacht ivorden sein sollten, zu 4 resp. 3 Monaten Gefängniß verurtheilt worden«varen. Oet'osckien. Wolff's Telrgrapheu-Bureau. Rom. 11. Februar. Infolge einer vier Studirenden der hiesigen Universität von dem Unterrichtsminister auferlegten Strafe veranstallete eine Anzahl Studenten lärmende Kuiidgebungeu. Ein Student,«velcher verhaftet«vurde, «vird von der Universität ausgeschlossen werden. Nach Plivatmeldnngen aus Acera(Provinz Caserta) haben daselbst ernste Ruhestörungen stattgefunde». Gegen 1000 Per« sonen griffen die Oktroiausseher«vegen der auf Hanf niiigelegten Steuer an. Die Massen, welche mit Keulenstöcken bewaffnet waren, zertrümmerten die Sttraßen- laternen, schlugen Posten vor dem Steuerhause nieder. drangen in das Zentralbureau des Sleueramles ein und raubten den Geldschrank. Darauf wurde der Vize-Steueragent überfallen und seines Pnrlefeuilles und seiner Uhr beraubt. Alsdann setzte die Menge das Zentralbureau in Brand, plünderte die Bürgermeisterei und verbrannte die Stadtbibliothek. Nach- dem der Versuch, das Gefängniß zu stürmen, verilnglückt war, richtete die aufgeregte Menge an dessen Thoren durch Sleiuivürse schwere Beschädigungen an. AuS Nola herbeigeholtes Miliiär setzte dem Ausruhr ein Ziel und stellte die Ruhe wieder her. Die gerichtliche Untersuchung ist ein« geleitet. Loeidon, II. Februar. Unterhaus. Der Pnrlamentssekretär des Ausivärtigen, Grey, erwidert auf eine Anfrage, die Pforte habe beschlossen, während der Thätigkeit der Unlersuchungs- Kommission in Bitlis keine Zeitungs- Korrespondenten in Kleinasien zuzulassen. Der Präsident des Handelsamtes, Brya, beinerkt auf eine Anregung aus der Mitte des Hanfes, er habe«veder die Besugniß, das Wrack der„Elbe" zu zerstören, noch auch die Berechtigung, drirch ein Leilchtfeuer oder Bojen die Stelle zu bezeichnen, an welcher� das Wrack liegt. Uebrigens liege dasselbe näher der holländischen als der englische» Küste. In der darauf folgenden Fortsetzung der Adreßdebatte beontragt John Retmond einen Unleranlrag, in«velckcin erklärt«vird, daß die Zeit gekommen sei, das Paria- «nent aufzulösen und die Homerulejrage den Wählern zu unter« breiten. Harwick), 11. Februar. Heute fand die Besichtigung einer von der Schinack„Lcdy Mouleflore" nordöstlich des Galloper Sand alifgefundenen. mit einem„Elbe" gezeichneten Nettlings- gürtel ansgerüsteken Leiche statt. Man glaubt, die Leiche sei diejenige des Schiffsaiztes: die Kleidung ist H. G. gezeichnet. Ter deutsche Vicekonsul erhieli deute früh von der Echmack „Victor eine silberne Uhr und Kette und„Franz Theophil, Jngenieurgehilfe, Elbe" adressirte Briefe, welche von einer in der Nordsee aufgefundenen Leiche herrührten. Die Mannschaft der Schniack„Victor" hatte die Leiche in die See versenkt. Petersburg, 11. Februar.(Von einen« Privatkorrespondenten.) Zwischen Rußland und Ruinäniei« sind, ivie verlautet, Zoll- schivierigkeiten entstanden, da die rumänische Zollbehörde die Eingnugszölle auf Seile, Bindfaden und Haiifartikelvon 30 Kopeken aus 3 Goldrubel per Pud erhöht hat. Das Ministerium des Auswärtige» hat infolge dessen Ruinänien«vissen lassen, daß Rußland den Maximaliarif gegenüber den hauptsächlich»««« von Rumänien exportirlen Waaren in Amvendung bringen«verde. (Teveschcn-Bureau Herolv.) Mailand, II. Februar. Gestern haben hier die Ge»neinde- ratbs-Wahlen stattgefunden, deren Resultat jedoch noch nicht be» kannt ist. Zwei Listen standen sick gegenüber, die Klerikal- Konservativen und die Radikal-Sozialistischen. 80 Gemeinderalhs- Mitglieder waren z»«vählen. Die Wahlen«verde» alS sehr wichtig angeseben, da man von dem Resultat derselben aus die Gencralraths-Wahlen glaubt schließlich zu dürfen. Mailand, II. Februar. Mehrere sozialistische Abgeordnete in Modena haben beschlossen, eine Versamniliing sämmllicher Sozialisten einzuberufen, um über die gegenivärtig« Lage in Be- rathung zu treten. n Berlin SW., Beuihstraße 2. Hierzu zwei Beilage«. 1. Beilage zum Ur. 36. Konstitmveude Sitzung der sozialdemokratischen Agrar- Kommisston. Berlin, 1!. Februar 1835. Die auf dem Frankfurter Parteitag gewählten Mitglieder sind gestern Nachmittag halb drei Uhr im Zimmer der sozial- demokratischen Fraktion im Reichstage erschienen; verhindert an der Theilnahme waren Baß ler- Stuttgart, der bei der Stichwahlagitation in Württemberg thätig ist, und S ch i p p e l, der sich zur Zeit im Gesängniß befindet Zum Vorsitzenden wird Liebknecht, zum Schriftführer Geck ernannt. Die Debatte beschäftigt sich formell hauptsächlich mit der Frage, welche praktiscke Ein- theilung für das Zusammenarbeiten der ikommission zu wähle» ist. Es handelt sich vornehmlich um die beiden Auf- fassungen, ob das Studium der Agrarfrage nach der sachlichen Unterscheidung der landwirthschastlichen Betriebsarten(Groß-, Mittel- und Kleinbetrieb) vorzunehmen, oder ob die Gesammt- heit der ländlichen Entwicklung nach geographisch abgegrenzten Distrikten zu untersuchen sei. Man einigte sich schließlich, unter gewissen Modifikationen die letztere Methode zu wählen. Sodann erörterte man in einer sehr eingehenden fach- lichcn Diskussion alle die Gesichtspunkte, die in früheren Debatten behandelt und angeregt wurden; und man kam, nachdem in allen wesentlichen Punkten eine volle Verständigung erzielt worden war, zu folgendem einstimmig gefaßten Beschluß: Die Kommission beschließt: n) Der Agrarausschnß bestimmt ans seiner Mitte ein Mit- glied— Sekretär—, welches die Ausgabe hat, während der Arbeit der einzelnen Unter-Ausschüsse(siehe b) mit diesen in beständiger Beziehung zu bleiben, zur Sammlung und Zuweisung des Materials beizutragen und ans eine gemeinsame praktische Richtung der einzelnen Ausschuß- arbeiten hinzuwirken. b) Der Agrarausschuß theilt sich in drei Unterausschüsse dergestalt, daß der eine de» Süden Deutschlands: Elsaß« Lothringen, Baden, beide Hessen(mit Hessen-Nassau), Württemberg, Bayern: der andere die Mitte Deutsch. lands: Rheinland, Westfalen, Hannover, Oldenburg, Braunschweig, Thüringen, beide Sachsen; der dritte den Norden Deutschlands: Ostelbien, Schleswig- Holstein und Mecklenburg zu bearbeiten hat. Die drei Unter- ausschüsse haben das Recht, alle zur Erfüllung ihrer Aufgabe nöthigen Schritte zu lhun; sie haben jeder für sich daS vorhandene Material innerhalb der ihnen zu- gewiesenen Bezirke in möglichst rascher Zeit zu bearbeiten und die Ergebnisse schriftlich niederzulegen. c) Der Gesammt-Agrarausschuß tritt im Laufe des Früh- jahrs zu einer neuen Berathung zusammen, um Vorschläge entgegenzunehmen und zu diskuliren, die sich auf eine etwaige Ergänzung des Parteiprogramms mit Rücksicht aus die Agrarverhältnisse beziehen. »» » Die Unterausschüsse, welche das Recht der Stooptirimg(Zuziehung von Mitgliedern) haben, sind wie folgt zusammengesetzt: Süden: David, Geck, Baßler, Bock, Vellmar; Mitte: Bock, Katzeustein, Hug, Schulze(Cossebaude), Ouarck; Norden: Liebknecht, Bebel, Molkenbuhr, Schippel, Schoenlank. Zum Sekretär des Agrarausschusses wurde Dr. Q u ar ck ernannt. Nach Schluß der Beratbungen traten die Unterausschüsse für Süden und Milte zusammen, um sich zu konstituiren und um die Referenten zu ernennen. Von ersterem wu.de Dr. David, von letzterem Dr. Quarck gewählt. Der Unterausschuß für den Norden wird sich erst nach der Hafteullassung Schippe l's konstituiren. Tie Verhandlungen währten am Sonntag von V-Z Uhr bis 6 Uhr, am Montag von 10 bis 1 Uhr.— j�crrlsmettksbertihko. Tentscher ReichStag.j 34. Sitzung vom II. Februar ISSS, 1 U h r. Am Tische des Bundesrathes: Reichskanzler Fürst v. Hohenlohe, v. Bölticher. v. Marschall, Graf Pofadowsky, Nieberding. Die Novelle zum Konsulalsgebühren- Gesetz wird in dritter Lesung unverändert definitiv ohne Debatte genehmigt. Daraus beginnt die zweite Berathung des Etat? für IKSk>/%. Zur Verhandlung steht zunächst der Etat des Reichstages. Die fortdauernden Ausgaben belausen sich aus Kbosov M., gegen das Vorjahr mehr 228 037 M. Beim ersten Ausgabentitel:.Direktor SOOO M., Haus- beamien ze." bemerkt der Referent für den Etat des Reichslages, erster Vizepräsident v. Buol, daß der ganze Reichstag die Noch- wendigkeil anerkennt, deni Direktor eine Wohnung im Reichstags- gebäude selbst zu überweisen. Abg. Nichter: Das Haus, in dem wir uns befinden, ist das Rcichslagsgebäude. Dieser Ausdruck ist etwas schwerfällig, und deshalb mag ivobl namentlich bei festlichen Gelcgenhciieu der kürzere Ausdruck.Reichshaus" gewählt werden. Man sollte aber doch die alte, richtige Bezeichnung nicht verlassen, und.Nieichs- Haus" ist jedes Haus, welches dem Reiche gehört, z. B. auch das Reichskanzlerhaus. Es werden schon osfizielle Stimmen laut, welche sagen, es bandle sich hier nicht um ein Reichslagsgebäude, sondern um ein Haus für Reichstag und B u n d e s r a t b, als ob hier der Bundcsratb bei der Hausordnung und im Besitz des tauses koordinirl wäre. Das ist ganz und gar unrichtig. er Bundesrath hat ebenso wenig hier mit ein Hausreckit als die Presse, welche im Hause Arbeitszimmer eingeräumt erhalten hat. Im Reichstagsgebäude ist der Reichstag allein Herr; Hausrecht und Hausverwaltung sind nicht geihcilt, gerade so wenig wie es im alten Reichstagsgebäude der Fall gewesen ist. Die Beamten des Reichstages sind Unter- Bomärts" Dienstag, den 13. Februar 1895. gebcne des Reichsiags-Präsidenien auch außerhalb der Session. Es scheint mir zweckmäßig, dies hervorzuheben, um Verdunkelungen rechtzeitig entgegen zu trete». Dann habe ich einige Be- Merklingen zu machen in betreff des Verhältnisses des Reichstags- Vorstandes zur Baukommission. Seiidem wir hier eingezogen sind, scheinen mir die Obliegenheiten der Reichstags-Baukommissio» vollendet; übrig ist nur die Rechnungslegung. Ich bin nicht der Ntnsicht, daß alles, was hier an Inschriften, Bild- werken, künstlerischer Ausschmückung und dergleichen übrig ist, Sache der Reichlags- Baukommission sein soll und nicht des Reichstagsvorstaudes. Soll der Reichstag bis Ende des Jahrhunderts in diese» Dingen einen Vormund haben in der B a u k o m in i s s i o n? Diese besteht aus Bundesraths- und Reichslagsmitgliedern; ein Beschluß, der der Mehrheit des Reichstages entgegen ist, kann leicht zu stände koiwen. Ei» unbedingtes Vertrauen kann diese Kommission nach den bisherigen Erfahrungen nicht i n A n- s p r u ch nehmen. Vergebens sieht man sich räch den Emblemen um, welche die individuelle Bedeutung dieses Hauses, die Arbeitsstätte der Volksvertretung ausdrücken. Es paßt fast alles, ivaS an solchen Dingen hier ist, ebensogut in ein Residenz- schloß hinein. Die Summe, die der Etat im Reichsaml des Innern für diese Zwecke auswirft, gehö"t zum Extra ordinarium des Reichstags. Was nun die Jonrnalisteniribüne"betrifft, so steht es mit der Akustik des Saales aus derselben sehr mangelhast. Neberein- stimmend wird eine Verschlechterung versicherl, sowohl was das Sehen als das Hören und den Verkehr angehl.'Auch von der Rednertribüne aus sind die Redner schlechter vernehmbar, weil der Schall inehr als früher von der Mutellage aufgenommen wird. Im allen Gebäude sind auch die konservaliveu Redner von der Tribüne besser zu verstehen gewesen, obwohl sie dort die Tribüne im Rücken hatten. Was daS Sehen anbetrifft. so habe ich mich selbst überzeugt, daß man, in der ersten Reihe sitzend. ein Drittel des Hauses überhaupt nicht, von der zweiten Reihe aus die Hälfte des Saales nicht sehen kann. Ferner kommt die schwierige Kommunikalion in betracht. Die Tribüne kann ihre Aufgabe nur erfüllen, wenn die Ablösung der Herren ohne Störung sich vollzieht, und die Gänge breiter sind, als es hier der Fall ist. In dem neuen Abgeordnetenhause sind die Gänge breiter und die Sitze näher aneinander gerückt. Alle diese Dinge mühten spätestens nach Schluß der Session gründlich untersucht und alle noch möglichen Umgestaltungen ver- anlaßt werden, selbst wenn darunter die Symmetrie des Saales leiden müßte. Die Journalistentribüne ist die wichtigste im Hause; die Herren kommen nicht zufällig einmal aus Neugier her, sondern müssen für Huiiderllauskiide nud Millionen des deutschen Volkes in schwerer Arbeit über unsere Verhandliingeii berichten.(Beifall links.) Staatssekretär v. Bötticher: Auch der Bundesrath würde die Einrichtung einer Wohnung sür den Direktor im Reichslage selbst mit Freuden begrüßen. Der Bauplan ist ohne Rücksicht ans dieses Bedürfniß ausgestellt worden, und später war der Bau zn vorgerückt, um noch darauf Bedacht nehmen zu können. Ich freue mich, daß die angestellte Untersuchung das Ergebuiß geliefert hat, daß die Herstellung einer solchen gesichert ist. Der Bundesrath nimmt an diesem Hause ein Lkondoininiuin nicht in Anspruch, er erkennt an, daß das Hausrechl hier der Präsident zu üben hat. Aber der Abg. Richter wird mir auch das Zu- geständniß machen, daß der Bundesrath berechtigt ist, diejenigen Räume, die planmäßig für ihn angewiesen sind, auch ausschließlich für sich in Anspruch zu nehmen, so daß nicht eines Tages das Hansrecht des Präsidenten so weit geht, den Bundes- rath zn exmiltircn. Sollte sich das Bedürfniß herausstellen, sür den Bundesrath erweiterte Räume in Anspruch zu nehme», so bin ich außer Zweifel, daß alle scheinbaren Meinmigsverschieden- heilen sich auch in Zukunft beseitigen lassen werden. Tie Mei- nnng des Abg. Richter über die Erledigung der Geschäsle der Nieichstags-Bankommission ist auch schon in der Kommission zur Sprache gekommen und da hat man einmüthig gesagt, es wäre vazu noch nicht die Zeit. Dafür sprechen auch eine ganze Reihe sachlicher Momente. So lauge die Rechnung noch nicht gelegt ist, müssen noch zahlreiche Fragen erledigt werden, welche der Komniisston zweckmäßig üoerlasien bleiben. Es ist auch bezüglich der künstlerischen Ausschmückung der Säle zweck- mäßiger, diese Frage in kleineren Komitees zn erörtern. Ein Präjndicicren des Reichstags wird dadurch gewiß nicht eintreten. Die Kosten sür die Aussckunücknng des Baues wird der Reichstag sicher beim Etat des Reichsnmts des Innern belassen, weil die Vorberalhungen zu diesen Zlrbeiten im Reichsamt des Innern geleistet werden und der Bundesrath bei der AnfsteUniig des Etats doch auch darüber gehört zu werden verlangen kann. Was die'Akustik anlangt, so rtt dieselbe im Saale selbst besser als im alten; das schließt ja nicht aus, daß die Mittheiluiigen des Abg. Richter bezüglich der Jouriialisteiitribüiie zutreffen. Ich lheile den Wunsch, daß nach der Session eine Untersuchiiiig der baulichen Mängel des Hauses erfolgt und wenn mir Herr Richter gestaltet, d.e Reichs- bags-Baiikommission noch weiter zu leiten, so werde ich es an mir dabei auch nicht fehlen lassen. Abg. Rickert: Der Kompeienzstreit zwischen Reichstag und Bundesrath ist durch die Erklärung des Staatssekretärs erledigt. Was die Baukommission betrifft, so meine ich, daß, was Neneruiigen und Abänderiingen betrifft, der Reickistags- Vorstand vom Augenblick der Uebernahnie des Hauses an alleiii zuständig ist.' Die Veihältn.sse aus der Journalipentribün« haben sich wescnilich verschlechtert. Da? ist um so mehr bedauerlich, als zugestanden werden wird, daß die Zlibeit der Tribüne eine sehr schwere ist und daß die wichtigste aller unserer Tribünen die Jouriialisteiitribüiie ist. Sollte es nicht möglich sein, die Buudesralhsloge noch für die Journalisteiilribüne zn anneltiren? Ein seit 8 Jahren vorgeuierkler Journalist, Vertreter einer groben deutschen Zeitung hat bis heute noch keinen Platz zugewiesen erhalte» könne». Abg. Siugor(Soz.): Das beste würde sei», die Tribüne auf die Breitseile des Saales zu verlegeu, dem Präsidium gegen- über. Für die Direktorivohnuilg bin ich auch, noch mehr aber dafür, daß den Portiers und Diener», die an den TKüre» Tieusl haben, Räume augewiesen werde», wo sie vor den Unbildeii des Wetters geschützt sind. Die Räume, in ivelchen wir jetzt tagen, sind iveilläusiger als die früheren und die staltgesundene Beaniten- vermehrnng ist nicht ausreichend. Auch die Verhältnisse der Hilfsbeamten im Hanse sind sehr inangelhasle. Wir haben hier im Hause d4 Hilsskanzleidiener, von denen die ältesten ein Tage- geld von 4,40 M. erhallen, die meiste» beziehe» aber nur 3,85 M. Ihr Dienst ist ein außerordentlich schwerer, sie müssen i»» 8 Uhr morgens aus dein Platze sein und kommen ineist nicht vor 10 Uhr i» ihre Bchausung zurück. Um 6 Uhr haben sie wohl eine Mittagspause, aber die Verhältnisse, i» denen die meisten Vcamie» wirthschafllich leben, verhindern es, daß in ihren Familien abends das Mittag- brot bereit steht. Die Bote», die die Akten ins Hans bringen, sind ebenfalls von 8 Uhr bis in die Nacht binein beschäftigt. Die Hilssbeamtc» iverden mit dem Recht täglicher Entlassung-ngagirt. Die Gehaltszahlung geschieht moiiatlich. Es wäre billig, diese meist älteren, erfahrenen Leute durch eine vierwöchentliche Kündigungsfrist etwas sicherer zn stellen. Bei Schluß der Session iverden nur diejenigen Tage im Monat bezahlt, die noch im Dienste verbracht sind. Siecht und billig mcr Bolksblatt. 13. Jahrg. wäre es, ihnen den volle» Monat zu bezahlen. Als einen Mangel muß ich es bezeichnen, daß für die B e a m t e u des R e i ch s�t a g e s keine Krankenkasse besteht. Bei dem unsicheren Rechtsverhällniß, in welchem die Beamten zu dein Hause stehe», kömite es vorkoinmen, daß sie während ihrer Krankheit eutlasscu werden. Eine Beihilfe aus einer Krankeukasse empfiehlt sich um so mehr, als mit einer Erkrankung in der Regel Mehrausgaben verbunden sind. Wenn wir hier im Eoinmer oder Frühling schließen, wird eine ganze Anzahl von Beamten ciitlassen, welche sich dann im Soiniiier einen anderen Lebensunterhalr schaffen müsse», und das ist sehr schwierig. Freilich sieht man ja ab und zu, wen» ina» einmal nach einer Aiisstelluiig geht, ein bekanntes Gesicht aus dein Reichstag, aber der Uebelstand bedarf doch der Abhilfe. Durch diese nur n einem Theil des Jahres stattfindende Beschäslignng wird der den orls- übliche» Tagclohn allerdings übersteigende Verdienst ans fast die Hülste herabgesetzt. Da sollte diesen Beamte», »nd das empfehle ich dem Gesa>n»it!-zrstand des Hauses driiigend zur Erwägung— welche den Anspruch haben, in der nächsten Session iviedcr engagirt zu werde», eine Art W a r l e g e l d ein- gerichtet werden. Es würde anderciuall' auch für die Zeil, während welcher keine Sitzniige» stattfinven, für diese Bcamteii hin- reichende Beschäsiigling vorhandeii sein. Wir haben hier Be- ninle, ivelche Das 25jährige Bestehen des veulscheii Reichstages im nächsten Jahre mirfeiern werden: die meisten Beamten sind über i'y Jahre in, Dienst. Diese Leute, die Jahre lang ihre Stellung ausgefüllt haben, dürfen, wenn sie alt oder sonst dienstunfähig iverden, nicht aus die öffentliche Armenpflege, aus sonstige Mildthätig- keit oder auf Unterstützung aus dem Remuiieratioiisfouds an- gewiesen sein, sondern in den Genuß ihrer im Dienst erworbenen Pension gestellt lverde». Dringender'Abhilfe bedarf auch fol- gender Punkt: Wen» wir hier von dem geistigen Genuß der Debatten ermattet in die schönen Restaurati onsräume gehen und uns behaglich an dem gedeckten Tisch niederlassen, dann werden wir von Leuten bedient, die thatsächlich kein Gehalt bekommen, die allein ans Trinkgelder angewiesen sind. Wenn auch im Gaftwirthsgewerbe überhaupt es üblich ist, oaß die Kellner nicht bezahlt werveu, so darf das doch hier im Reichstage am aller- ivenigste» statlfiiiden, weil der Oekonom sich in viel günstigeren Verhältnissen befindet, als andere Restaurateure: er"zahlt keine Pacht, ihm wird Heizung und Licht geliefert, die Reinigung ge- schiehl von den zu diesem Zweck vom Reichstag bezahlten Frauen. Man hat hier in letzter Zeil so viel von der Würde des Reichs- tags gesprochen; ninn ivilt Besti»»n»ngen erfinden, welche diese innerhalb des Sihiingssaales besser garnntire» sollen. Es gehört doch auch wohl zur Würde des. Hauses, dafür zu sorgen, daß in seinen Räumen nicht Leute zu Dienste» verpflichtet sind, die für diese keine Bezuhlnng bekommen. Ich biite den Gesaimiiivorstand. diesem Zustand möglichst sofort ei» Ende zn machen.(Beifall bei den Sozialdemokraleii.) 'Abg. Pachuickc wünscht die Nnsarbeitmig eines General- registers über die bisherigen Verhandlungen des Reichstages und biliet um Beschlennigung der dessallsigen Vorarbeiten. Der Titel wird bewilligt. Bei Titel 3„Hansinipeklor,�5kanzleidiener u. s. w. bringt Abg. v. Mauuiiffd zur Sprache, daß am 7. d. M. ein Brief an ihn vom'Abg. v. Plötz im Waschzimmer verloren worden, gestern aber in der sozialdemolratischeii„Leipziger Bolls- zeitimg" zu», Abdruck gelangt ist.(Hört! hört! rechts.) Redner knüpft hieran eine Warnung an die Mitglieder, nichts liegen zu lasse,,, und meint, daß keine Zeitliiig außer de» sozialdemokratischen sofort den Abdruck gebracht hätte. Er wird gegen den Diebstahl strafrechtlicki vorgehen»nd erbittet dieHilse des'Abg.Scdoenlauk, des Chefredakteurs jenerZeilllug.dazu. Abg. Schoenlank(Soz.): Es ist ganz richtig, daß der Brief des Herrn v. Gröben- Arenstein in der„Leipziger Volkszeitung", deren Chefredakteur ich bin, veröffentlicht worden ist— während »leiuer Abwesenheit.(Aha! rechts.) Er ist als Kopie in einer sehr schöne» slüssigen Handschrift anonym an die Redaktion ge- kommen. Nachdem diese sich ans dein Inhalt überzeugt hat, daß er echt sei, daß er in keiner Weise persönliche oder private Mit- theilungen enthält, hat sie ihn veröffentlicht, weil sie glaubte, daß es sich um ein politisches Nlkieuslück von höchster Bedeutung handle. Es handelt sich um eine Zuschrift des Herrn v. Gröben an einen sehr hohen Chef. Dieser Chef, der, wie sich jetzt herausstellt, Herr v. Mantmffel ist, sollte nun den Mittelsmann spielen bei Exzellenz v. Koller. Die Wahl», acherei in Ostpreußen sollte einmal ganz vorzüglich aufgedeckt werde», das Treiben hinter den Koulissen, das Treiben des Bundes der Landwirlhe, dem es beliebt, eineii ihm unaiigeiiehmen Kandidaten, der zufällig Oberpräsident von Ostpreußen ist, zn beseitigen. Weder ich noch die Redaktion hat gewußt, von wem dieser Brief konimt. Vielleicht ivissen die Herren rechts viel besser als ich, wer den Brief a» die Zeitung geschickt hat. Der„Vorwärts" iiiid iiiein Blatt haben in der letzten Zeil inrhrmals Gelegenheit gehabt, anonym Akten zugeschickt zu bekommen. Sorgen Sie dafür, daß die Leute uns so etwas nicht zuschicken. Wir haben keine Ursache Diskretion zn wahren. Abg. v. Manteuffel prolestirt gegen diese Art der Ver- iheidiginig und gegen die Unrerstellung, die in derselben liege. Die Konservative» hätten keine Ursache, sich in so schimpflichc Verbindungen einzulasseii. Stach nochmaliger Replik und Duplik der Abgeordneten Schoenlank und v o n M a» t e n s sc I bemerkt Abg. Bebel(Soz.): Wen» der hier in Frage stehende Brief von einem Reichsiags-Abgeordiielen, und wäre es auch von einem iiieiiier Parteifreunde, gesunden wäre, so sind u>ir auf dieser Seile einig in der Verurtheilnng eines solchen Verfahrens. Wir weiden es nie und»iininer gut heißen, daß Mittheilungen, die als Privaterklärungen zur Keniilniß eines Kollegen kommen, öffentlich gebraucht werden gegen den Belreffenden oder dessen Partei. Ich gebe diese Erklärung»amens meiuer säiiiiiitlichc» Parieifreuiide ab. Ich ersuche aber Herrn Schoeiilauk, zu erklären, daß die Redaktio» der„Volkszeitung". als sie diesen Brief erhielt, keine Ahnung hatte, woher er kam, und nicht wußte, daß eventuell ein derartiger Mißbrauch der Kollegialität und des kollegialen Vertrauens vor- liegt, des Vertrauens, daS wir hier im Hnuse gebrauchen. Dann ist der Redaktion kein Vorivnrf zu machen. Jede konservative Zeitung und jedes bürgerliche Blatt würde ohne Kemitniß von eineiii Mißbrauch, wenn es den Brief für wichtig hielt, ihn ver- öffentlicht habe». Abg. Schoenlank wiederholt, daß weder er noch die Zeitung von der Herkunft des Briefes eine Ahnung gehabt habe. Bei Titel 5„Renilmerirung von Stenographen, Hilss- arbeiter» u. s.>v." bemerkt Abg. v. Buol: Die Ersllllniig des Wunsches, in der Für- sorge für die diätarisch beschäftigte» Beamten noch weiter zu geben, stößt auf große Schwierigkeite». Dasselbe gilt bezüglich der Pensivnsbelechtignng. Der Fonds des Titel 5 ist»in 40 000 Mark vermehrt ivorden,»m auch 3 ständigen Bibliolhek-Hilss- arbeitern ä 2500 M. Remuneration zu gewähren. Abg. Mcyer-Halle hält die SleUung, welche man den Bibliolhek-Hitscarbeiiern hier anweise, für nicht angeniesseil und regt eine Aeuderung an. Abg. Werner(Autif.) empfiehlt im Anschluß an die Aus- fübrungen des Abg. Singer die Besserstellung und dauernde An- stellung der UnlerbeanUen des Reichstages. Bei der Postrion: Entschädigung der Privatbahneu für die Eisenbakm-Fre, karten der Abgeordneten liegt ein Antrag der freisinnigen Volkspartei vor: Diäten und Reisekosten an die Reichstagk-Adgeordnelen zu gewähren. Abg. Nichter bezieht sich auf die früheren Verhandlungen über diese Frage und empfiehlt die Annahme des Antrages. Abg. von Hollenffer(dk.): Für uns ist die Frage keine Prinzipienfrage. Es steht aber fest, daß unter meinen Parteifreunden die Fretinde der Diäten- e i n s ü h r u n g abnehmen. Wir können einer Ausdehnung des passiven Wahlrechts, wie sie durch denAntragherbeigefühlt wird, nicht zustimmen, da die Entwicklung dcr Diuge nicht derart gewesen ist. Man soll doch nicht mit zweierlei Maß messen. Die Liberalen »vollen hier die Verfassung ändern, während sie jede Aeußerung eines Konservativen, die eine Aenderung der Verfassung anregt, als Verfassungsbruch brandmarken. Mit der Einführung von Diäten würde sich der Kreis der Kandidaten außerordentlich vermehren. An sich wäre ja die Bewilligung von Diäte» sehr w ü n s ch e n s w e r t h; denn es würde uns dadurch gelingen, auchVerlreterdesgeiverblichen Mittelstandes in die Volksvertretung zu bringen. Aber jedes Ding hat zwei Seiten. Es könnten sich Erwerbsparlamentarier neben den Berufs- Parlamentariern herausbilden. Wir würden doch wenigstens den Satz von 20 M. ansetzen müssen. Das möchte bei 0 Monate» Eessionsdaner 3600 M. ausmachen. eine immerhin erhebliche Summe. Man klagt über den Rückgang des Tones im Hause. Besser würde es gewiß nicht werben, wenn wir Diäten einführen. Da müßte denn die Bestimmung getroffen werde», daß nur gewählt werden kann, wer seinen Wohnsitz im Wahl- kreise hat. Wir lehnen also die Diäten nicht von vornherein �ab, wollen aber gegen diese Eventualität durch bestimmte Garantien geschützt sein. Die Diärenlosigkeit soll die Ursache lder Beschlußunfähigkeit des Hauses sein. Das stimmt nicht mit den Thatsachen überein. Die Mittleren und Wohlhabenden bleiben gleichmäßig den Sitzungen fern. Vielmehr wirkt hier die lange Dauer der Session mit. Man sollte hier zu ändern suchen. Nach den ersten Lesungen sollte es den Mitgliedern ermöglicht werden, auch ihre geschäftlichen Pflichten wahrzunehmen, man sollte also da» Plenum ausfalleil lassen, bis die Kommissionen mit ihren Berathungen fertig sind.(Präsident v. L e v e tz o w schneidet die weitere Erörterung dieser Vorschläge ab.) Abg. Werner(Antisemit): Diäten sind»olhivendig, ihr Mangel verschuldet allein die mangelhafte Frequenz des Hauses. Die Konservativen nehmen doch im Abgeordnetenhause ruhig ihre Diäte». Die Diätenlosigkeit bringt nur Leute mit vollem Geldsack ins Hans, die Leute, die Verständniß haben, müssen draußen bleiben. Wir sähen viel lieber, daß von der Regierung abhängige Leute, wie namentlich die Landräthe, draußen blieben. Wenn Diäten bewilligt werden, kommen fähige Leute in das Haus. Daß die Konservativen gern das allgemeine Wahlrecht bei dieser Gelegenheit beschneiden möchten, wissen wir schon lange. Abg. Kröber(Vp.): Ganz Süddeutschlaud ist davon über- zeugt, daß die Diäten nur eine kleine Schadlos- Haltung für die den materiellen Interessen der Abgeordnelen auferlegte» Opfer darstellen. Wer kann denn ohne weiteres lOOO M. und darüber sür eineöMouatedauerndeReichstagssession aufwenden? Die große Furcht vor dem Erwerbsparlamentarismus habe ich nicht. Unlautere Elemente, die nicht hierher gepaßt haben, aber doch hierher gekommen sind, werden unter jedem System gewählt werden, aber sie kommen zum zweiten Mal nicht wieder. (Schluß im Hauptblalt.) Lokales. Zur Lokallifte. Der Arbeiterschaft steht der Saal von Uliy, Badstr. 19, zu allen Versammlungen unentgeltlich zur Verfügung. Die neuerbauten Brunnensäle, Brunnenstraße 14/15, sind zu Versammlungen nischt zu haben. Die Arbeiterschaft wird wissen, wie sie sich zu verhalten hat, wenn ihr zu Vergnügungen, die in diesem Lokale stattfinden, Billets angeboten werden. Im übrigen ist strenge Beachtung der L o k o I l i st e dringend erforderlich. Die nächste Lokalliste für Verlin und Umgegend erscheint am Sonntag, den 17. Februar. Alle, die Lokalsrage betreffenden Anfragen und Briese sind an Karl Scholz. Wrangelstr. 32, zu richtender alte, schöne Zug des absoluten Regiments, auch das treue Volk etwas davon merken zu lassen, wenn der Hof sein« Feste feiert, scheint neuerdings inehr und mehr in Hebung zu kommen. Gestern Abend ist im Opernhause ein Snbskriptionsball abgehalten worden und die Folge davon war, daß auf Anordnung des Polizeipräsidiums der Pferdebahn verkehr während der An- und Abfahrt zum Balle, zeitweilig ausgesetzt wurde! Herr v. Hammerstei», der Sekundant im Kotze-Duell, sagt in der Sonntagsnumnier seiner„Kreuz-Zeitnng", es sei falsch, daß der Zweikampf sich Tödtung oder Verwundung z u m Z i e l e s e tz e. Ist dem so, dann treten die puffende» Rodomontaden unserer Edelsten und Besten zwar in eine mehr komische als verachtungswürdige Erscheinung; aber so ganz um gefährlich sind sie, wie wir Herrn v. Hämmerst ein zu bedenken gebe» möchten, auch in diesem Fall nicht. Wi» leicht kann es vorkommen, daß der Revolver, der nur bestimmt ist, ein Loch in die Luft zu schießen, einmal von einer gar zu schlotternden Hand geführt wird, und dann um die Ecke d e> Sekundanten in die treue deutsche Mannesbrust trifft. Also Vorsicht! Das Verständigste wäre es bei den Raufhändeln, welche unsere hochgeborenen Kavaliere um ihre gleichwerthigeu Weiber führen, wenn der Schießprügel blind geladen würde Tie Wirkung wäre ganz dieselbe. Der Slnsschusi der Stadtverordnete»- Versammlung zur Vorberathung der Angelegenheil wegen Herabsetzung der G a s p r e i s e hielt am Freitag Abend eine Sitzung ab, in welcher beschlossen wurde, den Preis für Gas zum Kochen, Heizen, Löthen und zum Betriebe von Motoren vom I.April 1395 ab zum Preise von 10 Pfennigen für den Kubikmeter den Kon snmenten zu liefern, dagegen Leuchtgas ans dein allen Preise voi 13 Pfennigen für den Kubikmeter vorläustg zu belasse». Hinzuzufügen ist noch, daß für die Legung der Rohrleitung bis zum Gasonwter Kosten nicht berechnet werden. Bei de» Zlutisemite» herrscht gegenwärtig das schönste Durcheinander. Rechter Hand locken die Konservativen und zui Linken stehen die Gründer der neuen„freisinnigen" Antisemiten- Partei und sind eifrig bestrebt, die„deutschen Männer" um ihr, Fahne zu sammeln. In der Sonntageversammlnng ist eine Koi» Mission von fünfzehn Personen gewählt, welche die Vorarbeite, zu einem Parteitage dieser neuen Richtung besorgen soll. Mai rechnet stark darauf, daß die Bayern, denen der Liebermann'sch« Antisemitismus unverdaulich erscheint, sich anschließen werde». Die„Enthüllungen" werden inzwischen fortgesetzt. Dr. Böckei gab in der betreffenden Versammlung bekannt, daß der Ab geordnete Hirschel(der B. aus Hessen verdrängt hat) durch ein, „Korrespondenz Hamburger" an jüdische Blätter Berichte liefere Wer in der antisemitischen Fraktion die Zügel in die Hand bekommt, wird sich bald zeigen; nach Aeußerungen, die Zimmer mann und andere hessische Abgeordnete privatim gemacht haben, soll die Neigung bestehen, nun auch Liebermaun von Sonuenberg an die Luft zu setzen. Teil Julriguen der„Staatsbürger-Ztg/ ist es gelungen, die Hintermänner, welche die ZeitungsgrünNni. der Gruppe Ahlwardt-Böckel-Bodeck stützten, der Sache abwendig zu machen. Diese rächen sich dadurch, daß sie der„Staatsbürger» Ztg." vorhalten, in welcher schnöden Weise sie die heilige Sache verrathen habe, als sie jüdischen und unfiiilichen Anzeigen Raum gewährte. Dem von dem Professor Förster begrüuderen„Frei- Deutschland" ist der Athem ausgegangen; das Blall präsentirl sich jetzr als ein Ableger der Zimmermänn'schen„Deutschen Wacht", die in Dresden unter Ausschluß der Oeffenllichkelt herausgegeben wird.— Die Ausfictiien des Antiiemilismus sind herzlich schlechte — darüber täuscht sich keiner mehr. Humor im Leid. Der Verein der Berliner Gast- wirrbe beging dieser Tage sein 29. Stiftungsfest. Das bei dem Essen gesungene Lied hatte den Kehrreim: Es macht der Bierboykott— Nicht Jeden gleich Bankrott! Freilich folgte diesem Gesänge sofort das Bckenntniß: Es ist der Brauerring— Ein eigenthümlich Ding,— Denn heute mir und morgen dir.— Und muckst Tu mal, bekommst kein Bier!— Das muß sich Jeder merken.— Der anscdeineud auch heute noch nicht ganz ausgelöichle Herr Hubertus Jakobi suchte indeß sofort die devrimirende Wirkung dieser Strophe zu zerstreuen, indem er das Solidariläts- gefühl der Brauereien gegen die boykottirten Gastwirthe hervorhob. Herr Jakobi ist bekanntlich in manchen Dingen ein ganz außerordentlich bescheidener und zufriedener Mensch. Ju Köpenick wurde am S.Februar ein braver Parteigenosse zur letzte»!1iuhe geleilet. August Lieg» er, so heißt der Todte, hat sich eifrig an der Bewegung betheiligt. Er war Mitglied des Sozialdemokratische» Arbeitervereins für Köpenick und Um- gegend, und hat auch in allen anderen Sachen, soweit es seine Kräfte erlaubten, seine Pflicht erfüllt, bis ihn eine schwere Lungenentzündung auf das Krankenbett warf. Er ist 37 Jahr alt geworden. Trotz der Külte ließ es sich die hiesige Arbeiter- schaft nicht nehmen, dem dahingeschiedenen Kämpfer die letzte Ehre zu erweisen, indem sie dem Sarge folgte und zahlreiche Kränze spendete. Vom Sozialdemokratischen Arbeiterverein wurde ein Kranz mit großer rother Schleife und rothe» Blumen niedergelegt. Seine Mitarbeiter aus der Spindler'schen Fabrik spendeten ebenfalls einen großen Kranz. Der Verstorbene hinter- läßt eine Frau und drei Kinder in bitterer Roth. Ei» Feuer entstand am Sonnabend in dem Hause Brunnen- straße 39. Dieses Ereigniß verdie..te nicht mehr Beachtung, als solches ähnlicher Art, wenn das Haus, in dem der Brand aus- gebrochen war, nicht in seinem Erdgeschoß eine Spiritusbrennerei und Tampfdestillation, im ersten Stock eine Tischlerei, und im zweiten bis vierten Stock eine— Gemeindeschule ent- hielte. Es wird zwar berichtet, daß die Kinder in kurzer Zeit und ohne besondere Aufregung das Haus verlassen konnten, aber in derart gefährlicher Nachbarschaft hätte das Feuer unter Um- ständen das furchtbarste Unglück herbeiführen und zahlreiche Menschenleben vernichten können. Wir hoffen, daß unsere Schul- behörde bald Veranlassung nimmt, ein etwas sicheres Quartier für die Gemeindeschule aufzusuchen. Die Kellner im Reichst, igs- Ncstanraut beziehen, wie Reichstags- Abgeordneter Schmidt- Magdeburg im„Gastwirths- gehilfen" mittheilt, keine» Lohn, sondern sind auf Trinkgelder- Bettelei angewiesen. Dabei zahlt der Oetonom, Hoflieferain Sr. Majestät des Kaisers, Herr Schulze, nicht einen Pfennig Pacht. Licht und Heizung werden ihm kostenfrei geliefert. Die Scheuerfrauen des Reichstages reinigen auch das Restaurant. Tische, Stühle, Service sind Herrn Schulze geliefert worden, und bei alledem bezahlt Herr Hoflieferant Schulze seine Kellner aus der Tasche der Reichstags-Abgeordnelen. Tor Große» Berliner Pferdebahu-Gesellschaft ist vom Polizeipräsidium jetzt die Erlaubnis zum Befahren der Strecke „Moabit- Großgörschenüraße" mit den neuen elektrischen Akknmulalorenwage» ertheilt worden. Boykottirt vom Zkommando des 4. Garderegimcnts zn Fuss wurde, wie die„Volks-Zeitung" meldet, vor einigen Tagen der in der R a t h e n o w e r st r a ß e 88 wohnhafte Schlächtermeister R a h n. Durch Regimentsbefehl war den Mannschaften und Unteroffizieren verboten worden, bei ge- naunlem Schlächter irgend etwas zu kaufe», weil in dessen Ge- schüft die von einem Soldaten jenes Regiments eingekaufte Wurst in eine Nummer vom„Vorwärts" eingehüllt worden war. Nach der gestern bei dem Negimentskominando erfolgten Vernehmung der bei dem Schlächter angestclilen Verkäuferin wurde das Verbot zurückgezogen, da man von der Absichtslosig- keil der Mamsell und von der guten politischen G e- sin» u na des Meisters überzeugt sein konnte. Die Mamsell und der Meister mit der guten politischen Ge- sinnung können von großem Glück sagen, daß sie ihr Verbrechen noch vor Annahme der Umsturzparagraphen begangen haben. Später wäre unter Umständen das Zuchthaus ihr Laos ge- ivesen. Aussehen erregt ei» bedeutender Postdiebstahl, der auf dem Postamt in der Potsdamerstraße zu Splindan ausgeführt worden ist. Es handelt sich um ei» mit Geld gefülltes Faß, das zugleich mit mehreren anderen von der hiesigen General-Miluär- kasse für verschiedene Truppenlheile der Garnison Spandau be- stimmt war, auf dem hiesigen Potsdamer Bahnhofe aufgegeben wurde und am Sonnabend Abend um acht Uhr mit dem Eiseubahnzugo aus Berlin am Bestiminnngsorte eintraf. Ter Werth sämmtlicher Fässer war„deklarirt", ivdaß der werthvolle Inhalt äußerlich erkennbar war. Alle Fässer sind auch nach dem Postamt gelangt und in der Packelkanimer untergebracht worden, um demnächst den Truppen- -heilen ausgehändigt zu werden. Am Sonntag Morgen um drei Uhr stellte sich heraus, daß eines der Fässer, das für das Garde- Fußnrtillerie-Regiinent bestimmt war und am heiitigen Löhmnuzs- rage ausgezahlt worden sollte, spurlos verschwunden war. Ter Inhalt bestand aus insgesamnrt 10 720,79 M., und zwar in 75 Hundertmarkscheinen, 1500 M. in Silber, 1720 M. in Gold und der Rest in kleinen Münzen. EtwaS vo» der Gesellschaft, die sich vor dem Umsturz schütze» will. Ein Gerichls-Verichterstatler meldet:„Eine der gesährlichsten Kupplerinnen der Residenz wurde gestern in der Person einer Frau Levis dem ersuchten Amtsrichter vorgeführt. Die Festgenommene, welche zwar ohne Kopsbedeckung, aber in einem kostbaren, pelzbesetzten rothen Radmantel erscheint, hatte ihre Wohnung der„Lcbewelt" zur Verfügung gestellt. Sie ver« stand es,„junges Gemüse" zu schaffe», wie der terminus tscstmcus lautet, d. h. sie wußte unter irgend einem Vorwande vlutjimge Mädchen in ihre Wohnung zu locke», und diese wurden sann den bereits wartenden vornehmen Wüstlingen in die Arme geführt. Wie festgestellt wurde, sind die Opfer zum theil »och so jung gewesen, daß einer der„Klienten" einmal die„Beute" mit dem Bemerken zurückwies, diese sei ihm denn doch noch zu klein. Wer zn den Salons der Person Zutritt haben wollte, der mußte natürlich Gold in seinen Beutel rhu», denn geringe Ansprüche stellte die Kupplerin für ihre Bemühungen nicht. Die Untersuchung zieht übrigens immer weitere Kreise, und mancher vornehme Herr, sollen doch zu den Klienten die höchsten Gesellschastskreise ihre Vertreter gestellt haben— mag dem Ausgange der Sache mit gewaltigem Herzklopfen entgegen- iehen, zumal diese Herren für den Fall, daß ihre Opfer unter >4 Jahren all waren, nach ß 176 nlinea 3 St.-G-B. mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren, falls sie zwischen 14 und 16 Jahren alt waren, nach§ 182 St.-G-B. mit Gefängniß bis zu einem Jahre bestraft werden können." I» einer Anarchistenversauimluug, die am Sonntag Vormittag bei Deigmüller, Alte Jakobstr. 48a tagte, wurde der Anarchist Tischler Schlächter, als er sich für den gewaltsamen Umsturz der bestehenden Verhältnisie erklärt haben sollte, auf Anordnung des überwachenden Beamten ans der Stelle ver- haftet und abgeführt, während die Versammelten die revolutionäre Diskussion über den wirthschaftliche» Kamps durch freie Gruppen- orgainsatioueu fortsetzten. Der Kassenbote Riedel, der beim Verlassen eines Stadt- bahnzuges aus dem Bahnhof Alexanderplatz dadurch verunglückte, daß er vom Trittbrett ausglitt und mit dem Kopf gegen den Wagen schlug, ist in der Charitee in der Nacht zum Sonntag gestorben. Tie Taurmclliste 1341 für die Brauereiarbeiter ist ver- loren gegangen. Es wird gebeten, dieselbe Blumenstraße ob[im Bureau abzuliefern. Verschwunden ist der Kaufmann Albert Franke aus der Schmidstr. 36a. Er erhielt am 9. d. M. von seinem Prinzipal, einem Fabrikbesitzer den Auftrag, die Summe von 10 000 M. bei der Diskontogesellschafl in der Behrenslraöe einzuzahlen. Dies ist nicht geschehen, und man nimmt daher an, dap er das ihm an- vertraute Geld veruntreut habe und flüchtig geworden sei. Polizcibericht. Im Laufe des 9. d. M. fielen infolge der Glätte auf den Bürgersteigen vier Personell hin und erlitten theils Knochenbrüche, theils Verstauchungen der Gliedmaßen.— Nachmiltags stürzle in der Reichenbergerstraße ein Kutscher beim Abladen von Mehlsäcken hin und zog sich einen schweren Schäbel- bruch zu.— In ähnlicher Weise verunglückte in der Gontard- straße ein Müllwagenkulscher, indem er während der Arbeit vom Wagen fiel und eine Gehirnerschütteruiig erlitt.— Abends ver- suchte ein Tischler in seiner Wohnung, in der Waßmannstraß?, sich durch Zerschneideu der Pulsadern zu tödlen. wurde hieran aber noch recbrzeitig durch seine Frau gehindert.— Gegen Mitternacht entstand auf dein Grundstück Sebastianstr. 76 in einer im Quergebäude belegenen Melallwaarenfabrik Feuer, welches sich durch die Transmission schnell weiter verbreitere und an den Gebäuden, sowie den darin befindlichen Maschinen und Materialien bedeutenden Schaden anrichtete.— Am 10. d. M. wurde in der Elsasserstraße ein Bäcker von mehreren Personen gemißhandelt und durch Messerstiche am Kopfe erheblich verletzt.— Vormittags fiel ein Arbeiter in der Stendalerstrabe infolge eines Fehltritts hin und erlitt einen Knöchelbruch.— Eine gleiche Verletzung zog sich in der Nacht ein Mann in der Steglitzerstraße durch einen Fall zu.— Morgens brach in der Malzdarre der Brauerei Friedrichshain Feuer aus, das eine große Menge Malz ver- nichtete.— Außerdem fanden am 9. und 10. d. M. 13 kleine Brände statt. Gerickiks-Ueituug. Staatsanwalt Benedix. Der vorletzte Redakteur des ein- gegangenen„S o z i a l i st", Paul P e t e r s o n. stand gestern wegen Aufreizung zur Gewalt und Gotteslästerung vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I. Der Angeklagte ist im September v. I. Leiter des„Sozialist" geworden. Es handelte sich um zwei Artikel des„Sozialist", in welchen die oben bezeicdneien Vergehen erblickt wurden. Ter eine Artikel unter der Ueber- schrist:„Die Arbeitslosen", bekämpfte die herrschende Gesellschaft und das heutige Wirthschaftssystem, stellte in Aussicht, daß, wenn die Magazine und Bäckerläden den Hungernden und Frierenden nicht freiwillig sich öffneten, sie geöffnet werden würden— von wem? diese Frage müsse offen gelassen werden. In derselben Nummer befand sich ein Artikel, in welchem der Selbstmord als berechtigt und unter Umständen geboten ver- lheidigt wurde. In dem Artikel wurde u. a. der Gottesglaube als ein„Unsinn" bezeichnet und ausgeführt, daß der Tod Christi schließlich auch als Selbstmord aufzufassen sei, da Christus, wenn er wirklich Gott gewesen wäre, die Macht gehabt hätte, sich vor de» Juden zu wahren.— Den ersten Artikel hat der Angeklagte selbst geschrieben, der zweite ist von einem New- Jorker Rechtsanwalt versaßt und einem amerikanischen lArbeiter- otatts enlnommen worden.— Der Angeklagte bestritt in längeren Ausfährungen seine Schuld und behauprete namentlich, daß es ihm in dem ersten Artikel nicht ans eine Aufreizung zur Gewalt angekommen sei, sondern daß er den Besitzenden nur wanieud die Gefahre» habe vorführen wollen, in denen sie schweblen, wenn man den Hungernden und Frierenden nicht entgegen komme.— Staalsanwalt B e n e d i x wollte diese mildere Auffassung nicht gellen lassen, sondern ver- wies namentlich auf die Thättgkeit des Angeklagten beim „Sozialist", der„eine Ablagerungsstätte für alle Gesetzwidrigkeit geivese» sei. Er beantragte 2 Jahre Gefängniß.— Der Gerichtshof erklärte den ersten Artikel für strafbar, in dem zweire» Slrtikel aber den Thalbestand einer Gotteslästerung nicht für gegeben. Das Urtheil lautete aus sechs Monate Ge« s ä n g n i ß. Eine Fuudnuterschlagnngs-Geschichte von allgemeinerem Interesse gelangte gestern vor der 133. Avtheilung des Schöffengerichts zum Abschluß. Als im verflossenen Sommer die Ad- bruchsarbeiten bei der K u r f ü r st e n d r ü ck e vorgenommen wurden, erregte es Verwunderung, daß im Grundstein keine Erinnerungsgegenstände an die Erbauung der Brücke aufgefunden wurden. Bald stellte sich heraus, daß einer der bei dem Bai» beschäftigten Arbeiter, der Maurer Franz Kerstenhau, in einem Slein, der sich auf der Uferseite nach der Burgstraße zu befunden hatte, eine kupferne Schachtel mit Münzen und Medaillen gefunden, dieselbe aber für sich beHallen und den Inhalt bereits verkauft hatte. Es gelaug der Behörde, wietur in den Besitz sämmtlicher Münzen zu gelangen. Im gestrigen Termine ergab sich soigendes Sachverhältniß: Kerstenhan hatte seinem Kollegen, dem Maurer Appell, von dem gemachte» Funde erzählt, worauf der letztere ihm gcrathen haben soll, die Münzen zu verkaufen. Auch der Schlosser Eugen Müller wurde insoweit ins Geheimniß gezogen, als Kerstenhan ihm erzählte, er habe die Münzen vor etwa vier Jahren in einem Sumpf gefunden. Müller bemühte sich wegen des Verkaufs. Ju der Kupserdose befanden sich drei große Gold-, drei große Silderstücke»ud 12 kleinere Silbermünzen, sämmllich durch die Zeit— sie hatten etwa 250 Jahre in dem Grundstein gelegen— stark geschwärzt. Müller begab sich mit einer Goldmünze zu dem Antiquitäteuhäudler Abraham Wey!, wies sich durch ei» polizeiliches Anmelde-Attest aus und verkaufte die Münze für 26 M. Eine der kleineren Münzen ver- schenkte Kerstenhan an seinen Freund, den Hausdiener Pfennig, und alle übrigen verkauften Kerstenhan und Müller an den Münzhändler Karl Brockow. Jnsgesainmt wurde ein Verkaufspreis von 85,50 Mark erzielt. Es wurde gegen Kerstenhan Anklage wegen Unterschlagung, gegen Appell wegen Anstiftung, gegen Müller wegen Be- günstigung und gegen Pfennig, Weyl und Brockow wegen Hehlerei erhoben. Die beiden Händler wollten keinen Vervacht gehabt haben, daß die Münzen auf unredliche Weise erworben sein könnten, dergleichen Stücke könne man bis- weilen bei völlig unbemittelten Leuten finden, die durch Erbschaft in deren Besitz gelaugt seien. Die dafür gezabiten Preise seien eher zu hoch als zn niedrig. Als sie gehörl Härten. woher die Münzen stammten, hätten sie dieselbe» aus freien Stücken zur Polizei getragen. Als Sachverständige wurden der Landaerichtsrath a. D. Dannenberg, ein bekannter Münzsammler und Milglied der Sachverständigen-Kommission am königlichen Münzkabinet, sowie Dr. Menadie, Assistent bei der königlichen Münze, vernommen. Beide erklärten übereinstimmend, daß die von den Händlern gezahlten Preise kein Bedenken erregen könnten. Es seien Medaillen, welche weder einen bedeuien- den Metall- noch Kunst- noch historischen Werth hätten. Ter Gerichtshof kam aber doch zu der Ansicht, daß wenigstens der Händler Brockow, der so viele Münzen gekaust halte, sich ge- agt habe, daß die Gegenstände nicht aus ehrliche Weise erworben sein könnten. Er wurde der Hehlerei für schuldig befunden und zu 10 Tagen Gefängniß vernrtheilt. Kerstenhan tras eine Gefäuguißstrafe vo» sechs Woche», Müller seiner Vorstrafen wegen eine solche von vier Monaten, die drei übrige» Angeklagten wurden sreigesprochen. VevlÄttttttlungen. Ter ieutfdie Holzarbeiter-Verband hielt am 29. Januar eine gulbesuchie Generalversammlung ab. Ans demKasienbericht ist folgendes zu entnehmen: Für die Hauptkasse ist eine Einnahme mit Bestand von 9273,03 M. und eine Ausgabe von 5606,96 M. zu verzeichnen; bleibt Bestand 3666,07 M. 2. Lokalkasse: Einnahme mit Bestand 3513,30 M., Ausgabe 1678,08 M.; bleibt Bestand 1835,22 M. 3. Unterstützungskasje: Einnahme mit Be- stand 234,15 M.. Ausgabe 135 M.; bleibt Bestand 39,15 M. Nachdem die Revisoren die Richtigkeit der Söffe bestätigt, gab der Vorsitzende seinen Bericht über die Thäligkeit der Vermallung, Streiks, Rechtsscbntz, Unterstützungen u. f. m. Dem Verbände gehören 3043 Mitglieder an. Außerdem find noch sehr viele Restanten, eine Erscheiinuig, die rvohl den schlechten Erwerbsverhältnissen zuzuschreiben ist. Tie Beisitzer, mit Ausnahme des Norden, führten wiederum Klage, wegen zu schwachen Besuch der Bezirksversammlungen, was zu einer längeren Debatte Anlaß gab. Den Bericht der Kontrollkommission erstaliele der provisorische Bcvobinächtigte, Kollege Grunerr. Demnach fanden im letzten Quartal 73 Sitzungen mit 208 Werkstätten und 1256 dort beschäjtigten Kollegen statt. Davon erschienen 963, von welchen 340 organisirl waren. 142 ließen sich hierbei aufnehmen. Im ganzen verflossenen Jahre fanden 209 Sitzungen mit 566 Werkstätten und 4216 dort besckästiglcn Kollegen statt. Aus dem Bericht des Arbeitsvermittlers ist zu eninehmen, daß 397 Adressen eingegangen, 352 ausgegeben und 304 Lkollegen in Arbeit getreten sind. Arbeitslos meldeten sich 1476 Kollegen Nunmehr erfolgte die Ersatzwahl zur Vermallung. Gemädll wurden die Kollegen Glocke, erster Bevollmächtigter; Micke, erster Kasflrer; Hübner, zweiter Kassirer; Sommer, erster Schriftführer; Ronmberger, zweiter Schriftführer; Post, Revisor; CckSpflin und Gebhardt Ersatzleute. Zum Bevollmächtigten der Kontrollkommission wurde Grunert ernannt. Hierauf erfolgte die Bestätigung der neugewählten Kommissionsnntglieder, bis auf Kollegen Pechmann, gegen welchen Siewert Einspruch erhob. Unter Verschiedenem stellten die drei Revisoren den Antrag: Tie Beilraasammler durch Generalversammlungs- Beschluß zu verpflichten, vor dem ersten Sonnabend im Monat die kassirtcn Beiträge mit dem Kassirer abzurechnen, andernfalls die Revisoren berechtigt sind, dem Be- treffenden das Material abzunehmen. Ter Antrag wurde an- genommen. Einem Antrag, den arbeitslosen Verwaltungs- Mitgliedern 50 Pf, pro Sitzung zu gewähren, wurde zugestimmt. Ucber die neue Tabak-Fabrikatstener-Vorlage reserirte in einer Versammlung der Tabakarbeiter und-Interessenten am Sonntag der Reichstags-Abgeordnete Z u b e i l. Die eingehenden Darlegungen des Redners gipfelten in der Erklärung, daß diese Vorlage eine recht eigenartige Ergänzung des behördlicherseits forcirten Kampfes gegen den Umsturz bilde. Die Regierung übernehme in diesem Fall die Rolle jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft, nämlich eine weitere Aus- dehnung der gehaßten Sozialdemokratie. Nachdem der Referent unter lebhastem Beifall geendet, wies Drescher darauf hin, daß der Vorstoß der Regierung im vorigen Jahre dank der energischen Gegenwehr der organisirten Arbeiter zurückgeschlagen sei; er empfahl, nichts unversucht zu lassen, um die arbeiterfeindlichen Pläne auch diesmal zu durchkreuzen. Eine einstimmig angenommene Resolution lautet: Die im Feenpalast versammelten Arbeiter, Arbei- terinnen und Interessenten der Tabakbranche erklären sich niit den Aussührungen de-Refcrenten einverstanden. Sie erkennen an, daß auch die neueste Tabalstener-Vorlage nur dazu angelhan ist, die iu dieser Branche ibren Unterhalt findenden Personen schwer zu schädigen und zum Theil deren Existenz völlig zu vernichten. Als eine Etappe auf dem Wege zum Monopol ist auch diese Vorlage ebenso wie alle Versuche, die Einnahmen des Reiches duöh indirekte Besteuerung zu vermehren, von jedem rechtlich und gewissenhaft denkenden Vertreter des Volkes zu verwerfen. Die Anarchisten machen verzweifelte Anstrengungen, um die organisirten Arbeiter für die Desorganisation zu gewinnen. Zum Sonntag Vormittag war dieserhalb wieder eine öffentliche Versammlung s ä nun l l i ch e r G e- werkschaften einberufen; der Besuch entsprach allerdings durchaus nicht den gehegten Erwartungen, noch nicht einmal 100 Personen hatten'sich eingesunden. Der erste Redner, Tischler Schlächter, wurde verhastet, noch ehe er geendet hatte. Er hatte davon gesprochen, daß die Demokratie die schlimmste Ausbeutung darstelle und daß man diese„Sklaverei" beseitigen müsse. Gehe es nicht auf friedlichem Wege oder durch Lift(!). so müsse man--- da kam schon der Schutzmann und führte den Redner ab.— Tischler Winkler findet, daß die Intelligenzen, welche der Gruppeuorganisation huldigen, schon viel geleistet haben, aber man dürfe das mit Rücksicht auf die sozialdemo- kratifche Presse nicht der Oeffeutlichkeit übergeben.(?) Dieser Redner scheint überhaupt ein entschiedener Gegner der Oeffent- lichkeit zu sein: Streiks, die ganze alles umfassende Organisation möchte er durchführen, ohne daß die„Presse" etwas davon er- fährt. Wiese, der.Produktionsgenossenschafls-Ersinder" känipfle gegen die„Allheilmittel" Streik und Boykott, ohne rechten Anklang zu finden Zigarreuarbeiter Witzke übertrumpfte alle bisher gehörten Banalitäten, indem er als die besten Kämpfer für die Sache des Proletariats die U n o r g a n i s i r l e n feiert. Er ist natürlich auch kein Gegner der Tabaksteuer- Vorlage, die dem Arbeiter nützt, indem sie die Zileir meisterei beseitigt— Nachdem die nachfolgenden Redner»och einmal wiederholt hatten, was vordeni schon ausgeführt war, gingen sie hoch- befriedigt nach Hanfe. Uotionnl« ltauf)iin)iiiir/- Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Sonntag, den 17. Februar, nachm. 3 Uhr: öpiritismu», Drama in drei Akten von Carl Wald. Arranqirt vom Verein„Payede!' Billels sind im Vor- verlauf bei Carl Sigismund. Mauer- straße 68 und Gustav Müller Rächst., Friedrichstr. 108, zu haben. iller-Tlieaier. (Wallner-Theater.) Vallu er-Theaterstrasse. Dienllag, 12. Februar, abends 8 Uhr: Kabale und Liebe. Ulittwoch,>3. Februar, abends 8 Uhr: Der zerbrochene Krug. Frauen- Kampf. Donnerstag, 14. Februar, abdS. 8 Uhr: Kabale und Liebe. Freitag, 15. Februar, abends 8 Uhr: Kabale«nd Liebe. Sonnabend, 16. Februar, abds. 8 Uhr: Zum 1. Male: Der Schwabenstreich. Lnüspiel in 4 Akten von Franz von Cchönthan. Sonntag, 17. Februar, nachm. 3 Uhr: Di» Knrgruine. Frauenkampf. Abends 8 Uhr: Der»erbrochene Krng. Franenkampf._ Kanfmann's Variete. Enormer Erfolg des neuen Februar-Prograinia| Naucke das Stadtgespräch Beriins| macht noch ausverkaufte Hänser. Nancke nmss man sehen! Naucke's Schatten •at schwerer als„ Sarah Bernhard.! Naucke's Ballhaus-Anna ist der Höhepunkt des Ulks.| Sonntag, den 17. Febrnar 1893, Mittags 12 Uhr; | Gr. Wolilthätigkeits-Matinöe| für die Hinterbliebenen der Ternnglückten Schlfismann- scbaiten des untergegangenen Schnelldampfers„Elbe" Unter den Linden 21. an. Jeden Sonntag Nachmittag OrtoHdu.k.Ali-'rÄISSt Zauber und ESc�'S Wunder. Täglich Anfang'j,g Uhr. Adolph Ernst-Theater Gefindeball. Schwank in 1 Akt von Ed. Jacobson und Jean Kren. Hierauf: Auftreten der ersten Pironette- u. Conrbette-Tänzerin Englands vom Prlnca of Wales-Theater InLondon. Ein fideles Corps. Große Gesaugsposse mit Tanz. Nach dem englischen Original„A Gaiety Girl" von Jonas Sidney, frei bearbeitet von Eduard Jacobson und Jean Kren. Anfang 7»/- Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Beutrsl-l'dkAter A lte Zallobstraße Dr. 30. Emil Thomas als Gast. Anna Bäckers. Joseline Bora. g&- Letzte Woche!"9Q Zum 103. Male: O. diese Verlitier! Große Posse mit Gesang und Tauz in 6 Bildern von Julius Freund. Musik von Julius Einödshoser. Anfang',23 Uhr. Morgen: Zum 164. Male: 0, diese Oerliuer I In Vorbereitung:„Unsere Renliers!' Große Posse mit Gesang und Tauz in 4 Akten. Baioüie-l'jiLater Vranien-Strah« 5Ä(am Moritzpl.). Madame Saus-Gene. Vorher: Cmil Elise Uilsllllvtrlilltllüg. Zum Schluß: Avis! Mittwoch, den 13. Februar: Nach Beendigung der Vorstellung aus vielseitiges Verlangen: 2. Bühnen- Maskendall._ Passage-Panopticuni. Neu I Oer Meister: Neu! I. Prof. Frdr. Schwinge's Wandernde Lichtbilder. IL Das Lied von der Glocke In 15 lebendsn Bildern mit transparentem Hintergrund. Hnsik von Bomberg. Rob. Bibea*ti vom Kgl. Opernhaas In Berlin. Böhiuisclies Brauhaus Landsberger Allee. Jeden Dienstag: Stettiner Sänger (Meysel| Pietro, Britton, Steidl, Krone, Röhl und Schräder.) Anfang 8 Uhr. Entree 50 Pfg. Vorverkauf 48 Pf.(siehe Plakate.) Durchweg neues Programm. �1?' EMM-Söllgem. Mittwoch: Tonhalle. FttifUM Knrgstr. ÄS,«eben der Körst. Riesen» Februar-Programm. Ein Liebes-Drama, oder: Der Brand anf der Tanhenburg. M uiiruhige 5ms um Mitternacht. Mar nnd Moritz Kubenstreiche. BIS Wiinder-Elephanten. James Capelli. Miss Tanisan. Wilhelm Fröbel. Mary Myra Maa. Anita&JuI.Schaffeur. Truppe Largards etc. Anfang: Wochentags 71/, Ohr. Sonntag: Konzert 6 Uhr, Vorstellaug 7 Uhr. Mvald Grauet! 121, Granienstr. 121. Zimmer für Vereine mit Piano, 40—80 Personen fassend. ZM- Kegelbahn.-M auf die Erklärung der Herren F. Butzke& Co., AktieiwGesellsch.— AktieiuGes. Torrn. C. H. Stobwas&er& Co., C. Kramme, Hofl.— Fritz Trendel, Erste Deutsche Gasglflhlicht-Industrie. Vor mehr als fünf Jahren sind auch hier in Deutschland dem Herrn Dl�s �U6I* Wo die GftSglühlicht- Patente erlheilt. Bis in die jüngste Zeit blieben dieselben unangefochten. Erst CBI16H T3C| VOR* Ci©l* haben einige Firmen auf Nichtigkeit dieser Patente(nicht des für die Brenner ertheilten Pintsch'schen Patentes) geklagt. Diese Zögerung bedeutet kein grosses Vertrauen auf den Erfolg; ebensowenig sind die erhobenen Klagen geeignet, bei den klägerischen Firmen die Hoffnung zu erwecken, dass das während vieler Jahre erprobte Auer'sche System beseitigt oder der Nachahmung Thür und Thor geöffnet werde. Nichtigkeitsklagen können von Jedem angestellt werden; es kann aber aus dieser Einreichung nicht gefolgert werden, dass nunmehr Jeder die in den angegriffenen Patenten geschützten Ansprüche verletzen darf. Den Unterzeichnern der obenerwähnten Erklärung, den Herren Butzke, Stobwasser, Kramme und Trendel, wird es nicht gelingen, den Nachweis zu führen, dass ihre Fabrikate die Auer'schen Patente nicht verletzen. Die Herren Butzke, Stobwasser, Kramme und Trendel schreiben in ihrer Erklärung wörtlich:_ WM"„das Patentgesetz schützt nur den gewerbsmässigen Eingriff in Patente".-WD Das wäre ein sonderbares Gesetz! Wenn der Gesetzgeber die Verletzung der Patentrechte schützte, dann freilich wären unsere Klagen gegen die Aktien-Gesellscb. Butzke und Gen. wegen Patentverletzung aussichtslos. Das Patentgesetz schützt aber die Patentinhaber, und zwar nicht nur gegen diejenigen, welche gewerbsmässig den Gegenstand der Erfindung herstellen, in Verkehr bringen oder feilhalten, sondern auch diejenigen, welche gewerbsmässig(in ihrem Gewerbebetriebe, also in Restaurationen, Läden, Werkstätten, Wohnungen etc.) solche Gegenstände gebrauchen. Das heisst also: Das Patentgesetz schützt den Patentinhaber nicht nur gegen die Fabrikanten und Veräusserer, sondern auch gegen die Konsumenten(§ 4 des Patentgesetzes). Der§ 36a— a 0. bestraft Denjenigen mit Geldstrafe bis zu 5000 M, oder mit Gefängniss bis zu 1 Jahr, welcher wissentlich der Bestimmung des§ 4 zuwider eine Erfindung in Benutzung nimmt. Hierauf weisen wir ausdrücklich hin. Wir werden in kürzezter Frist gegen diejenigen Konsumenten Klage erheben, welche fremde, in die Auer'schen und Pintsch'schen Patente eingreifende Fabrikate. gewerbsmässig gebrauchen. 47/24 Berlin C., Molkenmarkt C. Dfitsrkf Gasglühlic Sozialdemokratischer Wahlverein für den S.Berliner Reichstags-Wahlkreis. Donnerstag, den 14. Febrnar, abends 8 Uhr, im Lonisenstädtis chen Konzerthans, Alte Jakobstrahe 37: MF" Verla, ttinlttttg."ML Tagesordnung: 1. Vortrag des Reichstags» Abgeordneten Buch(Mülhausen i. E.) über: „Die Behandlung der wiedergewonnenen Reichsländer". 2. Diskussion. S. Vereinsangelegenheiten. Die Versammlung wird präzise SVe Uhr eröffnet.— Gäste haben Zutritt. 262/1_ Der Vorstand. Achtung für Moabit! Grosser» Frauenvorftrag am Dienstag, den 12. Februar 1895, abends 8'- Uhr, in Ahrend's Brauerei(Aktienbranerei), im großen Saal, Thurinftrahe 26, von Frl. Minna Kube, prall. Ralurhetikundige, Leiterin der Charlotten« burger Nalurheilanstatl, über:„Die hauptsächlichsten Frauenkrankheiten", Enl- stehung und Heilung durch die Naturheilkunde. _ Die Frauen werden gebeten, recht zahlreich zu erscheinen._ Achtung! Tapezirer. Ächtung! Mittwoch, den 13. Februar 1895, abends 8'/- Uhr: Große öffentliche Versammlung aller im Tapezirergemerbe besch. Personen in den Arminhallen, Kommandantettstr. 20. Tages« Ordnung: 1. Kerichterstaktung und Abrechnung vom Kterist 1894. 2. Diskussion. 2. Verschiedenes. 233[6 Die Agitationskommission._ Achtung! SchuhmacEhep. Achtung! Große öffentliche Versammlung aller in der Sßllh-Zillillßne desPstigttil Arbeiter v. Arbeiteriiilleil am Mittwoch, den 13. d. M., abends 8'/» Uhr, in den Arminhallen, Koiumattdauteuftr. 29. Tages-Ordnung: 1. Vortag des Kollegen Fr. Kölle nus Hamburg über:„Die Kämpfe der Arbeiter auf wirthschafllicheni und politischem Gebiet, mit Berücksichtigung unserer gewerkschaftlichen Organisation". 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Der Wichtigkeit der Tagesordnung halber ersuchen wir die Kollegen recht zahlreich zu erscheinen. Die Agitationskommissto«. I. A.: C. Rott, Koppen str. 87. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Zahlstelle Berlin. Grosse ausserordentliche Generalversammlung am Dienstag, den 12. Februar, abends pünktl. 8'I, Uhr, in XeUer'L Festsälen(großer Saal), Koppenstr. 29. TageS-Ordnung: I. Stellungnahme zum ersten ordentlichen Verbandstag, sowie Statuten- berathung. 2. Wahl der Delegirten zum Verbandstag. 3. Verbands-An- gelegenheiten.— Mitgliedsbuch lcgitimirt. Es ist Pflicht eines jeden Mitgliedes, diese Versammlung zu be,uchen. 202/9 Die Ortswerwaltung. Chaplottenbupg. Wittmvch.>«» 13. Februar, abend» 8 Uhr. in Trisetha«'« Salon. Hophie-Chariottenftr. 94: Große öffentliche Versammlung i»er Arbeiter und Arbeiterinuen uller Bralcheu. Tagesordnung: I.Vortrag des Stadtverordneten Vd. Molznor über: Die Ethik der heutigen Gesellschaft. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. SM- Zur Deckung der Unkosten findet Tellersammlung statt."MM Um zahlreiches Erscheinen der Arbeiter und Arbeiterinnen ersucht Lg/17 Der Nertrauensmaun: 0. Schüler. NB. Die Zahlstelle befindet sich rm Lokale von Becker, Spandauerür. 26, und ist jeden Sonntag nach dem I. und IS., Vorm. von 10—12 Uhr geöffnet. Zentral-Kranken- u. Sterbekasse der Zimonereo*. E. H. Nr. 2, Hamburg. Kezirk 4. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß das Mitglied der Zimmerer IVilhelm Jauer, verstorben ist. Die Beerdigung findet am l 2. Februar, nachmittags 3 Uhr. von der Leichen- halle des neuen St. Johannes Kirch- Hofes in Plöyensee, statt. Um rege Betheiligniig bittet 295/13 Der Vorstand. Achtung, Steinmetzen I Am Sonnabend, den 9. Februar, starb nach langen, schweren Leiden der Steinmetz Batale Zambaro. Die Beerdigung findet heute, Dienstag, nachinittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle der Sebasiiansgemeinde in Dall- dorf statt.— Um zahlreiche Betheiligung bittet J. Schell. Hiermit sage ich den Beretnen, sowie allen Freunden und Bekannten, welche sich an der Beerdigung meines Mannes betheiligt haben, meinen herzlichsten Dank. 2617b Wwe. Dörffer nebst Tochter. Krunzbiuberei u. MileOlg. Robepi Meyer, 2. Mariannenstraße Nr. 2. NB. Um häufigen Jrrthum zu ver- meiden, bitte ich meine Freunde und Genossen, genau auf meine Adresse zu achten._ Kranken- und Begrabniykasse für die im Berliner Gürtler und Brozeurgewerbe beschäft. Personen,(a. h. no. eo.) Mittwoch. 20. Februar, abends 8 Uhr, bei Miitiring, Adiiiiralstr. 13c: Lrbtntl. terkhitrpiuluug. Tages orvnnng: 1. Jahresbericht pro 1394. 2. Beschlußsassung über den Anschluß der Kasse an den Verband Hamburg. 3. Wahl des gesammten Vorstandes und der Ausschußmitglieder. Zutritt haben nur grobjährige Mit- glieder. Quitrungsbuch als Legiiimalion erforderlich. 2621V Pflicht eines jeden Mitgliedes ist, der hochwichtigen Tagesordnung wegen zu erscheinen. Der Vorstaub. I. A.: R. Schmolt. Ich fordere hierdurch die Zwölfer- Kommission, sowie speziell Herrn Lorenz auf, ösfeiulich zu bekunden, welcher Art die Forderungen sind, welche die Zwölfer-Kommission an mich zu haben vorgiebt. Bitte aber, etwas vorsichtiger zu sein, als seinerzeit das Kommissionsmitglied Julius Henke, Naunynslr. 27, bei dem Fall 94,30 M. Hoffentlich wird es mir gelingen, auch jeden anderen Fall, so richtig fest- zustellen, wie diese». kränz Cittler. Mariaunenstraße 48. Fertige Betten, Äenfunl«- � den. 3 Kopfkissen. mit eer-tniate» neuen Feder», von lü Marie an. srrtigr Inlett». Bellwäsche, Mairaycn jeder«rt. Stepp-, Schlaf,, Bew d-cl-n und Polster-BeUiiellen-mpstehll dilligii da« als«irena reell bekannte, IS70 aegriindeie Speztal Scichaft von Vranien- strafj» llr, am Morivplas. Soziatdemohratischer Wahlverein für den 6. Kerl. Reichstags-Wahlkreis. (Nktkenlung Moabit.)_ WM" B e r s a m m l u n g"HW am Dienstag, den 12. Februar 1895, abends S'l1 Uhr, im Mani schen Lokal(Biktoria-Saal), Pcrlebergerstr. 13 Tages-Ordnung: Diskuisions-Abend'über das Erfurter Parteiprogramm. Angelegenheiten.— Fragekasten 284/16 — BereinS- Dep Vorstand. Große öffentliche Versammlung der in der Bold- und Bilhonvaaren- Branche besch. Arbeiter und Arbeiterinnen am Mittwoch, de» 13. Februar 1895, abends 8V« Nhr, bei Herr» Deigmüller, Alte Jakobstraße 48� Tages-Ordnung: 1. Vortrag der Genossin Frl. vttille Baader über: Nothwendigkeit der Organisation und Agitation beider Geschlechter. 2. Diskussion. 3. Bericht des Delegirten der Gewerkschafts- Kommission. 4. Bericht der Agitations- Kommission und Neuwahl derselben. 5. Verschiedenes. 2615b Um zahlreiches Erscheine» namentlich der Arbeiterinnen ersucht Die Agitations-Kommission. Frmn- imi) Wchtli-Bilimssmeiil i)c§ arbeittM Volkes fiir Kerlin und Umgegend(Filiale Norden). Dlittwoch, IS. Febrnar, abend» 8 Uhr, Hwinemnndrrlfra�e 3S i gf Wander-Uerfammlnng. ZS Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Hr. Berinami Weyl über: Frauenkrankheiten, die Ursache» und deren Folge». 2. Tislusfion. 3. Ausnahme neuer Mitglieder. 4. Verschiedenes._ 126/8_ Der Voratand. 80129 Der Ausstoß unseres ockallieres beginnt am Freitag, den 15. Februar. Wulms DoliknMönhaOu. Arikitsnstzk»nl'S'its. Schankgeschäfl, 500 M. Anzahl., zu kaufen gesticht E. K ä h l e r,.Fron- zösischestraße 53. 26>9b Vere in ziinmer ist zu v erg. Slatttzerstc. 1 40. Fritz Zubeil Linden Ztraße 106. fönnf'ür 300 Personen, und wllUl Derrinoiimmer. Vorzttgl. Speisen nnd Getränke. Atlb-lj» noch einige Tage frei. sI341L' c. Lolzmann's Lesellsokafts- Säle, Lichfenbergerstr. 16. Säle nnd Vereinszimmer von 20 bis 500 Personen. 1521L* Festsäle Orauienfte. 180. Sonnabende und Sonntage zu Ver- sammlungen und Tanz freu. 2546b. Ein Vereinszimmer für 40 Pers. mit Pianino zu vergeben Thnrmstr. 82., Gesaug-Nerem. Großes Vereinszimmer mit Pinno Mittwoch, Donnerstag, Freitag frei Neue Hochstr. 49. üll gebraucht, kauft Möbel« lllvvtl, Handlung Rosenthaler- Straße 13. Achtung I m Zahnersatz, auch Theilzabl.. wöchentl. t Mark, G u ck e l. Lausitzer Platz 2, Elsasserstr. 12._ Slq.MstMlenk° Elzel-Beck, Neanderstraße 34, I Tr. Kl. Wohnung Umstände halber sos. od. 1. April billig zu verm. Görlitzeiz Ufer 5 v. 4 Tr. bei Vogel. 2623b Für die hiesigen Feser liegt der heutigen Dummer Klatte» die gestrige Gewinnliste der prrnh. Lotterie bei. Verantwortlicher Redakteur: I. Tierl(Smil Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. SW., Beuthstraße 2. 2. Beilage zum„Vomiirts" Berliner Volksbla Nr. 36. Dienstag, den 12. Februar 1893. 12. Jahrg. er ist schwach; der einen �Waschlappen' gut zu Anarchisten. Mtticher Anarchisten-Vvozest. (O r i g i n a l b e r i ch t.) L ü t t i ch. 3. Februar 1893. Rechtsanwalt F a l a i s e(Vertheidiger von Müller): Mein Gewissen gebot mir gestern, den Antrag auf Untersuchung des Geisleszustanres meines Klienten zu stelle». Der hohe Gerichtshof hat diesen Antrag leider abgelehnt. Beachten Sie diese Ad. lehnung wohl, meine Herren Geschworenen, und vergessen Sie die menwiirdigcn und ungewöhnlichen Zwischenfälle dieses Pro- zesscs nicht. Bis gestern haben die Staatsanwälte mit den Ans- sagen Müller's Fangball gespielt. Nun wagen sie es nicht mehr. Sein gestriger Widerruf hat sie so bestürzt gemacht, dab sogar das Wort: Revision des ganzen Prozesses über ihre Lippen geglitten ist. Staatsanwalt Demarteau schüttelt mit dem Kopse und ruft dazivischen: Ich habe nur ein neues Verhör Müller's be- antragt. Widerspruch verschiedener Vertheidiger. Rechtsanwalt N e u j c a u: Doch, doch! Das Wort Revision ist gefallen. Rechtsanwalt F a l a i s e(sortsahrend): Ohne jeden Anlas) hat Müller fortwährend in seinen Angaben gewechselt. Was er an einem Tage behauptet, hat er am nächsten Tage wieder be- stritte». Handelt so ein Mensch, der im Besitz seiner gesunden fünf Sinne ist? Auch der Gesängnißgeistliche Petcrson, den der Herr Staatsanwalt sehr zu unrecht angegriffen hat, nrtheilt, daß Müller anormal sei und glaubt, daß er für seine Hand' lungen nicht verantwortlich gemacht werden dürfe. Aber selbst wenn man nur eine leichte Verstandesstörung bei ihm zugeben wollte, würde das schon genügen, ihn weniger verantwortlich erscheinen zu lassen. Werfen wir einmal einen Blick aus Müller's Ver- gangenheit. Vieles wird uns dann erklärlich werden. Als Unter- ossizier tritt er aus dem Soldatenstande aus und geht zur Post. Eine kleine Unregelmäßigkeit im Dienst läßt ihn seinen Posten verlieren. Nun wird er ein Lump. Er findet Arbeit in einer Kohlengrube, aber er verdient nur einen Hungerlohn. Zweimal kommt er, weil er gestohlen hat, mit der belgischen Justiz in Konflirt. Er wird über die deutsche Grenze abgeschoben, aber er wagt nicht, nach seiner Heimath zu seinem alten Vater zurückzukehren. Er kommt wieder nach Lüttich. Er hat keine Arbeit, keinen Psenuig Geld. So fällt er dem Russen in die Finger. Sein Charakter Herr Staatsanwalt hat ihn ja selber genannt.„Waschlappen" eignen sich nicht Broich vermittelte seine Bekanntschaft mit dem Russen. Der Spitzel hatte leichtes Spiel. Er ließ im Cafe in Müller's Gegenwart einen Hundertfrankschcin wechseln. Das Geld stach Müller in die Augen. Zudem versprach ihm der aZevt provocateur noch, für seine Zukunft zu sorgen. So wurde er daS willige Werkzeug des Russen. Immer aber schrak er vor Attentaten zurück. Er hatte Bedenken, Menschenblut zu ver- gießen. Top daS Attentat bei Dr. Nenson zu fo bösen Folgen führte, war ein unglücklicher Zusall. Wäre Dr. Renson fünf Minuten später nach Hause gekommen, so wäre ihm nichts passirt. Ter wirklich Schuldige i st der Russe. Leider hat man ihn nicht verhastet, weil man ihn nicht verhaften wollte. Es scheint beinahe so, als rvenn tliis hier in Belgien die Polizei fremder Staaten sorgfälliger überivachl als unsere eigene. Jagolkowsky stand im Solde R u ß l a n d s. Herr von Leonard lebt auch heute noch in Paris, aber die Pariser Polizei kann ihn nicht sindc», weil sie ihn nicht finden will. Jagolkowsky sagt in Anisterdam zum russischen Konsul, wo er sich ruhig einen falschen Paß visiren läßt, er sei russischer Polizei-Agent. Der K vn s u l k a n n t e seinen wahren Namen, ließ ihn aber nicht verhaften. Nun reist Jagolkowsky in der ganzen Welt herum, die Polizei aber kann ihn nicht finden. Zweimal wird er verhaftet, aber wieder in Freiheit gesetzt. Endlich hält ihn die russische Behörde in Odessa unter dem Vorwand an, er habe in Rußland noch Strafen zu ver- büßen. Er kommt nach St. Petersburg. Unsere in Untersuchungsrichter wird aber nicht g e st a t t e t, seinen Verhören beizuwohnen. Die Verhöre finden auch erst statt, nachdem Herr Jagolkowsky gnädigst erlaubt, daß Fragen an ihn gerichtet werden. Tie russische Polizei gilt sonst nicht sür so rücksichtsvoll. Acht Tage lang werden ihm s ä m m t- licheU n tersuchu ngSakten zu rVerjügu n gge stellt, und dann erst ist der Gentleman so gütig, zu antworten. Und was antwortet er? Was ihm gerade einfällt. Wer wollte noch bezweiselii, daß er ein russischer agont provocateur war. Wahrlich, es müßten Gesetze erlassen werden, die uns davor schiitzen, daß derartige Banditen aus andern Ländern hierher geschickt werden, um hier Mord und Plünderung zu predigen und vorzubereiten. Die wirkungsvolle Rede dieses Veriheidigers machte auf alle Anwesenden großen Eindruck. Ihr schloß sich die Replik des Vertheidigers für den An- geklagten Vach, Rechlsaiiwalrs Schuermanns, an. Er machte für seinen Klienten geltend, daß er nur ein theoretischer Anarchist sei, der sich an einer Verschwörung nicht bethciligt habe. Was die Verbreitung der Manifeste anlange, so sei das offenbar ein Preßvergehen. Bach habe nur die Rolle eines Dienstmannes gespielt, da er nur das Packet mit den Mnuifesten weiterbesorgt habe, ohne die Manifeste selber zu verbreiten. Sonst könne man ja ebenso gut auch dazu kommen, den Herrn Eisciibahnminisler auf die Anklagebank zu setzen.(Heiterkeil.) Ter erste Slaalsaiiivatl Demarteau bestreitet in längeren juristischen Ausführungen die Richtigkeit dieser Arguinentaiion. Rechtsanwalt Orth(für Westkamp): Die ganze Anklage ist jetzt zum Ladenhüter geworden. Sonderbar, daß die beiden Herren Staat-anwälle sich noch immer solche Mühe geben, ihre Waare an den Mann zu bringen. Gegen meinen Klienten ist Nichts erwiesen; er muß freigesprochen werden. Die Mittagspause tritt ein. In der Nachmittags-Sitzniig setzt sich zunächst das juristische Gefecht zwischen Rechtsanwalt Schuerinaniis und Slaalsanwalt Demarteau fort. Ter Gerichtshof tritt in einem Beschluß der Ansicht des Slaatsanwalls bei. Für den Angeklagten Wille macht hierauf sein Vertheidiger, Rechlsanwalt T h o n« t gellend, daß er niir durch die unsichere Rekognition der Frau Orban, die ihn in Chevron vom Fenster aus gesehen haben will, belastet sei, und daß dieser Aussage der Alibibeweis gegenüber stünde. Rechtsanwalt Orth(sür Vossem): Der Herr Staats- anmalt Telwaide hat in seiner ersten Rede gesagt, daß er in den Straßen Ltttlichs noch nie einen mit Lumpen bedeckten Menschen gesehen chabe, daß es hier überhaupt kein Elend gebe. Er braucht blos zwei Treppen herabzusteigen und zum Polizei- gericht zu gehen; da kann er täglich sehen, wie kräftige Atänner, die arbeiten wollen, aber keine Arbeit finden können, bestrast werden, weil sie ohne Existenzmittel sind. Oder er gehe einmal zur Zlrbeilsbörse; täglich stehen hunderte vor diesem Konininiial- amt und bitten um Arbeit. Heute morgen standen vierhundert trauen in Eis und Kälte vor den Thoren des Cockerill'jcheii lablissements in Seraing und warteten auf die Gratis- vertheilnng von Kohlen. Heute morgen noch wurde in Lüttich eine alte Frau, die der Kälte und dem Hunger er- legen war, aufgefunden. Ist das etwa kein Elend? Wer wagt es da noch, sie Roth des Volkes zu leugnen? Und ich frage Sie, meine Herren Geschworenen, liegt es denn so fern, wenn diese verlorenen und verstoßenen Kinder der Gesellschaft An- archisten werden? Mein Klient, der Angeklagte Vossem, gehört aber nicht zu den Verlorenen und Verstoßenen. Er ist ein fleißiger Arbeiter, er hat sein Auskommen, er spart, er hilft seinen Kameraden, denen es schlechter geht, als ihm. Das ist kein Anarchist, und ich erwarte seine Freisprechung. Ganz Liiitich ist der Ansicht: Nur ein Schuldiger ist vorhanden, der Russe. Und alle Lülticher bedauern nur, daß die Nummer I, der nisstsrfje Hallunke, nicht da ist, d e r s o v i e l Unschuldige in diesen Prozeß hineingebracht h a t und daß die belgische Justiz sich nicht das große Verdienst erwerben kann, dieser Viper den Kopf zu zertreien. Die Rechtsanwälte F o u r i r und I a m a r plaidiren für Verbist, Berg und Joris, ohne wesentlich neue Gesichlspuukle vorzubringen. Rechtsanwalt L u h r(für Schlebach): Mir drängt sich fast die Vermuthung auf, daß auch die belgische Polizei i h r e H a n d mit i m S p i e l gehabt hat. Der P o l i z e i- kommissar Periii in Lüttich muß ein guter Freund des Russen gewesen sein, denn in eineiii Briefe Jagolkowsky's aus Aiiislerdam heißt es, er bedauere nur, daß sein Freund Parin nicht nach Ainsterdam gekommen sei; er hätte gern mit mit ihm zusanime!! einen guten Tropfen getrunken.— Und diesem selben Parier war die U e b e r w a ch n n g des Russen und seiner Wohnung anvertraut. Man kann sich also ungesähr denken, wie die ganze Geschichte sich abgespielt hat. Charakteristisch ist auch ein Brief, den ein Brüsseler Anarchist einen Monat vor der Ankuiift des Russen geichrieben hat. Tarin heißt es: In ganz Lüttich giebt es jetzt auch nicht einen Anarchisten mehr. Der Russe sollte diesen Fehler vermuthlich beseitigen.— In seinen weiteren Ausführungen tritt der Vertheidiger warm sür die Unschuld seiner Klienten ein. DaS Schlußwort in den Dupliken der Vertheidiger hat Rechtsanwalt Neujcau. Er sagt: Die Schlacht ist vorüber. Wir könueii nur noch die Kadaver wegtragen und um die Todten scheine bitten. Die Seele der Anklage ist todt: Sie ruhe in Frieden! Die Angeklagten werden befragt, ob sie den Reden ihrer Vertheidiger noch etwas hiiiziizusugen Hütten. Wille, Bach, Westkamp, Vossem, Verbist, Joris, Arnold und Leblanc und die beiden Schlebach betonen nochmals kurz ihre Unschuld. Müller und Broich schweigen. Die Sitzung wird auf morgen vertagt. Schluß 8 Uhr. L ü t t i ch, 9. Februar 1893. Ter letzte Akt des Prozesses vollzog sich heute in verhält- nißiiiäßiger Ruhe. Stur war der Andrang des Publikniiis womöglich noch stärker, als in den vorhergehenden Tagen. Der Zuhömramii war so voll, daß kein Apfel zur Erde fallen konnte. Eine vielhuiideriköpfige Menge drängte sich im iniicren Hof des JuslizpalasteS zusaiiiinen und wartete geduldig Stunden lang auf das Urtheil. Wieder sind die Zuhörer in der Mehr- zahl Frauen der Lütlicher Bourgeoisie. Das Schicksal Arnolds und Leblanc'S inieressirt sie hauptsächlich. Beide stammen aus weiiverzweigten, alten Bürgerfamilien. Ter Vorsitzende eröffnet die Sitzung gegen lt> Uhr und fragt zunächst die beiden Schlebach'-?, ob sie noch irgend elivas anzu- siihrcu hätten. Beide verneinen. Den Eeschworcncn werden hierauf 193 Schuldfragen vor- gelegt, die der Ueberstcht wegen als Tableau gedruckt sind. Der auitlichc Dolmetscher übersetzt den deutschen Angeklagten den Text der Schnldfragen. Hieraus ertheilt der Vorsitzende kurz den Geschworenen die Rechietelehrung. Jeder von Ihnen, so sügt er hinzu, hat nach bestem Wissen und Gewissen zu urtheilen, ohne sich durch irgend etwas beein- stussen zu lassen. Jeder muß selber zu eiuem Urtheil gelangen; er darf nicht daraus achten, wie sein Nebemnauii etwa nrtheilt. Gegen 11 Uhr ziehen sich die Geschworenen iuS Beralhuugs- ziiniiier zurück. GenchlSdiener tragen ihnen die außerordenltich uinfaiigreichen Prozeßakten nach. Der Wachtmeister der Gen- darmerie erhält vom Vorsitzenden den Auftrag, die Thür des Beralhnng-szimmers zu bewachen und niemanden herein oder heraus zu lassen.— Die Angeklagten werben abgeführt. Fast alle Zuhörer bleiben im Saale, um ihre Plätze nicht zu verlieren nnd erörtern laut, wie der Spruch der Geschworenen wohl ausfallen werde. Die Beralhung der Geschworenen dauert 3V2 Stunden. Um 2|/j Uhr betritt der Gerichtshof den Saal. Ter Vor- sitzende fordert die Anwesenden ans, unter allen Umständen die Ruhe zu bewahren und sich weder zu Veisalls- noch zu MißsaUS- kuiidgebungeii hinreißen zu lassen. Jeder Ungehorsame würde sosort verhastet werden. Tie Geschworenen erscheinen wieder. Alle Anwesenden er- heben sich von den Plätzen. Mit leiser Stimme verliest der Ob- mann ihren Spruch unter lautlosem Schweigen der Zuhörer. Die den Geschworenen vorgelegten Fragen zeriallen in 11 Gruppen. Ihre Antwort lautet: l. Sind die dreizehn Angeklagten schuldig, im Jahre 1891 eine geheime Verbindung zn dem Zweck gebildet zu haben. in Lüttich und anderen Orten Plünderung, Zerstörung von Eigeiithum und Massenmord zu begeben?— Antwort: Unschuldig sind: Arnold, Leblanc, Wilke, Vossem, Berg, Verbist und Joris. Schuldig sind: Müller, Broich. Bach, Westkamp. Schlebach und Frau Schlebach. Gegen die beiden letzieren erfolgie der Spruch mit 7 gegen 5 Stimmen. 2. Bestand eine geheime Berbiiidiing, um Explosivstoffe zu stehlen? Antwort: Schuldig find: Broich, Müller, Vach, Westkamp und Vossem. Die übrigen sind unschuldig. 3. Haben Schlebach nud Frau Schlebach die geheime Ver- bindung dadurch gefördert, daß sie ihr einen Versammlungsraum zur Verfügung stellten. Antwort: Ja mit mehr als 7 Stimmen. 4. Sind die Angeklagten Broich, Müller, Wilke, Westkamp und Vossem schuldig, den Dyuamitdiebsinhl in Chevron aus- geführt zu haben? Antwort: Ja. 6. Haben die Angeklagten Broich, Müller, Wilke, Westkamp und Vossem unberechtigterweise Dynamit transporlirt und auf- bewahrt? Antwort: Broich. Müller, Westkamp und Vossem ja; Wilke nein. 6. Haben die Zsngeklagteii Broich und Vossem das Dynamit- attentat am 21. April 1891 verübt? Antwort: Nein. 7. Haben Müller. Westkamp und Vossem am 21. April das Dynaniitattentat am Hanse des BürgermeisterZ Gerard verübt? Antwort: Müller und Westkamp ja; Vossem nein. 8. Haben Müller, Bach, Vossem, Berg, Joris und Verbist am 23. Apnl das Attentat an der St. Jacguestirche ausgeführt? Antwort: Bach, Vossem und Verbist nein; Müller, Berg und Joris ja. Gegen die beiden letzteren erfolgt der Spruch mit 7 gegen 3 Stimmen. 9. Haben Müller und Westkamp am S. Mai die Bombe am Hause des Dr. Renson gelegt? Anwort: Ja. io. Haben diese beiden Angeklagten damit einen Mord geplant? Antwort: Ja. 1l. Haben Müller, Bach und Westkamp die Manifeste ver« breitet, in denen verjchiedene Personen mit dem Tode bedroht werden? Antwort: Ja, Müller und Westkamp aber nur als Ge- Hilfen.— Nach belgischem Recht steht dem Gerichtshof die letzte Eni- scheidung über alle diejenigen Fiagen zu, die die Geschworenen mit 7 gegen 3 Stimmen bejaht haben. Der Gerichtshof zieht sich zurück und erklärt nach kurzer Be- rathung. daß er sich in allen Fällen eiiistimiiiig auf Seile der Minderheit der Geschworenen gestellt hat. Nunmehr werden die Angeklagten wieder in den Saal gc- führt. Der Spruch der Geschworenen wird ihnen dann ver- lesen. Ter Vorsitzende verkündet, daß hiernach die Angeklagten Arnold, Leblanc. Berg, Joris nnd Verbist freigesprochen und sosort in Freiheit zu setzen sind.(Bewegung.) Es handelt sich nun um die Strafabmessung. Erster Staats- anivalt Demarteau beantragt, das Gesetz in seiner vollen Schärfe gegen die Verbrecher walten zu lassen. Rechtsamvalt N e u j e a u bittet den Gerichtshof im Namen aller Verlbeidiger beim Urtheil die größte Milde walten zn lassen. Strenge vermag die bürgerliche Gesellschaft nicht zn retten. Sie würde eber das GegentheU bewirken. Und in diesem Falle ist Milde und Nachsicht noch ganz besonders deshalb am Platze, weil der Hauptschuldige, der russische Bandit, der die angeklagten Arbeiter verführt hat, leider nicht er» griffen worden ist. Rechtsanwalt Schuermans kündigt nauieus aller Ver- theidiger der deutschen Angeklagten an, daß er die Kassation des Prozesses wegen zahlreicher formeller Verstöße beantragen werde. Der Hauplangriffspuiikl werde der Unistand sein, daß die Zeugen- aussagen nicht ins Deutsche übersetzt worden seien. Ter Vorsitzende wirst ein, daß er bei Beginn des Prozesses die Vertheidiger aufgefordert hätte, die Uebersetzung jeder wichtigen Aussage zu beantragen. Staatsanwalt Demarteau bekämpft die vorgetragenen Kassalionsgründe. Vorsitzender: Ich frage nunmehr die einzelnen Angeklagten, ob sie noch elivas anzuführen haben, was sür die Sirafabmessuiig von Bedeutung ist. Angekl. Broich: Ich werde Berufung einlegen. Angekl. Westkamp: Ich auch. Angekl. M ü l l e r(wörtlich): WaS ich beschuldigt habe. ist durch Antrieb des Uutersuchiiiigsrichters geschehen, durch Zwang des Herrn UnlersuchlingsrichlerS... Ich schwöre, meine Kameraden, die hier aus der Anklagebank sitzen, sind alle unschuldig... Vorsitzender: Sie habe» nur das Wort zur Straf- abinessuiig. Angeklagter Bach springt auf und schreit mit Schaum vor dem Munde: Hier ist ein Justizmord geplant. Justizmörder seid Ihr alle, Ihr verfluchten Himde! Ich bin unschuldig... Uusct'uldig bin ich... Aber ich werde gerächt werden. Vorsitzender zii den sechs Geiidarnien. die eine Mauer zwischen dem Gerichtshof und den Angellagten bilden: Führe» Sie den Angenagte» Bach hiuaiis. Die Gendarmen suche» Bach zn fassen, der sich verzweifelt wehrt und sich mit aller Kraft an der Barriere festhält. Endlich haben sie ihn gepackt nud zerre» ihn unter Kolbcnstößen zur Thür. Er reißt sich aber noch eiiiinal los und versucht an ihnen vorbei nud in die Nähe des SlaatsamvalUs und des Gerichtshofes zu koinuieii. Er wird aber wieder ergriffen und zur Thür hinäusgeschteppf. Die Zuhörer und die Gesehworciien haben sich während dieser imtdcn Szene in größter Erregung von ihren Plätzen er- hoben. Erst nach einigen Minuten ist die Ruhe soweit wieder hergestellt, daß die Angeklagten weiter gefragt werde» können. Sie erklären alle nochmals, daß sie unschiildig sind und kündigei! Revision an. Schlebach hebt noch hervor, daß seine Gastwirthschaft jedermann offen gestanden habe. Der Gerichtshof zieht sich zur Berathung zurück, die etwa anderthalb Stunden dauert. Während der Pause wird Frau Schlebach auf kurze Zeit ohnmächlig. Der Angeklagte Bach wird wieder in den Saal geführt. Ihm sind Handfessel» angelegt und außerdem setzen sich »och zwei Gendarmen an seine Seite. Zwölf weitere Gendarmeii iverdc» hinter den Berlheidigern»>n die Schranke» herum, hinter der die Angeklagten sitzen, aufgestellt. Die Freigesprochenen sind bereits entlassen. Sie werden auf einem Nebenwege ans dem Gerichtsgebüude gejührt, um jede Kundgebung zu verhüten. Iii» ä'/e Uhr erscheint der Gerichtshof wieder. Der Vor- sitzende verkündigt folgendes Urtheil: Müller nnd West- kamp Zuchthaus auf Lebenszeit: Broich und Bach zehn Jahre Zuchthaus; Vossem vier Jahre Gefängliiß; Wilke und Schlebach drei Jahre Gefäuguiß; Frau Schlebach sechs Monate Gefängniß. Der Vorsitzende dankt de» Gcschivoreiien in kurzen Worten für ihre Thätigkeit in de» vier Wochen, die der Prozeß gedauertz und schließt die Sitzung, nachdem er die Sliigeklagten darauf aufmerksam gemacht, daß sie biuuen drei Tagen Revision an» melden könnten. Die Verurtheilten werden abgeführt. Schluß 5 Uhr. �oztQle Tlebevkckt. Eutbehruugölöhne. Die Dampf-Schleppschiff- f a h r t s-�G esellschaft vereinigter Elbe- nnd S a a l e- S ch i s f e r zu Dresden vertheilt bei reichlichen Ab- schretbiingen von 157 900 M. und Rückstellung von 83 000 M. für den Selbstversicherungsfonds eine Dividende von 12 pCt.— Tie Verwaltung der Leipziger Kreditbank schlägt die Bertheilitna einer Dividende von 0 pCt. vor.— Die L e i p> zigerDünger-Exportgesellschaft wird eine Dividende von 7 pCt. vertheilen.— Tie Dresdener Gardinen- nnd Spitzenma Ii nfaktur-Aktienges ellschaft be- schloß nach reichlichen Abschreibungen uiid Reservefiellnngen für das veiflossene Geschäftsjahr eine Dividende von 9 pCt., wie im Vorjahr, zur Verlheümig zu bringen. Ein ständiges Arbeitersekretariat errichten die organi- sirten U h r e i> a r b e i t. r in G r e n ch e n(Kanion Eolothurii); als Arbeiterlekretär ist der Genosse Paler Rnefli, Gemeiuderalh, gewählt worden. DaS thnrganer Volk hat das Gesetz, lhctreffcnd die N a t n r a I v e r p s l e g>. n � armer D u r ch r c' s n d c v am Sonntag mit 10 213..Ja" gegen 3710„Nein" c.;:ge»ommen. C5- Telephon: Amt Spandau Nr. 13. Telephon: Berlin Amt VI Nr. 1116. empfiehlt ihre alls bestem Malz Uild Hopfen hergeste llteit Biere. I34SL» Kagerdier, hell, Gxportbier, dnukel, Markgrafen-Kran vch iiiiKlfiier Kl. Nitttrlilge: Verlin, KjjliiM-Aligiihitrllije 1, am Hascnplatz, Ringbahnbogen 1—8. ütam anerkannt gut. Literflasche h. 1,10, 1,60, 3,10, bei 5 Flaschen ä 10 Pf. billiger. Echt Stonsdorfer Likör a Liter 1,30, 5 Liter 5,50, 10 Liter 10,—. Jngber» Likör, niagenstärkend. Literflasche tv 1,10, 160, 3.—. Himbeer», Kirsch-, Johannisbcersaft, vorzügl., Literflasche ä 1,30. Ungarwein, med. füg, Va Ausbruch ä Literflasche M. 3,10. 323ait* Eugen Neumann& Co., Belle-Allianceplatz 6a, Neue Fricdrichstr. 81, Oranienstr. 8, Genlhinerstr. 39. Potsdam, Waisen str. 37. 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Dirigent für Arbeiter-Gesangverein gesucht für Mittwochs, abends 8V2 Uhr, zu melden bei K 1 a n k e, Gipsstr. 43, Schöneberg. 2668b 60 Mamsells geübt auf Revers- Jaquets, verlangt K a 1 i s ch, Skalitzer- straße 27. 3 Tr. 2620b I�OM.Äliroliue-BergMr finden dauernde Beschäftigung GoMleistcnlahrik A. Rechtenbach 47/25 Stendal. Nach 6 wöchentlicher Arbeit wird Reisegeld vergütet.