Abendausgabe Nr. 411 41. Jahrgang Ausgabe B fie. 206 Bezugsbedingungen und zeigenprete find in der Morgenausgabe angegeben Redaktion: SW. 68, Lindenstraße 3 Ferafprecher: Döuhoff 292-295 Tel.- breffe: Sozialdemokrat Berlin 5 Goldpfennig 50 Milliarden Montag Vorwärts= Berliner Dolksblatt 1. September 1924 Berlag und Anzeigen abtellung Gefchäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin Sw. 68, Cindenffrage S Fernsprecher: Dönhoff 2506-2507 Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Frankreich beginnt mit der Räumung. Wenn . mit der Das jüdische Tannenberg". Bölkische und Kommunisten und zu 50 Proz. auch die Deutschnationalen wollten es anders. Da war die berühmte Berjadungstheorie", die Preisgabe von Rhein und Ruhr auf unbestimmte Zeit, da war der gloriofe Plan, am Rhein die große Entscheidungsschlacht zwischen Osten und Besten zu schlagen im Bund von Sowjetstern und Hakenkreuzfahne. Man fann sich vorstellen, wie es den Reventlom und Scholem zumute sein muß, wenn sie jetzt sehen, daß ein vernünftiger gewordenes Europa auf ihre angekündigten Heldentaten verzichtet und daß die sozialdemokratische Berständigungspolitik die Räumung des Ruhrgebiets tatsächlich erreicht. Diese sozialdemokratische Verständigungspolitik ist nun freilich nicht die Politik der deutschen Sozialdemokratie allein. Sie ist die Politik der Londoner Internationale, die Politik der französischen Sozialisten und der englijchen Arbeiterpartei. Defto schlimmer für Moskau, desto fchlimmer für Botsdam. am 7. Oftober, fyreiten. Diese Feststellung wird sich auf die Einfegung der vom Sachverständigenbericht vorgesehenen Bollziehungsund Kontrollorgane, die endgültige Bildung der neuen Reichsbank und der Eisenbahngesellschaften, sowie auf die Aushändigung der Induftrie- und Eisenbahnobligationen beziehen. Am 22. Oftober werden die von der franzöfifch- belgischen Regie verwalteten Eisenbahnlinien auf die neue Eisenbahngesellschaft übertragen. Diese lebertragung wird bis zum 7. Dezember zu Ende geführt sein. Eine unzeitgemäße Debatte. Franzöfifcher Proteft gegen die deutsche Regierungserklärung. Paris, 1. September.( WTB.) Das Ministerium des Ludendorff hat am 29. Auguft im Reichstag von einem jüdischen Tannenberg" gesprochen. Gegen diesen Ausspruch muß man protestieren, weil er zu philosemitisch ist. Wäre dieser große Erfolg der internationalen Berständigungspolitik wirklich auf das Konto des Judentums zu fezen, so müßten die Völker der Welt heute Huldigungsgefänge für das Judentum anstimmen. Aber das ist natürlich Unfinn. Nur ein fanatifierter Trottel, der überall Juden sieht, wie etwa ein anderer weiße Mäuse, fonnte auf diese abstruse Idee verfallen. man im Zusammenhang mit AbStimmung des 29. August von einem Tannenberg der Sozialdemokratie sprechen will, so sind wir bereit, das anzunehmen. Als neulich schon diese Abstimmung hier als ein großer Erfolg der Sozialdemokratie bezeichnet wurde, hieß es in der deutschnationalen Bresse, wir jubelten über die ( von Herrn v. Tirpik und dem Bismard- Entel mitbeschlossene Berstlavung des deutschen Voltes". Nein, verehrte Berleumderidioten, mir jubeln über die Be= freiung der befeßten Gebiete, wir jubeln über den Fall der inneren Bollinie, die Deutschland zerriz, über die Beseitigung der Eisenbahnregie und der Micum- Laften. Wir jubeln darüber, daß ein einiges Deutschland wiederhergestellt, die Loslösungsgefahr beseitigt wird, und daß die französifchen Soldaten ihre Tornister paden, um abzumarschieren. Und wir find stolz darauf, daß wir das zuwege gebracht Sieger Saben bringt." Nach der nationalistisch ber Welt weiß, daß genau vor 10 Jahren Deutschland plöglich ein unter Opferung unserer halben Bevölkerung und unferes ge- betbeumütiges Band angegriffen hat, das feine Neutralität schützen famten Boltsvermögens das Ruhrgebiet als einen Trümmer- mußte, und Frankreich, das, um seinen Friedenswillen zu beweisen, haufen zurüdbekommen. in fpontaner Weise feine Trupen 10 Rilometer von feiner Grenze zurüdgezogen hatte. Diese Tatsachen leugnen hieße, der Sache des Friedens einen schlechten Dienst erweisen. haben! " Dieser unser Jubel ift menfchii rein. Auch damals, vor zehn Jahren, als die beutschen Soldaten wieviel So zialdemokraten waren wohl darunter? den Sieg über die Heere des Zarismus gewannen, freuten wir uns über die Befreiung deutschen Landes und über die Niederlage ber reaktionärsten Macht der Welt. Aber wer sich an das Todes: stöhnen der russischen Soldaten erinnert, die in die maju rischen Sümpfe getrieben wurden eine gewisse Breffe verfäumte es nicht, die furchtbaren Leiden der Feinde" breit auszumalen und wer daran denkt, wieviel deutsches Blut diefer Sieg geloftet hat, den padt ein Grauen!.. Wenn heute die Franzosen befeßtes Land aufgeben, ohne baß ein Schuß gefallen, ohne daß Blut vergossen worden ist und sinnlose Berwüstungen angerichtet worden find, so preisen wir das als einen Sieg der 3ivilisation, und wir find stolz darauf, in erster Reihe für ihn gekämpft zu haben. Ludendorff fagte: Bor zehn Jahren habe Jch Tannenberg gewonnen!" Bon den Sozialdemokraten ist feiner größenwahnsinnig genug, zu sagen: Das habe ich allein gemacht." Der Sieg von Tannenberg war das Bert der Hunderttausende, die bei ihm das Leben in die Schanze schlugen, er war auch wer wollte das leugnen?- das Bert einer gefchickten Generalftabsarbeit, an dem piele mitge wirkt haben. Diele tamen ja auch gestern bei der Gedent feier in Hohenftein zufammen, um in der Sonne gefchichtlichen Ruhmes ihre etwas ertalteten Glieder zu wärmennur einer war nicht dabei oder wird menigftens in den Zeitungsberichten nicht genannt, nämlich der General Mar Hoffmann. Er hat zwar an dem strategischen Erfolg von Tanenberg einen sehr wesentlichen Anteil, aber er hat ein fezerisches Buch über den Krieg der versäumten Gelegen heiten" geschrieben, er hat eine Jüdin zur Frau und ist kein Freund von Erich Ludendorff... General Hoffmann hat in seinem Buch geschrieben: Alle Anstrengungen der Reichsleitung mußten fich von diesem Moment an( 1915) darauf richten, einen Frieden auf dem status quo( nach dem Stande vorher) zu bekommen, die Anstrengungen der Oberften Heeresfeitung darauf, feinen Rückschlag zu haben und die vom Heere errungenen Gebiete festzuhalten. 3ch glaube, daß ein solcher Frieden im Jahre 1917 erreichbar gewejen wäre, falls wir flipp and fler auf Belgien verzichteten. Daß ein solcher Mann nicht auf Ludendorffs Tannenbergfeier gehört, liegt auf der flachen Hand, und wenn er zehnmal ganz allein die Schlacht von Tannenberg gewonnen hätte! Denn General Hoffmann spricht damit klar und offen aus, daß die Kriegspolitit der Sozialdemokra tie richtig war und daß die Kriegspolitik der Ludendorff, Tirpig, der„ Vaterländischen", der Deutschnationalen, der Böllischen für Deutschland zum Berhängnis geworden ist. Hätte in Frankreich die Ludendorfferei gefiegt, die dort Boincarismus heißt, so wären die Franzosen niemals frei willig zurückgegangen. Und wer weiß, ob das nicht im Lauf ber Geschichte für Frankreich ebenso zum Berhängnis geworden wäre wie für Deutschland die Weigerung von 1917, flipp und flar auf Belgien zu verzichten. Die Abstimmung vom 29. August war ein Tannenberg, bei dem die Militaristen, die Bölterverhezer, die Vorbereiter fünftiger Kriege allesamt die Jacke vollgekriegt haben. Und daß die Deutsch nationalen an diesem Tannenberg" mithelfen und sich selber prügeln mußten, das ist der Humor von der Geschichte. Gewiß, auch dieser Sieg to stet! Aber welcher Narr behauptet, daß der Sieg, den die Rationalisten und Kommunisten später einmal erfechten wollten, billiger zu haben gewesen wäre? Ein General, ber auch nicht bei der Tannenbergfeier war, der Generalmajor v. Schön ai ch, schreibt in seinem Buch„ Bom vorigen zum nächsten Krieg":" Derkrieg hat den Sinn verloren, wenn er auch dem Jegt wird militärisch gewonnenes Land aus Gründen der Bernunft freiwillig aufgegeben, und die Macht, die das hut, ehrt sich damt felbst. Der deutsche Nationalismus aber heult vor Schmerz, denn jeder Quadratkilometer Landes, den bie Franzosen räumen, ist barer Kapitalverlust für ſein ftumpffinniges Heggeschäft. Je loyaler Frankreich sein Räumungsversprechen erfüllt, desto sicherer schlägt es den deutfchen Nationalismus vernichtend aufs Haupt. " Die Baterländischen" weinen, wenn das Baterland befreit wird! Beginn der Räumung. Paris, 1. September.( WIB.) Havas teilt mit: Das Ministerium des Aeußern hat dem General Degoutte Weifungen erteilt, damit diefer die militärische Räumung der Zone Dortmund- hörde und der Gebiete, die außerhalb des am 11. Januar 1923 befehten Ruhrgebietes liegen, vorbereite. Ende des pfälzischen Separatismus. Frankfurt a. M., 1. September.( WIB.) Nach einer meldung der Frankfurter Zeitung" aus Speyer war der Zentralausschuß der sogenannten Rheinischen Arbeiterpartei zum 28. Auguft hierher berufen und feitens der franzöfifchen Delegation von Staatsanwalt Gellin empfangen worden. Diefer eröffnete den Erschienenen, daß die Rheinische Arbeiterpartei fofort auf3ulösen fei. Die Auflösung müffe vollständig und restlos mit fofortiger Wirkung gefchehen. Die Partei dürfe auch unter anderem Namen nicht wieder auftreten. Die Auflösung müsse durchgeführt werden ohne Rücksicht darauf, ob das Londoner Abkommen von der Berliner Regierung unterzeichnet werde. Die Mitglieder der Zenfralleitung würden für die ffrenge Durchführung der Anordnung haffbar gemacht. Die einzelnen Ortsgruppen haben daraufhin bereits mit der Durchführung der Auflösung begonnen, indem sie die Mitgliederausweise einziehen und vernichten. Freilaffung der Wiesbadener Kommunisten. Wiesbaden, 1. September.( WTB.) Auf Befehl des franzöfifchen Ariegsministers find 25 Kommunisten, die wegen angeblicher anfimilitarifischer Propaganda bereits vor dem Kriegsgericht Wiesbaden ftanden, auf freien Juß gesetzt worden. Günftiger Verlauf der Micum- Verhandlungen. Düsseldorf, 1. September. In der heutigen Berhandlung der Seferfommiffion mit der Micum über die Reparationstohlenlieferungen während des im Condoner Abkommen vorgesehenen Broolforiams fonnte Uebereinstimmung über die Hauptfrage erzielt werden, daß die Lieferungen fortgesetzt und zu den Preisen bezahlt werden sollen, welche in den demnächstigen Berhandlungen der Regierung mit der Reparationsfommiffion feftge. legt werden. Da aber einige Fragen der Durchführung sowie die Frage der Gelbleiffungen noch zu klären find, wurde die Berhandlung auf Dienstag vertagt. Eine Unterbrechung der Lieferungen trift dadurch nicht ein. Wann die Fristen zu laufen beginnen. Paris, 1. September.( Tul.) Der" Temps" meldet, daß die Reparationsfommission morgen zum erstenmal feststellen wird, daß Deutschland die orbedingungen zur Ausführung des Sachverständigenberichtes erfüllt hat. Zu einer zweiten Feststellung wird die Reparationstonnniffion fünf Wochen später, d. h. spätestens Aeußern veröffentlicht folgende Mitteilung: Die französische Regierung hat noch teine offizielle Mitteilung von der öffentlichen Ergierung hat noch teine offizielle Mitteilung von der öffentlichen Erflärung erhalten, die der deutsche Reichstanzter über die Berantwortlichkeit am Kriege abgegeben hat. Die franzöfifche Regierung wird, wenn diese Mitteilung an fie gelangt, unverzüglich bie notwendige amtliche Antwort on Berlin gelangen laffen. Schon jet probeftiert die Breffe gegen eine Thefe, die nicht nur den offenfichtlich bestehenden Tatsachen, sondern auch den formellen Ausbrüden des Versailler Vertrages widerspricht, b. h. einer causa judicata, den Ausbrüden, wie sie fond George im Namen der am 3. März 1921 gebraucht hat. Die öffentliche Meinung Eröffnung der Völkerbundstagung. lung, die Montag, den 1. September, zufammentritt, wird, obgleich Genf, 1. September.( BTB.) Die fünfte Böllerbundsveriammdie Tagesordnung abgesehen von der vielumstrittenen Garantie. pattfrage an und für sich dürftig ist, in Genf mit großer Spannung erwartet, einmal, weil zum erstenmal die leitenden Staatsmanner Englands und Frankreichs fich an ihr beteiligen und das Wort ergreifen werden, dann, weil man allgemeine annimmt, daß gegebenenfalls vorbereitende Beratungen über die Sicherheitsfrage im Zusammenhang mit dem Garantiepaft und der Militärkontrolle stattfinden werden. Die französische Delegation tritt in einem Umfang und in einer Besetzung auf wie nie zuvor. Neben Herriot werden erscheinen als ordentliche Delegierte Léon, Bourgeois, Briand, Paul Boncourt, als stellvertretende Delegierte Loucheur, Jouvenel und Maurice Sarraut, als beigeordnete Delegierte Jouhaug, Sefretär des französischen Gewerkschaftsbundes, der raditale Deputierte Bonnet und der Präsident des französischen Kriegsbeschädigtenverbandes Cassin. Die Führer der englischen Delegation find neben Macdonald diesmal Lord Parmoor, der bisher England nur im Rate vertrat, Henderson, Staatssekretär des Innern, der englische Bölterbundsvorfämpfer und bisherige Bertreter von Südafrika, Brofeffor Gilbert Murray und das Mitglied der Union of Democratic Control Frau Helena Swanwid. Beigeordnete Delegierte find Sie Cecil Hurst, Sir Hubert Llewellyn Smith und Burton, führendes Mitglied der Labour Party. Eine Anzahl anderer Staaten ist durch ihre Minister des Aeußern vertreten, so Belgien durch Hymans, Holland durch Karnebeeck, die Schweiz durch Motta, Schweden, durch Graf Württemberg, Boken durch Strapnsti, bie Tschechoslowakei durch Benesch, Rumänien durch Duca, Serbien durch Marinkowitsch. Man rechnet mit einer Beteiligung von etwa 48 Delegationen von 54 Mitgliedstaaten mit zusammen etwa 500 bis 600 Personen. Unter den Staaten, die auch dieses Jahr auf eine Beschidung der Böllerbundsversammlung verzichten, sind wieder zu erwähnen Argentinien, Beru und Bolivien. Aufnahmegesuche liegen in diesem Jahre zum ersten Male nicht vor, weder von Merito noch Aegypten noch der Türkei. Doch hofft man in gewiffen Kreisen des Völkerbundes noch auf eine türkische Randidatur im Laufe der Tagung. Abgesehen von den offiziellen Delegationen trifft täglich eine große Zahl von Vertretern internationaler Berbände ein, so der verschiedenen Bölkerbundsvereine und an der Bölkerbundsbewegung intereffierte Bersönlichkeiten. Genf, 1. September.( Eigener Drahtbericht.) Heute vormittag 11 Uhr wurde im Saale der Reformation die fünfte Völkerbundtagung eröffnet. Gaal und Tribünen find überfüllt. 54 Staaten find vertreten. Der Völkerbundrat ist vollständig anwesend. Hymans, der den Vorsiz führt, eröffnet die Sigung mit einer Ansprache. Nach begrüßenden Worten gibt er zunächst eine Uebersicht der Arbeit des Bölterbundes im letzten Jahre, besonders über die Sanierung Ungarns. Unfere jeßige Tagung führte er aus, beginnen wir unter günstigen Borzeichen. Die Londoner Konferenz bedeutet den Beginn einer Verständigung Europas, die das Reparationsproblem in günstiger und gerechter Weise regeln wird. Wir werden noch eine Menge anderer wichtiger Probleme zu lösen haben. Die 2 brüstungsfrage ist Europas Schicksal. Der materiellen Abrüftung muß die moralische Abrüstung voraufgehen. Der Geist ein s Winben Hasses und des Nationalismus muß verschwinden. Eine neue Aera des Friedens und der Gerechtigkeit soll folgen, dafür wollen wir olle arbeiten.(Stürmischer Beifall.) Nachdem noch ein« achtköpfig« Mandatsprüfungskommission gewählt worden war, wird düe Sitzung um 12 Uhr geschlossen. Heute nachmittag 4 Uhr neue Sitzung und Präsidentenwahl. Das Nein üer Demokraten. Der BSrgerblock gefährdet den Aufbau! Im„Berliner Tageblatt" unterstreicht det zweite Vor- sitzende der Demokratischen Partei, Reichstagsab- geordneter Herrmann Fischer, noch einmal die Absage der demokratischen Reichstagssraktion an den Bürger- block. Er weist mit aller Schärfe den Anspruch der Deutsch- nationalen auf Eintritt in die Regierung zurück und sagt: „Dadurch, daß deutschnativnole Abgeordnete trotz der heftigsten Bekämpfung des Londoner Protokolls im letzten Augenblick die A n- nähme aus Gründen, di« teinesfals« auf der tatsächlichen Anerkennung der Verständigungspolitik beruhen, er- möglichten, hat die Deutschnational« Volkspartei nicht den ge- ringsten Anspruch auf die Mitwirkung an der Negierung er-' worden. Im Gegenteil, ihre Teilnahme würde die Durch- f ü h r u n g des Begonnenen auf das äußer st e gefährde n." Das große politische Ziel nach der Bereinigung der außenvolitischen Atmosvhärs sieht der Vorsitzende der Demo- kratischen Partei in der weiteren Stärkung der demokratischen Bepublik. Das müsse der leitende Bestandteil der innerpolitischen Auseinandersetzungen werden. Es liegt auf der Hand, daß die vom Reichstagsabgeordneten Fischer gekennzeichnete politische Linie nur im schärfsten Kampf mit den Deutschnationalen eingehalten werden kann._ Die halbierte Haltung. Der Stimmenkauf restlos eingestanden! Niemand ist um die Aufgabe zu beneiden, eine durchaus ver» fahren« Sache mit dem Brustton der Ueberzeugung nach außen hin rechtfertigen zu müssen, auch nicht die deutschnationale Presse, di« jetzt di« ehrenvolle Aufgabe hat,„die Haltung" der deutsch- nationalen Reichstagssraktion zu verteidigen oder gar als das Natur- gegebene darzustellen. Die Bertiner Blätter dtefer halbierten Türken geben sich deshalb redliche Mühe, durch ein wüstes Geschimpfe auf die sozial» demokratische und demokratische Presse die Aufmerksamkeit vom Kern der Ding« abzulenken. Di«„Kreuzzeitung" spricht von einem Wutgeheul„über die Haltung der Deutsch- nattonalan" und die„Deutsche Tageszeitung" fordert dl« nationalen Kwtse auf zum Nachdenken Üb«? die Frage,„ob di« Abstim- m u n g nicht gerade vom nationalen Standpunkt richtig war". Beide vermeiden es aber zu sagen, welch«„Haltung" oder welche„Ab- stimmung" sie eigentlich meinen, ob die„Ja", oder die„Nein". Gruppe da« Nichtige getroffen habe. In ihrem Eifer, di« halbiert« Haltung der Partei als etwas Unabwendbares darzustellen, oerraten die Rechtsblätter jedoch mehr als st« vordem zugeben wollten. Nachdem sowohl aus demokratischen wie au« Zentrmnskreisen dargelegt worden ist, daß die Zusage der Volkspartei und gewisser Zentrumsführer, die Deutsch- nationalen würden an der Regierung beteiligt roerdcn, uxinn stt di« Dawes-Gesetz» annähmen, schon um deswillen nicht praktische B«< deutung erlangen könnt«, weil ja di« deutschnationale Fraktion g«g«n alle Dawes-Gesetz« und nur ein Teil für das Visenbahngesetz gestimmt habe, sprechen di« R«cht»blStter jetzt von einem„jüdischen Dreh" und find entrüstet darüber, daß man ihre Partei um den Kaufpreis prellen wolle. Die„Kreuz- zeitung" versichert: „Sachlich ist dazu zu bemerken, daß unseres Wissens die ver- i reter des Zentrums auf eine deulschnaftonale Rückfrage ihre Er. klärung nicht ln diesem wörtlichen Sinne aufgefaßt sehen wollten. sondern überhaupt di« Annahm« des Lonooner Paktes mit Hilfe Deutfch nationaler meinten." Und Paul Vaecker, der Vorsitzend« des Reichsverbandes der Press«, behauptet, zu einer solchen Logik, wie si« u. a. im„Berliner Tageblatt" vertreten wurde, gehöre„wirklich eine sehr ansehn» liche R ethe östlicher Roßtäuscherahnen" und er fügt hinzu: „Zur Beruhigung können wir diesen edlen Seelen mitteilen, daß mit den Deutschnationalen von keiner Seite über etwas anderes als über die Möglichkeit verhandelt morVa ist, daß eine zur Er- reichung der Iweidrilkelmehrheit beim Eisenbahngeseß genügende Anzahl deutschnaticnaler Stimmen abgegeben würden. Damit ist also offen von beiden führenden deutschnatio- nalen Blättern zugestanden worden, daß die deütschnaklonale Arak- licn 49 ihrer Stimmen verkaust habe, damit sie in einen zukünftiger Bürgerblock aufgenommen würde! Di«„Kreuzzeitung" fügt aller. dinge sofort hinzu, daß„ein Bürgerblock, der durch jüdisch. demokratisch« Vermittlung mit der Sozialdemokratie Verbi». dung hält, für die Deutschnotionalen nicht möglich" sei. Wer denkt da nickst an jenen Fuchs, dem die Trauben zu sauer waren, weil sie zu hoch hingen? Inzwischen wird den Halbierten von völkischer Seite entsprechend eingeheizt. Schon der ehemals nur„antisemitische", jetzt auch „deutschnationale" Abgeordnet« W ern er- Gießen versichert in der „Deutschen Zeitung", daß er die H of f n u n g en der„Ja"sager nur zum geringen Teil teilen könne, er sehe den Da we s-Schatten „dunkel, donnerdunkel über der deutschen Heimat". Immerhin aber h o f f t er, daß die Demokraten ein« bürgerliche Mehrheitsr«gierung nicht überstehen würden und das Zentrum bald seine„Rechnung ohne den Dr. Wirth" machen müsse. Wenn der Staatsgerichtshof und die Gesetze zum Schutze der Republik fallen, Preußen und die völkische Bewegung sich den Händen Seve rings entwinden, und„der Prüsidialklapphut de? Herrn E b e r t unter Anerkennung seiner Verdienste um die Sozialdemo- krati« in den dauernden Ruhestand versetzt" wäre, dann sei ein« politische Feldbereinigung vollzögen, di« sich sehen lassen könne. Ganz anders aber klingt es aus dem Lager der rein Völkischen. So schreibt der„Völkische Kurier" in München: „Das alles haben die Deutschnationalen gewußt. Sie haben gewußt, daß sie mit ihrem Schachergefchäst für das deutsche Volk praktisch keinen Vorteil erreichen werden, daß die In- d u st r i e l l« n in ihren Reihen, die einen Druck aus sie aus- übten, vom kurzsichtigen llnternehmersiandpunkl ausgingen.... Sie haben nachgegeben, obwohl Millionen ihrer Wähler von ihnen Festigkeit erhofften. Aus Feigheil allein lalen sie es. Sie. die im entscheidenden Augenblick nicht Mut zur veranlwortungs- srendigkeit besaßen, wollen künftig unsere Führer seinl Voll Hohn wird man ihnen stet« mtgegenschleudern:„Ihr habt da» zweite DersaMe» euch abkaufen lassenl" Und darin besteht di« deutschnational« Todsünde... Was sich um» national« Banner scharte, ist durch die Fahnenflucht der Führer der Stoßkraft beraubt worden. Der Ruck noch links, der durch die deutschnational«„Taktik" verhindert werden sollte, hat einen mächtigen Antrieb bekommen. Wir dürfen wieder von vorn beginnen." Das ist zwar derb, aber durchaus richtig zum Ausdruck gebracht. Und Graefss„Deutsches Tageblatt" bemüht sich, dem„Völkischen Kurier" nicht nachzustehen. Es nennt die Deutschnationalen di« „Mädchen mit den Rückschrittsbeinen", versichert, daß sie den„Taumelkelch" getrunken hätten und fügt hinzu: „Untreu sind die Deutschnalionalea geworden, die für da» versklaoungsdiktat eingetreten sind, daran ändert das ganze Dibbern und Bibbern der Reichsregieruny und das Echo, das dieses Dibbern und Bibbern in den schmalbrüstigen Gestalten der D eutschnattogg! eg.«j; w eckt, nicht das, Senigste,". Gegenüber der Ankündgung der„Deutschen Tageszeitung", bei einer Neuwahl' set.stiit einer gemeinsamen Front der Deutsch- nationalen und1>er" Mtionalsoziolisten zu rechnen, erklärt das „Deutschs Tageblatt": „Wir völkischen denken gar nlchi daran, in die breit hingehalten« Biedermannsrechte der Deulschualionalen einzuschlagen. Wir vergessen nicht, wer die nationale Opposition in Wirklichkeit zerschlagen oder mindestens so ausgchöhlt hat, daß nur noch der Schemen der großen nationalen Opposition vorhanden ist... Ach nein, auch die Nationalsozialisten können starte Hasser sein. Dann nämlich, wenn es sich darum handelt, den Versuch lidzmoeisen. sie zu Lakaien und Stimmen- z u t r e i b« r n zu degradieren. Diesen Versuch aber macht die Deutschnationale Volkspartei, die sich infolge ihrer ewig schwan- kenden Haltung um jeden politischen Kredit gl bracht hat." Zum Schluß noch eine Bemerkung: Die„Kreuzzeitung" spricht von„Erfindungen des Vorwärts" überBorgänge ineiner deutschnationalen Fraktwnssitzung". Will die �kreuzzeitung" ernsthaft bestreiten, daß der Parteiführer Hergt die von uns zitierte Rede geheckten hat? Wenn ja, dann möge sie das deutlich sagen._ Abrechnung folgt. „Vertrauliche" Beratungen bei de« Vaterländische«. Di«„Deutsch« Zeitung" meldet: „Wie wir hören tritt in dieser Woche da» durch di« Führxr aller größeren Vaterländischen Verbände erweitert« Prä- s i Li u m der Dereinigten Vaterländischm Verbände Deutschlands in Berlin zusammen. In vertraulicher Beratung wollen sich di« Vaterländischen Verbände auf die durch Annahme des Londoner Paktes geschaffenen neuen Verhältnisse ein, richten." Herr Geisler fcheistt es mit seinem Umfall sehr eilig zu haben. Döt acht Tagen noch ließ er unter Verschleierung der Tat- fachen in alle Welt hinausschreien, das gesamt«„vaterländische" Deutschland, werde sich das zweite Versailles und die Versklavung Deutschlands nicht gefallen lassen, und heut« ist er bereit, sich„auf die neuen Verhältnisse einzurichten". Treulosigkeit und Charakterlosigkeit gehören offenbar zu den Haupttugenden, di« notwendig sind, um sich den Ehrentitel ein«?„Vaterländischen" beilegen zu dürfen. Da müssen wir schon sagen, wir danken bestens! die Zettaugen. Von Peter Scher. Immerhin gibt«s auch in Deutschland Laute genug, denen das Elend nicht direkt vom Gesicht abzulesen ist— sondern im Gegenteil. Sie sorgen sich nicht, sie überarbeiten sich nicht, und unser himm» lischer Bater überernährt sie doch. Die wohlgenährten Damen und Herren ergehen sich in leuchtend bunten Jacken am Strande. Ihre runden Gelieder sind von Sonne und Meer gebräunt. Sie schwimmen— wie im Leben, so im Meere— mit der fröhlichen Selbstverständlichkeit geborener Fett- äugen oben. Wenn sie vom Baden oder Essen angenehm ermüdet sind, blicken sie, in Strandkörben ruhend, träumerisch ins Börsenblatt. Von fern weht Musik herüber, und das Meer rauscht. Manchmal erheben sie sich beim Klange einer menschlichen Stimm«, die, getragen tönend, Beachtung fordert. Sie sehen von der Zeitung auf, stützen sich in bequemer« Haltung, lauschen ein wenig und lächeln. Der Herr Pastor hält Strandgottesdienst. In einem weißen Strandanzug, wohlgepflegt und in strammer leiblicher Verfassung, steht er unter Gottes freiem Himmel, die goldene Kette über' dir stattlichen Magenrundung, und predigt gegen den Mammon. Einige Inselbewohner haben sich um ihn geschart und blicken teil» andächtig geneigten Haupte« auf ihre gefalteten Hände, teils bewundernd auf ihren Herrn Pastor, der es den dicken Leuten so erfreulich gibt. Di» Inselbewohner haben de» dicken Leuten soviel Geld erpreßt, daß sie kaum noch wissen wohin damit. Ab« si« find gottesfürchtig und lieben es, daß starke Worte eh» lich auegesprochen werden. Die Inselbewohner find mit ihrem Herrn Postor zufrieden. Der Herr Pastsr ist wiederum zufrieden, daß er so tüchttg seines Amtes nxcktet. lind die Fettaugen in ihren Sttandkörben sind ebenfalls zu- frieden, daß ihnen zur Verdauung auch mal etwa» anderes geboten wird. „Gegen was predigt er denn?" sagt einer zum andern. „Gegen den Mammon." sagt der andere. Da müssen alle lachen. Ad« sie lachen, diskret, wir überlegene Menschen lachen. Und ein« sagt:„Recht hat«... aber ich möchte ihn doch mal unter vier Augen fragen, wie man hier ohne Mammon leben soll!" Die Revue in öer komischen Gper. „Das hat die Welt noch nicht gesehen," betitelt C Hammes Klein— wie Skzak diese Firma in Sülz« und jetzt in Kunst de» namst— seine Mammutrevue. Barn umhast war auch di« Reklame dafür, aber wir müssen es d«n konkurrierenden Reoueunternehmun- gen überlassen, etwa durch Gerichtsbeschluß festzustellen, wie weit diese einseitigen Behauptungen zutreffen oder gegen di« guten Sitten verstoßen. Festgestellt sei hier nur, daß die Sache um 7 Uhr begann und bis 1112 Uhr dauerte. Zwischen dem 23. und 24. Bckd oerlor ich den Kontakt mit der Bühne und konnte dann, neuerwacht, al» Siegfried Berisch durchaus darauf bestand, sich im jüdischen Jargon zu vervollkommnen, gerade noch ohne Jnanspruch- nahm«.der Sanitätswach« das Haus verlassen. Was dann noch kam, weiß ich nicht. Ob das Publikum dann gleich da blieb und Sektbekamitschcrften abschloß. Ich weiß nur, daß ich in solch« Der- anstaltungen nur noch gehe, wenn ich gegen Berufsunsall oersichert werde. Man muß den gierigen Schlund-und den alles verdauen- den Magen der neue? Schicht hoben, die sich potypenartig am deutschen Volk reich gesotzen hat und nun Kultur macht. Herr Klein hat das Rezept der Vielfresser feolgtt eine Schroeinehaxe ist«in gutes Gericht, Aal grün schmeckt oorttesflich, eine Hummer» masonäse ist ein kulinarisches Gedicht, ein« Gans und«in Eisbein sind nicht zu verachten, also servieren wr die ganze Speisekarte. Pantagnuel wird schon qlles oerschlingen. Ob nun unter den Schüsseln des Revueschmauses wirklich Hummermajonnäse und Gänsebraten vorkamen, möchte ich-bezweifeln. Aber es gab unter diesen aneinander gereihten Barietö- und Schaunummern, die be- liebig anders zusammengesetzt werden könnten, einen Drachen, der sich in ein Ballett verwandelt«, einen Frauenrock, der ein ganzes. Ballett in sich verschlang, ein« Parodie eines Apachentanzes(Moni- martre lag hierbei unmittelbar an der Sein«!), rassige echt spanische Tänze, Licht, und Farbenschwelgereien, wie die strahlende Pracht „Bijouterie"(alles in weiß und Perlen) oder die phantastische Federausmachung. ein Riesenspielzeug(90 Zwerge und Knaben, die Soldatm spielen und das Vaterland ongröhlen). Das beste war di« Zille-Nummer: Pqul Westermerer und Lotte Werckmeister, k«ß im Spiel und flott im Couplet. Da lag wirklich Musiek« drin. Over man war froh, wenn Arnold R i e ck in seiner wirklich humoristischen, trockenen Art uns sang, was die Welt noch nicht gesehen hat. Der groß« S l e z a t(groß in jedem Sinne) hatte eine sehr lustig« Garderobenszen«, worin er Serien jüdischer Anekdoten an sämtlich« Opf« bringt(er soll wogen seiner Heroorragenden Berjüdelüng zum EhrenLocher ernannt werden). Da er im Hauptberuf immer noch Sänger ist,' wußte er schließlich auch singen: eine Derte seine» Repertoire(Tom der Reim«). Di« Heldenarie aus der„Afrikanerin" war aber wirklich überflüssig. Der Orient und Occident waren ausgeboten, die Paris« Theatergarderoben waren geplündert, englische Tänzerinnen impor- tiert, unendliche Sträuße und Paradiesvögel ihrer Federn beraubt, neue Tricks ersonnen, die weiße Körper plötzlich oernogerten. Rudi- täten wurden in der addttionellen Form geboten(hier»in Busen, dort«m Nabel), zahllose Mensch«, haben hier mitgewirkt, am die kommuniftisibe Internationale. Starker Rückgang in allen Ländern. In der Sowjetpr�sse werden folgende Angaben über die Stärke der kommunistischen Parteien in den verschiedenen Ländern Europas veröifentlicht: 1920 1922 1924 Deutschland....... 360 000 266 000 350 000 Frankreich....... 130 000 78 828 50000 Italien........ 70 000 24 638 12 000 Tschechoslowakei..... 360000 170 000 130 000 England........ 10 000 5116 3 000 Norwegen....... 97 000 48000 16 000 Schweden....... 15 000 12 143 12 000 Dänemark....... 1 200 1 200 700 Holland........ 4 000 2 500 1 700 Schweiz........ 6 000 5 200 4 000 Spanien........ 10 000 50000 6 000 Polen.........— 10 000 5 000 Belgien...... 1 000 517 590 Insgesamt 1064 000 674 142 590 990 Insgesamt ohne Deutschland 704 000 408 142 240 990 Selbst wem: man annehmen sollte, daß di« Angaben für 1924 kein« Uebertreibungen enthalten, zeigt die obenstehende Tabelle jeden- fall» den fortgesetzten und schnellen Rückgang des Kommunismus in Europa. Diesqr Rückgang trägt in fast allen Län. den,«inen katastrophalen Charakter; eine gewisse Zunahme ist nur in Deutschland zu verzeichnen, wo«in« Reihe von beson» deren Umstünden: Ruhrbesetzung, Inflation, Arbeitslosigkeit usw. zusammenwirkten, mn größer« Massen vorübergehend den Kommu« nisten zuzutreiben. Aber selbst in Deutschland, wo die DerhÄtnisse d