Nr. 603 41. Jahrgang Ausgabe A nr. 307 Bezugspreis: Böchentlich 70 Goldpfennig, monatlich 8,- Goldmart voraus zahlbar. Unter Streuzband für Deutschland. Danzig Gaar- und Memelgebiet. Defterreich, Litauen, Luxemburg 4.50 Goldmart, für das übrige Ausland 5,50 Goldmar! pro Monat Der., Borwärts mit der Sonntags beilage Bolt und Reit" mit..Gied. lung und Kleingarten" fowie der Unterhaltungsbeilage Heimwelt und Frauenbeilage Frauenftimme erfcheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin Morgenausgabe Vorwärts Berliner Volksblatt 10 Goldpfennig Anzeigenpreise: Die etni paltige Nonpareille geile 0,70 Goldmart. Reklamezeile - Goldmark. Kleine Anzeigen" bas fettgedrudte Bort 0,20 Goldmart( zulässig awei fettaedruckte Borte), tebes weitere Wort 0.10 Goldmart. Stellengesuche das erfte Wort 0,10 Goldmark iedes weitere Wort 0,05 Goldmart. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Borte. Familienanzeigen für Abonnenten Reile 0.30 Goldmark. Eine Goldmart ein Dollar geteilt durch 4,20. Anzeigen für die nächste Nummer müssen bis 42 Uhr nachmittags im Sauptgeschäft, Berlin SW 68, Linden ftraße 3. abgegeben werden. Geöffnet von 9 Uhr früh bis 5 Uhr nachm. Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Redaktion: Donhoff 292–295 Verlag: Dönboff 2506-2507 Dienstag, den 23. Dezember 1924. Vorwärts- Verlag G.m.b.H., SW 68, Lindenstr. 3 Posticheckkonto: Berlin 375 36. Bankkonto: Direktion der Diskonto- Gesellschaft. Devoitentasje Lindenstraße 3 Deutschland und der Völkerbundspakt. Die Räumung der Kölner Zone. Eine neue Note der Reichsregierung. WIB. veröffentlicht den Wortlaut der Note, die die Reichs| hineingetragen wird. Auch bei Vorausjegung loyaler Erfüllung regierung dem Generalsekretariat des Böllerbundes in Genf und den im Völkerbundstat vertretenen Mächten übergeben hat, um Völkerbund nochmals zu präzisieren. Die Note erinnert an das bereits am 29. September überreichte deutsche Memorandum und fährt dann fort: der Bundespflichten muß man sich darüber klar sein, daß die fremden Bundestruppen deutschen Boden niema's mit dem gleichen Opfermut ihren Standpunkt zu der Frage des Eintritts Deutschlands in den verteidigen würden wie ihr eigenes Land. Daß bei solchen Kämpfen die deutschen Truppen feine nennenswerte Rolle spielen könnten, bedarf ergesichts ihrer geringen Zahl und ihrer Entblößung von allen modernen Kampfmitteln feiner weiteren Ausführung. Dies alles ist eine notwendige Folge der Tatsache, daß die gefamte Organisation des Bölferbundes faum der einbar ist mit dem militärischen lebergewicht einzelner Staaten, gleichpiel ob fie dem Bunde angehören oder nicht. Sie jetzt im Grunde einen Rüftungszustand aller Staaten voraus, bei dessen Bemessung die geographische Lage und die Größe des Gebiets wenigstens annähernd in gleichem Maße berüdist. Die Antworten auf das Memorandum liegen der Deutschen Regierung. nunmehr vor. Sie fann mit Genugtuung feststellen, daß ihr Entschluß in den Antworten der im Bölkerbundsrat vertretenen Mächte volle zustimmung gefunden hat. Auch glaubt die Deutsche Regierung den Antworten entnehmen zu dürfen, daß ihrem Wunsche wegen der Beteiligung Deutschlands am Bölkerbundsrat feitens der jetzt im Volkerbundsrat vertretenen Regierungen Rechsichtigt nung getragen werden wird. Dagegen haben die Antworten in Ansehung des Artikels 16( siehe unten. Red. d.„ B.") noch nicht zu dem gewünschten Erfolge geführt. Wie die Ausführungen des Memorandums über diesen Punft ergeben, fam es der Deutschen Regierung darauf an, einen Ausweg aus den Schwierigkeiten zu finden, die sich für Deutschland angesichts feiner besonderen Lage aus der Durchführung dieses Artifels ergeben tönnen. Die genannten Regierungen haben jedoch entweder von einem Eingehen auf diese Schwierigkeiten überhaupt abgesehen oder doch die deut chen Bedenken fachlich nicht hinreichend gewürdigt Sie haben in ihren Antworten übereinstimmend der Ansicht Ausbruck gegeben, daß der deutsche Antrag auf Zulassung zum Völkerbund ohne Vorbehalte und Einschränkungen gestellt werden müsse, und haben sich im übrigen darauf beschränkt, auf die Zuständigkeit des Bölkerbundes zur Entscheidung dieser Frage hinzuweisen. Das in Rede stehende Problem ist für das Schicksal Deutschlands von so außerordentlicher Tragweite, daß die Deutsche Regieiung feine Lösung nicht einfach der Zukunft überlassen tann. Der Art if el 16 regelt das Verfahren, das im Falle eines Friedensbruchs gegen den schuldigen Staat zur Anwendung gebracht werden soll. Er verpflichtet die Völkerbundsmit glieder zu Maßnahmen wirtschaftlicher und wilitärischer Art, wie sie bisher im allgemeinen nur unter Herbeiführung des Kriegs. zustandes möglich waren Jedenfalls müssen die Staaten, die sich an solchen Maßnahmen beteiligen, stets gewärtig sein, von dem betroffenen Staate als friegführende Mächte behandelt zu werden. Es liegt auf der Hand, daß das dem Sanktionsverfahren zugrunde liegende Prinzip praktisch nur dann verwirklicht werden fann, wenn es mit Einrichtungen und vertraglichen Abmachungen verbunden ist, die den beteiligten Bölkerbundsmitgliedern das größtmögliche Maß von Sicherheit gegen friegsmäßige Handlungen des Friedensstörers gewähren. Das ist nach der Bö ter bundsfahung nicht der Fall. Die Durchführung militärischer Operationen gegen den Friedensstörer ist grundfäßlich zwar vorgefchen, aber bisher nicht näher geregelt. Sie ist nicht der zentralen Befehlsgewalt des Bölkerbundes unterstellt, sondern dem freien Ermessen der einzelnen Völkerbundsmitglieder überlassen. Auch ist der Erfolg des Sanktionsverfahrens unter Umständen dann in Frage gestellt, wenn es sich gegen Staaten richtet, die, wie das heute noch der Fall ist, über eine unbeschränkte gewaltige Kriegsrüftung verfügen. Daß sich hieraus für nahezu alle Mitgliedsstaaten gewisse Gefahren ergeben, ist richtig. Diese werden aber unerträglich gefteig ert für ein Land, das sich, wie Deutschland, in zentraler Lage befindet und völlig entwaffnet Aus den Schwierigkeiten, die dieses Mißverhältnis für eine Beteiligung Deutschlands an dem Sanktionsverfahren zur Folge hat, gibt es nach Ansicht der Deutschen Regierung nur einen Aus= weg. Dem Deutschen Reiche muß für den Fall internationaler Konflikte die Möglichkeit belassen werden, das Maß seiner aftiven Teilnahme selbst zu bestimmen. Damit verlangt Deutschland teine Vergünstigung. Was es verlangt, ist die Berüd sichtigung feiner besonderen Lage bei Bemessung seiner Bundespflichten. Scrft würde es durch den Eintritt in den Völkerdurch den Eintritt in den Bölferbund gezwungen werden, auf das letzte Schuhmittel eines entwaffneten Volfes, die Neutralität, zu verzichten. In welcher Form dem deutschen Wunsche Rechnung getragen werden förnie, vermag die Deutsche Regierung nicht zu übersehen. Sie ist nicht authentisch darüber unterrichtet, wie die Gestaltung des Sanktionsverfahrens im einzelnen geregelt oder geplant ist. Allerdings eninimmt die Deutsche Regierung aus dem ihr init Ihrem gefälligen Schreiben vom 27. Oftober d. 3. übermittelten Protokoll für die friedliche Erledigung internationaler Streitig Beiten", daß der Völkerbund auch seinerseits bereits Erwägungen angestellt hat, die sich in der Richtung der vorstehenden Ausführung n bewegen. Nach Artikel 11 Absatz 2 dieses Protokolls soll bei der Beteiligung der einzelnen Staaten am Sanktionsverfahren ihrer geo. graphischen und militärischen Lage Rechnung getragen werden Abgesehen davon, daß das Protokoll noch nicht in Kraft getreten ist, foll aber von der erwähnten Bestimmung offenbar unberührt bleiben die Verpflichtung aller Bundesmitglieder zur Teilnahme an Blockademaßnahmen, zur aktiven wirtschaftlichen Unterstützung des Sanktionsverfahrens sowie zur Duldung des Durchmarsches der daran beteiligten Truppen. Damit wird allen Bundesmitgliedern die " Möglichkeit der Neutralität genommen. Für Deutschland würden also auch nach dem Infrafttreten des Protofolls alle die Gefahren bestehen bleiben, die oben furz angedeutet wurden. Die Deutsche Regierung gibt sich der Erwartung hin, daß der Bölkerbund die Berechtigung diefer Befürchtungen anerkennen und einen Weg zu ihrer Beseitigung finden wird. Sie ist der Anficht, daß eine Berücksichtigung der deutschen Interessen möglich ist, bne damit die Organisation des Völkerbundes oder die Erfüllung feiner Aufgaben in irgend einer Weise zu gefährden. gez. Stresemann. Der Note ist als Anlage das den Ratsmächten am 29. September überreichte Memorandum beigegeben. regierung sich dazu entschlossen habe, den Eintritt Deutschlands zu erstreben. Indessen wünsche sie zur Vermeidung von Rückschlägen gewisse Fragen vorher zu flären. ist. Zur Kennzeichnung des Zustandes, der durch die einseitige Ent- enntnis zur Völkerbundsidee wird erklärt, daß die Reichswaffnung Deutschlands herbeigeführt worden ist, mag nur an folgende Tatsachen erinnert werden: Deutschland, ein Land mit mehr als 60 Millionen Einwohnern, mit einer Landesgrenze von 5000 Kilometer und mit einer Küste von über 2000 Kilometer, vers fügt über ein Heer von insgesamt 100000 mann Die Ncte schildert sodann den Entwaffnungszustand Deutschland erftrebe terreswegs befendere Vergünstigungen, möchte aber lands und die Unmöglichkeit für Deutschland, Krieg zu führen. Sie fährt dann fort: Boltstraft sicherstellt. Es gibt Nachbarstaaten Deutschlands, die bereits nach dem Friedensstande über 5000 Tants, 1500 Militärflugzeuge und 350 Batterien schmere Artillerie befizen; alle perfügen über große Materialreserven für den Kriegsfall. Ein Nachbarstaat mit weniger als 8 Millionen Einwohnern hat ein stehendes Heer von 80 000 Mann, ein zweiter Nachbarstaat mit weniger als 14 Millionen Einwohnern ein stehendes Heer von über 150 000 Mann, ein dritter Nachbarstaat mit weniger als 30 Millionen Einwohnern ein stehenDes Heer von 275 000 Mann, ein vierter Nachbarstaat mit weniger als 40 Millionen Einwohnern ein stehendes Heer von über 700 000 Mann. Alle diese Heere sind auf dem System der allgemeinen Wehrpflicht aufgebaut, das im Kriegsfalle den Einsatz der gesamten Deutschland befindet sich somit in völliger militärischer Ohnmacht inmitten eines start bewaffneten Europa. Wenn die im Artikel 16 vorgesehenen Maßnahmen zu triegerischen Ereignissen führen, ist Deutschland außerstande, emnem militärischen Einbruch in fen Gebiet wirksam entgegenzutreten. Es wäre vollständig auf den militärischen Schutz der Bundesmitglieder angewiesen, ohne daß diese zur Gewährung des Echußes gezwungen werden könnten. In den meisten denkbaren Fällen würde es zum Schauplatz europäischer Völkerbundskriege geradezu prädestiniert sein. Selbst wenn Der Friede: isstörer nicht ein unmittelbarer Nachbarstaat Deutsch lands ist, muß es befürchten, daß der Krieg durch einen ungünstigen Berlauf der militärischen Operationen in sein ungeschüßtes Gebiet Es handelt sich um vier Punkte. Der erste Punkt betrifft die Gewährung eines Sizes im Völkerbundrat. Deutsch bei Einreichung eines Zulassungsgesuches die Gewißheit haben, daß es alsbald einen ständigen Ratssig erhält. Der zweite Punkt betrifft den Artikel 16 des Statuts, auf den sich die neue Note bezieht. In französischem Licht. Paris, 22. Dezember.( Eigener Drahtbericht.) Bon französischer sozialistischer Seite wird uns über die Räumung der Kölner Zone folgendes erklärt: Die deutschfranzösischen Beziehungen scheinen wieder einmal an einem tritischen Puntt angelangt zu sein. 3mei Monate werden nunmehr schon die Wirtschaftsverhandlungen geführt, ohne daß eine Berständigung erzielt werden konnte. Diese Tat fache hat in Frankreich auch in linksstehenden Kreisen Zweifel an der Richtigkeit der Behauptung entstehen lassen, daß alle Schuld dafür nur an der französischen Delegation läge. Andererseits aber verfennt man hier nicht, daß die Absicht Englands und Frankreichs, die Kölner Zone nicht am vor gesehenen Datum zu räumen, in Deutschland tiefste Beunruhi gung, vor allem auch in nicht nationalistischen Kreisen, geschaffen hat. Das Mißtrauen gewinnt wieder an Boden, hüben und drüben, und es ist flüger, sich das offen zu sagen und nach Gründen zu forschen, als etwa aus tattischen Gründen es zu verschweigen. Die französischen Sozialisten stehen nach wie vor auf dem Standpunkt, daß die Räumung der Kölner Sone und der Ruhr so rasch wie möglich zu er folgen habe. Man geht wohl auch nicht irre, wenn man annimmt, daß der Ministerpräsident Herriot der Auffassung treugeblieben ist, die er während der Londoner Sommerfonferenz zum Ausdruck brachte, und die darauf hinauslief, für die Räumung der Ruhr eine Maximalfrist festzusetzen, deren Berfürzung er von vornherein ins Auge faßte. Wie fommt es nun, daß trotzdem Schwierigkeiten entstanden sind, was die Räumung der Kölner Zone betrifft? Um sich darüber einigermaßen flar zu werden, muß man die verschiedenen Faktoren, die gegenwärtig dabei eine Rolle spielen, in Erwägung ziehen: 1. die Tatsache, daß die Räumung der Kölner Zone der französischen Linksregierung als eine praktische, günstige Gelegenheit erscheint, um auch die völlige Räumung des Ruhrgebietes zu vollziehen, ohne den Ablauf der Marimalfrist abzuwarten; 2. die Tatsache, daß der Bericht der Interalliierten Militärfommission über die jüngste Inspektion Deutschlands noch nicht abgeschlossen ist, und daß über dessen Inhalt alle möglichen Gerüchte in Umlauf gesetzt wurden; 3. die Tatsache, daß die konfervative englische Regierung aus den verschiedenartigsten Gründen die Räumung der Kölner Zone am 10. Januar nicht vollziehen möchte; 4. die Tatsache, daß dem Stimmenerfolg der Linken zum Troz die Möglichkeit einer unter dem maßgebenden Einfluß der monarchistischen Rechten stehenden Regierung in Berlin noch nicht ausgeschaltet ist. Man übertreibt hier nicht, wenn man den letzteren Umstand, wenigstens vom politisch- moralischen Standpunkt aus, soweit die öffentliche Meinung in Frankreich in Betracht tommt, als den wichtigsten betrachtet. Ist man sich in Deutschland flar über die Wirkung der Regierungskrise, die nach dem 7. Dezember ausgebrochen ist? Leute, die in Frankreich seit Jahren mit der sozialistischen Partei, der Liga der Menschenrechte und dem linken Flügel der radikal- sozialistischen Partei Dieses Memorandum ist seinerzeit zwar nicht veröffentlicht, sein zusammen die Politik des Nationalen Blocks bekämpft hatten, wesentlicher Inhalt jedoch durch Mitteilungen aus der ausländischen zeigen fich heute erschreckt über die Entwicklung Breffe befannt geworden. Nach einem grundsäglichen Be. der Dingein Deutschland. In der französischen Bresse Bresse bekannt geworden. Nach einem grundsäglichen Bedes Nationalen Blocks brach natürlich Jubel aus, als sich die Partei des deutschen Außenministers immer stärker nach rechts orientierte. Damit sind unsere Prophezeiungen in Erfüllung gegangen," fchreibt die französische chauvinistische Presse. " Nachdem Deutschland die französischen Reparationsforderun gen durch den Dawes- Plan auf ein Minimum heruntergedrückt hat, nachdem Herriot ihm die Räumung der Ruhr in einer festgesezten Frist feierlich zugesagt hat, kann man sich in Berlin den Lurus einer Rechtsregierung, die den wahren Gefühlen des deutschen Boltes entspricht, leisten." Auch wenn sie es nicht mit denselben Worten zum Ausdruck bringen, so steht doch fest, daß zahlreiche zur Linken gehörende Elemente, die mit der Ankunft einer Linksregierung in Deutschland gerechnet hatten, dasselbe denken:„ Wenn die Stellung der Nationalisten, selbst nach einem Stimmenwiedergewinn von über 2 Millionen für die Linke noch so stark ist, daß sie die Bildung einer dem Wahlresultat entsprechenden Regierung verhindern können, welches wäre erst ihre Macht, wenn ihnen morgen etwa Neuwahlen neuen Gewinn brächten?" Diese Frage har man sich in den letzten Tagen in allen Kreisen ohne Unterschied der Partei gestellt. Die dadurch geschaffene Atmosphäre erschwert denjenigen, die auch unter den gegenwärtigen Umständen aus prinzipiellen politischen Erwägungen heraus für die rasch e ste Räumung der Kölner Zone und des Ruhrgebietes eintreten, ihre Aftion außerordentlich. Argumente, die sie früher mit Erfolg anwandten, stoßen jetzt wieder auf ein Mißtrauen, das vielleicht weitere Kreise umfaßt als vor dem 11. Mai 1924. Der dritte Punkt betont die Bereitwilligkeit Deutschlands, durch eine ausdrückliche Erklärung zu bestätigen, daß die Reichsregierung zur Erfüllung ihrer internationalen Berpflich tungen entschloffen ist. Doch dürfte diese Erklärung„ insbesondere nicht so verstanden werden, als ob die deutsche Regierung damit diejenigen zur Begründung ihrer Verpflichtungen aufgestellten Behauptungen anerkenne, die eine moralische Belastung des deutschen Volkes in sich schließen".( Diese Formulierung ist jedenfalls viel geschickter als die der unglückseligen Erklärung des Reichskanzlers nach der Annahme der Dawes- Gesetze im Reichstage. Sie betont mit Recht, daß das deutsche Volt als solches eine Berantwortung am Kriege nicht trägt. Red. d.„ B.") Der vierte Bunkt spricht die Hoffnung aus, daß Deutschland zu gegebener Zeit Kolonial- Mandate erhalte. Do die neue Note der Reichsregierung sich nur auf den zweiten Punkt bezieht( Beteiligung Deutschlands an militärischen oder wirt. schatlichen 3wagsmaßnahmen des Bötkert undes gegen men etwaigen Friedensitörer), so ist die Schlußfolgerung wohl gestattet, daß die Antworten der Mächte bezüglich der drei anderen Punkte teine wesentlichen Schwierigkeiten mehr bieten. Daß die Lösung der deutschen Regierungskrise um zwei Wochen vertagt wurde, hat in allen politischen Kreisen, in denen der Mehrheit sowohl als in denen der Minderheit, den Eindrud hervorgerufen, als ob sich Deutschland daraus ein ustablod stone Druckmittel schaffen wolle. Gäbe es jetzt eine von nationalisti-| daß sie im Krifenmachen eine gewisse Virtuofität besitzen schen Elementen nicht gelähmte republikanische Regierung in Berlin, dann wäre die Stellung der französischen Sozialisten start, und sie könnten auf Einhaltung der vorgesehenen Räumungsfristen drängen, ja, auf eine wesentliche Berkürzung der für die Ruhr festgesetzten Räumungsperiode, selbst auf die Gefahr hin, daß der Bericht der Interalliierten Militärkontrollfommission Dinge enthielte, die, ohne allzu schwerwiegend zu sein, die Zweifler in ihrem Mißtrauen bestärken tönnten. " Aber die ausgesprochene Rechtsrichtung der Partei des deutschen Außenministers, die starken Schwankungen, denen das Zentrum unterworfen war, der 14tägige Erholungsurlaub", der den Krisenmachern gewährt wurde, er leichtert in Frankreich allen denjenigen das Handwert, die pom Boincarismus zu retten suchen, was ihnen rettbar er fcheint. All das, mas ohne große Wirkung auf die öffentliche Meinung Frankreichs geblieben wäre, die Erinnerung an die verschiedenen Putsche in Deutschland, an die Orgesch und andere Geheimorganisationen, durch die die deutsche Republik hinterrücs überfallen werden solite, an die programmatischen Erklärungen der Westarp- Leute gegen die„ neue Schmach von Bersailles", an die ausgesprochenen Rüstungsproflamationen der monarchistischen Rechten, das nimmt in den Augen des französischen Bottes äußerst eindrucksvolle Proportionen an in dem Augenblick, wo die Ankunft dieser Rechten in die deutsche Regierung möglich erscheint. Das ist viel wichtiger als alles, was in dem Bericht der Militärkontrollfommission stehen mag. Wenn sich auch die Regierungen von London und Paris formell darauf berufen follten, die französischen Sozialisten werden fich durch die Schwierigteiten des Augenblids nicht davon abhalten laffen, alles zu tun, um die Frage der Kölner 3one einer möglichst raschen und dem internationalen Gerechtig= feitsgefühl entsprechenden Lösung ent gegenzuführen. Sie hoffen auch heute noch, daß die Marimalfrist für die Räumung der Ruhr nicht ausgenügt zu werden braucht. Aber sie sind sich flar darüber, daß, so wie die Dinge nun einmal liegen, das Gelingen ihrer Bemühungen zum großen Teil von der Wendung abhängt, welche die innerpolitische Krise in Deutschland nehmen wird. Krisenmacher. Aber schlechte Kenner der Verfassung. Die Bolkspartet hat nicht genug von der Verwirrung, die ie im Reich gestiftet hat. Es gelüftet ihr nach einer Krise in Breußen. Damit Deutschland auch während der Bertagung der Regierungsfrage im Reich vor Krisenstickluft nicht zu Atem tommt, fündigt die 3 eit", das Organ des Herrn Strese mann, eine Krise in Preußen an. Sie schreibt: " Die Dinge werden in Preußen sofort mit dem Zusammenfritt bes Landbags am 5. Januar in Fluß fommen, und zwar wahr chinlich in rascherem Tempo, als es im Reiche der Fall ist. Die En widlung wird mit der Demission des Rabinetts Braun ihren natürlichen Anfang nehmen. Es versteht sich nach der preußischen Berfassung von selbst, daß die preußische Regierung, die vom Landtage bei dessen Zusammentritt gewählt hird, mit der Auflösung des Landtages ihre Regierungs befugniff verliert und die Bahn für eine Neu wahl der Regierung freimat. So haben die Dinge fich quch im März 1921 abgespielt, als die preußi the Regierung, die im Jahre 1919 gebildet war, ihr Amt bei dem Zusammentrit des neugewählten Landtages niederlegte. Dementsprechend wird sicher auch Herr Otto Braun handeln. Man kann das von ihm um so mehr ermarien, als seine Partei eine ausgesprochene Anhängerin des parlamentarischen Systems ist und sich nie genug darin tun tann, ihre Verfassungstreue zu beteuern. Nach dem Wortlaut und Sinn der Berfaffung aber bleibt für den bisherigen preußifchen Ministerpräsidenten gar kein anderer Weg als der der Demiffion übrig." Wir wollen den Herren von der Volkspartei bescheinigen, von der preußischen Verfassung aber verstehen sie sehr wenig. Die preußische Verfassung bestimmt lediglich, daß der Landtag den Ministerpräsidenten wählt. Die Funktion, die im Reich der Reichspräsident ausübt, wird damit dem Landtag übertragen. Mehr besagt diese Bestimmung der Verfassung nicht. Der Landtag hat jederzeit das Recht, dem Ministerium das Bertrauen zu entziehen von einem Verlust der Regierungsbefugnisse mit der Auflösung des Landtages ist teine Rede an feiner Stelle der Verfassung, weder dem Sinn, noch dem Wortlaut nach Noch unmittelbar vor der Auflösung des Landtages hat der Landtag ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung Braun abgelehnt. Diese Regierung hat einen großen Wahl erfolg davongetragen. Das Kabinett der großen Koalition verfügt über 267 Stimmen von 450. Es ruht auf der denkbar stärksten Parteifombination. Es liegt fein Grund zur Demiffion vor vores sei denn, die Bolkspartei molle ein Sprengmanöver veranstalten. Das Kabinett Braun hat keinen Anlaß, nicht vor den neuen Landtag zu treten. Wird ein Mißtrauensvotum gegen dies Rabinett eingebracht, so muß in parlamentarischer Feldschlacht darüber entschieden werden. Will dann die Volkspartei gegen ihre eigene Regierung ftimmen, so wird sie sich gefallen lassen müssen, daß sie auf die Erklärung des Abg. v. Campe- vor der Wahl hingewiesen wird, daß feine Bartei unbedingt zu der bisher in Preußen betriebenen Politik stehe. Die Verfassung Preußens, die man in der Redaktion der 3eit" so schlecht fennt, gibt so wenig Anlaß zur Demission des Kabinetts Braun wie der Wahlausfall. Wenn die Volkspartei durchaus eine Breußenfrise wollte, fo müßte sie sich felbft bemühen, um sie in aller Deffentlichkeit auf ihre Verantwortung herbeizuführen. Kommunistischer Amnestieschwindel. Was Katz mit Ludendorff abmachte. Aus den Kreisen unserer Reichstagsfraktion wird uns zur fommunistischen Mühsam- Demonstration geschrieben: Die Freilassung der letzten Niederschönenfelder Gefangenen gab der Kommunistischen Partei plöglich Anlaß, sich dieser politischen Gefangenen zu erinnern. Während der legten Amnestiedebatte im Reichstage haben gerade die Kommunisten diese Berurteilten preisgeben wollen. Sie waren bereit, diese Gefangenen weiter hinter Schoß und Riegel zu lassen, wenn nur die Hitler- Rebellen und die Rappisten und auch die wegen Hochverrats 1923 und 1924 Berhafteten refp. Berurteilten freigelaffen würden. Nachdem damals die fozialdemokratischen und fommunistischen Amnestieanträge abgelehnt waren, fam es zur Abstimmung über einen völlischen Amnestieantrag, der lediglich den wegen Hochverrats gegen das Reich Berurteilten die Freiheit geben wollte. Diese Begrenzung des völkischen Antrages war sehr erklärlich, da die Völkischen natürlich nur den Kanpiſten von 1920 und den Münchener Hochverrätern von 1923 die Freiheit verschaffen wollten. Unsere Genossen erkannten fofort, daß mit der Annahme dieses Antrages den wegen Hochverrats gegen ein Land, nämlich Bayern, im Jahre 1919 Berhafteten nicht gedient wäre und unfere Frattion beantragte daher die Ausdehnung dieses Amnestie antrages auch auf solchen Hochverrat, der gegen ein Land begangen war. Diesen Antrag lehnten aber die Rechtsparteien ab, weil sie diefen politischen Gefangenen natürlich nicht zur Freiheit verhelfen wollten. Daraufhin erklärte sich unsere Fraftion gegen den völfifchen Antrag, der aller dings auch bei ihrer Zustimmung nicht die Mehrheit gefunden hätte. Es wäre unerträglich gewesen, die Führer der Kappisten und die Hitler- Leute zu amnestieren, die Anhänger der bayerischen Räterepublik aber weiter hinter Schloß und Riegel zu laffen. Die Kommunisten stimmten trotz dieser Herausnahme der Gefangenen von Niederschönenfeld aus der Amnestie für den völkischen Antrag. Damit gaben sie gerade jene Verurteilten preis, deren Freilassung sie heute feiern, nicht ohne dabei die Sozialdemokratie, deren Fraktion im Gegensatz zur fommunistischen auch hier für die Niederschönenfelder eingetreten war, für die lange Haft dieser Gefangenen verantwortlich zu machen. Es wird Zeit, diesem kommunistischen Schwindel energisch entgegenzu= ireten und die Deffentlichkeit darüber aufzuklären, daß gerade die Kommunisten am allermenigsten das Recht haben, sich als Befreier der Niederschönenfelder aufzuspielen. Der fächsische Parteistreit. Der Parteivorstand hatte gestern vormittag Vertreter beider Richtungen der sächsischen Bartei zu sich geladen, um mit ihnen über die Beilegung der sächsischen Diffe renzen zu beraten. Der Parteivorstand wird den Organifationen einen formulierten Einigungsvorschlag unterbreiten. Gleichzeitig veröffentlichten bürgerliche Abendblätter, zum Teil in sensationeller Aufmachung, eine Meldung der TU., wonach die Spaltung der fächsischen Sozialdemokratie voll80gen sein soll. Daß diefe Meldung unzutreffend ist, ergibt sich aus dem vorher Gesagten. Wie sie aber von den leidenschaftlichsten Gegnern der Sozialdemokratie aufgenommen wird, zeigt ein Leitauffaz der Deutschen Zeitung", in dem ans geführt wird, eine neue Spaltung zwischen Mehrheitssozialdemokraten und Unabhängigen sei unvermeidlich. Zum Schluß wird gesagt: Sollte es aber gelingen, den Bruch jetzt noch zu verhindern, über furz oder lang muß es doch zu ihm fommen. Dann werden hoffentlich recht zahlreiche wohlüberlegte Borhaben von Ebert und Genossen sich als Luftschlösser und Ee fen blasen erweisen zum Heil des deutschen Volkes und zum Unsegen für die nur zerfeßende und zerstörende internationale Sozial emotratie, der schwerste Fluch, der über Deutsch and gelastet has und noch loftet. Dswegen haben wir allen Grund, die Spaltungen in Sach'en mit unserer größten Aufmertfamteit zu begleiten." Die sächsischen Genossen haben nicht weniger Grund, ihre Aufmerksamkeit auf die Hoffnungen zu richten, mit denen die Gegner ihre Streitigkeiten verfolgen. Preußische Rheinlandkonferenz. Dr. Horion erstattet dem Staatsministerium Bericht. Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit: schen Ministerpräsidenten Braun im Benar cal des Staatsministe Montag vormittag 11 Uhr fand unter dem Borsiz des preußi rums eine Sigung jämtlicher preußischer Staa sminister statt, in der der Landeshauptmann der Rheinprovinz, Dr. Horion, als Leiter der deutschen Abordnung zur Durchführung der Londoner Vereinbarungen über Verlauf und Ergebnis der von ihm geführten Berhandlungen in Koblenz und Düsseldorf Bericht erstattete. Der Ministerpräsident sprach dem Landeshauptmonn die besondere Anerkennung der preußischen Staatsregierung für die zum Wohle des Rheiniandes und des gesamten Ba erlandes geeistete vorbildliche Arbeit aus. die neben der Lösung bedeutsamer politischer Fragen u. a. den Erfo'g der Rückziehung nehezu aller bisher noch wirt omen Ausweisungen gehabt hat und überreichte ihm ein in warmen Worten seine Berdienste fennzeichendes Dantchreiben. Der Ministerpräsident bat den Landeshauptmann ebenso wie auch den Oberpräsidenten der Rheinprovinz Dr. Fuchs, der gleichfalls anwesend war, die Uebermittler feines aufrich igen Dantes an die rheinische Bevölkerung zu sein, die in unerschütterlicher Opferbereitschaft in schwerster Zeit dem Reich und Preußen die Treue gehalten habe. An der Sigung nahmen sonst u. a. noch Vertreter der politischen Parteien der Rheinproving teil. Nach Beendigung der Aus prache vereinigte die Sigungsteilnehmer sich zu einem Frühstück, zu dem der Ministerpräsident und Frau Braun Einladungen hatten er. gehen lassen, und an dem auch der Reichspräsident und Staatssekretär Dr. Meißner teilnahmen. Kleine Vorweihnachtsgeschichte. Schmere dieſer Arbeit zu befreien. Wie wohl? Ganz einfach: er nacht. Hanſi Echneider wird vielleicht seine Hampelmänner verkauft Bon Walther Gosch Hansi Schneider wohnt im Hinterhaus. Das wäre nichts Besenderes, denn sehr viele Leute wohnen in einem Hinterhaus. Aber wo Hansi Schneider wohnt, das ist eigentlich gar fein Haus, sondern nur ein Verschlag, der früher einmal ein Stall oder eine Baschküche gewesen sein mag oder irgend etwas anderes. Dieser Verschlag steht jetzt in winterlicher Sonne. Winterliche Sonne hat nichts von dem glühenden Sac des Sommers, der über der Stadt hängt, aber sie besinnt sich doch darauf, einige Stunden das zerbrochene Dach zu belagern, und gibt dem Wind, der schon falt und frostig von den Feldern tommt, wenigstens etwas wohl tuende Wärme. Hier lebt nun Hansi Schneider mit seiner alten Tante. Ich weiß noch: vor einigen Monaten war noch seine Mutter bei ihm; aber als das reife Obst in der Schale des Herbstes zum töftlichen Mahle einlud und auch nach und nach die grünen Bunder bäume der Borortstraße fich zu schwarzen gespensterischen Fingern entlaubten, starb sie ganz plöglich. Man weiß eigentlich nicht. woran. Der Armenarzt, schon immer als der Bevollmächtigte des billigsten Todes befannt, sagte mir im Vertrauen: daran alle Armen sterben. -W Seit dieser Zeit ist nun hansi mit seiner alten Tante ganz allein. Die alte Frau ist ein stummer, welter Baum, ohne jemals zu lächeln, und von Krankheit zerfressen; ich glaube nicht, daß sie durch diesen Winter tommen wird. Hansi ist erst sechzehn Jahre alt und handelt jetzt auf dem Weihnachtsmarkt mit Hampelmännern. Und da dies auch an meine Knabenjahre erinnert, will ich davon erzählen. Bis vor wenigen Wochen war Hansi Arbeitsbursche in einer der zahlreichen Papierhandlungen unserer Stadt. Seine Arbeit war es, die Papierballen und Bapprollen von den Fuhrwerken abzuladen und sie in den großen Lagerfeller zu verstauen. Er machte diese Arbeit ganz allein; der Chef bebiente die Kunden in dem fleinen, nur vom hinteren Arbeitsraum durch eine hölzerne Wand abgetrennten Ladengeschäft, Runden, die sich aus Schulkindern, Haus, frauen und fleinen Tippfräuleins zusammensetzten. Manchmal verirrten sich auch bie kleinen Dämchen vom Lyzeum in Hubert Schmidts Papierwaren en gros und en détail", denn das war draußen auf einem blanten Emailleschild in großen Buchstaben zu lesen. Stolz oder nicht Stolz: immerhin gehörten einige große Firmen zu den ständigen Runden. Es war eigentlich für Hansi nicht leicht, die schweren Bapierballen in das Lager zu schaffen; von Natur ein schmächtiger Knabe, aber aufgeweckter als das Gros unseres geistigen Nachwuchses, das die Hörsäle belagert, wußte er die Unannehmlichkeit dieser Arbeit durch eine gefunde Elastizität auszugleichen. Nicht durch fingen oder pfeifen oder räumen, dies ist ein allzu billiges Bergnügen; nein, Hansi verstand es, durch eine gewisse Rationalisierung" sich von der legte sich eine Art Rutschbahn aus Brettern an und ließ, nach Berechnung der„ Rutschzeit", die Papprollen vom oberen Raum genau in die Ecke des Kellers rollen, wo sie zu lagern bestimmt waren. Das war sicher flug von ihm. Nicht Faulheit. Denn was tann richtiger sein als richtige Defonomie der Arbeit?! Ich sagte schon, Hansi war auch auf der Arbeitsstelle immer allein. Das mag allen seinen Widersachern, vor allem aber seinem Chef, Grund gewesen sein, daraus den Diebstahl einiger Pappreste herzuleiten. Aber das Alleinsein ist nicht immer eine Grube des Schlechten. Lacht nur! Und fommt mit euren moralischen Eir. mürfen! Die Mutter war gestorben, zu Hause tränkelte die alte Tante, die Borgewißheit des Winters brödelte den Lebensmut wo war Hoffnung? Und was der kleine Hansi an Lohn heimbrachte, fagt, gehört Phantasie dazu? Ist es da zu verwundern, daß er einige Abfallpappen mitnahm, um Hampelmänner daraus zu machen? Ich glaube nicht. Der Hunger im Winter ist ein eisiger Sad. Aber er wurde ertappt. Es ist eine Tragit, daß immer die Armen ertappt werden. Da man menschliche Gründe gelten lassen wollte, so verzieh der Chef. und Hansi wurde nur entlassen. Es war gerade die Zeit, da auf den Straßen und freien Blägen die Buben und Stände aufgeschlagen wurden: der Weihnachtsmarkt begann. Ganz leise fei gefagt: die Pappe hat Hansi doch behalten. Und zwei Dutzend Hampelmänner sind daraus entstanden. Kasperle, Rupprechts, Eulenspiegels. Zwei Dußend! Hanft war glücklich und dachte, wenn er alle verkaufen würde, Stüd um Stüd für zehn Pfennige, so fönnte er am Heiligabend über zwei ganze Mart nach Hause bringen. Das gäbe noch feinen Weihnachtsbaum mit Nüssen, Aepfeln und Zuckerwert, aber einmal ein warmes Stübchen, darin man träumen und sich der toten Mutter erinnern könnte. Er wußte ja, wie schwer sich in der Kälte träumen ließ. So steht nun Hanfi Schneider mit feinen Hampelmännern in der großen Hauptstraße und schreit: Behn Pfennig der Hampel mann! Behn Pfennig der Hampelmann! Liebe Leute: ich fenne dieses Geschäft. Wenn ihr dem blonden schmächtigen Knaben helfen wollt, fo fauft ihm seine Hampelmänner ab. Es ist das Wenigste, was ihr tun sollt. Wer hilft noch mehr? Weihnachten naht. Auf den Wäldern, weit draußen vor der Stabt, liegt schon der silberhelle Frost Balb wird auch der Schnee mind in die Städte reisen und auf einmal, über Nacht, wird auf den Dächern, in den Straßen, auf den wenigen Bäumen das weiße Wunder ausgebreitet sein. Es fann auch Schmutz geben, ja. Aber einerlei: ob Schmutz oder das weiße flingende Lied: es ist Winter. Und dieser Winter mit seinen eisigen Roffen, die nicht allein der Wind herträgt, dieser Winter ist nicht für alle die ersehnte Reife in die Berge, nicht die erwünschte Abwechslung nach der Müdigkeit des regnerischen Herbstes nicht die Schwelle zu des Christkindes Weihhaben und über zwei Mart heimbringen. Einmal wird das Zimmer ganz warm sein können, die alte Tante wird einmal lächeln. Nicht mehr. Hanfi wird über den Wolfen sein und zwischen Blau und Samt mit seiner Mutter in der Wiege eines Sternes ruhen. Und dann kommt wieder der tägliche Tag. Dentt ihr daran? Dentt ihr immer daran, wenn die helle Stunde auf dem Tisch eures Sonntags liegt? Wer hat den Kalender gemacht, der erst die Armen im Tode Weihnachten feiern läßt? Hanfi und viele andere fragen fo. Der Invalide, ber an der Straßenede orgelt, ist dein Bruder. Der Dieb, der im Gefängris fizt und nicht begreift, warum, ist bein Ramerab. Hansi Schreiber ist dein Freund. Der Hunger aber ist unser größter Feind! Willst du ihn beflegen helfen? " Kunstsch'a ht in Schöneberg. Ueberfüllt ber lichtweite Saal des Schöneberger Rat. hauses in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag. Kitsch und Kunst mit Gesang und Tanz das war bei der Beranstaltung von Freundeskreis der Schule Reimann" ungefähr die Lages"-Ordnung, deren Aufarbeitung fich bis in die berühmten Morgenstunden hinzog. Das hierbei zu entdeckende Gold im Munde fand man in begreiflicher Katerstimmung zwar nicht, aber man hatte dafür am Abend den ästhetischen Genuß einer in der Tat fiberKitsch und Kunst". Alles drehte sich in dem flaren und geiſtschönen Rede des Kunsthistorifers Mar Deri über das Thema vollen Lichtbildervortrag legten Endes um die Erkenntnis: Kitsch ist jebe schöpferische Leiftung, die von einem banalen Gefühl getragen ist, können schüßt vor Ritschen nicht. Von einem wirklichen Kunstwert fann man erst dann sprechen, wenn Inhalt, Farbe und Form felten oder intensiv oder beides zusammen sind. Formulierung aber sehr treffend zu nennen. Hätte es aber wirklich Diese Behauptung Mar Deris ist wohl taum neu, thre prägnante bei der in fich glänzenden Beweisführung so sehr der Blechpofaune der Bathetit" und so viel einer unnötig provozierenden Satire be durft? So gab es denn manchen Pfiff und Bisch in der bewegten Diskussion, an der sich die Marderiten sowohl als auch ihre Gegner lebhaft beteiligten. Die Gegner: ein verbitterter, ungerechter Maler, ein fluger Spezialist für Kunstdünger, ein Major, der durchaus keine Majorität hinter sich hatte. Im Gegenfak hierzu gaben wertvolle Er. gänzungen Verlagsbuchhändler Altmann, Dr. Adolf Behne, Dr. Edgar Draege und Prof. Fries. Herwarth Walbens Oppositionsstellung gegen den nicht unbegabten Schauspieler Mag Deri" war diesmal mehr grundsätzlich als fachlich; was Walden fagte, war bis auf die Ignorierung der Seele, auf die sie sich alle herausreden" richtig, sehr richtig fogar, aber es war doch nur auch richtig: Deri wurde ergänzt, nicht widerlegt. Es ist überhaupt eine große Frage, ob sich bei der Eubjektivität des Kunstempfindens aller gerade insofern war ein Sah sehr richtig:" Im Wandel der Zeiten fenfitiven Menschen eine Theorie ohne weiteres widerlegen läßt läßtändert sich mit uns der Kitsch." Was heute Kitsch ist, kann vor Die deutsch- französischen Verhandlungen. Anmaßungen der Interessenten. Den infolge des Weihnachtsfestes unterbrochenen deutsch franzöfischen Handelsvertragsverhandlungen fag, nachdem die Oktoberver handlungen eine formelle Verständigung ergeben hatten, die Eröre rung der sogenannten Wunschlisten vor. Die Eigenart dieses Verhandlungsabschnittes, der am 5. November begann, ergab sich aus dem französischen Zolltarif, der Marimal- und Manteltarife, aber reine Meistbegunstigung kennt, Es wurde für die deutsche Handelsdelegation so notwendig, gegenüber der den Franzosen gewährten Meistbegünstigung entsprechende Konzeffionen einzuhandeln. Die deutsche Wunschliste selbst war durchaus negativ und hielt sich in engen Grenzen für solche Waren, für die die Gewährung des franzöfifchen Minimaltarifes nicht in Frage tam. Dagegen fah die französische Liste eine beträchtliche Anzahl von Waren vor, für die Zollherabfehung bzw. Zollbindung gewünscht wurde. Regelung aus dem Versailler Bertrag durchaus einseitig ist, da sie wohl die Ausfuhr aus Esaß nach Deutschland, aber nicht umgefehrt gestattet. Nach unserem Dafürhalten ist aber die Tür in der Rontingentfrage absolut nicht zugeschlagen, so daß ich ein Rompromiß immer noch ergeben fann. Dieses dürfte Konzeffionen Deutschlands in der Kontingentfrage vorsehen, aber unter der Bedingung, daß feinem Staat das Recht eingeräumt wird, sich auf diese Kontingente zu berufen; wenn aber Schwierigkeiten daraus entstehen sollten, wird es Sache Frankreichs sein, diese aus dem Weg zu räumen. Sollte dies Kompromis Tatsache werden, so wird Deutschland Frankreich nur Kontingente mit Zustimmung anderer Länder bewilligen fönnen, mit denen es Handelsverträge abschließt. Ueber die Stimmung des zweiten Verhandlungsabschnittes selbst verlautet, daß sie nicht so rosig war wie im Anfang der Verhandlungen. Bei Erörterung der Tertiltontingente foll es fogar zu erregten Szenen gekommen sein, jedoch ließen sich die Verhandlungsteilnehmer durchaus von der Notwendigkeit leiten, die Berhandlun Die Verhandlungen sind nicht in erwünschtem Maße fortgegen nicht zu zerschlagen, in Hinsicht auf den vertragslosen Zustand nach schritten. Die Sdyud trifft wohl die hinzugezogenen Inter dem 10. Januar 1925. Eine Ueberraschung war für die deutschen effenten. Man verschließt sich in den Kreisen der deutschen Han Teilnehmer eine Herauffezung der Minimalzölle für delsdelegation durchaus nicht der Notwendigkeit, unter Ausschaltung eine Reihe wichtiger deutscher Exportartikel. Sie wurden von den der Interessenten die Berhandlungen ausschließlich auf die Regie- Franzosen mit dem Hinweis begründet, daß die Zölle früher nicht rung und auf die durchaus unabhängige Handelsdelegation zu erhöht worden wären, da für die Deutschen ja bisher der wesentlich übertragen. höhere Marimaltarif ausschließlich in Frage tam. Die neuen Verhandlungen sollen Anfang Januar aufgenommen werden. Jedoch wird es nicht möglich sein, fie im Laufe des Monats zum Abschluß zu bringen. Erledigt sind wesentlich in den Dezemberverhandlungen unbedeutendere Warengebiete, während z. B. die Fragen der chemischen, der Eisen und der Textilindustrie und die Fragen über Wein- und Litöregport noch der E.ledigung harren. Somit ist bestimmt mit einem Provisorium ab 10. Januar 1925 zu rechnen, um einen vertragslosen Zustand zu vermeiden. Deutscherseits wird dazu betont, daß es sich nur um den Austausch gegenseitiger Borteile handeln kann. Die Verlängerung des jekigen Zustandes tommt für Deutschland nicht in Frage. Ueber een Handelsvertrag felbft verlautet, daß er sich auf einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren erstrecken wird. Diese Befristung ist geboten, da ja bekanntlich beide vertragschließenden Teile Zolländerungen vornehmen wollen. Sehr wahrscheinlich wird sich allerdings die Befristung nur auf die Bollsäge und Positionen er= streden, während die allgemeinen Bestimmungen, soweit fie fich auf Schiffahrt, den Verkehr, die Behandlung der Staatsangehörigen usw. beziehen, in Kraft bleiben. Hinsichtlich der vielerörterten Verhandlungen zwischen der deut schen und der französischen Schwerindustrie wird in den Kreisen der deutschen Handelsdelegation betont, daß sie sich nicht über den Rahmen der üblichen Verhandlungen bewegt haben, wie sie auch zwischen anderen deutschen und französischen Industriegruppen stattfanden. Vor allen Dingen weist die deutsche Handelsbelegation darauf hin, daß der Abschluß eines Bertrages, in dem die deutsche Schwer industrie der französischen die Einfuhr einer gewissen Eisenmenge ( 800 000 Tonnen) zugesteht, die sie monopolartig verwenden will, nicht zutrifft. Diese Nachricht hat befanntlich begreifliche und berech tigte Mißstimmung in der süddeutschen Metallindustrie erregt. Die Handelsbe.egation betont, daß einer solchen Abmachung ein Bertrag zwischen der deutschen eisenschaffenden und eifenverarbeitenden Industrie entgegenstehe, monach die Einfuhr von Eisenmengen in Diesem Umfang nicht die Grundlage eines Bertrages abgeben fönne. Auch für die deutsche Regierung sei ein solches Zugeständnis als Basis eines Bertrags unannehmbar. Tatsache sei, daß eine Verständigung zwischen der deutschen und französischen Schwerindustrie bis jetzt nicht uig. sei, und daß die neuen Verhandlungen für Ende der ersten Januarwoche anberaumt sind. Prinzipiell wird der S.anopunkt der deutschen Handelsbelegation in der Kontingentfrage dahin erläutert: Bei Beginn des zweiten Verhandlungsabschnittes stellten die Franzosen bestimmte Forderungen auf Verlängerung der Kontingente, und zwar unter Beruf darauf, daß die elfäffische Industrie ihre Export vergünstigung aus dem Versailler Vertrag jahrelang infolge der deut schen Inflation nicht habe ausnutzen tönnen. Gegenüber dem französischen Standpunkt ist dann darauf verwiesen worden, daß die zwanzig Jahren Runft gewesen sein. Bielleicht einigt man fich auf die leider nicht vorgeschlagene Formel: Kitsch ist jede Lüge. Nach der Aus einanderseßung faß man wieder sehr friedlich bei fammen, während eine urgermanische Jazz- Band- Kapelle zum Tanz aufforte. Der Versuch, den Schlagrhythmus amerikanischer Tänze ins Romantisch- Sentimentale einer himmelblauen Mystik umzuschweigen, das ungewollte Experiment, Heutiges, Tagtnatterndes zu verweichlichen, mußte mißlingen. Berkennung- Lüge- Kitschl Bas zu beweisen mar. Im übrigen wurde es sehr schön bei Reimanns": viele junge tanzbeinbeschwingte Mädchen mit frischfrommfröhlichfreien Gesichtern, männliche Jugend gleicher Quantität und Qualität, ein blonder junger Mann, der unbedingt ein Gedicht aus dem Salzer- Buch auffagen mußte, das schon jeder fannte, ein gutmütiger Lotusbeamter, der bei der Inspektion seines Verwaltungsbezirks ausruft: Ber Papier haben will, muß sich melden!"( Niemand hat sich gemeldet.) Es war in Schöneberg. " ergo. Drama der Homofegualität. Um das Aufführungsrecht des Mysteriums"" Die Schwester" Don Hans Raltneter, das jetzt die Schaubühne" in der Klosterstraße( Goethebühne) all. abendlich spielt, tobt ein erbitterter Rampf. In der Schwester"[ egt fich Raltneter mit dem Problem der gleichgeschlechtlichen Liebe aus einander. Er zeichnet den Leidensweg der unglücklichen Lesbierin Ruth, die schließlich an ihrer abnormen Beranlagung zerbricht. Das heifle Thema und der hißige Rechtsstreit rücken das Wert in den grellen Schein der Sensation, den es nicht verdient. Nichts Lüfternes le in diefer innerlich empfundenen Dichtung des früh Berstorbenen. ( Raftnefer ist nur 24 Jahre alt geworden.) Man fühlt hier sucht sich mit sittlichem Ernst und heiliger Inbrust eine Menschenseele von Bedrängnis und Qual zu befreien. Seine Theorie der Homosexualität als Gipfel und Zentrum des Egoismus" ist gewiß an fechtbar, und der zweite Teil des Dramas, in dem Ruth nach vergeblidem nnenrausch. bewußt zur Märtyrerin des Beides geworden, in Berklärtheit Erlösung erringt, tranft an unsicherem Tasten nach einem festen Dramenstil und an manchen Berstiegenheiten. Aber die Einleitungsszenen werfen Handlung und Problem in rasendem Schwung vorwärts und modellieren mit tonfequenter Sicherheit Gestalten von packender Eindruckskraft. Sie sind die ewige Tragödie der zwei Weltanschauungen, über die nie eine Brüde des Berstehens führen wird. Man beklagt, daß diefes Talent so früh dahingehen mußte Ida Roland spielte die Schwester mit den feinsten und zarteften Mitteln reifen schauspielerischen Rönnens, ohne je zu übertreiben, wozu ihre Rolle reichlichen Anlaß geboten hätte. Auch die übrigen, von dem Regiffeur Berthold Biertel mit fefter Hand geleiteten Darsteller paßten sich dem ernsten Ton des Mysteriums Ein Kuriofum wäre noch zu erwähnen: im Zuschauerraum faß eine Krankenschwester, aus deren Aeußerungen man entnahm, daß fie ein Theaterstück aus ihrem Berufsleben erwartet hatte. Das erinnert an die Vorstellung der Kindertragödie"„ Frühlings Erwachen" vor Wedekind, die von einer großen Anzahl von zehn jährigen Kindern besucht war Dgr. an. Broße Goldfunde in Kanada. Eine Goldader von ungefähr 500 Fuß Länge wurde fürzlich im Grenzgebiet zwischen Ontario und Quebec aufgefunden und es wurden bereits größere Mengen Goldes zutage ge fördert. Die Minen sind im Besige englischer Stapitalisten. Völkischer Terror. 4 Aus dem Rheinland wird uns geschrieben: Die Stahlhelm- und sonstigen Hakenkreuzler- Organisationen treiben im unbesetzten Gebiet des Westens schon lange ein großes Unwesen. So haben sie fürzlich, nachdem Remscheid von der Besagung befreit war, 5 Reichsbanner! eute, die sich auf dem Heimweg von Remscheid nach Wermelskirchen befanden, in einem wäldchen mit Revolvern überfallen. Den Revolver vor die Brust gefeßt, schrie man dem Borsigenden des Reichsbanners zu: Ihr Berräter der Monarchie, Rache für Remscheid!" Ungefähr neun mit Revolver, Seitengewehr und Gummischläuchen bewaffnete Drgesch leute schlugen auf die Ahnungslosen ein, bis sie zusammenbrachen. Dann wurde ihnen die Windjade und Mitgliedstarte vom Reichsbanner abgenommen. Als diese teutsche Tat vollbracht war, verschwanden die Helden". Die schwer mißhandelten Reichsbannerleute wurden in Breiersmühle bei Remscheid verbunden. Es ist abzuwarten, ob die wohllöbliche Staatsanwaltschaft diese Straßenräuber verfolgt und bestraft. Nach dem Abzug der Franzosen in Bohwinkel veranstalteten volfisch- deutschnationale Aufrührer wochenlang in den Wohnungen angeblicher Franzosenfreunde des Nachts Einbrüche. Sie schnitten Frauen und Mädchen die Haare ab und fesselten deren männliche Angehörige mit Stacheldraht oder bannten sie dadurch, daß sie ihnen solange die Revolver vor die Brust hielten, bis ihre Straf expedition" abgeschlossen war. Die Polizeibehörde, der diese Dinge befannt find, und auch die Staatsanwaltschaft haben bis heute nicht versucht, dieser Bande habhaft zu werden. Kein Zweifel fann darüber bestehen, daß das Verhalten einzelner Da men" gegenüber den Franzosen nicht angebracht war. Trotzdem haben die Bölkischen fein Recht, Strafegpeditionen auf eigene Faust zu veranstalten. Die Berfolgung etwaiger Berfehlungen und die Kennzeichnung von Perfonen, die sich in übler Weise mit den Franzosen eingelassen haben, ist Angelegenheit der ordentlichen Behörden. Aus dem völkischen Sumpf. Die Böltischen haben ein neues Opfer zu beklagen, ein Opfer, das für die Umgebung der betroffenen Berfon nicht als sold, s, sondern als Glüd betrachtet werden muß. Es handelt sich um den Führer des völkischen Verbandes„ Arminius" hereth, von dem die Chemnizer Bolts stim me" meldet, daß gegen ihn fowohl die Reichsanwaltschaft wie der Staatsanwalt Antlage wegen Betrugs und Betrugsverfuches eingeleitet haben. Der gleichen Quelle entnehmen wir weiter, daß der teutsche Mann sich bereits in Haft befindet. " Hereth ist im Chemnizer Bezirk als völfischer Rede eine be. tannte, Persönlichkeit. Er beherrschte dort die ganze völkische Organisation, ernannte Offiziere und vereidigte die Mannfcheften. In Geheimbefehlen gab er seine Instruktionen an die Unter tanen, deren Organisationsgelder er in seine Taschen gehen ließ. Die Chemnizer„ Bolksstimme" war mehrfach in der Lage, Geheim. befehle der Organisation Arminius" zu veröffentlichen. Aus Anlaß der Berhaftung stellt sie nun fest, daß Hereth selbst der Verräter in feinen eigenen Führertreisen war. Das Blatt schreibt dann weiter: Dieser Mann, der bis in die jüngste Zeit hinein Führer des " Arminius" war und das Recht hatte, sogenannte Offiziere zu ernennen, Mannschaften zu vereidigen, der als Kopf der Bewegung die Geheimbefehle herausgab, diefer Hereth ist in sein eigenes Geschäftszimmer eingebrochen, hat seine eigenen Dokumente aus der Mappe gestohlen und sie dann gegen einige elende Mart persilbert. Tiefer geht es nicht mehr. Was sich an Schmuß und Moraft auf der ganzen Welt zusammenfindet, das hat sich anscheinend bei den Bölfischen Deutschlands ein Stelldichein gegeben. Bei seiner Berhaftung versuchte hereth durch ein straffes, militärisches Auftreten die Behörden zu täuschen. Dann stellte sich heraus, daß er, der sich in Uniform mit einer Unmenge Orden hatte photographieren laffen, eigentlich überhaupt nie Soldat war. Nachdem man ihm die Dinge auf den Kopf zufagte, brach er zusammen und behauptete, aus Not gehandelt zu haben. Angeblich will er die zwei letzten Dokumente nicht mehr im Auftrag seiner Organisation herausgegeben haben. Als nichts mehr zu verheimlichen war, spielte Herr Hereth in der Zelle den wilden Mann und gab an, seine Taschenuhr verschluckt zu haben, um auf diese Weise ins Lazarett zu kommen." Teure Fürsten. Weimar, 22. Dezember.( Eigener Drahtbericht.) In der legten Sigung des Juftizausfcuffes im Thüringer Landtag wurde von der Regierung über die durch fie eingeleiteten Prozesse Mitteilung gemacht. Unter den Hundert Prozessen, die das Land Thüringen führt, befinden sich 20 gegen ehemalige Fürften und 20 gegen die Kirche. Die Prozeßloften wurden mit einer Million Goldmark in den Etat eingefeßt. In dem Aufwertungsprozeß gegen den ehemaligen Herzog von Meiningen fand, wie die Regierung mitteilen ließ. am 19. Dezember die legte Ent. fcheidung in der zweiten Instanz statt. Die Abfindung wurde dabei auf 8,25 Millionen Mart festgefeßt, die Rente auf 6 Proz. und die Nachzahlung auf 500 000 mark. Dieser Prozeß allein verursachte bis jest an Gerichtsfoften über 75 000 mark. Der Landtag wird voraussichtlich am 18. Januar wieder ausammentreten. Die jüngste deutsche Großstadt. Das städtische statistische Amt bat ermittelt, daß die Einwohnerzahl der Stadt Ludwigs bafen 100 000 überschritten bat, so daß Ludwigshafen die jüngste deutsche Großstadt geworden ist. Bürgermeisterwahl in Aunsburg. 1 Genosse Ackermann wiedergewählt. München, 22. Dezember.( Eigener Drabiber dt.) Der gewählte ugsburger Stadtrat beid log in feiner auße ordentlichen Sigung am Montagboimittag die Wahl von wiederu zwei berufemäß gen Bürgermeistern. In der. daran bin so ori bo: genommenen Wahl fielen von 50 Emmen je 47, auf die beiden bisherigen berufsmäßigen Bürgermeister Teuifdenbauer und den Sozialdemokraten Adermann, deren Tienstverträge em 1. Januar abgelaufen waren. Genosse fermann gehört ſeit Jahren auch schon dem bayerischen Landiag an, wo ei der Fraktion durch seine besondere Sachlunde auf dem Gebiete des Eteuerwesens und der inneren Verwaltung wertvolle Tienste leistet und nebenbei durd feine Geschicklichleit und Schlagfertigkeit in der Debatte bei den bürgerlichen Parteien des bayerischen Parlamente herzlich wenig beliebt ist. Kommunistischer Rummet. Die Arbeitslosen als Prellbock. Wien, 22. Dezember.( Eigener Drahtbericht.) Das fortdauernde Ansteigen der Arbeitslosigkeit in Desterreich benutzten die Wiener Kommunisten am Montagvormittag zu einer Rundgebung vor dem Wiener Rathaus. In allen Arbeitslosenämtern und bei den Arbeitsnachweisen der Gewerkschaften hatten sie zu diesem Zwed schon seit Tagen eine große Agitation entfaltet. Am Montagvormittag peranstalteten sie zunächst bei den einzelnen Arbeitsvermitt lungsstellen Versammlungen der Arbeitslofen, um diese zu ver anlassen, sich in geschlossenen Zügen zum Rathaus zu begeben. Die Polizei hatte die Demonstration verboten, weil die Veranstalter sich geweigert hatten, die Bürgschaft dafür zu übernehmen, daß die Ruhe nicht gestört würde. Es gelang der Polizei sehr leicht, die eigent liche Demonstration zu verhindern und die emzelnen Züge zu zerstreuen bzw. abzudrängen. Vor das Rathaus gelangten nur einige hundert Arbeitslose. Die Parole, sich in die Straßen der inneren Stadt zu begeben. leisteten keine hundert Arbeitslose Folge. Die ganze kommunistische Veranstaltung verlief ohne besondere Bwischenfälle. Vereinzelt mußten Verhaftungen vorgenommen werden. Bericht der Labour- Delegation. Kühle Aufnahme in England. Condon, 22. Dezember.( Eigener Drahtbericht.) Die aus Cowjetrußland zurückgekehrte Delegation der britischen Gewerkschaften hat am Sonnabend einen furzen vorläufigen Bericht über ihre Reise veröffentlicht. Darin wird gesagt: 1. Daß das Ergebnis der Reise die Politik der Arbeiterpartei auf volle diplomatische und wirtschaftliche Anerkennung Rußlands rechtfertige; 2. daß Millionen von neuem Rapital mit voller Sicherheit zur Entwicklung der enormen ökonomischen Möglichkeiten in Ruß and angelegt werden könnten und 3. daß Rußland unter der Sowjetherrschaft die materiellen und moralischen Voraussetzungen für einen dauernden Plaz unter den europäischen Na ionen erreicht habe. Dieser optimistische Bericht wird von der Londoner Preffe tedi tritsch, teils hämisch behandelt Man wirft der Delegation u. a. vor baß sie sich von der Sowjetregierung und von den fommunistischen Führern hat einwidein lassen. Reiner der Delegierten sei der ruffichen Errade mächtig. und alle feier fe Orfr der Dolmetscher und der Reisedirigenten. Sigung des Interalliierten Militärkomitees. Ein ungünstiges Memorandum. Paris, 22. Dezember.( Eca.) Das Juteralliferte militätomitee von Versailles, eine Unterabteilung der Bolfchaftertonferenz, hat heute nachmittag unter Borsitz des Marschalls Foch eine Sigung abgehalten, in der der letzte Monaisbericht der Interallierten Militärtontrollkommiffion geprüft wurde. Obwohl es fich nur um einen Monatsbericht und nicht um den endgültigen Bericht über die Generalfontrolle handelt hat das Komitee ein Memorandum ausgearbeitet, das nächsten Mittwoch in einer Sihung der Botschafterkonferenz besprochen werden wird. Wie von französischer Seite erklärt wird, soll auch in diesem Memorandum zum Ausdruck kommen, daß Deutschland felne Entwaffnungsverpflichtungen nicht erfüllt habe. Auch sei es wenig wahrscheinlich, daß die Botschafterkonferenz den allierten Regierungen dazu raten werde, die Kölner Zone zu räumen. Chamberlains Antwort an Shtamer. London, 22. Dezember.( Eigener Drahtbericht.) In den Besprechungen, die der deutsche Botschafter in London mit dem eng. lischen Außenminister Chamberlain über die Räumung der Kölner 3one führte, hat Chamberlain die Räumung bis zum 10. Januar für unmöglich erflärt. Ergänzend erklärte er aber, daß die Räumung vielleicht in furzer Zeit möglich sei. Belgiens Standpunkt. Brüffel, 22. Dezember.( WTB.) Die Agence Belge teilt mit: Der deutsche Gesandte hat sich zum Außenminister begeben, um zu erfahren, wie sich die belgische Regierung zu der Frage der Räumung der Kölner Zone zu verhalten gedenkt. Hymans er flärbe, die belgische Regierung werde sich an die Beratungen der Londoner Konferenz halten, wo der Beschiuß gefaßt wurde, daß die Alliierten zu einem passenden Zeitpunkt die Frage prüfen würden. ob Deutschland gewisse Bestimmungen des Ber sailler Vertrags, besonders die auf die Eniwaffnung bezüglichen Rlaufein, eingehalten habe. Sobald der Bericht der interalliierten Kontrollkommission in den Händen der Alliierten sei, würden dieſe ihre Entschlüsse faffen. Herriot und Saarlouis. Ein kategorisches Dementi. Paris, 22. Dezember.( Eca.) Auf das Protestschreiben des Stadtrates von Saarlouis an den französischen Ministerpräsi denten und an den Völkerbundsrat wegen der Abtretung der Stadt Saarlouis an Frankreich im Austausch gegen die Saargruben hat Ministerpräsident Herriot nunmehr heute an den Präsidenten der Regierungskommiffion des Saargebietes folgendes Schreiben gerichtet: Herr Präsident! Ich erhalte durch Ihre Vermifflung ein Schreiben des Stadtrates von Saarlouis. Ich bitte Sie, under3üglich und fategorisch die Informationen zu dementieren, die ohne jede fachliche Grundlage find, sowie dem Stadtrat von Saarlouis mein Erstaunen darüber auszudrücken, daß Leute, die sich für Freunde des Friedens und Anhänger einer Versöhnungspolitik erflären, fo leichtfinnig eine Nachricht, die ebenso falsch wie tendenziös ift, aufnehmen konnten. Der mutmaßliche Hauptaffentäter gegen den Sirdar. In Kairo ist der Student Hilmi Gayar, der auf Grund der polizeilichen Untersuchung als Hauptattentäter gegen den General Stad anzusehen ist, der Staatsanwaltschaft übergeben worden. Gewerkschaftsbewegung Die Eisenbahnerbewegung im Saargebiet. Die Streitgefahr behoben. Bereits im Mai dieses Jahres wurde die Regierungskommiffion ersucht, die Löhne der infolge der Schwantung des Fron fen wachsenden Teuerung prozentual anzupassen, was je doch nur in unzulänglicher Weise geschah. Im September wurde dann eine 10prozentige Lohnerhöhung gefordert, deren Ablehnung die Gewerkschaf en veranlaßte, von der Regierung im Oktober eine Wirtschaftsbeihilfe von 400 Franken für Ledige und von 600 Franken für Verheiratete zu fordern. Die Regierung, die fich der Teuerungsnot nicht verschließen fonnte, bewilligte eine einmalige Beihilfe von durchschnittlich 140 Franken. Anfang November traten die Gewerkschaften mit der For. berung an die Regierung heran, die Einkommenssäße der EisenLahner entsprechend der Regelung im Reiche Sen Gehältern ber unteren Beamten anzupassen. Das Versprechen der Regie rung bei Einführung des Franten, daß die Arbeiter der Staatsbetriebe nicht schlechter gestellt sein sollen cls die der deutschen Reichsbetriebe, müsse erfüllt werden. Durch Schreiben vom 12. NoDember machte die Regierungsfommission das relativ dürftige 3u geständnis einer durchschnittlichen Lohnaufbesserung von 10 Proz., im Wege des Diftats. In einer großen öffentlichen Eisenbahnerversammlung in Saarbrüden gelangte folgende Entschließung zur einstimmigen Annahme: ,, Die am 14. November im Ludwigspart in Saarbrüden verfammelten Eisenbahner protestieren mit aller Entschiedenheit gegen die vor der Regierungskommission betriebene Lohn und Gehaltspolitik. Sie erwarten von der Regierung, daß sie die be= absich.igte Lohnregelung in der Weise ändert, daß die Gehälter der unteren Beamtengruppen auf eine eristenzfähige Höhe gebracht werden und daß allen Arbeitern eine Lohnerhöhung durch Anpoffung an Sie vergleichbaren Beamtengruppen zuteil wird. Die versammelten Eisenbahner geloben, alles daran zu sehen, durch Zusammenschluß aller Eisenbahner der Regierungskommission zu gegetener Zeit eristenzfähige Löhne und Gehälter abzuzwingen." im Baufe des letzten Jahres als notwendig erwiesen hatten. Go wird durch einen dieser Anträge das Recht der Hauptversammlung, die Beiträge zur Teuerungsumlage ganz oder teilweise auf das Reich umzulegen, auf die Dauer eines Jahres dem Vorstand übertragen. Die Anträge der Bersicherten, die Mehrleistungen in der Krankenkasse, sowie die Renten über 25 Dienstjahre hinaus steigen zu lassen, wurden ohne eingehende Begründung von den Arbeitgebern abgelehnt. Im Namen aller Versicherten gab hierauf ein Freigemerfichafter folgende Erklärung ab: „ Die Versichertenvertreter in der Hauptversammlung nehmen mit Bedauern davon Kenntnis, daß die Arbeitgeber ihren Standpunkt, Mehrleistungen nicht zu gewähren, aufrechterhalten. In der Krankenversicherung hat das Versagen der Mehrleistungen zu der Krankenversicherung hat das Versagen der Mehrleistungen zu der artigen gesundheitlichen Störungen der Familienangehörigen geführt, daß diefer Zustand eine schwere Schädigung der Volksgesundheit be. deutet. In der Pensionsversicherung verweigern die Unternehmer die Steigerung der Rente über 25 Jahre, was zu den größten Ungerechtigkeiten gegenüber allen Versicherten führt, die länger als 25 Jahre Beiträge zur Pensionskaffe gezahlt haben. Die Versammel ten erwarten von der gesamten Arbeitnehmerschaft des Bergbaues, daß fie fich geschlossen hinter ihre Organisationen stellt, um eine Aenderunn diefes Rustandes herbeizuführen." Der Vorstand setzt sich in Zukunft aus 12 Arbeitgebern und 12 Arbeitnehmern, darunter 2 Angestellten zusammen. Die Arbeitgeber reichten nur eine Lifte ein. Die Arbeitnehmer mußten wählen. Bei der Verteilung der Size auf Grund der Verhältniswahl erhielt Der alte Bergarbeiterverband 7, der Chriftliche Gemertverein 3 und der Afl- Bund die beiden Angestelltenfike. In der Diskussion bedauerte der Vertreter des Reichsarbeitsminifters den Wegfall der Familienversicherung und erklärte, dem Ministerium habe leider die Möglichkeit gefehlt, helfend einzugreifen. Diefer nicht ist von den Versicherten in febr erfichichener Weise widersprochen worden. Man saate, daß gerade das RAM. durch sein jetzt nur sich hinter formalen Gründen zu verschanzen, um sein NichtBerhalten den Abbau der Familienhilfe ermöglicht und es versuche eingreifen zu rechtfertigen. Ans dem Bankgewerbe. einem Teil der Banfongestellten und dem Reichsverband der BankWie WTB. berichtet, ist im Bankgewerbe eine Einigung zwischen Es tommt also bei der endgültigen Lösung dieser Frage tat. sächlich auf Deutschland an. Bisher ist man dort aber über das Stadium allgemeiner Erwägungen noch nicht hinausgekommen. Ich begreife sehr wohl, daß das Reichsarbeitsministerium auf die allgemeine politische Lage Rücksicht zu nehmen hat. Aeußerungen maßgebender Arbeitgebertreise, wie erst kürzlich die des Industrieverbandes, die sich entschieden gegen die Ratifizie rung wenden, find natürlich nicht angetan, dem deutschen Arbeits. minister die Aufgabe zu erleichtern und werden außerdem im Auslande bereitwillig als Gegenargument für die Ratifizierung durch die anderen Industrieländer aufgenommen. Es kann nicht die Aufgabe des Arbeitsamtes sein, zu den internen politischen Verhältniſſen der verschiedenen Länder im Sinne eines Für und Wider Stellung zu nehmen, da wir möglichst allen sozialen Interessen gerecht werden Aber wir sind fest davon überzeugt, daß die Ratifizierung des Washingtoner Abkommens wollen. ist und im Interesse des sozialen Fortschritts und der Humanität un die Kardinalfrage der Arbeiterbewegung der ganzen Weit bedingt vollzogen werden muß. Wir hoffen, daß die deutschen Arbeiter begreifen, von welcher Wichtigkeit die Frage des Achtstundentages ist und daß sie alles daran sehen werden, um hier zu einer baldigen und endgültigen Entscheidung zu kommen. Sie werden damit ein Beispiel geben, das die Durchführung der Ratififation in den anderen Industrieländern ermöglichen wird. Wie aber auch in der nächsten Zeit die weitere politische Lage fich entwickeln wird man wird dabei mit Rückschlägen rech= nen müssen die Arbeiterschaft darf niemals das große Ziel des Achtstundentages aufgeben. Sie dient bamit nicht nur ihren eigenen Interessen, sondern in noch höherem Maße denen der gesamten Menschheit. 10 Da die Textilarbeiteraussperrung in Schweden. Einigungsverbandlungen über die Differenzen in der schwedichen Stodholm, 22. Dezember.( Eigener Drahtbericht.) Textilindustrie vor dem Schiedsrichter ohne Resultat berlaufen find, hat die Vereinigung der schwedischen Textilindustriellen befchloffen, ab 2. Januar 1925 die gesamte Arbeiterschaft auszuiperren. Durch diese Aussperrung werden rund 29 000 Tertils arbeiter auf die Straße gefeßt. Die Arbeiterschaft wird vor Die Regierungsfommiffion gab daraufhin der Saarbrüder Be leitungen erfolgt. Bei den Verhandlungen im Anschluß an den ab diefer Kraftprobe der Unternehmer nicht zurückschreden. ben folgenden Bescheid: Nach den Lohnanpaffungen, die vor faum 4 Wochen erfolgt find und allen Kreisen der Eisenbahner wenigstens die gleichen Löhne wie die entsprechenden Löhne in der Industrie sicherstellen, bebauert die Regierungskommission, welche die gesamte wirtschaftliche Lage berücksichtigen muß, aufs lebhaftefte in Anbetracht der jezigen Loge, die seitens der Gewerkschaften gestellten neuen Forderungen nicht berücksichtigen zu fönnen." Die Antwort der Eisenbahner ist der Streitbeschluß. Die Gehaltsregelung, auf die der Regierungsbescheid verweist, mar von der Organisation abgelehnt worden. Sie brachte in den Befoldungsgruppen I, II und III pro Monat 1 Frant Zulage, während in den obersten Gruppen( die Besoldungsordnung für das Saargebiet fieht 19 Gruppen vor) mehr als 500 Franken zugelegt wurden Die Lächerlichfeit der Zulage in den unteren Befoldungsgruppen wird am besten illustriert durch den Stand des Franken. Nach dem augenblicklichen Umrechnungsfurs wird Sie Mart mit 4½ Franten bewertet. Die Beamten der unteren Gruppen erhalten nach diesem Umrechnungsfurs pro Monat 22 Pf. Zulage. Der schwankende Fronfenfurs hat seit der am 1. Juni 1923 erfolgten zwangsweisen Einführung der Frankenwährung zu einer 200 prozentigen Berteuerung geführt. Mit Siefer Breissteigerung auf allen Gebieten haben Löhne und Gehälter nicht in entfernteret stort gehalten, obwohl der§ 31 des Beamten Alle Vertefferungen bezüglich der Gehälter oder Ruhege hälter usw. der Beamten auf Grund der nach dem Waffenstillstand oder in Zukunft erlaffenen deutschen Geseze werden durch die Regierungsfommiffion geprüft werden zum Zwed der Bewilligung Der entsprechenden Borteile der Beamten des Saargebiets, damit diefelben zu feiner Zeit schlechter gestellt seien als die deutschen Beamten, welche im Reich in entsprechenden Stellungen sich befinden." Der§ 31 des Beamtenstatuts sichert also den Beamten des Saar gebiets Bezüge in gleicher Höhe zu, wie sie die Beamten des Deutfchen Reichs haben. Diese Eicherung steht indes nur auf dem Bapir. Die Regierungskommiffion arbeitet offenbar auf das engste zufammen mit den Industriellen des Soarge= biets und will aus diesem Grunde verhindern, daß die unteren Beamten und die vergleichbaren Arbeiter und Handwerker das Lohnniveau der Industrie übersteigen. Selbstverständlich hat diese Rüdfichtnahme der vom Völkerbund eingefeßten Regierungskommission auf die Privatindustrie zu einer wachsenden Berbitterung in den Kreisen der Beamten und Lohnempfänger geführt und in Verbindung damit zu den Bestrebungen, eine gemeinsame Abwehrfront zu schaffen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der angekündigte Streit der Eisenbahnarbeiter eine starke Sympathiefundgebung bei den Beamten der unteren Besoldungsgruppen auslöft und die Regierungskommission zwingt, weitergehende Buge ständnisse zu machen. Auf jeden Fall beweisen die vorstehend geschilderten Vorgänge, daß die Schaffung staatlicher Zwerggebilde durch den Friedensvertrag den Arbeitnehmern erhebliche wirtschaftliche Nachteile brachte. Diese Erkenntnis ist ein stärkeres Bindemittel zwischen der Saarbevölkerung und dem Mutterlande als die nationalistische Propaganda. Vorläufiger Erfolg der Saar- Eisenbahner. Die Regierungstommiffion hat eine Beihilfe für Ledige in Höhe von 35 Frant, für Verheiratete in Höhe von 70 Grant und eine Kinderzulage von 15 Frank bewilligt, die nach Möglichkeit noch vor Weihnachten zur Auszahlung gelangt. Die endgültigen Verhandlungen sollen im Januar wieder aufgenommen werden. Damit dürfte die Streitgefahr einstweilen behoben sein. arbeitsministers ein Vermittlungsvorschlag gemacht worden, der Einkommenssteigerungen enthielt, und zwar vom 4. bis zum 15. Berufsjahr, welche über die Säße des damaligen Schieds spruches hinausgingen. Dieser Vermittlungsvorschlag, für den die Erklärungsfrist am gestrigen Tage ablief, wurde von den Beteiligten angenommen. Die gewerkschaftliche Organisation der Bantbeamten, der AII. gemeine Verband der Banfangestellten. hat diesem Vermittlungsvorschlage nicht zugestimmt. Und zwar deshalb nicht, weil er sowohl die Jugendlichen wie die jungen Angestellten bis zum zweiten Berufsjahr vollkommen unberüdsichtigt läßt, weil die Regelung der Gehälter in den übrigen Berufsjahren durchaus unzulänglich ist und der Vermittlungsvorschlag überdies eine Bindung bis zum 31. März 1925 vorsieht. Ergebnisse der letzten englischen Berufszählung. = Ueber die Berufszählung, die im Jahre 1921 in England und Wales ftattfand, liegen jetzt die ersten Mitteilungen vor. Die Be pölkerung wurde nach den Berufen eingeteilt in 1000 vers schiedene Fächer, die in 32 Hauptflassen vereinigt wur den. Es gibt fünf Berufe, die mehr als je eine Million Arbeiter umfassen. An der Spizze stehen die Metallarbeiter mit 1 500 000 Mann. Im Transport- und Verkehrswefen arbeiten 1400 000 Mann, in der Landwirtschaft 1170 000, im Handel, Bank- und Versicherungswesen ( ohne die Bureaubeamten) 1 160 000, im Bergbau mehr als eine Million. Was die Frauen betrifft, so steht die Beschäftigung im Haushalt voran mit 1670 000 Personen Darauf folgen die Arbeiterinnen im Textilgewerbe mit rund 600 000, Die Ueberfüllung der Angestelltenberufe. während in diesem Gewerbe nur 372 000 Männer tätig sind. Rund 500 000 Frauen wirken in der Bekleidungsindustrie, und Die Ueberfüllung aller Angestelltenberufe macht die ungeheure Arbeitsloligkeit bei den Angestellten zu einer dyronischen faft ebenso viele find als Handelsangestellte beschäftigt. Aus ber Statistit ergibt sich, daß es in England und Wales beinahe Erscheinung. Dennoch drängen sehr viele Jugendliche zu den Angeſtelltenberufen. Nach den Mitteilungen des Landesberufs- 430000 weibliche Bureau angestellte gibt, während 360 000 Frauen eine Tätigkeit, die zu den freien Berufen gerechnet amtes Berlin mollten 18 Proz. aller männlichen Jugendlichen einen taufmännischen Beruf er wird, ausüben; sie sind vornehmlich Lehrerinnen, Musiklehrerinnen oder Krantenpflegerinnen. Es gab als Bureau angestellte tätig zu fein. Große Enttäuschungen greifen, von den Mädchen gedachten sogar etwa 35 Broz 1921 ferner 2000 weibliche Journalisten und rund 1200 diefer jungen Menschenfinder find die unausbleibliche Folge, menn Merstinnen; bie Babber Bahnärztinnen betrug 296. ein fide es 637. In die'em hat sich es fich nachher herausstellt, daß nach vollendeter Lehre der Beruf nicht aufnahmefähig ist. Dazu kommt, daß letzten Jahren ein besonders großer Zuwachs felstellen laffen. Die im Lehrlingswefen bereits fehr erhebliche Mi- Haushaltsarbeit der Frauen im eigenen Hause wurde bei der Berufsftande beſtehen und in weitem Umfange eine genügende Aus- zählung nicht als besonderes Fach berücksichtigt, sodak dieser Beruf, bilbung gar nicht gegeben ist. der wohl am meisten überlaufen" ist, in der Statistit nicht vermertt ist. d Der Zentralverband der Angestellten hat deshalb sämtliche Länderregierungen gebeten, Vorschriften über die 3ahl der Lehrlinge zu erlaffen und die unteren Verwaltungsbehörden anzuweisen, zur Bekämpfung der vorhandenen Mißstände von ihren Befugnissen Gebrauch zu machen. Die Länderregierungen find weiter aufgefordert worden. die öffentlichen Berufsbera tungsstellen auf die trostlosen Verhältnisse im Angestellten berufe aufmertfam zu machen. Faschistische Sitten. Aus Mailand wurde für lich gemeldet: Der Achtstundentag in Kanada. Die zur Berichterstattung über den fasciitisen General ftreit anwesenden Sonderforrefpondenten der Oppos fitionsblätter find nach Beendiguna des Streits von einigen in ihr Hotel eingedrungenen Fafciften überfallen und ver prügelt worden. Ansaldo vom Genueser Jl Lavoro" erlitt Wie steht's mit den Ratifikationen? ernstliche Verlegungen, während Ceriani vom„ Corriere della Sera" Der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes gab dem Korre- einige Stodschläge und einen Revolver'chuß in die ferie erhielt. spondenten des Soz Pressedienstes" in Genf vor wenigen Tagen alle anderen famen mit leichteren Verlegungen davon. Alle Journa Auskunft über den augenblidlichen Stand der Rafi.listen verließen mit dem Nachticoneflauge die Stadt. Der Zwischenfikationen des Washingtoner Abkommens in den fall mate großes Aufsehen und wurde von den Oppositionsblättern augenblickliche politische Konstellation ist einer baldigen verschiedenen großen Industrieländern. Thomas erklärte: Die scharf verurteilt. Ratifizierung nicht sehr günstig, da diefe naturgemäß von den politischen Berhältnissen abhängig ist. In England hatte Tom Shaw dem Unterhause ein entsprechendes Projeft oorgelegt; mit seinem Abgange ist das nun hinfällig geworden. Ich will damit nicht fagen, daß die fonservative Regierung grundfäßlich gegen die Ratifizierung ist. Wenigstens hat sich Baldwin in einer feiner Wahlreden durchaus im Sinne einer befürwortenden Stellung nahme zum Washingtoner Abkommen geäußert, und wenn das Arbeitsamt bisher auch feine offizielle Mitteilung der englischen Regierung in dieser Frage erhalten hat, so glaube ich doch aus gewissen Beobachtungen und Anzeichen schließen zu dürfen, daß die englische Regierung sich noch ernster mit dem Washingtoner Abkommen beschäftigen wird. Hierauf wird ja auch die Arbeit der englischen Gewerkschaften zielen, die um fo eher von Erfolg sein dürfte, da die Ratifizierung in ihrer grundsäglichen Bedeutung parteipoliti. schen Bedingungen nicht unterworfen ist. Sie ist viel. mehr eine Frage von wahrhaft internationaler Bedeutung. Wenn heute die meisten Staaten ihre wirtschaftliche Restauration im Sinne einer rein national- egoistischen Interessenpolifit verfolgen, so ist demgegenüber die Frage des Achtstundentages don fozialen Fortschritt der ganzen Welt. Hauptversammlung des Reichsknappschaftsvereins. gemeinsamem Intereffe für die Arbeiter aller Bänder und für den Fast unter Ausschluß der Deffentlichkeit hat vorige Woche in Leipzig die Hauptversammlung des Reichstnappschaftsper eins getagt. Anwesend waren außer den Bertretern des Reichsarbeitsministeriums und der Bergbehörden der Länder 71 Arbeitgeber- und 72 Arbeitnehmervertreter. Hiervon gehörten 37 dem alten Bergarbeiterverband, 11 dem Christlichen Gewerfverein, 10 dem AfA- Bund, 4 der Union der Hand und Kopfarbeiter, 4 dem GDA. und die übrigen 6 fleinen Angestelltenorganisationen an Ferner war der vorläufige Borstand und die Verwaltung vertreten, so daß die Zahl der Teilnehmer zirka 170 betrug. Zuerst wurden eine Reihe von Anträgen angenommen, die sich In Frankreich ist die allgemeine Stimmung für die Ratifizierung günstig. Der Achtstundentag ist in der Braris in einem großen Teile der Industrie bereits durchgeführt. Ein Projekt des Arbeitsministers Godard über die Ratifitation in Frankreich ist von der Kammer in dem Sinne akzeptiert worden, daß Frankreich ratifiziert, falls Deutschland das gleiche fuf. Die Sozialisten fordern demgegenüber eine bedingungslose Ratifizierung. Immerhin ist es begreiflich, daß Frankreich angesichts der allgemeinen Wirtschaftslage seine Entscheidung von der des Deutschen Reiches abhängig macht. WEIHNACHTEN kommt jährlich EINMAL Gönnt Euch an diesem Tage den Genuss einer echten MAIKAPAR MOKKA... 3 und MOKKA- EXTRA Bei der 59 WAHL bleibt Ihr diesen Marken TAGLICH treu. In allen besseren Zigarrengeschäften erhältlich. ( IGB.) Kürzlich hat das tanadische Arbeitsministerium eine Erhebung über die Anwendung des Achtstundentages in Betrieben eingeleitet, die mehr als 14 Arbeiter beschäftigen. Es zeigte sich, daß in den Betrieben, die Angaben machten, d. h. bei 5236 Unterrehmern mit insgesamt 690 317 Arbeitern 54,22 Broz. aller Beschäftigten 8 Stunden pro Tag und 48 Stunden pro Woche arbeiten. Die Landwirtschaft und Fischerei wurden bei den Erhebungen nicht berücksichtigt. Im Transportgewerbe ist der Brezentsatz der Arbeiter mit 48ftündiger Arbeitszeit der höchste( 91,6 Broz.), bei den Holzfällern der niedrigste ( 19,23 Broz.). Der Streit in der belgischen Schwerindustrie, der seit dem 12. Dezember andauerte, ist beigelegt. Zentralverband der Angestellten, Ortsgruppe Groß- Berlin. Unfer OrtsAm 24. Dezember ist das Bureau bis nachmittags 1. Uhr geöffnet. bureau bleibt vom 25. Dezember bis einschließlich 28. Dezember geſchloſſen. Sophien- Säle Sophienstraße 17-18. Säle frei! Norden 9296. Für den Wintersport aus wasserdichten Stoffen, Windjacken bequeme weite Form Mk. 30.-, 18, 15aus dunkelblauem Tuch, 11.Skianzug Norweger Form.... Mk. 110.Sport- Sweater u.-Westen, Wickelgamaschen Stutzen Handschuhe Schals- Mü'zen DESAY -O Baer Sohn A.-G. Berlin, Chausseestr. 2930 Nr. HHZ« 41. Jahrgang 1 � dienstag, 23. Dezember?H24 Die Grc>W