Mbenöausgabe Nr. 526 ❖ 40. Jahrgang Ausgabe B Nr. 265 B»zug«bedlngungin tmi) Anzeigenprels, find in der Morg-nau»gab- angegeben »edoktton: Sw. SS. Linden strahe Z Fernsprecher: Dönhoff 292— 205 XeL'VBteffe: S ojlaldemotrat SerN» Vevlinev Volksblatt 15 MilliarSen M. Zreitag November 1/923 Verlag und Anzeig enadleilung: _ Veschältszeit 0—5 Udr voalagor: vorwörtoverlog SenbSi. SerUn Sw. SS, Ctaiienftcafc* 3 Fernsprecher Dönhoff 2506-2301 Zcntralorgan der Vereinigten Sozialdemokrat» feben parte» Deutschlands Der putfth in München. Kahr und Lossow wollen Opser von Erpressern sein.— Hastbefehl gegen Lude«: dorsf und Hitler.— Poehner in Schutzhast. Aus München wird von»usländiger Seite kurz vor Schluß des Blattes mitgeteilt, sah Pöhner in Schuh- Haft genommen wurde. L u d e n d o r f f hat sich Im Kriegsministerium verschanzt. * Durch eiueu Funkspruch des Oberbürgermeisters in Itfi ruber g wird mitgeteilt: oon Kahr, General oon Lossow und Oberst Seitzer habeu erklärt, datz ihre Zustimmung zum Vorgehen Ludendorsfs und hillers heule nacht erpretzt worden sei und datz sie die Bewegung in jeder Beziehung ablehnen. Sie hoffen, noch im Laufe des heutigen Tages des putsches Herr zu werden. Etwaigen einrückenden Truppen der Reichswehr würden sie den Sachverhalt mitteilen, um «veitere Konsequenzen zu verhindern. Gleichlautende Mitteilung hat General von Lostow den nordbayerischen Truppen durch Funk- spruch zugehen lassen. Kohr hak sämtliche Bezirksämter angewiesen. genaueste Patzkontrolle auszuüben. Alle Ange- hörigen der Ralionalsozialisten und des Bundes Oberland seien zu verhaften. Ludendorsf und Hitler seien festzunehmen, wo sie angetroffen werden. Aus Bamberg wird mitgeteilt, datz man die dort befindlichen Führer bereits entwaffnet hat. * Der novemberliche Fastnachtsspuk im Münchcner Bürger- bräu hat plötzlich die Situation in Bayern blitz- artig beleuchtet und sogar die bisher so nachsichtige Reichsregierung zu neuen Entschlüssen gedrängt. Sie hat noch in der Nacht, etwa um 2 Uhr, einen A u s r u s an das deutsche Bolk herausgegeben, den wir an anderer Stelle zur Kenntnis unserer Leser bringen. Borher jedoch, als unsere Zeitung sich bereits im Druck befand, kam die kategorische Anordnung, daß über die Vorgänge keine anderen als amtliche Meldungen veröffentlicht werden dürfen. Diese Anordnung ist den meisten Berlmer Blättern zu spät gekonnnen, so daß eine Reihe von ihnen auch andere Meldungen veröffentlicht haben. Dabei konnte es passieren, daß gewisse Rechts- organe ihren Jubel über die Borgänge nicht unterdrücken konnten. Die„Deutsche Zeitung" z. B. versichert in einem eigenen Telegramm, daß in den Straßen von München„voll- kommene Ruhe" herrsche, aber gleichzeitig ungeheureBe- geisterung und daß nächtlicherweile Musik die Straßen durchzieh» Der„Tag" aus dem chause Scherl-Hugenberq hatte sogar eine Auflage mit eigenen Tele- grammen aus Äünchcn fersig und zum Teil ausgegeben, die den ganzen Jubel einer schönen Seele in die Worte der Ueber- schrift faßte:„Reichspräsident und Reichsregie- rung abgesetzt— diese Ueberschrift mit einem ebenso jubelnden Artikel seines Ehefredakteurs begleitet. Schon vor- her hatten wir vertraulich erfahren, daß in den Berliner Re- daktionen der deutschnationalen Blätter verlängerter Nachtdienst angeordnet sei, weil man augenscheinlich die Nachrichten von dem Fastnachtsputsche erwartete. Zwischen gestern und heute hat sich in München wieder einiges geändert. Augenscheinlich unter dem Eindruck der Tatsache, daß die Reichsregierung den Verkehr mit Bayern unterbunden hat, wird jetzt erklärt, daß Kahr und Lossow sich gegen Hitler und Ludendorff erklärt und sogar deren Verhaftung angeordnet hätten. Heldenhaft wie immer versichern diese„deutschen Männer", daß ihre Zu- stimmung zum Eintritt in die Hitler-Regierung von ihnen erpreßt worden sei. Ein„Diktator, der sich eine solche Zustimmung abzwingen läßt, ist an sich schon eine komische Figur. Unwillkürlich drängt sich die Erinne- rung auf an jene Stunde, da ein Trupp Bewaffneter in den ersten Revolutionswochen vor dem Reichskanzlerhause in der Wilhelmstraße zu Berlin sich einfand und von dem damaligen Volksbcauftragten Ebert verlangte, daß er sich zum Reichspräsidenten ausrufen lasse. Kühl und sachlich wehrte Ebert dieses Ansinnen ab mit der Bemerkung, er würde„mit seinen Kollegen über die Sache beraten", aber es fei nicht Aufgabe der republikanischen Soldaten, solche politi- schen Anforderungen zu stellen._ Der„neue Bismarck" aber, wie K a h r fich gern titulieren läßt, und sein Meuterergeneral Lossow lassen sich angeblich eine Zustimmung abpressen in demselben Saale, in dem die Minister Knillin g und S ch'w e y e r von den Hiller-Banditen in Haft gesetzt werden. Die Erzählung von der angeblichen Erpressung ist nichts weiter als eine schamlos unwürdige Ausrede ertappter Verbrecher. Man möchte jetzt, da durch den Lvdendorff-Hitlcr-Schlag das ganze Gewebe der langwieri- gen Putschvorbereitungen offen an den Tag gelegt wurde, Die eigenen Spuren verwischen. Das soll und darf nicht gelingen. Mindestens seit dem Februar 1S?1 weiß Kahr, daß im bayerischen Oberland Geheimbünde gebildet sind. Mit diesen Geheimverbänden hat er direkt in Verbindung gestanden. Derselbe Poehner, der jetzt wieder in die„Hit- lerregierung" als Ministerpräsident oder etwas ähnliches auf- genommen wurde, war der Verbindungsmann zrvi- schen den Geheimbünden und Kahr. Unbestritten ist diese Tat- fache schon im Sommer vorigen Jahres im bayerischen Land- tag zur Sprache gebracht und der E i d dafür angeboten wor- den. Kahr war Beschützer und Förderer der Ge- Heimbünde, die zetzt die Gewalt an sich zu reißen suchen. Er sieh im September 1921 seelenruhigeinenPutsch vorbereiten, und ging, damals noch Ministerpräsident, nach Berchtesgaden, um sich vor„fertige Tatsachen" stellen zu lassen. Damals mußte erst der bayerische Landtagsprä- s i d e n t Königsbauer ihn telegraphisch ersuchen, den put- schistischen Bestrebungen entschieden entgegenzutreten und u n- verzüglich als verantwortlicher Minister des Innern nach München zu kommen, da ein Rechtsputsch gegen den Landtag beabsichttgt sei. Erst auf Grund dieses Telegramms warnt« Kahr'„vor etwaigen Versuchen gewaltsamen Eingreifens in den ver- fassungsmäßigen Gang der politischen Ereignisse". Auch jetzt hat Kahr alle Vorbereitungen Hitlers und Ludendorffs stillschweigend geduldet. Er ließ, während er dauernd mit ihnen in Verbindung stand, weder den einen noch den andern verhaften. Und wenn er sich in der Versammlung, wie der Wolffbericht meldet, von Hitler unter brausendem Jubel die Hand drücken ließ, wenn er dort selbst die Erklärung abgab, daß cr die Leitung der Gesch'cke Bayerns übernehme und sich als Statthalter der Monarchie betrachte, so ist es eine feige Ausflucht, hinterher zu versichern, daß die Zustimmung von ihm erpreßt worden fei. In Wirklichkeit sind Kahr und Hitler und Lossow Hoch- Verräter am Deutschen Reiche, Lossow zudem ein mehrfach eidbrüchiger Generdl. Wir erwarten, daß die Reichs- rcgierung sich durch die Funksprüche der bayerischen Stellen nicht beirren lassen, sondern jetzt wenig st ens die not- wendigen Maßnahmen treffen wird, um dem seit Monaten währendm verbrecherischen Treiben der bewaffneten Banden endgültig ein Ende zu bereiten. Es muß in dieser. Stunde offen ausgesprochen werden, daß die Zaudererp ölitik Stresemanns und Gsßlers die bayerische Entwicklung erst auf ihre Spitze treiben ließ. Hätte die Rcichsreg.erung auch nur einen Teil der Energie, die sie gegen Sachsen entfaltete, auf Bayern verwandt, so»väre der neueste Putsch nicht möglich gewesen und die Folgen, die im Aufruf der Reichsregierung beklagt werden, wären verhindert worden. Die S o z i a l d e m okraten im Koalitionskabinctt und die gesainte Partei im Lande haben immer miede: die Notwendigkeit schnellen und scharfen Zupackens betont. Aber die Reichsregierung hatte A n g st vor der eigenen Zivilcourage. Jetzt endlich »perrt sie oen Verkehr noch Bayern, eine Maßnahme. die hoffentlich nur einen Teil der getroffenen daritellt. Da inzwischen General o. Geeckt zum Oberkomman- dierenden der Reichswehr und, an Stelle Geßlers, auch zum Inhaber der rollzicbenden Gewalt ernaa.it wo» den ist, so besteht wenigstens die Möglichkeit, daß dieser Militär schnell und entschieden die notwendigen Entschlüsse faßt und für ihre Durchführung sorgt. Sollte das der Fall fein, so wird die republikanische Bevölkerung ihn sicher mit Freuden unterstützen. Aber nach allen Enttäuschungen der letzten Zeit ist sie nicht mehr in der Lage, bedingungsloses Ver- trauen zu den Maßnahmen und Ankündigtmgen der leitenden Stellen zu hegen. Hochverrat üer deutschnationalen. Die Deutschnationale Dolkspartei veröffentlicht folgend« Er- klärung: „Die Vorgänge in Bayern haben unseren wiederHollen dringen- den Warnungen recht gegeben, datz das Hinschleppen der Regierungskrise und das längere Derbleiben der Regierung Stresemann, die von weitesten nationalen Kreisen abgelehnt wird, zu unheilvollen Explosionen führen werde. Rur durch Bildung einer Regierung, die das Berttauen der nationalen Kräfte im ganzen Reiche genießt, kann weiteres Unglück verhütet und wird der Reichsfriede wieder hergestellt werden. Die unverzügliche Schaffung einer Regierung des nationalen Berttauens ist daher das dringendste Gebot der Stunde." Das ist eine glatte Unterstützung der Putschisten von München. Was wird Seeckt gegen die hochverräterische Forderung dieser Halbputschisten unternehmen? * Die Deutsch« Dolkspartei verösientllcht einen Ausruf, in dem sie versichert daß sie einig und fest hinter den ver. fassungsmätzigen Gewalten des Reichs stehe. Jedem Versuch, die bestehend« verfassungsmäßige Ordnung des Reichs weiterhin gewaltsam zu stören, weise sie mit Entschiedenheit zurück. Das ist alles!'' berliner Mitwisser öes putsche«. Offenbar hatte die Mllnchener Berschwörergesellfchaft. einschließlich Kahrs, Zusicherungen von gleichgesinnter Seite aus Berlin erhalten, wonach der Hitler-Ludendorff- Putsch auch in der Reichshauvtstadt das Signal zum Los- schlagen sein würde. In diesem Zusammenhang ist der be- reits erwähnte Schritt H e r g t s bei Stresemann bemerkens» wert, ebenso die Forderung der Dcutschnnttonalen Fraktion auf Errichtung einer Rechtsdiktatur. Darüber hinaus aber ist noch zu erwähnen, daß gestern abend zu einer Zeil, als der Münchener Putsch noch gar nicht erfolgt war, von deutsch nationaler Seite der Rücktritt Strelcmanns noch fürdieselbeNachtmitallerBestimmtheitan- gekündigt wurde. Ein führendes deutschnationales Blatt hatte schon zu diesem Zeitpunkt Dispositionen für verlängerten Nachtdienst usw. getroffen. Die jubelnde Aufmachung der „Deutschen Zeitung" wird an anderer Stelle erwähnt. Noch bezeichnender aber ist die Tatsache, daß der im schwer- industriellen Scherl-Verlag erscheinende„T a g" zwei ver- schieden« Auf«?gen herausgebracht hat, wobei die erste offen- bar mit einein durchschlagenden Sieg der Putschisten auch in Norddcutschland rechnete. Die eigentlichen Meldungen über den Umsturz wurden unter nachstehenden triumphierenden Ueberschristen ver- öffentlicht: Nationaler Umsturz in Sapern. General Ludendorff Machthaber, Kahr Statthalter für die Monarchie.— Hitler verkündet Vortnaxfch nach Berlin.— Rcichsregicrung und Reichspräsident abgesetzt. Sitz der neuen deutschen Regierung in München.— Knilling und Schweyer verhaftet. Unter den Meldungen war folgender unzweideutiger Ar- tikel von E. Schwarzerzu lesen: Heute vor S Jahren erfolgte in Berlin der Umsturz. Gestern vor fünf Jahren war München vorangegangen. Gestern, am fünf. ten Jahrestage der Münchenrr Revolutton, ist München aber« mal? vorangegangen. Mrd Berlin heute nachfolgen? Wir stehen am Beginn der Rechts.„Revolutioll". Eine Revv- lution, die den versuch machen wird, einen Strich unter bk Er. eignisse der letzten fünf Jahre zu ziehen. In Mönchen regiert seli gestern abend General Ludendarfs. E» ist klar, daß damit voll. endete Tatsachen auch für Berlin geschaffen werden sollen. Die Reichsregitrung und der Chef der Heeresleitung sind in Mönchen als abgesetzt«klärt. In München hat may gehandelt, w ä h- rend in Berlin der Umschwung der Dinge auf legalem Wege erwartet wurde. Auch hier war die Wendung— ohn« Gewalt— auf rein verfassungsmäßigem Wege nur ein« Frage oon Tagen. Di« schleichend« Krise in der Wilhelmstraß« zeigt« das. W i r mahnen zur Ruhe und Besonnenheit. Wir mahnen zur nationalen Eintracht, wir stehen am Scheidewege. Es steht alles auf dem Spiele. Niemand weiß,»oas die nächsten Tags und Stunden bringen»Verden. Der deutsche Parteigeist verstuinme! Das Dater- land ist es, um das der Kampf geht. Um das Vaterland, um das Reich. Erhallung des Reiches ist oberstes Ziel. Nichts darf uns vom Wege abweichen lassen. Wir haben in dieser ernsten Stund« ein« tief» Bitte:. Gatt schütze das Vaterland!- Als jedoch die Nachrichten aus der Reichskanzlei bewiesen, daß die.''-------"" einen Anschluß der geblich waren, laoe des„Tag" die jubelnden Ueberschristen mitsamt den er- wartungsvollen Kommentaren des Schriftleiters, um den Platz für den Aufruf der Reichsregierung und für die Ernennung Seeckts zum Oberbefehlshaber«frei zu machen!... Geeckt Gberkommänüierenöer. Der Reichspräsident hat folgend« Verordnung erlassen:• Aus Grund Art. d« Reichsverfassung««ordne ich. wte folgt: ß 1. Die Ausübung des mir versassnngsmätzia zustehende« Oberbefehls üb« die Mehrmacht des Reiches übertrage ich auf den Chef der he«esleitung. Genetal von Seeckt. § 2. 3n Abänderung mein« Verordnung vom 26. September 1923 übertrage ich die vollziehende Gewalt au Stelle de« Rclchswehrmtnlst«» dem Chef d« Heeresleitung General von Seeckt.»velcher alle zur Sicherung de» Reiches«forderlichen Maßnahmen zu treffen hat. § 3. Diese V«ordnung tritt sofort tu Kraft. v« Reichspräsident: gez. Ebert. Gegengezeichnet: Der Reichskanzler Dr. Strefewan«. V« Reichswehrmtnist« Ct. S« ß l e r.><) neuen RegterungsmSnner in den Saal. Zunächst gab der General- staatskommiffar von Lahr die Erklärung ab, daß er die Leitung der Geschicke Bayerns übernehme und sich als Statthalter der Monarchie betrachte(Stürmischer Beifall.), derjenigen Monarchie, die vor fünf Iahren von Verbrechern zerschlagen worden sei. Er übernehme sein Amt in der Hoffnung, daß er zum Segen der geliebten bayerischen Heimat und des großen deutschen Vaterlandes wirken könne. Unter brausendem Jubel reichte Hitler Sahr die Hand und sprach ihm darauf den Dank für die Uebernahme des neuen Posten» aus. Ebenso erklärten sich die anderen vongeschlagenen Männer für die Uebernahme ihrer Lemter bereit. Ein Aufruf üer Reichsregierung. Die Deutsche Reichsregierung erläßt folgenden Aufruf: An das deutsche Volk! In der Zeit größter außen- und innenpolitischer Bedrängnis haben sich Verblendete ans Werk gemacht, um das Deutsche Reich zu zerschlagen. In München hat eine bewaffnete Horde die baye- rische Regierung gestürzt, den bayerischen Ministerpräsidenten von Knilling verhaftet und sich angemaßt, eine Reichsregierung zu bilden, den General Ludendorff zum angeblichen Befehlshaber der deutschen Armee, Herrn Hitler, der erst vor kurzer Zeit die deutsche Staatsangehörigkeit erworben hat, zum Leiter der Geschicke Deutsch- lands zu bestimmen. Es bedarf keines Hinweises darauf, daß diese Putschbeschlüsse null und nichtig sind. Wer diese Bewegungen unterstützt, macht sich zum Hoch- und Landesverräter. Statt unseren Brüdern im Rheinlande und an der Ruhr zu helfen, die für Deutschland kämpfen, stürzt man Deutschland ins Unglück, gefährdet die Ernährung, bringt uns in dt« Gefahr eines feindlichen Einmarsches und zerrüttet all« Aussichten auf die Anbahnung wirt- fchastlicher Gesundung. Die letzten Maßnahmen der Rcichsregierung auf währungspolitischem Gebiete haben dazu geführt, daß dl« Mark im Auslande sich in den letzten 24 Stunden um da» Vielfach« ge- bessert hat; alles dos ist dahin, wenn da« wahnwitzig« Beginnen Erfolg hat, das in München versucht wird. In der Schicksalsstunde des deutschen Volkes und Deutschen Reiches fordern wir all« Freunde des Vaterlandes auf, sich einzu- setzen für die Bewahrung der Reichseinheit, deutscher Ordnung und deutscher Freiheit. Alle Mahnahmen für die Riedertämpfnng d«s Putsche? und die Wiederherstellung der Ordnung sind ge- troffen und werden mit rücksichtsloser Energie durchgeführt. Der Reichspräsident: gez. Ebert. Die Reichsregierung: gez. Dr. Stres«mann, Reichskanzler. Die Reichsregierunjj hat wegen der Absetzung der ver- fassungsmäßigen bayerischen Regierung den gesamten Verkehr nach Bayern eingestellt. Irgendwelche Leistungen des Reiches für Bayern finden bis zur Wieder- Herstellung verfassungsmäßiger Zustände nicht mehr statt. Preußen gegen Luüenüorff. Die preußische Staatsregierung erläßt folgenden Aufruf: In München ist von Hochverrätern versucht worden, di« bayerische Regierung zu stürzen. Die Einheit d«s Reiche» und sein« Verfassung sind bedroht. Di« Retchsregierung hat zu ihrer V e r t e i d>- gu n g aufgerufen. Es war stets Preußens Ruhm, der festeste Pfeiler des Reiches zu fein. Di« preußisch« Regierung steht auch jetzt rückhaltlos hinter der Reichsregiernng in dem ihr aufgedrungenen Kampf. Mitbürger! Tretet einmütig hinter eure Regierung und helft so alle nüt, di« Einheit de» Reiche» zuerhalten. Aufruf in Württemberg. Stuttgart, S. November.(WTB.) Minister des Innern Bolz erläßt folgenden Aufruf an das württembergische Volk: In Bayern haben rechtsradikale Kreis« unter völliger Dertennung der wahren Interessen des gesamten deutschen Volkes den Versuch unternommen, auf dem- Wege eines Putsche? die öffentlich« Gewalt an sich zu reißen. Im Zusammenwirken mit dem MLitärbefehlshaber werde ich «in Uebergreifen dieser Bewegung auf Württem. berg nicht dulden und Versuche dazu mtt allen Mitteln unter- drücken. Ich verbiete jede Tätigkeit, die«ine Unterstützung der bayerischen Putschisten darstellt. Ebenso ist es verboten, daß von anderen Volkskreisen selbständige Versuche einer aktiven Bekämpfung der Bewegung gemacht werden. Dies würde dazu führen, die Lage zu verschärfen und die Gefahr des Bürger- t r i e g e s nöherzurückcn. Die Polizei ist fest in meiner Hand und in der Lage, die Ruhe in Württemberg aufrechtzuerhalten. Republikanischer Selbstschutz verboten! Stuttgart, S. November.(WTB.) Das Wehrkreiskommando S erläßt folgende Verordnung: In München ist di« verfassungsmäßige Regierung gestürzt. Hitler ertlärt« sich zum Reichskanzler, Gene- rolkommisiar von Kahr und General Lossow bekämpfen Hitler. Im Deutschen Reich hat allein General von Seeckt, der die vollziehende Gewalt übernommen hat, zu befehlen. Die Reichswehr ist mobil erklärt. Zusammen mit den Landespolizeien wird sie jedes Uebergreifen der Münchener Bewegung verhindern, zugleich aber jede Einmischung ungesetzlicher Kräfte in diese Aufgabe unterdrücken. Ich verbiete ausdrücklich jede Bildung oder Zusammenziehung von Selbstschutzoerbänden oder ähn- lichen Kampsorganisationen. Zuwiderhandlungen werden als Hoch- verrat bestraft. Der Mllitärbcfthlshaber. gez. Reinhardt. Vorzensur in Saüen. Karlsruhe, 9. November.(Mtb.) Die Badische Staats- regierung gibt an sämtliche Amtsbezirke die Weisung, alle Nachrichten aus München unter Borzensur zu stellen, weil sich die Vorgänge in München wesentlich anders als bisher berichtet obgespiell hätten. Die Wirkung auf üas sluslanö. London, 9. November.(WTB.) Di« Blätter nehmen zu dem erst in später Nachtstunde gemeldeten Putsch in München noch nicht Stellung. Nur die„Times* bringt bereits ein Telegramm ihres Berliner Berichterstatters mit dem Aufruf der deutschen Regie- rung an das deutsche Boll, in dem die englische Oesfentlichkeit über die energischen Maßnahmen der Reichsregierung gegen die Anhänger des Münchener Putsches unterrichtet wird. Varls, 9. November.(TU.) Die Meldung von der Verkündung der Militärdiktatur in Bayern ist in Form eines Gerüchtes um 1 Mitternacht in Paris eingettoffen. Ueber die Maßnahmen, die Frankreich angesichts der neuen Lage ergreifen wird, ist bis zur Zeit an Hand unzulänglicher Informationen nichts Authentisches zu sagen. Der Korrespondent fand Gelegenheit, eine maßgebend« politische Persönlichkeit um ihren Eindruck zu befragen. Dieser nimmt an, daß, wenn die Hitterttuppen erfolgreich ihren Vormarsch auf Berlin be- wttkstelligen und di« Reichsregierung stürzen, di« verbündeten Mächte gemeinsomeAbwehrmaßnahmen treffen werden. Weitere Markbesterung im Ruslanö. Die Berliner Börse nahm di« Nachrichten über di« Ewig- nisse in München ruhig auf. Der Börsenvorstand, der bei Beginn des offiziellen Verkehrs zu einer Sitzung zusammentrat, um die eventuelle Schließung der Börse zu erwägen, einigt« sich deshalb dahin, keine Aenderung eintreten zu lassen. Die Befürchtungen, die man hinsichtlich der wetteren Entwicklung des Martkurfe« im Ausland« gehegt hatte, haben sich nicht erfüllt. Es liegen bereits von den heutigen Au-londsbörfen Martkurfe vor, die erkennen lasien, daß di« gestrige Besserung heut« noch anhält. Dos gilt besonders von Zürich. Wenn sich trotz der be- sonnenen und ruhigeren Auffassung der Börse am Effekten- markte vorwiegend Kurssenkungen ergaben, so haben dies« ihren Grund in der Hauptsache darin, daß durch die niedrigere Be- wertung der Devisenkurs� bei den jetzigen Effektenkursen sich vor- hältnismäßig hohe Goldmarkpreis« ergaben. Diese Disharmonie wirkte für weite Kreise anreizend zum Verkauf. Allerdings ist das Angebot keineswegs dringend, es handelt sich zum Teil auch um Verkauf« von Handels- und Industriefirmen, die durch Abstoßung von Effekten sich flüssige Mittel für Lohnzahlungen zu verschaffen suchen. Am Geldmarkt zeigt sich nach wie vor eine scharfe Ansponnung. Der Spuk im Dürgerbräu. München, 9. November.(MTB.) Zu den Vorgängen im Bürgerbräukellcr erfahren wir noch folgende Einzelheiten: Staatskommljsar von Kahr hatte ungefähr% Stunden gesprcx�pn. Um �9 Uhr entstand am Eingang des Saales eine große Unruhe. Aus dem Menschengewühl heraus sah man Hitler, eskortiert von zwei schwer bewaffneten Nationalsozialisten, di« mit hoch er- hobenen Revolvern Ruhe verlangten, in den Saal ein- dringen. Als sich die Ruhe nicht einstellte, gaben die beiden National- sozialisten Revolverschüsse gegen di« Decke ab. Hitler rief sodann mit starker Stimme in den Saal:„Die Sache gtffi nicht gegen Sahr!* Darauf wollte sich di« Unruhe noch immer nicht legen. Run trat der früher« Polizeipräsident P ö h n e r hervor und erklärte: „Bleiben Sie doch ruhig sitzen! Sahr und Hitler sind zwei deutsche Männer.* Sodann verschaffte sich Hitler selbst Ruhe. Nunmehr trat ein Stabsoffizier der Hitlertruppen vor die Versammelten und machte folgende Erklärungen:„Heute be- ginnt die nationale Revolution. Sie richtet sich in keiner Form gegen den von uns allen hochverehrten Generalstaatskommissar von Kahr. Sie richtet sich ausschließlich und allein gegen di« Berliner Judenregierung.(Stürmischer Jubel.) Wir haben diesen Schritt gemacht, well wir der Ueberzeugung sind, daß Männer an der Spitze der Reichsregierung stehen, von denen uns ein starker Trennungsstrich scheiden muß. Die neue Retchsregierung: hiller�tudendorff-Vöhner, sie lebe hoch!* Im Saal folgte den Aus- führungen stürmischer Beifall. Die Versammlung sang hierauf das Deutschlandlied. Sodann erschien Hiller vor den Versammelten, nachdem er sich durch einen Revolver- s ch uß R u h e verschafft hatte. Er führte aus: Heut« vor fünf Iahren hat di« größte Schandtat begonnen, die unser Volt in maßloses Elend stürzte. Heute, nach fünf Iahren, muß der Tag sein, da sich die Geschichte wenden wird.(Stürmisches Bravol) Ich schlage folgendes vor: Das Kabinett Knilling ist abgefetzt. (Bravol) Die bayerische Regierung wird gebildet au» dem Landesverweser und einem mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Ministerpräsidenten. Ich schlage vor als Landesver- weser Exzellenz von Kahr. Ich schlage welter vor al« Mi- ni st erpräsidenten Pöhner. Die Regierung der Rovemberverbrecher in Verlin wird für abgefetzt erklärt, ebenso Ebert. Di« deutsche nationale Reichsregierung wird in Bayern, hier in München gebildet. Es wird weiter gebildet foforteinedeutfche nationale Armee. Ich schlage vor, daß bi« zur Nieder- werfung der Verträge, die heute Deutschland zugrunde richten, die Leitung der Politik dieser provisorischen nationalen Regierung ich übernehm«. Exzellenz Ludendorff übernimmt di« Leitung der deutschen nationalen Armee. General von Lossow wird deiA- scher Reichswehrminister, Oberst von Se isser wird deutscher Reichspilizeitninister. Die Aufgab« der provisorischen deutschen nationalen Regierung ist, die ganze Kraft für das Land und für das Reich einzusetzen und den Marsch anzutreten gegen das Sündenbabel Verlln. Ich frag« Sie nun, ob Sie mit dieser Lösung«inverstanden sind. (Den Ausführungen Hitlers folgte unbeschreiblicher Jubel.) Sie sehen: Was uns hier lietet, ist nicht Eigenbrötelei, sondern der Kampf, den wir aufnehmen in 12. Stund«, gilt für unser deutsches Baterland. Aufbauen wollen wir einen Bunde» st aat oölki- f ch« r A r t, in dem Bayern die Stell« einnehmen soll, die ihm ge- bührt. Ich bitte Sie, sich ruhig im Saal zu verholten. Der Bürger- bräusaal ist mit sechs Hundertschaften der Nationalsozialisten um- zingelt. Der morgige Tag findet entweder w Deutschland ein« nationale Regierung oder uns tot. Es gibt nur eins von beiden. Die für die Regierung vorgeschlagenen Männer entfernten sich darauf aus dem Saal und berieten eine gute halbe Stunde in einem Nebenlokal. General Ludendorff. der nicht anwesend war, wurde herbeigeholt und war dann auch bei diesen Beratungen zugegen. Stürmisch begrüßt traten dann die Nationalität. Bon Michael Charol. Das Ende des 18. Jahrhunderts sah in Europa eine Reihe sich auflösender, ineinander übergehender Staatsgebild«, die sich nur schwach gegen die Idee des Kosmopolitentums Wehrden. Am End« des 19. Jahrhunderts bestand dasselbe Europa aus einer Anzahl festgefügter, bis an die Zähne bewaffneter, gegeneinander dräuender Reiche. Hier soll nicht die Wegstrecke oerfolgt werden, di« di« Kultur in rückläufiger Entwicklung in einem Jahrhundert zurückgelegt hat, sondern nur eine Erscheinung, die mtt der Absperrung der Völker gegeneinander aufgekommen ist, auf ihre Berechtigung untersucht werden, nämlich die Hochkonjunktur der Nationalität. Eine Reih« von Gelehrten am End« de« 19. Jahrhunderts haben auf Grund der Rassenunterjchiedle feststellen zu können geglaubt, welche Disposition nicht nur die einzelnen Individuen, sondern ganze Völker von Natur aus haben. Damit spielten sie den Chauvinisten aller Länder einen besonderen Trumpf in di« Hände. Dies« ton- struierten für ihre Rasse ein psychologisches Gebäud« von lauter Borzügen, dichteten den fremdrassigen all« Fehler an und tamen auf Grund einer Gegenüberstellung zu dem Schluß, daß die eigen« Nation dazu berufen sei, di« Weltgeschichte zu korrigieren. Der Weltkrieg war ja ein solcher K orre kturverfu ch. Nachdem es sich nun bei der Ausführung dieser Korrektur gezeigt hatte, daß alle Nölker sowohl aus anständigen Menschen wie aus Lumpen bestehen, daß in jedem Volt all« Eigenschaften von der edelsten Selbstverleugnung bis zur blutrünstigsten Perversität vorhanden sind, müßten eigentlich diese Rassetheoretiker Schweigen gelernt haben: und wirklich, es werden jetzt kaum noch die ger- manisch« gegen die romanisch« oder telttsch-angelsächsische Rasse aus- gespielt werden. Die Bequemlichkeit eines solchen Schlagwortes ist «tt�r zu groß, als daß die Nationalsozialisten nicht wenigstens noch di« arische gegen die semitische Rasse al» Aufreizungsmittel benutzten. Im übrigen haben sie an Stelle der Rasse die Nation gesetzt. Es wird nur noch von der Nationalität ge- spH-ch« und diese Nationalität als ein Unverrückbare», Dauerndes aufgestMt. Die Zugehörigkeit zu einer Nation wird nicht als ein Zufall bedingt durch den Geburtsort und die geographische Macht- Verteilung der Staaten, sondern als eine Erbeigenschaft bezeichnet, die selbst unter veränderten Bedingungen und in fremden Zonen bewahrt bleiben müsse. Wie steht es aber damit in Wirtlichkeit? Fühlt wirklich ein deutscher, französischer usw. Staatsangehöriger vor allem deutsch, französisch usw.?„Natürlichl* sagen di« Nationalitätenanhänger und zeigen auf den Auslandsdeutschen. Zu gleicher Zeit aber er- l�ben sie ein Geschrei über die große Gefahr der französischen �ulturpropaganda im besetzten Gebiet, weil sie das Volt fvan- siert. Wenn aber dies möglich ist, wenn wirtlich eine Propa- «in« Lehrart, eine entsprechende Anweisung in den Schulen die nächste Generation französisch fühlend machen können, dann ist dies« ganz« Nationalität«in« Lüge. Dann besteht wohl ein Rasse- unterschied, der, auf physiologischen Merkmalen beruhend, psycho- logische Abweichungen schafft(ohne, wie wir im Krieg gesehen haben, den Vorzug einer bestimmten Rasse zu geben), aber«» be- steht keine angeborene, vererbt« Nationalität. Da nun bei der ändert. halbtausendjährigen Geschichte der jetzigen europäischen Rassen sie sich so vermischt haben, daß man bei kaum einem Prozent der Bevölkerung von reiner Rasse sprechen kann, ist jedes nationale Auf- trumpfen ein Unding. Kein Mensch denkt vor allem Nationen- gemäß, sondern er denkt nur entsprechend seinen Interessen. Und die Interessen sind bloß iysofern nattonal gesinnt, als da» Privat- eigentum von der Staatsangehörigkeit bedingt ist. Davon hängt die steuerliche Belastung, die Sicherheit vor fremden Eingriffen usw. ab. Die wirklichen Interessen, die Denkart und di« Zu- sammengehörigkeit hängen im Grund« nur von der Klassenange- hörigkett des Betreffenden ab. Ein französischer und«in deutscher Großindustrieller haben viel mehr Gemeinsames, fühlen sich viel mehr verbunden und sind aneinander viel mehr interessiert als einer dieser Jndustiellen mit dem Bauer sein« Nation. Der deutsch« und der russische Proletarier sind in ihren Gedanken und ihren Wün- schen viel inniger zusammengekettet als der Proletarier mit dem eigenen Bauer. Und der deutsch« und der englische Bürg« werden beim Austausch ihr« Ansichten untcreinand« viel eher einig werden als mit ihren eigenen Arbeitern. Aber von diesem Klassengedanken und von dies« internatto- nalen Standeszusammengehörigkett hat noch kein Chauvinist je ge- sprachen. Unsere Herren Professoren haben sie noch keiner wissen» schafttichen Untersuchung gewürdigt. Die Sapern kommen! Maurenbrecher, Marx und Nietzsche. Bekanntlich wollen di« Bayern ihren Zug gegen Verlin unter d« Parole„Gegen den Marxismus!* in Szene fetzen. Und wenn ihnen ihr Plan glückt, dann werden eben mdst. wie Millionen Deutsche gebangt haben, di« Franzosen, sondern die Bayern in Verlin einziehen und einer der ersten, die st« am Brandenburger Tor emp- fangen werden, dürfte Herr Max Maurenbxecher, der Ehes- redakteur der„Deutschen Zettung, sein, derselbe, der mit seiner be- rühmt gewordenen„Hohenzollern-Legende" den Hohenzollern den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Maurenkrecher hat ober auch andere Dinge auf dem Kerbholz. So hat er im Jahre 1912 im Verlag von Diederichs ein Buch �Das Leid* herauszegesen, das seinerzeit einen umfangreichen Lesertreis gefunden hat. Dieses Buch aber ist, wie auf dem Widmungsblatt vermerkt, ausdrücklich „dem Ineinander strömen von Karl Marx und Friedrich Nietzsche" gewidmet. Gewiß wird Herr Mauren- brecher nicht sehr entzückt davon lein- heut« daran erinnert zu wer- den, aber wenn die Bayern den Marxismus vernichten wollen, dann müßten sie mit Max Maurenbrecher den Anfang machen, d« für die Ausbreitung der marxistischen Veen, wie die Exempla lehren, nicht wenig beigetragen hat. Jammer, Elend und Not. Im östlichen Bayern, zwischen Bayerischem und Bohmerwrnd, liegen im Bezirksamt Eham, zur Gemeinde Schorndorf gehörig. drei sogenannte Einöden, einzeln liegende Gehöft« mit je 4— 10 Einwohnern. die die merkwürdigen und melancholisch stimmenden Namen„Jammer*,„Elend* und„Not* tragen. Woher diese eigenartigen Ortsbezeichnungen stammen, hat bisher einwandfrei nicht festgestellt werden können. Man nimmt aber an. daß sie auf ein uraltes katholisches Gebet zurückgehen, das anlängt:„Vor Jammer, Elend und Not bewahre uns, o Herr*. Anstatt nun aber sich damit abzufinden, scheint Bayern die Absicht zu haben. Jammer, Elend und Not auf das ganze Deutschland zu übertragen. Als ob wir davon feit zehn Iahren nicht gerade genug hätten. Inserat. Blaue Brill« zu kaufen sucht _ Ludendorff. „Henry Ford.* Man schreibt uns: In feinen Ausführungen über den Autotänig Ford hat Genosse Möbus bereits einig« Einschränkun- gen gemacht, die vom sozialistischen und gewertschast'ichen Standpunkt ciegenüber der Person und dem Wirten Ford» geboten sind. Es er- scheönt mir notwendig, diese einschränkenden Bemerkungen zu er- ganzen, zumal aus der Parallele zwischen Ford und Robert Owen der Eindruck entstehen könnte, als ob der amerikanische Autokönig auf ein« Stufe mit dem großen englischen Sozialreformer gestellt wird. In einem kürzlich erschienenen Buche des früheren General- sekretärs Henry Fords, Louis Paul L o ch n e r,„Die staatsmänni- schen Experimente des Autokönig» Henry Ford"(München, Berlog für Kulturpolitik) fällt der Verfasicr auf Grund intimer Kenntnis d« Person Fords folgendes Urteil üb« ihn: „Man kann sich der Schlußfolgerung nicht entschlagen, daß Henry Ford die groß« Idee, deren Verwirklichung er ins Leben gerufen. (gemeint ist hier die Friedensexpedition, die Ford gemeinsam mit Lochner nach Europa unternahm) nie völlig begriff, und daß'sein Friedensfeldzuq, ebenso wie seine antisemitische Propaganda, seine sonstigen politischen Aspirationen, sein« kühnen Versuche einer Fi- nanzreform, nur der vorübergehenden Laune eines Mannes entsprangen, der, geblendet von seinen Erfolgen ale�Eriinder und Großindustrieller, seine Fähigkeiten stark überschätzte, als«r sich in ein staarsmännisches Verstehen und Können voraussetzendes Unternehmen einließ* Auch Maxim G o r k i. der zu dem Lochnerschen Buch ein schönes Vorwort geschrieben hat, nennt Ford den„Don Ouichote der Vereinigten Staaten. Dieses Urteil erscheint angesichts der polttisch reaktionären Einstellung Forde, der nach unwid«rsprod)en«n Meldungen den Hillerbanden finanzielle Unterstützung geliehen haben soch als zu müde._ A.®. Tie ZlrbeiterkunstauSltellung. Petersburger Straße 39, veranstaltet heute abend 7h, Uhr einen BolkZlied«abend des BokalquartettS.Fonsara'. Eintritt: 1 Stratzenbahosahrt od« 2 Preßtohleu. Arbeittlose fr«. Die Militärkontrolle. Paris. S. November.(VTL.) Me VokschafkerkouferMZ hat sich heute vormittag erneut mit der Frag« der MNitärtoatrolle in Deutschland beschäftigt. Der Sitzung wohnten bei Marschall Aach und sein Generalstabichef General Desticker, sowie der englisch« Militärattache General Sockeville-Wesk. Im Gegensatz zu der heule mittag von havas verbreiteten Meldung, wonach die Volschafter. konferenz Instruktionen an General Nollet vom Z. Ottober und 3. November veröfsentlichen werde, ist in Wirklichkeit beschloflen worden, den Wortlaut der beiden vom Z. Oktober und Z. November datierten Schreiben der Botschafterkouserenz an deu deutscheu Geschäftsträger in Paris zu verSsfenlllchen. havas teilt dazu ergänzend mit. daß dieser Veschlutz auf Intervention des engli» ichen Potschafkers Lord Creme gefaßt worden fei, der auf diese Weise geg-uübek den Falschmeldungeu des Berllner Sorre- spvndenien des Pariser.Journal" über Form und Inhalt der Noten deu richtigen Sachverhalt festzustellen beabsichtigt. Der Bericht. crstatter hatte von ganz bestimmten Sanktionen gesprochen, die gegen Deutschland ergriffen werden sollen, und das Blatt hatte dieser Mefbuug in Sperrdruck einen sensationellen Anstrich gegeben. Worauf es Frankreich ankommt. Frankfurt a. ZK., 9. November. sMib.) wie die.Frank. furler Zeitung aus London meldet, erfordert die alliierte Militär. note sorgsamste Behandlung. Ein hochwichtiger Bericht des Pariser Sorrespondenten des.Manchester Guardian" weist ans den plötzlich gesteigerten franzSstscheu Lärm in der Militärfrage hin und sieht stärkste politische Agitation voraus, wenn Berlin sich weigert. der Note Folge zu leisteu oder die Frist verstreichen läßt. In diesem Faste werde Poincare unter der Parole, daß Frankreich selbst für seine Sicherheit sorgen mäste, neue Sanktionen ergreisen. welche praktisch aus ein unbegrenztes Festhalten des Ruhrgebiel, als dem deutschen ha-.-ptarsenal hinauslanfeu. Oer Wortlaut öer Note. Paris, 9. November.(TU.) Die Botschasterkonserenz hat heut beschlossen, zwei Briefe, die Poincare am S. Ottober und am 3. November an den deutschen Geschäftsträger von chösch gerichtet bat, der Oeffentlichkeit bekanntzugeben. Der Brief vom 3. No- uor-iber hat folgenden Wortlaut: Ich hatte am 3. Oktober die Ehre, die deutsche Regierung im Namen der Botschasterkonserenz aufzufordern, olle nötigen Matz- nahmen zu erqrelfen, um der interalliierten Kontrollkommission die unverzüglich« Wiederaufnahme ihrer Operation zu gestatten und zu- wal den franko-belgischen Offizieren dieser Kommission die Aus» Übung ihrer Tätigkeit wieder zu ermöglichen. Nach Ablauf eines Monats fft auf diesen Brief noch keine Antwort erfolgt. Da die Botschasterkonserenz erachtet, daß die deutsche Regierung jetzt imstande sein müßte, ihr die Maßnahmen mitzuteilen, die sie er- griffen hat. um ihrem Ersuchen stattzugeben- beehre ich mich, Ihnen in ihrem Namen mitzuteilen, daß sie eine Beantwortung des vor- erwähnten Briefes bis spätestens Ist. November für notwendig hält. Ich bitte Sie, schleunigst die gegenwärtig« Note Ihrer Re- gierung zuzustellen. Genehmigen Sie usw. Poincarö. Der zweite Brief vom 3. Oktober hat folgenden Wortlaut: Der Präsident der Votschafterkonferenz hat am 21. März!9S3 und am 7. Juni 1923 die deutsche Negierung schriftlich aufgefordert, in Uebereinstiwmung mit Artikel 296 des Persailler Vertrages oll« nötigen Maßnahmen zu ergreifen, damit die Aktion der inter» alliierten MilitLrkontrollkommisston und des Garontiekomitees von jetzt ab voll und unter Vermeidung aller Zwischenfälle zur Geltung kommen könne. Die deutsche Regierung Hot dieser Mitteilung keinerlei Rechnung getragen. Tatsächlich haben die zu- ständigen Behörden, als der Präsident der interalliierten Militär» kontrollkommifsion ihnen mitteilte, daß die Kontrollbesuche am 88. Juni wieder beginnen würden, sich geweigert, die De- traationen, zu denen französische oder belgische Offiziere zählten, zu empfangen. Auf diese Weise konnten von 11 vor«. schrieb-nen Besuchen nur drei ohne Beteiligung sranko-belgischer Offiziere ausgeführt werden. Di« alliierten Regierungen können, wie sie dies bereits im Briefe vom 7. Juni 1923 erklärten, nicht die Gründe anerkennen. aus denen die deutsche Regierung sich weigerte, die nötigen An- Weisungen zu erteilen, damit die militärische Kontrolle wieder auf- genommen werden könne, insbesondere erkenn-n sie nicht das Recht der deutschen Regierung an, zwischen den Mitgliedern der inter- alliirten Kontroll- oder Garanti-kommiision je nach ibrer Rationali- tat einen Unterschied zu ziehen, da«in jede» Mitglied, gleich. gültig welches feine Nationalität ist, sämtliche verbündeten Re- gierunqsn vertritt. Infolgedessen fordert sie dl« deutsche Regierung ein letztes Mal auf, alle geeigneten Maßnahmen zu treffen, um eine sofortige und vollständige Wiederaufnahme der Sontroll- läligkeit zu gestatten und zumal Maßnahmen zu ergreifen, damit die franko- belgischen Offizier«, wie ihre englischen, italienischen und sapanischen Kollegen, die ihnen anvertraute Aufgab« erfüllen können. Ein schmutziges ManSver. Die schwerindustrielle TU. meldet aus Paris: Das Telegramm, das Poincare gestern früh an seinen Dotschaf- tcr im Hinblick auf die Möglichkeit einer militärischen Diktatur in Deutschland richtete, ist nach der Ansicht der Pariser Kreis« nicht als offizieller Schritt von Regierung zu Regierung aufzufassen, son- dern lediglich als Unterlage für den französischen Botichoiter de Margeri« zum Zwecke einer mündlichen Rücksprache mit dem Neichr kanzle? Dr. Stresemann. Letzten Endes hondest es sich um «ine Antwort auf eine Anfrag« des Berliner französischen Botschof- t«s, der. wl« Sauerwein zuverlässig erfährt, kürzlich den Besuch von deutschen Linksparteien erhalten hat.(?) Diese erhoben von ihm Auskünfte über die voraussichtlich« Einstellung Frankreichs zu einer misttörilchen Diktatur. Es darf noch hinzu- • gefügt werden, daß de Margcrie Anweisung von Paris erhielt, dl« Ansicht» Frankreichs ollen Kreise» der deutfcfcn Bevölkerung zu unterbreiten und sie anläßlich seines Besuches bei Dr. Stresemann darzulegen. Die hier wiedergegebene Meldung über den angeblichen ..Besuch deutscher Linksparteien" beim'ranzosifchen Botschaf. ter ist g l a t t c r f u n d e n. Das ganze Manöver, dem die ..TU." ihre freundliche Hilfe leiht, läuft letzten Endes darauf hinaus, durch Lüge und Verleumdung die inner- politifche Hetze zu steigern._ Eine merkwürdige Verordnung. Der Reichswehrminlfter«rlößt unterm 9. November folgende Verordnung:„Das Tcrbretten anderer als amtlicher Nachrichten über die Münchener Ereignisse wird hiermit verboten. Zumiderhandlpngen werden nach � 4 der Ausnahme Verordnung be« straft und führen zum Verbot der Zeltung." Geldentwertungskurkofa. Di« beispiellose Entwertung des Geldes, die wir in den letzten Monaten und Wochen durchgemacht haben, hat manchmal ganz sonderbare Wirkungen. Mehrfach hat der„Vorwärts" festgenagelt, daß noch im Herbst 1923 winzigste Renten gezahlt wurden, deren Betrag längst nicht mehr zu einer einzigen Schnitte Brot pro Monat ausreicht«. Manche dieser Rentengeschicht« wirken fast belustigend. allerdings nur auf den Unbeteiligten, nicht auf den, der dabei Schaden hat. Ein« Frau, die im Po st dien st einen Unfall erlisten hatte, bezog bis Ende September 1923 eins R«ntevon76Mark pro Jahr. Sechsundstebenz'ig Mark! Im September wurde sie zu einem Arzt beordert, damit er durch Untersuchung feststellte, ob nicht inzwischen die Unfallfolgen geschwunden seien, so daß ihr die Rente entzogen werden könnte. Di« Kosten einer Fahrt zu dem Arzt und der Rückfahrt zu ihrer Wohnung er- setzte man ihr im voraus: sie beliefen sich damals auf„nur" 89 999 Mark, das ist mehr als das Tausendfache der ganzen Iahresrente. Wir wissen nicht, ob der Arzt für solche Unter- suchungen festes Gehalt bezieht oder Einzelhoncrare berechnet. Trifft das letztere zu, so werden die Kosten dieses Rentenentzichungsver- fahren? wohl das Millionenfache oer Iahresrente betragen, zumal da auch eine Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen nötig wurde. Daß man der Frau die Rente tatsächlich entzog, war bei der damaligen „Höhe" ein Gewinn für sie. Sie spart seitdem die Abholung, die nur Stiefelsohlen gekostet hätte. parteigenosien! Uns zugegangene Nachrichten besagen, daß verschiedene Polizei- lnspeklionen Meldungen zum Eintritt in die Schutzpolizei zurück- gewiesen haben. Nach Rücksprache mit dem Kommando beruhen die Zurückweisungen aus einem Mlßversiäudul». welches l u- zwischen behoben ist. Da nun noch Stelleu zu besehen sind. ersuche« mit alle Genossen, welche de« bereits veröffentlichten Ve- dingungen entsprechen, sich erneut zu melden. Vezirksverbaad der BSPD. Groß-Verlia. Fritz Koch. Das Mißverhältnis zwischen Geldansprüchen, die auf ihrer früheren geringen Höhe stehen geblieben sind, und den Inzwischen in» Riesenhafte gestiegenen Post- und Verkehrstarifen spielt in einem anderen Fall eine Roll«. Ein Apotheker, der bei den Unruhen im März ISIS seine Apotheke als Verbandraum für die Reichs- wehr hergeben mutzte und auf der Straße einem verwundeten Reichswehrsoldaten erste Hilfe leistete, wurde nach seiner Apotheke zurückgehend selber infolge eines Irrtums von der Reichswehr angeschossen- Da ein Lungenschuß ihn für ein halbes Jahr arbeits- und erwerbsunfähig macht«, klagt« er auf Schaden- «rsatz. Eine Entschädigung hat er bis heute nicht erhalten, aber vor einigen Tagen ging ihm vom Versorgungsamt Berlin IV folgender Bescheid zu:„Bezugnehmend auf das heutig« telephonische Gespräch wird Ihnen mitgeteilt, daß Sie an Bersorgungs- gebühren zu erhalten haben: für die Zeit vom 1. 4. 29 bis 39. S. 29, sechs Monat« a 84,49 M.— 59649 M., für die Zeit vom 1. 19. 29 bis 31. 12. 29. drei Monate a 63,45 M.— 199,35 M.. für dl« Zeit vom 1. 1. 21 bis 31. 3. 21, drei Monate a 95,85 M.~ 287,55 Mark, zusammen 984,59 M. Außerdem werden Ihnen erstattet die von Ihnen angegebenen Kosten für Pflege in der Klinik 341,87 M., die laut Schreiben vom 2. 8. 22 aufgeführten Auslagen 164,69 M., zusammen 1499,77 M., rund 1491 M. Bon einer Ueber- Weisung dieses Betrages an Sie nimmt das Amt der Geringfügigkeit wegen Ab st and. Sollt« Ihnen jedoch trotzdem an der Ueberweisung vorstehenden Betrages gelegen sein, so wollen Sie dieses nach hier mitteilen." Di« Unbefangen- heit, mit der dos Versorgungsamt selber auf die„Geringfügigkeit" de« di« Uebersendung längst nicht mehr lohnenden Bettages hin» weist, ist köstlich. Roch amüsanter, aber wieder nur für den Unbeteiligten, ist ein dritter Fall, der ein Bankguthaben bettifst. Bei Kriegsaus. bruch hinterlegte ein Kriegsteilnehmer seine gesamten Ersparnisse in Höhe von 19 999 Goldmark bei der Preußischen Staatsbank als der vermeintlich sichersten Stelle, und er ließ sie dort auch nach dem Kriege, weil er die kommende Geldentwertung nicht ahnte. Jetzt meldet ihm die Staatsbank daß sie sein Guthaben— gegen di« entstandenen Spesen verrechnet hat. Dabei sind die gesamten Ersparnisse draufgegangen, ja er müßt« eigentlich noch etwas dazuzahlen, wenn nicht die Bank das noch un- gedeckt bleibende Mehr an Kosten ihm„großmütig" erlassen hätte. Sie schrieb ihm:„Wir betrachten Ihr Konto als endgültig erledigt und sehen entgegenkommend von der Einforderung de« uns für dieses Schreiben noch zustehenden Portokosten ab." Muß die Be. tonung dieses„Entgegenkommens" nicht auf den enteigneten „Sparer" wie H o h n wirken?_ Zurückgehenüe Kaufkraft. Aus der Generalversammlung de» Berliner Konsum». Di« Generalversammlung der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend, die kürzlich stattfand, nahm zunächst v«n Jahresbericht des Äorstandes und des Aufsichtsrats cm- gegen Dcscrnlxre Beleucbtung fanden In dem Referat des Sekretärs Hajet die Schmierigkeiten der Warenbeschaffung, hervorgerufen durch die rasende Geldentwertung, als deren Folge Sub- stanzvermindsrung und Betriebskapitalmangel in die Erscheinung treten. Der gedruckte Geschäftsbericht über das 24. Geschäftsjahr 1922/23 weist einen Jahresumsatz von über 45 Milliar- den aus. Bemerkenswert ist, daß der Umsatz an Fettwaren der Meng« noch sich gegen das Vorjahr, trotz gestiegener Mit- gliederzahl, um 8.98 Proz. verringert hat,«in Beweis für di« zurückgehende Kauftraft der Mitglieder und di« damit verbundene Herabdrückung der Lebenshaltung. Don den Produkttsbettieben hat die Bäckerei ein sehr günstiges Ergebnis aufzuweisen: stteq doch der Robmaterialverbrauch um 32,79 Proz. regenüber dem Vorfahr. Der Personalbestand iwrmehrte sich von 2562 auf 2652, di« Mitgliederzahl stieg von 189362 auf 163688 (neu eingetreten sind 28 969 Personen). Der Reingewinn b«. zissert sich auf 42 662 435 M.: er wird restlos den Reserven über- wiesen. Als Rücklage für Ersatzbefchaffungen sind außerdem 399 Millionen in di« Bilanz eingestellt. Di« Rückvergütung an die Mllglttder beträgt 2 Proz. des Umsatzes(994 437 438 M.). Die Ge- nehmigung der Bilanz seitens der Generalversammlung erfolgt« ein- stimmig, ebenso die Entlastung des Vorstandes. Eine von kommu- nistisck)«? Seit« eingebracht« Resolution, ein Sammelsurium von allen möglichen und unmöglichen Forderungen enthaltend, deren Verlesung allein ein« Biertelflund« in Anspruch nahm, verfiel der Ablehnung. Der Vorsitzend« des Aufsitblsrats berichtete über die Dsrfchmelzungs- Verhandlungen mit dem Korf'.lmverein„Merkur", Spandau. Di« Generalversammlung stimmte im Prinzip der für den 1. Februar 1984 in Aussicht genommenen Uebernahme der Span- dauer Genossenschaft zu. Die Wahlen zum Aufsichtsrat hatten folgendes Ergebnis: Abgegeben 491 Stimmen, davon 2 un- gültig. Auf die.G«noss«nfchaftsaufbau"-List«(VSPD.) entfielen 293, auf di« kvmmumftlschs Vorschlagsliste 196 Stimmen. Al» gewählt gelten: Paul Lance. Franz Walter. Carmen Holz. Friedrich Stach«. Robert Lenzn«r(VSPD.-List«), Hubrig und Heinrich(KPD.- Lis!«). Ein Antrag der Verwaltung, den Geschäftsanteil d«n nerönderten Geldverhältnissen erneut dadurch anzupassen, daß er auf 259 Milliarden Mark festgelegt werde, fand gegen drei Stimmen Annahme, hingegen verfiel ein aus der Mitte der V«r- samnilung gestellter Antrag. Iw« Verwaltung zu ermächtigen, etwa später notwendig werdend« Erhöhung«« selbständig vezmehmen zu können, falls Einstmnnrgtett in der Äerwallung bestehe, der Ablehnung. Zahlungsunfähigkeit öer Krankenkassen � Uebor die Krankenkassen ist infolge des weiteren Forrschrtttes der Geldentwertung«ine neue Krisis hereingebrochen, die alle früheren an Schwere zu übertteffen scheint. Die Aerzte fordern Honorare, die für die Kassen eine bei ihren fetzigen Einnahmen kaum noch tragbar« Last bedeuten, und di« Apotheker erklären, daß sie die Arzneien für di« Kassenmitglieder nicht mehr auf Kredit gcbm können. Eine Korrespondenz meldet, daß die Verhandlungen der Berliner Krankenk äffen mit den Aerzteorgani- s a t i o n e n vorläufig zu keiner Einigung geführt haben. Di« Krankenkassenuertretor sollen sogar erklärt haben, sie könnten zurzeit nicht einmal die letzt vereinbarten Honorare zahlen und be- Zusage einer Honorarerhöhung müßten sie nur mit noch größeren Summen im Rückstand bleiben. Sie sollen ater in Aussicht gestellt haben, daß sie die Aerzte nach Goldmark honorieren werden. sobald ste selber Einnahmen aus Gold löhnen erhalten. Di- Apotheker fordern wertbeständige Bezahlung, damit nicht de-' Geldentwertung ihnen di« Neubeschaffung von Arzneien lmmöglick? macht. Sie hoben d«n Kossenmitgliedern bereits die Hergab« von Arzneien auf Kafsentredit verweigert, so daß die Kranken entweder tii Arzneien ans eigener Tasche zu zahlen hatten oder auf lsie Arzneien verzichten mußten. Die meisten Kranken werden bei der jetzigen Notlage areler Familien nicht im- stand« sein, die Arzneien selber zu bezahlen. Daß dieser die Volks- gestindhelt aufs schwerst« gefährdende Zustand nicht fortdauern dari. bedarf wohl keines Beweises. vte ikrmorüung eines Amerikaners. Ein Engländer auf der Anklagebank. Unter großem Andrang des Publikums begann heute früh vor dem Schwurgericht III unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Ohnesorge die D«chandfung gegen den Englander Norman Pellin und Maria Mariansky. Pellin wird beschuldigt- gemeinsam mit dem nicht ermittelten Witold Müller-Wieczfinsky und der Margarete Griefer den Amerikaner Nowak im Januar d. I. ermordet zu haben. Die Tat ist durch Vergiftung ausgefiihrt worden. Die Marianstq hat nach verübter Tat von ihrem Geliebten Pellin 55 Dollar erhalten, nachdem sie von dem Raub Kenntnis be- kommen hatte. Ei« ist wegen Hehlerei und Begünstigung angeklagt- Der Angeklagte Pellin, der aus der Untersuchungshast vorgeführt wird, ist ein kleiner, schmächtiger Mann von sehr jugendlichen: Aus- sehen: er spricht ziemlich gut deutsch mit etwas englischem Akzent. Di« Mariansty ist«in 89jähnqes, sehr hübsches Mädchen, die Tochter eines Bergmanns aus Gelsenkirchen. Pellin ist 1897 in New Castle in England geboren und der Sohn eines Rabbiners. 1929 ist er nach Deutschland gekommen, hat die verschiedenartigsten deutschen Waren ausgetauft und nach England ausgeführt. Seit April 1922 war er ununterbrochen in Deutschland. Di« Mariansky habe er im No- vember 1921 im Cafe Stern in Berlin kennengelernt. Im Juli 1922 Hab« er auch d«n Amerikaner Nowak gettofien, der eben- falls geschäftlich in Deutschland tätig war. Ende September sei N. nach Amerika gefahren, und«r habe ihn erst am 11. Januar d. I. in Berlin wiedergesehen. Nowak habe viel Damen- verkehr gehabt. Die Grieser habe N. schon im August durch seinen damaligen Dertteter Busch kennengelernt, der mit ihr länger« Zeit ein Verhältnis gehabt habe. Der Vorsitzende geht dann auf den Fall Grenfpach«in. Hierüber gibt der Angeklagte folgendes an: Er fei mit Grenfpach Im April 1922 bekanntgeworden und fei von ihm ein« Tages Im Oktober noch dem Rhcingold bestellt worden. Dort fei Grenfpach mit der Griefer und Müller zusammen gewesen. 2 Tag« spätkr traf ich Grenfpach. sein Gesicht war schwarz und verbrannt. Aus meine Frag« sagte er, daß das Mädchen ihn mtt ein«? Flüfsiakeit besprengt Hab« und dann einen Kredit- brief über 8990 Dollar mitgenommen habe. Ich habe ihn dann zur Klinik gebracht. D«n Kreditbrief ließ ich sperren. Müller behauptete, daß es sich nur rnn einen Scherz gehandelt habe. 4 Goldmark Schulgeld. Das Schulgeld an den höheren Lehranstalten— ein- schließlich der Aufbcwschulen und Aufbcrnklassen— beträgt vom 16. November aboierGoldmart monatlich, für die zweite Hälfte des Monats November also zwei Goldmark. Für Zahlungen in Papiermark ist der Stand der Goldmark nach der amtlichen Berliner Notierung von dem dem ersten jedes Monats nächstvor- hergehenden Werttag«, für die zweite Hälfte des Monats November nach der Notienmg vom 15. November zu berechnen. Der geschlossene Sprechabend des..Deutsche« Herold". Der„Deutsch« Herold' ist am Tag« des Hiller-Ludendorff- Putsche» unermüdlich tätig. Dies« deutschvöMsche Gruppe wavi am 9. November in tri« Briefkästen der Berliner Vororte zw«i Aufrufe: „Was willst du deutscher Mann?" und die„Iniernationaie erkämpft das Mettschenrechi".„Gastauswels«" für di« geschlossenen Sprech abend« de»„Deutschen Herold" sind zugleich vertcilr worden. In der Zeit geradezu erschreckender Papierprois« leisten sich ganz Nein« Beniner Borort« besondere Flugblätter! Den Flug- blättern ist der kleine Zett«l beigelegt worden:„Männer und Frauen schlaft Ihr noch? Wollt Ihr uns nicht endlich helfen herauszu- kommen aus dem Sumpf? Es spricht der Führer der oAtischen Kampfgewerkschaften Fohrenhorst, wenn er inzwischen nicht wieder oerhaftet wird." Der rührigen Anhängerschaft der Hochverräter Ludendorii- Hitler wird das Berfchwörerhandwerk sehr bald gelegt werden. »Volk und Zeil", unsere illustrierte Wochenschrift, liegt der heutigen Postauflage bei. Da» wertbeständige Geld der Stadt Berlin lautet auf 1 und ZL Dollar. Da» sind 4.29 und 1.95 M. Einzelne Geschäft« rechnen. wie der Magistrat mitteilt, den ZL-Dollarschein nur mit 1 Mark statt mit 1,95. Das ist«ine Bereicherung auf Kosten des Publikums, die um so ungerechtfertigter ist, als andere Geschäfte bei Zahlung mit wertbeständigem Geld sogar 19 Proz. Rabatt geben.— Firmen. die so das Publikum schädigen, sollen künftig öffentlich bekanntae- geben werden. Groß-Serliner parteinachrichten. Der Sealmantel. jie Geschichte eines raffinierten Chlcrosonn Überfalles. Ein geheimnisvoller Raubüberfall in der Droschke, der in der .lacht zum 1. November verübt wurde, ist jetzt von der Kriminal- polizei aufgeklärt worden. Zwischen 1 und 2 Uhr jener Nacht kam der Kutscher einer Pferdedroschk« mit seinem Gespann vor einer Revierwachc im Zentrum vorgcfahren und berichtet«, daß sein Fahr- gast, eine ihm unbekannte Dam«, besinnungslos in der Droschke liege. Die Dame wurde auf der Wache ins Leben zurückgerufen. Die Kriminalpolizei ermittelte jetzt als den Täter, der zweifellos noch andere ähnlich« bereits gemeldete Ueberfälle auf dem Kerbholz bat, einen ZV Jahre alten Kaufmann Ferdinand Laos, der seit drei Jahren mit seiner Geliebten, einer 22 Jahre alten Käthe Zoppen im Reiche umherzog und von Hochstapeleien leckite. Seit drei Monaten wohme das Pärchen in einem Pensionat im alten Westen. Am Mittwoch abend war seine Helferin unpäßlich, und er gewann eine Martha Kamm, die mit ihm im Pensionär wohnte, dazu, ihre Stelle zu vertreten. Ihr Auftrag bestand darin, in irgendeinem Lokal eine Dame mit ko st barem Pelzwerk anzusprechen und mit Laos bekanntzumachen. So geschah es auch in der Nürnberger Straße. Die„Stelloertreterin" erzählte der Dame, in der Potsdamer Straße gebe es ein Lokal, das wohl das interessanteste in Berlin sei und das aufzusuchen sich lohne. Die Dame nahm den Vorschlag an, der KaoaLer, Herr Laos, bestellte eine Droschke, in der alle drei Platz nahmen. In der Näl>e des Lützowplatzes packte er plötzlich das Opfer an der Kehle, preßte ihm mit Hilfe der Kamm ein mit Chloroform getränktes Tuch in den Mund und auf das Gesicht, entkleidete es des kostbaren Sealmantels, nachdem es die Besinnung verloren hatte, und nahm ihm auch die Handtasche weg. Dann stieg er auf der«inen Seite aus und«nt- lohnte den Kutscher, während die Kamm auf der anderen Seit« den Wagen verließ, nachdem sie den geraubten Mantel angezogen hatte. So sah der Kutscher nichts von dem Wechsel des Mantels. Laos kehrte mit seiner Helfershelferin sofort in das Pensionat zurück und fuhr mit ihr und seiner Geliebten nach Dresden. Von dort schickte er die beiden„Damen", nachdem er den geraubten Mantel gleich verkauft und einen Teil des Erlöses seinen Begleiterinnen abgegeben hatte, nach Berlin zurück, während er selbst, wie er sa�t«, nach Wiesbaden zum Rennen fahren wollt«. Bei ihrer Ankunft m Berlin wurde Frl. Zappen und ihre Stellvertreierin sofort festgenommen. Beide legten ein Geständnis ab. Um die Speisewagen. Der Betriebsrat der Mitropa Groß-Berlin bittet uns um Aufnahme der folgenden gegen das Reichsverkehrsminifte- rium gerichteten Erklärung:„Bezugnehmend auf die vor kurzer Zeit durch die Presse von seiten des Rsichsverkehrsministeriums gegangene Mitbeilung, daß auf Grund zu erzielender Ersparnisse die Entfer- nung von Speisewagen aus weiterverkehrenden V-Zügen notwendig wäre, weil die Speisewagen als Luxusbetrieb zu bewerten seien, gestatten wir uns der Oeffentlichkeit folgendes mitzuteilen: Seit ungefähr 30 Iahren laufen in fast allen V-Zügen Speisewogen, deren Betrieb sich einer zunehmenden Beliebtheit bei dem reisenden Pübli- tum erfreuten. Beinaho alle Jahre wird unsere Belegschaft durch die Stillegung des Betriebes von Entlassungen bedroht. Auch dieses Jahr geht man wiederum dazu über und entläßt über 50 Proz. alte, erfahrene Mitropa-Arbeiter(Fahrpersonal). Daß der Speisewagen- betrieb nicht als Luxusbetrieb angesehen werden darf, son- dorn als notwendiges Bedürfnis, zeigt schon daraus, daß speziell in letzter Zeit auf Grund der äußerst niedrig gehaltenen Preise für alle verabfolgten Speisen und Getränk« die Speisewagen in allen V-Zügen lebhaft in Anspruch genommen werden. Aus den Speise- und Getränkekarten der Speisewagen ist zu ersehen, daß am 31. Ok- tober d. Ii«ine Suppe mit 2 Milliarden, ein« Portion Heilbutt mit 16)- Milliarden,«ine Portion Kalbsbroten mit lg Milliarden und eine Portion Kaffee mit 3)b Milliarden berechnet wurden. Im Gegensatz zu anderen gleichzustellenden Gastwirtschaftsbetrieben wird ein prozentiwler Zuschlag für Bedienung nicht erhob«n:»das gesamt« Personal der Mitropa wird fest entlohnt. Zu den gemeinschafllichen Mahlzeiten werden die üblichen Zutaten, wie Kartoffelsalat, Gemüse und Kartoffeln in einer beliebigen Menge gereicht, so daß dem Gast tatsächlich ein Sattessen ermöglicht wird. Die starte Inanspruchnahme der Speisewagen gerade durch Reisende der dritten Klasse beweisen, daß der Speisewagenbetrieb keinesfalls als Luxusbetneb zu be« werten ist." „Spekulation mit Goldanleihe ans Dteuereiugängen". Zu der in der Nummer 619 vom 6. November 1923 deS .Vorwärts' unter der obigen Sp'tzmarke wiedergegebenen Ver- össentlichung sendet uns der Präsident des Lande« flnanzamtS Groß-Berlin(Unterschrift unleserltchj folgende Erwiderung: Ende Oktober, als die Goldanleihe noch weniger begehrt war. hatte die Rasse de? ZenlralfinanzamtS(I) auf Drängen Steuer» Pflichtiger einige wenige Stücke Goldonleihe in Zahlung genommen, ob- wohI Vereinnahmungsvorfchristen hierüber noch nickt ergangen waren. Um die Bu-bungSzweifel zu beseitigen, hat die Kasse die Stücke einer Anzabl Beamter aller Dienstgrade zum Eintausch gegen Vapiermark angeboten, die fie zumTageskurie übernommen haben. Erst später fegte die Goldanleihesteigerung ein und hatte zur Folge, daß die er- wähnten Beamten eine» unbeabsichtigten BermögenSborteil erlangten. Da durch Erlaß des Reichsfinanzministers vom 2. November 1923 ollgemein angeordnet ist. daß diejenigen Beamten, dke Gehalt in Goldanleibe gezahlt erhalten haben, insoweit an der nächsten Nach- Zahlung nicht teilnehmen sollen, und diese Vorschrift auch ans die hier in Betracht kommenden Beamten angewandt worden ist, ist dieser ursprünglich« Vorteil zum Teil sogar in einen erheblichen Nachteil verwandelt worden. Weder lag somit, wie der Artikel be- hauptet, eine SpekulationSabsicht der beteiligten Beamten vor. noch ist der FiSkuS geschädigt, noch bestand ein ausdrückliches Verbot, gegen das die Beamten verstoßen hätten. Unsere Mitteilung, daß obere Beamte in Reichsmark empfangenes Gshalt über den Kassentisch hinweg in Goldanleihe auS Steuer- «ingängen umgetauscht haben, wird also nicht bestritten. Unsere« Erachtens dürfte auch der Herr Präsident des Landesfinanzamtes kaum in der Lage fein, festzustellen, ob eine SpekulationSabsicht bei den Beteiligten vorhanden war oder nicht. OewerWhQfisbsVegung Kohbitanz. vom 9. November 192Z. Wirtschaftlich: Krise. Betriebsstillegungen, Betriebsein- schränkungen, d. h. Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit. Hohe Lebens- mittclpreise, niedrige werttmbeständige Löhn«. Das Volk muß hungern bei vollen Scheunen. Politisch: Reaktion. Ausnahmezustand, Rechtsputsch in Bayern. Faschisten, Kommunisten in den von deutscher und baye- rischer Reichswehr besetzten Gebieten, Separatisten in den vom fran- zösischen Militarismus besetzten Gebieten. Unterdrückung überall. Sozialpolitisch: Arbeitszeitgesetzentwurf. Vor- krieg sarbeltszeit. Arbeiterrecht» und Arbeiterschutzentwürf«— in der Schwebe. Kranken- und Angestclltenversicherung vor dem Zu- sammenbruch. Alters- und Invalidenrenten zum Verhungern. Ziel.fteies Spiel der Kräfte", der Unternehmer soll wieder Herr im Hause sein. Abbau aller„hemmenden" Vorschriften: dann„Wiederaufbau der Wirtschast". Gewerkschaftlich: Lähmung, finanziell durch Geldentwer- iung und Arbeitslosigkeit, innerlich durch kommunistische Zersetzung. Statt uneingeschränktem Vertrauen und eifriger Mitarbeit, Schimpferelen über Verrat, und Quertreiberei. Verzweiflungsstimmung statt Entschlossenheit zur Interessen Verfechtung auf dem Boden gewerk- schastlichen Kampfes. Kulturell: Graues Elend. Keine Kohlen für den Winter und keine Kartoffeln.„Ersparung" de? Beleuchtung und der Heizung. .Ersparung' der Zeitung, Zusammenschrumpfung der Gewerkschafts- presse. Ersparung der Bücherbeschaffung. Abbau der Bildung-- instituttonen,„Abbau" auf ollen Gebieten. Unterernährung. Der- hungern der Greise und der Kinder. Die Besitzenden verweigern die nötigen Steuern, bereichern sich am Elend und lassen sich um Wohltätigkeit anflehen. Rur die gekauft«„Wissenschaft" blüht noch und der Boxersport. Aberglaube verdrängt-Aufklärung, Gewalt zertritt Recht. Kriegsfolgen. Ein Menschenalter hindurch wurde der Arbeitnehmerschaft ge- predigt: Dereinigt Euch! Werdet einig, bleibt einig in der Be- kämpfung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Das wollten viele vor fünf Jahren plötzlich begriffen haben. Selbsttäuschung. Auch das Wenige, das der üble Lehrmeister Krieg sie gelehrt, haben sie längst wieder vergessen. Sie glaubten ernten zu können, wo sie nicht gesät hatten. Ihren Irrtum sahen sie nicht ein. Es ist Zett zur Selbstbesinnung. Heraus aus der Lethargie, heraus aus der Verzweiflungsstimmung, heraus aus der Welt- revolutionsromantik, der der Achtstundentag als viel zu long er- schien! Fort mit den„Einheitsfront"-Parolsn, zur Einheitsfront! Uns hilft kein Gott und kein Moskau, wir müssen uns selber helfen. Nicht die- Verzweiflung darf uns dabei leiten, sondern die Erkennt- nis, die zielbewußte Entschlossenheit. Noch ist es nicht zu spät, ober es ist höchste Zettl Achtung, freigewerkschaftliche Betriebsräte! Durch Verordnungen der Reichsregierung sind folgende Neue- rungen im Arbeitsrecht eingetreten: Durch Verordnung vom 13. Oktober 1923 sind die 12 bis 15 der Verordnung vom 12. Februar 1920 aufgehoben, d. t>. Einzel»! ent(assungen können auch ohne Arbeits st reckung vor- genommen werden. Ist eine Verkürzung der Arbeitszeit geplant, kann sie nur auf Grund§ 78. Ii: BRG. durchgeführt werden. Die Beurteilung der wirtschaftlichen Stärke ist nur nach§ 74, und zwar wie bisher, vorzunehmen. Bei Entlassungen, die unter die Verordnung vom 8. November 1920 fallen, kann nur der Demo die Arbeitsstreckung anordnen. Ebenso werden die Entlassungen selbst nur mit Genehmigung des Demo wirksam: sie sind auch unwirksam, wenn der Anzeigepflicht nicht genügt ist. Mit obigen Aendermtgen gellen die Verordnungen vom 12. Fe-! bruar 1920 und 8. Slovember 1920 über den 31. Oktober 1923 hinaus. Für den Bereich des preußischen Staates ist vom Handels- minister Siering eine Anweisung(23. 10. 23) an die DemobL. machungskommissar« ergangen, vor Fällung eines Urteils über Detriebsabbruch oder-stillegung unbedingt die Betriebsver- tretungen heranzuziehen: ebenso sind die Gewerkschaften recht- zeitig zu benachrichttgen, um sich an den Verhandlungen zu be- teiligen. Ein«.wesentlich« Aenverung bringt die Verordnung vom 30. Oktober 1923(„Reichsgesetzblatt" Nr. III vom 2. November 1923, Seite 1043) über Schlichtungsausschüsse und Arbeits- g e r i ch t«. Die Kammern des Schlichtung sauslchusses werden von einem Unparteiischen und je zwei Beisitzern der Arbeitgeber und Arbeit- nehmer gebildet. Nicht mehr drei Beisitzern. Die Unparteiischen werden von der obersten Landesbehörd« ernannt, die auch die Bei- sitzer auf Lorschlag der Vereinigungen der. AG. und AN. bestellt. Daneben bestelll der Reichsarbeitsminister Schlichter, welche die Schlichtung von Streitigkeiten durchzuführen haben, die für das Wirtfchattsleben von besonderer Wichtigkeit sind. Schlichtungsausschüfie und Schlichter werden auf Anruf einer Partei oder von Amts wegen gebildet. Für die Verbindlichkeit eines Schiedsspruches des Schlichtungsausschusses ist der Schlichter zuständig. In den Fällen der§§ 39 Abf. 2. 41. 43. 44 Abf. 1 und 4 Satz 2. 52 Abs. 1. 53, 55 Abs. 2. 60. 80 Abs. 8. 82 bis 90. 93, 97. 98 des Betriebsrätegesetzes sind die Arbeitsgerichte ausschlreß- l i ch zuständig. Bis zur Errichjtmrg allgemeiner Arbeitsgerichte gelten als Arbeitsgericht«: Für Handlungsgehilfen und Hcmdlungs- kehrlinoe die Kaufmannsgerichte, im übrigen die G«- Werbegerichte. An den Orten ohne Gewerbegericht gill der Schlichtungsausschuß mit je einem Beisitzer der Arbeitgeber und Arbettnehmer als Arbeitsgericht. Ein« Berufung gegen das Urteil des Arbeitsgerichts gibt es in diesen Fällen nicht. Die Arbeits- geruhte treten ab 1. Januar 1923. wenn der Reichsarbeitsminister nichts anderes bestimmt, in Kraft. Am gleichen Termin treten die§§ 15 bis 30 der Dwordnung vom 23. Dezember 1918(Tansgesstzi und 22 bis 28 der Verordnung vom 12. Februar 1920 außer Kraft. Iur Hausangestclltenfrage. Der Kampf der Hausangestellten um bessere Lohn- und Zirbeiis- verhältniss« ist in den letzten Jahren immer mehr in den Vordergrund getreten. Die Arbeit srerhäitnisse der Hausangestellten, Wohnung, Beköstigung, Arbeitszeit, Behandlung, Entlohnung und Frsisclt lassen in sehr vielen Fällen noch allerlei zu wünschen übrig. Die Gesindeordnungen sind zwar abgeschafft, doch hat man sich in Arbeit- geber-, d. h. Hausfrauenkreisen an das neue Recht der Hausange- stellten noch nicht so recht gewöhnen können. Namentlich bleibt hm- sichtlich einer menschenwürdigen Behandlung der Hausangeestllten im allgemeinen noch vieles zu wünschen übrig. Auf diese Mißstände ist es zurückzuführen, wenn eine große Zahl alter, langjährig gedienter Housanoestelltsn ihrem Berufe nach und nach den Rucks» drehten und in"Industrie und Gewerbe ein Unterkommen bei ge- regelter Arbeitszeit und besserer Entlohnung suchten. Daher den» auch die Klage der Hausfrauen über einen fühlbaren Mangel antüchtigenHausang« st eilten. �_ Inzwischen haben sich die Dinge geändert. Die industrielle Kon- junktur steht im Zeichen der Krise. Viele arbeitslose Frauen und Mädchen aus der Industrie und dem Handelsgewerbe b-müycn sich wieder um Beschäftigung als Alleinmädchen oder einen sonstigen Posten im Haushall. Sie benutzen ziemlich zahlreich den öffentlichen Arbeitsnachweis der Stadt Berlin für weibliches Hauspersonal, wo- durch der Anschein erweckt wird, als sei nun der Mangel an Haus- angestellten wieder behoben. Tatsächlich besteht jedoch der Mangel an geübten Hausangestellten nach wie vor, weil diese die ein- leitend geschilderten Mißstände kennen und deshalb den Hausange- stelltenberuf meiden. Not kennt kein Gebot! Dennoch müssen die stellensuch en. den Mädchen darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie den beschäftigten Hausangestellten bei ihrem Kampfe um Erringung besserer Lohn- und Arbeitsverhältnisse nicht in den Rücken fallen dürfen. Die letzten Verhandlungen von Vertretern des„Zentraloerbandss der Hausangestellten" mit Vertretern der Hausfrauen verbände zur Festlegung der Teuerung entsprechenden Richtlöhnen für Hausangestellte haben sich insofern besonders schwierig ge- staltet, als die Hausfrauen auf die große Zahl der nachfragenden Bewerberinnen hinwiesen und dabei behaupten, daß letztere auf den Lohn kein Gewicht legen, sondern schon zufrieden wären, wenn sie ein Dach über dem Kops und Essen und Trinken hätten. Die De- köstipung für Hausangestellte ist in der Regel geringer als es für den Haushalt im allgemeinen üblich ist. Deshalb ist bei Annahme einer Stelle größte Vorsicht geboten. Vor allen Dingen muß darauf geachtet werden, daß neben einer guten Beköstigung, Wohnuna und Behandlung, auch ein Lohn b£- ?ahlt wird, der den in den öffenllichen Arbeitsnachweisen der Stadt Berlin durch Aushäng« bekanntgegebenen Richtlöhnen für bis verschiedenen Hausangestelllengruppen entspricht. Die Lohumeßzahl für die lausende Woche wurde für die Arbeiter auf 150 Millionen und die Metzzahl für die Veantienbezüge auf 30 Millionen für das zweite Monatsoiertel festgesetzt. Zu dem Thema Beamtenabbau haben wir eine solche Fülle von Beiträgen erhalten, daß es uns schon räumlich unmöglich ist, sie zu veröffentlichen. Die Einwendungen und Wünsche der Angestellten und Beamten zu dem Abbauprogramm der Regierung sind im „Vorwärts" deutlich zum Ausdruck gekommen. Die Spitzenver- bände der Angestellten und Beamten werden auch weiterhin ihr Möglichstes tun, um offensichtlichen Ungerechtigkeiten und Willkür- lichen Maßnahmen entgegenzutreten. Sie in diesem Bestreben zu unterstützen ist wirksamer als bereits Gesagtes zu wiederholen. Die Redaktion. Achtung, Zimmerer! In der gestrigen Verhandlung über wertbeständige Löhne für das Hoch-, Beton- und Tiefbau- gewerbe kam es durch die Sabotage der Arbeitgeber zu keiner Verständigung. Drei Tag« zuvor hatten sich die Unternehmer ausdrücklich zur Einführung wertbeständiger Löhne bereiterklärt. Di« Arbeitnehmervertreter betonten, daß es unbedingt notwendig fei. ein« neue Regelung vorzunehmen, zumal es in anderen In- dustrien wie auch im Baugewerbe im Reiche schon zu Abschlüssen auf wertbeständiger Grundlage gekommen fei. Die Arbeitgeber beriefen sich jedoch auf die Regierungserklärung, wonach ab 15. November genügend neu« ZahlimgsmittÄ zur Verfügung ständen. Schließlich wurde vereinbart, daß am Dienstag, den 13. November,«in Vorschuß von 4 Billionen ausgezahlt wird. Die end» gültige Regelung für die Woche vom 7.— 13. November erfolgt am 13. November.— Der Dorstand. Die Färberei h. Bergmann»«arftedt:«nieiw: Th.«loikc; lämtli» in Berlin. Berlag: Borwärts-Verloa<5.«.b. K. Berlin. Druck: BorivSrt-.Buchdruckeret und Berloasanitalt Paul Singer u. Ca.. Berlin ED. 68, Sindenftroße 3. kanleo, rnnCt zu gn-Hrc laufen, A. Anders, Beasselstr. 25 Äite Gebisse, auch zerbrochene, pro -iahnzooWilliard. o!8zn,civillionlli>. -Sola-, Doubles-, Silber brach kauf» 3af)nanlaaf 3« Zymelskl» Äeiße»b»rgerStr�S Korb-u.RotirmSbel Elg.Fabrik.stets her- ' vorrag.Neuh.Gr.Aus- wahi. Billige Preise. Eimaa j Ttl, Bli-lnkSilii Berliner S»r. 14, Nähe Hermannplatz—Tel.: Neukölln 2264 Repar. «ätntlieh.Korhwaren Preiswertes Angebot? Engl. Leder* Manchester- Arbeits- Gestreifte Knaben-Slolf- s. 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