Menöausgabe Ei™e*BH*azESBn™B5SHBHea Nr. 510 ♦ 40. Jahrgang Ausgabe B Nr. 257 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise sind in der Morgenausgabe angegeben Refiattion: STD. 68, Lindenstrasze 3 Zerusprechor: Dönhoff 292— 295 Tel.-Adresse:SoziaIden,otra» Berlin Gevlinev Volksblntt 1 Milliarös W. Nittkvoch ZI. Oktober 1�23 Seriag und Anz I ig cnabieiiunz. Gelchäsizzeit»— S Ubr Verleger: vorwärls-verlag«SmbH. Berlin SO. 68, eindonffraho 3 Zernsprecher: Dönhoff 2506-2302 Zcntralorgar» der Vereinigten Sozialdemokrati f eben Partei Deutfchlands Gapern lehnt endgültig ab. Amtlich wird aus München mitgeteilt: Der bayerische M i n i st e r r a t hat sich gestern mit der ovn der Rei chsregierung an die bayerische Regierung ge- richteten Frage bcschüsligt, ob sie bereit sei, in kürzester Zeil die verfassungsniäßige Befehlsgewalt im bayerischen Teil der Reichswehr wiederherzustellen. Die bayerische Staatsregierung hat am 22. Oktober den bayerischen Teil der Reichswehr zur Aufrechter Haltung der ösfcntlichen Ruhe und Ordnung in Bayern und zur Wahrung der bayerischen Belange bis zur Wiederherstellung des Ein- Vernehmens zwischen dem Reich und Bayern als TrenhSnderin des| deulschen Volkes v e rp f l i ch t e t. Diese Mahnahme ist aus Grund des Artikels 4S der Reichsoerfassung erfolgt, der dadurch geschafsene Zustand ist daher also verfassungsmäßig. Die Veranlassung dazu bildete der neuerliche Eingriss in die bayerischen hoheilsrechte, er hat die grundsätzliche Frage des Verhältnisses zwischen Reich und den Ländern aufgerollt. Zn erster Linie muh diese Frage im Interesse des Reiches und der Länder einer endgültigen Lösung zu- geführt werden, um Sicherheit dafür zu schassen, dah Konflikte zwischen Reich und Ländern fiir die Zukunft unmöglich werden, wie sie bisher Jahr für 3ahr das friedliche Leben des Reiches und der Länder erschüttert haben. Einigkeit bestand auch darüber, dah eine Aenderung im Oberbefehl des bayerischen Teiles der Reichswehr untragbar wäre. Die Fassung der der Reichs- regierung zu erteilenden Antwort bleibt weiteren Beratungen vor- behalten. Die Antwort des bayerisclien Ministerrates ist insofern zu begrüßen, als sie es an Deutlichkeit nicht fehlen läßt. Diejenigen Kräfte in der Reichsregierung, die glaubten, de- sonders staatsmännisch zu handeln, indem sie durch VerHand- lungen und Erklärungen einen Keil zwischen Kahr-Lossow und Knilling-Preger zu treiben versuchten, sind um eine Enttäuschung— oder ifm eine Blamage— reicher. Seit mehr als einem Monat wird in Berlin Bayern gegenüber eine Vogcl-Strauß-Taktik befolgt, die ebenso verhängnisvoll wie würdelos ist. Vor allem seit der offenen Meuterei Lossows muß man diese Haltung gewisser Berliner Stellen geradezu als verhängnisvoll emp- finden, zumal wenn man einen Vergleich mit Sachsen anstellt. Bei allen Verluchen, durch die Vermittlung des Gesandten v. Preger mit Knilling zu verhandeln, um diesen zu veran- lassen, von Kohr und Lossow abzurücken, schien man die Tat- fache vollkommen außer acht zu lassen, daß die Ernennung Lossows zum„bayerischen Landeskommandanten" und die Änpflichtnahme der bayerischen Reichswehrteile auf den baye- rischen Staat von dem bayerischen Gesamtministe- r i u m verfügt und mit einem Ausruf bekanntgegeben war- den war. chat man etwa im Ernst geglaubt, daß Herr v. Knilling sich selb st desavouieren würde? Wir neigen eher zu der Auffassung, daß der bayerische Gesandte, indem er seine guten Dienste als Vermittler anbot, den Auftrag hatte, Z e i t z u g e w i n n e n, vor allem in der Hoffnung, daß die Reichsregierung inzwischen zusammenbrechen würde. Wer überhaupt noch im Zweifel war über den Ausgang dieser diplomatischen Aktion, dessen Illusionen mußten jeden- falls durch den Beschluß der Landesversammlung der Bayeri- sehen Volkspartei endgültig zerstreut werden: indem die stärkste, ausschlaggebende Partei Bayerns sich nicht nur mit Knilling, sondern auch mit Kohr solidarisch erklärte, machte sie endgültig mit dem Meuterer Lossow gemeinsame Sache. "Die Frage, die sich jeßt einem jeden aufdrängt, lautet: W a s n u n? Die Reichsregierung hat in der sächsischen Frage olles eher als Ruhni und Ehre geerntet, der Riß zwischen ihr und den republikanischen, verfassungstreuen arbeitenden Masten des Volkes klafft riesengroß:�er kann, wenn überhaupt, nur dann noch überbrückt werden, wenn sich das Reichskabinett endlich dazu entschließt, mit allen Mitteln, über die es verfügt— und diese sind nicht gering—, gegen Bayern ernst zu machen. Sperrung der Gelder für die meuternden Teile der Reichswehr, für die verfassungsbrüchigen Elemente der Beamtenschaft und Landespolizei, Po st- und Tele- graphcnsperre, Sperr i�ngdesEisenbahnver- k c h r s, diese Mittel und noch andere, offiziell angewandt und mit Untcrstüßung der deutschen Zlrbeiterorganisationcn i n te r- n a t i o n a l ausgedehnt, wie einst gegen Horthy-Ungarn, wür- den den Spuk der bayerischen Konterrevolution in nichts zer- flattern lassen, wahrscheinlich noch bevor ein einziger Reichs- webrsoldat die weißblauen Pfähle überschreiten müßte. Und schließlich wäre die Reichswehr des Generals von S e e ck t auch dazu da, gegen meuternde Generäle und verfassungsbrüchige Regierungen vorzugehen. Ist sie dazu nicht imstande, dann mag sie zum Teufel gehen mitsamt ihrer Musik. Das Programm derer um Kohr. München, 31. Oktober.(MTB.) Veranlaßt durch die'Gerüchte von einer Kabinettsumbildung in Berlin haben die Vaterlän» dischen Verbände Bayerns(Vorsitzender Kohr! Red.) in einem Telegramm an den Reichsoerband folgende Stellung- nähme kundgegeben: Die Dereinigien vaterländischen Verbände Bayerns sehen die Voraussetzung für die Lösung der deutschen Frage nur in einer rein völkischen und nationalen Diktatur. Eine Reichsdiktatur, die sich aus General S e e ck t stützt, gibt diese Gewähr nicht. Der Aufmarsch gegen Thüringen. Wer sorgt für„verfassungsmäßige Zustände" in Bayern? Der Spezlalkorrespondent des„So;. Parlamenksdiensies" in Südlhüringen meldet: Die mililänsche Lage an der bayerischen und thüringischen Grenz« hat sich am Dienstag oerschärst. Bei Lichtenberg in Bayern ist neue Artillerie in Stellung gebracht worden. Aus der Gegend oon Arnstadt und Kronach hört man Gewehrfeuer, das auf Scharf. schießübungen in diesen Gegenden zurückzuführen ist. 3m Landkreise Hildburg- Heldburg ist es zu Grenzüberschreitungen von hitler- trnppen gekommen, die auf thüringische Schuhpolizei geschossen haben. Die Polizei hat diese Angriffe nicht erwidert. 3n der Gegend oon hildburghausen sind von Rechlspuischisten Listen für die Aushebung von Pferden und die Re- quisilion oon Futtermitteln aufgestellt worden. Die thüringische Regierung hat heute an den Reichspräsidenten, den Reichskanzler und den Reichsminister des 3nnern telegraphiert und die Wiederherstellung oerfasfunngs- mäßiger Zustände in Rordbayern gefordert. Wer trägt üie Verantwortung! Eine Klarstellung. Roch immer wird versucht, für die verhängnisvolle Art des Einschreitens gegen die sächsische Regierung auch die sozialdemokratischen Kabinettsmitglieder verantwortlich zu machen. Es genügt, demgegenüber auf den Schlußabsatz des Schreibens zu verweisen, das Reichskanzler Dr. Stresemann am 27. Oktober an den Ministerpräsidenten Dr. Zeigner ge- richtet hat. Dieser Absatz lautet: Ich ersuche Sie, mir über den Rücktritt der Regierung innerhalb des morgigen Tages, den 28. Oktober, Nachricht zu geben. Falls eine Neubildung der Regierung auf anderer Grundlage ohne Mit- Wirkung kommunistischer Mitglieder nicht sofort herbeigeführt und dadurch die Ruhe, Sicherheit und Ordnung des Landes weiter ge- fährdet werden sollte, wird der Inhaber der vollziehen- den Gewalt einen Reichskommissar bestellen, der die Verwaltung des Landes bis zur Wiederherstellung verfastungs. mäßiger Zustände in die Hand nimmt. In diesem Schlußsatz ist klar ausgesprochen, daß das B e- schlußrecht des Kabinetts ausgeschaltet und dafür der Inhaber der vollziehenden Gewalt, d. h. der Reichs- wehrminister Dr. Geßler, eingeschaltet wurde. Schließlich aber ging man doch noch einen etwas anderen Weg, indem der Reichskanzler sich eine allgemeine Ermächtigung zum Vorgehen gegen die sächsische Regierung von dem Herrn Reichspräsidenten geben ließ. Weder diese Verord- nung noch die Ernennung des Reichskom- m i s s a r s hat aber dem R e i ch s k a b i n e t t vor dem Vollzug vorgelegen. Damit ist die Verantwortlichkeit für die Vorgänge in Dresden klar und unwiderleglich gegeben. Gegen die Rechtsbeugung. Der Gesamtoorstand des Republikanischen Richterbundes erläßt zur Absetzung der sächsischen Regierung folgende Er- klärung: Im Namen des Reichspräsidenten ist die sächsische Regierung auf Erund des Artikels 48 der Reichsoerfassung ihres Amtes enthoben worden. Absatz 2 des Artikels kann nicht wohl in Frage kommen. Dollar 72,5 Milliarüen. Die scharfe Anspannung des Geldmarktes ist nach Erledigung des Ultimogeschäftes überraschend schnell einer allgemeinen Geld- stüssigkeit gewichen, heute wurden bereits sehr große Beträge zu Sätzen von 2 bis 4 Proz. angeboten. Diese günstige Entwicklung der Gcldmarktlage war von«inschneidender Bedeutung für die Ge- staltung des Geschäftes am Devisen- und Effektenmarkt. Schon bei Beginn des offiziellen Verkehrs deutete ein Eröffnungskurs der Goldanleihe von 72,5 Milliarden die steigende Tendenz der ausländischen Zahlungsmittel und Wcrtanleihen an. Die bei Beginn der Woche an den Auslandsbörsen eingetretene Kurssenkung der Mark, die trotz der Ausgabe großer Beträge wertbeständiger Zahlungsmittel riesenhafte Papiergeld- summen erforderte, die Vorgänge in Sachsen, die ablehnende hal- tung Bayerns gegenüber den Verständigungsoersuchen der Reichs- regierung und die an der Börse umlaufenden Gerüchte über eine neue bedenkliche Wendung in der Kabinettsfrage wirkten zusammen, um eine sehr starke Rachfrckge nach Devisen und wert» beständigen Anleihen hervorzurufen. Bei der Festsetzung der amtlichen Kurse mußten wieder wie gestern sehr scharfe Reipartie- rungen vorgenommen werden. Im Effektenverkehr entwickelte sich ein ziemlich be- deutendes Geschäft bei sehr' fester Tendenz. Auf vielen Märkten waren Verdoppelungen der Kurse zu verzeichnen� Besonders gesucht waren auch heut« wieder alle westdeutschen und oberschlesischen Papiere. Dollar amtlich 72,500 bei 5 Proz. Reparlierung. Denn mindestens nach dem Einmarsch der Reichswehr in Sachsen tonnte eiste begründete Besorgnis, daß dort oder von dort aus die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Reiche gestört oder gefährdet werde, nicht mehr bestehen. So bliebe nur die Anwendbarkeit des Absatz 1. hier muß die Oessentlichkeit die Frage auswerfen, welch e oerfasiungsrechtlichen oder reichsgesetzlichen Pflichten nach An- ficht der Reichsgewalt vom Land« Sachsen nicht erfüllt sind, und zu welcher Pflichterfüllung das Land Sachsen mittels Absetzung seiner verfassungsmäßig zustande gekommenen Regierung angehalten worden soll. Eine rechtfertigende Antwort auf diese Frage kann es nicht geben. Im Namen des Rechts erheben wir schärf st en Wider» s p r u ch gegen die geschehene Anwendung des Artikels 48 gegenüber Sachsen, und verlangen schleunigste Rückgängigmachung der ge- troffenen Maßregeln. Das ganz andere Berhalten der Reichsgewalt gegenüber Bayern zeigt den Gebrauch von zweierlei Maß bei den einschneidendsten und wichtigsten Verfassungsvorschnsten. Dies muß das Rechtsempfinden aller Republikaner auf das schwerste verletzen. � Die Nachtsitzung in Dresöen. Die Volkspartei gegeu Fcllisch. Dresden, 31. Oktober.(Eigener Drahtbericht.) 3n der Rachlsihung des Sächsischen Landtages wurde der frühere sächsische Wirtschaftsminister Fellisch mit 4S gegen IS Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählt. Die Kommunisten und Deutsch. nationalen verließen bei der Abstimmung den Saal, während die volkspartei gegen Fellisch stimmte. Heber den Verlauf der Nachtsitzung gibt die„Telegraphen- Union" einen Bericht, dem wir die wesentlichsten Stellen«m nehmen. Danach wurde in der Sitzung gegen 10 Uhr«in Brief des Genossen Dr. Zeigner verlesen, in dem dieser mitteilt, daß er sein Amt niederlege. Abgeordneter Böttcher beruft sich aus 8 27 der Verfassung und erklärt, die Regierung Zeigner sei auch weiterhin die einzige verfassungsmäßige Regierung in Sachsen. Der Deutschnational« B e u t l e r bezeichnet das Schreiben Dr. Zeigners als überflüssig, er sei nicht mehr Ministerpräsident, er sei seiner Stellung enthoben und existiere für seine Partei nicht mehr. Nach langer Geschäfisordnungsdebatte wird das Haus dann vertagt mit» utn%1 Uhr eine neue Sitzung einberufen. In dieser Sitzung führt der Abg. Böttcher(Komm.) in längerer Rede aus, die Sozialdemokraten hätten sich damit e'mver- standen erklärt, daß der oerfassungsmäßig« Ministerpräsident ab» gefetzt werde. Damit haben sie dokumentiert, daß für sie eine Der- fajsung nur ein Fetzen Papier sei. Der Redner greift den ehe- maligen Ministerpräsidenten Dr. Zeigner in heskgster Weise an. Er sei unwürdig von seinem Platz geschieden, habe kampslos den Berliner Parteischiebern gegenüber kapituliert.(Der Sozialist G öl du er ruft den Kommunisten auf ihre Zwischenrufe zu:„Ihr bezahlten Subjekte". Der Abgeordnete Lieb« rasch(Komm.) er- widert:„Ihr habt ja das Geld der Unternehmer, Ihr Schufte'") (Die vielen weiteren Zwischenrufe lassen teilweise die Wort« des Redners vollständig untergehen.) Böttcher wirft den Sozialdemokraten vor, daß viele Milglleder zu den Kommunisten gekommen feien und um Schuh gegen den rechten Flügel gebeten haben. Abgeordneter B e t h k e(Sop nimmt seine Parteimitglieder gegen den Vorwurf Böttchers in Schutz. Solche Lumpen gebe es in seiner Partei nicht. D!« Kontroverse zwischen Sozialisten und Kommunisten wiederholt sich in scharfer Weise. Der Demokrat S e y s« r t hält die Stunde für zu ernst, um solchen Streit auszufechten. Es sei bestimmt versichert worden, daß der Ausfall der Ministerpräsidenten- wähl bestimmend sein werde für das Schicksal un- seres ganzen Reiches. Von diesem Standpunkt aus Hab« seine Partei die Entscheidung getroffen. Wir werden den von den Sozialdemokraten vorgeschlagenen Ministerpräsidenten mitwählen. Wir bringen damit ein Opfer um des Reiches und des Volkes willen. Der Sozialdemokrat Wirth erklärt, feine Partei habe nicht die Errungenschaften der Arbeiter in den letzten fünf Jahren preisgeben wollen. Die übrigen Wort« des Redners gehen unter in dem u n- geheurenLärm derKommu nisten. Abgeordneter V 3 t t- ch er(Komm.) schreit:„Verräter! Schieber! Ihr wollt sa nur Eime Pöstchen für Eure Mitglieder halten" usw. Schließlich schlägt der M der Hl'rf ellis-? geordnete Wirth als Ministerpräsidenien den Abgeordneten F vor. Die dann stattfindende Zettelwahl ergibt die Wahl des Ab- geordneten Fellisch zum Ministerpräsidenten. Die Kommunisten rufen: Der kann nur mit der Volkspartei regieren. Ministerpräsi- dent Fellisch erklärt sich zur Annahme der Wahl bereit und dankt der Mehrheit des Hauses für das Vertrauen.(Zurufe der Kam- I munisten:„Wo ist die Mehrheit?) Er werde ünverzügNch an die j Bildung der neuen Regierung herantreten und das neue Kabinett in der nächsten Sitzung unter Abgab« einer Erllärung vorstellen. Die nächst« Sitzung findet Dienstag, den 6. November, mittags 1 Uhr, statt mit der Tagesordnung: Per- eidigung des Ministerpräsidenten, Regierungs- erklärung und Anssprache darüber. Schluß der Sitzung gegen X2 Uchr morgens. Die Ernennung des Senators Kollog zum amerikanischen Ge« sandten in London wird in Washington offiziell bestätigt. Genosse Ramsay Macdonald ist gestern von seiner Orientreise nach London zurückgekehrt. Politische Attentate in Bulgarien. Der frühere Minister Genadieff ist gestern abend beim Betreten seines Hauses ermordet worden. Der in seiner Begleitung befindliche frühere Gesandt« tn Berlin, Geschosf, wurde schwer verletzt. die Harmissen Kommunisten. Es gibt immer noch Parteigenossen, die in der Kommuni- stischen Partei eine Art natürlicher Bundesgenossen für die Sozialdemokratie erblicken und deshalb geneigt sind, für alle ihre Maßnahmen um mildernde Umstände zu ersuchen. In der Berliner Funktionärkonferenz wurde von einer Rednerin sogar behauptet:„Was von links geschieht, geschieht für Euchl" Dazu gehört allerdings ein bergeversetzender Glaube» den zu teilen uns unmöglich ist. Dieselbe Rednerin hat, in dem Bestreben, die Kommunisten als harmlos erscheinen zu lassen, auch behauptet, der„Vorwärts" Hab«„wider besseres Wissen" geschrieben, in dem Flugblatt der sächsischen Kom- munisten sei zum bewaffneten Widerstande aufgefordert worden. Wir geben als Antwort auf diese Unterstellung lediglich einige Sätze aus dem kommunistischen Flugblatt wieder: „Wir Kommunisten erklären, wir pfeifen auf das Verbot der Hundertschaften durch den Herrn General. Wir pfeif en auf alle Verbote und Erlasse, die noch kommen werden.... Wir werden dieMassenmobilisleren, mag der General noch so gut tanzen, wie die Schwerindustrie, die Junker, Spekulanten und Faschisten pfeifen. Wir fordern die Arbeiter auf, das Verbot der Hundertschaften mit derAufstellungneuerHundert- s ch a f t e n... zu beantworten.... Das ist doch für jeden deutlich, der polittsch denken kann. „Hundertschaften" sind doch keine Kegelklubs. Sie haben doch einen politischen Zweck. Und wenn sie neu gegründet werden, so doch nicht, um kindliche Spiele zu veranstalten. Aber selbst wenn man das Wortgeklingel in dem sächsi- schen Flugblatt nur als Wortgeklingel auffassen wollte, sprechen da nicht der mitteldeutsche Putsch von 1921 und der Hamburger Putsch vom Oktober 1923 eine sehr viel deutlichere Sprache? Waren die Märzputschisten und sind die Oktoberputschisten wirklich nur harmlose Kinder, denen jeder Sozialdemokrat ihre Torheiten zugute halten muß? Wer aber immer noch an die„Harmlosigkeit" der Kom- munistischen Partei— von den einzelnen Mitgliedern sprechen wir hier nicht— glaubt, den sollten doch die W a f f e n f u n d e, die kürzlich in Berlin gemacht wurden, eines besseren belehren. Zeigten sie doch deutlich die Hinter- männer und Geldgeber, die solche Waffen kaufen und stapeln lassen. Aber darüber hinaus sind in verschiedenen Gegenden des Reiches Verhaftungen vorgenommen und Dokumente beschlagnahmt worden, aus denen unzweideutig hervor- ging, daß es den Kommunisten mit ihren wahnsinnigen Putschplänen tatsächlich bitterernst gewesen ist. Diese Dokumente enthalten eine Menge von Fragebogen, in denen über den Stand der kommunistischen Hundert- s ch a f t e n, das Vorhandensein von Waffen, die Bereit- stellung von Kraftfahrern, Flugzeug führ ej: q usw. kurz über alles, was zu einer richtigen militärischen Ope- ration gehört, Auskunft verlangt wird. Besonders belasten- des Material ergab sich bei der Durchsuchung des verhafteten fchlesifchen Bezirksleiters Oelsner. Es befindet sich bei diesem Material u. a. ein Rundschreiben an alle kommunisti- schen Ortsgruppen, in dem it. a. folgende Fragen gestellt werden: Habt Ihr eine Verbindung der linken SPD., mit dem Gewerkschaftskartell? Ist gemeinsamer Aktionsausschuß gebildet? Wieviel Waffen habt Ihr zur Verfügung, wieviel wehrfähige Lenle habt Ihr innerhalb der zehnten und der fünften Gruppe? Aus derartigen Fragestellungen, die sich in dem ganzen Material vielfach wiederholen, können die sozialdemokratischen Arbester erkennen, zu welchen Zwecken sie verwendet werden sollten. Man hatte ganz einfach die Absicht, sie gegen ihr Wissen und Wollen als Kanonenfutter bei einem bewaffneten kommunistischen Aufstand zu mißbrauchen. In einer Sitzung der KPD.-Zentrale, die in den ersten Septembertagen stattfand, wurden folgende Richtlinien be- kanntgegeben: 1. Aufruf an di« Bauernschaft zur freiwilligen Abgabe von Getreide und Lebensmitteln. ~ 2. Versagt dieser Aufruf, werden bewaffnete Arbeiter- gruppen mit der Beschlagnahme der Lebensmittel beauftragt. 3. Verbot der gesamten Presse. 4. Die Parteiführer werden in erster Linie festge- n o m m e n. S. Wird der neuen kommunistischen Regierung von irgend- einer Seite oder Person Widerstand entgegengesetzt, so erfolgt rücksichtslos die Todes st rafe. Im einzelnen sehen die kommunistischen Aufzeichnungen über ihre Putschvorberestungen in Schlesien u. a. so aus: Neumarkt. Im Besitz von 2S Handfeuerwaffen,«in schweres MG. ohne Munition, 40 Kugelhandgranaten mit Zünder. Bei den Gemeindevorständen aller Ort« um Neumarkt befinden sich Waffen, die jedoch nur mit Gewalt, aber mit Leichtigkett zu holen sind. Strehlen. Im Besitz 25 Revolver mit Munition. Auf dem Landratsamt«in Waffenlager von 200 Gewehren, 4 MG. und Mu- nition, nur mit Gewalt zu holen. Mtglieder vom Oberland wollen mit uns kämpfen. Trebnitz. Im Besitz 25 Handgranaten, 15 Sprengkapseln, 2 Gewehre, 20 Revolver. Auf dem Rathaus 20 Gewehr«, können jederzeit mit Anwendung von Gewalt geholt werden. L i e b a u. Stimmung gut. Di« Spannung im Betriebe steigt. Eine Hundertschaft ist vorhanden, von der zwei Drittel Handfeuer- waffen besitzen. L e o b s ch ü tz. SPD. zweifelhaft. Gewerkschaftskartell und die Christlichen gehen mit uns(!). Di« Hundertschaft der SPD. lehnt ab. Nur 10 Gruppen sind schwach. H e i d n i tz. 4 Geschütze vergraben. P ei lau. 2 Kampfzehnergruppen zu 75 Proz. bewaffnet mit Revolvern, in der Näh« sehr viele Waffenlager. Das ist nur ein kleiner Auszug. Es ist überall dasselbe. Es wird Fühlung mit Sozialdemokraten gesucht und man versucht, diese unter Verschweigung der eigentlichen Ziele und Kampfmittel mit einzuspannen. Wie Deputationen entstehen, darüber unterrichtet z. B. eine von Berlin ausgegebene Anweisung an die Betriebs- zellenobleute, die nach beigefügter Order nach Erhalt sofort zu vernichten ist. In ihr heißt es: Der Druck aus den Betrieben auf die Gewerkschafts. kommission muß in allerschärfster Weis« verstärkt werden. D i e G ewer kscha fts kom m issi on muß von den Betrie. ben aus täglich mit Delegationen bestürmt wer- den. Man muh von ihr verlangen, daß sie.... sich gegen den ungeheuren Verrat wendet, den setzt die sozialdemokratischen Führer durch Anteilnahme am kalten Faschistenputsch begehen(!). Die sozialdemokratischen Führer sind ja bekanntlich immer die„Verräter". Die Kommunisten aber sind, wie man sieht, stets die treu besorgten und gewissenhaften Vertreter von Arbeiterinteressen. Wenn die Kommunisten das sagen, ist das aus ihrer Bauernfängerpolitik verständlich. Aber wenn ernsthafte Sozial- demokraten auf solche Tricks hereinfallen würden, wäre das ein sehr bedenkliches Zeichen. Unser Kampf gilt öer Zentrale! . Debatten in der KPD. Der Hamburger Putsch der Kommunisten zeigt seine Aus- Wirkungen auch in den eigenen Reihen der Kommunistischen Partei. Uns liegt ein Bericht einer Mitgliederversammlung der KPD. vom Montag, den 29. Oktober, in der Cecilienschule in Lichkenberg von einer absolut vertrauenswürdigen Seite vor. Auf dem Podium steht— wie so oft— ein jugendlicher Referent, der für die Berliner Zentrale spricht. Das Leitmotiv des ganzen Referats ist der„Verrat der Zentrale". Offenbar hat die Kurier- regie und Parolenousgabe der kommunistischen Zentrale, ähnlich wie im März 21, nicht recht geklappt. Homburg ist„losgegangen" auf Grund eines Berichts, nach dem in ganz Sachsen die Arbeiter- schaft im Kampf mit dem Miliitär stünde. Als die Hamburger Kom- munisten auf Grund solcher Berichte ihrer Zentrale losschlagen, werden sie von der Zentrale im Sttch gelassen, die— vielleicht auf Gruntd besserer Einsicht— einen Kampf über das ganze Reich nicht riskieren wollte, weil sie für die Konsequenzen fürchtete. Die Zen- tral« hat also nach Meinung des jungen Berliner Referenten wieder einmal'„eine schöne Gelegenheit verpaßt, ben Kamps itt Deutschland zu entwickeln. Alles, was noch kommen mag, wird nicht mehr genügen, die Arbeiterschaft in den Kampf zu bringen. Wenn sie sich die Militärherrschast hat gefalle« lassen. wird sie auf irgendetwas anderes nicht mehr reagieren. Unser Kampf gilt dieser Zentrale, die hinweggefegt werden muß, weil sie schon so oft die Gelegenheit hat vorüber. gehen lassen". Der Ruf„W e g' mi t den Führern" ist ja bei den Kmn- munisten gewöhnlich die einzige Antwort, di« sie auf Tatsachen zu erteilen pflegen. Mit diesem Ruf glauben und glaubten sie politische, wirtschafttiche und soziale Tatsachen außer Acht lassen zu können. Dieser Ruf, unpolitischer Einsichtslvsigkeit muß ihnen deswegen ganz konsequenterweise in ihren eigene« Reihen zum Berhängms werden. Internationale Soliöarität. Die belgische Arbeiterpartei gegen Separatismus und Diktatur. Brüssel, 31. Ottober.(Eca) Der Hauptausschuß der belgischen Arbeiterpartei trat gestern unter dem Borsitz des Abgeordneten Anseele zusammen. Die Diskussion begann mit der Verlesung eines Briefes des Genossen Wels, der gegen die stanzösisch-belgische Politik im besetzten Gebiet protestiert«, die auf die Zerstückelung des Reiches ausgehe. Den Bericht, der sich mit der Rheinlandssrage be- faßt, verlas der belgische Sozialist B o n d a s. Er erklärte, daß die Zerstückelung des Reiches ein Triumph für die Reaktion in Deutsch- land bedeuten würde. Er beschuldigt Frankreich und Belgien, sie hätten die separatistische Bewegung in Deutschland unterstützt und dächten mehr an die Sicherheiten als an die Wiedergutmachungen. Di« Wiedergutmachungen gebe man vollkommen auf. Ohne Wieder- � gutmachungen würden Frankreich und Belgien gezwungen sein, neue Einkommenquellen zu suche« durch Schaffung neuer Steuern, und diese würden wiederum lediglich der arbeitenden Klasse zur Last fallen. Um dazu zu gelangen, sei das erste Ziel, das man erreichen wolle, Vernichtung des Sozialismus in Deutschland. Bänder�- oelde erklärte, der Ausschuß der Partei sei zusammengetreten, um die Stellungnahme festzulegen, welche di« belgischen Sozialisten bei dem augenblicklichen Stand der Dinge«inzunehmen hätten. Es handele sich darum, zu wissen,.ob die belgische Arbeiterpart«' die jenigen Versuche gutheiße, die eventuell mit Unterstützung stemder Bajonette den Zweck hätten, eine nationale Einheit zu brechen, unter deren Schutz die Arbeiter und sozialistische« Organisationen mächtig geworden seien. Man müsse entscheiden, welches die Hol- tung der Sozialisten gegenüber der rheinischen Aktion, und auch, welche Auffassung sie hinsichtlich der Kommission hätten, di« sich mit der Zahlungsfähigkeit Deutschlands zu befassen haben werde. Was denken Sie außerdem von dem Kampf zwischen den Sozialisten in Sachsen und Thüringen und der Reichsregierung? Zum ersten Punkt glaubt Banderveld«, daß kein Mitglied des Partei- ausschusses die Separatisten im Rheinland« unterstützen werde. Zum zweiten Punkt könne die Arbeiterpartei lediglich das Miß- trauen ausdrücken, das hier die Haltung Poincares auslöse. Schließ- lich müsse man die Sozialisten in Sachsen und Thüringen gegen die Diktatur Stresemanns unterstützen. Zum Schluß wurde einstimmig gegen vier Stimmenthaltungen eine Tagesordnung ange- nommen, in der es u. a. heißt: Der Hauptausschuß der belgischen Arbeikerparkei verlangt eine sofortige Untersuchung der Haltung der belgische« Militärbehörden im Rheinlande und prokestlerl gegen jede Einmischung der belgischen Armee in die inneren Angelegenhelten Deutschlands. Ohas auf das Prinzip des freien Selbstbestimmungsrechle? de- Völker z» verzichten, stell! der Ausschuß ferner fest, daß die AuflSfung Deulfch- lands die Schwierigkciken der Reparafionssroge noch erhöhen würde. Der Aueschuß hofft, daß die Anaahme der amerikanischen Anregung zur Einberufung einer Sachverständigenkonserenz nicht nur eine rein formale Konzession gegenüber den Forderungen � nationalen Meinung sei. Schließlich sendet der Ausschuß einen Gruß der Solidarität an die Arbeiter in Deutschland, ins- besondere an diejenigen in Sachsen. Für die Begnadigung des zum Tode verurteilten Hamburger Arbeiters Thorell richteten die Dresdener Iungsozialisten«in Gesuch an den Reichspräsidenten. ob das wirklich Künstler sind? Ich muß offen gestehen, daß, so not- wendig auch gegenwärtig mir vielleicht 20 000 Taler wären, es mir doch weit lieber ist, wenn statt dessen ein Bild, woran ich Muße und Kraft verwendet habe, mir gelingt; denn dies gibt mir wirklich mehr innere Freude als jene harten Taler, die nur bezahlt werden für Schmiererei, die das Publikum allein zu verstehen imstande ist, während das wirklich Gute und Schöne sich nur des Verständnisses einiger weniger freuen darf, die gewöhnlich nicht befähigt sind, den Künftter zu bezahlen. Drum weg mit allem Kram, die großen Namen, Dcrmögen und wie all dieser Plunder heißt, und studiert die Natur, denn daraus ergibt sich nur allein die wahre Befriedigung und Freude, und wo man glaubt, daß einem dies am besten gelingen muß, dort soll man auch unbekümmert hin.". Bildungshunger in Estland. Don den einsamen, oft kümmer- lichen Gehöft:«, aus den Wald- und Strandsiütten Estlands, zieht zur Herbstzeit di« heranwachsende Jugend in die Städte, um Lehman st alten, Gymnasien und Hochschulen zu be- suchen. Seit etwa zwei Jahren lernt und studiert selbst der estnische Hirtenknabe. Er will frei werden, sich die Wissenschaft:« zueigen machen und hinauswachsen über Vaters und Mutter? Dürftigkeit. Oft vermögen die geistigen Fähigkeiten mit diesem heißen Wissens- und Bildungsdrang nicht Schritt zu halten und der Gymnasiast oder„Student" kehrt still an den Pflug oder in den Viehsinll seiner engeren Heimat zurück. Aber selbst den Haus- und Familienvater treibt der Bildungshunger noch in di« Schulbank hinein. Und Esttand besitzt vielfach verheiratete Schulkinder in den Unterrichtsanstalten, die mit den Jüngeren in einer Klasse lernen. Das Unterrichtsministerium bereitet deshalb Gesetze für„verheiratete Schulkinder" vor. Wohl noch stärker ist der Bildungsdrang de? Mädchen, die oft als Dienende sich das Ziel stecken, in die höhcrni Stadtschulen zu treten. Diele kehren nach dem ersten Semester in ihr gewohntes Arbeitsfeld zurück. Schüler-Studjen- fahrten werden jetzt nach England und Frankreich unter- nommen. Das französisch: Unterrichtsministerium weist Freiplätze an und verspricht Unterstützungsgelder für Unbemittelte. Das Halten dieses Versprechens ist jedoch eine andere Sache. Im Tciitlchc» LPernhauö ist von Donnerstag an aus Grundlage der Goldmarkbasis ein achttägiger Vorverkauf der Eintrittskarten cingerichtrt Professor OSkar Pte wird von diesem Semester an Vorlesungen über moderne Musik, Oper und Tanz an der Hochschule sür Musik abhalten. Er beginnt mit dem Thema:.Die Oper" am lS. Nov. Hospitanten sind zugelassen: Die Galerie Ferdinand Möller. Polsdamer Str. tS4o, zeigt im November graphische Einzeldrucke und Mappenwerke aus dem Ferdinand- Möllcr-Verlag. Ferner sind Arbeiten von Max K a u S, Berlin, und F. A s ch h e i ui, Breslau, ausgestellt. Berichtigung. Durch ein Verhören am TclephM ist dem Schau» spieler Kaiser kehr unrecht geschehen. Er spielte im Renqiffancetheater die tnuptrolle, heißt aber nicht Kaiser, sondern Kaiser und ist sonst tätig am taatStheater in Berlin und nicht in Wie«. Rettet Sie Kinöer! Bon Dr. Julius Moses. Sticht oft genug und nicht eindringlich genug kann der Ruf er- hobün werden: Rettet die Kinder! Rettet unsere Zukunft! Rettet unsere Hoffnung! Ungeheuerlich ist der Schaden, den der Krieg und die Nach- kriegszeit bis in diese Stunde hinein angerichtet haben! Nicht nötig, das noch zu beweisen! Unabsehbar kann das lln- glück werden, wenn nicht jetzt, wo der vollkommene Ruin droht, alle Kräfte angespannt werden, um wenigstens unsere Kinder vor dem völligen Zusammenbruch zu hüten!„Rettet unsere Kinderl" Das ist der Ruf, der aus dem Meer von Sttmmen in unserer Zeit der schwersten Rot am lautesten und eindringlichsten zu uns herübertönt. Die Rot ist groß, unbeschreiblich groß! Und jeder Tag steigert dos Verhängnis. Wir stehen an der Schwelle des Winters! Da muß es sich zeigen, ob das bißchen Kraft, das wir noch von früher her aufgespeichert haben, vorhalten wirb, um die schlimm« und schlimmste Jahreszeit zu überdauern. Für die Armen und Aermften, für die Kinder und Jugendlichen fehlt so ziemlich alles, was dem Körper Widerstandskraft gibt. Es fehlt die Nahrung, es fehlt die warme Kleidung, es fehlt die Wörme der Aufenthalts- räume. Wo aber dies« drei Lebens- und Kraftquellen aufhören, ihr« Wohltoten zu spenden, da siecht das jugendliche Leben dahin, und was etwa noch in die Zukunft sich hinübsrzuretten imstande fein sollte, das ist in seiner Wurzel gebrochen, das bietet kein« Ge- währ für ein gesünderes Leben in der Zukunft. Optimisten und oberflächliche Beobachter Mollen auch heut« noch nicht an den Emst der Sachlage glauben. Wenn man sie reden hört, so liegen die Dinge noch gar nicht so schlimm, wie behauptet wirb. Wenn man unsere Kinder auf der Straße erblickt, so meinen dies« guten Leute und schlechten Musikanten, so steht man immer noch die jugendlichen Gesichter glänzen und hört noch überall ihr fröhliches Lachen. Aber der Schein trügt! Fragt unsere Lehrer! Sie werden Euch über das Geschlecht, das heute die Schulen be- sucht, ganz andere Auskunft geben. Seit langem schon wisse«' es alle, die mit der Jugend zu tun haben, daß hier ein anderer Geist waltet, daß körperliche Schwäche und geistige Erschlaffung zum unseligen Bunde vereint der Jugend von heut« ihren Stempel aufdrücken- Und wenn Ihr Gelegenheit hattet, einmal in die Sprechstunden eines Arztes hineinzuschauen: Euer Optimismus, Euer leichtfertiges, oberflächliches Urteil würde gar bald in das Gegenteil umschlagen, würde dem Gefühl des Entsetzens und der bangen Sorge ob der Zukunft Platz machen. Der Arzt selbst, dem doch in seiner Tätigkeit nichts Menschliches fremd bleibt, erschrickt ob des Anblicks des Jammers, den die bedauemswerten kleinen Geschöpft darbieten. Di« Gesichter blutleer, in den tiefumränderten Augen jenes merkwürdig leuchtende Feuer wie bei Wölft«, die lange gehungert haben. Der Brustkasten bei fast allen Kindem abgeflacht, Muskelschwund, das Knochengerüst von einer gelblich schmierigen, faltenreichen Haut überzogen, Drüsen als Zeichen einer latenten Tuberkulose bei zirka drei Viertel aller von mir in der letzten Zeit untersuchten Kinder, die Haltung schlapp, das Ge- wicht bei allen Kindern unter der Norm, bei Mädchen im Alter von 13 bis IS Iahren nur selten Zeichen einer einsetzenden Puber- tätsentwicklung, die ganz Kleinen mit rachitischen Köpfen, krummen Beinen, gedunsenen Spitzbäuchen. Ist das noch Jugend? Wo bleibt da unsere Zukunft, was soll aus unserer Hoffnung werden? Wenn di« Dinge welter so ihren Verlauf nehmen, dann sinkt all unser Besitz ins Grab. Allerorten wird es an Mitteln fehlen, dem Berderben zu wehren! Unendlich Vieles wird den Verhältnissen zum Opfer fallen. Rettet unsere Kind er! Dieser Ruf wird weitertönen, muß setzt lauter als je erschallen. Mag fallen, was nicht mehr stehen kann, aber laßt unsere Jugend nicht fallen. Diese Forderung wird nicht aufhören, sich geltend zu machen. Es gibt nichts Wichtigeres, nichts Dring- licheres. Laßt unsere Iugend nicht zugrunde gehen! Sollte sie nicht mehr zu retten sein, was hätte es alsdann noch für einen Sinn, an der Rettung auf anderen Gebieten zu arbeiten! Neue Kunstbekenntnisse Leibis. Wilhelm Leibi, das größte deutsch« Malergenie des 19. Jahr- Hunderts, war kein Mensch, der viel sprach, sondern einer, der in der dumpfen Urkraft ftines Schöpferdranges seine wundervollen, heute bereits klassisch gewordenen Werke sich abrang. Um so wichtiger ist es. diesen Meister in seiner Seelenwerkftatt zu belauschen. Zu den bereits bekannten Brieftn Leibis treten jetzt einig« neue an seinen Bruder Ferdinand, die in dem bei Hugo Schmidt in München soeben erschienenen Leibl-Buch von Hermann Nasse zum erstenmal ver- öffentlicht werden. Ein schönes Bekenntnis zu der Freiheit des Künstlertums bringt der Brief vom 19. Februar 1871, in dem auch ein gewisser Stolz auf die riesige Körperkraft des Künstlers durchleuchtet, der es bekanntlich im Ringkanmpf mit den tüchtigsten Berufsringern aufnahm.„Ich bin als Künstler so an ein freies Leben gewöhnt." heißt es da,„daß ich mich durch nichts in der Welt bestimmen lasse, anders zu handeln, als es mir gerade behagt. Ich arbeite und trink« denn am Abend am liebsten mein Bier in aller Gemütsruhe. Davon kann mich nun nichts abhalten, so lieb mir auch meine Verwandten sind. Alle übrigen Verwandten sind dies auch- sicherlich schon gewohnt, denn niemand beschwert sich darüber. Mein Wort in betreff der Be- leuchinngsfeierlichkeiten konnte ich deshalb nicht halten, weil bei dem Künstlerzuge niemand außer mir die große Künstlerfahne zu tragen vermochte, und so muhte ich der Sache halber dies übernehmen." Ein andermal bekennt er dem Bruder:„Geld und Kunst sind zwei kon- ttäre Dinge. Siehe Dir nur die heuttgen sogenannten Kunstgrößen an, die Millionen haben und für ein Bild 20 000 Taler bekommen, Eine sonderbare Entgegnung. 2BTB. berichtet unterm 30. Ottober: Die„Times" veröffentlicht! heute ein Telegramm ihres Dresdener Sonderberichterstatters über „die großen Zufammenziehungen von Reichswehrtruppen in � Sachsen", die Grund zum Argwohn böten. Zahlreiche Aktionen der Militärbehörden, so heißt es in dem Telegramm, stellten Ver- letzungen des Versailler Vertrages dar; insbesondere wird dies bezüglich der Neueinstellungen und Bewaffnung behauptet. Demgegenüber wird von amtlicher Seit« festgestellt, daß die Zusammenziehungen der Reichswehrtruppen in Sachsen den Bestim- mungen des Vertrages von Versailles in keiner Weise wider- sprechen. Es handelt sich weder, wie die„Times" meint, um ein Armeemanöoer, noch um die Vorbereitungen zu einer Mobili- sierung, sondern lediglich um die Erledigung polizeilicher Ausgaben, die in erster Lim« die Auflösung von bewaffneten, auch nach Ansicht der Interalliierten Militärkommission nicht zu- lässigen Selbstschutzorgonisationen bezwecken, also um eine Aktion, die auch im Interesse der Erfüllung des Versailler Vertrages liegt. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, mußte eine Reih« von Reichswehrtruppen nach Sachsen gezogen werden, deren Zusammensetzung bereits vor einigen Tagen veröffentlicht worden ist. Aus ihr geht hervor, daß es sich a u s- n a hm s l o s um auf Grund des Versailler Vertrages aufgestellte Truppenteils handelt. Die Truppen sind so bewasfnet, wie der Versailler Verlrag es vorsieht: sie führen selbstverständlich also auch keine Fluaabwehrgeschütze mit sich, wie der„Times" aus Dresden gemeldet wurde. Soweit in den letzten Wochen Neueinstellungen in die Reichswehr erfolgt sind, geschah dies zur Auffüllung der e tat- mäßigen Stärke im Rahmen des Versailler Vertrages, die bekanntlich noch nicht einmal erreicht ist. Auf die Phantasien des Berichterstatters, die aus politischen Beweggründen erwachsen sind, einzugehen, erübrigt sich. Es muß außerordentlich be- dauert werden, daß die„Times", die sich in der letzten Zeit meistens bemüht, über die Verhältnisi« in Deutschland objektiv zu berichten, durch Verbreitung dieser erfundenen Hetznachrichten und politischen Phantasien sich als Werkzeug linksradikaler Hetzer miß- brauchen ließ. Richtig ist an dieser Entgegnung jedenfalls der eine Satz, daß die„Times" in letzter Zeit bestrebt war, objektiv über Deutschland zu berichten. Um so bedauerlicher ist es, daß die Pressestelle der Reichsregierung, die die Aufgabe bat, die kür die Presse bestimmten Erklärungen sämtlicher Reichs- Ministerien auch unter dem Gesichtspunkt ihrer außen- politischen Wirkung zu prüfen, ehe sie veröffentlicht wer- den, eine derartige Polemik hat passieren lassen. Es mag wohl sein, daß das Telegramm des Sonderberichterstatters der „Times" allerlei Uebertreibungen und Unrichtigkeiten ent- hielt. Aber d i e s e A r t der Entgegnung kann lediglich Wir- kungen auslösen, die ganz und gar nicht im Interesse der deutschen Außenpolitik liegen. Da wäre es doch viel besser ge- wesen, überhaupt zu schweigen. Besonders die Beweisführung, wonach die Ausfüllung der Reichswehrformationen im Jnter- esse des Friedensvertrages liege, ist ein kleines Meisterwerk intellektueller Gymnastik. Sie wird sicherlich drüben starken Eindruck machen. Ob zum. Vorteil des guten Rufes Deutsch- lands, ist eine andere Frage. öenesch über üie üeutfche Krisen Prag. 31. Oktober.(MTB.) In der gestrigen ersten Sitzung der Hcrbstsession des Parlaments führte der Minister des Aeußeren Dr. B en es ch aus: Das Problem Deutschland ist heute das beherrschende Problem der internationalen europäischen und der. Weltpolitik. Wir werden uns in die weiteren Vorgänge in DeuEchland nicht einmischen, mögen sie den Charakter einer rechts oder einer links ge- richteten Aktion annehmen. Wir fordern nur, daß kein« derartige Aktion unsere Grenzen, unsere Interessen und unjere Rechte berühre und daß sie auch die Grenzen der Nachbarstaaten, insbesondere jene Oesterreichs, nicht berühren, soweit sie durch Verträge, insbesondere jenen von Genf, verknüpft sind. Heute erwägt man. ob man Deutsch- land helfen muß, damit es bezahle, was es bezahlen muß, ebenso wie es mit Oesterreich und Ungarn geschehen ist. Hier ist allerdings das Problem viel schwieriger, dann es handelt sich in Deutschland vor> allem um«ine heftige moralische Krise der ganzens Nation und um den fundamentalen Kampf um Sein oder Nichtsein der Demokratie. Die Krise wird nicht eher be- � hoben sein, als bis die politische Revolution in der oder jener Form! durchgeführt fein wird. Das Reparationsproblcm nimmt untar diesen Umständen neue Formen an, wenn auch die grundsätzliche Frag« der Ncparationspolitik dieselbe geblieben ist. Das ganze Reparations- Problem läßt sich folgendermaßen zusammensasien: Man muß eine englisch-französische Formel in der Frage der interalliierten Schulden als Grundlage jedes weiteren Reparatlonsplanes finden und unter den Alliierten einen Plan vorbereitem der Deutschland nach einer kurzen Moratoriumsfrist instandsetzt, mit der Erfüllung des gemeinsamen Zohlunsplanes zu beginnen. Wenn die Frag« der interalliierten Schulden gelöst wäre, würde die Frage der Summe, die Deutschland zu zahlen hat, kein« großen Schwierig- keiten mehr bereiten. Aber es läßt sich kaum denken, daß ohne wenigstens indirekte Zusammenarbeit mit Amerika dies gelingen könnte. �usnahmetarife für Lebensmittel. Um dem wirtschaftlichen Leben Zeit zu lasten, sich auf die Goldwährung umzustellen, führt die Reichsbahn aus schonend- ster Rücksicht auf die Ernährungslag« vom t. November ab einen Nottarif für Lebensmittel«in. Di« jeweils gültigen Frachtsätze der regelrechten TarisNaste und der Ausnahmetarif« werden für die folgenden Lebensmittel um 30 Proz. ermäßigt werden: Getreide und Hülsenfrüchte, Mühlenerzeugnist«, Teigwaren, kochfertig« Suppen und dergleichen, frische Feld- und Gartenfrücht« der Klast« C und E, frisch« Mohrrüben und frisch« Kohlrüben der Klasse E, Seefische usw. des Ausnahmetarifes 8, Milch des Aus- nahmetarifes 25, Butter, Butterschmalz, Margarine, Fette an» pflanzlichen und tierischen Stoffen der Klaff« D zur menschlichen Ernährung, Käse und Quark._ Verichtigung. Wir werden darauf aufmerksam gemocht, daß die Genossin Wurm in ihrer Rede auf der gestrigen Funktionär-/ konferenz den Satz„der„Vorwärts" wird nicht verboten" nicht ge-. sprachen hat. Er sei vielmehr als Zuruf aus der V«rsamm-I lung gefallen. verlangten sie auch noch Speisen und Getränke, unter der Drohung, daß sie ihn Über den Hausen schießen würden, wenn er ihre For- derung nicht erfülle oder gar Miene mache, Lärm zu schlagen und die Polizei oder sonst jemand zu Hilfe zu rufen. Zum Glück aber hatte das Mädchen, das in einem Hinterraum war, die Leu« eben» ialls gesehen und gleich Verdacht geschöpft Da» beherzte Mädchen nahm den Revolver des Wirtes und kam damir vor. Als die„Gäste" das jähen, hielten sie sich doch nicht mehr für sicher und entflohen mit den 20 Milliarden in den Grüne- wald hinein. Benachrichtigte Schutz- und Kriminalbeamte nahmen sofort die Verfolgung auf, aber die Absuchung des Grunewald? blieb erfolglos. die lächerliche Verfassung. Der Fall Thomaschky.. Vor einiger Zeit haben wir Über eine am 10. September ab- gehaltene Reifeprüfung am Köllnischen Gymna- s i u m berichtet: Studienrat Dr. Thomaschky habe durch Fragen in der Prüfung Schüler zu Antworten veranlaßt, die auf miß- achtende Aeußerungen über die Reichsverfassung und die Farben des Reiches hinausliefen. Zur Aufklärung dieses Vorfalls war das Disziplinarverfahren«ingeteitet worden, bei dem die Untersuchung durch ein Mitglied des preußischen Ministeriums ge- führt wurde. Die Untersuchung, die sich auf all« Anwesenden«in- schließlich der Schüler erstreckt«, hat, wie dem Amtlichen Preußischen Pressedienst aus dem Kultusministerium mitgeteilt wird, ergeben, daß Dr. Thomaschky die in der Oestentlichkeit stark tritt- sierten Fragen nach den Farben der Republik und den Bemerkungen Heines über die Farben fchwarz-rot-gold in der Prüfung überhaupt nicht gestellt hat. Richtig ist, daß die Frage nach der Kritik Rankes über Rousteaus„Eontrat sociale" in der Prüfung gestellt wurde Dagegen ist nicht erwtesen, daß diese Frage im Anschluß an Fragen über die heutige Verfassung oder mit Bezug aus die heutig« Ver- fassung gestellt war. Demgemäß ist das Disziplinarverfahren«in- gestellt worden. Wir haben den Vorgang seinerzeit, wie mitgeteilt, dem„Verl. Tagebl." entnommen. Das Blatt kritisiert das auch uns über- raschend« Ergebnis dieses seltsamen Disziplinarversahrens folgen- dermaßen: „Diele Entscheidung wird in allen unterrichteten Zkreisen, namentlich auch bei Lehrer- und Schülerschaft des Köllnischen Gymnasiums, Aussehen hervorrufen. Es ist nämlich vollkommen zu- treffend, daß Herr Dr. Thomaschky mit einem Schüler das unwürdige Frage- und Antwortspiel aufgeführt hat:„Welches lind die Farben der Republik?"—„Schwarz-Rot-Goid."— Wie trennt Heine dies« Farben?"—„Die A ff« n sa r b« n." Allerdings hat sich dieser Vorgang nicht tat der Prüfung, sondern im Unterricht abge- spielt, und es ist sehr merkwürdig daß diesem unbeträchtlichen Unter- schied im Disziplinarverfahren anscheinend besonder« Bedeutung bei- gelegt worden ist. Ferner wurde in der Prüfung sowobl die Frage nach„Rousieaus„Contrat sociale* als angeblichem Borbild der Weimarer Verfassung als auch tv« Frag« nach der Kritik Treitlchkes (nicht Rankes)«stellt, der den„Lontrat sociale"„lächerlich" nennt. Daß dies« Fragen aufeinander Bezug hatten, war für jeden Anwesenden klar, wenn auch die amtlich« Meldung diesen Zu- iammenhang al»»nicht erwiesen" bezeichnet. Ueber den Fall Tomaschty dürfen trotz der Einstellung diese» Verfahrens die Akten nicht geschlossen werden."— Auch wir sind der Meinung, daß das jetzt um so weniger geschehen darf, als die Vor- würfe gegen Dr. Thomaschky weiter aufrechterhalten werden. Englanö gegen die rheinischen Separatisten.| Die Erweiterung öes Westhafens. Paris, ZI. Oktober.(MTB.) Der diplomatische Mi-arbeiler der Agentur hovas glaubt zu wissen, daß die britische Regierung ihre Losschafier in Paris und Brüssel beauftrugl hat, der fron- zösische» und belgischen Regierung mitzuteilen, daß sie die L eg all- tat der provisorischen Regierung, der die Dorten und ZNatthes ongehcren, nicht anerkenne und daß sie sich jedem Versuch, den separatistischen Ausstand in die britische Zone von Köln vorzu- tragen, widersetzen werde. Laut„Echo du Paris" habe der britische Loischasier in Paris ferner zum Ausdruck gebracht, daß die separa- tislische Bewegung nicht den Gefühlen der örtlichen Bevölkerung ent- spreche. Die britischen Botschasler hätten ferner die Haltung der Regierungen von Brüssel und Paris gegen die Separatisten kritisiert. die als eine Verletzung de» vertrage, von Ver- sailles bezeichnet werde. die Sachverstänüigenkonferenz.* Obwohl über die gestrige Sitzung des englischen Kabinettsrates kein ausführlicher Bericht veröffentlicht worden ist, geht aus den Äußerungen der englischen Presse hervor, daß man in dieser Sitzung zu einem endgültigen Beschluß über die von England vor- geschlagene internationale Sachverständigenkonserenz gelangt ist. Ursprünglich war, wie gemeloet wurde, geplant worden, rvegen der von Poincare gemachten Vorbehalte nochmals mit der französischen Regierung in einen Meinungsauslausch zu treten. Aber in der Sitzung der britischen Reichskonferenz vom Montag drängte der südafrikanische Ministerpräsident Smuts auf sofortige Atiionen, und dieser Umstand veranlaßte anscheinend das Kabinett, von weiteren Rückfragen in Paris und Washington Abstand zu' nehmen. Die M.inunz der Regierungskreise ist laut„Times" nun die, daß jede Konferenz, an der die Vereinigten Staaten bereit sein würden mit- zuwirken, ein Schritt in guter Richtung sei. Es ist daher beschlossen worden, die Antworten Frankreichs, Italiens und Belgiens zu be- stätigen und den Vereinigten Staaten unverzüglich mitzuteilen, daß die Angelegenheit jetzt beschleunigt und die amerikanische Regierung ersucht werde, ihren Vertreter, sobald es passend erschein«, zu ernennen. Amtliche Devisenkurse. Holland. Gulden.., argeni. Papier« Peso. belgischer Frank.... norwegischeKrone... dänische Krone..... ichwedischeKrone.... finnische Marl..... japanischer Jen..... iltalienische Lira.... Pfund Sterling.... Dollar......... französischer Frank... brasilian. Miireis... Schweizer Frank.... spanische Peseta.... osterv Krone(abgest). tschechische Krone.., ungarische Krone... bulgarische Lewa... . jugostaw. Dinar.... 81. Oktober ftiufer (®elb.) Kurs in Taufend 28320000 23142000 3631000 11172000 12569000 19152000 3252000 324183000 72319000 4269000 12863000 9676000 Verkäufer (Brief.) Kor» in Taufcnd 23471000 23258000 3660000 1 1228000 12631000 19248000 3268000 325812000 21 72681000 4391000 13932000 9724000 80. Oktober Käufer (.) Kurs in Tausend Beriiufrr (Brief.) Kur» in Tausend 25137000 20349000 8252000 9975000 11172000 16957000 1746000 30923000 2018000 25268000 20451000 3268000 10025000 11228000 17043000 •1754000 31077000 2927000 189275000 290725000 64838000 8791000 5786000 65162000 3809000 5814000 11571000 11629000 8778000; 918> 1895000 3491 608000 768000 8832000 922 1905000 8509 612000 772000 Wider Erwarten schnell ist schon kurz nach Eröffnung des ersten Teils des Westhafens der Augenblick gekommen, in dem sich die Er-> Weiterung des Hafens als unumgänglich notwendig er»! weist. Um den ihr gestellten Aufgaben gerecht werden zu können,' benötigt die Berliner Hafen, und Lagerhaus.A.-G. im Anschluß an die bestehenden Anlagen binnen kürzester Zeit weiter« Umschlags. Möglichkeiten, Lagerflächen und Lagerräume. Auch fehlen dringend benötigt« Anlagen zur Lagerung von Spezialgütern, di« hier geschaffen werden sollen. Schließlich erweist sich auch im Interesse der wirtschaftlichen Abrundung der Vollausbau des Hafens schon jetzt als nötig. Diese Gründe waren für die Berliner Hafen- und Lagerhcms-A.-G. so zwingend, daß sie sich trotz der Röte der Zeit und trotz der allgemein schlechten Finanzlage entschlossen hat. die Stadt zu bitten, den Bau des dritten Hafenbeckens mit allen Nebenanlagen sofort in Angriff zu nehmen. Die Gesellschaft hat sich nach Verhandlungen mit Berliner Groß- danken berett erklärt, die vollen Kosten des Ausbaues selbst zu übernehmen: die Anlagen sollen nach Beendigung des DerlrogsoerhälMisses mit der Gesellschaft ahn« Entschädigung in das Eigentum der Stadt übergehen.— Die Stadt ist bereit, dem Wunsche der Gesellschaft zu willfahren, bieten sich ihr doch durch die Inangriffnahme des umfangreichen Bauvorhabens gewaltige Vor- teile. Eine beträchtliche Anzahl Erwerbsloser kann in aller- kürzester Zeit mit produktiven Arbeiten beschäftigt werden: die in Aussicht stehende bedeutende Vergrößerung des Hafenbetriebes sichert auch nach Fertigstellung der Bauarbeiten dauernde Arbeitsmöglich- keiten. Der Magistrat hat sich deshalb entschlossen, der Stadtverord. neteuversammlung eine entsprechende Vorlage zur Beschlußfassung zu unterbreiten.— Das für die Hafenerweiterung im Jahr« 1906 bereits lediglich zu diesem Zweck gekaufte Gelände muß natürlich geräumt werden. Di« wenigen privaten Nutzer werden anderweitig untergebracht. Die gegenwärtig zu Hospitalzwecken von der Stadt selbst benutzten alten Gebäude des früheren Iohannlsstrstes sind entbehrlich, da ihre Insassen ebenfalls anderweitig Unterkunft erhalten können. Mit dem aus dem Abbruch dieser Gebäude zu gewinnenden Material soll die dringend nötige Erweiterung des Moabiter Kransenhauses ausgeführt werden. Der Ausbau des Hafens liegt im Interesse dergesamm. t«n Volkswirtschaft. Diese verlangt eine weisschauende Politik auf dem Gebiete des Güterverkehrs. Di« Vernachlässigung einer solchen Politik hat der Stadt Berlin schon früher erheblichen Schaden zugefügt: sie hatte zur Folge, daß Berlin seinen Platz an erster Stelle unter allen deutschen Binnenhäfen verlor. wettere Erhöhung öer Verkehrstarife. Die Hoch. und Untergrundbahn wird ab 1. November folgend« Erhöhung der Derkehrstarif« vornehmen: 3. klaffe 1)4 und 2 Milliarden, 2. Klasse 2 und 2 VI Milliarden: Blocks zu 10 Karten 12VS und 17 Milliarden, 2. Klasse 17 und 21 Mlliarden: Wochenkarten für 12 Fahrten 3. Klasse 17, 2. Klasse 21 Milliarden, Die Straßenbahn wird ab morgen folgende Fahrpreise nehmen: Umsteigefahrschein 2 Milliarden. Kmdcrfahrschern 1, Hsch- bahnübergangsfahrschein Z!4 Milliarden. Monatskarten für «in« Linie 100, für Z Linien 180, für 2 Linien 140 und für alle Linien 240 Milliarden. Schülermonatskarten 50 Milliarden. Bei den Monatskarten wird wertbeständiges Geld in Zahlung genommen. Ueberfall auf ein Walörestaurant. Eine Hausangestellte als Reiterin ihres Herren. Sechs fragwürdige Gestalten machten am Dienstag um 4� Uhr dem Restaurant„Tattersall, das etwas abseits vom Bahnhof Grüne- wald und der Kolonie an der Forst liegt, zwischen Bahnhof und Försterei, einen etwds ungewöhnlichen Besuch, Der Wirt Krüger, der allein war, sah gleich, daß sie in sein Lokal nicht recht hinein- paßten, fragte sie aber doch nach ihrem Begehren, Die Gäste hiel- ten sich aber mit Erklärungen nicht erst lange auf, sondern for- derten kurzerhand Essen und Trinken umsonst. Als Krüger darauf natürlich nicht einging, besetzten vier Mann die Ein- und Aus- gänge, so daß niemand mehr Zutritt erhalten konnte, der Fünfte nahm Aufstellung am Fernsprecher, um ihn zu überwachen, und der Sech st e iorderte nun mit der Pistole in der Hand den Wipt auf, Essen und Trinken oder dem- entsprechend Geld herzugeben. In dieser Zwangs- lag« hatte Krüger der Uebermacht gegenüber keine Wahl mehr. Wohl oder übel mußte er 20 Milliarden, die er in der Tasche hatte, her- autgeben. Damit waren aber die Gäste noch nicht zufrieden. Jetzt Bluttat cmes 67 jähriizc». Eine furchtbare Bluttat, die in ihren Einzelheiten aber noch der Aufklärung bedarf, ereignete sich heute vormittag in Reu- tölln. Gegen 911 Uhr wurde das Ueberfolltommando Neukölln nach der H 0 b re ch tst ra ß« 69 gerufen, wo der 67 Jahre alte, dort wohnende Schneidermeister Karl Schulz den 60 Jahre alten Rentier Otto Kochhahn aus der Friedelftraße 11 in Neukölln mit einem Bügeleisen und einem Aermelbügler niedergeschlagen hatte. Beide kannten sich schon seit längerer Zeit. Kochhahn hatte ausländisches Geld bei sich, u.a. auch französische Franken, in deren Besitz sich Schulz setzen wollt«. Er schlug ohne weiteres auf Koch- Hahn ein, so daß dreser mit schweren Kopsverletzungen zusammenbrach. Man brachte den Uebersallenen nach dem Urban- krankenhause, wo der Arzt eine Zertrümmerung der Schädeldecke seslstellte und ihn aufnahm. Sein Zustand ist lebensgefährlich. Der Täter ist festgenommen und der Kriminal- polizei ubergeben worden. t Goldmarkpreise im Stadt-, Ring- und Vorortverkehr. Im Berliner und Hamburger Stadt-, Ring- und Vorortverkehr wird wfvlg« Umstellung der Personentarife auf Goldmart der Mindestgrundprei« der Einzelkartcn vom 1. No- vember ab auf 15 Pfennig in der 3. und 25 Pfennig in der 2, Klosse festgesetzt. Der Zoncnabstand beträgt in beiden Klassen 5 Pfennig. Die Mindestgrundpreise für Monatskarten belaufen sich ans 2 Mark in der 3. und 3,50 Mark in der 2. Klasse: jede weiter« Preisstufe 50 Pfennig mehr. Der Preisberechnung für Wochenkarten wird ein Viertel der Grundpreise sür Monatskaten zugrunde gelegt Die für Wochen- und Monatskarten des allgemeinen Verkehrs zuge- standene Ermäßigung um 60 Prozent wird auch den Monats- und Wochenkarten des Stadt-, Ring- und Vorortverkehrs zugute kommen. Ergänzend und berichtigend teilt die Reichsbahndirektion mit, daß die bekanntgegebenen Grundpreise für Monats, und Wochenkarten in der 3 Klasse nach 13 Einzelfahrten und in der 2. Klasse nach 14 Einzelfahrten berechnet sind. Die für Monats, und Wochen- karten des allgemeinen Verkehrs zugestondeln« Ermäßigung um 50 Proz. ist somit b« der Festsetzung der Grundvreise schon berück- sichtigt worden. Es empfiehlt sich dringend. Monatskarten noch heut« zu erwerben. Nur noch Millionen bei der Post. Infolge der starken Geldentwertung und der dadurch hervor- gerufenen Aufblähung de« Zahlensystems, unter deren Wirkung die pünktliche Abferügung der Bevölkerung au den Postschattern außer- ordentlich leidet, sieht sichdteReichspost-unb Telegraphen- Verwaltung genötigt, ihren gesamten Zahlungs. und Rechnungs- ocrkehr und das Gebührenwefeir vom 1. November an auf dre Millionenmartrechnung einzustellen. Postanweisungen, Nachnahmen, Postaufträg«, Wertangaben bei Wertsendungen, Zahl- karten. Postüberweisungen, Ersatzüberweisungen, Postschecks und Zahlungsanweisungen dürfen vom 1. November an nur über volle Millionen Mark lauten. Bei der Angab« des Be- trags in Ziffern ist dabei an der Stelle der sechs Nullen das Wort „Millionen" zu schreiben: zum Beispiel ist also statt 16 000 000 Mark künftig 16 Millivnan Mark zu schreiben. Die Stammeinlage, die auf jedem Postscheckkonto zu halten ist, wird auf 10 Millionen Mark festgesetzt werden. Bruchteile von 1. Million Mark, die über den 1. November hinaus als Guthaben auf den Possscheckkonten stehen geblieben find, Verden gestrichen werden. v!e vollarprelfe. Gegen die Schwankungen in der Preisfestsetzung. Um eine gewiss« Stetigkeit und Gleichmäßigkeit der Preisge- staltung auch da zu erreichen, wo eine Preisnotierung durch den Großliando.' nicht stattfindet, insbesondere auch um die Auswüchse, die sich bei der Umrechnung der Papiermark nach dem jeiveiligen Valutastand herausgestellt haben, zu verhüten, ist von der Wucherstelle des Polizeipräsidiums Berlin folgende Regelung getroff.ai worden: Die Großhandelspreise für Kartoffeln sowie für die marktgängigen Sorten Gemüse und Obst, für die ge- bräuchlich st en Fischarten und für Eier werden in Berlin morgens in den Frühstundcn auf Grund der ersten Kaufabschlüsse ermittelt. Diese Großhandelspreis« werden täglich um 8 Uhr morgens sämtlichen Polizeirevieren durch Ferndrucker mitgeteilt, die danach unter Zugrundelegung der zulässigen Aufschläo« für den Kleinhandel die Klcinhckndelspreis« zu errechnen und bei Ueber- schreitungeu nötigenfalls einzugreifen haben. Die P r e i se müssen im Groß-- und Kleinhandel bis zur nach- sten Notierung innegehalten werden. Wenn den be- rechtigten Interessen der beteiligten Gewerbekreise dadurch Genüge geschieht, daß beim Sinke,: der Auslandswährung die Besse- rung der Papier mark durch entsprechende Preissenkung Los ort zun, Ausdruck kommt. Unter keinen Umständen zrf der Händler beim Sinken der Auslandswährung mit einemmal von seinen Gestehungskosten in Papiermark ausgel)«n. Dies würd« dazu führen, daß das Verhältnis des Wertes der Papiermark zum Werte der Goldmark bzw. der ausländischen Valuta nur ein- seitig zugunsten des Handels zum Ausdruck käme. Der Streit um die Zriedrichsberger Genossenschaftsbank, die im Jahr« 1914 zur Vermeidung des Konkurfes sich unter Geschäfts- aussicht stellte, ist immer noch nicht erledigt. Nachdem im September 1923 die Geschüftsaufsicht nach neunjähriger Dauer endlich aufge- hoben worden ist, wollen viele Gläubiger ihre noch nicht abgefun- denen Ansprüche durch Klag« geltend machen. Di« Zahl der kleinen Gläubiger ist sehr groß— 1914 belief die Gesamtzahl sich auf etwa 26 699— aber nicht wenige davon haben sich in- zwisck?en schon mit entwertetem Geld abfinden lassen. Vis 29. Juli 1923 wurden 7993 klein« Guthaben im Gesamtbetrage von 19,1 Millionen Papierware ausgezahlt, und chis zur Aufhebung der Geschäftsaufsicht im September d. I. dürste der Gesamtbetrag auf 12 Millionen Papiermark gestiegen sein. Für 12 Millionen gab es Mitte September noch etwa vier.Fünfgroschenbrot«*, heute aber kostet eine dünne Scheibe des Zehnmiliiarden-Brotes 239 Millionen. Eine Darstellung aus den Kreisen der kleinen Gläubiger schätzt den heutigen Wert des Besitzes der Bant an Grundstücken und Hypotheken auf viele Billionen. Der Gläubigeroertreter, Lehrer Wichmann(Berlin. Marianncnstr. 7). hat schon im Mai d. I. viele der von Gläubigern an die Bank ausgegebenen Ausgleichs- q u i t t u n g e n angefochten. Er empfiehlt allen Gläubigern, gemeinsam oder allein dasselbe zu tun Ein Riesenhehlerprozeß fand soeben in Berlin statt. Dabei bei haben sich die Gebrüder Edmund und Emil P r e y l l aus Hamburg zu verantworten. Sie haben große Mengen gestohlene Teppiche, Silberzeug usw. von Dieben gekauft und nutz- bringend veräußert. Der Anklagevertreter, Staatsanwalt Dr. Kuß- mann, stellte Edmund Preyll als den größten Hehler Berlins und als«ine Gefahr für die Allgemeinheit hin. Er müsse mit allen Mitteln der Justiz unschädlich gemacht werden. Der Staatsanwalt bscmtragte gegen Edmund Preyll wegen genxlrbsmäßigcr Hehlerei 7 Jahre Zuchthaus und Ehroerlust, gegen Emil Preyll 1 Jahr 3 Monate Zuchthaus. Bei diesem Antrage des Staatsanwalts brach die Ehefrau Edmund Preylls mit einem lauten Aufschrei zusammen und mußte ohnmächtig aus dem Saale getragen werden. Die Verteidiger plädierten für milder« Urteil«. Nach überraschend kurzer Beratung kam die zweite Strafkammer zu folgenden, Uteil: Der Angeklagt« Edmund Preyl wird wegen gewerbsmäßiger Hehlerei zu vier Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehr- verluft verurteilt. Emil Preyl wird wegen Beihilfe zur ein- fachen Hehlerei zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Er er- hält jedoch dreijährige Bewährungsfrist. Edmund Preyl wurde «in Jahr auf die Untersuchungshast aligerechnet. Der Volks.Feuerbcflalkungsverein Groß-Berlin«. B. a. G. hat in Riicksscht auf die jetzigen Verhältnisse bis zur endgültigen Rege- lung einer festen Währung anstatt der Monats bei träge Wochen- beiträge festgesetzt. Der Wochenbeitrag für die 44. Woche — 29. Oktober bis 3. November— beträgt bei einem Eintrittsalter von 7 bis 15 Jahren, Beitraqsklasse 1, Milliarde. 15 bis 29 Jahren. Bcitragsklass« 2. 1 Milliarde. 29 bis 39 Jahren. Bei- traasklasse 3, 114 Milliarden, 30 bis 40 Jahren, Beitragsklass« 4, 2 Milliarden. 40 bis 45 Jahren, Beitragsklasse 5, 214 Milliarden, 45 bis 50 Jahren, Beitrogs klaffe 6, 3 Milliarden, 50 bis 55 Jahren, Beitrags klaffe 7, 3 H Milliarden, über 55 Jahne, Beitrogsklasse 8, 4 Milliarden Mark. Die Obstbaufchule in Werder a. d. H., Institut der Landwirt- schaftskammer für die Provinz Brandenburg und für Berlin, er- öffnet am 2. November ihr Unterrichtshalbjahr. das mit dem halben März beendet wird. Mit Rücksicht auf die fetzigen Verhältnisse finden kurzftistige Kurse i m O b st- und Gemüse. bau, Schädiingsbekämpfung, Bodenkunde und Düngerlehre, Obst- und Gemüsenerwertung, Obstwcinbereitung und Kellerwirtschast im Laufe des Winters statt. Es gibt Laienkurse und solche für Fort- geschritten« bzw. Fachleute. Näheres ist zu erfahren durch die Direktion. Hauptmann von Berrfclde spricht bevte abend S Uhr in den Kammersälen, Teltower Straße. Thema: ,DaZ Ziel, der Weg und was ist zu tun". Wetter für morgen. Berlin und Ilmgcgcnd. Nur voriibergehcnde ZZewolkungZzunahme, dann wieder heiteres, trockenes Wetter ohne nennenswerte Temperatur- änderung. Groß-Serliner parteinachrichten. Achtung! veamtenfunktionäre! Der von unberufener Seite für Freitag, den 2. November, einberufene Bezicksbeamtentag findet nicht statt. Die statutenmäßige Einberufung des Groß-Berliner Bezirksbeamtentages wird durch das Bezirksfekretariat vorbereitet. Die Mandate gehen den Delegierten rechtzeitig zu._ Der Bezirksvorstand. 31. Adt. Die für Mittwoch, also heute abend angesetzte Mitgliederversammlung fiilli aus und finde! am 7. Roveinber statt. Morgen. Donnerstag, den t. November: II. Kreis EchSueberg. Püntilich 7 Ubr Sitzung der Abteilungolcute der Beamten bei stiawiiter, Apostei-Nauws-Str. 7, 4 Tr. Jede Abteilung muh vertreten sein. 4!>. Abt. Abends 7 Uhr Sitzung des Abteilungsvorstandes der Bezirlsffihrcr bei Rann Liegnitzer Str. LI. GewerTchastsbewsgimg katastrophale /lrbeitsiostgkeit. Die Regierung vermehrt sie. Aus dem Bericht des Landcsarbeitsamts Berlin für die Woche von, 22. bis 27. Oktober entnehmen wir folgende Zahlen: Die Arbeitslosigkett nimmt immer größer« Dimensionen an. Es waren 193 399 Personen bei den Arbeitsnachweisen ein- getragen gegen 185 739 der Vorwoche. Darunter befanden sich 133 424(127 792) männliche und 61 876(58 028) weibliche Per- sonen. In der Hauptsache setzte sich der Zugang aus Fach- arbeitern und Jugendlichen zusammen. Unter«rstaren be- Endet sich ein großer Teil gut qualifizierter Kräfte aller Aranchen. Von den insgesamt Eingettagelien entfielen 148 595 (141952) auf Facharbeiter und 8971(6867)auf Jugendliche. Selbständige G e w e r b e tr e i b'e n d e, die infolge der im- günstigen wirtschaftl'chcn Verhältnisse ihren Betrieb einzustellen ihezwungen waren, sind ebenfalls an den Neueinschreibungen ver- hältnismäß'g stark beteiligt. Unterstützung bezogen 194 611(97 926) männlich« und 30 889(26 909) weibüche, insgesamt 135 500(123 932) Personen. Dazu kommen aber noch die Kurzarbeiter, deren Zahl im vorliegenden Wochenbericht nicht angegeben ist, jedoch bereits mehr als 199 999 betrügt. Außer diesen 399 999 Personen, die allein in Berlm ganz oder teilweife arbeitslos und bei den Arbeits- nachweisen eingetragen sind, müssen noch die Personen, besonders der fteien Berufe und des Kleingewerbes gerechnet werden, die bei keinem Arbeitsnachweis eingetragen, aber erwerbslos sind. Die Regierung hat in der heutigen Morgenpresse oerkünden lassen, daß sie umfangreiche Sparmaßnahmen vor- nehmen will, was wir durchaus begrüßen. Wenn ehemalige Offiziere, die sich auf ihrer väterlichen Scholle als Großgrundbesitzer durchs Leben schlagen, ihr« Bezüge endlich gesperrt bekommen, wenn ehemaligen Beamten, die mehr als ein reichliches Einkommen haben, nebenher aber noch ihre Pension mit allen Teusrungs- und Kindsrzulagen bekommen, diese endlich entzogen wird, so sst dies nur zu begrüßen. Wir sind auch durchaus damit einverstanden, wenn entsprechend den Beschrüssen des Reichswirtfchastsrats di« Erwerbslosenuntor- stützung umgewandelt wird in«ine Erwerbslosen Versicherung. Bisher sind di« Unterstützungen an di« Erwerbslosen und Kurz- arbeitar asschUeßlich durch die Notenpresse gedeckt worden. Die daraus sich ergebende Inflation hatte die Wirkung, daß die Löhn« sich immer mehr und immer rascher entwerteten, die Unter- nehmer. und Zwischengewinne sich aber oermehrten. Die schein- bar gratis gegebene Unterstützung wurde in Wirklichkeit und darüber hinaus einzig durch die Lohnarbeit«? getragen. Dar- über hinaus ist durch die Inflation unsere gesamte Sozialversicherung ausgehöhlt, ja völlig wortlos gemacht worden, wie überhaupt fämt- liche Einrichtungen der Arbeiterschaft in ihrer Existenz bedroht sind. Nur rire Wiederherstellung des Geldes kann da Helsen. Ohne die Wiederherstellung des Gleichgewichts im Staatshaushalt ist aber eine Stabilisierung der Währung nicht möglich. Wenn also die Umstellung der Erwerbslosen fürsorge zunächst d«r Arbeiterschaft nre den Unternehmern scheinbar neue Lasten auferlegt, in Wirklichkeit bedeutet dies«ine Entlastung der Arbeiterschaft. Ab«r es ist oerkehrt, auf der einen Seite Sparmaßnahmen vor- zunehmen— und:n welch sinnloser, unökonomifcher Weife das bei Personaleinfchränkungen geschieht, haben wir wiederholt gezeigt —, wenn man auf der anderen Seite Maßnahmen anordnet, die die Einnahmen verhängnisvoll beeinflussen müssen. Da ist zunächst der Abbau der Beamten und An- gestellten des Reichs. Er sst notwendig, das ist unbestritten. Aber was geschieht, um die Entlassenen nicht der Erwerbslosigkeit auszuliefern? Was geschieht insbesondere, um der Wsttschasts- katastrophe entgegenzuwirken? Was geschieht, um produktive Not- standsarbeiten, deren Finanzierung durch Abgaben oder Anleihen zu fundieren ist, in Angriff zu nehmen? Was gesch-eht, um den Wohnungsbau schleurrgst wieder in Gang zu bringen? Bisher sind die Maßnahmen, die von den zuständigen Mini- stcrlon vorgenommen wunden, derart, daß sie die Wirtschafts- krise oerschärfen. Wie will man«in« S t e i g« r u n g e r Einnahmen— und d'e ist notwendiger und einträglicher als alle Sparmaßnahmen— erzielen, wenn man die Produktion nicht in Gang bringt? Hier ist der Hebsl anzusetzen, und dies unser- Ziiglich. * Stillegung der pfälzischen Schuhindustrie. Eine Statistik der pfälzischen Schuhindustrie ergibt ein erschreckendes Bild. 316 Schuhfabriken wurden in der allerletzten Zeit stillgelegt und etwa 19 999 Arbeiter brotlos gemacht. Internationale �rbeitskonferenz. In ihrer Schlußsitzung am Montag nahm di« Jntsrnattonals Arbeitstonferenz di« auf Wunsch der Gewerkschaftsvertreter aus dem Saargebiet und der Arbeitergruppe der Konferenz eingebrachte Resolution an. in der der Verwaltungsrat aufgefordert wird, ge- gebenenfalls mtt dem Bölkerbundrat die Anwendungen der Bölkerbundfatzungen zu erwägen. Aus Antrag des fran- zösischen Regierungsvertreters wurde von Fontaine, dem Präsidenten des Verwaltungsrats des Arbeitsamts, der einleitende Satz, der sich ausdrücklich auf die gewerkschaftliche Denkschrift bezieht, ge- strichen, weil auch ein Antrag der Regierungskommission des Saargebiets vorliege, ferner auch die Denkschrift nicht zur De- batte stell«, sondern nur die Anwendung der Völkerbundsatzungen. Man vermutet, daß hinter der Aenderung die Absicht steht, die ge- amt« Frage vor dem Verwaltungsrat nicht nur in dem von der aarländischen Arbeiterschaft vorgezeichneten Rahmen zu prüfen, andern auch auf Grund des besondren Willens der Regierungskom- misston, deren Generalsekretär von der Tribun« aus die Sitzung übrigens aufmerksam oerfolgte. Di« Konferenz nahm einstimmig den Entwurf über die Or- ganisierung der Arbeitsinspektionen an, dessen Auf- stellung die Haupisrage der diesjährigen Tagung bildet. Dieser Entwurf wird nunmehr den Mitgliedsstaaten der internationalen Ar- beitsorganisationen mtt der Aufforderung zugehen, die Bestimmun- gen auf gesetzlichem oder anderem Wege laut Teil 13 des Friedens- Vertrags durchzuführen. Der angenommene Text fetzt sich aus einer Präambel von 21 Artikeln zusammen, die sich auf folgende Abschnitte verteilen: 1. Umfang der Inspektion, 2. Art der Funktion und Befugnis der Inspektoren, und zwar s) Allgemeine Bestimmungen, b) Schutz vor Unfällen und Krankheiten, 3. Organisation der Inspektionen, und zwar a) Organisation, des Personals, h) Vorbedingung für die Ans- vildung der Inspektoren, c) Kategorien und Methoden der Inspek. torcn, ä) Zusammenarbeit der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, 4. Bs» richterstattung durch die Inspektoren. Löhne in der Fleischwarcninduslrie für die Woche vom 29. bis 26. Ottober. Groß-Schlächtereien: Gesellen über 29 Jahre 153, unter 29 Jahren 146.599, Kutfcbcr 151 Milliarden pro Woche. Wurstfabriken: Gesellen mit Verantwortung 3249, ohne Ver« antwortung 3162, Maschinisten und Heizer(Hochdruck! 3249,(Nieder« druck) 3162, Handwerker aller Art 3162, Chauffeure 3249, Kutscher 3162, Arbeiter, Hofarbciter, Stalleute, Fahrstuhlführer 3984, Wächter und Portiers 3984. Frauen 2699 Millionen pro Stunde, Mitfahrer 18—29 Jahre 97,989, Jugendliche unter 13 Jahren(m. wb.) 91,362 Millionen pro Woche, Aushilfen 19 Proz. mehr. Die Löhne setzen sich aus Grundlohn und Teuerungszuschlag zusammen. Die Grund- löhne sind um 359 Proz. erhöht worden, der Teuerungszuschlag für die Woche vom 29.-26. Okwber beträgt 159 Proz. vom Grund- lohn. Die oben bezeichneten Löhne stellen die Endsummen dar. Am Dienstag, den 39. Okiober, ist ein Vorschuß von 199 Proz. der in der Vorwoche vom 29.— 26. Oktober gezahlten Löhne zu zahlen. Zentralverband der Fleischer. I.A.: Rich. Fritz. Richklöhue für die Hausangestellten. Zwischen den Groß-Ber« liner Hausfrauen- Organisationen und dem Zentralverband der Hausangestellten Deutschlands(Bureau Bayreutber Str. 31> wurde vereinbart, daß neben den Sachbezügen vom 16. bis 31. Oktober, zahlbar am 31., folgende Löhne in Milliarden Mark gelten: Jugendliebe Hausangestellte unter 15 Jahre 22,500, vis 16 Jahre 52,500, Alleinmädchen oder Stütze ohne Kochen 69, mit Kochen 73,750, perfekte Köchin 196,125, Hausmädchen, einfaches, 69. perfektes 97,599, Wirtschafterin, einfach, 97,599, perfekte 135, Kindermädchen 69. Kinderfräulcin 97,509, herrschaftlicher Diener. ledig. 112,590, verheiratet, nebst freier Wohnung. Heizung und Beleuchtung 139; Aushilfen pro Tag eine halbe Goldmark. Die Zablung der Beiträge für die Sozialversicherungen unterliegen den gesetzlichen Bestimmungen, dasselbe gilt von dem Steuerabzug. Arn 13. November wird über die Löhne, die vorn 1. bis 15. No- vernber zu gelten haben, verhandelt.. Kohlengrotzhandel. Mitgtiedervirsammlung Donnerstag abend 7>/, Uhr im Berbandsdureau Belle-Alliance-Strah« 7/10, 2. Hof, Unter Aufgang. L Treppen. Bericht von den Verhandlungen. Buchdrucker» Donnerstag nachmittag Vi Uhr FraMonsversammlung ig 1 im.Graphischen Vereinshaus", Alexandrinenftr. 44. Alle Vertrauensleute, rj Delegierte und Betriebsräte haben Zutritt. Die Tagesordnung wird[g Wu in der Versammlung belanntgeaebeu. Funktionärausweis und Partennit- � m gliedsbuch legitimiert. Niemand darf in dieser wichtigen Versammlung fehlen. F Der Fraktionsvorstand. F] Mirtfchaft Goldanleihe und Renlenmark. Die Reichsfincmzverwaltung wird im Laufe des Monats Januar 1924 die auf Mark Gold lautenden Schatzanweisungen des Deutschen Reichs von 1923(Gold- anleihe) im Werte von 4,29 Gold(— 1 Dollar), 8,40 Mark GoÄ (— 2 Dollar) und 21 Mark Gold(— 5 Dollar) auf Wunsch der Inhaber gegen die von der Deutschen Rentenbank auszugebenden Rentenbankschein« umtauschen. Hierbei gilt eine Mark Gold der Schatzanweisungen gleich einer Rentenmark. Die Goldpfennige werden, soweit nicht bis dahin Rentmpfennige ausgegeben sind, in Reichsmark zu einem noch zu bestimmenden Kurse gezahlt werden. Der Umtausch kann innerhalb des bezeich- neten Zeitraums bei sämtlichen Reichsbankanstalten erfolgen. Die hypolhekenenlschuldung der Industrie. Die Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation kündigt ihre im Jahre 1999 und 1999 auf- genommenen hypoilzekarischen Obligationsschulden. Sie gibt den Leuten, die seinerzeit 1900 Goldmark eingezahlt haben, 4,20 Goldmark in Form von Goldanleih« zurück. An dieser Gegenüberstellung der entliehenen und zurückgezahlten Gold- werte zeigt sich di« gewaltige Bereicherung, die viel« Unternebmungen mit der Geldentwertung erzielten, indem sich ihre auf Mark lautenden Schulden entwerteten. Dabei ist die Agfa. die nach heuttgem Wert 65 Milliarden(Papier-Mark aus je 1090 Mark Gold zurückerstattet«, noch«in Unternehmen, das der Geld- entwertung bei der Rückzahlung Rechnung zu tragen sucht. Es gibt andere Unternehmungen, di« sich mit einer viel geringeren '„Aufwertung" der Schulden begnügen. Es ist nicht mehr als recht und billig, zu fordern, daß die so erzielten privaten Gewinne der Allgemeinheit durch eine Belastung des Sachbesitzes nutzbar gemacht werden. Reichsbank. Der vorliegende Reichsbankausweis gibt den Stand.der Bank für die zweit« Oktoberwoche wieder, als der Preis des Dollars von ungefähr 899 Millionen Mark auf über 394 Milliarden.stieg und zum erstenmal die Milliardenzone überschritt. Dieser katastrophale Morksturz kommt in der Steigerung des N o t e n u m l a u s e s, der um 46 417 Billionen auf 123 359 Billionen Mark anschwoll, zum Ausdruck. Die Kreditansprüche an die Bank verdreifachten sich. Sie betragen 293 791 Billionen gegen 77 949 Billionen, und zwar stiegen die Reichsschatz an Weisungen um 97 548 Billionen aus 167 779 Billionen. Die Lombard- s o r d e r u n g e n, die sich in der ersten Oktoberwoche nur um 193 507 Milliarden vermehrten, schwollen um 5324,4 auf 5616,8 Billionen Mark an. Diese Vermehrung zeigt den großen Kreditbedarf der Wirffchaft. Das Kontingent der Darlehnskassen reichte zu seiner Befriedigung nicht aus, so daß die Darlehnsansprüche vorübergehend an di« Reichsbank verwiesen werden mußten. Der Goldbestand blieb unverändert. Die Goldanleihezahlungen in der Praxis des Großverkehrs. Der Verband der deutschen Veredelungsanstalten für baumwollene Gewebe E. V. hat laut„Konfektionär" auf Grund der Erfahrungen, die er im Zahlungsverkehr mit Dollarschatz- anrveisungen und Goldanleihe als Zahlungsmittel gemacht hat/ ab 29. Oktober folgende Ergänzungen getroffen: Dollarschatzanweijungeu und Goldanleihe sollen, wenn irgend möglich, als Zahlungsmittel benutzt werden und werden künfttg zum vollen Nennwert gutge- schrieben, auch wenn sie unter dem Dollar notieren. Sieht der Dollarkurs niedriger als der für Goldanieihz und Dollars chatzanweisungen, so kann der Austraggeber den Rechnung?- betrag um das Agio kürzen. Sollte allerdings der Kurs für Dollar- schatzanweisungen oder Goldanleih« um mehr als l9 Proz. hinter dem Dollarbriefkurse zurückbleiben, so ist dus D i s a g i o über 19 Proz. vom Auftraggeber gleichzeitig, uns zwar ebenfalls in Dollarschätzen oder Goldanleihe einzusenden. Papiermark- zcrhlungen können auch künftighin nach den bisherigen Vorschriften geleistet werden. >>> � R-r-ntwortliSi für Politik: Ernst Rmlct; Wirtschaft:«ftnr Satcrnn,: Eewcrkschaftsürwrguna: Z. Steinet; sseuilleion: De. John Schikowsli: Lolates nnd Sonstiges: Fritz Karstadt; Anzeigen: Th. Glocke; sämtlich m Berlin. Verlag: Vorwärts-Verlag G.m.b.H.. VerUn. Druck: VorVartS'Buchdrnckerei und Verlagsanstalt Paul Singer it. Co.. Verlin SW.&>. ßlubcnfirafcc S. Drei diMss Serientage! Donnerstag/ Freitag, Sonnabend Anzahlung gestattet! Serie 1. Entzuckende Plauschmckntel. 10 Goldmk. „ II. Wundervolle Fantaslemäntcl. 12,5„ „ III. Bildhübsche Affenhautmäntel 25„ ,, IV. Erstklassixe Eskimomantcl.. 29,5„ „ V. 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