Nr.300 41.Jahrgang Ausgabe A nr. 154 Bezugspreis: Böchentlich 70 Goldpfennig, monatlich 3,-Goldmark voraus zahlbar. Unter Kreuzband für Deutschland. Danzig, Gaar- und Memelgebiet. Desterreich, Litauen, Luxemburg 4,25 Goldmart, für das übrige Ausland 5,25 Goldmark pro Monat. Der., Borwärts" mit der Sonntags. beilage Bolt und Reit" mit..Gied. lung und Kleingarten", fowie der Unterhaltungsbeilage Heimwelt" und Frauenbeilage Frauenstimme" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm- Adresse: „ Sozialdemokrat Berlin" Morgenausgabe Vorwärts Berliner Dolksblatt 10 Goldpfennig 100 Milliarden Anzeigenpreise: Die einfpaltige Nonpareille. geile 0,70 Goldmart, Reklamezeile I.- promart. Kleine Anzeigen" das fettgedruckte Wort 0,20 Gold. mart( zulässig zwei fettgedruckte Worte), fedes weitere Wort 0,10 Goldmart. Stellengesuche das erste Wort 0,10 Goldmark, jedes weitere Wort 0,05 Goldmart. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. 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Aber es wäre ein Fehler, darüber vergessen zu wollen, daß der politische Umschwung, der sich seit dem 11. Mai in Frankreich vollzogen hat, auch in der Richtung und Zielsetzung der franzöfifchen Außenpolitik und insbesondere in ihrer Einstellung zu Deutschland klaren und unzweideutigen Ausdruc gefunden hat. Baris, 27. Juni.( Eigener Drahtbericht.) Ein neuer Beweis| zeitige Rückkehr mit einigen Ausnahmen aller aus dem Ruhrgebiet für die von uns wiederholt vertretene Behauptung, daß die neue( französische Zone) und dem Düsseldorfer Brückenkopf Ausgewiesenen französische Regierung in ihren der Bereinigung der internationalen gestattet. Diese Entscheidung ist am 27. Juni dem RegierungsAtmosphäre dienenden Handlungen bedeutend weiter geht, als präsidenten von Düsseldorf mitgeteilt worden, damit er sie den es nach der durch die Rücksicht auf die Opposition gebotenen Zurüd- Interessenten bekanntgibt. Im übrigen sind Maßhaltung gewiffer Erklärungen Herriots den Anschein hat, ist die nahmen der Strafunterbrechungen, denen aber die end Durchführung der Amnestie in den besetzten Gebieten. Nachdem die gültige Begnadigung folgen wird, zugunsten derenigen Interalliierte Rheinlandkommission innerhalb kurzer Zeit allein in Personen erfolgt, die Verurteilungen wegen ihrer Teilnahmen am der ihrer Kompetenz unterstellten französischen Zone des linken Rhein- passiven Widerstand erlitten haben. Was die strafrechtlich Ber- Lösung des Reparations- und Sicherheitsproblems' bewußt Herriot hat unter die Politik seiner Vorgänger, die die users 15 000 Ausweisungsbefehle zurüdgenommen und so etwa urteilten angeht, so werden alle ihre Alten einer neuen Prüfung fabotiert haben, um sich einen Vorwand für die dauernde Be60 000 Ausgewiesenen die Rückkehr in die Heimat ermöglicht hat, hat unterzogen werden, damit die weitesten Begnadigungsfegung der Rheinbrückenföpfe und einen Deckmantel für ihre General Degoutte am Freitag die gesamten im Ruhrgebiet maßnahmen gegenüber besonderen Einzelfällen ergriffen auf die Loslösung des linken Rheinufers von und im Brüdentopf von Düsseldorf ergangenen Ausweisungsbefehle werden. Deutschland gerichteten macchiavellistischen Pläne zu schaffen, mit ganz wenigen individuellen Ausnahmen aufgehoben. Weiterhin wird angekündigt, daß die Maßnahmen zur Aufhebung einen fühnen Strich gezogen. Vor die Wahl gestellt, zwischen einer Bolitik der nationalistischen Aspirationen und einer, den der wegen Beteiligung am passiven Widerstand verhängten Stra fen bereits im Gange sind und die Aften aller derjenigen, die wegen Realitäten der internationalen Situation ebenso wie dem als nichtpolitisch bezeichneter Straftaten verurteilt worden sind, einer Friedensbedürfnis der ganzen Welt Rechnung tragenden Bolineven Prüfung durch die Besatzungsbehörden unterliegen sollen, um tif des Ausgleichs und der Verständigung hat er sich entdie Amnestie noch weiter auszudehnen. schlossen für die letztere entschieden. Aber immer noch Kriegsgerichtsurteilr. Mainz, 27. Juni.( Mtb.) Das französische Kriegsgericht verurteilte den deutschen Reichsangehörigen Jost wegen Aufrei. zung der Bevölkerung von Argenthal gegen Besatzungsmaßnahmen zu drei Jahren Gefängnis. Drei junge Burschen aus Argenthal, die der Verbindung mit Just beschuldigt wurden und antifranzösische Lieder in einem Gasthof gesungen haben sollen, erhielten je ein Jahr Gefängnis. Paris, 27. Juni.( Eca.) Es wird folgende Information mit geteilt: Da die Regierung in der Absicht, eine Entspannung herbeizuführen, beschlossen hat, daß eine umfassende Be= gnadigungsmaßnahme gegenüber den Personen getroffen wird, die aus dem besetzten Gebiet feit dem 11. Januar 1923 aus gewiesen worden sind, hat der Oberkommandierende der Besagungs- Redner aus dem Saargebiet sich über verbotene politische Grenze der in dem Gutachten der Sachverständigen firierten armee, General Degoutte, Bestimmungen getroffen, die die gleichPoincaré fehre zurück! Daß 60 000 Ausgewiesene aus der Zeit des Ruhrkampfes auf Veranlassung von Herriot die Genehmigung zur Rückkehr in die Heimat erhalten haben, bedeutet für die Deutschnationalen einen neuen schweren Schlag. Sie hätten es zu gern gesehen, wenn diese unglücklichen Opfer noch möglichst lange die Leiden der Berbannung hätten erdulden müssen. Jezt aber ist den berufsmäßigen Patrioten gründlich in die parteipolitische Suppe gespuckt worden. Immer deutlicher zeigt es sich, daß Herriot für die Deutschnationalen weit schlimmer ist als Boincaré. Wenn Herriot nämlich auf diesem Wege fortschreitet, wird es für die Westarp und Genossen gar kein Gefchäft mehr geben fönnen. Na, hoffentlich wird er durch poincaristische Intrigen doch bald gestürzt! Die Berlegenheit der nationalistischen Blätter gegenüber der Maßnahme Herriots geht recht deutlich aus der Stellungnahme der Deutschen Tageszeitung" hervor. Die Rückkehrerlaubnis ist in ihren Augen gar nichts, solange die 60 000 Mann nicht außerdem von Frankreich entschädigt werden! Auf diese Art ist es natürlich sehr leicht, jede Maßnahme des Entgegenkommens als ungenügend hinzustellen. Der Berfasser dieser unverantwortlichen Hezereien, Her Wilhelm Hack, fagt zum Schluß, es sei höchste Zeit„ endlich wieder eine deutsche Politik zu treiben und einen deutschen außenpolitischen Millen zu zeigen." Herr Hack soll uns nur auf eine furze, präzise Frage eine ebenso kurze und präzise Antwort geben: Würde eine deutschnationale Regierung das Entgegen tommen Herriots- das übrigens ihr gegenüber niemals erwiesen worden wäre mit der Forderung auf materielle. Ents schädigung der Zurückkehrenden durch Frankreich beantworten? Wenn er das wirklich glaubt, dann erklären wir ihn für einen gefährlichen Narren. Wenn er das aber nicht glaubt, dann erklären wir ihn für einen unverantwortlichen Hezer. Ach, wie schwer ist es für deutschnationale Redakteure, seit dem französischen Umschwung Politik zu treiben! Poincaré, fehre zurüd! Deutschland hat das Wort. Neue Erklärungen Herriots. Paris, 27. Juni.( Eca.) Herriot erklärte heute abend Pressevertretern, er betrachte die falschen und tendenziösen Nachrichten, die ein Teil der Presse über seine diplomatischen Verhandlungen veröffentlicht hat, als leere und tote Buchstaben. Ueber die heutige Unterhaltung mit dem deutschen Botschafter bewahrte Her riot vollkommenes Stillschweigen und erklärte lediglich, das Wort hat nunmehr Deutschland. Die Absichten der französischen Regierung bezüglich der Micum. abkommen gingen nicht darauf hinaus, daß vor der Konferenz von London, die am 16. Juli zusammentreten soll, ein Zwischenzustend geschaffen werden jolle. Das Interesse Deutschlerts, wie das Frankreichs und Belgiens sei einfach, die Abkommen zu ver längern, so wie sie seinerzeit abgeschlossen sind, so daß die Londoner Konferenz nützliche Arbeit verrichten könne, d. h. schnell Landau, 27. Juni.( Mtb.) Laut„ Landauer Anzeiger" wurden die Kommunisten Brühl und Halbgewasch aus Kaiserslautern, die eine fommunistische Wahlversammlung einberiefen, in der ein Fragen verbreitete, je zu acht Tagen Gefängnis verurteilt. Poincaré hatte geglaubt, die imperialistischen Ziele, die Clemenceau in Versailles gegen Wilson und Lloyd George nicht durchzusehen vermocht hatte, auf Umwegen erreichen zu fönnen. Herriot will die Erfüllung dessen, was Frankreich im Vertrag von Versailles zugesprochen erhalten hat, im Rahmen d. h. eine bis an die äußere deutschen Zahlungsfähigkeit gehenden Reparationsleistung und die Lösung des Sicherheitsproblemes, auf dem Wege der geeignete Maßnahinen ergreifen könne, um den Sachverständigenplan militärischen leberwachung Deutschlands und der im Friedenszur Ausführung zu bringen. Es sei zu wünschen, daß Deutschland von dem gleichen Willen beseelt sei, wie alle Alliierten, nämlich das Sachverständigengutachten so schnell wie möglich zur Ausführung zu bringen und infolgedessen noch vor dem 16. Juli die gesetzlichen Maßnahmen zur Annahme zu bringen, die in dem Sachverständigengutachten vorgesehen seien. Im gegenteiligen Fall sei es klar. daß die Londoner Konferenz an Nuzen verliere. Bereits jetzt seien die alliierten Kanzleien im Begriff, sich über die Borbereitung der Konferenz zu einigen. Herriot erklärte schließlich noch mals, daß nunmehr Deutschland das Wort habe. Matteotti- Feier der Opposition. Rom wallfahrtet zur Mordstelle. Rom, 27. Juni.( EP.) die Oppositionsgruppen haben sich unter dem Vorsitz des Abg. Turati( S03.) zur Gedächtnisfeier für Matteoffi um 10 Uhr im Monte Cifforio( dem Parlamentsgebäude) versammelt und sich nachher an diejenige Stelle begeben, wo Matteotti gewaltjam entführt worden ist. Nach diesem Ort hat eine regelrechte Wallfahrt der römischen Bevölkerung eingesetzt. Heute morgen wurde ein Totenamt abgehalten. Große Mengen Blumen wurden an jener Stelle niedergelegt. Gleichzeitig wurde in der Hauptstadt während 10 minuten jeder Verkehr und jeder Betrieb unterbrochen. Die Paffanten blieben schweigjam auf den Straßen und Pläßen mit entblößten Häuptern stehen. Auch in Mailand verlief die Gedächtnisfeier Für Matteotti ohne jeden Zwischenfall. Die sozialistischen Blätter widmen Matteotti lange Nachrufe. Turatis Rede. Rom, 27. Juni.( EP.) Turati hat in seiner Gedächtnisrede für Matteotti u. a. ausgeführt, der Verschollene lebe im Herzen aller Guten weiter. Sein Blut befruchte die Freiheit des Vaterlandes. Mit der Beseitigung Matteottis habe der Faschismus nach seinem eigenen Geständnis einen nicht wieder gutzumachenden Fehler begangen, Matteotti habe im Tode gesiegt. Er sei in der Versammlung zugegen, wogegen das Gebäude der Gegner zu sammenstürzt. Die britischen Flieger in Deutschland. Auch sie stehen nicht über dem Gesetz. London, 27. Juni.( EP.) Die englische Regierung hat heute eine deutsche Note erhalten, worin erklärt wird, wenn die englischen Flugzeuge vom 1. Juli an sich nicht den Bestimmungen unterwerfen, denen die deutschen Piloten unterworfen sind, so würde ihnen die Landung nicht mehr gestattet werden. Die gegenwärtige Lizenz der englischen Flieger läuft mit dem 30. Juni ab. Die Note erklärt, daß die Lizenz nicht erneuert würde, wenn die englischen Flieger sich nicht den deutschen Vorschriften fügen würden. Ob ein Kanalfunnel England- Frankreich gebaut werden darf, wird der britische Reichsverteidigungsausschuß begutachten. Macdonald wird den Vorsitz führen und hat auch die ehemaligen Minister der beteiligten Ressorts zu der Beratung eingeladen. vertrag festgelegten Neutralisierung( d. h. dauernde Entwaffnung. Red. d. V.) des linten Rheinufers, ergänzt durch internationale, unter der Kontrolle des Völkerbundes stehende Garantieverträge. Sicher, Herriots Polifik ist feineswegs eine Politik des Verzichtes; sie ist weit mehr eine Politik der praktischen Realisationen, aber unter Beiseiteschiebung aller Illusionen, die die Erfahrungen der letzten fünf Jahre als unerfüllbare Utopien gekennzeichnet haben. Anderes oder gar mehr von einer französischen Regierung erwarten zu wollen, wäre von deutscher Seite ein gefährlicher Selbstbetrug. Diefe Politik unterscheidet sich von der Poincaréschen dadurch, daß sie 1. zum Friedensvertrag zurückkehrt, über deffen Forderungen Poincaré beträchtlich hinausgegangen war, 2. daß sie die Regelung der Reparationsfrage dem deutschen Leistungsvermögen anpaßt und so eine Liquidation der Deutschland auferlegten Schuld innerhalb eines absehbaren Zeitraumes ermöglicht, baren Druck der Poincaréschen Pfänderpolitik befreit, 3. daß sie die beseßten Gebiete von dem furcht4. daß sie die militärische Räumung der im Friedensvertrag okkupierten deutschen Gebietsteile, der Ruhr und der drei unter Briand besetzten Städte Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort, in greifbare Nähe rückt und endlich 5. daß sie die im Friedensvertrag festge= fegten Laufzeiten für die Besezung des linten Rheinufers und der Brüdenköpfe, die Poincaré ad infinitum wollte, wieder in Geltung seßt, derart, daß hinausschieben bereits zu Beginn deskommenden Jahresmit der Räumung des Brüdentopfes von Köln und seines Hinterlandes gerechnet werden fann. Die deutsche Regierung und mit ihr das deutsche Volk wird durch diese Politik vor Entscheidungen gestellt, die schwer sind, die aber den Vorzug der Klarheit und absoluten Eindeutigkeit haben. Auch Deutschland hat nunmehr zu wählen und der von der Rechten gepredigten Politik der nationalistizwischen einer Politik des nationalen Interesses fchen Propaganda, die dem parteipolitischen Egoismus die wahren Interessen der Volksgesamtheit zu opfern bereit ist. Was die Alliierten von Deutschland fordern ist hart. Die Annahme und loyale Erfüllung des S a chverständigen= programms bedeutet schwere materielle Opfer, die die ohnehin bereits erdrückende Last des deutschen Steuerzahters noch weiter steigern wird. Sie werden gebracht werden müssen schen Westens, der heute unter der Fremdherrschaft der Sieger aus dem Bewußtsein heraus, daß damit die Freiheit des deutleidet, erkauft wird. Aus dem gleichen Gedanken heraus muß das andere, für breite Boltsteile noch schwerer erträgliche moralische Opfer gebracht werden die Unterwerfung unter die militärischen Kontrollforderungen der Alliierten. Gewiß, es gibt für ein auf seine Freiheit und Unabhängigkeit stolzes Bolt kaum etwas Demütigenderes, als jahrelang sich die Einmischung der Sieger in seine eigensten AngeIegenheiten gefallen lassen zu müssen, zumal da die völlige Abrüstung, die man Deutschland auferlegt hat, bisher in keinem der anderen Länder von ähnlichen Maßnahmen(je folgt worden ist. Aber ist oie Fremdherrschaft am Rhein und an der Ruhr, mit deren Abbau auch nach den neuesten Er- klärungen der Regierungen Englands und Frankreichs nicht gerechnet werden kann, bevor Deutschland sich nicht einer letzten Kontrolle durch die interalliierte Militärkommission unterworfen haben wird, weniger verletzend iür die Ehre des deutschen Volkes als die Inspektionen eines Dutzend fremder Offiziere in den deutschen Kasernen und Waffendepots? Das deutsche Volk hat sich allzu lange irreleiten lassen von den fal- schen und hohlen Ebrbegri�.'wisser führender Schichten. und es wäre eine Begriffsv eung mit geradezu kata- strophalen Folgen, wenn jetzt eine deutsche Regierung durch aussichtslosen Widerstand gegen die jüngste Note der Bot- schafterkonferenz die in greifbare Nähe gerückte Räumung der Ruhr und mit ihr die baldige Befreiung wenigstens eines Teils des linken Rhetnufers aufs Spiel setzen würde. Nach dem Friedensvertrag läuft am IE. Januar 1925 die Frist für die Besetzung des Brückenkopfes von Köln und seines Hinterlandes ab, unter der Voraussetzung, daß Deutschland bis dahin die ihm im Friedensvertrag auferlegten Verpflich- tungen erfüllt hat. Die von den Vorgängern der jetzigen fron- zösifchen Regierung wiederholt vertretene These, daß die im Friedensvertrag festgesetzten Laufzeiten für die Okkupation an- gesichts der deutschen Nichterfüllung noch nicht begonnen hätten, ist von der englischen Regierung bisher nicht anerkannt worden. Was der rein imperialistische Ziele verfolgenden Politik eines Poincar6 niemals gelungen ist, scheint die ab- solut ehrliche und loyale Verständigungsbereitschaft Herriots in London erreicht zu haben: die Zusicherung, daß Eng- land die Räumung der Kölner Besatzungs- zone von der Voraussetzung abhängig machen wird, daß Deutschland denBeweisfürdietatsäch- lich zu Ende geführte Abrüstung erbracht hat. Auf der einen Seite steht also auch für Deutschland die Politik der Realitäten? sie bedeutet die Unterwerfung unter die unvermeidlichen Folgen des verlorenen Krieges, läßt aber dem deutschen Volk die Möglichkeit zum Leben und mit der Freiheit die Aussicht auf einen raschen Wiederaufstieg. Auf der anderen Seite die Politik der nationalistischen Phrase, die die Fremdherrschaft an Rhein und Ruhr verlängert, die wirt- schaftlichen Schwierigkeiten aufs neue zum Chaos steigern und das deutsche Volk den verhängnisvollsten politischen Aben- tcuern aussetzen muß. Die skrupellose Demagogie deutschnatio- naler Maulhelden mag sich für die letztere entscheiden. Für eine ihrer Verantwortung bewußte deutsche Regierung aber darf und kann es kein Schwanken geben. Die Schutzzölle kommen! Sandmirtschastsdebatte im Reichstag. Die gestrige Reichstagsdebafte brachte die lange vor- bereitete Aussprache über die Agrarkrise. Nicht weniger als 37 Interpellationen und Anträge lagen zu dieser Frage vor. Die Bürgerlichen haben es sich einiges Schreibpapier und vielen Siimmenaufwand kosten lassen, um Dinge auszu- sprechen, die längst bekannt sind, und in mehr oder minder starken Tönen die AbHilfsmittel anzupreisen, erhöhte Kredite, geringere Steuern, Hochschutzzoll für die Landwirtschast. Die Anträge, deren Einzel- heiten schon wegen ihrer Fülle in der Plenarsitzung kaum ge- streift werden konnten, bedürfen besonderer Beratung durch die zuständigen Ausschüsse. Sie bildeten aber den Rahmen für eine Regierungserklärung, die im ganzen nichts anderes ist als ein Zurückweichen vor den landbündlerischen Jnteressentenwünschen, ein Rückfall in die Politik der Faul- heitsprämien der Vorkriegszeit, in das System der P r i v i- legierung eines einzelnen Berufsstendes ohne die Spur eines wirklichen Produktionsprogramms, dessen Ab- ficht einer Steigerung des Bodenertrags in wirksamen produktionspolitischen Maßnahmen einen Aus- druck finden müßte. Vor der Regierungserklärung hatte Gen. Georg Schmidt die bekannten Forderungen der Sozialdemokratie zum Agrarprogramm begründet. Rückhaltlos erkannte er die gegenwärtigen Schwierigkeiten in der Landwirtschaft an, aber ebenso rückhaltlos wandte er sich gegen die einseitige, von Uebertreibungen strotzende Darstellung der Deutschnatio- ualen und ihrer Freunde vom Landbund, deren deutliche Ab- ficht der Wiederaufrichtung des reaktionären Wirt- fchaftssystems an dieser Stelle deutlich genug gekennt- zeichnet worden ist. Er stellte den Hochschutzzollwünschen der Agrarier die Forderung nach einem allgemeinen Abbau der Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe und Be- triebsmittel gegenüber. Er verlangte weiter eine Steuer- und Bodenpolitik!m Sinne der Bestrebungen einer gesunden Bodenreform, wie sie besonders durch die einheitliche reine Grund st euer herbeigeführt werden kann, und fand starke Worte und beredte Vorschläge zur Abwehr der sozialen Uebergriffe der Großgrundbesitzer gegenüber den Land- arbeitern. Die bürgerlichen Redner bliesen unentwegt das Lied von dem„unentbehrlichen" Schutzzoll, der heute schon deshalb wirkungslos ist, weil die Inlandspreise unter den Weltmarktpreisen liegen. Daß die Befürchtungen, die Regierung werde den Agrarforderungen weitgehend Gehör schenken, vollauf ge rechtfertigt waren, ergab die Erklärung des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft. Daß man den Land wirten im Hinblick auf die gegenwärtige Knappheit an Be triebsmitteln weitgehend Steuerstundung und darüber hin aus neue Kredite beschaffen will— wozu allerdings die Durchführung des Dawes-Berichtes Vorbedingung ist— soll hier nicht weiter beanstandet werden, obwohl der Plan einer Umgestaltung der Rentenbank für Agrarzwecke mancherlei Bedenken auslösen muß. Tatsache ober ist, und diese Feststellung ist für die kommende Wirtschaftspolitik gegenüber den breiten Massen von ganz außerordentlicher Bedeutung, daß die Regierug bereits in nächster Zeit einen neuen Zolltarif vorlegen wird, der den Schutz des deub schen Großgrundbesitzes gegen die ausländische Konkurrenz in umfasiender Weise für fernere Zukunft sichern soll. Also eine Verteuerung der Lebenshaltung zum Vorteil der wenigen Großgrundbesiotzer. die ollein Nutz nießer der Hochschutzzollpolitik sind. Unnötig zu sagen, daß eine Regierung, die so die künstliche Verteuerung der Lebens. mittel sich zum Ziele setzt, nicht auch für die Verbraucher einen Brocken übrig hatte. Sie will die Verbrauchssteuern herab- setzen, um keine allzu hohe Verteuerung durch Zölle herbei- zuführen. Nimmt man an, daß nun die Schutzzölle die von ihnen erwartete Wirkung haben, so wird nach alter Erfahr rung die Lebcnshalwng durch die Zölle stärker verteuert als deren Ertrag für die Reichskasse ist. Selbst wenn man also an der übrigen Verbrauchsbelastung etwas abstreicht, verbleibt eine Sonderbe st euerung der breiten Massen zu- gunsten der Großlandwirtschaft, die aus Reichsmitteln jeden- falls nicht kompensiert werden kann. Das„neue" Agrarprogramm setzt an derselben Stelle an. wo man schon 1879 und in den folgenden Jahrzehnten mit kurzer Unterbrechung erfolglos den„Schutz der natto- nalen Arbeit" betrieben hat. Erfolglos war dieser Schutz, weil es keinen Zolltarif gab, bei dem die Großgrundbesitzer nicht noch immer höhere Forderungen auf- gestellt hätten— was nicht notwendig gewesen wäre, wenn der Zollschutz eben das Heilmittel wäre. Jetzt geht das alte Spiel von neuem los. Man darf auf die bevorstehenden Verordnungen mit Recht gespannt sein. An ihnen wird sich ermessen lassen, wie weit die Re- g i e r u n g die Preisgabe der breiten Massen an den Brot- wucher deutschnationaler Patrioten treiben will. Abermals verbalen wurde vom Reichsinnenmlnifter der neuer. dings auf den 29. Juni einberufene kommunistische«Reichsarbeiter. kongreß". Zum 2s. Iunk. 1914 Attentat von Sarajewo— 1919 Unterzeichnung in Versailles. Heute vor zehn Jahren fiel in Sarajewo das ö st e r- reichische Thronfolgerpaar unter den Schüssen der serbisch-irredentistischen Feme. Heute vor fünf Jahren wurde Deutschland durch stärkste Drohung gezwungen, jenes u n- moralische D o k u m e n t zu unterzeichnen, das die For- derungen der Sieger an den Besiegten mit dessen angeblicher Schuld am Kriegsausbruch moralisch zu begründen versuchte. Schon die Chronologie der Geschichte, schon das Verhängnis- volle Datum des 28. Juni allein ist geeignet, der zum Kriegs- gebrauch erfundenen Legende von der deutschen Allein schuld am Kriegsausbruch einen empfindlichen Stoß zu versetzen. Es ist unbedingt richtig, daß die Ermordung Franz Fer- dinands noch keinen ausreichenden Grund für Oesterreich bot, Serbien demütigende Bedingungen zu stellen und den mili- tärischen Einmarsch zu vollziehen. Diese Auffassung ist von der Sozialdemokratie stets vertreten worden, sie hält auch heute noch an ihr fest. Es ist ebenso richtig, daßHetzerundJn- t r i g a n t e n dennoch in allen Lagern am Werke waren, und daß die deutsche Regierung, obwohl schwach und gar nicht kriegslustig, eben wegen dieser Schwäche nicht die Kraft fand, ihr Spiel zu durchkreuzen. Aber daß man Schwachen— aus geringeren Anlässen als den des Mordes von Serajewo— demüttgende Bedingungen stellt und sie durch militärischen Einmarsch vergewaltigt—, das ist nach 1911 auch vorge- kommen und ist gerade von denen, die Deutschlands Allein- schuld am Kriegsausbruch am lautesten behaupten, keineswegs als ein Verbrechen bettachtet worden. Der hauptsächlichste Unterschied zwischen der österreichischen Kriegserklärung an Serbien 1914 und dem französischen Ruhrein- marsch von 1923 besteht doch darin, daß Serbien, im Ver- trauen auf seine Bundesgenossen sich zur Wehr setzte, woran das isolierte und entwaffnete Deutschland nicht denken konnte. Die deutsche Regierung hätte 1914 Oesterreich nicht ge- währen lassen dürfen, weil sie als Folge einen Weltkrieg und die Niederlage Deutschlands in ihm hätte voraussehen müssen. Das Fehlen dieser Voraussicht war ihre Schuld und ihr Ver- hängnis. Der deutschnationale Reichstagsabgeordnete und Kanzlerkandidat, Herr v. T i r p i tz, hatte schon recht, als er schrieb, daß Deutschland in den Weltkrieg„h i n e i n g e- schlittert" sei. Dieses wahre Wort bedeutet die schärftte B e r u r t e i l u n g.d e s alten Systems, an der es be- kenntlich ja auch sonst in den Briefen des Herrn v. Tirpist nicht fehlt. Allmählich beginnt die Weltmeinung sich auch in der Frage der Kriegsschuld umzustellen. Insbesondere ist im Lauf der Ereignisse das wahre Bild Wilhelms II. so klar geworden, daß der Glaube, dieser durch Mut doch wahrlich nicht ausge- zeichnete Mann hätte den größten aller Kriege mit Vorbedacht — Wilhelm und Vorbedacht!— herbeigeführt, vollends haltlos geworden ist. Wenn aber etwas den heilsamen Läute- rungsprozeß stören kann, so ist es der Lärm, den gerade die- jenigen in Deutschland um die Krisgsschuldfrage aufzuführen belieben, die am meisten Grund hätten, über sie zu f ch w e i- gen. Die Verantwortlichen sind 1914 hineingeschlittert, aber g e st o ß e n haben sie die U n verantwortlichen, die auch heute noch bei jedem internationalen Konflikt die schlimmsten Hetzer sind._ die kein Denkmal haben... Frank— Meding— Erzberger— Rathenau. Die Abgeordneten Sollmann und Loebe haben im Reichs- tag beantragt, zum Gedenken an die im Welttrieg gefallenen Mitglieder des Reichstages Ludwig Frank und.Hans v. Meding und an die ermordeten Reichsminister Erz- b e r g e r und Rathenau ein Erinnerungsmal an würdiger Stelle im Innern des Reichstagsgebäudes zu schaffen. Jitöien maöe in Vemblep. Von PaulChr. Plottke. Wenn du das Glück hast, dich in London aufzuhalten, brauchst du gar nicht weit zu fahren, um einen recht lebendigen Begriff von Indien zu bekommen: Nur eine halbe Stunde mit der Untergrund- bahn nach dem Wembley-Park, wo zurzeit die«British Empire Exhibition" täglich Zehntausend« von Besuchern anlockt. Dies« Ausstellung ist eine Darstellung des englischen Weltreichs im kleinen. Unter Aufwendung ungeheurer Kosten ist sie auf einen solchen Grad der Vollkommenheit gebracht worden, daß man wirklich mit den bürgerlichen Zeitungsschreibern in Bewunderung ersterben könnte— wenn man nicht gerade Antiimperialift wäre und nicht wüßt«, welche Unterdrückung und welches international« Proletarierelend hinter all diesen technischen und künstlerischen Wundern steckt.... Natürlich bekommt man auch von„Indien", das in einem zwei Hektar Land bedeckenden palastartigen Gebäude untergebracht ist, nur die glänzende Seite zu sehen— wie es sich gehört, wenn einem Volke«Weltteichempfinden" anerzogen werden soll. Den Hauptweq entlang, zu meiner Rechten die Ausstellung»- hallen„Australien" und„Kanada" nähere ich mich dem Indischen Palast? doch nichts spüre ich von dem asiatischen Märchenhauch, den dieses weiße, von vielen Türmchen überragte Gebäude ausstrahlen würde, wenn es nicht eingeklemmt wäre zwischen«inen gondeln- bedeckten künstlichen Teich, Zigareteenbuden, eine Gruppe europäi- scher Pappe!,: und staubige Wege, auf denen sich sonntagsgepußdes Großstadtpublikum drängt. Durch«in weites Tor trete ich in den geräumigen Hof ein, der von einer klosterartigcn Kolonnade begrenzt ist. Inmitten ist eine Art Planschbecken, dessen Boden blau an- gemalt ist. Das soll den Widerschein des indischen Himmels dar- stellen. iKein Mensch käme auf diesen Gedanken, wenn«s nicht im Führer stände.) Von der Kolonnade aus führen zahlreiche Gange nach den«ölen der 27 verschiedenen Provinzen, die oertreten sind, z. B, Bengalien, Kaschmir, Punjab. Basare im besonderen Stil der betreffenden indischen Landschaft liegen zu beiden Seiten der Rund» gang«. Indische Verkäufer halten Waren feil: Gewebe aller Art, Teppiche. Metall-, Holz- und Elfenbeinerzengnisse, Tabake, Schmuck- gegenstände. Zur Begründung der märchenhaften Preise sind, über- all sichtbar, Schilder angebracht, welche die Garantieerklärung ent- halten, daß die feilgebotenen Waren auch wittlich echt indische Er- Zeugnisse sind.— Indische Eisenbahn--und Dampfergesellschasten haben ihre Tätigkeit und ihre Ausbreitung durch Modell« und graphische Darstellungen veranschaulicht: ein« Missionsgesellschast zeigt durch Bilder und anderes Anschauungsmaterial ihre„erziehe» tische", soziale, ärztliche und literarische Tätigkeit in Indien: eine andere Abteilung g'bt Zeugnis von d r Konsum- upd Produktiv- genossenlchaitsbewegung in Indien: die Mitgli oderzahl, die 1996/7 nur 899 betrug, ist bis 1922/23 auf 2,1 Millionen angewachsen! Das ist bei einer Gesamteinwohnerzahl von 329 Millionen natürlich nur ein bescheidener Anfang. An einer anderen von Menschen wahrhaft belagerten Stelle sind Handwerker bei chrer Arbeit zu sehen: ein Töpfer, der mit übereinandergeschlagenen Beinen dasiZt und mit einem Griffel an noch rohen Gefäßformen, die neben ihm " stehen, Berzierimgen anbringt, sowie ein Holzarbeiter, der an einer k prinntioen Holzbearbeitungsmaschine auf der Erde kauert und Holz- gefäße herstellt. Eire unsagbar« Traurigkeit lagert auf ihren braunen Gesichtern und wirft tiefe Schotten in die scharfblickenden Augen. Ab und zu erheben sie ihre Köpfe und werfen räffelschwere Blicke auf die interessiert zuschaumden Vertreter der mitteleuropäi- schen Zivilisation. Noch größeres Interesse findet aber die„Ma> dras Chow Chow", das find Vorführungen einer aus 8 Indern be- stehenden Künstlertruppe, die ihre Bühne inmitten des Hauptteils errichtet hat. Zuerst tritt eine Tänzerin auf, die zu einem ganz leisen Ge- sang kindliche Tanzbewegungen macht. Nach ihr kommen zwei Jungen angesprungen, jeder zwei Schwerter in den Händen, mit denen sie sich tanzend um die Köpfe fuchteln. Man kann jeden Augenblick denken, sie wollen sich eigenhändig enthaupten. Sie können kaum 14 Jahre alt sein, doch strahlt eine fast männliche Reife aus ihrem braunen Antlitz. Danach kommt ein Flötist an die Reihe der aus einem sehr einfachen Blasinstrument feine weiche Töne hervorzaubert. Sie scheinen aber keinen Widerhall zu finden. Mit einer traurigen Verbeugung oerläßt er die Bühne unter ttadi- tionellem, hohlem Beifall. Dann folgt ein kleines Lustspiel, halb englisch und halb indisch gesprochen: Zwei Gauner bringen einem Eingeborenen das eine englische Wort ,,yes" bei. Sie weisen ihn an, auf alle unoerstandenen Fragen„yesl zu antworten. In einem englischen Basar wird er dann ob seiner Sprachenkenntnis tüchtig hineingelegt. Durch fein immer und immer wiederholtes«yes wird der Vettäufer veranlaßt, das Bananenlied:«Yes we have no bananas to-dav" zu singen. Das soll komisch wirten— doch der Zwiespalt zwischen der Inbrunst, mit der der junge Inder singt, und der Hohlheit und Sinnlosigkeit dieses Schlagers wirkt einfach auffchreckend. Noch tiefer empfand ich den Kontrast, als am Schluß, nachdem noch ein Schlangenbeschwörer und Zauberer allgemnnez Staunen erregt hatte, die gesamte Truppe„(loci save the kingl" sang. Diese englische Königshnmne bildet den Beschluß jeder Theater-, Kino. und sonstigen Vorführung. Außer dem Bananen-Liede war auch sie eine Bereicherung des Kulturgutes dieser indffchen Truppe. Fluchtartig verließ ich die Halle; doch hörte ich noch eine wohl- erzogene junge Enaländerin, die neben mir gesessen hatte, zu ihrer Freundin lagen:«Furchtbar neit! nicht wahr?!" Sie war äugen- scheinl'ch eine bessere Schülerin für«Weltteichempfinden" als ich. Die Dirke. Von K n u l p. Am Abend ging der Bauer hinaus zum Waldesrand und hieb sie mit einem blinkenden, singenden Axthieb nieder. Rauschend stel sie zu Boden— aus ihrem Wipfel flüchtete ein Vogel, aus ihrem Stamm stöhnte ein Aechzen. Dann griff sie der Bauer mit groben. hatten Händen und ttug sie davon, hm zu seinem Hause, stellt« einen Eimer vor das Tor. schüttete Wasser hinein und stellte den todwunden Baum in den Eimer. Die Birke weinte die ganze Nacht. Der Wind mochte ihr sagen, was er wollte, sie war nicht zu trösten. Sie schüttelte nur ihr Haupt und weint«. Auch das Mondeslicht glitt mit zarten Fingern über ihren weißen Stamm— sie zitterte > nd war bleich wie ein« verlasstne Braut. Die Morgensonne sah die letzten Tränen... Dann starb sie. Es war aber Frühling und die Leute schritten vorüber und sprachen mit froher Zufrieden- heil vom„Fest der Auferstehung". Einige zeigten auch auf die Birke und sagten: seht, wie schön sie ist, wie sie für die Freude lebt! Der Bauer aber saß im blauen Kittel auf der Bank vor dem Tore neben der Birke, glotzte dumm in den Tag hinein und wußte nichts davon, daß sich der Tod an sein Haus lehnte..., Die Siinstler und der Achtstundentag. Zu ftmt Auftuf der Künstler für den Achtstimdentag, den wir vor«inigen Tagm- ver- öffentlichten, ist es vielleicht von Interesse, auf die Ausführungen hinzuweisen, die Lujo Brentano in der„Sozialen Praxis" <19. Mai 1923) über den«Ansturm gegen den Achtstundentag und die Koalitionsfreiheit der Arbeiter", gemacht hat. Er nimmt Bezug auf die Verhandlungen im Vorläufigen Reichswiltschaftsrat und schreibt u. a.:„Die beiden Parteien, die sich im Reichswirtschaftsrat gegenübetttanden, waren, wie Herr Marcus, ein Vertreter der freieften aller Berufe, ein Künstler, am 13. Dczemer 1922 im Reichs- wirtfchaftsrate gesagt hat. vom allerbesten Willen beseelt und waren einander so nahe gekommen, daß nur noch die Vermittlung durch einen unparteiischen Wissenschaftler nötig schien, um sie zur Heber- cinstimmung zu bringen. Zu meinem größten Schmerze sind meine diesbezüglichen Erwartungen nicht erfüllt worden. Gerade von wissenschaftlicher Seite sind Aeußerungen erfolgt, die in ihrer Ein- stiiigkei: wirken mußten wie Del ins Feuer. Kein Wunder, daß sie von de? Arbeiterschaft wie eine Kampfansage der Wisse». schaft an die Arbeiter empfunden wurden, und zwar nicht auf feiten der freien, sondern nicht minder auf feiten der christlichen Gewerkschaften und der Hirsth-Dunckerfchen Gcwerkoeieine." Infolge der Sporsamkcttsmaßnahmen ist der Reichswirtschafts- rat auf die Hauptausschüsse reduziert worden, die Künstlervertreler sind in diesen nicht Mitglied. Sie sind jetzt ganz ausgeschaltet und die Wissenschaftler behaupten das Feld. Die Lücke ist sehr bedauer- lich, denn viele wirtschaftlich« Fragen lassen sich nicht ausschließlich auf dem Wege wissenschaftlicher Beivchnung und Beweissührung lösen. Das Gefühlsmäßige spielt vielfach mit. das Auge des Kunst- lers aber dringt in Tiefen, in die weder der Wissenschaftler noch der Geschäftsmann einen Einblick hat. Es ist leicht, recht zu behalten. wenn man unbequem« Kritik fernhält, und leider ist wieder einmal die Sparkamkeitsaktion zu diesem Zweck benutzt worden. Prof. Richard willställer. der berühmte Chemiker und Träger des Nebclprcises, hat sein Lehramt an der Münchener Universiiät niedergelegt. Nationalistische Intrigen haben ihn vertticben. Er hatte den Dorschlag gemacht, den Münchener Lehrstuhl für an- organisch« Chemie dem Professor Heinrich S o l d s ch m i d t an der Universität Christiania zu übertragen. Dieser Vorschlag wurde von den Kollegen Willstätters abgelehnt, weil Goldschmidt. ein Deutsch. Schweizer,„Ausländer" fei. In Wirklichdnt soll es sich bei dieser Ablehnung um antisemitische Treibereien handeln. Arth Reuker über den Allen Friß. In einem bisher unver- öffentlichten Briefe an den Breslauer Professor Felix Eberty vom 11. April 1867 bespricht Fritz Reuter dessen Buch„Preußische Ge- schichte" und äußert dabei seine Meinung über Friedrich II.„Sie fordern mich aus"— heißt es—„Ihnen ein Urtheil über Ihr Buch abzugeben: das kann ich nicht: ich kann blas von dem Eindruck sprechen, den es auf mich gemacht hat, und das ist est, so lebhafter Zuchthaus für Hochverräter. Das Urteil gegen die Frankfurter Verschwörer. Hierauf erflärte der Präsident, daß infolge der Berzögerung| Anspruch des völkischen Blods, den die Deutschnationalen unter. ftüßten, die zweitstärkste Fraktion zu sein, zusammengefallen. Dementsprechend wird die sozialdemokratische Fraktion unter Hinweis auf einen Bräzedenzfall den Antrag auf Neuwahl des Präsidi. ums stellen. der Regierungsbildung im Rahmen der Tagesordnung nur die Wahl der Landtagsausschüsse vorgenommen werden fönne. Diese erfolgte dann auch nach den Vorschlägen der eins Parteien, worauf zur allgemeinen Ueberraschung die Sigung nach taum einhalbstündiger Dauer ge= schlossen wurde. Leipzig, 27. Juni.( WIB.) ( WIB.) In dem Prozeß vor dem Staatsgerichtshof wegen des Attentats auf die Synagoge in Frantzelnen furt a. M. lautete das Urteil, dessen Verkündigung 20 minuten in Anspruch nahm, gegen Bau auf 7 Jahre Zuchthaus und 7 Jahre Chrverlust, gegen Rullmann, Hielle und Mehger übereinstimmend auf 6 Jahre Zuchthaus und 6 Jahre Ehrverluft; allen vier Angeklagten werden je 6 Monate Untersuchungshaft angerechnet. Bau, Rullmann und hielle sind vom Staatsgerichtshof eines hochverräterischen Kompletts nach§ 83 fowie einer hochperräterischen Konspiration nach§ 84 R. St. G. B. und außerdem eines Verstoßes gegen§ 6( Sprengstoffgesez) schuldig befunden worden, während bei Megger nur ein Delift im Sinne des leggenannten Baragraphen für vorliegend erachtet wurde. Als strafver schärfend fiel der fluchwürdige Charakter des geplanten Berbrechens und dazu die Würdelosigkeit der Anknüpfung mit den Landesfeinden in die Waaschale, als strafmildernd neben der Jugend der Angeklagten die Rücksichtnahme, daß auch hier Verführte auf der Anklagebank erschienen feien, während die eigentlichen schuldigen Drahtzieher sich dem zu griff der Justiz verstanden hätten zu entziehen. Megger hat das Gericht insofern eine Sonderbewertung ange: deihen lassen, als es bei diesem Angeklagten schnöde Gewinn sucht als Haupttriebfeder seines Handelns annahm. Die bayerische Regierung gebildet. Deutschnationaler Rückzug. München, 27. Juni.( Eigener Drahtbericht.) Das deutschnationale Ultimatum an die Bayerische Bolkspartei iff in sich zusammengebrochen. In eingehenden Besprechungen, die den ganzen Freitag über andauerten, wurde den Deutschnationalen sowohl vom Bayerischen Bauernbund wie der Bayerischen Volkspartei erklärt, daß sie ihre neuerliche Haltung refilos aufzugeben partei erklärt, daß sie ihre neuerliche Haltung restlos aufzugeben hätten, wenn sie Wert darauf legten, daß in Bayern überhaupt eine Regierung zustande fäme. Nachdem der deutschnationale Unterhändler eingesehen hatte, daß er mit seinen Ansprüchen in feiner Weise durchdringen würde, bequemte er sich schließlich zur Zurück ziehung seines Ultimatums und begnügte sich mit der Erklärung der Bayerischen Volkspartei, daß die Frattion dem bekannten Artikel des„ Bayerischen Kurier" vollständig fernstehe. Nunmehr ist also der alte Zustand vom Mittwoch wiederhergestellt und die Einigung der drei Koalitionsfreunde auf der Grundlage des bekannten Programms vollzogen. Demgemäß findet am Sonnabend vormittag um 10 Uhr die Wahl Helds zum Ministerpräsidenten ftatt, worauf Held sofort die Liste der Mitglieder feines Kabinetts bekanntgibt. Sie lautet: Juffizminifter: Gürtner( Dnat.), Sozialminister: Matthes( Bayr. Bp.), Minister des Innern: Minifterialrat Stübel( Bayr. Vp.), Handelsminister: Meinel( D. Bp.), Landwirtschaftsminister: Fehr( Bayr. Bauernbund). Kurze Landtagsfihung. Die heutige München, 27. Juni.( Eigener Drahtbericht.) Sigung des Bayerischen Landtages hatte in Anbetracht der auf der Tagesordnung stehenden Wahl des Ministerpräsi denten ein vollbesetztes Haus und dichtgedrängte Tribünen aufzuweisen. Vor Eintritt in die Tagesordnung bewilligte das Haus dem fommunistischen Fraktionsführer Abg. Schlaffer einen fechswöchigen Urlaub zu einer Studienreise nach Rußland. Dann gab Abg. Strasser im Namen der deutschvölkischen Fraktion eine Erklärung ab, die zunächst sagt: die Tatsache, daß in der langen Zeit, die zur Regierungsbildung zur Verfügung ftand, Bayern immer noch ohne Begierung ist, bedeutet den vollkommenen 3ufammenbruch des Parlamentarismus; damit ist die feit lange von der völfischen Bewegung gestellte Forderung auf Errichtung der völkischen Dittatur gerechtfertigt, da fie allein Bolt und Staat noch retten kann. Die kommunistische Frattion protestierte gegen die Durch fuchung ihrer Räume im Landtag und verlangte fofortige Haftentlassung eines ihrer Mitglieder, das am legten Sonntag in haftet worden ist. hat. Uebertritt zur Sozialdemokratie. München, 27. Juni.( Eigener Drahtbericht.) Der in der Ober: pfalz als Kommunist gewählte Abg. Enderle ist schon vor längerer Beit zur sozialdemokratischen Partei übergetreten, wobei er erklärte, sich vollständig zu den Grundsäzen der SPD zu bekennen. Nun hat 2bg. Enderle an die sozialdemokratische Landtagsfraktion den Antrag gestellt, ihn als Mitglied aufzunehmen und folgende Begründung hinzugefügt: Nach reiflicher Ueberlegung und großer Selbstprüfung habe ich an die sozialdemokratische Partei den Antrag auf Annahme in ihre Landtagsfraktion gestellt, getragen von der Ueberzeugung, daß nur von der sozialdemokratischen Partei eine ersprießliche Arbeiter politik getrieben wird. Die Politik der Zentrale der KPD. unter Führung der sogenannten Linten macht es mir unmöglich, meine Auffassung über eine Politik zum Nutzen des deutschen Broletariats innerhalb des Rahmens der KPD. zu entfalten. Jm vollsten Widerspruch zu den Direktiven der Zentrale der KPD. denten viele kommunistische Führer genau jo mie ich, haben aber nicht den Mut, ebenso wie ich die wahnsinnige Puffchtaktit, die Sprengstoffattentate und die parlamentarische Radautaftit zu verurteilen. Weil ich das getan habe, bin ich mit der KPD.- Zentrale bzw. ihren Instanzen in ernfte Differenzen geraten und bin dem Ausschluß aus der KPD. durch meinen Austritt zuvorgekommen. Die fommuniftische Bresse behauptet, ich müßte nun mein Manbat niederlegen, wenn ich Anspruch auf profetarisches Ehrgefühl haben wolle, andern falls würde mich die revolutionäre Arbeiterschaft meines Wahltreifes dazu zwingen. Ich bn über diese Erflärung der KPD. Presse einigermaßen erstaunt, wenn auch nicht über ihre Drohung. Die KPD. hat seinerzeit, als nach dem USP.- Parteitag in Halle mehrere bayerische USP. Abgeordnete, darunter auch ich, zur PD. übertraten, sich damit einverstanden erklärt, daß icy fowohl wie diefe anderen USB. Abgeordneten als fommunistische Abgeordnete das Mandat weiter behalten. Die KPD. ist am allerwenigsten befugt, Belehrungen über proletarisches Ehrgefühl zu erteilen. München, 27. Juni 1924. Franz Enderle, Mitglied des Landtags. Auf Grund dieser Erklärung beschloß die sozialbemo. fratische Frattion einstimmig, dem Ersuchen En berles stattzugeben. Durch die Aufnahme Enderles in die Fraktion zählt diese nunmehr 24 Abgeordnete. Damit ist der Die Finanzlage des Reiches. Im Steuerausschuß des Reichstags fand am Freitag eine Aus Sprache über die Finanzlage statt. Der Boltsparteiler Dr. Beder. essent regte dabei an, vor allem im besetzten Gebiet die Zahlungsrechtzeitig gezahlte Steuern, der jetzt bis zu 120 Proz. betrage, dort termine hinauszuschieben und den 3insfag für nicht zu ermäßigen, wo eine wirtschaftliche Notlage vorliege. Reichsfinanzminister Dr. Luther wandte fich gegen die Auffassung, als ob das Reich zurzeit über ein hohes Guthaben flüffiger Mittel verfüge. Von den 636 Millionen öffentlicher Gelder seien 392 Millionen Reichsgelder, aber nur 41 Millionen reichseigenes Geld, die übrigen 351 Millionen feien fremde Gelder. 100 Millionen entfielen auf Rentenmarffrebite, die am 28. Juli zurückzuzahlen seien, der Rest finanzverwaltung als Betriebsfonds dienen. Dieser Betriebsfonds von 251 Millionen feien Rentenmartschatwechsel, die der Reichsder allgemeinen Berarmung des Reiches zu hoch und werde allmählich von 251 Millionen gegenüber 600 Millionen vor dem Kriege sei bei abgebaut. Der Minister teilte ferner mit, daß die eingehenden Steuern teils höher sind als die Voreinschäßungen, teils aber auch hinter diesen zurückbleiben. Bisher haben allerdings die mehr. eingänge überwogen. Diesen Mehreingängen stehen auch Mehrausgaben gegenüber. Tatsächlich besteht ein Loch von 470 Miillonen. Ein Kaffenplan für den 1. Oktober weist ein Defizit bon 100 bis 150 Millionen auf. Die infolge von Fälschungen notwendig gewordene Einlösung der Goldanleihe fei ſomeit fortgeschritten, daß zurzeit noch 40 millonen große Stüde und 11 Millionen fleine Stücke Goldanleihe im Umlauf sind. Die passive Handlesbilanz von 1 Milliarde Goldmark in vier Monaten beruhe zu einem erheblichen Teil aus Tabafeinfäufen. Es müſſe ver mieden werden, daß die Tabakindustrie große Steuerfrebite in Anfpruch nehme, um selbst der Kundschaft langfristige Kredite zu ge währen. In der Aussprache betonte Genosse Hilferding, baß unsere Wirtschaft, und namentlich der Export, die umfassteuer in ihrer gegenwärtigen Höhe auf die Dauer nicht ertragen könne. Im Intereffe der Volfswirtschaft liege eine möglichst rasche Abdeckung der furzfristigen Anleihen des Reiches durch Begebung von Rentenmarkwechseln, um den Markt für langfristige Kapitals. anlagen wieder zu beleben. Der gegenwärtige Steuerzinsfah fei als Straffas berechtigt. Die Regierung müsse die jeßige harte Steuerpolitit bis zu einer Besserung der Berhältnisse beibehalten, fie fei die einzige Möglichkeit zur Berhinderung einer neuen Inflation. Reichsfinanzminister Außenstände an Steuerstundungen usw. hätte und daß insbesondere Dr. Luther teilte schließlich noch mit, daß das Reich auch noch das Branntweinmonopol einen Vorschuß von 50 Millionen erhalten habe, für den der Zeitpunkt der Zurückzahlung nicht feststehe. Um den Achtstundentag. Auf der internationalen Arbeitskonferenz. Genf, 26. Juni.( WTB.) Die dreitägige Aussprache der internationalen Arbeitskonferenz über den Ach stunden tag wurde heute mit einer längeren Rede des Direktors des Arbeitsamtes, Albert Thomas, abgeschlossen, die sich ausschließlich auf die Frage des Achtstundentages in Deutschland bezog. Thomas gab zunächst zu, daß Deutschland in den vergangenen Jahren den Achtstundentag auf das ftrengste durchgeführt habe, und daß auch die Neuordnung grundsäßlich den Achtstundentag bei behalte, der in einzelnen Industrien tatsächlich auch weiter bestehe, hob dann aber nachdrücklich und zuweilen leidenschaftlich hervor, daß die Tatsache der Mehrarbeit in Deutschland eine infernationale Gefahr Ingolstadt wegen geheimer Fortführung der verbotenen KPD. ver- bilde, und beurteilte vor allem die Abkehr ber Metallindustrie vom Dreischichtensystem. Er wies an der Hand polnischer und tschechoslowakischer Erklärungen auf die Be. unruhigung hin, die die deutsche Mehrarbeit in anderen Ländern hervorrufe, und bestritt, daß Mehrarbeit immer mehr produktion bedeute, da lettere leichter durch technische Betriebsvervollkommnung erreicht werde, wobei er bemerkte, daß Deutschland, wie der Sachverständigenbericht feststelle, sein industrielles Rüstzeug erneuert habe. Er erklärte dann weiter, daß, wie das Beispiel Frankreichs und Belgiens zeige, die Reparationen auf Grund des Achtstundentages geleistet werden könnten. Thomas gab zu, daß formelt der deutsche Regierungsvertreter be. rechtigt sei, die Frage der Arbeitszeit als eine Angelegenheit der deutschen Souveränität zu betrachten, und begrüßte bie Erflärung Lenmanns, daß es sich bei der Mehrheit in Deutschland nur um eine vorübergehende Maßnahme handele. Er verstehe auch, daß Deutschland sich gegen jebe Kontrolle mehre, und habe auch niemals an eine Kontrolle im Sinne einer Arbeitsinspektion oder dergleichen gedacht. Aber er halte es für unentbehrlich, daß auf Grund von besonderen Vereinbarungen die anderen Völker die Garantie erhalten, daß es sich tatsächlich um vorüber. gehende Maßnahmen handele. Thomas erinnerte dann an die gestrige Erklärung des englischen Regierungsvertreters und verlas eine Stelle des Sachverständigengutachtens, nämlich§ 8 B Teil I, wo es als ungerecht bezeichnet wird, daß die Alliierten im induftriellen Wettbewerb durch und so wohlthuender, wie selten ein Geschichtswert auf mich gemacht Sie werden dies gewiß nicht für hohle Lobhudelei erklären, wenn ich Ihnen sage, daß für mich die Culturgeschichte, der Sie mit Recht einen so großen Blag eingeräumt haben, tausendmal mehr werth ist, als die Geschichte der diplomatischen und friegertfchen Transactionen und ich freue mich, daß die Geschichtsschreibung in der letzten Zeit diesen Weg betreten hat. Die Characteristik des Alten auf dem rocher von bronce ist vortrefflich, man sieht den alten, harten, grausamen, tyrannischen Hausvater des preußischen Staats, der doch eigentlich mit eiserner Consequenz die reale Grundlage des preußischen Staats gelegt hat, vor sich; man möchte ihm in dem einen Augenblid das Genid umdrehen, und in dem andern muß man sich sagen: wenn's wirklich was werden sollte, dann mußte es lo angefaßt werden. Ihr Bagen, an die Characteristik von dem Alten Friz zu gehen, fann ich wohl begreifen, zwischen dem Urtheil von Macaulay und dem der preußischen Hof historiographen liegt eine schreckliche Kluft, und hier gilt's, nicht blos den volksthümlichen und bewundernden Traditionen der Preußen, sondern auch dem Ernst und der Gewissenhaftigkeit der Geschichte gerecht zu werden. Mir scheint der Sohn doch noch sehr viel von dem Bater an sich zu haben, und wenn davon auch ein gutes Theil der Zeit zur Laft fällt, so meine ich doch, daß er an seinem Lebensende nicht zu dem auf Humanität hindeutenden Stoßseufzer: Ich bin es müde über Sclaven zu herrschen" berechtigt war, er hatte fie fich selbst so gezogen und wollte sie nicht anders." Eine neue Tolstoi- Biographie. Nach zwanzigjähriger Arbeit hat einer von Tolstois nächsten Freunden, P. Birjutoff, den vierten Band feiner Biographie fertiggestellt. Gerade Birjukoff ist wie niemand anders berufen, den Versuch zu machen, ein vollkommenes Lebensbild Tolstois zu geben. Er stand nicht allein in jahrzehnte langem freundschaftlichem Berkehr mit ihm und seiner Familie, fondern er fannte auch die zahlreichen Menschen, die ihn umgaben und die ihn immer wieder befuchten. Das wertvollste in dem Werke ist die von Tolstoi niedergeschriebene, leider nicht zu Ende geführte Autobiographie. Auch sonst enthüllt es viel Neues und Wichtiges für die richtige Einschätzung der Persönlichkeit dieses großen Menschen. So findet man hier die erste Abschrift des Briefes an den Kaiser Nikolaus II. über die Verfolgung der Buchoborzen. Sehr interessant find auch die zahlreichen Aussprüche und die Gespräche Tolstois mit verschiedenen Beuten. Eine bedeutsame Beleuchtung erhält das tragische Ende Tolstois. Sein Freund und Sekretär W. Bulgakoff ſagi bazu in der russischen Zeitung„ Dni":" Die Tragit dieses großen Mannes, der von ordinären, aber deshalb nicht weniger prätengiösen Menschen umgeben war, war so beispiellos, so schrecklich, daß sogar Augenzeugen, die von ihm sprechen, unwillkürlich in einen Flüsterton verfallen." Von der Everest- Expedition. Die Daily Mail" erfährt aus Kaltutta, daß die beiden Mitglieder der Mount- Everest- Erdedition, Mallory und Irvine, zum lehtenmal am 8. Juni, 12 Uhr mittags, gefeben worden feien. Sie hätten damals eine Höhe von 8400 Metern erreicht. Seither hörte man nichts mehr von ihnen und es besteht nicht mehr die geringite offnung, daß fie noch am Leben sind, da man es für unmöglich hält, in jener Höhe bei den damaligen Bitterungsverhältnissen auch nur zwei Tage zu leben. höhere Unkosten und auch höhere Gehälter als der deutsche Konkurrent wertvoll. Er frage sich, ob Deutschland, sobald diese drei Staaten ratifiziert haben, noch weiter zögern wolle. Thomas faßte endlich seine Darlegungen folgendermaßen zusammen: ,, Bon irgendeinem autoritativen Gingreifen in die deutsche Souveränität ist niemals die Rede gewesen, aber helfen Sie mir die internationale Garantie zu finden für alle beunruhigten Staaten." Thomas schloß unter lebhaftem Beifall mit dem Ausdruck des Bertrauens in die Grundsätze des Achtstundentages. Anmerkung des WTB.: Zu diesen Ausführungen, die eine durchaus falsche Auslegung des Sachverständigengutachtens enthalten, wird halbamtlich mitgeteilt: Die angebliche internationale Gefahr und Beunruhigung beruhen nicht auf der deutschen Arbeitszeitverordnung vom 23. Dezember 1923, sondern auf den Verhälnissen, die zu dieser Berordnung gezwungen haben, also auf dem wirtschaftlichen und Währungszusammenbruch, auf dem jahrelangen Fehlen Ruhreinbruch und Micum- Berträgen. Das Sachverständigengutachten einer fachverständigen Behandlung des Reparationsproblems, auf ist mehr als drei Monate nach der deutschen Arbeitszeitverordnung ergangen; die neuen Arbeitszeiten bestanden bei seiner Abfaffung. tag überhaupt nicht. Das deutsche Volt hat im übrigen nicht Das Sachverständigengutachten erwähnt den Achtstundennur formell, wie Direktor Thomas sagt, sondern vollauf auch materiell das Recht, die Regelung der Arbeitszeit als eine Angelegenheit der deutschen Souveränität zu betrachten. Es wird sich dagegen, daß etwa unter Berlegung der deutschen Souveränität ihm internationale Binbungen in Form von Garantien in dieser Beziehung auferlegt werden, ebenso entschieden wehren, wie schon früher gegen die von Herrn Thomas angeregte internationale Rontrolle der deutschen Arbeitszeit. nicht zu seinem Bergnügen und nicht zu privaten Gewinnzweden nahm das deutsche Volt eine Verlängerung der Arbeitszeit auf sich, fondern unter dem bitteren Zwange, sich am Leben zu erhalten. * Anmerkung der Redaktion des Vorwärts": Wir haben so oft und nachdrücklich gegen die Arbeitszeitverordnung Stellung genommen, daß es sich erübrigt, die vorgeschobenen Gründe, die der Reichsarbeitsminister durch das WIB. verbreiten läßt, nochmals zu zerpflücken. Daß man im Augenblic einer beispielIosen Arbeitslosigkeit nicht gezwungen ist, die Arbeits. zeit zu verlängern, sondern daß man die durch diese Arbeitslosigkeit geschwächte Widerstandstraft der Arbeiterschaft gehindert würden. Dies bedeute die Forderung eines wirtschaft offenkundig, daß man sich jede weitere Bolemit ersparen kann. Wenn benußte, um den Achtstundentag zu beseitigen, ist so fichen Gleichgewichts, dies bedeute, daß der wirtschaftliche der Reichsarbeitsminister weiter erklären läßt, daß das Sachver Aufbau Deutschlands nur ein Moment des europäischen ständigengutachten den Achtstundentag überhaupt nicht Wiederaufbaus sei. Dieses Gleichgewicht würde aber ge- erwähnt, so ist er sich offenbar nicht darüber klar geworden, daß brochen durch einseitige Beschlüsse, denn wenn Sie in dem gleichen gerade diese Tatsache gegen ihn spricht. Das Gutachten zählt eine Augenblid," so rief Thomas der deutschen Delegation zu ,,, in dem ganze Reihe Bedingungen auf, die gegeben sein müßten, um ReparaSie die Empfehlungen des Sachverständigengutachtens annehmen, tionen überhaupt erft leisten zu können. Es spricht dabei aber wohl. diese Empfehlungen durch Beschlüsse über die Arbeitsweislich nicht von einer Berlängerung der Arbeitszeit. Es sagt vielzeit antasten, die tatsächlich den auf anderer Grundlage von mehr, daß die Lebensbedingungen der Arbeiter Deutschlands nicht den Sachverständigen aufgestellten Schlußfolgerungen zuwider schlechtere sein dürften als die der Arbeiter der anderen Länder laufen, so bedenken Sie, welche Verantwortung dann auch auf und weist ausdrücklich darauf hin, daß es ungerech wäre, den KonDeutschland unter dem Gesichtspunkt der Arbeiter und Sozial. furrenztampf der anderen Länder dadurch zu behindern. Wenn es fürsorge zurückfällt." Thomas erinnerte weiter an die Resolution weiter in der Erwiderung des Reichsabeitsministers heißt, Deutschland der Arbeitergruppe, die noch zur Beratung kommen würde, und auf habe ,, nicht formell" das Recht, feine Arbeitszeit selbständig zu regein, er die er nicht eingehen könne, bemerkte aber bazu, daß die notwendige so scheint er nicht zu wissen, daß„ formell" in der französischen Garantie durch internationale Bereinbarungen darüber Sprache, so viel wie in jeder Beziehung heißt. Aber daß sich zu erzielen sei, daß der Sachverständigenbericht gewährleistet werde. das deutsche Volt gegen internationale Garantieabkommen Als Organ, das diese Garantie bieten könne, bezeichnete er die und nur von solchen sprach der Direktor des Internationalen Reparationsfommission, deren Aufgabe es sei, das wirtschaftliche Arbeitsamts Gleichgewicht zu gewährleisten. Thomas unterstrich schließlich die den wie Deutschland, wehren wird, das zu behaupten hat die die anderen Völker geradefo binNotwendigkeit einer Beschleunigung der Ratifizierung der Ver- Herr Dr. Brauns kein Recht. Die demokratische Wendung, die in einbarung über den Achtstundentag und sagte, in diesem Zusammen- den internationalen Beziehungen eingetreten ist, mag Herrn hang feien Dr. Brauns, der einer der Führer der deutschen Reaktion ist, unangenehm sein. Das deutsche Bolt begrüßt sie als den Weg zur Freiheit und zum Frieden. die Erklärungen der belgischen Regierung und des englischen und französischen Arbeitsminiffers Gewerkschaftsbewegung führt wird. Den polnischen Arbeitern kommt es zugute, daß für Die Arbeitzeit in Deutschland. Um den Umfang der Arbeitszeitverlängerung festzustellen, die in Deutschland auf Grund der Arbeitszeitverordnung Platz gegriffen hat, ist vom ADGB. mit Hilfe der Ortsausschüsse eine Erhebung über die tatsächliche Dauer der Arbeitszeit einschließlich der geleisteten Ueberstunden vorgenommen worden. Die Erhebung fand in der Woche vom 12. bis 17. Mai d. I. statt und wurde von vornherein auf sieben der wichtigsten Berufe beschränkt. Die Erhebung ist also in Wirklichkeit nur eine Art Stichprobe, die jedoch, da fie auf das ganze Reich ausgedehnt ist und typische Berufe umfaßt, ein ziemlich getreues Bild der tatsächlichen Arbeitszeit geben dürfte. Die Erhebung umfaßte insgesamt 46 122 Betriebe mit 2 453 523 beschäftigten Personen. Sie ist geteilt einerseits nach Berufen, andererseits nach wirtschaftlich zusammenhängenden Gebieten. Bon je 100 erfaßten Betrieben und Beschäftigten arbeiteten danach in der Woche vom 12. bis 17. Mai länger als 48 Stunden: davon über 54 Stunden Personen Betriebe über 48 Stunden Betriebe Personen A. Bezirke 1. Baden 41,0 53,3. 1,7 1,2 2. Bayern 37,4 68,0 1,9 4,1 3. Rheinland- Westfalen 44,4 81,2 14,7 47,7 4. Hessent 31,9 47,9 1,4 4,7 5. Thüringen 28,2 39,4 3,5 5,6 6. Provinz Sachsen. 96,3 50,0 11,7 26,3 7. Sachien 35,5 58,4 1,0 1,7 8. Brandenburg 30,4 36,4 2,8 1,7 9. Schlesien • 36,1 52,0 3,9 8,5 10. Hannover 25,7 54,2 2,8 3,1 11. Hamburg 13,0 35,2 0,4 4,2 25,2 9 15,1 6,5 3,5 32,2 37,2 15,1 16,3 14. Saargebiet. 1,9 0,4 Insgesamt 33,5 54,7 5,1 13,0 B. Berufe Baugewerbe 10,7 11,0 2,6 2,9 Buchdruckgewerbe 46,3 49,4 1,2 1,7 Chemische Industrie 50,7 44,0 10,5 7,8 Holzgewerbe. 11,9 21,4 2,7 4,6 Metallindustrie 52,1 63,5 10,8 21,1 Schuhindustrie 20,7 14,5 0,4 78,2 82,4 2,5 0,3 4,8 13,0 12. Bommern 13. Dstpreußen. Textilindustrie. Jusgeiamt 33,5| 54,7| 5.1 Aus dieser Tabelle geht hervor, daß Metallindustrie und Textilindustrie bezüglich der Arbeitszeitverlängerung an erster Stelle stehen, was andererseits auch bei den verschiedenen Wirtschaftsgebieten, wo diese Industrien dominieren, zum Ausdrud fommt. Eine Ausnahme hiervon bildet nur das Saargebiet. Dort arbeiten nur 0,4 Proz. der erfaßten Personen über 48 Stunden die Woche. Man kann also sagen, daß im Saargebiet der Achtstunden: tag fast restlos eingehalten wird. Allerdings muß dabei bemerkt werden, daß das Saargebiet nicht der Arbeitszeitverordnung des Herrn Dr. Brauns untersteht. Wenn man daneben die Tatsache verzeichnet, daß im übrigen Deutschen Reich 54,7 Proz., also mehr als die Hälfte der Arbeiter und Angestellten über 48 Stunden die Woche arbeiten, dann drängen sich unwillkürlich Vergleiche auf, die nicht gerade zugunsten der Sozialpolitik des Deutschen Reiches fprechen. Einen ähnlichen Vergleich müßte man ziehen, wenn man die Arbeitszeit in Bolnisch- Oberschlesien mit der Arbeitszeit im deutschen Oberschlesien in Gegensah stellen würde. Daß solche Tatsachen nicht gerade werbend für das Deutsche Reich find, braucht nicht weiter betont zu werden. Es ist notwendig, auf die weitere Tatsache hinzuweisen, daß die Erhebung den Bergbau nicht einbegreift. Sie hat also ausdrücklich die Industrie ausgenommen, die bei der Berlängerung der Arbeitszeit sich auf die Reparations I aften beziehen kann. Inwieweit die anderen Industrien berechtigt sind, die vorgenommene Verlängerung der Arbeitszeit mit den Reparationslasten zu begründen, dafür ist man uns bislang den Beweis schuldig geblieben. In Wirklichkeit gibt es keinen anderen Grund, als den der Schwächung der gewerkschaftlichen Organisation, hauptsächlich infolge der Wirtschaftskrise, die ihrerseits von den Kommunisten zur Sprengung der Gewerkschaften ausgebeutet wird. Was ist das aber für ein Recht, das gerade dann außer Funktion gesetzt wird, wenn es die, zu deren Schuß es erlassen wurde, gerade am notwendigsten haben. Die Arbeitszeit gerade im Augen blick der größten Arbeitslosigkeit verlängern, wäre direkter Bahnsinn, wenn es nicht die Methode der Beraubung der Arbeiterschaft um eine Errungenschaft wäre, für die diese jahr zehntelang gefämpft hat. In Wirklichkeit hat sich das deutsche Unternehmertum weder grundsäglich noch tatsächlich mit dem Achtstundentag, wie mit den Rechten der Arbeiterschaft überhaupt abgefunden. Hätten die Unternehmer es getan, dann würden sie eine ganz andere Wirtschaftspolitik betrieben haben, als sie es während der letzten Sahre taten. Sie haben es vorgezogen, mit der Inflation zu spekulieren und wollen nun die Folgen ihrer falschen Wirtschaftspolitik die Arbeiterschaft entgelten lassen. Wenn sich die Arbeiterschaft dagegen zur Wehr seht, so handelt sie nicht nur in ihrem eigenen, sondern auch im wohlverstandenen Intereffe der deutschen Wirtschaft. Die Arbeiterschuhgesetzgebung in Polen. Aus Warschau wird uns geschrieben: Verschiedene Umstände haven in letzter Zeit die öffentliche Aufmerksamkeit auf die polnische Arbeiterschuhgesetzgebung gelenft. Vor allem der energische Kampf, der von verschiedenen Seiten für die unbedingte Sicherung des Achtstundentages ge-| Gegengewicht zu schaffen. Die Versammlung ist sich weiter bewußt, daß dieser Beschluß eine Verschärfung der Kampfesform darstellt, und die Funktionäre verpflichten sich, in allen Betrieben Versammlungen zu veranstalten und die Kollegenschaft in diesem Sinne zu beeinflussen." dieses Prinzip drei einander feindlich gegenüberstehende Faktoren sich einsetzen: die Sozialdemokratie, der Klerus und die Regierung. Lezthin haben die polnischen Linksparteien sogar eine Resolution eingebracht, die eine internationale Protestaftion gegen die Verlängerung des Arbeitstages in Deutschland forderte, da die Wirkung dieser Maßnahme die polnischen Wirtschaftsverhältnisse. und damit auch den Achtstundentag in Polen gefährden. Aufgefallen ist ferner, daß in der internationalen Arbeit. rechtsfonferenz zu Rom der polnische Delegierte Heute ist der Tag des Deutschen Kindes. Keine Ansichtskarte, kein Geschäftsbrief ohne Wohlfahrtsbriefmarken für die Deutsche Nothilfe! Eine Briefmarke kann und muß jeder kaufen. Franz Sokal dant einer eindrucksvollen Darlegung der polnischen Arbeiterschuhgefeßgebung und der durch fie relativ günstigen Beeinflussung der Arbeiterlage zum Vorsitzenden der Konferenz ge, wählt wurde. Manche Bestimmungen der Gesezgebung verdienen in der Tat Interesse. Der Arbeiterschutz ist in der Verfassung Neupolens ( Art. 102) verankert. Die Arbeit heißt es da die eine Haupt quelle des Reichtums der Republik bildet, steht unter besonde ren Schuh des Staates". Dieser Schuh spricht sich in der sozialen Bersicherung bei Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall und Invalidität aus, sowie in der Regelung der Mutterfürsorge, der Frauen und Kinderarbeit. Auf diesen Gebieten ist Bolen bisher 13 internationalen Abtommen beigetreten. Der Achtſtundentag bzw. die 46- Stunden- Woche ist in Polen bereits 1918 eingeführt worden und bis heute binden d. Sonnabends darf nie mehr als 6 Stunden gearbeitet werden. Ueberstunden sind laut Gesetz vom 18. Dezember 1919 nur in ganz außerordentlichen Fällen unter Genehmigung der Ar= beiterinspektion und gegen Erhöhung des Lohnes um 50-100 ẞroz. zulässig. Während der durch das Gesetz vorgeschriebenen Ruhepausen müssen die Maschinen, soweit der Betrieb dies zuläßt, angehalten werden. Bolen gehört zu den wenigen Ländern, in denen das Gesetz für die Arbeiter entlohnten Urlaub vorsieht. Nach den Bestimmungen vom 16. Mai 1922 hat der Arbeiter nach einjäh riger Beschäftigung ein Anrecht auf achttägigen Urlaub, jugendliche Arbeiter auf 15 tägigen. Geistigen Arbeitern steht nach sechsmonatiger Beschäftigung ein vierzehntägiger, nach einjähriger Beschäftigung ein ein monatiger Urlaub zu. Schiedsspruch für die Metallformer. Ein Schiedsspruch, den fürzlich der Schlichtungsausschus für die Metallformer und die Hilfsarbeiter fällte, wurde von den Unternehmern abgelehnt. Die Former beantragten die Verbindlichkeitserklärung, die aber wegen eines Formfehlers bei der Fällung des Schiedsspruches nicht ausgesprochen werden konnte. Darauf wurde von den Arbeitnehmern erneut der Schlichtungsausschuß angerufen. Die Unternehmer verstanden es jedoch, die Verhandlungen über nahezu 4 Wochen zu verschleppen. Am vergangenen Montag fam es endlich zu einer Entscheidung. Ueber den Spruch berichtete gestern Branchenleiter Bredom Die Stundenlöhne und in einer Formerversammlung. Akkordbasen wurden in Klasse 1 auf 75 Pf., für Klasse 2 auf 63 Pf. und für Klasse 3 auf 55 Pf. festgesetzt. Der Spruch enthällt ferner die Bestimmung, daß Arbeiter, die jetzt schon 16% Proz. über die vorgenannten Säße verdienen, feine Aufbesserung ihrer Atfordpreise erhalten sollen. Der Spruch wurde nach furze Aussprache angenommen. Wie Bredow noch mitteilte, ist mit dem Syndikus der Unternehmervereinigung die Abmachung getroffen worden, daß als Ur= la ubs bezahlung der Durchschnittsverdienst der legten.vier Wochen zur Auszahlung fommen soll. Schiedsspruch für das Töpfergewerbe. Bom Deutschen Baugewerksbund, Fachgruppe der Töpfer, wird uns mitgeteilt: Der Schiedsspruch des Schlichtungsausschusses vom 27. Juni besagt: 0,98 m. Stundenlohn, Atfordmultiplikator 0,98, von der laufenden Lohnwoche ab. Affordbasis Tarif von 1914. Gültigkeit des Schiedsspruches bis zum Abschluß eines neuen Tarifvertrages, eventuell bis 1. August, fündbar zum 15. August. Annahme oder Ablehnung bis zum 1. Juli einschließlich. Der Abbau der Bankbeamten. fönnen Die Zahl der seit der Stabilisierung der Währung in Deutschland abgebauten Beamten dürfte schäzungsweise 150 000 bis 200 000 betragen. In der Frankfurter Zeitung" wird die Zahl der im Jahre 1913 im Banfgewerbe beschäftigten Angestellten auf 100 000, ant Ende der Inflationsperiode auf 375 000 geschätzt. Bei Entlaffung von felbst 200 000 Angestellten dürfte demzufolge die Gesamtzahl der deutschen Bankangestellten noch erheblich höher sein als vor dent Krieg. So müssen wir bei einer weiteren Verschärfung der Geldund Wirtschaftskrise noch auf Entlassung weiterer Scharen von Bantangestellten gefaßt sein. Die abgebauten Beamten anderswo schwer untergebracht werden. Hunderttausende werden auf diese Weise einem harten Schicksal preisgegeben. Ihre Arbeitslosigkeit trägt im übrigen infolge des Ausfalls ihrer Kauffraft zur Verschärfung der Wirtschaftskrise bei, können doch Berufsschichtung der abgebauten Bankbeamten wird einen langwierigen und schmerzhaften Prozeß darstellen. De sterreich hat die Stabilisierungsfrise bereits seit langem durchgemacht. Trotzdem hat der Abbau der Bankbeamten erit jetzt mit voller Wucht eingefeht, als der Börsenkrach eine Anzahl von Banken in den Bankerott stürzte, während der Geschäftsumsatz der anderen infolge des Effektensturzes rapid zurückging. Die Börse" meldet den Abbau von 3500 bis 4000 Beamten, das heißt 17 Broz. der Bankangestellten feit Anfang dieses Monats. 2700 Angestellte müssen als Vertragsbeamte bereits Ende dieses Monats ihre Stelle verlassen. Selbst in Holland, wo das Finanzkapital heute stärker ist als je und die Bankabschlüsse sehr gute Ergebnisse zeigen, ist ein Beamtenabbau mit gleichzeitiger Herabfegimg der Gehälter der Beibehaltenen durchgeführt worden. Ilm die Dividenden und Tantiemen zu erhöhen, mußten die allgemeinen Untoften gesenkt werden, wofür die Bankbeamten herhalten mußten. Als eine der nüglichsten Einrichtungen hat sich die durch Dekret Dom 3. Januar 1919 eingeführte einheitliche Arbeitauf= lichtsbehörde erwiesen. Diese Institution ist von der Ver- Hunderttausende nicht mehr als Käufer am Markt auftreten. Die waltungsbehörde völlig unabhängig. Die Inspektoren, zu denen auch Frauen gehören können, müssen besondere Kenntnisse auf dem Gebiet der Technik, des Rechtes und der Gewerbehygiene befizen. Nach Art. 9 des Dekrets müssen zu den Inspektoraten auch Bertrau enspersonen aus den Arbeiterkreisen hinzugezogen werden. Die Arbeitsinspektoren haben die Erfüllung der bindenden Bererdnungen zu kontrollieren und Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu schlichten. Ihrem Eingreifen ist es zu verdanken, daß in Polen die Streifs verhältnismäßig feltener vortom. men als in arteren Ländern. = Schließlich den Arbeitern in Polen die Koalitionsfreiheit sowie die völlig unbehinderte Betätigung in den Gewerffchaften gewährleistet. Was die wirtschaftliche Lage der Arbeiter betrifft, jo haben die Löhne, in Polen bereits die volle Vortriegshöhe er reicht. " Angestelltengehälter in der Metallindustrie. Gehaltserhöhung auf friedlichem Wege unerreichbar. Die Vergleichsverhandlungen über den Mai- Schiedsspruch für die 23 B3 M J. auch beim Schlichter auf dem Standpunkt verharrie, feine Angestellten der Berliner Metallindustrie sind gescheitert, da der zulagen geben zu können. Die beantragte Verbindlichkeitserklärung ist daraufhin von Oberregierungsrat Dr. Grabein abgelehnt worden. In der Begründung wird gelagt, daß die im Schiedsspruch festgesezten Gehälter nach Prüfung der beiderseitigen Belange" als der Billigkeit entsprechend anzusehen seien. Ein öffentBelange" als der Billigkeit entsprechend anzusehen seien. Ein öffent liches Interesse fönne nicht anerkannt werden. Das Metallfartell fuchte daraufhin die Verhandlungen beim BBMI. wegen Fest fezung der Junigehälter nach. Die Unternehmer erklärten fich nicht abgeneigt, in Verhandlungen einzutreten, standen aber von pornherein jeder Gehaltserhöhung ablehnend gegenüber, so daß auch diese Verhandlungen tein Refultat er gaben. Eine Funktionärfonferenz der AfA- Mitglieder beschäftigte sich gestern nach einem Bericht Langes mit der Sachlage und nahm auf Empfehlung des Metallfartells folgende Entschließung an: = ,, Die am 26. Juni tagende AfA- Funktionärversammlung der Metallindustrie nimmt davon Kenntnis, daß das Reichsarbeitsministerium die Verbindlichkeit des Mai- Schiedsspruches abgelehnt hat. Die Versammlung fann sich immmöglich der Begründung des RAM. anschließen und sieht in dem Verhalten des Ministers eine Vergestellten und darüber hinaus der gesamten Arbeitnehmerschaft. Die tennung der wirtschaftlichen Verhältnisse der AnVersammlung ist der Auffassung, daß eine Behörde, die eine der= artige Auffassung vertritt, nicht geeignet ist, in der Zukunft als vermittelnde Partei angerufen zu werden, und beauftragt das Metallfartell, bei den Vorständen vorstellig zu werden, damit diese eine Abänderung der Sagungen dahin vornehmen, daß vor zufünftigen Arbeitstämpfen nicht erst die Schlichtungs= instanzen angerufen zu werden brauchen, sondern daß nach Abschluß der direkten Verhandlungen in den Streit getreten werden darf. Die Funktionärversammlung sieht in einem derartigen Beschluß eine Selbstverständlichkeit, da es zwingend notwendig ist, der Sabotage der Arbeitgeberschaft gegenüber den Schlichtungsinstanzen ein Drohender Beamtenstreit in Oesterreich. Die österreichische Regierung plant eine Verlängerung der Dienstzeit der Beamten, den Abbau der Bezüge der pensionierten Beamten und eine neue Besoldungsordnung. Darüber ist es zwischen der Regierung und dem 25er Ausschuß, der die Organisationen der Beamten vertritt, zum Konflift gekommen. Da die Regierung es abgelehnt hat, in der Frage der Dienstzeit Konzessionen zu machen, find die Verhandlungen abgebrochen worden. Es besteht die Gefahr eines allgemeinen Beamtenstreits. Regierungsintervention im englischen Bauarbeiterkonflikt London, 27. Juni.( Eigener Drahtbericht.) Die für die nächste Weche drohende Gefahr einer olgemeinen englischen Bauarbeiteraussperrung hat den Minister Tom Shaw veranlaßt, die beiden Parteien, die bereits alle Berhandlungen abgebrochen haben, einzuladen und eine Beilegung des Konflikts zu versuchen. Der Streif bei der Schnellwagenfabrik Georg Heinrich, Beuffelstraße 70, ist beendigt, nachdem die Differenzen mit der Belegschaft beigelegt find. Die Streifleitung. Buchdrucker. Der 7. Bezirk hält am 30. Juni, abends 7 Uhr, im Restaurant Wandke, Schöneberg, Bahnstr. 25, eine Frattionsversammlung ab. Das Erscheinen aller Kollegen ist unbedingte Pflicht. Der Fraktionsvorstand. Berantwortlich für Politit: Ernst Reuter; Wirtschaft: Artur Saternus; Gewerkschaftsbewegung: Friebr. Ekkorn; Feuilleton: Dr. John Schikowski; Lokales und Sonstiges: Friz Karstädt; Anzeigen: Th. Glode; sämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Vorwärts- Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW. 68, Lindenstraße 3. Hierzu 2 Beilagen. M. SCHULMEISTER MSchulmeister Mervent Knaben Kledund In der Sommerfrische leisten die beliebten, praktischen Hochbahnstation Kottbuser Tor Preisabbau! Herrenanzüge 27.- 29.- 32.- 36.- 40.- 43.- 49.- Mk. Regenmäntel für Damen u. Herren 25.- 28.- 29.50 Mk. MAGGI Erzeugnisse ausgezeichnete Dienſte Maggi's Würze- Maggi's Suppen- Maggi's Fleischbrühwürfel Verlangen Sie aber ausdrücklich MAGGI Erzeugniffe Nr. ZSS» 41. Fahrgang 1. Beilage öes vorwärts Sonnabenö, 2S. Fun! 1424 Sonntägliche Vanöerziele. Durch öie Dubrow. Vom Görlitzer Bahnhof oder von der Stadtbahn sm Niederschöneweide umsteigen) bringt uns der Fernzug nach « G r o ß- B e st e n, das seinen Namen von dem slawischen htz— Holunder ableitet An Aallunsbrück und am Pätzsee vorbei kommen wir zur Chaussee nach Wendisch-Buchholz, der wir gen Süd bis zum Kilometerstein 38,5 folgen. Hier wenden wir uns links ab. Wir haben die Dubrow erreicht. Der Weg führt uns zum Forst» haus Dubrow, am Nordende des Förstersees. Der Kiefern- wold ist in Eichwald übergegangen und bald bilden die Eichen nahezu reine Bestände. In der Dubrow liegen zahlreiche Reiher- horste. Früher horsteten hier 78 bis 88 Paar dieser Vögel; in den letzten Iahrm ist diese Zahl jedoch beträchtlich gelichtet worden. Um zu den Reiherhorsten zu oelangen, wandern wir vom Forsthaus Dubrow auf dem Wege nach Pricrosbrück etw 18 Minuten, dann geht ein Weg nach Südosten ab, der in das Gestell zwischen den Jagen 114/98 einmündet, dem wir folgen. Die Reiherhorsten liegen im Jagen 98. Die hier horstenden Reiher sind Fischreiher. Ein wenig auffallendes, düster-graues Gefieder tragen sie, das nur am Halse und an den Schwingen von schwarzen Streifen abgesetzt wird. Den Koos der alten Männchen zieren drei stattliche schwarze Schopffedern. Ihr Leib ist dürr und schmächtig, Hals und Beine sind lang. Di« Reiher haben ein außerordentlich gutes Gesicht und Gehör, wodurch sie ihre Beute und auch Gefahren sehr leicht wittern. Durch ihr« schier unersättliche Gier und Gefräßigkeit fügen sie dem Fischbestande in ihren Jagdgebieten einen nicht unbeträcht- lichen Schaden zu. Das sollte jedoch kein Grund sein, um etwa diese in der Mark Brandenburg seltenen Vertreter der Vogelwelt auszu- rotten. Beanspruchen doch die Reiher nicht nur Fischnahrung: auch anderes Getier, das ihnen in den Weg kommt, verschmähen sie nicht. Sie gehen über das Gelege und die Brut der auf dem Boden nistenden Sumpf- und Wasservögel her und verspeisen auch Frösche, Weichtiere, Schlangen, Mäuse; sogar Reste von Ratten hat man in Reihermagen gefunden. Schon von weitem machen sich die Reiher durch ihr Gekrächze und Geschrei bemerkbar, und sobald man in die Nähe der Bäume kommt, auf denen sich H o r st e befinden, erkennt man ihre Spuren. Die sprichwörtlich scharfen Ausscheidungen ver- nichten den Pslonzenwuchs auf dem Waldboden um den Horst- bäumen: der Boden sieht wie mit Kalk bespritzt aus. Auch der Baum selbst leidet sehr und stirbt im Laufe der Zeit ab. Des- halb findet man die Reiherhorste fast immer nur in den Wipfeln abgestorbener Eichen, von keinem schirmenden Laubdach verdeckt. Man kann sie daher gut beobachten, was gerade jetzt, wo die Jungen noch nicht flügge sind, äußerst anziehend ist. Von den Reiherhorsten wandern wir aus dem Westufer des S ch m ö l d e- see s gen Nord. Die Wasserfläche des Sees wird hin und wieder von Booten belebt; wir find an der Fahrstraße nach Teupitz. Der Weg führt uns nach Prierosbrück. Wir überschreiten die Dahme und sind in P r i e r o s. Nun wandern wir möglichst nach links; in der Nähe des Langen Sees kommen wir nach K o l b e r g. Von hier geht der Weg durch die Niederung zwischen dem Langen See(links) und dem Wolziger See(rechts) nach Blossin. Von diesem Dörfchen, das auf einer halbinselartigen Landzunge zwischen dem Wolziger und dem Küchensee liegt, wandern wir gen Nord durch Wald und über Felder zum Bahnhof Friedersdorf. Wir treten von hier aus die Heimfahrt über Königswusterhausen (umsteigen) nach Berlin, an.(Weglänge etwa 24 Kilometer.) §erch. Di« Vorortzüge der Wetzlarer Bahn bringen uns vom Bahnhof Charlottenburg nach Beelitz. Am Bahn- Hof liegen die ausgedehnten Heilstätten der Landesversicherungsanstalt Berlin. Di« Lag« ist für Lungenkranke und Genesend« sehr gesundheitsfördernd, denn die Heilstätten sind von weilen- weiten Kiefernwäldern umgeben, deren reine Luft heilkräftig wirkt. Wir wandern in nordwestlicher Richtung weiter. Nach einer Viertelstunde, an der scharfen Biegung der Straße nach links, bleiben wir geradeaus: nach weiteren 28 Minuten geht rechts ein Weg ab. der nach Ferch führt. Das Dorf ist schon recht alt. bereits 1375 wird es erwähnt: aber schon in vorgeschichtlicher Zeit bestand hier eine wendische Siedlung. Das Dorf zeigt sehr schöne, malerische Winkel. Besonders fallen die zahlreichen Backöfen auf. die abseits von den Häusern lisgen, und bei denen sich besonders an den Tagen vor großen Festen ein geschäftiges und appetitliches Wirken abspielt(siehe Abbildung). Ferch liegt am Südende des S ch w i e l o w s e e s, der sich als weite, ober flache Bucht der Havel von Geltow bis hierher erstreckt. Die Havel folgt in ihrem Lauf von Spandau bis Caputh-Geltow einer Seenkette von Nordost- südwestlicher Richtung, die als ein Zug von Rinnenseen aufzufassen ist. Dann benutzt sie einen anderen Rinnenzug, der sich von Süd- oft nach Nordwest erstreckt, durch den Großen und Kleinen Zernsee nach Ketzin zu. Beide Seenrinnen sind von den Schmelzwassern des eiszeitlichen Inlandeises ausgewaschen worden. Bei Caputh-Geltow stoßen sie aufeinander. In der Vorzeit floß die Hovel in Nordost- südwestlicher Richtung, wie sie von Spandau herkommt, weiter Ferch, alter Backofen durch den Schwielowse« und besten gradlinige Fortsetzung, die die Niederung bildet, in der die vielsach von Dünen durchzogene Kem- nitzer Heide liegt. Ueber Lehnin zog sie sich dann zu dem südlich gelegenen Glogau-Baruther Urstromtal hin, das sie mit dem nörd- lichen Berliner Urstromtal verband. Von Ferch wandern wir auf dem Ostufer des Schwielowsccs nach Nord. Am Ausgang des Dorfes stehen mehrere alt« Eichen am Wege, deren stärkste 516 Meter Umfang in 1 Meter Höhe über der Erde hat. Der Weg führt dicht am Seeuser hin. Wir sehen hier häufig langgestreckte, wallartige Erhebungen von mehreren Dezimetern Höhe. Sie sind im Winter von den Eisschollen aus- gepreßt worden, die beim Eintritt von Tauwetter auf das Land hinaufgeschoben wurden. Vielfach ist auch das trockene Röhricht zu solchen Wällen zusammengeschoben worden. An F l o t t st« l l« vorüber kommen wir nach Caputh. Mit der Fähre lassen wir uns über die hier nur sehr schmale Havel zum anderen Ufer über- setzen. Die Straße führt über die Bahn von Wildpark nach Beelitz. Durch schönes Laubgehölz wandern wir weiter und kommen über einen schmalen Wasterlauf, der vom Petzien zur Havel führt. Wir halten uns möglichst rechts und gelangen bald an das Ufer des Petzien, eine stille Bucht, die mit der Havel durch mehrere Arme in Verbindung steht. Ein Kranz von Akazien, Birken und Eber- eschen rahmt die Wasserfläche«in. Wir wandern unter der Eisen- bahnbrücke hindurch und sind nun am Ufer der Havel. Der Weg führt durch einen schönen Wald unmittelbar neben dem Strom hin, den dichtes Ufergebüsch begleitet. Am Forst haus Gaisberg vorüber kommen wir zur L u f t f ch i f f h a l l e. Alsdann führt der Weg wieder über die Bahn, und wir haben die ersten Häuser von Potsdam erreicht. Wir wandern zum Bahnhof Charlotten- Hof und können von hier aus zurückfahren oder wir machen noch einen Gang durch die Stadt und kehren vom Bahnhof Potsdam aus heim.(Weglänge bis Charlottenhof etwa 23 Kilometer, bis Bahnhof Potsdam etwa 3 Kilometer weiter.) Das Malerüorf am Schwielowsee. In Ergänzung der vorcmfgcbendcn Wanderung durch Ferch dürste die tolgcnde aussiihrlichc Schilderung des säst historischen Berliner MalerwintelS am Platze sein. In der fast endlosen Reihe märkischer Seen gibt es einen, den der Erzähler der Mark, Theodor Fontane, mit dem Kochelsee in Oberbayern verglichen hat; einmal auch mit dem stillen, schrver- mütigen Mondse«, im Salzburgischen. Es ist dies der Schwielowsee, der sich in südwestlicher Richtung von Potsdam als Zipfel der die Biegung nach Süden machenden Havel tief in«in herrliches Wald- gebiet erstreckt. Und es ist kein Zufall, daß gerade hier am äußersten Ende dieses Sees ein Dorf liegt, das von Malersleuien und Kiinst- lern aller Art schon seit Iahren aufgesucht wird, gerade wie die Dörfer an den oberbayerischen Seen, die sich stellenweise als Künstler- kolonicn eines besonderen Rufes erfreizLN. Der Vergleich paßt um so eher, da das Ganze in seinen Einzelheiten wenig an das erinnert, was man in der Mark sonst zu finden gewohnt ist. Die Natur wollte an dieser Stelle etwas Außergewöhnliches tun; sie wollte eine freudige Laune befriedigen, und baute einen Schutzwinkel von Bergen und Hügeln, umschlossen mit Eichen, saftigem Buschwerk und üppigem Wiesen- und Blumenflor: es wurde ein Paradies in der Mark. Mitt-m darin liegt Ferch, das Malcrdorf. Lange schon kennt Berlins Malervolk dieses sommerliche Ziel, um die Natur zu studieren und mit ihr zu leben. Man sieht in den klapperigen Veranden oder Vorlauben, die aus den Resten umgefallener Zäune gezimmert wurden, die grundierte Leinwand zum Trocknen aus- gehängt. Man findet die buecken Läppchen, die zum Pinselreinigen dienten, hier und dort zwischen den bunten Bauernblumen, den Malven und den großen Mohnblüten. Man sieht plötzlich an der Wand einen-zinnoberroten Fleck und daneben etwas Ocker, wo einer versucht hat, ob die Farbe„sitzt". Und zuweilen auf den wackeligen bretternen Tischen ein freundliches Arrangement, das so gar nicht in die Umgebung zu passen scheint, eine schöne Vase und Blumen darin, und rund herum die besten Früchte— man eintet sie hier ebenfalls in großen Masten— kurz, alles, was zu einem richtigen Stilleben gehört. Doch ist das Dorf an gewissen Stellen selbst ein richtiges Stilleben. Da ist ein altes, kleines Kirchlein, noch aus dem sechzehnten Jahrhundert, mit altertümlichen, seltsamen Geräten, die sich die Fremden gern ansehen. Verräucherte Backöfen, wie Burgen gebaut, liegen am Wege, und über ihnen flimmert heiße Luft, und der Geruch de? frischen Brotes geht ihnen zehn Schritte voraus. Kloben und Knüppelholz ist hoch aufgeschichtet, und obenauf sitzt einer im tiefen Eifer und skizziert das Durcheinander von Strohdächern. Wo es dann in die Wiesen und Felder geht, die rings von prächtigem Wald mit viel Eichen umgeben sind, da gibt es die be- liebten Plätze fiir Landschaftsstudien; da sitzen die jungen Damen, die die Kunst mit Mühe und Not lernen und die, die sie schon aus dem FF verstehen, und mühen sich unter dem Malschirin, das beste Grün zu finden. Sie sind angestrengt, sehen nichts rund herum, auch die Kinder nicht, die sie belagern, als nur den Himmel und das wider- spenftigs Objekt. Aber die jungen Mädchm sind trotz der Arbeit braun und gesund geworden, denn nach der schweren Kunst liegt der Schwielowsee zum Baden bere.it, weiße Segel sind auf dem Wasser, und die Hand, die mit dem Pinsel nicht vorsichtig genug hantieren konnte, versteht das Ruder zu führen. Der Sport ist hier mit den Malersleuten. So erzählt man sich von einem, der frisch von der Akademie mit den besten Farben und dem besten Willen hierherkam und jetzt nicht wieder fortgeht. Nun ist er ein alter Mann, der gegen bare Münze mit seinem voll- gepackten Segelboot verwegene Touren ausführt. Er hat das Malen verlernt. Da er selbst das Blau für den Himmel niemals heraus- bekam, so prophezeit er allen, die es hören wollen, den gleiche» Miß- erfolg mit derselben Farbe und rät ihnen zum Sport. 18] Die Venus von Syrakus. von Clara Rahka. Man konnte nicht etliche Tage, drei Stunden weit, mit dem kunstvoll verkleideten Eselwagen fahren. Wenn Mut- terchen Rosina auch kichernd zustimmte, es wäre allzu auf- fallend gewesen. Er bebte, wartete, verzagte, hoffte. Und dann fiel alle Gnade vom Himmel: Bianca, die Herbe, die Schlanke, schlüpfte wie eine Eidechse über den sonnenwarmen Weg. Doch«he sie das Haus der Schwägerin erreichte, hielt sie ein Ruf aus den Agaven fest. „Vorsicht— es gilt die Herrin!" klang es unterdrückt. Bianca bückte sich und knüpfte ein Schuhband fest. „Was ist es?" stieß sie hervor. „Hier, dieser Brief!" Eine braune Hand streckte sich ihr entgegen. Bianca sah scharf hin, nahm den Brief und steckte ihn in ihr Mieder. „Du— du bist es!" flüsterte sie erstaunt. Sie erinnerte sich deutlich des jungen Burschen, der ihrem Marcello ähnlich sab und ein Büschel goldgelber Blüten für sie gepflückt hatte. � ich! Der Brief ist von dem Einzigen," flüsterte Renz'ö erregt,„du weißt es. von ihm, dem Einzigen." O ja— ich weiß. Krieche fort, schnell, verbirg dich. Renne seinen Namen nicht, niemand. Auf mich kannst du dich letzten Worte wehten nur schwach hinüber, so. als ob Bianca zu einem Vogel auf dem Baume gesprochen hätte. Sie schritt weiter und soh in die Luft hinein. � Der Brief der Brief! War es nicht eine Wonne, eme Er- lösung! Ihre Herrin weinte sich fast die Augen aus nach dem Eonte Sisto. Die Stolze. Schöne, sie weinte. Sie Bianca, sie brachte ihr eine Nachricht..,, r n Das Mädchen glühte vor Seligkeit. Kurzer noch als sonst saß sie auf dem kleinen Schemel, rückte unruhig hin und her, redete schale Worte über dem Herzen weg. Sie mußte zu ihrer Herrin. Am liebsten wäre sie geflogen., Endlich einmal eine Wohltat für die Süße, em Gluck. Alle Welt sagte, er wäre in Rom, schickte Boten um Boten zum Vatikan. Wer weiß, vielleicht gelang es ihm, diese Ehe für ungültig erklären zu lassen. Vielleicht wollte er irgend etwas wissen, mußte unbedingt eine Auskunst haben. Von diesem einen Briefe konnte die ganze Zukunft der armen Prinzessin abhängen. Durch Feuer und Wasser hätte sie ihn ihr gebracht! Der Weg war zu lang, der Hemmungen zu viele— dieser Brief mußte sofort in den Händen der geliebten Herrin sein. Bianca lief durch die heiße Sonne, als umschwebte sie die duftende Abendkühle. Livia saß am Fenster und sah ernsten Antlitzes in den starren grünen Garten hinab. Sie war in ihrem Schlafzimmer. dem einzigen Räume, der in diesen Wochen ihr, nur ihr ge- hörte. Als Bianca eintrat, sah Livia gleich die Spannung, den Glanz auf dem Gesichte ihrer Zofe. Das Mädchen sagte nichts, sie reichte ihrer Herrin nur den Brief. Livia, schön wie ein Götterbild, lehnte sich eine Weile zu- rück. Sie vermochte nicht diese Nachricht, die nur von Sisto kommen tonnte, sofort in sich aufzunehmen. Alles um sie her verlor Farbe und Form. Sisto, Sisto! „Einer, den ich kenne, für den ich mich verbürge, gab mir den Brief, ein Freund!" flüsterte Bianca. Sie zog sich bis zu dem breiten Himmelbeit zurück und faßte zitternd in die Fal- ten der himbeerroten Seide. Langsam, ganz langsam öffnete Livia den Brief— las, erblaßte, las nochmals-- „Bianca, kennst du ihn gut, den Boten?" fragte Livia heiser,„kann er nicht vom Prinzen abgesandt worden sein?" „Nein, Prinzession, unmöglich. Ich sagte es ja, ein Freund, ich verbürge mich." Livia erhob sich unsicher.„Vernichte den Brief, unbe- merkt, im Herdfeuer." sagte sie,„dann komm zurück." Sie wußte es, das Mädchen war ihr völlig ergeben. „Ja, sie wollte es wagen. Sisto hatte ihr Befreiung versprochen. Wie sie kommen sollte, wann, das wußte sie nicht. Sie hatte nichts mehr von ihm gehört. Er war zurückgekehrt. Nun, sie wollte vertrauen. Sie wollte den Weg gehen, auf den er sie rief. Nichts in der Welt konnte furchtbarer für sie sein, als die Ehe mit dem Principe di San Eataldo.— Feuer und Schwefel auf alle, die ihren Sisto verleumdet, die sie von ihm getrennt hatten. Bianca mußte die alte Hüterin, die ohnehin nicht mehr eifrig wachte, am Abend zurückhalten. Güte Gründe würden ihr einfallen. Liebte die Schwester des Prinzen nicht schönen alten Schmuck? Bianca sollte ihn hervorholen, zeigen! Gerade um die rechte Stunden. Zu jener Stunde, in der ihr Kerkermeister in der Kapelle betete. Alles war möglich! Die stolze junge Livia dachte wie Ercole. Und sie dachte auch wie Renzo: nur Bianca konnte helfen. So nahm sie des Mädchens Hand, zum ersten Male tat sie es, und sie sagte der Zofe mit wenigen festen Worten, was geschehen müßte; doch Bianca durfte niemals, wohlgemerkt! niemals, auch nur eine kleine Silbe sagen, die die Herrin ver- raten könnte. Bianca küßte die Hand der Prinzessin und weinte. „Ich rufe dich— später," sagte Livia. Und nun war alles beschlossen.— Ercole schlenderte unter den alten, schiefen Oelbäumen herum. Am liebsten hätte er laut heraus gesungen. Natürlich kam sie. Es gab keinen Zweifel für ihn. Niccolö stand mit dem Eselwagen, an den Ercole noch etliche kleine Glocken gehängt hatte, hinter der nächsten Boden- welle. Es war eine singende, bezaubernde Ruhe ringsumher. Die Oelbäume neigten sich wie alte, verträumte Men- schen, die gemeinsam ein langes Leben verbracht haben, zu- einander hin. Hie und da sang ein Vogel in aufsteigendem Entzücken. wie aus zaubervollem Traum. Die Blumen glühten in zitternder Lust. Ren.zo war längst, längst unterwegs, immer mit der atemraubenden Frage, die ihn am Mittag schon durchhämmert hatte, als er auf die erste, auf Bianca, harrte: kommt sie oder kommt sie nicht? Ercole dachte an ihn, lächelnd. Wie machten sich die Menschen das Leben so hart, wenn sie ihr Herz auf etwas gesetzt hatten!„ Nehmen, nehmen!.. i">(Fortsetzung folgt.) Der jugendliche Lüftling als Totschläger.| Das Verbrechen au Juge Bartkowski vor dem Schwurgericht. " 1 Mach sie tot!" Mit einer Zuckerschnur, die er angeblich zufällig in der Tasche hatte. habe er dann. dem Kind den Hals zu= geschnürt. Nach Ansicht des Eachverständigen Medizinalrat Strauch hat das Kind durch Erdrosi elung den Tod gefunden. Der bei der Obduktion festgestellte Schädelbruch. den es bei dem Sturz gegen die Kellerwand erlitt. nar so schwer. daß auch er später zum Tode geführt hätte. Daß Seidel nach der Tat sich kühl zu be= herrschen vermocht hat, ergaben die Befundungen mehrerer Zeugen. Frau Barttomsti, die Mutter des Opfers, die der Berhandlung unter wiederholten Ausbrüchern ihres Schmerzes folgte, schilderte, wie ruhig ihr Seibel antwortete, als sie suchend ihn selber nach der Verschwundenen fragte. In der Schule wurde er beob achtet, weil die Polizei ihn für verdächtig hielt, aber fein Lehrer merkte ihm etwas an. Erst nach drei Wochen brachte die Polizei ihn zum Beständnis. Der fiebzehnjährige Realschüler Günter Seidel aus Char-, er wünschte, daß nichts herausfäme, plöglich der Gedanke eingefallen: lottenburg, der am 6. September vorigen Jahres im Haufe UhlandStraße 185/186 an der neunjährigen Ingeborg Bart towski ein Sittlichkeitsverbrechen beging und dann das Kind mit einer Schnur erdrosselte, stand gestern nochmals vor Gericht. Im Mai dieses Jahres verurteilte ihn, wie der Vorwärts" berichtete, das Jugendgericht Charlottenburg zu zwei Jahren vier Monaten Gefängnis, wovon vier Monate auf die Untersuchungshaft angerechnet wurden, weitere neun Monate zu verbüßen waren und der gauze Rest nach vierjähriger Bewährung erlassen werden sollte. Gegen dieses Urteil, das den Eltern des Jungen noch zu hart schien, wurde Berufung eingelegt, aber auch der Staatsanwalt, der fünf Jahre drei Monate Gefängnis beantragt hatte, wandte sich an die Berufungsinstanz. Die zweite Straffammer des Landgerichts III mußte, wie das Jugendgericht, unter Ausschluß der Deffentlichkeit verhandeln, zugelassen wurden aber die Vertreter der Presse. Unter den beiden Schöffen der Straflammer war eine Frau. Günter Seidel, der nach der Jugendgerichtsverhandlung zunächst auf freien Fuß gesetzt und dann wieder in Haft genommen worden war, wurde aus dem Untersuchungsgefängnis vorgeführt. Er machte den Eindruck einer schroer begreiflichen Ruhe, und bei seiner Vernehmung zeigte er, daß er mit Aufmerksamkeit und Ueberlegung die sich ihm zu seiner Berteidigung bietenden Handhaben zu benutzen versteht. In der Schule ist er nicht gut vorwärts gekommen, aber wohl nicht aus Mangel an Begabung, sondern zum Teil wegen feiner Faulheit, wie er selber angab. Seine Tat schildert er in einer Unbewegtheit der Miene und des Tons, die nicht auf viel Empfindung für das Entfehliche schließen ließ, und auch die ernsten und eindringlichen Worte des seine Darstellung anzweifelnden Borsitzenden, des Landgerichtsdirektors Siegert, brachten ihn nicht aus der Fassung. Nur einmal, als ihm ein Bild des erdroffelt aufgefundenen Kindes vorgelegt wurde, machte er einen kaum echt scheinenden Versuch, zu weinen, und er erklärte, er könne das nicht ansehen. Seidel, der von seinem 12. oder 13. Lebensjahr ab gewissen Verwirrungen geschlechtlicher Art erlegen war, wiederholte die vor dem Jugendgericht gegebene Darstellung, die dort Giauben gefunden hat, die Behauptung nämlich, daß er schon zwei Jahre hindurch die Gewohnheit gehebt habe, die fleine Ingeborg in unfittlicher Weise zu berühren, und daß sie ihm ein deutliches Entgegenkommen gezeigt habe. Srgeborgs Bafer, dem die Teilnahme an der Verhandlung erlaubt worden war, protestierte erregt gegen diefe Berunglimpfung des Kindes. Landgerichtsdirektor Siegert sagte dem Angeklagten: Das ist stets die Ausrede von Sittlichkeitsverbrechern, daß die Kinder angefangen haben sollen. Es wäre geradezu abscheulich, wenn Sie das Kind, das dieses tragische Schicksal erlitten hat, jeht noch mit Schmug bewerfen wollten." An jenem 6. September habe, so schildert Seidel weiter Den Hergang, die mit ihm in den Keller des Hauses gegangene Kleine sich gegen seine Versuche gewehrt. Er habe, erschroden Garüber, daß ihre Rieidung zerriß, fie am Weglaufen hindern wollen. Dabei sei jie gegen die Kellermand geschleudert wor den, sei bewußtlos hingestürzt, und ihm sei dann, weil Ohne Etat. Die Fortsehung der bürgerlichen Stadtverordnetenobstruktion. Die bürgerliche Obstruktion im Rathaus entwickelt sich bereits nach Schema F. Das Schauspiel fängt an, reizlos und langweilig zu werden. Jeder weiß, was fommen wird, und in zwei Minuten ist der ganze Spuf erledigt. Heute wird noch einmal die bereits an gefeßte Sigung abgehalten werden und am nächsten Donnerstag wird die letzte Sigung vor den Ferien stattfinden. Berlin geht, genau wie voriges Jahr, ohne Etat in die Ferien. Bielleicht ist das nicht so schlimm, denn die Steuern laufen mit unver= änderten Säßen, und leberraschungen sind in den Ferien wohl faum zu erwarten. Dann wird sich zeigen müssen, ob ein Ausweg aus der Situation gefunden wird oder ob es in den Wahlkampf geht. Augenblicklich scheint aber alles ferien- und reiselustig ge= stimmt zu sein. Die gestrige außerordentliche Sitzung des Stadtparlaments hat taum 5 Minuten in Anspruch genommen. Sie wurde furz nach 5 Uhr vom Vorsteher Genossen aß eröffnet. Auf der rechten Seite des Sigungsfaales hatten sich im ganzen etwa 5 bis 6 Mitglieder eingefunden; die Obstruktion der Bürgerlichen nahm somit ihren Forigang. Der Borsteher machte Mitteilung von einem Dringlichkeitsantrag, der gegen die widerrecht liche Berhaftung des kommunistischen Stadtrats und Stadtverordne ten Dörr schärften Protest erhebt und den Magistrat auffordert, alles aufzubieten, um die ungefäumte Enthaftung Dörrs zu bewirfen, damit er feiner öffentlichen Wirksamkeit wiedergegeben werde. Der Antrag wurde ohne Widerspruch einstimmig zum Beschluß er= hoben. Darauf beantragte Streiter( DBp.) die Vertagung und bezweifelte zugleich die Beschlußfähigkeit des Hauses. Vorsteher baß: Da ein Zweifel an der Beschlußunfähigkeit nicht besteht, ist die Sigung gefchloffen. Die Sigung, die zu morgen einberufen ist, muß. da die Tagesordnung nicht erledigt ist, natürlich stattfinden. Schluß 5.05 Uhr. Blikschläge während des Gewitters. Bei dem gestrigen Gewitter, das über Berlin hinzog, schlug der Blik in Straßenbahnmaste ein. Die Wilmersdorfer Feuerwehr wurde einmal in die Westfälische Straße und ein zweites Mal nach dem Hohenzollerndamm gerufen, wo Straßenbahnmaste in Flammen standen. Es gelang der Feuerwehr bald, die Brände zu löschen. Ein Revolveranschlag beschäftigt die Polizei. Als der Postaushelfer Karl Riethöfer aus der Nostizstr. 52 in der Nacht zum Donnerstag um 11% Uhr nach Hause kam und aufschließen wollte, gab, wie er anzeigte, ein unbekannter Mann im Torweg einen Schuß auf ihn ab, der fehl ging. Kiethöfer, der der Kommunistischen Partei angehört, vermutet in dem Schüßen ein en politischen Gegner, weil er wiederholt Drohbriefe erhalten habe, in denen man ihm angekündigt habe, daß man ihn erlegen" werde, wenn man ihn zu fassen bekomme. Die polizeilichen Nachforschungen blieben bisher erfolglos. Ein Kugeleinschlag war in dem Lorweg nirgends zu finden. Mitteilungen zur Aufflärung nimmt das Polizeipräsidium entgegen. Straßensperrung für Automobile. Auf Beranlassung des Ber: liner Wanderklub ist die vom Ausflugs- und Wanderverkehr stark benutzte Straße vom Bahnhof Wildpart über Restaurant Kuhfort nach Geltow an Sonntagen und allen gefeßlichen Feiertagen mit fofortiger Wirkung durch den Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg für den Kraftwagenverkehr gesperrt worden. Vermißt wird seit 14 Tagen der 55 Jahre alte Registrator a. D. Wilhelm John, der in Lichterfelde- West am Hindenburgdamm 51 wohnte. John wurde tiefsinnig, weil er abgebaut worden ist und fürchtete, jetzt seine Familie nicht mehr ernähren zu können. Am 11. d. M. ging er von Hauje weg, tam nicht wieder und ließ auch nichts von sich hören. Der Vermißte ist 1,72 Meter groß und fräftig gebaut, hat graues Haar und einen grauen geftuzten Schnurrbart, blaue Augen und ein längliches Gesicht und trug einen hellgraugrünen Hut mit grünem Band, einen hellgrauen Jackettanzug und dazu eine Weste mit schmalen Streifen. Am rechten OberWirtschaft Der Reichsindex für die Lebenshaltung. ( 1913/14= 1) 7. Januar 11. Februar 1,13 1,03 18. 25. 3. März 17. " 9 1,04 99 1,05 1,06 1,07 9. April 1,11 23. 30. " 1,13 99 1,14 7. Mai 1,15 1,16 1,15 1,13 1,12 1,11 14. 21. 28. 99 99 18. Juni " 25. Abnahme gegen die Borwoche 0,9 Proz. Die Textilenquete. Ueber die bisherigen Arbeiten der Textilenquetefommission wird folgender Bericht verbreitet: Die Vor der Straflammer wurde von dem Sachverständigen Medizinafrat Störmer die Tat aus einer Entartung des Jungen erklärt, die durch weit zurückreichende erbliche Belastung herbei. geführt sei. Das Leben der Eltern, der Großeltern, selbst einer Urgroßmutter Günters war durchforscht worden, und in einer sehr peinlich wirkenden Darlegung, die in Gegenwart der auf der Zeugen bank fizenden Eltern und des auf der Anklagebant sigenden Jungen Die Tertilenquetefommission des Vorläufigen gegeben wurde, trug der Sachverständige das Ergebnis vor, um Reichswirtschaftsrats hat zahlreiche Sachverständige aus Psychopathie glaubhaft zu machen. Der Staatsanwalt den einzelnen Spezialgebieten der Textilwirtschaft vernommen. Noch Alenroth folgte ihm so weit, daß auch er die Ueberlegung ver- nicht vernommen ist die Ausrüstungsindustrie( Färberei, Bleicherei neinte und nur Totschlag annahm. Er beantragte aber fünf Jahre u. a.). Die Kommission hat wegen der Bielgestaltigkeit der Tertil drei Monate Gefängnis und Versagung einer Bewährungsfrist. Der waren auf eine Untersuchung der Verhältnisse in der TextilwirtVerteidiger Rechtsanwalt Runze beantragte Freisprechung schaft schlechtweg verzichtet und die Untersuchung auf eine Anzahl von der Anklage des Sittlichkeitsverbrechens, für dessen Strafbarkeit von Artikeln der Baumwollindustrie, Wollindustrie, Wirkerei, dem Jugendlichen Seidel das Verständnis gefehlt habe, und min- Leinenindustrie, Seidenindustrie und Konfektion beschränkt. destens mildernde Umstände in der Beurteilung des Totschlags. Nach Untersuchung ergab, daß die Verhältnisse bei den meisten Unterlanger Beratung tam bas Gericht zu dem Urteil, bei dessen Vernehmungen so verschieden waren, daß die Tatsachen wohl eine ges fündung der Vorsitzende unter anderem ausführte: Seidel faßte den wiffe Bedeutung als Material haben, aber kaum als allgemein gültig Entschluß, sich an dem Kind zu vergehen. Als es sich wehrte, stieß anzusprechen sind. Die Kommission mußte die Angaben der verer es brutal, so daß es fiel und sich den Schöbel zerschlug. Er nommenen Sachverständigen auf Treue und Glauben hinnehmen, entschloß sich dann, es ganz zu töten, um einen Zeugen wenn sie nicht jeden Betrieb in eingehender Besichtigung hätte nachaus der Welt zu schaffen. Lüge ist es, daß er schon lange prüfen wollen. Wenn auch die Glaubwürdigkeit der Sachvers etwas mit dem Kinde vorgehabt habe. Alles, was er ständigen nicht angezweifelt wird, so waren doch durch die Methode, davon gesagt hat, ist von A bis 3 erlogen. Er ist der Verwahrlofte die die Enquete anwenden mußte, gewisse Grenzen gezogen, die und er hat das Kind auf dem Gewissen. Vieles spricht dafür, daß eine absolut einwandfreie Feststellung der Ergebnisse unmöglich er die Kleine sogar mit Ueberlegung getötet hat. Aber das Gericht machte. hat schließlich nur Totschlag angenommen. Dieser ist von einer faum begreiflichen Kaltherzigkeit und Ruchlofigkeit. Seidel mag erblich belastet sein, aber er ist für seine Tat verantwortlich. Auch sein Sittlichkeitsvergehen fann nicht straflos bleiben. Das Gericht erkannte auf sechs Jahre Gefängnis für den Tot schlag, ein Jahr Gefängnis für das Sittlichkeitsverbrechen, zusammengezogen in 6½ Jahre Gefängnis. Die Untersuchungshaft wurde angerechnet, Strafaussetzung und Bewährungsfrist wurde versagt. Die vom Jugendgericht angeordnete Schußaufsicht für den noch Jugendlichen bleibt bestehen. Das Urteil schien auf Seidel wenig Eindruck zu machen. Er nahm es ohne merkliche Erregung entgegen. fchentel hat er eine Warze. Aus dem Genefungsheim Wansdorf verschwunden ist seit vergangenem Montag der 21 Jahre alte Gärtner Artur Pilz, der an Schwermut leidet. Er ist mittelgroß, hat blaue Augen und ein bartloses Gesicht und trug cine Drillichinde mit Bleiknöpfen. Ein besonderes Kennzeichen ist eine 3 Zentimeter lange Narbe am ersten Glied des Daumens und des Beigefingers der rechten Hand. Mitteilungen über den VerEleib der beiden Männer an Kriminalfommissar Gahmig. Zentrale für vermißte Personen im Polizeipräsidium. 3m Berliner Aquarium sind in diesen Tagen zwei verschiedenen Arten angehörige Korallennattern angefommen, die zu den farbenprächtigsten Schlangen gehören, die es gibt, denn sie sind in ihrer rotweißgelb und schwarzen Querringelung geradezu verblüffend schön. Die Tiere stammen aus Brasilien und sind im Gegenfab zu den fast ebenso gefärbten giftigen Korallennattern durchaus harmlos. Sie nähren sich anscheinend von Mäusen und fleineren Kriechtieren, waren aber bisher hier zur Annahme von Futter noch nicht zu bewegen. Diese auffallenden Schlangen, die in den Be hältern 15 und 16 an der Krokodilhalle untergebracht sind, stellen ein schönes Gegenstück zu der in der Nähe hausenden nordamerikanischen Rotfleckennatter dar, die sich hier seit Jahren an Mäufen geradezu gemäftet hat. # Riefen- Feuerwerf im Grunewald, Heute, Sonnabend, abends 8 Uhr, wird auf der Grunewald Rennbahn ein Feuerwer! abgebrannt werden, das ohne jedes Beiwert ganz allein für sich als Veranstaltung gilt und über zwei Stunden dauert. Die Berliner Sportpalast- A.G. hat die italienischen Pyrotechniker Gebrüder into aus Neapel verpflichtet, die Spezialisten auf dem Gebiete des Groß- Feuertvertes sind. Für die Berliner Veranstaltung wählte man die Grunewald- Rennbahn, wo heute abend von 8-11 Uhr das Riesen- Feuerwerk abgebrannt wird 5 Wochenendreifen. Die Groß- Berliner Drtsgruppe des Boltsreise bund e. V., Karlsbad 4, veranstaltet ab Sonnabend, den 28., all wöchentlich zweitägige Reisen nach dem Spreewald( 16 M.); unter ortskundiger Führung wird den Teilnehmern die landschaftliche Schönheit des wunderbaren Erlenwaldes und der schönsten Spreewaldorte mit all ihren bemerkenswerten Eigenbeiten gezeigt, zumeist in ruhiger Kahnfahrt. Eine andere zweitägige Reise führt in die Ruppiner Schweiz( 18 M.), cho e ia( 18 M.), eintägige Reisen nach Dubrow Reiberhorst( 8 M.) und Fürsten berg Rheinsberg( 13 M.) Die Preise schließen Fahrt, Unterkunft und Verpflegung ein. Meldungen werden entgegengenommen in der Geschäftsstelle Starlsbad 4, bei B. Selein, Niederschöneweide, Spreeftr. 16, Paul Boltmann, Oberschöneweide, Deulstr. 13, A. Wunderling, Friedrichshagen, Vittoriaftr. 16 a, Metscher u. Peters, Wittenberg. blazz 3, Allgemeiner Verband der Bantangestellten, Berlin, Franzöfifchestraße, Ta balbertrieb, Berlin, Inselstr. 6, Büfett des Restaurants im Gewertschaftshaus, Engelufer 24. Wetter für morgen. Weffer für Berlin und Umgegend. Kübler, zunächst überwiegend be. töltt mit etwas Regen, später langsam aufklarend bei ziemlich frischen nordwestlichen Winden. Für Deutschland. In Süddeutschland weiterhin warm, in Nord- und Mitteldeutschland wesentliche Abfühlung mit leichten Regenfällen, im Dften Gewitter. Das Rundfunkprogramm. Sonnabend, den 28. Juni. kanntgabe der Kleinhandelspreise der wichtigsten Lebensmittel Tageseinteilung. Vormittags 10 Uhr: Nachrichten dienst. Bein der Zentralmarkthalle. Nachm. 12.15 Uhr: Vorbörse. Nachm. 12.55 Uhr: Uebermittelung des Zeitzeichens. Nachm. 1.05 Uhr: Nachrichtendienst. Nachm. 2.15 Uhr: Börsenbericht. 5.30-7 Uhr abends: Unterhaltungsmusik( Berliner Funkkapelle). 7.30 Uhr abends: Vortrag der Frau Wilhelmine Mohr: Kinderhilfe im Haushalt". 9-11 Uhr abends: Blasorchester. Dirigent: Kapellmeister Karl Poitschach. I. Unter dem Siegesbanner, Marsch, von Fr. v. Blon. 2. Ouverture zu Stradella", von Flotow. 3. Der Rose Hochzeitstag, Charakterstück, von Jessel. 4. Ein Sommerabend, Walzer, von Waldteufel. 5. Niederländisches Dankgebet, von Ed. Kremser. 6. Parademarsch der 18er Husaren, von Möller. 10.05 Uhr abends: Dritte Bekanntgabe der neuesten Tagesnach richten. Zeitansage, Wetterdienst, Sportnachrichten. 10.15 bis 10.30 Uhr abends: Tanzmusik, ausgeführt von der Tanzkapelle Formiggini. In bezug auf die Kredite der einzelnen Unternehmungen, auf die Schwankungen der Rohstoffpreise, auf die Arbeits. prozesse, auf die kommunalen Besteuerungen, auf die Beein flussung der Mode auf Spezial- und Modeartikel, auf den Beschäftigungsgrad usw. gibt es in den einzelnen Branchen wie in den einzelnen Unternehmungen so große Abweichungen, daß fie allgemeingültige Schlußfolgerungen über die Kalkulationsgrundlagen und Ergebnisse erschweren. Auf Grund der Ergebnisse der bisherigen Untersuchung neigt die Kommission zu der Auffaffung, daß die Preissteigerungen vorwiegend auf die allgemeinen und die in den deutschen Verhältnissen liegenden besonderen Berteuerungsfattoren zurüdgeführt werden müssen. Der wichtigste der allgemeinen Berteuerungsfaktoren ist der in die Höhe geschossene Rohstoffpreis. Der zweite ins Gewicht fallende Berteuerungsfaktor sind die Steuern. Hier wirkt die zum Teil sehr hohe Gewerbesteuer, je nach dem Standort des Unternehmens, ganz verschieden. Am unangenehmsten empfunden wird in der Textilindustrie die Belastung durch die 2% prozentige Umfassteuer. Sie ist deshalb so hoch, weil die meisten Textilprodukte durch zahlreiche Hände gehen und das Endprodukt dadurch eine Berteuerung erfährt, die sämtliche Sachverständigen als verhängnisvoll bezeichnet haben. Von allen Sachverständigen ist die Zunahme der Kapital 3insen als Preisfteigerungsgrund ersten Ranges angegeben worden. Die Sachverständigen haben nahezu einstimmig darauf hinge wiesen, wie sehr die nicht vollständige Ausnußung ihre Betriebe die Generalunkosten erhöht und wie gering die rewird. Auslandsverfäufe weit unter dem Inlands= lative Rostenverminderung ist, wenn die Produktion herabgesezt preis wurden mit der Absicht erklärt, nicht nur Devisen zu beschaffen, sondern auch den Betrieb so voll wie möglich laufen zu lassen. Die unglückliche Lage der deutschen Textilindustrie, besonders gegenüber der ausländischen Konkurrenz, ist darauf zurückgeführt worden, daß die ausländische Konkurrenz umfangreiche Rohstoffeinkäufe während der deutschen Inflationsperiode günstig vornehmen fonnte. Der verteuernde Leerlauf durch unproduktives Arbeiten ist immer noch vorhanden, für die Lohn- und Steuerver hältnisse usw. muß eine viel zu große Angestelltenschaft beschäftigt werden. Die Lohnsteigerung ist nicht berart; daß der Lohn anteil am fertigen Produkt wesentlich verteuernd wirkt; der Lohnanteil ist zurzeit prozentual geringer als in der Vorfriegszeit. Die Kommission hat über eine ganze Anzahl falkulatorischer Angaben aus der Vorfriegszeit wie aus der Gegenwart mit den Sachverständigen und den Regierungsvertretern verhandelt. Reine dieser Kalkulationen ist aber ohne Einsichtnahme in die Bücher nachprüfbar. Die in Anfaz gebrachten sichtbaren Gewinnfäße waren in allen vorgetragenen Fällen normaler Art; die Kommission konnte aber nicht feststellen, ob die einzelnen Berechnungen der Selbstkosten reichlich oder knapp bemessen waren. Das Verhältnis, in dem die einzelnen Raltulationsposten zu dem Preise der Fertigprodukte stehen, ändert sich nicht unwesentlich, falls eine der Voraussetzungen für die Aufstellung des jeweiligen Kaltulationspostens falsch war oder sich nachträglich geändert hat. Die Untersuchung der Preis, fartelle in der Textilindustrie, die nicht sehr zahlreich sind, soit Anfang Juli erfolgen. Die Neuorganisation der Reichsbank. Der Zentralausschuß der Reichsban? hielt am Freitag in Anwesenheit des Reichsbankpräsidenten eine Sigung ab. Der Reichsbantpräsident Dr. Schacht führte im Verlauf der Besprechungen u. a. folgendes aus: In Uebereinstimmung mit dem Beschluß des Zentralausschusses in seiner letzten Sigung sind inzwischen die gefeßlichen Bestimmungen über die Geschäftsaufsicht in der Richtung geändert worden, daß der mißbräuchlichen Anwendung ein Riegel vorgeschoben ist. Nach den Fest ftellungen der Reichsbant handelt es sich bei den Ronkursen, Zahlungseinstellungen und Geschäftsaufsichten der letzten Monate ganz überwiegend um Nachkriegsgründungen und von diesen wieder in der Hauptsache um Firmen, die in der Zeit der stärksten Inflation entstanden sind. Die Reichsbank wird wie bisher jeden Fall, wo fie um Hilfe in Kapitalnot angegangen wird, sorgfältig prüfen und, soweit es mit den währungspolitischen Interessen vers tretbar ist, helfen, wie dieses auch in den verf offenen Wochen ge= fchehen ist. Eine generelle Aenderung der bisher befolgten Kreditpolitik tann indes vorläufig nicht in Aussicht genommen werden. Dawes Gutachten eingehend, teilte Schacht mit, daß die auf Auf die bevorstehenden enderungen gemäß dem Grund des Sachverständigengutachtens zu errichtende Währungs. bant die Reichsbank sein wird, die in einer den Bor schlägen der Experten entsprechenden Form weiterbestehen bleibt und für die, soweit sich bisher übersehen läßt, eine 3 usammenlegung der Anteile im Verhältnis von 2: 1 in Aussicht genommen werden kann. Das Mindesttapital der Reichsbank wird 300, das höchftfapital 400 Millionen Goldmart sein, wobei die Anteilseigner ber Golddiskontbant ein gewisses Umtauschrecht für thre Attien in Reichsbanfattien erhalten sollen. Die Festlegung des Diskontsages der Reichsbank bleibt nach wie vor allein in den Händen des Reichs bankdirektoriums. Der Deputierte des Zentralausschusses Dr. v. Schwabach erstattete dann das Gutachten des Zentralausschusses über die Bilanz und die Gewinnberechnung dahin, daß der Zentralausschuß nichts zu erinnern habe und mit der vorgeschlagenen Dividende von 10 Billionen Mart für je 1000 Mart Anteil sowie mit der im Gesezentmurf vorgeschlagenen Gewinnbeteiligung des Reiches in Höhe von 10,3 Trillionen Mart einverstanden jei. Wirkungen der Kreditknappheit. Einen seltenen Fall konnte laut „ Konfektionär" das Berliner Handelsregister am 25. Juni Theater Lichtspiele niw. Staats- Theater Opernhaus 7 Uhr: Madame Butterfly Opernhaus am Königsplatz 71/2: Cavalier. rustiBajazzi cana Schauspielhaus 72: D. Fest d. Handwerker/ Guten Morgen, Herr Fischer! Schiller Theater verzeichnen. In Abteilung B find an diesem Tage teine Eintragungen erfolgt. In der Abteilung A waren erst furz vor Dienstschluß einige Eintragungen angemeldet und der Abschluß für dieselben bei Dienstschluß noch nicht beendet, so daß die Registeraften nicht mehr eingesehen werden konnten. Die geringe Anzahl von handelsgerichtlichen Eintragungen folgt aus der allgemeinen Geldknappheit sowie aus den zurzeit herrschenden Gerichtsferien. Der Fall, daß gar teine Eintragungen mitgeteilt werden können, darf als einzig bezeichnet werden. " Deutschland der größte Abnehmer englischer Baumwollgarne. Der englische Export an Baumwollgarnen hat laut Textil- Woche" im Mai d. I. 18 029 100 lbs.( zu 453 Gramm) betragen( gegen 12 574 500 im Mai 1923). Der bei weitem größte Abneh CD Zum Finmachen: Balb 3uder, halb Gübstoff! Gpart Geld und schmedt vorzüglid 1H- Dadung Kristall- Süßstoff 10 PL Süßwert 1 pfd. Zuder Erhältlich in Kolonialwaren, Drogen bandlungen und Apotheken, 71 D. Stiftungsfest Volksbühne Th.i.Admiralspalast 72: Schneid.Wibbel 81/4 U.: Der Erfolg d. Jahres Deutsch. Theater Sommerspielzeit Direktion: Staab und Gerner 10 Monate anunterbr. auf dem Spielplan im Theater des Westens Große Volksopere Nur noch bis 30.Juni SCALA ist die große Revue 7 Uhr: Der Freischütz 8 Uhr: Mist.Globetrotter Kammerspiele Sommerspielzeit Direktion: Staab und Gerner 8 Uhr: Salomons Schwiegertochter 8 Uhr: Drunter u.drüber Deutsch. Opernhaus 72 Uhr: Internat. Varieté zu ermäßigt.Preisen Sonntag 3.30 zu halb.Preisen das volle Programm Kleines Theat. Carmen Intimes Th. 8 U. Lauf doch nicht immer nackt herum Crêpe Georgette Metropol- Theater Premiere 72 Uhr: Kameraden Mascottchen von Aug. Strindberg Operette von Walter Bromme Gr. Schauspielbans Tagl. 8 Uhr: 71/2 Uhr: Der Vogelhändler 8 U: Trianon- Th. mit Alice Hechy Tribune 8 Uhr: Somm- Dir. R. Pirk Rose- Theater Doktor Stieglitz Bin Schwank 8: D. Mustergatte F Lobe/ P. Morgan NEUE WELT Arnold Scholz, Hasenheide 108-114 Täglich: Konzert u.Varieté- Vorstellung Jed. Mittwoch, Donnerstag, Sonnabend und Sonntag: Gr. Ball Einl. wochentags 3 Uhr Anf. wochentags 5 Uhr Sonntags 2 Uhr Sonntags 4 Uhr 21 " Ab Oberbaumbrücke Sonntag, 29.Juni, 8/ 2, 12 u. 2Uhr Dampferfahrten nach Woltersdorfer Schleuse und Neuder Liebe Gartenbühne 71/2: Thalia- Theater Heringsdorf. Reederei Kieck, FalckenOlga Limburg Durch Dick u. Dünn 8 Uhr: Frasquitalsteinstraße 98. Mpl. 8197. DIE HEXE VON BENJAMIN CHRISTENSEN DER GROSSE SVENSKA- FILM DER UFA DAS URTEIL DER BERLINER PRESSE B. Z. am Mittag- 16. Oktober 1923: Der Versuch ist überraschend gut gelungen. Die Darstellung ist, wie sich das bel einem so fruchtbaren Thema von selbst versteht, sehr realistisch, aber frei von jeder Effekthas cherei.. Berliner Börsen- Zeitung- 17. Oktober 1923: **** Es handelt sich hier um ein Werk von ganz besonderer Art...... dieses mit einem hohen Maße technischen Könnens hergestellte, so völlig aus dem Rahmen fallende Werk... Berliner Lokal- Anzeiger- 22. Oktober 1923: Es bedarf keiner Frage, daß dieser Film auch im großen Publikum auf stärkstes Interesse stoßen würde, und daß seine weiteste Verbreitung mit allen Mitteln gefördert und unterstützt werden müßte. Tagebuch 27. Oktober 1923: Dieser Aufklärungsfilm durchbricht die Grenzen des Kulturfilms. Er ist verdienstlich, er ist notwendig.... Montagspost- 23. Juni 1924: Ein Aufklärungsfilm in der besten Bedeutung des Wortes. Ein wertvolles kulturgeschichtliches Dokument, ein in lebendigen Bildern vermittelter Extrakt aus alten Schriften und gelehrten Werken, bei allem wissenschaftlichen Ernst mit dem Sinn für Publikumswirkung gestellt und zusammengestellt....... Neue Berliner 12 Uhr Mittagszeitung 16. Oktober 1923: Prf. Max Slevogt, der sich den Film in kleinem Künstlerkreis mit ansah, bezeichnete die Bilder als erschütternd echt"..... 8 Uhr Abendblatt 21. Juni 1924: .... Diesem Film müssen auch die Gegner des Spielfilms zustimmen, die den Film nur zu erzieherischen, belehrenden Zwecken dulden wollen; ihm müssen aber auch die zustimmen, die den Film allmählich der Kunst zuführen wollen. In anmutiger, unterhaltend- gelehrsamer Form dient hier der Film einer großen Sache, vielleicht der größten, die es unter Menschen gibt, nämlich Klarheit und Sicherheit in Verwirrung und Dunkel menschlichen Geists zu bringen, trübe Gesinnungen und Handlung zu klären, den unter Vorurteilen Leidenden zu helfen und zu helfen auch denen, die in der Verblendung dieser Vorurteile sich zu ebenso dummen wie schändlichen Taten hinreißen lassen. Dieser kulturhistorische Film ist ein Werk mer ist Deutschland mit 6 803 900 lbs.( gegen nur 2 608 700 im Mai v. J.). Der zweitgrößte Abnehmer ist Holland mit 3 090 000 lbs.( gegen 2 225 800 i. B.) und an dritter Stelle steht die Schweiz mit 1021 700 lbs.( gegen 495 000 im Mai 1923). Der Schleppender Zahlungseingang und Mahnverfahren.. Zentralverband des Deutschen Großdandels hat eine Eingabe an den Reichsjustizminister gerichtet, zur Behebung der Geldnot das Mahnverfahren zu beschleunigen, u. a. wird auch die Aufhebung der Gerichtsferien angeregt. Wie beschäftigt augenblicklich die Gerichte mit der Zahlungseintreibung sind, beweist die Mitteilung, daß bei einem Amtsgericht Berlin- Mitte im März etwa 6000, im April 11 000, im Mai 22 000 und in der ersten Hälfte des Monats Juni 12 000 Zahlungsbefehle ausgefertigt worden sind. 28 8 DISCONTO- GESELLSCHAFT BERLIN Der Geschäftsbericht für das Jahr 1923 ist erschienen und kann durch unser Archiv und unsere Niederlassungen auf mündliche oder schriftliche Anforderungen kostenlos bezogen werden. [ sterre) Zahlreiche Zweigniederlassungen in Deutschland Bankmäßige Geschäfte aller Art LUNAPARK ULAP Sonnabend, Sonntag, Montag wird 1 Auto ( viersitziger Cyklon- Phaethon der Schebera A.-G.) und 10 Motorräder ( Fabrikmarke Evans der R. Stock u. Co. A.-G.) verschenkt. Ausgabe der Geschenke: Montag, 30. Juni, abds. 101, Uhr. Außerdem erhält jeder Geschenkempfänger Gratis- Fahranterricht im Motordrom Sonnabend und Sonntag: Großes Feuerwerk! Militärkonzert! Ab 3 Uhr voller Betrieb auf allen Attraktionen. Eintritt 75 Pfennig Montag: Berliner Massenchor( 1000 Sänger) Mittwoch: Großes Kinderfest im Lunapark X Residenz- Th. 2 Mark Tägl. 8 Uhr: INTREN So ein Mädel VarietéSpielplan! ( Extemporale) Lustspiel in 3 Akten der Humanität, der Aufklärung, der Bildung in künstlerischer, jedermann verständlicher Gestalt. Königst. 3418 Rauchen gestattet! URAUFFÜHRUNG: MONTAG 29 UHR UFA- PALAST AM ZOO GRUNEWALD RENNBAHN Heute, Sonnadend, den 28. Juni 1924 Reichshallen- Theater Täglich 8 Uhr: Stettiner Sänger Deutschland erwache! Zum Schluß: Ein Musikantentraum Theater am Kottbuser Tor Tägl. 8 Uhr Elitewöchentl, Teilzahlung liefere Eleg. Herren- Garderobe fertig und nach Maß Vergnügungspark am Lehrter Bahnhof verschenkt am 30. Juni abends 10 Uhr 2 fabrikneue Alfi- Automobile 1 hodhelegantes Speisezimmer 1 Motorrad- 1 Schrankapparat Jede Person, welche sich in den Tagen: 28., 29. oder am 30. Juni eine Eintrittskarte für 65 Pf. löst, hat Aussicht, einen der obigen 5 Gegenstände als Geschenk zu erhalten. Täglich voller Betrieb Sonntag: Doppelkonzert, Riesenfeuerwerk Montag: Geschenkverteilung Attiva Bilanz am 31. Dezember 1923 Goldmark Passiva Oplomar. 1. An Raffenbestand 9.05 1. Per Geschäftsanteile. 447.50 Maschinenconto 300. 2. Reservefonds 50.Materialconto 55.- 3. Reingewinn... 11.55 Inventarconto 74, * " " " 7 " Geschäftsanteil b. d. Rohstoff- Ein- u. schaft Eintracht" Bertaufsgenossen E. G. m. b. H... 71.509.05 " " 509.05 Der Mitgliederbestand betrug zu Anfang des Geschäftsjahres 35. Im Laufe des Geschäftsjahres schieden aus: Durch Ausschluß 8, durch Auftündigung 3, durch Tob 1, zusammen 12. Mitgliederbestand bei Beginn des neuen Geschäftsjahres 23. Die Mitgliederguthaben vermehrten sich um 197 180 Papiermark Die Hafifummen verminderten sich um. Diefelben betragen zufammen 11 000 230 000 Schuhmacher- Produktiv- Genossenschaft 1920 Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht. Der Vorstand Carl Gonschow, Carl Golze, Carl Gendrich, Hugo Erdenberger. Borstehende Bilanz haben wir gebrüft und mit den Büchern, Belegen, Waren- und Rassenbestand übereinstimmend befunden. Berlin, den 27. Juni 1924. 182/8 Der Aufsichtsrat. J. B.: Hermann Kriebel. Allg. Ortskrankenkasse für Adlershof u. Umg. Bekanntmachung. 105/20 Sänger Garantie für tadellosen Sitz u. Verarbeitung trag( Ginführung der Familienversiche Ungeheurer Som Maßschneiderei J. Kurzberg Lacherfolg Sommer preise MarkenDönhoff- Brett Zigaretten Anf.7%, Sonnt. 5 U) billigst bei Oranienstraße 160, I. Gin grauer Kopf Der vom Ausschuß der Kaffe am 27. Mai cr. beschloffene 18. Gagungsnach rung) ist vom Oberversicherungsamt Berlin macht 10 Jahre mit Wichung vom 1. Jult 1924 ab ge- älter! Graue Haare nehmigt worden. erhalten die frithere Farbe wieder durch ,, Alcolor". Geändert sind die§§ 20, 34 b, 39 u. 72. Druckeremplare der Gagungsänderun gen find vom Mittwoch, 2. Juli cr., ab in unseren Geschäftsstellen erhältlich. Gleichzeitig machen wir bekannt, daß fich die in Treptow unterhaltene Bahlstelle Metallbetten ist Beermannstr. 3 part. befindet. Gr. Varieté- Progr. Herschdörfer Stahlmatratz., Kinderbetten dir. an Priv. Rofenthaler Str. 50 Kat. 30A frei, Eisenmöbelfabr. Suhl Thir. Sensationelles Riesenkunstfeuerwerk der Brüder Pinto( Neapel), verbunden mit Feuerwerkspende, veranstaltet von der Berliner Sportpalast A. G Jeder Besucher kann durch 1 Speisezimmer, 1 Herrenzimmer, 1 Schlafzimmer. von der Firma August J. Schulze, Berlin, Invalidenstr. 145. 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Wir werden dem Dahingeschiedenen ein ehrendes Andenken bewahren. Berlin, den 27. Juni 1924. Die Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrates der SchultheiẞPatzenhofer Brauerei- Aktienges. Küẞner. I. V. Dlugi. Am Freitag, den 27. Juni, mittags, verschied auf seiner Arbeitsstelle infolge eines Schlaganfalls mein Setzerei- Faktor Herr Gustav Gens im 53. Lebensjahre. In seiner langjährigen Tätigkeit hat er sich durch sein rechtschaffenes Wesen das Vertrauen der Geschäftsleitung in hohem Maße gesichert und werde ich ihm ein dauerndes Andenken bewahren. Buchdruckerei Max Noster. Helft den Invaliden durch Losabnahme ihrer 3953b Geld- Lotterie Ziehung unwiderruflich 4. und 5. Juli Verlost werden 5633 Gewinne zus. M. 150000 M. 50000. 20000 10000 Hauptgewinne: M. MI. Invaliden- Lose 2 M. Porto u. Liste 30 Pfg. extra. 10 Lose sortiert aus versch. Taus.= 20 M. Lud. Müller& Co. Berlin C 19, Jerusalemer Straße 18. Lose auch in allen durch Plakate kenntlichen Verkaufsstell. 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Vor nahezu 50 Jahren ist er, als Direktor der später mit der Deutschen Bank verschmolzenen Deutschen Unionbank, Mitglied der Korporation der Kaufmannschaft von Berlin geworden. Im Jahre 1896 wurde er zum Aeltesten der Kaufmannschaft gewählt, seit 1902 gehört er unserer Kammer als Mitglied, seit 1914 als Vizepräsident an. Außerdem war er seit vielen Jahren Vorsitzender des Gesamtbörsenvorstandes, des Börsenvorstandes Abteilung Wertpapierbörse, der Zulassungsstelle und Vorstandsmitglied des Deutschen Industrie- und Handelstags. Aber diese Vielfältigkeit der ehrenamtlicen Wirksamkeit ist es nicht, die den Dahingeschiedenen kennzeichnet: die Art, wie er sie ausgeübt hat, gab ihm seine Bedeutung. Hingebungsvoll und freudig stellte er in ihren Dienst sein großes Wissen und Können; niemals ist der Ruf zur Uebernahme einer Tätigkeit vergeblich an ihn gerichtet worden. Für seine Ueberzeugung, die er uneigennützig bis zur Selbstentäußerung zu vertreten wußte, setzte er stets mit demselben unbeirrbaren Eifer seine unvergleichliche Arbeitskraft ein, und der Ehrlichkeit und Entschiedenheit seines Wollens, gepaart mit der anziehenden Verbindlichkeit seines Auftretens blieb der sachliche Erfolg kaum versagt. Sein glühender Patriotismus, seine ausgeprägte soziale Denkungsweise und seine warme und aufopfernde Anteilnahme an dem Lose der Bedrängten vervollständigten harmonisch seine edle Persönlichkeit, welche die Ueberlieferung des ehrbaren Kaufmanns im vornehmsten Sinne verkörperte. Mit goldenen Lettern ist sein Name in der Geschichte der deutschen Kaufmannschaft eingezeichnet, mit unverwischbaren Zügen sein liebenswertes Bild in den Herzen unserer Mitglieder und Beamten. Berlin, den 27. Juni 1924. Die Industrie- und Handelskammer Quittungs- Marken Seit 40 Jahren Spezialität Conrad Müller, Schkeuditz- Leipzig. 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Nr. 30041.Jahrgang 2. Beilage des Vorwärts Reichstag und Agrarkrise. Der Reichstag gab gestern, Freitag, nach furzer Debatte zunächst den mit Litauen und Estland abgeschlossenen Handelsverträgen und Abmachungen über den gegenseitigen Berzicht auf Entschädigung für die im Weltkrieg entstandenen Schäden in zweiter Lesung seine Zustimmung. Sodann wird debattelos die Entscheis dung des Geschäftsordnungsausschusses bestätigt, daß der kommunistische Abg. Schlecht sofort aus der Haft zu entlassen ist. Es folgt die gemeinsame Beratung der von verschiedenen Fraftionen eingegangenen Interpellationen und Anträge über die Notlage der Landwirtschaft und des Weinbaues. Abg. Schiele( Dnatt.) begründet eine Interpellation, die verlangt, daß das Mißverhältnis beseitigt wird, das durch Maßnahmen der Gesetzgebung auf zoll- und handelspolitischem Gebiet zwischen den Preisen, für landwirtschaftliche Erzeugnisse und für landwirtschaftliche B Bedarfsartikel jeht schon lange wirksam sei. Deutschland befinde sich in afuter Lebensnot, vor allem die Landwirtschaft. Die Wurzeln des Uebels liegen nicht allein in Versailles und London, sondern leider zum Teil in der falsch geleiteten eigenen Boltswirtschaft. Wenn weiter so rücksichtslos mit Pfändungen gegen die Landwirte träge wurden von den bürgerlichen Parteien leider abgelehnt, weil angeblich nur die freie Wirtschaft alles Heil bringen könne. Heute stellen wir fest, daß nun zweds Beseitigung der Not der Landwirtschaft ähnliche Maßnahmen von den bürgerlichen Parteien verlangt werden, die doch in ihrer Auswirkung auch ein Eingreifen des Staates in die freie Wirtschaft sind. Bezüglich der Besteuerung der Landwirte betonen wir, daß die Landwirte entsprechend der notwendigen Allgemeinbelastung die gleichen Opfer zu übernehmen haben, wie es bei den anderen Berufsständen, ganz besonders der Arbeiter und Angestellten, der Fall ist. Wir erkennen an, daß die landwirtschaftlichen Betriebe mit einer Vielheit von Steuern überbürdet sind, die ganz besonders den fleinen und mittleren bäuerlichen Betrieben Schwierigkeiten bereiten. Wir bekämpfen auch die ungerechte steuerliche Bewertung des land- und forstwirtschaftlich benutzten Bodens, wonach in der Pragis der Großgrundbesitz nicht so zur Steuer herangezogen wird als dies bei den bäuerlichen Betrieben der Fall ist. Diese seit Jahrzehnten bestehende ungerechte Belastung der flein- und mittelbäuerlichen Betriebe muß beseitigt werden. Wenn Sie( nach rechts) wollen, daß die Sozialdemokratie der Landwirtschaft noch mehr Interesse zuwendet...( 3uruf rechts: Wollen wir ja gar nicht! Lebh. Hört, hört! links.) Die sozialdemokratische Fraktion ist der Auffassung, daß eine einheitliche für das ganze Reich geltende Badenwertssteuer vorgegangen wird, dann muß es zu Betriebsstillegungen kommen und die Ernte ist gefährdet. Der Finanzminister bringt zwar den Etat in Ordnung, aber die Wirtschaft stirbt dabei. Der Weinbau be= findet sich in furchtbarer Notlage. Die ersparten Hypothekenschulden werden durch die Ueberbesteuerung und die ungünstige Preisge= für die landwirtschaftlichen Betriebe das zweckmäßigste staltung in der Landwirtschaft mehr als doppelt aufgewogen. Bei ist. Diese Bodenwertsteuer muß entsprechend den Grundsätzen geder Verteilung der Rentenmarkkredite schneider die Landwirtschaft staltet werden, wie es bei der Grundwertsteuer im Lande Anhalt sehr schlecht ab. Während das ausländische Getreide 30 Proz. über der Fall ist. Je größer der Grundbesih, desto höher muß die Bedem Friedenspreis notiert, notiert das inländische 30 Proz. unter steuerung sein, weil damit auch nach den bekannten Erfahrungen dem Friedenspreis.( Hört, hört!) Dabei hat das Volk nicht einmal Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion erzielt wird, Vorteil von den billigen Preisen, denn die Spanne zwischen dem indem sich die Abwanderung des land und forstwirtschaftlich zu Erzeugerpreis und dem Kleinhandelspreis ist ungeheuer gestiegen.-nußenden Bodens vom schlechten zum guten Landwirt vollzieht. nuzenden Bodens vom schlechten zum guten Landwirt vollzieht. Der Redner fordert Beseitigung der letzten Reste der Zwangswirt- Ferner unterstügen wir das Verlangen der Bauernver= schaft. Die Reichsregierung müsse schleunigst die eine, daß diese zu allen Beratungen mit der Regierung in Steuerangelegenheiten usw. gleichberechtigt hinzugezogen werden. Selbstverständlich fordern wir, daß auch die Vertreter der gemertschaftlichen Landarbeiterverbände hinzugezogen werden. Die Besteuerung der landwirtschaftlichen Produktionsmittel und eine Heranziehung der Landwirtschaft zur Gewerbesteuer verbieten, für die gesamtsteuerliche Belastung des einzelnen Steuerpflichtigen eine Höchstgrenze bestimmen und die Bewertung der der Landwirt schaft dienenden Grundstücke nach einheitlichen Grundsägen vor= nehmen.( Beifall rechts.) Abg. Georg Schmidt- Köpenick( Soz.): Die vorliegenden Anträge der bürgerlichen Parteien verlangen, daß die Preise der landwirtschaftlichen Produkte mit den Preisen den sollen. Es müsse das Mißverhältnis beseitigt werden, das durch Maßnahmen der Gesetzgebung auf zoll- und handelspolitischem Gebiet zwischen den Preisen für landwirtschaftliche Erzeugnisse und für landwirtschaftliche Bedarfsartikel bestehe. Das heißt, daß also durch Einführung von Schutzöllen für landwirtschaftliche Produkte dieses Ziel erreicht werden foll. Während man sonst allgemein den Preisab ba u fordert, und zwar mit Recht, sollen nach dem Willen der bürgerlichen Parteien durch Einführung von Schutzöllen die Preise der landwirtschaftlichen Produkte angepaßt, das hehißt erhöht werden.( hört, hört! bei den Sozialdemokraten.) Dadurch werden für die breite Masse des Volkes die Lebensbedingungen, die schon erheblich schlechter sind als vor dem Kriege, weiter verschlechtert werden. Die sozialdemokratische Fraktion lehnt ein solches Borgehen ab. Wir sind der Auffassung, daß der auch von allen einsichtigen Kreisen der Wirtschaft geforderte Breisabbau herbeizuführen ist durch Beseitigung aller Zölle für industrielle Rohstoffe, ganz besonders der Eisenzölle. Auch das neue Berlangen der Reichsregierung, die Terfilzölle um nicht weniger als 80 Proz. zu erhöhen, lehnen wir ab. Wir sind auch nicht für eine Verlängerung der Ermächtigung an die Regierung auf zollpolitischem Gebiete. Dadurch, daß wir die Beseitigung der Industrie zölle verlangen, wird eine. Gleichstellung auf dem zoll und handelspolitischen Gebiete für die Landwirtschaft erzielt. Die Not der Landwirtschaft erfennen auch mir an. Es ist eine internationale Erscheinung, daß das Breisverhältnis zwischen Agrar- und Industrieprodukten sich zu= ungunsten der landwirtschaftlichen Produkte überall verschoben hat. Die Tatsache, daß seit längerer Zeit die ausländischen Getreidepreise höher find als die Preise für inländisches Getreide, beweist am besten, daß der Landwirtschaft durch Einführung von Zöllen auch nicht gedient ist. Die Krisis, in der sich die landwirtschaftlichen Betriebe befinden, fann nicht gelöst werden durch eine einseitige Interessenpolitit. Die Agrarfrise ist eine Teilerscheinung der großen Krise, in der sich die gesamte Wirtschaft Deutschlands befindet. Ihre Lösung sehen wir mit in einer raschen Verabschiedung der Gesetze, die das von der Regierung und dem Reichstag angenommene Sachperständigengutachten notwendig macht. Wir befinden uns in dieser Beziehung in einem stritten Gegensatz zu dem Reichslandbund, der das Sachverständigengutachten ablehnt, während doch auch die Industrie bzw. deren Vertretung dem Sachverständigengutachten zustimmen. Der Reichslandbund verlangt aber gleichzeitig Kredite für die landwirtschaftlichen Betriebe, ohne pofitip zu sagen, wie bei feiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Sachverständigengutachten diese großen Anforderungen befriedigt wergen sollen. Wir treten ein für langfristige Handelsverträge und sind der Auffassung, daß die Einfuhrsperren aufzuheben find, ausgenommen bei der Einführung von Lurusmaren. Da in der agrarischen Bresse, besonders der Landbundpresse, in bestimmter Form behauptet wird, daß die Regierung bezüglich der Einführung landwirtschaftlicher Schutzölle weitgehende Borbereitungen getroffen habe und auch diese Zölle einführen will, erwarten wir von der Regierung eine bestimmte Erklärung über ihre Stellungnahme. Bei der Beratung der Allgemeinbewirtschaftung der landwirtschaftlichen Produkte, besonders des Getreides, im verflossenen Reichstage, haben wir wiederholt Maßnahmen von der Regierung verlangt und auch Dementsprechende Anträge gestellt, die den Weg der landwirtschaftlichen Produkte zum Konsumenten vereinfachen, um den Zwischenhandel, der zu einer erheblichen Verteuerung der Produkte führt, auszuschalten. Es muß die direkte Berbindung zwischen den landwirtschaftlichen Organifationen und den Ronfumvereinen sowie den Stadtverwaltungen hergestellt werden. Denn nur dadurch, daß die durch die Kriegswirtschaft so zahlreich emporgefchoffenen Handelsunternehmungen auf das natürliche Maß zurückgeführt werden, fann das große Mißverhältnis zwischen den Preisen, die die Produzenten erhalten und die die Konsumenten dafür bezahlen müssen, beseitigt werden. Much weisen wir darauf hin, daß schon 1920 vom preußischen Landwirtschaftsministerium Verhandlungen mit den landwirtschaft lichen Interessenvertretungen stattfanden, um den Austausch von fünstlichem Dünger, besonders Stidstoff, an die Landwirte herbei zuführen. In Auswirkung dieser Verschläge hat die sozialdemokras tische Reichstagsfraktion entsprechende Anträge gestellt. Diese AnGepflogenheit der Regierung, immer nur die Landbundorganisationen als die Vertreter der Landwirtschaft zu betrachten, bekämpfen wir ganz entschieden und erwarten von der Reglerung, daß in dieser Beziehung eine Aenderung eintritt. Auch deren Vertretungen bei der Verteilung der Kredite mit gleichem unterstützen wir die Forderungen, daß die bäuerlichen Betriebe bzw. Maße gemessen werden. Es muß der Regierung gelingen, die selbst früheren Reichstages in dieser Beziehung kritisierten Mißstände zu von dem Landwirtschaftsminister in einer der letzten Sizungen des beseitigen.( Lebh. Beifall b. d. Soz.) Abg. Kerp( 3tr.) weist darauf hin, daß die Notlage der Landwirtschaft und des Weinbaues heute von feiner Seite bestritten werde. Die Landwirtschaft ist teine philantropische Wohlfahrtseinrichtung, sondern ein wirtschaftliches Unternehmen. Der Redner geht dann auf die Not des Weinbaues ein. Der durch die Fehlernte von 1923 verursachte Notstand sei in letzter Zeit in verhängnisvoller Weise verstärkt worden durch die von der Reichsregierung geübte Praris bei der Zulassung von Ausland weinen. Dem Weinbau müßten Sonderkredite gewährt werden, wenn er nicht zugrunde gehen soll. Die Reichsregierung sollte eine Weinnisationen ein einheitliches Aktionsprogramm zur Rettung des deutfonferenz einberufen, um gemeinsam mit den Weinbau- Orgaschen Weinbaues unverzüglich in die Wege zu leiten. als eine Lebensfrage der deutschen Wirtschaft und des deutschen Abg. Hepp( D. Vp.) bezeichnet den Gegenstand der Aussprache Bolkes. Das verarmte deutsche Bolt könne sich auf die Dauer nicht eine große Lebensmitteleinfuhr aus dem Ausland leisten. Sonst würde auch die deutsche Währung wieder in Gefahr kommen. Darum muß alles getan werden, um die landwirtschaftliche Produktion zu heben und die deutsche Volksernährung möglichst durch inländische Produkte zu sichern. Die deutsche Landwirtschaft wird die Versuche der Linken, einen Keil in ihre Reihen zu treiben, zurückweisen, fie ist einig in ihrer Notlage.( Beifall rechts.) Der Redner begründet die Anträge seiner Fraktion, die verlangen: eine steuerlich einheitliche Bewertung des landwirtschaftlichen Befizes in Reich, Ländern und Gemeinden, ausreichende 3ölle auf ausländische Weine, Steuernachlaß, zinslose Steuerstundung, bevorzugte Kredit: gewährung für den notleidenden Weinbau, Ermäßigung der umfaßfteuer, 3inslose Steuerstundung für Landmirte, Aufhebung der bisher für ausländische landwirtschaftliche Produkte zugestandenen Umfassteuerbefreiung. Schußes der deutschen Landwirtschaft im völkischen Interesse. Schon Abg. Schliephace( Nat.- Soz.) betont die Notwendigkeit des der Nationalsozialist auf dem preußischen Throne, Friedrich der Große( große Heiterfeit), habe auch gesagt, daß wahrer Reichtum nur auf der Arbeit der Landwirtschaft beruhe. Reichsernährungsminister Graf v. Kanik: Im Namen der Reichsregierung habe ich folgende Erklärung abzugeben: Sonnabend, 28. Juni 1924 = Es wird nötig sein, diese aus unserer jezigen Wirtschaftslage in Verbindung mit dem Dames Gutachten sich era gebenden finanzpolitischen Aktionen so schnell als möglich durchzuführen. Wenn die einschlägigen Gesetze schnellstens erledigt werden und fomit die Grnudlage für finanzielle Erleichterungen sichergestellt ist, so wird sich, wie die Reichsregierung auf Grund von Verhandlungen mit der Reichsbank erwartet, die Möglichkeit bieten, noch einmal Mittel der Reichsbank für eine Finanzierung der diesjährigen Ernte im Hinblick darauf zu erhalten, daß die Fundierung aus den vorgezeichneten finanziellen Maßnahmen zu einem naheliegenden Termin in Aussicht steht. Des weiteren wird eine schnelle Regelung des Sachverständigen Gutachtens den Weg öffnen, unter Umständen Auslandskredite für die deutsche Landwirtschaft heranzuziehen, wenn auch vor übertriebenen Erwartungen auf diesem Gebiet gewarnt werden muß. 2. Steuern. Der Reichsminister der Finanzen hat die Finanzämter wiederholt angewiesen, beim Vollzug der Steuergesetze und namentlich bei der Stundung und Beitreibung von Steuern mit wirtschaft= lichem Verständnis zu verfahren. Eine generelle Stundung fämtlicher Steuern ist nicht möglich, da eine solche naturgemäß das ganze Gebäude der Reichs- und Staatsfinanzen völlig erschüttern würde. Auf dem Gebiete der Einzelsteuern sind die Finanzämter angewiesen, den Landwirten die Erbschaftssteuer bis zum Herbst zu stunden, wenn es sich um erhebliche Beträge handelt und gegenwärtig feine Mittel zur Bezahlung flüssig gemacht werden fönnen. Die Einkommensteuervorauszahlungen und die Vermögenssteuer sollen im Einzelfalle auf Antrag gestundet werden, wenn flüssige Mittel nicht vorhanden sind und die Veräußerung von Betriebsmitteln die Aufrechterhaltung des Betriebes gefährden würden, oder Betriebsmittel zu Schleuderpreifen veräußert werden müßten, die dem Steuerpflichtigen billigerweise und unter Berückfichtigung des Zweckes und der Höhe der Steuer nicht zugemutet werden können. Der Reichsminister der Finanzen ist bereit, mit der Bertretung der Landwirtschaft die Frage erneut zu erörtern, inwieweit der Nachweis über das Vorliegen der letzteren Voraussetzung erleichtert werden kann. Zum Zwecke der Berichtigung des Wehrbeitrags haben eingehende Verhandlungen mit den landwirtschaftlichen Organisationen, sowohl durch das Reichsfinanzministerium selbst, als durch die Landesfinanzämter und Finanzämter stattgefunden. Das Ergebnis dieser Berhandlungen wird nach Auffassung des Reichsfinanzministeriums sein, daß eine gewisse Gleichmäßigkeit der Wehrbeitragswerte im ganzen Reich eintritt, und daß im allgemeinen trog aller gegenteiligen Behauptungen im Durchschnitt eine nicht unerhebliche Sen fung der ur= sprünglichen Wehrbeitragswerte erfolgt. Die berichtigten Wehrbeitragswerte werden weiterhin durch Abschläge bis zu 40 Broz. gemindert. Insbesondere ist, wie sich nach Mitteilung des Reichsfinanzministeriums tabellarisch darlegen läßt, das Ziel erreicht, für die verschiedenen Ertragsklassen und innerhalb derselben die Steuerbelastung in gerechter Weise abzustufen. Dabei sind auch die Ungleichheiten, die sich aus der durchschnittlich höheren Bewertung des fleinen Grundbefizes gegenüber dem Großgrundbesih ergaben, weitgehend ausgeglichen worden. Die Berücksichtigung der Hochwasserschäden, sowie der Auswinterungsschäden bei der Steuererhebung ist schon im Rahmen der allgemeinen Stundungsbestim mungen möglich. Gleichwohl ist auf besondere Notfälle noch durch befondere Erlasse hingewiesen worden.( Beifall.) Was die steuerliche Behandlung des Weinbaues anlangt, so gilt im allgemeinen das bereits für die Landwirtschaft Gesagte. Hinsichtlich der Einkommensteuer- Abschlußzahlungen für 1923 und der Einkommensteuer- Borauszahlungen für 1924 ist der wirtschaft lichen Notlage der Winzer durch weitgehende er absehung und Eremäßigung Rechnung getragen worden. Für die Berichtigung der Wehrbeitragswerte der Winzer ist es hinsichtlich der Ertragsklasseneinteilungen mit den Vertretern der Winzerorganisationen zu einer Einigung gekommen. Die Möglichkeit erhöhter wird auch davon Gebrauch gemacht. Abschläge von diesen Werten für notleidende Winzer ist gegeben; es 3. Erzenger- und Ladenpreise. Die zum Teil noch unverhältnismäßig hohe Spanne zwischen Erzeuger- und Ladenpreisen bildet Gegenstand der ständigen Sorge und der ständigen Einflußnahme auf die Beteiligten feitens der Reichsregierung. Dieses Mifverhältnis ist jedoch zum großen Teil bedingt durch die allfeiten der Kreditbeschaffung, Steuerdruck, mangelnder Umsatz u. a. m. gemeine Un gunst der wirtschaftlichen Lage, wie z. B. SchwierigNachhaltig wird sich infolgedessen der mit Recht allseitig gerügte Uebelstand erst bei einer allgemeinen Erleichterung der wirtschaftlichen Lage beheben lassen. in 4. Erzeugerpreise und Preise für Produktionsmittel. Während die Preise für landwirtschaftliche Produkte durchweg einen geradezu bedenklichen Maße unter den Friedenspreisen lich teurer als im Frieden. Die Gründe hierfür sind zu suchen liegen, find die Produktionsmittel immer noch erheb= einerseits im allgemeinen Darniederliegen derjenigen Industrie= weige, welche landwirtschaftliche Produktionsmittel erzeugen, zum anderen aber in dem unerträglichen Druck, welcher infolge der Micum- Berträge auf den industriellen Urprodukten liegt. nach Bereinigung der außenpolitischen Atmo= phäre durch eine Einigung über das Sachverständigengu tad ten dürfte es möglich sein, der für die landwirtschaftlichen Produktionsmittel in Betracht kommenden Industrie die ausländischen Kredite zuzuführen, welche sie in die Lage seht, wieder zu leidlich nor malen Preisen zu produzieren. Er st Die Reichsregierung anerkennt die furchtbare Notlage der Landwirtschaft und ihrer Nebengewerbe und macht sich die in den perschiedenen landwirtschaftlichen Interpellationen zum Ausdrud getommene Auffassung über die Mißstände mit wenigen Einschränkungen zu eigen. Die Reichsregierung nimmt zu den einzelnen Haupt- Die Wünsche der Landwirtschaft auf Herabsetzung der Eisenbahnpunkten der vorliegenden Interpellationen folgende Stellung ein. 1. Kreditnot und Abhilfe. Die Reichsbank hat mit erheblichen Krediten den Frühjahrsbedarf der Landwirtschaft zu decken versucht. Sie hat dies in einem Umfange getan wie nie zuvor und wie es über den Rahmen eines Währungsinstituts wesentlich hinausgeht. Die Rückzahlung dieser in Wechselform gegebenen Kredite wird nicht mit der Promptheit möglich sein, die eine Währungsbank voraussetzen muß. Schon hieraus ergibt sich, daß die Reichsbant in der bisherigen Art der landwirtschaftlichen Kreditgebung nicht wesentlich weitergehen kann. Auch ist die Form des Wechselkredits für die Landwirt schaft grundsäglich bedenklich. Die Landwirtschaft bedarf des Real fredites. Die nächste Zukunft des landwirtschaftlichen Kredites umfaßt zwei Aufgaben: einmal die Bereitstellung dieses Realkredits zwecks Ablösung des bisher von der Reichsbank ge= gebenen Wechselkredits sowie zur weiteren Broduktionssteigerung Ser Landwirtschaft; zweitens als dringendste Aufgabe die Finanzie rung der unmittelbar bevorstehenden Erntearbeiten. Für die zu löfenden Finanzierungsaufgaben erstrebt die Reichsregierung die Nuhbarmachung der Rentenbank, die als Währungsbank nach dem Dawes- Gutachten zu bestehen aufhört, aber für den landwirtschaftlichen Kredit durch die vorhandene landwirtschaftliche Grundschuldbelastung nugbar gemacht werden kann. Die Besprechungen über diesen Gefehentwurf find noch im Gange. Darüber hinaus wird die Frage geprüft, inwieweit die Gelder öffentlicher Bersicherungsunternehmungen und Anstalten für die Anlage in landwirtschaftlichen Hypotheken herangezogen werden fönnen. Endlich hat auch die Reichsbank sich bereit erklärt, auch weiterhin die üblichen furzfristigen landwirtschaftlichen Waren= mechsel zu diskontieren, wie dies auch im Frieden ge= fchehen ist. 5. Tarifpolitik. gütertarife für landwirtschaftliche Produkte und landwirtschaftliche Produktionsmittel bilden den Gegenstand erneuter Beratungen zwischen den beteiligten Reichsrefforts. Diese Wünsche sind in letter Zeit besonders dringlich geworden im Hinblick auf die infolge der Auswinterungsschäden hervorgetretene a fute Notlage. Seitens der besonders geschädigten Gegenden werden Frachtermäßigungen für die Beförderung von Saatgut und fünftlichen Düngemisteln für die temmende Herbstbestellung gefordert. Ob und inwieweit diesen Wünschen seitens der Reichsverkehrsverwaltung Rechnung getragen werden fann, läßt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt der schwebenden Verhandlungen noch nicht übersehen. Indessen ist sich die Reichs= regierung darüber flar, daß auch diese Fragen geklärt werden müffen. 6. Weinbau. Bei der Zollbehandlung der aus dem Ausland in das besetzte Gebiet eingeführten Weine muß für das Vorgehen der Reichsregierung oberste Richtschnur der Grundfaß bleiben, daß das besetzte Gebiet, wenn auch die Ausübung der Zollhoheit noch augenblick ich dem Reiche entzogen ist, nicht 3ollausland ist, sondern nach wie vor einen Teil des deutschen Zollgebietes bildet. Ueber die Folgerungen, die sich aus diesem Grundsatze ergeben, wird zweckmäßig bei der Behandlung der verliegenden, die Notlage des Weinbaues betreffenden Interpellationen im Ausjóuß zu sprechen sein. Hier wird ein Borschlag unterbreitet werden, von dem anzunehmen ist, daß er geeignet ist, wenigstens den größten Misständen zb begegnen. 7. Ausfuhrerleichterungen. In der Erkenntnis, daß dem zurzeit in höchster Krise sich be findenden Nährstande, soweit es die mißlichen allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse überhaupt zulaffen, alle erdenkbaren Er leichterungen geschaffen werden müffen, hat fich die Reichsreglerung entschlossen, die Ausfuhr landwirtschaftlicher Pro. dufte bedeutend zu erleichtern. Sie ist sich allerdings darüber klar, daß infolge der mangelnden Nachfrage nach deutschen Landwirtschaftlichen Erzeugnissen im Auslande eine durchgrei fende wirtschaftliche Entspannung durch Ausfuhrerleichterungen allein nicht zu erhoffen ist. 8. Allgemeine Handels- und Wirtschaftspolitik. Die Reichsregierung ist sich darüber klar, daß die gegenwärtige zumeist weit unter dem Weltmarktniveau stehende Preisgestaltung für landwirtschaftliche Erzeugnisse mit einem völligen Ruin des deutschen Nährstandes enden muß, falls nicht alle Wege zur Abhilfe alsbald beschritten werden. Die Reichsregierung ist sich des Ernstes der Lage, besonders im Interesse der Verbraucherschaft voll bewußt. Die Aufrecht erhaltung einer intensiven Bewirtschaftung der deutschen Scholle ist das Kernstück der Ernährungsfrage des deutschen Boltes überhaupt. Der Landwirtschaft muß die Hoffnung auf einen ihre Eristenz gewährleistenden Ertrag der bevorstehenden Herbstbestellungsarbeiten schon jest gegeben werden. Die Reichsregierung hat deshalb befchloffen, alsbald die erforderlichen Gesehentwürfe den gefehgebenden Körperschaften zugehen zu lassen, die die Berhinde rung einer weiteren Ertensivierung der landwirtschaftlichen Wirtschaftsform sowie dem Schuh der heimischen Landwirtschaft überhaupt zu gewährleisten geeignet find. Die Reichsregierung ist sich darüber flar, daß eine gleichbleibenbe und durch Erschütterungen auf dem Weltmarkte möglichst unberührte Preisgestaltung für landwirtschaftliche Erzeugnisse nicht nur im Interesse der Landwirtschaft selbst, sondern ebenso im Interesse der Verbraucherschaft liegt. Eine solche gleichmäßige Breisgestaltung läßt sich aber nur burch eine Gefeßgebung gewährleisten, die die Preisunterschiede zwischen ausländischen und inländischen Produkten für den Fall des bald zu erwartenden Eintritts fefter Wirtschaftsgrenzen ausgleicht und auf einer für die heimische Produktion erträglichen Höhe hält. Damit durch eine folche produktionserhaltende Gesezgebung die heute noch schwer leidende Verbraucherschaft nicht geschädigt werde, wird eine Ent. spannung der Preisgestaltung auf anderer Seite beschafft werden, burch eine steuerliche Erleichterung auf dem Gebiete der Verbrauchsbelastung. Es wird die Aufgabe des Reichsrats und Reichstags fein, diese für den Bestand des deutschen Boltes ungemein wichtigen Brobleme baldigst durchzuarbeiten. Eine Reichsregierung, die nicht mit allem Ernste und ohne jeden weiteren Aufschub an die Lösung dieser Bebensfragen des deutschen Volles ginge, würde in unverantwort licher Weise die Augen verschließen vor der akuten Krise, in der sich der deutsche Nährstand befindet, sowie vor den unausbleiblichen Folgen hieraus für die deutsche Boltsernährung. Die Reichsregierung ist überzeugt davon, daß sämtliche Parteien des Reichstags in gemeinsamer Erkenntnis des Ernstes der Stunde unter Zurüdstellung aller politischen Gegenfäße an die Lösung dieser Lebensfrage für das deutsche Volk herangehen werden.( Lebh. Beifall.) Abg. Obendiet( Komm.) wirft den Großgrundbesitzern vor, fie praßten und schlemmten heute noch genau so wie früher. Sie nußen ihre Macht bis zum Lehten aus, aber genau so wird man einmal gegen sie vorgehen. Der Großgrundbefiz müsse ohne Entschädigung enteignet werden. Die verschiedenen Anträge werden an die zuständigen Ausschüsse verwiesen. Darauf wurde die Aussprache fortgelegt. Justizdebatte im Landtag. Der Landtag fette heute die allgemeine Aussprache zur zweiten Lesung des Justizhaushaltes fort. Abg. Eichhoff( D. Bp.) erflärt, feine Partei lehne die Amnestie anträge ab, denn das Vertrauen in die Strafrechtspflege werde durch die Amnestie nur erschüttert. Die fozialdemo fratische Kritik habe lediglich ein paar Ausnahmefälle vorbringen fönnen. Nach dem Abg. v. Wangenheim( Dtchhannov.) erhält das Wort Abg. Brüdner( Soz.): Wir müssen die Leute bedauern, die Richtern in die Hände fallen, die dem Freiherrn v. Wangenheim geistesverwandt sind. Man sagt uns, mir trügen hier nur Aus. nahmefälle vor. Ach nein, was wir hier vorbringen, find nur Bei piele, sie sind nicht das ganze Material, die ganze traurige Wirklichkeit. Wir stellen fest, daß man im Ministerium gewillt ist, berechtigten Wünschen entgegenzukommen, allein, das ändert nichts an der Tatsache, daß auch die preußische Justiz noch unendlich weit davon entfernt ist, auch nur einigermaßen den Forde rungen der Gerechtigkeit zu entsprechen. Auch Herr Obuch von den Kommunisten glaubte, eine Attade gegen uns reiten zu müffen. Herr Obuch wird wohl selbst nicht von uns erwarten, daß wir uns mit ihm beschäftigen, ein Mann, der noch ein paar Lage, bevor er zu einer neuen Partei übertritt, für seine alte Partei Programme entwirft, ist nicht ernst zu nehmen. Wir verlangen eine bessere Durchführung der Be. währungsfrist. Gefängnisse und Strafanstalten find über. füllt. Wo Verurteilte sich melden, ist fein Platz für sie vorhanden. Wenn die Rechte pharifäisch darüber jammert, daß die Kriminalität so start zunehme, so antworten wir mit einem Wort nur: Stahlbad". Während des Krieges feine Erzieher der Jugend und draußen im Feld fein Unterschied zwischen Mein und Dein. Wer wundert sich dann noch über die Folgen? Eben deshalb verlangen wir Gnade für die Opfer einer wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, an der diese Opfer am wenigsten schuld haben. Der Minister hat sich in einer Verordnung für das Begnadi. gungswesen ausgesprochen. Wir erwarten, daß der Minister sich folche Richter, die über das Begnadigungswesen so abfällig sprechen, etwas genauer ansieht. Der Strafvollzug muß humaner gestaltet werden. Es gilt die Menschen zu erziehen und nicht, sie zu vernichten. Der Strafvollzug fann einfach gar nicht human ausgeübt werden, weil die Gefängnisse überfüllt sind. Hier find allerdings dem Minifterium infolge der Finanzlage die Hände etwas gebunden. In Brunsbüttel befinden sich in der Strafanstalt 4500 Infaffen. Dort wird der Strafvollzug human vollzogen, dort ist der progressive Strafvollzug eingeführt. Je nach der Führung erfolgt Vergünstigung: das Recht, in der Belle die Bilder der Verwandten aufzuhängen, ein Kopffissen von zu Hause zu beziehen usw. Der Direktor der Anstalt erklärte, er habe mit diesem progreffioen Strafvollzug die besten Erfahrungen gemacht. Ganz Preußen sollte sich daran eln Bor. bild nehmen. Wir verlangen von dem Minister, daß endlich die den. Noch immer thront das„ Königlich" bei den Amtsgerichten, alten Hoheitszeichen bei den Justizbehörden verschwin. bei Kontursverwaltern, bei Kammergerichten. Es ist Zeit, daß mit diesem Unfug Schluß gemacht wird. Redner führt dann Beispiele dafür an, daß manche Richter gegen fintsgerichtete Angeklagte unverkennbar voreinge nommen find. Arbeiter werden wegen Beleidigung von Privatleuten zu 1500, 3000, 5000 m. Geldstrafe verurteilt, ein Beleidt. ger des Reichspräsidenten fommt mit 30 m. da. Don; diese Rechtspflege versteht das Bolt nicht, es sieht darin Klassenjustiz. Wegen Verweigerung von Pflichtarbeit ist in Botsdam von einem Einzelrichter auf einen Monat Gefäng nis erfannt worden, ein völlig unfaßbares Urteil. Die Amnestie muß auch diejenigen erfassen, die in der ärgsten Inflationszeit bei der Plünderung von Lebensmittelgeschäften betroffen und unterschiedlich, auch wenn sie nicht Gewalt angewandt hatten, wenn sie aus Not getrieben waren, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden sind; hier ist nicht nur Vernunft, hier ist auch das Recht Unsinn geworden. Die Not der Gerichtsaffefforen beamte sind auf Nebenverdienft als Mufiber angewiesen. Den Be amben sollte endlich die Genehmigung zum gewerbsmäßigen Musizieren generell untersagt, die bereits erteilte Gnenehmigung zurüdUbg. Dietrich- Baden( Dem.) bat, den Antrag seiner Partei zum Siedlungswesen dem Siedlungsausschuß zu überweisen. Die Notlage der Landwirtschaft stehe feft, wenn er auch dem vorgetragenen Zahlenmaterial und den angestellten Berechnungen wenig Bedeutung beimesse. Er forderte zunächst, daß der Weinbau durch Wieder. herstellung der 3ollgrenze geschützt werde, weil sonst dieser ärmste Teil der deutschen Landwirtschaft, der vor dem Kriege schwere Zeiten durchgemacht habe, völlig ins Elend gerate. Ferner sprach er fich aus gegen eine weitere Herabjegung des Tabat. zolls, den namentlich die badischen Pflanzer nicht entbehren fönnen. Die von dem Reichsernährungsminister bargelegten Gründe für die Spannung zwischen Erzeugerpreis und Konfuschreit zum Himmel, 1400 find ohne jedes Einkommen. Viele Justiz mentenpreis erachtete er nicht für ausreichend. Diese Span nung aber sei es gewesen, die die Bauern noch mehr erbost habe als die niedrigen Preise, die fie für ihre Produkte bekommen. Einfachheit in den Steuergesehen, richtige Veranlagung und Herab. fegung auf ein tragbares Maß seien unbedingte Forderungen. Die drohende Extensivierung der Landwirtschaft sei durch Berbilli. gung der Düngemittel zu befämpfen. Im übrigen sei die Agrarfrise eine internationale Agrarfrise. Staatssekretär im Reichsministerium des Innern Weigert teilt mit, daß der Landwirtschaftsverband für Ostpreußen wegen eines vom Abg. Schmidt- Köpenick erwähnten Falles seine Mitglieder be. reits angewiefen habe, ihren Arbeitern auch während eines Streifs das Futter für das Bich der Arbeiter zu geben. Die Technische Nothilfe mache feinen Unterschied zwischen dem Bieh der Arbeitnehmer und dem der Arbeitgeber. Abg. Lang( Bayer. Bp.): Es war fast ein Unglüd für die Landwirtschaft, daß der Landwirtschaftsminister in der Inflationszeit auch Ernährungsminister war. Die Opfer der Inflation hätten von allen Kreisen der Bevölkerung in gleichem Maße getragen werden müssen. Wir verlangen, daß die Rentenbank Darlehen an die landwirtschaftlichen Genossenschaften zu billigem Binsfag gibt. Wir müssen aber auch wieder langfristige Hypothefentrebite betommen. Ein Zuschlag von 5 Broz. für geftundete Steuern ist der neue Wucher, er macht im Jahre 120 Broz. aus. Noch mehr als beim Getreidebau gilt es beim Weinbau, da das Jahr nur eine Ernte hat. Der Weinbauer muß also Kredite haben, um seinen Betrieb aufrechtzuerhalten.( Beifall.) Abg. Dr. Bayersdorffer( Bayer. Bp.) schildert die Notlage des Beinbaues in der Pfalz. Reichsernährungsminister Graf Kanik stellt fest, daß er mit den hm zur Verfügung gestellten 20 Millionen Auswinterungstrebite zunächst nur die bis zum Mai angemeldeten Ansprüche befriedigen fonnte. Er hoffe, die später eingegangenen aber auch noch berücksichtigen zu können. Abg. Bachmeier( Bayer. Bbd.) begrüßt es, daß die Erkenntnis der Notlage der Landwirtschaft erfreulicherweise bei allen Parteien durchdringe. Abg. Kunze( Dtsch. Soz.) bekämpft den Zinswucher. Abg. Freiherr v. Richthofen( Dnatl.) hält die Regierungs. erklärung für nicht ausreichend. Abg. Schmidt- Cöpenick( Soz.) zieht sich einen Ordnungsruf zu, indem er erklärt, der Abg. Kunze bewege fich wohl im allgemeinen unter Zuhältern, da er gesagt hätte, die Sozialisten seien in den letzten Jahren die Zuhälter der Regierung gewesen. Abg. Kunze( Dtschfoz.) bekämpft den Zinswucher. Ordnungsruf. genommen werden. Abg. Dr. Kaufmann( Dnat.) feßt sich zunächst persönlich mit dem Abg. Kuttner auseinander hinsichtlich der Vorwurfs, daß die Anhänger des alten Regimes wären und wendet sich dann dem Justizhaushalt zu. Was Herr am 9. November 1918 vor Angst ins Maufeloch gefrochen Obuch im Ausschuß vorgebracht hat, entspricht dem alten Spruch; es treißen die Berge und ein Mäuslein wird geboren. Er hat uns Buchenwahrheiten vorgetragen und uns durch die Langfamfeit feines Vortrages ermüdet. Neu war höchstens das Verlangen, daß Preußen ein in Ireght statuieren solle. Das war alles. Gestern aber trat Herr Obuch hierher und verlangte im Namen der Menschlichkeit Amnestie für alle Mörder und Verbrecher.( Andauernder Sturm der Unterbrechung bei den Kommunisten, der den Redner längere Zeit hindert, fortzufahren. Erst allmählich, nachdem Bizepräsident Garnich unausgefeht die Glode geschwungen, tritt wieder etwas Ruhe ein.) Das ist der Höhepunkt der politischen Heuchelei.( Erneuter Sturm. Vizepräsident Garnich ersucht auch den Redner, sich zu mäßigen.) Die Vorwürfe gegen die Klassenjustiz find haltlos. Man hat ungemein übertrieben und Einzelfälle verallgemeinert.( Andauernde Zurufe von den Kommunisten: Vier Jahre Mord!) Provokationen werden den Rechtsradikalen zum Vorwurf gemacht. Auch das Tragen einer roten Fahne ist eine Provokation. Denfen Sie an die Funde von Sprengstoffen! Das ärgste ist von der äußersten Linken an Verhehung geleistet worden. Die Einzelfälle von antisemitischen Erzeffen verurteile auch ich. In der Grenadierstraße finden sich die echten Bolfsblutaussauger!( Abermaliger tofender Lärm bei den Komm., Rufe: Unverschämter Bursche! Der Lärm dauert an und steigert sich noch, als der Redner auf die jüdischen Namen eingeht. Vizepräsident Garnich: So fommen wir nicht weiter! wieder verständlich machen.) Die Ausführungen der Linken stellten Langsam beruhigt sich die Aufregung und der Redner fann sich es so dar, als ob die heutige Rechtsprechung feinen Schuß Pulver wert ist. Die Verquidung von Politik und Justiz ist verwerflich. Gerade aus diesem Grunde ist die Existenz eines republikanischen Richterbundes ein Unding und ein Widerspruch in fich. Abg. Meyer- Herford( D. Vp.) fordert Tüchtigteit als Maßftab für die Auswahl der Richter. Sparsamteit wollen wir, dulden aber nicht einen Eingriff in die Unabhängigkeit. Die Befoldung muß entsprechend sein. Die legte Besoldungsregelung hat ja die Lage etwas gebeffert. Unerträglich sind die Verhältniffe he. fonders auch bei den Justizsekretären, Gerichtsvollziehern usw. Die Stellen derjenigen Strafanstaltshauptwachtmeister, welche besonders wichtige Funktionen ausüben, sind in die Gruppe 6 überzuführen. Biele Wünsche auf Aenderung der Amtsbezeichnungen fönnen wir unterſtützen. Abg. Menzel- Halle( Komm.) fordert, daß von dem Be. Abg. Weidenhöfer( Natsoz.) spricht seine Unzufriedenheit mit gnabigungsrecht umfangreich Gebrauch gemacht werde. Es der Regierungserklärung aus. Damit schließt die Aussprache. Bei der Festsetzung der Tagesordnung stellt sich die Beschlußunfähigkeit des Hauses heraus. Bizepräsident Dr. Rießer beruft die nächste Sigung ein für heute Sonnabend 10 Uhr vormittags. Interpellationen und Anträge über die Not der Ausgewiesenen aus dem besetzten Bebiet und über die Aufwertungsfrage. Schluß 9% Uhr, fein Bertrauen entgegenbringen. In Fuhrbüttel weht ein gang anderer Geist; dort sucht man den Gefangenen auch menschlich näher zu kommen. In den preußischen Strafanstalten aber werden die Insassen durch die Behandlung nicht nur förperlich, sondern auch seelisch vernichtet. Nur der Sieg des Kommunismus tann uns vorwärts bringen. Abg. Kutiner( S03.) erwidert dem Abg. Dr. Kaufmann, daß er( Redner) in den erwähnten Fällen nicht Mangel an Mut be wiesen, sondern sein Leben in die Schanze geschlagen habe.( Großer Lärm b. d. Komm.) Der Fall sei ja Gegenstand gerichtlicher Entscheidung gewesen.( Die Kommunisten lärmen weiter.) Das Ge richt habe festgestellt, daß Kuttner im Falle äußerster Notwehr ge= handelt habe; der von ihm Erschossene habe eine zahlreiche Menge in seiner nächsten Umgebung mit Handgranaten bedroht.( Der Lärm gegen den Redner steigert sich immer mehr; Bizepräsident Dr. Porsch droht schärfftes Einschreiten an. Die Kommunisten und Sozialdemokraten geraten in heftige Erregung gegeneinander. Die Auseinandersehung nimmt, als der Redner die Tribüne verlassen hat, zwischen den Mitgliedern beider Fraktionen der Linken immer erregtere Formen an und artet schließlich in so betäubenden Lärm aus, daß Bizepräsident Dr. Borsch dem Haufe die Ver. tagung auf morgen, 11 Uhr, vorschlägt, die dann um 4 1hr erfolgt. Groß- Berliner Parteinachrichten. 14. Kreis Neukölln. Heute abend 7 Uhr im großen Gaal des Rarlsgartens Elternabend der Arbeiterjugend. Alle Genossen und Genoffinnen find eingeladen. Eintritt 15 Pf. Morgen, Sonntag, den 29. Juli: 3. Abt. Familienausflug mit Frauen und Kindern nach Treptow. Treffpunkt frith 8 Uhr Raiser- Franz- Grenadier- Blag. Abmarsch Puntt 9 Uhr nach dem Spielplag. Dortselbst Unterhaltungsspiele. Ab 1 Uhr Raffeekochen im Kleinen Eierhäuschen beim Genoffen Rubat. Treffpunkt für Nachzügler Aleines Eierhäuschen bzw. Spielwiese dortselbst. Rüdmarsch abends 7 Uhr. 101. Abt. Treptow. Treffahrt nach Ravensteiner Mühle, Hirschgarten, dort Spiele im Wald, Raffeekochen usw. Alle Genossen und die Jugend fomie die Genoffen aus Baumschulenweg find eingeladen. Die Arbeitsgemein fchaft der Rinderfreunde trifft fich 7½ Uhr morgens Bhf. Treptow. Bor mitbags Baden im Müggelfee; nachmittags Treffen in Hirschgarten. Frauenveranstaltungen am Sonntag, den 29. Juni: 41. und 42. Abt. Ausflug nach Sadowa- Pferdebucht. Treffpunkt vormittags 9 Uhr Schles. Bhf., Haltestelle der Straßenbahnlinie 82. 104. Abt. Ricberschöneweide. Familienausflug nach der Rönigsheide. Treff punkt 2 Uhr an der Bahnüberführung nach Johannisthal. tommen. E Gäste will 56. Abt. Charlottenburg. Frauengruppe: Die Frauenverfammlung für Juni fällt aus. Jugendveranstaltungen. Anmeldungen zum Ferienaufenthalt im Landheim in Brandenburg werden im Jugendfekretariat, Lindenstr. 3, 2. Sof, 2 Tr., 8immer 11, ab 15. Juli entgegengenommen. Abt. Tempelhof: Abends 7 Uhr in der Aula der 1. Gemeindeschule, Tempelhof, Manteuffelstraße, 5. Stiftungsfeft. Gefang, Mufit, Rezita tionen, Bollstänge und Aufführung eines Jugendspiels. Eintritt 20 Pf. Berbebezirk Teltowkanal: Die Abteilungen beteiligen fich an der Jugendfeeir in Tempelhof. Rosenthaler Borstadt: Abendspaziergang nach Grunewald. Treffpunkt 5 Uhr Bhf. Börse. Reukölln V: Heute abend Westen: Nachtfahrt nach Wünsdorf. 7 Uhr Elternabend im Rarlsgarten, großer Gaal. Baumschulenweg: Jugendheim Ernststr. 16, Arbeitsgemeinschaft. Arbeitersport. Touristenverein ,, Die Raturfreunde", Abt. Rosenthaler Borstadt. Dienstag, ben 1. Juli, abends 48 Uhr, im Landsgemeindehaus, Gophienftr. 23, Bortrag der Genoffin Senny Schumacher: Die moderne Schule". Gäfte herzlich willkommen. Arbeiter- Radfahrer- Bund, Solidarität", Ortsgruppe Berlin. Touren für Sonntag, ben 29. Juni. 1. bt.: 6 und 12 Uhr Rangsdorf. Start Billowstr. 55. 2. bt.: 5 Uhr Bögsee. Start Dieffenbachstr. 36. 3. Abt.: 5 Uhr Babetour Liebenberger Mühle. Start Laufiger Plaz. 4. Abt.: Bernsdorf. Start 6 Uhr Weberwiefe. 5. bt.: Gamengrund- Tiefensee. Start 5 Uhr Sandsberger Blag. 12 Uhr Radebrüd. 6. Abt.: 28. Juni: Abends 6 Uhr Baruth ( Glashütte); 29. Juni: 6 Uhr Rangsdorf. Starts Ropenhagener Str. 26. 7. bt.: 28.: 5 Uhr Zeupis zur Sonnenwende der Naturfreunde; 29.: 1 Uhr Tegelort( Seideschlößchen). Starts Rolonieftr. 147. 10. Abt.: 28.: Nachttour Wudenfee, nachmittags 5 Uhr; 29.: früh 4 Uhr Wudensee; 1 Uhr Ahrensfelde ( Schneider). Stort Comeniusplak. 12. Abt.( Motorradfahrer): Babefour noc Sante. Start 7 Uhr Prenzlauer Allee, Ede Seinersdorfer Straße. Ortsgruppe Neukölln: Lichtenrade. Start 7 Uhr Sergbergplay. Ortsgruppe Charlotten burg: Lichtenrade( Pflichttour). Start 8 Uhr Galvaniftr. 13. Ortsgruppe Wilmersdorf: Familientour Saatwinkel. Start 12 Uhr Wilhelmsaue( Denk mal). Drisgruppe Steglig: Geddiner Gee. Start am Rugeplag 5 Uhr früh. Ortsgruppe Tegel: Liepnisfee. Start 7 Uhr Schlieperstr. 64. Ortsgruppe Achtung, 2. Bezirk! Sonntag vorSpandau: Badetour, Riel 1 Uhr am Start. mittag 10 Uhr 1. Unterbezirk in Bichtenrade Versammlung bei Stiehler, Dorfftraße; 3. Unterbezirk in Wernsdorf im Lokal Korthe. Alle Ortsgruppen müffen vertreten fein. Gonnabend, den 12. und 13. Juli, Bezirksfest in Groß- Röris. Ortsgruppe Berlin: Sonnabend, den 5., und Sonntag, den 6. Juli, Sonnen. wendfeier am Totnigsee in Rörbiskrug. Per Bahn bis Königswusterhausen. Vorträge. Vereine und Versammlungen. Freireligiöse Gemeinbe. 15, trag bes herrn A. Crifpien:„ Bom Urtommunismus, sur Klaſſengeſelſchaft. Gäste wintommen. Während der großen Schulferien keine Vorträge. Deutscher Arbeiter- Sängerbund, Gau Berlin u. Umg. 2. Bezirt: Am Sonntag, den 29. Junt, vormittags 10 Uhr, findet im Seepavillon in Tegel eine Gängermorgensprache ftatt. Es wirken 5 Männerchöre, 3 Gemischte Chöre und 1 Frauenchor mit. Eintritt ist frei. Freunde des Gefanges find willkommen. Die Ortsgruppe Berlin- Dften der Bereinigten Berbände heimattreuer Oberfchlefier veranstaltet am Sonntag, den 29. Juni, unter Mitwirkung des SBD.Männergesangvereins Friedrichshain im alten Steuerhaus, Landsberger Allee, ein Gartenfest. Um regen 8uspruch wird gebeten. Berliner Wohlfahrtsvereinigung. Am Montag, den 30. Juni, nachmittags 5 Uhr, findet im Berliner Rathause, Bimmer 109, Eingang Jüdenstraße, eine Bersammlung mit folgender Tagesordnung flatt: Die Altoholfrage in unferer Reit. Referenten: Fräulein Dr. Alice Salomon: ,, Bersönliche Einbrüde und Erlebnisse in Amerika". Herr Professor Dr. Gonser: Bas tut in Deutschland not?" für die Aussprache sind vorgemerkt: Herr andere. Gäste willkommen. Pfarrer von it. Herr Nabbiner D. We ŋI, Fräulein Bleding und Geschäftliche Mitteilungen. Mit unserem diesjährigen Saison- Ausverkauf bieten wir allen Interessenten die denkbar günstigste Einkaufsgelegenheit. 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