Abendausgabe Nr. 26641. Jahrgang Ausgabe B Nr. 134 Bezugsbedingungen und Anzeigenprefe Find in der Morgenausgabe angegeben Redaktion: Sm. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-295 Tel.- Adresse: Sozialdemokrat Berlin Horwärts Berliner Volksblatt 5 Goldpfennig 50 Milliarden Sonnabend 7. Juni 1924 Berlag and anzeigenabteilung. Geschäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Vorwärts- Berlag Gmb Berlin SW. 68, Cindenstraße 3 Jernfprecher: Douboff 2506-250% Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands Die Presse zur Reichstagsentscheidung Wut der Opposition. Befriedigung in England. Die Regierung Marr hat die verfassungsmäßige Grundlage ihrer Eristenz, sie hat sogar fonkrete, bindende Aufträge der Volksvertretung. Die Bestreitung der verfassungsmäßigen Grundlage der Regierung Marr ist lächerlich vom rechtlichen Gesichtspunkte aus. Vom politischen Gesichtspunkte aus aber ist sie bösartig und gefährlich; sie unterstützt die nationalistischen deutscheindlichen Kreise des Auslandes bei den bevorstehenden Verhandlungen, fie läßt siehe Graefe im Reichstag- Staatsstreichpläne ahnen. Wer heute morgen die Zeitungen der Rechten durchsah, ftieß auf ein eigenartiges Bild: fein Wort über die Tatsache, daß der Reichstag gestern eine Entscheidung von geschichtlicher Bedeutung gefällt hat, kein Wort darüber, daß Deutschland das Gutachten annimmt, daß sich daraus große politische Konfequenzen ergeben für uns wie für die Weltfonstellation. Statt dessen ein Schrei der hellen Wut über die große Niederlage der Opposition. Die gesamte Rechtspreffe sucht den Sinn und die Bedeutung der Abstimmung im Reichstag hinter einer mit talmudistischer Silbenstecherei betriebenen Erörterung darüber zu verbergen, ob die Regierung Marg eine verfaffungsschädigen aufs schwerste die außenpolitischen Interessen bes Kreuzzeitung" und" Deutsche Zeitung" mäßige parlamentarische Grundlage hat. Die Rechte hat die flare außenpolitische Entschei dung durch allerhand Geschäftsordnungsmanöver zu verhin dern gesucht. Einträglich haben Kommunisten, Deutschnationale und Bölkische alle Abstimmungsvariationen, die möglich waren, durchprobiert. Sie sind hereingefallen, und num wüten sie über den Dreh" dieser Abstimmung. Boran der„ Lokalanzeiger". Seine But ist immerhin verständlich, hatte er doch schon verkündet, es werde wahrscheinlich gar nicht langen für die Regierung. Nun muß er beweisen, daß 7= 64 ist. Eine undankbare Aufgabe, die nicht ohne Zornesausbruch zu lösen ist. Die„ Deutsche Tageszeitung" verfällt in dem Bemühen, die Niederlage zu verbergen, fast in unfreiwillige Romit: Da der Reichstag fich bis zum 24. Juni vertagt hat, so ist sie ja menigstens auf einige Wochen gerettet. Daß fie aber mit einem moralischen Siege aus der ersten parlamentarischen Schlacht hervorgegangen sei, wird sie selber taum behaupten mollen. Neuen Glauben jedenfalls wird diese Regierung im deutschen Bolte nicht weden fönnen. Das tann, wie der b geordnete Schlange Schöningen am Schluffe feiner Eraftvollen Rede betonte, nur eine Regierung, hinter der die wirklich nationalen Willensfräfte des Boltes stehen!" Kraftvolle Rede des Herrn Schlange? Herr Schlange als Vermittler des neuen Glaubens, ausgerechnet Herr Schlange, der die moralische Niederlage der Deutschnationalen symbolisierte unter der schallenden Heiterfeit des ganzen Hauses! Die Deutsche Beitung" macht Herrn Wallraf für den Sieg der Erfüllungspolitik verantwortlich: „ Es bleibt ein Rätsel, welche Beweggründe den Reichs. tagspräsidenten zu einer Abweichung von diesem Brauche veranlaßt haben mögen. Man kann sich dem Eindrud nicht verschließen, den auch der tommunistische Abgeordnete Roenen sofort zum Ausdrud brachte, daß sowohl der Reichs tagspräsident, als auch vielleicht ein Teil der deutschynationalen Abgeordneten einen Bersuch unternahmen, den fofor tigen Sturz ber Regierung zu vermeiden, und man versteht, daß sich namentlich in den Kreifen der Nationalsozialisten eine starte Empörung geltend macht." Neben diesen Aeußerungen des Zornes und der Berfegenheit aber stehen auch politische Säge, die auf gewiffe Absichten schließen lassen. So schreibt die Deutsche 3eitung": Reiches, um ihren Groll über die verdiente Niederlage, über das Scheitern der Machtergreifungspläne der Deutschnationalen freien Lauf zu lassen. Sie zeigen offen, daß sich ihnen die deutsche Politik nur um diese Pläne dreht, und daß fie auf alle nationalen Interessen pfeifen, wenn ihnen nicht die Regierung ausgeliefert wird. Aber die Welt dreht sich nicht darum, ob die Deutschnationalen auf den Minister fesseln sizen oder nicht, und die Entscheidung, die gestern fiel, ging nicht um die Personen der Regierung, fie ging um den Kurs der deutschen Außenpolitik, um Gedeih und Zukunft des deutschen Volfes. Alle Schweigefünfte, alle Talmudisterei der Rechtspresse täuschen nicht darüber hinweg: Deutsch land hat das Gutachten angenommen. Das Echo in England. Condon, 7. Juni.( WTB.) Das Ergebnis der geftrigen Abftim mung im Reichstag wird von der Presse als ein Erfolg des deutschen Kabinetts und als ein Sieg des Reichstanzlers Marg bezeichnet. Stresemanns Rede wird von den Hauptblättern in langen Auszügen peröffentlicht. Das„ lette Experiment". ( Bon unserem römischen Korrespondenten.) Rom, Anfang Juni 1924. Die Arbeiten auch der neuen italienischen Rammer fangen gut an. Schon bei einer der ersten Sizungen ist es zu einer regelrechten Prügelei gekommen, bie den Ausblick auf eine Reihe recht dynamischer" Sizungen eröffnet. Nun find ja Tätlichkeiten im italienischen Bartament, wie in den meisten Barlamenten Europas, schon ge legentlich vorgekommen, wenn die Geister sehr erhitzt waren: aber immer waren es dann Fraktionen der Minderheit, die aneinander gerieten. Der Weberfall der Mehrheit auf die Opposition gehört nicht zu den italienischen Gepflogenheiten. Mussolini hat diese Kammer das letzte Ermuß schon sagen, daß die Bedingungen, unter denen erperiperiment des italienischen Parlamentarismus" genannt. Man mentiert wird, recht ungünstig sind. Der Kammerpräsident, der Abgeordnete Roco, entbehrt jeder parlamentarischen Erfahrung, denn er ist erst in seiner zweiten Legislaturperiode, und mehr noch fehlt ihm jedes Prestige, wie jede törperliche Fähigkeit, sich zur Geltung zu bringen. Er rebet nur durch die Klingel und seine Mehrheit hört nicht auf ihn. Es flingt wie ein schlechter Wih, daß einer der Vizepräsiden ten ein gewisser Giunta ist, der in der vorigen Legislatur periode mit dem Revolver in der Kammer erschien, und der noch unlängst in Biazza Colonna gelaffen das große Wort aussprach, daß es für ihn eine Kleinigkeit sei, einen Resolver. schuß abzugeben. Als Vizepräsident wollte Giunta wirtlich zum Frieden sprechen, aber bei diefer ungewohnten Aufgabe rutschte ihm die Bunge aus, so daß er die Opposition als Masnada" bezeichnete, was sich ungefähr mit Lumpen pad übersetzen ließe. Diese Bezeichnung war nicht gerade geeignet, Del in die mildbewegte Flut von Montecitorio zu gießen. Die Wahlprüfungstommission hatte vorgeschlagen, die Mandate von 200 Abgeordneten der Mehrheit im Blod als richtig anzuerkennen. Daraufhin gab Genoffe Matteotti eine ins einzelne gehende Befchreibung der Art, wie die Wahlen stattgefunden hatten. Unfern Lefern find diese Dinge ja bekannt: die Ueberwachung der Wahlkabinen durch die Wehrmänner der faschistischen Miliz, die Unmöglichkeit der nichtfaschistischen Parteien, ihre Vertreter der Wahlhandlung beiwohnen zu lassen, die gewaltsame Verhinderung der Opvofitionsfandidaten, in ihrem Wahlkreis fich aufzuhalten oder zu reisen usw. Zum Schluß gab Matteotti der Ansicht Ausdruck, daß die zu Recht abgegebenen faschistischen Stimmen wahrscheinlich nicht einmal die gesetzlich vorgeschriebenen 25 Broz. aller abgegebenen Stimmen ausmachten und beantragte, die ganzen Wahlen im Blod für ungültig zu erklären, oder sie zum mindesten einer Erhebungsfommission zu überweisen. Es ist begreiflich, daß eine derartige Rede der Mehrheit nicht gefiet. Man darf auch in Wahlsachen nicht vor feufchen Ohren nennen, was feufche Herzen nicht entbehren fönnen". Nach einem Mordspektakel, dessen Wortschat nicht gerade nach einer neuen Aristokratie, sondern mehr nach dem Martte roch, kam dann die besänftigende Rede" Giuntas, der die Sozialisten beschuldigte, das geistige Patrimonium" des Faschismus beleidigt zu haben, um dann die ganze Oppofition versöhnlich als ein Lumpenpad unter seine Friedens fittiche zu nehmen. Die Folge war eine Forderung des Generals Bencivenga, eines Abgeordneten der fon stitutionellen Opposition, an Giunta, der ihn auch persönlich angerempelt hatte, und ein Beschluß, den das Direktorium her Faschisten- Partei am 31. Mai von Stapel ließ. Dieser Beschluß lautet: Times fchreibt in einem Leitartikel, die Lage in Deutschland sei in ihrem Einfluß auf das allgemeine europäische Problem min. destens ebenso wichtig wie die seltsame Lage in Frankreich. Reichstanzler Marr habe nach fruchtlosen Verhandlungen mit den Deutsch nationalen beschlossen, von neuem gemeinsam mit einem früheren Kollegen die Berantwortung zu übernehmen. Er sei dem neuen Reichstag gegenübergetreten, habe eine auf die Annahme des Dawes Berichts als Ganzes gegründete Bolitik auseinandergefegt und habe zum Schluß einen Steg gewonnen. Die Mehrheit, die Marr gestern im Reichstag erzielte, fei zwar gering und sei nur mit der Sozialbe motratie erreicht worden, die in der Regierung nicht vertreten seien und die in einer wirffamen Rede eines ihrer fähigsten Vertreter, 23 be, barauf bestanden hätten, daß die Last der Reparationen nicht nur von den ärmeren lassen getragen werden dürfte. Auf jeden Fall aber hate die Regierung Marg ein Bertrauensvotum erzielt und fönne vorläufig ihre Bemühungen, für Deutschland die praktischen Schlüsse aus dem Sachverständigenbericht zu ziehen, fortfeßen. Die Deuts nationalen und ihre Alliierten schienen bis zu den letzten Tagen wirklich daran gedacht zu haben, daß die Annahme oder Verwerfung des Damesberichts ohne Bedeutung fei und daß fie der Regierung unter ihren eigenen Bedingungen mit Tirpitz als Führer beitreten fönnten. Die Feftigkeit des Reichstanzlers, der die Kontinuität feiner auswärtigen Politik zu ener unumgänglichen Bedingung ihrer Zu laffung zur Regierung machte, habe möglicherweise den Bernünftigeren nter ihnen die Augen geöffnet. Die patriotischeren und besser unterrichteten Mitglieder aller Parteien müßten zugleich einsehen, daß die Politik des Reichskanzlers Marr die einzige Politit fei, die Deutschland vor dem finanziellen Abgrund retten könne, dem jeder Tag des Zögerns es näherbringe. Die Lage sei ernst, und Angesichts der ersten parlamentarischen Rundgebungen einiger nur ernste Mittel tönnten sie retten. Das Angebot der Alliierten fei Fraktionen der Opposition, aus denen die vorgefaßte Abficht Barlamentarismus und Demokratie welch herrliche Begriffe ein festes Angebot, das als Ganzes angenommen oder ver hervorgeht, durch Verkennen des von der faschistischen Regierung vollfür Demokraten und Sozialdemokraten, sobald fie fich für Partei worfen werden müsse. Marg nehme Bezug auf Lücken, die aus brachten Wertes der Erneuerung und durch freche Berleug zwede ausnuten lassen; sind sie aber unbequem, dann in den Winkel gefüllt werden müßten, und er erfläre, daß gewisse politische Benung der überwältigenden Zustimmung, die das ganze Land der mit ihnen. Wir stellen aber nicht nur das fest, sondern auch die Tat bingungen einfaließlich der Räumung des Ruhrgebiets unumgäng faschistischen Revolution sowohl bei den Wahlen als durch ununter sache, daß die Regierung Marg Stresemann nicht fich seien. Es sei zu hoffen, daß diese Einschränkung nicht die fühne brochene großartige Rundgebungen der Dankbarkeit für das Regiedas Bertrauen des Reichstags besigt. Mit der Berund patriotische Politit beeinträchtgen merde, auf die der Kangler rungsoberhaupt beweist, die Rückkehr zur Normalität bes nationalen faffung mag fich das Kabinett felbft auseinandersetzen." mutig seine und feiner Anhänger politische Eristenz gesetzt habe. Lebens zu verhindern, welche Rückkehr die Thronrede fanktioniert hat, erklärt das Nationale Direttorium der faschistischen Partei, daß der Faschismus, derart in feiner hingebenden Lei. denschaft für das Vaterland verwundet und in seinen Absichten der Wiederherstellung des Friedens, des Gehorsams und der Disziplin gehindert, nicht gewillt ist, eine derartige provo alerende Haltung weiter zu dulden, die den offenkundigen willen des Landes fälscht." „ Die Regierung hat demnach ein Recht, sich auf das Bertrauen einer Mehrheit des Reichstages zu berufen. Sie ift feine parlamentarische Regierung. Sie befigt weder im Inlande noch im Auslande die mindeste Autorität, und es ist daher Pflicht jedes Vaterlandsliebenden, dafür zu sorgen, daß fie möglichst bald gestürzt wird; denn nichts ist für ein Band verhängnisvoller, als eine Regierung ohne Anfehen." Und die Kreuzzeitung": " Millerands Absichten. Paris, 7. Mai.( WTB.)" Matin" berichtet, Miller and habe gestern abend nach den mit verschiedenen Barlamentariern geführten Berhandlungen seine Absichten nicht verändert. Millerand werbe heute seine Besprechungen fortsetzen, aber der Tag werde ohne Zweifel nicht vergehen, ohne daß Millerand zur Attion schreite. Er werde einen Bolitiker, der durch seine Bergangenheit dazu bestimmt fei, das Programm der Linken durchzuführen, mit der Kabinettsbildung beauftragen. Der Präsident der Republik beabsichtige nicht, eine Politik zu treiben, die dem Wunsch des allgemeinen Stimmrechts entgegenlaufe. Man spreche von dem Generalgouverneur von Algier und Senator von Paris Steeg, der heute vormittag in Paris antomme. Trotz der abfurden Gerüchte, die im Umlauf feien, müffe erklärt werden, daß dem Präsidenten der Republik nichts ferner liege als ein Gewaltfireich, welcher Art er auch sei. Auch„ Echo de Paris" bezeichnet als den Mann, dem Millerand die Bildung des Ministeriums anvertrauen werde, Steeg. In den Wandelgängen der Rammer jei schon eine Rampagne organisiert worden, und man tündige an, Steeg merbe ablehnen. Was werde dann geschehen? Unter den Bersonen, die Millerand zu berufen gebente, werbe vor allem der Name Rios genannt. Berde aber auch das nicht möglich sein, dann werde trotzdem ein Ministerium gebildet werden, dessen erste Tat es sei, dem Parlament eine Bot schaft des Präsidenten der Republik zu überbringen, um in der Klarsten Form die ganze Frage vor das Parlament zu bringen. Die Rammer werde burch Millerand gezwungen werden, in einer öffentlichen Debatte ihre Berantwortung zu übernehmen und unzweideutig ihren Willen auszudrücken. Das führende Blatt des Blods der Linfen,„ Deuvre", beurteilt die Lage am Abend des zweiten Tages der Bemühungen des Präsi denten der Republit wie folgt: Millerand wiffe jezt, daß er nicht mehr auf die Elemente der Minderheit zählen dürfe. Die Republifaner, die er gestern gesprochen habe, hätten ihm das unzweideutig zu verstehen gegeben. Nachdem er vergeblich einen Appell an die Linksparlamentarier gerichtet habe, werde millerand jetzt ein Rechtstabinett bilben; natürlich ein Kabinett von sehr furzer Dauer, bas den Auftrag haben werde, feinen Sturz herbeizuführen, um fo Millerand einen verfassungsmäßigen Grund" zum Rücktritt zu geben. Es frage sich nur noch, ob die Regierungserklärung nach der Präfidentenbotschaft verlesen werden solle. Aber mit oder ohne Botschaft, das Kabinett werde Millerand jedenfalls in seinen Sturz mitreißen. Falls nicht unvorhergesehenes eintrete, werde man Mitte der tommenden Woche zur Präsidentschaftswahl gehen. Nach diesem Beschluß, der den Oppofitionellen fund nud zu wissen tut, daß sie den Mund zu halten haben, ist eigentlich das letzte parlamentarische Experiment" als beendigt anzusehen. Der Rest ist... Rauferei oder Fernbleiben der Opposition. Wenn die Opposition nicht fprechen fann, dann ist es nicht recht einzusehen, was sie in der Rammer eigentlich tun soll. Freilich fann sie so sprechen, wie es den Faschisten paßt, aber das tun doch die Faschisten selben schon, dazu braucht man die Opposition nicht. Die furze Probe scheint zu beweisen, daß die Faschisten in der Kammer nicht über eine hinreichende Kontrolle ihrer Nerven und nicht über jenen Grad der Eingewöhnung in das gesellschaftliche Leben unserer Zeit verfügen, um eine Opposition vertragen zu fönnen. Aud) wenn fie's gut meinen und ihren Gegner ritterlich behandeln wollen, finden sie teine anderen Rosemorte als 2umpenpad". Allerdings hat " ffmcrt hier der Ministerpräsident das Beispiel gegeben, indem er in seiner Rede an die Kammermchrheit unlängst die Min- dcrheit als„miserabel" bezeichnete, in derselben Rede, in der er der Mehrheit empfahl,„Stil" zu haben. Wenn sich nun aber die Minderheit an diesen Stil, der etwas nach Ballonmützen riecht, nicht gewöhnen kann, so stehen ihr nur.zwei Wege offen: das letzte Experiment ge» stallet sich zu einem chronifchenRauf.und Schimpf- d u e l l zwischen Mehr- und Minderheit, was eine empfindliche Konkurrenz für alle Vorstadtkneipen bedeuten würde, oder die Minderheit bleibt einfach.zu Hause, in der Hoffnung daß die Nerven und die Erziehung der jungen Erneuerer des Landes zu einem anständigen Benehmen unier sich wenigstens ausreichen mögen. Hat man dann auch kein Parlament mehr, so doch wenigstens keine Rauferei. Der Faschismus hat eine merkwürdig unglückliche Hand in all den Lagen, in denen er etwas verpatzt bat. Ein Vize- Präsident der Kammer beschimpft die ganze Minderheit(sei es auch, ohne die Absicht, zu beschimpfen, da er ein Wort seines täglichen Wortschatzes gebrauchte): der«lemen- tarsteTakt geböte dem Kammerpräsidenten, ihn zur Ordnung zu rufen und ihm etwas, wie eine formelle Zurücknahme zu ermöglichen. Statt dessen ver- hält sich der Präsident völlig passiv, das„Lumpenpack" bleibt, wie ein klerikaler Abgeordneter bemerkte, auf der Opposition sitzen, und die ReZierungspartei veröffentlicht eine Resolution. die in kurzen Worten bedeutet:„Wehe Euch, wenn Ihr's wieder tut!" Der General Bencivenqa wird sich nun mit Giunta schlagen, das„Popolo d'Jtalia" hetzt gegen die„Giustizia", die beschuldigt wird, durch ihre Titel... zum Ausstand auf» zureizen, kurz, wir werden erdrückt von lauter Normalität. Nur in e i n e m haben die faschistischen Behörden der Nerven- Verfassung ihrer jungen parlamentarischen Truppen Rechnung getragen., indem sie nämlich die Faschisten, die sich zum Zweck beständiger Provokation auf den Sitzen der äußersten Linken angesiedelt haben, ersuchten, sich andere Sitze zu wählen. Als Mahnahme„technischer Nothilfe" mag das anerkannt werden. Um aber dem„letzten Experiment" einige Chancen.zu geben, nicht in eine blutige Farce auszu- lausen, ist es doch etwas wenig... Neues zur drepfus-�ffaire. TreyfuS und Fechenbach. Von den Publikationen des Auswärtigen Amtes ist soeben ein neuer Band erschienen, der u. a. auch bisher geheimgehal- tene Akten st ückezurDreyf us-Affare enthält. Diese Dokumente werden besonders in Frankreich lebhaftes Interesse finden, da sie den letzten unwiderleglichen Beweis dafür ent- hatten, daß der des Landesverrats verdächtigte und im Jahre 1896 verurteilte Hauptmann-m französischen Generalstab, Dreyfus, das unschuldige Opfer einer antisemitisch-inilitaristi- schon Hetze und eines militärischen Justizmordes gewesen ist. Dreyfus war beschuldigt worden, zu dem deutschen Militärattache in Paris, Oberstleutnant v. Schwartz- kappen, Beziehungen unterhalten und ihm Nachrichten ge- liefert zu haben. Nun enthalten die neuesten Veröffentlichungen folgenden Geheimbericht Schwartzkoppens aus Paris vom 22. November 1898: Nr. 23. P a t i s. den 22. November 1896. PP. Was den Fall Dreyfus selbst betrifft, so hat weder die Broschüre Bernard Lazar« noch die Interpellation zur Klärung der Angelegenheit beigetragen, dieselbe bleibt vielwehr ebenso mysteriös wie bisher. Es kann von hier aus nur nmner wiederholt werden. daß p. Dreyfus auf der hiesigen Botschaft absolut unbekannt war und ist, daß weder mit ihm direkt noch miteinem Zwischenhändler jemals Beziehun. gen stattgefunden hoben, daß somit auch ein an- .geblich von Dreyfus geschriebenes und auf der deutschen Botschaft entwendetes Schrift stück. welches zu seiner V e r u rt« i l uin g geführt haben Entzauberung Ses Frühlings. Won Lola Landau. Er hatte sie unter dem falschen Licht von hundert elektrischen Sonnen einen Abend geliebt, als sie in der Maske einer indischen Tänzerin ihren Arm wie«in« Schling« um seinen Hals gelegt botte. Besinnungslos über dos weiche Moos des Saales, das irgendwie schwer nach einem Giftwald duftete, hatte er sie im Tanze fortge- schleist, bis sie sich endlich, in einer grünen Papierlaub« verbargen. Tropisch wuchs allmählich die Laube um sie zu, das Licht kreist« zu ihren Häupten wie ein« Rakete,«ine irr« fremde Sonne, sie schmiegten sich fest aneinander, wie nur Liebende es tun. Sie kannten sich nicht, sie wußten nichts von einander, und doch waren sie in ihrer Fremd- heit dem Liebesgeheimnis näher als Liebend« selber, die erst nach Kampf, Qual und Mühen in das letzt« Vergessen eingehen. Sie vir- sagten sich nichts. Aber sie begannen mit dem Ende der Leidenschaft und liehen die zaghaften süßen Attorde der Erwartung aus. So waren sie sich am Morgengrauen nur ein Spuk. Trolle, die am Tageslicht zersprangen. Monate später auf einer Beranda, über einem blühenden Garten trafen sie sich wieder. Als sie eintrat mit dem Porzellanlächeln der Gesellschaftsdame, eingepreßt in den schmalen Gang des jungen wohl- erzogenen Mädchens, zuckt« sofort das Erkennen in ihnen beiden auf. Zum erstenmal hörten sie ihre Namen nennen, die scharf in ihr Bewußtsein einschlugen. Während er sich vor ihr verneigte, tastet« er heimlich ihr« Züge ab. War dies die indische Tänzerin, dt« sich in europäische Kleider eingezwängt, in diesen Raum verirrt hatte? Waren ihre Pupillen damals nicht größer gewesen? Auch sie suchte sein brennendes Gesicht jenes Abends, das hinter dem ernsthaften gedankenschweren Antlitz irgendwo eingegipst war. Unerbittlich über- sprühte sie beide das helle starke Frühlingslicht, in dem draußen die Bäume ihre Blätter wie grün« Raupen aufrollten und sich mit ihren Armen zum Himmel aufbäumten. In einer jähen Scham der Erinnerung hüllte sich das junge Mädchen in Worte ein, in hundert schillernde Sätze begann sie sich einzuwickeln: auch er warf ihr prahlend sein Wissen zu, ein schnelles Gespräch lief zwischen ihnen im Kreise. Da— mitten im Satz ver- stummt« er. Es war wie ein Schrei. „Trägst du jetzt eine Maske oder trugst du damals die Larve?' dachte er gequält.„Welches ist deine wahr« Gestalt? Damals umarmte ich ein mänadisch wildes Wesen, heute ist es ein Wesen mit erschreckten nachdenklichen Augen." „Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?' fragt««r schroff mit lauter Stimme. „Ich entsinne mich nicht,' sagte sie zögernd. In der kurzen Paus« hatte sie sein Gesicht jenes Abend» hinter dem Gitter seiner Züge erhascht und auch sein wirkliches Antlitz hart« soll, auf der Botschaft niemals exifflert hat. Ist die Verurteilung des p. Dreyfus aber, wirklich auf«in angeblich von ihm stammendes auf der deutschen Bo'schaft entwendetes Schriisstück erfolgt, so ist die Verurteilung eine falsche und die französische Regie- ruug hcif noch der Erklärung des deutschen Botschafters gegenüber dem französischen Rlinister der Auswärtigen Angelegenheiten, daß die votscha:! keinerlei Beziehungen mit Dreyfus gehobt habe, die schwere Berankwcrtung für diesen Justizmord allein auf sich zu nehmen. gez. v. Schwachkoppen. Die deutsch« Regierung hatte damals, wie aus.dem Schriftstück hervorgeht, der französischen Regierung die Er- klärunq gegeben, daß sie zu Dreyfus in keinerlei Beziehungen gestanden halte. Dieser Erklärung wurde damals von der französischen Militärjustiz keine Beachtung geschenkt, sie meinte, es sei eben die Gepflogenheit jeder Regierung, ihre Spione zu decken. Es ist interessant, daß im Fall Fechenbach eine ganz ähnliche Erklärung von der eng- lischen Regierung abgegeben wurde, der in Deutschland genau mit derselben Begründung, deren sich die französische Militärjustiz im Fall Dreyfus bediente, jede Be- deutung adgesprochsn wurde. Fechenbach erhielt wegen seiner Beziehungen zu einem Korrespondenchureau, das angeblich ein Organ der englischen Regierung war. zu den zehn Jahren Zuchthaus, die er wegen der Veröffentlichung des Ritter-Telegramms in einem Schwei- zer Blatt erhalten hatte, ein weiteres Jahr Zuchthaus. Die Mitbeschuldigten im Fechenbach-Prozeß G a r g a s und Lemke bekamen wegen � dieser Beziehungen allein 12 und 10 Jahre Zuchthaus. Wann wird sich Deutschland von der Schande befreien, die es durch diesen dreifachen Justizmord auf sich geladen hat?_ Kemmtzerei» Der Ausgeschlossene über sei««» Hruauswurs. Hans Arthur von Kemnitz, Kaiserlicher Gesandter z. D.. M. d. R. — das ist die Besuchskarte its Mannes, der soeben aus der Reichs- tagsfraktton der Deutsch:» Volks Partei schimpflich hinausgeworfen wurde und nun die hohe Ehre hat, mit den Ouaatz und Maretzky bei der Westarp-Partei Unterschlupf zu finden. Ein echter Renegat muß der Welt kund und zu wissen tun. worum er aus der bisherigen Partei austrat oder ausg,:treten wurde. Also auch Hans Arthur von Kemnitz, Kaiserlicher Bs- sandter z. D.. M. d. R.I Im„Tag' seines neuen Parteigenossen Hilgenberg veröffentlicht er einen Leitartikel über das weltbewegend« Thema„Warum ich zu den Deutschnationalen ging". Die lang« Epistel ist in wenjg« Sätze zusammenzufassen: Di« Wahlen haben«inen Rechtsruck gezeigt. Folglich mußte die Deutsch« Volks. partei die Politik nicht Streseinanns, sondern Hergls und Westarps machen, ihren„Kurs auf dm Bürgerblock einstellen. L>e Reichs- tagssraktion tat es willig, die Parteiführer ungern". Stresemanu hat die..Groß« Koalition" ersonnen und sie ist„ihm mehr als ein Experiment, sie ist ihm Herzenssache gewesen". Di« Reich»- tagssraktion der Volkspartei hätte nach Kemnitz den Beschluß fassen müssen, nicht ohne die Deutschnattonalen in die Regi-emng einzutreten und Stresemann zu opfern. Da dieser Beschluß, auf den Kemnitz mit seinen engeren Freunden hinarbeitete,„an dem inneren Wider- streben des Parteiführers gescheitert' ist, so hat Kemnitz nicht etwa seinen Austritt erklärt und fein Mandat niedergelegt, sondern der Regierung, an der seina Parteigenossen und sein Parteisührer be- teiligt sind, das parlamentarische Mißtrauen ausgesprochen. Cr hat sich erst hinauswerfen lassen, da er selbst nicht begriff, was feine Pflicht wäre., l Der Fall Kemnitz zeigt aufs Neu« die völlige Zersetzung der Volkspartei, die einst die Well von roten Ketten befreien wollte. Er zeigt aber auch, wie außerordentlich ausgeprägt das C hrgefühl gewisser Kreise ist, die sich auf ihre Abstannnimz und ihren„kaiser. liehen" Titel so viel einbilden. Man kann es verstehen, haß.jemand,. der als Neuling in einer politischen Partei Enttäuschungen erlebt, nach langen inneren Kämpfen der Partei den Rücken kehrt. Aber daß ein Mann, dor schon fett 1929 der volksparteilichen Reichstags- fraktion cngekiört, der seit vielen Jahren im polittschm Leben steht, sich eben erst wieder«in Mandat von einer Partei verschaffen läßt sie neu zu lieben begonnen. Und als das Gesprach wieder zwischen ihnen surrte, ließ sie auf der gespannten Saite einen lockenden und zärtlichen Ton mitschwingen. Aber vergebens, er hört« ihn nicht mehr. Seinem Gefühl war sie unerreichbar geworden; wie konnte Lieb« in ihm aufkeimen, da er sie ja schon in einem Spuklicht be- sessen, ihr« eigenen Gespenster sich einmal umarmt hatten. Ein falscher Frühling hatte sie beide in einer Stunde zusammengeworfen und vor der Zeit das Blatt aus der Knospe gezerrt. Ihr war, als hörte sie seine Gedanken. Sic donnerten laut unter dem unerbittlichen Blau des Himmels. „Niemals haben wir uns gesehen,' sag"« sie kalt.„Ich habe ein« Doppelgängerin in dieser Stadt. Sie verwechseln mich wohl mit ihr.' Und leicht grüßend wandte sie sich zur Tür und schritt hinaus, während die Spur ihres Wesens noch hinter ihr in der Lust stehen blieb, eine zart gefiederte traurig« Wolke. Cia fcieüliches Volk. Krieg hat es immer gegeben, sagen die Verteidiger des Völker- mvrdens und ein dauernder Frieden widerstrebt de? menschlichen Natur. Böller als Ganzes, bchaupten sie, sind und waren noch nie Anhänger des Friedensideals. Da» stimmt nicht ganz, wenn anders der„kaiserliche Geheim- schreiber Maximiüanus Transsylvanus" recht hat. Er berichtet aus Balladolid am 23. Oktober 1S22 an Matthias Lang, den Kardinal» erzbischof von Salzburg, über di« Resse Magalhaens, die dieser zur Entdeckung der später noch ihm benannten Straße und der Moluttcn unternahm, und schreibt u. o. von der Insel.Porue'(Borneo)" „Frömmigkeit und Gerechtigkeit gilt bei den Bewohnern dieser Ge- biet« viel. Besonders geschätzt wird von ihnen Frieden und Ruh:. Sie sind Verächter des Krieges. Ihren König verehren sie wie einen Gott, namentlich wenn sich feine Tätigkeit auf Erhaltung des Friedens richtet. Wünscht«r aber Kamps � dan ruhen sie nicht«her. als bis er von der Hand des Feindes im Streit erschlagen worden ist. Wenn ze einmal der König beschlossen hat, einen Krieg zu unternehmen, was übrigens selten vorkommt, dann wird er von seinen Untertanen in di« erste Schlachtreihe gestellt, wo er den Anprall der Feinde aufhalten muß.... Nie hat«s bei ihnen einen Herrscher gegeben, der nicht in einer von ihm begonnenen Schlacht gefallen wäre. Deshalb hüten sich ihre König« vor einem Krieg Vor allem halten sie es für unrecht, ihren Landbesitz mit Gewellt zu vergrößern. Aus diesem Grunde geht ihr« Hauptsorge dahin, einen Angriff auf«inen anderen Stamm zu vermeiden Werden sie aber angearissen. dann setzen sie sich grimmig zur Wehr und suchen bald Frieden zu erlangen. Um Frieden zu bitten, gilt bei ihnen für ehrenvoll. Man oerachtet es geradezu, wenn«in Gegner sich um Frieden bitten läßt. Schändlich und hassenswert ist es. wenn einer den Frieden verweigert, selbst in dem Fall«, wo er der grundlos Ueberfallene ist...." Wären di« Völker im Weltkriege nach ähnlichen Grundsätzen ver. fahren, hätten sie ihr« Fürsten und sonstizen Götzen in die erst« Schlachtveihe gestellt,«s wäre wenig:? vom„Durchhalten' di« Red« gewesen und mehr von einem Frieden, der zum aushalten ist. p. und dann, vier Woche« nach der Wahl, ZKef« feiner Parität in den Rücken fällt, das zeigt ein solches Maß von politischer Unwahr- liastigkeit, wie es bisher noch wirklich unerhört war. Das senM« Ehr- gesühl, auf das sich die Offiziers- und Adelskreise sonst zu berufen pflege», zeigt sich hier in einer grellen Beleuchtung. Man kann die Fraktion Hergt wegen des Zuwachses aus dem Kemnitzev-Lager ebenso wenig beneiden, wie des Gewinnes halber, der ihr durch die Quaatz und Maretzky geworden ist! öazilleukurs in Schwaben. Der„Frcmdstämmling" als Ministerprässdeat. Aus Stuttgart wird uns geschrieben: Der Württembergische Landtag hat das Fasztt au» den Dahlen des 4. Mai gezogen. Die aus Bürgerpartei und Danernbund be» stehenden Deutschnationalen haben zusammen mit dem Zentrum bei offener Unterstützung der Deutschen Lolkspartei und versteckterer der Völkischsozialen eine Regierung gebildet. Die neu« Regierung kann sich