Abendausgabe Str. 335 41. Jahrgang Ausgabe B Nr. 168 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreffe sind in der Morgenausgabe angegeben Rebaffion: SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-295 Tel.- Adresse: Sozialdemokrat Berlin Vorwärts Berliner Dolksblatt 5 Goldpfennig 50 Milliarden Freitag 18. Juli 1924 Berlag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin S. 68, Lindenstraße 3 Fernfprecher: Dönhoff 2506-2507 Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands Amerikas Bedingungen. Erklärung des Sachverständigen Owen Young. Paris, 18. Juli( Eca.) Der Mitarbeiter des„ Matin", Sauerwein, hatte eine Unterhaltung mit dem amerikanischen Vertreter Owen Young. Dieser erklärte: Damit ein amerikanischer Bürger fich bereit erflärt, einen Teil seiner Ersparnisse in der 800- Millionen Anleihe anzulegen, find nach meiner Meinung notwendig: drei Borausfehungen | im Dawes- Bericht gefordert werde, zu gelangen. Die Alliierten geben auch zu, daß die voraussichtlichen Darlehnsgeber das Recht hätten, Garantien zu fordern, damit das Haus, in dem sie ihr Geld aniegen, nicht zerstört werde. Sanktionsbesprechung beim Frühstück. London, 18. Juli.( WTB.) Der diplomatische Korrespondent 1. Einigung mit Deutschland. Man verleiht fein des" Daily Telegraph" schreibt: Wenn auch gestern feine PlenarGeld, wenn nur die Gewalt dieje Anleihe garantiert. Damit einigung der Konferenz stattfand, hat Bremierminister Macdonald Land wie Deutschland seinen Verpflichtungen gegenüber den Dar- doch bei dem von ihm gegebenen Frühstück mit Herriot und Theunis u. a. die Fragen eines deutschen Verzuges und lehnsgebern nachkomme, ist es notwendig, daß es den Kontrakt ander dann zu treffenden Sanktionen offen erörtert. genommen hat. 2. Ist es notwendig, daß man die Sicherheit hat, daß die allgemeine Wirtschaft des Landes, das die Anleihe aufnimmt, nicht durch unvorhergesehene oder ungerechtfertigte äußere 3nterventionen gestört werde. Man bedarf einer Garantie für die Ruhe. 3. Ist es notwendig, daß in keinem Falle die Einkünfte, die zur Zins- und Amorfisierungszahlung der Anleihe bestimmt sind, ihrer Bestimmung durch Beschlagnahme durch eine fremde Macht entzogen werden können. Praktisch gesehen scheint die Zuziehung eines amerikanischen Mitgliedes in die Reparationstommission notwendig, um eine etwaige Nichterfüllung Deutschlands festzustellen. Die Gewährung von Darlehen habe nur wert, wenn Santtionen im gemeinsamen Intereffe der Gläubiger ergriffen würden. Außerdem sei es notwendig, daß die Alliierten, bevor sie auseinangergingen, in ihre Protokolle das Versprechen aufnahmen, daß selbst bei gemeinsamen und berechtigten Santfionen die Pfänder der Anleihe respektiert werden sollten. Unter diesen Bedingungen und ohne daß ich im Namen der Banfleute spreche, bin ich der Ansicht, daß hierdurch große Fortschritte gemacht werden würden, um den Zeichnern entgegenzukommen. Paris, 18. Jufi.( WTB.) Ein französisch- belgischer Plan zur Wiederherstellung der deutschen Wirtschaftseinheit wird heute dem zweiten Konferenzausschuß vorgelegt werden. Dieser Plan fieht nach dem„ Echo de Paris" sehr zahlreiche und ziemlich lange Etappen vor. Die Belgier schlagen vor, daß die Entscheidung der Reparationskommission hinsichtlich der Blacierung der Anleihe abgeändert werde. Nach ihrer Ansicht müßte es genügen, wenn die englischen, amerikanischen und auch andere Bantiers die Verpflichtung übernähmen, die Anleihe unterzubringen. Eine Kompromifformel Amerikas in der Sanktionsfrage? Paris, 18. Juli.( TU.) Der Matin" erfährt aus London, daß der amerikanische Delegierte Oberst Logan eine Kompro= mißformel in der Frage der Berfehlungen und Santtinen gefunden habe, die vom französischen Standpunkt aus als annehmbar angesehen werde. Vermehrte Erfolgsaussichten. Condon, 18. Juli.( WTB.) Der diplomatische Korrespondent des Daily Chronicle" glaubt, daß sich die Aussichten auf eine Auf die Frage Sauerweins, ob es wahr sei, daß die Sachvers erfolgreiche Beendigung der Konferenz gestern beträchtlich ver. mehrt hätten. Nich ein einziger der Delegierten teile den Beffis, mismus, den gewiffe auf Sensationen bedachte Pariser Blätter zur Schau trugen. ständigen die Transferierung bedeutender Geldsummen für unmöglich hielten, antwortete Young: Niemand fann hierüber etwas sagen! ( No living man can tell.) Es ist dies ein Problem, das nur die Erfahrung lösen kann. Vom ersten Tage an hat sich unserem Abgeordneten im Sachverständigenausschuß die Bedeutung dieser Frage aufgedrängt. Vielleicht fönnte in einer normalen Währungslage die Transferierung durchgeführt werden. Jedenfalls wird Frankreich mit ein wenig Erfindungsgabe und Talent sicherlich das Mittel finden, die Guthaben, die es in Deutschland an Goldmark auf Grund ber Reparationszahlungen befigt, auszunuzen. Wenn z. B. große Barzahlungen auf Grund der Währungsturse unmöglich seien, fo würde Frankreich doch vielleicht ein gutes Geschäft machen können, indem es in Deutschland mit den Markbeständen, die es befizt, bie notwendigen Maschinen zur Elektrifizierung des Rhonetales fauft. Diese Arbeiten würden dem französischen Staat nichts fosten und er fönnte hieraus Gewinne in Franten ziehen durch Bildung von Aktiengesellschaften. Es heißt, daß die Belgier dieses Zahlungsmittel fehr gut zu gebrauchen verstehen würden, und daß sie sich im Falle, daß es ihnen unmöglich wäre, Bargeld zu erhalten, durchaus bereit erklären würden, Eisenbahn. material zum Bau neuer Linien im Konto abzunehmen. Wir haben niemals den Gedanken gehabt, Frankreich die Mittel zu nehmen, seine Rechte und Sicherheiten zu wahren; das Reparationsproblem fann technisch gelöst werden, ohne die Interessen Frant reichs zu schädigen. Aber wenn es hier nicht gelöst wird, wenn diese Konferenz sich in Formeln und Mißverständnissen hinzieht, dann steht Europa einer drohenden Katastrophe gegenüber. Mart und Franten und auch die übrigen europäischen Währungen, bis zu einem gewissen Grade auch das Pfund Sterling, würden unter einer sehr ernsten Entwertung leiden. Deshalb muß man zu einem Resultat tommen, und zwar hier. Ich bin in dessen optimistisch bezüglich der Resultate der Konferenz, benn man findet bei allem den Beweis eines ernsten Willens, die Probleme zu lösen. Ich fann nicht glauben, daß die ausgezeichnete Stimmung und die ernsthaften Absichten Der Delegationen im Verlaufe einer Konferenz von dieser Bedeutung durch Mißverständnisse zunichte gemacht werden könnten. Die Liquidierung der Ruhrbesehung offen erörtert. London, 18. Juli.( WTB.) Die für gestern angesetzte Sigung des zweiten Konferenzausschusses, in der das sogenannte SeydourMemorandum über die wirtschaftliche Räumung des Ruhrgebiets erörtert werden sollte, wurde, wie bereits gemeldet, auf heute verschoben, einmal wegen der Notwendigkeit, den Mitgliedern diefer Kommiffion, die gleichzeitig der ersten oder dritten angehören, zu ermöglichen, an den Eizungen der letzteren teilzunehmen, in der Hauptsache aber weil die zu behandelnde Frage zwischen den franzöfischen und belgischen Wirtschafts- und Militärfachverständigen noch weiter erörtert werden sollte. Auch Sire Eyre Crowe hatte mit Seydour ebenfalls eine Besprechung. Der wichtigste Streit. puntt ift, fagt der diplomatische Berichterstater des Daily Tele graph" hierzu, daß die Engländer ein Datum- womöglich den 15. Auguft für die Infraftsetzung des Dawes- Berichtes feftsetzen, während die Franzosen in Etappen vorgehen und sich nicht an beftimmte Zeifen, sondern an bestimmte Ereignisse binden wollen. Im übrigen ist aber das Verlangen nach Liquidierung" des Ruhrunternehmens jetzt offen zur Erörterung zugelaffen worden. Man fritt dafür ein, daß es Zeit sei, von einem Kriegszustand, wie ihn die Ruhrbefehung tatsächlich bedeute, zu dem Friedenszuftand, wie er Die Dominions zn den Plenarsizungen zugelassen. Condon, 18. Juli.( WTB.) Reuter zufolge ist eine Regelung getroffen worden, nach der bei den folgenden Plenarsigungen der Konferenz die Vertreter der Dominions anwesend sein werden. Man nimmt an, daß die Konferenz nicht länger als zehn Tage dauern wird. Die Münchener Infanterieschule. München, 18. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Die Infanterieschule in München, deren Zöglinge sich bekanntlich aktiv am Hitlerputsch beteiligt haben, ist nunmehr endgültig von München nach Dresben verlegt worden. Dies erfährt man aus einer Antwort der bayerischen Regierung auf eine furze Anfrage im Bandtag. Diese Antwort befagt, daß das Reichskabinett feinen Beschluß über die Verlegung der Schule bereits am 5. Juni gefaßt hat, die bayerische Regierung aber erst auf schriftliche Vorstellung am 18. Juni vom Chef des Reichsheeres bavon unterrichtet worden ist. Da die früheren in dieser Angelegenheit vorgebrachten Wünsche Bayerns in Berlin nicht berücksichtigt wurden, hat die bayerische Bertretung im Reichsrat den Auftrag erhalten, gegen die Bewilligung der finanziellen Mittel zu stimmen, die für die Verlegung der Infanterieschule erst noch genehmigt werden müssen. Landesverrat. " Der von der französischen Besatzungsbehörde des Ruhrgebietes in Düsseldorf herausgegebene Nachrichten dienst" nimmt in seiner legten Nummer Stellung zu einem Gerichtsurteil, das„ Der Stahlhelm", das Organ des rechtsradikalen Bundes der Frontsoldaten", Anfang Juni veröffentlicht hatte. Aus diesem Urteil, das " Der Stahlhelm" aller Welt zugänglich machen zu müssen glaubte, fonnte jeder entnehmen, daß zwischen der Reichswehr und dem Jung deutschen Orden" enge Beziehungen bestehen bzw. be: standen haben. Davon nimmt der französische Pressedienst denn auch mit großem Schmunzeln Kenntnis: Man muß dem deutschen Amtsgericht Dant wissen, daß es durch sein Urteil bestätigt hat, 1. die Tatsache, daß im Oftober 1923 an Mitglieder des Jungdeutschen Ordens Gestellungsbefehle verschickt wurden; 2. daß die Gestellungsbefehle nicht von der Reichswehr, sondern von der schwarzen Reichswehr aus gegangen sind und 3. daß die Reichswehr die von der schwarzen Reichswehr mobilisierten jungen Leute in ihre eigenen Formatio: nen eingereiht hat, obwohl nach den Bestimmungen des Versailler Bertrages nur solche Leute in die Reichswehr aufgenommen werden dürfen, die sich auf die Dauer von zwölf Jahren verpflichten. Damit wird zugleich bestätigt, was in der französischen Breffe in den letzten Tagen über militärische Vorbereitungen Deutschlands geschrieben wurde und was von der deutschen Preffe als Heh- und Lügenpropaganda" bezeichnet wurde." Hungernde als Almosenspender. Bon Paul Nathan. Daß Hungernde Almosen empfänger sind, gehört zu den Alltäglichkeiten in unserem, dem Jedeal so fernen sozialen Leben. Daß Hungernde Almosenspender sind, ist nicht ein Druckfehler; es ist das letzte Ziel des Herrn Ministers K ani, und es war immer das Heilmittel, das die agrarisch- reaktionären Kreise empfahlen und forderten, wenn sie ihre Einnahmen aus landwirtschaftlichen Betrieben erhöhen wollten. Solche Erhöhung lag ihnen erklärlicherweise immer am Herzen; das ist menschlich begreiflich in der heutigen Welt. In diesem Augenblick um so begreiflicher, da der Betrieb der Landwirtschaft zurzeit von einer Krisis ernst bedrückt ist. Das muß zugegeben werden. Es fragt sich nur, welcher Art ist das Heilmittel? Minister Kanitz schlägt bekanntlich ein Mittel vor, das auf Originalität feinen Anspruch macht, sondern seit dem denkwürdigen Jahr 1878 in Deutschland stets und ständig in Anwendung gebracht worden ist; das als Universalmittel des Agrariertums bezeichnet werden kann. Da Deutschland auf die Zufuhr ausländischen Getreides angewiesen ist, so erhöhen wir die Ge= treidezölle, und der Preis des inländischen Ge= treides wird alsdann steigen auf den Preis des ausländischen Getreides zuzüglich Zoll und Transportkosten und weiteren Spesen. Das ist ein voltswirtschaftlicher Vorgang, der sich mit der Selbstverständlichkeit eines Naturgesezes abspielt, und der von den Agrariern mit der Selbstverständlichfeit des politischen Selbsterhaltungstriebes zu verschleiern versucht wird. Getreide ist ein Welthandelsartikel; es hat einen Welthandelspreis, und wenn ein Volk sich durch Getreidezölle absperrt, so fließt ihm Getreide nur zu, wenn es sich dem Welthandelspreis unterwirft und die Kosten für den Import in fein Land, also auch die Zollgebühren selbst trägt. Dieser Vorgang tannn durch Zwischenwirkungen verdunkelt sein; vorhanden ist er, wie das Gefeß der Schwere, von dem es auf. dieser Erde Ausnahmen nicht gibt. Die Dieses Gesetz der nationalökonomischen Schwere interpretiert Minister Kanik natürlich auf seine Weise, und er behauptet nicht weniger, als daß es möglich ist, den Agrariern mehr Geld für ihr Getreide zuzuführen, ohne dieses Geld doch im wesentlichen aus deutschen Taschen zu nehmen. Amerikaner, und wer sonst uns Getreide liefern wird, werden nämlich die Güte haben, den deutschen Agrariern ein Geschenk in ihrer bekannten ausländischen Freigebigkeit zu übermitteln; so beschaffen sind einmal die Agrarier- jenseits der Grenze. Alle diese Behauptungen find in Deutschland seit länger als pierzig Jahren aufgestellt, widerlegt und wieder aufgestellt worden; fie sind so langlebig wie die widerstandsfähigsten Krankheitserreger. Sozialpolitisch am wichtigsten ist die Frage: Sind Getreidezölle nun tatsächlich ein Heilmittel für die Schmerzen der Agrarier, und welche deutsche Bevölkerungsschicht hat vor allem die Kosten für die Be schaffung dieses Heilmittels zu tragen? Fragen, die gleichfalls längst und endgültig gelöst sind. Für den Augenblid bringen Getreidezölle unter Umständen den Agrariern eine Erleichterung; aber doch nur für eine begrenzte Beit. Ergibt sich nämlich, was angestrebt wird, daß durch die Getreidezölle der Verkaufspreis für deutsches Getreide sich erhöht, so steigen damit gewiß die Einnahmen der Getreideproduzenten, aber es steigen zugleich die Güterpreise; denn der Preis für Grund und Boden ist abhängig von dem Ertrag, der aus ihm herausgewirtschaftet werden kann. Ist dieser Ertrag fünstlich durch Zölle hinaufgeschraubt, so werden auch die Güterpreise hinaufgeschraubt, und sobald dann durch Erbgang oder durch Verkauf das Land verteuert in neue Hände übergeht, ist der neue Besitzer des verteuerten Landes in einer ähnlichen Notlage wie fein Vorgänger vor Einführung der Zölle. Der hohe Preis für das Land macht den Nugen des Getreidezolles illusorisch, und daher die Erscheinung, daß jeder derartige 3oll immer nur eine zeitlich begrenzte Wirkung ausüben kann, und daß jeder Getreidezolĺ naturnotwendig dazu führt, in gegebener Zeit den Schrei nach höheren Getreidezöllen auszulösen. Auf diese gefährliche abschüssige Bahn führt die Kanißsche Vorlage. Aber nicht einmal der Gesamtheit der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung kommen die Getreidezölle zugute. Gie tönnen natürlich nur jenen zugute kommen, die Ge= treide zu verkaufen in der Lage find. Messen Landbefit so flein ist, daß er zu seinem Unterhalt Getreide oder Mehl kaufen muß zur Brotbereitung, der ist so übel dran, wie die städtische Bevölkerung; wer als Ackerbauer nur soviel erntet, wie er selbst für seinen Unterhalt braucht, der hat von den Getreidezöllen feinen Nugen, und nur den größeren Besizern und in steigendem Maße den Großgrundbesigern bringen die Getreidezölle für die Gegenwart Nußen. Sozialpolitisch sind also Ge treidezölle eine Veranstaltung, die das ländliche Pro Wir selbst sind jetzt nur darauf gespannt, wo und wann fich letariat belasten, die dem ländlichen kleinen Mittelstand der Staatsanwalt findet, der nun auch in diesem Falle das in nichts nügen und die steigend jenen Agrariern den größten letzter Zeit so beliebt gewordene Verfahren wegen Landesverrat Gewinn bringen, die über den größten Besitz an Getreideboden einleitet. Denn hier handelt es sich um eine Veröffentlichung, die verfügen; mithin eine Wirtschaftspolitik zur Bereicherung der wirklich alle Merkmale jenes tonstruierten mili- Wohlhabenden, der Reichen und Reichsten. Für eine demotärischen Landesverrates trägt, wie wir ihn in den fratische Republik mit ausgedehntestem Wahlrecht eine sinnige Anklagen gegen linksstehende Bresseorgane in jüngster Zeit erlebt Politik! haben. Oder sollten doch nur lints stehende Journalisten des Landesverrats fähig fein? Und endlich: aus welchen Quellen fließt die Bereicherung jener Land befigenben Klaffen? Wer zahlt die Zeche, um jenem Kreise von GetreÄe proiwKerendeu Grundbesitzern das Leben zu erleichtern? Brot ißt alle Welt: der Reiche wie der Wohlhabende, wie der Arme und Aermste; freilich mit einem Unterschiede. Wem es feine Mittel erlauben, der ißt eine Speisekarte von vielen Gängen herunter, und das Brot spielt in seiner Ernährung nur eine ganz untergeordnete, so etwa die aller- letzte Rolle: und wem es seine Mittel nicht erlauben, dessen Speisenfolge besteht aus Brot und nochmals aus Brot, und oftmals aus trockenem Brot, und daraus ergibt sich, daß die Wohlhabenden und die Reichen für die Not der agrarischen Getreideproduzenten in kleinem, in recht geringem Umfange spenden und daß die weniger Bemittelten und die Aermsten zum besten der Getreide verkaufenden Landbesitzer die größten Opfer zu bringen haben; also eine Politik, von der man mit vollem Recht behaupten kann, daß sie die Aermsten zwingt, die Getreide Verkaufenden mit Almosen, die durch das Gesetz und durch den Hunger der Aermsten fixiert sind, zu unter- stützen. In einer modernen Demokratie eine erstaunliche Politik! Können eine solche Politik die demokratischen Elemente des Zentrums und die Demokraten mitmachen, die ihre wirt- fchastlichen Anschauungen auf Bamberger, auf Barth, auf Broemel. auf fforckenbeck zurückführen, der in der Aera der Bismarckschen Getreidezölle in dem Saale des Zoologischen Gartens dem Bürgertum zur Abwehr der Getreidezölle zuriefen: Auf die Schanzen, auf die Schanzen! Und was wird derantifemitischeHeerbann tun, diese Hilfstruppe der Reaktion, die in ihrer Firma das Wort „sozial" führt, und die nun vor die Frage gestellt ist, ob sie ihre soziale Gesinnung in Anlehnung an das Agrariertum durch Verteuerung der ganz unentbehrlichen Lebensmittel be- tätigen will. Und die G r o ß i n d u st r i e, die weiß, daß Brotverteue- rung schwere Lohnkämpfe nach sich zieht? Diese gefährliche innere Lage scheut sich das Ministerium und der Herr Minister Kanitz nicht heraufzubeschwören, während in London die Demokratien des Westens über die internationale Zukunft Deutschlands das letzte Wort sprechen wollen. O profunde Staatsweisheit!! Es geht ihnen nicht schnell genug! Die Agrarier fordern unverzügliche» Kampf. Die Agrarier und ihre Presie haben behauptet, daß sie von der Schutzzollvorlage der Regierung überrascht worden wären. Das hat ihnen kein Mensch geglaubt. Nun finden sie, daß die Regierung ihre Geschäfte nicht mit der nötigen Eile besorgt. Die„Deutsche Tageszeitung" beschwert sich darüber, daß die Zollvorlage der Regierung von der Tagesordnung der letzten Reichsratssitzung abgefetzt worden ist. Ginge es nach ihren Wünschen, so würde die Vorlage im Reichsrat durch- gepeitscht, um dann, noch vor den Gutachtengesetzen, im Reichs- tage möglichst im summarischen Verfahren durchgedrückt zu werden. Daran haben die Agrarier nicht nur ein Wirtschaft- liches, sondern vor allem auch ein politisches Interesse. Die„Deutsche Tageszeitung" schreibt: „Melchzeitig muß man die Stellungnahme des Zen- trums in Preußen zur Hauszins st euer beachten. Dort drohte infolg« der Ablehnung der Hauszinssteuer durch das Zen- trum die große Koalition aus dem Leim zu gehen. Der Antrag Herold auf Vertagung der Entscheidung hat die politische Krise einst- weilen noch einmal vermieden, aber dies auf Kosten der Landwirt- schaft, die sich nun bis zum Herbst in der ewigen Beunruhigung darüber befindet, ob zu all den anderen Steuerlasten auch noch diese ungerechteste aller Sondersteuern hinzutreten soll. Wie auf diese Weise die Landwirtschaft alle Kräfte für die Produktionstätigkeit freimachen soll, ist absolut unerfindlich. Hält man alle die genann- ten Vorgänge zusammen, so ergibt sich das Bild, daß scheinbar auf dem Wege der Maulwurfstaktit und entgegen den Interessen der Landwirtschaft die Auseinandersetzung mit der Sozial- demokrati« über die brennendsten innerpolitischen Yasmin. Erlebtes aus einem Franeugefängnis. Von Käte Lucie Günther. i' Heiß brennt die Iulisonne durch das hochgelegen« Fenstergitter. In schwerer Drillich-„Uniform"— das blautarierte Halstuch in vorgeschriebenen Falten fest um den Hals gelegt— hockt die junge Strafgefangene Hilde Bergcdorf über dem Stickrahmen. Sonnenveflexe spielen über den tief gebeugten Nacken.— Bunte Seidenfäden glitzern auf. Blum« um Blume erblüht. Erblüht zu leuchtendem Leben. Der schwarzgewichste Asphaltboden glänzt— die getünchten Wände blenden in weißer Glut. Lautlose, brütende Stille. Hilde Dergedorf zählt die Stiche. Zählt die Schläge der Turm- uhr, die ihrer Arbeit Richtpunkt geben. Sie konzentriert ihr« Ge- danken auf das Pensum, das zwischen den Schlägen geschafft sein muß. Und betäubt so die Fragen ihrer Seele. Betäubt die Zeit— die Stunden, die Tage. Aber die Nächte! Die endlos langen Nächte, die keinen Schlaf geben. Wo der Mond gespenstische Schatten über Wand und Asphallboden wirft— wo sein grausam kaltes Licht alle Dinge so deutlich macht. Mit wachen Sinnen horcht Hilde Bergedorf da auf die schlürfen- den Schritte der Nachtwache— wartet sie auf das Auge, das rev-i- dierend durch den Spion spähen wird. Und zergrübell ihr junges Hirn. Die Gedanken, die nicht durch Arbeit betäubt werden können, quälen— irren wild durcheinander— finden kein Ziel. Di« in verzweifelter Not begangene Tat— die gesetzmäßige Strafe dafür— oersperrt alle Wege. Es gibt kei» Zurück. Reue Weg« suchen? Hilde Bergedorf läßt den Kops sinken: sie hat keinen Mut mehr. Zu viel liegt zerbrochen. -i- Jasmin. Im Zellenbureau der Werkmeisterin steht ein weißblühender Zweig. Die strafgefangenen Frauen werden zur Freistunde geführt. Be- vor sie einzeln aus den Zellen herausgeschlosien sind, müssen sie, in vorgeschriebener strammer Haltung, beide Arme an den. Seiten her- unter— das Gesicht der Wand zugekehrt— neben dar Eisentür ihrer Zelle stehen und den Befahl der Aufseherin:„Abtreten!" er- warten. In abgemessener Distanz, im gleichen Takt, schreiten sie den langen Korridor entlang. An der offenen Tür der Werkmeisterin vorbei. Für Sekunden umschwebt em� leiser, zarter Duft ihr« Schläfen.•■"■■■ und wirtschaftlich en Fragen zd calendas graecas verschoben werden soll. Beliebt man diese Taktik wirklich bis zum Ende durchzuführen, dann käme ein solches Verhallen einem Betrug gegenüber der Landwirtschaft gleich." Die Agrarier fordern also nicht nur die Durchpeitschung der Schutzzollvorlage, sondern den entschiedensten Kampf gegen die Sozialdemokratie! Das ist der Zweck der Uebung: die Schutzzollvorlage ist als P ro v o- kation der Sozialdemokratie gedacht, um den Kampf der Rechten auf der ganzen Linie einzuleiten. Das geht den Deutschnationalsn nicht schnell genug. Sie möchten hinter diesem Kampf die außenpolitischen Fragen verschwinden lassen. Daher die Eile. Wie können sie es aber als„Betrug an der Landwirtschaft" empfinden, wenn die Re- gierungsparteien, vor allem das Zentrum, nicht auf ihren Wunsch unverzüglich die Preußenkoalition sprengen und im Reich den Kampf gegen die Sozialdemokratie eröffnen, um den Regierungseintritt der Deutschnationalen vorzubereiten? Liegt denn ein Versprechen, ein Handel auf Gegenseitigkeit, ein Bündnisvertrag, der„die brennendsten innerpolitischen und wirtschaftlichen Fragen" miteinander verquickt, vor? �völlig geschästsungewanüt/ Exzellenz von der Goltz meldet sich. Es hat einig« Zeit gedauert, aber immerhin, wir stellen mit Vergnügen fest, daß Seine Exzellenz, der Kommandierende Bs- neral o. D. Freiherr von der G o l tz, es doch für richtig geholten hat, auf unsere Feststellungen über den„Luftfahrerdant-Skandal" zu reagieren. Er läßt uns durch seinen Anwalt Dr. Alsberg ein Schreiben zugehen. In diesem Schreiben wird an uns das Per- langen gestellt, wir sollten die Bezeichnung„Schurke" zurück- nehmen, und es wird allen Ernstes von uns angenommen, daß auch wir uns„dieser Notwendigkeit nicht verschließen werden", wenn wir folgende Tatsachen des Falles berücksichtigen: „Jeder, der Exzellenz von der Goltz kennt und auch in die Der- Hältnisse der Luftfahrerdank G. m. b. H. und des Luftfahrer E. V. Einblick genommen hat, wird bestätigen, daß es ganz ausgeschlossen ish daß Exzellenz von der Goltz darauf ausgegangen, unter dem Deckmantel der Fürsorge für verunglückte Krieger oder ihrer Hinter- bliebenen sich zu bereichern. Der Luftfahrerdank-Berein, für den Exzellenz von der Goltz als Präsident allein verantwortlich gemacht werden kann, hat sein« Ausgaben unter strengster Kontrolle fach- verständiger Persönlichkeiten solange Exzellenz von der Goltz an der Spitze stand, einwandfrei erfüllt. Kein Pfennig ist von den Geldern, die dem Verein zuflössen, seinem Zweck entfremdet worden. Di« Luftfahrerdank G. m. b. H. ist dagegen von Auffarth, der als Geschäftsführer allein verantwortlich war, der als Kaufmann gegen. über dem völlig geschäftsungewandken General von der Goltz feine Geschäftsführung völlig zu verschleiern verstand, allmählich für seine persönliche Bereicherung benutzt worden. Di« Geschäft«, die die G. m. b. H. macht« und von denen Freiherr v. d. Goltz erfuhr, konnten nicht beanstandet werden und sind mit voller Kennt- nis der beteiligten Behörden, namentlich des Kriegsministeriums während der Krjegszcit abgeschlossen worden. Große Gewinne ergaben sich hierbei aus einem Geschäft, das die G. m. b. H. im Auftrage des Kriegsministeriums über Wien mit Rumänien vermittelte, und zwar zwecks Verpflegung des Feldheeres. Von diesen Geldern, die also aus dem Ausland gekommen sind und die nicht dem deutschen Volksoermögen oder gar Sammlungen entstammen, hat Freiherr von der Goltz eine größere Summe al» ihm zustehende Dividende erhalten. Er Hot unmittelbar darauf veranlaßt, daß die G. m. b. H. nichts mehr von ihrem Reingewinn erhielt und alles fernerhin an den Luftfahrsrdank E. B. zu gemeinnützigen Zwecken abgeführt werden sollte. Nicht nur der Beschluß des Gerichts hat zu erkennen gegeben, daß Exzellenz von der Goltz keine Gemeinschaft mit den Verfehlungen des Auftarth Hab«, sondern auch diejenige Person, die mit der Verfolgung der Sache betraut worden ist, hat ousdrück- lich anerkannt, daß Exzellenz von der Goltz nicht der geringst« Vor- wurf zu machen sei, zumal da Auffarth mit seinen Veruntreuungen schon zu einer Zeit begonnen hat, als Exzellenz von der Goltz im Felde war." Hilde Bergedorf hemmt ihren Schritt. Der Blick ihrer er- loschenen Augen belebt sich, bleibt mit ungläubigem Staunen auf dem Blütenzweig haften. Sie atmet den Duft in sich hinein— atmet mit zitternder Freude. Und— steht wie im Traum. Die Werkmeisterin beobachtet ungesehen die Wandlung dieser sonst so herb verschlosfmen Seele. Di« Aufseherin ruft mit erhobener Stimm«:„Abtreten!" Vom Fenster aus belauscht die Werkmeisterin den Kreislauf der Frauen. Es scheint ihr, als wäre die Haltung der Bergedorf nicht mehr so hoffnungslos— als lösten sich ihre Schritte nicht mehr so schwer, so müde von den Steinen. Es scheint ihr, als zittere ein suchendes Fragen um den verbitterten, jungen Mund. Und die Wertmeifterin nimmt den Zweig und trägt ihn in Hildes Zelle. Mit einem leisen, tief gütigen Lächeln legt st« ihn auf den schmalen Arbeitstisch, Dicht neben den Stickrahmen. Bielleicht--- Nacht. Der Mond spielt blausilberncs Licht über die Zelle. Hilde Bergedorf hält den Zweig in gefalteten Händen. Mit geschlossenen Augen atmet sie den Duft der weißen Blüten. Ihr innerer Blick schaut in ferne Weiten. Lang Vergessenes lebt auf: Heimat— Garten der Kindheit— Jasmin. Mutter! Zllles verzeihende Liebe. Erlösende Tränen betauen den Zweig— gefaltete Hände heben ihn zum Mund— zitternde Lippen küssen die weißen Blten. Eine arm« Seele hebt die Flügel. Eine Medaille zum 3. August. Zur Feier für die Kriegsopfer des deutschen Volkes, die am 3. August aus Anlaß der 10jährigen Wiederkehr des Emtritts Deutschlands in den Weltkrieg begongen werden soll, ist im Austrage der Reichsregierung eine Erinneru ngs Medaille ausgeführt worden. Ihr Entwurf stammt von dem Berliner Bildhauer Eberhard Enck«, die Aus- führung in Bronze hat die Bildgießerei Gladenbeck A.-G. über» nommen. Die Medaille drückt den Gedanken aus, daß der Opfertod Kräfte des Lebens in sich trägt. Dargestellt ist«in aufstrebender Körper, der sich über einem tot nach unten sinkenden zwischen Strahlen erhebt. Di« Rückseite trägt aus einem dreieckigen Schilde die In- schrift:„Dem lebendigen Geist unserer Toten 1914/18." Zur Reform des Slrasoottzuges. Ueber die erst« Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Reform des Strafvoll- z u g« s. die am 18. und 19. Januar d. I. in Eisenach stattfand, be- richtet in der„Monatsschrift für Kriminalpsychologie" ihr Sekretär Dr. Zirter. Der Strasvollzugspräsident Dr. Finkelburg- Berlin hielt einen Dorttag über„Anregungen zur Strafvoll- zugsreform". Zum Gegenstand seiner Ausführungen machte Soweit das Schreiben des Anwalts, das wir„aus Gründen der Loyalität" und im eigenen Interesse in seinem ent- scheidenden Teil« wörtlich zum Abdruck bringen. Niemand, der dieses Schreiben mit der früher veröffentlichten Berichtigung der Exzellenz und unseren eigenen Erläuterungen vergleicht, wird ei- warten können, daß auf Grund dieser neuen Angaben wir irgend etwas von dem zurücknehmen, was wir über diese Art von Geschäfts t L ch t i g k e i t oder— wie es der Anwalt euphemistisch ausdrückt—„völlige Geschäftsungswandtheit" gesagt haben. Dar General von der Goltz hat sich mit dem Geschäftsführer Auffarth zusammen als alleiniger Gesellschafter an einem Unternehmen beteiligt, dessen Firma Wohltätigteits- charakter bei Uneingeweihten vortäuschen mußte, das aber in Wirklichkeit ganz gewöhnlichen Schiebergefchäften diente, die sich von anderen Schiebergeschäften höchstens dadurch unterschieden, daß sie„mit voller Kenntnis der beteiligten Be- Hörden, namentlich des Kriegsministeriums, während der 5driegszeit abgeschlossen wurden". Aus diesen Geschäften hat General von der (Britz„eine größere Summe als ihm zustehende Dividende erhalten". Die statutengemäßen Bestimmungen, daß der Rein- gewinn an den Luftfahrerdank E. V. abzuführen sei, ist nicht innegehalten worden. Der Anwalt des Herrn General legt Gewicht daraiuf, zu betonen, daß die kaiserliche Exzellenz a. D. nicht als „Schurke" bezeichnet werden dürfe. Als Ausweg bleibt ihm nur die Ausrede übrig, daß der General„vollständig geschäftsungewandt" gewesen sei. Es mag sein, daß diese Charakteristik zu Recht be- steht. Was konnte dann einem kaiserlichen Kommandierenden General oeranlassen, sich neben seinen doch beträchtlichen Ve- zögen an einer solchen Firma überhaupt zu beteiligen und„eine größere Summe als die ihm zustehende Dividende" in Empfang zu nehmen? Wir haben dafür keine Erklärung, die sich mit dem offiziellen Ehrenkodex in Einklang bringen läßt, und die Oeffent- lichkeit wird auch kern« Erklärung haben. Di« Oeffentlichkeit wird es darum auch begreifen, wenn wir bei unserer Charakteristik bleiben. Im übrigen interessiert ja bei der ganzen Angelegenheit viel weniger die Person des Freiherrn von der Goltz als das System. Geschäfte, die mit Genehmigung der Behörden„zwecks Verpflegung des Feldheeres" im großen Umsang betrieben wurden und bedeutende Gewinne abwarfen, gehörten zweifellos zum ganzen System. Der Deckmantel der Wohltätigkeit verbarg ein ganzes System von Beziehungen, Kombinationen und Zu- sammenhängen zwischen Behörden, hochgestellten Persönlichkeiten und geschäftstüchtigen Schieberkreaturen, das für alle Beteiligten Tantiemen, Dividenden und Reingewinne zur Ge- nüge abwarf. Derweil hungerte und darbte dos Volk. Die gleichen Kreise, die damals von seiner Rot lebten, empfehlen sich jetzt von neuem als Retter. Ihre heuchlerilch-vsrlogene nationalistische Agi- tatton verschleiert nur mühsam die Sehnsucht nach der Wiederkehr solch herrlicher Zeiten! Thüringer Nückwärtskurs. Massenweise Ausgemeindungen. Weimar, 18. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die Aufhebung der Verschmelzung von Gemeinden, die vom ftüheren Minister Hermann ausgesprochen worden war, beschäftigte den Thüringer Landtag in einer Sitzung von außerordentlicher Länge. Di« umfangreiche Vorlage, deren Beratung am Donnerstag, vor- mittag 9 Uhr, begann, konnte bis Freitag morgen gegen 4 Uhr trotz der nur kurzen Pausen nicht verabschiedet werden. Da aber die Regierungsparteien und vor allem der Landbund die Ausgemeindung von über 300 Ortschaften vollzogen haben wollten, ging der Landtag nichl in Ferien, sondern setzte heute vormittag 10 Uhr seine Tagung fort. Die sozialdemo- kratische Fraktton brachte im Laufe der Beratungen in der Nacht- sitzung zum Ausdruck, daß es ausgeschlossen sei, die Ausgemeindungen in einer einzigen Sitzung zu erledigen und beantragte gegen Mitter- nacht Vertagung der Sitzung. Allein der Landbund war dagegen und so kam es, daß der Landtag sich erst gegen Morgen ent- schloß, eine neue Sitzung stattfinden zu lassen, da auch das Land- tagspersonal nicht mehr recht in der Lage war, den Dienst zu tun. er die Reichsgrundsätze für den Dollzug von Freiheitssttafen vom Jahre 1923. Die Ausschaltung des Vergeltungsprinzips, die Hervor- Hebung des Erziehungsgedantens, die Anerkennung der Kollektivschuld und des Progressiosystems im Strafvollzug sind nach seiner Ansicht im großen und ganzen diejenigen- Moment« in den neuen Reichs- (Grundsätzen, die gegenüber dem Früheren«inen Fortschritt bedeuten. In der Aussprache waren alle Anwesenden darüber einig, daß der Gesangen« zur Selbständigkeit erzogen, zum Kampf um das Dasei» befähigt, seelisch gefestigt, körperlich ertüchtigt und mit Berufskennt- nisfen ausgerüstet werden müsse. Dies alles fetze aber das Pro- gressiosttassystem und die Anstellung besonders erzieherisch veranlag. ter und ausgebildeter Strafvollzugsbcomten voraus. Das zweite Referat behandelte das Problem der Uebergangsstationen für Strafgefangene. In ihnen sollen Gefangene aus der besten Führungsklasse unter freieren Bedingungen, selbst bei Be- schästigung außerhalb der Anstalt, sich allmählich an die ihrer harrende Freiheit gewöhnen. Die Tagung fand ihren Abschluß in der Aufstellung folgender Forderungen: Das Rechtsverhältnis der Ge- fangenen im Sttafoollzug müsse gefestigt, das Progressivsystem all- gemein durchgeführt und eine völlige Umstellung der Sttafvollzugs- beamten verwirklicht werden. An der Tagung nahmen nur 24 Per- sonen teil. Die Tätigkeit der Arbettsgemeinfchaft zur Resorm des Sttafvollzugs ist wie im öffenllichen, so auch im Interesse der Ge- fangenen zu begrüßen und wird zweifelsohne auch auf das gesamte deutsche Gefängniswesen befruchtend wirken. R. Möwen mit Elmsfeuer. Vor einiger Zeit tonnte man am Ge- fisder fliegender Vögel Leuchterscheinungen wahrnehmen, die auf eine ganz eigenartige Entstehung zurückzuführen sind. Di« Beob- achtungen wurden von Prof. Kirschmann in Westerland auf Sylt, und zwar während eines Gewitters gemocht, das sich stundenlang immer wieder periodisch verstärkte und abschwächte. So oft eine neu« Verstärkung einsetzt«, begann eine Schar von Möven ganz be- sonders erregt zu schreien, und da es mittlerweile dunkel geworden war, sah man, daß die Vögel auf Schwanz, Schnabel und Flügel- spitzen kleine violette Flämmchen trugen. Das Leuchten dauerte jedesmal einige Minuten und war die Ursache des erregten Geschreis der Vögel. Nach dieser Beobachtung stellt das Leuchten des Gefieders jedenfalls eine Erscheinung dar, die etwa dem St. Elmsfeuer ähnlich ist. Während eines Gewitters kann man in der elekttischen Spannung der Luft jeweils große Unterschiede feststellen. Wenn die Vögel also z. B. im Flug aus einer Gegend, deren Atmosphäre stark elektrisch geladen war, in«ine Lufffchicht mit geringerer Ladung gelangten, so war die erste Folge, daß sich der Spannungsunterschied alsbald ausglich, und da die elekttisch« Entladung vor allem an den Körper- enden stattfindet, so war das Ausströmen der Elekttizitöt in Form der kleinen Flämmchen denn auch am stärksten an den Federspitzen sichtbar. Andererseits wäre es allerdings auch möglich, daß die Flämmchen durch die in den Federn des fliegenden Bogels erzeugte Reibungselektrizttät entstanden. Da« größte Kloo Europa». Im DoNSHause der Stadt DetccZburg soll im nächsten Jabre ein Kino eröffnet werden, welche» da» größte in Europa sein wurde, lh« Zuschauerraum- ff» BollShauie gilt aÄ der zweitgröstt Saal dieser Art der Welt: Was in dieser Dauersitzung des Thüringer Landtages beschlossen wurde, war einfach ungeheuerlich. Mitschastlich schwache Gemeinden, wurden ohne Gründe, und Gemeinden, zwischen denen räum- liche und wirtschaftlich« Zusammenhänge bestehen, trotz der War- nungen der Regierung und der Einwände der Sozialdemokratie aus- gemeindet. An einigen Stellen rief das rigorose Vorgehen des Land- bundes den Widerspruch der Deutschnationalen und der Demokraten hervor. Di« Ausgemeindung von Gemeinden, die Städten ange- schlössen waren, wurden mit geringer Mehrheit angenommen. Diese Veschlüss«, die ein« Hemmung der Entwicklung der Städte bedeuten, wurden durch Pfuiruf« der Linksparteien ge- kennzeichnet. Es ist zu erwarten, daß der Landtag nunmehr heute seine Tagung beendet und erst rmeder im September zusammentritt. Republikanische Tage. Erfreulicher Vormarsch i» Westpreuften. Vor einigen Tagen fand hier«in« Gedenkfeier an die Abstimmung des westpreußischen Gebietes über fein« Staats- Zugehörigkeit statt. Die Feier wurde unter freiem Himmel unter Beteiligung der gesamten Bevölkerung abgehalten. Nur die Kommu-� nisten hatten eine offizielle Beteiligung abgelehnt. Neben den Fahnen der bürgerlichen Dereine, besonders auch der schwarzweiß- roten Monarchistenfahne, waren zum ersten Male in grösterer Zahl auch die Flaggen der Republik zu sehen.„Reichsbanner Schwarz- Rot-Gold" hatte seine Mitglieder in großer Zahl aufgeboten und auch die Gewerkschaften Marienwerders waren mit ihren Bannern voll- zählig angetreten. Die Feier erlitt allerdings eme unliebsame Störung dadurch, daß der Kommandeur der anwesenden Reichs- wehrkompogni« während der Festrede plötzlich abmarschieren l-eß. Anlaß dazu boten ihm einig« Zwischenrufe, die der als Zuschauer anwesende Führer der hiesigen Kommunisten machte. Einmal hatte er gerufen„Brest-Litowsk" und ein andermal„Jnter- nationales Großkopital". Diese Zwischenruf« erschienen dem Führer der Reichswehr so staatsgefährlich, daß er mitten in der Feier feine Truppen abkommandierte, so daß man fast auf den Gedanken kommen konnte, der Kompagnieführer hätte die Zwischenruf« nur als äußeren Anlaß benutzt, um sich aus der Gesellschaft der Gewerk- schasten mit einigem Grund entfernen zu können. Bei einer Versammlung des„Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold" am Nachmittag, in der Rechtsanwalt Bärensprung- Mogde- bürg über das siegreiche Fortschreiten des republi» kani s che» Gedankens sprach, bezeichnete der Vorsitzende die Zwischenrufe des Kommunisten als grobe Taktlosigkeit. In Zu- kunft müsse man dafür sorgen, daß die Kommunisten von diesen Kundgebungen ausgeschlossen würden, wenn sie nicht vorher zu- sicherten, daß solch« Taktlosigkeiten unterblieben. Die Republikaner Westpreußens legen überhaupt großen Wert darauf, sich öffentlich zu zeigen. In dem kleinen Städtchen Rie- s e n b u r g(SlXll) Einwohner) veranstalteten st» vor kurzem einen großen republikanischen Tag, der Taufende von Test- nehmern aus Ost- und Weftpreußen zusammenführte. Anlaß dazu bot die Bannerweihe der Ortsgruppe des„Reichsbanner„Schwarz- Rot-Gold", bei der der frühere thüringische Minister Freiherr v. Brandenstein die Festrede hielt. Aus Marienburg, Königs- berg, Tilsit, Marienwerder, Deutsch-Eylau, Rastenburg und Elbing waren Delegationen des„Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" erschienen, um Fahnennägel zu überbringen. An dem Umzug durch die Stadt waren etwa ZlXXZ Personen beteiligt. Am Ehrendenkmal wurde ein Kranz niedergelegt, worauf der demokratische Landrat von Friedens- bürg aus Rosenberg ein« Ansprache hielt. Cm Begrüßungs- te leg ramm des Rei chs präs id.e nte.n ujurde unter stürmischem Beifall perlesen. Di« auf- beste oerlaufen« Beronstaltung. bei der die republikanischen Fahnen in großer Zahl gezeigt, würden, war für das reaktionäre Westpreußen ein Ereignis. Das geht am besten aus der Haltung der reaktionären Ortspresse hervor, die mit sauersüßer Miene die unerwartet groß« Teilnahm« feststellen mußte. Für die Republikaner ober war die Kundgebung ein neuer Beweis dafür, daß sie sich nur zu zeigen brauchen, um ihre Stärk« zu er- weisen. Rngeftellte unö Versicherung. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat folgende Interpellation eingebracht: Auf Grund des Ermächtigungsgesetzes vom 8. Dezember 1S2Z (RGBl. I. S. 1179) hatte die Reichsregierung dem Reichsarbeits- minister in einer Derordnung vom 13. Februar 1924(RGBl, l, S. 62) im Artikel IV die Befugnis erteilt, „die bevor st ehende Wahl der Beisitzer in den Ausschüssen, Kammern und Senaten für Angestellienvcrsicherung dem Verwaltungsrat der Reichsversicherungsanstalt zu übertragen". Der Reichsarbeitsminister hat unter nachträglicher und deshalb mißbräuchlicher Anwendung der Ermächti- gungsverordnung am 28. Mai 1924 ein« von den Be- stimmungen de» Versicherungsgesetzes für Angestellt« abweichende Verordnung über die Wahl der Beisitzer in die Spruchbehörden der Angestelltenversicherung erlassen, indem er die Wahl der Beisitzer zu den Spruchbehörden dem Berwaltungsrat der Angestelltenver- sicherung übertragen hat, während sie nach dem Gesetz durch die Vertrauensmänner erfolgen muß. Diese Derordnung des Reichs- orbeitsmimsters vom 28. Mai 1924(RGBl. I, S. S12) kann nicht als rechtsgültig angesehen werden. Außer dieser zeitlichen Ueberschreitung des Ermächtigungsgesetzes ist zu beanstanden: Di« Dertrauensmänner, die nach der Anordnung de» Reichs- arbeitsministers fetzt den Berwaltungsrat neu wählen sollen, amtieren seit Anfang 1922, später, im November 1S22. hat da» Angestelltenversicherungsgesetz, soweit es sich um den Kreis der ver- sicherungspflichtigen Personen handelt, eine grundsätzliche und er- hebliche Erweiterung erfahren. Im Gegensatz zur früheren Fassung des Gesetzes sind durch die Novell« vom November 1922 viele Tausende von mechanisch tätigen Bureaukräften, von Gruppen der Werkmeister und der technischen Angestellten versicherungspflichtig geworden. Die lange Zeit vor dem Inkrafttreten dieser Novelle gewählten Vertrauensmänner können deshalb heute unmöglich o!» Wahlkörpcr für die Verwaltung und die Rechtsprechung der An- gcstelltenversicherung anerkannt werden. Um das Selbstverwaltungsrecht im Sinne der gesetz. lichen Vorschriften durchzuführen, ist zunächst erforderlich, daß Neuwahlen der Vertrauensmänner vorgenommen werden, an denen alle heute oersicherten Angestellten da. Recht der Teilnahme haben müssen. Wenn ober die Wahl der Beisitzer zu den Spruchinstanzen durch den Verwaltungsrat geschehen soll, dann muß dieser aus Urnxchlen der Versicherten hervorgehen. Was gedenkt die Reichsregierung zu tun, um 1. eine gesetzlich einwandfreie Wahl der Beisitzer zu den rechlsprcchenden Instanzen der Dersichcrung zu gewähr- leisten. 2. allen, auch den durch die Novelle vom 22. November 1922 neu in die Versicherung einbezogenen AngSstellien, ein« Mitwirkung bei den Wahlen zu allen Körperschaften der An- gestellte-i Versicherung zu ermöglichen. Die Stellvertreter. Rings um Berlin, namentlich aber im Westen, gibt es eine große Anzahl von Villenkolonien mit hocheleganten Villen und hocheleganten Leuten, die in diesen Wochen all ihre Eleganz zu Hause im Stich gelassen haben und irgendwo in einem Badeort weilen. Zurückgeblieben sind als Hüter des Hauses und Stellvertreter der Herr- schaft die Portiers, die Kutscher und Eh a u f f e u r e. Wer die Verhältnisse in diesen hochhcrrschaftltchen Häusern und Villen kennt, der weiß, daß all« di«s« Porti«rs hochkonseroatioe Leute sind, wie die Herrschaften auch, mit Geld kann man sich alles beschaffen, auch deutschnattonal« oder deutschvölkische Portiers, Kutscher und Chausfeur«. Und bezahlt werden sie gut, diese Bedienten in den feinen Villen, und auch sonst fallen noch manche leckere Bissen vom Tisch der Herrschaft ab. Da geht bei diesen traurigen Kreaturen eigene Ueberzeugung zum Deibel, sie gehören zu der bedauerns- werten Schicht von Arbeitern, die um Geld die eigenen Brüder ver- raten, die sich hochkonseroativ gebärden und mit unsäglicher Ber- achtung auf die armen Arbeiter herabsehen, die mit ihrer Arbetts- kraft nicht auch zugleich ihr« Ueberzeugung an den Kapitalisten ver- kaust haben. Und nun kann man diese Leute als Stellvertreter der verreisten Herrschaften würdevoll und streng ihres Amtes walten sehen. Sie sitzen in den Gärten der Villen, wohin sie sich nicht wagen, wenn die Herrschaft zu Haus« ist. mustern kritisch die Vorübergehenden, und nichts kann sie mehr beglücken, als wenn«in Fremder sie für die Herrschaft ansieht und so anspricht. Ihr« ganze Strenge und Un- nahbarkeit aber beweisen s!« gegenüber den Armen und Notleiden- den. Wehe dem Bettler, der sich vor ihre Türen wagt und um ein wenig Essen barmt. Rücksichtslos läßt man die Hunde auf ihn los. Wehe dem Kind, das am Zaun vorüberstreichi und ein paar Blätter oder Blüten von den Sträuchern reißt, um«in wenig Frisches und Grünes in seine niedrige und dumpfe Stube mit heimzubringen. Wenn sie aber gut gelaunt sind, die Herren Stellvertreter, machen sie auch ihre Witz«. Einen Hauptspaß bedeutet e» für manche, arme, zerlumpte und barfüßige Proletarierkinder, die sich am Zaun die Nasen plattdrücken, um ein Stück der Herrlichkeit hinter dem Gitter mit den Blicken zu erhaschen, unversehens von oben bis unten naß- zuspritzen, wenn die Herren Stellvertreter gerade dabei sind, den Garten der hochherrschoftlichen Villa zu sprengen. Betrachtet man dieses Treiben, wxiß man nicht recht, ob man in Zorn geraten oder diese Uebermütigen bedauern soll, die ja letzten Endes auch nichts weiter sind als Opfer des alles verschlingenden Kapitalismus. Indessen, es gibt eine stark« Organisation der Por- tiers, der natürlich die hier geschilderten Helden und Herren Stell- Vertreter nicht angehören. Di« Organisierten aber sollten sich mal derartige„Kollegen" vornehmen und ihnen zeigen, was sich gehört und wie sie sich zu benehmen haben. Ein geheimnisvolles Paket. Der Kutscher, der es verlor, wird gesucht. Ein schauriger Fund beschäftigt seit einigen Tagen die Kriminal- Polizei. Anz 4. Juli, abends gegen 9% Uhr, fand man an der Eck« der Dieffenbach- und Grimmstraß«, im Süden der Stadt, e i n großes Paket, dessen Hülle aus einem weißen Bettlaken bestand. Es enthielt ein Oberbett, ein Unterbett, zwei Kopfkissen, ein Damennachthemd und eine wollene Decke mit blauen Streifen. Niedergelegt war es ohne Zweifel von einem Kutscher, der kurz vor dem Auffinden an einem Brunnen an jener Ecke seine Pferde getränkt hatte. Die Sachen waren alle, besonders aber die Betten von Blut ganz durchtränkt. Professor Dr. Brüning vom Polizeipräsidium hat nun einwandfrei sestgestellt, daß es sich um Menfchenhlut handelt. Kleine Fleischteilchen, die sich an den Sachen befanden, erkannte er bestimmt als Menschenfleisch. Es steht außer Zweifel, daß in dem Bett'zeüg«in Mensch verblutet und gestorben ist. Das Blut mag wohl mehreren Verletzungen ent- strömt sein. Die Menge ist so groß, daß ihr Verlust unbedingt den Tod des Menschen zur Folge haben mußt«. Zur Aufklärung ist es in erster Linie erforderlich, den Kutscher zu ermitteln. Sem Wagen war mit zwei dunklen Pferden bespannt. Es handelt sich um einen Wagen mit Verdeck und fester Rückwand, der rundherum offen war. Die Rückwand bestand in ihrer oberen Hälfte aus unge- strichenen schon etwas verwitterten Brettern mit kleinen Ritzen. Die obere Hälfte war dunkelrot gestrichen und trug eine Firmenaufschrift in hellen Buchstaben. Wer dieses Gespann weiter beobachtet, ins- besondere wer gesehen hat, wo es am 4. Juli, abends 914 Uhr, aus- gespannt und untergestellt worden ist, wird ersucht, sich unverzüglich bei Kriminalkommissar Johannes Müller im Polizeidienstgebäude Magazinstr. 3— S, Zimmer 55, zu melden. Warum noch immer Beherberguugssteuer? Zu dem gerade in der Reisezeit aktuellen Thema der Beher- bergungssteuer erhalten wir folgende Zuschrift, die die Frage in neuer Beleuchtung zeigt: Zweitausend Bäckermeister aus allen Gauen Deutschlands wollen sich einmas persönlich davon überzeugen, wie es in diesem schlimmen Berlin eigentlich aussieht. Und sie scheinen gründlich Borstudien ge- macht zu haben, denn mit aller Energie rücken sie schon aus der Ferne der Beherbergungssteuer zu Leibe. Wären das etwas weniger beleibt« Herren, dann war es wohl kaum hierzu gekommen, denn dann hätte man nur etwas näher zusammenrücken brauchen und die Ouartierfrag« wäre mühelos und billig gelöst gewesen. Heil uns, daß dem nicht so war und ist! Denn wer wider die Beherbergungs- fteuer kämpft, verdient Anerkennung und Mithilf«— nur eben nicht gerade dann, wenn es sich um den Ausnahmefall eines Bergnügungs- besuche? handelt... Viele Hunderttausende sind es, die schon von den üblen Wirkungen der Steuer betroffen wurden, und die Leute, denen es heute nach passiert, gehören nicht zu denen, die sich irgerrdeinmdl eine Reise leisten können. Es sind recht arm« Proletarier, die am meisten unter einer Einrichtung zu leiden haben, die weniger Luxushotels als gerade das eigentliche Herbergswesen berührt(daher auch der Name). Wie viel« Menschen kommen hierher um Arbeit zu suchen, wobei Arbeit manchmal wohl vorhanden und rascher als ein Dauerzimmer gefunden wird. Es kommen Leute aus Krankenhäusern(auch aus Gefängnissen, und letzterer sind nicht wenig), die es schwer haben, rasch bei einer Wirtn: unterzukommen. Wieder andere sind durch lange Arbeitslosigkeit ihrer Sachen verlustig gegangen, und selbst, wenn sie auf einmal zahlen könnten, nimmt man sie nicht so leicht privat auf. Daß in Berlin ein« ganz erschreckend große Zahl von Menschen ohne festen Wohnsitz ist, ist eine Tatsache, die im Polizei- Präsidium sehr wohl bekannt ist.(Wobei man dort auch sehr wohl weiß, daß es sich dabei nur zu einem geringen Prozentsatz um Leute handelt, die«in Interesse daran besitzen, keine feste Wohnung zu haben.) Es genügt für heute, folgendes festzustellen: All die Woh- nungslosen sind aui die Gasthöfe angewiesen. Dort für den Tag einen Preis von 3 M. zahlen zu müssen,.bedeutet schon die Grenze des Niedrigst-Erre ichbaren. Meist wird viel mehr verlangt und ein« Ermäßigung bei wöchnttlichem Aufenthalt gibt es nichb mehr— eben dank der Beherbergungssteuer. Es wäre sehr lohnend, einmal all die zahllosen Hotels um die Bahnhöfe herum kontrollieren zu können(ähnlich wie es die Fremdenpolizei macht, nur in anderem Geiste). Man würde überrascht sein zu erkennen, unter welch schweren Verhältnissen hier das P r o l e t a r i a t zu leben gezwungen ist. Und nichts liegt näher- als die weitere Erkenntnis, daß die heutigen Preiseocrhältnisie in den Gasthöfen, hervorgerufen durch die Beherbergungestcuer, die Obdachlosigkeit mit oll ihren schlimmen und schlimmsten Begleiterscheinungen begünstigen, ja förmlich dazu zwingen. Darum Kampf gegen die Beherbergung?» st e u e r— aber vor allem da, wo wirkliche Dolksinteresscn in Be- tracht kommen! Daß dies der Fall ist, daß ganz böse soziale Miß- stände nach schleuniger Abhilfe verlangen, davon dürften diese wenigerr Zeilen schon genügend überzeugen. Venn Feueralarm ertönt. Bereits vor einigen Wochen haben wir in einern besonderen Bei- trag die Tätigkeit der Berliner Feuerwehr und die ihr zur Verfügung stehenden Hilfsmittel bei Bränden, Unfällen usw. geschildert. Gestern fand nun in der Ha u p t f o ue r w c h r wa che in der Linden- straße eine offizielle Besichttgung der Hilfsmittel der Feuerwehr statt, zu der die Vertreter der Berliner Presse erschienen waren. In einem einleitenden Vortrag erläuterte Baurat Hammer zunächst das Meldewesen und erklärte, daß jeder Löschzug in Berlin zurzeit aus vier Fahrzeugen besteht, der Gasspritze, dsm Gcrätewagen, der mechanischen Letter und der Dampf- oder Motorspritze. Di« Gasspritze führt 399 bis 499 Liter Wasser in Behältern mit sich, kann also selbftändiq den Kampf gegen das Feuer so lange aufnehmen, bis Anschlüsse on Hydranten oder Brunnen hergestellt sind. Bei der Meldung von Kleinseuer rückt ein Zug, bei Mittelfeuer vier Züge aus. Bei Bräu- den in Warenhäusern wird sofort Mittelfeuer gemeidet. In- folge des Beamtenabbaus sind die Züge anstatt der bisherigen 29 Mann nur mit IS Man �.besetzt, was u. a. zur Folge hat, daß eine ordnungsgemäße Bedienung des Sprungtuchs bei Ausrücken eines Zuges ousgeschlosien ist, da hierzu 29 Mann gehören. Seit 1914 hat die Feuerwehr überhaupt kein« Rekruten mehr eingestellt und die Abgänge durch Tod und Pensionierung nicht mehr ersetzt. Die Groß-Berliner Berufswehr umfaßt zurzeit 2 5 Züge. Dem Vortrag folgte die Vorführung der ein- zelnen Wagen typen. Zunächst sah man das erste An» griffsfahrzeug, die Gasspritze, ,n voller Tätigkeit. Trotz der unzureichenden Besetzung von nur 4 Mann dauerte es kaum 199 Sek un den. bis d!« Spritz« nach Ankunft auf der fingierten Brandstätte Wasser gekm konnte. Bei dieser Gelegenheit wurde er- läutert, daß gegen das Inner« brennender Gebäude nur mit söge- nannten L-Schläuchen vorgegangen wird. Die A.» und B» Schläuche würden hier zu starken Wasserschaden anrichten. Es folgte der Gerätewagen mit Verbandskästen, Arbettsgerät aller Art, Werkzeugen, Wieoerbelebungsapparaten,� Fangleinen, Starkstrom- Werkzeugen, Fackeln aller Art, Sprungtüchern ufw Die mechanische Leiter wurde auf zwei Wagen vorgeführt, ebenso die Dampf- und Motorspritzen. Wenn auch die Dampfsprttze durch ihr« umständlicher« Inbetriebsetzung auf den ersten Blick ats die unpraktischere erscheint, hat sie doch den Vorteil größerer Saug- fähigkeit für sich. Größeres Interesse erregten auch die Vorführim- gen eines Feuerwehrmannes im F e u e r t a u ch a n z u g, der in- mitten eines von seinem Helm ausgehenden Wasserschleiers in«in brennendes Gelände eindringen kann. Den Beschluß machte die Darstellung der Feuerwehrtätigkeit bei Wassergefahr. Ter Rahardt-Prozeft. Heute begannen in dem Prozeß gegen den früheren Ehrenober. meister und Präsidenten der Handwerkskammer, Karl Rahardt, die Plädoyers der Verteidiger. R.-A. Dr. Rötter betonte einleitend, daß es nicht Aufgabe des Verteidigers sei, einfach alle Schuld der An- geklagten in Abrede zu stellen. Vielmehr müsse der Verteidiger bestrebt sein, auch das anzuerkennen, was tatsächlich durch die Beweisauf- nahm« zuungunsten der Angeklagten sich ergeben habe. Der Betrug werde von der Anklag« darin erblickt, daß Karl und Erich Rahardt den Verwertungsgesellschaften und der Danziger Werst vorgespiegelt hatten, lxiß das Handwerk der Käufer sei, während es in Wirtlichkeit der Konzern war, der hinter Erich R. stand. In rechtlicher Beziehung lasse sich diese Belrugsanklage nicht halten. Bei Abschluß der Ver- träge war Erich R. von seinem Vater als Bevollmächtigter für die Vertretung der Hauptstell« bei dem Danziger Geschäft genannt worden. Der Verteidiger suchte dann in längeren Darlegungen alle Milderungsgründe für die Angeklagten, insbesondere für Karl Rahardt. hervorzuziehen. Nach dem ersten Verteidiger sprach für die übrigen' Angeklagten R.-A. Nauenberg. Das Urteil wird-am Moniag oder Dienstag gefällt werden. Ueberfall eineS weiblichen Strafienräubers auf einen Mann Heut« früh gegen 4 Uhr überfiel die 24 Jahre alte wohnungslose Frieda Borngräber aus Küsttin an der Ecke der Teltower- und Groß- bserenstraße einen gewissen Otto Dubrow, der sich aus dem Wege nach seiner Wohnung am Tempelhofer Ufer befand. Sic schlug mit einem 599 Gramm schweren Hammer auf ihn ein und versuchte dem Ueberfallenen, als er taumelte, die Aktentasche zu entreißen. Der Ueberfallen« erholte sich aber in diesem Augenblick und hielt in« Tasche fest, so daß die Täterin, die die Flucht ergriff, von mehreren Passanten ergriffen werden konnte. Sie wurde dem 192. Polizer» revier und später der Kriminalpolizei übergeben. Freibäder an der Oberspree. Während die Freibäder Grünau und Müggelsee an heißen Tage» übervölkert sind, bieten die weniger bekannten städtischen Bade- a n st a l t e n a n d e r O b e r s p r e e bei gleichem Eintrittsgeld immer noch reichlich Platz und sind obendrein bequem zu erreichen. Freibad Adlershof neben dsm Restaurant Neptunshain ist etwa 5 Minuten von der Haltestelle Oberspree der Spindlersfelder Bahn entfernt. Freibad O b e r s ch ö n e w e i d e ist von Berlin für 15 Pf. mit der Straßenbahnlinie 87 zu erreichen, die fast vor der Tür hält. Bon der Dahnstation Sadowa sind 15 Minuten Weg quer durch den schönen Wald. Beide Freibäder haben ordnungsgemäßen Rettungs- dienst und deshalb in den Iahren ihres Bestehens noch keinen ernst- haften Unfall zu verzeichnen gehabt. Die in letzter Zeit von der Oberfpre« gemeldeten Unfälle haben sich sämtlich beim wilden Baden außerhalb der Anstalten zugetragen. »Volk-und Zeit", unsere illustrierte Wochenschrift, liegt der heutigen Postauflage bei. 400 000 Goldmark bei einer Großbank veruntreut. Wie ein Berliner Mittagsblatt wisien will, sind bei der Darmstädter Notionalbank in Berlin Unterschlagungen aufgedeckt worden, die«ine Höh« von 499 999 Goldmark erreicht haben sollen. Di« Berwaltung hat erklärt, daß die Summe nicht so groß ist und daß die schuldigen Beamten bereits entlassen worden sind. Schweres Eisenbahnunglück bei Mailand. Der Mailand— Nowarra Expreßzug hat in der Nähe der Station Riscaldina und Saronno einen schweren Unfall erlitten. Der Zug, der mit 59 Kilometer Geschwindigkeit fuhr, entgleiste, und die Wagen tippten um. Die Lokomotive, der Gepäckwagen und zwei Personenwagen wurden stvrk beschädigt. Drei Versionen, darunter der Lokomotivführer, wurden getötet, 39 Personen verletzt. Sport. Die hometraiuer-Rennen im Schweizergarten Iciedcichshain(Am Königs» ter) brachten im EröffnungS rennen über 2 Kilometer den Sieg S t« l l b r i n k s vor Kubier(Schweiz) und BouhourS(Frankreich). Den zweiten Lau! um den.Drogen Preis vom Friedrichshain" holte sich T e ch m e r. Vwzelberg und Abraham folgten. Im B o r g a b e- fahren über 1 Kilometer war es B o u h o n r S. der 100 Meter Vorgabe hatte, veraönnt, als erster durchs Ziel zu fahren. Prämien im loKilometer-Prämienfahren trugen G u b l c r und A b r a- h a m beim, während das Rennen felbft von Weber gewonnen wurde. Im Schlugrennen, im 5 Kilometer-Mannschaftsfahren nach Art der Sechstagerennen, siegte die Mannschaft Pawkt-Abraha Moor Stellbrink-Gubler und Deber-Binzelberg. Bewerkschaftsbewegung Der Achtstundentag in England. nachhelfen und den ratlofen Kommunisten geeignete Borschläge unterbreiten. Nachher aber fam der Pferdefuß heraus. Es wurde über die nicht vertretenen politischen Parteien hergezogen mit dem DEB. anzubinden getraute man sich nach den Ausführungen dessen Vertreters nicht Die englische Gewerkschaftszentrale hat durch Rundfrage bei den und dann ber eigens bestellte fommunistische Landangeschlossenen Organisationen festgestellt, in wie weit der Acht. tagsabgeordnete Carpentier mit einer parteipolitischen Rebe auf die angeschlossenen Organisationen festgestellt, in wie weit der Acht- alten Leute losgelassen. Ruhig und vernünflig, wie alte Leute sind, stundentag in England bereits durchgeführt ist. Bon 133 Gehörten sich diese die von den Wahlen her bekannte Waize längere Zeit werkschaften mit 4 688 609 Mitgliedern find Antworten eingelaufen. an, dann wurde es ihnen aber doch zuviel. Sie unterbrachen und ber Danach ist die Lage folgendermaßen: 40- Stunden- Woche 24 300 Mit- Redner mußte fofort Schluß machen. Der Fischfang unter den glieder, 42- Stunden- Woche 800 000 Mitglieder, 44- Stunden- Woche Eisnbahninvaliden war mißglückt. Daran hatte der Herr Landtags. 305 687 Mitglieder, 46- Stunden- Woche 8 500 Mitglieder, 46%-Stun abgeordnete fein geringes Berdienst infolge feiner Erflärung, er wiffe den- Woche 11 590 Mitglieder, 47- Stunden- Woche 964 224 Mitglieder, nicht, wie den Invaliden anders als durch die kommunistischen Rezepte und 48- Stunden- Woche 1 409 613 Mitglieder. ( Umfrempelung des Staates und Anschluß an die KPD.) geholfen werden fönne. Die Invaliden aber wollten, daß man ihnen bald hilft. Hierbei ist ihnen die wirkſamſte Unterstützung des Deutschen Eisenbahnerverbandes und der Sozialdemokratischen Partei sicher. Es arbeiten also 3 524 714 Gewerkschaftsmitglieder 48 Stunden und weniger, das heißt Dreiviertel der Befugten. Bemerkenswert ist Der große Prozentsaz, der nur 42 Stunden pro Woche arbeitet. In England gibt es aber bislang noch fein allgemeines Gesez über den Achtstundentag. In Deutschland dagegen, wo der Achtstundentag durch die bekannte Verordnung des Reichsarbeitsministers gefeßlich festgelegt" ist, arbeiten nach der Erhebung des ADGB. mehr als die Hälfte der Arbeiter länger als 48 Stun den die Woche. Es zieht nichts mehr. Mii der fommunistischen Agitation will es nicht mehr flappen. Die Barteiversammlungen sind schlecht besucht und in den Bersamm fungen der fommunistischen Gewerkschaften sieht es geradezu miserabel aus. Der neue 3ulauf fehlt und was aus den freien Gewerkschaften hinausgeefelt werden konnte, ist erschöpft. Was die Kommunisten von den Hinausgeefelten auffangen fonnten, war nicht viel und auch bei diesen ist die Mitgliedschaft zu den freien Gewerkschaften doch nicht so ganz nußlos gewefen. Die Leute haben fachliche und praktische Arbeit gesehen und wenn sie jetzt in den tommunistischen Gewerkschaften deren völlige Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht gewahr werden und noch dazu in jeder Bersammlung nichts anderes als die bekannten Walzer von der Reichstagsmahl und von der aufgehenden Sonne der Weltrevolution" hören, werden sie den Kram balb satt. Weil die eigenen Läden nicht florieren und zuviel foften, sollen fie nach dem Beschluffe von Moskau zugemacht und mit der Zellen bauerei in den freien Gewerkschaften wieder begonnen werden. Auf Diese Art glaubt man an die arbeitenden Massen, von denen man sich durch die Bersplitterung selbst abtrennte, mieder heran tommen zu fönnen. Solange das noch nicht der Fall ist, verlegt man sich auf die Gewinnung der Erwerbs lofen und der Rentenempfänger ,, Um den Rentenempfängern der Eisenbahn zu helfen", hatte auf Anordnung der KBD. der kommunistische Bezirksbetriebsrat der Reichsbahndirektion Berlin die Invaliden zu einer Bersammlung nach dem Lehrervereinshaus eingeladen. Erst am Saaleingang faben die Invaliden, daß es sich um eine Versammlung des kommunistischen Eisenbahnerverbandes handele. Weil sie das vorher nicht wußten und weil die Not unter ihnen groß ist, maren sie zahlreich erschienen. Sie sind über die kommunistische Hilfe" aufgeklärt und furiert worden. Der„ Referent", ein Mitglied des Bezirksbetriebsrats, hatte weder von den Rentengesehen noch von den Bensionstaffenftatuten die geringste Ahnung und war deshalb schon in 5 Minuten mit seinem " Vortrag" zu Ende. Die Invaliden und die anwesenden Bertreter der nicht kommunistischen Gewerkschaften mußten, um die Versamm lung für die Invaliden nicht nuglos werden zu lassen, gründlich Gehaltsregelung in der Metallindustrie. In einer sehr gut besuchten Bersammlung nahmen die AfA- Funt tionäre der Metallindustrie Stallung zu dem Verhandlungsergebnis mit dem BBMI. zur Regelung der Juligehälter. Das AfAMetallfartell forderte eine 10prozentige Gehaltserhöhung und die Niederschlagung der 25 Bro3., die am 22. jedes Monats als Borschuß gezahlt werden. Die Arbeitgeber erflärten, daß fie auf Grund der schwierigen Gelbbeschaffung und der mirtschaftlichen Not der Betriebe einer Gehaltserhöhung nicht zustimmen fönnen. Sie erfannten aber an, daß die Forderungen der Angestellten durch unverbindlich folgendes vereinbart: aus fachlich begründet sind. Nach längeren Berhandlungen wurde Die Tariffommission der Arbeitgeber empfiehlt dem Arbeitgeber. follegium, die 25 Broz. am 22. dieses Monats zu zahlen und dann am Ultimo Juli das volle Gehalt. Dagegen verpflichten sich die Angestelltenorganisationen, die Gehaitsforderungen für Juli und August fallen zu laffen. Die geforderte Erhöhung der Gehälter der unteren Gehaltsgruppen erklärte der VBMI. für un annehmbar. Originell ist, daß ber Gedag mit seinem Schiedsspruch" in der Tasche an den Verhand fungen teilnahm. Er erklärte als erfter, daß er bereit wäre, die For: derung für Juli und August fallen zu lassen, wenn der Arbeitgeberverband die 25 Broz. einmalig bezahlen würde. Ir der Versammlung wurde den Funktionären erneut nahegelegt, durch Beranstaltung von Betriebsverfammlungen für gewerkschaftliche Aufflärung zu sorgen, um den Organisationsgedanken überall durch zusehen. Man rechnet damit, daß der Tarifvertrag zum Herbst ge fündigt wird. Von den Angestellten hängt es also ab, mit welchem Nachdruck der AfA- Bund ihre neuen Forderungen vertreten tann. Einstimmig erhielt die Kommission die Ermächtigung ,, die von ihr vorgeschlagene Regelung abzufließen. Die Berhandfungen werden am Montagmittag fortgeführt. Lohnbewegung in der Musikinstrumentenindustrie. In einer Funktionärversammlung der Musikinstrumentenbranche erstattete Branchenleiter agenführ Bericht über die Lohnverhandlungen. Das Lohnabkommen ist Anfang dieses Monats von den Unternehmern gefündigt worden. In dem Kündigungsschreiben teilten sie mit, daß es ihnen infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Depreffion nicht mehr möglich sei, den Tariflohn von 81 Pf. für die Stunde zahlen zu können. Sollten die Arbeiter in der kommenden Zeit weiter zu fariflich festgelegten Löhnen arbeiten wollen, fönnten fie, die Unternehmer, nur noch 68 Pf. Lohn zahlen. Die Branchenleitung hat dieses Schreiben damit beantwortet, daß sie verlangte, den Lohn nicht abzubauen, sondern auf 90 Pf. zu erhöhen. Am 10. Juli fanden die ersten Verhandlungen statt. Die Unternehmer machten hier geltend, daß sie, wollten fie fonkurrenzfähig bleiben, die Löhne abbauen müßten. Zudem seien die Preise vieler Bedarfsartifel so start gesunken, daß die Arbeiter einen Abzug ohne Schaden tragen fönnten. Die direkten Verhandlungen und auch der Termin Bem Schlichtungsausschuß, der zur Entscheidung angerufen wurde, berliefen resultatlos. Das einzige Ergebnis der Verhandlungen war, daß die Unternehmer einwilligten, den Streit vor ein Schiedsgericht mit unparteiischem Borsigenden zu bringen. Wie der Be richterstatter am Schluß seiner Ausführungen mitteilte, finden die Verhandlungen am fommenden Dienstag ftatt. Nach längerer Aussprache nahm die Bersammlung den Bericht zur Kenntnis. Che weitere Schritte unternommen werden, soll erst das Ergebnis dieses Schiedsgerichts abgewartet werden. Erfolgreicher Streit. Die im Leitergerüstbaugewerbe Groß- Berlin beschäftigten Arbeitnehmer befanden sich seit dem 12. Juli im Streit, um die verweigerte Erhöhung der Stundenlöhne durchzusehen. Am 16. Juli fanden Berhandlungen mit den Arbeitgebern statt, die zu einer Berständigung führten. In einer gut besuchten Bersammhung berichtete Sydow über das Ergebnis der Verhandlungen. Daraus war zu entnehmen, daß die Berhandlungen fich schwierig gestalteten, weil die Arbeitgeber eingangs darauf bestanden, daß bis Freitag früh in den Betrieben die Arbeit unter den bisherigen Bedingungen aufzunehmen fei. Nach Wiederaufnahme der Arbeit wären fie bereit, in fofortige Lohnverhandlungen einzutreten. Die Verhandlungsfommission der Arbeitnehmer lehnte dieses Anerbieten ganz entschieden ab. Nach längeren Berhandlungen fam es zu folgender Berständigung: Vom 18. Juli 1924 beträgt der Stundenlohn für Poliere 1,05 m., für Leitergerüstbauer 95 Pf., für Blagarbeiter 81 Pf. Die Wieder. aufnahme der Arbeit erfolgt am selben Tage früh. Maßregelungen aus Anlaß des Streifs finden nicht statt. Die Lohnverhandlungskommission sowie die Bertrauensleute empfahlen die Annahme dieses Ergebnisses, dem auch die Versammelten gegen eine starke Minderheit zustimmten. Damit ist der Streit im Leitergerüstbaugewerbe beigelegt. Die Wiederaufnahme der Arbeit erfolgte heute früh. Kommunistische Zerstörungsarbeit in Ostpreußen. Die Kommunisten, die sich durch ihre Feigheit und Hanswurstigfeit schon während des letzten oftpreußischen Landarbeiterstreifs erbärmlich blamiert haben, find im Begriff, fich weiter lächerlich zu machen. Ihre Abficht ist jegt, wie wir dem Prefsedienst des Deutschen Bandarbeiterverbandes entnehmen, in Ostpreußen ihre in anderen Teilen des Reiches bereits wieder zusammengefallene Bandarbeiter organisation, den fommunistischen Land- und Waldarbeiterverband", aufzuziehen. Hierzu sollen mit großem Tamtam vorbereitete Kreistonferenzen dienen. Stattgefunden haben solchen Konferenzen bis jegt in ben Kreisen Niederung, Labiau, Königsberg, Fischhausen, Wehlau, Insterburg, Gumbinnen und Lößen. Soweit Feststellungen möglich waren, lassen sie erfennen, daß die Geschichte in allen Fällen glatt ins Wasser gefallen ist. Ein Beweis hierfür sind die Konferenzen in Labiau und Insterburg. Ronnten in Labiau noch 14 Landarbeiter gezählt werden, fanden sich in Insterburg ganze acht zufammen. Ausgefüllt wurden die Konferenzen mit einem fürchterlichen Geschimpfe über den schlappen" Verbandsvorstand und die feigen" Gau- und Kreisleiter. Bon weitsichtiger und verantwortungsvoller Landarbeiterpolitit war auch nicht die geringste Spur zu entdecken. Dafür wurden aber ellenlange Refolutionen angenommen, die den geschmähten Verbandstörperschaften mit dem Ersuchen übermittelt wurden, die hierin enthaltenen Forderungen zu verwirklichen. Berantwortlich für Bolitik: Eraft Renter; Wirtschaft: Artur Saternus; Gewerkschaftsbewegung: 3. Steiner; Feuilleton: Dr. John Schikowski; Lokales und Sonstiges: Walter Trojan; Anzeigen: Th. Glode; sämtlich in Berlin. Verlag: Borwärts- Berlag G. m. b. 5., Berlin. Drud: Borwärts- Buchbruceret und Verlagsanstalt Baul Ginger u. Co., Berlin GW. 68, Lindenstraße 3. Wir bringen ab Sonnabend, den 19. Juli 3 Waggon Porzellan u. Steingut mit kleinen Fehlern zu enorm billigen Preisen. Bitte beachten Sie unsere Schaufenster Jeder Käufer erhält bei einem Einkauf von 10 M. an auf alle Artikel als Geschenk ein Depro- Patent. Nach längerem Leiden ist am Mon tag, den 14. Juli, unfer langjähriger früherer Mitarbeiter, der Stereotypeut Bruno Dobberphul geftorben. Sein follegiales Berhalten fichert ihm bei uns ein dauerndes Ge Denten. Die Cinäfcherung hat be reits fattgefunden. Das Personal der Vorwärts- Druckerei. Strumpfwaren Trikotagen 1. Der Verkauf findet im Lichthof statt. Kein Verkauf an Wiederverkäufer. Mengenabgabe vorbehalten. Neukölln, H.Joseph& Co., Berliner Str. 51-55. Saison- Ausverkauf Altes vom 1.- 15. Juli ' Mtr. 75 Pf. Mtr. von 1.50 an Spezialgeschäft in Kameibaar50lafMousselin... Yoll- Yoile Frotté hüsche Muster. Mtr. 1.85 Zephiru. Pereal Mtr. 1.20, 1.00 ele Hemdentuch 80 cm br. Mtr. 65 Pt. Deden Renforce so cm breit Taitolagen Mtr. 80 Pf. 80 La. Qualitätsware, große Auswahl Maceo so cm breit.. Mtr. 1.00 Strümpfen Louisiana 80 cm breit Mtr. 1.00 Sties au zu billigsten Preisen, kaufen Sie bei Erich Schulz a. d. Weichselstraße. Neukölln, Kaiser- Friedrich- Straße 220 Blusen, Röcke, Strümpfe, Vorzeiger dieses Inserats 5% Rabatt. 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