Nr.242+ 41.Jahrgang Ausgabe Anr. 124 Bezugspreis: Wöchentlich 70 Goldpfennig, monatlich 3- Goldmark voraus zahlbar. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig, Saar- und Memelgebiet, Desterreich, Litauen, Luxemburg 4.25 Goldmart, für das übrige Ausland 5,25 Goldmart pro Monat. Der ,, Borwärts" mit der Sonntagsbeilage Boll und 8eit" mit Sied. lung und Kleingarten", sowie der Unterhaltungsbeilage Heimwelt" da und Frauenbeilage Frauenftimme" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm- Abreffe: Sozialbemotrat Berlin* Morgenausgabe pron estad Horwärts Berliner Volksblatt 10 Goldpfennig 100 Milliarden Anzeigenpreise: Die einfpaltige Ronzareiße geile 0,79 Goldmart, Reklameze! le 4.- Goldmark. Kleine Anzeigen" bas fettgedruckte Bort 0,20 Gold. mart( zulässig zwei fettgedruckte Worte), iedes weitere Wort 0,10 Goldmart. Stellengesuche daz erfte Wort 0,10 Goldmark, jedes weitere Wort 0,05 Goldmart. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Familienanzeigen für Abonnenten Reile 0.30 Goldmart. Eine Goldmark- ein Dollar geteilt durch 4.20. Anzeigen für die nächste Summer müssen bis 4% Uhr nachmittags im Hauptgeschäft, Berlin SW 68, Linden. ftraße 3, abgegeben werden. Geöffnet Don 9 Uhr früh bis 5 Uhr nachm. Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratifchen Partei Deutfchlands Redaktion und Verlag: SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Redaktion: Donhoff 292-295 Verlag: Dönhoff 2506-2507 Sonnabend, den 24. Mai 1924 Keine Verständigung im Ruhrkampf. 3 will Unterwerfung. glieder auf, den Kampf moralisch und finanziell mit aller kraft zu unterstützen. Ferner beschloß der Borstand einstimmig, den tapferen Kämpfern den Betrag von 10000 Mart aus der Haupttasse zu überweisen. Gefahr für die Schächte. a Die Folgen der Aussperrung. Der Zechenverband Bochum, 23. Mai.( Eigener Drahtbericht.) Der Reichs- und Staatskommiffar Mehlich hatte die Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer des Ruhrbergbaues für Freitag nach Essen zu Einigungsverhandlungen eingeladen. Auf den gewaltigen Verluft hinweisend, der durch die Bergarbeiteraussperrung der gesamten deutschen Volkswirtschaft erwachsen ist( bisher wurde ein Produkfionsausfall von 150 Millionen und ein Cohnausfall von 40 Millionen Goldmart festgestellt), ermahnte Mehlich in seinen einleitenden Wor- Bochum, 23. Mai.( Eigener Drahtbericht.) Infolge Ein. fen die anwesenden Vertreter, alles zu tun, um die Verhandlungen stellung der Notstandsarbeiten steht bereits die untere im Interesse der Volksgesamtheit zu einem annehmbaren Ab- Sohle ber staatlichen Möllerschächte unter Wasser. Auf chluß zu bringen. Bom Zechenverband war schon vor Be- Beche Caroline der Harpener Bergbau- Gesellschaft ist von der Berginn der Verhandlungen der Antrag gestellt worden, den in Berlin waltung angeordnet worden, die Pumpen auf der dritten Sohle ein am 16. Mai gefällten Schiedsspruch für verbindlich zu zufetten, da auch hier damit gerechnet wird, daß die dritte Sohle erklären. Diesen Antrag unterstrich der Unternehmervertreter unter Wasser kommt. Bistoft in der Verhandlung nochmals und brachte zum Ausdrud, Wege gelöst werden könne. Demgegenüber erklärten die Arbeitnehmervertreter, daß eine Verbindlichteitsertlärung des Sajiedsspruches nur eine verschärfung der Lage herbeiführen könne, da derselbe, abgesehen vom Manteltarif, erhebliche Berschlechterungen für die Arbeiter enthalte. Den Wünschen der Arbeitnehmer würde nicht in dem Maße Rechnung gefragen, wie es im Interesse der Wiederheftellung einer geregelten Wirtschafts. führung notwendig sei. Die weiteren Verhandlungen verliefen ergebnislos. Aus den Verhandlungen ging hervor, daß die Unternehmer der Meinung huldigen, die Bergarbeiter müßten schon in den nächsten Tagen in folge Hungers ihren Widerstand gegen die Zechengewaltigen aufgeben. Diese vollkommen unbegründaß der Konflikt nach Ansicht der Unternehmer nur auf diesem dele Auffassung und die unverantwortliche Einstellung der Unternehmer hat dazu beigetragen, daß wieder eine Möglichkeit zur Beilegung des Konflikts zwedlos vorbeigegangen ist, wodurch der gefamten Wirtschaft erneut unermeßlicher Schaden zugefügt wurde. Die Solidaritätsaktion. Das Exekutivkomitee der Bergarbeiter- Internationale hat ein stimmig beschlossen: „ Die Eretufive der Bergarbeiter- Internationale spricht allen kämpfenden deutschen Bergarbeitern ihre lebhafte Sympathie aus und versichert ihnen weitgehende Unterstützung. Die Landesorganisationen haben sofort zu beraten und dem internationalen zu berichten, welche Schriffe zu unternehmen sind, um die kämpfenden Bergarbeiter wirtJam zu unterstützen." Zusammenstöße zwischen Schupo und Demonstranten. Effen, 23. Mai.( Mtb.) Der geftrige Tag brachte teine wesent. liche Aenderung in der Lage. Die Zeche Brassert in Redlinghausen wird nach wie vor zwecks Aufrechterhaltung der Ordnung von den Belgiern bewacht gehalten. Zu einem zwischenfall tam es auf der Zeche Zentrum bei Redlinghausen, wo die Belegschaften die Einstellung der Kohlenverladung erzwingen wollten. Die Schupo griff ein und verlegte einen der De. monstranten derart, daß er bald darauf starb. Rund gebungen unter freiem Himmel, die von den Kommunisten geplant waren, wurden von der Polizei im Entstehen erstickt. Anschlag auf eine Polizeiwache in Essen. Effen, 23. Mai.( WTB.) In der vergangenen Nacht wurden in die Bache des in 18. Polizeireviers Stoppenberg von mehreren Tätern zwei Revolverschüsse abgefeuert und darauf zwei Handgranaten geworfen. Die erste Handgranate durchschlug das Fenster und fiel in die Mite des Zimmers, ohne zu explodieren. Die zweite prallte vom Fensterpfosten ab und explodierte auf dem Bürgersteig. Personen wurden nicht verletzt. Der Ueberfall auf die Polizeiwache follte jedenfalls dazu dienen, bie Aufmerksamkeit der Polizei vom fatholischen Krankenhause in Stoppenberg abzufenken, aus der zur Zeit der Explosion der Bergmann Kleiber entwichen ist, der sich vor vier Wochen beim Ausprobieren selbstgefertigter Handgranaten verlegt hatte. Eine kommunistische Untat. Vorwärts- Verlag G.m.b.H., SW 68, Lindenstr. 3 Postscheckkonto: Berlin 375 36- Bankkonto: Direktion der Diskonto- Gesellschaft, Depofitentafe Lindenstraße 3 Der stilisierte Bürgerblock. Beratungen und doch kein Rat! Die Berhandlungen, die gestern zwischen den Mittelparteien und den Deutschnationalen geführt wurden, waren, wie es sich unter ordentlichen Leuten gehört, streng ver= traulich". Die Folge davon ist, daß jedes politische Wickelfind in Berlin höchstens den Sommerredakteur der„ Deutschen Tageszeitung" ausgenommen genau weiß, was los war. Es genügt eine fritische Durchsicht der gestrigen Abendpresse und ein Gang durch die Wandelhalle des Reichstags, um von den Vorgängen des gestrigen Tages folgendes zu Derlässige Bild zu erhalten: Die neuen Verhandlungen nach dem Scheitern des Tirpiz- Planes waren auf Veranlassung der nicht locker laffenden Volkspartei zustande gekommen. Die DemoSweden teilzunehmen. Auch das Zentrum verhielt sich ziemfraten erklärten, an ihnen eigentlich nur zu informatorischen lich reserviert. Die Rolle des gefälligen Bermittlers spielte mit nie erlahmendem Eifer die Volkspartei. Die Deutschynationalen waren ziemlich verlegen. Sie waren zwar bereit, über die fachlichen Grundlagen der Außenpolitik zu verhandeln, konnten sich aber in feiner Weise dafür start machen, daß das etwaige Ergebnis auch von ihrer Fraktion angenommen werden würde. Herr Hergt lief aus der tion angenommen werden würde. Herr Hergt lief aus der Sitzung davon. Ein Vorschlag der Deutschnationalen, auch Herrn v. Tirpik zu den Verhandlungen heranzuziehen, wurde abgelehnt, ohne daß die Deutschnationalen das als einen Striegsfall betrachtet hätten. Tatsächlich haben die Deutschfallen gelaffen, sie wären jetzt bereit, unter einem nationalen Tirpig als Kanzlerkandidaten schon Kanzler der Mitte zu arbeiten. Als solchen nennt man in ihren Kreisen den Volksparteiler Scholz und den Zentrumsmann Stegerwald. Die Verhandlungen drehten fich um einen Aufsatz über die auswärtige Politit, der viele Verfasser hat und in schlechtem Deutsch abgefaßt ist. 3wed: eine Formel zu finden, die den Deutschnationalen die Annahme der Sachverständigengutachten annehmbar macht, das heißt, die ihnen ermöglicht, das Gutachten anzunehmen und zugleich zu behaupten, sis hätten es nicht angenommen. Dieser stilistische Hokuspokus gipfelt( siehe Boff. 3tg.") in dem Sat: daß das Gutachten als unteilbares Ganzes angenommen werden muß unter jenen Vorbehalten, die auch die Sachverständigen in bezug auf die Souveränität des Deutschen Reichs, auf wirtschaftliche Einh Reichs, auf die wirtschaftliche Einheit und die Ruhrbesehung ausSdre en calferretär bis spätestens 1. Juni su berpelle Dortmund, 23. mai.( Eigener Drahtbericht.) Am Donnerstag gesprochen haben.fiche G Der Vorstand des Deutschen Eisenbahner- Verbandes hat sich in feiner Sigung am 23. Mai auch mit den schweren kämpfen der Bergarbeiter zur Erlangung günffiger Cohn- und Arbeitsbedingungen befaßt. Er blidt mit Genugtuung und Bewunderung auf die tämpfenden Arbeitsbrüder und spricht ihnen ungefellte Sympathie aus mit dem lebhaften Wunsche, daß der Kampf zu einem für die Arbeiterschaft fiegreichen Ende führen möge. Der Vorstand des Deutschen Eisenbahner- Berbandes fordert seine MitHerriot bei Poincaré. Paris, 23. mai.( Eigener Drahtbericht.) Herriot ist am Freitagmorgen von Poincaré ins Quai d'Orsay gebeten worden und hat dort mit ihm eine zweistündige Aussprache über die außenpolitische Cage gehabt. Ein Kommuniqué darüber ist nicht ausgegeben worden. Herriot selbst hat den Journalisten jede Auskunft verweigert. Die verschiedenen Besprechungen, zu denen Herriot und Painlevé in den letzten Tagen von den Machthabern des alten Regimes gebeten worden find, zeigen, daß diese sich nunmehr zu der Einsicht bequemen mußten, daß sie nicht mehr über die erforderliche Autorität und Kompetenz verfügen, um auf dem Gebiete der inneren wie der äußeren Politik irgendwelche Entscheidungen zu treffen, ohne nicht Führer der neuen Mehrheit zu Rate zu ziehen. Um so befremdlicher ist, daß zu keiner diefer Beratungen ein Vertreter der Sozialisten hinzugezogen worden ist, die mit ihren über hundert Mandaten die zweitstärkste Partei der neuen Mehrheit bilden. Sozialisten und Regierung. Paris, 23. Mai.( Eigener Drahtbericht.) Nach der Entwicklung der letzten 48 Stunden läßt sich die innerpolitische Situation in Frant reich wie folgt zusammenfassen: Herriot und mit ihm alle maßgebenden Politiker der bürgerlichen Parteien des Linksblocks wünschen nach wie vor, daß die Sozialistische Partei die Konsequenzen aus dem gemeinsam errungenen Siege ziehen und sich zur Mitübernahme der politischen Berantwortung entschließen möge. Die Aussichten dafür find inzwischen allerdings kaum größer geworden. Wenn auch inner halb der Fraktion die Bertreter des Ministerialismus entschieden an Beden gewonnen haben, so haben sich eine ganze Reihe Provinzorganisationen, zum Teil einstimmig, zum Tei mit großer Mehrheit, bereits gegen den Eintritt sozialistischer Politiker in die neue Regierung ausgesprochen. Kommenden Sonntag findet der sozialistische Bezirksparteitag abend wollte der Steiger Roß von der Zeche Glückauf einigen Bergleuben, die von Kommunisten angegriffen wurden und um Hilfe riefen, beispringen. Als Roß die Straße betrat, fiel ein Schuß, durch den er sofort getötet wurde. Preußen und der Ruhrkampf. Am Sonnabend findet eine Sigung der preußischen Staatsregierung statt, die zu den durch den Arbeits. tampf der Bergarbeiter aufgeworfenen Fragen Stellung nehmen soll. Am Montag beginnt dann im Preußischen Land tag die große Aussprache über den Bergarbeiterfonflitt. ( Weibere Nachrichten auf der 3. Seite.) für Baris statt, dem man mit großem Interesse entgegenfieht, weil natürlich die Koalitionsfrage im Vordergrund steht. * Abg. Genoffe Auriol, der sich seinerzeit gegen das Wahlkartell mit den Lintsbürgerlichen ausgesprochen hatte, veröffentlicht im „ Populaire" einen äußerst eindringlichen und mit starken Argumenten versehenen Artikel für den Eintritt der Sozialisten in die Regierung. Paris, 23. Mai.( Eigener Drahtbericht.) Loucheur hat sich beeilt, noch rasch vor seinem Abgang die feit längerer Zeit geplante Schaffung eines Beirats für die Wirtschaft in die Tat umzusehen. Das Komitee, das dem Handelsministerium angegliedert wird und deffen Präsident der jeweilige Handelsminister ist, soll aus brei Parlamentariern, dem Präsidenten der Handelskammer von Baris, den Präsidenten von fünf Handelskammern der Provinz, 19 Vertretern der industriellen Verbände sowie einer Anzahl Dele gierten der Bankwelt und des Kleinhandels zusammengesetzt sein. Nur die Arbeiterschaft ist in diesem Beirat nicht ver. treten, obwohl die erste Anregung dazu von den Gewerkschaften ausgegangen ist. Die neue Mehrheit wird hoffentlich nicht zögern, hier gründlich Remedur zu schaffen. Arbeiterwahlfieg in England. Man muß sein Gehirn schon ein bißchen anstrengen, um den Wih dieser Formulierung zu verstehen. Herr Hergt hat bekanntlich in seinem berühmten" Lokal- Anzeiger"-Gespräch, in dem er über das große Wunder zur Rechtsregierung" orakelte, von den unverzichtbaren Vorbehalten" gesprochen, die diese Rechtsregierung machen müsse, hat sich aber, Staatsmann, der er ist, über die Art diefer Borbehalte nicht ausgesprochen. Nun wird die freudige Entdeckung gemacht, daß feine Vorbehalte genau dieselben sind, die die Sachverständigen auch schon in ihrem Gutachten gemacht haben. Damit ist die Brücke geschlagen, der Tunnel durchbrochen, der Bürgerblock auf die Beine gebracht, das Gutachten angenommen. Es tommt nur auf das Glück der Stilisierung an! Indes, den Deutschnationalen war die Stilisierung immer noch nicht schön genug. Sie wünschten eine Umarbeitung des Elaborats in dem Sinne, daß die Vorbehalte" möglichst in den Vordergrund gerückt würden. Man muß doch seinen Leuten zeigen, wie tüchtig man gewesen ist. Darüber kam es zu der schon bekannten Stocung und heute geht das zu der schon bekannten Stockung Theater weiter. Als Tatsache darf man konstatieren, daß die deutschnationalen Unterhändler so schief liegen, daß man schon so ziemlich von einem Umfall reden fann. Es handelt sich ihnen anscheinend nur noch um die Drapierung, um die Bemäntelung. Aber selbst wenn ihnen die Mittelparteien in diesem Punkt noch entgegenkämen, so bliebe es äußerst zweifelhaft, ob sie mit dem Ganzen in ihrer Fraktion durchdringen würden. Aber das Vergnügen, die Deutschnationalen hineingelegt zu haben, tönnte Deutschland außenpolitisch teuer zu stehen kommen. Es ist doch schließlich fein Geheimnis, das man mit dem Landesverratsparagraphen schützen kann, daß sich die Deutschnationalen im Wahlkampf Condon, 23. mai.( Eigener Drahtbericht.) Bei der Nach els fanatische Gegner jeder Erfüllungspolitik geberdet haben. wahl in Liverpool fiegte der kandidat der Arbeiterpartei Gabbins Die Erklärungen einer deutschen Regierung, in der Deutschmit einer Mehrheit von 1471 Sammen über den konservativen Kan- nationale figen, würden draußen von vornherein mit Mißdidaten. Dieser Wahlbezirt war bisher von den konsertrauen aufgenommen werden. Ergibt es sich dann, daß diese vativen vertreten und galt fiets als eine ihrer Hochburgen. Erklärungen stilistische Kunstwerte find wie das jetzt zur VerDie Liberalen stimmten gefchloffen für die Arbeiterpartei. Zu handlung stehende Schriftstück, daß sie mit doppelten Böden, einem Bertreter des„ Daily Herald" äußerte Macdonald, dieser Versenkungen und Hintertüren versehen find, dann fönnen Wahlausgang zeige die Aussichten der Labour Party für eine tom- wir ein Echo erleben, das uns nicht freundlich in die Ohren mende Neuwahl; der Sieg in Liverpool jei nicht nur die Gewinnung flingen wird. eines Sihes durch die Arbeiterpartei, sondern vor allem ein Ver. trauensvotum der Wählerschaft für die Arbeiter. regierung Dieser ganze Versuch der Mittelparteien, zu einem Bürgerblock mit den Deutschnationalen zu gelangen, ist überhaupt nur innerpolitisch verständlich. Außenpolitisch gesehen ist er ein gefährliches Spiel. Für dieses ganze Kulissengeschiehe, das sich jetzt bei uns vollzieht, hat man draußen in der Welt nicht das geringste Verständnis. Wenn schließlich auch endlich doch aus alledem nichts wird, und wenn eine neue Mittelvegierung kommt oder die alte wieder» kommt, wird sie ihre außenpolitische Situation durch die vor- ausgegangenen Verhandlungen erschwert finden. Es ist keine Zeit zu verlieren! Jedermann weiß, daß das Sachverständigengutachten von der Regierung Marx als Grundlage der Reparationsregelung schon angenommen ist und daß die Wahlen eine Mehrheit ergeben haben, die sich mit dieser politischen Handlung einverstanden erklärt. Die Stellung der Opposition gegen das Gutachten ist von den Deutschnationalen— der ersehnten„Futterkrippe" zuliebe— preisgegeben worden und nicht mehr zu halten. Jetzt muß gehandelt'werden und rasch gehandelt werden! Daß die Regelung der Reparationen nach den Vor- schlügen der Sachverständigen erfolgen wird, daran ist nicht zu zweifeln. Jeder Tag, um den die Ausfüh- r u ng beschleunigt wird, ist Gewinn, jeder Tag, um den sie verzögert wird, gefähr- l i ch e r V e r l u st. Denn jeder Tag der Verzögerung, jede Unklarheit rückt den Zeitpunkt,. an dem die Aufhebung der Micum-Lasten, der Zoll-Linie, der Eisenbahnregie, die Frei- lassung der Gefangenen, die Wiederzulassung der Ausgewie- senen erfolgen wird, in die Ferne. Dazu kommt entscheidend die gefährliche wirtschaftlich« Lage. Die Ren- tenmark ist nur noch durch das brutale Mittel einer äußersten Kreditverknappung haltbar, wir brauchen Auslandskredit und solide Fundierung der Währung zum täglichen Brot. Zugleich werden an den amerikanischen Kapitalmarkt von anderer Seite her die größten Anforderungen gestellt. Wer die kostbare Zeit in parlamentarischen Intrigen ver- zettelt, lädt eine ungeheure Verantwortung auf sich. Eine Klärung muß eintreten. Sie duldet keinen Aufschub. deutschnationale Parlamentsjournalistik. Die„Deutsche Tageszeitung" und die Hitze. Entweder ist dem Parlamentsredatteur der„Deutschen Tages- zeitung" die Hitze ins Gehirn gestiegen, oder die Redaktionsferien haben in der„Tageszeitung" bereits begonnen, so daß«in eifriger, aber politisch noch in den Kinderschuhen steckender Sommer. redokteur die immerhin wichtigen Fragen der Regierungsbildung be- handelt. In dem gestrigen Abendblatt der„Deutschen Tageszeitung" finden sich an der Spitze des Blattes in knapp zwanzig Zeilen zwei ausgewachsene Enten von erschütternder Komik. Zunächst wird geheimnisvoll versichert, die Kandidatur T i r p i tz sei der Linken nicht unsympathisch: „Aber auch andere, noch weiter linksstehende b«> amtete Persönlichkeiten spielen in der ganzen Situation eine Rolle. Man beachte beispielsweise, daß in der sozial- demokratischen Presse der sonst so scharf attackierte Name des Admirals heut« überhaupt nicht genannt wird." Weich genial« Ahnung von der Verbindung der Zusammen- hänge! Der„Vorwärts" hat Tirpitz nicht genannt, da der Fall erledigt war— also, so schlußfolgert die„ Tages zeitzing", sym- patisieren„linksstehende beamtet« Persönlichkeiten" mit seiner Kan- *'datur. Do stehst« machtlos viz.a-v!« Aber dann meldet das deutschnationale Organ weiter: „An der neuen Besprechung nahm bezeichnenderweise auch der Abgeordnete Hertz von der Soziakdemokrati« teil" Man denke, die„Deutsche Tageszeitung" hält es für glaubhaft. daß Sozialdemokraten mit Deutschnationalen Wer Regierungs» b'ldung verhandeln, sie hält e« sogar für glaubhaft, daß Deutsch- national« mit Sozialdemokraten verhandeln! Die Herren müssen aber u m lt« l l u n g s fr« u d i g sein, daß sie so blühenden Blöd- nnn glauben und denkenl Wir wollen ihnen verraten: Genosse Hertz ging in die Tür unseres Fraktionssekretariats in Zimmer 9, nicht ins Verhandlungszimmer Zimmer 10. Der Herr Redakteur, der so und auf Grund solcher Informationen in der größten deutschnationalen Zeitung über die Verhandlungen über dt« Re- gierungsbildung berichtet, hat sich in der Tür geirrt. Es war gestern wirklich sehr heiß, und dem deutschnaiionalen Journalisten mag es n o ch schwüler gewesen fein. Die Sesprechungen im Reichstag. Ein parteioffiziöser Bericht. Die Verhandlungen der Mittelparteien mit den Deutschnationalen begannen am Freitag vormittag um 10 Uhr und wurden nach einer kurzen Unterbrechung um 2 Uhr auf Sonnabend vormittag 10 Uhr vertagt. Die verhandelnden Parteien oeröffentlichen über die De- sprechungen folgenden Bericht: „Die bereits angekündigten Verhandlungen nahmen Freitag vormittag unter der Leitung des Fraktionsvorfltzenden der Deutschen Volkspartei Dr. Scholz ihren Anfang. Es fand eine eingehend« Be- sprechung über die sachlichen Grundlagen einer gemeinsamen Regierungsbildung statt. Die Personenfrag« wurde offen- gelassen. Den Besprechungen lag eine von der Deutschen Volks- partei herrührende mit anderen Parteien besprochene Ausarbeitung zugrunde. Die Verhandlungen wurden allgemein als vertrau- lich bezeichnet, insbesondere verpflichteten sich die Teilnehmer, die erwähnte Ausarbeitung einstweilen nicht zu veröffentlichen. Di« Verhandlungen werden Sonnabend vormittag 10 Uhr in gleichem Kreffe fortgesetzt. Ver ßall Tirpitz. Eine deutschnationale Provokation. Die Kandidatur Tirpitz sst erledigt— der Fall Ttrpitz bleibt. Der Fall nämlich, daß dieser Mann es wagen kann, sich als parlamentarischen Reichskanzler präsentieren zu lassen, und daß die Deuffchnotionaken e« wagen, ihn zu präsentieren. Tirpitz hat in seiner Amtszeit mehrere Mal« den Reichstag dreist, belogen, um sein« gegen England gerichteten Motten- Pläne zu verschleiern. Er setzte falsche Ziffern in die Motten- vorlagen 1899-1900, so daß sich Bebel gezwungen sah, ihm im Reichstag vor aller Oeffentlichkeit groben Betrug gegenüber der deutschen Volksvertretung vorzuwerfen. Ein Privatmann, der so wie Herr Tirpitz gegenüber dem Reichstag handle— so führte Bebel aus— würde wegen Betrugs auf die Anklage- bank kommen. In der gleichen Weis« rechnete Eugen Richter mit den Fälscherkünsten des Staatssekretärs v. Tirpitz ab. Er erklärt« eine» Tages: „Ich habe hier schon über hundert Minister kommen und gehen sehen, aber nicht einen, dessen Mitteilungen und Erklärungen man so wenig Vertrauen schenken könnte wie Herrn v. Tirpitz." Aber der Mann des groben Betruges und des mangelnden Vertrauens wurde trotzdem von den Deutsch- nationalen in einem Augenblick als Reichskanzlerkandidot präsen- tiert, wo nur derjenige das Amt des Reichskanzlers bekleiden kann, der allgemeines Vertrauen, besonder» im Ausland«, genießt. Auf Tirpitz trifft das Gegenteil zu. Englisch« Blätter betrachten die Kandidatur Tirpitz als«in« Kampfansage gegen England. Erinnert man sich dessen, was Conrad Haußmann von Tirpitz wenige Jahr« vor dem Kriege ohne Widerspruch wiederholt öffent- lich feststellen konnte, dann wird dos Mißtrauen der englischen Press« durchaus verständlich. Bereits im April 1912 wies Haußmann in der Zeitschrift„März" nach, daß v. Tirpitz eine vom Rüstungskapital subventioniert« Pressehetz« gegen England im MarineaMt i n s z en i«rt- hat. „Der deutsche Kaiser", so hob er hervor,„hat in England erklärt, er nicht, aber das deutsche Volk sei England abgeneigt. Und er sagt«in andexmal, die Mißverständnisse seien durch Presse- Hetzereien hervorgerufen. Diese Pressehetzereien sind deutscherseits das Verdienst des Flottenvereins, und der Flottenverein ressortiert von S«. Masestät Marineminister." Die Präsentation dieses Mannes ist«in« Provokation des deutschen Reichstages, nicht minder des Auslandes. Das ist deutsch- national« Politik. England und Tirpitz. Die Meldung de,„Berliner Lotalanzeigers', daß die Deutsch- nationalen in England Fühlung wegen einer Kanzlerschaft Tirpitz genommen hätten, ist— zumal Tirpitz ja nach dieser„Fühlung- nähme" als Kanzler vorgeschlagen wurde, in England so oerstanden worden, daß der„Lokalanzeiger" Tirpitz als persona grata in England bezeichnet hätte. Dazu erhalten wir von unserem Londoner Vertreter dies« Funkdepesche: Zu der Behauptung des Berliner„Lokalanzeigers", Tirpitz fei in England persona grata, schreibt„Manchester Guardian", es wäre interessant, die Herkunft der Behauptung festzustellen und zu wissen, wo sich in England jemand findet, der eine Kanzlerkandidatur Tirpitz billig«. Dies« Frage des großen liberalen Blattes zeigt ebenso wie die Haltung der gesamten Presse, daß die Behauptung des„Lokal- anzeigers" grundlos und vielleicht sogar gegen besseres Wissen auf- gestellt ist. Tirpitz und Ludendorff. München, 23. Mai.(Eca.) Zu Pressemeldungen über eine An- Näherung zwischen Tirpitz und Ludendorff schreibt der „Courier", das Organ Ludendorffs: „Wir sind in der Loge, mitzuteilen, daß die Meldung in dieser Form nicht zutvifst. Zwischen General Ludendorff und Admiral o. Tirmtz fand eine einzige Besprechung vor den Reichstags- wählen statt. Diese Besprechung trug in der Hauptsache rein per- sönlichen Eharakter. Ein neuerlicher Annäherungsver- such von feiten des Sllunirals v. Tirpitz hat nicht stattgefun- den. Generell Ludendorff steht im übrigen nach wie vor auf dem Standpunkt, daß die Voraussetzung für die Unterstützung der Deutschnotionalen durch die Nationalsozialistische Freiheitspartei die frundsätzliche Ablehnung der Ersüllungspolirik und im übrigen be- onder» die Ablehnung des Sachverständigengut. achten» bildet. Bei der seinerzeitigen Besprechung mit dem Groß- admiral v. Tirpitz glaubt« General Ludendorff bei Tirpitz die gleiche Auffassung feststellen zu können. Di« Stellung der Fraktion der Nationasozialistischen Freiheitspartei im Reichstag zu einem Ka- binett Tirpitz wird wesentlich davon abhängen, ob man mit der bisherigen deutschen Außenpolitik radikal zu brechen entschlossen ist oder nicht." vor öegknn üer Reichstagstagung. Reichstagspräfident Genosse Lö be hat sämtlichen Mitgliedern de» Reichstag« folgende Mitteilung zugehen lassen: Für die ersten Sitzimgstage des Reichstags sind so zahlreiche Anträge auf Besucher- imfc Tribünenkarten gestellt worden, daß diese Wünsche auch nicht im entferntesten«rMt werden können. Um«ine Ueberfüllung des Gebäudes an diesen Tagen zu verhindern, wird angeordnet, daß vor Eröffnung der Sitzungen nur Besucher mit Wiswetsen, die vom Bureau des Reichs- tags ausgestellt sind, Zutritt zum Hause erlangen. Vom Sitzungs- beginn an werden weitere Besucher in beschränkter Anzahl zuge- lassen und den Abgeordneten gemeldet. Bei stärkerem Andrang muß mit zeitweiliger Sperrung des Zutritts gerechnet rverden, woraus die verehrten Mitglieder des Reichstags ihre etwaigen Gäste am besten im voraus aufmerksam machen«ollen. Die neugewähl- ten Abgeordneten werden gebeten, um Irrtümer von vornherein zu vermeiden, ihr« Karten zur Legitimierung bei sich zu führen. Ruth schmeißt Rechtser raus. halle, 23. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Der bisherige Land- tagsabgeordnet« Schumann ist erst kürzlich von seinen Borge- setzten Ruth Fischer und Schalem strafversetzt worden, weil er genwgt hatte, an der Unfehlbarkeit der„linken" Taktiker Zweifel zu äußern. Das Hot ihm die Zarin Ruth so perübeit,i daß man sich mit der einfachen Verbannung nicht begnügt«, sondern ihm auch das am 4. Mai errungene Reichstagsmanhat wegen der durch Zugehörigkeit zum„Sumpf" erwiesenen Unwürdigkeit ab- erkannte. Er hat dem Wahlleiter des 11. Reichstagswahlkveises die Nichtannahme des Mandats mitteilen müssen. Als Vertreterin der linken Taktik tritt«m sein« Stell« Hedwig Krüger aus Hall«, die in ihrer Heimat„blutige Hedwig" genannt und durch ihr« Roll« im H ö l z- P u t f ch der Oeffentlichkeit nicht unbekannt ist. Sie macht im Gegensatz zum.Sumpfbruder" Schumann in chemiich reiner Linkstaktik und soll der Reichstagsstaktion der KPD. den längst fehlenden Schwung verleihen. der Sucklige. Von Elvira Rosenberg. Nein, sie hatte unrecht, dos Fräulein Krüter. Kleine Leute werden nie ecwas. Immer lachen die Großen über sie. Dos war auch so bei den Erwachsenen. Immer würde er Hänne heißen... nie Johannes. Würden sie ihn nicht sonst Hans oder Hänschen rufen...? Weil er einen Buckel hatte... Freilich, besser war» ja schon, wenn sie so sagte und ihm dabei hübsch langsam über das Haar strich, als wenn die Mutter stöhnte: „Du bist auch zu nichts nutze, als Doktor und Apotheker reich zu machen. Dich werde ich wohl auf dem Hals« haben, solang« ich noch krauchen kann." Ja, dos war Hänne« größte Angst, daß er einmal nie Geld oerdienen werden könne. Bucklige Leute müssen Uhrmacher lernen, weil sie keine Muskeln haben, nicht hoch langen können. Das wären drei Jahr« Lehr« gewesen. Und wie er davon einmal angefangen hatte, war die Mutter hochgefahren:„Woher nehmen wenn nicht stehlen." O, wenn er doch Fräulein Krüter» Kind ge- wesen wäre... Banonenschokolade von Sarvtti hott« sie ihm da» letztemol geschenkt. Mutter durfte davon nichts wissen. Fräulein Krüter war«in« Rote und schon zweimal ausgesperrt worden. Und wenn der Meister das sah, mit der Schokolade und so... tonnt« e» der Mutter schaden. Und Vater war tot. Zum Verdienen war keiner weiter da. Don der Mutter aus war es fest, daß er alles von der Wirffchaft lernen sollte, damit er zu Hause bleiben konnte und alles besorgte, wenn Mutter von der Fabrik kam, müde und hungrig war. Mutter war nicht gut zu ihm, und er gab sich doch solche Mühe... Manchmal lachte sie wohl, stieß und knuffte ihn nicht, wenn er alles blitzeblant gescheuert und sogar die Strümpfe gestopft hatte. Dann nahm sie seine Hände und sagte:„So'ne langen, schmalen Dinger. Wo haste die bloß her. Wo Dein Vater zufaßte, wuchs kein Gras mehr. Zum Schluß bekam er«ins an den Kopf:„Wenn Du wenigstens lernen würdest!" Das fiel ihm schwer. Wie tonnte er aufpassen, wenn sie ihn immer hänselten, und wehren konnte er sich nicht; zu Hause aber hatte er soviel zu tun, daß er seine Schul- arbeiten nicht richtig machen konnte. Hänne kam mit Mutter von der Kirche, von der Einsegnung. Fräulein Krüter hatte ihn wollen in die Jugendweihe bringen Sehr hatte er gebeten, das doch zu tun. Soviel schöner war das olles dort. All«, dte zur Jugendweihe gingen, oerhöhnten ihn nicht � Aber dafür war die Mutter nicht zu haben gewesen.... Groß und breit stand Fräulein Krüter in der Küche: „Und was wird letzt mit dem Jungen? Soll er bis an sein Lebensende Strümpfe stopfen und Heimarbeit schwitzen?" „Na, Krütern, Sie sind wall von Iott und alle Welt verlassen? Das is doch woll meine Sache, was ich mit meinem Jungen mach«'" „Ja. für die Eltern die vom Pfarrer sich die Kinder fürs Leben mechen Xss.en, bleiben sie der Eltarn E gentum und Haibtotschlaoe- iachs. aV.'für uns moderne Leute, für die Roten, liebe Steinmann, sind die Kinder nur für sich selbst da. Der Junge muß m die Lehre. Wem, Sie mal die Aug» zumaK», was denu denn? Kehk" Nun ging es los. Ein Wort gab das ander«. Hänne grub den Kopf in beide Hände. An seinem Einsegungstag. Schon wie er heut morgen sich im Spiegel gesehen hatte mit dem blauen Anzug, den die Mutter für schweres Geld hatte noch Maß machen lassen müssen, war er so traurig geworden. Alles schlubberte an ihm herum.... Und plötzlich wuchs in ihm riesengroß so«in Hartes, Festes. Er stand auf: „Mutter, Fräulein Krüter hat recht. Du kannst ja mit mir machen, was Du willst. Aber daß ich nicht einmal ins Wasser gehe, das kannst Du nicht verhindern. Und dos tue ich, wenn ich mchts weiter werde als was ich schon bin, der Bucklige." Fräulein Krüter warf die Tür zu.... Verblüfft starrt« ihn die Mutter an. Dann setzt« sie sich auf die Kohlenkiste und sing bitterlich an zu weinen. Und es war, als wenn alles Leid, das die grausame Mitjugend Hänne so reichlich zugeteilt hatte m seiner Kindheit, mit erneuter Wucht vor ihm auf- stand. Er schlang seine Arme um der Mutter Hals und weinte herzbrechend mit. Sie rechnet« ihm vor, wie bei dem kleinen Fabriklohn es ja gor nicht möglich sein würde, ihn drei oder vier Jahre zu erhalten. Di« Dämmeruna war herabgesunken, und immer noch hockten sie beide in der dunklen Küche aus dem Kohlentasten.... Aber es dünkte Hann« mit einem Mol« als die schönste Stunde seines Leben» bisher, denn die Mutter hatte ihn in ihre Arme genommen, ge- streichelt und geküßt und dabei so gut und so weich gesagt:„Mein armer, armer Junge..." Da dachte Hänne bei sich, es ist auch besser so.... Auch im Handwerk nehmen sie immer erst die Gesunden, Kräftigen. Weh«, wenn er dann der Mutter zur Last gelegen hätte. Auch hätte ihm Uhren reparieren gar keinen großen Spaß genmcht... au» Gold schön« Schmucksachen herstellen, das wäre etwas gewesen.... So sagt« er auch zu Fräulein Krüter.... Di« aber ruhte nicht und hatte einen Genossen in der Partei ausfindig gemacht, und eines Tages gab sie Hänne einen Zettel mit dessen Adresse. Und so kam es, daß Hann« bei voller Kost und einem Anzug in die Goldschmiedewertstatt des größten Geschäfts der Stadt aufgenommen wurde. Sein kleines bis dahin so oft verwundetes Herz fing an zu heilen und füllt« sich mit einer großen Liebe, mit der Liebe zur Arbeit. Cr blieb zwar das Aschenputtel der Wert- statt, er konnte das Zeichnen nicht lernen, aber er vergaß, daß er oerwachsen war.... Drei Jahr« waren vergangen. Eine eilige Arbeit sollt« fertig. gemacht werden: da erkrankten zwei Gesellen an der Gripp«. Der Meister konnte nicht alles ollein machen. Er gab die Stein«, Saphire, gelbe und weiße Brillanten Hänne mit Zagen. Die Zeich« nung war verschwunden dazu. Hänne war der einzig«, der sie sich näher angesehen hatte. Und so arbeitete er aus dem Kopf. Nur macht« es ihn unfähig, wenn der Meister ihm auf die Hände sah. Heimlich arbeitete er alles vor. und am Sonntag, gleich nach Hell. werden, ließ ihn der Wächter ein. um dos Stück fertig zu machen____ Sprachlos stand am Montag der Meister davor. Siedendheiß wurde es Hänne. Denn es hätte wohl noch manches anders gemußt. Da-u aber fehlten ihm nocb Steine und Metoll. Daß es die ur- fprünglictre Form nach der Zeichnung nicht war, tonnt« der Meister nicht wissen. Hänne konnte zwar nicht zeichnen, aber in feinem Kopf« stand alle» ausgemalt. Mit dem Werkzeug fc« ffiotttias zeichnete er au» freier Hand seine Arbeit.... Der Meister holte den Chef. Der kniff«in Auge zu: „Und daß wir so was als Lehrling im Hause haben, bemerken Sie erst auf dies« Weise?" Hännes Herz macht« ruck, ruck und schien zu stehen.... Jetzt flog er hinaus...! Wie konnte er auch«igen« Neen hoben. Immrr nur Aschenputtel in den Werkstätten, Handlanger den anderen, dazu langt« es. Da drehte sich der Chef herum-„Ihre Sauklaue im Zeichnen müssen Sie verbessern. Melden Sie sich auf der Kunstgewerbeschule für die Abendkurse. Dafür fangen Sie morgens später an."... Er ging. Hann« aber erlebte in diesem Augenblick sein« ureigentliche Ge- burt. Groß und breit stand Fräulein Krüter vor seinem inneren Auge:„Auch klein« Leute können wertvoll sei.... Paß mal auf. Du mit Deinen langen feinen Fingrn wirst es einmal. Darauf iß man die Schokolade. Fein, was? Und so sein wird es später. Es muß doch auch kleine Leute geben." »- J£!!� Schmerz zog durch sein« Brust. Warum hatte vto* I+c ,u*