Abendausgabe Nr. 277 41.Jahrgang Ausgabe B Nr. 139 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife find in der Morgenausgabe angegeben Redaffion: Sw. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-295 Tel.- Adresse: Sozialdemokrat Berlin 5 Goldpfennig 50 Milliarden Sonnabend 14. Juni 1924 Vorwärts= Berliner Volksblatt Berlag und Anzeigenabteilung Geschäftszett 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin S. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 2506-2507 Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands Sozialdemokratie und Landwirtschaft. Stellungnahme auf dem Parteitag. Der Parteitag wurde heute am letzten Verhandlungstag mit einer Rundgebung der Trauer um den italienischen Genossen Matteotti eröffnet. Während die Teilnehmer sich von den Plägen erhoben, gedachte Vorsitzender Wels in ergreifenden Worten dieses ausgezeichneten Kämpfers und Menschen, der feigen Meuchelmördern zum Opfer gefallen ist. Unwillkürlich muß diese Mordtat an die Opfer des deutschen Faschismus erinnern und so sprach Wels auch von Erzberger und Rathenau und den vielen anderen, die den deutschen Hafenkreuzbanditen zum Opfer gefallen sind. Rache wird die Sozialdemokratie nehmen durch die Tat der Revolutionierung der Köpfe gegen Barbarei und Reaktion in allen Ländern. Der Parteitag nahm fast einstimmig die Entschließung an, die unseren Parteigenossen jede Mitarbeit an der Moskauer Propaganda- Unternehmung, genannt Internationale Arbeiterhilfe" untersagt. Das Beamtenprogramm wurde genehmigt, der Bil dungsausschuß in seinen Aemtern bestätigt. # Einen breiten Raum nahm in den fachlichen Berhand lungen die Stellungnahme der Sozialdemokratie zur Agrarfrage ein. Genofje Selling, der als Borsigen der des Vereins nordwestdeutscher Heuerleute die Nöte der Kleinbauern und Bächter aus nächster Nähe erlebt, dabei aber auch kritisch genug war, zu betonen, daß eine 3er fchlagung des Großgrundbefizes der Sozialdemokratie fern liege, forderte mit allem Nachdruck den Ausbau der Sied Jungstätigkeit und der besonderen Nugbar machung des Debgeländes. Die Enteignung von Debland stößt meist auf den schärfsten Widerstand der Eigentümer. Die Anliegersiedlung müsse ferner gefördert werden. Der Redner wandte sich gegen die Annahme, daß es zweckmäßig fei, städtische Arbeiter auf das Land zurüdzuführen. Für ihn tommt mehr die Wohnsiedlung mit seinem Landbefiz in Betracht. Ganz besonders widmete sich Helling der Frage des Pachtschutzes. Die Pachtschuhverordnung, die unter der Regierung Hermann Mül= Iers feinerzeit erlassen worden ist, ist eine politisch anerkannte Tat. Ihre Durchführung jedoch scheitert oftmals am Wider stand von Vorsitzenden der Bachteinigungsämter, die selten gegen den Großgrundbesig entscheiden. Besonders empörend ist es, wenn man hört, wie Großagrarier die Nöte der Pächter ausnußen, um einen politischen Drud auf sie auszuüben, sei es, indem sie sie zwingen wollen, dem deutschnatio= nalen„ Landbund' beizutreten, sei es, weil sie sich dafür rächen wollen, daß viele Pächter sozialdemofratisch gewählt haben. Helling wies weiter darauf hin, daß die Bielheit der Steuern den Landwirten die Steuerhinterziehung erleichtert und ents wickelte das Programm einer Einheitssteuer, die eine reine Heftarsteuer sein soll( diese Steuerreform hat Helling auch im Borwärts" ausführlich begründet). Nicht kommunistische Bodenaufteilungspläne, sondern Bodenreform und gerechte Steuern werden auch auf dem Lande für die Sozialdemokratie werben. Dazu muß die Steuergesetzgebung produktionsfördernd sein. 11 Inzwischen war die Nachricht von der furchtbaren Eisenbahnfatastrophe am Potsdamer Bahn hof eingetroffen, die Genosse Wels in einer furzen Rede würdigte. Der Parteitag hatte sich zur Beileidskundgebung für die Opfer und ihre Angehörigen erhoben. Sodann erhielt Genoffe Georg Schmidt das Wort zu einer Diskussionsrede, in der er sich mit aller Schärfe gegen die Lohndrückerei der Agrarier wandte, die verlogene fommunistische Demagogie tennzeichnete und an die Mitarbeit aller Genossen appellierte, auf dem platten Lande für die Sozialdemokratie zu werben. Genossin Adelheid Popp, die Führerin unserer Genoffinnen in Deutschöftereich, war inzwischen auf dem Parteitag eingetroffen. Sie wurde lebhaft begrüßt, als sie das Wort zu einer furzen Ansprache nahm. Es habe den österreichischen Genossen, versicherte fie, teine Ruhe gelaffen, auf einem reichsdeutschen Parteitag nicht durch persönliche Delegation vertreten zu sein und so sei fie gekommen, um die unbedingte Solidarität und unzerreißbare Berbundenheit der deutschösterreichischen Sozialdemokratie mit der reichsdeutschen Bruderpartei zu verfünden. Sieg und Niederlage, Aufstieg und Kämpfe find den beiden Parteien gemeinsam. Der Parteitag dankte der Rednerin durch stürmischen Beifall und Genosse Wels fügte den Dank der Partei für die brüderliche Hilfe der österreichischen Genoffen in fchwerer Inflationsnot hinzu. Darauf begann Genosse Dr. Silferding fein großes Referat über die Reichstagswahlen. Bei Schluß des Blattes begann die Diskussion. Als erster Redner sprach Dr. Levi. Nach Beendigung dieser Debatte, die fich zugleich auch auf das Referat Hilferdings er streckt, wird das Ergebnis der Wahl des Parteivorstandes und der Kontrollkommission mitgeteilt werden und nach Erledigung der etwa noch vorliegenden Anträge wird der Parteitag geschlossen werden. Dritter Verhandlungstag. Sonnabend, den 14. Juni 1924, Bormittagssigung. Die heutige Sigung des Parteitags stand ganz unter dem Einbrud der Nachricht von der ruchlosen Ermordung unseres italienischen Genossen Matteotti. Gleich nach Er öffnung der Tagung erhebt sich Genosse Weis, um im Namen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands der italienischen Bruder partei das Beileid auszusprechen und seinen Abscheu vor der feigen Untat der Faschisten auszudrücken. Seine Rede gestaltete fich zu einer flammenden Auflage gegen den Faschismus in allen Länbern, vor allem auch in Deutschland. Im einzelnen führte Gen. wels aus: Bahrscheinlich in derselben Stunde, zu der am Eröffnungstage des Barteitages Crispien hier der Mitarbeit des Genossen Matteotti an der internationalen Berständigungsarbeit gedachte, ift Matteotti dem Stahl von Meuchelmördern erlegen.( Stürmische Pfuirufe. Die Teilnehmer des Parteitages erheben sich von den Bläßen.) Mit Matteotti verliert der internationale Sozialismus einen seiner fähigsten und mutigsten Köpfe. Wir sehen in ihm die Intarnation des persönlichen utes, des Bekenntnisses zum Sozialismus auch in den schwersten Beiten. Mannhaft widerstand er den Maßnahmen des Diktators Muffolini und seiner aufgehegten Banditenbande. Bor uns steigen auf die Schatten der in Deutschland ermordeten Blutzeugen der Revolution, vor uns fteigen auf die Schatten Grabergers und Rathenaus, die durch Gesinnungsgenossen derer fielen, die Matteotti zur Strede brachten. Ein edler Wild fiel niemals. Wir machen die Schergen Italiens verantwortlich für die Saat, bie folche Früchte trägt, wir rufen auf zum Kampf gegen linfultur und Barbarei. In Watteotti fehen wir einen Märtyrer für die Befreiung der Arbeiterklasse. Sorgen wir dafür, daß es nicht bei dieser Ehrung durch Worte bleibt, sondern daß wir Rache nehmen durch die Tat, durch die Revolutionierung der Köpfe gegen die Barbarei und Reaktion in allen Ländern.( Lebhafter Beifall.) Sozialdemokratie und JAH. Es wird dann zunächst die Resolution fast einstimmig angenommen, die eine Beteiligung an der Internationalen Arbeiterhilfe als unvereinbar mit der Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei erklärt. Das vorgelegte Beamtenprogramm wird mit einigen Aenderungen afzeptiert. Der Reichsausschuß für sozialdemokratisches Bildungswesen wird in seiner bisherigen Zusammenfeßung bestätigt. Auf Vorschlag des Borfizenden des Bureaus werden hierauf die noch ausstehenden Referate zu den Punkten:„ Die Sozialdemotratie und die Landwirtschaft" und" Die Reichstagswahlen und die Sozialdemokratie" nacheinander entgegengenommen, und die Disfussion foll dann gemeinsam über beide stattfinden. Unsere Stellung zur Landwirtschaft. Zum ersten Punkt referiert Genosse Wilhelm Hlling: Unserer städtischen Bevölkerung fehlt vielfach das Verständnis für die Bedürfnisse der Landwirtschaft. Die Sozialdemokratische Partei hat früher stets die theoretische Auffaffung vertreten, daß die ökonomische Entwicklung mit Saturnowendigkeit zur Bernichtung des Kleinbetriebes audy in der Landwirtschaft führen müsse. Das trug natürlich nicht dazu bei, besseren Programm hätte man sie nach meinen Erfahrungen in der die Kleinbauern für die Partei zu gewinnen. Aber auch mit einem Bandagitation infolge ihrer geistigen und wirtschaftlichen Abhängig. feit schwer für die Partei gewinnen fönnen. Bereits 1894 wurde auf dem Barteitag von Bollmar anerkannt, daß die Partei eingehender die landwirtschaftlichen Zustände studieren müsse. Der den verschiedenen Barteibagen. In der Nachkriegszeit hat dle Redner schildert im einzelnen die Entwicklung der Agrarfrage auf Partei dann mehr praktische Arbeit auf diesem Gebiete geleistet. Eine wertvolle Bereicherung der agrarpolitischen Literatur bot das Buch des Genossen Dr. David: Sozialismus und Landwirtschaft", das der Entwicklung der letzten Jahrzehnte Rechnung trägt. Nach dem Reichsfiedlungsgefet kann Debland auf Antrag eines Siedlers enteignet werden. Das Enteignungsverfahren stößt aber meist auf schärfften Widerstand der Eigentümer, die mit einem Stab von Rechtsanwälten die Siedlung sabotieren. Die Großgrund. befizer im Osten erklären, es gibt im Westen, noch 2 Millionen Hektar Moor- und Dedland, die Grundeigentümer des Westens behaupten, wir brauchen Dedländereien für unsere Stinder und Rindestinder; man solle zunächst einmal den Großgrundbefizern im Often zu Leite rüden und die Statsdomänen aufteilen. Das Siedlungsgefeß muß zunächst so gehandhabt werden, daß den Latifundien befizern der größte Teil durch den Staat gegen angemessene EntSchädigung enteignet wird. Der Großgrundbesih soll nicht zerschlagen werden; das wäre schädigend für die Boltsernährung. Aber wenn einer 20 Güter von je 500 Heftar hat, dann genügt es, wenn er eins für sich behält und 19 abgibt. Im Osten müssen unwirtschaftliche und unrentable Kleinbetriebe bis zu einer Ackernahrung vergrößert werden. Die Statistit von 1882 bis 1907 zeigt, daß die landwirtschaftlichen Klein= betriebe sich um 160 000 vermehrt haben. Die betriebs. technische Entwicklung vollzieht sich in der Landwirtschaft anders als in der Industrie. Heute steht fest, daß der Kleinbetrieb pro Flächeneinheit unbedingt mehr erzeugt als der Großbetrieb; hingegen ist der Produktionsprozeß im Großbetrieb rentabler. Der Kleinbetrieb verfügt vielfach über zu kleine Flächen, um die Arbeitsfraft einer Familie voll auszuwerten. Das trifft vielfach auch auf die Pächter zu. Der Arbeiter aus der Stadt tann ruhig ein Häuschen mit zwei Morgen draußen gewinnen; aber davor möchte ich warnen, anzunehmen, daß es zweckmäßig wäre, Arbeiter als Landwirte zurückzusiedeln auf das Land. Die Aufgabe fann nur fein, den Ueberschuß der Landbevölkerung durch Zubeilung von Land auf dem Lande zu erhalten. Siedlermaterial ist vorhanden. Der EinKatastrophe auf der Wannseebahn. Zwei Tote, 22 Schwer- und 20 Leichtverletzte. Auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin hat sich heute in| aufgingen. Die Fenster waren so ineinandergeschoben, daß die Inden Morgenstunden ein Eisenbahnunglüd von schwersten Folgen zu getragen. Die erste amtliche Meldung darüber besagt: Heute um 8,15 Uhr vormittags fuhr der Personen3ug 361 bei der Einfahrt in den Potsdamer Fernbahnhof auf den vor dem Einfahrtssignal haltenden Vorortzug 4121 a auf. Nach den bisherigen Feststellungen wurden zwei Reisende getötet, 20 Reisende schwer und 20 Reisende leicht verletzt. Tote und Berlehte wurden sofort durch die Rettungswache geborgen und die Verletzten dem Elisabeth- Krankenhaus zugeführt. Die Schuld an dem Unfall trifft den Fahrdienstleiter im Befehlsstellwert des Potsdamer Fernbahnhofes, der den Vorortzug 4121a durch Blod zurüdmeldete, ohne daß die Einfahrt des Zuges erfolgt war. Er war hierzu in der Lage, weil seit Eintritt einer Blockstörung um 7,40 Uhr vormittags die Auslösung der Blodtastersperre mit der Hand erfolgen mußte. Der Fahrdienstleiter hat es weiter verfäumt, fofort nach Eintritt der Blockstörung das dann allein maßgebende Zugmeldeverfahren einzuführen. Wie der Zusammenstoß erfolgte. Der Wannseer Zug 4121a war fahrplanmäßig 8.10 Uhr in Berlin eingetroffen und mußte, da Einfahrtssignal nach dem Wannseebahnhof noch nicht gegeben worden war, an der Hafenplatzbrüde halten. Der ungefähr acht Minuten später temmende Personenzug aus Magdeburg scheint nun das Holtesignal übersehen zu haben unb fufyr, allerdings scharf gebremst, weiter. Grit ganz furz -wohl drei Meter entfernt- jah der Zugführer des Fernzuges din haltendon Borortzug. Er versuchte mun, den Zug auf der Stelle zu bremsen, und zwar zog er die Luftdrucktremse an, doch geschah dies zu spät, die Cotomotive fuhr auf die letzten Wagen des Vorortzuges, so daß sich diese aufeinandertürmten. Die Lage der Baffagiere der Borortzug war bis auf den letzten Plas gefüfft- war eine furchtbare. Die einzelnen Abteile hatten sich ineinander verschachtelt, so daß die Türen der Kupees nicht mehr fassen der Abteile, die dazu überhaupt noch fähig gewesen waren, nicht mehr durch dieselben herausspringen fonnten. Außerdem aber waren Nebenstrecken durch andere Züge befeßt. Sum Unglüd explodierte noch ein Gasbehälter eines Wagens. Die Flammen schlugen empor und verwehrten so den Passagieren in einigen Atteilen sich selbst zu retten. Die zahlreichen Arbeiter des in der Nähe gelegenen Güterschuppens der Potsdamer Bahn eilten fofort zur Hilfe herbei und man alarmierte die nächste Feuerwache 11, die alsbald, kaum einige Minuten nach dem Unglück, auf dem Tatort eintraf. Die Sappeure schlugen nun unter dem Jammergesches der zahlreichen Verletzten die Türen und Fenster mit den Aerten ein und fo gelang es schließlich, die Insassen der drei Wagen aus ihrer furchtbaren Lage zu befreien. 15 Personen, die schwerere Berfetzungen erlitten hatten, wurden durch die Rettungswagen des BerMiner Rettungsamtes mit Hilfe der Samariter der Feuerwehr nach verschiedenen Krankenhäusern gebracht. Zahlreiche Leichtverletzte begaben sich nach den nahegelegenen Unfallstationen und ließen fich hier die erste Hilfe leisten. Nach den Aussagen von Baffagieren, die fast alle Bewohner ber Bororte Groß- Berlins find, haben bie ersten agen des Zuges wenig oder fast gar nichts von dem Zusammenstoß gemerkt. Nur in den letzten fünf Wagen war der Anprall ein so furchtbarer, daß die meisten Insassen zu Boden fielen und leichtere und schwere Verletzungen davontragen. Viele Frauen und Mt à dchen wurden, wie ein Augenzeuge aussagt, ohnmächtig oder verfielen in Schreiträmpfe. Dazu trat noch das Sammern und WebHagen der in den letzten sieben Abteilen befindlichen eingeklemmten Personen, bie faft durchgängig schwere Kontufionen davongetragen haben. Die Güterarbeiter, die zuerst an der Stelle waren, versuchten mit Brechfangen und Aerten die Türen zu öffnen. Es gelang ihnen nicht und erst die hinzukommende Feuerwehr brachte Hilfe. Der Anblick der Schwerverwundeten war ein furchtbarer. Sie wurden faft alle blutüberströmt herausgezogen. ( Weitere Meldungen fiche 3. Seite.) mcuji, daß der angesiedelte Arbeiter der Sozialdemokratie verloren» geht, ist falsch, wie auch die Praxis zeigt. In Deutschland sind 14 Prozent der SixllurflSche verpachtet. Um die Kategorie der Pächter muß sich die Sozialdemokratie ganz besonders kümmern. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe, die nur mit Pachtland arbeiten, beträgt allein in Westfalen und Hon- nooer 110 000, weil hier reiner Pachtbetrieb vorherrscht. Dieses Pächterstandes, der sogenannten H e:: e r li n g e. hat sich die So- zialdemokratie. mit aller Macht anzunehmen. Das ist schon nötig, weil die meisten Amtsrichter bei ihrer engen Versippung mn den Grundbesitzern selbst der Pachtschutz ordnung feinv- lich gegenüberstehen, so daß sie meist mir unter größtem Widerstreben ein Urteil gegen den Grundbesitzer fällen. Mit aller Energie muß gefordert werden, daß an Stelle der befristeten Pacht- schutzverordnung ein Dauerpachtgesetz tritt, welches die Pächter gegen die Entziehung des Landes schützt. Die Bodenren tnei, die Verpächter, sind für die Produktion vollkommene Para- s i t e n. Die Behausungen der Pächter sind vielfach menschenmi- würdsg. Diele Grundeigentümer benützen ihre Vormachtstellung zu politischen Bevormundungen,-viele Pächter werden zum Deutsch- nationalen Lavdbund gezwungen. Jehl erklären die Grundbesitzer: die Pächter müssen soviel an Dacht bezahlen wie nur möglich, wen sie am 4. ZNai sozialdemokratisch gewählt haben. Die Sozialdemu- kratie darf diese Leute nicht im Stich lassen, hier ist«in weites Felo für die Sozialdemokratie, um für diese Pächter einzutreten. Die endgültige Besteuerung der Landwirtschaft muß den Reichstag schon bald beschäftigen. Der Großgrund» besitz muß seine richtigen Anteil« bezahlen. Bor dem Kriege bezahlten Großgrundbesitzer, die dm Winter über an der Riviero saßen und 10000 M. im Monat verbrauchten, nicht mehr Einkommensteuer als der D o r f s ch u l l« h r e r. Das jetzig« Vielerlei der Steuern muß verschwinden und einer einfachm Veranlagung der Landwirtschaft weichen. An Stelle des Grundsatzes der Leistungs- fähigksit muß der Grundsatz der Produktivität gesetzt werden. Nicht nach dem wirklichen Ertrag, sondern nach der Er- tragsfähigkeit des Besitzes muß die Veranlagung geschehen und die Steuern zu einer Reichsgrundlvcrtfteuer zusammengelegt werden. Die Höhe derselben hängt natürlich ab von den Bedürf- nisim des Reiches und dann von der Leistungsfähigkeit der Land- Wirtschaft im allgemeinen. Der Staat muß die Grundeigentümer genau so behandeln, wie diese die unglücklichen Pächter. Dährmd gegenwärtig die Grundbesitzer 150 Proz. der vorkriegs- pacht fordern, erklären die Agrarier selbst, pro Morgen 40 ZN. zuzusetzen.(Zuruf: Warum geben sie das Land dann nicht her?) Bei der Steuerfrage bietet sich für die Sozialdemokratie eine aus- gezeichnete Gelegenheit, erfolgreich für die Interessen des Klein- dauern st andes einzutreten. Demokraten und ein großer Teil des Zentrums werden der Forderung nach einer Hektar st euer unter Ausschaltung der Buchführung beitreten. Im nächsten Jahre muß ernsthaft der Persuch in Deutschland gemacht werden, die land- wirtschaftliche Produktion zu hebm. Der Produktionswille kann in erster Linie gefördert werdm durch eine Produkt ionsfördernde Steuergesetzgebung, die zwingt, alles ans dem Boden herauszuholen. Die Reichsbahn muß ein« vernünftigere Tanfpolitik treiben, auch zum Vorteil der konsumierenden Stadtbevölkerung. Die landwirt- schaftlichen Forschungsinstitut« müssen ausgebaut und die landwirt- schaftlichen Fortbildungsschulen demokratisiert werden, damit auch die Söhne der Kleinbauern sie besuchen können. Durch Schutzzölle darf die polllische Dormachistellung der Großgrundbesitzer nicht gestärkt werden. In den nächsten Iahren wird es darauf ankommen, die Republik und ihre demokratische Verfassung gegen den Ansturm der Gegner zü verteidigen. Das deutsche Volk wird sich für die Republik unter Führung der Sozialdemokratie oder für die Monorchie unter Fllh- run� der Deutschnationoien zu entscheiden hoben. Die Sozialdemo- kratie hat deshalb zu prüfen, ob sie eine Partei der Lohnempfänger oder des arbeitenden Volkes in Stadt und Land sein will. Für eine Partei der Lohnempfänger erübrigt sich ein Agror- Programm. Wollen wir aber die Landbevölkerung gewinnen, müssen wir auch deren Bedürfnissen Rechnung tragen. Dies geschieht durch eine planmäßig« Arbeit in Boden- und Steuerfragen auf der Grund- lag« der jetzigen Verfassung. Die Sozialdsmokratie ist als Partei der Enterbten und Entrechteten berufen, Führerin der Boden» bearbeiter zu werden. Di« auf eigene Arbeit angewiesenen Volksschichten müssen in Stadt und Land unserem großen Ziele zu- geführt werden.(Lebhafter Beifall.) Ein Antrag zur LanSfrage. Vorsitzender Wels: Inzwischen ist folgender Antrag Georg Schmidt und Genossen eingegangen: .Der Parteitag der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei zu Verlin im Juni 1924 begrüßt und unterstützt den erneut eingebrachten Antrag der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, in dem ent» sprechend den Artikeln 1S3 und 155 der Weimarer Verfassung eine Neurege lung der Bodenverteilung, der Loden- Nutzung und der Bodenbewirtschaftung verlangt wird. Er erwartet von der Fraktion, daß sie alle Kräfte für die baldige Beratung dieses Antrages im Reichstag einsetzt. Der Parteitag ersucht ferner den Parteivorstand, die Frage: Sozialdemokratie und Landwirtschaft nach Vorbereitung durch eine von ihm«inzusetzende Kommission auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu setzen." vie Nachricht vom Serlinee Eisenbahnunglück. Vorsitzender Wels: Genossen und Genossinnen! Als ich heute Morgen des Meuchelmordes an unserem Genossen Matteotti gedachte, hat sich zur selben Zeit m unmittelbarer Nähe unseres Tagungs- lokals, vor dem Potsdamer Bahnhof, ein furchtbares Eisenbahnunglück ereignet.(Die Delegierten erheben sich von den Plätzen.) Der Frankfurter Schnellzug ist auf«inen Vorortzug aufgefahren. Handelt es sich bei der Tat an Matteotti um eine Mordtat von Banditen, so ist hier die Schuld un- zureichende Technik oder menschliches Versehen. Zwei Tote sind bis jetzt aus den Trümmern geborgen und 30 Schwerverwundete: die Gesamtzahl der Opfer steht noch nicht fest. Der Parteitag spricht durch sein Erheben von den Plätzen den Angehörigen der Getöteten und den Verwundeten sein tiefstes Beileid aus. Ich danke dem Parteitag. die Loge üer LanSarbeiter. Zunächst erhält dann zur Begründung seines Antrags das Wort der Borsitzende des Landarbeiterverbandes Georg Schmidt: Die Landbündler sind außerordentlich rührig in der Propaganda der Not der Landwirtschaft. In Wirk- lichkeit handelt es sich aber dabei' um Schilderungen der Not von Landwirten. Sie haben auch den Sachverständigen Sta- t i st i k« n vorgelegt, worin sie auf den großen Unterschied der Agrar- preise und Industrieprodukte hinweisen. Das ist jedoch deine deutsche, sondern eine internationale Erscheinung.(Sehr richtig!) Eharatte- ristisch ist, daß sich in all diesen Darlegungen fast nie die Lohn- kurven finden. Diese würden beweisen, daß die Löhne w der Landwirtschaft niedriger sind als in der Vorkriegszeit. Dabei ist in der Landwirtschaft das Lohnkonto unter den Produktionskosten be- deutend höher als in der Industrie. Die Löhne der Land- a r b e i t e r, Natural- und Borlohn zusammengerechnet, betragen heute im Reichsdurchschnitt 26 bis 30 Pf. Diese Zustände haben schon zur Abwanderung der deutschen Land- arbeiter geführt.(Hört, hört!) Vor kurzem haben die Land- arbeiter in Ostpreußen einen großen Kampf zur Heoung ihres Bar- lohns geführt, der 1,04 Pf. pro Stunde beträgt. Bei dem Schlich- tungswefen in den Kämpfen der Landarbeiter hat der Arbeits» minister Brauns vollkommen versagt und sich als Minister der Agrarier erwiesen. Die Deputate, mit denen in der Zeit der Inflation die Agrarier die Landarbeiter zu ködern suchten, um ihnen zu beweisen, daß sie keinen Verband und kein« Partei brauchten, werden heute in rücksichtsloser Weise abgebaut. Das muß dazu führen, daß die Landarbeiter zur klaren Erkenntnis der Sach- läge kommen. Am meisten haben der Landarbeiterbewegung die Phrchenürescherci und. das radikale Kraftmeiertum der K o m m u- nisten, das sich nur in Reden bemerkbar macht, geschadet. Aber die kommunistische Welle auf dem Lande ist überwunden: denn der Landarbeiter weiß ruhige, planmäßige Arbeit zu schätzen. Das Wichtigste ist, daß sich mehr Genossen zu Versammlungen auf dem eigentlichen platten Lande zur Verfügung stellen.(Sehr richtigl) Es gibt keine befriedigendere Tätigkeit als diese. Aus dem Lande hastet das gesprochene Wort viel länger und fester als in den Städten. Helsen Sie mit, daß wir das Land gewinnen: leisten Sie praktische Arbeit wie in Anhalt: da haben wir Landarbeiter und Bauern, die sich für die Partei betätigen.(Bravo!) Vorsitzender Wels begrüßt nun die inzwischen als Vertreterin der österreichischen Bruderparfei erschienen« Gen. Adelheid Popp./... V. �._ Adelheid Popp: Die Sozialdemokratische Partei Oesterreichs steht nach wie vor mü den Gefühlen herzlichster Sympathie zu der Vereinigten sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Wir haben keinen heißeren Wunsch, als daß diese Partei zur wahren Erbin der starken kämpf- und siegerprobien alten Sozialdemokran,'chen Partei Deutschlands werden möge.(Bravo!) Wenn wir auch in Oestetreich jetzr stark genug sind, um allen Bedrohungen der Reaktion ge- wachsen zu sein(bravo!), so wissen wir doch, daß keine Partei eines einzelnen Landes den Sieg erreichen kann ohne die Gemein- s ch a s t mit der Arbeiterschaft: aller anderen Länder. Wir sind bei Ihren Nöten und Ihrer Bedrückung mit unseren Herzen bei Ihnen gewesen und begrüßen es jetzt mit besonderer Freude, daß die BSPD. wieder im Auf- und Vormarsch begriffen ist.(Lebh. Beifall.) Vorsitzender Weis: Ich dank« der Genossin Popp. Es waren nicht nur Worte, sondern wirklich werktätige Liebe, die uns in der zurückliegenden Zeit aus Oesterreich geboten worden ist. Gerode in der Zeit der schlimmsten Inflation war es die öfter- r« i ch i s ch e Partei, die an, stärksten im Verhältnis zu ollen an- deren Ländern der Welt Deuffchland uruerftützt Hai. Das werden wir niemals vergessen. Wir wissen, daß die deuifche und österreichische Sozialdemokratie eins sind, weil sie eines Stammes und eines Geistes sind.(Lebhafter Beifall.) Die Lehren See Reichstagswahl. Hierauf erhielt Dr. Hilferding das Wort zu feinem Referat über die Reich.tagswahlen: In wenigen Wochen wird das erste Jahrzehnt seit Kriegsausbruch erfüllt sein. Wie hat sich die Welt seitdem ver- ändert? Oekonomisch ist festzustellen, daß durch Krieg und Revo- lution der Kapitalismus nirgends entwurzelt worden ist, am wenigsten in Rußland. Die Konzentrotionstendenzen in der Welt sind wesentlich gesteigert. Alle großen Kraftquellen der Industrie. Petroleum, Kohlen, Oele, alle wichtigen industriellen Rohstoffe, Eisen usw., sind in den Händen und in der Kontrolle weniger monopolistischen Vereinigungen. Die ver- arbettenden Industrien werden entweder diesen großen Monopolen angegliedert: sie sind wie früher das Handwerk kapitalshörig, so jetzt monopolzhörig geworden oder sie müssen sich selbst zusammen- schließen zu monopolistischen Gebilden, die mit den Rohstoffmonv- polen Vereinbarungen zu schließen haben. Andererseits hat die Kriegs- und Nachkriegszeit die gesamt« Arbeitnehmer« schaftausgerüttelt: auch die großen Schichten der Angestell- ten und Beamten sind geweckt und haben sich in dies« Gesamtfcwe- gung eingereiht. Die Privatmonopole suchen Staat und Wirtschast zu beherrschen, und die Frage der kapitalistischen Gesellschaft ist, wie man sie«inordnen kann in den gesellschaftlichen Rahmen, in die staatliche Organisation. Das Instrument, das dies« Einordnung zu vollziehen haben wird, sind die großen Organisationen der Arbeitnehmerfchaft, die damit nicht nur ein beschränk- tes Klosseninteresss der Arbeiterschaft vertreten, sondern auch das Interesse der gesellschaftlichen Freiheit, die sich nicht unterjochen lasten kann von einer kleinen Anzahl wirst chafllicher Interessenten. Der Sozialismus ist schon längst nicht mehr eine frage der Armut und des Elends(sehr ricytlg). kein Samvs der Beladenen und Aliihseligen gegen die Reichen und Glücklichen, er(st der Kampf großer organisatorischer Gewallen, und in diesem Komps muß infolge der kopUalistischen Entwicklung selbst die Macht der Arbeilnehmerorganstakionen immerfort wachsen. So steht heute der Sozialismus als Tagesfrage der Politik auf der Tagesordnung dieser Gesellschaft, ob diese das anerkennen will oder nicht. Es ist interessant, daß gerade in dieser Zeit, wo die Konzen- trationsgesetze, die Marx entdeckt hat. sichtliche Wirklichkeit geworden sind, wieder«ine neue Welle des Höstes und Unverstandes aegen den Marxismus, gegen uns schlägt. Man versucht jetzt, den Marxismus tot zu schimpfen, nachdem man ihn solange„widerlegt" und dann tot aesagt hatte. Der Kampf wird geführt von allen denen, die vom Morrismus nichts wissen wollen, einfach, weil sie von ihm nichts wissen.(Sehr gut!) DieGesKichtehatsichalsdia beste Marxistin erwiesen. Die. die heute der Sozialdem.o- krakie vorwerfen, daß sie nicht den Klassenkampf führk. haben noch nicht die Anfangsgründe des Marxismus begriffen. Im f o m m u u i. st i s ch e n Manifest heißt es: die Geschichte aller bisherigen Ge- fellschaften ist die Geschichte der Klassenkämpfe. Also schon die rSmi- schen Plebejer waren Marxisten, denn sie führten den Klastenkampf. Noch nie waren die Klassengegensätze so schalst und offen wie heute. Es handelt sich nur darum, wie der Klassenkampf mit größtem E r f o l g zu führen ist, und das stnd FrogenderTaktit. Aber prinzipiell ist die Partei in der Frage der Führunq des Klassen- kampfes geschlossen und muh es fein: denn schon da» Verhallen unserer Gegner zwingt uns zum Klassenkampf. Zortsthritte üer volksbühnenbeVegung. „Das deutsche Theater wird sich mehr und mehr auf Volks- bühnenorganilationen stützen oder es wird aufhören, Kullurtheater zu fein," in diesem Sinne sprach sich vor einiger Zeit der Vertreter des preußischen Kultusministeriums aus. Tatsächlich zeigt sich in steigendem Maße, daß ein Theater, sosern es nicht mit unbegrenzten Zuschüssen wirtschaften kann, nur dort imstande ist, ein« gesunde Eristenz zu führen und einen künstlerisch wertvollen Spielplan zu pflegen, wo es sich auf eine kräftige Organisation von Theaterbe- suchern stützen kann. Da ist es npv besonders erfreulich, daß die Aoltsbühnenbewegung, die überall derartig« Theatergdmeinden ins Leben zu rufen sucht, wieder über erhebliche Fortschritte berichten kann. Im letzten Jahr war es möglich, in nicht weniger als 40 n e u e n Orten Volksbühnenorgamsation ins Leben zu rufen. Der Ver- band der deuffchen Dolksbühnenoeteine(Geschäftsstelle Berlin NW. 40) wuchs damit auf rund 130 Besuchergemeinden an, die zusammen berells über 500 000 Mitglieder umfassen. Wenn man bedenkt, daß jedes dieser Mitglieder gegen Entrichtung eines einheitlichen festen Beitrogs monatlich mindestens eine Vorstellung vermittell erhält, und daß bei diesen von de,, Volksbühnenorgani- satipnen veranstalteten bzw. in den bestehenden Theatern gepachteten Vorstellungen größter Wert auf ein künstlerisch einwandfreies Pro- gramm gelegt wird, so kann sich jeder ausrechnen, in welchem Um- fange die Theater durch dieses Azifblühen der Voltebühnenbewegung ein« neue Stütze gefunden haben. Es ist dabei auch zu berück- sichtigen, daß durch die Volksbühne gerade solche Kreise dem Theater neu gewonnen und zu regelmäßigen Besuchern gemacht wurden, die bis dahin für künstlerische Theaterdarbietungen kaum in Betrocht kamen. An der Spitze der zum Verband der deutschen Volksbühnenver- ein« gehörigen Organisationen steht nach wie vor die Berliner Volksbühne� die heute allein 160 000 Mitglieder zählt:, dann folgt die Freie Volksbühne in Hannover mit nahezu 35 000 Mitgliedern. Gs schließen sich die Volksbühnen in Hamburg, Ehem- Nitz. Breslau. Mannheim. Hall«. Stettin. Zwickau mll Mitglieder- zahlen zwischen 10 000 und 25 000 an. Aber auch in mittleren und ganz kleinen Orten konnte die Bewegung Fuß fassen und Mitglieder- zahlen gewinnen, die im Verhältnis zur Bevölkerungszahl jener Orte außerordentlich beachtlich sind. Besonders bemerkenswert ist schließlich, daß neben den 130 Or- ganisatianen, die heute zum Verband der deutschen Voltsbühnen- oereine gehören, in nicht weniger als 100 Orten vorbereitend« Ausschüsse beste-hen, die am Aufbau neuer Volksbühnengemeinden ar- bellen. Es ist also mit einiger Sicherheit darauf zu rechnen, daß die Bewegung auch weiterhin einen starken Abfschwung nehmen wird. In der Zeit vom 20. bis 22. Inn« findet in Hildes heim der fünfte Volksbühnsntag statt, der zugleich der viert« Ver- tretertag des Verbandes der deuffchen Volksbühnenvereine ist. Eine öffentliche Kundgebung anläßlich der Hildesheimer Tagung wird Ansprachen des Reichskunstwarts Dr. Redslob und des Inten- dant«n Ießner bringen. Im übrigen sehen die Verhandlungen Vorträge von Paul E g g e r s- Breslau, Oberstudiendirektor Dr. T ö w e- G elsenkirchen, Reichstag-abgeordneten Max S e y d e w i tz- Zwickau, Julius B a b- Berlin, Pastor sie. M ö r t n g- Breslau und dem Direktor der Berliner Volksbühne Fritz Holl vor. Der aussterbenüe Gorilla. Ein Protest gegen die sinnlose und grausame Vernichtung des ..nächsten Derwandlen des Menschen", des Gorilla, den der effrig« Borkämpser des Naturschutzes Albert Gray erhoben hat, findet in der englischen Presse starken Widerhall. Gray weist darauf hin. daß in den letzten drei Jahren die wenigen Herden dieses Tiere», die sich noch in den belgischen Kolonien finden, fast vollkommen vernichtet worden sind. Besonders die interessante Hochlandsart, die von dem deutschen Hauptmann von Beringe entdeckt wurde und sich in der Nähe des Kiwu-Sees im früheren Deutsch-Ostafrika befand, ist dem Untergange nahe. Außer dieser isolierten Form kommt der Gorilla nur noch im westlichen Aftika vor. Wie unter diesen interessantesten Menschenaffen gehaust worden ist, zeigen die drei kürzlich erschiene- nen Iadwerk«:„Unter Pygmäen und Gorilla»" vom Prinzen Wilhelm von Schweden,„Durch das groß« Kraterland des Kongo" von T. A. Barns 3, Akeley 6 und sein Begleiter Foster 3, im ganzen 26. Nach Jägern hat Prinz Wilhelm mit seiner Gesellschaft 14 Gorilla» getötet. Barns 3, Aleley 6 und fein Begleiter Foster 3, im ganzen 26. Noch den Schätzunzen von Akeley gibt es überhaupt nicht mehr als 50 bis 100 Gorillas: es können aber auch weniger als 60 fein, und die Jäger treten selbst dafür ein, daß der Gorilla auf da» Energischste geschützt werden mühte. Die Reisenden wurden in ihrer Jagd auf das feiten« Tier durch die naturhfftorffchen Museen von New Port, London und Stockholm ermutigt. Gray klagt ,chie unheilvoll« Ver- bindung zwischen Museen und Sportsleuten" an und behauptet, daß der Gorilla überhaupt kein Wild für einen ehrlichen Jäger fei. Barns sagt:„Wenn man diese Affen jagt, so wird kein Mensch mit einem Funken Gefühl sich des Gedankens erwehren können, daß er diesen fast menschlichen Tieren gegenüber zu einer Art Mörder wird." Er tut es aber doch. Grays Appell hat vielfach« Zustimmung erfahren. So schreibt der Dichter John Gaisworthy:.Mächten doch unsere Sport». leute sich davon überzeugen, daß sie viel größeren Ruhm ernten. menn sie mit der Kamera schießen als mit der Flinte. Bortrefflich« Phoiozravhien geben ein besseres Bild von Tieren, als die ausge- stopften Exemplare in den Museen. Am traurigsten aber ist der Mord, der aus 5iandelszwecken um niedrigen Gewinns willen unter der Tierwelt angerichtet wird." Eine Reform der Goelhcgesellfchast? Auf der Tagung der Goelhegesellfchoft, die wie immer auch diesmal in Weimar statt- fand und sonst nichts von allgemeinem Interesse brachte, fiel eine Rede des Schriftstellers Friedr. L i e n h a r d-Weimar aus dem ge- wohnten akademischen Rahmen. Er gab einige grundsätzliche An- regunaen über d«n künftigen Ausbau der Goethegesellschaft, an die 'ne für unser zerrissenes Vaterland notwendige Zusammenfassung aller geistigen Kraft« n«u« Aufgaben stellt. Um der Gefahr d«r Mumifzierung zu entgehen, müsse di« Gesellschaft, die bisher viel- fach alcxandrinisch gewesen sei, von jetzt ab schöpferisch sein und die geistigen Kräfte der Gegenwart im Nomen Goethes sammeln. Weimar, das bis jetzt mehr eine Museumstadt war, solle«in deuffches Olympia werden, und alljährlich«in« Festwoche veranstalten, in der tne geistig Schaffenden über di« großen Fragen der Menschheit zu uns sprechen oder durch ihre Kunst auf uns wirken. Aus alledem könnte später«ine Goetheakademi« in Weimar erwachsen. Frühere Versuche, die von Berlin ausgingen, die Goethegesell- schaft umzugestalten, haben zu nicht» geführt. Die Zukunft des drahllofen Verkehrs. Nach der„Evlogne-Post" hat M a r c o n i anläßlich feines Gespräches über die erfolgreichen 'Versuche am letzten Sonntag, bei denen«ine Rede aus England in Australien deutlich gehört wurde, erklärt, daß durch fein Strahlen- iystem ein drahtloser Schnellverkehr zwischen allen Weltteilen mög- lich je,. Dabei ist der Empfanasopparat von normaler Beschaffen- heit. Durch Anwendung des Strahleniystem» glaubt Marcont die für solch« Entfernungen erforderlich« Kraft bis auf«in Sechstel Pferdestärke zurückschrauben zu können, da die gesamte Energie sich dann in einer Richtung enffalten könne, statt wie bisher nach jeder Himmelsrichtung verbreitet zu werden. Lestaufführmigen der Woche. Mont Ren-issance-Theater:.Di« I u d e n— Millto. Tribüne:„Dr. Stieglitz".— freit. Schloh- p-n-Theater:„Da» Hau» am Reer". Zm deutsche» Opernhaus findet vom 17. bis«g. Auni em SyNu« von Borftellung-n zu ermähtgten Preisen statt. Jnb-gtissen find auch die DirigentengaNsviele von B r u n o W a l t e r am 17. und 20. Junt so- wie da» Gastsplel Michael Bohnen» am 19. Juni. Lrantootiröge. Theater. TZglich«. 7, g Uhr: Der Berg des Schicksal«-.- yiffaal. Täglich«Uhr:.Die vetteiaung be» Mount Evereft". Außerdem wechselnd:.Bon der Zugspitz« zumWatzmonn-,.Da»S«rdende»N«nsch«n'- Schau wieder ein« verkrachte deutsche Tournee. DI« südamerikanische Lpeictteniournee Leo stall« bat mit einem groven Krach geendet. In Wien stnd Depeschen eingetroffen, nach denen di« Kün iler völlig mittellos in Südamerika dastehen und nicht wissen, woher ste da» Geld zu der Heimreise nehmen sollen. Di« Gefandschast soll eingreifen, Sine gesunde Stadt. Unter den deutschen Städten, die unter 18000 Einwohner zählen, halte im Jahre 1923 Osterode-m Harz die ge- ring st e Sterblichkeit auszuwesten. S>« stellt sich im Vergleich mit der höchsten TodeSziffer einer deutschen Kleinstadt wie 5 zu 19. Zuaahwe der Tode»sälle i» den vereinigt«» Staufen, ein«bricht hei Stotistilchen Bureau« der Bereinigten Staaten macht aus die Tatiache aus- mertsam, daß die TodeSzisfer gestiegen ist. während die Geburt»- ziffer abgenommen bat, und zwar betrugen die Todesfälle 12.8 aus 1000 Einwohner im Jahre 1923 gegen IIB im vorhergehenden Jabr'e die «ebulttzisser dagegen war 22.3 gegen 23,1. Gründe für diese auffällige Erscheinung lassen sich nicht angeben." friedrich Spitta. Professor der Theologie an der Universität Göttinaen. ist 7Ljabrig gestorben. Er wirkte 1887-1919 an bei Strastbiwaer Unioerstiät, wurde aber dort durch die Franzosen ausgewiesen. Der llufstteg der engllscheu Slrbcikerklafle, den wir bewundern, war im wesentlichen das Werk der englischen Unabhängigen Arbeiterpartei, die begründet war von Scix hardie. der religiös- sozialistisch- Anschauni-Zen hatte und geführt wurde von Uiac- donald, der sich immer dagegen gewehrt hat. Zilarxisi und Llasscn- kämpfer zu sein. Und doch hat keine Gruppe den S.lafscnkamps energischer und erfolgreicher--"ficf als die Unabhängige Arbeiterpartei Englands.(Sehr gut!) Ihr Werk mar, das zu tun, was für uns die Quintessenz des Handelns gewesen ist. die Arbeiter loszulösen aus der politischen ideologischen Gefolgschaft des Bürgertums, aus der Klaff« die unabhängige poli» tische Partei zu machen, die für die politischen und sozialen Inier- essen der Arbeuerklasse kämpft. Im Gegensatz dazu hat die Gruppe unier Hyndman, die immer behauptete, dag sie den wirklich unverfälschten Sozialismus vertrete, in Cngland nie politische Bedeutung erringen können. Sie ist verschwirnden, weil sie es nicht verstanden hat, was das Wesentliche ist: Immer in Zusammenhang bleiben mit der großen leben- digen Arbeiterbewegung.(Lebhafte Zustimmung.' (Schuß in der Morgenausgabe.) Berichtigung. Bei der vom Bors. Wels verlesenen Erklärung des Bezirksvorstandes Groß-Berlin im Bericht der heutigen Morgcwausgabe fehlt der Name des Gen. Litke. Das Unglück auf üer Wannfeebahn. Buf öer Unfallstelle. Die faschistische Morütat. Die Ermordung Matteottis. Der Parteitag hat heute an unsere italienische Bruder- partes folgendes Telegramm gerichtet: Sozialistische Einheitspartei Eafella Postale, 4S0 Rom. Per sozialistische Parleiiag Hai heule mit Empörung Seunknis genommen von der scheuhlichen Ermordung Matkeoltis durch Schergen der Reaktion. Wels hat unserem tapferen Freunde einen ergreisenden ZZachruf gewidmet. Die Parteileitung sagt euch tiefempfundenes Beileid. Hermann Müller. Es kann leider kaum einem Zweifel unterliegen, daß der italienische Genosse M a t t e o t t i dem auf ihn verübten Attentat zum Opfer gefallen ist. Zwar meldet ein Wölfs- Telegramm aus Rom, daß die Zeitungsmeldungen über die Auffindung der Leiche Matteottis bisher nicht bestätigt worden feien. Aber die weiteren Meldungen aus Italien lauten fo bestimmt, daß mit der Taffache der Ermordung Matteottis wohl zu rechnen ist. So meldet der Mailänder„Secolo" aus Rom: Wir erfahren aus glaubwürdiger Quelle, daß die Leiche Matteottis gestern nachmittag in einem Gebüsch des Waldes von Nico aufgefunden wurde. Sie weist zahlreiche Dolch- und Schußwund en auf. Die Nachricht von der Auffindung der Leiche soll aus Gründen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zuerst geheimgehalten worden fein, doch wird ste von der Regierung na chdem Schluß der Kammer und nach Beendigung der Mobilisation der Miliz bekanntgegeben werden. Die Angehörigen der faschistischen Miliz find angewiesen worden, sich heute in ihren Kasernen zu stellen. Auch aus anderen Meldungen gewinnt man den bestimm- ten Eindruck, daß die amtlichen Stellen absichtlich die Mit- teilung von der Auffindung der Leiche Matteottis geheim halten, weil sie vor der ungeheuren Erregung im Land« Angst haben. Charakteristisch ist auch dag Verhalten der Regierung gegenüber der Kammer. Mussolini hat zwar in der Kammer erklärt, daß gegen die Attentäter die schärfften Maßnahmen ergriffen werden würden. Er k)at sich aber gleichzeitig beeist, die provisorische Budgetgenehmigung nur auf sechs Monate einzuholen, um das Parlament auf unbestimmte Zeit vertagen zu können. Anlaß hierzu gab der Beschluß aller Oppositions- gruppen, nicht mehr an den Kammsrarbeiten teilzunehmen. bis für das Verbrechen an Matteotti Genugtuung und Sühne geleistet sei. Es erschien dem italienischen Diktator bequemer und leichter, das Parlament nach Haus zu schicken und die Opposiition mundtot zu machen, als die geforderte Genugtuung und Sühne für das scheußliche Verbrechen seiner Anhänger an dem sozialistischen Führer zu geben. Denn darüber kann kein Zweifel bestehen, daß die Mord- tat an Matteotti von Parteigängern Mussolinis verübt worden ist. Mögen die faschistischen Redner in der Kammer sich jetzt auch offiziell von den Attentätern abgrenzen und die Köpfe der Mörder fordern, so tragen sie und ihre ganze Partei doch die Verantwortung für dag Attentat gegen Matteotti, das ganz nach dem Vorbid der deutschvölkischen Morde verübt worden ist. Denn ebenso wie diese nur möglich wurden auf dem Boden der sittlichen Verwilderung, die die deuischnatw- nale und völkische Haßpropagando in die Kreise ihrer An- Hänger hineintrug, konnte die Mordtat an Matteotti nur in der Atmosphäre der politischen Entrechtung und der Gewalt- Herrschaft verübt werden, die der Faschismus in Italien ge. schaffen hat. Verschärft wird der politisch« Charakter de, Attentats durch di« Tatsache, daß Matteoff beseiigt wurde, weil er gegen die torruptiv einflußreichen faschistischen Kreise ankämpfte und sicherem Vernehmen nach, einen neuen Feldzug gegen sie vorbereitete. Die dadurch gefährdeten Kreise haben sich deshalb beeill, den unbequemen sozialistischen Ankläger mit den traditionellen Mitteln der Maffia aus dem Wege zu räumen. Der Sturm der Empörung, der jetzt durch Italien geht. läßt hoffen, daß sich endlich alle rechllich fühlenden Elemente des italienischen Volkes zu energischer Abwehr der faschistischen Seuche zusammenfinden und den Kampf unterstützen, den bis- her fast allem die soziaistische Arbeiterschaft geführt hat. lieber- all in der ganzen West wird die Arbeiterschaft mit derselben leidenschaftlichen Anteilnahme diesen Kampf verfolgen, wie sie der Parteitag in seiner heutigen Sitzung zum Ausdruck gebracht hat.. Dtc Attentäter. Rom. 14, Juni.(TU.) Zur Ermordung des sozialistischen Ab- georimct«« Matteotti wird gemeldet: Im ganzen wurden gestern S Personen verhoftet. Di« aufiehenerregendste Verhaftung ist die des Direktors des offiziösen„Corriere d'Italia'', ei l i p« l l i. Auch der llnrirstaatssekretär F i n z i ist in die Affäre r wickelt. Zweifellos wollte Matteotti über eine Aestechungsaffäre, welche von Regi«rungss?it« ausgegangen war, in d-r Kammer ein« Red- hatten. Di« Faschisten erfuhren davon, bcmöchtlgien sich der Person Matv-ottt« und führten ihn in die Nähe von Fimbara, wo die LeichzJKoittvttip in«in«? Grotte aufgefunden wurde. Matteotti war der Schädel eing-schlaqen. Der Leichnam wies auch mehrere Dolchwunden auf. Bor den Gitterturen des Güterbahnhofs am Schönebsrger Ufer! drängen sich die Leute. Errsgtes Fragen und Ausrufe. Aber niemand kommt hinein, die Schupo sperrt alle Eingänge ab. Alles fragt nach Nachrichten. Ein Eisenbahnbeamter erzählt Einzelheiten von dem Unglück.„Einen Mann mußten sie mit der Axt heraushauen."„Nur ein Glück, daß die Wagen nicht noch abgebrannt find," hört man im Vorübergehen. Auf dem Hof« des Güterbahn- Hofes stehen die Lastautos der Polizei und der Samariterkolonns. Auch hier strenge Kontrolle durch Polizei und Eisenbahner. Hinter den langgestreckten Güterschuppen auf dem Einfahrtgleis« zum Wannssebahnhof stehen die vier Wagen des verunglückten Zuges. Der Zusammenprall muß mit furchtbarer Wucht geschehen sein. Der eine Wagen ist buchstäblich bis zur hälft« in den anderen hineingeschoben. Zersplittertes Holz, eingedrückte Scheiben, ver- beulte Eisenstangen und Schienen,«ine Abtelltür liegt wie von einer Rissen Hand fortgeschleudert auf den Gleisen. Arbeiter und Eisenbahner sind beim Ausräumen beschäftigt. Gerade eben spannt man zwei Lokomotiven hinten und vorn« an die Wagen um sie auseinanderzuziehen, während Arbeiter mit Aexten und Sägen das ineinandergeklemmte Holzwer! und Sparren auseinonderhauen. Drüben in der Flottwellstraße sind alle Fenster besetzt von neu- gierigen und aufgeregten Menschen. Di« Opfer des Unglücks sind aber alle schon fortgeschafft und nur ein paar Tragbahren erinnern noch an die furchtbar« Katastrophe.„Am furchtbarsten war da? Geschrei. Ein junges Mädchen, die bis an die Brust eingeklemmt war, mußte die Feuerwehr buchstäblich raussögen," erzähst ein Schaffner.„Ja, und ein Mann war bis an den Hals eingeklemmt. Wir haben eine halbe Stunde gebraucht, um ihn rauszuhauen, er hat während der ganzen Zeit noch gelebt und im selben Augenblick, wo wir ihn frei hatten, starb er," berichtet ein anderer. Ein Arbeiter kommt mit einem Eimer und Scheuerlappen, um di« Blutlachen fortzuwischen. Di« Lokomotiven rucken an und das Gleis muß heute noch freigemacht werden, der Verkehr geht weiter.— Wie bald w-rd auch dieses Unglück im Lärm des Alltags versunken und vergessen sein! Der Sericht eines Augenzeugen. Heut früh fuhr ich mit dem Vorortzug(4121») 7 Uhr öS Minuten vom Bahnhof Zehlendorf ab. Da ich mich aber etwas verspätet hatte, stieg ich gleich w einen der vorderen Wogen ein. und das war mein Glück. Denn die letzKn Wagen des betreffenden Zuges wurden zertrümmert. Wie gewöhnlich hielt der Zug auf der freien Strecke Groß-Görfcher.'ftraße. Er hatte woh! noch keine frei- Ein- fahrt. Ich sah mir noch die Stelle an, wo erst vor wenigen Wochen der Tender herunt«rg>.fftürzt war. Nach einigen Minuten fuhr der Zug langsam weiter, über die Brücke des Landwebrkanals. Plötzlich gab es einen gewaltigen Stoß. Wir Fahrgäste wurden hin und h-r geworfen. Die Fensterscheiben der Abtelle klirrten und zer, sprangen. Glasstücke flogen umher. So schnell wie nur i