Menöaasgabe «c. 604 ♦ 41. Jahrgang Ausgabe B Nr. 302 StiRtBsStbinflintgea v»d Anzeis-nsr-itt ITna in der MsrgenailSgabi angegeben Lcdakiioi»! STD. 68, Ciadenflcafie S Fernsprecher: VSatzoft 292— 298 Xcl.'UtceffeSajialdctnofcat Beclia $r Devlinev Volksblstt 5 Golöpfennig Dienstag 23. Dezember 1924 Verl«« und An»«ige«adte-.».llng> TeschSf»,,«it»-S Hdr VcctcgccOoCTBärtN'llcclas®mbS>. Bcclin SB». 6«, Cindcaflcab« 3 ifernlprecher: C 8 oft»ff 2806.236? Zentralorgan der öoztaldemoferatifd�en parte» Deutfchlands Das Urteil im Magdeburger Prozeß. Drei Mo»»ate Gefängnis für den Angeklagten. Magdeburg. 23. Dezember. 5m Beleidigungsprozeß des Reichspräsidenten geH-�n den Redakteur Rothordt aus Stoßfurt wurde heute früh um 10 Uhr S Minuten die Verhandlung noch einmal kurz eröffnet und an den Angeklagten Rothardt vom Vorsitzenden die Frage gerichtet, ob er noch etwas auszuführen habe, was Rothardt verneinte. Darauf zog sich das Gericht noch einmal zu einer kurzen formellen Beratung zurück. Um 10 Uhr 20 Minuten erschien der Gerichtshof wieder im Saal, und der Vorsitzends, Landgerichtsdirektor Dr. Bewers- d o r f, erklärt: Das Gericht hat folgendes Urtell gefällt: Der Angeklagte nnrd wegen öffentlicher Beleidigung zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten verurteilt. Dem Beleidigten, Reichspräsidenten Eberl, wird die Befugnis zugesprochen, die Berurteilung des Angeklagken auf dessen Kosten binnen einem Monat nach Rechtskraft des Urteils in der„Mittet deutschen Presse" aus der ersten Seite, in der �„Magdeburgifchcu Zeitung" und im„vorwärts" durch ein- maligen Abdruck zu veröffeutlichen. _ Alle Rummern der„Mitteldeutschen Presse" vom 23. Februar 1324 sowie die zu ihrer Herstellung benutzten Platten und Formen werden unbrauchbar gemacht. Die Kosten des Verfahrens fallen dem Angeklagten zur Last. * tm feiner Degrüaduvg des Urteils «ptläri» Londgeiuchtsdiretror Dr. Lewersdorff: Der Singe- Ilngre hat in Rr. 45 der„lIRittelöeutfchen Presse" vom 23. Februar 1924 auf der ersten Seit« einen Artikel qebracht unter der Heber- schrift„(Eine bittere Pill« f ü r Fritze Ebert". Dieser Artikel enthält den bekannten offenen Brief des Dr. G a n ß e r, in dem dieser dem Reichspräsidenten vorwirft, daß er den Straf- a n t r o g gcgen Dr. Eanßer zurückgezogen habe, obwohl GanHer ihm Landesverrat vorgeworfen habe. Es bedeute für die Republik eine schwere Belasiungsprobe. wenn ein Mann an ihrer Spitze siehe, der den Lorwurf des Landesverrats auf sich sitzen lasie. Der Angeklagte hat zu dieiem Artikel einen Kommentar orrfaßt. in dem es heißt,„Beweisen Sie doch. Herr Ebert, daß Sie kein Landesverräter sind. Ich frage Sie, wann Sie zurückzutreten ge, denken". Das Gericht nimmt an, daß dieser Artikel z u n ä ch st eine formale Beleidigunq im Sinn« des 8 135 StGB. enthält. Als Beleidigung nimmt dos Gericht zunächst die Anrede „Fritze" an. Diese Anrede braucht nicht immdr beleidigend zu sein, wenn sie von Freunden oder Bekannt'n gebraucht wird. Ben einem Fremden, einem politischen Gegner dagegen wirkt sie belci- digend. lILeirer sieht das Gorichi«iiw formale Bei idigung in dem Ausdruck„Man hat zu Ihrer Begrüßung die rote Badohose hin- ausgehängt" und serner„Beweisen Sie doch, daß Sie kein Landes- Verräter sind". Besonders das istztere ist ein Werturteil, in welckxm dem Nebenkläger vorgeworfen wird, daß er das Verbrechen des Landesverrats begangen habe. Der ganze Artitei enthält den Talbestand des 8 185 AGB. fiible Rachredef. Der Brief des Dr. GanHer behauptet die Tat- iache, der Reichspräsident Ebert Hab« Landesverrat begangen. In. dem der Angeklagte diesen offenen Bnef abdruckt«, macht« er sich die Ddeürcung de- Dr. Eanßer zu eigen. Der Borwurf der Herr Nebenkläger habe Landesverrat begangen, ist geeignet, den Reichspräsidcntea in der allqemeioev Achtung herab, ufetz:«. E ue solche Behauptung ist beleidigend, wenn der Wahrheitsbeweis für die behauptete Ta fache nicht erbracht werden kann. Es war d:s- hoib Aufgabe des Gerichts, zu prüfen, o b der Nabenkläger Landes- verrat begangen hak oder nicht. Diese Prüfung der Tätigkeit des Re' euttägers erstreckle sich nicht bloß auf den Zauuarflreik, sondern auf sfne ganze politische haliung während des Krieges. Der An- geklagte behauptet, daß der Nebenkläger nicht nur den R ü st u n g s- arbeiterstreik geleilet hat. fondern daß er auch den Aus- stand der Werftarbeiter in Kiel hervorgerufen und daß er in Ch e m n i tz einen Streik der dortigen Arbeiter anbefohlen habe, daß zu diesem Zweck der Ob-rpräsident Nosk« nach Chemnitz gefahren sei. Die Verhandlung hat keinerlei Rachweis dafür erbracht. datz d!e Behauptungen des Angeklagten richtig geivefen find. Das vielmehr den Vorwurf betrifft, daß Oberpräsident Roske In Chemnitz einen Streik entfesseln wollte, so ist dies direkt widerlegt. Was nun den Wuoitionsarbeilerstrelt 1018 unbetrifst. so ist soigendcs sestgestellt: Im Januar 1918 begann der von radikaler Sei!« entfachte Streik de? Rüstungs- Arbeiter. Man legte die Arbeit in dm Betrieben nieder, trat zu einer Delegicrtenverlammluna der Obleute zusammen, siellie in dieser die bekannten sieben Forderungen� auf und wählte einen Aktionsausschuß. Die Parteileitung der Sozialdemokratischen Partei wurde gebeten, zur Vertretung der mehrhritssozialistischen Arbel- ter in die Streikleitung einzutreten. Da? wurde zunächst abgelehnt und der Nebenkläger sagte wörtlich:.Wer flch diese-Suppe eingebrockt hat, soll sie auch auslössei?»." Erst später, auf dringendes Bisten ihrer Anhänger und nach einer Versammlung im Parteioor- stand, erklärte der Vorstand sich bereit, drei Mitglieder in die Sirelk- lettung zu entsenden. Die Delegi-rtenversommlung der Streikenden sthnte da? zunächst gb und wir erst später damit einverstan, d S n, daß die Herrin Gbert, Scheidemonn und Breun st? die Streik. Ui;u*n eintraten, in der drei Abgeordnete der Unabhängigen Parte, und 10 �evolutionär« Obleute" saß«. Der Katritt d«r sozialZxNS. kratifchen Vertreter erfolgte am 28. Januar abends. An diesem Abend fand dann die erste Sitzung der Streikleitung statt. Dar Nebenkläger verlangte ein« paritätische Zusammensetzung der Streikleitung und eine Abänderung der sieben Forderungen der Streikende«. Dos wurde ihm abgelehnt.. Man forderte in der Streikleitung Verhandlungen mit der Regierung„zu deren Einleitung sich Herr Scheidemann bereit erklärte. Ob über diesen Punkt noch näheres beraten wurde, war nicht festzustellen. Am 29. Januar traf sich die Streikleitung wiederum. Ob dabei der Nebenkläger anwesend war. hat sich nicht feststellen lassen. Scheidemann berichtete, daß Wallröf die Arbeit« nicht empfangen wollte und daß er auch ledig- lich bereit fei, über wirtschaftliche Forderungen mit den Abgeordneten d« beiden sozialistischen Partein, zu oera.en Da di« Abgeordneten sich vm de-, Arbeitern infolg« emes Beschlusses nicht trennen wollten, ist diese Aussprache mit Dollraf jedoch nicht zustand« gekommen. Am Nachmittag fand dann nochmals eme Sitzung ficii. Am 30. Januar traf sich di« Streikleitung im Wartesaal des Bahnhofs Friedrich- stratze. Ob der Herr Nebenkläger dabei anwesend war. ist nicht fest- zustellen. Am Nachmittag des 30. Januar versammelt« sich die Streik- leitung in einer Küche in Treptow. An dieser Sitzung hat der Nebenkläger teilgenommen. Man beschloß, ein Flugblatt herauszugeben, dos aufforderte, im Streik auszuharren. Wer dieses Flugblatt entworfen hat. ist nicht festzustellen gewesen. Wahrschein- lich war es Richard Müller. Widerspruch gegen dieses Flugblatt erhob keiner der Anwesenden. Das Flugblatt, das in Masten rxr- teilt wurde, und das später auch bei dem Abgeordneten Dittmann beschlagnahmt wurde, sollt« die Versammlungen für den nächsten Tag vorbereiten. In dieser Sitzung wurden auch die Redner für die Dersarnmlungen am kommenden Tage bestimmt. In der Versammlung in Treplo« sollt« der Nebenkläger und der Zlbgeordnet« Dittmann sprechen. Am 31. Januar hat dann der Nebenkläger Ebert in der Treptower Dersammlung auch gesprochen. Er sprach zunächst über den Krieg und die Kriegslage und führte aus,«s fsi Vflichk der Streikenden, ihre Arbeitsbrüder im Felde zn nnier- stützen und ihnen das Beste an Waffen zu liefern, was es gebe. Zn England und Frankreich v«lörcn dl« Munitionsarbeiter keine Arbeitsstunde Diese Lusiührungen murden von der Versammlung m i t Murren aufgenommen. Dann sag!« der Redner weiter: „Eure Forderungen sind gerecht. Holtet aus. Eure Arbeitsbrüder rn diesen und jenen Städten'stehen euch bei." Dieser Teil der Rede fand Beifall. Zum Schluß wurde dem Redner ein Zettel hinaufgereicht. Was auf dem Zettel stand, tonnt« nicht ermittelt werden. Es er- tönten Zurufe:..Die Stellungsbefehle� Dazu bemerkte der lsteben- klüger:„Wenn Gestellungsbefehle ergehen, ft» wird die Partei sich bemühen, sie rückgängig zu machen." Daß der Zlebenkläg« ausgeführt hat, man solle sich Stellungsbesehlen nicht fügen, ist nicht anzunehme«. Die Zeugen Goberl und Syrla haben hier anders ausgesagt, aber fle erscheinen nicht glaubwürdig. Das. was Syriq und Gobert nach ihrer Aussog« gehört haben, wollten sie wahrscheinlich aus den Worten des Redrwrs nur her- aushören. Nach dem Nebenkläger sprach Dittmann, der bald darauf verhaftet wurde. Am Nachmittag des 31. Januar tagte die Streikleitung in der Gorman, ftroßc. Die Vertreter der Sozichdemokcatie erklärten, der Streik könne beendet werden, wenn di« Generalkommission der G«> werkfchoften hinzugezogen würde. Am 1. Februar fand dann noch eine Zusammenkunft der Streikleitung ftott. die ab« ergebnislos verliest Das Gericht hatte nun zu prüfen, ob bei dem Nebenkläger L a n- d e s v e r r a t.vorgelegen hat oder nicht. Das Gericht konnte dieie Frage nur von dem strafrechtlichen, nicht aber von dem moralischen, politschen ober historischen Standpunk irierfuchcvt. Diese Frage vom historischen oler vom moralischen Standpunkt aus zu prüfen, muß der Geschichte überlasten sein. Nach§ 89 StGB, begeht derfeniq« Landesverrat, der während eines Kriegs einer feindlichen Macht oorljitzlich Vorschub leistet und der e'genen Kriegsmacht vorsätzlich Na ch- teil« zufügt. Vorsatz bedeutet dabei das Bewußtsein, daß durch sein« Handlungsweise Vorschub geleistet oder Nochteil zugefügt wird. Daß ein polststcher Massenstreik, der ja auch die Rüstungsindustrie umsaßt, zur Zeit eines Krieges objektiv Landesverrat bedeutet. kann füglich nicht bestritten werden. Ein solcher Streik legt di« Rüstungsindustrie lahm, fügt also der Kriegsmacht Nachteil« zu. Die im Streik verharrten, so begingen sie eandesowol und zwar dauert dieses Delikt so lange an. als die Arbeit uerweieert nird. Aber nicht nur die Streikenden selbst, sondern auch all« di-»- jenigen anderen, die den Streik anstifteten, organisierten stärkten und stützten, haben sich des L a n d e s v e r- r a t s schuldig gemacht, wenn sie den durch den Streik entstehenden Nachteil erkannten und trotzdem ihre organt- sterende und stützende Tätigkeit entfalteten. W nun nach- aemieien. daß der Nebenkläger dos geian hat? Die Sozial- demokratisch? Partei und der IkebeuNäq« haben bin Stre k nicht angezettelt, et ist ohne ihre Allmirknnq entstanden. Der Neben- klüger hat sich aber an der von den Strnk:ndui zur Organisierung und Förderung de? Streits eingesetzten Sireikleirung aktiv heteiligt. Er bat an mehreren Betvrrrirkjma ijet Sircik'o tung fiktiv t'fl» gemtrnnen und an Beschüssen mitgewirkt, die für den Streik von >v?s entlich:r Bedeutung war n. so in der D'tzun.z vom 30. Januar, in der dte Abhastunq von Lersammlunqen und die Aufstellung von Rednerlisten beschlossen wurde und in der wert« auch das Flugblatt, das besonders scharf zum Ausharren ta Streik auf. forderte, verfaßt und feine Verbreitung beschlossen worden ist. i D'?- fem Flugblatt hat der Nebenkläger nicht widersprochen..« hat es vielmehr mit beschlossen. Endlich hat der Nebenkläger auch im Treptower.Park zu den Streikenden gesprochen. Zwar hat er im ersten Teil sein« psychologisch s.hr interessanien Rede darauf hingewiesen, daß es Pflicht der Arbeiter fei, die Brüder tm Felde zu stützen und ihnen die besten Waffen, die nur möglich feien, zu liefern. Als er aber mit diesen Ausführungen auf Widerspruch und Murren, sa selbst auf Bcschimrfung stieß. Hai«r die B rech- t gung der Streiksorderungen anerkannt und hinzugefügt:„Haltet ruhig aus. Eure Arbeitsbrüder in anderen Städten stehen zu Euch." Damit hat der Nebenkläger zum Ausharren im Streik aufgefordert, denn es ist nicht zutreffend, daß der Ton seiner Ausführungen auf dem Wort„ruhig" lag. Alle diese Handlungen, die de« Streik organisierten und fördertet?, hat der Nebenkläger als solche gewollt, obwohl er einsah, daß sie für den Streik«inen fördernden Erfolg haben würden wid infolge- dessen der Kriegsmacht Schaden zufügen würden. Der Nebenlläg« hat also im Sinne des 8 89 StrGB vorsätzlich gehandeit und es ist somit erwies«, baß er im straftrechilichen Sinn« Landesverrat begangen hat. Es wird gesagt, daß der Nebenkläger die Absicht Halle, den Streik im Sinne der Landesverteidigung ab zu- würgen, daß er auf die Streikenden Einfluß gewinnen wollte, daß er nicht anders handeln konnte. um sein Ziel zu erreichen. Würde seine ondlungswelfe vom politische« oder historischen Stand. ptrnki aus zu beutl eilen sein, dann könnte dieser Einwand beachtlich fein. Für die Frage aber, ob der strafrechtlich« Tatbestand d«6 S 89 erfüllt ist, ist dieser Einwand ohne Belang. Don welchen Beweggründen der Nebenkläger sich bei seinen Entschlüssen leiten ließ, ist'für die strafrechtliche Frage ohne Bedeutung. Er de- ging Landesverrat, wenn er zum Ausharren-im Munitionsordeiter- streik auffordert«. Hiernach konnte eine Berurteilung des Angetlag- ten nach§ 186 n i ch t erfolgen. Dagegen war er gemäß 8 185 wegen formal« Beleidigung zu bestrafen. Von den Wendungen des Artikels, die als beleidigend zu bezeichnen sind, wiegt der Ausdruck„Landesverräler" am schwersten. Ms der Angeklagte den Nebcakläger damit beleidigte, hatte er nach seinen eigens« Angaben keine AnKallspnnkle für feinen s» schweren Bor- wurs. Er Hot also absichtlich eine so schwere Beleidigung ausge- sprachen. Daß er zum Ausdruck brachte, daß dem Rsichspräsidcmen ein Landesverrat zuzutrauen fei, ist in die'em Sinn« r-on Erheblichkeit. Wenn der Nebenkager auch feine Absichten zunächst nicht offen zum Ausdruck gebracht hotte und wenn auch über seine Rede d«.,Vorwärts"-Ar!ikel. di« Rede Sck?eidemanns und der Bericht des Partciousschusie- sich verbreitet hoben, so Hot der Nebenkläger selbst doch eidlich seine Absichten bekundet, und es besteht keine Peraiilosfung. seine Bekundungen nicht zu glauben. Was das Strafmaß anlangt, so war zu berücksichtigen, stoß d« Angeklagte den höchsten Beamten des Reichs, der das Deutsche Reich in völkerrechtlichem Sinn« vertritt, mit seiner Beleidi- gung getroffen hat. Dies« Tatfache wiegt so schwer, daß trotz der Jugend und Unferiigkeit des Angeklagten nur«ine empfindliche Gefängnisstrafe als angemesien« Sühne zu betrachten war. Dos Oerich: hat drei Monate Gefängnis für ausreichend erachtet. Das Gericht hatte noch zu der Frag« Stellung zu nehmen, ob gemäß dem Antrag des Generalftoatsanwalls eine Strafaussetzung in Frag« käme. Das Gericht war der Meinung, daß von ein« Aus- fetzung der ganzen Strafe nicht die Rede fein könnt«, sondern doß ein« Strafaussetzung nur für den letzten Monat m Frage käme. Das Gericht Hot daher befchlosien, den Angeklagten noch Verbüßung von zwei Monaten Gefängnis für den Sllasrest eine D e- w ä h r u n g s s r i st für die Dauer von drei Iclzren zuzubilligen, da die Tat nicht allein auf verbrecherische Neigung und Berderbtheit. sondern auch aus Leichtsinn und Unerfahrenheit zurück- zuführen ist und Aussicht besteht, daß sich der Angeklagte bei guter Führung eines späteren Änadenbeweises würdig zeigen wird. Damit war die Urteilsbegründung beendet und die BerdandltTN? wurde um 11 Uhr vormittags geschlossen. «« Es ist in Magdeburg an ienes Schreckensurteil erinnert worden, das vor einem Lierteljahrhundert eine Magdeburger Strafkammer gegen einen jungen Redakteur der„Volks- stimme" verhängte, weil in dem Blatt eine Beleidigung des Zollernprinzen Eitel Friedrich und seines Vaters gefunden wurde. Diese Beleidigung hatte man in einem aus aus- ländischen Blättern übernommenen„Märchen" entdeckt, und August Müller, später Staatssekretär, wurde dafür zu vierIahrcn Gefängnis verurteilt! Er war allerdings zur Zeit der Beröffentlichüng in Urlaub gewesen und deshalb zu Unrecht verantwortlich gemacht. Als daraufhin sich der wirkliche„Täter" meldete, der Genosse Albert Schmidt, wurde Müller im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen und Schmidt dafür zu drei Jahren Gefängnis ver- urteilt. Er hat sie bis auf die letzte Stunde absitzen müssen. Die Majestätsbeleldigungsprozess« jener Zeiten bilden sin besonders dunkles Kapitel deutscher Geschichte. Es hagelte zeitweilig Anklagen und endlose Strafen. Selchstverständlich, daß von einem Wahrheitsbeweis niemals die Red» fein konnte, weil er grundsätzlich auzff�ich'ossen HFeb. Heute ist das ander?. Wir Hz de» kews„Majestäten" znehr, die von Gatt gesandt wurden. Wir haben eine» auf Grund der Verfassung gswahlt»« Repräswtt-zxn der Republik, den Reichspräsident eiu Er genießt nicht die mannigfaltigen Vorrechte des Kaisers oder eines Landes- fiirften. Er muh, wenn er sich gegen besonders niedrige Anwürfe auf seine persönliche Ehre schützen will, jedesmal selbst Strafantrag stellen oder gar Privatklage erheben In- sofern ist der erste Repräsentant des Volkes jedem anderen Staatsbürger gleichgestellt. Er muß sich auch gefallen lasien, daß in einem Prozeß alle seine Privatangelegenheiten vor all-r Oeffentlichkeit durchgekaut werden. In solcher Lage befand sich der Reichspräsident auch nn Magdeburger Prozeh. Landauf, landab hatten deutsch- national-völkische Agitatoren neben anderen Verunglimpfun- §en auch die Mär verbreitet, der Reichspräsident habe während es Krieges ,chas Land oerraten", er habe, um mit den Worten des Strafgesetzbuchs zu reden,„oo r s ä tz l i ch während eines Krieges der Kriegsmacht des Reiches Nachteil zugefügt." Das sollte vor allem durch seine Beteiligung an der Leitung des Rüstungsarbeiterstreiks geschehen sein, aber auch dadurch, daß Ebert während des ganzen Krieges die Maß- nahmen der Regierung und der Heeresleitung zu durch- kreuzen suchte. Auf dieser Meinung fußten auch die jungenhaft dummen Anmerkungen des Rothardt in seinem Stahfurter Hetz- blättchen, der den„offenen Brief" Ganßers zum Abdruck brachte und dazu seinen kümmerlichen Witz ausgoß. Dieser Rothardt war der Angeklagte. Das Magde- burger Schöffengericht aber ließ den ganzen Prozeß führen, als ob nicht Rothardt, fondern der Reichspräsident auf der Anklagebank säße. Und dieser Verhandlungsführung entspricht auch das gefällte Urteil. Zwar schickt es den jungen Stahlhelmer auf zwei Monate ins Äefängnis, um ihm für den dritten Monat Bewährungsfrist zuzugestehen. Aber die ganze lange Urteilsbegründung erfolgt nur, um dem Rothardt zu bestätigen, daß der„Angeklagte" Ebert sich des„objektiven Landesverrats" schuldig gemacht habe? � Diese Beweisführung des Gerichts ist so haarsträubend, daß man sie dreimal lesen muß, um auch nur einigermaßen Verständnis dafür zu bekommen. Das Schöffengericht unter- scheidet zwischen„politischer, moralischer und historischer" Be- urteilung auf der einen, und strafrechtlicher auf der anderen Seite. Nur mit Hilfe dieser spitzfindigen Unterscheidung kommt es zu dem Ergebnis, daß Ebert und seine sozialdemo- kratischen Freunde vorsätzlich der Kriegsmacht des eige- nen Landes Nachteil zugefügt habe, als er in die Streik» leitung eintrat, darin verblieb und nicht gegen alle Dumm- betten der Richard Müller und Genossen formell protestierte. Unter„Vorsatz" versteht man im gewöhnlichen Leben mehr als Fahrlässigkeit. Unter„Vorsatz begreift man mehr als bloßes Geschehenlasien. Es wird darin ausgedrückt, daß ein bewußter Wille durch bestimmte Handlun- g e n in der Richtung dieses Willens zum Ausdruck kommt. Das Gericht bestätigt, daß Ebert gegen seinen Willen in das Streikkomitee ging, nachdem er von seinen Parteifreunden aus den Betrieben dazu gedrängt wurde. Es bestätigt, daß er sofort die anderweitige Zusammensetzung der Streikleitung und die Abänderung der aufgestallten Forderungen verlangt habe. 2llso Willenskundgebungen, die gegen den„Vorsatz" schließen lassen. Es bestätigt, daß Eberl sogar auf der Treptower Wiese von der Notwendig- keit der Herstellung bester Munition gesprochen habe, und davon, daß die französischen und englischen Arbester keine Stunde verlören, um ihren Soldaten Munition zu liesern. Entsprechen solche Aeußerungen dem„Vorsatz", der Kriegs- macht des Landes Nachtest zuzufügen? Es bedarf des juristi- schon Scharfsinns eines Schäffenrichters, um auch das zu bs- weißen. Denn der Journalist Lehnhoff, der diese Sätze be- kündete, will auch gehört haben, daß Ebert sprach:„Eure Forderungen sind gerecht. Hastet ruhig aus, Eure Arbeits- brüder in anderen Städten stehen zu Euch!" Zwar ent- sprechen diese Sätze durchaus nicht dem Vorhergesagten. Es ist auch durchaus möglich, daß Lehnhoff von seinem Gedächtnis Hm Tage vor Weihnacht. Von Käte Stvmöieret. Ueber dem Vrieffpalt in meiner Türe hebt sich die Klappe aus Weißblech. Ich hör««in femes, vertrautes Geräusch, als reibe sich Holz an Papier, hör« das Knacken eines Scharniers und gehe hin- au».„Drucksache— Empfehlenswerte Weihnachtsgeschenke." lln- willig den Zettel in meine Tasche versenkend, setze ich mich im Zimmer an» Fenster, um weiterzulesen in einem Buche über China und Japan. Der Band umfaßt siebenhundert Seiten. Die Buch- (toben reihen sich zögernd einer zum anderen, die Worte gähnen, hölzern wie Zaunpfähle stehen die Reihen. Ich klappe es zu. Der braune Ledereinband ist kostbar. Aber— was Einband! Drüben am Fensterkreuz hnägj ein« Fettgans zum Fest. Ihr nackter, lang ausgezogener Hals baumelt mit aufgesperrtem Schnabel noch unten. Und m meiner Tasche knistert der Zettel mit angepriesenen Weih- nachtsgeschenken. Ich zieh« ihn lanzsam heraus. Mit scheuem Blick streife ich Preise.... An meiner Tür klopft es bescheiden. Ein flachsblonder Jung« zieht wohlerzogen die Mütze. Mit dem anderen Arm stützt er eine schöngewach en« Tann« mit ausgebreiteten Zweigen, grün und harzig wie Weihnacht. Für fünfzig Pfennig kann ich sie haben. Ich lehn« ab, schließ« die Tür. Hinterm Guckloch folgen mein« Blicke der Tanne bis zum Treppenabsatz wie sie neben dem Jungen Stuf« um G!rlfe hinabsteigt. Adieu, Weihnacht____ Ich nehme den Mantel und gehe fort— ich weiß schon, wohin. Den gedruckten Zettel mit möglichen Weihnachtsgeschenken schieb« ich heimlich der Nachbarin in den Türspalt. In meinem Mantel klimpert vergnüglich das Fahrgeld. Eine kurz« Fahrt bis zum Potsdamer Bahnhof— Bor dem Eingang zur Ringbahn stehe ich wartend. Bald muß sie kommen. Ich würde mich freuen, sie wiederzusprechen: ich schätze sie sehe. — Ich werd« sie sehen. Sie ist schlank, beglückend graziös. Sie schreitet noch Mozartschem Rhythmus. Früher mochte sie schön sein,— früher, ehe dt« Spannung um Mund und Augen und die scharf eingezeichneten Faltchen Sorgen verrieten... Wenn sie kommt, werde ich mich vorsichtig in ihre Blicklini« drängen, wie ohne Absicht vorbemchen. Dann wird sie mich sehen: wird sich erinnern, wieviel Mark sie mir schuldet, vielleicht schickt sie mir etwa»—«in Biertel— die Hälfte?(Und ich kann kaufen— alles— Tonn« und Weihnachtsgeichenkel—) Grüßen mag ich sie nicht. Sie würde er» schrecken, denken, ich hötte dl« Absicht, zu mahnen. Aber sie kommt nicht. Vielleicht ist sie,«inen anderen Hut auf dem Kopf«, lange vorbei:— Fünfzig Pfennig der Baum, dann noch die Lichter... ich werde am H elf igen Abend die Fenster zählen, hinter denen sie brennen.— Jemand zupst mich am Aennei..(Er sollt««» lasien, es kann ihn gereuen.) Wem Vetter... ja, der erlaubt im Stich gelasien wird, zumal er keine Notizen gemacht hak udn jetzt nach sieben Iahren zum ersten Male über jene Rede einen Bericht gibt. Eine objektive Täuschung liegt also durch- aus im Bereich der Wahrscheinlichkeit. Aber das Gericht braucht diesen Satz, um seine ganze unhaltbare Kon- st r u k t i o n zu stützen. Deshalb legt es ihm entscheidende Bedeutung bei und übergeht leichthin die Bekundungen an- derer Zeugen, die damals im anderen Lager standen, als Ebert, daß dieser von ganz anderen Dingen geredet habe, als von denen, die die Steckenden in erster Linie inter- efsterten. Moralisch, politisch und historisch, meint der Schöffen- richter, seien die Dinge anders zu werten. Juristisch jedoch liege nun einmal Landesverrat vor, den Ebert und seine engeren Freunde begongen hätten. Aber aussprechen durfte Rothardt das nicht. Er durfte nicht zu erkennen geben, daß er dem Nebenkläger Landesverrat zutraue, zumal er kein« Unterlagen dafür befaß! Mit Verlaub: Das ist ein juristischer Kopfsprung, der dem ganzen Urteil erst die Krone auffetzt. Wir wollen nicht untersuchen, was.m Januar 1918 geworden wäre, wenn die Sozialdemokratie sich nicht der Streikenden angenommen hätte und wenn die Praktiken eines Polizisten, wie Henninger, mit ihnen willkürlich hätten schalten und wallen können. Wir stellen aber feit, daß der damalige bayerische Minister D a n d l den bayerischen„Landesverrätern" fozialdemokrati» Icher Parteirichtung offiziellen Dank für ihre Tätigkeck ausge- sprachen hat. Wir stellen weiter fest, daß kein vernünftiger Mensch im Jahre 1918 daran gedacht hat, in dem Verhallen der Sozialdemokraten„objektiven Landesverrat" zu erblicken, daß ein Strafverfahren gegen den„Vorwärts" damals ein- gestellt wurde und daß sich die Oberste Heeresleckung bei der Redaktion wegen dieses von ihr nicht gebilligten Ber- fahrens sogar entschuldigt hat. Fehrenbach. Böhme. Gröner, Professor Weber— Männer von Ansehen und Ruf — haben keinen Augenblick daran gedacht, daß sie„objettwen Landesverrätern" die Hand drückten. Nur Polizeihirne vom Schlage des Henninger, des Wall- ras oder Wriesberg konnten auf so absurde Borstellungen kommen. Und das Magdeburger Schöffengericht unter Vor- sitz eines Bewersdorf mußte dazu die juristische Begründung nachträglich liefern. Es wird berichtet, daß sowohl die Staatsanwallschaft wie die Vertreter des Nebenklägers gegen das juristisch un- mögliche Urteil Berufung eingelegt haben. Das rechte Urteil wird allerdings nicht nach juristischen Maßstäben gesprochen. Vom„moralischen, politischen und historischen" Standpunkt aus wird es gefällt werden über die Borgänge von 1918 und über die deutsche Justiz, die eine Be- gründung, wie die von Magdeburg, ermöglichte! Zür volle Amnestie. Ein Ruf Ernst Tollers. Ernst Toller schreibt uns: Es ist nicht wahr, daß„die letzten Gefangenen au» der Zeck der Räterepublik" entlassen wurden. Gewiß, die bayerische Regierung hat, endlich!, einigen Niederschönenfeldern die Freiheck gegeben. Wer sie verschweigt, daß da» Zuchthaus Etrau- bing nach etwa 15 gefangen« Räterepubükauer. verurteilt zu 10, 12, 13 Jahren, birgt. D« bayerische Regierung glaub« nicht, daß dies« Gefangenen vergesse» werden! Sie werden bensowenig vergessen werden, wie die siebentausend poetischen Gefangene», die Deutsch- londs Hafthäuser kerkern. Lmsestiel Amnestie für alle! Ernst Toller. Wir haben bereits bei der ersten Mitteilung über die Am- nestierung der Gefangenen von Niederschönenfeld darauf hin- gewiesen, daß sich im Zuchthaus Straubing noch ein Teck der ehemaligen Rotgardisten befindet, denen Beteckiaung an dem sogenannten Geiselmord vorgeworfen wird. Ihre Freckassung ist um so notwendiger, als es sich bei all diesen Gefangenen mir um solche handell, die damals zufällig im Luitpold-Gymnasium mck anwesend waren. Die eigentlichen sogenannten Geiselmörder sind seinerzeck bereits sich immer sehr viel. Nun— er ist heiter und plaudert, so tonn ich schweigen. Er lädj mich ins Cafe. Wir gehen. Als wir die Tür hinter uns schließe.i, vor uns in Hellem Lichte die Räume sich blecken, schcknmm am vordersten Tisch das Blau eines Hutes. Darunter sitzt sie. wartend— scheint mir— und schaut vor sich nieder. Sie schuldet mir Geld; wie peinlich für sie, wenn ich sie hier treffe! Sie darf mich nicht sehen! Rückwärts geh« ich, losi« sie nicht aus den Augen, ziehe den höchlichst verwunderten Bettor mir nach. Dicht bei dem zwecken Eingang des Cafes sitzen wir nun. Mein Vetter plaudert: er unterhält sich sehr gut. Aber die Schlagsahn« ist losch und der Kaffee schmeckt schal. Der Hut ckgmdwo hinten hat ein aufreizendes Blau:— Wenn sie im Cafe sitzt, hat sie doch Geld'? Zum Baum würde es reichen... Wenn sie jetzt aufsteht und geht.. minr ich bleib« im Mantel... „Meine Weihnachtsgeschenke," sagt eben der Letter,„sind all« beisammen. Bis auf ein Buch. Ein Wunsch meiner Freundin. Das ist vevgriffen. Ein Werk über China und Japan. Ich muß es haben — in Lcder." Ich nenn« fragend drn Titel des kostbar gebundenen Bandes mit den siebenhundert Seiten, betrachte die Decke des Saales. „Du kennst es?" ftvgr lebhaft der Better. Ich nicke.„Und hast es?" sagt er.„Dann kauf' ich's Dir ab— willst Du?"— Ich will.'„Für den Ladenpreis," jagt er— wenn es wieder erscheint, bekommst Du'» nicht billiger."— Ich lache und red« und«sie die Sahne— sie schmeckt gar nicht lasch— und trinke den Kaffee. Hintm erhebt sich eben der Hut. Das Gesicht darunter— wie nah scheint es mir!— ist müde und farblos. Jetzt könnte ich weinen, wenn ich es denke: ich hätte sie beinahe gemahnt— und morgen ist Weihnacki!... „vir vertauschte Frau." Im vperettenhaus am Schiff. bauerdamm bracht« es Kollos Operette„Die vertauscht« Frau" gestern zu einem rauschenden Erfolg. Als ob es sich um«ine musikalische Offenbarung bandecke, raste der Applaus. Der Star des Abends, Lea Sei dl, wurde noch gerufen, als längst der eisern« Vorhang den Schluß der Veranstaltung angezeigt hatte. Was sollte man machen? Man demolierte ibn. Schief und verbogen hing die eiserne Tür in den Angeln, ein Opfer des.Beifallssturms. Was man von einer Operette heutzutage verlangt: melodiöse Musik, schmissigen Rhythmus und unterhaltenden Ulk. das besitzt„Die vertauscht« Fmu", zu der die fleißigen Schwan kfabrikcmten Franz Arnold und Ernst Bach den Text und Willi Kollo, der Sohn de» Komponisten, die wirkungsvollen Gesongktexte aestlirieben haben. Stimmung verbreitete dies, ange- regt«, ouegdassin« Stimmung befreite für ein paar Stunden von den Sorgen des Tages. Alle» war da: Publikum. Eiaque und die nähe» rcn und entfernteren Bühnenangehörigen. Kollos Musik war wie innner von packendem Rhythmus, melodiebeschwingt, stellenweise von zartem Duft und singendem Schmelz. Ted und Handlung zwar nicht von üblichem Muster abweichend— der Operettengvaf ist immer noch nicht tot—, aber voll spaßiger Situationskomik und mit originellen erschossen worden. Man hat nicht gehört, daß die Mörder links gerichteter Gefangener in gleicher Weise behandelt wären. Um so mehr muß gefordert werden, daß auch diese letzten Gefangenen aus der Zeit des Bürgerkrieges nun end- lich freigelassen werden. Außer den Rotgardisten aus dem Luitpold-Gymnasium sind noch zu Zuchthaus verurteilt S t r o b e l und S t r e i d e, der eine wegen angeblicher R e- q u i s i t i o n, der andere als Aufseher eines Gefangenen- lagers. Die Forderung nach Freilassung� auch dieser Gefangenen muß unter allen Umständen unterstützt werden. Daß auf dem Wege der Amnestie ein« Wiedergutmachung der teilweise unerhört hohen Strafen gegen kommunistisch« Putschisten erfolgen muß, ist selbstverständlich. Die Sozial- demokratie wird sich im neuen Reichstag genau so dafür einsetzen wie im letzten, wo die Kommunisten erst ihrer Unter- stützung bedurften, um ihre Amnestieanträge überhaupt richtig zu vertreten. Die Kommunisten haben freilich es auch jetzt noch sehr stark in der Hand, durch die Art ihres Auftretens den Kampf um eine berechtigte Amnestie zu erleichtern. Mögen sie endlich einmal aushören, ihre Anhänger zu sinnlosen Taten zu verleiten, und iie damit der Justiz ans Messer zu liefern. Dann wird dem Kampf um die Amnestie rascher Erfolg beschieden fein! Geist üer Zeit�. Ein mildes Urteil. Stettin, 23. Dezember.(Eigener Drahtb?richt.) Der verantwon- ckche Redakteur der„Pommerschen Tagespost" Dr. D r v y s e n hacke sich am Montag vor dem Großen Schöffengericht Stettin wegen Beleidigung des Innenministers Severing zu verantworrcn. In der„Pommorschen Tagespost" vom 13. August war ein Artikel „Schluß mit den Verrätern" erschienen, der die gemeinsten Anwürfe gegen Severing enthielt und u. a. von Betternwirt- schaft, Korruptlvnswirtschaft und Denunzierung der Vaterländischen Verbände durch Severing an die Feind« sprach. Das llrtetl lautet auf 200 21. Geldstrafe oder 40 Tage Gefängnis und Beschlagnahm« der Nummer der„Pomm. Tagespost", sowie Vernichtung der Platten, die zur Herstellung des Artikels dienten. Das Urteil erscheint überaus milde, wenn man die schweren V:r- dächtigungen berücksichtigt, die gegen Minister Severing erhobrn wurden. Erstaunlich muß man es finden, daß in der llrteilsbegrün- dung n. a. gesagt wird: Di« Phase der Polemik liegt an und für sich im Geiste d«r Zeit. U. E. findet dos kaum Berücksichtigung, wenn Angeklagte d«r Linksparteien sich zu verantworten haben. Sozialistischer Wahlsteg in Englanö» Johuston an Stelle von Morel gewählt. e o n d o u. 23. Dezember.(EP.) IIa Vuvdee fand gestern ein» Erjahwahl zum lluterhau» statt. Der sozialistische Abgeordnet« Zohnston ist mit 22973 Stimmen gsgea 10 234 Stimm» u gegen den liberalen Sandida ieu gewählt. Da der Wahltreis Dundee zwei Abgeordnete in das Par- lament entsendet, läßt sich bei der jetzigen Nachwahl nur schwer ein Vergleich mck den Hauptwahlen ziehen. Im Oktober wurde Morel mck 32 846 und ein„Unabhängiger" mit 29 193 Stimmen gewählt. Außerdem erhielt der Konservative 28 118, der Liberale 25 566 und der Kommunist 8340 Stimmen. Jetzt hat der Kandidat dar Arbeiterpartei zwar weniger Stirn- wen als Mord erhalten, aber seine Stimmenzahl übertrifft die seines liberalen Gegners um mehr als das Doppelte. Dieses Stimmenverhältnis läßt günstige Schlüsse über die Stellung der Wählerschaft zur Arbeiterpartei ziehen. Der jetzt gewählte Genosie I o h n st o n gehört ebenso wie der verstorbene Morel der Unabhängigen Arbeckerpartei (JLP.), dem sozialistischen Kerntrupp der Labour Party an. Er ist der Gründer und Herausgeber des Glasgower„For- ward", der für die sozialistische Durchbildung der englischen Arbeiterschaft viel geleistet hat. Einfällen. Clou des Abends waren die fortreißenden Tänze, von Armin S« s s e r» mit seltenem Sinn für Rhythmus und Grazie «instudiert, und Lea S e i d l. di« stimmbegabte rassige Soubrette. nnt der persönlichen Note, beides«in« Augenweide. Iren« P a l a st y dagegen nwcht den Beriuch, ohne Stimm« zu fingen. Ihre Begabung liegt im Groiesktanz, dem ein Schuß Grazie indessen nicht schaden dürfte. Von den mänriiichcn Darstellern heimst« d«r sympathisch« Harald P a u l s« n, der Allerweltskerl, mit dem beschwingten Tanz- dem den Hauptapptous ein. Ein Text des Willi Kollo..Du hast so was Gewisses, nun sag mal. Schatz, wi« is es ruft wehmütig« Er- innerungen an die verflossenen Metropoltheater-Revuen wach. ILIZ dichtet« d«r leider verstorben« Julius Freund die Sach« so:'„Die hat so da« Gcn isse. so wie sie muß, so i, se, das Mädel ist die richi g« Nummer für Berlin." Dgr. RejkerungsbilSung. Sonst sind fr all« wild uff die Ministersitze, Und nu will plötzlich keen«r ran! Du warst doch sonst der erste an di« Spritz«, Mensch, worum kneifst« plötzlich— Stresemcmu? Keen Aas will von'n Lürstrbtock wat wissen, Det Zentrum streikt— vastehste, Marx hat Mark. Den Demokraten zieht et ovch durch d-t Icwissen, Stork Brief bei allen ist der schwarzweißrote Quark. Wat wirb nu werden? link» wann kommt det Ende? Wo is der Champion, d«r-ms'ne Rejterung bilden tonn? DI« Lösung n-ird vertagt. Wir kaltm unsre Händ« Valleicht beschert se uns der sieb« Weihnachtsmann! Nicodemu» Ntnkepink«. Die Stoatsanwallichast beschlagnahmt. Daß Staatsanwälte un- liebsam« Bücher beschlagnahmen, ist leider kein« Neuigkeit m«hr. Jetzt aber hat sich der Staatsanwalt von Zittau ein Meisterstück geleistet: er beschlagnahmte Wacker Mehrings Revue„Euro- päischs Nächte", di« m der Reihe„Die Toll«n Bücher" im Eben« Gottschalk-Verlag. Berlin,«rschienen ist. Außerdem rxrsah er sich mit einem Prospekt des Verlages, auf Grund dessen er all« weiteren Bände dieser Reih« unbesehen für beschlagnahrnt erklärt. Ein Kölner Staatsanwalt, der ebenso tüchtig arbeitete, hat die Be- schlagnehm« eines Bandes dieser Reihe freilich nach zwei Tagen auf- f>;fccn müssen. Der Verlag Hot gegen die Beschlagnahm« Einspruch erhoben._ Theater. ISöbrend der veibnachtSselertage und an den daraussolgcnde» Tagen wsid im Theater am Kursarftendemm allabendlich da» Saudevtlle a m z e l I e« t t o u ch e". Musik von HervA. ausgejübrt. ®(af Hermann Keyserling wird am Z9. Dezember in Potsdam über das Thema„vteschtchte o!S Tragödie' sprechen. «egeo di« vrrst ondelnug des Reckarloltt, die dessen landschaftlich« Schönheiten und Tlädtebttdrr tdie Hetdekbergcr alle vltlcke!) von einer siortletznng der Rrckarkonolisieiung ev, droben, wird von einem betonderen Ausschuß in Heidelberg eine WarnungSltimme«(hohen. Das öri'tte Versailles. ?ie Deutjchnationaleu und die Bölkerbundnote. Die deutschnationale Presse beweist durch ihre Stellung- nähme zu der Völkerbundsnote der Reichsregierung, daß zwischen den außenpolitischen Anschauungen der Reichsregie- rung und denen'der Deuischnationalen sundamentale Unter- schiede bestehen. Die„R a t i o n a l p o st", das offizielle Organ der Deutschnationalen, schreibt: „Ilebrigens ist kaum anzunehmen, daß die maßgebenden Völker- bundsmöchte die Notwendigkeit der deutschen Derbe halte einsehen: und so wird es trotz all«? sonstigen Bereitwilligkeit einer mit Fort- fuhrung der laufenden Geschäfte betrauten Reichsregisrung uns hoffentlich erspart bleiben, in den von den Feindbund- mächten in Versailles gestifteten Völkerbund eintreten zu müssen." Hier tritt der Unterschied in der Zielsetzung der Außen» Politik scharf hervor. Das Ziel der Außenpolitik der Reichs- regierung ist, wie aus dem Memorandum vom 29. September klar hervorgeht: Eintritt in den Völkerbund, Unionfalität des Völkerbundes, Solidarität der Völker im Geist wahrer Demokratie, im Geist der Versöhnung und Verständigung. Das Ziel deutschnationaler Politik ist: kein Völkerbund, Rc- gclung der Beziehungen der Völker auf der Basis der Macht und der Machtbündnisse. Neben der„Nattonalpost" läßt die„K re u z- Z ei tu n g" diesen fundamentalen Unterschied deutlich sichbar werden: »Einleitend wird in dem Memorandum der Beitritt Deutsch- farnds als erstrebenswertes Ziel hingestellt. Wir sind a n- derer Ansicht und hoben mehr als einmal dargelegt, daß wir ein Hineingehen Deutschlands m den Völkerbund für gesährltch und unzweckmäßig halten." Neben dieser prinzipiellen Abgrenzung gegen- über der Außenpolitik der Reichsregierung tadelt die„Kreuz- Zeitung" Memorandum und Völkerbunosnote der Reichs- regierung im einzelnen: »Auf der anderen Seite wird, wenn auch reichlich verklausuliert, die weitere Aufvechterhaltung der seinerzeit bei der Unterzeichnung des Dersailler Vertrages abgegebenen Protesterklärung in der Kriegs- fchuldfroge ausgesprcchen. Auch hier läßt es das Memorandum an der nötigen Entschiedenheit und Festigkeit fehlen. Well wirkungsvoller wäre es gewesen, wenn die deutsche Regierung d«n Widerruf der Kriegsschuldlüge durch die Ententemächte als Forderung für den Beitritt Deutschlands erhoben hätte. Völlig unberücksichtigt bleibt in dem deutschen Ms- mvrandum. und das ist gerade der Schwerpunkt in der ganzen Frage, der berüchtigte.I n v e st i g a t> o n s p l a n" des Völker- bundsrates, der, wenn er ausgesührt wird, mit der Anerkennung Deutschland« als einer gleichberechtigten Macht in krassem Wider» spruch stehen würde. Hier liegt also«in« schwer« Vernachlässigung der Reichs regierung vor." Aus dieser Kritik geht die Absicht hervor, ei-raen unvermeidlichen Notenwechsel entsprechend der deutschnationalen Zielsetzung, nicht entsprechend der Zielsetzung der Rcichsregie- rung zu führen. Auf diese prinzipielle Abgrenzung gegen die Außenpolitik der Reichsregierung fetzt die„Deutsche Zeitung" die � crgitatorisch.n Schlaglichter: .Farm und Inhalt der nunmehr endlich bekanntgegebenen Bölkerbund-Denkschrift ist geradezu erschütternd. Das von den Alliierten in Versailles, St. Germain, Teure» und Trianon geschaffen« Instrument zur Ausführung der sogenannten Friedens- oertröge preist die deutsche Regierung als„aussichtsreichstes Mittel" zur„Sicherung des Friedens und der ün ernationalen Solidarität", dt« allein den„Aufstieg der Menschheit" herbeiführen können! O b« r s ch l« s i« n. das ein Spruch des Völkerbundes zerriß, scheint vergessen zu sein in der Wilhelmstroße: mit keinem Wort auch findet die Saar Erwähnung: Ruhr und Rhein werden in einem Nebensatz„behandelt". Nicht einmal gerade heraus auszusprechen wagt man den„Vor. bchall" gegen die Kriegsschuldlüg«, geschweige denn, daß man pro- testiert oder gar feierlich annulliert. Dafür aber erklärt man sich in aller Form und im ganzen Umfange nochmals und freiwillig»zur Erfüllung der internationalen Verpflichtungen entschlossen", zur Erfüllung von Versailles also. Und London l)«ibt der Ausfluß des»Geistes wahrer Demokratie, der Versöhnung und Verständigung"... Der»Geist von London" allerdings ist es, der die Reichsregierung auch bei Abfassung ihrer Völkerbunds- denkschrist beherrscht zu hoben scheint: der Geist also, den es zu bekämpfen gilt." Diese Auslassung ist überschrieben:„F r e i w i l l i g e A n- erkennung des V e r s a i l l e r Diktats". Die „Deutsche Zeitung" ist kein ausgesprochenes deutschnationales Parteiorgan. So wie sie schreibt, werden aber die prinzi- piellen Gesichtspunkte der Deutschnationalen in der praktischen Agitation der Deutschnatioalen erscheinen: Völterbundeintritt — drittes Versailles. Die Deutsche Volkspartei hat in der Krise mit der Hoff- nung operiert, daß die Deutschnationalen eine Erklärung für die Fortsetzung der bisherigen Außenpolitik abgeben würden. Kann man mit einer Partei, die an einer der wichtigsten prak- tischen Fragen der deutschen Außenpolitik ihre grundsätzliche Abgrenzung gegen die bisherige Außenpolitik in Zielsetzung und Methode demonstriert, die bisherige Außenpolitik fort- setzen?_ Der Sericht öer NilitärkontroUkommisston. Einzelheiten aus der Pariser Morgenprcfse. Paris, 23. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Di« heutigen Morgenblätter veröffeattichen Einzelheiten aus dem Bericht der Interalliierten Militör-Kontrollkommtzsivn, der in der gestrigen Sitzung de, Inieralliierten Mtttärkomitees geprüft wurde. Der Be> licht soll, wie der»Matin" zu berichten weiß, die Feststellung ent- hallen, daß Deutschland den Eatwaffnungsbestimmungen des Frie- densvertrages»nicht völlig nachgekommen" sei.„Petit Paristen" will darüber hinaus noch wissen, daß er zah'reiche schwer« Ver» fehlungen fesistell«, nicht nur hinsichtlich der Herstellung und der geheimen Aufbewahrung von Kriegsgerät, Tanks, Kanonen, Ma- fchinengewehrcn usw.. sondern vor allem auch in bezug auf die Zahl der unter Waffen gehaltenen Truppen. Es fei unter anderem fest. gestellt worden, daß die Reichswehr und die Schutzpolizei über Vor- räte an Uniformen und über Gasmasken verfüg«, die in keinem Derhältni» zu ihren Effektivbeständen stünden. Daraus ginge hervor, daß dies« Truppen lediglich den Rahmen für die Mobi-lisie- inng darstellten. Weiterhin stehe außer Zweifel, daß der Große G e n e ra l st a b wieder ms Leben gerufen sei und daß die M i l i- tärluftschifsahrt eine Entwicklung erfahren habe, dl« mit den Bestimmungen de- Friedensvertrages in Widerspruch stehe. �weihnachtsvorfeier/ Draußen in Halensee, wo der Nachtbetrieb„hinter verschlosiencn Türen" nicht so auffällt, wird, wie alle Tag«, auch Weih nach An gefeiert. Irgendein Klub, der vielleicht gar nicht existiert, muß seinen 3 kamen hergeben. Und sie kommen alle, Nichtstuer und Derschwen» der. Wenn man ein« Nacht tanzen kann, sei es auch nach Weih» nachtsweisen, so abgejchmackt es fein mag, ist man allzugern da. Die Bars und der große Tanzsoal sind wirklich feenhaft geschmückt, so daß die modischen Brokatroben der Damen oder solcher, die es sein wollen, recht zur Geltung kommen. Die Kavaliere, mit oder ohne Smoking, von denen dasselbe gilt, lassen den Sekt in Strömen fließen, lind di« Weine sind rasend teuer hier. Wer„man" hat es ja dazu! Man speist großartig, jagt die schweißgebadeten Kellner hin und her und tanzt zwischendurch Jazz oder Shimmy. An der überfüllten Bar wird getrunken und gegröhlt. Di« Tombola mit prächtigen Gewinnen ist stark belagert: im Foyer spielt ein Bala- leikaorchester in Nationaltracht.„Stimmung!" lautet die Parole dieser Genießer hier, die sich an Frauen, Musik und edlem Reben- fast berauschen. Die Stacht wird gewaltsam zu einem Freudentag gemocht. Das Forciert« der Stimmung stört die immer Gierigen durchaus nicht man läßt einfach die Sinne toben. Mit irgend- etwas muß man doch die Zeit vertreiben, die Langeweil« der Nacht tatschlagen: am Tage hat man ja Muße zum Sch'afen. Es lebe das Leben!-- Was hat dieses mit Weihnachten zu tun?„Vorfeier" kann mm wahrhaftig nicht dazu sagen, wenn auch„O du sröh- liche..." nach Jazzdondmanier ertönt. Vorwondl Willkommener Anlaß zu Schwelgereien. Draußen aber sind ander«, hie wissen nur von Weihnachten, wenn sie im Dunkeln gegen«inen Berg Tannenbäume laufen, der irgendwo in den Straßen aufgehäuft ist. Der Weihnachtsmann aus Amerika. Weihnachten ist dos Fest der Liebe, wo das alte Sprichwort: „Geben ist ssliger als Nehmen!" häufiger zur Wahrhell wird. So haben die in Amerika lebenden Deutschen der armen Kinder ihres alten Heimatlandes gedacht, ihren Weihnachtsmann über das große Wasser geschickt, damit er die unschuldig Notleidenden bescher«. Das „Central Commitee kor the Relief of Distress in Germany aud Austria* hatte di« Lugend Berlins in verschiedene SAe gerufen. wo Wusend Kinder beschert wurden. Eine größere Feier fand in der Lehr» und Versuchsbrauerei, Seeftroße, swtt, di« Fräulein Dr. H« n- r i q u« s mit Umsicht leitete. Es war nicht ganz leicht, soviel aus- geregte Kindergemüter in der Gewalt zu behalten. Fiebernd vor Erwartung saßen sie an sieben weißgedeckten Tafeln, jedes«ine große Tasse Schokolade und einen Weihnachlsstcllen vor sich, in den wacker hineingebissen wurde. Freudestrahlend erzählten di« Jungen, daß sie sieben bis acht Tassen Schokolade getrunken hätten. Zwei Weihnachtsbäume brannten vor der Bühne, auf der der Cchwarzmeierfche Kinderchor Weihnachtslieder fang und Kinder der 13S. Gemeindeschul« einen hübschen Reigen tanzten: die- selben Kinder führten auch ein nettes, von ihnen selbst«r- dacht«? Weihnacht» st ück auf. Ohne Souffleur! Der Deutscht Zentralausschuß für die Auslandshtlse «. L. begrüßt« die hochbeglückten Kleinen, während ihnen Herr Decker die Grüße der Deutschamerikaner überbracht«. Es herrschte ein Jubel ohnegleichen, der seinen Höhepunkt erreicht«, als Frau Becker die aus Amerika mitgebrachten Liebesgaben verteil t«. Die Gattin des Reichspräsidenten Ebert konnte zu ihrem Bedauern krankhellshalber nicht erscheinen. Unter den Gästen sah man die Genossinnen Juchacz, Stadträtin Weyl, ferner Geheimrat Base von der Reichsregierung und Lertrewr der innere» Mission. • Die Wohlftchrtskcmmisston des Stadtbezirks 189F konnte am letzten Sonntag im Lokal Kästner in der Elbinger Straß« durch vor» genommen« Sammlung bei den Mitbewohnern und wtkräftige Unterstützung seitens der Geschäftsleute des Bezirks ihren Pftege» befohlenen. 30 an der Zahl, eine Weihnachtsbescherung veranstalten. Voran ging ein« Bewirtung mit Kaffe« und Kuchen, verbunden� irll einer würdigen Feier unter musikalischen und gesanglichen Vorträgen und recht untcrlwltenden 2lusführung-n der Kindcrgrupp« Nordost. Mit allen erdenklichen Lebensmitteln reichlich bedacht, kaum tragbar, traten di« alten Leute ihren Heimweg an. Vertreter des Bezirks- amts Prenzlauer Berg, der Dezirksoorfteher des Bezirks sowi« andere geladene Gäste sprachen der Kommission für das Gelingen ihrer Be» mühungen vollst« Anerkennung aus. * Weihnachtsbescherung von Arbeitslosen. Das BezirlSarbeit'- amt Fr t e d r i-b s b a i n veraustallele am Sonntag eine T«i>- nachlSfeier mit Bescherung der bedürftigen Arbeitslosen des Bc- zirk«. Das Arbeitsamt hat es verstanden, obne selbst nennenswerte Mlltel zu besitzen, durch Zusammentragen von Gaben wohlmeinender Geschäftsleute fedem der ausgesuchten AibeitSlosen und keiner Familie ein passendes Geichenk zu überreiche». Nicht jeder Arbeits- loke de» Bezirks tonnte bedacht werden, sondern nur 2 0 0 der allerbedürftigsten von insgesamt etwa 3kXX> vorhandenen unterstützten ErwerbSlv'en. Vieles von dem, was an Bekleidung«» stücken einschließlich Schuhwerk gegeben wurde, wurde in eigener Schneider- und Schuhmacherwerlstatt aus geschenltem Stoff und Leder hergestellt. Auch Spielwaren für die Kinder wurden in reichlichem Maße ausgeteilt._ hängen öle Trauben zu hoch! Im„Lokal-Anzeiger" finden wir unter der Ueberschrift „Ein neuer Stadtverordnetenvorsteher?" folgende Notiz: „ver Jahreswechsel bringt für die Stadtverocknietenversamm» limq die Neuwahl des Vorstandes. Es ist erinnerlich, unter welch eigenartigen Umständen der jetzige Stadiverordnetenvor- stcher H a ß Zu Bozinn dieses Jahres gewählt wurde, nachdem bereits die Wied-rwahl des bisherigen Vorstehers Dr. Caspar! stattgefunden hatte. J» der letzten Sigung der Stadtverordneten haben unverbindliche Vorbesprechungen über di« bevorstehende Wahl des Dorstehers stattgefunden und es sind auch einige Namen genannt worden. Die Fraktionen haben sich jedoch mit dieser Frag« noch nicht beschäftigt. Es ist möglich, daß in der Lellung der Siodtverordn.etenoersammlung ein« Aenderung «intritt, doch wird sich Näheres erst kurz nach Neujahr sag«n lassen. Di« vorsichtige Fassung dieser Notiz, die nnm wohl richtig als Versuchsballon bewertet, läßt doch wohl darauf schließen, daß den Herren Dürgerblöcklern die Trauben etwas zu hoch hängen. Di«„Germania" gießt schon etwas Wasser in den Wein, in. dem sie dies« Notiz wie folgt glossiert:„Die unverbindkichen Dor- lesprechunaen„führender Stadtverordneter", von denen die oben- erwähnte Korrespondenz zu berichten wußte, und bei denen auch schon bestimmt« Namen aennnnt sein sollen, sind natürlich nicht» alz Manöver, um die Vorsteherkris« einzuleiten und den Kampf zu entfachen. Für di« Zentrumsfraktion können wir mitteilen, daß sie sich bisher mit der Vorsteherkrise nicht besaßt hat. Man würde es aber in unseren Kreisen außerordentlich be- dauern, wenn«tun durch Uebertreibiing des Parteiegoismus di« Stadtverardnetenver'ammiiing lä-gric Zeir arbeitsunfähig würde. wie dies infolge der Vorsteh.'rwohl im Vorjahr der Fall war. Mit Rücksicht hierauf ist man in der Zentrumsfraktion des Rathauses nicht ganz abgeneigt, dem jetzigen Vorsteher wieder die Stimme zu geben, ohne damit natürlich zum Ausdruck bringen zu wollen, daß olle Wunsch« hinsichtlich der Geschäftsführung crsülit sind. SchlicHlich ist noch zu beachten, daß nach parlamentarisch»! Ge- pflogenhect di« st ä r k st« Partei den Vorsteher zu stellen Hot. Die Praxis hat ergeben, daß sich viele Krisen oermeiden lassen, wenn man an dieser Gepflogenheit festhAt" Zur Verhaftung?wan Kutiskers. Das Intrigenspiel um das Hanauer Lager. Wie bereits gemeldet, hat di« Verhaftung des Generafldirrftm Joxm Kutisker vom Dankhause E. v. Stein ihre Hauptgrundlag« in merkwürdigen Transaktionen gehabt, deren Kern des vielgenannte Hanauer Lager war. Jetzt erfährt man, daß nicht nur der Verdacht des Betruges an der Staatsbank, sondern auch der gegen Kutisker erhoben« Vor- wurf der Anstiftung Holzmanns zur Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung auf den Intrigen basiert, die Kutisker und feine Getreuen in bezug auf das Hanauer Lager zu doppeltem Zweck inszeniert haben sollen: erstens um die See- Handlung zu täuschen und dann, um den ihm unbequemen Finanz- mann Michael.zu schädigen. Wie erinnerlich, hatte Kutisker mit Hilfe einer angeblichen rumänischen Abncchmekommissson der See- Handlung vorgespiegelt, daß Rumänien dos Lager zu dem— zu dem wirklichen Wert der noch vorhandenen Lagerbeständ« in keiner» lei Beziehung stehenden— Preis von 9,6Milltonen Mark er- werben wolle. Da aber w Wirklichkeit die rumänisch« Regie» rung gar nicht daran dacht«, das Hanauer Lager zu kaufen, mußte Kutisker gleichzeitig der Staatsbank gegen- über wiederum für einen Donvand sorgen, um das angeblich zuftandsqekommene Geschäft wieder zunichte werden zu lassen. Zu diesem Zweck ließ Kutisker durch den ihm verpflichteten Vorbesitzer des Lagere, S t r i e t« r, Jacob Michael die Treuhänberfchoft für die Zahlungen aus dem Verkauf des Lagers anbieten, wozu sich Michael auch gegen Erbringung der notwendigen Nachweise prin- zipiell bereiter klärte. In Wirtlichkell wurden diese Nachweis« nie- mals erbracht. Nunmehr bowog Kutisker Strteter,«ine An zeig« bei der Staatsanwaltschaft Hanau des Inhalt» zu machen, daß dos Lager verboten« Militärwaffen enthielte. Di« daraus entstehenden behördlichen Maßnahmen gaben der„Rumö- nischen Abnahmekommission" den erwünschten Vorwand, von dem Vertrag zurückzutreten, gleichzeitig aber behauptet« Kutisker der Staatsbank gegenüber, daß Michael den Strieter zu dieser Straf» anzeige angestiftet habe, im? seinerseits das Lager zu erwerben. Er reicht« sogar bei der Staatsanwalffchaft Hanau«in« Straf» anzeige gegen Michael wegen Anstiftung zu wis» sentlich falsch« Anschuldigung ein, doch konnte Michael dies« Denunziation durch Zeugen, di« bei feiner Unterredung mit Strieter zugegen waren, sofort widerlegen. Nunmehr versuchte es Kutisker auf zivilrechtlichem Weg«, und zwar beantragt« er gegen Michael einen Arrest auf S,S Millionen Mark, wozu er allerdings eidesstattlich« Versicherungen von Zeugen benötigte, die die angebliche Anstiftung Strieter» durch Michael bekunden sollten. Nach Aussage HoizmvTms, der ja auch an allen diesen Dingen be- teiligt war, soll nun Kutisker Ihn wiederholt zu überreden versucht haben, ein« eidesstattliche Versicherung des Inhalts abzugeben, daß er, Holzmann, die von Michael selbst geschrieben« Strafanzeige an den Hanauer Staatsanwalt, die dann Strieter benutzt hoben sollt«, persönlich gesehen habe, shohzmann weigerte sich jedoch, dies« eides- stattliche Versicherung abzugeben, und auf Grund dieser semer Be- kundungen ist nun gegen Kutisker dos erwähnt« Verfahren anhängig gemacht worden. Ei» Opfer seiner Tammelleidenfchafe. Umfangreiche Münzendiebstähl« beschästigen seit einigen Woche« die Kriminalbehörden des Reiches. Der Täter ist ei» 42 Söhre aller Rittmeister a. D. Ernst Helmuth v. B«the, der am 22. November vom thüringischen Landeskriminalamt festoenonmun wurde. Don Beth« ist fest 15 Jahren als fanatischer Münze», sammler in Sammler kr eilen sehr bekannt. Unter Mißbrauch des ihm geschenkten Vertrauens hat er seit vier Jahren das Münzkabinett der Landesbibliothet Weimar fortgesetzt um wertvoll« Münzen be- stöhlen. Er hat diese Diebstähle auch gestanden und ein großer Peil seiner Beute konnte wieder herbeigeschafft werden. Es besteht ab« der dringend« Verdacht, daß er auch an anderen Orten in Münz» kabt netten, Münzensammlungen und bei Ausstellungen und vuktio- nen, vielleicht auch in Läden Diebstähle dieser Art verübt hat. Alle deutschen Polizeibehörden prüfen jetzt die bisher unaufgeklärten Münzendiebstähle daraufhin noch, ob nicht v. Beth« auch hier als Täter in Frag« kommt. Mitteilungen zur Aufklärung nehmen die Polizeibehörde,, insbesondere das thüringisch« Landeskriminalamt in Weimar, entgegen. Die umfangreich« Sammlung v. Bethea wurde vorläufg beschlagnahmt und sichergestellt. Vet Dorwärts-Wandkalender 1925. Unser« Postabon,«nie« erhalten mit der vorliegenden Ausgabe den Vorwärts-Wonkckolend« für 1225. Der Kalender ist im Vierfarbendruck hergestellt und zeigt Bilder von Freund-Belegni. auf der�einen Seit« das Big» einer Fabrik,«ruf der anderen«in« zu ernster Feier versammelt« Menge, während die Musik durch schwingend« Farben gut ver- anschaulicht wirb. Unser« Groß-Berliner Abonnenten erhallen den Kalender am Weihnachtstog« kostenlos durch die Botenfrau zu» gestellt. Für die kommende Silvesternacht ist die Polizeistunde«s fünf Uhr morgen» feslgesehk worden. Fern« hak der Dollzei- Präsident genehmigt, daß der Reusahrslag, wie es ortsüblich ist. hin- sichtlich de» öffentlichen Tanze» wie eia gewöhnlich« Sonntag be- Haudell wird. Das rasende Prioatavlo. von einem Prioatauto wurde gestern abend um SM, Uhr der Kaufmann Erich Neubauer an der Ecke der Raumerstraße und der Prenzlauer Allee überfahren und getötet. Der mit vier Personen besetzt« Wagen fuhr weiter, ohne sichum den Ueberfahrenen zu kümmern und entkam unerkemnt. Polizeibeamt« des 21. Reviers fanden den Verunglückten auf unkt brachten ihn nach dem Arankenhcmse am Friedrichshain. Hier starb er bald nach der Aufnahm«. Er hatte einen Schädelbruch, einen Bruch des rechten Unterschenkel« und ein« Ver- stauchung beider Arm««litten. Di« Nochforfchunge» nach dem Auto waren bisher erfolglos. Angaben zu sein« Er- mittlung nimmt das Polizeiamt Friedrichshain entgegen. Groft« tz?abrikeinbrüche in Hamburg. Ein« gemeingefährliche Einbrecher- und Hehl«geseUschefft wurde in Hamburg durch Beamte der Kriminalirffpektion Hafen un« schädlich gemacht. Seit Monaten wurde in Fabrikgebäuden des Frei- Hafengebiets eingebrochen, wobei hauptsächlich h o ch r,» r, g« Metall« gestohlen wurden. Die Beute wu-o« in Fuhr- werken und Automobilen forlgeschafft. und zwor. wie feststeht, in«ine Werkstatt in der Deichstrvß«, von wo aus sie weiterverschoben wurde. Di« beiden Inhaber dies« Werkstatt stnd wegen Verdachts der Hohlere! festgenommen worden. Hierauf folgt« di« Verhaftung von zehn Personen, die als Einbrecher und lzelster in Frage kommen. Auch Großhändler sind stark verdächtig. Bisher sind di« Verhafteten in 23 Fällen überführt worden. 5tt»«rsteft,s lieber fühnmg In das Limburg« Gefängnis. Nach seiner Wiederherstellung ist der Massenmörder Angerstein aus der Universttätstlimt In Gießen in das Gefängnis In Limburg eingeliefert worden.__ 90. Abt. SchönebtrA. Genihe Albert WoUchle in vrrftorbrn. Smirchmms rtfolf morgen, den Zt., muioz» 12 Uhr, in ÄctmaUciu.n«Umnoi-eft. GsWerGhostsbswegung Generalversammlung Ser Metallarbeiter. Von der Gewerks6)aftsnebenstelle in der kommunistischen Part««- leitung scheint neuerding? wieder der Auftrag an die �Zellen er- «angen zu sein, in hat Versammlungen der Gewerkschaften Reso- lurtoncn zu präsentieren, um Freilassung der politischen Gefangenen in Deutschland zu fordern. Nach den chclzarbeitcrn hatten gestern die Metallarbeiter Gelegenheit, durch �usatzanträge auch gegen den Iustizterior in Rußland zu protestieren. Tie Kommunisten stimmten auftragsgemäß gegen die Zufatzanträg«, da«s ihnen bekanntlich weniger auf die Frei'ossung der politischen Gefangenen, sondern cuf die agitatorische Ausschlachtung des Gefangenenelends mftomnu. Nur nicht des russischen! In der Gesamtabstimmung wurde der abgeänderte Antrag angenommen, was die Kommunisten veranlaßte, großen Krach zu machen. Der chauvt- redner. Niederkirchner, warf dem Genossen ZiSka �Schiebung' und„Schädigung von Derbandsinteresscri" vor. Erst der inweis darauf, daß ihm Gelegenheit gegeben werden wird, seine Anwürfe zu beweisen, veranlaßt« ihn, sie zurückzunehmen. Neben einem Antrag, der lediglich Organisativnsiuteresse Hai, verlangten die Krnnnunisten in einem weiteren Antrag von der Ortsverwallung. beim chauptvorstond dahin zu wirken, daß„er sich für di« Herstellung einer Gewelkschaftsinteri atirnale einfeßt und dafür wirkt, daß alle auf dem Boden des Klassenkampfes stehenden Gewerkschaften der Dell, ganz gleich ob und welcher Internationale sie zurzeit ange- horcn. zu einer Gewcrkschastsinternationale zusammengcsaßt wer- den. Ueber die Art und die Zusammensetzung eines einzuberufenden Weltkongresses beschließen die Vorstände beider Internatio- nalen auf einer Konfereu'.' Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen: die mittler« Orteoerwallung hatte vorher den Antrag so abgeändert, daß er für alle Delegierten annehmbar war Die Generali: ersomm- lung nahm dann ctoch einen Antrag der mittleren Ortsverwaltung an, der Anträge als erledigt betrachtet wissen will, wenn der Antrag. steiler zur Begründung in der vorberalenden mittleren Ortsverwal- tungssitzung nicht erschienen ist. Es war bei den Kommunisten Mode fjewordat, ihre Anträge der Ortsverwaltung einfach zuzusenden, ohne ie erst mündlich zu begründen. Nach Ausführungen vm Ziska bei Eröffnung der Generali) er- fammlung befindet sich die Berliner Verwaltungsstelle wieder in einer erfreulichen Auswärtseutwlckluug. Der im Dezember wieder zum erstenmal erschienene Monatsbericht läßt ein« gute Agltaftons- rnd Orgctniictioirsoibeil erkennen, an de: die Mitglieder regen Anteil nehmen Ziska sprach die Erwartung aus, daß bei deni fortlaufenden Aufstieg in der Mitgliederbewegung eine Erhöhung der Unter- stützungssätze möglich sein wird, ohne daß erst der Verbands- beirat von sich aus eii'e solche Anordnung trifft. Das wird auf di« Agitation einen weitcren günstigen Einfluß haben, so daß die Orts- Verwaltung bald wieder ihre alte Schlagkraft zurückerlongt haben wird. Was, weil bitter notwendig, zu wünschen wäre. Die Mühlenbesitzer provoziere«. In der Berliner Mühlenindustrie besteht seit dein April d. I. «in t a r i f l o s e r Zustand. Di« Verhandlungen wegen des Ab- schlusses eines neuen Tarifes sind bisher stets an den Arbeits- zeirforderungen der Unternehmer gescheitert. Seit der Aufhebung der Zwangswirtschaft fühlt sich der Arbeitgeberverbond der Berliner Mühlenindustrie unter der Führung des Herrn Freudenheim stark genug, den Achtstundentag zu befeiti- gen und in den Tarif Bestimmungen hineinzubringen, die auf eine zwölssiüadig: ArbeilszeU hinauslaufen. In den Verhandlungen, die heute vormitwg wiederum vor dem Schlichtungsausfchuß stattfaitden, legte Herr Freudenheim«inen von ihm ausgearbeiteten Tarifvegtragsetuwim vor, der als Muster reaktionärer Ar- beitgeberwünsche angesprochen werden muß. Herr Freuden- heim, dessen Arbeilstätigkeit sich im behaglich eingerichleten Direk- kcrenzimmer abwickelt, besaß die Kühnheit, di« Täiigkcil.der Wühlen- arbeiter nicht als eine Arbeitsleistung anzusprechen, für die der Achr- stundentvq angebracht ist. Er bezeichnete vielmehr die schwere Ar- beit der Mühlenarbeiter a's ein«„ständige Arbeitsbereit- ? che st", für die die Mühlenbesitzer einen bedeutend verlängerten Arbeitstag verlangen könnten. Er sprach im übrigen den Verbands- Vertretern f.'de Sachkenntnis ab und hielt dem Vorsitzenden eine lange Vorlesung über die erhöht« Wirtschaftlichkeit der Mühlen- betriebe beim Zwölfftundentag. Angesichts des hartnäckigen Auf- tretens der Unternehmer empfahl der Vorsitzende den Parteien, über den vorgelegten Entwurf«ine Einigung unter sich zu vrfuchen oder sich auf ein Schiedsgericht zu einigen. Außer in der Arbeitszell sieht der Entwurf auch in bezug auf die Löhne Verschlechterungen vor. Die Anzahl der Gruppen soll vermehrt werden, wobei natürlich eine Rangierung nach unten vorgenommen wird. Als Ueberftundar soll erst die Zell von der 56. Stund« ab bezahlt werden. Der Urlaub soll natür- lich auch herabgesetzt«erden. Die Anerkennung des Urlaubs durch die Arbeitsgericht«, die wir vor kiftzem im„Vorwärts" mlltellen konnten, liegt den Unternehmern schwer im Magen. Interessant ist auch die Lestinrmung des Vertrages, daß die Lohnabkommen, die besonders abzuschließen sind, auf mindestens ein Viertelsahr Gellung haben sollen. Die kleine Blutenlese wird den Mühlenarbeitern zeigen, wohin die Reffe geht. Diesem reaktionären llcrternehmerr oerband muß' die organisatorisch geschlossene Front der Mühlenarbeiter gegenübergestellt werden. „Das Wüten der Spaltnugshyaueu". Man muß sich bei der kommunistffchen Einheitssrcntmach« immer wieder vor Augen führen, daß— soweit es sich um die freien Gs- werkschaften handelt— die Einheitsfront so lange selbstver- st ä n d l i ch und unbestritten war. solange sie noch nicht von der Kommunisftschsn Parier durch ihr« Maulwurfszrllen un.erwühlt werden konnte. Die Kommunistische Partei hat sich das zweifelhafte Verdienst erworben, einem großen Test der gewerkschaftlich noch nicht durchgebilderen und überzeugten Mitglieder des ganze Gewerk- fchastsltben und damit die Gerocrkfchaftsorzanisaiion selber zu verekeln und sie m das Leger der Jnd'sferenten zu treiben, und erneu anderen, kleineren Teil, der aus kommunistischen Parteigängern de- stand und es durch sein gewerkfchaftss chädigende s Treiben auf das Auszeschlosienwerden anlegt«, m Sonderorganffationen zusammen- zufassen. Die Kmnmunisitn, oenen der Puffchzweck zur„Well- revolutwn" fedes Mittel heiligt und di« deshalb die Lüge mll als ihr Kampfmittel erllärr haben, versuchen zwar, diese Tatsachen aus den Kops zu stellt». Nachdem ihr« alte Taktik ihn«» keinerlei Dar. teile brachte, da sie lediglich zur Permehrung der Reihen der In- differenten und der Gelben bei-rug, beschlossen die Kommunisten,«n« anders Taktik einzuschlagen und suchen sich der Arbeiterschaft als die verkannten Unschuldslämmer anzubiedern, denen nichts mehr am Herzen liegt als di« Einheitsfront der Gewerkschaften. Die grenzen- lose Frechhell der Drahtzieher, die die Gewerkschaften„erobern", das heißt, sie den Zwecken der Kommunistischen Partei dienstbar machen wollen, führt jedoch fast tagtäglch zu„Aktionen" gegen die Gewerkschaften, die das strikte Gegentell ihrer aufdringlichen Einheitsfront- Versicherungen darstellen. Die Borgäng« in Gotha sind bekannt. Die KPD, hafte dort eine Mehrheit im Ortsausschuß des ADGB, erreicht, die sie mißbrauchte, um einem von ihr ausgeklügelten Forderungsprogramm zur An- rahme zu oerhelfen, mit dem sie in ganz Deu.schland hausieren gehen wollte. Da dieser kommunistilche Ortsausschuß die KPD� Parolen über all« gewerkschaftlichen Gesetze stellte, tonnte ihn der ADGB. unmöglich mehr als die örtliche Vertretung der ADGB.- Gewerkschaften anerkennen. Der ADGB. ist gezwungen, in Verbindung mit von den KPD.-Parolen unabhängigen Gewerkfchaf.e.« wieder«inen Ortsausschuß zu bilden, der di« Eewertschastsgesetze achtet und praktisch« gewerkschaftliche Arbell verrichtet. Diese Tätigkeit wird nun von den„Roten Fahnen" als„das Wüten der Spaltungshtzänen gegen Gotha" begeifert. Dcmit kann uns die KPD.-Zentrale zwar in einige Zweifel darüber versetzen, ob ihre Unverschämthell oder ihr« Dsrlogenhell größer ist, doch kann sie keinen Gewerkschafter mehr verblüffen, noch gar ihn davon abhalten, das zu tun, was an Interesse der Gewertfchaf- t e n notwendig ist, die immer noch gewerkschaftliche Auf- g a b e n zu erfüllen und nicht etwa die Geschäft« der Kommunistikchen Partei zu besorgen und deren Agiiaticersbedürfnissen zu enffpreche» haben._ Lösung der Schnitterfrage? Unter dem Titel:„Lösung der Schnillerfrage" wird ein Flug- blatt der„Deutschen Landwirifchafts-Betriebs- g« s e l l sch a s t" verbreitet das als Beilag« auch der„Deutschen Tageszeitung" Nr. 577 vom 8. Dezember 1924 mllgegebem war. Darin werden die Schwierigkeiten der Schnitterbeschaf'ung in der Landwirtschaft behandelt. Die„Deutsche Landwirts chafts-Betriebs- gesellschast" will den Landwirten die Schwierigkeiten abnehmen: sie ist bereit, Sch nitterkolonnen zu stellen, für di« sie jede Garantie zu übernehmen bereit ist. err.lgei Tagen beendete Prozeß gegen eine Anzahl dieser Menschen Händler, die am Schlesisch-ft Bahnhof in Berti ihre Börsen für den Men- fchenhendel aufgeschlagen haben. Verschieden« dieser Seelen- Verkäufer wurden zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt. Nicht ohne Interesse ist,»aß diese„Menschenfreunde" sich im„Reichs- bund deutscher Dorschnitter und Ausseher" ver- einigt haben. Dieser Bund ist dem gelben Reichs- landarbeiterbund, sowie dem Reichslandbund körperschaftlich angeschlossen. Fürwahr eine fein« Deftgemeinschaft! Ebenfalls mll der Schnfttervermitftung beschäftigt fft die .,R e ichso e rm it t lung s st e lle für deutsche Vorschnitter und deutsche landwirtschaftliche Wan- derarbeiter". Auch diese Hot, wie in dem oben erwähnten Prozeß erwiesen ist, mit dem Reichsbund dsuffchsr Dorschnitter und Aufseher gemeinsame Geschäfte botrieben. Die Reichs- vermittlungsstell« fft ein« Gründung des Reichsverbandes der deutschen land- und forstwirtschaftlichen Arbei tgebervereinigungen und des Pommerschen Landbundes. Reben den Arbeitgebern sind auch Per- trcter der gelben und christlichen Landarbellerorganisationen mitbeteiligt. Ganz besonders warnen wir jedoch vor der Deutschen Londwirtschosts-Betriebsgesellschaft. Diese War. n u n g richten wir nicht nur an die L a n d a r b e i t e r, sondern an die gesamte Landwirtschaft. Di« Deutsche Land- Wirtschaft- Betriebsgesellschaft handelt ungesetzlich. Sie hat keift Recht zw! Permiftsimg. Schon in den nächsten Wochen wird das ger i ch t l i ch festgestellt werden, da von der 2U- ständigen Staatsanwaltschaft«u, Strafprozeß anhängig. gemacht fft, der die Berech.igung unserer Warnung bestätigen wird. Organisationsgeist in England. Wie wir in Nr. 597 des„Vc.rwäris"berichteten, war in den Elektrizitätswerken von Brampton und Penfing- ton bsfchwssen worden, am heutigen Tage die Arbeit nieder- zulegen,«reff in diesen Werken Unorr«misierte beschäftigt werden. Di« westlichen Bezirke Londons wären dann während der Feiertage ohne Licht geblieben Die Arbellgeber weigerten sich, die gewerlschast« lich Unorganisierten zu entlassen. Der Slrsll ist jetzt beigelegt, indem tue Unorganisierten der Organisation beigetreten sind. Eine Gewerkschaft, die m jahrzehntelangen Kämpfen g-re�ffe Lohn- und Arbeitsbedingungen herbeigeführt hat, kann nctürlrch nicht ruhig zusehen, wenn Unorganisierte kommen, die ernten wollen, wo sie nrcht gesäet haben, und dafür obendrem der Organriation«n den Rücken fallen._ WirtslchQft Die JaSustrialifierung mitteleuropäischer Staaten. Gleich wie in Deutschland Hot die Inflation auch in den anderen von ihr heimgesuchten Ländern, wie Oesterreich, Polen, Ungarn zu einer ungesunden Ausdehnung der Industrie geführt. Die riesige Geidfiüssizkell. Infkllionszewllme und Rsichsbenttrebuo, die diesen Läutern ebenso wie in Deutschland späur m.t entwertet m Geld zurückbezahit mürben, führten zu einer fieberhaften Grün« dungstätigkeit. War die Industrie Mitteleuropas am Schlüsse des Krieges im Verhältnis zum z'ffammengeschrumpften Welthandel berells zu groß, so wurde dcr mitteleuropäische industriolle Wasser- köpf durch die Inflation noch mehr aufgebläht. In O e st« r r« i ch, wo die Stcdilisierung am frühesten enolgie. haben die Gründungen des geringste Ausmaß angenommen. Trog- dem wurde auch hier viel Kapital in Naigrünimnge.n angelegt In den Iahren 1919 bis 1922 sind 1130 NeugrüiÄnmgen von Fabriken vorgenommen worden. Es bestanden End« 1922 7419 Bei nebe gegenüber 6283 im Jahre 1919. Die Erhöhung des Aktienkapitals und Neugründungen im Jahre 1922 23 hellen beinahe 296 Millionen Goldkronen ausgemacht. In Polen hat sich die Zahl der Industriegesellschaften im Jahre 1922 um 200 vermehrt. Seit dem Kriege sind viele Hunder.e von Betrieben in der Textil-, Metall-, Holz- und chemischen Industrie enfftanden. Der Wert der I n du st r ie p r o du k t e Polens im Jahre 1923 wurde auf 4,9 Milliarden Gold- franken geschätzt der der industriellen und landwueffchaftlich-» Rohstoffe auf 10,8 Milliarden Goldftcmken. Demgegenüber betrug die Produktion des gegenwärtigen Polens vor dem Kr oge nur 6 Milliarden Goidfranken. Die erzeugten Mengen habc« di« Vorkriegsproduktion berei.s 1922 beinahe erreicht, im Kohlenberg- bau sogar Überschriften. 1923 hat sich die Erzeugung noch weiter gesteigert, bis die im laufenden Jahre erfolgte Stabiiifierungsknse auch«ine Einschränkung der Produktion nach sich zog. Die Irfdustrialistenmg Ungarns macht« während der In- flottonezetl ebenfalls große Fortschritt«. Die Zahl der Industrie- gesellschasten und Geldinstitute, die im letzten Friedensjohr 1442 be- ftug, stieg 1922 auf 2414. Allein im Inflationsjahr 1922 wurden 650 neue Jndustrieumernehnumgen und 85 neu« Banken gegründet Die Zahl der Fabrikbetrtebe erhöht« sich 1920 um 79. 1921 um 67, 1922 um 226 und 1923 um 271 und beträgt gegenwärtig 3051. Ver- bällnismäßig am raschesten hat sich die Tertlllndustrie entwickelt. Die früher« Textilindustrie Ungarns ist infolge der Abtrennung der Heimatgebiete dieser Industrie vom Lande durch den Friedens- vertrag gänzlich verschwunden. Das verstümmelte Ungarn hat trotzve m bereits die gleiche Zahl von Webstühlen wie vor dem Krieg. Di« geschilderte Entwicklung während der Inflationszeit, die die Erweiterung des bestehenden Ilidustrieapparates, nicht aber die Verbesserung der Produktion zur Fclge hatte, bildet gegenwärtig ein schweres Bleigewicht für die Dolkswirtschoft. Nur durch steigenden Wohlstand und die dadurch erweiterten Absatz» Möglichkeiten können diese aufgeblühte» Industrien am Leben er- halten werden._ „Weltrundschau." Unter diesem Titel erscheint monatlich einmal «in neues freigewerkschaftlickes Arbcitnchmerorgan, das die Ere>nilft des Monats auf weltpolitischem, weltwirtschaftlichem und sozialem Gebiet, msbesondeve auch die Lage der deutschen Wirtschaft und Sozialpolitik in knappen Uebersichten schikert. Das Blatt, dessen Herausgeber Dr. A. Halasi, der Schriflletter der„Wellwirlschastlichm. Korrespondenz" ist, bietet ein« sehr nützliche Oriemierunq und kann oxrrm empfohlen werden. Der Bezugspreis der„Weltrundschau" beträgt 50 Pf. pro Monat Besiellungen sind zu richten cm die Mresfe:„Weltrundschau, Heidelberg" Birantwsrttich kür V-Iitik!»«N RenNr: Zgirtschaft!«-tu» Sötern«,, SewerklSiaftsbcweftunq: gricdr. Etzk-r»: Feuilleton: Dr. Zoh» Schil»w»li: Lol-Io, und konsti«es: Friz Xurstädt: Znreiaen: Td. 6lodt, säuUliili in Berlin. Berlaa: Botmärls.Berlaq S. tu. d. S.. Berlin. Druck: BorwSrts-Buidöruckerei und Sttloflsanftall Paul Singet u. Co.. Berlin ES BS. Sinbenfltaftc j. {Weihnachtsangeboi äÄBcl8ter 75.-85.-100.- Verwendunc nur baltbarer Stoffe und Zuiuieo. Garantie für beste Paßform Reichhaltiges Lager fertiger Herren u.linabentiarderobe Sport- und Berufskleidung Gummi- und LodenmSntel Berlin � Badsfr. 20 ■ bVChwB 9 Ecke Prinz enallee, Konarirnhähue 10 Mari an. Saucf.l Slttflfl, Via»»», 275,— an. Raden- Zirulölln. Ücnaultrafi« 1# part. 435b» I nein, Silinaftraftt 10. 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Wahl des Prüfungsausschusses zur Rb- ntnme der stahresrrchnung des lau senden Jahre«. a Bericht be» Vorstandes bete. Bau br« Verwaltungsgebäudes. 4. DeschS'tliches. Die Ausschußmitglieder erhalten noch de sondere Einladungen. Berlin-Cöpenich den 22. Dez. IS«. Der Borstaud. >08 s Otto Nickel. Vorssgender. BcsoBdcrs •.HLEIHBN AMZElfiBir in der fiesamtaadsde des l)|l]|d f Vorwärts JrelzdeiB.— gänferstolfe, Teppiche in Velours, Boucle, Kokos Diwandeckea Linoleum als Zimmerbelag Läufer, Tepplebe in großer Auswahl, Kok oe- Matten in allen Qualitäten und Größen, Austährung jeglicher Linoleum- • arbeiten. C. 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