Nr. 8?. Erscheint täglich äuget Montag». Preis pränumerando: Bteriel- jährlich 3,30 Mark,»wnallich 1,10 Mk., uuichentlich 28 Psg. frei in'» Hau». Einzelne Nummer 5 Psg. Sonntags-Nummer mit tlluftr. Sonntag»-Beilage„Neue Welt" 10 Psg. Post-Abonnement: 3.30Mr. proQuartal. Unter Ereuz- dand: D«»tschland u. Oesterreich- Ungarn 2 Mk., sür da» übrige Ausland ZMk.pr. Monat. Eingetr. w der Post- Zeitung»- Preislift« für i»ss unter Nr.»IM. 12. Jahrg. gnsertioni-Tebühr beträgt für die sünsgespaltene Pelilzeils oder deren Raum»0 Psg., für Verein»- und Bersaiuinlungs- Anzeigen 20 Psg. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis« Uhr Nachmittag» in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- lagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn- und Festtagen bis o Uhr Vor« mittag» geöffnet. Lerusprecher: Amt t, ZIr. 1508. Sclegran»»- Adresse: „Koiialdemostrat Kerliu!' Verkmer VsIKsblalt. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: LV.I9. Aeutö-Strabs 2. Freitag, den 12. April 1893. KTpedition: LV. 13. ZSeutü-Striche 3. _ r_ Pon der Aera Uikolans II. ?lus Rlißlnnd wird uns geschrieben: Es ist geradezu wunderbar, daß die arme russische Gesellschaft noch die Fähigkeit besitzt, ihre klägliche politische Lage durch allerlei Märchen und Dichtungen zu bemänteln. Räch der berühmten Rede des Zaren vom 17. Januar müßte wahrhaftig jede Spur von den verschiedenen Er- zählungen über den Liberalismus und selbst den Radikalismus des jungen Väterchens, über die bevorstehende Entlassung des Torqnemado-Pobedonoszew, über die Berufung der Herrn Bunge und Miljutia und noch mehrerer anderer in alle Winde geweht sein. Es trat in der That eine Periode ein, wo voil feiten jener Elemente, die der Jllusioil liicht mehr sähig sind, mit dem„Offenen Briefe an Nikolaus II." und ähnlichen Proklamationen geantwortet wurde, während andere, die ihren eigenen Kräften nicht mehr vertrauen und eine Abhilfe von außen erwarten, der Verzweiflung ver- fallen sind.— Die ersten Aligenblicke der Ueberraschung waren vorübergegangen und mau ging wieder daran, die Legende von dem Liberalismus des Zaren aufzufrischen. Man lvollte wissen, daß Nikolaus II. feine geistreiche Rede nur unter dem furchtbaren Druck der alten Hofpartei g* halten habe, daß Pobedonoszew bei dieser Gelegenheit die Schatten des verstorbenen Vaters beschworen, daß die Kaiserin-Mutter geweint und sogar vor dem Sohne auf den Knien gelegen habe, damit der junge Zar die Abordnungen nach bester Manier abthue. Einige Mitglieder der Deputationen sollen selbst behauptet haben, sie hätten„mit eigenen Augen" gesehen, wie die Hände des Zaren gezittert, das Manuskript der Rede in den Fingern des Zaren geschwankt und Thränen durch die Stimme des Zaren hindnrchgeklungen hätten. Man behauptete serner, daß der Zar beinahe zusammen gebrochen iväre und den Saal verlassen hätte, noch ehe die Rede zu Ende war. Die junge Kaiserin hätte angeblich dem empörenden Schauspiel gar nicht beiwohnen wollen und sei deshalb nicht erschienen, die Abordnungen zu empfangen, und so weiter. Nun verkündet aber allen diesen Legenden zum Trotz der offizielle Bericht, daß Nikolaus II.„mit fester und lauter Stimme" seine Rede gehalten habe, und ans ganz authen- tischen Quellen ist andererseits bekannt geworden, daß die „entrüstete" Kaiserin im Nachbarsaale die soeben beschimpften Abordnungen zusammen mit ihrem Gemahl empfangen habe. Und selbst wenn die entgegengesetzten Behauptungen wahr wären, was hätte man dann auch von eineni solchen willenlosen, kraftlosen und„zur Despotie verurtheiltew Väterchen gutes zu erwarten? Jnzivischen sind die Einzelheiten des harten Kampfes bekannt geworden, die sich bei den Verhandlungen in den Semstwo- Versammlungen über die Abfassung der Adressen an den Zaren abgespielt haben. Die Senistwo des Gouverne- ments Twer hat bei dieser Gelegenheit wie auch in anderen Fällen mit besonderer Entschiedenheit gehandelt, und es ist ihr gelungen, unter Führung der Sraatsräthe Golowatschow Weuilleko»». Eiire Erzählung Ztt Tode gehedt! ung nach dem Leben von F r a n sNochduill verboten, s 16 z H e l d. VII. Bei seiuem Bruder Karl, einem in kleinen Verhältnissen lebenden Landwirth, der wenig niehr als den eigenen Familienbcdarf erzeugte, fand Schivartz statt der erivarteten Theilnahme nur kühles Achselzucken. Karl war ein gut- müthiger, aber beschränkter und engherziger Mensch. Er hatte auf Fritz, den er eigentlich sehr gut leiden konnte, in letzter Zeit eine geheime Wuth gefaßt, weil die Leute so viel und meist hämisch Ungünstiges über seinen Fall sprachen. „Nun freilich. Du bist freigesprochen. Aber— es bleibt doch immer etwas hängen!" Ganz, wje der Setzer gesagt hatte! Auch that Karl's Frau ihr möglichstes, die natürliche Bruderliebe in ihrem Mann zu ertönten. Sie hatte längst ans ihren Schwager eine starke Eifersucht gefaßt, weil ihr Mann so häufig von ihm sprach upd ihn überhaupt offen- bar gut leiden mochte. Tann verdroß es sie auch sehr (und ihren Mann ebenfalls!), daß der Schivagcr, ans dessen doch augenscheinlich günstige Position sie ehedem für die eigene Familie so große Hoffnungen gesetzt hatten, nun einen derartig schmählichen Schiffbruch leiden mußte, der seine Familie umgekehrt ihnen zur Last fallen ließ. Das Zusammenleben mit Friedrich's Frau und Tochter hatte nun vollends alles verdorben. Das Vorhandensein einer zweiten Frau in ihrem Hansivesen— und obendrein einer hübschen, stattlichen!— war ihr sehr gegen den Strich. und Boditschciv, die den Lesern bereits bekannte Petition mit 45 gegen 11 Stimmen durchzusetzen und unter einem wahren Beifallssturm den Beschluß zu fassen, diese Adresse sofort durch den Minister des Innern dem Zaren zu unterbreiten. Bald darauf erhielt der Gouverneur von Twer vom Minister eine Zuschrift, wonach ans allerhöchsten Befehl die Herren Boditschciv und Golowatschow ans der Deputation der Semstwo ausgeschlossen werden mußten. Und am 19. Januar wurde derselben Semstwo mitgetheilt, daß der Zar auf ihrer Adresse die Anmerkung zu machen geruht habe: „Wir sind sehr verwundert und entrüstet über das un- anständige Benehmen der 45 Mitglieder der Semstwo von Twer." Das war der To», der in der Musik der neuen Reaktions-Aera angegeben wurde. Die Thaten der neuen Regierung würden schon einen sehr respektablen Band ans- füllen und dieser Band würde eine treffliche Belehrung für die kommende Generation sein. Wir unsererseits wollen nur einige charakteristische Probeil von dcni Treiben der Reaktion in den letzten vier Monatell anführen. Als Nachspiel der Aera Alexander III. ist imter anderem ein Fall zu verzeichnen, der mit den Sammlungen zu gnnsten eines Denkmals für den verstorbenen Zaren zu- sammenhängt. Tie ländlichen Behörden suchen unter dem Vorwande, freiwillige Sam,nlnngen zn erheben, die Bauern geradezu zn berauben; und wenn jemand sich sträubt, so schlägt man ihm einfach ins Gesicht. Im Gouvernement Orenburg in der Umgebung der Stadt Tscheljabinsk sind allerdings zivci Sammler(Samsky Natschalniki) ihrer patriotischen Thätigkeit zum Opfer ge- fallen, indem sie von den mißhandelten Bauern kurzer Hand hingerichtet wurden. Auf dem Gebiete der Politik wollen die Verhaftungen gar nicht aufhören. Dabei erwähnen wir jedoch nur die Fälle von Verhaftunge», die am schwierigsten publik werden, nämlich die Verhaftungeil im Militär. Es sind u. a. in den letzten Monaten verhaftet ivorden: der Offizier Gusew ans Kowno, zwei Offiziere ans Grodno, der eine ans dem 192. Petrosaivodsky- Regiment, der andere aus dem 101. Germsky Regiment. Ter Staats- kapitän Saizew ans Belosersk ist wegen Betheilignng an einer geheimen politischen Gesellschaft zn 15 Jahren Zwangsarbeit vernrtheilt worden. In Wilna ist Fähndrich Michailowsky sammt 8 Arbeitern zn 6 Monaten Gefängniß vernrtheilt worden. Aus dem Gebiete der„religiösen Toleranz" ist zn be- merken, daß die Verfolgungen der Stundistcnsekte fortwährend im Zunehmen begriffen sind. Allein im Gouvernement Kiew zählen die Dörfer nach Hunderten, in denen den Stundisten ihr Gottesdienst und die Errichtung von Bet- stiiben verboten ist. Und wenn man bedenkt, daß die be- züglichen Verfügungen geheim sind und nur dem Popen und der Polizei bekannt werden, so wird man eine Vorstellung davon bekonimen, wie sie gehandhabt werden. Auf dem Gebiet der Volksaufklärnng sind Massen- „Sie hat mir jedes Butterbrot vorgerechnet, Fritz!" klagte Frau Schwartz bald nach dem Wiedersehen ihrem Mann. „Nun— nun— sie schwimmen selbst nicht im Ueber- sluß!" suchte der zu begütigen. Annchen war ganz verschüchtert. Ihre 10— 15jährigen Vettern und Basen hatten sie's beim Spielen beständig merken lassen, daß sie eineil Verbrecher zum Vater habe. Sie ging übrigens wie in wachem Traume herum. Der Gedanke an einen postlagernden Brief, den ihr Karl ihr geschickt hatte, ließ sie alles um sich vergessen, alle Demüthigungen mit einem Lächeln hinnehmen. Jyr Karl schrieb ihr ja, daß er die Anfangsbuchstaben ihrer beiden Vornamen in einen roßen Ahornbaum, der im Schulgarten stand, eingeschnitten abe!— Als die Zustände im Hause des Schwagers ganz unerträgliche geworden waren sür den Besuch, schickte zum größten Glück der Vater von Fritzcn's Frau eine Summe, die er mit äußerster Kraftanspannnng zusammmgebracht hatte. Es war genug, berechnete Schwartz, um die fälligen Zinsen zn bezahlen und einige Monate zu ivirthschaften. Wenn die Ernte(man stand im Spätsommer) etwas ver- spräche, würde er vielleicht die Subhastation vermeiden und das Gut halten können! Er umarmte und küßte seine Frau wie närrisch in der neu erivachten Hoffnung. Dann fuhr er mit den Seinen unverzüglich nach Geuden zurück. „Ich glaube nicht dran," sagte ihm sein Bruder zum Abschied;„wer solche Schande über die Familie bringt, der muß es auch büßen!" Welch ein Schauspiel bot ihrem Gut! sich den Heimgekehrten auf hafte Ausweisungen und Ausschließungen von Studenten zu verzeichnen, die einerseits durch die Studentenunruhen in Moskau und Petersburg, andererseits durch Nichtentrichtung von Kollegiengeldern zu erklären sind. Jni Gegensatz zu der anfänglich behaupteten Toleranz egen die jüdischen Mitbürger ist zu konstatiren, daß neue Zeschränkungen für Juden Platz gegriffen haben, die sich ans die Aufenthalts- Erlaubuiß und die Zulassung zum Studium beziehen; sogar die Hebammeu-Kurse und Aehn- liches sind diesen Beschränkungen unterlvorfen worden. Drei Professoren Besobrasoiv, Iwanow und Milukow sind vom Katheder der Universität Moskau und ihren Gymnasialstellnngen entfernt worden, weil sie das furcht- bare Verbrechen begangen hatten, in Nischnij- Nowgorod öffentliche Vorlesungen abzuhalten. Daß diese Vorlesungen von dem dortigen Gouverneur vorher erlaubt worden waren, hindeute freilich nicht denselben Satrapen sie nachher sür nmstürzlerisch zu erklären. Hatte der Professor Besobrasoiv doch sogar„die Kühnheit"' gehabt, einen Vor- trag über die Frauenfrage zu halten. Der Minister des Innern, Durnowo, dem u. a. auch die Post unterstellt ist, hat eine Reihe von Zirkularen an die Postbchörde gerichtet, die höchst charakteristisch fürden russischen Liberalismus sind. Zuerst wird die Aufmerksamkeit der Postbeamten ans die Briefe ans London gelenkt, wegen der dort wohnenden Emigranten; der zweite Erlaß bezieht sich ans die Briefe aus Genf und Zürich; der dritte ans die Korrespondenz aus Bern; der vierte aus die aus Wien und anderen„verdächtigen Städten"; wobei hauptsächlich auf gelbe und grüne Kouverts Aufmerksamkeit zn richten ist. Sollte der verdächtige Brief„ein- eschrieben" sein, so empfehlen die Zirkulare den ldressaten ans das Postbnreau zu laden und unter dem Vorwande, daß der Brief vermuthlich Geld enthalte, ihn dort von dem Adressaten eröffnen zu lassen. Wenn in dem Briefe dann wirklich etwas Gedrucktes ernnttelt ist, so ist die Drucksache zu beschlagnahmen und sofort der Gendarmerieverwaltung zu übergeben. Wenn einfache Briefe Verdacht erregen, so ist der Brief ohne jede Zeremonie zn erbrechen und die eventuelle Einlage zn vernichten. Anfangs dieses Jahres ist sodann ein neues Zirkular erlassen worden, das die ganze Privatkorrespondenz der unumschränkten Willkür preisgicbt. Endlich ist ein„ganz geheimes" Zirkular erlassen worden, das dem Postmeister vorschreibt, bei Geld- sendungen nach dem Ausland, die 300 Rubel übersteigen, „unbemerkt vor dem Absender und den niederen Be- amten, auf einem besonderen Blatt Papier, wenn auch nur mit einem Bleistift, die besonderen Kennzeichen des Absenders zn notiren, und an demselben Tage noch diese Liste sofort an die Gendarmerie- Ver- waltnng und an den Gouverneur, in den Provinzen an den Jspravnik, zu übersenden". lind nun das gelobte Reich der Presse! Da ist es ivieder der Herr Durnowo, der allmächtige, den die Lor- beeren Ihres Herrn v. Kölker nicht ruhen lassen— oder umgekehrt?— Zuerst wollen wir der Drangsalirungen der Kcndelmann als Zwangsverwalter hatte alles in Grund und Boden hineingeimrthschastet. Die Aecker waren nicht bestellt, das Vieh im höchsten Grade vernachlässigt. Von Wiederaufbau der Wirthschaftsgebäude keine Rede, des Wohnhauses ganz zu geschweigen! Unter diesen Uniständen sah Schwartz ein, daß die Wiederaufnahme der Wirthschaft doch nicht die Gelder verlohnen würde, die er hätte hinein- stecken müssen, um alles wieder in regelrechten Gang zu bringen, denn es war so gut wie keine Ernte zu erwarten. Gottlob hatte er dem Kendelmann die Zinsen noch nicht bezahlt! Er brauchte also wenigstens für das nächste Vierteljahr außer Sorge zu sein für seine Familie. Die Staatsanwaltschaft hatte seine Meineids- Denun- ziation gegen Kendelmann nicht berücksichtigt,„weil aus den Strafakten nichts Belastendes gegen den Jnkulpaten hervorgehe." Den lieben Nachbarn würde er also, wenn er da bliebe, immerzu in der Flanke sitzen haben! Weil er jeden Angenblick neue Niederträchtigkeiten von dessen Seite befürchten mußte, entschloß er sich, dem uner- bittlichen Feinde den Willen zu thun und sein Bündel zn schnüren-- ehe es wirklich zu einem blutigen Zusammen- stoße käme. Denn manchmal, wenn all' das Erlittene jäh in ihm aufwallte, fühlte er sich kaum noch seiner selbst mächtig. Sie hatten die paar Tage im Gasthaus des Palinski gelebt. Dort zechte der junge Karl Neumann, der gerade auf Ferien da war, jetzt, wo er von der Anwesenheit der Schwartz'schen Familie wußte, mit auffälliger Ausdauer. Er fand denn auch Gelegenheit, Annchen beinilich zu sprechen, ihr über den augenblicklichen Znstand des Herzens in der Baumrinde Auskunft zu geben und sie zu einem Rendezvous am späten Abend zn bereden. Sie sollte einen Gang nach Geuden vorschützen und ihn unter der großen Linde treffen, die allein noch von dem niedergebrannten Hausgarten stehen geblieben war. kleinrussischen Presse gedenken, die nuter Nikolaus II. von neuem begonnen haben. Mehrere Schriften berühmter kteinrussischer Schriftsteller wie Krapiwnitzky, Glibow, Hnlak- Artemowsky, Leivizky- Nctschni sind jetzt ver- boten worden, während sie bisher in mehreren Auflagen anstandslos erschienen waren. Die Anfsnhrungen der Dramen der beiden erstgenannten werden jetzt verboten, während sie bisher gestattet waren.— Arme Leidensgenossen von Ecrhart Hauptmann! Auf dem Gebiete der großrussischen Literatur ist in der kurzen Zeit bereits eine große Zahl von Opfern zu verzeichnen. Die Petersburger Zeitung„Rußkaja Schisu" ist unterdrückt worden, ohne daß sie die nothigen drei Ver- Mahnungen erhalten hätte; die Zeitschrift„Nabludatel" erhielt eine Verwarnung wegen Sympathie mit dem Sozialis- mus, obwohl sie antisemitisch ist und nicht das geringste niit dem Sozialismus gemein hat. Eine Reihe von Provinzialblättern, die ausnahmslos unter Präventiv, bekamen unbegreiflicher Weise verschiedene Strafen. Es sind dies». a. der„Kiewljanir", Sanatowsky Dncwnik", „Kursky Listoll". Dem Redakteur des Blattes„Nischnej Nowgorod ließ der Gouverneur einfach erklären, wenn er diesen oder jenen Mitarbeiter nicht entließe, seine Zeitung unterdrückt werden würde. Jetzt verlautet, daß neunzig russische Journalisten nnd Schriftsteller sich entschlossen hatten, dem Zaren durch Vermittelung des Generals Richter eine Petition einzureichen, in der um Revision der Preßzustände gebeten wird und in der alle Praktiken des Herrn Durnowo und seiner Zensur nachgewiesen werden. Die Petition ist vom Zaren demselben Durnowo und dann dem Jnstizminister Murawjow und Pobedonozow zur gutachtlichen Aeußerung übergeben worden. Das heißt den Teufel bei seiner Großmutter ver- klagen. Man stelle sich nur einmal die Entrüstung dieser Minister- Despoten vor! Etwas Gutes ist dabei natürlich nicht zu erwarten. Inzwischen ist die Zensurbehörde ganz toll geworden und rächt sich an der unter ihrer Zensur erscheinenden Presse auf die maßloseste Weise. Man unterdruckt alles Wtögliche, was zur Genehmigung vor- gelegt wird. Man bemüht sich, Material znr Beantwortung der Petitton zu sammeln, um nachzuweisen, wie stark noch die nmstürzlerischen Tendenzen in der russischen Presse sind! Nicht ohne Gefühl eines gewissen Mitleidens theile ich Ihnen diese Thatsachen mit, da es mir scheint, daß wenn die Umsturzvorlage bei Ihnen Gesetz wird, dann auf dem Gebiet der Presse und des geistigen Lebens eine russisch-deutsche Verbrüderung zu stände kommen wird, vor der die russisch- französische Allianz eitel Dunst ist.— Wff- Die nächste Nummer des „Vorwärts" erscheint des Charfreitags wegen am Sonntag, den 14. d. M. Volitipihe AebevNrllt. Verlin, 11. April. Die Entrüstung in den polnischen Volkskreisen über den Umfall ihres Vertreters bei der Schlußabstimmung in der Unisturzkommission, ist nicht ohne Einfluß auf die pol- nischen Abgeordneten geblieben. Herr v. Komierowski, welcher von bürgerlichen Blättern nicht von uns, wir haben in der betreffenden Notiz in der Nr. 73, wo wir zuerst auf den Umfall des polnischen Vertreters aufmerksam machten, Namen gar nicht genannt— als der unigefallene Nachfolger des Dr. v. W o I s z l e g i e r in der Umfturzkommission genannt wurde, erläßt jetzt im„Tziennik Poznanski" eine Erklärung,„daß er der Umsturzrommission niemals au- gehört und auch seit 4—5 Monaten mit niemandem die Vorlage besprochen, noch in den Fraktionssitzungen darüber geredet habe." Herr v. Komierowski hat insofern recht, als er nach Ausweis der Reichstagsakteu der Umsturzkommission nie angehört hat. Wohl aber ist an stelle des Dr. v. Wolszlegier— welcher erklärt hatte, nie für die Vorlage mit dem§ lila Zur verabredeten Stunde saß Karl schon lange auf der Bank unter der Linde, sehnsüchtig ausschauend; süße Erwartung durchrieselte ihn und er kam sich dabei zugleich außerordentlich wichtig vor. Es lag bereits starke Dämme- rung über den Brandruinen und den s weiten Feldern, die vielfach blas mit hochwucherndem Unkraut bestanden waren: die schmachtende Sammct-Dämmerung eines schönen Spät- sommerabends, wo bereits aus all der Fülle des käfer- durchsummten Astwerks hier nnd da ein welkes Blatt zitternd niederfällt, wie eine heimliche Thräne. Karl sprang auf, denn jetzt sah er, wahrhaftig, sie war es; er hatte doch nicht so recht geglaubt, daß sie kommen würde.— Die schlanke Gestalt des jungen Mädchens sah er den Weg hcraufschweben. Sie trug über dem hellen Kattunkleid eine schwarze Schürze mit krausen Achsclbändern, was ihr etwas von einen» Schulmädchen gab, schivenkte ein Körbchen am zarten, aber doch gerrnideten Arm und hielt das blos mit einem Tuch bedeckte Köpfchen schanihast ge- senkt, halb in Rene über den Schritt, de»i sie gewagt hatte. Früher hatten sie sich nie allein getroffen. Sie flogen sich in die Anne und küßten sich stürmisch. Schon nach wenigen Minuten ivar Annchen nicht mehr ziniperlich. Ihr jugendlich»varmes Blut und auch der Drang, in ihrem und der Ihrigen Unglück eine mitfühlende Seele sich ergeben zu wissen, sich festklammern zu können an ein emdercs, stärkeres Wesen, hatten dem jungen Bürschchen ihr ganzes, kindlich vertrauendes Herzchen zugewandt. Sic saßen auf der Bank dicht znsamniengeschmiegt, wie die schlafende»» Vögel oben im Laub, Brust an Brust, Mund ans Mund. Die Linde rauschte leise in träumerischer Ver- gessenhcit nnd bestreute das Pärchen niit frühivelken Blättern. Karl»var ein ziemlich unverdorbener Bauernjunge. Nur die Redensarten seiner in der Stadt aufgeivachse,len Schul- kollegcn hatten ihn etivas angekränkelt, so daß er seiner „Mänuerwürde" ein stürmisches Vorgehen schuldig zu sein glaubte. Er uinfaßte und drückte Annchens Brust. Doch Schillcr's nnd Uhland'S Gedichte, deren Lektüre er sich in letzter Zeit mit Begeisterung hingegeben hatte— er»nachte übrigens auch selbst Verse nnd in nicht geringer Quantität! — hatten ein Gegengcivicht gebildet. Die„Elegie an Laura" und„des Schäfers Klage" wollten sich nicht ver- (jetzt§ III) stimmen zu können— als Vertreter der Polen in der letzten eutscheidenden Sitzung der Abgeordnete für Schlachau-Clatoiv, Rittergutsbesitzer v. Wolszlegier, er- schienen nnd dieser hat für die Vorlage, inkl. des Z III, g e st i m m t. Wenn jetzt, infolge der allgemeinen Erregung in den polnischen Volkskreisen, die Herren von der Hofpartei ihr reaktionäres Getüste bezähmen u»rd ihre Presse erklärt, daß die Polen geschlossen gegen die Vorlage stimmen werden, so sind wir mit dieser Wirkung der Entrüstung in den Massen sehr zufrieden. Wir haben nur den Wunsch, daß diese nachträgliche bessere Einsicht nicht nur auf die Polen beschränkt, sondern sich auch auf einen neunenswerthen Bruchtheil des»nit jenen befreundeten Zentruins ausdehnt.— Zur Wahl in» Kreise Eisenach meldeten»vir gestern, daß die Stellung der Antisemiten ziveiselhast geworden sei,»reil ihr Kandidat von den Bauernbündlern schlecht behandelt»Vörden ist. Tie Antiseiniten sind jedoch außer dieser ihrer Eigenschaft auch»»och Christen, sie lieben ihren Nächsten»vie sich selbst(natürlich»nit Aus- nähme der Juden), und so wollen sie denn auch— un- geachtet der erlittenen Kränkungen— für Dr. R ö s i ck e vom Bnnd der Landwirthe eintreten, oder richtiger gesagt, ihre Führer Liebcrmaun von Sonnenberg nnd Ziinmermann schlagen ihnen dies vor. Die beiden Herren erlassen in der„Krenz-Zcitung" folgende Erklärung: Bei der am IS. April im Kreise Eisenach-Dermbach statt- findenden Etichivahl steht der Kandidat des Bundes der Landivirthe Dr. Röficke dem Kandidaten der Jüdisch-Freifinnigen gegenüber. Für den letzteren tritt die s o z i a l d e n» o k r a t i s ch e U m st u r z- partei geschlossen ein. Unter diesen Umständen bitten wir alle antiseinitischen Wähler, eininüthig für Dr. Rösicle zu stimmen. Uin der gemeinsamen Sache willen»nüssen»vir unsere b e- rechtigte Empfindlichkeit über die in Fori»» und In» halt gleich ungerechtfertigten Angriffe unterdrücken, denen unsere Partei während des Wahlkampfes seitens der Parteigänger des Herrn Röficke ausgesetzt geivesen ist. Und da sagt»na», noch, es gäbe keine edelen Menschen mehr auf der Welt!— Zu den« preustische« Vereinsgcseh, das den» Herrenhaus vorgelegt»verde»» soll, bemerkt sogar das christlich-soziale„Volk": Die organisatorisch und agitatorisch thätigen Mitglieder aller Parteien, auch der konservaliveu,»vünschen eine Be- seiligung der Fesseln des Vereinsgesetze?. Eine schärfere Anziehung dieser Fesseln»vollen dagegen alle die, denen jede agitatorische Thäligkeit, auch die ihrer eigenen Parteigenossen, unangenehm ist, die, um selbst ungestört auf der Bärenhaut liegen zu können, auch andere zllr Uulhätigkeit verdammt»vissen »vollen. Nach der Zusaminensetzung des preußischen Landtages haben »vir»venig Hoffnung, daß eine von der Regierung beantragte Verschärfung des Bereinsgesetzes abgelehnt»verde»» »vürde. Hoffentlich rühren sich wenigstens die, die für»ins hierbei am meisten in Frage kommen, die evangelischen Arbeitervereine und die»virllich thätigen konservativen und christlich-sozialeu Vereine rechtzeitig, lim Maßregeln abzu- »venden, die sie selbst völlig lähmen»vürden. Was die politische Thätigkcit der cvaugelisch-soziale»» „Arbeitervereine betrifft, so dürfte das„Volk" mit der Hoffnung auf diese arg auf dem Holzivege sein. Das„Volk"»volle doch nur seine vorhergehende Nulnmcr nachschlagen, in der es über die Vortragstour des Professors Adolf Wagner ins Gebiet des Königs S t u in m berichtet. Es heißt da über einen Handwerker- verein: Dieser Verein hat seine geistige„Unabhängigkeit" durch die Berufung Ztdolf Wagner's beiviesen. DaS»vill hier in Saargebietc, namentlich nach den jüngsten Ereignissen, etwas be- deuten. Kein anderer Verein in St. Johnnn-Saarbrücken hätte es geivagt. Thatsächlich haben sogar die beiden evangel. Arbeitervereine in St. Johann und Saarbrücken nicht g e>v a g», Professor Wagner in ihrer Mitte sprechen zu lassen. Namentlich die Leiter des Saarbrücker Vereins haben ihre— leider nur zu ost auftauchenden—„Bedenken" wieder einmal nicht überivinden können. Der Name Stumm übt eben seine Macht. Und„Arbeitervereine", die es nicht einmal riskiren, den harnilosci» Prof. Wagner bei sich sprechen zu lassen, um nicht den Zorn Königs Stumm zu erregen, die sollten zu gebrauchen sein, um eine ernsthafte politische Agitatio,» gegen Regier ungs vorlagen zu entfalten? Das glaubt das„Volk"»vohl selber nicht. Wenn das„Volk" der einbaren lassen niit der»naterialistischen Licbesauffassung seiner Studiengenosseu. Immerhin versetzte ihn die Berührung des schmieg- samen jugendlichen Leibes des»varinci», hcißathmigeu, zuckenden Mündchens in eine ganz bedenkliche Leiden- schaftlichkcit. Aber sie»vurde zu inniger, brüderlicher Theilnahme, als Anna uuter Thränenströnien das Unglück ihrer Faniilie zu klagen begann. Tort,»vo jetzt der schivarze, wüste Schutt umherlag, dort hatte das Hans gestanden,»vo sie von» Kind zum Backfisch herangeivachscn»var. Jaivohl, sie sei auch jetzt noch ein Backfisch— er möge nur nicht so thun! Sie»nöchte aber, sie»väre noch ein Kind— gern, so gern! Ihre Puppen, die sie beim Einzug noch sorgsam mitbrachte, waren alle mitverbrannt. Sie erzählte von den glücklichen Stunden, wenn der Vater sie auf einen» Pferd reiten ließ, oder wenn sie der Mutter im Haushalt half und diese ihr nnd der Gottliebe allerlei lustige Geschichten»ind Neckereien zum besten gab. Ihre Mutter sei eine so tüchtige Hausfrau.— Ob er sich denn nicht auch bald nach einer Hausfrau umzuschauen dächte?! „Aber»vie kannst Du nur— das»virst doch Du, nieiue ran— selbstverständlich!" sagte er in heldenhaft trotzigem on.„Uebrigens,»veißt Du, meine Eltern haben so niedrige Anschauungen. Die denken nur immer an die Mitgift. Aber— jetzt gerade! Mein süßes Annchen—!" „Ach, ich Hab' Dich auch so schrecklich gern, mein liebster Karl! Ich könnte nie einen andern Heirathen. Kürzlich Hab' ich noch von Dir geträumt— Du hattest schon einen ganz großen Schnurrbart--" Das verschnupfte ihn etivas. Aber er war schlau genug, sich nichts merken zu lassen. „Im Traum nnd in» Wachen— ich bin immer bei Dir! betheuerte er. Ich»verde Dir überall hin folgen. — Und»vo geht Ihr dcnnj etzt hin?" setzte er nach einem seligen Schweigen etwas zaghaft hinzu. „Nach Bogeuau, sagte Anna. Dort hat mein Vater eine Stelle als Brennereiverivalter bekommen." Karl machte ei»» bedenkliches Gesicht. (Fortsetzung folgt.) Meinung ist, daß die Arbeiter gegen die Reaktion ins Feld rücken müssen— und in dieser Meinung hat es recht— dann»nuß es sich schon mit den sozial- d e in o k r a t i s ch e n Arbeitern begnügen, die diesen Kamps schon seit Jahrzehnten führen.— Wer hat Anspruch ans den— Liebcssold i«» Kamerun? Im Prozeß»vider Leist ist, wie uns mit- getheilt wird, als st r a f s ch ä r f e n d bei der Urtheils- verkünduug hervorgehoben ivorden:„Der Angeklagte— dies fällt strafschärfend ins Geivicht— hat das Recht des Eigenthümers der von ihm gebrauchten Farbigen dadurch gekränkt, daß er die Bezahlung nicht an den Eigenthümer, sondern an die gebrauchten Frauen direkt geleistet hat."— Zun« Entwurf des neuen Börsengesetzes, von dein »vir bereits gestern eine kurze Inhaltsangabe veröffentlicht haben und auf den»vir noch näher eingehen swerden, schreibt heute Abend die„Norddeutsche Allg. Ztg." recht komisch: Die„Vossische Zeitung" hat gestern den Entwurf eine? Börsengesetzes veröffentlicht, der den» Bundesrath durch den Reichskanzler vorgelegt ist und der nur durch eine Jndis» k r e t i o n zur Kenntniß des genannteii freisinnigen Blattes gc- langt sein kann. Da die illegitime Veröffentlichung der„Vossischen Zeitung" inzwischen, soiveit wir bemerkt haben. in die gesannnte Presse übergegangen ist, würde es keinen Zweck haben,»venu»vir allein sie nnseren Lesern vorenthalten»vollte»; »vir werden den Entwurf somit in unserer Morgennummer eben- falls zum Abdruck bringen. Wir möchten aber nicht unterlassen, zugleich hervorzuheben, daß es nicht ausgeschlossen ist, daß der Bundesralh i,och mehr oder minder erhebliche Aenderungcn an dem Gesetzentivurf vornimmt. Da hört es ja auf, ein Vergnügen zu sein, als „offiziöeses" Organ zu gelten, wenn die anderen Zeitungen die guten Nachrichten zuerst bringen. Nicht»vahr, liebe „Norddeutsche"?— Fürst Bismarck sagt die Wahrheit. Bismarck empfing heute eine Deputation aus Bremen nnd sagte in der Ansprache an die Herren u. a. folgendes, de»»» man vollständig beipflichten muß: „Die Uneinigkeil der Deutsche», beruht nicht, wie man geivöhnlich meint, ans der Stammesverschiedenheit; man kann nicht sagen, daß die Bayern und Sachsen sich nicht vertragen, »venn sie bei einander sind, sondern es sind die dynastischen Verschiedenheiten, welche Grenzen geschaffen haben, die das Gebiet gleicher S t a m m es genossen quer durchschneiden, zivischen den plattdeutschen Altmärkern und den platt- deutschen Lüneburgern, zwischen den Wetliner Landschaften und dem alten Thüringen, wie in den Hohenzollernscheu Gebieten; und wie dort in Schwaben die Beispiele am schärfsten sind,»vie der Schwabe gegen den Schivaben sich abschanzte, als Reichs- ritter in den Reichsdörser» nnd Reichsstädten, so war es auch in Westfalen. Man muß also nicht die Stammesverschiedenheit anklagen. Es ist die Verschiedenheit der Herrscher gewesen, die Fürsten vertrugen sich nicht untereinander, nnd so wurden die Unterthanen nach der Farbe der Uniform, die sie trugen, veranlaßt, auf einander zu schießen. Ganz unserer Meinung, die»vir seit langem vertreten. Nur daß»vir diese Ansicht nicht,.»vie Bismarck, nur für das Gebiet innerhalb der schivarz-iveiß-rothen Grenzpfähle gelten lassen. Wir meine»,, diese Geschichtsphilosophie gilt nicht nur für Plattdeutsche, Thüringer, Schwaben:c., sondern auch für Preußen und Oesterreichcr, Deutsche und Franzosen:c. Wir glauben, auch da ist es im»veseiltlichen„die Ver- schiedenheit der Herrscher geivesen. Die F ü r st e vertrugen sick» nicht unter einander, und so wnrden die Unterthanen nach der Farbe der Uniform, die sie trugen, veranlaßt, ans einander zuschieße n."— Ja, ja, wenn so ein alter Diplomat aus der Schule plaudert!— Tie antisemitische, konservative und national- liberale Sch»nutzpresse verbreitet—»vohl um dem Herrn v. Hamnierstein in seinen» gcgeuivärtigen Trubel einen kleine,» Frcnildschaftsdienst zu leisten— Genosse Singer habe die Klage gegen diesen adligen Biedermann zurück- g e n o n»»u e n. Natürlich ist das gelogen. Und»veiil» der Prozeß noch nicht zum Austrag gekommen ist, so hat das seinen Grund in der Thatsache, daß der Prozeß während der Tagung des Reichstages ruht. Nach Be- cndignng derselben»vird Herr v. Hamnierstein dem von ihm Berleiimdeten vor Gericht Rede zu stehen haben.— Herr vo» Kardorff, der Si l b er,v ä h r u»ig s- und G e t r e i d e>n o n o p o l s»n a n n, der bisher nebenbei Ada Negri. Eine blutjunge itnlienische Dichterin hat mit einein klein»» Baude Gedichte unter den» Titel„Fatalitä"") alles,»vas männ- liche und weibliche Spatzen, Zeisige und Nachtigallen in den letzten Jahrzehnten gezivitscher» haben, mit hellklingender Stimme übertöni; eine Lerche ist aufgestiegen, die der leidende»» und rinaeudei» Menschheit, denen die da darben und hoffe», die frohe bessere Zukunft in schinetternden Weisen verkündigt. Ada N e g r i ist eine arine zioauzigjährige Lehrerin, die i» Motta Visconti, einem kleinen Flecken am Ufer des Tessin, achtzig lärmenden kleinen Knaben die eivige Weisheit des AÄC vermittelt. Die Mutter, in einer Wollspinnerei dürftigen Tage- lohn criverbend, hat durch äußerste Entbehrungen ihrer Tochter crmöglickt, mehr als die gewöhnlichen Schulkenntnisse zu sammeln. Die Roth hat an der Wiege der Dichterin gestanden und hat sie treulich begleitet durchs Leben, aber das Unglück hat ihr Genie nicht unterjocht, sondern reich befruchtet und ge- segnet. Sie schildert,»vie es nachts drohend an ihr Lager tritt, flammenden Auges, eine» Dolch in Händen. Sie schreit nach Freuden, nach Hoffnung und Liebe im Namen ihrer zivanzig- jährigen blühenden Jugend. Doch Es sprach:„Nur dem, der leidend, blutend schafft, Erstrahlt des höchste» Ruhmes Schein. Der Schmerz giebt den Gedanke» Gölterkraft. Den» tapfern Kämpfer winkt der Sieg allein." Und ich erwiderte ihm:— Bleib!— Linderung der eigenen Roth ist ihr das Anschauen freindm Elends. Wenn das Unglück durch ihre eigene niedere Kanuner- thür tritt, dann lacht sie ihn» zu, aber fremdes Leid ziviligt sie zu Thränen und geivaltigen Klagen. „Dock»venn ich Greise inüd' und zitternd seh' Und Hungernde, dann wem' ich bitterlich; Ich»veine über Kinder Roth und Weh, Ich weine über Leid, noch fremd für mich." Die altgewohnten schmachtenden Triller von„Lieben und Trieben", von„Sternelein und Blümelein" finden keinen Wieder- hall in diesem einsamen, doch die ganze Menschheit umfassenden perzen. Ein Jüngling naht ihr»nit furchtsamer Werbung. Sie aber fragt ihn:„Hast Du gearbeitet?" Und sie stößt ihn zurück. den Schwächling einer schwachen Zeit,„zum goldenen Kalb zurück, zu Karten, Bällen, Dirnen, Becherklang". Sie»st *) Schicksal.(Fatalitä.) Gedichte von Ada Negri. Ins Deutsche übertragen von Hedwig Jahn. Berlin, Verlag von Alexander Duncker. auch noch Landrath deS Kreises Oels war, legt dieses Auit jetzt nieder, da ihn seine parlamentarische und agitatorische Thätigkeit zu sehr in Anspruch nimmt. Man glaubt übrigens, daß diese Rücksicht ans seine parlamen- tarischen Pflichten nutzlos ist, da, wie böse Zungen be- haupten, er nur in seiner Eigenschaft als L a n d r a t h gewählt worden ist. Somit dürfte er sich nach den nächsten Wahlen in der unangenehmen Lage befinden, weder Land- rath noch Abgeordneter zu sein.— Pastor Jökraut, der neue Abgeordnete für Eschwege, hat gegen 143 Eschweger Bürger, die den letzten vor der Hauptwahl erschienenen nationalliberalen Wahlaufruf unterschrieben haben, die Privatklage beim hiesigen Amtsgericht angestrengt! Unter diesen 143 sind natürlich auch solche, die in der Stichwahl mit dem ganzen Gewichte ihres Ansehens und der ganzen Fülle ihres Einflusses für Jskraut, ihren nunmehrigen Kläger, agitirten und nun so hin- eingefallen sind. Die Klage fußt auf einer Stelle in dem Flug- blatte, die ungefähr lautet, daß die Wähler au einem Schützling des Liebermann von Sonnenberg noch von Leuß her genug haben und das höchste bürgerliche Ehrenrecht keinem Agenten des Anti- semitismus ertheilen möchten, von dem sich selbst seine eigenen Anitsbrüder in Westfalen wenden.— Enqueten des Vereins für Sozialpolitik. In der letzten Ausschußsitzung des Vereins für Sozialpolitik wurden Mittheilungen über die zwei im Gange befindlichen Enqueten gemacht: Von derjenigen„über die Lage des deutschen und österreichischen Handwerkes" werden im April die zwei ersten, im Laufe des Jahres mehrere weitere Bände erscheinen können. Die Berichterstatter„über den ländlichen Personalkredit" sind gewonnen; es ist Hoffnung, den Druck der Referate Anfang 1396 beginnen zu können. Neu beschlossen wurde eine Untersuchung „über die relative Konkurrenzfähigkeit der verschiedenen land- wirthschastlichen Betriebsformen" und eine solche„über das Hausirgewerbe."— Agrarische Ehrlichkeit. Das ABC der Agrarier heißt bekanntlich:„wir Landjnnker ernähren das Volk— geben ihm Fleisch, Brot, Milch, Butter und Käse; ans Dankbarkeit für diese Gnade muß das Volk uns Monopol- preise zahlen; ignd jeder, der billigere Nahrungsmittel liefert, muß vom'.Markte vertrieben werden— sei es durch Schutzzölle, sei es durch Polizeiverbot." Natürlich sagt der Landjunker nicht, daß er ein ganz gemeiner bürgerlicher Kränier und jüdischer Wucherer ist— er versteckt seine Raubritterlichkeit hinter heuchlerischen Phrasen von Nächsten- liebe und Begeisterung für das Wohl der Nation. Nicht um sich zu bereichern, lassen sie die Einfuhr fremden Fleisches, fremden Schlachtviehes, verbieten und fremdes Getreide durch Zoll vertheuern,— bewahre! sondern aus väterlicher Sorge um die Gesundheit des Volkes. Heute— uud das giebt uns den Anlaß zu diesen Zeilen— finden wir in den Organen der Landjunker fulminante Artikel gegen den sogenannten M a r g a r i n k ä s e. Einzig und allein im Interesse des Volkes, aus rührender Fürsorge für die öffentliche Gesundheit.„Jndeß— sagen die Herren Landjunker in einer Anwandlung von Großmuth— wenn der neue Margarinkäse nicht verboten werden kann, dann soll man wenigstens die Verkäufer zwingen, ihn unter seinem richtigen Namen, als Mar- garinkäse zu verkaufen." Nun, hiergegen haben wir nichts einzuwenden. Wir wären überhaupt dafür— wenn es durchzuführen wäre—, daß alles unter seinem richtigen Namen verkauft würde und daß jeder, der Baum- wolle für Wolle, Sand für Zucker, jSchwerspath für Mehl, Margarine für Butter, schlechtes Bier für gutes Bier u. f. w. verkaust, als Dieb bestraft würde. Ja, wenn es durch- zuführen wäre. Ter Gott der Kaufleute, Merknrius oder Scrmes, ist nun aber einmal zn gleicher Zeit auch der ott der Spitzbuben, und gegen diese Thatsache und diese Logik der Thatsachen, kann keine Gesetzgebung ankämpfen. Und die biederen Landjunker führen bei einer solchen Gesetzgebung vielleicht am schlechtesten von allen. Gewiß, der Margarinkäse soll auch Margarinkäse heißen und nicht Knhkäse. A b e r z. B. der o st p r e u ß i s ch e Kartofselkäse auch ostpreußischer Kartoffclkäse und nicht Schweizerkäse, wie das jetzt Mode i st. Von dem Schwcizerkäse und sonstigen edleren ausländischen Käsesorten, die in Deutschland verkauft werden, sind neun Zehntel in Deutschland gemacht und werden von unseren patriotischen Landjunkern unter falschem N a ni e n zu höherem Preis, als der richtige Name erzielen würde, vcr- kauft. Das sind falsche Vorspiegel ungn und das läuft auf Diebstahl hinaus. Wann werden unsere Land- junker sich selbst mit dem Maßstab messen, den sie anderen anlegen?—_ ein Kind des Volkes, dem einzig ihre Liebe, ihr Mitleid gehört. Im Staube der Straße sieht sie den Gassenjungen spazieren, schmutzig und schön, ausgestoßen und schutzlos. Sie liebt ihn, weil er leidet. Uud sie liebt die Männer, die sich in den Arbeitsstätten pressen, des Lebens kärg- liche Nothdurfl zu gewinnen, die Weberinnen, die zwischen dem Drehen und Rasseln der Maschinen in tödtlicher Lust dahin- welken. Nur einem Sohne des Volkes möchte sie ihre Jugend hingeben; einem rüstigen Schmied schwingt er den gewaltigen Hammer, daß die schwirrende» Funken seine schwarzen Locken umsprühen. Nußig, bestaubt, kehrt er in ihre Hütte zurück und vom Glänze der Liebe umgeben schließt er sie in seine Arme.— Den Opiern einer verkehrten Gesellschafts- ordnung singt sie ein schmerzlich gellendes Lied. Ein Heer von Millionen zieht an ihr vorüber— das Heer der Arbeitslosen. Sie kommen aus Häusern ohne Feuer, von friedloser Lagerstätte, bleich, entnervt. Seufzer und Flüche umwehen die Schaar, die die Arbeit sucht und nicht findet. Doch aus seinen Leiden sieht sie auch den Sieg des zum Bewußtsein gekommenen Prole- tariats erblühen, sieht die Arbeit triumphiren über die Macht des Kapitals. Ihr Herz schlägt mit denen der Helden der Arbeit und des Gedankens, die uns aus den Zeiten der Korruption und der Kanonen hinüberführen in die neue Zeit, an deren Pforte„Friede, Arbeit, Brot" geschrieben steht. Einen mächtigen Weckruf an das Proletariat läßt Ada Negri in dem hinreißenden Gedichte„Es saust die Maschine" erschallen. „Nur vorwärts ihr Helden der künftigen Thaten, Es steht euch der Kampsplatz bereit. Die Säge, die Hacke, das Beil und der Spaten, Sie rufen zum ehrliche» Streit." Stürzt kühn euch, ihr Helden, in Kampsesgewimmel, Das goldene Freiheit euch brüigt.... ... Es saust die Maschine: und stürmisch zum Himmel Prophetisches Hurrah erklingt." A. E.■ Eingelaufene Druckschriften. Hefl a?, herousgegeben von Emanuel Wurm, Verlag von Wörlcin II. Comp., Nürnberg, ist erschienen und enrhäll: Deulsches Reich «Forlsctzungi, IV. Teuische Geschichte(Fortsetzung) von Konrad l.»12— grs bis zum Jahre 1818.— Alle II Tage erscheint ein Heft. Ter Verlag des„Süddeutsche» postillon"-heilt uns mit, daß gleich wie in den vergangenen Jahren, so auch in diesem die Nr.» des„Siiddentschen Poftilla»" als MatM-Nummer erscheinen wird. Diese Nummer wird sich wie die früheren durch«rwetterten Umfang, wie durch hervorragendere Aufstauung auszeichnen. Preis der Nummer wie gewöhnlich lo Pfg.— Im Interesse der allseitigen prompten Lieferung bittet der Verlag um mog, >>chftrasche Bestellung. NatkonaMberale Agitatiotl qeqeu die Umsturz- Vorlage. Die„Bad. nationalliberale Korr." vom Donnerstag ist zu folgender Mittheilung ermächtigt: In der Gestalr, welche der Umsturzvorlage unter dem Einfluß des Zentrums gegeben ist, bleibt dieselbe für unsere Partei völlig unannehmbar. Die Parteileitung ist der Meinung, daß es sich empfiehlt, bei den unzweideutigen Kund- gedungen im ganzen Lande jede zweifelhaste Haltung der nationalliberalen Partei auszuschließen. Sie richtet an alle Gesinnungsgenossen das Ersuchen, in Versammlungen und Resolutionen dieser Meinung Ausdruck zu geben. Die Versammlungen, die man an allen Orten abhalten mag, können nach dem Ermessen der einzelnen Bezirke dann stattfinden, wenn nach der zweiten Lesung der Vorlage im Plenum das Schicksal derselben zu übersehen ist. Man hat pul den Nationnlliberalen zu üble Erfahrungen gemacht, um noch an ihre Mannhaftigkeit zu glaube». Wer lebt, wird's fehen, ivie sie umfallen.— Zulassung ausländischer Inden. Einige Handelskammern und sonstige kaufmännische Vertretungen der öffentlichen Provinzen hatten sich an die belheiligten Ministerien mit dem Antrag gewandt, bei Zulassung der aus Rußland nnd dem österreichischen G a l i z i e n zuziehenden Juden von dem bisher geübten Ver- fahren abzugehen und diejenigen, welche als Händler, Kom- missionäre, Korrespondenten u. s. w. im Interesse des Handels unentbehrlich seien, allgemein und ungehindert zuzulasse». Aus Anlaß dieser Eingabe sind, wie die„Berliner Korrespondenz" mittheilt,„die Gründe, die für das bisherige Verhalten der preußischen Behörden gegenüber den aus Liußland und dem österreichischen Galizien zuziehenden Juden bestimmend gewesen sind, eingehend geprüft worden. Es ist dabei keine Ver- a n l a s s n n g gefunden worden, von dem bisherigen Verfahren, wonach eine Prüfung von Fall zu Fall staltfindet, abzuweichen."— Gefäugnifjstatistik. Nach der Statistik der zum Nessort des preußischen Ministeriums des Junern gehörenden Straf- anstallen und Gefängnisse für l. April 1393/94 waren bei Beginn des Etatsjahres 1833/94 52 solche Anstalten vorhanden, gegen SI im Vorjahre; hinzugekommen ist das neuerbaute Zellen- gesängniß zu Düsseldorf, welches am l. April 1833 dem Betriebe übergeben wurde. Bei Beginn des Etatsjahres waren detinirt 22 849 Männer und 3542 Weiber, zusammen 26 391 Personen; der Zugang im Laufe des Jahres betrug 41 245 Männer und 9541 Weiber, zusammen 50 786 Personen; der Abgang im Laufe des Jahres betrug 41 244 Männer und 9697 Weiber, zusammen 50 941 Per- sonen; am Schlüsse des Jahres verblieben in Gesangenschast 22 850 Männer und 3386 Wviber, zusammen 26 236 Personen; mithin gegen den Jahresanfang mehr 1 Mann, weniger 156 Weiber, zusammen also weniger 155 Personen. Ueberhaupt detinirt wurden im Laufe des Jahres 77 177 Personen; darunter männliche Zuchthaus-Gefangene 22 290, iveibliche 3849, zusammen 26 139; männliche Gefängniß- Gefangene 23 534, weibliche 3653, zusammen 27 437; männliche Haftgefangene in geschärfter Haft 5670, weibliche 3275, zusammen 8345; männliche Haftgefangene in einfacher Hast 2363, weidliche 438, zusammen 3406; männliche Polizeigesangene, einschließlich Transportaten, 935, weibliche 214, zusammen 1209; männliche Untersnchungsgesangene 8533, iveibliche 1451, zusammen 3389; männliche Schuldgefangene 49, iveibliche 3, zusammen 52. Die Gesammtzahl der Gefangenen hat sich gegen das Vor- jähr um 2213 Männer und 245 Frauen, zusammen um 2453 Personen— 3,81 v. H. vermehrt. Die Zahl der Detentions- tage betrug 3 548 136, gegen das Vorjahr 6176— 0,06 v. H. mehr.— Zum Fraueuwahlrecht. Daß wir auch in bezug auf die politischen Rechte der Frauen, ebenso ,vie auf vielen anderen Gebieten, hinter anderen Ländern, namentlich englischen, ameri- konischen und australischen, weit zurückgeblieben sind, zeigt recht deutlich die folgende Zusammenstellung über die in den ver- schiedenen Ländern bestehenden Wahlrechte der Frauen. In Kentucky wurde das Wahlrecht für den Schul- Aufsichtsrath im Jahre 1345 den Wittwen verliehen. Kansas gewährte es im Jahre 1861 allen Frauen. Im Jahre 1863 verlieh England den Unverheiratheten und Wittwen das kommunale und W y o m i n g das volle politische Wahlrecht allen Frauen. Zu den Wahle» für den Schul-Anssichts- rath wurden die Frauen im Jahre 1875 in Michigan, Minnes ota nnd Colorado, 1373 in New Hampshire und Oregon, 1879 in Massachusetts, 1880 in New- Jork und Ver m o n t zugelassen. Im Jahre 1881 dehnte Schottland daS konininnale Wahlrecht auf Unverheirathete und Wittwen aus. Nebraska gab den Frauen das Wahlrecht für den Schul- Aufsichtsrath im Jahre 1883, Wisconsin im Jahre 1885. 1836 gewährten N e w- B r u n s» w i ck und O» t a r i o den Frauen das kommunale Wahlrecht, uud Washington das Wahlrecht für Schul- Aufsichtsräthe. 1837 wurde es den Frauen in North- und South- Dakota, Idaho, Montana, Arizona und N e w- Jersey gewährt, 1891 in Illinois. 1892 bekamen die Frauen Q u e b e k s das kommunale Wachlrccht. Das Wahlrecht für den Schulanssichtsrath wurde 1893 in Connecticut de» Frauen verliehen, das volle politische Wahlrecht erhielten sie im selben Jahre in Colorado und N e n- S e e l a n d. 1894 wurden sie zu den Wahle» für Schul-Aufsichtsräthe in Ohio und für die kommunalen Wahlen in I o iv a zugelassen, während ihnen in England das Kirchspiel- und Distrikt-Wahlrecht ver- liehen wurde.—' Der Kampf gegen die Maifeier in Oesterreich. Der Verein zur Wahrung industrieller und gewerblicher Interessen für Nordböhmen versendet ein Zirkular, in tvelchem, die Industriellen Nordböhmens aufgefordert werden, sich dem Beispiel der Regierung anzuschließen, nämlich am I. Mai den Betrieb wie an jedem anderen Wochentage aufrecht zu erhalten.— Franz Kofsnth, der Sohn des alten ungarischen Re« volutionärs Ludwig Kossuth, ist bei einer Ersatzwahl in Ungarn als Abgeordneter der Unabhäiigigkeitspartei für den Reichstag gewählt worden. Es ist wohl mehr der Name als die ziemlick gleichgiltige Person des jüngeren Kossuth's, der hier zum Siege verholseu hat.— Wie Crispi Wahle» macht! Von dem Wüthen der Präfckturen im Lande in der ihnen aus Rom anbefohlenen Streichung mißliebiger Wähler aus den Wahllisten kann man sich einen Begriff mache», wenn man erfährt, daß allein in der Provinz Turin die Zahl der eingeschriebenen Wähler von 156 601 offiziell auf 72 000 zurückgeführt wurde, somit in dieser einen Provinz einer Anzahl von 84 000 Wählern ihr gesetzlich garantirlcs Wahlrecht durch reine Willkür geraubt wurde.— Sozialistische Kaiididateu für die am 19. Mai stattfinden- den italienischen Wahle». In Alessandria ist De Felice als alleiniger Kandidat von den Republikanern und Sozialisten aufgestellt; in der Provinz Ligurien sind die sozialistischen Kan- didaten aufgestellt: In Genna Pietro Chiesa(Schriftsetzer), in Sarnpierdarena Advokat Montalto(vom Kriegsgericht ver- »rtheilt), in Savona Dr. Barbato(im Zuchthause zu Fallanza), in Oncglia Advokat Canepa, in Novi-Ligure De Felice, in Volti Lerda(Buchbinder), in San Nemo Dr. Nicola Barbato, in Spezia Professor der Hochschule Panebianco. Criöpi und die Spitzbuben. Em D exlorat o(wörtlich ein Beklagter) heißt gegenwärtig in Italien bekanntlich durch Crispi's Wirksamkeit ein öffentlicher Bankdieb. Heute nun bringt ein Römisches Blatt die Nachricht, daß sämmt- liche von der Siebener-Kommisston des nach Hause geschickten Parlaments entlarvten und gebrandmarkten v e x I o r a r i, an ihrer Spitze Crispi. als Regier» ngskandidaten für die nächste Wahl aufgestellt sind und sich überall der eifrigsten Unterstützung der höheren und niederen Behörden erfreuen. Als ein Freund Crispi's ihn auf die Gefahr aufmerksam machte, die in dieser Aufstellung liege, erwiderte Crispi: veplorat! si, ma fedeli a me! Mögen sie Deplorati sein, wenn sie mir nur treu sind!— Konfiskationen in Italien. Die mnthige sozialistische Vor- kämpserin La Riscossa in Palermo ist in ihrer letzten Wochen- nummer in drei hinter einander folgenden Ausgaben konfiszirl worden; die letzte Ausgabe zeigt über zwei Drittel des Raumes weiße Stellen.— Der Generalstreik in Belgien. Ueber den Anlaß zur Erklärung des Generalraths der belgischen Arbeiterpartei wird der„Leipziger Volkszeitung" von ihrem Brüsseler Korrespondenten geschrieben: „Aus sicherer Quelle erfahre ich die wahre, wenigstens die Hauptnrsache, weshalb der Generalrath den Generalstreik ab- sägte. Auf Initiative der Glasfabrikanten hat im Bezirk Charleroi eine Versammlung großer Industrieller und Gruben- besitzer stattgefunden, worin von dem drohenden Generalstreik die Rede war. Infolge dieser Versammlung wurde an die Regierung eine Deputation oder ein Schreiben gesandt, in dem unter anderem erörtert wurde: Kommt denn nie ein Ende dieses Getöses? Vor zwei Jahren war der Generalstreik für die Verfaffilngsabänderung, jetzt für das Kommmial-Wahlrecht, bald für den Kongo, dann für den Achtstundentag u. s. w. u. f. w. Wir können unter diesen Umständen keine Verträge schließen, die Industrie wird vernichtet, wenn es nicht wieder Ruhe wird. Sie sollen selbst mit fremder Einmischung gedroht haben. Aus allen Theilen Belgiens sind dann die Industriellen mit gleichen Argumenten gekommen. Deshalb war die Re- gierung fest entschlossen, einen Generalstreik in Blut zu ersticken. Daher die Provokationen, daher die Füsillade von Renaix, daher im allgemeinen das Suchen von Krawallen. Diese Thalsache wird es vornämlich gewesen sein, die den Generalrath und die sozialistischen Parlamentsmitglieder bewogen hat, die Parole zum Streik nicht zu geben. Im übrigen Hütten sich mindestens noch einmal so viel Arbeiter wie 1393 am Aus- stand betheiligt." Sind vorstehende Angaben richtig— und wir haben keinen Grund, dies zn bezweifeln,— so beweisen sie aufs neue, ein wie wenig brauchbares Mittel der sogenannte Generalstreik im politischen Kampfe ist. Eine Waffe, die man im entscheidenden Moment, wo sich der Gegner entschlossen zeigt, de» Kampf aus- zunehmen, in die Tajche stecken muß, die kann auf irgend einen Werth keinen Anspruch machen. Unser Urtheil über den General- streik war von jeher: viel Geschrei und wenig Wolle. Ueber die Lage der Arbeiter in Rustlaud berichtet Genosse P l e ch a n o w der österreichischen Maifestschrist in folgen- der interessante» Weise: „In keinem Lande Europa's würde die Fabrikgesetzgebung den Arbeitern so günstig sein, wie in Rußland. Nirgends aber hat die Ausbeutung der menschlichen Kräfte so kolossale Dimen- sionen angenommen als in unserem„heiligen" Lande, welches, nach vielen Berichte», ohne Uebertreibung das Paradies der Ka- pitalisten genannt werden kann. Es ist offiziell konstatirt worden, daß unsere Unternehmer Profite einheimsen, die englischen oder französischen Unternehmern fabelhaft erscheinen würden. Da unsere Großindustrie sehr jung ist und unsere Industriellen dank unserem schutzzöllncrischen Zolltarife auf Routine angewiesen sind, ist es einleuchtend, daß ihre enorme» Profite meistens auf kolossale Ausbeulung der Arbeiter zurückzuführen sind. Und thatsächlich ist in der Textilindustrie, der„niodernsten" und blühendsten In- dustrie in Rußland, der Arbeitstag niemals kürzer als 12 Stunden. Er ist oft viel länger: 14 und 15 Stunden pro Tag sind etwas sehr Gewöhnliches bei uns, worüber niemand erstaunt ist. Zieht man überdies die sehr niedrigen Löhne und ein fein ausgeklügeltes System von Geldstrafe» aller Art in betracht, welches das Ein- kommen des Erzeugers aus das allergeringste Minimum re- duzirt, den beinahe völligen Mangel ärztlicher Fürsorge für kranke oder durch Maschinen verwundete Arbeiter, die All- macht der Polizei, die immer aus Seite des Kapitaliste» steht— so wird man eine annähernde Vorstellung von der Lage des russischen Arbeiters haben. „In Wahrheit giebt es ein Fabrikgesetz in Rußland, aber es betrifft nur die Kinder. Da nun aber die Fabrikanten die Löhne sehr niedrig gestellt haben, können sie sehr leicht die Kinder beinahe vollständig entbehren und die„theuere Freiheit" der— Ausbeutung genießen. „Unter das Doppeljoch des Kapitalismus uud des Polizei- staates gebeugt, wird der russische Arbeiter, dieser Helot des 19. Jahrhunderts, als ein Mensch ohne jede freiheitliche Tendenz, ohne einen revolutionären Gedanken betrachtet; man glaubt, er ist von jener Moral erfüllt, die darin besteht, die züchtigende Hand zu küsse», und die, wenn man darin unserer Regierung Glauben schenken darf, eine spezifisch russische Moral ist." Aber es sei nicht so, berichtet Plechanow. Der russische Ar- beiter habe einen sehr hohen Bildungstrieb.„Nach 12-, 13-, 14- stündigem Arbeitstage, heißt es weiter, zündet der russische Ar- beiter eine kleine Petroleumlampe in seiner Bude an und bückt sich über die Bücher bis 1 Uhr morgens. Uni 5 Uhr wird er ausstehen müssen, er wird müde sein, was thut's? Er ist noch weit zurück, er hat, wie Saint-Simon, große Dinge zu verrichten und er versucht, die von seinen Vorfahren, vom Muschik, dem Anbeter„Väterchens", verlorene Zeit einzuholen."— Zu de» Kämpfen der Engländer in Asien wird heute aus Simla gemeldcl: Nach den letzten hier eingetroffenen Be- richten ist die Macht Umra Khan's gebrochen. Die sanatischen Haufen, auf die er rechnete, zerstreue» sich. Zwei der bedeutendsten Stämme verweigerten ihm ihren Beistand.— Pavtciwsiificltfjlcu. Von der Agitation. In P e t t e r w i tz bei I a u e r fand vergangene Woche eine Versammlung statt, in welcher Genosse Feldman» referirte. Der Saal war überfüllt von meist länd- lichen Arbeitern und wurde mit Einstimmigkeit eine Resolution angenommen, welche den Bismarckrummel vernrtheilt und gegen die Umsturzvorlage und gegen die Tabaksteuer entschieden Protest einlegt.— Gegen die Umsturzvorlage sprach Genosse Gerisch am Sonntag, den 7. April, in einer Volks- Versammlung in N e u- R u p p i n nnd am Dienstag, den 9. April, in einer Volksversammlung in Forst i. L. In beiden Ver- sammlungen gelangte«ine Protestresolution gegen die Umsturz- vorläge zur einstimmigen Annahme.— Eine imposante Versamin- luug fand vor einigen Tagen auch in Breslau statt, wo Ge- nosse Schoenlank über die Steuervorlagcn und den Kanitz'schen Antrag referirte.— In B i e l e s e l d-. spricht heute, Freitag, in einer Protestversammlung der Genosse Auer über die Umsturz- vorläge. '.. Das Leipziger Maifestkomitee wendete sich, nachdem der Stadtrath sein Ersuchen um Ueberrnssung eines geeigneten Platzes zur Sammlung der Demonstranten am diesjährigen 1. Mai ab- gelehnt hat, mit demselben Gesuch an die Stadtverordneten-Ber- sammluug.— Ob es hier mehr Glück haben wird? Das Gesuch der Würzburger Genossen, das Gemeinde- kollegium möge 500 M. als Beitrag zur Maiseier bewilligen, ist abgelehnt.— Natürlich � Der GesetzgebnngS-AnSschust der hessischen Kammer lehnte den Antrag der sozialistischen Abgeordneten auf freie Ausübung der Jagd ab. Der Kampf der Militärvcreiue gegen die Konsumvereine wird in Sachsen lustig fortgesetzt trotz der Schlappen, welche »rstere dabei schon davongetragen.'Am Montag beschloß der MUltarverem zu Hohndorf, alle dieZenige» Mitglieder binnen v, er Wochen auszuschließen, welche in dieser Frist nicht aus dem Produklenvertheilungs-Verein daselbst austreten. Auch mit diesem Beschluß werden die Herren nicht viel Glück haben und jeden- falls nur Mitglieder verliere», denn alle fügen sich nicht. Eine Art Probewahl werden die Arbeiter des III. Wiener Bezirks am Tage der Reichsraths-Nachwahl(7. Mai) vornehmen. Die Sozialdemokraten haben den Genosse» N e u m a n n als Kan- didaten aufgestellt. Da aber in Oesterreich eine große Menge von dem Wahlrecht ausgeschlossen ist, so wollen diese ihre Stimmen durch eine inoffiziell vorzunehmende Wahl sammeln, um zu sehen, wieviel sich dann auf den sozialdemokratischen Kandidaten ver- eimgen würden. »« » Polizeiliches, Gerichtliches:c. Die vom Rintelner Schöffengericht über das bekannte tluglatt:„Mutter, was läuft der Gendarm so" verhängte eschlagnahme ist vom Landgericht Hannover wieder auf- gehoben. Das so viele Male konfiszirte Flugblatt ist also zum so und so vielten Male wieder frei. — Eine Maurerversammlung in Schwerin wurde auf- gelöst, nachdem der Maurer Lorenz aus Hamburg etwa eine halbe Stunde über die„Nothwendigkeit der Gewerkschasls- Organisation" gesprochen hatte. Die Auflösung erfolgte bei der Aenßerung des Redners:„Den Arbeitern sei zwar gesetzlich ge- stattet, zwecks Erlangung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen sich zu vereinigen, aber der hierauf bezügliche Z 152 der Geiverbe- Ordnung sei in der Praxis sehr durchlöchert; dies beweise schon die jedesmalige polizeiliche Ueberwachuug der Gewerkschafts- Versammlungen." Besser als durch dieses Vorgehen des Herrn Stadtwachtmeisters konnte allerdings die Wahrheit obiger Worte nicht bestätigt werden! Hoffentlich werden die Schweriner Maurer vor den Unannehmlichkeiten des Beschwerdewegs nicht zurückschrecken. � Eine andere Maurerversammlung in der Genosse Groth als Referent sprechen sollte, wurde Polizei- lieh verboten, und zwar mit der Begründung, es dürften in der Fastenzeit keine geräuschvollen Zusammenkünfte stattfinden. Es wäre sehr wünschenswerlh gewesen, die Polizei hätte mitgetheilt, woher sie die Wissenschaft habe, daß jene Ver- sammlung„geräuschvoll" werden würde; denn bisher sind Zu- sammenkünfte der Arbeiter auch in Schwerin noch immer sehr ruhig und ordnungsgemäß verlausen! Dahingegen kann die Mecklenburger„Volks- Zeitung" mittheilen, daß der„große Bismarckrummel" trotz der Fastenzeit stattfinden konnte, und einer Singspiel-Gesellschaft, welche an demselben Sonnabend Abend in einem anderen Lokale ihre Produktionen vom Stapel ließ, war sogar noch die Erlaubniß ertheilt worden, über die Polizeistunde hinaus ihre Aufführungen, die doch jedenfalls nicht ohne„Geräusch" verliefen, auszudehnen. In der That ein paar nette Belege zu nnserm vielgerühmten „gleichen Recht für alle". — Die Genossen H e i ß n e r und Raab in Eschwege standen am S. d. M. vor dem dortigen Schöffengericht unter Anklage, dadurch die Sonntagsruhe gestört zu haben, daß sie bei der hier stattgefundenen Nachwahl zum Reichstage, an einem Sonntag, während der Kirche, Flugblätter verbreitet hätten. Da die Angeklagten die ihnen zur Last gelegte Handlung be- gangen zu haben bestreiten, und auch hierfür keine Zeugen vor- gebracht werden konnten, so erfolgte deren— Freisprechung? O, nein, fie wurden, da sie zugegeben hatte» die Verbeitung nach der Kirchzeit vorgenommen zu habe», auf grund der 5iur« hessischen Sabbathordn un g vom Jahre 1801 zu 10 M. event. 2 Tagen Hast verurtheilt. Unsere Genossen werden gegen dieses Urtheil Berufung einlegen. — Das Verfahren gegen Genossen Dietrich- Stutt- gart, der gelegentlich der letzten Landtagswahl in einer Wahl- Versammlung in Söflingen gegen Z 114(Bedrohung einer Behörde) und gegen ß 130(Aufreizung) verstoßen haben sollte, ist auf Antrag des Staatsanwalts eingestellt worden. — Unser Genosse Eduard Schmid, so schreibt die „Münch. Post", hat am Dienstag Nachmittag um 3 Uhr ohne jegliches Herzweh das Haus in Siadelheim verlaffen, in dem er auf Geheiß der bayerischen Jnstitia während dreier Monate ein unfreiwilliger Gast war. Drei Monate lang bayerische Gefäug- nißkost iind als Dessert dazu Lektüre der„Neuesten Nachr." bringt der stärksten Konstitution Schade» und so sieht unser Freund auch ziemlich angegriffen aus. Indessen er hat weder den Humor noch die Energie verloren und nach einigen Tagen der Erholung wird er seine Stelle in der Redaktion wieder einnehmen, um wie vorher seinen Mann im Kampfe für unsere Sache zu stellen. Soziale ZUeUeestrQk. Zn dem Arbeitsamt in Miinchc» nahm eine gut besuchte Arbeiterversammlung Stellung. Nach langer Debatte für und wider die Betheiligung an demselben fand nachstehende Resolution Annahme:„Die heutige Versammlung erklärt, in anbetracht der Verhältnisse und unter Aufrechterhaltung der aufgestellten Grund- sätze für das Arbeilsamt ihre Bereitwilligkeit, vorläufig mit dem von den städtischen Behörden aufgestellten Statut zu arbeiten, erwartet von den Gewerbegerichts-Beisitzern der Arbeitnehmer die Vornahme der Wahl zu der betr. Kommission und behält sich jede weitere Stellungnahme vor." Gewerbegericht in Güstrow. Der Magistrat zu Güstrow hatte das Gesuch der organisirten Arbeiterschaft um Errichtung eines Gewcrbegerichts abgelehnt. Vergangene Woche fand in Güstrow eine Versammlung der Arbeiter statt, die von neuem diese Forderung ausstellte. Nach einem Referat des Genossen Groth kam eine Petition zur Verlesung, die an den Magistrat abgesandt werden soll; die Versammelten ver- pflichteten sich, fleißig Unterschriften für die Petition zn sammeln. Sonntagsruhe für die Angestellten im Gastwirths- gtwerbe. Eine Versammlung des Verbandes deutscher Gast- wirthe und des sächsischen Gastgewerbes, welche am 10. d. M. in Leipzig abgehalten wurde, erklärte die Einführung der Sonntagsruhe im Gastgewerbe für undurchführbar, die gesctz- liche Regelung der Arbeitszeit der Angestellten dagegen für durch- führbar. Eine interessante Lektüre, namentlich für die Bergleute. dürfte der Geschäftsbericht der Arenberg'schen Aktiengesellschaft für Bergbau und Hüttenbetrieb pro 1894 sei». Unser Dort- m u n d e r Parteiblatt entnimnit ihm folgende Stellen:„Von unserer Belegschaft wurden im Mittel arbeilstäglich 3938 Schichten verfahren gegen 3800 im Vorjahre, und entfielen auf de» ein- zelnen Arbeiter pro Jahr 299 Schichten gegen 305 pro 1893. Der durchschnittliche Jahresarbeitsverdienst stellte sich auf 1007,80 M., ist somit um 1,2 pCt. gesunken, während der erzielte Durchschnitts-Schichtlohn um rund 1 pCt. stieg, was dem um 0,75 pCt. erhöhten Effekte �zuzuschreiben ist." Der Geschäfts- bericht straft also hier die Fabel der Zechenverwaltungen, daß die Arbeitslust und Arbeitsleistung der Bergleute_ sich verringert hätten, entschieden Lügen. Jedenfalls dürste eine Besserung der Abbau» Verhältnisse oder sonstige günstige Momente den Ertrag der Arbeit gesteigert haben, ebenso, wie Verschlechterung dieser Jaktoren das Fallen des Arbeitsvertrages bedingt. Der Bericht fährt fort:„Unsere Selbstlosten weisen eine Erhöhung von 1,732 pEt. ans. Der Durchschnittserlös für Kohlen stieg um 2.4 pCt., während der- jenige für Koks eine Einbuße von 1,07 pCt. erlitt. Der Kohlen- selbstverbrauch stellte sich um 0 pCt. geringer." Also Steigerung der Kohlenpreise, während der Jahreslohn der Bergleute gefallen ist. Der Geschäftsbericht führt dann eine Reihe sehr umfang- reicher Neuanlagen und Ausbesserungen auf und schägt zum Verantwortlicher Redakteur: I. Dierl( Schlüsse vor, nachdem große Summen für Abschreibungen, Ne- servefonds, Verwaltungsrathstantiemen u. s. w. abgezogen sind, pro Aktie eine Dividende von 525 M. zu vertheilen. Ter Aktiv- när, der also im Jahre nichts weiter zu thun hat, als einmal einen Koupon abzuschneiden,„verdient" die Hälfte des Lohnes, den der Bergmann im Jahre für tägliche, angestrengte, lebens- gefährliche Arbeit erhält. Das nennt man dann„Ordnung". Eine Arbeitslosen-Statistik, veranlaßt durch die ungeheure Arbeitslosigkeit, welche sich zum theil schon im Sommer bemerkbar gemacht hatte, hatten die Bremer Malergehilfen im November v. I. aufgenommen. Tieselbe hat ein geradezu� grauenhaftes Bild bqr Arbeitsverhältnisse im fraglichen Gewerbe entrollt. Im Anschluß hieran wurde nun von den Malergehilfen im März d.J. dieselbe Ausnahme fortgesetzt, und zwar für die Monate Dezember, Januar und Februar. Diese letztere Aufnahme läßt das vor- Handeue Arbeiterelend im Malergewerbe in einem noch grelleren Lichte erscheinen. Als Grundlage hatte man, wie im Dezember, 450 Fragebogen ausgegeben, wovon 326 wieder eingingen. Es waren 165 verheiralhete Kollegen mit 398 Kindern. Durch- gearbeitet hatten 86 Kollegen(bei denselben hatte man Kranken- tage nicht als arbeitslose gerechnet), 80 Kollegen hatten i» diesen drei Monaten überhaupt keine Arbeit; 27 davon waren sogar im März noch ohne Beschäftigung. Die Ärbeitslosenlage betragen im ganzen II 667 und waren auf drei Monate ziemlich gleichmäßig vertheilt, sodaß auf die 240 Kollegen, welche gefeiert hatten, im Durchschnitt während der drei Monate 43 Tage der Arbeitslosig- keit kommen. Außerdem sind noch 841 Krankenlage zu verzeichnen, welche auf 36 Kollegen sich vertheilen. Jetzt, wo die Saison be- gönnen hat, heißt es nun verdienen, um die eingegangenen Ver- pflichtungen ersüllen zu können. Fordern aber die Arbeiter einen angemessenen Lohn, um einigermaßen entschädigt zu sein für die lange Arbeitslosigkeit, dann wird das alte Lied angestimmt von der„Begehrlichkeit der Arbeiter". Die Unternehmer aber fahren fort, auf Kosten der Arbeiter sich die schmutzigste Kon- kurrcnz zu machen. So wird ini Anschluß an obigen Bericht mitgetheilt, wie die Bremer Arbeitgeber bei der Vergebung städtischer Arbeiten sich in ihren Forderungen unterbieten. Beispielsweise betrug die Differenz bei der Ausschreibung der Malerarbeiten im Gerichtshause 10 000 M. Neuerdings bei der Vergebung des Anstrichs der Thüren und Fenster war die höchste Forderung 9500 M., die niedrigste 3500 M.; bei der Stadtbibliolhek die höchste 8250 M. bis herunter zu 2491 M. Es wird für alle diese Arbeiten seitens der Behörden im Vor- anschlag Geld genug angesetzt, wenn indeß die Herren Maler- meister solche Arbeiten zu Preisen annehmen, welche es von vornherein ausgeschlossen erscheinen lassen, anständige Löhne zahlen zu können, so haben die Gehilfen wahrhaftig keine Ver- anlassung, solches Pfuschsystem zu unterstützen, sondern sind ver- pflichtet, sich selbst und ihren Kollegen gegenüber, bei einem Meister in Arbeit zu treten, welcher Löhne'zahlt, die mit den bestehenden Verhältnissen in Einklang zu bringen sind. Leider giebt es immer noch Arbeiter, welche sich, durch die Roth gezwungen, zu solchem billigen Arbeiten herbeilassen. Ge uro vksicki ktfUtdiev. Korbmacher! Die Lohndifferenz in der Werkstatt von Schügener, Landwehrstr. 5—6, ist wieder beigelegt und zahlt derselbe wieder wie vorher für Rückenkiepen den Preis von 1 Mark. Die Kollegen ersehen hieraus wieder, daß die Löhne nur hochgehalten iverden können, wenn Einmüthigkeit herrscht und die Organisation hinter ihnen sieht. Achtung! Schrauben- Fa?ondreher»»d Berufs- genossen! Die Morgensprache findet vom Sonntag, den 14. April an im Restaurant Schmidt, Wrangelstr. 141, alle 14 Tag« statt, und werden dort die Vcrbandsbeiträge entgegen- genommen. Gleichzeitig werden diejenigen Vertrauensmänner, welche noch keine Maimarken haben, ersucht, solche bei dem Unterzeichneten in Empfang zu nehme». Ter Vertrauensmann. W. Rothe, Lausitzerstr. 16, 3 Treppen. Tie Lohnbewegung der Wilheluishavener Schneider ist insoweit erfolgreich gewesen, als die meisten und hauptsächlich in betracht kommenden' Geschäfte die Forderungen der Arbeiter bewilligt haben. Ueber einige kleinere Geschäfte wurde die Sperre verhängt und werden die Kollegen ersucht, den Zuzug nach Wilhelmshaven und Umgegend vorläufig noch fernzuhalten. Die Zimmerleute werden ersucht, den Zuzug nach München fernzuhalten. Aufruf au die Steinmetzen! Budapest, 6. April. 5iollegcn und Genossen! Seit dem 2. März sind wir ausgesperrt, weil wir die vorgelegte Zuchthausordnung nicht unterschrieben haben. Fünf Wochen sind es, daß 360 Steinmetzen sammt Frauen und Kinder(ca. 1200 Personen) am Hungertuche nagen. Die Aus- beutcr scheue» keine Mittel und Wege, um die Provinz-Unter- nehmer gegen uns zu hetzen. Dadurch ist es uns erschwert, über- Haupt irgendwo Arbeil zn bekommen. Die Budapester Steinmetz- meister haben mit diesem Gewaltslreich, den sie aus purer Geld- gier gegen uns ausgeführt haben, bewiesen, daß ihnen jedes menschliche Gefühl fremd ist. Durch ausländische Arbeiter wollen sie uns verdrängen. Bödmen und Italiener sollen jetzt durch allerlei Lügen und Vorspiegelungen herbeigezogen werden, um ihnen als billige Ausbeutungsobjekte zn dienen. Bisher sind ihnen nur wenige auf den Leim gegangen. Ihr Plan, die Kollegen auszuhungern und dadurch mürbe zu machen, wird ihnen nicht gelingen. Achtzig Kollegen haben bereits die Hauptstadt verlassen. Der erbittertste Kampf wird erst jetzt be- ginnen. Unsere Kollegen werden die Arbeit nicht eher auf- nehmen, bis sie den Achtstundentag, 2 fl. 50 kr. Minimallohn und die Anerkennung der Fachorganisalion erreichen. Einige Wochen müssen wir noch ausharren, und der Sieg ist sicher. Kollegen! Unterstützt uns in diesem schweren Kanipfe, schützt uns vor dem Elend, haltet den Zuzug nach Budapest fern, damit wir gegen die Parasiten als Sieger hervorgehen. Mit kollegialem Gruße: Das Komitee. Unterstützungen sind zn senden: An die Redaktion des„Steinmetz", Budapest, Kemnitzergasse Nr. 6. Ueber den Spinnerstreit in Nennkirche»(Oesterreich) brachte die Wiener„Arbeiter-Zeitung" vor einigen Tagen einen Bericht, in dem besonders betont wurde, daß dieser Streik mehr denn ein anderer Beachtung verdiene. Und zwar wurde hervorgehoben die große Sympathie, fast Begeisterung, mit der die Bauern der ganzen Umgegend für den Streik eintreten; halten doch in mehreren Versammlungen die Bauern unverhohlen ihrer sozialistischen Gesinnung Ausdruck gegeben. Tie bürger- lichen Blätter suchten die Sache und namentlich das Ver- halten der Bauern natürlich wesentlich abzuschwächen, denn das durchkreuzt selbstverständlich ihre Behauptungen vom „anlikollektivistischen Bauernschädel". Als Antwort auf die Aeußerungen der bürgerlichen Presse bringt nun die Wiener „Arb.-Ztg." einen Originalbericht aus N e u n k i r ch e u, dem mir folgende interessanten Stellen entnehmen: Die Sympathie mit den Streikenden erfüllt bereits die lveitesten Kreise. Es ist eine Unwahrheit, wenn in den Wiener Blättern behauptet wird, daß die Arbeiter der Rohrbacher Spinn- sabril sich aus der benachbarten Bauernschaft rclrutiren; es ist in der Rohrbacher Spinufabrik kein einziger Arbeiter und leine einzige Arbeiterin beschäftigt, die auch nur in entferntester Be- ziehung zn irgend einer Bauernfamilie von hier stünde. Und trotzdem ist es in erster Linie die Bauernschaft, welche die Streiken- den aufs lhatkräftigste unterstützt. Selbst die Bürgermeister der angrenzenden Bauerngemeinden berufen Versaniinlungen ein, und es vergeht kein Tag, wo nicht eine oder mehrere solcher Versammlungen stattfinde». Genosse Dr. Berstel reserirte Sonn- abend in zwei Versammlungen zu Günselsdorf, Sonntag in mnl Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug i Pottendorf, Montag in Wartmaunstetten, Dienstag in Neun» kirchen und Natschbach. Alle diese Versammlungen waren Massen» Haft besucht, und gaben die anwesenden Bauern mit derben Worten ihrem Unwillen über die bestehenden Verhältnisse Aus- druck. Ueberall wurde die Solidarität mit den Streikenden ausgesprochen und Entrüstung über die Haltung der Unternehmer geäußert. Was wir vor einigen Tagen in Aussicht gestellt, ist bereits eingetreten: Der ganze Neunkirchner Be- zirk ist ein einziges und großes Proviant» lager für die Streikenden. An ein Nachgeben der Streikenden ist absolut nicht zu denken. Es ist kein einziger Streikbrecher zu verzeichnen. Die Pottendorfer Aktiengesellschaft ist gerade jetzt daran, ihre neu aufgebaute große Fabrik in Potlendorf in Betrieb zu setzen und sucht über 500 Arbeiter. Nachdem nun über diese Fabrik die Sperre verhängt und die strikte Durchführung der Sperre erprobten Kräften anvertraut ist, werden die Herren von Poltendors entweder nachgeben oder auf ihre Dividenden verzichten müssen. Die Arbeiter der erste» ungarischen Nähmaschinen- »nd Fahrräder-Fabrik, 150 an der Zahl, sind am 8. d. M. in den Streik eingetreten. Tie Ursache bildete eine brutale Strafe, welche die Direktion 4 Hilfsarbeitern auferlegen wollte. Da sich derlei Fälle, sowie horrende Lohnabzüge in erschreckender Weise mehrten, griffen die Arbeiter zu dem letzten Mittel, den Streik. Wird der Anzug ferngehalten und eine Unterstützung der Strei- kenden ermöglicht, so werden die Arbeiter mit ihren Forderungen durchdringen.— Das Lohnkomilee ersucht arbeiterfreundliche Blätter uni Nachdruck. Sitz des Lohnkomitee's: Köris- utza 10. Polaretzki Gasthaus. VIII. Bezirk Josephstadt. Budapest. Polizei»nd Arbeiter in Oesterreich. In Rudolfsheim bei Wien befinden sich, wie bereits mitgetheilt, mehrere hundert Drechsler im Streik. Dem Unternehmer war es gelungen, einige Streikbrecher zu bekommen. Die Ausständigen wollten gegen diese in friedlicher Weise demonstriren, indem sie, gegen 200 an der Zahl, vor die Fabrik zogen und einige ihrer Kameraden hineinsandten, um die Streikbrecher zur Niederlegung der Arbeit zu bewegen. Dadurch kam es zu einein Streit, der sich bis ans die Straße fortpflanzte. Mittlerweile aber hatte der Meister Köck Polizei verständigt, und diese erschien wie immer, wenn es gegen Arbeiter einzuschreiten gilt, pünktlich am Platze. Mit ge- zückten» Säbel, so berichtet die Wiener„Arbeiter Ztg." stünnten die Wachleute„ihrer Instruktion folgend" in den Trupp Arbeiter und hieben auf diese ein. Speziell ein Wachmann that sich ganz besonders hervor. Einige Arbeiter entivanden ihm seinen Säbel, zerbrachen ihn und entwaffneten so den schlagfertigen Polizisten. Einige Zivilinachleute liefen mit dem Revolver herum und nahmen auch Verhaftungen vor. Es»vurden zwei Arbeiter ver« haftet.— Nachdem die Säbelargumente gesprochen, war„die Ruhe" wieder hergestellt. Tie Lohnbewegung der Maurer Basels ist bereits von einigem Erfolg'begleitet worden. Eine Anzahl Ba»lherren haben,»vie der Baseler„Vorwärts" mittheilt, den geforderten Minimalloh» von 5 Franken täglich beivilligt. Tic Buchdrnckergehilfen von Basel stellen die Forderung, den 9 stündigen Arbeitstag einzuführen. Eine aus drei Gehilfen und drei Prinzipalen zusammengesetzte Kominission ist beauftragt. die Verhandlungen zu fuhren. Mit der Neuerung»vird auch die SIbschafsung des Bercchnens in Aussicht genomnien, und ivenn diese letztere Forderung nicht gutgeheißen»vürde, so soll für den berechnenden Setzer ein Zuschlag von 5 pCt. zum bisherigen Tarif gefordert»Verden. Ter Kohlcnarbciter-Ttreik im Lüttichcr Revier ist nun vollständig beendet. Am Montag Morgen sind alle Schichten vollzählig angefahren, nachdem am Sonntag in niehreren Meetings demgeuiäß beschloffen»vorden»var. Die Stellung des Nnterstütmngsvereins deutscher Tabakarbeiter zur Generalkoininilsion»vird durch folgende Mittheilung bekundet, die der Vorstand in Nr. 13 bes„Gelverkschaster" ergehen läßt:„Die jetzt bestehende beschränkte Form der Generalkonimission der Geiverkschaften Teutschlands, soivie deren Stellungnahme und Handlungsweise letzterer Zeit veranlaßte uus, die Zahlung der Beiträge an die Eeneralkommission einzustellen. Für den Ausschuß: H. Meister, Hannover. Für den Vorstand: I. H. Junge, Breinen. Hierzu bemerkt die Generalkommission: Aus dieser Bekanutinachung sind die Gründe für diesen Beschluß des Ausschusses»»»d Vorsiandes nicht ersichtlich. Die Generalvcrsanimlung des Uuterstützungsvereins deutscher Tabak- arbeiler, die vom 2. bis 6. Juli 1894 in Nordhausen tagte, be- schloß, die Beiträge an die Generalkoninnssio»»veiter zu be- zahlen. Ob dem Vorstände und Ausschüsse das Recht znsteht, diesen Beschluß einfach aufzuheben,»rollen»vir»licht untersuchen. Jedoch halten»vir»»»»s für verpflichtet, daraiif hinzuiveise*. daß gerade diese Organisation an»»venigsten Ursache hätte, die Beitragszahlung an die Generalkommissio» einzustellen. Es sind den Tabakarbcilern»vährend des Hainburger Ausschlusses seitens der Generalkoinmission 103 041 M. überwiesen worden. Un» dies möglich mache»» zn könne»,»var die Generalkoinmission genöthigt, ein Darlehn von 106 95» M. aufzunehmen, von dem noch heute ein Restbetrag von 20 220 M. zu bezahlen ist. Diese Schulden- last hat die Stellung der Generalkon,»nission äußerst schwierig gestaltet und sie gehindert, so thätig zu sein,»vie dies unter an- deren Verhältnissen möglich gewesen wäre. Der Vorsitzende des Unterstützungsvereins, Genoste Junge, erklärte bei den derzeitigen Verhandlungen über die Darlchnsaufnahine, daß die Tabak- arbeiler diesen ihnen geleisteten Dienst nicht vergessen nnd für entsprechende Gegenleistung stets sorgen»vürden. Es sind von dem Untcrstühimgsverein seit Bestehen der Generalkonnnifsion an Qnartalsbeilrägen 4303,50 M.»lud zur Deckung des Defizits 1739,50 M. gezahlt»vorden. Seit dein dritten Quartal 1393 sind überhaupt keine Quartalsbeiträge von den» Verein bezahlt. Es hätte also eines formalen Beschlusses»»icht bedilrft, um die Erkenntlichkeit für geleistete Dienste zu dokumenliren. Detrelrhen. Wolfs'S Tclegrapheu-Burea». Wien, 11. Slpril. Wie verschiedene Morgenblätter aus Budapest melden, durchzog eine Gruppe junger Leute die Stadt »»»ter Hochrllfen auf den Journalisten Szeles, welcher des Alt- schlagS auf daS Hentzi-Denkmal beschuldigt»vird, und dessen Rechtsfreund Tacats. Tie Polizei zerstreute die Deinonftranten. Fünf Personen wurden verhaftet. Ainsterdam, 11. April. Etiva 50 eiserne Träger des Haupt- gebäudes auf dem Ansstcllungsplatze stürzten zusainmen. Dabei »vurden drei Arbeiter schwer verletzt. Man argivohnt, daß der Unfall bösivillig herbeigeführt ist. Shanghai, II. April. Ein großer Unglücksfall hat sich gestern in den Woosung-Forts ereignet,»velche die Mündung des Woosung-Fluffes und den Flußlauf bis nach Shanghai be- herrschen. Die Garnison»var gegen Mittag niit Scheiben- schießen beschäftigt, als eine 40 Tonnen-Arnistrongkancne platzte und ein kleines� Pulvermagazin in Brand setzte. Ungefähr 50 chinesische Ossiziere und Soldate»»»v»irde>» getödtet oder ver« »vundet. sDcveschen-Rurean Herold.) Paris, II. April. Die Kammer nahm das Gesetz, betr. die Altersversicherung der Arbeiter an. Belgrad, 11. April. Das ganze hiesige Judenviertel ist überschlveiiiint. Die neue Synagoge steht unter Wasser. Die Save und die Moraiva überflutheten»veiter Länderstrecken nnd venirsachten kolossalen Schaden. Da die Bahngeleise und Ver- kehrswege überschwemmt, die Brücken zerstört sind, ist die Kon»« munikation im ganzen Lande unterbrochen. > Berlin SW., Beuthstraße 2. Hierzu zwei Beilagen. 1. Beilage zum„Vorwärts" Berliner Volksblatt. Nr. 87. Freitag, de» II. April 1893. II. Jahrg. Lokales. Der heilige Charfreitag wird von den Frommen in der Christenheit zum Andenken des Mannes begangen, der vor achtzehnhundert und mehreren Jahren von den damaligen Kämpfern für Ordnung, Religion und Sitte als Aufwiegler Volksverhetzer, Umstürzler und sonst noch was an das Kreuz geschlagen wurde.„Diesen finden wir, daß er das Volk abwendet und verbietet, den Schoß(Abgabe) dem Kaiser zu geben."„Er hat Gott g e l ä st e r t, was bedürfen wir weiter Zeugniß."„Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz soll er sterben." Und was hatte der Mann gelhan? Man höre seine Vertheidigung: Ich habe frei öffentlich geredet vor der Welt... und habe nichts im V e r borgenen geredet.... habe ich übel geredet, so beweise es! Ja. daran haperte es. Gegenüber solcher Vertheidigung gab es von je für die Männer der Ordnung nur eine Antwort: die Unschädlich machung. Und der Mann, der nichts gethan hatte, als„frei öffentlich geredet", er wurde ganz konsequent an das Kreuz ge- schlage», damit er büße zur Warnung für alle, die sich freventlich vermeffen, die Lehre des Umsturzes weiter in der Welt der Orb nung. Religion und Sitte zu verbreite». Einen Vergleich mit den Verhältnissen der Gegenwart wollen wir unterlassen. Dies ziemte uns auch schlecht. Wir sind keine frommen Christen und fühlen uns ganz frei von christlicher D e m u t h, die klagelos tragen heißt die Unbill der Welt. Die Männer und Frauen, die den neuen Umsturz predigen sind K a m p f n a t u r e n, die durchaus keine Lust am stillen Leiden finden. Sie pariren Schlag au Schlag, weil sie wissen, daß der Allbezwinger Geist Reisige, Rosse und Thiere»och niedrigeren Kalibers noch einmal so schnell zum Hasenpanier bringt, wenn er es vorzieht agressiv z» sein, statt unwürdig in stiller Demuth zu verharren. Und wie unsere muthigen Mitstreiter und Mitftreiterinnen in jeder freien und unfreien Stunde ihre ganze Kraft und Umsicht anwenden, damit das heilige Licht des Umsturzes weiter die Welt erleuchte, so werden sie auch am heutigen Charfreitag ganz gewiß nicht müssig sein Wisse» sie doch das Eine: Alle modernen Peinigungen, möge» sie Sozialistengesetz Kampf für Ordnung, Religion und Sitte oder Umsturz Paragraphen genannt werden, können daran nichts ändern. daß der moderne Weltbezwinger Sozialismus das alte Unrecht stürzt und neue, bessere Tage über die leidende Menschheit bringt! Vom Dombau. Am Zehnmillionendom ist am Tonnerstag Morgen wiederum ein Arbeiter verunglückt. Der Bauarbeiter Enderwitz aus Charlottenburg hatte mit Steinmetzen beim Stein versetzen zu helfen. Hierbei verlor er beim Ueberschreiten eines eisernen Trägers das Gleichgewicht und siel 7 Meter tief in den Raum hinab. Er wurde schwer am Kopf verletzt und in ein Krankenhaus bc- fördert. Die Arbeiter am Dom sind der Ansicht, daß dieser und jener von den vielen in letzter Zeit vorgekommenen Unglücksfällen sich sehr wohl hätte vermeiden lassen, wenn die Bauleitung für bessere Schutzvorrichtungen an dem Gerüst ic. sorgen würde. Sollten von den zehn Millionen, die an dem für die Be dürfnisse des arbeitenden Volkes wahrlich höchst überflüssigen Bau aufgebraucht werden, nicht soviel Mark übrig bleiben, als nothwendig sind, um den größtmöglichsten Schutz für die Arbeiter zu schaffen? Oder läßt die Profitsucht dies auch an dem zur höheren Ehre des Christengottes errichteten Bau nicht zu? Uns dünkt, es ist wahrlich schon beschämend genug, daß an diesem Denkmal der modernen Ordnung, Religio» und Sitte Löhne gezahlt werden, die mir zu den niedrigsten gehören, die ein Berliner Unternehmer überhaupt seinen Arbeitern zu bieten wagt. Es muß wohl so sein, es ge- hört wohl zur Raison der Unternehmer frömmsten Kalibers, daß den Zimmerleuten z. B. für eine Arbeit, die au Gefährlichkeit so leicht nicht ihresgleichen hat, nicht mehr als SV Pf. gezahlt werden, und daß die Bauarbeiter gar noch weniger erhalten? Ucber einen frommen Brauch, für den unsere Leser schon den richtigen Nanien finden werden, beklagen sich ferner noch die Arbeiter am Dombau. Es ist nichts seltenes, daß Morgens schon einige Minuten vor sechs Uhr z»n> Beginnen der Arbeit ge pfiffen wird und daß am Ende des Tagewerks das Zeichen zum Feierabend erst zehn Minuten nach sechs Uhr ertönt. Der Leser hat heute, am Charfreitag vielleicht etnmal Zeit, nachzurechnen, wie groß der Profit ist, der durch diese einigen, hundert Arbeitern gegenüber geüble Unpünkllichkeit den gewiß ahnungslosen Unter nehnier» in den Schooß fällt. Zum besten der ausgesperrten Vöttcher, die immer noch in der Zahl von etwa 60 Opfern auf der Straße liegen, findet am nächsten Montag, dem zweiten Ostertage, mittags 12 Uhr, im Elysinm, Landsberger Allee 40, ein vom Gesangverein „Steineiche" arrangirtes Konzert statt. Das vortreffliche Programm, sowie der gute Zweck werden den Parteigenossen gewiß zu einem zahlreichen Besuch Veranlassung geben. Der Preis für eine Karte beträgt nur 25 Pf. Tic K öllcrci. Die lieben alten Wohlbekannten vom Alexander- platz waren am Mittwoch sehr früh auf den Beinen. Morgens um 5 Uhr statteten sie dem Bevollmächtigten der 2. Filiale des Veicins deutscher Schuhmacher, Friedrich W c b e r, Große Frank- surterslraße 6S, drei Mann hoch einen Besuch ab. Eine sehr gründlich vorgenommene Haussuchung führte zur Konfiskation folgender staatsgefährlicher Schriften: Heft I bis 26 einer Aus- gäbe der deutschen Reichsgesetze, ein sozialdemokratisches Lieder- buch, zwei rothe Märznummern, eine Broschüre, in der sich eine bürgerliche Beleuckitung der Anarchisten findet, ein Protokoll vom internationalen Schuhmacherkongreß, sowie verschiedene Nummern des h-j-j-„Wahren Jakob" und des-j-s-ff„Süddeutschen Postillons". Nachdem diese höchstverdächrigen Beweismittel fein säuberlich ein- gepackt waren, nahmen die Beanile» sowohl das Packet als wie auch de» Eigenthünier desselben mit nach dem Alexanderplatz. Tort mußte der gemeingefährliche Mann bis nachmitiags L Uhr bleiben. Dann wurde er photographirl und gemessen und hierauf, nachdem seine Aussage protokollarisch niedergelegt war, endlich entlassen.�— J» der hiesigen Schlafstelle unseres Partei- genossen W. Küneke aus Oderberg wurden am Sonnabend 49 Exemplars der rothen Märznummer konfiszirt. Als unser Parteigenosse am 8. d. M. in dieser Angelegenheit polizeilich vernommen wurde, erfuhr er, daß sich die Haussuchung eigentlich aus die namentlich unter der Landbevölkerung weitverbreitete Flugschrift„Die Sklaverei in Deutschland"' erstrecken sollte. Küneke wurde auf dein Alexanderplatz auch nach dem Verfasser dieser Broschüre gefragt, doch war er zu seinem größten Be- dauern nicht in der Lage, den Polizeibeamlen den Namen dieses Herrn zu nennen. Der verdammte Kerl scheint sich also immer noch nicht gemeldet zu haben. TJaS soll das helfe»? In ihrem bekannten unausgesetzten Streben, den in Spandau zur Entlassung kommenden Arbeitern der M i l i t ä r w e r k st ä t t e n ein Unterkommen zu verschaffen, hat die Militärverwaltung auch die Eisenbahndienststellen anhalten lassen, sich bei Bedarf von Arbeitskräften an sie zu wenden. Man hat im Reiche des Herrn Thielen seit Jahren nur davon gehört, daß aus den bekannten Sparsamkeitsgründen Arbeits- kräfte überflüssig gemacht werden. Wir wüßten nicht, daß dies der bekannten preußischen Sozialpolitik durchaus entsprechende Streben neuerdings in ihr Gegentheil umgeschlagen wäre und bezweifeln daher sehr, daß von dorther den neuen Rekruten der industriellen Reservearmee irgend welche Hilfe wird. Ein Kunstgenuß in Vtizauz. Ein Stück unfreiwilliger Komik liegt in den Schmerzentönen, die eine Konzertbesucherin im„Verl. Börsen-Courier" anschlägt. Die Dame hat das hohe Glück gehabt, in Gegenwart des deutschen Kaisers und Königs von Preußen der vorgestrigen Aufführung des„Messias" in der Philharmonie beiwohnen zu dürfen. Dies Vergnügen nahm nach ihrer Schilderung folgenden Verlaus:„Die Zlnnehmlich- leiten des Abends begannen damit, daß ich auf der Straße vor der Philharmonie aussteigen und trotz des wenig einladenden Wetters das letzte Stück zu Fuß zurücklegen mußte, weil— -- eine kaiserliche Equipage erwartet wurde. Der Beginn des Konzerts war auf 7V2 Uhr präzis festgesetzt, eine volle halbe Stunde später erst erhob Sucher den Taklstock, weil--- eine kaiserliche Equipage erwartet wurde. Wahrend des Konzerts wurde der Dame unwohl. Sie mußte den Konzertsaal auf dem kürzesten Wege verlassen. Aber„der ganze große Saal hat nicht einen dem Publikum zur Verfügung stehenden Nothausgang!!! Meine Garderobe halte ich„Rechts" abgegeben, der Älusgang unter der Barriöre war aber„Links". Den Verbindungsdamm durfte ich wiederum nicht benutzen--- weil die kaiserliche Loge besetzt war." Vielleicht besucht die Dame bei Gelegenheit einmal zur End schädigung ein Konzert der„Freien Volksbühne". Sie ist dort vor den geschilderte» Unbequemlichkeiten auf jeden Fall gesichert; auch dürste dort dank polizeilicher Fürsorge weder ihr Leben durch Mangel an Nothausgängen, noch ihre Gesundheit durch den Zug gefährdet seien. Und wer weiß, ob sie nicht auch mit ihren Ansprüchen an die Kunst einigermaßen auf die Rechnung käme. Als Kämpfer für Ordnung, Religion und Sitte quali- sizirt sich ein Mann, der inr vorgestrigen„Lokal-Anzeiger" die folgende Annonce erlassen hat:„Junge Damen für leichte Bureau-Arbeiten(Adreffenschreiben:c.) sofort gesucht. Anfangs- gehakt 10 Mark monatlich. Nähe Bahnhos Friedrichstraße be- vorzugt. Offerten 1. 359 Filialexped. d. Bl." Der Mann scheint zu glauben, daß der Hunger der Prostitution noch nicht genug Opfer zugeführt hat. Für die bcvorstcliendcn Osterfest-Neise« machen wir darauf aufmerksam, daß die Rücksahrtskarten mit dreitägiger Giltigkeit, wie im Publikum noch immer sehr wenig bekannt ist, auch noch zur Rückfahrt am vierten Tage berechtigen, wenn sie am Tage vor dem ersten Oster-, Psingst- oder Weihnachtsfeier- tage gelöst sind, so daß bei diesen Festen die Rückreise erst am Tage nach dem zweiten Feiertage angelreten zu werden braucht. Musik soll schon oft die Wirkung des Unglücks im Menschen- herzen gelindert haben. Aus dieser Erfahrung heraus ist viel- leicht eine Notiz in Nr. 171 der„Voss. Ztg." zu verstehen, die von den U e b e r s ch w c m m u n g e n des S p r e e t h a l s handelt und folgendermaßen lautet:„Das Bild einer Ueber- schwemmung bietet sich zur ZeitZoen Besuchern des Spandauer Bocks. Das Spreethal ist überschwemmt und vor dem hoch- gelegeneu„Bock" breitet sich eine schier unabsehbare Wasserfläche aus. M i l i l ä r k o n z e r l e des Garde- Fuß- Art.- Regimenls sorgen für Unter haltun g." Das ist den arg geschädigten Landivirthc» wenigstens ein Trost im Leiden. Tie Tapezirer- Innung Verlins arrangirt neuen Vismarckrnmmel. Der Obermeister der Tapezirer-Jnnnng ver- sendet Einladungen folgenden Wortlauts:„Tapezirer-Jnnung Berlin. Hnldigungssahrt der Innungen Deutschlands nach Friedrichsruh am 17. April früh(4. Ostcrfeiertag). Den 80. Geburtstag des Fürsten Bismarck Durchlaucht durch einen Huldigungszug des deutschen Handwerks einmüthig zu seiern ist der laute Ruj im lieben deutschen Vaterland, dessen treue Söhne, wo sie auch auf dem Erdenrund weilen, diesen Tag als„National-Festtag"— mit deutscher Begeisterung aus grund- patriotischer Enipfindung mit stolzem Bewußtsein als Deutsche zu feiern. Die Herren kkollege» bittet der Vorstand,«inzustimmen und zahlreich sich zu betheiligen, wenn nur irgend möglich. Jedem einzelnen, dem ein treues deutsches Herz im Busen schlägt, ist Gelegenheit gegeben, ohne große Opfer sich anzuschließen, alles ist an einein Tage erledigt. Fahrpreis mit 50 pCt. bis Friedrichsruh und zurück und 60 Pf. für Musik ec., im ganzen also II M...... Mit Gruß der Vorstand. I. A.: H. Kreß, Obermeister." Diese Einladung verdiente schon wegen ihres klassischen Deutsch veröffentlicht zu werden. Die Berliner Tapezirer- Innung zeichnet sich durch besonders heftige Bekämpfung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen der Gehilfen aus. Die Lehrlings- ausbcutung wird von Mttgliedcrn dieser Innung derart stark betrieben, daß die Berliner Tapezirerarbeit wegen ihrer Mangel- haftigkeit über die Thore Berlins hinaus bekannt ist. Bismarck und die Innung sind einander werth. Arbeiter nach dem Herze» des Herrn v. Kölker dürsten die sein, ivelche in einem Verein Berliner Konditorgehilfen ihr Wesen treiben. Vor kurzem fand hier eine Ausstellung von Er- zeugniffen des Konditorgewerbcs statt, an der sich der genannte Verein betheiligte. Die erhoffte Anerkennung der redlichen Streber blieb aber aus; wie verlautet, hatte man mit Sicherheit auf eine Staatsmednille gerechnet. Co etwas schmerzte die Braven ganz gewaltig und der Vorsitzende richtete infolge dessen, wie in einer gestern abgehaltenen Versammlung bekannt gegeben wurde, zweimal ein Schreiben an den König von Preußen, das ohne Autwort blieb. Trotzdem hat man die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß die entsprechende Belohnung für das in gegetu wärtiger Zeit sehr bedeutsame Verhalten dieser Musterarbeitcr doch noch eintrifft. Man wartet vorläufig noch in geziemender Deniuth. Für die ne» projcktirte elektrische Bah», welche die üdlichen Vororte ringbahnarlig unter einander und niit Berlin verbinden soll, hat die Gemeindevertretung von Schöneberg, das in dem Projekt einen der wichtigsten Punkte bildet, einstimmig bereits die prinzipielle Genehmigung ertheilt, doch mit der Be- dingung, daß die Bahn nicht in Schöneberg enden, sondern wie beabsichtigt auch bestimmt nach Berlin(Groß-Görschenstraße- Steinmetzstraße— Bülowstraße) weitergeführt werde. An» Ostersountag 6 Uhr 83 Min. morgens geht der erst« diesjährige Sonderzug nach Dresden vom Anhalter Bahnhof ab. Während der Fahrpreis 3. Klasse früher aber auf KM. ermäßigt war, werden diesmal für die Beförderung 7,30 M. gefordert. Aus welchem Grund rechtfertigt sich diese Preiserhöhung? Herr Direktor Samst lheilt uns mit, daß er das auf dem Gesundbrunnen liegende Etablissement„W e i n> a n n's Volks- garte n", welches 18000 Personen faßt, übernommen hat. Am l. Osterfeiertag eröffnet Herr Samst die Saison. Der Begiun der Bauniblüth« in Werder soll wegen der bisherigen kalten Witterung kaum vor Anfang Mai zu erwarten sein. Die Verwaltung der Gewerbe-J»spektion Berlin I ist, wie der Polizeipräsident bekannt giebt, am 1. d. M. dem kom« missarischen Gewerbe-Jnspektor Donath übertragen worden. Auch ein Zeiche» der Zeit. Die Geschäfte der Armen- direktion haben sich in den letzten Jahren derartig erweitert, daß die Räumlichkeiten derselben in dem Mühlendainnt-Gebäude nicht mehr ausreichen und mehrere derartige Bureaus nach der Post- straße bereits verlegt werden mußten. Da aber die Thätigkeit der Armenkomntissione» ständig größeren Umfang annimint, so reklamirt die Armendirektion das gesammte Mühlendamm- Gebäude für sich. Der Wohlstand Deutschlands steigt bekannt- lich von Tag zu Tag, wenn auch nur unter den oberen zehn- tausend Staatsstützen.-- Straßcuspcrrung. Der Köllnische Fischmarkt von der Fischer- bis zur Breiteustraße wird behufs Asphaltiruug voin iL. d. M. ab bis aus weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt.! Der Mörder Karl Geringer, der seine Wirthin Thätmeyer am Dienstag Morgen in Weißensee erdrosselte, ist in dem be- nachbarten Köpenick gefaßt worden. Donnerstag Morgen um 6 Uhr wurde im Köpcnicker Forst nahe am Bahnhof Spinvlersfeld ein Mann, der zwei Schußwunden, eine in der rechten Schläfe, eine in der linken Brustseite aufwies, aufgefunden. Er wurde nach dem Krankenhause gebracht. Bei ihm fand man ein Krankenbuch auf den Namen eines Drechslers Eckstein vor. Da er aber einen chokoladenfarbenen Ueberzieher— denjenigen des Lackirers Dubran— trug, und die Mordthat in Weißensee bereits auch nach Köpenick gemeldet war, so forschte man näher nach dem Namen. Schließlich gestand der Verwundete dem Polizei- Inspektor Jäckel ein, daß er der Strumpfwirker Karl Geringer sei. Für sein Leben besteht keine Gefahr. Die Brust scheint nur Brandwunden zu haben; dagegen ist das in die Schläfe ab- gegebene Geschoß in der Richtung nach dem rechten Auge ein- gedrungen nnd dort stecken geblieben. Gringer ist gestern bereits vernommen worden und hat die Thal unum- wunden eingeräumt. Arn Dienstag früh um 7 Uhr will er seine Wirthiu, die beiin Bettinachen beschäftigt ge- wesen sei, mit den Händen erwürgt haben. Als Grund für die That giebt er an, daß er mit der Thätmeyer wegen rückständiger Miethe und wegen des schuldig gebliebenen Kost- geldes in Streit gerathen, dabei von Wuth befallen worden sei und in diesem Znstande die Tödtnng vollzogen habe. Dann will er den Koffer seines Kollegen Dubrau erbrochen, die daraus entweudete» Kleider angezugen und gegen 11 Uhr die Wohnung verlassen haben. Den eigenen Anzug hatte er in ein Packet zusammengepackt. Nach der That ist er zu Fuß nach Berlin gegangen, hat seinen Anzug in einer Pfandleihe der Linienstraße ans der rechten Seite vom Königsthor aus ver- pfändet, und zwar auf den Namen Eckstein, hat in der Nacht zum Mittwoch bei einem Strumpfwirkermeister in der Veteranen- straße genächligt und ist am Mittwoch Morgen nach Köpenick ge- wandert. Dort hat er sich am Abend aus Furcht vor der ihn» bevorstehende» Ergreifung die beiden Schüsse beigebracht.— Nach der Darstellung der That, die sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich hat, stellt sich das Verbrechen nicht als Mord, sondern nur als Todtschlag dar. Eiucul bedauerlichen Unfall ist dieser Tag Herr Stall- mann am Lessing-Theater zum Opfer gefallen. Als der genannte Herr dieser Tage nachts die Treppe zu seiner Wohnung empor- stieg, erhob sich plötzlich in der Dunkelheit eine Gestalt, offenbar ein Obdachloser, der ans dem Treppenabsatz genächtigt hatte. Herr St., in der Meinung, daß ein Ueberfall gegen ihn geplant sei, sprang zurück, glitt aber dabei die Treppe hinab und brach sich den Arm, während der Unbekannte das Weite suchte. Zu dem Vergiftungsversuch, den eine Krankenpsiegerin am Mittwoch Mittag, wie kurz gemeldet, mittelst einer Sublimat- lösung unternon»n«i hat, während bei ihr eine polizeiliche Haus- suchnng stattfaud, kann des näheren mitgctheilt werden, daß es sich um die 45 Jahre alte, von ihreni Warnte geschiedene Gelb- gießersrau Malhilde Schöpfer handelt, die in der Oderberger- straße 4 wohnte. Sie wird des Verbrechens gegen keimendes Leben geziehen. Sechzehn Zeui»cr verdorbenes Fleisch hat der Fleisch- beschauer Koitke auf dem Bahnhos Rtxdors in 6 großen und 4 kleinen Fässern verpackt, abgefaßt. Das Fleisch sollte hiesigen Schlachterfirmen zugeführt werden. Die kleinen Fässer trugen die Bezeichnung„Margarine" und den Vermerk„vor Wärine zu schützen". Der Beamte schöpfte bei Ankunft des Transports so- fort Verdacht und folgte dem Wagen in einer Droschke, bis es ihm gelang, den Fuhrmann beim Abladen zu ertappen. Das Fleisch wurde sosort der Abdeckerei überwiesen. Selbstmord»Iis Furcht vor dem Gcföngnist. Als ein Schutzmann des 33. Polizei-Reviers am Donnerstag früh in die Nähe des Goldsischteiches kam, fand er einen etiva 25jährigen Mann vor, der aus einer Kopfwunde blutete. Der Mann hatte sich einen Revolverschnß in die rechte Schläfe beigebracht, war aber noch am Leben. Er wurde beivnßllos nach einem Kranken- Hause gebracht. Aus den bei ihm gefundene» Papieren ist er- sichtlich, daß er Kratz heißt und zu einer Gefängnißstrase von vier Wochen verurtheilt worden ist, sich aber unschuldig fühlt. Da er im Gefängnisse nicht dieselbe Luft mit Verbrechern athmen wollte, habe er vorgezogen, in den Tod zu gehen. Er scheint aus seiner Hcimalh bei Bromberg nach Berlin gereist zu sein, um hier den Selbstmord auszuführen. Einen Sclbstmordversnch hat ein im Mäntelgeschäft von Lau in der Unterwasserstraße angestellter Hausdiener am Donnerstag, morgens 8 Uhr, begangen, indem er sich von der Schleusenbrücke am Mühlendamm in die Spree stürzte. Der Lebensmüde wurde mit großer Mühe gerettet. In einem Znstaiide von GeisteSstönliig ist am Douuerstag Morgen 7 Uhr die 33 Jahre alle Schneiderin Bertha Hagerinann aus ihrer im dritten Stock des Hauses Lothringer- straße 32 belegenen Wohnung gesprungen. Sie wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Wegen eines an einein siebeitjährigen Mädchen begangenen Sitte it Verbrechens ist dieser Tage der Verwalter Anton in seiner Wohnung Siemensftr. 4 verhaftet worden. AnS unbeknunteu Gründen ist am Mittwoch Abend gegen 63/4 Uhr der 43 Jahre alte Schneider August Labentz, der Spreestraße 6 wohnte, an der Friedrichsgrachl in den Schleuse» tanal gesprungen und ertrunken. Polizeibericht. Am 10. d. M. vormittags versuchte sich eine Frau in ihrer Wohnung in der Oderbergerstraße zu ver- giften. Sie wurde noch lebend nach der Charitee gebracht.— In der Frankfurter Allee wurde nachmittags ein Knabe, während er einen Handwagen schob, durch einen Bierwagen Übersahren nnd anscheinend innerlich verletzt.— An der Friedrichsgracht sprang gegen Abend ein Mann in die Spree und ertrank, y- Auf dem Potsdamer Bahnhof der Ringbahn entlud sich ein Revolver, mit deni ein den Zug benutzender Lehrling spielte. Die Kugel durchbohrte die Scheidewand zwischen zwei Ab« theilen, ohne weiteren Schaden anzurichlen.— In der Nacht zum 11. d. M. stürzte ein Theil des Hauptgesimses des Hauses Am Königsgraben IS auf die Straße hinab. Verletzt wurde niemand.— Im Laufe des Tages fanden sechs kleine Brände statt. Witterungsiibersicht vom 11. April 1895. Wetter-Prognose für Freitag» IS. April 1895. Etwas kühleres, zeitiveise heiteres, vorherrschend wolkiges Wetter mit leichten Regenfällen und schwachen westlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Die Entdeckung der geheime» Patroucnfabrik in der Watlnertheaterstraste, die seinerzeit mit recht ein so großes Aufsehen machte, hat gegen eine Anzahl hiesiger Büchsenmacher den Erlaß von Strafmandaten im Gefolge gehabt. Bekanntlich wurde eines Tages unter den Treppenstufe» eines Hauses der Wallncrtheaterstraße die Kleinigkeit von S Zentner Pulver vorgesunden und festgestellt, daß ein Büchsenmacher in einem Raum dieses Hauses ganz fröhlich eine Patronensabrik eingerichtet hatte und diese so leichtfertig betrieb, daß eigentlich täglich ein namenloses Unglück hätte entstehen können. Die in dieser Angelegenheit angestellten Ermittelungen führten dann zu der Feststellung, daß der Waffenfabrikant K n a a k die Lieferung von 300 000 Patronen übernommen und die Anferti- gung derselben mehreren hiesigen Büchsenmachern übertragen hatte. Zu letzteren gehörte auch der Büchsenfabrikant Franz K n o t h. Als der Polizeilieutenant W i s ch h u s e n bei demselben nachforschte, fand er in dessen Arbeitsraum in der Linden- straße 45 000 Stück Patronen vor, von denen etwa L00 bereits ganz fertig gestellt waren, während die übrigen noch ohne Kugel waren. Nach polizeilicher Ansicht hat er da- durch sowohl gegen die Polizeiverordnung vom Jahre 1892 betr. den Verkauf und die Lagerung von Zündhütchen, Hülsen und fertigen Patronen, als auch gegen die Verordnung vom Jahre 1893 betr. den Verkehr mit Sprengstoffen verstoßen, und er wurde wegen der ersten Uebertretung mit einem Strafmandat von 30 Mark, wegen der zweiten mit einem solchen von sechs Wochen Haft bedacht. Die Polizeiverordnnng von 1892 gestattet nur einen Vorrath bis zu 5000 Stück solcher Patronen, andererseits erschien auch die Verordnung von 1893 verletzt, weil in jenen 45 000 Stück Patronen 5 Zentner Pulver beisammen lagerten. — Die richterliche Entscheidung, die Herr Knoth anrief, befreite ihn gänzlich von der Strafe.— Rechtsanwalt Breslauer bestritt zunächst, daß zwei Handlungen vorlägen, da die angeblich vorgeflmdenen 5 Zentner Pulver zu den 45 000 Patronen ver- wendet worden seien. Die Verordnung von 1393 sei schon aus diesem Grunde nicht anwendbar, denn thatsächlich sei Pulver als solches überhaupt nicht vorgefunden worden. Auch die Verord- nung von 1892 könne nicht platzgreifen, denn der An- geklagte habe die 45 000 Palronen gar nicht„vorräthig gehalten", sondern er habe von dritter Seite den Auftrag zur Anfertigung erhalten, die Patronen seien noch gar nicht fertig und der Angeklagte sei mitten in der Arbeit gewesen. — Amtsanwalt S ch r ö e r empfahl, den Angeklagten von den 0 Wochen Hast zu befreien, da die Verordnung von 1893 auch ihm nicht anwendbar erscheine. Im übrigen müsse die Geldstrafe von 30 M. bestehen bleiben, denn das Gesetz mache keinen Unter- schied, ob die Kugeln schon auf den Palronen sind oder nicht.— Der Gerichtshof kam zur völligen Freisprechung des Angeklagten. Nach seiner Ansicht beziehe sich, wie der Vorsitzende ausführte, die 93er Verordnung nur ans den„Ladeverkehr, Wasserverkehr und die Lagerung" von Sprengstoffen. Das treffe auf diesen Fall nicht zu, ebenso wenig aber auch die Verordnung von 1892, da diese das Maximum von„zum Gebrauch fertigen" Pa- tronen sc. aus 5000 Stück bemesse, hier aber erst 200 wirklich zum Gebrauch fertig waren. Eine Beleidigung in öffentlicher Gemeindevertrcter- Versammlung führte gestern den Gemeindevertreter Buch- druckereibesiyer Friedrich Koch ans Friedrichsbcrz vor das Schöffengericht am Amtsgericht II. Koch ist Verleger und Redakteur der„Friedrichsberger Volks-Zeitung", welche früher amtliches Publikationsorgan für die Gemeinde Lichtenberg- Friedrichsberg war. Zlls aber der Amtsvorsteher Ritterguts- besitzer Röder auch Gemeindevorsteher wurde, entzog er der „Friedrichsberger Volks-Ztg." wegen der bisher gegen ihn beobachteten Haltung die amtlichen Publikationen und übertrug diese einem Konkurrenzblatte, welches obendrein noch eine Tut« schädigung aus der Gemeindekasse erhielt. Koch ist wegen seiner Angriffe auf Röder zu sechs Monaten GefKngniß ver- urtheilt und dieses Urtheil ist rechtskräftig geworden. Nun hat er in einer Gemeindevertrcter-Sitzung mit bezug auf den Zeitungskonflikt geäußert:„Der Gemeindevorsteher schädigt wissentlich die Gemeinde!" Auf die erhobene Anklage hin bc- willigte ihm zwar das Schöffengericht den Schutz des§ 193 (Wahrnehmung berechtigter Interessen), doch wurde die Form für beleidigend erklärt und ans 50 M. Geldstrafe erkannt. Die Frage, ob der Bezug von Krankengeld ein Grund sei, einem Handlungsgehilfen das Gehalt zu kürzen, ist kürzlich vom Landgericht Dresden in verneinendem Sinne entschieden worden. VsvtniN�kes� Bismarck als Geber so schreibt unser Dortmunder Partei-Organ— das ist gewiß etwas Neues. Drei mit Glücks- gütern wenig gesegnete, dafür aber ungewöhnlich dreiste Ge- sellen haben aus Hörde am 1. April folgende Postkarte, auf die l M. 50 Pf. Nachnahme genommen war, an den Fürsten ab- gesandt: „Zum 80. Geburtstage sendet in, Namen dreier armer durstiger Kehlen die herzlichsten Glückwünsche unter gleich- zeitiger Nachnahme von 1 M. 50 Pf., welche Kühnheit wir in anbetracht der zeitigen Verhältnisse edelmüthigst zu entschuldigen bitten. I. 9l.:(Unterschrift)...., Maschinenbauer." Bismarck hat die Karte angenommen, den Nachnahmebetrag bezahlt und den durstigen Maschinenbauern mit einem„Prosit" übersandt. Wahrscheinlich hat er in der Dreistigkeit der Gesellen Geist von seinem Geiste erkannt. WttivfKalfen dev Vedakkion. Wir bille» bei jeder Anfrage eine Ehifsre(Zwei Buchstaben oder»in« Zahl) anzugeben, unrer der die Aiilwort erlhetlr werden foll. T. it. 42. Ihre Anfrage ist unverständlich. Bernburg. Br. sitzt Berlin IW., Alt-Moabit 12a. Kanslente. Ihre Richtigstellung ist doch unwesentlich.— Poersch, Nixdorf. Ihr Eingesandt können wir nur nach einer persönlichen Rücksprache mit Ihnen aufnehmen, Leist. Artikel erhalte». Sehr interessant. Trifft aber nicht überall unsere Anschauung. Sollen wir Manuskript zurück- schicken? Vviekkayen der Expuditiom T. M. Der„Wahre Jakob", Nr. 228, gelangt am 10. April (Osterdienstag) zur Ausgabe. Th. M. 199. Sie bekommen die bestellten Sachen, aber frühestens bis zum 25. April. Für deu Inhalt der Inserate über- nimmt die Nedaktiou deurPublikuui gegenüber kcinerleiVeranttvortung Theater. Freitag bleibe» sämmtliche Theater geschloffen. S o n n a b e n d, d e n 13. A p r i l. Gpernhan«. 3. Symphonie-Abend der Königlichen Kapelle. Schauspielhan». Geschlossen. entsches Theater. Die Weber. Kerliner Theater. Madame Sans- Gene. Lefstms Thrater. Die beiden Klings- berg. Im Vorzimmer seiner Exzellenz. Friedrich- Wilheimstädt. Theater. Der Obersteiger. Ztene« Theater. Die Schlange. Die Unehrlichen. Ein Mustergatte. zchillrr- Theater. Die zärtlichen Verwandten. Ein Strafrapport. Kestdenz-Theater. Fernand's Ehe- kontrakt. Adolph Ernst> Theater. Madame Suzette. «entral-Theater. Unsere Rentiers. Alerander-Pwtf-Theator. Durch- gegangene Weiber. Alle 5 Bar- risons. Zlationat. Theater. Die lebende Brücke. Theater Unter den Littden. Doro- thea. Rnnd um Wien. Kelteatliance-Theater. Der Mann im Monde. Ueichohallen- Theater. Speziali- täten-Vorstellung. American- Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Aanfmann'« Uaviste. Spezialitäten- Vorstellung. Apollo» Theater. Spezialitäten- Vorstellung.__ Schiller-Theater. (Wallner- Theater.) Freitag, den 12. April: Geschlossen. Konnabend. 13. April, abends 8 Uhr: Die zärtliche« Derwandtr« und Ein Ktrafrapport. keiertage-SpielpIan. Sonntag, 14. April, nachm. 3 Uhr: Die Karolinger. Abends 8 Uhr: fie zärtlichen Derwandten und in Strafrapport. Wontag» 15. April, nachm. 3 Uhr: Die zärtlichen Dermandten und Ein Strafrapport. Abends 8 Uhr: Die Journalisten. Dienstag, 16. April, nachm. 3 Uhr: Die Journalisten. Abends 3 Uhr: Die zärtliche» Dv-rwandten und Ei» Strafrapport. Vorverkaufs-Gebühr wird nicht erhoben. ltentral-neater Alte Jatkobstraste|t r. 30. Freitag: Geschlossen. Sonnabend: Emil Thomas a. 6. stovilät I Zum 55. Male:«ovltät! Unsere Uentiers. Große Posse mit Gesang und Tanz ist 4 Akten von Wilhelm Mannstädt und Julius Freund. Musik von Julius Einödshofer. In Szene gesetzt vom Dir. R. Schultz. Anfang i/sS Uhr. National-Theater. Große Frankfurtersiraße 132. Direktion: Max Samst. Heute, Charfreitag: Geschloffen. Morgen Sonnabend: Gastspiel der amerikanischen Gesellschast William Calden Die lebende Brücke. Großes Sensationsschauspiel mit Musik in 4 Akte»(11 Bildern), nach dem Eng- tischen von Sntton Baue, übersetzt von H.Schwab. Dirigent: Adolxb Wiedocke. Elektr. BelenchtiingsefseUe v. Lakoxvsky. Regie:«sx Samst. Kassenöfsnung 6V2 Uhr.— Anf.7>/sUhr. Am Ostersonntag. abends Vh Uhr: Die lebende Brücke. Ostermontag u. Dienstag, nachin. 3 Uhr und abends 71/2 Uhr: Die lebende Brücke. Adolph Ernst-Theater Freitag: Keine Vorstellung. Sonnabend: Madame Suzette. Vaudeville-Posse in 3Akten von Ordonneau. Musik von Edmond Audran.(Novität.) In Szene gesetzt von Adolph Ernst. Anfang 7ll2 Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. pW" Die Kasse ist von vormittags 10 Uhr ab nuunterbrochen geöffnet. paufinailn's Variete. Heute, Freitag geschlossen. Horgen, Souuabsuä: Erfolggckröutes Gastspiel des populärsten Mannes Berlins SLMiüNtauQkeL in der urkomischen Burleske Sie Kneippies. Kotanifchc Studien v.Sisxbauls und Behrens. Der pennbrudee Gödecke. Die Berl. Jungens vedr. Coradini. Der Sensation. Künstler Agramcff. DieKravourturner?rie Rigoli. So wird's gemacht! Ar. Bimde. Die bildschöne Miss Scheites. An den 3 Feiertagen: Gr.Festvorstellungen. 19 Sanssouci" Kottbnferstrajze 4a. An allen 3. Osterfeiertagen: Stettiner Sänger (Meyseli Pietpo( Bi-itton, Steidl, Krone, Röhl und Schräder.) Ansang 7 Uhr. Entree 50 Pf. Jede» Abend durchweg neue» hochamnsante» Programm! u r a n 1 a Anstalt iür volksthümliclie Naturkunde. Am Landcs-AuseteElungspark (Lehrtor Bahnhof). Geöffnet von 5— IO Uhr. Täglich Verstellung im wissenschaftlichen Theater. 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Osterfeiertag) von nachmittags 5 Uhr an: Grches zOrWeiltal-Konzert, unter Mitwirkung des Mundharmonika- Vereins„Vorwärts", nach 12 Uhr nachts Ton-, wozu freundlichst einladet rr. Zubeil, Rchmtm, Lindenstr. 106. Passage-Panopticum. K 27 Gitanos (andalusische Sänger, Tänzer u. Tänzerinnen) Vorstellung um 4, 5, 6, 7, 8 u. 9 ühr. Parodie-Theater Grauien-Straffr 52(am Moritzpl.). LkP" Freitag: Geschlossen."NA Sonnabend: Zum 73. Male: Madame Sans-Gene. Die Weder. MvUttQkh. Anfang 8 Uhr. Sonntags 7V2 Uhr. iM-Dmöttti Tempelhofer Berg. 57. Bock-Saison. Militär- Konzert. Anfang 5 Uhr. Sonntags 4 Uhr. Urn! Ur«! Tanz-Salon Hof** Köslinerstr. 8(Weddiug). Grössier u. schönster Saal b. Nordens für 1000—1500 Personen. Am 2. u. 3. Gstrrfrirrtag: Erster großer Eröffnungs- DM- BALL mit grostcm Grchester. Entree für Herren 25 Pf., für Damen 15 Pf., wofür StF" Garderobe frei."VQ Anfang 4 Uhr. Einzeltanz 10 PI., Abonnement 75 Pf. 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Bremen. Wegen Beleidigung eines Bnchdruckereibesitzers Genosse Rhein 15 M. Geldstrafe. Liegnitz. Genosse Teichert 5 M. Geldstrafe wegen Vergehens gegen das Prebgesetz. Leipzig. In der Revisionsinstanz Genosse Uslar aus Preetz wegen Bürgermeister-Beleidigung 4 Wochen(5 fängniß. Elberfeld. Genosse Huth. früher Redakteur der„Berg. Arbeiterstimme", wegen Beleidigung eines Unteroffiziers 100 M. Geldstrafe. Kiel. 3 Monate Gesängniß Genosse Kluß wegen Be leidigung des Kommandeurs eines Panzerschiffes. Antrag 2 Monate. Rudolstadt. Genosse Becker in der Berufungsinstanz 30 M. Geldstrafe wegen Beleidigung eines Pfarrers. Elberfeld. Der Redakteur der„Freien Presse". Gc> nosse Gewehr, wegen Bcrübung groben Unfugs vierzehn Tage Haft. Altona. Von der Anklage, verschiedene Vevölkerungs� klaffen öffentlich zu Gewaltlhätigkeilen angereizt zu haben. Genosse Heine aus Ottensen freigesprochen. Leipzig. In der Revisionsinstanz Genosse Strunz aus Zwickau 6 Monate Gesängniß wegen Beleidigung zweier Steiger. Aaltenstein. Redakteur Genosse M e i n h o l d wegen Verübung groben Unfugs 1 Woche Haft. Halle. Wegen Beleidigung eines Geheimraths Genosse Schneckenberger 100'M. Geldstrafe. Hamburg. Der Redakteur des„Echo". Genosse Heine. wegen Beleidigung eines Generals 150 M. Geldstrafe. Zwickau. Wegen Majestäts- und Gewerbe- Inspektor Beleidigung der Weber P a in e r a 1 Jahr Gesängniß. Leipzig. Wegen Vergehens gegen tz 153 der Gewerbe Ordnung die Kistenmacher Meier und Neubert zu 6 bezw. 5 Tagen Gesängniß. Berlin. Genosse Ernst, Faktor der Schrinner'schen Buchdruckerei. wegen Vergehens gegen das Preßgesetz 6 Wochen Gesängniß. Antrag 6 Monate. Peitz. Wegen Pastorenbeleivigung und des Vergehens der Bedrohung Genosse P e tz o I d 6 Monate Gesängniß. Stuttgart. Der Redakteur der„Reuen Zeit", Genosse K a u t s k y. 20 M. Geldstrafe ivegen Preßbeleidigung. Kiel. In der Berufungsinstanz Genosse Lienau aus Neumünster von dem Vergehen der Uebertretung gegen das Vereinsgesetz freigesprochen. Leipzig. Genosse P o l l e n d« r, Redakteur der„Volks Zeitung", wegen Preßbeleidigung 8 Wochen Gesängniß. Genosst» R o h r l a ck aus Berlin wegen Beleidigung des Dresdener Gewerbe-Jnspektors 4 Monate Gesängniß, und die Genossen H e r k I o tz und N i ck e I je 1 Woche Haft. Leipzig. Der Redakteur des„Vorwärts". Gen. P ö tz s ch, in der Revisionsinstanz, wegen Beleidigung der Berliner und der Chemnitzer Polizeibehörde 100 M. Geld- und 2 Monate Gefängnißstrase. Nürnberg. Wegen Vergehens gegen das Vereinsgesctz die Genossen E i tz i n g e r und Schmidt je 40 Mark Geldstrafe. Dresden. Genosse Arno Reichard. Redakteur der „Sächs. Arb.-Zlm", wegen Beleidigung mehrerer Behörden 1 Jahr und 3 Monate Gesängniß. Stade. Vier Genossen von der Anklage, durch das Singen der Marseillaise groben Unfug verübt zu haben, freigesprochen. Chemnitz. Genosse Rosenow, Redakteur des„Be- obachler". ivegen Beleidigung des Stadtraths ei» Monat Gefängnißstrase. Zittau. Genosse M e t t i g aus Herwigsdorf wegen Be nintenbeleidigung 20 M. Geldstrafe. Leipzig. In der Revisionsinstanz der Redakteur der „Sächsischen Arbeiter- Zeitung", Genosse Eichhorn, wegen Beleidigung von Militär-Justizbeamten 4 Monat Gesängniß. Leipzig. Zwei Wochen Gesängniß Genosse Köhre wegen Beleidigung des Sladtraths. Würzburg. Genosse G a l m, Redakteur der„Volks tribiine", zwei Monate Gesängniß wegen Beleidigung von Offizieren. Leipzig. Ein Monat Gesängniß und 20 M. Geldstrafe wegen unerlaubter Verbreitung von Druckschristen im Elsaß, Genosse E m m e l in Saargemünd in der Revisionsinstanz. Harburg. Wegen Verübung groben Unfugs Genosse Kaufmann 50 M. Geldstrafe. Rudolstadt. Von der Anklage. Einrichtungen der christ lichen Kirche beschimpft zu haben, Genosse H o f in a n n, Saalfeld, freigesprochen. Hatte. Gleichsalls freigesprochen Genosse Thiele von der Anklage des Vergehens gegen das Preßgesetz. Oldenburg. Genosse Horn-Löbtau, Redakteur des �Fachgenosse", wegen Beleidigung der Polizeibehörde fünf Monate Gesängniß. Berlin. Von der Anklage durch Verbreitung des Kegel- schen Liederbuches verschiedene Bevölkerungsklassen öffentlich zu Gewaltthaten angereizt zu haben die Buchhändler Weltkünz, Abel und B l« s ch k e freigesprochen. Chemnitz. Wegen Vergehens gegen das Vereinsgesetz. Forlsetzung eines aufgelösten Gesangvereins, 2 Mitglieder je 10, und 25 je 20 Mark Geldstrafe und 6 Vorstands- Mitglieder je 1 Woche Gefängnißstrase. Leipzig. In der Revisionsinstanz, Genosse Z a p p e y in Frankfurt a. O., 6 Wochen Gesängniß, wegen Ausreizung zum Klassenhaß. Berlin. Wegen Verbreitung einer beschlagnahmten Schrift, Melallschleifer Roth, 1 Monat Gesängniß. Köln. Der Redakteur der„Rheinischen Zeitung" Genosse H o f r i ch t e r, wegen Beleidigung einer Spitalsver- waltung, 14 Tage Gesängniß. Treödeu. Genosse W e tz k e r, Redakteur der„Sächsischen Arbeiter-Zeitung" wegen Beleidigung eines Polizeibeamten, 4 Monate Gesängniß. Berlin. In der Berufungsinstanz, Genosse Pötzsch. wegen Beleidigung des Burggrafen zu Dohna-Lauck, 100 M. Geldstrafe. 23. 24. 25. 26. 27. 29. 30. Greifswald. Genosse W e g e n e r aus Wolgast wegen Majeftätsbeleidigung, 3 Monate Getängniß. Köln. Wegen groben Unfugs, die Genossen Haber- land. Kuhner, Eberle und L i n x w e i l e r aus Barmen> Elberfeld, in der Revisionsinstanz 1 bezw. 6 Wochen Haft. Leipzig. Gleichfalls in der Revisionsinstanz Genosse G a l m in Würzburg, wegen Beschimpfung kirchlicher Ein- richtungen, 1 Monat und 15 Tage Gesängniß. Chemnitz. Zwei Genossen aus Gmfenstein wegen Tragens republikanischer Abzeichen, je 20 M. Geldstrafe. Tortmund. Genosse Schröder, von der Anklage, Bergbeamte beleidigt zu haben, freigesprochen. Antrag: 1 Monat Gefängnißstrase. Görlitz. Wegen Beleidigung eines Dutzend Töpfer- meister, Genosse Kaulich, Redakteur des„Töpfer", 100 M. Geldstrafe. Berlin. Der verantwortliche Redakteur des„Vorwärts" von der Anklage, die Polizeibehörde in Greifswald be- leidigt zu haben, freigesprochen. Antrag: drei Monate Gesängniß. Wegen des gleichen Delikts Agent Gerstenberger ans Weißensee zwei Wochen Gesängniß. Breslau. Genosse Paul Jahn aus Berlin, wegen Beleidigung eines Polizeibeamten, 3 Monate Gesängniß. Dessau. Wegen Richierbeleidigung Genosse P e u s zwei Monate Gesängniß. Antrag: 8 Monate. Falkenstein. Wegen Vergehens gegen das Versammlungs- gesetz, 16 Genossen je 3 M. und einer 25 M. Geldstrafe. Leipzig. 50 M. Geldstrafe Genosse Katzen st ein wegen Beleidigung des Vorsitzenden des Patriotenbundes. AugSburg. Genosse E h r l e r wegen Beleidigung eines Maschinenmeisters, 5 Tage Gesängniß. Meisten. Wegen Preßbeleidigung der frühere Redakteur des„Volksfrcund", Genosse Kühne!, 100 M.Geldstrafe. Leipzig. In der Revisionsinstanz, Genosse P a u l u k aus Dresden, wegen Beleidigung von Militärpcrsonen, 2 Monate Gesängniß. „ In gleicher Instanz, Genosse Hülle, Erfurt, wegen Beleidigung eines Bauraths in 2 Fällen, 70 und 50 M. Geldstrafe. Jnsgesammt wurden erkannt auf 3686 M. Geldstrafe und 7 Jahre, 5 Monate, 3 Wochen und 2 Tage Gefängnißstrase. Der Parteivorstand. GevM»ks�3etkung: Noch immer ist es nicht genügend bekannt, daß ein Angeklagter, sofern das Gericht nicht beschlossen hat, ihn vom persönlichen Erscheinen zu entbinden, auch in der B e- rufungsinstanz persönlich zu erscheinen hat. Oft lassen sich Angeklagte von einem Rechtsanwalt vertreten und glauben, daß sie dann nicht selbst zu kommen brauchen. Diese Ansicht ist falsch und hat manchem schon schweren Schaden gebracht, denn im Falle des Nichterscheinens des Angeklagten wird die Berufung einfach verivorfen, und wenn sie auch noch so erfolgreich ge- wesen wäre. Fast täglich kommen derartige Fälle bei der Be- rufnngskammer vor. Der Anwalt ist gewöhnlich der Ansicht, daß sein Klient erscheinen werde, und macht ihn deshalb auf die Gefahr nicht aufmerksam. Im Zivilprozeß ist auch die Ver- tretung durch einen Anwalt genügend. Gegen den Direktor der„Westphälisch- Anhalter Sprengstoff- Aktiengesellschaft", Dr. Max B ielefe l d t, wurde gestern vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts I. eine Anklage wegen Beleidigung verhandelt. Im vorigen Früh- jähre strebte dcr'Angeklagte darnach, in der Nähe von Zellerfeld eine Dynamitfabrik zu errichten. Es schienen die vorbereitenden Unterhandlungen mit den betreffenden Behörden Aussicht auf Erfolg zu bieten, als denselben dadurch ein plötzliches Ende be- reitet wurde, daß die Regierung zu Hildesheim die Konzessionirung rundweg ablehnte. Der Angeschuldigte richtete darauf an den Minister für Handel und Gewerbe eine Beschwerdeschrist, worin er im allgemeinen den Gcwerbebeamtcn den Vorwurf niachte, daß dieselben seinem Unternehmen entgegengetreten seien, weil sie Aktien von anderen Tynamitfabriken besäßen. Das sei be- sonders bei dem Gcwerbe-Jnspeklor Oppermann zu Hildesheim der Fall. Dem Angeklagten wurde auf diese Eingabe erwidert, daß seine Unterstellungen unrichtig seien, die Konzessionirung sei abgelehnt worden, weil die betreffenden Laudrälhe und andere Behörden des fraglichen Diftrilles Bedenken er- hoben hätten gegen die Zlnlage einer Sprengstoff- Fabrik auf einer Parzelle, welche nur reichlich 600 Schritt"von einem Kur- Hause entfernt sei. Gleichzeitig stellte der Minister gegen den Beschwerdeführer Strasantrag wegen Beleidigung des Gewerbe- Inspektors Oppermann und der übrigen Gcwerbcbcamtcn des Regierungsbezirks Hildesheim. Der Angeschuldigte versicherte im Termine, daß ihm jede beleidigende Absicht ferngelegen habe. Er habe einen schweren Kampf zu bestehen mit den Dynamit- fabrikcn, welche einen Ring geschlossen hätten, um jede Konkurrenz zu erdrücken. Tie Behauptung, daß der Gewerbe- Inspektor Oppermann Kommandit- Betheiligung zum Betrage von 5000 Mark an dem„Ring- Unternehmen" besitze, sei bestätigt worden und wenn derselbe bei der in Rede stehenden Angelegenheit auch ohne Einfluß gewesen sei, so habe der An- geklagte doch annehmen müssen, daß seine in der Beschwerde- schrift ausgesprochene Vcrmuthung richtig sei.— Ter Staats- anwalt hielt die Beleidigung für eine sehr schwere, er beantragte eine Geldstrafe von 500 M.— Justizrath Kleinholz als Ver- thcidiger wies daraus hin, wie mißlich es sei, wenn Beamte sich finanziell an gewerblichen Unternehmungen bctheiligtcn und dadurch wenigstens den Verdacht er- weckten, daß sie sich beeinflussen lassen könnten. Im übrigen nahm er für den Angeklagten den Schutz des Z 193 dcS Ctr.-G.-B. in Anspruch und plädirte aus diesem Grunde für Freisprechung. Ter Gerichtshof hielt eine Beleidigung der Gcwerbcbeamten im allgemeinen aber nicht eine solche des Gewerbe-Jnspektors Oppermann vorliegend; da der Angeklagte in letzterem Falle in Wahr- nchmung berechtigter Interessen gehandelt habe. Das Urtheil lautete dem Antrage des Staatsanwalts gemäß aus 500 M. Geldstrafe. Vevsennmlungen. TaS Personal auS dem Berliner GastwirtssSgetverbe, Kellner, Köche zc. war in der Zahl von zirka 1000 Personen in der Nacht zum Donnerstag im Feenpalast versammelt, wo die Frage zur Besprechung stand: Ist ein Spezialgesetz für das Ga st wirlhsge werbe nothwendig? Der Beifall, der den beiden Referenten Brandau und Pötzsch zu theil wurde, bewies, daß die Arbeiter des genannten Gewerbes sich bei der Benrtheilung dieser Frage vollkommen einig sind und dieselbe durchaus bejahen. Der erste Redner betonte, daß mit der Entwickelung der Gastwirthsindustrie die Gage der An- gestellten sich im gleichen Tempo verschlechtert. Die Möglichkeit, sich selbständig zn machen, schrumpfe immer mehr zusammen und damit trete die Nothwendigkeit an den Gnstwirthsgehilfen heran, seine jetzig« Position, in der er dauernd verbleibe— im Gegen- sah zu früheren Zeiten, wo dies nur ein Durchgangsstadium war—, so viel als möglich zu verbessern. Vor allem müsse an eine Begrenzung der Arbeitszeit gedacht werden; ein Maximal- Arbeitstag von 12 Stunden und eine ununterbrochene Ruhezeit von 36 Stunden pro Woche sei nur Minimum dessen, waS gefordert werden dürfte.(Bravo!) An der Hand der Statistik, welche die Reichkommisflon für Arbeiterstatistik im Jahre 1893 vorgenommen, führt der Redner den Nachweis, wie nölhig die genannten Forderungen in bezng auf die Lehrlinge, das weibliche Personal und die Kellner». s.w. sind. Mit Rücksicht darauf, daß in vielm Betrieben die Lehr- linge noch länger als die erwachsenen, männlichen Arbeiter zur gesundheitlich schädlichen Arbeit angehalten werden(manchmal bis zu 20 Stunden) müsse es sich jeder zur heiligsten Pflicht machen, hier bald Wandel zu schaffen. Man gönnt den jungen Leuten oft nicht die Zeit, das Essen zu genießen; dasselbe trifft zu mit ihrer Schlafenszeit und nur>/« aller Lehrlinge besucht regel- mäßig Fortbildungs- oder Fachschulen. In den Arbeits- ordnungen, die für die Kellner maßgebend sind, fehlt be- zeichnenberweise der Hinweis auf das Ende der Arbeitszeit. An ein Familienleben ist unter den obwaltenden Umständen nicht zu denken; manchmal wird der Angestellte geradezu ver- pflichtet, ledig zu bleiben. Daß unter den Angehörigen dcS Gastwirthsgewerbes nur eine sehr geringe Zahl tauglich für den Militärdienst befunden wird, ist bekannt; die Sterblichkeits- ziffer ist gegenüher anderen Berufen eine erschreckend hohe. Auch für das weibliche. Personal, die Kellnerinnen. Buch- halterinnen, Kassirerinnen, Köchinnen zc. muß die gleiche Forderung erhoben werden; schon aus moralischen und bygienischen Rücksichten sollte dieselbe längst gewährt sein. Daß ein Spezialgesetz, das neben diesen Forderungen noch andere Schutzbeslimmungen für die Angestellten enthält, ohne Schaden für das Gewerbe durchgeführt werden kann, hält der Redner für zweifellos, er schließt mit dem Appell an die Anwesenden, fest zusammenzustehen, um eine durchgreifende Verbesserung der Lage in Berlin zu erzielen.(Beifall.) Der nächste Redner, Pötzsch, gab seiner Freude Ausdruck. daß die Kollcgenschaft durch den sehr zahlreichen Besuch den Beweis erbringe, daß sie, unbeschadet sonstiger Differenzen in solchen, das Gewerbe betreffenden Fragen Schulter, an Schulter niarschiren wolle. Er geht ans die Enquete von 1893 aus- sührlich ein, auf deren Unterlage sich das vom Minister von Berlepsch schon 1891 verheißene Spezialgesetz für die Angestellten des Gastwirths- Gewerbes aufbauen sollte. Das Resultat der Erhebungen war derart gravirend, daß die Bekanntgabe der gewonnenen Zahlen all- gemeines Aussehen erregte, wenngleich die Prinzipale sich be- niüht hatten, die Art der Ausbeutung möglichst harmlos hinzu- stellen. Stedner belegt dies durch Mittheilung einer Reihe von Antworten, wo sich die Naivetät und zum theil die Unverfroren- heit der befragten Unternehmer deutlich wiederspiegelt; die Ver- sammelten nehmen diese Ausflüchte der Unternehmer mit ge- bührcnder Heiterkeit auf. Wenn vielfach betont werde, daß für das Personal beschäftigungslose Zeit in Hülle und Fülle während des Tages vorhanden sei, warum sträube man sich denn so sehr gegen die gesetzliche Regelung dieser Ruhepausen?(Sehr richtig!) Die anderen Fragen, Trinkgeld-Gehaltsrage, Slelleuvcrinittlungs- wesen und dergleichen, wären durch gesetzgeberischen Eingriff vorderhand nicht zu lösen, hier habe die Organisation einzu- greifen; die Gründung kleiner Vereiuchen, die nur zum Deck- mantel für irgend einen Kommissionär dienen, habe selbst- verständlich zu unterbleiben. Nicht zum Schaden, sondern zum Vortheil für das gesammte Gewerbe würde es sein, wenn die Regierung ihrer Pflicht, den Ausgebeuteten im Gastwirths- gewerbe zu helfen, nachkommt. Viele Kollegen fänden da- durch Arbeit.— Das Solidaritätsgesühl, das leider so wenig entwickelt ist, würde sich bethätigen können; die materielle Lage wird eine bessere werden und auch die. welche den Kellner in der Moral nicht hoch einschätzen, werden durch die Erfahrung belehrt werden, daß Regelimg der Arbeitszeit und entsprechende'Ruhepausen in jeder Beziehung vortheilhast ein- wirken werden. Die Agitation für diese Forderungen darf nicht erlahme», schloß der Referent unter lebhaftem Beifall, wir liiüssen bestrebt sein, aus die Oeffentlichkeit so viel als möglich einzu- wirken. Wenn es das Wohl der Kollegenschaft gilt, müssen alle Kollegen die Stimmen erhebe»! Auf Antrag Herzberg wurde von einer Diskussion nach diese» beide» ausführliche» Reseraten Abstand genommen. Mit Einstiiliinigkeit beschloß die Versammlung eine Resolution, die an den Bundesrath gerichtet ist, welche im Auszuge nach Fortlassung der unweseutlichen Stellen lautet: Wir erwarten ein Gesetz, welches, um die gastwirthschastlichen Arbeiter vor der schlinnnsten Ausbeutung zu schützen, bestimmt, daß die tägliche Arbeitszeit 12 Stunden nicht überschreiten darf, welche sich auf höchstens 15 Stunden vcrtheilen, so daß eine»n- unterbrochene Ruhezeit von 9 Stunden verhlcibt. Das gewerbliche weibliche Dienstpersonal, sowie die jugcnd- lichen Arbeiter unter 16 Jahren dürfen ohne Ausnahme nicht länger als zehn Stunden beschäftigt werden und ist den- selben eine ununterbrochene Ruhezeit von 12 Stunden zuzusichern. Pausen, weniger als zwei Stunde» und solche, wo der An- gestellte kein freies Verfügungsrccht über seine Zeit hat, sind alS Arbeitszeit zu betrachte». Die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter unter 16 Jahren ist aus hygienischen und sittlichen Gründen zwischen 10 Uhr abends und 6 Uhr morgens zn untersagen. Dem Bedienungspersonal ist eine einstündige, und dem Küchen- personal eine cineinhalbstündige Mittagspause zu gewähren. Für alle Angestellten ist ein 36stündiger Ruhetag vorzusehen, der alle 4 Woche» mindestens aus einen Sonntag fällt.— Außer diesen wescntlichcn Forderungen enthält die Resolution noch folgende Punkte: Um die Angestellten des Gastwirthsgewerbes genügend vorzubereiten', ist der Besuch der Fachschulen für olle Personen unter 18 Jahren obligatorisch zu machen. Die Betriebs-, Arbeits- und Wohnräume sollen der Gewerbe-Jnspektion unterstellt werden. In bezug ans die Hausordnungen wird verlangt, daß die §Z 134 bis 134 g der Reichs-Gewerbe-Ordnung aus die Betriebe des Gastwirthsgewerbes Anwendung finden, nothwendig würde auch sein eine gesetzliche Bestimmung, welche das System der abnorm hohen Geldstrafen ändert. Man wünscht im weiteren. daß von feiten der Regierung auf die mittelbar und unmittel- bar ihr unterstellten Betriebe in der Weise eingewirkt wird, daß an stelle des Trinkgeldes feste Bezahlung tritt; schließlich wird gebeten, dem Stellenwucher, der im Geiverbe grassirt, mit allen gesetzlichen Mitteln zu Leibe zu geben. An den Bundesrath richtet man das Ersuchen, bis zum Inkrafttreten des Spezial- gesetzes von dem ihm zustehenden Rechte laut§ 120e Abs. 3 der G.-O. Gebrauch zu machen. Eingelaufene Druckschriften. &tr Soiiaii-rniolient. Zenlral-Wochenbtatl der sozialdemolrattlchen Partei Deutschland« sExpedilion in Bertln SW., Beulhftratze 8). Die Nr. i:> vom 11. April hat folgende» InHall: Wochenschau.— Ein Naiionalliberaler über Prcbsretheit.— Au« der Schweiz.— Englische Fadrilgcsetz- Reform.— Wom preußischen ivoilzschutlehrer.— Parlet- nachrichlen.— Wie nian un« behandeln— Todleiiltsle.— Vermlschles. Dte Lage tu Belgien.— Der Soztallsmus t» Russisch-Polen isv«.— Sroßgrunddefih und Nletnbaucr tm Wetmartschen.— Wie Ulan i» Eng- land pertlionirt.— ArdeUerorganisalioncn.— Au« unserer Presse.— Lite- rarische«. Möbel- Gelegelcheitskanf zu außergewöhnlich billigen Preise» Für Brautleute ganze Einrichtungen von 200—1000 Süi. Thcilzahlung gestattet. Elegante Nnßbaum-U.Mahagont' Kleidcrspiuden und Bertikows 30 M.. einsackte IS M., Sophas. Bettstellen »>it Matratzen 20 M., Waschtoiletten Küchenspinde». Kommoden 12 M. Stühle 3 M.. Sophatischt 0 M. Säulen- Trumeaux OS M., Plüsch« garnitur 00 u. 100 M., Muschelspinden 40 M., Paneelsophas SO M. Bussets. Silberschränke, Herren- Schreibtische, Schreibsekretäre. Zylinder- Bureaux, Spiegel. Wenig gebrauchte Möbel zu halben Preisen und sollte es niemand versäumen, der gut und reell kaufen will, mein großes Lager zu besichtigen. Gekaufte Möbel werden bis 1. Mai kostenfrei aufbewahrt, transportirt und aufgestellt. 1084L' SchUtzensfp. 2, Möbrlfabrilt. 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Qsterfeiertag eingeladen bei Adolf Polte, Triftstr.4, Restaurant. Orts-Kraukenkasse derMesserschmiedezc. Oenernl-VerLsmnilnng am Sonnabend, den 20. April 1393, bei Wernau, Rosenthalerstr. 57. Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2.Be- richt über die Abnahme der Jahres- rechuung, sowie Entlastung des Kassirers. 3. Beschlußfassung über Erhöhung des Krankengeldes(§ 13) oder Herabsetzung der Beiträge(Z 23). 4. Verschiedeues. Arbeitgeber, die zuzahlen, sind hiermit eingeladen. sö73bs Der Vorstand. Orts-Krankenkasse der Knchkinder und verwandter Gewerbe. Montag, de« 22. April, abends 8 Uhr, in Schmiedel s Festsälen, Alte Jakobstraße 32: SWentl. CellerMsmiiiliW. Tagesordnung: 1. Verlesung der Protokolle. 2. Abnahme der Jahresrechnung. 3. Wahl eines Kasstrers. 4. Antrag des Vorstandes betr. Ab- setzung des Rendanten. 5. Wahl eines Rendanten event. Wahl eines Hilfsbeamten. 73/9 6. Verschiedene Kassen-Angelegenheiteu. Der Verstand." I. A.: Hoffmann, Vorsitzender. Lharlottenhnrg! Generalversammlung der Ztlltral-Krllllkellklljse der Maiirer tu s. nu(„AlltHtin zur Einigkeit") am Sonntag, 14. April, Vorm. 10 Uhr, Wilmersdorferstr. 39. Tagesordnung: I. Abrechnung vom I. Quartal. 2. Kassenangelegenheiten. 3. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen der Mit- glieder bittet Der Vorstand. D>E. Die Adreffe des Bevollmächtigten W. Schulze ist Pestalozzistraße 24. linker Seitcnfl. 3 Tr., die des Kasstrers Albert Vernsee Cbrinstr. 42, v. 4Tr. Das Kasseulokal befindet sich bei Paul Wolter, Magazinstr. 19, part. Neue Mitglieder werden täglich von 7Vs bis SVa Uhr abends aufgenommen. 200/12 vis örUicho Verwaltung. Carl Tutzauer Admiralstr. 38. M- Säle für Vereine. Kegelbahn noch einige Tage frei. Fest Saal Brnnnenstr. 188 (500 Personen) zu Versanimlungen und Festlichkeiten noch einige Tage frei. W. Gründe!. Louis Ehrenborg Am Rftolkenmarkt No. 7 (früher Annenstr. 16) empf. Freunden N.Bekannten sein �Vdss- u. Bairisch-Bierlokal. Grünau.|| Grünau. 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