Abendausgabe Nr. 337 41. Jahrgang Ausgabe B Nr. 169 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife find in der Morgenausgabe angegeben Redaffion: Sm. 68, Cindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-295 Tel.- breffe: Sozialdemokrat Berlin Vorwärts Berliner Volksblatt 5 Goldpfennig 50 Milliarden Sonnabend 19. Juli 1929 Berlag und Anzeigenabtsikungi Geschäftszeit 9-5.Whr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 2506-2507 Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Toller über Niederschönenfeld. Die bayerische Justizschmach. Toller sprach nicht von seinem eigenen Schidsal, sondern nur von dem der anderen. Er schilderte zunächst, wie die Gefangenen, die jetzt noch in Niederschönenfeld und in anderen Strafanstalten Bayerns fizen, im Jahre 1919 zu ihren Strafen getommen waren. Die Rechtsprechung gestaltete sich damals vollständig " Bor einer Zuhörerschaft, die faft ausschließlich aus sozialdemo-| Unternehmen habe nur dem Einzelstaat Thüringen, nicht dem Reich fratischen Reichstagsabgeordneten bestand, sprach gestern im Reichs- gegolten, die Reichsamnestie habe daher hier teine Geltung. Untertag der Dichter Ernst Toller über die Zustände in der Festung zeichnet war diese Entscheidung von jenem Oberlandesgerichtsrat Niederschönenfeld, aus der er, wie bekannt, foeben erst nach fünf- v. d. Pfordten, der dann bei der Hitler- Ludendorff- Revolte vom jähriger Strafhaft entlassen wurde. November 1923 auf feiten der Völkischen gefallen ist. Selbstverständlich waren alle Führer" von der Amnestie ausgeschlossen. Als Führer" wurde u. a. auch ein Mann angesehen, der in München drei Rotgardisten geführt hatte. Und wie hat man den Begriff des Führers dagegen im Kapp- Butsch gefaßt? Nicht anders war es mit der Bewährungsfrist. Ein junger Mensch führt sich auf der Festung ausgezeichnet, aber Bewährungsfrist wird abgelehnt, weil seine Gefinnung zu radikal ist. In einem anderen Fall wird die Bewährungsfrist wegen der„ jugendlichen Unerfahrenheit" des Häftlings abgelehnt. Bewährungsfrist wird mur erteilt unter der Bedingung der völligen Enthaltung von jeder politischen Tätigkeit. Gegen Hartig und den 18jährigen Popp wurden wegen angeblicher neuer politischer Betätigung neue Haftbefehle erlassen. Dagegen entließ man mehrere gemeine Verbrecher mit Bewährungsfrist, weil man von ihnen eben politische Betätigung“ nicht befürchtet. fummarisch und willkürlich. So wurde, um von vielen Beispielen nur wenige hervorzuheben, damals ein Mann namens Streiter zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt, der die Gefangenen im Mar- Joseph- Gymnasium zur Zeit urteilt, der die Gefangenen im Max- Joseph- Gymnasium zur Zeit der Räterepublik zu bewachen hatte. Reinem der Gefangenen war ein Leid angetan worden, nur ein Zeuge hatte ausgesagt, Streiter habe ihn blutrünstig angeblidt". Ein 20jähriger Student, der in Augsburg ein paar Tage lang Zenfor spielte, erhielt dafür 7 Jahre Zuchthaus. Man vergleiche damit die Urteile im Hitler- LudendorffProzeß! Als die Gefangenen in Niederschönenfeld eingeliefert wurden, bestand eine Festungsvollzugsverordnung, die den Häftlingen weitgehende Vergünstigungen gewährte. Seitdem wurde die Verordnung aber fortgesetzt abgeändert und verschärft. In der Regierungspreise wurde das damit begründet, daß es sich ja nicht mehr um Offiziere und Studenten, also um wirkliche Ehrenhäftlinge handle wie in der Vorkriegszeit. Die Gefangenen wurden bei der Einlieferung nacht ausgezogen. Ein Festungsvorstand, der zugab, daß diese Verschärfungen widerrecht lich seient, wurde von seinem Amt entfernt. Nun wurde es schlimmer and schlimmer. Söhnen, deren Mütter, Vätern, deren Kinder auf dem Sterbebett lagen, wurde der UrLaub felbst zum Begräbnis abgelehnt. Aus folchen Dingen erklären sich dann auch Auftritte, die als Disziplinwidrigkeiten aufgefaßt wurden. Es gibt Dinge, denen die Nerven der Menschen nicht standhalten. Die Lektüre von Hilferdings Finanzfapital" wurde einem Gefangenen verboten, weil er durch sie ja doch nur feine Umsturzgefinnung vertiefen" wolle. Mühsam befam sechs Tage Arrest, weil man ein von ihm verfaßtes Gedicht auf einen revolutionären Führer geschrieben hatte. Ganz deutlich merkte man drinnen, wie draußen der politische Wind wehte. Als Kahr fam, gab es wieder eine äußerste Verschärfung des Regiments. Alle Bücher, in denen man fozialistischen, kommunistischen oder sonstigen revolutionären Inhalt vermutete, wurden verboten. Sauber follte bestraft werden, weil er eine Flasche in eine Zeitung eingewidelt hatte. Er rief in der Erregung dem Festungsvorstand zu: Mensch, du machst mich ja taputt!" Dafür allein, ohne daß er die geringste Gewalttätigkeit verübt hätte, wurde er in die Zwangsjade geſtedt und ihm für alle weiteren Disziplinwidrigkeiten nur noch Behand lung mit der Zwangsjade angedroht. Dem Reichsjustizminister Radbruch gelang es wenigstens, den Bettentzug und den Nah rungsentzug als Disziplinarstrafen abzuschaffen. Die Besuche blieben aber unter ständiger Bewachung. Jede politische Unterhaltung blieb verboten. Umgekehrt muß Hitler in Landsberg einen öffentlichen Aufruf erlassen, daß man ihn mit den allzu vielen politischen Besuchen verschonen möge. Arco, der Mörder Eisners, der jezt ganz entlassen ist, genoß als Festungsgefangener in Bandsberg die größte Freiheit. Er durfte auf den umliegenden Gütern landwirtschaftliche Studien treiben und dabei unter den Bauern für die Monarchie agitieren. Die bayerische Regierung hat gegen die wehrLosen Gefangenen mit Berleumdungen gefämpft. Dazu gehört die Geschichte von dem sogenannten„ Lumpenball", den die Gefangenen gefeiert haben follen, weil sie fich einmal zur Weihnachtszeit einer etwas galgenhumoristischen Stimmung hingaben. Dazu gehört die Geschichte von den zwei Zentnern Lebensmittel, die Toller selbst auf einmal erhalten haben sollte und die zum größten Teil aus Büchern bestanden. Uebrigens, was wären zwei Zentner Lebensmittel für 80 Gefangene gewesen. Professor Goldschmidt- Leipzig tonftatierte an Toller auffallende Zeichen der Unterernährung und erBärte alle Gefangenen feien von Unterernährung bedroht. Die bayerische Regierung ließ feine Untersuchung zu. Auch einem Reichstagsausschuß wurde angekündigt, daß ihm der Zutritt zu Niederschönenfeld verwehrt werden würde. So tonnte es auch zur Tragödie Hagemeister tommen, der in der Zelle, wo er zur Einzelhaft untergebracht war, elend zugrunde ging. Seine instänbigen Bitten nach Krankenhausbehandlung wurden abgelehnt. 3um Sterbenstranten fieß man die Frau nicht. Eines Morgens fand man ihn tot in feinem Lehnstuhl. Die bayerische Regierung war noch stolz darauf, daß die Berwaltung Hagemeister einen Lehnstuhl geftiftet hatte. Aber dieser stammt gar nicht von der Verwaltung, fondern war von einem Mitgefangenen geschenkt. Ich habe da mals," fährt Toller fort, Anzeige wegen fahrlässiger Tötung erstattet. Aber fein Verfahren wurde eröffnet, feiner der von mir benannten Zeugen wurde vernommen, alle Beschwerden wurden abgelehnt." Ueberall gab es Amnestien, selbst im Spanien Primo de Riveras, im Italien Mussolinis, im Ungarn Horthys fizen feine politischen Gefangenen mehr von 1919! Nur Bayern hält die feinen feft. Reichsamneffien wurden für unwirksam erklärt, So wurde ein Häftling, der am mitteldeutschen Aufstand beteiligt mar, von der Reichsamneftie ausgeschloffen mit der Begründung, dos Mühjams Zustand ist trok aller Ableugnungsversuche der bayerischen Regierung bedentlich. Mühsam hat um Strafunterbrechung gebeten und fein Wort gegeben, daß er in die Festung zurückkehren würde, sobald sein schweres Leiden gebeffert sei. Sein Gesuch wurde abgelehnt. Auch hier wieder vergleiche man die Behandlung, die den Verurteilten des Hitler- Ludendorff- Prozesses zuieil wurde! Toller schloß seinen Vortrag mit einem bewegten Appell an den Reichstag, er möge der geschändeten Gerechtigkeit zum Siege verhelfen. Wie denkt der Reichstag darüber? Die Abwesenheit sämtlicher bürgerlichen Mitglieder des Rechtsausschusses mit der einzigen Ausnahme des Demokraten Dr. Haßbei dem Vortrag des Dichters läßt feine sehr troftreichen Vermutungen zu -O- WO Abgeschoben wegen unveränderter Gesinnung". Ueber feine eigenen Schicksale hatte Genosse Toller, wie fchon erwähnt, in seinem Vortrag so gut wir gar nicht gesprochen. Später, im Privatgespräch, ließ er auf Befragen auch darüber einiges hören. Selbstverständlich galten alle Einschränkungen und Demütigungen, denen die übrigen Gefangenen ausgesetzt waren, auch für ihn. Toller wollte zum Abschied jedem seiner Kameraden ein halbes Pfund Rindfleisch und Maccaroni stiften. Das wurde ihm verwehrt, weil diese Spende offenbar den Charakter einer Abschiedsfeier tragen solle... Bei seiner Entlassung wurde er zunächst bis aufs Hemd untersucht und dann zwangsweise über die bayerische Grenze befördert. Der Ausweisungsbefehl, der ihm zum Abschied in die hand gedrückt wurde, gipfelt in folgenden Kernfäßen: Toller hat nach den Feststellungen seine Gesinnung nicht geändert. Er bedeutet also nach wie vor eine Gefahr für die Sicherheit des Landes, die nur durch Wegweisung abgeSo sorgt Bayerns Bürgerregiment für Deutschlands Ansehen in der Welt! wendet werden tann. Aus der guten alten Zeit". of Was die Monarchie dem Lande kostete. Gelegentlich des Wahlkampfes in Anhalt erinnerte unsre Partei in diesem Ländchen alle diejenigen, die mit Klatschgeschichten über republikanische Minister Stimmung machen, an die frühere Hofhaltung in diesem 3wergstaat. Nach dem und Staatshandbuch von 1912" wurde zur Bedienung der hoheiten in diesem einzigen Ländchen auf Staatskosten unter halten: 1 Oberhofmarschall, 1 Hofmarschall, 3 Flügeladjutanten, 1 Oberhofmeister, 1 Oberhofmeisterin, 2 Hofchefs, 5 Staats-, Palast und Hofdamen, 1 Leibstallmeister, 6 Hofjäger, Hoffuriere, Oberbüchsenspanner und Marstalloberinspektor, 6 Haushofmeister, Hausmeister, Wagenmeister, Marstallschreiber, 33 Kammerlateien, Rammerdiener, Hoflakeien, Leibjäger, Lateien, 11 Palais-, Schloß-, Hausdiener, 13 Kammerfrauen, Kammerjungfrauen, Garderobieren, Weißzeugverwalterinnen, Haushälterinnen, 10 Hofföche, Köche, Kellermeister, Tafeldecker, 1 Bureauassistent, 2 Kanzlisten, 1 Bote, 6 Röchinnen, Küchenmädchen, Silberwäscherinnen, 18 Schloß- und Zimmermädchen, 13 Hofgärtner, Obergärtner und Obstbaumwarte, 6. Kaftellane und Raftellaninnen, 42 Leibkutscher, Hoffutscher, Rutscher, Chauffeure, Reitfneehte, Marstallgehilfen, 4 Schloßarbeiter, Heizer und Jagdaufseher, endlich noch ein Erzieher, 1 Er zieherin, 1 Kinderfrau, 1 Hofgondelier. Außerdem waren noch eine Anzahl Arbeiter und Hilfskräfte beschäftigt, die das" Hof und Staatshandbuch" nicht besonders aufführt. Das sind im ganzen rund 200 Personen in einem Lande, bas nach der neuesten Volkszählung insgesamt nur 333920 Einwchner aufweist! Ueber die Verschwendung, die in jedem monarchischen Bundesstaate lediglich für die„ Hofhaltung" getrieben wurde, haben sich die braven Spießbürger niemals aufgeregt. Dafür mätein sie aber um so unentwegter über die verhältnismäßig befcheibenen Ausgaben, die auch der republikanische Staat leisten muß, um sein Gefüge aufrechtzuerhalten. Der amerikanische Konjul in Teheran( Persien) ist nach einer Reutermeldung vom Straßenpöbel getötet worden. Das römische Satholifenblatt verwarnt. Der Präfelt von Rom hat das Drgan der italienischen Boltspartei Popolo" gestern zum ersten Male wegen eines Artikels gegen den Finanzminister be Stefani, den italienischen Unterhändler in London, offiziell berwarnt " Die Krise der Völkischen. Putsch und Parlament. Es ist das Wesen einer putschistischen Partei, daß sie mit souveräner Verachtung über die politischen Tagesfragen und über die politischen Realitäten hinwegsieht. Für sie gibt es feine brennenden Probleme und feine Lebensnotwendigkeiten außerhalb ihres einzigen Gedankens, der das Zentrum ihres Denkens und Handeins bildet. Auf diesen einzigen Gedanken starrt sie wie hypnotisiert. Er wird für sie zum Angelpunkt der Welt. Seine Berwirklichung ist für sie die Lösung aller Pro bleme, deren automatischen Vollzug fie in stillschweigender Voraussetzung erwartet. Die ganze Gedankenarbeit und Or ganisationsarbeit einer putschistischen Partei konzentriert sic deshalb auf einen Punkt: auf eine einzige Handlung, die di Wende der Zeiten bedeuten soll, auf den Putsch. Die Hypnos der Aktion beherrscht die Angehörigen der Partei: die ersehnte Aktion gewinnt für sie mystischen Glanz. Man schreibt ih wunderbare Gewalt zu, ohne flare Vorstellung von ihren Wesen und ihrer Wirkung zu haben. Man berauscht sich in Gedanken an solche Aktionen und an die Ekstasen, die dami verbunden sein werden. Der uralte Glaube an einen Schöp& fungsaft, eine Ursache, die alles aus sich heraus erzeugt, en scheint im Glauben der putschistischen Parteien neu als Glaub an eine politische Universalmedizin. Diese Konzentration hält die putschistischen Parteien zu sammen und macht sie aktionsfähig. Die Hypnose der Aktion gibt ihren Bewegungen elementare Gewalt- wenn sie di Anhänger so ergriffen hat, daß sie alle Hemmungen der Ver nunft ausschaltet. Aber für alle putschistische Parteien gibt e einen kritischen Punkt: den Putsch selbst. Denn in der Aktion stößt der Glaube der Putschiften zusammen mit der politischer Wirklichkeit. Die mit souveräner Verachtung übersehene fleinen Dinge des politischen Lebens, die gehöhnten und ver achteten politischen Gegner und Einrichtungen, die Erforder nisse des geordneten Ganges des gesellschaftlichen und wiri schaftlichen Lebens zeigen plöglich eine unvermutete Härte un Bedeutung, an der die Aktion der Putschisten zusammenbricht Eine putschistische Partei nach dem Putsch ist etwa anderes als eine putschistische Partei vor dem Putsch. Di Jungfräulichkeit des naiven Glaubens an die Allgewalt de aufgerollten Fahnen der Aktion ist dahin, das Band der ge meinsamen Hypnose ist zerrissen. Notwendige Zersegung tri ein. Auf der einen Seite die fanatischen Elemente, deren Glaub und Hoffnung den harten Stoß der Wirklichkeit übersteht auf der anderen Seite die Enttäuschten, die plötzlich erkenner das alles ganz anders war und ist, die Führer, die selbst nich mehr hypnotisiert sind, und danach trachten, sich in den Gan des wirklichen politischen Lebens einzugliedern, um den Di ganismus ihrer Partei, die Grundlage ihrer Führerstellung z behaupten, und die Parteiidee durch einen Umwandlungsproze in Einklang zu bringen mit den politischen Tatsachen. Das i die Situation einer jeden putschistischen Partei nach den Butsch sogar nach einem Butsch, der den Putschisten Mach gab. Wievielmehr erst nach einem mißlungenen Putsch. In diefer Situation befinden sich die Völkischen seit de Harlekinade der Hitler und Ludendorff in München. Die Zer setzung ist nicht sofort in die Erscheinung getreten. Zunäch wurde sie aufgehalten durch das gerichtliche Vorgehen gege die Putschisten, das sie alle nochmals in eine Front brachte un zum Zusammenhalt zwang. Nach dem Prozeß tamen di Wahlen. Die Wahlhoffnungen waren für das Fußvolk de völkischen Putschisten der Ersatz für die Hoffnungen, die sie bi dahin auf die Attion gesezt hatten. Sie erhofften einen über wältigenden Wahlsieg, an den sie diefelben Hoffnungen knüpf ten wie bisher an den Putsch: die automatische Verwirklichun ihrer Einbildungen, die Umwälzung des Staates, die Umwäl zung der innenpolitischen und außenpolitischen Bedingunge des deutschen Lebens. Wären die Völkischen in der Wahl völli zusammengebrochen, hätten sie keine ansehnliche Stimmen- un vielleicht wäre die Folg Mandatszahl auf sich vereinigt eine Neubelebung des Glaubens an die alleinseligmachend Kraft des Putsches gewesen, eine erneute straffe Zusammen fassung der Kräfte und die Einheitlichkeit der Ideologie. Di Dinge sind aber schlimmer für die Völkischen gekommen: si haben vor allem in Bayern eine ansehnliche Stimmen und Mandatszahl erreicht. Das wurde die Grundlage für nod größere Enttäuschung und noch größere Ernüchterung. Den nun mußte das putschistische Fußvolt erkennen, das es nich die einzige politische Kraft ist. Und was nun?" das ist di Frage, vor der die Völkischen nach den Wahlen standen, un on der sie innerlich sich zersetzen. Der Rausch ist vorüber, un der graue politische Alltag beginnt. Mit ihm die Auseinander segung zwischen den Führern, die noch festhalten an der Fiktion tommender putschistischer Aktion, und denen, die sich auf de Boden der politischen Realität, das heißt des Barlamentaris mus, stellen, mögen sie auch noch so sehr an der alten Phraseo logie festhalten. 11 Das ist die Grundlage für die Differenzen in der völkische Bewegung, die als Gegensatz zwischen dem Trommier de Butsches Hitler, und den neugewählten parlamentarische Führern, den Reichstagsabgeordneten und den Landtagsabge ordneten auftreten. Hitler siht in der Festung. Mag sein Haft noch so sehr allen Anforderungen entsprechen, die ei völkischer Putschist an ein fideles Gefängnis stellen kann-fi hat für ihn jedenfalls die Bedeutung, daß sie ihn politisch firiei auf den Punkt des Putsches und seiner unmittelbaren Nach wirkungen. Er erscheint sich und seinen fanatischsten unmittel barsten Anhängern als Märtyrer und Symbol des Putsches als Verkörperung und Firierung des Gedankens der putschisti schen Aktion. Für die Reichstagsabgeordneten und Landtags abgeordneten aber steht die politische Entwicklung nicht still Nicht nur, daß der Mechanismus der Parlamentsarbeit sie er- faßt und mitnimmt, ob sie wollen oder nicht. Sie müssen um der Existenz ihrer Partei willen und damit um der eigenen Führerstellung willen Stellung nehmen zur politischen Wirk- lichkeit. Sie müssen sich in Aktion, in parlamentarische» Aktion, zeigen, um die Existenzberechtigung ihrer Partei, und damit ihre eigene Existenzberechtigung als Reichstags- und Landtagsabgeordnete zu erweisen. Damit ist zunächst ein Kamps um die Führung bei den Böllischen gegeben. Für Hitler ist die Voraussetzung für die Behauptung der Führung das Beharren in dem einzigen Glauben an die neue kommende outschistische Aktion— für die Parlamentarier die Abkehr von der ausschließlichen Anbetung der Aktion und die Wendung zur parlamentarischen Arbeit. Dieser Kampf um die Führung zeigt sich in der inneren Verwirrung der völkischen Bewegung, in Spaltung und Grün- dung von neuen Gruppen, er wird auf dem bevorstehenden Parteitag der Nationalsozialistischen Freiheitspartei scharf hervortreten. Die Völkischen sind auf dem Wege zum Parlomen- tarismus. Das will nicht sagen, auf dem Wege zu verantwor- tungsbewußter parlamentarischer Mitarbeit, sondern auf dem Wege zur parlamentarischen Agitationspolitik. Sie gehen den Weg, den eine jede politische Partei, die mehr als bloße Kon- junkturerfcheinung sein will, gehen muß. Aber schon die parla- mcntarischc Agitationspolitik erfordert feste Verbindung mit großen ideellen und materiellen Interessen. Das ist die Probe auf das wahre Wesen und den wahren Inhalt einer jeden Partei. Die Anhänger der Völkischen aus den Kreisen der arbeitenden Bevölkerung und den bürgerlichen Mittelschichten gehen des- halb einer dritten Enttäuschung entgegen. Nach der Erschütte- rund durch den mißlungenen Putsch die Erschütterung durch den Wahlerfolg, der die Welt nicht aus den Angeln hob, nach der Erschütterung durch den Wahlerfolg aber kommt die Er- schütterung durch die parlamentarische Arbeit der Völkischen, die sie heute schon zeigt teils als unheilbare Querulanten, teils als Hilfstruppe der finstersten sozialen Reaktion. Wo aber ist die große ideelle Grundlage, die dieser Partei Dauer und Existenzberechtigung geben könnte? der»Stahlhelm� verjuöet! Enthüllungen seiner Anhänger. Wi« weit die Zersetzung im„Stahlhelm" gediehen ist, zeigen uns mit eindringlicher Deutlichkeit die Nummern 9 und 12 der Zeitschrift„Tannenberg", die als Organ der ostpreußischen„Vater- ländischen Frontsoldaten" firmiert. Die Spaltung des„Stahlhelms" ist in Ostpreußen besonders stark. Die meisten der dortigen Orts- gruppen sind aus dem„Stahlhelm" ausgeschieden und haben sich den völkischen" bayerischen Kriegerverbänden angeschlossen. Die Magde- burger„Volksstimme" findet nun in Nr. 9 dar obengenannten Zeit- schrist einen Artikel über den„Stahlhelm", der einem woiteren Leser- kreis« vorgelegt werden muß. Aus Rücksichten auf den Raum können wir leider nur einige Proben wiedergeben. Aber auch diese werden schon genügen: Die Herren dort(Bund« s l e it u n g des„Stahlhelms" in Magdeburg. D. Red) unterscheiden peinlich zwischen dem Genera! und dem Politiker Ludendorff und rücken von letzterem in Nr. 7(des„Stahlhelms". D. Red.) merklich ab. Was soll denn da noch die Versicherung der Treue? Ist diese nicht hin- fällig, wenn sie an Bedingungen geknüpft wird? Das ist— ohne Personenkult zu treiben— u nd e ut s ch und ünv ölkisch, hänolerischer und jütischer Geist. Weiter: Die T reu� ist das Mark der Ehre, so schloß jenes Telegramm (des„Stahlhelms. D. Red.) an Ludendorff. Hatte man sich dazu. entschlossen, so gab es kein Zurück mehr, man verlor dadurch das Mark, wurde zum Händler, zum Schacherer. Der B undc so ersitzend« Seldt« in Magdeburg bekommt es Aanz dick: Unsere ostpreuhischen Schädel können dies« Tatsachen nicht vereinen und jeder«cht völkisch Empfindende wird sie ebenfalls icicht gutheißen können. Kürzlich ließ der Herr Bundesoorfitzende Seldt« iherrn Stresemann hochleben, der bekanntlich erfüllen will. Und der Artikel schließt' ... kein Ausstemmen gegen scheinbar unüberwindlich« Lasten, sondern kluge Berechnung des Vorteils, kein Lebenseinsotz oder Frage nach dem Gewinn, sondern Unterwerfung unter den Nutzen und Erfolg. Das ist Eünd« widex de» völkischen G e i st l Wodan sei es geklagt: e» sieht schlimm aus um die Erneuerer Deutschlands. Einer entlarvt den anderen. Und alle diese völkischen Helden stehen offenbar im Dienste jener„geheimen Oberleitung des jüdischen Voltes", von der Lmdström-Ludendorff in seinen Nieder- lagenerinnerungen«rzählr. Wi« o« r j u d e t aber nicht nur der„Stahlhelm", sondern auch die Deutschnotionalen sind, zeigt uns Nr. 12 derselben Zei- tung„Tannenberg". Da steht wortlich: Der„Stahlhelm" Ostpreußen ist in das parteipolitisch« Fahr» wasser der Deutschnationalen Volkspartei geraten. Der Kurs begann, als stch der Führer der Vaterländischen Ber- bände Major Flstcher zum Spitzenkandidaten der Deutschnationalen Voltspartei aufstellen ließ, obwohl die zahlreichen Kameraden der andeoen Parteien nicht hinter ihm standen..�.Umvon dieser «inseitigen d« uts ch n a t i o n al« n P arte iw ir tsch a s t endlich loszukommen, rufen wir alle Frontsoldaten zur Gründung des Frontkämpferbundes Ostpreußen auf. Kameraden, jetzt gibt es für uns kein Zurück mehr... Nur die Losung: G e- schlössen hinter Lupendorffl Treu« um Treue! Bemerkenswert ist vcr allem der völkische Beweis, daß dl« Deutschnational« Partei eine von Händler- und Schachergeist erfüllt« Juden parte! ist. Denn der„Stahlhelm" ist jüdisch und frei von deutschem Geist und der„Stahlhelm" ist gleichzeitig deutschnational bis ms Mark.„Wenn zwei Größen einer dritten gleich sind, so sind sie untereinander gleich"— das lernt schon jeder zehnjährig« Junge in der Schick«. In derselben Nr. 12 der Zeitschrift„Tannenberg" steht nebenbei eine von einem gewissen Gieseler unterschriebene Erklärung, gemäß der Emigungsverhandlun- gen(mit diesen„verjudeten" deutschnatioimlen„Stahlhelm"»Händ- lern) gescheitert seien. Di« Erklärung schließt:„Im Auftrag von Exzellenz Ludendorff ist nunmehr die Gründung des Front- kämpf« rbundes Ostpreußen vollzogen worden." Die Spaltung im„Stahlhelm"(st also perfekt. Der Tiefseepolpp als Spaltpilz. Aus dem völkischen Bruderkrieg. Herr I. Bucher vom„Deutschen Tageblatt" ist in Memungs- differenzen mit dem Münchener Mitarbeiter der„Deutschen Zeitung" geraten. Er fährt nun mit dem Unglücklichen folgendermaßen ab: „Es war nicht zu erwarten, daß der gemeinste liesseepolyp in den Spalten eines Blattes sein Wesen treibt, das leider immer noch auch von manchen unserer Freunde als völkisch, w«nn viel- leicht auch mit einer gewissen Bedingtheit, angesehen wird. ... Wer diesen Artikel geschrieben hat, der steht bewußt sein« Aufgab« darin, als Spaltpilz in den völkischen Reihen zu wirken, für den gibt es nichts anderes als Zersetzung und Zersplitterung. ... Ein derartig erblich belasielcr Mann ist wirtlich nicht fähig, unsere Freundeskreise in München irgendwie in Verwirrung zu bringen. Ueber dos geschwollen« Köpfchen dieses Männchens hinweg reichen wir unserem herrlichen Adolf Hitler, dem einqekcrten Helden, die Hand zur Treue." Wir haben jüngst aus einer Polemik desselben Herrn Bucher mit Herrn Alfred Roth erfahren, baß es im Lager des völkischen Idealismus Lumpen und Schwein« gibt. Aber was ist ein gewöhn- liches völkisches Schwein gegen einen erblich belasteten Tiessee- polypen, der zugleich als Spallpilz wirkt! Es wird allmählich Zeit, die ganze völkische Bewegung als Geschenk dem Zoologischen Garien zu überweisen. Gberbürgermekfterkrlfe in tzeiöelberg. Heidelberg, 19. Juli.(WTB.) Nachdem der Bürgerausschuß mit 16 Stimmen bei Deutschnalionalen, der Deutschen Volkspart«!, des Zentrums und der Kommunisten gegen 82 Stimmen der Demo- traten und Sozialdemokraten den Haushaltsvoranschlag abge- lehnt hatte, hat Oberbürgermeister Dr. Walz leinen Rücktritt von seinem Amt als Oberbürgermeister erklärt. Das Rücklriilsgesuch des Relchslinanzmlntster» Dr. Luther al» Oberbürgermeister von Essen ist in der gestrigen Stadtverordneten- Versammlung angenommen worden. Kampf gegen öureaukratenmauern. Siering und das preußische Porzellan. Im Untersuchungsausschuß des preußischen Landtages wird über die Frage verhandelt, ob der preußische Handels- minister, Genosse S i e r i n g, absichtlich das Etatsrecht ver- letzt habe, als er eines guten Tages einen anerkannten Fachmann für die Umstellung der staatlichen Po r- zellanmanufaktur warb. Aus dem Bericht über die Vernehmungen im Untersuchungsausschuß hat man schon ent- nehmen können, welche Widerstände sich dem Minister entgegentürmten, als er dem Berlangen der LeffentUchkeit nachzukomemn suchte, die staatlichen Werke in kaufmännische Betriebsführung zu bringen. Die„Germania" nimmt nun zu dem bisherigen Ergebnis der Untersuchungsoerhandlungen vorläufig Stellung. Sie ist der Meinung, daß sich eine absichtliche Etatsverletzung durch Siering nicht erweisen lasse und fährt dann fort: Weit inteveflaMer waren dt« Verhandlungen, die sich um die Anstellung und Absetzung des Herrn Gohlke drehten. Hier gab es auch polltische Leckereien! U. a. ein zufällig belauschtes Ferngespräch, In dem gewisse S reife sich gegenseitlg zum Kampfe wider den Mini- fler ermutigten, lieberhau pt hatte man den Eindruck, daß der sozlcckifttsche Minister zum mindesten einen starken politischen Mder- stand vor sich sah. und daß er bei dieser Einstellung des Ministeriums allmählich die Empfindung haben mußte, dich Selbsthilfe hier allein zum Ziele führen könne. Geht man von diesen Gesichtspunkten«ms, so wird manches verständlich, u.«t. auch das brüske Vorgehen des Herrn Siering bei der Abhalsterung des Herrn Gohlke; denn von einer solchen muß man doch wohl sprechen. Auch Herr Gohlke ist vernommen worden. Der Typ eine» höhereu preußischen Beamten alten SM»: sachkundig, gewissenhast, kenntnisreich und durchdrungen von seiner Itneutbehclichkeit. aber doch kein Mann, um einen modernen Betrieb zu schissen und ihn in frischer Zaisiaöve und tress- sicherem orgaaisationsblick auf die höhe zu führen. Mit diesem Manne konnte der Minister nimmermehr sein Ziel erreichen; aber er war«in gefährlicher Gegner für den Minister, weil er die Unterstützung des gesamten„geregelten Geschäftsgänge»" für sich hatte. Ihn hat Herr Siering sehr wesentlich unterschätzt, und daraus ergeben sich er st geschäftsmäßige, dann parlamenta- rische Spannungen und Friktionen, die man nicht mit einem Alexanderhicb beseitigen kann, solange man sich in einem parlamen- tarischen Staate befindet. Das„gute und bewährte Alte" traf hler in erbittertem Bingen mit dem vorwärtsstünnendeu Reuen zu- fammen. dessen Vertretung zwar nicht immer geschickt, aber sicherlich gut gemeint nxrr. Auch dieser Teil der Untersuchung hat an Beweismaterial gegen den Minister kaum wesentliches gebracht. Er wird vorsichtiger wer- den müssen und mit den entgegengesetzten Mächten mehr rechnen. Für den politisch Zoieressierlen ab r war das Ganze deshalb so inker- essanl, weil es einen klefe» Einblick in die Schwierigkeiten bot, in die Zentralwstanzen«neu dem demokralisihen Staate entfprech nfccn neuen Geist hineinzubringen. Daran ist auch dos Zentrum interessiert. An anderer Stelle spricht die„Germania" von der „Empfindlichkeit eines gewesenen Ministers", und diese Bc- merkung zielt sicher auf Herrn Fischbeck, der seinem Amtsnach- folger noch immer nicht grün sst. Indes hat die„Germania" recht, wenn sie auf die unge« heuren Schwierigkeiten hinweist, die der„geregelle Geschäfts- gang", das heißt das ganze Heer der Bureaukraten, jedem frisch zugreifenden Erneuerer macht. Im Falle der prcn« ßischen Porzellanmanufaktur wirkt noch doppelt befremdend. daß diese Hemmungen durch die Bureaukratengesellschaft freundliche Unterstützung bei den Bolksparteilern fanden, die sonst nicht laut genug„kaufmännische Grundsätze" in den Staatsbetrieben fordern können. Hier, wo ein Sozial» d e m o k r a t den schwerfälligen Betrieb der Porzellanmanu- faktur in kaufmännischen Trab setzen wollte und dabei den Widerstand der Bureaukraten kaltstellen mußte, bot sich Gc- legenheit, ihm volle Unterstützung zu gewähren. Was der volksparteiliche Finanzminister sich aber da an Erschwerungen geleistet hat, muß nach seinem eigenen Geständnis festgehalten werden. Der öahnhof. Skizze von Heinrich Goldmann. Der Wirt des kleinen Restaurants, in dessen dumpfengem Raum der Schriftsteller allabendlich mit seiner Freundin, der blonden Anni, zusammen zu sein pflegte, wandte den Kopf halb rückwärts zur Uhr und rief:„Feierabend!" „Hast du auch wirklich noch Geld zum Nachtlogis?" fragt« das Mädchen den Freund mit ihren besorgt aufgeschlagenen Blauaugen. „Es reicht, mein Kind," beruhigt« er sie. Dann verließen sie das Lokal, und auf der Straß« schieden sie mit Händedruck und Kuß... Aber, das Geld— reichte nicht. Ja, wenn sie das Paar warme Würstchen nicht gegessen hätte! Aber lieber nahm er die entsetzliche Qual einer bleischweren Nachtwanderung auf sich, als daß er sein liebes Mädel hätte hungrig zu Bett gehen lassen wollen. Wie oft hatte sie selbst nicht schon Opfer für ihn gebracht! Und mit diesem Gedanken schritt er in die Nacht hinein. Ziel- los zunächst. Denn bis zur vierten Morgenstunde, an deren Beginn die Fernbahnhöfe der Welistadt ihr« Portale öffnen, lag noch eine weit« Wanderwüste, die den Fuß müde macht, die das Aug« l««r läßt, die an den Nervensträngen reißt. Das einzige Geräusch ist dann der Schritt, der zum eigenen Ohre heraufknallt. Oder es ist ein trabender Droschkengaul, dessen magerer Leib über den aufhallen- den Asphalt schaukelt und so eindringlich daran mahnt, daß es doch die Zeit dazu ist, müde zu sein und keine Umwege durch Haupt- und Seitenstraßen zu machen, sondern den kürzesten Weg zu nehmen. Aber unser Nachtwanderer legt ob, sichtlich Entfernungen zwischen seinen Wunsch und sein Ziel. Denn die vierte Morgen- stunde ist noch so weit. Der Warteraum dritter Klasse des Anhalter Bahnhof» war sein Ziel. Wie schon so manchesmal. Dort, im Gewimmel der Menschen, konnte sich das hungrige Auge wieder satt sehen, füllt« sich die Phantasie mit den Bildern der Reiseromantik. Und der fromme Selbstbetrug hatte immer«ine so wohltuend« Heilkraft für ihn, wenn er die Wünsch« seiner eigenen Reiselust in das Kielwasser der hinausgleitenden Eilzüge legte. Dann erlebte er im Geist« die fernsten Gegenden, und in den«legantesten Hotels durchschritt er, stolz aufgerichtet, di« Spaliere der zur Begrüßung aufgereihten Kellner Versunken war dann die bleiche Nacktheit der Gegenwarts- not, und... Und da war er mit einem Male dicht an den Askanischen Platz herangekommen. Vor ihm ragte das rotduntle Riesenmassiv des Anhalter Bahn- Hofs, hoch oben an seiner Stirn die Uhr, von der eigenen Lichtseele laut erhellt. Und die Uhr-«igte jetzt gerade erst die dritte Morgen- stunde. Und wieder wollte sich der Nachtwanderer zum Gehen wenden, da trieb ihn ein leise«insetzender Regen in den Schutz der überdachten säulengeiragenen Anfahrt des Bahnhofsgebäudes. Eine ganze Stunde in der sich anfrischenden Nachtluft in den weinenden Regen hineinsehen! Dies denken zu müssen! Wie ein« Krall« griff es in sein wundenmüdes Herz. Aber da plötzlich stieg aus der nachtnebelverstopften Portalnische rechts hinter ihm ein Zweigesang zu ihm auf. Und wie er hinblickte, gewahrt««r zwei lässig lang hing-streckt« junge Leute, dicht nebeneinander. An sein Herz rührte der Gesang der beiden. Es war ein englisches Lied Die Melancholie des amerikanischen Straßengesanges floß weich in sein« Seele. Ganz hingegeben, lehnte er gegen den Pfeiler, und das Auge träumte in den Regen hinaus, der immer heftiger wurde. Und jetzt klatschten dicke Tropfen auf den Asphalt. Ein Blitz zuckte über den Himmel, dann brüllten die Wolken donnernd auf, die schmerzende Feuerwunde im grauen Leib, und ein wrltenbruchartiger Regen kracht« auf Dächer, Anlagen und in das Geäst der Bäume, schlug hellkugelig« Blasen auf dem Asphalt und— peitschte aus den Anlagen, von den Bänken,«in« ganze Schar obdachloser Nachtvögel auf. plötzlich die regengeschützte Anfohrthalle füllten. Draußen fegte der Sturm aufwehende Wasserschleier über den Platz. „Im Winter sind es schneidende Schneeschauer," dacht« gewiß so mancher oo» den allen, di«, fröstelnd die Fäuste in die Hosen- tasch« drückten und dem Toben von Wind und Regen stumpfsinnig zusahen. Denn so mancher mochte wohl schon monatelang hier auf die einlaßgewährende viert« Morgenstunde gewartet haben, weil er eben so lange Zeit kein« bedachte Laube sein eigen nennen durfte, dafür ober ungezählt« Hektar— Sonnenschein,««nn die Sonne nicht gerade anderswo beschäftigt war. Und endlich— di« echten Reisenden treffen ein, Automobile und Droschken fahren vor. oder man kommt zu Fuß. Etwas verfrüht noch, aber da knarrt es ja schon im Schloß des Portals. Vier Uhr. Und bald ist di« Schar der Wartenden verschluckt. Der grauend« Morgen oder der licht« Tag aber lockt sie alle einzeln wieder heraus— in die Ungewißheit des pulsierenden Lebens...» Mekn arischer �unge. Ich sitze mit meiner Frau und meinem dreijährigen Jungen Im D-Zug. Mein Bubi hat einen strohgelben Wuschelkopf und wasser- blaue Augen. Auf einer Station steigt eine Dam« sti unter Abteil. Sie sieht wie ein« angejahrte Lehrerin am Lyzeum oder wie«tne Offiziersfrau a. D. aus. Al« Brosche trägt sie ein Hakenkreuz. Der Jung« turnt im Abteil herum und sie lächelt über seine drolligen Fragen. Plötzlich legt sie los:„Ach, sst dos ein fchöne» Kind,«in richtiger arischer Junge,— germanische Nollrasse, in dem steckt kein jüdisches Blut, da» sieht man gleich am Haar und an den Augen." Mein« Frau und ich sehen uns schweigend an. Die Dame schwärmt weiter, schließlich sagt sie:„Nicht wahr. Sie achten darauf, daß dieses edle Rasseblut nicht jüdisch verseucht wird, wie es leider so viele germanssche Familien zuließen?" „Verzeihen Sie," erwidere ich höflich,„ich kann meinem Jungen doch nicht verbieten,«ri« Jüdin zu heiraten. Und dann ist die ganze Rassenfrago doch nur eine Theorie." „Eine Theorie?" Erstaunt und mißtrauisch sieht mich die Dom« an. „Aber natürlich— rechnen Sie zum Beispiel die Franzoien und die Polen zur arisch-germanlschen Rasse?" „Um Gottes willen, da, sind ja mit die minderwertigsten Böller Europas!" „Das ist sehr schmeichelhaft;— aber wie wollen Sie die Rasse- reinheit sessstellcn?" „Gewiß ist das nicht immer möglich, aber an Ihrem Kinde sieht man doch deutlich, daß sn Ihrer Fomitl« kein schlechtes, fremd- stämmiges Blut fließt." „Bedaure, Ei« irren. Ich stamme aus einer alten französischen Huqenottenfamiii«, die nach Deutschland auswanderte, und die Vor. fchren meiner Frau waren Polen. Sie sehen, was für ein hübsches Kärtchen aus einer polnssch-stanzöstsch-deutschen Blutmischimg im Laufe der Generationen werden kann." Während ich dos ruhig und verbindlich lächelnd sage, erhebt sich die arische Tont« und nimmt ihren Koffer aus dem Netz. „Es ist schrecklich! Jetzt bleichen diese Frcmdstämmlgen ihren Bälgern schon die Haare, um die arische Rasse zu täuschen!" „Ja, und die Augen haben wir dem Bengel mit Waschblau an- gestrichen!" rufe ich der Bogelscheuche nach, die die Schiebetür ins Schloß knallt. Mein« Frau und ich aber lachen uns Tränen, und unser Bubi steht dabei und fragt noch dem Grund. Und alle» wegen seln«» Strohdaches und seiner Blauaugen! Fred Hermann Den. Zur gestrigen.H!nkemann"-Ausiührung können wir noch er- gänzend berichten: Als das durch die Darstellung Alfred Beierles(Hinkemann) und Lore Wagner»(Grete Hinke- mann) auf» tiefst««rschütiert« Publikum des R« s i d« n z t h« a t e.r» zum Schluß ununterbrochen nach Ernst Toller rief, trat endlich, von Beierle und Frau Wagner geleitet, der von nabezu 2909 Tagen bayerischer Gcfängnishaft gebleichte Mann auf die Bühne und sprach. Kraftvoll hell und zuversichtlich schwang sich seine Stimme durch den Raum. Kein« ungetrübte Freude könne«r über den herzlichen und lieben Empfang empfinden, denn er müsse an jene Opfer der baye- Tischen Justiz denken, di« er in Niederfchönenfeld Hab? zurücklassen müssen.„Ein jeder von Ihnen." so ruft Toller der ergriffenen Menge zu.„möge die Stimm« der Gerechlgkeit gegen die bayerisch« Regte- rung erheben, damit endlich den noch immer in bayerischen Gefäng. nissen Lchmoch'enden di« Freiheit wiedergegeben wird!" Fünf Jahr« moderner bayerischer Inquisition haben vielleicht den Körp-r dieses Dichters anätzen, nicht aber den Geist zerreiben können. Das ist der Eindruck, den wir erhielten, als wir Ernst Toller gestern abend sprechen hörten.— tr. «tflauffahtungm der Boche. VlniZwg: Fnttme« Theater: ,Dee «b«;.lRoiHilichtu':.Der Sesehl".— Freilog: Tribüne:.viederleute." Fortschritte trotz Schwierigkeiten. Condon, 19 Juli.( Eca.) Der geftrige Tag der Londoner Konferenz hat einen fehr günstigen Eindruck Hinterlassen, zumal die Arbeiten in der Kommiffion Nr. 1, die sich mit der wichtigsten Frage der Konferenz, nämlich der der deut. schen Berfehlungen zu befassen hat, gestern bedeutende Fortschritte gemacht haben Ueber die Frage der Sanftionen, die im Falle einer absichtlichen Berfehlung Deutschlands ergriffen werden sollen, hat die französische Delegation eine zweite Note ein. gerzicht, die sich bemüht, dem englischen Standpunkt etwas näher zu kommen. Diese note ist gestern morgen fertiggestellt und gestern nadymittag ber Kommission vorgelegt morben. Die Rommission hat sie ihrerseits einer besonderen Unterfommission überwiesen, die sich in zweistündigen Beratungen damit beschäftigte, bie Note zu über. fetzen und noch einige nachträgliche Aenderungen einzufügen. Die beiden ersten Paragraphen dieser Note befaffen sich mit der Ernennung des amerikanischen Vertreters in der Reparationsfomiffion für den Fall der Feststellung eventueller deutscher Nichterfüllungen. Ueber diesen Bunft ist bereits in der Kommission eine vollkommene Ginigung erzielt morden. Der amerikanische Delegierte soll in einem Zeitraum von 30 Tagen nach Annahme des Tertes durch die Reparationskom mission von dieser ernannt werden. Seine Amtsbauer bei der Re parationsfommiffion ist auf fünf Jahre festgelegt. Seine Er nennung soll auf Grund einstimmigen Beschlusses der Mit glieder der Reparationsfommission erfolgen. Für den Fall, daß die Reparationstommiffion fich nicht einigen kann, soll die Ernennung durch den Präsidenten des Internationalen Schiebsgerichtshofes im Haag erfogen. Weiter hat man sich in dem Ausschuß für die deutschen Berfehlungen darüber geeinigt, daß für den Fall, daß wirklich die Reparationsfommission eine deutsche Nichterfüllung feststellt, die Alliierten fich unverzüglich über Maßnahmen zum Schuge der eigenen Interessen der Alliierten und der Interessen der Anleihezeichner verständigen sollen. Diese beiden Punkte wurden einstimmig von der Kommission angenommen unter dem Vorbehalt der nachträglichen und endgültigen Zustimmung der Bollfizung der Konferenz. Der Ausschuß befaßte sich dann weiter mit den Paragraphen Der Ausschuß befaßte sich dann weiter mit den Paragraphen der französischen Note, die sich auf die Garantien für die Anleihezeichner im Falle von Santtionen beziehen. In diesem Punkte ist noch feine voltommene Einigung erreicht worden. Washington für Ernennung Youngs zum Generalagenten. New Bort, 19. Juli.( Durch WLB.- Funkspruch.) Wie die Regierung feine Kenntnis von der Absicht erhalten, Owen Young „ Associated Breß“ aus Washington meldet, hat die amerikanische zum Generalagenten für die Reparationszahlungen zu ernennen. An hervorragender Stelle sei aber festgestellt worden, daß es der Regierung genehm sein würde, wenn Young dieser Posten angeboten würde und er ihn annehme. In Regierungsfreisen sei man der Anficht, daß Young für diesen Poften fehr geeignet sein würde. Es fei hervorgehoben worden, daß eine Wahl, was die amerika nische Regierung angehe, feinerlei offizielle Bedeu tung haben würde. Schwierigkeiten wegen der Regieaufhebung. London, 19. Juli.( Eca.) Ueber den Inhalt des Seydour- Planes zur Wiederherstellung ber normalen Berhältnisse im Ruhrgebiet werden nunmehr einige Einzelheiten befannt. Der Entwurf schlägt vor, daß die im Ruhrgebiet ergriffenen 3wangs maßnahmen zunächst einmal finanziell weiter ausgebeutet werden sollen, bis zu dem Tage, an dem der Sachverständigenplan voll transferiert ist. Aber die Maßnahmen sollen in fünf Etappen aufgehoben werden. Diese fünf Etappen follen durch bestimmte Lei stungen Deutschlands gekennzeichnet werden, das fünf von der Reparationstommiffion vorgeschriebene Bedingungen zu erfüllen haben wird. So werden nacheinander die Kohlensteuer, die Lizenzen, weifer die zwangsmäßigen Sachlieferungen, die Micum- Abkommen und schließlich die Zollgrenzen und die Eisenbahnregie verschwinden. Für die Eisenbahnregie find allerdings zahlreiche Einschränkungen in dem Plan Seydoux' vorgesehen, die damit begründet werden, daß es sich darum handele, die Sicherheit der Besagungstruppen zu gewährleisten. Diese Maßnahmen, die zur Sicherung der Besatzungstruppen vorgesehen werben, sollen Gegenstand eines besonderen Anhanges zu dem Entwurf Sendour' bilden. Dieser Anhang ist im Gegensaß zu dem Hauptteil noch nicht fertiggestellt worden und bildet einen ber fchwierigsten Bunfte der ganzen augenblidlichen Verhandlungen. Heute vormittag mirb erneut eine große Sigung ber englischen, französischen und belgischen Militärsachperständigen statt finden, um den Text biefes Anhanges zu erörtern, und es wird hier bei sicher zu scharfen und schwierigen Berhandlungen tommen. Die Franzosen und Belgier sind der Ansicht, daß es absolut notwendig ift, eine Anzahl alliierter Eifenarbeiter und Beamter bei einigen wesentlichen Linien beizubehalten. England hingegen vertritt weiterhin die Ansicht, daß eine derartige Maßnahme dem Sachverständigenplan durchaus zuwiderlaufen würde. Es heißt in gewissen Konferenzfreifen, man beabsichtige, Marschall Foch aus Paris tommen zu lassen, um deffen Autorität für den franzöfifchen Standpunkt einzusetzen.. Eine Bestätigung dieser Nachricht ist bei der französischen Delegation nicht zu erhalten, doch wird zum mindesten versichert, daß für den Augenblid von einer Londoner Reise des Marschalls Foll noch nicht die Rede sei. ,, Wie seinerzeit in Versailles".(?!) Paris, 19. Juli.( WTB. Der Sonderberichterstatter der„ Ere Nouvelle" meldet, Macdonald und Herriot hätten gestern über die Zulassung Deutschlands zur Konferenz verhandelt. Ma cdonald wünsche, daß die Deutschen bedingungslos zugeIcssen würden, Herriot dagegen wolle ihre Zulassung nur unter den gleichen Formalitäten wie wie feinerzeit in failles(?!). Ber= Bon feinem anderen Blatt ist bisher etwas Derartiges ge meldet worden, fo baß man hoffen darf, die Redewendung wie feinerzeit in Versailles" sei nur ein Privatgedante des Ere- Nouvelle" Berichterstatters, der selbst keine Ahnung davon haben dürfte, unter welchen unerhörten und demütigenden Umständen die Deut. schen an der Versailler Friedenskonferenz„ teilgenommen" haben. Sollte aber Herriot tatsächlich so etwas vorgeschlagen haben, da wüßte ihm und feiner Mehrheit mit aller Deutlichkeit gefagt wer den, daß Deutschland einschließlich der Sozialdemokratie fich für eine solche„ Einladung" bedankt, die ebensogut von Clemenceau| fann also auch nicht die Antenne mit Gewalt entfernen eer en ausgehen könnte. Wenn sich Herriot seine Miniſteregistenz nur durch folche Konzeffionen an den Poincarismus erfaufen fann, dann täte er beffer, das Feld überhaupt und baldmöglichst zu räumen, bevor er den guten Namen, den er sich in den europäischen Demokratien erworben hat, völlig verliere. All dies vorausgesetzt, daß die Meldung der Ere Nouvelle" die Absichten Herriots tatsächlich widerspiegeln, was wir einstweilen be. zweifeln. Montag wieder Vollfihung. des Paris, 19. Jull.( WTB.) Nach dem Sonderberichterstatter Echo de Paris" findet die nächste Bollfigung der Konferenz am Montag statt. Jch dulde keine Schwarzmaler!" Als Wilhelm noch unser lieber Landesvater war, hat er ein mal das geflügelte Wort gesprochen: Ich dulde feine Schwarzfeher!" Das war ein sehr schönes Wort, wie ja denn überhaupt Wilhelm befanntlich nur schöne Worte gesprochen hat, und es war ein fehr wirkungsvolles Wort, fo mirtungsvoll, daß es heute noch einem allmächtigen Bureauvorsteher, der in einem großen roten Haus in Berlin siht, im Ohr hängt. Unlängst erst hat der Herr Bureauvorsteher Gelegenheit genommen, dieses schöne Wort in einer Variation anzuwenden. Und das tam so: Ein Malergeselle, ein junger und ein wenig übermütiger Mann, hatte von seinem Meister den Auftrag erhalten, das Gitter vor dem Fenster des Herrn Bureauvorstehers schwarz anzupinseln. Dabei erblickte befagter Malergefelle im Zimmer einen Kalender, auf dem Wilhelm und seine Verbündeten in prachtvollen Uniformen abfonterfeit maren. Da sagte fich der Malergeselle, was dem Gitter recht ist, muß dem Kalender billig sein, und, schmupp, bemalte er das blante Bild auch schwarz. Da aber geriet der Herr Bureauvorsteher in grimmen Zorn und rief aus: Jch bulde feine Schwarzmaler!" Im Anschluß an dieses martige Manneswort ließ er eine politische Epistel an irrfinnige Ansichten haben." Als der Gescholtene prompt erwiderte: den Malergesellen los und erklärte ihm: Wie kann man nur fo " Das Bild gehört nicht in unfere Zeit", wußte der Herr Bureauvorsteher feine andere Antwort als: Schmieren Sie doch Ihren Ebert an, dagegen habe ich nichts". Man sieht also, daß der Herr Bureauvorsteher auch lieb zu sein und nicht nur Verbote, sondern aber bestand in der Drohung, den Gesellen beim Meister anzuzeigen, auch Erlaubnis auszuteilen vermag. Seiner Weisheit letzter Schluß auf daß diefer den Schwarzmaler entlasse. Armer Bureauvorsteher! Die Ermordung der Frau Papke. Ausschaltung der Presse von der Berichterstaffung. Mag Baple und sein Bruder, ber Tischlerlehrling Kurt Bapte, Vor dem Jugendgericht hatten sich heute ber Schlofferlehrling wegen der Tötung ihrer Stiefmutter, der Frau Bauline Bapte aus Frau Papte in ihrer Wohnung tot aufgefunden. Der Hals war mit der Klopstockstraße 53, zu verantworten. 2m 31. März v. 3. wurbe einem Beberriemen zusammengefchnürt. Im Halfe stedte ein Taschen tuch als Knebel und die Hände waren mit einem Strid gefesselt. Die beiden Täter, auf die sich alsbald der Berdacht lenkte, waren unter Mitnahme aller Wertsachen und des Geldes flüchtig und wurden erst im Februar diefes Jahres festgenommen. Sie haben auch die Tat zunächst beide zugegeben. Der Haupttäter war der damals noch nicht 18 Jahre alte ältere Bruder War, während Kurt ihm durch Festhalten der Stiefmutter Beihilfe geleistet hatte. Später hat Rurt aber bestritten, überhaupt an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Die beiden jugendlichen Berbrecher, die furz vor der VerCindrud. Nach ihrer Darstellung gefiel es ihnen in der strengen handlung dem Gericht vorgeführt wurden, machen einen harmlosen Bucht des elterlichen Hauses nicht, auch vertrugen sie sich mit ihrer Stiefmutter nicht. Nach dem Jugendgerichtsgefey find neuerdings die Berhandlungen nicht öffentlich. Rechtsanwalt Dr. Mag Kantorowicz ftellte jebody nor Eintritt in die Verhandlung den Antrag, mit Rüd ficht auf das allgemeine Intereffe von der Bestimmung im Gefek, daß der Richter auch anderen Personen außer Angehörigen und Jugendpflegern den Zutritt gewähren fann, die Preise au und erklärte nach furzer Beratung mit feinen beiden Schöffen, daß zulaffen. Amisrichter Blume war aber anderer Ansicht die Oeffentlichteit pöllig ausgefchloffen bleibe. Tur dem Vater der Täter wurde der Zutritt zu dem Gerichtssaal gewährt verständige Sanitätsrat Dr. Leppmann und Medizinalrat Fräntel. Es find etwa ein Dugend Zeugen gelaten, außerdem als Sac Wir werden über den Ausgang des Prozesses weiter berichten. Freunde tuberkulöfer Kinder. Die schwere Schidigung des Belfes durch die TubertuInfe hat namentlich im Hinblid auf die fchwere wirtschaftliche Not feit geraumer Zeit mirtfame Abwehrmittel entstehen und ausbauen lassen. Im Rahmen des von Staat und Kommune erhaltenen Ambulatoriums für nochen und gelent tuberkulöse Kinder in Berlin N., Eberswalder Straße, mer lift und gymnastischen lebungen behandelt und durch Freilufiunter den zurzeit etwa 300 tuberfu löse Kinder mit Sonnen, Freiricht weitergebildet. Die unbestreitbaren Erfolge biefer Methobe haben eine Anzahl von Persönlichkeiten, die den Wert einer Berbreiterung dieser Arbeit für das Bolfswohl erfannt haben, veranlaßt, einen Berein der Freunde tubertutöfer Rinder" zu begründen, deffen Aufgabe es fein foll, der Tuberkulose durch ge= eignete fanitäre und medizinische Mittel vorzubeugen und tuber fulöse Kinder zu heilen. Um diesen Gedanken in ganz Deutschland zu verbreiten, foll die Unterſtükung und Förderung einer Mufter und Lehranstalt als besonderer Zweck des Vereins gepflegt werden. Am Gründungstage des Vereins nahm Geh. Medizinalrat Dr. Auguft Bier, der zum Borstand des Vereins gewählt wurde, Anlaß, in längeren Ausführungen auf die große Bedeutung der im Ambulatorium mit einfachsten Mitteln durchgeführten Methode hinzu Behandlung geeigneten Fälle vom Arzt sorgfältig ausgesucht werden meisen, betonte aber mit besonderem Nachdruck, daß die zu dieser müffen. Zu ftellvertretenden Borsigenden wurden die Herren Stadt arzt Dr. Alfred Kprach und Profeffor Eugen Risch, Berlin, gewählt. Dem Kuratorium gehört eine große Anzahl führender Per fönlichkeiten an. Die Geschäftsstelle befindet sich bei Dr. Taubmann, Berlin W. 50, Prager Str. 18. Um die Dachantennen.TAROM Die Klagen über Eingriffe von Hausbefigern gegenüber Runb funfteilnehmer, die auf dem Hause, in dem sie wohnen, eine An. tenne angebracht haben oder anbringen wollen, nehmen tein Ende, und es ist höchste Zeit, daß die Regierung, eventuell auf dem Verordnungswege, diesen Schwierigkeiten ein Ende bereitet, menn anders nicht das ganze Rundfunfunternehmen in die Brüche gehen foll. Daß der Hauswirt für alle aus der Anbringung von Antennen entfchädigt werden muß, ist selbstverständlich, völlig unberechtigt ist auf dem Hause entstehenden Schäden, die immerhin möglich sind, dagegen der Anspruch auf eine mehr oder weniger große Ber. gütung für bloße Tuldung der Antennenanlage. Wie stehen nun ble Dinge, menn ein Rundfunkteilnehmer ohne Genehmigung des Hausbesizers die Antenne angebracht hat oder wenn er von ihm war die Genchmigung erhalten, nachträglich aber zur Entfernung bes Geräts aufgefordert wird? Aus eigener Machtvollfommenheit bas mag von vornherein betont werden mirt feinerlei Recht, irgendeinen, gleichgültig - hat der Haus welchen Eingriff felbständig vorzunehmen. Er A fernen lassen. Der einzige Weg, der ihm zu: Verfügung steht, ist bie Anrufung des Gerichts. Nimmt er von sich aus die Beseitigung der Antenne por, dann macht er sich der Sachbe. hädigung schuldig und kann dafür auf dem Wege der Privatflage zur Berantwortung gezogen werden. Noch viel weniger ist ohne deffen persönliche Zustimmung berechtigt, etwa um Teile der er natürlich zum Betreten der Wohnung des Rundfunkteilnehmers ihn genierenden Antenenanlage abzumontieren. Berschafft er sich gewaltfam Zutritt zur Wohnung, dann macht er sich wegen aus. friedensbruches strafbar. Auch der Einwand, daß es sich um Abmendung einer dringenden Lebensgefahr handelt, wäre hier nicht stichhaltig. Das ist um so mehr zu beachten, als in letzter Zeir pielfach von Hausbesikern die Anbringung einer Antenne vermeigert worden ist unter Hinweis auf vermehrte Blizgefahr. Auch in diesem Falle ist von einer dringenden Gefahr für das Leben des Hauswirtes ober feiner Angehörigen feine Rede. Hält er die Angelegenheit für dringlich, barin fann er die Beseitigung der Antenne auf dem Wege der einstweiligen Berfügung erwirten. Ob er aber auf dem Klageweg mit dem Hinweis auf die erhöhte Blizgefahr durch. fäme, muß nach der bisherigen Pragis der Gerichte als durchaus zweifelhaft gelten. Erdbeerspeise oder verdorbene Koteletten? Zu der Maffenvergiftung in Görbersdorf. Die Nachricht über die Erkrankung von nicht weniger als 240 Personen in der bekannten Lungenheilanstalt Görbersdorf in Schlesien hat in den Berliner Familien der in der Anstalt Befindlichen Schrecken und Unruhe hervorgerufen, die nur wenig dadurch gemilbert werden können daß außer dem Tod des Oberarztes Todes. fälle bisher nicht zu verzeichnen sind. Es berührt nun merkwürdig und auch befremdend, daß nach den bisherigen Berichten es angeblich eine aus Mitch, Eiern und Erdbeeren hergestellte Speise gewesen fein soll, die derart verheerend gewirkt hat. Nun verhält es fich im allgemeinen mit dieser angenehmen Erfrischungsspeise so, daß, der menschliche Gaumen sehr schnell feststellt, wenn eine derartige. Speise in Gärung übergegangen ist, und die Görbersdorfer Patienten hätten vermutlich die sauer gewordene Speise stehen lassen. Nach bie uns zugänglich gemacht worden ist, handelt es sich auch der Mitteilung eines Görbersdorfer Patienten, gar nicht um eine verborbene Erdbeerspeise. Die Ursache der Ratastrophe wird vielmehr in Koteletten gefehen, die zu der gleichen Mahlzeit verfpeist worden find, und die Wahrscheinlichkeit einer Fleischvergiftung ist ist nunmehr notwendig, daß eine schleunige amtliche Aufpiel größer als eine Bergiftung durch eine Erdbeerspeise. Es flärung erfolgt. Borläufig feine Brotpreiserhöhung in Berlin. Zu den Meldungen, daß auf Grund von Beschlüssen der Berliner Bäckermeister am kommenden Montag eine zirfa 12pregen.ige Brotvon zuständiger Seite mitgeteilt, daß diefe Nachricht in diefer preiserhöhung in Kraft träte, wird der Berliner B S.- Korrespondenz Form unzutreffend ist. Es ist weder beschlossen morden, den Brot daß am legten Donnerstag die Bertre'er der Bädermeisterorgani preis direft zu erhöhen, noch burch Herabfchung des Teingewichts indirekt eine Brotverteuerung herbeizuführen. Richtig ist lediglich, fationen bei ben Rommunalbehörden, den Breisprüfungsstellen usw. porstellig geworden sind und auf die Gefahren hingamielen haben, die mit der augenblicklich zu verzeichnenden ständigen Steigerung der Mehlpreife verbunden feien. Die Bäckermeifter haben dabei betent, daß bei einem weiteren Steinen ber Mehlpreise es ihnen unmöglich gemacht würde, das Brot zu dem bisherigen Preise herzustellen. Irgendwelche Beschüsse wurden in diesen Besprechungen, die in der fommenden Woche wieder aufgenommen werden follen, nicht gefaßt. Es bleibt also bis auf weiteres bei bem bisherigen Brotpreis und Teiggewicht. Die Berliner Be diefes porläufig" und bis auf weiteres" der Meister Geltung völkerung wird ja nun Gelegenheit haben, festzustellen, wie lange haben wird. Kein Handel mit Kraftdrosten- Nummern mehr. Wie wir hören. hat der Vorstand der Intereffengemeinfcft der mit dem Regierungsdirektor Mosle vom Polizeipräsidium Berlin Kraftbroschtenführer Groß- Berlins in einer Besprechung bes die Zulassung von neuen Rrofibroichten- Nummern für die Verin der Besprechung erteilten Auskunft wird dem Wunsche mit Rüdbandsmitglieder bzw. die gänzliche Beseitigung numerus clausus nom Bolizeipräsidenten erbeten. Nach der sicht auf den volkswirtschaftlich überaus schädlichen Hantel mit Der Interessengemeinschaft aus dem leicht ersichtlichen Grande ich de n. wobei allerdings der Antrag auf Bevorzugung der Mitglieber Nummern fo bald wie möglich Rechnung getragen werden, mäßiger Behandlung aller Interefienten abgelehnt werden mußte. Wann und wo Anträge auf Zulassung neuer Nummern zu felfen sind, wird noch bekanntgegeben werden. botes, ein Herr und eine Dame, belbe des Schwimmens untundig, Arbellerschwimmer als Cebensreffer. Die Infalfen eines Baddel wären am Freitag nachmittag im Angesicht des Freibades annsee um ein haar ertrunfen nachdem ihr Boot umgefchlagen war, wenn sich nicht einige gule Schwimmer. Angehörine eines Arbeiler- Schwimmvereins ihrer engenommen hätten. Die fonderer Hingabe geübten Rettungsperfume Berun gerade in den Arbeiter Schwimmbereinen mit beglüdter fonnte hier mit schönstem Erfolg praktisch demonstriert werden. Ein neuer Delfchwindet aufgedeckt. In London wurde foeben ein Schwindelunternehmen in Del attien aufaededt, das offenbar große Ausdehnung angenommen hat. Edward Schwab, der Chef des amerikanischen Ueberwachungsfomitees, hatte eine Unterredung mit dem ersten Polizeiinspektor ber Londoner Kriminalpolizei und teilte diefem mit, daß in England und in den Bereinigten Staaten für über fünf Millionen Dollar Aftien von Schwinbelgesellschaften verkauft morben feien. Schwab ist der Ansicht daß die Führer dieser Schwindelbande in London Aufenthalt haben Hamburger Chefpiloten Robert Tuegen in Anerkennung der bei " Für Reffung aus Seenof". Reichspräsident Ebert hat dem der Rettung des Heizers be la Motte non dem gestrandeten Motorschiff Sonderburg" bewiesenen Aufopferung und Tatkraft die BlaPette für Rettung aus Seenot verlichen. Die Sonders burg" war in der Nähe von Büsum gefirandet und völlig vom Eise eingeschlossen worden. Wochenlang war der Heizer de la Motte Schwierigkeiten flog Tuegen am 4. Januar von Hamburg aus nach allein an Bord und sein Proviant völlig aufgegehrt. Unter großen bem gestrandeten Schiff und es gelang ihm, den Heizer im Flugzeug nach Hamburg zu bringen. Wetter für morgen. Weffer für Berlin und Umgegend: Noch ziemich fühl und heränderlich, einzelne furze Regenschauer nicht ausgeschloffen. Für Deutschland: Im Süftengebiet noch ziemlich windig mit einzelnen Regenschauen, sonst allmähliche Besserung, aber am Tage noch wolkig. Ueberall fühl. Groß- Berliner etufenbungen für diese Rubrit Berlin G. 68, Sindenstraße 3, Parteinachrichten find ffets an das Bezirkssekretariat, 2. Sof links, 2 r. rechts, zu richten. 84. Abt. Bezirksführer! Sanbzettel für Brotestversammlung bei Rosin, Gubener Straße 14, abholen, 99. Abt. Brig- Budow. Der für morgen, Sonntag, angelegte Familienausflug nach Budom findet wegen Berbots der Boliget nicht statt. Weitere Mittellung folgt Gewerkschaftsbewegung Arbeitszeit und Arbeitslohn. Unter diesem Titel nimmt der Syndikus der Bereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, Herr Dr. Meisinger, in der legten Nummer des Arbeitgeber" Stellung zu den Berhandlungen der Internationalen Arbeitskonferenz, zum Gutachten der Sachverständigen und zur Ratifizierung des Abkommens von Washing tor. Um es gleich vorweg zu nehmen: Dr. Meißinger kommt zu dem keineswegs überraschenden Schluß, daß das Abkommen von Washington nicht ratifiziert werden dürfe und daß, Deutschlands länger arbeiten und noch schlechter leben müffe als bereits bisher. Folgen der Verlängerung der Arbeitszeit. Zunahme der Unfälle im Bergbau. In einem Appell des Bergarbeiterverbandes an die öffentliche Meinung wird auf die seit Monaten sich in beängstigender Weise mehrenden Betriebsunfälle im Ruhrbergbau hingewiesen, eine Erscheinung, die sich übrigens auf alle Berufszweige der Industrie erstreckt. Das Steigen der Unfallziffern steht in engem Zusammenhang mit der Ausbeutung der Lohnarbeiterschaft durch die Verlängerung der Arbeitszeit. Innerhalb eines Zeitraumes von 8 Monaten habe sich die Zahl der Unfälle nahezu vervierfacht. Tagtäglich ereignen sich in den Gruben und Grubenbetrieben mindestens 100 Unfälle. Es gibt Beitabschnitte, in denen es täglich sogar 200 und mehr sind, 1-2 Proz. tödlich. Nach Aufgabe des ber Zeit vom Jahre 1921 bis 1. August 1923 zu befreien. Die wegen Nichtbezahlung bestraften Personen werden auf freien Fuß gefeßt. Welternteausfichten. Das landwirtschaftliche Institut in Rom berichtet über die Welternteaussichten im Juni für die nördliche Halbfugel einen Rüdgang gegenüber dem Vorjahr. Die schlechten Aussichten für die diesjährige russische Ernte find bekannt. Es droht wieder ein verhängnisvoller Ausfall an Getreide für Saat stehen unter dem Stand des Vorjahres, und zwar sowohl in und als Lebensmittel. Die Ernteschätzungen für Nordamerita Kanada wie in den Bereinigten Staaten. In Kanada ist dies der schlechten Witterung, in den Bereinigten Staaten mehr noch der Einschränkung der Anbaufläche zuzuschreiben. Rückgang wird für Roggen und Gerste noch erheblicher sein, als für Weizen. Für die fünf größten Weizenländer, die ein Biertel der Weltproduktion liefern, wird ein Rückgang von 8,7 Proz. gemeldet. Dem Bericht zufolge bestehen in Belgien in den Donauländern und Jahr. In Indien und Spanien dagegen wird eine weniger ausgiebige Ernte erwartet. wenn das Gutachten der Sachverständigen zur Durchführung fommt, davon durchschnittlfo in einem Zeitraum von 8 Monaten, Baltanstaaten Aussichten auf eine größere Ernte als vor einem Dem Syndikus der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände kommt es auf einige mehr oder weniger fühne Behauptungen nicht an. So behauptet er u. a., daß bereits heute, nachdem der Achtstundentag für mehr als die Hälfte der Industriearbeiter Deutsch lands abgebaut ist, die deutsche Industrie höchstens das geschaffen habe, was das mit uns tonfurrierende Ausland schon die ganzen legten Jahre hatte". Wir haben gestern auf Grund einer Erhebung der englischen Gewerkschaften mitgeteilt, daß drei Viertel der englischen Arbettnehmer 48 Stunden und darunter die Woche arbeiten. Aber dem Syndikus der Arbeitgeber tommt es auf solche Kleinigkeiten nicht an. Auch er wendet sich wie sein Vorsitzender gegen die Forderung der Sachverständigen, daß die Lebenshaltung des deutschen Volkes nicht schlechter sein dürfe als die der anderen Völker. Er ist darüber sogar entrüstet und beschämt. Er führt die Anschauungen der englischen und französischen Regierungsvertreter auf der jüngsten Arbeitskonferenz an, fügt diesen die Anschauungen des Vorsitzenden der Arbeitskonferenz, des Direktors des Internationalen Arbeitsamtes und des Vorsitzenden des franzöfifchen Gewerkschaftsbundes an, ohne zu vergessen, diese Persönlichkeiten als Sozialdemokraten zu bezeichnen, felbst wenn sie es zufällig nicht sind. Er vergißt jedoch, die Meinung eines anderen Franzosen anzuführen, der freilich fein Sozialdemokrat, aber einer der Führer der französischen Scharfmacher ist. Wir meinen Herrn Pinot. Daß dieser Herr dem deutschen Bolte zumutet, länger arbeiten zu müssen als die anderen Völker, darüber ist Herr Dr. Meisinger weder beschämt noch entrüstet. Bir dürften nicht zu weit gehen, wenn wir sagen, daß Herr Dr. Meisinger darüber im Grunde sehr erfreut ist. Der Syndikus der Arbeitgeberverbände operiert mit einer Un= menge von Zahlen, die angeblich amtlicher Natur sind und vornehmlich den Nachweis erbringen sollen, daß die Löhne der deutschen Arbeiter heute schon den Friedensratlöhnen enta sprechen. haben sich mindestens 30 000 Unfälle ereignet. Aber 25000 Ruhrbergarbeiter brotlos. die wegen Absatzschwierigkeiten Feierschichten einlegen mußten, hat Effen, 19. Juli.( Mtb.) Die Zahl der Zechen im Ruhrgebiet, in den letzten Tagen zugenommen. Infolge der Feierschichten müssen täglich insgesamt 25 000 Bergarbeiter feiern. Lohnbewegung in den Eisenkonstruktionswerken. Eigenartige Lohnverhältnisse scheinen in den Eisenkonstruktionswerkstätten und auf den Montagen zu bestehen. Die Betriebe find zum größten Teil dem Verband Berliner Metallindustrieller angeschlossen und unterliegen dem für die Berliner Metallindustrie geltenden Manteltarif. Seit dem Beschluß der Metallfunktionäre, was die Löhne betrifft, tariflos zu arbeiten, besteht auch in der Eisentonftruftion fein festes Lohnverhältnis. Gleichwohl richten sich aber die Unternehmer streng nach den Anweisungen des VBMI., so daß heute noch die Kolonnenführer mit 54 Bf. Stundenlohn abgeſpeiſt werden. Gelegentlich wird dieser Arbeitergruppe, wie auch bei Montagen den anderen, eine Arbeit in Afford verrechnet, ohne daß dann eine bindende Affordabmachung besteht. Dabei ist es vorgekommen, daß den Arbeitern ein Mehrverdienst von 20 bis 30 Broz. versprochen wurde und ihnen schließlich bei Beendigung der Arbeit die Reftfumme so gekürzt wurde, daß nur 10, 15 Broz. herausfamen. Das ist natürlich für die verantwortungsvolle Arbeit keine Entlohnung. Den Kolonnenführern wird auf dem Werkplah die Zeichnung von einer Brücke, einem Bau oder dergleichen in die Hand gebrückt und dann muß der Kolonnenführer die tonnenschweren Teile zusammensuchen, auf den Bauplah befördern lassen und dort die Montage ausführen. Für alles trägt er die Verantwortung. Der Deutsche Metallarbeiterverband hat nun dieser Tage verfucht, mit dem VBMI. einen Tarif abzuschließen, der diese Mißstände beseitigen sollte. Obwohl, wie gesagt, augenblicklich kein Lohnabkommen besteht, die einzelnen Betriebe oder Arbeitsgruppen also vollkommen frei find, lehnte der BBMI. einen Tarifabschluß ab. Es wurde in der Berhandlung zwar zugegeben, daß die Löhne niedrig und unzureichend find, trotzdem könne aber mit einzelnen Gruppen fein Lohnabkommen abgeschlossen werden. Zudem sei die Branche auch nicht in der Lage, höhere Löhne zu zahlen. Wir haben darüber wiederholt eingehend Statistiken veröffentLicht und brauchen uns mit den falschen Zahlen der Unternehmer nicht herumzuschlagen. Im Herbst des Borjahres, als die Löhne der Arbeiterschaft nicht einmal ausreichten, um fich einfach fatt zu effen, hat derfelbe Dr. Meisinger mit denselben Zahlen der Nachtungsausschuß zur Entscheidung anzurufen. weis geliefert, daß die deutschen Arbeiter bereits höhere Löhne als vor dem Kriege haben. In einer Branchenversammlung berichtete Fuchs vom DMV. über die Verhandlungen. In der Diskussion wurde von allen Rednern bestätigt, daß in der Eisenkonstruktion gegenwärtig eine glänzende konjunktur herrsche. Noch nie seien so viele Aufträge vorhanjeder tatsächlichen Unterlage. Die Versammlung beschloß, ehe andere den gewesen als gerade jekt; der Standpunkt des BBMI. entbehre Rampfmaßnahmen zur Anwendung gebracht werden, den SchlichWen glauben denn die deutschen Unternehmer mit folchen Märchen noch zu täuschen? Wenn wir auf diese phantastischen Aus. führungen überhaupt eingehen, so verbiiden wir damit nur den 3wed, der Deffentlichkeit aufzuzeigen, von welcher Geiftesverfassung die deutschen Unternehmer find. In dem Artikel des Borfizenden der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, mit dem wir uns in unserer heutigen Morgenausgabe bereits auseinandergefeßt haben, schreibt Herr Borsig: Was hilft es demgegenüber, wenn die Gewerkschaften aller Richtungen sich dem verbindlich erklärten Schiedsspruch für die Arbeitszeit der Eisen- und Stahlindustrie murrend fügen, ohne dabei auch gleichzeitig den Willen ihrer Mitglieder zur Erfüllung der ihnen auferlegten Tarifverpflichtungen zu stärken?" " Es genügt den Arbeitgebern also nicht, daß die Arbeiterschaft ber Schwerindustrie 12 Stunden und darüber täglich schuften muß, fie soll darüber in Freudengefänge ausbrechen und sich nicht unter dem Zwang der Umstände nur murrend fügen". Einem solchen Unternehmertum gegenüber gibt es nur eines: entschlossener Rampf. Die deutschen Unternehmer, die wesentlich schuld find an unseren traurigen Wirtschaftsverhältnissen, werden nur dann sich einstellen auf hohe Löhne und furze Arbeitszeit, wenn sie dazu durch die geschlossene Macht der Arbeiterschaft gezwungen find. Die verbissene Berteidigung des Rechts auf unbeschränkte Ausbeutung der deutschen Arbeiter gegenüber den olliierten Sachverständigen zeigt mit erschreckender Deutlichkeit, daß die Leitung der deutschen Unternehmer sich jedem Rechtsgefühl und jeber Cinficht gewaltsam verschließt. Derliner ElektrikerBerliner Genossenschaft angeschl. dem Verb. sozialer Baubetriebe Berlin N24, Elsässer Str. 86-88 Wäschestoffe Leibwäsche • Tischwäsche Fernsprecher: Norden 1198 Bettwäsche Herstellung elektr. Licht-, Kraftund Signalanlagen Verkauf aller elektrischer Bedarfsartikel. Ausführung sämtl. Reparaturen Preiswerte, gediegene Arbeit 0000000 Schokoladen in großer Auswahl! 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Davon waren im Juni 48 Prog. in flet, 39 Proz. in befriedigend und nur 18 Proz. in gut beschäftigten Betrieben tätig. Für den Mai 1924 waren die entsprechenden Zahlen 32, 39, 29 Proz. Die Aussichten für die nächste Beit werden von den meisten Betrieben noch weiter als schlecht bezeichnet. Die Lage in der Maschinenbauindustrie hat sich weiter verschlechtert, obgleich fie nicht überall einheitlich ist. Nach 352 Berichten, die dem Reichsarbeitsblatt" zugingen, waren in diesem Gewerbezweig von 295 000 Beschäftigten 56 Prozent in Betrieben mit schlechtem Geschäftsgang tätig gegen 50 Proz. im Vormonat. In gut beschäftigten Betrieben waren nur noch 13 Broz. gegen 20 Broz. im Vormonat tätig. Auch die Elettroindustrie verzeichnet einen Rüdgang des Beschäftigungsgrades. Daß sich die Gesamtlage inzwischen nicht gebeffert, eher verschärft hat, ist unseren Lesern aus den ftändigen Berichten über die wichtigsten Gebiete des Arbeitsmarktes bekannt. Generalpardon für bäuerliche Steuerschulden in Sowjetrußland. Der Rat der Boltskommiffare hat beschlossen, die Bauern von den rüdständigen Gebühren( Naturalsteuern usw.) aus on or schien 1 DIE GEMEINDE Saison- Ausverkauf vom 1.- 15. Juli an Mousselin..... Mtr. 75 Pt. Voll- Yoile Mtr. von 1.50 Frotté hüsche Muster. Mtr. 1,95 Zephiru. Pereal Mtr. 1.20,1.00 Hemdentuch 80 cm br. Mtr. 65 Pf. Renforee so cm breit Mtr. 80 Pt. Maceo 80 cm breit. Mtr. 1.00 Louisiana 80 cm breit Mtr. 1.00 . DIE GEMEINDE Blusen, Röeke, Strümpfe, HALBMONATSSCHRIFT FÜR SOZIALISTISCHE ARBEIT IN STADT UND LAND Heft 2 I Aus dem Inhalti Gemeinde und Radlo. Dr. Bruno Borchardt Das Problem der Kleinrentnerfürsorge Dr. Helmerich Sachverständigengutachten und Gemeindefinanzen... .... Ernst Reuter Arbelterwohlfahrt Verwaltung] Gesetzgebung Sonderanhang: Jugendwohlfahrt Preis des Hoftes 60 Pf. Zu beziehen durch: J. H. W. Dietz Nachf. 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Bieberleute Trianon- Theater: Anatol. Refidenz- Theater: Hinkemann. Luftspielhaus: Die Hausdame. Theater am Kurfürstendamm: Ein Fehltritt. Kleines Theater: Geschlossen Rose- Theater: 20. Die blonden Mädels vom Lindenhof. Durch Did und Dünn. Ab 21. Lehmanns Rinder. Mädi. Metropol- Theater: Mascottchen. Theater am Zoo: Geſchloſſen. Berantwortlich Gewerkschaftsbewegung: J. Steiner; Feuilleton: Dr. John Schilowski; Lotales und Sonstiges: Walter Trojan; Anzeigen: Th. Glode; sämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Bormärts- Buchdruckerei und Berlagsanstalt Baul Ginger u. Co., Berlin SW. 68, Lindenstraße 3. Neues Berantwortlich für Politit: Ernst Reuter; Wirtschaft: Artur Gaternus; Gewinnliſte ber 23. Preußisch- Süddeutschen( 249. Preuß.) Klassen- Lotterie 5. Rlaffe Ohne Gewähr. 1 Gewinn zu 25 000 R 40571 1 Gewinn zu 10 000 6 Gewinne 3 5 000 55471 235318 m 154271 18. 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