Abendausgabe Nr. 592 41. Jahrgang Ausgabe B Nr. 296 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise find in der Morgenausgabe angegeben Redattion: S. 68, Lindenstraße 3 Fernfprecher: Dönhoff 292-295 Tel.- Adresse: Sozialdemokrat Berlin Vorwärts Berliner Volksblatt 5 Goldpfennig Dienstag 16. Dezember 1924 Serleg und xzetgenabteilung: Gefchäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin S. 68, Cindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 2506-2507 Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands Die Parteiführer beim Reichspräsidenten. Das Neueste: Bürgerblock von hinten herum. Der Reichspräsident empfing heute um 9% Uhr vormittags den bisherigen Reichstagspräsidenten alltaf. Es folgten dann die Emp änge der Parteiführer in Reihenfolge der Frationsstärke: Hermann Müller für die Sozialdemokratie, indler für die Deutfcnationalen, Fehrenbach für das Zentrum. In der Aussprache mit dem Reichspräsidenten erklärte Genoffe Hermann Müller, daß nach Auffaffung der Sozialdemokratijchen Vardei das Ergebnis der Wahl die Fortführung der Außenpolitit des Kabinetts Marg erfordere und daß die Sozialdemokratische Partei bereit sei, das Kabinett Marg zu unterstützen, weil die Garantie für die Fortführung dieser Politik so am besten gewähr. leistet wäre. Nach Auffassung der Sozialdemokratischen Partei würde es im übrigen feineswegs dem parlamentarischen System entsprechen, daß stets die stärkste Partei mit dem Versuche der Regierungsbildung beauftragt würde, sondern es fame vielmehr darauf an, in einem arbeitsfähigen Parlament die Führung der Geschäfte im Sinne der Auffaffung der Mehrheit des deutschen Volfes zu fichern. Reichsaußenminister Stresemann fehrt erst morgen nach Berlin zurück. Wie die Rechtspresse behauptet, beabsichtigt er, dem Reichspräsidenten eine sogenannte überparteiliche Persönlichkeit zum Reichstanzler verzuschlagen, die bereits gefunden sei. Ueber die Person des Erlorenen bewahrt die Rechtspresse Schweigen. * Die Regierung Marr ist durch das Borgehen der Boltspartei zur Demission gezwungen worden, Jetzt spricht die volksparteiliche Beit ihr Bedauern darüber aus, daß der Rüdtritt schon jet erfolgt ist. Man hätte damit lieber bis turz vor dem Zusammentritt des Reichstags warten sollen. Das ist die Stimme der Verlegenheit und des schlechten Gewissens. Die Bolkspartei hat in bodenlos leichtsinniger, die Interessen der Nation schwer schädigenden Weise die Grundlagen der bestehenden Regierung zerrüttet, ohne etwas Neues an ihre Stelle setzen zu können. Jetzt beginnt sie sich auf andere ouszureden und zu jammern, man hätte es mit dem Rücktritt gar nicht so eilig haben müssen. Ganz anderer Meinung ist ihr Bruderblatt im Bürgerblod, der Hugenbergiche„ Tag". Der fällt mit wütenden Beschimpfungen über die zurückgetretene Regierung her. Als Regierung der Mitte sei sie eine Regierung der Impotenz gewesen. Man habe die politische Feigheit zum System erhoben, und Träger dieses Systems sei Marr gewesen. Dagegen sei„ das Regierungsschwert der Rechten ohne Scharte". Die Verteidigung der bisherigen Regierungspolitik gegen diese ungeheuerlichen Beschimpfungen ist nicht unsere Sache. Nicht wir haben die verfassungsmäßige Verantwortung für fie mitgetragen, sondern die Bolkspartei und Herr Stresemann. Mögen sie sich also äußern und uns bei dieser Gelegenheit auch verraten, wie sich das Verhalten der Zollermäßigungen mit Deutsch österreich. Am 1. Januar 1925 tritt der neue deutsch österreichische 301ltarif in Kraft, der auch die Einfuhrzölle für wichtige deutsche Exportwaren bedeutend erhöht. Durch ein österreichisch- deutsches Abkommen vom 12. Juli d. 3. wurde vereinbart, daß trotz dieses Zolltarifs im Verkehr zwischen Deutschösterreich und Deutschland für gewisse Erzeugniffe niedrigere Tariffäße angewendet werden. Infolge der Auflösung des Reichstags fonnte dieser Zusatz vertrag noch nicht ratifiziert werden. Die Erhebung der hohen Zollfäße auf deutsche Waren an der deutschösterreichischen Grenze würde aber den deutschen Export sowohl nach Deutschösterreich wie nach den Balkan, der von Wien aus vermittelt wird, schwer schädigen und Lönnte zu Stillegungen und Arbeiterentlassungen in Deutschland führen. Aus diesem Grunde hat auf Berschlag des Reichskabinetts der Reichspräsident eine Verordnung auf Grund des Artitels 48 der Reichsverfassung erlassen, wodurch das Zusazabkommen vom 12. Jufi vorläufig und bis zur Ratifizierung durch den Reichstag in Kraft gesetzt wird. Ein entsprechendes Borgeten leitet auch Deutschösterreich ein, so daß die drohende Zollerhöhung abgewendet erscheint. Der Schrei nach dem Recht. Jagow und Fechenbach. Der Hochverräter Traugott v. Jagom ist begnadigt. Er wurde wegen feiner Beteiligung am Kapp- Putsch zu fünf deutschnationalen Presse mit ihrer Behauptung verträgt, die Jehren Festungshaft verurteilt. Von diesen fünf Jahren Deutschnationalen seien die bisherige Regierungspolitik hat er drei Jahre verbüßt. Drei Jahre Festungshaft der Feigheit“ und„ Impotenz" fortzuführen bereit.- das ist also die höchste Strafe, die für Teilnahme am RappIn diesem Zusammenhang ist es übrigens nicht uninter- Butfd; erduldet werden mußte. Drei Jahre Festungshaft für effant festzustellen, daß die deutschnationale Breffe neuerdings Herrn v. Jagow. Kapp starb, Ehrhardt hat sich der Abdurch Ernennung einer überparteilichen Persön urteilung durch die Flucht entzogen, durch eine Flucht, Me lichte it" zum Reichskanzler den Bürgerblod, den sie auf nichts weniger denn rühmlich war, und Herrn Ludendorff geradem Weg nicht friegen fann, von hinten herum zu erließ das Gericht frei gehen. Drei Jahre Festungshaft man reichen versucht. Bon einem offen deutschnationalen Reichs- vergleiche bamit die Strafen, die gegen die Führer und Leikanzler ist keine Rede mehr. nehmer des Münchener Räteputsches ausgeworfen wurden. Ernst Toller hat seine fünf Jahre Festungshaft bis auf In der Germania" schreibt Abg. Dr. Schwering den letzten Tag verbüßt, seine Gefährten von NiederschönenKöln, das besetzte Gebiet erwarte, daß nichts gefchehe, feld haben noch weitere fünf und zehn Jahre der. Gefangenwas die Befreiung erschweren könne. Unter feinen anderen schaft vor sich. Aber Herr v. Jagow ist begnadigt worden, Gesichtspunkten dürfe die Regierungsbildung vollzogen werden. und die deutschnationale Presse besitzt die Dreistigkeit, die Die Rolle der Deutschnationalen im befekten Gebiet jei ver- Forderung aufzustellen, daß der Steckbrief und die Berschwindend, die des Zentrums und der Sozialdemo- mögensbeschlagnahme gegen den Kapitän Ehrhardt aufgetratie herrschend. Wenn wirklich große politische Gesichts- hoben werden soll, der nicht nur ein Hochverräter ist, sondern punkte und nicht der Parteiegoismus in Deutschland maß sich auch gemeiner Bergehen schuldig gemacht hat, die von gebend wären, so wäre die Regierungsbildung ehrlofer Gesinnung zeugen. Der einzige abgeurteilte Hochgerade mit Rücksicht auf das besetzte Gebiet und seine Befreiung verräter aus dem Kapp- Butsch ist begnadigt, Kapitän Ehrein Kinderspiel!" hardt kann sich in Bayern frei bemegen, ohne daß er verhaftet und der Aburteilung zugeführt wird. " T Feigheit und Impotenz? Zugleich meldet sich in der Kreuzzeitung" einer der Verschwindenden", d. h. ein rheinischer Deutschnationaler, zum Aber trotzdem bleiben die Kapp- Verbrecher Hochverräter. Bort. Er feht in der Absicht der deutschen Linken, mit Eng- Ihr Treiben im Frühjahr 1920 war ein Berrat an Bolt und land und Frankreich in der Räumungsfrage ein Vaterland. Dennoch sieht die deutschnationale Preffe, dieKompromiß zu schließen, das die Belegung der Kölner selbe Bresse, die den Reichspräsidenten als Landesverräter Bone um einige Wochen verlängert, die der Ruhr um einige beschimpfte und die gesamte Sozialdemokratische Partei des Wochen abkürzt, den Beweis einer geradezu fträflich Landesverrats bezichtigen möchte, in diesen Männern natio leichtsinnigen Beurteilung". Mit welchen Machtmitteln nale Helden. Auf der einen Seite der Bersuch, Gesinnung die beutschnationale Politik der wiederherge'tellten englisch- und politische Haltung des Reichspräsidenten in der Kriegsfranzösischen Einheitsfront entgegentreten will, verrät der Berzeit zu verdächtigen, auf der anderen Seite die offene faffer vorsichtigermeise nicht. Sympathie mit abgeurteilten und flüchtigen Hochperrätern. Die Deutschnationalen waren schon einmal drauf und dran, das befeßte Gebiet zu verspielen, die Rettung ist dann durch die Sozialdemokratie und die Mitte vollzogen worden. Es ist für sie also schon ein beliebter Sport, das befezte Gebiet ins Wasser zu werfen, damit andere es wieder herausholen können, und diese anderen dann dafür noch als feig" und" impotent" zu beschimpfen. Fraktionssitzungen der Demokraten und Deutschnationalen. Die demokratische Reichstagsfraktion trat heute pormittag 11 Uhr zu ihrer tonftitulerenden Egung und zur Besprechung der politischen Lage zusamemn. Die Fraktion wird vorausfichtlich bis in die Nachmittagssturiden tazen. Um 12 Uhr begann die Sigung der deutschnationalen Reichstagsfrattion, auf deren Tagesordnung gleichfalls die allgemeine Aussprache über die politische Loge steht. Die Fraktion wird sich voraussichtlich erst morgen tonftituieren. fung, die Regierung habe die Information, daß der Brief von der Kommunistischen Partei Englands empfangen und vernichtet worden fei. Macdonald fuhr fort, er sei meder von der Edytheit noch von der Unechtheit des Briefes überzeugt. Die Haltung der Regierung in der Frage der russischen Berträge sei beklagenswert. Die Regierung solle barauf achten, daß ihr nicht andere europäische Länder zuvor fämen und ihr die Tür vor der Nase zuschlügen. von Großbritannien allein geregelt werden. Dies werde hoffentlich Kapitän Duff Copper führe aus, die ägyptische Frage müsse in möglichst liberaler Weise ge chehen. Fisher fragte, ob die Regierung beabsichtige, den Handelsvertrag mit Rußland beizubehalten. Chamberlain erwiderte, wenn er nicht irre, enthal.e die Thronrede einen Bassus, daß aller unter den gegenwärtigen Umständen möglicher Handel getrieben werden sollte. Fisher fritisierte hierauf das Ultimatum an Aegrpten. Festungshaft abgefügt hat. Ein Gnadenalt des Reichs Herr Jagam ist begnadigt, nachdem er drei Jahre präbenten hat ihm die zwei Jahre Festungshaft erlaffen, die v. Jagow ist von feinen Freunden, fomie vom Reichsjuſtiza er noch zu verbüßen hat. Auf die Begnadigung des Herrn. ministerium, das sich des Kapp- Berbrechers besonders an zwei Drittel der Strafe des Herrn v. Jagow verbüßt waren, genommen hat, immer wieder gedrängt worden. Nachdem konnte sich der Reichspräsident der Anwendung der allge meinen Regel nicht mehr entziehen, nach der bei politischen Bergehen die Begnadigung eintritt, sobad amei Drittel der wendung auf Butschisten non rechts, wie auf Butschisten von Strafe verbüßt hat. Diefe generelle Regel findet Anlinks. Es ist nicht die Schuld des Reichspräsidenten, daß die lints. Es ist nicht die Schuld des Reichspräsidenten, daß die rechtigkeit erscheinen muß. Es ist ein anderes, ob ein formell gleichmäßige Anwendung dieser Regel als UngeRechtsputschift, der zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt worden ist, nach dreijähriger Haft die Festung verläßt, oder ob ein Linksputschift, der mit zwölf Jahren Zuchthaus be. straft wurde, acht lange Jahre im Zuchthaus erdulden muß. Die Schuld an dieser offensichtlichen ungerechtigkeit trifft nicht den, der die formelle Regel für die Begnadigung auwendet, sie trifft vielmehr die Gerichte, die als höchste Strafe gegen einen Kapp- Berbrecher fünf Jahre Festungshaft Festungs- und Zuchthausstrafen trafen. Die Ungleichmäßigauswarfen, zugleich aber Linksputschiften mit drakonisch harten feit und Ungerechtigkeit der deuifchen politischen Justiz kann durch eine formell gleichmäßige Begnadigungspragis nicht ausgeglichen werden. Unter den Gründen, die haltamtlich für die Begnadigung des Herrn v. Jagom angeführt werden, befindet sich der Hinweis darauf, daß die Reichsregierung durch das Abfommen mit Frankreich gezwungen worden sei, auch die in Strafhaft befindlichen Separatisten zu begnadigen, die sich in denkbar schwerster Weise und oft aus gemeinen Motiven politisch gegen das Reichsinteresse vergangen hatten. Wenn dieser Gesichtspunkt bei der Begnadigung des Herrn v. Jagom moßgebend war, dann muß er fast restlos auf alle Bersonen AnBonsonby( Arbeiterpartei) brachte dann einen Antrag ein, in dem das Bedauern über die Politik der Regierung gegenüber Aegypten und Rußland ausgesprochen wird, er führte in Begründung feines Antrags aus, er bedauere din Anteil nicht, den er als früherer Unterstaatssekretär des Aeußern an den Verhandlungen über die russischen Verträge gehabt habe. Chamberlain werde sich durch die Umstände selbst getrieben sehen, über einen anderen Handelsvertrag zu verhandeln, der sich sehr eng an die von dem Arbeiterkabinett abwendung finden, die sich wegen politischer Vergehen in Deutschgeschlossenen Verträge halten werde, wenn er auch zweifellos das Wort Berirag" oder" Anleihe" nicht erwähnen, sondern ihn eine Handelskonvention nennen würde.( Heiterfeit.) Ponsonby teftritt, daß der Bunft über die Anleihe infolge des Drudes eines Teits der Arbeiterpartei aufgenommen wurde. Bei der Abst mmung wurde der Zuschantrag der Arbeiterpartei mit 363 gegen 132 Stimmen abgelehnt. Die Lage in Marokko. Die Debatte im Unterhaus. Borstoß der Oppofition gegen die Regierung. London 16. Dezember.( BTB.) Im weiteren Berlauf seiner Rede rechtfertige Chamberlain die Berwerfung des englisch russischen Handelsabkommens durch die for fervative Regierung und erklärte, der Handel hänge vom Kredit und Bargeld ab und in beiden Beziehungen habe die Sowjetrezierung nichts zu bieten. Es sei zudem sehr zweifelhaft, ob das vorliegende Beweismateriel, daß das kommunistische System innerlich zusam menbreche, daß die Brivatunternehmen wieder anfingen und daß Paris, 16. Dezember.( Eigener Drahtbericht.) Der„ Matin" private Läden mieder eröffnet werden dürften, den Latsfachen ent- veröffentlicht heute einen längeren Bericht über die Lage in Marokko, fpreche. Es sei abfurd, anzunehmen, daß unter den gegenwärtigen von dem anzunehmen ist, daß er offiziösen Chorafter trägt. In ihm Umständen ein umfangreicher Handel möglich sei. Für die bestehen. heißt es u. a., daß die juristischen Sachverständigen der englischen, den Möglichkeiten. ater reiche das hondelsabkommen vollkommen franzöfifchen und spanischen Regierung sich schon in den allernächsten aus. Er wisse nicht, ob es mölich sein werde, die Berhandlungen Tagen mit der Entwidlung in Maroffo befassen werden. Wör.lich mit Sowi trußland wieder aufzunehmen. Er glaube nicht, daß die heißt es dann:„ Borläufig denkt die französische Regierung an teine gegenwärtige Zeitlane hierfür geeignet sei, da freundschaftliche Be- militärische Initiative. Bediglich im Falle einer scharfen ziehungen auf gegenfeit ger Achung vor den innenpolitischen Ange- Buspigung der Lage würde eine dirette Aktion in Frage tom leg helten fußten Macdonald fagte, der Bölferbund wünsche nicht, in Aegyp- men. Es scheint, daß die Gegner der spanischen Truppe feine D'fen ten zu intervenieten, aber wenn er erfucht werden würde, der britischen Regierung bei der Regelung zu helfen, fo würde er eine feine: kerrichsten Toten vollbringen. Als Macdoneld auf den Sinowjem Brief zu sprechen tam, griff Chamberlain ein mit der Bemer. fibobsichten gegen Frankreich haben und im Gegenteil bamüht find, gute Beziehungen aufrech zuerhalten. Immerhin find Maßnahmen getroffen. Die Regierung steht in Fühlung mit Madrid. Sie hat in Taza neun Bataillone zufammengezogen. land noch in Strafhaft befinden. Wollte man Herrn v. Jagow gegenüber den Separatisten allein die Ehrenhaftigkeit seiner Motive zugestehen, der Masse der politischen Strafgefangenen aber nicht, so wäre das nicht nur eine ungerechtigkeit, sondern noch nicht begnadigt find. zugleich eine Befchimpfung der politischen Strafgefangenen, die Die Begnadigung des Herrn D. Jagom wird der Anlaß sein, daß die Frage der Amnestierung der politischen Straf gefangenen, der Wiedergutmachung der durch die deutsche politische Justiz begangenen Ungerechtigkeiten erneut aufgerollt wird. Herr v. Jagom ist nach drei Jahren Feftungshaft be gnadigt. Und Fechenbach? Die Wiedergutmachung des Fechenbach zugefügten Unrechtes ist nicht Sache des Reichspräsidenten, sondern der bayerischen Regierung. Der Reichspräsident hat dem Kapp- Verbrecher Jagow gegenüber Objettinität bewiesen. Die Hoffnungen, daß die banerische Regierung Fechenbach gegenüber, der das Opfer eines Tendenz urteils schlimmster Art ist, gleiche Objektivität beweisen würde, find gering. Der Reichspräsident fann das Fechenbach zugefügte Unrecht nicht wieber gut machen. Die Begnadigung von Fechenbach liegt außerhalb seiner Kompetenz. Und dennoch wird jeder rechtlich Dentende in Deutschland es als eine schreiende Ungerechtigkeit empfinden, daß Fechen- dach viele Jahre lang zu Unrecht verhängte Zuchthausstrafe vcraüßen soll, während Herr v. Iagow nach dreijähriger Festungshaft begnadigt wird, und der Hochverräter und ge- meine Verbrecher Ehrhardt in demselben Bayern sich frei be- wegen kann, das Fechenbaä) auf viele Jahre ins Zuchthaus warf. In diesem Gegensatz liegt eine Beleidigung des Rechtsempfindens, wie sie stärker kaum gedacht werden kann. Für die Wiedergutmachung des Fechenbach zugefügten Unrechtes haben sich namhafte Männer des deut- schen Reichstages aus allen Parteien mit besten Kräften ein- gesetzt. Wir erinnern nur an die Stellungnahme von Herrn Spahn, dem greisen Führer des Zentrums. Der Schrei nach dem Recht aus allen Parteilagern hat die bayerische Regie- rung nicht berührt. Sie hat nicht N'>r ihr Ohr vor dem allge- meinen Ruf nach Gerechtigkeit verschlossen, sie hat vielmehr olles getan, um eine Wiederaufrollung des Fechenbach-Pro- zesses zu verschleppen. Sie hat damals, als der Rechtsaus- schuß des Reichstages den Fall Fechenbach untersuchte und das Parlament nahe daran war, durch Beschlußfassung im Plenum dem beleidigten Recht im Fall Fechenbach zum Siege zu verhelfen, durch falsche Versprechungen und Zusicherungen eine Beschlußfassung hintertrieben. Sie hat durch ihren Ge- sandten v. Preger das Reichsparlament über ihre wahren Absichten im Falle Fechenbach hinweggetäuscht. Die K a p p- B e rb r e ch e r sind frei, aber Fechenbach schmachtet im Zuchthaus! Auf den Kapp-Berbrecher Iagow ist die Gnade des Reichspräsidenten angewandt worden, für Fechenbach fordern wir von der bayerischen Regierung Gerechtigkeit. Wenn die bayerische Re- gierung weiter wie bisher sich dem Schrei nach dem Recht ver- schließt, so wird der Fall Fechenbach erneut mit allem Nach- druck und mit allem Ernst im Deutschen Reichstag aufgerollt werden müssen. Der heutige Zustand ist unerträglich für jedes Rechtsempfinden. Wenn Deutschland Anspruch darauf erhebt, ein Rechtsstaat zu fein, so darf Fechenbach nicht länger im Zuchthaus schmachten, während die Kapp-Berbrecher frei aus- gehen. Tie Motive der Begnadigung JagowS. Von zuständiger Stell« wird erklärt, daß die Begnadigung v Jagows kein besonderer Ausnahmesall sei, sondern der Uebung und den Grundsätzen entspreche, die der Reichspräsident bei Begnadigungen befolgt. Maßgebend für die Begnadigung waren folgende Gesichtspunkte: 1. entspricht es der ständigen Praxis, FreihZitestrafen wegen politischer Vergehen noch verbüßung ihres größten Teiles zu erlösten, wenn die Betratfencn sich ordentlich geführt haben, und wenn Gesundheits-, FamiUenoerhältniste oder dergleichen dafür sprechen. So sind z. B. auch die Schuldigen des Kommunistenaus« stondes in Mitteldeutschland nach Verbüßung von etwa zwei Dritteln ihrer Straf«, wenn di« obigen Voraussetzungen gegeben waren, vom Reichspräsidenten begnadigt worden: 2. ist die Reichsregierung durch das Abkommen mit Frankreich gezwungen worden, auch die in Strafhaft befindlichen S e p a r a- tisten zu begnadigen, die sich in denkbar schwerster Weis« und oft aus gsmeinen Motiven politisch gegen das Reichsimeresse vergangen b-�ten, ein Urnftonb auf den£e Verwandten Jagows bei ihren Gnadengesuchen besonders hingewiesen habe»; S. die dreijährige Haft hat Herrn v. Iagow an feiner Gesund- heit geschädigt und bei dieser Sachlage, da von den fünf Iahren drei verbüßt sind, hat der Reichspräsident dem Begnadigung?. cntrag des Reichsjustizministeriums, der vom Ober. rsichsanwalt befürwortet war. stallgegeben. Was die Forderung nach Begnadigung Fechenbach? betrifft, fo erklärt man, da Fechenbach von einem bayerischen Gericht ver- »rchilt sei, steh« das Gnaden recht nicht dem Reichspräsidenten, son. der bayerischen Regierung zu. Der unerwünschie Hitler. Der vefftmnmte„Trommler' hat bei rcr Bundesanwaltschaft da? schweizerische Asylrecht nachgesucht. Die Bundesanwaltschaft verhält sich bisher ablehnend. Der Riß in üer Kommunistischen Partei. Wie unbequeme Wahrhelten unterdrückt werden. Die Kommunistisch« Partei macht jetzt im Anschluß an die ge- rralffame Beseitigung T r o tz k i s eine Periode schwerer inne- rer Wirren durch. Nicht nur m Rußland, auch in den Kommu- nistischm Parteien der anderen Länder gehen die einzelnen Gcuppen und Strömungen mit den heftigsten Vorwürfen gegeneinander los. Auch in der KPD. tobt ein wüster innerer Kampf. Ein hochosfi- ziöser Artikel in der heutigen„Roten Fahne' gewährt«inen inter- csianten Einblick in diese Auseinandersetzungen. Di« herrschende „bolschewistische' Gruppe Scholem-Katz-Ruth Fischer stürmt wie besessen gegen die Gruppe Brandler-Thalheimer vor, die wegen ihrei;„rechten Abweichungen' bekanntlich in Acht und Bann getan worden ist. Kürzlich hat diese Gruppe versucht, sich durch ein« Deklaration gegen Trotzki bei der Moskauer Z«n- trale in angewehm« Erinnerung zu bringen. Gegen diese Gefahr, die mit allerhand Ueberraschungen droht, wendet sich nun in der heftigsten Weise die„Rote Fahne". Sie bezeichnet di« Erklärung Brandler-Thalheimers als einen„plumpen und verlogenen Versuch, sich der Exekutive der Komintern wieder anzubiedern' und führt ein« Anzahl von Erklärungen Brandlers und Thal- h e i m er s zur russischen Frage an, um„die ganze Verlogen- hei t und die Hintergründe diefs erbärmlichen fraktionellen Manö- vers aufzuzeigen". Nach den Angaben der„Roten Fahne' hat Brandlsr im Januar d. I.. nach der Rückkehr der Delegierten der KPD. aus Moskau ein Referat gehalten, in dem er zu der russischen Frag« u a. bemerkte: „... Es ist richtig, man kann sich di« Bundesgenossen nicht auswählen, und dann kommen Dinge, denkt sie konsequent zu Ende. für die Internationale, für di« russische Partei. Di« russische Partei macht setzt auch eine schwere Krise durch, und ich erlaub« mir jetzt«in« schwere Ketzerei. Als_Rade hier eine gefährliche Tendenz. Ich fühle mich in der Gesellschaft Radeks und Trotzkis immer noch woh- ler als in der Gesellschaft von Ruth Fischer und Maslow und Sinowjew...* Zur russischen Frag« bemerkt« dann Brandler mach weiter: „... Rußland ist das entscheidende Land der Weltrevolution und«ntscheidet, wie stellt man sich zur Frage der Revolution und wie stellt nian sich zur International«. Ich gehöre zu den schwer- fälligen Menschen, di« sich erst dann ein Urteil bilden können, wenn sie die Tatsachen kennen. Ich gehöre nichr zu den Genies. di« olles gleich riechen. Ich hatte drüben Zeitz well ich nicht Subjekt, sondern Objekt war. Ich habe drüben den Eindruck gewonnen — damit ihr nicht hausieren gehen könnt damit, ich hätte mich aus Trotzki festgelegt—, daß Ich erst dann, wenn ich einen Abschluß Hab« im Studium der russischen Frage, di« Dinge richtzg sehen werde. .Ich Hab« jetzt noch kein richtiges Urteil. Ihr fech- t«t in der blauen Luft, und meiner Meinung nach drüben auch das ZK und die Opposition. Mir geht es um den Sinn der russischen Revolut on... Schon in dem Abschieds- briefe, den Lenin an die Schweizer Arbeiter richtete, stellie er das Problem der russischen Revolution ganz scharf, die führend« Rolle der russischen Partei, die führende Rolle des schwachen russischen Proletariats im Bündnis mit den Bauern, und er sah. es besiehe» zwei Möglichkeiten. Die russische Revolution kann, wenn sie in West- «uropa fortgesetzt wird.-die erste proletarische Revolution sein oder eine Bauernbefreiuung.di« letzte bürgerliche. Und da Lenin sich nie selbst einen Krei? zog. sagte er. eg rst auch Aufgabe der russischen Revolution, auch fre Bauernrepolution zu forcieren. Dar- aus muh man zurückgehen, wenn man die Problem« sehen will. Und jetzt ist die«ntsckieidsnde Phase gingetraten: was wird. wenn der nach st e Schritt zur Weltrevolution aus- bleibt, wenn das deutsche Proletariat nicht bald di« Macht«rgreistz Tann ist da? keine Frage der Taküt der deutschen Partoi, dann ist entscheidend, daß es kein« proleta- rische Revolution, sondern die Bauernrevolution war." In seinen weiteren Ausführungen betont« Brandler, unter Berufung auf Lenin, die Notwendigkeit einer Revision der kommu- nistischen Taktik in Rußland. Wie di«„Rote Fahne' bemerkt, waren feine Formulierungen in dieser Frag« noch„krasser und eindeutiger', Das höchste Recht. Bon Liparit Nasartantz. Das Beil') auf der Schulter, den KeschküL) in der Hand betrat eines Tages ein einfacher Derwisch die Stadt. Als er an das Haus de« Mudjahiden') kam, hob er«inen großen Stein vom Straßenpflaster auf und warf dos Fenster in Scherben. Voll Wut sprang der Mudjahid aus dem Hause und herrschte den Derwisch an: „Bist du von Sinnen? Warum warfft du mir dos Fenster ein?' „Das war ich nickst,' antwortete der Derwisch gelassen. ..Du lügst, du Schwindler! Mit eigenen Augen sah Ich e».' Der Derwisch starrte den Mudjahiden an. ohne«in Wort zu sogen. Und dieser schlug die Augen nieder und zog sich in» Haus zurück. Der Derwisch wandert« weiter. Und als er an dem Haus« eines reichen Bürgers war, zog er aus der Tasche Feuerstein und Stahl, steckt« den Zunder an und hielt ihn an den Heuschober, der an der Wand emporragt«. Im Nu flammte das trocken« Heu auf. und ein« Weil« später leckte di« furchtbare Loh« hinauf bis zum Dach des Palastes. „Warum zündest du mein Haus an?' heulte der Reiche, der entsetzt herausgestürzt kam. Der Derwisch sogt« nichts, bannte ihn nur mit seinen Blicken. Und der Reiche bezähmte seinen Zorn und schlich mit hängendem Kopf zu seinem brennenden Palast. Aber das Gerücht von diesen Streichen war inzwischen dem Richter zu Ohren gekommen, und dieser ließ den Derwisch vor sich führen. Der Richter thronte aus seinem Sessel oben auf der Estrade, und ror ihm auf dem breiten Platz wimmelte ein« Menge Volkes. Gemessenen Schrittes stieg d«r Derwisch auf die Eftrade, trat cm den Richter heran und spi« ihm ins Antlitz. Gleich einem rasenden Tiger sprang der Richter auf und brüllle: „Gemeiner Schuft! Ich lasse dich sogleich in Stücke reißen.' Der Derwisch rührte sich nickst von dem Fleck, bohrte ihm nur sein« geheimnisvollen Blicke in die Augen, und der Richter sank wie vom Blitz getroffen auf der Stelle, wo«r stand, hin. Do wandt« sich der Derwisch zum Volk und sprach offo: „Ich bin kein Lügner, noch ein Brandstifter, ein Frevler. Seit Iahren ist es mein Lebensziel, einen Menschen zu finden, der sich anfrichlig entrüsten darf. Aber bis jetzt war all meil: Suchen oer- ') Symbol der Derwischwürde. Hälfte der Schale einer Kokosnuß zum Almofensammeln. Oberster Geistlicher bei den schiitischen Mohammedanern. gebens. Und heute wollte ich in dieser Stadt eure geachtefften Männer prüfen. Ich roorf das Fenster des Mudjahiden ein, ober fein Zorn verraucht« bald. Ich zündet« das Haus des Reichen an, aber er wagt« es nicht, mich der Gerechtigkeit zu überliefern. Ich spie dem Richter ins Gesicht, und er steckt« die Beleidigung«in. Denn euer frommer Mudjahid lebt in Lüge und Falschheitz Euer angesehener und wohltätiger Reichling gründete seinen Wohlstand auf dem Elend von Tausenden. Und euer gerechter Richter speit selbst jeden Tag auf Gesetz und Gereckstigkeitz Und sie olle duckten sich vor meinem forschenden Blick, weil sie ahnten, daß ich die Heuchelet ihrer Entrüstung erraten würde. Sich entrüsten dürfen— das ist dos Höchste aller Recht«. Und dieses Recht hatten die Leuchten eurer Stadt nicht.' Er sprach e« und, den Keschkül schwingend, stieg er von der Estrade herab und wandelt« langsam seines Weges dahin. vi? Entdeckung des Windes. Wenn ich draußen auf den Feldern eine Windmühle di« trägen Flügel drehen sehe, Hab« ich immer das Gefühl: Herrgott, ist das«ine urclle Einrichtung! Auf manchen Gebieten steht der menschliche Witz unoerrückt noch immer auf dem gleichen Punkt, an dem er vor hundert Iahren stand. Das sind noch immer di« gleichin Windmühlen, die mit ihren gestikulierenden Flügelarmen rn der entzündeten Phantasie des edlen Ritters Don Quichotte die Visionen feindlicher Riesen erzeuglen. Auch die Segelschiff«, so schön sie sind, kommen mir veraltet vor. Sie scheinen mir nur noch geeignet, von jungen Lyrikern mit schimmernden Möwen verglichen zu werden und auf rosa verdämmernden Abendstimmucigscmfichtspostkorten(Mondschein nicht ausgeschlossen) selig dahinzugleiten. Der Wind ist wirNich in der Entwicklung etwas zurückgeblieben. Er muß sich geradezu verkriechen, wenn er auf fein Bruderelement, das Wasser, blickt. Auf den Kräften des Niagarafalles bauen sich gewaltige Industrien auf. und(ohne di« Saale mit dein Niagara ver- gleichen zu wollen) wenn erst die neuen Stauwerk« der Saale oben im Thüringer Wald fertig fein werden, dann wird dieses stille Ftüßchen Riesendynamos treiben und ein ganzes Industriezentrum mit Strömen der Kraft versorgen. Ader der Wind— er ist immer noch das himmlische Kind, ein nutzloses Märchzngeschöps, ein Pausbackenengel, zu nichts gut, als ein Stück Segclleinwand aufzublähen. Windmühlen zu drehen und, wenn er's ganj toll treibt, den Leuten die Hüte durch di« Straßen zu wirbeln. Das soll nun ander? werden, sagt de? Ingenieur Flettner, und nimmt den herumstreichenden Burschen beim Wickel. Er soll arbeiten, tüchtig, nach meinem System, nach physikalisch-mathemati- schen Formen. Aus dem himmlischen Kind wird ein Sturmgeselle der Zeit. Zcpbyrs Säuseln braust und donnert in tausendfach ver- stärkenden Maschinen. Das neue Segelschfff des Ingenieurs Flettner fängt den Wind nicht in Segeln, sondern w zwei 20 Meter hohen, drei Meter dicken als aus dem jetzt wiedergegebenen Stenogramm hervorgehe. Brand» lcr habe von der Notwendigkeit der Demokratie in Rußland und einer demokratischen Arbeiter- und Bauernregierung gesprochen! Dieses unerhört« Derbrcäz n darf natürlich nicht ungcröcht bleiben. Brandler wird deshalb den Diktatoren im Kreml als„Menschewist" und„Sozialverräter" denunziert, der auch dann nicht wieder in Gnaden aufgenommen werden darf, wenn er sich heute gegen Trotzki und den Trotzkismus er- klärt. Drohend erklärt dos Zentralorgan der KPD., die deutsche Partei werde„dem Trotzkismus und dem Brandlerismns in ihren Reihen keinen Platz gönnen". So wird in der KPD. der Kampf gegen unbequeme Wahrheiten und gefährlich« Konkurrenten geführt! Der Jagow-polizift als Zeuge. Er„wollte Ebert einziehe« lassen." F. Kl. Magdeburg. 16. Dez.(Eig- Drahtber.) Um den Unfug zu vervollständigen, wurde heute be- schlössen, den Genossen Scheidemann noch einmal zu laden, damit er Auskunft darüber gebe, ob er der Verfasser des viel zitierten„Vorwärts'-Artikels vom 29. Januar 191� fei. Diese Belästigung Scheidemanns geschieht lediglich, weil der frühere Berichterstatter des„Vorwärts", Unger, jetzt antisemitischer deutschnationaler Klopffechter, den Verdacht auf seine Autorenschaft ausgesprochen hat. Den eigentlichen Verfasser des Artikels, dessen Namen von Rechtsanwalt Lands- berg dem Gericht genannt wurde, will das Gericht überhaupt nicht hören, trotzdem gerade er einige interessante Mitteilun- gen hätte machen können. Profestor A. Weber- Heidelberg, der bekannte Ratio- nalökonom, hat sich selbst als Zeuge gemeldet,� weil es ihn drängt, gegen die Verdächtigungen des Reichspräsidenten aus- zutreten. Er hat in den kritischen Tagen des Januar mehrfach mit Ebert verhandelt und hat die Ueberzeugung, daß dieser alles getan habe, um jenen Streik zu einem baldigen, für das Land ersprießlichen Ende zu führen. Dann erlebte man einen Polizisten ällesten Stils, jenen Polizeirat Henniger, der schon unter Jagows und v. Oppens Zeiten Leiter der politischen Polizei in Berlin war. Eharakteristisch für seine Auffassung, die er heute dem Gericht suggerieren will, ist, daß er wiederholt angeregt hat. den Abgeordneten Ebert durch Einberufung aus Berlin zu entfernen, damit er seinen Einfluß nicht mehr ausüben könne. Ganz Polizist— dieser Henniger, er sieht nur Befehle und Orders und solch?, die sie zu befolgen haben. Nach ihm hat die Sozialdemokratie und besonders der„Vorwärts' die Ausdehnung des Streiks versucht. Allerdings ein anderer Polizeirat, der auch beim Polizei- Präsidium Berlin beschäftigt war, H e n n i n g mit Namen, der deshalb mit Henniger viel verwechselt wird, erklärte, daß nach seiner Auffassung die Sozialdemokratie im Januar nur noch geringen Einfluß gehabt habe und daß ihr Eintritt in die Streik- leitung nur aus tattischen Gründen erfolgt sei. » 88. Ma�eburg, 16. Dezember. Zu Beginn der heupgsn Berhandlmig teilt« der Vorsitzende mit. daß der Zeug«, Kriminalbe'amt«« Hailgs, d«r yon der Bsriechlgung genannt worden war und der über die Red« des Reichspräsidenten während des Munitionsarbeiterftreiks im Treptower Part auefager soll, beim Polizeipräsidium Berlin unbeka.mc fei. Polizeipräsident Richter-Berlin teilt« auf Anfrage des Gexichts mit. daß in dgn Ak-en sich Berichte der Beamten über die damalig« Versammlung n i ch t mehr vorfinden. Ebenso war«in Schreiben des Präsidenten des Reich sarchips in Poisdam eingelaufen mit der Mitteilung, daß di« Bericht? der Ueberwochungsbeamten von der Sabotageabwehr- abteilung der Fliegerabteitung nicht im Reichsarchiv vor- handen seien, und daß sie auch bei der Kommandantur Berlin nicht bekannt wären. Offenbar müßten sich die Akten bei den Prozeßakten in Sachen Dittmann vor dem Kriegsgericht befinden. Der Vorsitzend« erkiärt hierzu, daß die Akten auch dort nicht vorhanden seien. rotierenden Stahltürmen. Und wenn die Brise noch fo flau ist. der leise Atem der Lüste genügt schon, um die Windtürme in Bewegung zu setzen, seine Kraft zu verstärken, neue Kraft auszu- lösen. Das neu« Segelschiff fährt nicht nur ohne Segel, sondcnr auch ohn« Wind, weil es ihn selber macht. Es preßt die kaum wahr nehmbare Lus.strömung in die Windtünne, verstärkt sie hier und setzt sie in neu« Energie um Wenn sonst bei dick» Flaute die Söget schlapp hingen, fährt jetzt das Flennersche Rotorschiff mit schwerer Ladung schneller alz das alte Segelfahrzeug bei srischer Bris«. Die Lyriker werden Augen machen, wenn sie dies« Segelschifse mit den klobigen Stahlzizlindern sehen! Der Borgleich mit der schimmernden Möwe wird ihnen im Hals« bzw. im Füllfederhalter stecken bleiben. Ab» auch die Windmühlen können sich auf etwas gefaßt machen. Denn Flettner fängt den Wind nicht nur zu Walser. sqndern auch aus dem Lande. Die norddeutsche Tiefebene und zumal Holland können schon setzt di« Windmühlen verabschieden.(Ein Exemplar ist in den Museen abzuliefern.) Flettner wird riesig« zylindrische Windtürm« aufftellen, die nicht nur Mühlen treiben, sondern Industrieanlagen und Landwirtschaften mit Kraft speisen werden. Besonders Holland, wo immer ei« frischer Wind weht, hat für di« Flettnar-Türm« das größte Intereste. Die niederländische Windmühlenlandschaft wird bald der Geschichte angehören und dem Ruysdael der kommenden Malerei wird nichts anderes übrig bleiben, als auf die Entdeckung neu» Landschaftsschönheite« auszugehen. _ Hans R a t o n« k. Ein russisches Hungermuseum. D» russische Sonderbcricht- «rstaller der Kopenhagen»„Politiken" veröffentlicht in seiner Z«i- tung«ine Reihe aufschlußreich» Reisebneft über Land und Leute in Rußland. Der dänisch? Journalist erzählt darin, wie er auf seiner Fahrt durch das Riesenreich nach d» Stadt Samara gekommen sei, die der Mittelpunkt der von d» Hungerkatastrophe betroffenen Gegenden ist. Dort hat man, so fürchterlich sich dies auch anhören mag, ein Hungermuseum errichtet, in dem sich di« seltsamsten und schaudererregendsten Gegenständ« befinden. Es gibt dort bei- spielsweis« eine besondere Abteilung für Kannibalismus, der in der ©tadt während der schlimmsten Hung»zeit getrieben wurde. In einer-Reihe von Familien sah man sich unter dem Druck d» bitter. sten Rot gezwungen, ein oder zwei Kinder zu opfern, um die anderen am Leben zu erholten. In Samara gab es segor Leute, die mit Menschenfleisch ein Metzgerhandwerk betrieben. Zn der 0olk»dahae, Iheoler am Vülowploh. finden am Sonntag, den Lt., vorm. tth, Uhr, ol« Miulnei die Ulaussührungen von O'NeillS .Unterm kar, bischen Mond' und von Brust«.S ädseelpiel- statt. Ver»eue Vorstand der Berliner Sezessta«. In der lehirn Eeneral. Versammlung der Berliner Sezession wurde der Borstand iür du« Iabr iOLZ wie solgt qeiräfjll: Pros. Lovis Corinth. Tbarlotte Berend, Zranz Heckcn. doli, Willii Iaeckcl. Bruno Krautkops, Eugen Spiro, Prof. Senil Kenck. «US neue Mitglieder wurden die Maler Pros. Arthur Degner, Otto Dir und Eonrad geltxmüller hinzugewöhlt. Einst ög'tcher ZouraaNsmu«. Da« Londoner Blatt.Peovl«' teilt mit daß Lloyd(Seorge ollein durch Artikelschreide» für die englische und amerikanische Presse jährlich ein Emtommen van unaesähr 20 ooo Pfund Sterling habe. 5t"5f. Dr. Martin teilt« dann mit, daß der damalig De- irmte der Sabotageabwehrstell« N istler jetzi gefunden sei inb in Augsburg wohne. Der Zeuge wird daraus hin telegraphisch zu morgen früh geladen. R.-A B i n d ew al d beantragte, Oberbürgermeister Scheide- mann zu morgen abermals zu laden, da er Auskunft darüber geben solle, ob er den Artikel im„Vorwärts" vom 2 9. Januar 1918 geschrieben habe, in dem der Munitions- arbeiterstreik voll und ganz gebilligt wurde. Weiter soll Scheide- mann darüber Lekundungen machen, ob die Parteileitung nicht doch bereits am 2 8. Januar ihr« Vertreter in die Streikleitung entsandt habe. R.-A. Dr. Londsberg verlangte für diesen Fall Chef- redakteur Stampfer vom„Vorwärts" zu laden. der über den in Frage stehenden Artikel die best« Auskunst geben könne. Ich füge noch hinzu, daß damals wegen dieses Artikels, der, wie ich glaube, von Herrn K u t t n« r geschrieben wurde, gegen Stampfer ein Verfahren eingeleitet morden ist. Bor f.: Nach den Ergebnissen der damoliga.n Untersuchung hat entweder Herr Stampfer selbst oder Herr Kuttner den Artikel geschrieben. R.-A. Dr. Landsberg: Ich möchie übrigens hierzu bemerken, daß die Oberste Heer». leitung bei Herrn Stampfer damals angerufen und ihr Bedauern ausgesprochen hat. daß man wegen dieses Artikels gegen Herrn Stampfer ein verfahren eingeleitet habe. R.-A. Dr. Martin streift« daraufhin noch einmal die bereits am Simnobend erörterte angebliche Rede des Dr. David in Köln und erklärt«, daß er von seiaem Gewährsmann, dem Fabrikbesitzer Schulz in Hamburg Mitteilungen ei Halter habe, daß in dar Kölner Versammlung nicht Dr. DavidAeußerunger getan habe, daß die Sozialdemokratische Partei«ine neue Offensive verhindern werde, sondern daß der Redner der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Davidsohn gewesen sei. R.-A. Dr. Landsberg: Der frühere Reichsminister Soll- mann teilt mir mit, daß in der Tat der Abgeordnet« Davidsohn in Köln vor den Kriegsverletzten gesprochen habe. Sollmonn ist in der Versammlung selbst anwesend gewesen und bestreitet entschieden, daß Davidsohu die ihm nachgesagten Aeußerungea qetau hat. Das Gericht beschloß hierauf nach kurzer Beratung, Oberbürger. meister Scheidemann zu Mittwoch vormittag noch einmal zu laden. Prof. Weber als Zeuge. Dann wurde Prof. Alfred Weber» Heidelberg vernommen. Vors.: Sie sollen während des Streiks mit Herrn Ebert zusammen- gekommen sein und mit ihm die Streiklag« besprochen haben. Zeuge: Einleitend möchte ich erklären, daß ich mich selbst als Zzuge gemeldet habe, da ich mich oerpflichtet fühlte, über das Ber- halten des Herrn Reichspräsidenten hier auszusagen. Ich war da- mals im Reichsschatzamt tätig und hatte mit dem Staats- s