Abendausgabe Nr. 38341. Jahrgang 5 Goldpfennig 50 Milliarden = Vorwärts= Ausgabe B Nr. 192 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreffe Find in der Morgenausgabe angegeben Redaffion: SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-295 Tel- Adresse: Sozialdemokrat Berlin Berliner Dolksblatt 15. August 1924 Beclag und Engeigenabteilungi Gefchäftszeit 9-5 Uhr Lindenstraße 3 Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin Sm. 68. Feeniprecher: Dönhoff 2500-2507 Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Kabinettsberatung über die Lage. Der Ministerrat hat sich gestern abend und heute vor-| die Räumungsfrage fei fozusagen der Nagel gewesen, an dem die mittag unter dem Vorsiz des Reichspräsidenten ein- ganze Konferenz hängen bleibe. Gebe der Nagel nach, so werde gehend mit dem gegenwärtigen Stand der Londoner Kon- alles zusammenbrechen, und es werde mit dem Sachverständigen ferenz beschäftigt. Die Beratungen drehten sich hauptsächlich plan zu Ende sein. Gebe er nicht nach, so sei alles gerettet und der um die Frage, ob unter den heute gegebenen Umständen ein Erfolg der Konferenz gesichert. für das deutsche Volf tragbares Ergebnis, namentlich hinsichtlich der Frage der militärischen Räumung erzielt werden fann. Im Anschluß an die Sigung des Ministerrats unterrichtete Vizekanzler Dr. Jarres die Parteiführer über den Stand der Londoner Konferenz und die Auffassung der Reichsregierung. Die Besprechungen mit den Parteiführern dauerten um 2 Uhr mittags noch an. Ueber das Ergebnis der Besprechungen wird ein amflicher Bericht ausgegeben werden. In Erwartung der Berliner Entscheidung. Condon, 15. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Die deutsche Delegation hat ein für Berlin bestimmtes Memorandum ausgearbeitet, das sich mit der Räumungsformel Herriots befaßt. Man erwartet im Laufe des Bormittags die Antwort aus Berlin. Die Londoner Morgenpreffe vom Freitag zeigt deutlich, daß Macdonalds Polifit der Unterstützung des Herriotschen Vorschlages die Billigung des größten Teiles der öffentlichen Meinung Englands findet, und daß Deutschland im Falle einer ablehnung teinerlei ernsthafte Unterstüßung durch England zu erwarten hätte. Falls Deutschland die Borschläge ablehne, so würde es die Bereinzige Sicherheitsanter; alles hange von einer Beretn antwortung für das Scheitern deßonferenz und des Dawes Planes auf fich nehmen müssen. Für den Fall der Annahme der von Herriot geforderten Räumungsfrist würde die Konferenz innerhalb fürzester Zeit gefchloffen werden können. Herriots Abfichten. Der Sudan. ㄢ Englische Schwierigkeiten in Afrita. Während die europäischen Interessen Englands augenblicklich im wesentlichen auf die Londoner Konferenz fonzen triert sind, hat das englische Kolonialamt alle Hände voll zu tun, um den Siegeszug des britischen Imperia lismus durch die wichtigsten Gebiete Afrikas zu sichern und strengungen Englands zur Wiederherstellung und Aufrechtzu vollenden. Die Zeitungsnachrichten der letzten Tage über Unruhen im Sudan und große militärische Kraftanerhaltung der Ordnung sind wahrscheinlich von vielen Lesern nur als Meldungen über irgendwelche vollkommen gleichgültige Negerdistrikte angesehen worden. Das sind sie jedoch nicht. Der ägyptische Sudan ist das Hauptverbindungsstück des Britisch- Ostafrifa einen geschlossenen, teilweise außerordentenglischen Rolonialreiches in Afrita das vom Suez- Kanal bis lich fruchtbaren und zukunftsreichen Gebietskompler darstellt. Nächst Indien ist Aegypten mit dem Sudan der wichtigste englische Befih, und es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, daß in absehbarer Zeit die ägyptischen Besitzungen Englands den ersten wirtschaftlichen Rang unter den britis fchen Herrschaftsgebieten einnehmen werden. ferenz mit einem Abkommen zwischen den Alliierten Der Berichterstatter ist der Meinung, daß die Londoner Nonund den Deutschen abschließen werde und daß dies den ersten Schritt zum Wiederaufbau Europas durch eine Bolitik der Berständigung und des internationalen Zusammenwirkens darstelle. „ Die Deutschen und Franzosen sollen sich verständigen." auf eine Regelung der Räumungsfrage nicht auf." Times" schreibt, London, 15. Auguft.( WTB.), Die Blätter geben die Hoffnung das gesamte Reparationsproblem fönne auf eine neue und hoffmungsvollere Grundlage gestellt werden, wenn die Franzosen und Deutschen unter sich die ftrittige Frage des Zeitpunttes der militärischen Räumung des Ruhrgebietes regelten. Das Scheitern einer Konferenz, die soviel gediegene und fruchtbare Arbeit für die in dem Dawes Blan enthaltenen Wirtschaftsprobleme geleistet habe, würde einen 3ufammenbruchy bedeuten, der in feiner unmittelbaren Auswirkung weit zerstörender sein müßte, als wenn Der aus dem frühesten Altertum bekannte Reichtum die Konferenz niemals zusammengetreten wäre. Das Schlimmste, was Europa geschehen fönnte, urb zwar jedem Land in Europa, Aegyptens hat die Begehrlichkeit von Eroberern immer und würde ein Fehlschlag nach diesem langen Monat beharrlicher An- immer wieder angefacht. 1517 eroberten es schließlich die ftrengungen auf feiten der hauptsächlichsten europäischen Regie Türken und machten es zu einer türkischen Brovinz. Im rungen sein. Der Sachverständigenplan fei für den Augenblick der letzten Jahrhundert wurde Aegypten von den Türken wieder felbständig gemacht unter einem eigenen Stönig, dem Khedisen, barung zwischen Frankreich und Deutschland über und seitdem galt es als türkischer Tributstaat. Mit der Et. die militärische Räumung des Ruhrgebietes ab. werbung der Aktien des Suez- Kanals im Jahre 1875 durch hänge jetzt von einer Bereinbarung über die franzötigsten Uferstaates diefes für England lebenswichtigen Ber „ Daily Telegraph" schreibt, das gesamte Ergebnis der Konferenz die Engländer mußte die Unterwerfung Aegyptens, des wichfifchen Truppen im Ruhrgebiet ab. Es sei schwer zu glauben, bindungsweges nach Indien das nächste Ziel sein. Von daß man zulassen werde, daß der Unterschied zwischen Mitte Januar und Mitte August des nächsten Jahres eine Fortdauer und eine Ver- diesem Zeitpunkt an häuften sich Jahr um Jahr die Anlässe schlimmerung der wirtschaftlichen und politischen Berwirrung schaffe, zu englischer Einmischung in Aegypten. 1878 wurde durch die man feit 5 Jahren erduldet habe. Die Schwierigkeiten, denen Bereinbarung mit den Westmächten ein Engländer zum sich sowohl Herriot als auch Marr gegenübergestellt fähen, seien fich sowohl Herriot als auch Marr gegenübergestellt fähen, feien Finanzminister ernannt. Die englischen Finanzreformmaßwohl begreiflich. Herriot und Marr hätten jedoch bisher wirk- nahmen erregten viel Unzufriedenheit, die zur Forderung der europäischen Finanzkontrolle, zur Beseitigung aller euros acht ließen. Was sie jetzt tun müßten, fei, nur noch ein wenig päischen Beamten und schließlich zu blutigen Ausschreitungen weiter Mut zu zeigen, damit dies letzte Hindernis überwunden werde. Frankreich gewinne nicht weniger als Deutschland fehr gegen die Fremden in Alexandria im Juni 1882 führten. Die wesentlich durch die Räumung des Ruhrgebietes, Frankreich nicht englische Flotte beschoß darauf die Forts von Alexandria. weniger als Deutschland werbe Vorteile aus dem Wiederaufleben weniger als Deutschland werbe Borteile aus dem Wiederaufleben Sie landete Truppen, und seitdem hat Wegypten eine englische des Vertrauens ziehen, das auf die Annahme des Dawes Berichtes Befagung. England hatte der Türkei versprochen, die Truppen folgen müffe, der nicht wirken könne, bis der hauptsächlichste In- zurückzuziehen, sobald die Ordnung wiederhergestellt sei. Es duftriebezirk Deutschlands, das Ruhrgebiet, wieder an Deutschland duftriebezirk Deutschlands, das Ruhrgebiet, wieder an Deutschland fand aber, tros des Drängens der Türkei, durch die Jahrzurückerstattet sei. Die franzöfifche Deffentlichkeit wünsche Sicherheit zehnte hindurch immer neue Borwände zur Berschiebung der mehr als Reparationen, aber es müßte ihr flar fein, daß ein Deutsch- Räumung Aegyptens. 1883 erfolgte dann die große blutige land, das unter normalen Bedingungen arbeite, meniger Racheptüne Reaktion auf die englisch- ägyptische Verwaltung durch den hegen würde als ein Deutschland, das sich in einem Zustand der Berwirrung befinde. Großbritannien, Amerita und Italien sowie Aufstand des Mahdi im ägyptischen Sudan. Die Versuche elle alliierten Delegationen feien an der Regelung des Ruhrproblems Englands, den Sudan wieder zu untermerfen, scheiterten in interessiert und Frankreich ebnso wie Deutschland würden überall den meglosen weiten Gebieten. Erst im Jahre 1896 beschloß Anerkennung finden, wenn jetzt oder in den nächsten Tagen eine England, nachdem es eine Feldeisenbahn den Nil auswärts Bereinbarung zustande fäme. Die Alternative würde für alle in gebaut hatte, die Wiedereroberung des Sudans. Nach viera Betracht kommenden beklagenswert sein. jährigen forigefeßten Kämpfen fonnte endlich der Besiz des Sudans für Aegypten, d. h. also für England, als gesichert gelten. England hat sich immer gehütet, bei den Kämpfen in egypten und im Sudan von eigenen Interessen zu sprechen oder die Absichten auf ein Protektorat erkennen zu laffen, und doch hat es nichts anderes bezweckt, als Aegypten nicht nur zu einem Brotektorat, fondern zu einer Kolonie etwa vom Range Indiens zu machen. Daß die Engländer ent schlossen sind, den Besik Aegyptens und des Sudans für alle Beiten festzuhalten, beweisen die ungeheuren Geldaufwendun= gen für die wirtschaftliche Erschließung des ganzen Gebietes. Paris, 15. Auguft.( Eigener Drahtbericht) Nach Angaben der Parifer Morgenblätter foll Herriot in der Unterredung, die er am Nachmittag mit Reichsfangler Marg gehabt hat, nochmals mit aller Deutlichkeit unterstrichen haben, daß es in seiner Abficht liege, die Truppen noch vor Ablauf des Jahres zurüdzu- lichen Mut gezeigt, indem sie das Geschrei feindlicher Bartelen außer ziehen, sobald die Beweise des guten Willens von deutscher Seite ihm dazu die Möglichkeit geben werden. Nach dem„ Quotidien" foll er wörtlich zum Reichstanzler gefagt haben:„ Es sei an Deutschland, den ersten Schrift zu tun. Der französische plan sel tein Handelsobjekt und müffe deshalb angenommen werden. Sobald dies gefchehen fei, werde er, Herriot, nicht vergessen, daß er die Dauer eines Jahres ausdrücklich als Magimal frist bezeichnet habe, und er werde durch entsprechende Taten zu beweisen wiffen, daß es nicht in feiner Abficht gelegen habe, die deutsche Delegation zu täuschen." Eine weitere Konzession. Paris, 15. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Außer der Zuficherung der Räumung der Flaschenhälfe bei Köln, Koblenz, Mainz usw. sowie der Zurückziehung der französisch- belgischen Eisen bahner, hat die deutsche Delegation, nach Mitteilung des Matin", bei den Verhandlungen über das modus- vivendi- 2btommen die Zusicherung erhalten, daß Deutschland als Gegenleistung für eine seitlich beschränkte Berlängerung des Zollprivilegs für die Elsaß Lothringische Ausfuhr das: Meistbegünstigungsrecht eingeräumt wer ben mürbe. Zwischen Annahme und Ablehnung. London, 14. Auguft.( WTB.) Nach einer Reutermeldung ver lautet, daß die Konferenz morgen cder Sonnabend geschlossen werden würde, wenn die deutsche Antwort günstig fein follte. Würde fie aber ungünstig ausfallen, und sollten die Deutschen gegenüber den französischen Vorschlägen ein unmöglich" erklären, so würde sich die Konferenz wahrscheinlich sofort auf zwei oder drei Wochen vertagen, um den verschiedenen Delegierten die Möglichkeit zu geten, nach Hause zurückzukehren und sich mit ihren Regierungen ins Benehmen zu setzen. Wenn die Antwort weder eine endgültige Annahme noch eine endgültige Ablehnung sein sollte, sondern deas Weg für eine weitere Besprechung der verschiedenen Punkte und Streitfrage offen lassen sollte, so fönnte es möglich sein, daß die Ronferenz verlängert würde, und daß die Erörterungen fortgesetzt würden. In britischen. Kreisen wird betont, baß die britischen Vertreter bisher noch nicht aktiv an den Verhandlungen über die Ruhrfrage teilgenommen haben, obwohl Macdonald zeit weise der Vermittler für den Meinungsaustausch war. Die Lage äußerst besorgniserregend." London, 15. Auguft.( WIB.) Nach" Daily Telegraph" hat Macdonald gestern von neuem erflärt, er werde nicht einen einzigen britischen Soldaten in ber Kölner Zone auch nur einen Tag länger als notwendig belassen und und sei der Ansicht, Daß das Schicksal der Ruhrhäfen mit dem dos Ruhrgebiets felbft auf das engste verknüpft fei. Das Blatt gibt der Meinung Ausdrud, bag Macdonald pielleicht im äußersten Falle einen eigenen Bor. fchlag unterbretten merde, ber sicherlich als eine bezeidhmende mora. lische Geste angefehen werden würde, boch lei bie& age meiter. hin äußerst besorgniserregend. Die Hauptbelegierten feien bis in die frühen Morgenstunden miteinander in Fühlung geblieben. Der„ Nagel" der Konferenz. Paris, 15. Auguft.( WIB.) Nach dem Sonderberichterstatter bes Quotidien" in London sagte Herriot gestern im Zusammenhang mit den Verhandlungen über die Räumung des Ruhrgebiets Zurückhaltung bei der Militärkontrolle. Eine Forderung Macdonalds. Condon, 15. Auguft.( Eigener Drahtbericht.) Macdonald hat am Donnerstag an Herriot ein Schreiben über die Militärtontrolle gerichtet, in dem er die Notwendigkeit der strikten Durch trolle gerichtet, in dem er die Notwendigkeit der strikten Durch führung der in der letzten Note der Botschafterkonferenz erhaltenen Forderungen als unerläßliche Voraussetzung für die Näumung der Kölner Zone am 10. Banuar 1925 bezeichnet, zugleich aber empfiehlt, den alliierten Militärkontrollkommissionen Instruktionen zu erteilen, bei der Durchführung ihrer Aufgaben möglichste 3u. rüdhaltung an den Tag zu legen. 4 Coolidges Wahlprogramm. Aktive Beteiligung am Wiederaufbau Europas. London, 15. August.( Eca.) Nach einer Washingtoner Meldung hat Präsident Coolidge seine Ranbibatur zur abermaligen Bräfibentschaft der Republit angenommen und in einer Rede die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten in einem einzigen Wort zusammengefaßt: Friede! Gr hat hinzugefügt, sobald der Dames Plan in Kraft wäre, werde er eine internationale Konferenz zur Beschränkung der Rüstungen vorschlagen. Er fei Schutzölner und merte sich um Aenderung der Bollfäge bemühen. Die Vereinigten Staaten müßten den Ständigen Internationalen Gerichtshof stüßen und die amerikanischen Bürger beim Miederauf. bau Europas mithelfen. Durch die Beaufiragung von Rellogg und 3ogan mit der Beriretung der Vereinigten Staaten habe er bas einzige Mittel ergriffen, das zur Erörterung des Dames- Blanes habe beitragen fönnen. Er meine, der Dawes Blan müsse als Ganzes angenommen werden und sei der Prüfftein, ob Europa wirklich die Zusammenarbeit mit merita wünsche. Nehme Europa den Dames- Blan_an ,, dann würden die amerika nischen Bürger die deutsche Anleihe zeichnen, um den Wieder aufbau zu finanzieren. Die beteiligten Regierungen müßten das Nötige tun, um diese Anleihe sicherzustellen. Eine Befferung der Lage in Europa werde bann auch eine Befferung der wirtschaftlichen Lage der Vereinigten Staaten nach sich ziehen, daher sei es Pflicht amerikanischer Bürger, die über die nötigen Mittel verfügten, sich um den Wiederaufbau der Bölker zu bemühen, die unter dem Kriege gelitten hätten. Ueber die Fruchtbarkeit Aegyptens selbst braucht kein Wort gefagt zu werden. Aber auch der Sudan ist ein Gebiet von unbeschränkten wirtschaftlichen Möglichkeiten, die durch Bewässerungsanlagen allerdings erst erschlossen werden müssen. Gegenwärtig baut England einen riesenhaften Staudamm bei Matuar im Sudan, um die Wassermengen des blauen Nils für die Bewässerung des Landes aufzufangen. Mit einem Kostenaufwand von nahezu einer Milliarde Goldmark foll ein Gebiet von etwa 2 Millionen Morgen für die Baumwollkultur erschlossen werden. Die ägyptische Baumwolle ist bekanntlich von ausgezeichneter Qualität. Auch die obere Ebene des blauen Nils. foll durch gigantische Wasserbauten ein Baumwolland werden. zu diesem Zmed plant die englische Regierung im GodfchamGebirge, tief in Abessinien, den Bau eines Staudamms, dessen Kosten zusammen mit den Kosten für anzulegende Bemässerungstanäle mehr als 500 millionen Goldmark betragen werden. Der Sudan, dessen Gebiet etma sechsmal so groß als Deutschland ist, liefert jest schon jährlich rund 100 millionen Kilo Baumwolle. Mit Hilfe der Bemässerungsanlagen fann die Baumwollproduktion des Sudans foweit gesteigert werden, daß sie die Baumwollproduktion Britisch- Indiens erreicht und England auf diese Weise zum ersten Baumwollieferanten ber Welt mird. Der wirtschaftlichen Rukunft des Sudan allein ist es zuzuschreiben, daß England den Bau der transafritanischen Eisenbahn unternommen hat und fie von Aegypten über den Sudan führt. Jezt schon ist diefe Eisenbahn etma 2000 Kilometer weit bis in das Herz des Sudan hinein vorgetrieben. Zur Sicherung dieses neuen Berkehrsweges und gleichzeitig zur Berbilligung des Transports der sudanesischen Ausfuhrgüter hat England schon vor dem Kriege am Roten Meer mit einem Kostenaufwand von 2V Millionen Mark den Hafen Port Sudan gebaut und ihn mit einer Eisenbahnlinie unmittelbar an die transafrikanische Eisenbahn in Berber angeschlossen. Die endgültige Festsetzung Englands im ägyptischen Sudan, die sich übrigens ja auch durch eine tat- sächliche rein englische Verwaltungsherrschaft dartut, hat der nationali st ischen Bewegung in Aegypten reich- liche Nahrung verschafft. Der letzte Angriff ägyptischer Eisenbahnbaukolonnen auf englische Truppen, südlich von Karthum, der Hauptstadt des Sudans, ist nur eine Explosions- erscheinung der national-ägyptischen Bewegung gewesen. Aegypten'befindet sich jetzt gegenüber England in ungefähr dem Grade der Abhängigkeit, wie früher gegenüber der Türkei. Die Freiheitspartei des Landes führt aber einen gähen Kampf um die endgültige Beseitigung jedes englischen Bcsitzrechtes in ihrem Lande. Der Führer des Zentrums dieser Partei, der gegenwärtige Premierminister ZaghlulPascha, ist der diplomatische Träger der Forderungen Aegyptens. Er ist von den Extremisten, die das aussichtslose Beginnen der gewaltsamen Entfernung der Engländer aus Aegypten und ans dem Sudan propagieren, unlängst angeschossen worden, weil er durch seine Zahmheit Verrat an der heiligen Sache übe. Zaghlul Pascha hält es für das Wichtigste, Zunächst den Sudan wieder mit Aegypten zu vereinigen. Zu diesem Zwecke wird er in den nächsten Tagen nach England zu VerHand- lungen mit Macdonald fahren. Die englische Regierung hat aber schon deutlich erklärt, daß sie den Sudan festhalten will: sie habe dort Ordnung geschaffen, und die Bevölkerung ziehe die englische Herrschaft der ägyptischen Regierung vor. Selbst für den ganz unwahrscheinlichen Fall, daß England Zaghlul Paschas Forderungen erfüllt, ist nicht daran zu denken, daß er die zweite Etappe seines Ziels, die völlige Unabhängigkeit Aegyptens, erreicht. Denn Aegypten ist 1. die Flanken- deckung für den Suez-Kanal, 2. ist es schon fest in den Wirt- schaftsorganismus des britischen Imperiums eingefügt, 3. hat England dort Riesenkapitalien, die erst später Gewinn tragen, investiert und 4. macht die Sicherheit der transafrikanischen Eisenbahn die englische Herrschaft in Aegypten und im Sudan erforderlich.__ Preußen und der Srotwucher. Landbundvorstost gegen die Preustenkoalitiou. Herr K a r l H e p p, M. d. R., Präsident des Reichsland- bundes, kein Deutschnationaler, sondern ein Mitglied der Deut- schen Bolkspartei, läiift in der„Deutschen Tageszeitung" Sturm gegen den Widerstand der preußischen Regierung gegen die Agrarzollvorlage. Herr H e p p war es, der mit zwei anderen Mitgliedern der Reichstagefraktion der Deutschen Bolkspartei im Reichstag den Antrag gestellt hat, die Zoll- vorläge noch im August im Reichstag zu erledigen. Als Präsident des Reichslandbundes besorgt er die parlamentari- schen Geschäfte der agrarischen Interessenten. Zu diesen Geschäften gehört die Sprengung der bisherigen Regierungskoalition in Preußen, an der die Partei des Herrn H e p p beteiligt ist. Nachdem die Reichsregierung sich den Agrariern willfährig gezeigt hat, ist die Preußenkoaliticn das wichtigste Hindernis für die Agrarier auf dem Wege zum Schutzzoll. Sie zu stürzen und durch einen Bürgerblock in Preußen zu ersetzen, um auf dieser Grundlage den Bürgerblock im Reich zu schaffen, ist das nächste deutfchnationale Ziel. Ein Mitglied der Deutschen Bolkspartei, Herr H e p p, ist es, der für die Deutschnationalen den Borstoß führt. In der„Deutschen Tageszeitung" von heute morgen erklärt er: „Es ist also ein politisches Ereignis allerersten Ranges, wenn bei der entscheidenden Abstimmung im Reichsrat Preußen seine Stimme gegen die Zolloorlage der Reichsregierung abgibt. Die Begründung, unter der durch den preußischen Vertreter diese Stimm« abgegeben wurde, spricht nicht allzusehr für Landwirt- schaftssreundlichkeit, geschweige denn für ein« weitschauende Agrarpolitik." Sozialpreise. Von Fritz Müller, Chemnitz. Auf meiner Wanderung durch die Schwäbische Alb kehrt« ich in einem landschaftlich prächtig gelegenen Städtchen in einem gemüt- lichen Gasthof ein. Mit der Verpflegung war ich recht zufrieden. Aber eins mißfiel mir. Der Wirt wollte mir mit aller Gewalt einen Titel verleihen, obwohl ich nicht das geringste Recht hatte, einen zu führen. Als ich den Doktor- und den Professortitel höflich, aber be- stimmt abgelehnt hatte, versuchte er es mit den Anreden„Herr Ab- geordneter"— ich hatte nämlich einen Pack Zeitungen in der Tasche und war mit einem anderen Gast in ein politisches Gespräch ge- roten—,„Herr Direktor" und sogar mit„Herr Domkoplan". Dies« letzte Anrede war mir denn doch zu stark; und ich sagt«:„Mein Herr, wenn wir gute Freunde bleiben wollen, dann nennen Sic mich ein- fach„Herr Müller"! Bringen Sie dos aber nicht fertig, dann gehe ich auf der Stell« ins Rössel!!" Diese Drohung mit der Konkurrenz half. Der Wirt sagte:„Ganz wie Sie wünschen, Herr Do..., ich wollte sagen: Herr Müller! Wünschen Sie noch ein Bier, Herr Pro..., Verzeihung, Herr Müller?" Andere Fremde waren nicht so tllesfeindlich wie ich Einer fühlt« sich als„Herr Direktor" sehr geschmeichelt. Ein anderer stieg ledig- lich seines Klemmers wegen nach dem zweiten Viertel Wein, das er trank, vom Doktor zum Professor. Ein dritter Gast ließ sich ohne Widerspruch einen Kulturassessor nennen, obwohl er gar nicht wußte, . daß diese Amtsbezeichnung manche Forstbeamte führen! Alle drei mochten bei sich gedacht hoben:„Auf«inen Abend kann man schon so einen volltönenden Titel unberechtigt führen. Es kostet ja nichts!" Waren dies« Titel wirklich umsonst? Die drei Herren hatten genau dasselbe Nachtesien wie ich. Während aber der Wirt mir 80 Pf. aboerlangt hatte, mußte der „Herr Kulturosiessor" 90 Pf. dafür bezahlen, der«Herr Prosesior" und der„Herr Direktor" 1 M. Am nächsten Tage, als die„hohen Herrschaften" schon längst über alle Berge waren, fragte ich den Wirt nach dem Grund« für dies«„Preispolitik". ES wurde mir folgende Antwort:„DSsch isch halt so. An dem Esfin verdient unsereins halt nöt viel. Und da hob ich die Preise halt sozial gestaffelt. Sie verstehen mich doch? A Doktor oder a Professor oder a Direktor kann doch ruhig mehr bezahl« als ein— entschuldgen Sie!— gewöhnlicher Herr Müller! Mein« Sie dösch nöt a?" Ich war wie aus den Wolken gefallen. Als ich mich ober von der Ueberraschung erholt hatte, pflichtete ich dem Wirt bei, was ihn sichtlich freute. Die„weitausschauende Agrarpolitik" des Reichslandbundes soll also den Deckmantel abgeben für neue, von der Bolkspartei ausgehende Krisenmachcrei in Preußen. Diese„weitaus- schauende Agrarpolitik" ist in Wahrheit weitausschauende Machtpolitik, die in den Fragen der agrarischen Verhältnisse überaus kurzsichtig ist. Herr H e p p beruft sich in der Polemik gegen die preußische Regierungserklärung auf das Fort- bestehen der„Schere", der Spannung zwischen Agrarpreisen und Jndustrieproduktenpreisen: „Bielleicht ist dem Verfasser dieser Erklärung inzwischen bekannt geworden, daß die Hauptschwierigkeiten dem Landwirt da- durch entstehen, daß die Preise fstr seine Erzeugnisse auch heut« noch in einem höchst ungünstigen Verhältnis zu den Auslagen für feine Wirtschaft, Anschaffungspreisen für künstliche Düngemittel, Maschinen, Gerät« usw. stehen." Nun ist die„Schere" in den letzten beiden Monaten erheb- lich zusammengegangen, das Niveau der Agrarpreise hat sich dem Niveau der Industriepreise angenähert. Diese Bewegung müßte durch den Schutzzoll nicht verstärkt, sondern rückläufig gemacht werden. Die Einführung von Agrarzöllen würde das Verhältnis nicht ändern, sie würde auch die Preise von In- dustrieprodukten in die Höhe treiben. Diese Aussicht, die der Meinunng von H e p p geradezu widerspricht, ist in diesen Tagen vertreten worden von einem Organ, das der Volks- Partei mindestens nahesteht, von der„Deutschen Allgemeinen Zeitung". Am 12. August schrieb sie unter der Ueberschrift: „Die falsche Front der Landwirtschaft", daß die Agrarzölle eine Verschärfung der Schere bewirken würden. Am 1�. August verteidigte sie ihre Stellung gegen einen Kritiker mit folgenden Ausführungen: „Bestritten wird die Derbilligungsmöglichkeit für Industrieprodukts. Will der Verfasser etwa auch bestreiten, daß der Zollschutz sie verteuert? Da? zu bestreiten hätte doch keinen Sinn. Gleichzeitig wird zugegeben, daß zunächst die Agrarzölle nicht wirksam werden können. Also besteht— zunächst wenigstens— die Behauptung zu Recht, daß die Schere geschärft wird: kein« Hebung der Agrarpreise, wie der Verfasser zugibt, und Verteuerung der Industrie- Produkte, wie er nicht bestreiten kann. Zugegeben wird, daß die Agrarzölle zunächst nicht wirksam werden, gleichzeitig aber wird der beruhigende Einfluß der Agrar- zölle für die Ernte 1924/25 gepriesen. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Was Beruhigung verschaffen könnt«, wird ja gar nicht eintreten. Die Landwirtschaft aber wird in falsche Hoffnungen und zu falschen Dispositionen getrieben. Falsche Front!" Man sieht, daß in der Deutschen Volkspartei die eine Seite die.Argumente der anderen Seite als vollendeten Widerspruch erklärt. Die„Deutsche Allgemeine Zeitung" ist aus Interesse ehrlich, sie zeigt darum die Schäden der agrarischen Propa- ganda. Sie zeigt damit aber auch, daß es dem Reichslandbund zunächst weniger auf den Zoll, als auf die damit verbundenen innerpolitischen Wirkungen ankommt. Herr H e p p erwartet eine Regierungskrise in Preußen: „Noch vor kurzem hat der preußische Landwirffchastsminister erklären lassen, daß er Anhänger der Zolloorlage sei. Man wird ab- warten, ob für Preußen die Angelegenheit damit erledigt ist, oder ob sie eventuelle Folgen für die preu- ßischen R'egierungsverhältniss« haben wird." In der Deutschen Volkspartei geht also wieder einmal alles auseinander. Die Partei sitzt in der preußischen Regie- rung— aber eines ihrer Mitglieder will diese Regierung stürzen. Der Bürgerblockgcdanke erhält durch die Agitation der Brotwucherer neu« Nahrung. Verbot kommunistischer Zeitungen. Dresden, 15. August.(Eigener Drahtbericht.) Das Ministerium des Innern hat die drei kommunistischen Blätter Sachsens, den „Kämpfer" in Chenmitz,„Das Voltsblatt" in Dresden und die„Sächsische A r b« i t« r- Z e i t u n g" in Leipzig sowie das nationalsozialistische Organ„Der Streiter" in Zwickau wegen mehrfacher Verstöße gegen die Verfügung des Reichspräst- Nun ging es ans Zahlen. Meine Rechnung— Nachllager, Frühstück, Mittagessm und Getränke— betrug 3,85 M. Ich sagte:„Jetzt werde ich auch einmal„sozial staffeln".— Ich bin verheiratet, macht 50 Pf. Dann haoe ich ein Bübel unter einem Jahr zu Haust, macht 25 Pf. Und schließlich wohne ich in Orts- klaffe A, macht 10 Pf. Ist zusammen 85 Pf. Das von 3,85 M. weg macht gerade 3 M. Hier ist das Geld!" Ich sagte zu dem verdutzten Wirt noch:„Gott behüt' Sie!" und schob zur Tür hinaus. vom Schneewasser zum„Gefcorenen". In diesen heißen Sommertogen sehnt sich alles noch kühlen- den Getränken, und das Eis fft uns sowohl als Beigade zu unferm Trunk wie als Speiseeis ein« wahre Labsal. Aber Jahrtausende haben sich ohne diese Erquickung beHelsen müssen oder haben viel- mehr auf ihre Weise versucht. Kühlung in. heißen Tagen zu bringen. Es konnten die Kinder Israel bereits das Mittel, den Schnee zur Kühlung der Getränke für den Sommer aufzubewahren, und ebenso verschafften sich die alten Griechen und Römer dadurch Erquickung in der Glut ist? Sonnners, daß sie richtig« Schneekeller Amlegten. Die Kunst der Eiserzeugunq blieb dem Mittelalter im allge- meinen urbekannt. Erst aus dem Orient wurde gegen End« des 16. Jahrhunderts die Kühlung der Getränke in Europa eingeführt. Reisende berichten davon aus der Türkei als einem großen Wunder. Danach besaßen der Sultan und die Paschas große Eis- gruben, aus denen sie Eis zu hohen Preisen an dst Bevölkerung verkauften.„Die Obsthändler", erzälK 1587 der Deutsche Solomon Schweigger,„kaufen>m Sommer das Eis in der Größe von einem Biertel Laib Brot: damit kühlen sie ihren Trank, und wer Sorbett trinkt, der wirft e.nsn Knollen Eis hinein oder er Hot auch einen sclchen Knollen im Munde, wenn er auf der Gasse geht, und sauget daran. Solche Eisgruben hat es viel um die Stadt Konstantt- nopel her" Nach diesem Borbild wurden danin auch im Abend- lande Eiskeller angelegt, zuerst in Italien. Unterdessen aber war die aufstrebende Naturw-sstnschast auf den Gedanken gekommen, die Getränke dadurch abzukühlen, daß man sie in Wasser sttzte, worin Salpeter aufgelöst war. Ein Spanier, Blasius Äillafranca, der 1550 als Arzt in Rom lebte war der erste, der diese Erfindung be- kamtt machte. Di« reichen Italiener kühlten auf diese Wesse all« Ge. tränke. Später verwendete man auch Steinsalze und andere Salz«. Nun war nur noch ein Schritt zu der Erfindung, Schnee oder Eis mit Salpeter und anderen Salzen zu mischen und dadurch die Kälte so zu steigern, daß das in einem Gefäß in stne Mifchunq gestellte Wasser zu einem'«sten eßbaren Eis friert. Erwähnr wird dieser Versuch zuerst 1607 von dem Neapeler Arzt Lakinus Tanoredus. Bald aber erscheint di«„E i s m cr ch e r e i" in den Schriften vieler Naturforscher als ein« naturwissenschaftliche Spielerei. Allmählich erst hat die Kochkunst diesen Gedanken ausgenutzt und das„G e- froren«" geschaffen. P. Couteaux soll es gewesen sein, der ums Jahr 1560 Fruchffäste künstlich geftieven ließ und so das Fruchteis schuf. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts fand dann diese „große Erfindung der Kochkunst" auch bei uns in Dentschfand iveitere Verbreitung. denten über den Ausnahmezustand bis zum 5. bzw. 10. September verboten. Die genannten Zeitungen haben aus Anlaß des Per» fassungstages die Reichsverfassung beschimpft oder zu ihrer gewaltsamen Beseitigung aufgefordert. Die heutigen Ausgaben der genannten Blätter wurden von der Polizei beschlagnahmt. -i- Der Reichsminister des Innern hat am gestrigen Tage die„Rote Fahne" auf die Dauer von drei Wochen verboten. Das Verbot umfaßt auch jede angeblich neue Druck- fchrift, die sich fachlich als die alte darstellt, und die im Verlag der „Roten Fahne" erscheinenden Kopsblätter. Verboten ist auch die Zu- stellung eines Ersatzblattes an die Bezieher der„Roten Fahne". Die immer wieder erfolgenden Verbote kommunistischer Zeitungen mögen nach dem Wortlaut der zurzeit noch be- stehenden Verordnungen über die Durchführung des zivilen Ausnahmezustandes juristisch begründet werden können. Politisch sind sie sicher eine Unklugheit. Es sollte überhaupt in diesem Zusammenhang die Frage erwogen werden, ob es nicht an der Zeit wäre, endlich alle Ausnahme bestim- m u n g e n gänzlich aufzuheben. Mindestens den K o m m u- nisten gegenüber sind sie absolut überflüssig geworden. Daß die Gerichte etwa nicht funktionieren, wenn es sich um die Bestrafung kommunistischer Vergehen bandelt, wird niemand gut behaupten können. Die- kommunistische Bewegung selber ist in einem offenkundigen Rückgang begriffen. Alle Verbots- maßnahmen können in diesen Tagen nur dazu beitragen, diesen Rückgang aufzuhalten. Außerdem muß auch aus allgemeinen Erwägungen dar- auf gedrängt werden, daß endlich mit der Praxis der Zeitungs» verböte Schluß gemacht wird. Der Reichsverband der deutschen Presse hat sich mit Recht immer wieder gegen die generellen Zeitungsverbote gewandt und Sicherheiten zum Schutz der Zeitungen gegen Willkür verlangt. Wir glauben, daß der Staat auf diese Ausnahmeinaßnahmen überhaupt verzichten kann und daß mindestens der bevorstehende Abschluß der Londoner Verhandlungen benutzt werden sollte, um mit diesem letzten Ueberbleibsel einer traurigen Zeit heftiger innerer Kämpfe ein für allemal auszuräumen, Allein auf weiter§lur. Die Kommunisten im Dortmunder Rathaus. Dortmund. 13. August.(Eigener Drahtbericht.) Der gestrigen Stadtverordnetensitzung, zu der der kommunistische Stadtverordneten- Vorsteher gemäß§ 42 der Städteordnung mit dem ausdrücklichen Hinweis eingeladen hatte, daß die Berfanmütng beschlußfähig sei, auch wenn nicht mehr als die Hälfte der Mtglieder er- scheinen sollte, waren die gesamten bürgerlichen Parteien wiederum ferngeblieben. Nach einer stundenlangen Geschäftsordnungsdebatre tteten die erschienenen Stadtverordneten in die Verhandlung der Tagesordnung ein. Die kommunistische Stadtverord- n« t« n f r a k t i o n, die in dem Rumpfparlament über die Stimmenmehrheit verfügte, führte eine Beschlußfassung über die sämtlichen auf der Tagesordnung stehenden Anträge des Ma- gistrats herbei. Ein groß'' Teil der gefaßten Beschlüsse verktößt gegen das Gesetz und die u..,tfälisch« Slädteordnung. Als der Ber- trete? des Magistrats wiederholt hierauf«ufnierksam machte und darauf hinwies, daß der Magistrat derartigen Beschlüssen unter keinen Umständen beitreten könne, gab der Bertteter der kommunistischen Stadtvcrordnetenfrottion die Erklärung ab, daß sie sich dessen bewußt seien, daß zahlreiche ungesetzliche Be- schlüsse gefaßt würden und daß sie sich absichtlich zu D e m o n- strationszwecken bei ihrer Beschlußfassung über Gesetz und Städteordnung hinwegsetzten. Da sich die sozialdemokratischen Vertreter und die Vertreter der Kriegs, und Arbeitsopfer dem im Laufe der Verhandlungen ge- machten kommunistischen Vorschlag«, die bürgerlichen Parteien bei der Besetzung der städtischen Kommissionen auszuschließen, nicht anschlössen, nahm die kommunistische Fraktion nunmehr die Wahl der wichtigsten Kommissionen vor und besetzte sie nur mit Angehörigen ihrer Fraktion. Die sozialdemokrattsche Fraktion und die Fraktton der Kriegs- und Arbeitsopfer, die dar- aufhin erklären ließen, daß sie sich an derartigen ungesetzlichen Beschlußfassungen auch nicht beteiligen könnten, verließen schließ- lich den Sitzungssaal. Die kommunistische Fraktton tagte dann allein weiter. Galvanoplaslische Mumien. Ein« neue Methode, den mensch- lichen Körper für Tausende von Iahren vollkommen unversehrt zu erhalten, ist angeblich von einem amerikanischen Physiker Hugo Gernsback erfunden worden. Die Mumie des 20. Jahrhunderts, die die altägyptssche noch weift übertreffen soll, wird auf galvano- plastischem Wege mit einer massiven Schicht von Kupfer, Silber oder Gold überzogen. Wie gelungene Versuche zeigen, die mit großen Fischen ausgeführt wurden, lassen sich die kleinsten Einzel. heiten erhalten, jede Linie de» Gesichts und des' Gesichtsausdrucks, sogar die Haare. Der amerikanische Erfinder hat weitgehende Pläne. Er fordert, daß die berühmten Männer Amerikas auf diese Weiss der Nochwelt erhalten" werden.„Sie können in Glassärg« gesetzt werden," sogt er.„damit das Publikum sie genau betrachten und von ihrer Erscheinung einen lebendigen Eindruck gewinnen kann. Viele Familien, die sich ein teures Mitglied stets vor Augen halten wollen, bekommen auf diese Weise einen kostbaren Schatz, der viel eindrucksvoller ist als das beste Porträt. Wenn man außer der Mumie sich auch nach Grammophonplatten der Stimm« und kinc- matographisch« Aufnahmen des Alltagslebens verschafft, so kann man mit den Toten im engsten Zusammenhang bleiben und sie auch nach vielen Iahren sich noch so lebendig vor die Seele stellen, wie sie in ihrem Dasein erschienen.." Die Vorstellung ist entsetzlich, daß die Reichen sich nun ihr« Bor- fahren aufkaufen und in den Salon stellen. Kann dieses gierigst? aller Wesen, der Mensch, sich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß er ein Gast aus dieser Erde ist, bestimmt für immer zu verschwinden und anderen Raum zu machen? Friedrich Engels hat in diesem Sinn« gehandelt, als er bestimmte, daß seine Leiche verbrannt und dre Asche im Meer versenkt werde. Für und wider den Bubenkops. Bleibt der Bubenkopf oder verschwindet«r? Das ist die große Frage, die heut so viele Mädchen- köpfe beschäftigt, und auch unier den Modeschöpfern ist ein grimmiger Kampf über Wert und Unwert des kurzgeschnittenen Frauenhaares entbrannt. Die Derteiänger des Bubenkopfes halben in einer Um- frage, die kürzlich ein Londoner Blatt veranstaltete, folgend« Vor- züoe für ihn angeführt:„Der Bubenkopf offenbart die natürlich? Schönheit der Kepftmien: er befördert das Wachstum des Haares: er ist viel bequemer und macht das Frisieren leichter: er steht Frauen aller Altersklassen." Di« Gegner bringen zwei Hauptgründe wider den Bubenkopf vor:„Er ist für Gefellicha-ten nicht geeignet und paßt nicht zur großen Toilette: er ist für die Frau zu männlich". Die Friseure scheinen r-ach ihren Antworten für den Bubenkopf «intreten zu wollen: sie müssen dabei also wohl besser aul ihre Rech. nung kommen. Die Mode hat ihnen zahlreiche Kundinnen zuju- führt. Dagegen sind di« Fabrikanten von Kämmen und Haarnadeln die Leidtragenden. Unter den Frauen sind es haupssächljch die, die über keinen seh? reichen Haarwuchs verfügen oder denen die Haare ausgehen, welche für die Beibehaltung des kurzgeschnittenen Haares «intreten._ Die„Derllner Abende- haben sich mit dem Märkischen Dandevtbeatcr znsammengetan und werden von der kommenden Spielzeit ab Odern. Konzerte und Vorträge auch in den Ttädten der Provinz veranstalten. * Lindströms Parteitag. Die ,, Bewegung" zur Partei versumpft. = Die zur Nationalsozialistischen Freiheitspartei" ver-| dern der Deutsch Böhme Rudolf Jung, schlug auf dem schmolzenen Nationalsozialisten Hitlers und judetenländischen Parteitag der Nationalsozialisten eine ResoDeutschvölkischen Gräfe- Wullescher Färbung halten lution vor, in der es heißt: Die Deutsche Nationalfoziaam Sonntag ihren ersten Parteitag ab, und zwar am listische Partei erklärt, daß sie sich zum Klassenstand: Geburtsort der republikanischen Reichsverfassung, in Weimar. punkt der schaffenden Arbeit bekennt. Sie ist also eine So fonfus wie die ganze vermeintliche Weltanschauung" Klaffenpartei... Die Bartei erklärt weiter, daß fie dieser Arier von Wotans Gnaden, so gibt sich auch der sich auf den Boden des Klassenfampfes stellt, inArmeebefehl!", der in Fettdruck an der Spize des völki- sofern als darunter die Auseinandersetzung zwischen schaffen schen Hauptblattes zu lesen ist: der Arbeit und arbeitslosem Einkommen verstanden wird." Aber Jung wandte sich nicht nur gegen den jüdischen Kapitalismus", sondern auch gegen die Grundrente, die der Klasse der Großgrundbesizer ein arbeitsloses Einkommen verschafft.. Aus unserer Bersilavung und Verelendung, aus unserer seelischen Not und unserer Zerrissenheit heraus, regt sich in gewaltigem Drange deutsches Blut und deutscher Geist, der Lebens-, Macht- und Freiheitswille des deutschen Boltes, die Sehnfucht nach einem geeinten, wehrhaften und wirtschaftlich gefunden Großdeutschland, reich an Ehre und Ruhm und doch ein Hort des Friedens. Die Tagung, über die Einzelheiten schon bekannt gegeben sind, will dies zusammenfassen. 11 Die Reichsführerschaft. Don Gräfe. Ludendorff. Strasser. Was sich an Hochverrätern völkischer Art nur finden läßt, hat sich in der sozusagen Festnummer des ,, Deutschen Tageblatt" zusammengefunden, um dem Parteitag noch eine Bewegung" vorzutäuschen. Albrecht v. Gräfe bemüht sich, nachzuweisen, daß die Nationalsozialistische Partei doch noch imftande sei ,,, Alljudas Uebermut zuschanden zu machen". Einstmals zogen allerdings die Helden in den Streit unter dem Rufe ,, Nieder mit dem Parlamentarismus". Damals wollten sie feine parlamentarische Partei, sondern nur eine ,, Bewegung" sein. Heute, da sie in fast allen Barlamenten vertreten sind und ihre Abgeordneten mit Seelen ruhe die Diäten einsteden, heute versichert einer ihrer Erleuchtetsten, Herr Boehner, daß er nicht einmal mit feiner Pension und den Diäten gemeinsam austommen fönne und deshalb sich eine andere Existenz gründen müſſe. Wie haben diefe teutschen Barden noch vor kurzem ge= zetert über die Barlamentarier, die ihre Diäten um der Diäten willen in Anspruch nähmen! Wie haben sie gescholten über ein System, daß den gewählten Abgeordneten durch Gewährung von Aufwandsentschädigungen das Leben am Size des Parla ments ermöglichen! Heute sind sie selber der Sünde bloß und bedauern nur, daß die Aufwandsentschädigung nicht so hoch ist, daß sie davon ein völlig arbeitsloses und bequemes Leben zu führen imftande feien. Die Bewegung" ist also außerordentlich schnell zu einer parlamentarischen Partei versumpft und alle Versuche, sie wieder aufzupumpen, bedeuten nichts anderes, als den Anhängern Sand in die Augen zu streuen. 11 Das gleiche gilt von den frampfhaften Bemühungen, auch die Arbeiter für diese neue Partei einzufangen. Der Herr diätenbegnadete Reichstagsabgeordnete Hans Stelter, Redakteur am ,, Deutschen Tageblatt", hält es für notwendig, sogar in einem großen Gedicht die ,, deutschen Arbeiter" auf zurufen, mit Herrn Lindström an einem Strange zu ziehen: „ Doch bald tommt der Tag, wo mit eiserner Faust auch der letzte Schlag auf den Ambos saust, der Tag, da die Hakenkreuzbanner weh'n, und wir wieder als Brüder zusammensteh'n." Das muß allerdings ein seltsamer Tag fein, an dem der Agrarier v. Gräfe und Ludendorff- Lindström höchstselbst sich mit den Arbeitern verbrüdern! Wie sagte doch der bayerische Landtagsabgeordnete Wiesenbacher von seiner völkischen Parlamentsfraktion? „ Wenn die Arbeiter einmal sehen würden, wie es dort zugeht, dann würden sie alle davonlaufen. Die Herren von der Intelligenz gewinnen feinen Arbeiter, auch wenn sie sich noch so sehr als Arbeitervertreter aufspielen." Man weiß also schon im voraus, was der Parteitag von Weimar den völkischen Gläubigen zu bieten vermag. Wer sich übrigens des näheren über die Tätigkeit, die Theorien und Absichten der Nationalsozialisten unterrichten will, dem bietet die soeben im Verlage J. H. W. Diez, Berlin, erschienene Schrift Paul Kampffmeyers Der Nationalsozialismus und seine Gönner" ein ausgezeichnetes Material. Besonders macht Kampffmeyer auf die Umbie gung der ursprünglichen Theorie der Nationalsozialisten aufmerksam, wie sie im Laufe der Entwicklung zur Partei vor sich gegangen ist. Ein wesentlicher Programmpunkt war ursprünglich die Beseitigung des arbeitslosen Einkommens". tinzweifelhaft haben die oft fanatischen Ausfälle nationalfozialistischer Demagogen gegen den Kapitalismus gerade die proletarischen oder proletarisierten Anhänger Hitlers in Flammen gesetzt. Der eigentliche theoretische Kopf des Nationalsozialismus- weder Hitler noch Ludendorff weder Hitler noch Ludendorff- sonHundertjahrfeier der Gärtnerlehranstalt. Bei trübem, abgekühltem Wetter öffnete heute früh die Dah lemer Gärtnerlehranstalt ihre Pforten den geladenen Gästen und den aus allen Gauen herbeigeellten früheren Hörern, um in festlicher Weise die hundertste Wiederkehr des Tages zu begehen, an dem sie in Potsdam ins Leben trat. Der verdiente Gartendirektor Lenné war es, der die damals Königliche Gärtnerlehranstalt in Verbindung mit der Landesbaumschule in St- Geltom erwirtte. In Schöneberg, in Potsdam und auf der Pfaueninsel war sie untergebracht, später tonzentrierte sie sich in Potsdam, wo sie in Wildpark eine Stätte fand. Als Dahlem aufgeteilt und besiedelt wurde, führte man die inzwischen zu großer Bedeutung gelangte Anstalt dorthin über 1903, wo ihr 50 Morgen Land, Lehrgebäude für die theoDiese ursprünglichen, zwar etwas verworrenen, aber doch im vollen Sinne des Wortes antitapitalistischen Theorien des Nationalsozialismus sind durch die programmatischen ,, Richtlinien" der Gräfe- Partei völlig beseitigt. Die Agrarier, die jetzt an der Spike stehen, denken selbstverständlich nicht daran, ihr arbeitsloses Einkommen von irgendwelchen Arbeiterbrüdern" beseitigen zu lassen. Die Lindströme werden also in Weimar zwar noch große Töne reden, aber sie werden feine Gefahr mehr für den Kapitalis mus sein. Auf die Dauer nicht einmal mehr für den deutschen Geift", den sie immer dann anrufen, wenn ihnen der eigene ausgegangen ist! Teutscher Hilferuf! Rettet völkische Jünglinge aus Judenhänden! Im„ Deutschen Aar", einem Blatte der Nationalsozialisten, finden wir in Nummer 35 folgendes Inserat: Wer rettet zwei junge, echt völtische Handlungs gehilfen aus Judenhänden und leiht ihnen 1300 Goldmart auf zirka 1 Jahr gegen monatliche Rückzahlung von 100 Goldmart? Auf Wunsch fönnen prima Bürgen beigebracht werden. Angebote werden unter ,, Not" an die Geschäftsstelle des Blattes erbeten. Wie, bei allen Göttern Walhalls, war es nur möglich, daß diese echt völtischen Jünglinge" und Handlungsgehilfen in Judenhände" gerieten? Sollten die auf einen großen arischen Pump ausziehenden Reinblütigen am Ende gar Handlungsgehilfen bei einer jüdischen Firma gewesen sein und dort 1300 vaterländische Goldmart 3 uviel ein genommen haben? Wollten fie deshalb aus den Juden händen gerettet werden? Die edlen Seelen werden vergebens auf nationale Hilfe warten. Denn gegen„ völkische prima Bürgen" borgt ihnen kein Hakenkreuzler einen rofen Heller. A Ehrhardt- Jünger als Mörder. Das große Schöffengericht zu Lüneburg verurteilte den ehe maligen Ehrhardt- Soldaten Walter Koß wegen schweren Raubes und Körperverlegung zu neun Jahren Zuchthaus. Roß, der seinerzeit zu den Baltikumtruppen gehörte, war eine Zeit lang Selbstschuhmann in Oberschlesien und landete schließlich bei der berüchtigten Ehrhardt. Brigade. Mit dieser zog er ins Munsterlager, wo Offizier und Mannschaften einen lebhaften Handel mit im Baltikum requirierten Pferden trieben. Mit einigen anderen Komplizen von ähnlichem Kaliber lockte Roß brieflich einen Hamburger Pferdehändler in die Nähe des Munsterlagers. In einem Walde sollte das„ Geschäft" dieser vorbildlichen Elemente vor fich gehen. Der Handel wurde in der Weise abgeschlossen, daß die drei Soldaten den Hamburger Händler von hinten mit einer Eierhandgranate niederschlugen und ihm seine Barschaft in Höhe von 36 000 m. raubten. Pferde hatten die Biedermänner nicht erst mitgebracht. Alle drei wurden jedoch bald verhaftet. Während der eine bereits vor drei Jahren abgeurteilt wurde und dem zweiten nichts Bestimmtes nachgewiesen werden konnte, gelang es dem schwerbeschuldigten Koß zu entkommen und über zweiundeinhalb Jahr in Berlin unterzutauchen. Dort wurde er schließlich erwischt, worauf er jetzt endlich abgeurteilt werden konnte. intereffen. Wir haben aber aus der Vergangenheit gelernt und müffen vieles nachholen. Die Kommunisten haben schon früher erfannt, daß die städtischen Betriebe ein günstiger Agitationsboden find. Auf Anweisung ihrer Zentrale haben sie die Bellen" gebildet. Aber auch das Bürgertum war nicht arbeitsmüde. Vor Johresfrist haben verstanden, sich einen mitbestimmenden Einfluß zu sichern. Es ist das erstemal in der Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung, daß nun die christlichen Organisationen als gleichberechtigt neben den freigewerkschaftlichen stehen. Gegen diesen bürgerlichen Einschlag haben sich alle Sozialisten zu wehren. Jeder Betrieb muß einen politischen Vertrauensmann stellen. Es gilt, alle Funktionäre aus allen 20 Verwaltungsbezirken zusammenzufeine Ewigkeit mehr. Die Werbearbeit muß jet fofort be foffen. Bis zur Neuwahl der Stadtverordnetenversammlung ist es ginnen, nicht erst vier Wochen vor den Wahlen. Jeder städtische Arbeitnehmer, ob Arbeiter, Angestellter oder Beamte, alle müssen an die Front. Es gilt, für sich selbst zu schaffen, wenn ein ve nünftiger städtischer Arbeitgeber erstehen soll. In der Aussprache unterstrich besonders Bürgermeister Genoffe Mielig die Ausführungen und rechtfertigte seinen Standpunkt, die Allgemeinheit mit möglichst wenig unproduktiven Ausgaben zu belasten. Aus Mangel an Mitteln. Das Ende der Quäfer- Studentenspeisungen. " Das Studentenhiflswert der Quäfer in Berlin stellte mit dem 15. Auguft aus Mangel an weiteren Mitteln seine Tätigkeit ein. Schon bald nach dem Kriege haben die englischen und amerikaniichen Quäfer im Februar 1920 das Speisungswert Berliner Studierender in fleinem Umfange begonnen, es aber bald soweit ausge baut, daß schon im Juni täglich 1000 Studenten von ihnen gespeist wurden, Studenten aller Berliner Hochschulen( Universität, Technische, Handels-, Tierärztliche, Landwirtschaftliche Hochschule, Kunstakademie, Hochschule für Musik, Akademie für Kirchen- und Schulmusit, Hochschule für Leibesübungen). Gefpeist wurde in den Räumen des Berliner Frauenvereins. Breitestraße, den akademifchen Speisehallen Friedrichstr. 107, Borfigftr. 5, Militärakademie ( für Technische Hochschule) und bei Aschinger. Mancher der Gäste bat außer jahrelanger täglicher Beföftigung noch beträchtliche Unter ftügungen erhalten, Beihilfen an Geld( als Geschenk oder unverzinsbares Darlehen), Kleidung, Bücher und Papier und Aufenthalt in Krankenhäusern und Heimen zur Erholung sowie Reisen zu Studienzwecken ins Ausland. Die Quäfer arbeiteten stets in naher Verbindung mit der Wirtschaftshilfe der Studentenschaft in Dresden und mit den Studentenausschüssen der Berliner Hochschulen. Die ausländischen Vertreter der Gef llschaft der Freunde"( Quäfer) standen in naher Beziehung zu vielen Studenten. Manche Stunde der Arbeit und Freude mit ihnen wird v'elen Studierenden in Erinterung bleiben. Die fehr beliebte Miz Biolett Tillard, ein aufopferndes, hilfreiches Menschenfind, fand in Rußland, wohin fie zu weiterer Hilfeleistung ging, ihren Tod in einer der Seuchenzeiten, die viele Menschen bahinrafften. Die Quäter haben in un haft bewundernsmerter Neutralität allen Bedürftigen ihre Pforten geöffnet. Neben dem jungen Kriegsgegner, dem die geistige Ginstellung der Quäfer zum Kriege( viele Quäter haben in England und Amerita als Kriegsdienstverweigerer in Gefängnissen gefessen, und eine ganze Reihe aufrechter Mä.mer ist hinter den Gittern gestorben) nicht fremd war, holte sich der Hakenkreuzoffizier mit dem Stahlhelmabzeichen am Rod feine Speisemarte aus der Hand der ausländischen Helfer. Sie haben alles getan, was in ihren Kräften stand, den Gegner aus dem Kriege von dem Gemand des Zerrbildes graufamster Unmenschlichkeit zu entfeiden, mit dem der Kriegshaß ihn umhängt. Im Quäfer Studenten flub tamen allabendlich junge deutsche Menschen in nahefte Berührung mit den Fremben, die ihnen keine Fremden mehr waren. Der Klub wird auch nach Eingehen der Speisungen der Ort bleiben, der allen Studenten offen steht zur Einkehr und Umschau bei Menschen anderer Lande, die feine Fremden sein möchten. Versuchter Vatermord. Der 20 Jahre alte Kaufmann Gdgar Löwenstein gab gestern abend im Berlaufe eines Streites auf seinen Vater in dessen Wohmung in der Kaiferallee 222 fünf Schüsse ab. Der Bater wurde langem ,, das schwarze Schaf" der Familie. Da er beständig mit glüdlicherweise nicht verlegt. Der junge Löwenstein ist schon seit seinen Eltern Streitigkeiten hat, wohnt er nicht zu Hause, sondern in der Nähe in einer Pension. Er bezieht von seinem Bater eine Unterstützung, die aber für seinen flotten Lebenswandel nicht ausreicht. Gestern war er wieder in die Wohnung seines Vaters gefommen, um sich einen größeren Zuschuß zu holen. Der Vater weigerte sich aber diesmal zu zahlen und blieb feft. Der ungeratene Sohn geriet darüber in solche Wut, daß er einen Revolver zog und auf seinen Bater fünf Schüffe abgab. Dieser konnte im letzten Augenblid noch eine große schwere Daunende de emporreißen und zwischen sich und den Schüßen halten. Alle fünf Kugeln blieben in der Dede steden. Der Sohn entfernte sich dann aus der Wohnung und konnte später verhaftet werden. Er wird heute noch dem Untersuchungsrichter wegen versuchten Vatermordes vorgeführt. Verloren! Bei der Demonstration am Montag ist Genosse Braun, Christburger Str. 33, Quergeb. III, von Kommunisten arg mißbandelt worden. Neben sonstigen Echäden vermißt er seine ich i arze Ein anderer Ehrhardt- Jünger lieferte nach den„ Bremer Nachrichten" in dem unweit Bremen gelegenen Dorfe Uphusen aus politischem Haß eine Messerstecherei, die mit dem Tode eines Arbeiters endete. Eine Anzahl junger Leute tehrte in Uphusen von einem Lampionfest heim. Eine Gruppe von ihnen sang das berüchtigte atentreuz am Stahlhelm". Ein junger Arbeiter, der mit seinen beiden Schwestern hinter den Sängern ging, soll sich mißbilligend über diese Singerei geäußert und das Deutschlandlied angestimmt haben. Aus der vorderen Gruppe 2eberbrieftasche mit ersatpflichtigen Geldern. Der ehrliche Finder drehte sich nun ein einundzwanzigjähriger Bauernsohn um, verwitò gebeten, fie ebil. in der Rebafton abzugeben. Der Ueberfall ereignete feste dem Arbeiter Messerstiche in Brust und Hals, fich da, wo Scholem sein Referat hielt. was zur Folge hatte, daß der Ueberfallene auf der Stelle verblutete. Der Mörder wurde am anderen Morgen aus dem Bett heraus verhaftet, wobei er angab, bei der Tat sinnlos betrunken gewesen zu sein! Hörer durch die landwirtschaftliche Hochschule ist der weitere Aufstieg festgelegt. Reicher Beifall wurde dem Minister zuteil, dem dann noch eine große Zahl Redner folgte, fo Vertreter der landwirtschaftlichen Hochschule, der Stadt Berlin, des Botanischen Gar tens, der Biologischen Reichsanstalt, der Hauptlandwirtschafts. fammer, der Geisenheimer Anstalt usw. Die Ansprachen fanden in dem hinter dem Hauptgebäude gelegenen weiten Rafenparterre statt, seiner Regen näßte von Zeit zu Zeit auf die ca. 1800 Teil nehmer herab, vermochte aber die fröhliche Laune, diesem Fest der Arbeit beiwohnen zu können, nicht zu stören. An die Feier schloß sich die Enthüllung des Kriegerdent mals für die sechzig gefallenen Hörer der Anstalt, die in würdiger Weise verlief. Das harte Geschic, das so viele jugendfrische Männer von der Stätte des Lernens rief und so große Trauer über die Angehörigen verhängte, ist nun für die kommenden Geschlechter möge ihnen daraus der Gedanke erwachsen, daß die Bölferversöhnung Aufgabe der Zukunft ist. -W Ueberschwemmungen im Vogtland. Eine Ueberschwemmungsfatastrophe hat die Stadt Greiz und Umgebung betroffen. Die Elster stieg in wenigen Stunden um einen Meter und überschwemmte die ganze Umgebung. Die Gefahr tam so rasch, daß durch Sturmgeläut die freiwillige Feuerwehr und die Pflichtfeuerwehr alarmiert werden mußten. Zum Teil sind die Bahngleise Gera- Weischlik unterspült, so daß auf dieser Strede mit großer Borficht gefahren werden muß. Biele Betriebe stehen still. An den gefährdeten Stellen müssen die Wohnungen geräumt werden. Das Wasser wächst weiter und damit die Gefahr. Der gestern abend nach 8 Uhr einsehende wolkenbruchartige Regen, der die ganze Nacht anhielt, hat im ganzen Bogtlande und in den angrenzenden Gebieten Ueberschwemmungen verursacht, wie man sie seit 1889 nicht mehr beobachtet hat. Ueberall sind die Flüsse aus den Ufern getreten und die Wiesen überschwemmt, fo daß weite Seeflächen entstanden sind. Die Flüsse führen Gartenzäune. Baumstämme, Gefträuch usw. mit sich. In Plauen ist an der Elsterbrücke die Gefahrenmarte B überschritten. Aus Paufa und Triebens liegen Nachrichten vor, daß eine Anzahl Häuser dem Einsturz nahe sind. Viele Gebäude, namentlich Fabriken, stehen Das Bieh mußte vielfach aus den Ställen geschafft werden. Menschenleben sind bisher nicht zu beklagen. retischen Fächer und Gewächshäuser zur Verfügung gestellt wurden. dauernd festgehalten möge ihnen daraus der Gedanke erwachsen, unter Waffer, so daß sie heute morgen nicht betreten merden konnten. Die eigentliche Feier besdyränkt sich vernünftigerweise auf den heutigen Tag, der bereits um 8 Uhr eine Besichtigung der Reviere und der Ausstellung der Hörerarbeiten brachte. Um 10 Uhr begann die eigentliche Feier, der Musikvorträge( Beethoven, Weber, Bogner) einen stimmungsvollen Rahmen schufen. Die Ansprache des Anstalt sbirektors Th. Echtermeyer gedachte der Entwicklung in dem abgelaufenen Jahrhundert und der Männer, die ihr reiches Wissen und ihre Tatkraft in den Dienst der Anstalt gestellt hatten. Dann ergriff der preußische Landwirts fchaftsminister Dr. Wendorff das Wort, um der hohen Bedeutung der Anfalt Anerkennung zu zollen. die im Frieden und namentlich auch im Kriege vorbildlich für die Ausbreitung gärtnerifcher Renatuiffe in Fach- und Laienfreifen gearbeitet hat. Als Anerkennung der bisherigen Leistungen hat die preußische Regierung der Anstalt 40 Morgen Land für Feldgemüsebau zur Verfügung gestellt und zudem ihr gewissermaßen als Abfchlagzahlung für eine balbige Erweiterung zur Hochschule- den Titel Lehr und Forschungsanstalt für Gartenbau verliehen. Auch durch Anerkennung absolvierter Semester der Anläßlich der Hundertjahrseier wurden der Anstalt wertvolle Ruwendungen gemacht. Vor allem ist zu nennen die von der Stadt Berlin erfolgte Überweisung von 74 Mongen Moorgelände bei de beeren zur Errichtung der 1. gärtnerischen Moorversuchsstation. Eine Gabe von nahezu 1000 3tr. Kunstdünger, gestiftet von der Dünger industrie, wird dorf die besten Dienfte tun. Die Werbearbeit in den kommunalen Betrieben. In der gestrigen Versammlung aller fozialdemokratischen Arbeiter, Angestellten und Beamten des Bezirksamts Friedrichshain referierte Genosse Schwane bed über das Thema: Die Arbeit der Parteigenossen in den städtischen Betrieben und Verwaltungen. Der Redner erinnerte an das Resultat der Stadtverordnetenwahlen Dom Oftober 1921. Durch die Laschheit der städtischen Arbeitnehmer müssen wir uns mun mit einer bürgerlichen Mehrheit abfinden, die zu allem anderen fähig ist als zur Vertretung von Arbeitnehmerzu allem anderen fähig ist als zur Vertretung von ArbeitnehmerBandenüberfall auf einen Güterzug. Aus Maiseille wird gemeldet: In der Nacht haben 6 oder 7 mastierte Räuber den Güterzug von Arent(?) überfallen. Sie hatten die Schienen geölt, so daß die Lokomotivräder nicht mehr eingriffen und der Zug langfamer fuhr. Mit dem Revolver in der Hand drangen sie in ben Begleitwagen und plünderten den Beamten Paul, dem sie 330 000 Frant, 95 000 in bar und 235 000 in Schecks, abnahmen. Parteinachrichten Einsendungen für diese Rubrik find Berlin S. 68, Lindenstraße 3, für Groß- Berlin stets an das Bezirkssekretariat, 2. Hof, 2 Trep. rechts, zu richten. Jungfozialisten Schöneberg. Freitag, den 15. Auguft, abends 8 Uhr, wieder im Judendheim, Feurigstr. 7, Zimmer 7. Diskussionsabend. Gewerkschaftsbewegung Um das Streifrecht der Beamten. Das Reichsverkehrsministerium bemüht fich feit dem 30. Dezent ber 1922, cirte enderung der Sagung der Reichsgewerte schaft deutscher Eisenbahnbeamten und-anwärter E. 2. herbeizuführen. Der Grund ist folgender: Das Reichs: bisziplinargericht in Leipzig hat in der Begründung zu einem Urteil gegen die an dem Februarftreit der Reichsgemertschaft beteiligten Beamten zum Ausdruck gebracht, daß die Angeschuldigten sich in dem Glauben befunden haben fönnen, es bestehe ein Streitrecht der Beamten. Der Polizeipräsident pon Berlin habe die Sagung der Reichsgewertschaft unbeanstandet passieren laffen, ebenso sei dem Reichsverfehrsminister befannt gemejen, daß Der§ 2 der Gagung die Anwendung aller gewerffchaftlichen Mittel porsieht. Da nun die Reichsregierung durch wiederholte Kurbgebungen zum Ausdrud gebracht hatte, daß sie ein Streif. recht der Beamten nicht anerkennen tönne, glaubte das Reichsverkehrsministerium, diesem Standpurikt durch eine Eagungsänderung Geltung verschaffen zu müssen, die in fünftigen Zeiten die Berufung eines Disziplinargerichts auf Die Euzung ausschließt. Der mit dem Reichsverkehrsministerium im Laufe der darauf folgenden Monate geführte Schriftmechsel vere mechte eine Klärung nicht zu bringen, weil der Auffassung des Reichsverfehrsministers die grundsägliche Auffassung der Gewerkschaften gegenüberstand. Durch mündliche Berhandlungen mit dem Reichsverkehrsminister Deser wurde schließlich flargestellt, daß das Reichsvertehrs. ministerium nicht die Absicht habe, die grundsägliche Auffaffung der Gewerffchaften zur Frage der Koalitionsfreiheit bzw. der Diensteinstellung der Beamten zu erschüttern, sondern ledig. lich die Stellung der Reichsregierung zu dieser Frage allen Eisenbahnbeamten zur Kenntnis bringen wolle. Der Reichsverkehrs minister betonte ausdrücklich, daß die Stellung der Reichsregierung allen Reichsbahnbeamien zur Kenntnis gebracht werden müsse, um bei späteren Diensteinstellungen den Hinweis der Gerichte cuszuSchalteri, daß die Beamten in gutem Glauben gehandelt hätten. Der Reichsverkehrsminister glaubte deshalb, daß die Stellung der Reichsregierung am zmedmäßigsten den gewerkschaftlich, or ganisierten Reichsbahnbeamten in der Sagung an irgendeiner Stelle bekanntzugeben sei. Nachdem die Gewerkschaftsvertreter die Erklärung des Reichsverfehrsministers zur Kenntnis genommen und ausdrücklich festgestellt hatten, daß hier Auffaffung gegen 2uffaffung stehe und von einer Seite der Versuch einer Beeinflussung unternommen werden würde, war der Weg frei zu einer Berständigung, mie sie nunmehr in Aussicht genommen ist. Danach erklärt sich der Vorstand der Reichsgewert schaft deutscher Eisenbahnbeamten und anwärter unter poller Wahrung seiner grundsäglichen Stellungnahme zum Streitrecht der Beamten bereit, feinem erweiterten Borstand der Vorschlag zu unterbreiten, in de§ 2 feiner Gazung das Wort„ Derfassungsmäßigen" einzu schalten, so daß der erste Absatz des Paragraphen fünftig lautet: " Die Reichsgewertschaft bezwedt unter Anwendung aller verfaffungs. mäßigen gewerkschaftlichen Mittel usw." Außerdem soll hinter der Sagung, evtl. auf dem Schlußblatt, die abweichende Stellung der Reichsregierung durch folgende Anmerkung befarintgegeben werden: „ Die Reichsregierung hat in wiederholten Erflärungen ein Streifrecht der Beamten verneint, die höchstrichterliche Rechtsprechung hat bisher denselben Standpunkt eingenommen." teht umb fermer bie Tatsache festgeffefff, daß die Reichs| better gibt es auch umproduttive Arbeiter ober find nur die regierung in der Frage des Streifrechts der Beamten einen von der Reichsgewerkschaft abweichenden Standpunft vertritt. Der Streik bei der Schebera, Tempelhof. Am 14. Juni erhielt der Arbeiterrat der Firma Schebera ein Schreiben, worin eine sofortige Kürzung der gesamten Alforde ,, um menigstens 25 Broz., in der Stellmacherei und Kastenmacherei um 30 Broz. ab morgen" angefündigt wurde. Nur zu diesen Bedingungen kann die Arbeit am Montag wieder aufgenommen werden. Unter feinen Umständen würden wir uns damit einverstanden erflären, daß etwa, wie in einer Abteilung in den Monaten Oktober bis Dezember geschehen, mieder in Loher gearbeitet mirb. Es dürfte Ihnen wie auch dem Gefamtbetriebsrat erinnerlich fein, daß wir im Januar die sämt= lichen Afforde schon um mehr als diese 25 Pro3. niedriger gelegt haben, um überhaupt fonturrenzfähig au fein. In der Wiederaufnahme der Arbeit zu diesen Bedingungen er blicken wir das restlose Einverständnis der gesamten Belegschaft zu dieser unserer Maßnahme." Unter den von der Firma Schebera angeführten Bedingungen mar es der Belegschaft( 530 Bersonen start) nicht möglich, wenn fie nicht bebingungslos fich dem Diktat der Firma unterwerfen wollte, die Arbeit am 16. Juni wieder aufzunehmen. Da die Mitteilung erft turz vor Arbeitsschluß an den Betriebsobmann ergangen war, war auch eine Berhandlung am 14. Juni nicht mehr möglich. Am Montag, den 16. Juni, wurde die Arbeit nicht aufgenommen und die gesamte Belegschaft nahm zu dem Angebot Stellung. Nach einigen Tagen bemühte sich der Gewerberat orner als Borsitzender des Schlichtungsausschusses Groß- Berlin, die Barteien zusammenzubringen, um die Streitfrage zu regeln. In der ersten Verhandlung erschien ein Vertreter der Firma, der jedoch nicht bevollmächtigt war, eine endgültige Zustimmung zu dem folgenden Borschlag des Herrn Gewerberat Körner zu machen: 300 Personen fofort einzustellen und die noch übrig bleibenden in einem bestimmten Zeitraum. Bum zweiten Termin war die Firma überhaupt nicht erschienen, hatte aber vordem die Erklärung abgegeben, daß die Streitfrage zentral geregelt werden sollte. Wiederholte Verhandlungen, die inzwischen geführt wurden, führten zu feinem Ergebnis. Es wurde nunmehr am 11. Auguft die lezte Berhandlung geführt, in der die Berhandlungskommission der Arbeitnehmer folgenden Borschlag machte: 300 Facharbeiter sollen fofort eingestellt werden. Betriebsfrembe dürfen nicht früher eingestellt werden, ehe nicht die noch draußen stehenden Arbeiter im Betriebe sind. Die Firma ging auf diesen Borschlag nicht ein. Sie war unter feinen Üm ständen bereit, mehr als 250 Facharbeiter wieder einzustellen. Neueinstellungen nach Wiederaufnahme der Arbeit dürfen innerhalb fechs Wochen nicht vorgenommen werden. Die Arbeiter waren bereit, menn die Firma alle noch übrig bleibenden Arbeiter, 380 an der Zahl, wieder einstellt, meniger als 48 Stunden die Woche zu arbeiten, evtl. 30 bis 36 Stunden. Dieses lehnte die Firma ab und dokumentierte damit, daß sie nicht gewillt ist, die im Kampf Stehenden Arbeiter wieder einzustellen, sondern eine Auslese unter der früheren Belegschaft vorzunehmen. Arbeiter Berlins, übt Solidarität mit Euren Arbeitsbrüdern, geht nicht auf den Leim, laßt Euch nicht als Streitbrecher gebrauchen, denn was der Belegschaft angeboten wurde, kann Euch in den näch fben Wochen ebenfalls treffen. Betriebszeitungen. Die vorstehend gekennzeichnete Berständigungsformel läßt gar Die RBD.- Zentrale propagiert seit einiger Zeit, die Heraus feinen Zweifel darüber bestehen, daß in der Frage der Koalitions: gabe von Betriebszeitungen. In allen Betrieben mit über 100 Befreiheit bzm. der Dienstverweigerurig der Beamten die grundsätzliche schäftigten follen folche Betriebszeitungen geschaffen werden. Die Auffassung der Organisationen in feiner Weise geändert worden ist. Jdee ist nicht übel, übel ist nur ihre fommunistische Ausführung. Es wird lediglich die Selbstverständlichkeit ausgesprochen, laß die Die Rote Fahne" gab fürzlich voll Stolz einige Roftproben aus Reichsgewerkschaft auf dem Boden der Reichsverfassung einer folchen Betriebszeitung, die als„ Drgan der produttiven Ar " tommunistischen Arbeiter produktive" Arbeiter?- und Angestellten des„ Borsig- Wertes" in Legel" mit dem Titel: Die Borsige Lokomotiven" erstmals erschienen ist. Der ganze Inhalt dieser sogenannten Betriebszeitung setzt sich zusammen aus persönlichen Angriffen gegen den Redakteur der Borsig- Zeitung", Dr. Alfred Striemer, und kommunistischen Wihchen. Nun, wir wollen über Geschmad mit den Kommunisten nicht streiten. Sie zeigen uns, mie eine solche Betriebszeitung nicht sein soll. " Unsere Genossen in den Betrieben aber fönnten zeigen, daß solche Betriebszeitungen in den größeren Werfen für die Belegschaften von Nuzen fein tönnen. Durch fachliche Kritit vorhandener Mängel und Misstände fann auf deren Abstellung hingewirft werden. Es tönnen Vorschläge zur Verbesserung dieser und jener Einrichtung für die Arbeiter an die rechte Stelle gebracht merben, llebergriffe einzelner Wertbeamten gerügt werden, der Belegschaft die Unfallverhütungsvorschriften in Erinnerung gebracht, fommunistische Treibereien gegeißelt, für die SPD.- Frattion gewor ben werden, furzum solche Betriebszeitungen fönnen in unseren Händen Gutes stiften. Sofern es nicht etwa schon geschehen sein sollte, wäre die Sache zunächst im Bezirksverband zu befprechen, den Vertretern der größeren Betriebe bezüglich der technischen Seite an die Hand zu gehen und dafür zu sorgen, daß alsbald sozialdemokratische Betriebszeitungen heraus tommen. Nur etwa 300 Mann." Aus Bochum teilt die Gewerkschaft herbeder Steinfohlenberg merte mit, daß fie infolge der allgemeinen Wirtschafts- und Kredit not, insbesondere wegen Abfazmangels im vorigen Monat ge zwungen gewesen sei, erhebliche Einschränkungen des Betriebes vorzunehmen. Die anfängliche Absicht, von der 1180 Mann betragenden Belegschaft 600 zu entlassen, brauchte nicht zur Durch führung zu tommen. Es war nötig, nur etwa 300 Mann zu entlassen, so daß die Belegschaft noch heute über 800 Mann beträgt. Eine glückliche Gesellschaft, die nur den vierten Teil ihrer Belegschaft, nur etwa 300 Mann aufs Pflaster werfen muß, anstatt die Hälfte! Und die 300 Mann? Der faschistische Bergarbeiterftreit. Die EP. bringt aus Mailand folgende bezeichnende Meldung: „ Die Bergleute des Bal d'Arno haben die Fortsehung des Das Diretto Streits bis zum äußersten beschlossen. rium der Faschistenpartei hat den Streifenden eine unterstützung von 250 000 Lire bewilligt. Dieser Be schluß ruft in politischen Kreifen lebhafte Kommentare hervor. Unter dem Drud seiner Gemerfschaften beginnt nämlich der Faschismus damit in der Arbeiterfrage eine neue Haltung einzunehmen. Bisher hatte er rüdhaltlos die Industrie gegen die Arbeiter unterstützt, mogegen jetzt in gewiffen Fällen, das umgefehrte System befolgt werden foll" Es ist begreiflich, daß das umgefehrte System" den Unter nehmern weniger behagt. Der Faschismus mill es nach der Lehre in Genf offenbar mit anderen Methoden verfuchen, die Gewert fchaften auf seine Seite zu bringen. Jm Hafen von Genua ist die Gewerkschaft der Handmerter, nämlich Sattler, Schreiner ufw, in den Ausstand getreten, well das Ronsortium die versprochenen Bergünstigungen nicht bewilligt haben soll. Der Hafentommissar hat die 800 Streifenden vom Hafentonsortium ausschließen lassen. Berantwortlich für Bolitik: Craft Reuter; Wirtschaft: Artur Saternus; Gewerkschaftsbewegung: Friedr. Eglorn; Feuilleton: R. SH. Discher; Lokales und Sonstiges: Fris Karstädt; Anzeigen: Th. Glode; sämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts- Buchdruderet und Berlagsanstalt Baul Ginger u. Co., Berlin EW. 68, Lindenstraße 3, Sierzu 1 Beilage. Volkstümlicher Verkauf Kleiderstoffe Schotten und Streifen für Blusen und Kleider....... Mtr. 95PI. Kleiderstoff 100 cm brt., heller Fond, mit römisch. Streifen, Mtr. 135 Rockstoff 100 em breit, Halb- 195 265 wolle, mit schönen Streifen, Mtr. Kleiderstreifen 105cm br., aparteMust, Mtr. Wollcrêpe gestreift, elegante 325 Kleiderware, Mtr. 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Während der eine, der sich wie ein wildes Tier" benommen hatte, ganz freigesprochen wurde, soll der andere eine GeldAm 22. Januar war Otto Lesch von der Straffammer in Moabit von der Unklage des Diebstahls im Rückfalle freigesprochen worden, nachdem das Schöffengericht gegen ihn auf neun Monate Gefängnis erkannt hatte. Der unerwartete Ausgang des Prozesses wurde von dem Freigesprochenen in Gemeinschaft mit seinem Bruder und mehreren Freunden gebührend„ begossen". Auf dem Wege nach ihrer Wohnung in der Grünthaler Straße zog man von Kneipe zu Kneipe und gelangte schließlich betrunken bis zur Esplanade in Bankow. Dort fam gerade ein Auto von einer Probefahrt zurück und wollte in die Reparaturwerkstätte von Heß einfahren. Die Angetrunkenen verlangten stürmisch, daß der Kraftwagenführer mit ihnen eine Fahrt mache, was diefer aber ablehnte. Darüber in Wut geraten, überfielen sie den Chauffeur und den Inhaber der Wertstätte und versuchten, die Wertstätte zu stürHerbeigerufenen Bolizeibeamten setzten sie den heftigsten Widerstand entgegen und Paul Lesch, der sich am wildesten gebärdete, schlugeinem Obermachtmeister mit der Faust ins Gesicht und fonnte erst überwältigt werden, nachdem die Beamten blant gezogen hatten und er einen Säbelhieb über die Wange erhalten hatte. Dito Lesch hatte sich mit der dreimonatigen Strafe für die Ausschreitung beruhigt. Anders Paul, der Berufung einlegte und sich darauf berief, daß er so sinnlos betrunten gewesen sei, daß er von den Vorgängen nichts mehr wisse. Er sei, so erwiderte er dem Gericht, nicht im stande, viel Alkohol zu vertragen, fönne aber, wenn er einmal angefangen habe zu trinken, an feinem Wirtshaus vorübergehen. Von der Verteidigung war eine ganze Reihe Zeugen geladen worden, die dem Angeklagten bezeugten, daß er finnlos betrunken gewesen sei und fich wie ein wildes Tier benommen habe. Die Beweisaufnahme hatte den Erfolg, daß die Berufungskammer das Urteil aufhob und den Angeklagten freisprach. men, In dem zweiten Falle löfte die Trunkenheit in dem Hausdiener Alfred Hertert lange zurückgedrängte Rache und Vergeltungsgedanken aus. Nach einer durchzechten Nacht erwachte bei ihm die Erinnerung, daß sein inzwischen schon zum Manne herangewachsener jüngerer Bruder einst von dem Lehrer G. eine Tracht Prügel erhalten hatte. Er begab sich zu der Schule in der Gartenstraße und traf dort den Lehrer mit den Schülern auf dem Schulhof, da gerade Bause war. Aís der Lehrer den Angetrunkenen, der ihn mit Schmähworten überhäufte, vom Schulhof mies, versezte dieser ihm einen so muchtigen Schlag ins Gesicht, daß der Lehrer mit zersplittertem Nasenbein blut überströmt zu Boden sant. Wegen dieser groben Ausschreitung war hjertert vom Schöffengericht mitte zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt worden. Die große Ferienftraffammer unter dem Borfih von Landgerichtsdirektor Marschner beschäftigte fich in der Berufung mit dem Fall. Der Angeflagte behauptete, daß er von dem Vorfall nichts wisse, da er nach starkem Attohol: genuß jede Erinnerung an die Vorgänge verloren habe. Bei seiner ersten Vernehmung auf der Bolizei hatte er jedoch genaue Angaben gemacht. Der Angeklagte berief sich weiter darauf, daß sein Vater geistestrant gewesen sei. Auf dem Sterbebett hätte der Vater ihm zur Pflicht gemacht, den zwei Jahre jüngeren Bruder zu schützen. Der mißhandelte Lehrer, der sich dem Verfahren als Nebentläger angeschlossen hatte, befundete, daß der Bruder damals zu Recht seine Brügel erhalten hatte, weil er die achtjährige Tochter des Lehrers mit unanständigen Rebensarten belästigt hatte. Der Borfall sei aber in der Folgezeit längst vergeffen gewesen. Staatsanwaltschaftsrat Latté wollte, obwohl die Tat des Angeklagten start an Wild- Weft erinnere, den Angeklagten nur mit einer Geldstrafe belegt sehen, da das Motiv der Tat darauf schließen laffe, daß der Angeklagte tein normaler Mensch sei. Das Gericht verneinte die Unzurechnungsfähigkeit, die Angaben, daß er nichts von den Vorgängen wisse, feien nur eine Simulation. Die Lehrer müßten gegen grobe Ausschreitungen ehemaliger Schüler und deren Angehörigen geschützt werden, daher sei die Strafe des Vorderrichters zu billigen. Das Gericht habe dem Angeklagten aber eine dreijährige Strafausfeßung gegen Zahlung einer Buße von 500 Goldmart, zahlbar in monatlichen Raten von 50 Mart, zugebilligt, in der Hoffnung, daß ihm diese Strafe zur Warnung dienen werde, fich in Zukunft vor dem Alkohol zu hüten. Wiedererftandenes Mittelalter. In der Zimmerstraße hatte eine Frau Ledermann eine Benfion" inne, die sich bei dem polizeilichen Zugriff als ein ganz gefährliches Kuppelquartier für sadistisch veranlagte Kreise erwies. Man fand dort eine Folterbant, Bolsterfeffel mit Nägeln, Flaschenzüge und andere Marterwert. Kaufhaus Tempelhof Inh. Edmund Elend Kleiderstoffe Schotten Cheviot, doppeltbrett..... Meter 95 Pf. in großer AusBlusenstreifen wahl.. Meter 125 Streifen für Blusen u. Kleider, Mir. 165 Cheviot in sdwars and farbig, doppeltbrett. Meter 125 Cheviot reine Wolle, doppeltbrett Meter 165 Rockstreifen doppeltbrett. Mtr. 195 Cheviot retne Wolle, 105 cm breit .Meter 195 Berliner Straße 126 Seiden und Samfe Freitag, 15. August 1924 zeuge. Die Supplerin hatte für ihre unfittlichen Zwede junge Mädchen verwendet und war wegen schwerer Suppelei gestern vor dem Schöffengericht Mitte angeklagt. Da zwei Belastungszeuginnen fehlten, die sich gegenwärtig in Fürsorgeerziehung befinden, so mußte das Gericht, da die Verteidigung auf deren Vernehmung nicht verzichten wollte, den Fall vertagen. Zum nächsten Termin soll ein umfangreicher Beweis über das Treiben in dem Kuppelquartier angetreten werden. Wohin wende ich mich bei Gasgefahr? Um im Falle von Gasgefahr, Gasausströmungen, Explosionen usw. Meldungen auf schnellstem Wege an die zuständige Abhilfs= ftelle leiten zu können, weist der Polizeipräsident auf folgendes hin: Gasgeruch bzw. Gasgefahrmeldungen nehmen sämtliche Dienstſtellen der Gasmerte entgegen. Man mende sich daher in jebem Falle an die nächste Dienststelle. Nach Schluß der Dienstzeit( zurzeit 4 Uhr) bis abends 8 Uhr können für derartige Meldungen ftraße 3, Norden 1214; Gitschiner Straße 48, Wtorizplatz 2098; folgende Dienststellen in Anspruch genommen werden: CharitéStralauer Platz 33, Königstadt 240; Prenzlauer Allee 80, Königstadt 54; Jasmunder Straße 15, Humboldt 2019; Selferstraße 10, Moabit 3220; Neukölln, Canner Straße( Reglerhaus), Neukölln 1524; Charlottenburg, Berner- Siemens- Straße 17/18, Wilhelm 78; Lichtenberg, Wiesenweg, Lichtenberg 1169; Spandau, Gasmert, Spandau 100. Bon 8 Uhr abends ab und zur Nachtzeit ist anzurufen: Zentralmagazin, Spandauer Platz 33, Fernsprecher Königstadt 240 oder Charlottenburg, Werner- Siemens- Straße 17/18, Fernsprecher Wilhelm 78. Die Fernsprechzentrale des Verwaltungsgebäudes der Städtischen Gaswerfe, Neue Friedrichstraße 109, Anruf Mertur 8624-30, wird wochentags von 7% Uhr morgens bis 7% Uhr abends bedient. Außerhalb dieser Zeit ist der Anschluß Merfur 8624 auf den Pförtner umgeschaltet, der angewiesen ist, ebenfalls Melbungen weiterzuleiten. „ Bolk und Zeit", unsere illustrierte Wochenschrift, liegt der heutigen Bostauflage bei. Das Leichtfrankenhaus Buch wird jetzt in eine Heilstätte" um= gewandelt. Neuaufnahmen von Kranten finden nicht mehr statt. Wegen Spionage zugunsten Polens ist der Gärtner Martin Janas aus Birnbaum vom Meieriger Gericht zu 5 Jahren Buthaus, 10 Jahren Ehrverlust und Stellung unter Bolizeiauificht verurteilt worden. Janas batte den polnischen Behörden in der Zeit, als das Gerücht einer polnischen Befehung der deutschen Grenzfreise Meserig, Schwerin a. d. Warthe und Bomst verbreitet war, Nachrichten gegen Entgelt geliefert und dadurch die Sicherheit des Deutschen Reiches gefährdet. Straßenbahnlinien: 35, 96, 99, 199. Vom Bahnhof Mariendorf und Ringbahnhof Tempelhof in 10 Minuten zu erreichen Billiger Kleiderstoff- Verkauf Waschseide mod. 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