Ar. 108. Erscheint täglich außer MontagZ. Preis pränumerando: Viertel- iährlich z.zo Mark, monatlich t.io Ml., wöchentlich SS Pfg. frei tn's Haus. Einzelne Nuuinier » Psg. Sonntags-Nummer mit illusir. Sonntags-Beilage„Neue WeIl"ioPfg. Post-Abonnement: 3,3oOTt. proQuartal. Unter Kreuzband: Teutschland u. Oesterreich« Ungarn Z Ml., für das übrige Ausland ZMl.pr.Monat. Etngetr. in der Post-ZeitungS- Preisliste für i»o° unter Nr.?l2S. 12. Jahrg. Iusertions Mebühr beträgt für die sünfgespaltene Petilzetle oder deren iltauni 40 Psg., für Vereins- und VersammlnngS- Anzeige» 20 Pfz. Inserate für die nächste Nummer müsse» bis 4 Uhr Nachmittags in der Erpeditto» abgegeben werden. Die Erpedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn- und Festtagen bis s Uhr Vormittags geöffnet. lern sg recher: Amt l, Ur. lüvs. Celegraiiml-Adresse: „Soiialdemoltrai Kerlin!' Verllner Votksblatt. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Vuittung. Im Monat April gingen bei der Parteikasse folgende Veilvoge ein: Berlin, Beiträge der Wahlkreise: 2. Kr. 300,—(darunter durch W. Schüler 17,20, A. R., Kursürstenstr. 41 5,—, Bockbrauerei, Kaffeeküche 10,—). 3. Kr. 2000,—. 4. Kr.(Ost) 1000,— (darunter: Ueberschust v. Matinee 10. 2. bei Keller 100,—, Kernspitze SO,—, Tischler G. 20,—, I. K., Grüner Weg 6,—, Werkstattt Woller, Buschingstr. 7 10,—, durch Späth I,—.) 4. Kr.(Südost) 1013,05(darunter Sk. 20 12,—, an stelle eines Märzkranzes Sk. 0,75, Südost 100,—, Bismarckfeier 1,25, S. H. 2.50, Skb. 50 13.—, Amerik. Aukt. 4,—, Streichholzschachtel 7,85, Lotterie-Ueber- schuß 7,50, Rothe Einsegnung 2,20, Märzkranz-Ueberschup von den Arbeitern der Firma Grauert in Stralau 5,60, Pfaff'sche Fabrik—,95. 0 Kr.(Schönhauser Vorstadt) 400,—(darunter vom Personal der deutschen Hutfabrik 40,—, Ueberschust der „Vorwärts"-Spedition 58,09). 0. Kreis(Oranienburger Vorstadt) 700,—(darunter Uberschuß der Parteispedition Wedding 1. Quartal 221,50, Uebersch. der Protestk. d. Z. d. T. 10,—). 0. Kr.(Moabit) 300,—(darunter Uebersch. vom„Vorwärts" Moabit 100,—, Stromstr. 5 1,—, Schäfer, Alt-Moabit 1,—, Meier, Lübeckerstr. 28—,00). 0. Kr.(Rosenth. Vorst, u. Gesund- brunnen) 800,—(darunter Uebersch. der Parteispedition 99,00, A. S. 1,—). Berlin diu. Beiträge: P. S. 50,—. A. B. 50,—. Dr. L. A. 20,—. Tischlerkstatt v. Wiehr, Friedenstr. 47, Bierprozente 10,—. Sängersreiheit 11,70. P. H., Hollmann- straste, 3,-. Kr. M. 3,-. O. B. 20,-. M. B. 75,-. I. B. 25,—. Zinner 8,90. C. I. in R. 3,—. Rothe Pfeifenbrüder aus dem äußersten Norden 10,—. O. Bauer 3,—. Rothe Buchbinder. Grünstraße 5,—. Von einer Genossin 1,50. Gesammelt im Paradies 100,—. Dr. Z., 2. Rate 100,—. Sächstscher Genosse in Moabit 20,—. Potzsch 25,—. Nother Baum 368j—. Rothe Jugendfeier d. B. F. 1,70. Geburtstags- feier, Lessingstraße, 1,15. Rothe Hochzeit, Brandenburgstr. 52, 1,50. Werkstatt Weichardt 3,—. Jugendaufnahme bei Müller, Friedrichsbergerstraße, 3,—. A. S.—,50. Vom Ge- nossen Thenue 10,—. Prisenbruder Kuba, Köpenick, 21,— (darunter Lied Proletarierleben 0,—). Bierprozente Israel, Prinzenstraße 25, 15,50. Tellersammlung der Töpfer, Steinmetzeu, Dachdecker am 1. Mai 17,55. F. B. 1,50. Von den Halbtodten in der Heimstätte Heinersdorf anläßlich der Feier des I. Mai 1,95. Tngendbund, März-April 14,—. Ge- bnrtstagsseier bei Krüger, Stallschreiberstraße, 3,95. Bremer- Häven, von Genossen 50,—, von der scharfen Ecke 3,—, Summa 53,—. Boppard, 3,—. Brandenburg, Pf. und G. 0,—. Brandenburg, 9 Bodenmacher, 1 Schneider 3,20. Breslau, rolhe tochzeil Fr. Wilhelmstraße d. V. 1,50. Cottbus, S. 10,—. hemnitz amerik. Aukt. eines Maizeichens in Eckhardt's Restaurant 0,—. Deutsche Schuhfabrik 100,—. Delitzsch, silberne Hochzeit bei Bude 3,65. Eupen, Kornblume 20,—. Erfurt 57,—(darunter rothe Flasche 7,-). Elberfeld 300,—. Eilbcck 20,-. Elsaß, Chemikns 5,—. Forst i. L., Versammlung d. A. G. 25,—. Falkenberg(Oberschl.) 2,—. Falkenstein i. V. 14.55. Friedrichs- berg 10,—. Fulda, v. 2 Sabbathschändern des 1. Mai's 5,—. Genthi», rothe Mitglieder der Orlskrankenkasse der vereinigten Gewerbe 2,40. Hainichen i. S. A. B. 50,—. Hannover 500,—. Hamburg. Ueberschust von der Wahl 1893 370,01. Hamburg, von 2 rolhen Kayenköpfen Gr. Neuinarkt 38, 1,30. Harburg, v. einer rothen Geburtstagsfeier 4,20. Harburg, rolhe Bahnarbeiter, Feuilleton. lNachdruck eetbeten.] Kerttner Marztage. 8 Eine geschichtliche Erzählung von Michel Deutsch. „Ta. bring' das doch einmal..." „Wem? Meine Schwester? Danke ganz gehorsamst!" „Das heißt... ich meine natürlich..." „Weiß schon, weiß schon," fiel Ferdinand ins Wort. Er machte vor dem verlegen dasitzenden Herrn Plüddemann eine tiefe Verbeugung und war mit einer blitzschnellen Wendung in der Küche verschwunden. „Eiir recht lebhafter Knabe", meinte Gotthold Plüdde- mann, dem bei der Sache ein wenig unbehaglich zu Mnthe war. „Leider nur z u lebhaft," bestätigte Meister Mathias. „Er ist ja noch jung, Meister," ließ die sanfte, singende Stimme des Gesellen, an der nian sogleich den Sachsen erkannte, sich vernehmen.„Bösartig ist er gewiß nicht." „Das soll wahr sein," sagte Meister Mathias.„Tie Mutter fehlt, hier wie überall. Die arme Lotte hat's schwer gehabt mit den Kindern. Mit elf Jahren die Haus- fron spielen— das ist keine Kleinigkeit, Herr! Was hat das Mädel nicht alles fertig gebracht! Die Wirthschaft geführt, für die Gesellen gekocht, die Kundschaft besucht— ich weit' zu gründe gegangen ohne mein Mädel." Es lhat dem Herzen des Freiers wohl, das Lob seiner Auserwählten aus dem väterlichen Mmide erklingen zu hören. Gern hätte er das angenehme Gespräch über Lotteu's Vor- züge fortgesetzt, allein er mußte in beschleunigtem Tempo auf sein Ziel losgehen. In der Küche nebenan war plötzlich eine unheimliche Stille eingetreten. Er hatte das peinliche Gefühl, als ob dort, hinter jener unscheinbaren Maifeier II,—. Hamburg, die zweite Hälfte des Tagelohns v. 1. Mai der Setzer des„Hamb. Echo" 119,—. Jauer, von den rothen Zigarrenarbeitern 11,—; v. rothen Sortirer—,50, Sa. 11,50. Ilmenau, sozialdemokratischer Nachläufer 5,50. Königsberg, K. M. 20,—. Königsbrück i. S., H. O. 1,- Köpenick, v. M. 2,—. Lehe, amerikanische Auktion, Gesellen- feier 10,—. Lübeck 300,—. Lörrach 50,—. Lengenfeld i. V., Ertrag der Maifeier 6,—. Lichtenstein- Callenberg 10,- Löderburg, ges. von 5 Parteigenossen am I. Mai 2,50. Mann im Mond 375,—. Magdeburg, amerik.?lnkt. bei dem Ausflug der Schuhmacher 18,—. Mülsen St. Michel, Reservisten und Landwehrleute 2,25, rothe Kindtaufe 0,75, Sa. 3,—. Mylau i. V., ges. in einer rolhen Bude zu Bismarck's Geburtstag von I. B. 10.25. Magdeburg 400,—. Mehlis P. F. V. 3,30 Neuendorf b. Nownwes 2,—. Neudamm, zielbcwnßie Ge- nossen 4.—. Ohligs, rothe Kindtaufe 4,40. Offenburg i. B., „von der Gesellschaft" 10,—. Osterwick a. H., V. 3,30. Pirna, ges. bei einem Faß Bier durch T. 1,10. Paris, von Ge- nossen 40,—. Plauen i. V., von„grünen Junaens", die beim Bismarckrummel nicht illuminirt haben 2,—. Potsdam, Maisammlung von 12 rothen Schriilsetzern 7,30. stiichzenhain bei Waldheim, von Genossen 30,—. Rixdorf, Putzer, Trcptowersir. 4, 4,50, Stollberg i. E., F. zur Fahne rvlh, treu bis in den Tod 2,—. Schöneberg, Gebnrtstagss. am 2. Feiertag im Lokale von Klei» 2,15. Schwiebus, ges. am Osterfest 2,35. Schwiebus V. 3,30. Striegau 20,—. Saargemünd, Ueberschuß der Maifeier 6,50. Schnuedeberg in Schlesien, Maifeier auf dem Iticsengebirgc 2,70. „Vorwärts", 1. Quartal 1895 11043,75.„Vorwärts"- Buchhandlung 4000,—. Vegesack, ges. bei einer Geburtstagsfeier 1,70. Vogtsberg b. Oelsnitz, Uebcrbleibsel v. einem ausgel. Gesang- verein I,—. Weistensee, ges. z. Geburtstag d. alten Raketenkisie 1,45. Wilmersdorf, Geselleneinstand Steinmehpl. Kämpfer 2,50. Werdan. rothe Kindtanfe bei Kaltofen 8,50. In der Quittung in Nr. 84 des„Vorwärts" v. 9. April d. I. muß es unter den div. Berliner Beiträgen nicht heißen: lieber- schuß v.„W. I." v. C. T. K. u. Ko. 3,—, sondern v. C. F. K. u. Ko. 3,50. Berlin, den 8. Mai 1895. Für d e u P a r t e i v o r st a n d. A. G e r i s ch, Katzbachstr. 9. Des Umstnvzgeseizes dritter Umsturz. Berlin, den 9. Mai. Der dritte Tag des dritten Uinstnrzes. Eigentlich der zweite, denn der Umsturz des Unistnrzgcsctzes wurde durch den Umsturz des Uinstürzgesetz-Böttcher's um einen Tag vcr- zögert— allein auch der Umsturz war ein Stück Umsturz des Umsturzgesetzes, und so können wir den Tag getrost mitzählen. Also der dritte Tag heute. Er läßt sich gut an. Doch ehe wir ihn schildern, erst einen kleinen Nachtrag zu gestern. Wer während der Schlacht über die Schlacht schreibt, kann selbstverständlich nicht allen Einzel- heilen folgen; und zum Ergänzen nach den Berichten anderer ist keine Zeit, wenn das Blatt sofort fertig gestellt werden muß. Und bei den Redeschlachten geht's ebenso nnrnhig und Thür, ein verborgener Feind auf ihn lauere und nur den günstigen Augenblick abwarte, um ans dem Hinterhalt ans ihn loszustürzen. „Was mich eigentlich zu Ihnen herführt, Meister Mathias, das ist... ich brauche einen Anzug", begann er mit unsicherer Miene und beklommenem Herzen an. Das geschäftliche Wort„Anzug" gab ihm jedoch einen Theil seines Muthcs wieder.„Einen leichten Frühlingsanzug, von gutem blauen Tuch, das Sie selbst für mich auswählen können..." „Sehr gern, Herr Vorsteher, stehe ganz zu Diensten," rief Meister Mathias, dessen ganzes Wesen durch die Ans- ficht auf ein paar Tage Bcschästignug förmlich elcktrisirt schien. In seinem Eiser sprang er rasch vom Stuhle auf, aber schon im nächsten Zlugenblicke sank er auf denselben zurück und begann mit beiden Händen seine Kniee zu reiben. „Da zieht sie wieder— dummes bleiernes Ding!" sagte er mit schmerzlichem Lächeln.„Geben Sie doch'mal das Maß her, Schnick!" Schnick reichte ihm das Maß hinüber, und nun begann er, so gut es ging, an Herrn Plüddemann's rundem Körper hcrumznhantiren, während er gleichzeitig Schnick die Maß- zahlen diktirte. Alles war besprochen und geordnet, es fehlte nur noch, daß Herr Plüddemann die Anzahlung zur Beschaffung des Tuches leistete. Meister Mathias schwelgte förmlich in dem Gedanken, für einen so vornehmen Knuden arbeiten zu dürfen, und versetzte sich im Geiste in seine besten Zeiten zurück. „Sie sollen zufrieden sein nnt Meister Wcrnicke," sagte er mit einer Lebhaftigkeit, die an ihm ganz ungewohnt war.„'s war recht schön von Ihnen, daß Sie an uns ge- dacht haben. Ja, wenn der Mensch Arbeit hat, fühlt er sich wie neu geboren!" lärmend zu, wie bei anderen Schlachten, wenn das Getöse auch weniger laut ist. Nur wenn der Redner eine kräftige Stimme hat und das Haus andächtig zuhört— zwei Dinge, die ziemlich selten sind und noch seltener zusammentreffen— läßt sich das Gesagte bis in alle Einzelheiten verstehen: Und die schnarrende Fettstimme des Herrn v. Ät a n t e u s f e l mag zwar für den Kasernenhof passen, aber der Reichstag ist noch keine Kaserne, und die Reichsboten befolgen noch nicht das militärische: Stillgestanden und Maulhalten, wenn der gestrenge Herr Unter- oder Oberoffizier schnarrt. Und da Herr von Manteuffel auch sonst keiner der angenehmsten Redner des Reichstages ist, so herrschte gestern bei seiner Rede, obgleich er eine Parteibotschaft zu verkünden hatte, ein recht respektwidriges Summen und Stimmeirgewirr, worin uns verloren ging, daß Herr v. Manteuffel das Fiasko des Anarchismus in Deutschland außer dem christlichen Sinn auch der Liebe des deutschen Volkes zur Monarchie und namentlich unserem schneidigen Heer zuschrieb. Nun, hilft diese heilige Dreieinigkeit gegen den Anarchismus, dann hilft sie doch gewiß auch gegen den Sozialismus; und daß der Herr von Manteuffel, obschon er den vor- liegenden Gesetzes- Wechselbalg voll souveräner Verachtung anschaut, doch nach einem Ausnahmegesetz schreit, das ist uns jetzt nur noch räthselhafter. Sollte es mit dem Ver- trauen auf den„christlichen Sinn" und der„Liebe zur Monarchie" und das„herrliche Kricgsheer" doch nicht so weit her sein? Ohne ein bischen Komödie und Heuchelei thnn es die Herren ja nicht. Und noch eins, das wir gestern zu erwähnen vergaßen. Freilich es war nicht viel. Nämlich, daß der Antisemit Z i in m e r m a n n, skandalprozeßlichen Angedenkens, sich bei Herrn Köller und den Landräthen ein rothes Röcklein zu verdienen suchte, indem er uns zurief:„Wir Antisemiten fühlen uns berufen zum geistigen Kampf gegen die Sozialdemokratie! Wir wollen und werden die Sozial- dcmokratie vernichten, die schon jetzt vor uns weichen muß." Homerisches Gelächter belohnte den antisemitischen Falstasf. Falstaff? Wir bitten � den Geist des unsterblichen Ritters Sir John, der, wie Shakespeare aus- drücklich hervorhebt, trotz all seiner Schelmenstreiche und Bocksprüuge doch immer ein Gentlenian war,— wir bitten ihn hundert- und tausendmal um Verzeihung. Nein nicht Falstaff, höchstens P i st o l. Und die Pistole, die der Pistvl uns auf die Brust richtete, wir haben sie nicht ge- sehen. Man wird uns jedoch hoffentlich ob dieser Unter- lassuugssiinde Absolution ertheilen. Kann der Mond etwas dafür, wenn er den bellenden Mops überhört? Herrn Zimmermann aber geben wir den Rath, den „geistigen Kampf"— außer mit geistigen Getränken— zu unterlassen, und den Wahlkreis des umgestürzten Umsturz- Kommissio ns-Präsideuten und nationalliberalen Oberreptils Böttcher zu holen— für uns. Endlich noch die Erfüllung einer Pflicht. Wir haben in unserem gestrigen Bericht jemanden ein schweres Unrecht „Na, vielleicht folgt bald mehr nach," versetzte Plüdde« mann, während er in seiner blauseidencn Börse suchte. Es zeigte sich, daß er nicht genug kleine Münze bei sich hatte, und so griff er in die Brusttasche seines Rockes, um seinem Portefeuille einen größeren Geldschein zu entnehmen. Eben hatte er denselben herausgezogen, als die Küchen- thür sich öffnete und nnt feierlicher Miene Tora herein- trat, um sich gemessenen Schrittes Herrn Plüddemann zu nähern. In der Hand hielt sie den Veilchenstrauß, den der Herr Vorsteher Lotten durch Ferdinand geschickt hatte. „Ich danke Ihnen, Herr Plüddemann, für Ihr reizen- des Angebinde", begann sie in komisch gespreiztem Tone— „ich hätte niemals gehofft, daß ich in Ihren Augen so viel Gnade finden würde." Ganz verblüfft starrte Gotthold Plüddemann sie an. „Ja, aber ich meinte natürlich... ich wollte doch... Fräulein Lotte diese Blumen senden!" stotterte er.„Hier muß jedenfalls ein Mißverständniß..." Er kam nicht weiter: das teuflisch grinsende Gesicht Ferdisiand's, das in der Oesfnnng der Küchenthür auftauchte, klärte ihn nur zu deutlich über das„Mißverständniß" aus. Und wenn er bisher noch nicht begriffen hätte, daß diese übermüthige kleine Gesellschaft ihn zur Zielscheibe ihrer Späße erwählt hatte, dann würde Dora'S Benehmen ihm den letzten Zweifel daran benommen haben. „Ein Mißverständniß also", versetzte sie mit derselben gezierten Theatermiene.„Sie erklären mich für unwürdig dieser lieblichen Frühlingsboten— nun, dann werde ich sie einfach... ein Häuschen weiter geben." Sie machte Kehrt und schritt mit derselben närrischen Feierlichkeit, mit der sie hereingekommen war, in die Küche zurück. Florian Schnick schmunzelte über das ganze Ge- ficht. Hinter der geschlossenen Küchenthür erhob sich Lotteu's Selha»: wir hatten vergessen, dem biederen deutschen Woll- s ch l ä g e r seinen polnischen Faschingsnamen zu geben— Wollschläger buchstabirt sich polnisch: Wolszlegier. Besser kann nian sich wahrhaftig nicht verkleiden. Und der wißbegierige Leser kann jetzt auch polnisch buchstabircn lerne». Dem Wcchselbalg ist gestern von Freund und Feind— am meisten von Freund— so unbarmherzig mitgespielt worden, daß im Reichstage gewettet wurde, die Regierung werde, um ihre Blamage und des Wcchsclbalgs Todesqual nicht zu verlängern, nach Ver- wersnng des Z III die Vorlage heut oder morgen zurückziehen. Das heißt, die Regierung schlecht kennen. Blamage, Todesqual— dummes Zeug. Der Wechselbalg hat juristisch keine Seele und keine Empfindung, weil er noch nicht aus dem embryonalen Zustand in den selbständigen Lebens ge- langt ist. Und Blaniage! Die Blamage ist für gewisse Leute das höchste Vergnügen— Blamage ist Wollust. Man betrachte nur den Herrn von Köster. Je härtere Püffe es setzt, je gransamer der Wechselbalg zerfetzt wird, desto mehr strahlt das Gesicht des tapferen Polizeiministers. Und wird ihm der Wcchselbalg geschlachtet und geschunden vor die Füße geworfen, dann wird das für ihn-der Gipfel hinnnlischer Wonne sein. Das heißt nicht für den Wechsel- balg, sondern für den Herrn v. Köller. Um diesen seligen Moment wird er sich doch nicht bringen lassen, und es wäre hartherzig von uns, wollten wir das Glück ihm nicht gönnen. Und nun zur heutigen Sitzung. Wieder gefülltes Hans, gefüllte Tribünen. Neugierige Blicke nach den Minister- sitzen, wo schon gleich nach 1 Uhr der Herr Reichskanzler, der Herr Polizeiminister, der Herr Justizminister und andere Minister Platz nehmen. Will der Justizministcr reden? Er hat den nervösen Zug des Redeschwangeren. Nicht ganz ein Viertel nach Eins und die Sitzung wird eröffnet. Und, nach Erledigung der Formalien, sofort: „Seine Excellenz der Herr Bevollmächtigte zum Bundes- rath, der preußische Justizministcr Herr Schönstedt hat das Wort!" Und seine Excellenz der Justiz- minister hält eine Rede, wie sie im deutschen Reichstag noch nicht gehalten worden ist. Eine Rede, die unter freiem Himniel hätte gehalten werden müssen, und zwar nicht in Deutschland, sondern in Norditalien, im Schloß- hos von C a n o s s a. Von derselben Stelle— allerdings in anderem Gebäude—, an der vor genau L3 Jahren — am 14. Mai 1872— als Fanfare des Kulturkampfes das Bismarck'sche:„N a ch C a n o s s a g c h e n w i r nicht!" den deutschen Philistern ins Ohr geschmettert ward, warf sich heute der Justizminister des stärksten deutschen Bundes- staats, in seiner Eigenschaft als Vertreter des Deutschen Reiches, flehentlich ans die Knie vor der Partei des P.apstes, vor den„Römlingen", — und bettelte um die Stimmen des Zentrums für die Umsturzvorlage! Ein solches Schauspiel hat der deutsche Reichstag noch nicht gesehen. Und der Zukunftsmaler, der die denkwürdige Szene einst darstelle» wird, muß unter das Bild den alten Buch- titel schreiben, der vor 80 Jahren einen deutschen tatrioten das Leben kostete:„Deutschland in seiner tiefsten rniedrigung". Der Originalgang nach Canossa hat wenigstens genutzt -- der Papst hob die Acht über den deutschen Kaiser auf. Der heutige Bettelgang, der Unisturz-Gang nach Canossa hat nichts genutzt— das Zeutrnm. hat gelacht. Und als der neueste Canossagäugcr seine dcmüthige Bitte mit dem lateinischen Spruch geschlossen: bis ckst, gui cito dat— doppelt giebt, wer schnell(!!) gicbt— und sich den Schweiß von der Stirne wischte, goß der Präsident des Reichstages, von Buol- Berenberg, Führer des Zentrums, ihm einen Eimer eiskalten Wassers über den Kopf, indem er ihn unter dem schallenden Gelächter des Hauses trocken belehrte, daß,.was er, der Herr Canossa- scheltende Stinmie, während Vater Mathias, der mit seinem ganzen Denken und Sinnen bei dem bestellten Anzug ver- weilte, höchst verdutzt dreinschaute, als ob er überhaupt nicht wüßte, was vorgegangen war. Herr Plüddemann fühlte sich auf's tiefste verletzt— verletzt in seinen edelsten und menschlichen Gefühlen. War er nicht gekommen, um diese Menschen zu beglücken, um sie ihrer, durch eigene Schuld oder durch Schicksalsschläge ent- standeneu Roth zu entreißen und ihre Lebensbedingungen um ein ganz beträchtliches zu verbessern? Es schien aber, als wollten sie seine Wohlthaten gar nicht, als ob sie sich vollkommen glücklich fühlten in ihrem cigeuen Kreise und ihn als einen unberufenen Ein- dringling betrachteten. Es wehte ihn etwas wie jener Geist der Respektlosig- keit und Nichtachtung gegen alles Höherstehende au, jener -böse Geist der neuen Zeit, als dessen schlimmste Ver- körpernng er bisher Fritze Granis, den Meister Ferdinand's, betrachtet hatte. Wenn dieser Geist schon zersetzend in die häuslichen Kreise des Bürgerthums eindrang und selbst die Jugend ansteckte, dann war es schlimm bestellt um die ge- sellschastliche Ordnung. Aber da stand vor ihm dieser brave Meister Mathias, und da war Lotte, das milde, treuherzig-crnste Mädchen— sollten auch sie bereits dem bösen Einfluß erlegen sein? Das konnte er nimmermehr glauben, hing doch von ihnen jetzt seines Herzens Ruhe und Seligkeit ab. Aber Gewiß- beit mußt' er vor allem haben, und so wollt' er rasch zum Anstrag bringen, was ihn hergeführt hatte. Er gab Cchnick die Banknote und bat ihn, sie bei Fisch drüben oder bei Nachbar Grams zu wechseln. Als er mit den, Meister allein war, räusperte er sich feierlich und begann darauf: „Es wäre da rwch ein Punkt, Meister Wernicke... den ich gewissermaßen... berühren muß..." „Das versteht sich," fiel Meister Mathias ein, in der Meinung, daß es sich noch immer um den Anzug, etwa um einen besonderen Taschenschuitt oder die Weite der Beinkleider handelte.„Sagen Sie nur alles, Herr Plüdde- mann... vorgethan und uachbcdacht— Sie kennen ja das Sprichwort..." „Sie wissen, daß ich Wittwer bin, lieber Meister... und ein Wittwer— wie sagten Sie doch?— ist'n halber Mensch, gewissermaßen. Na, und so möcht' ich denn wieder ... ein ganzer Mensch werden." Aha, er heirathct, dachte Meister Wernicke schmunzelnd, da giebsts noch'neu Hcchzcitsrock zu machen. „Sie haben eine Tochter, Meister Wernicke," fnhr Gott- hold Plüddemann fort. gänger soeben gesagt, der Gcschästsordunng zuwider lause, und gar nicht hierher gehöre. Und darum Räuber und Mörder! Und darum nach Canossa gegangen— nein gerutscht! Armer Wechselbalg. Arme Umsturzvorlage! Doch es war noch nicht genug des Pechs und der Lächerlichkeit. Die Lorbeeren des Justizministers ließen den Polizeiminister nicht schlafen— oder wenigstens nicht schweigen. Er meldete sich zum Wort, mußte jedoch sich etwas gedulden, weil der Fortschrittler Lenzmann ihm, was er in seinem Eifer nicht bemerkt hatte, schon zuvor- gekommen und auf dem Wege zur Tribüne war. Lenzmann sprach gut; er entwickelte die juristische Ungeheuerlichkeit des Umstnrzgesetzes, das ans einer„Tollen- Hupde-Theorie" beruhe, und zeigte, daß in Teutschland absolut gar nichts geschehen ist, um das frivole Verlangen nach dem Umsturzgcsctz zu begründen. Nach Lenzmann Köller. Nie ist er größer gewesen — nie war Köller mehr Köller. Juristisch fand er„zu viel zu widerlegen", als daß er jetzt die Zeit für eine solche Kleinigkeit hätte. Allein die Vorlage wollte er„be- gründen". Und hervor kam der Zitatensack— dick geschwollen. Doch als er geöffnet ward, da kam nichts heraus— oder nur Wind, ivie aus den Schläuchen des Aeolus. Was dem Windsack— oder Windbeutel— entströmte, das wurde zum theil von dem Herrn Polizei- minister selbst wunderbar naiv als„Blödsinn" bc- zeichnet. Herr Köller war heute in der That nnnachahm- lich;— das Haus, das dieses Talent für Komik nicht in ihm-vernnithet hatte, wälzte sich fast vor Lachen— und nur einige pedantische Käuze gedachten bedauernd und sehn- snchtsvoll der Zeiten, da Puttkamer, der viel- verkannte, mit der weihevollen Würde eines Hohepriesters den Zitatensack geschwungen batte. Andere Zeiten, andere Menschen. Damals Bismarck und Puttkamer— heut Hohenlohe und Köller. Tie Epigonen sind stets Entartete — die Entartung bringt aber eigene Typen hervor, und wird nach Lombroso oft zum Genie. Köller mag sich trösten! Er hat nicht blos Talent für Komik, er ist ein Genie der Komik. Es ist drei Uhr geworden. Und nun tritt Bebel aus. In andcrthalbstündigcr Rede beleuchtet er die Vor- geschichte der Umsturzvorlage, deren innere Unwahrheit und nothwendigcs Scheitern, wenn sie Gesetz werden sollte. Er schildert in scharfen kräftigen Strichen das Werden der sozialdemokratischen Bewegung, wie sie organisch ans der bürgerlichen Ecscllschafl hervorgegangen und organisch eingefügt ist in unsere ganze Kultur, ja wie die ganze Kultur in ihr gipfelt. Den Zitaten des Herrn Köller setzt er andere Zitate entgegen— aber keine, die Wind sind oder„Blödsinn", sondern echter, solider Stoff, bürgerliche Gedichte, von Blut triefend, national- liberale Aufforderungen zu Mord und Gewaltthat. Er führt aus, wie, wenn diese Vorlage Gesetz wird, wir die edelsten Namen aus unserer Literatur entfernen, die edelsten Vorkämpfer der Menschheit ans unserem Gedächtniß Heransreißen müssen. Er brandmarkt die Heuchelei, die eine Charlotte Corday, die Mörderin Marat's, verherrlicht, und die Gewaltthat zu verabscheuen vorgiebt— er geißelt die Ideen- und Jdcallosigkeit der kapitalistischen Parteien, die im krassesten Materialismus versunken sind, und, während sie von„Religion, Sitte und Ordnung" reden, nur an den schnödesten Mammon denken! Er bringt gelcgdntlich auch, bei Kennzeichnung unserer Snstizzustände, den Fall K o tz e vor, wie da in den höchsten esellschaftskreisen das Gesetz verletzt worden ist, ohne daß ein Staatsanwalt einschritt. Und nachdem er noch erwähnt, wie vor 5 Jahren noch die obersten Staatsgewalten zuversichtlich mit der Sozialdemokratie„fertig zu werden" hofften, und wie sie heute ihre Unfähigkeit und ihren moralischen Bankrott vor aller Welt bekunden, schloß er mit der Aufforderung an den Reichstag: Fort nnt diesem Monstrum! „Zwei, mit Verlaub, außer den beiden Jungen." „Ganz recht, aber ich rede jetzt.. von Fräulein Lotte. Ja) wollte Sie fragen, ob Sie mir... Ihre Lotte.... zur Frau gebe» möchten." Wenn in diesem Augenblick die Welt ringsum zusammengestürzt und Meister Mathias ganz allein auf einer einsamen Säule inmitten der Trümmer stehen ge- blieben wäre, er hätte nicht verdutzter und verständnißloser dreinschauen können. Seine Lotte— Frau Plüddemann? Unfaßbarer Ge- danke!(Fortsetzung folgt,) Tlxcokev. NeneS Theater. Was in den letzten Jahren von Erzeng- nisse» der gegenwärtigen englischen BühnenIUeraiur in Dcnlsch- lnnd eingeführt worden war, das grenzte auf pathetischem Gebiet an die sensationelle Art der Kolportageromane, auf komischem Gebiet an die Zirkuspantonüme, wie Charlcy's Tante. Selbst als Blumenthal für sein Lessing-Theater ein Stück von P i n e r o, der heute Englands volkethumlichuer Bühnenautor ist, bearbeitete, durste man sich verwundert fragen: Diese Armseligkeit soll Englands Bühnenliteratur kennzeichnen? So niedrig, wie wir es nns denken inußlen, fleht nun das Londoner Theater nicht. Das neue Schauspiel Pinero's„Die ziveite Frau", das gestern im Neuen Theater zum ersten Male gegeben wurde, beweist wenigstens, daß wir diesen Autor ivohl nur verballhornt kennen lernte». In der ersten Hälfte des Drama's finden sich feingeistige Beobachtungen, ist das ernste Bestreben sichtbar, ein tiefer angelegtes Seelengemälde zu entwerfen; die zweite Hälfte freilich verhandelt in ab- gebrauchter theatralischer Routine. Paula, die zweite Frau des Herrn Tangneray, hat eine„Vergangenheit", deren Inhalt dem Gatten bekannt war. Eine leidenschaftliche Natur kämpft Paula gegen die Schatten, die ans ihrer Vergangenheit in die Gegen- wart hineinragen. Psychologisch fesselnd ist es, wie Paula mit aller Energie um die Liebe ihrer Stieftochter ringt, die in ihrer herben Jungfräulichkeit ans dem Ton ter Rede, aus dem Antlitz ihrer Stiesmutter herausfühlt, was Paula einst gewesen. Zur künstlerischen Studie wäre es an diesem Motiv vollauf genug gewesen, der Theaterhandwerker aber in Pinero griff nun zur Methode der gröblichen Spannung. Der erste Verführer Panla's kehrt aus Indien heim und gerade in ihn mnß sich Paula's Stieftochter verlieben. Nun ist Panla's schmerzhaftes Ringen, all die starke Energie, sich Achtung und Liebe einer neuen Gesellschaft zu gewinnen, umsonst geblieben. Die Vergangenheit wurde lebendig und Paula verziveifelt daran, sie je vergessen machen zu können und tödtet sich. Von allen Gestalten im Drama Pinero's interessirt wesentlich nur e,iue, hie. Panla's. Sie fand in Fräulein Sandow eine Dar- stellerin voll Temperament, mit ganz charakteristischen Ausdrucks- mittel» für nervöse Ueberreiznng wie für gallige Verbitterung. Ein Ordnungsruf ereilte Bebel ans dem Weg zu seinem Platz— daß er den Herren von der Rechten krassen Ma- terialismus und Mammonsdienst vorgeworfen, lvar ein parlamentarisches Verbrechen. Ter Herr Justizminister überraschte nun, sehr erregt, den Reichstag durch die Mittheilung, daß gegen Kotze und Konipagnie sammt Stumm Anklage erhoben sei. Eine kurze Erklärung des Welsen Hodenberg, der sich ablehnend äußerte, und dann als dieses Umsturztags heiteres Ende eine Rede des konservativen Pastors Schall. Weiß der Leser, wer und was Schall ist? Ter Kapuziner in Wallenstein's Lager, aber nach Abzug des Witzes. Die öde, gedankenlose, mechanische Phrase, vorgetragen niit dein öligen, falschen Kanzelpathos. Der unglückliche Pastor Schall niit seiner Kapuzinade bewirkte dreierlei: daß seinen Freunden der Angstschweiß aus allen Poren trat; daß er ivegen unchristlicher Hassesäußerung(gegen die Sozialdemo- kraten) vom Präsidenten zur Ordnung gerllfen; und— Pcch über Pech— daß er noch obendrein von dem Krieg?- minister wegen Verbreitung einer unwahren Thatsache recht kräftig gerüffelt wurde. Das war bitter für unseren Mnsterchristen. Mehr Pcch kann man wohl kaum haben. Unter dcni Eindruck dieses Ordnungsrufs und Rüssels, der die Orduungssänle erheblich ins Wanken brachte, vertagte sich der Reichstag.'Und von der Tribüne herab schaute be- trübten Blickes der Genius des Umstnrzgesetzes hinunter in den Saal— der Genius, der seit Montag schon sorgsam ivacheud über allen Sitzungen des Reichstages schivebt— Theodor R e u ß. Volikischo XkeberNck,». Berlin, 9, Mai. Tas Zentrum Und die Umsturzvorlage. Tie schroffe Erklärung des Jnstizministers zu Beginn der heutigen Sitzung, welche dem Zentrum keine Wahl ließ, als entweder unter Verleugnung seiner ganzen Vergangenheit, echt national- liberal über den vorgehaltenen Stock zn springeiy oder wieder mit dem Brandmal der Reichsseindschaft behaftet zu werden— sie wäre wohl nicht abgegeben worden, wenn die Regierung(nicht die feste Ueberzeugung und Beweise dafür in Händen hätte, daß die einst so stolze Zentrums- Partei bereit sei. sich jeder Demüthigung zu fügen, ivenn dafür in Zukunft die Herren Lieber, Spahn und Gröber nur in Wadeistrümpfen bei Hoffeften erscheinen dürfen. Und einen solchen Verrath an den eigenen Grundsätzen sind die Zentrumsherren bereit zu begehen in dem Augen- blick, wo auch der— im übrigen den Kulturkampf aus das schärfste verurtheilcnde— Justizminister von der Möglichkeit spricht, daß eine spätere Zeit einen ähiilichen Konflikt wieder bringeil könne. Sie bissen sich auf die Lippen, die Herren Zentrums- juristen, als ihnen Herr Schönstedt den Stock vorhielt mit der kategorischen Erklärung, ohne Ziererei zu springen, ivenn sie nicht wollen, daß sie vom Hose gejagt werden. Sie werden auch springen. Schon liegt ein Antrag Gröber vor, der die eine Hälfte des§ 113, soweit er vom aktiven Widerstand gegen die Staatsgeivalt handelt, in das Gesetz hineinbringen will. Morgen wird Herr Gröber den Neigen der Redner damit eröffnen, daß er das Harakiri für sich und seine Partei— zur größeren Ehre des Wadelstrumpfs— vor aller Augen vollzieht.— Kein„ltinstnrz-", sondern ein„Sozialistengesetz" wollen die Reaktionäre aller Schattirungcn, insbesondere die Nationalliberalen und die Konservativen. Die„Ham- burger Nachrichten" schreiben heute sehr deutlich: „Jeder Entwurf, der auf der Basis der jetzigen Vor« läge ausgearbeitet wird, kann nicht anders geartet sein als o, daß er viel geeigneter ist, die politische und geistige Freiheit der Nation in die Fesseln des Strasrichters zu chlagcn als wirksame Waffen gegen die Sozialdemokratie zu bieten. Diese wirksamen Waffen sind nur aus dem Wege der Spezialgesetzgebung zu erlange».--- W i r halten an der Zlbsicht fest. daß das Scheitern der Vorlage ein Glück für das Deutsche Reich sein und daß es vielleicht auch die Regierung nicht ohne Be- stiedigung begrüßen �wird, wenn sie ans gute Manier von dieser unglücklichen Hinterlassenschaft aus der Aera Caprivi loskommt. Unangenehm könnte dieser Ausgang nur für die Sozialdemokratie sei», die sich nach dem Scheitern der Vorlage eines ernsthasteren und zweckmäßigeren Vorgehens der Regierung gegen ihre Partei versehen müßte. Wir hoffen, daß es dazu wirklich kommt." Nun, wenn die reaktionären Herrschaften mit dem Er- vlge deS alten Sozialistengesetzes zufrieden gewesen sind, — wir sind es gewesen, und sehen desivcgen auch dem, was nach Ablehnung der Umsturzvorlage kommen mag, mit Ruhe entgegen.— Zur Nmsiurzdebatte. Fast alle Berliner Zeitunge» be, 'precheu den Beginn der zweiten Lesung der Umsturzvorlage i» Leitartikeln. Ter Leitartikel der„Nordd. Allg. Ztg." behandelt dagegen die—— Nicaraguafrage.-- Zur Nnssifizirnug unseres Vereins- nnd Ver- itilungsrechtes. Abermals taucht die Nachricht ans, daß die preußische Regierung als Ersatz für das Umsturz- gesetz eine Verschärfung des preußischen Vereins- und Ver- ammlungsrechtes plane. Wie der„Voss. Ztg." berichtet wird, werde augenblicklich in den bethciligten Ressorts an der Fertigstellung eines entsprechenden Gesetzentwurfs, dessen Grundzüge schon früher aufgestellt waren, mit ganz be- sondere»! Eifer gearbeitet. Der Entwurf soll noch in dieser Tagung dem Landtage zugehen. Wir zivcifeln nicht, bemerkt die„Voss. Ztg." hierzu, daß der gute Wille dazu bei der preußischen Regierung vor- Händen ist. Aber die Tagung ist schon soweit vorgeschritten, daß ans eine Erledigung des Entwurfs jetzt doch kaum noch zu rechnen ist.— Vertagung oder Schlich des Reichstags. Ein parla- mentarifchcr Korrespondent meldet, daß die Frage, ob eine Ver- tagnng oder ein Schluß des Reichstags, augenblicklich sich in dem Stadium besindet, daß sie offen gehalten wird. Die ver- bündelen Regierungen halten nach dieser Mittheilung an der Absicht fest, das B ö r s e n g e s e tz noch in dieser Tagung dem Reichstage zugehe» zu lassen, dagegen haben sie die Einbringung des Gesetzentwurfs betreffend den unlauteren Wettbewerb fallen lassen. Die Nachtragsetals und das sogenannte Nothgesetz zum Zuckersteuergesetz würden noch erledigt werden. BimdeSratlj. In der heutigen Sitzung des Biindeerathes wurde beschlosien, das Gesetz für Elsaß-Lothringen wegen Auf- Hebung des Gesetzes betreffend die Ernennung und die Besoldung der Bürgermeister und Beigeordneten, vom 4. Juli 1887. zur Vollziehung dem Kaiser vorzulegen. Die Vorlage betreffend den Eesetzcutwiirf wegen Feststellung eines zweiten Nachtrags zum N ei ch? b au?h ltZ- Etat für 1895/96, ferner betreffend den Entwurf eines Gesetzes wegen Feststellung eines Nachtrags zum Haushalls- Elal für die� Schutzgebiete auf das Elatsjahr 1895/96, beireffend den Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung des Zuckersteuer- Gesetzes, sowie betreffend den Entwurf eines Abgabentariss für den Nordostsee-Kanal wurden den zuständigen Ausschüssen über- wiesen. Der Gesetzentwurf wegen Abänderung des Gesetzes vom L3, Mai 1373 über die Gründung und Verwaltung des Reichs- Invalidenfonds wurde angenommen; ebenso wurde der Antrag Preußens wegen Zulassung der Privat-Transitlager ohne amtlichen Mitverschlust für die in Nr. 9 des Zolltariss angeführten Waaren angenommen.— Tic inilitärische« Ehrengerichte und das Duell. Tas Schreckenskind, das der konservativen Partei durch den Wahlkreis Potsdam in den Reichstag geschickt wurde, Herr Pastor Schall, fühlte sich in der heutigen Reichstagssitznug bemüßigt, den Eindruck, den seine einst- nialigen Worte über das Duell gemacht, hinwegzninterpretireu. Er habe es nicht„entschuldigen" wollen, sondern es unter den heutige» Umständen nur„erklärlieh" gefunden, da ja die Ehre der Bürger noch nicht hinreichend durch Gesetze geschützt. Im Zusammenhang damit beging er selbst so nebenbei eine kleine Ehreubeleidigimg gegen seine sozialdemokratischen Kollegen, die ihm einen Ordnungs- ™f zuzog, und dann entschlüpfte ihm die Mit- theilmig, daß in Spandan ein Offizier durch ein ehrengerichtliches Erkenntniß zu einem Duell gezwungen wurde, bei dem er seinen Tod fand. Diese unbequeme Ans- lassting des Vertreters der„soelssia faselans" veranlaßte den Kriegsminister, abermals zu erklären, daß ein militärisches Ehrengericht noch niemals seit dem Bestehen dieser Institution ein solches Erkenntniß gefällt habe. Das glauben wir ihm„auf's Wort", aber weiter auch nicht. Dem Wortlaut nach hat er recht, nicht dem Sinne nach. Mit den ehrengerichtlichen Erkenntnissen in Duellsachen ver- hält es sich nämlich genau so wie mit den Urtheilen der geist- lichen Jnquisitionsgerichte berüchtigten Angedenkens in Ketzerei- fachen. Von ultraniontaner Seite wird auch jetzt stets mit Nach- druck versichert, daß die geistlichen Gerichtshöfe nie einen Ketzer zum Flammentode verurtheilt hätten. Wiederum vollkommen richtig— dem Worelaute nach. Die In- quisitionsgerichte prüften den Verdächtigen und fanden sie ihn der Ketzerei schuldig, überantworteten sie ihn dem weit- lichen Arm. Ein jeder geistliche Richter wußte aber ganz genau, daß wie die Thräne nach der herben Zwiebel der Flammentod des armen Sünders auf sein verurtheileudes Erkenntniß folgte. So erforderten es„Religion, Ordnung und Sitte" in damaliger Zeit. Wenn nun heutigen Tages ein militärisches Ehrengericht in einer Ehreubeleidiguugssache zusammentritt, so kommt es zu den» Schluß, daß entweder der Ehre des betheiligten Offiziers durch irgendwelche Erklärungen genug gethan ist, oder daß das nicht der Fall. Kommt das Ehrengericht zu diesem letzteren Schluß, so weiß der Offizier, daß er sich dnelliren muß, wenn er nicht des schlichten Ab- schieds gewärtig sein will. Das weiß auch jedes Mitglied des Ehrengerichts, und das weiß auch vermuthlich der Herr Kriegsminister. Deshalb hat er aber doch so recht, so recht mit seiner Auslegung, genau so recht, wie ultramontane Schönfärber, die da bestreiten, daß ein geistliches Jnquisitious- ! gerächt je einen Ketzer dem Flammentode überantwortet chabe.— Militari«. Bei Schießübungen mit Mörsern auf der Strandbalterie in Friedrichsort explodirte om Donnerstag eine Kartusche und riß dem dienstthuenden Unteroffizier die rechte Hand ab. Zwei bei dem Geschütz stehende Einjährige, sowie ein Feuerwerker wurden durch Brandwunden schwer verletzt.— Herr v. Kardorff hat seine Thätigkeit als Gründer und Verwaltungsrath wieder in Erinnerung gebracht durch seine Wahl zum Mitgliede des Aussichtsraihs der Schlestschen Aktien- Gesellschaft für Bergbau und Zinkhütten-Betrieb.— Eine Klavierstener soll in schlesischen Städten demnächst lingesührt werden.— Abeutenerliche Gerüchte von einem Zusammenstoße zwischen sozialdemokratischen Arbeitern und Polizisten am Abende des Wahltages im dritte» Wiener Gemeindebezirke wurden von Wien nach Berlin depeschirt. Nun stellt es sich heraus, daß es sich wieder einmal um eine Lappalie, eine zerbrochene Fensterscheibe, gehandelt hat. Die sistirten Arbeiter wurden sofort nach Fest« stellung ihrer Identität wieder freigelassen. Die Ministerkrisis in Ungarn droht wieder auszubrechen Das ungarische Kabinct betrachtet die in schmeichelhasler Form vollzogene Ablehnung der Demission des österreichisch-ungarischen Ministers des Auswärtigen als eine Herausforderung, die es zwingt, entweder Genugthuung vom Monarchen zu fordern oder zurückzutreten.— Tie Ausläiiderfnrcht in Frankreich. Das Pariser Or- leanistenblatt„Soleil" will in Ersahrmig gebracht haben, daß die französische Regierung in den Grenzstädten sowie in den Kriegs- und Handelshafen besondere Geheiin-Polizeiabtheilunge» zur Ueberwachuug der Ausländer eingerichtet habe. Zu de» italienische» Wahle». Dem Dekret, durch welches die Auflösung der Kammer ausgesprochen wird und Neuwahlen angeordnet werden, ist ein Bericht aller Minister an den König beigefügt, in welchem es heißt: Nach der ans Gründen der hohen Staatspolitik im Dezember vorigen Jahres erfolgten zeitweiligen Suspension des Parlaments habe man gehofft, wenn die Ruhe zurückgekehrt sein würde. das Parlament, bald wieder einberufen zu können, damit die Erwählte» des Volkes ruhig die ernsten, ihnen kurz vorher vorgelegten finanziellen, ökonomischen und sozialen Probleme hätten beralhen können. Plötzliche Koalitionen aber, die zum Zwecke des Widerstandes geschaffen worden seien und mit vollen Händen in das Land geschleuderte Anschuldigungen, als bedeutete das Dekret, durch welches die Session vertagt wurde und welches doch ans dem patriotischen Gedanken beruhte. die Würde der parlamentarischen Einrichtungen hochzuhalten, einen Angriff auf die verfassungsmäßigen Freiheiten, hätten neben anderen Kundgebungen leicht zu dem Schlüsse geführt, daß die unter diesen Umständen wieder eröffnete Kammer die gesetzgeberische Arbeit in einer den dringenden Bedürfnissen des Augenblicks wenig entsprechenden Weise erledigt hätte. Ter Bericht führt dann die Nolhwendigkeit an, die Wahl- listen, deren Unregelmäßigkeiten nach den Angaben der Lokal- Kommissionen jedes Maß überschritten hätten, einer Revision zu nnterziehen. Daher hätte man trotz des lebhasten Wunsches, die Wahlen sobald als niöglich anziiordnen, damit die Nation durch ihre legitimen Vertreter die ihr zustehende Kon- trolle über die Akte der Exekutivgewalt ausüben könnte, warten müssen, bis die mit der Revision der Wahllisten ver- bundenen Schwierigkeiten beseitigt gewesen wären. Jetzt sei es möglich, einen der nächsten Tage dazu zu bestimmen, daß das italienische Volk berufe» werde, seine Vertreter zu wählen. Die Minister beschleunigten diesen Tag mit der Ruhe und dem Ver- trauen von Männern, die geirrt haben könnten, aber sich be- rechtigt fühlten, zu versichern, daß sie bei ihren Handlungen nur das nntrennbare beste des Königs und des Valerlandes im Auge gehabt hätten.« Ter Bericht schließt: Wir erwarten diesen Tag mit der festen Hoffnung, daß das ruhige Urtheil des Landes aller Ungewißheit ein Ende bereiten uüd eine seit langer Zeit herbeigesehnte Aera nutzbringender, gesetzgeberischer Arbeit eröffnen wird, welche der Nation Sicher- heil über ihre Zukunft gewährt." Nach der Stimmung, die die ganze Crispi'sche Re- giernngsweise, seine Vergewaltigungspolitik und noch die letzten schamlosen Wahllistcnpraktiken im Lande hervor- gerufen haben, ist anzunehmen, daß das italienische Volk am 26. eine Kammer wählen wird, die Herrn Crispi jedenfalls nicht aus Rosen better. Daran werden alle Schönredereien des italienischen Ministeriums nichts ändern. Auch die italienische oppositionelle Presse sagt, daß die Wahlparole allgemein:„Gegen Crispi" lauten werde.— Aufhebutig des Ausnahmegesetzes für Irland. Während das deutsche Parlament das Umstnrzgesetz berathen muß, hat das englische Unterhans in zweiter Lesung die Abschaffung des irischen Zwangsgesetzes mit 222 gegen 208 Stimmen beschlossen.— Zum Streite der rumänischen Abgeordneten. Die Depulirtenkammer lehnte es ob, die gemeinsame Mandatsnieder- legung der oppositionellen Deputirten anzuerkennen.— Streiknnrnhen in Chikago. Der durch den Ausstand herbeigeführte Schluß der Jlliu'ois-Stahliverke im Süden von Chikago rief am Dienstag Abend einen Angriff von etwa 1606 Arbeiler», zumeist Polen, auf die Werke hervor. Die Angreiser leisteten der Polizei Widerstand, welche sich mit ihren Knütteln gegen sie wandte. Zehn Schutzleute und zwanzig Ausständige wurden verwundet. Am Mittwoch versuchte die Polizei eine Zusamilienrottniig zu zerstreuen. Hierbei leisteten die Aus- ständigen abermals Widerstand und schleuderten Steine und Schlacken auf die Schutzleute, von denen vier verletzt wurden. Hierauf schoß die Polizei aus ihren Revolvern, wobei einer der Älufrührer tödtlich getroffen wurde, und schlug diese in die Flucht. Die Werke der Illinois Company sowie die Dynamit- vorräthe werden streng bewacht. Friede zwischen Japan und China. Die Ratifikationen (Bestätigungen) des Friedensvertrages zwischen China und Japan wurden am 8. Mai in Tschifu ausgetauscht.— Pest und Cholera, das Gefolge der Kriege, sind in Ostafieu aufgetreten, aus chinesischen Hafenstädten werden Pestfälle ge- meldet und auf japanischen Transportschiffen ist die Cholera ausgebrochen.— Rnßlnndö Marine in Ostasien. Mit Rücksicht ans die Aktion Ztußlands, Deutschlands und Frankreichs ist es nicht ohne Interesse zu erfahren, daß Rußland in den chinesisch-japanischen Gewässern über 1 Geschwader-Panzerschiff, 5 Kreuzer ersten Ranges. 3 Kreuzer zweiten Ranges, 2 Torpedokreuzer, 6 Kanonen- boote und 3 Torpedoboote vcrfügt.— Pou'fvmadjuidjfjju. Ncbcr die Bezirkötags-Wahl im Nordkanton von S t r a ß b u r g i. E., deren' Resultat bereits bekannt ist, schreibt man uns von sehr geschätzter Seite: Am Sonntag fand die definitive Bezirkstags-Wahl statt, nachdem die erste Wahl kein 3>es»ltat ergeben, weil keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit der Wählenden erlangt hatte. Bei der zweiten Wahl gilt derjenige Kandidat für gewählt, der die relative Mehrheit erhält. Bei der ersten Wahl stand der sozial- demokratische Kandidat Böhle mit über 700 Stimmen an dritter Stelle. Vor ihm stand der Regierungskandidat, der relativ die meisten Stimmen hatte, und nach diesem kam der freisinnige Kandidat. Nach Lage der Sache war es klar, daß für unsere Partei gar keine Aussicht bestand, bei der zweiten Wahl die relative Mehr- heit zu erhalten. Wohl aber lag die Gefahr nahe, daß bei nochmaliger Betheilignng unserer Partei der Regierungskandidat siegte. Was vorauszusehen war, geschah. Der Regierniigs- kandidat siegte mit 1145 Stimmen, während aus den freisinnigen Kandidaten 1073 Stimmen und ans den Kandidaten unserer Partei 753 Stimmen fielen, fast genau so viel, wie bei der ersten Wahl. Die Taktik unserer Straßbnrger Genossen, die hierbei der ?sührung Böhle's folgten, ist rein unverständlich. Eininal haben ie die Kosten für die zweite Wahl zum Fenster hinausgeworfen, und an überflüssigen Mitteln leiden unsere Straßbnrger Genosse» nicht, und zweitens hatten sie durch ihre Taktik dem Regierungs- knndidaien zum Siege verholsen. Weniger klug kann man wirk- lich nicht handeln. «* Nachträgliches über die Maifeier. Brande»- bürg a. H. Die Maifeier war als höchst gelungen zu be- zeichnen. Zu einer Frühpartie hallen sich ca. 500 Männer und Frauen nebst ihren Kindern eingesunden und unter Norantritt einer Mnsilkapelle zog die Schaar nach dem Neuen Krug und nach einer dort eingenommenen Stärkung nach dem unfern ge- legcnen Plocer See. Ter Rückmarsch erfolgte gegen 12 Uhr mittags. Des Abends fanden durchweg sehr gut besuchte, theil- iveise überfüllte Versammlungen statt, von denen die bekannte Resolution angenommen wurde. Die Feier gestaltete sich noch dadurch zu einer recht erhebenden, daß�die hiesigen Gesangvereine, soweit sie Mitglieder des Arbeiter-Sängerbundes Berlins sind, ihre Chöre noch den verschiedenen Versammlungen entsandt hatte».— Wernigerode am Harz. Am 1. Mai sprach Dahlen aus Holberstadk in einer Versammlung. Am 5. Mai war Nach- seier, die so stark besucht war, daß das Parteilokal die Menge nicht faßte, die zur Theiluahme herzugeströmt war.— Bürgel. Eine Versammlung, wo H e i l in a n n aus Offenboch über die Bedeutung des 1. Mai sprach, naht» in allen ihren Theilen einen günstigen Verlauf.— K o b u r g. Die Maiseier war dies Jahr für hiesige Verhältuiffe imposant. Am 1. Mai wurde eine sehr stark besuchte Volksversanlnilung abgehalten. An, 5. Mai früh >/»? Uhr marschirten im geschlossenen Zuge über 300 Genossen und Genossinnen unter Voranlritl der Stadlkapelle von der „Reichshalle" aus, durch einen äußeren Stadttheil nach dein s/4 Stunden entfernten Torfe Scheuerfeld. Abends beschloß ein Fest die Feier. Alles verlief in schönster Ordnung. .1-* Heber Bebel's Buch„Tie Frau" theilt der Parteigenosse H. Goldstein im.Sächsischen Volksblatt" einige interessante Daten mit. Er schreibt in einem Artikel über das Jubiläum des Werkes:„Bebel's Buch" erschien erstmalig unterm Ausnahmegesetze ini Jahre 1879 und schon unterm 24. März desselben Jahres verbot das lgl. Polizeipräsidium zu Berlin das unter dem Titel wie heute erschienene„umstürzende" Buch. Ein weiteres Verbot finde ich in Atzrolt's Zusammenstellung der ver- botenen sozialdein okraliscden Druckschristen und Vereine unter Nr.212, wo der Titel lautete:„Die Frau in der Vergangenheit, Gegen- wart und Zukunft". Verleger war das Verlags- magazin(I. Scbabelitz) zu Zürich 1383. Verboten ward es vom Berliner Polizeipräsidenten unterm 19. Dezember 1883. Noch einmal begegnen»vir dem Verbote(der VI. Anflage) des Buches im„Nachtrag" von Atzrott unter 1030. Daselbst ist als Verlagsort die schweizerische Volksbuchhandlung Holtingen-Zürich, 1387, und als verbietende Behörde der großhcrzogliche Landes- kommiffar zu Freiburg angegeben(l0. Februar 1888). Doch nicht immer segelte das nunmehr klassisch gewordene Buch, das sich henre. scbön gebunden, fast ebenso oft auf dem Bücherbrett des Gelehrten, und unter dem Büchervorralh der Iran ,w Bourgeoisie, wie auf der Kommode des Arbeiters findet, unter diesen beiden Tileln. Es nahm oft die Form von Kontrebande an und es liest sich heute, nach Beendigung des Sozialistengesetzes und vor dem Umsiurzgesetz luftig, wenn es bei Atzrott heißt:„Das Verbot erstreckt sich auch aus diejenigen Exemplare dieser Druckschrift, welche unter einem Deckelumschlag mit dem Titel:„Engel, Statistik, Fünftes Heft" verbreitet werden. Königl. Polizeipräsid. zu Berlin" u. s.>v. oder:„Das Verbot erstreckt sich auch......... welche unter einem Teckelumschlage mit der Titelaufschrift:„Bericht der Fabrikinspektoren 1883" verbreitet werden." Thatsächlich sind damals tausende und abertausende des Buches unter den genannten Titeln zur Verbreitung gelangt, bevor es der Polizei gelang, auch nur eins zu erwischen. Wie oft Bebel's Buch dem Schicksal polizeilicher Konfiskation versallen ist, mögen die Götter wissen; sicher ist in- dessen, daß es zu tausend Malen der Fall gewesen und die „Frau" zu jenen der 1025 verbotenen, nicht periodischen Schriften (nach Atzrott) zählt, auf die am meisten seitens der Polizei Jagd gemacht wurde. Wenn es auch in erster Linie Sozialisten und — Sozialistinnen waren, welche der„Frau" zu der ungeheuren Verbreitung verholsen haben, so gebührt doch auch der herrschenden Klasse ihr Theil daran und zwar nicht nur ideell, insofern Geistliche, Literaten, Regierungsvertreter aus dem Buche zitirten — ich erinnere hier nur an die seinerzeitige wirkungsvolle Zitatenrede des Geh. Reg.-Raths v. Ehrenstein in der Zweiten sächs. Ständekammer, eine Rede, die mit einem einzigen Schlage viele hunderte von Bourgeois nach unseres Genossen Buche lüstern machte—, sondern auch materiell, da alle Welt von gutem Ton das Buch besitzen wollte und die Hof- und sonstigen Buchhand- lungen zur selben Zeit,(als man den Arbeitern und Arbeiter- kolporteuren ihre Exemplare massenweise wegnahm, überaus mit Bestellungen aus die„Frau" von Bebel beschäftigt waren. Das Buch wurde mit Agio bezahlt und ich erinnere mich, daß für ein Exemplar im Buchladen 5—10 M. bezahlt wurden, während der Ladenpreis nur 2.50 bezw. 3 M. betrug. So wurde mitten unterm Sozialistengesetz das Gesetz von den herrschenden Klassen selbst umgangen." � � AnS Schwede». Wo es tt> allen Ländern Europa'?, mit Ausnahme Englands, von Anklagen gegen Sozialisten wimmelt, kann natürlich auch das„freie" Schweden nicht zurückbleiben. In Stockholm hat unser Parteigenosse Hjalmar Branting am I.Mai eine Liebe gehalten, die vermuthlich den Kern der heutige» Klassenherrschaft so tief getroffen hat, daß man die Wirkung ihrer Logik auf die Massen eben nur durch Gewalt abschwächen zu können hofft. Branting ist wegen der Rede unter Anklage gestellt. Mag der Ausgang des Prozesses sein welcher er wolle, Nutzen davon wird nur die Sozialdemv- kratie haben, nicht die herrschende Klaffe. *» Parter-Zldresse». Die holländische sozialdemokCMische Arbeiterpartei hat zum Schriftführer für das Aus- l a n d dar Parteigenosse» W. H. V l i e g e n bestimmt. Deffen Adresse ist Ma stricht, Parallelweg 201. Die Adresse des Zentralkomitees der spanischen Sozialdemokratie ist Pablo Jglesias in Madrid, Jar- dines 20, 2°. Todtenliste der'Partei. In' dem sächsischen Dorfe S ch l u n z i g ist der Parteigenosse Johann Vogel gestorben. Er war allzeit ein eifriger Streiter für den Sozialismus. I» 5k e s s i» bei Rostock ist der Altentheiler Lewerenz ans dem Leben geschieden. Die„Mecklenburgische Volkszeitung" widmet ihm folgenden Nachruf:„Er war unermüdlich, wenn auch im stillen, für Gewinnung neuer Anhänger unter den länd- lichen Arbeitern thätig; auf ihn konnte sich die Partei verlassen; er war stets bereit, wenn es bei der Landagitation oder während der Wahlbewegung galt, thätig einzugreifen. Sein An- denken wird darum auch von den Mecklenburger Partei- genossen stets in Ehren gehalten werden! Der Name des Altentheilers Lewerepz wurde vor längerer Zeit in weiteren Kreisen bekannt durch einen Zwischenfall, den er mit dem Pastor Vick zu Kessin hatte. Dieser Herr hielt eines Sonn- tags, als Lewerenz auch gerade einmal zur Kirche gegangen war, eine jener mittlerweile genugsam bekannten Predigten gegen die Sozialdemokratie, deren Inhalt immer um so gruseliger ausfällt, je weniger der betreffende Pastor vom wahren Wesen der Sozial- demokratie kennt. Als Pastor Vick so recht im Fluß war, seine privaten, von ivenig Sachkcnntniß getrübten Vorstellungen über die Scheußlichkeit der Sozialdemokratie seinen Zuhörern plausibel zu machen, erhob sich plötzlich der alte Lewerenz und verließ die Kirche mit den Worten:„Herr Pastur, datt is ja all nicht w o h r!" Der freiniüthige Kritiker erhielt hierfür eine Anklage wegen Störung des Gottesdienstes und wurde auch zu drei Tagen verurtheilt. Polizeiliches. Gerichtliches ie. — Aus Metz wird»ms folgender äußerst seltsame Vorfall gemeldet. Die Polizei verhaftele am 30. April eine sozial- dcmokralische Zeitungsausträgerin. Ans der Polizeidircktion wurden ihr die Zeilschriste»„Volkssrennd",„Sozialdemo- krat",„Neue Zeit",„Wahrer Jakob", sowie mehrere andere obgenomme», ferner unterzog man sie einer körperlichen Visitation, wobei sie sich bis aufs Hemd entkleiden und auch die Haarflechten auslösen mußte. Die Beschlagnahme der Zeitungen ist nun, wie es scheint, nicht etwa wegen deren Inhalts geschehen, sondern die Polizei wollte wisse», zu wem die Zeitschriften gebracht würden, weshalb sie bei der Visitation der Austrägerin auch nach der Abonnentenlrste fahndete und überhaupt alles versuchte, um die Austrägerin zur Bezeichnung der Abonnenten zu veranlassen. Die Siaatsanwaltschast soll übrigens erklärt haben, nichts von dem Vorfall zu wisse».— Ob Herr v. Köller die reichsländische Polizeipraklik auch in dieser Beziehung rechtfertigen wird? — Kostenlos freigesprochen wurde in Alten» bürg der Redakteur des„Wählers" von der Anklage, durch den Abdruck zweier Artikel der„Leipziger Volkszeitung" gegen den Z 130 des Strafgesetzbuchs verstoßen zu haben. — Das D a r in st ä d t e r Schöffengericht vernrtheilte den verantwortlichen Redakteur der„Mainzer Volks-Zcitung", Grift. Sprenger, wegen Beleidigung des Schutzmanns Witsch zu 60 M. Geldbuße und zur Publikation des Urlheils irr der „Mainzer Volks-Zeitung". Die Beleidigung wurde in einer aus Darnrstndt eingegangenen Korrespondenz gefunden, worin dem Schutzmann vorgeworfen war, er hätte bei der Verhaftung eines Bettlers schwere Ausschreitungen begangen. Der Bettler war inzwischen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zu sechs Wochen Gefängniß verurtheilt worden. Von der Anklage, durch Veröffentlichung der 5konespo»de»z auch die Darmstädter Polizei- Verwaltung beleidigt zu haben, sprach das Gericht den genauuien Redakteur frei. — Hans Künzel in Falkenstein, Redakteur der „Vogtländischen Volkszcitnng", hat eine zweimonatige Gefängniß- strafe angetreten, die ihm wegen Beleidigung auferlegt ist.— Ein anderer Redakteur desselben Blattes, Li. Mein hold, war wegen groben Unfuges, den er durch eine Zeitungsnotiz begangen haben soll, vom Schöffengericht zu 7 Tagen Haft ver- urtheilt worden. Er legte Berufung ein und halte damit in- soweit Glück, als das Landgericht Plauen die Strafe auf 50 M. festsetzte, wozu noch die Kosten beider Instanzen kommen. — Der Redakteur der„Sächsische» Arbeiter- z e i t u n g" Arno Reichardt war wegen Beleidigung zweier Schutzleute vom Laudgericht zu 100 M. Geldstrafe verurtheilt worden. Ten Gegenstand der Anklage hatte ein Artikel gc- bildet, worin gesagt war, ein Mensch habe ini Freren genächtigt und seine Festnahme sei durch den„Ortsbütlel" erfolgt. In der Bezeichnung„Ortsbütlel" wurde eine Beleidigung eines Schutz- inanns erkannt. Nun stellte es sich aber heraus, daß keiner dcr beiden Schntzleule des Ortes, sonder» der Nachtwächter die Fest- tirttjuic Be�vivft hatte. Da in Beziehung auf diesen kein Straf- anlrag vorlag, hob das Oberlandesgericht das Urlheil auf und verwies die Sache in die Instanz zurück, die nun auf Einstelluug des Verfahrens erkannt hat, weil inzwischen das Prebvergeheu verjährt war. Mommmrales. Stadtverordnete»- Versammlung. O e f f e n t l i ch e Sitzung vom Donnerstag, den 9. Mai 1895, nachmittags 5 Uhr. Die Vorlage betr. den Ankauf des Protz'schen Grundstücks am Kienwerder in Treptow für 135 000 M. zur Arroudirung des städtischen Besitzes wird genehmigt. Zur Verbreiterung der R o s e u l h a l e r st r a ß e sind s. Z. die Grundstücke Rosenthalerstr. 54/55, Weinmeisterstraße 19 und Gormannstr. 80/31, städtischerseits angekauft worden. Nach durch- geführter Verbreiterung beabsichtigt der Magistrat die Reslgrund- stücke freihändig an einen Herrn Braun zum Preise von 520 rcsp. 500 M. für den Quadratmeter zu veräußern. Nachdem beschlosten ist, auf der platzartigen Erweiterung des Bürgersteiges an dieser Straßenkreuzung einen Wandbrunnen zu errichte», haben sich Stimmen erhoben, welche im Verkehrsinleresse die an- gemessene Vergrößerung dieses Platzes, d. h. die Nichlwieder- anbauuug der Restparzellcu verlangen. Es liegt auch ein An- gebot der Besitzer des angrenzenden, neuerrichtelen Eckgrundstücks vor, welche für die größere der beiden Parzellen(030 Quadrat- meter) 700 M. für den Quadratmeter unter der Bedingung zahlen wollen, daß die kleinere(425 Quadratmeter) für eivige Zeilen als Platz liegen bleibt. Im Ausschuß hat der Magistrat der Offerte der Herren C. und A. Gliesche als einer nur den Interessen dieser Herren dienende», der Stadt aber cvent. direkt nachtheiligen enschiedene» Widerstand entgegengesetzt. Der Ausschuß hat sich»ichl einige» können. Durch die ausschlaggebende Stimme des Vorsitzende» P i tz m a n» ist schließlich der Magistratsantrag zur Annahme gelangt. Stadtv. Meyer I beantragt die Beseitigung des projektirten Brunnens, um die mit so großen Opfern erkaufte Straßen- Verbreiterung nicht sofort wieder durch die Brunnenanlage z» verengen, und empfiehlt demgemäß die Ablehnung der Vor- läge, die der Magistrat durch eine andere ersetzen solle. Stadtv. Singer: Es ist doch ein Unterschied, wo die Ausschmückung der Straßen und Plätze der Stadt erfolgt. Die Kunstkommission hat zunächst die bisher vernachlässigten Straßen berücksichtigen wollen. Der Uechtritz'sche Brunne», ein wirkliches reizendes Bijou, ivird der betreffenden Stelle zur Zierde dienen; er wird nicht wesentlich raumverengend wirken und den Verkehr, der übrigens so abnorm groß an jener Stelle nicht ist, nicht hindern. Nehmen Sie die Magistratsvorlage au und sanklionire» Sie gleichzeitig den Beschluß Ihrer Kunstkommission; Sie stellen dadurch die allgemeinen Interessen in zweckmäßiger Weise über die lokalen. Stadtv. Sachs II meint, diese Verkehrsfrage sei nicht nach ästhetischen Gründen zu entscheiden. Es bedürfe nochmaliger Ausschußberathung. Stadtrath Ramsla» tritt für die Vorlage ein. Ter Brunnen werde die Passage nicht verengen, wohl aber der Stelle und der ganzen Gegend bis zum Hackeschen Markt zum Schmucke gereichen. An den bedeutendsten Verkehrsstellcn Berlins seien Bürgcrsteige vorhanden, deren Dimensionen hinter denen an dieser Kreuzung zurückbleiben. Nachdem noch die Stadtverordneten P i n c u s s o h n und K y I l in a« n für die Magistralsvorlage gesprochen, wird die- selbe a n g e n o m m e n. Die Vorlage wegen Ankaufs des zwischen Jüden-, Stralauer-, Kloster- und Parochialstraße belegenen Grundstückskomplexes zur Errichtung eines neuen großen Verwaltungsgebäudes, wird vom Magistrat zurückgezogen. Auf Vorschlag der gemischten Deputation für Kunstzwecke beantragt der Magistrat die Genehmigung zur Ausstellung der Hundrieser'schen, in Kupfer getriebenen S t a t n e der B e r o l i n a auf dem Alexanderplatz an stelle des dort besind- licheu, zu beseitigenden Springbrunnens und zur Ausstellung des durch die Bemühungen eines Komitees hergestellten B r o n c e- den km als für Hermann Schulze-Delitzsch auf dem Jnselperron des Platzes an der Köpnicker-, Insel- und Neuen Jakobstraße. Die Vorlage wird ohne Debatte genehmigt. Tie im vorigen Sommer erfolgte Ausschreibung einer von der Wieuerstraße bis zum A u s st e l l u n g s p a r k in Treptow anzulegenden K l e i n b a h n l i n i e hat zur Einreichung von sieben Angeboten geführt. Der Magistrat will der koiikurrireiiden Firma Siemens u. Halske den Zuschlag er- lheilen, welche diese Kleinbahn mit ihrem elektrischen Hochbahn- Unternehmen durch Fortführung der ersteren bis zum Wasserthor- Becken in direkte Verbindung zu setzen sich bereit erklärt hat. Auch die Kleinbahn soll elektrischen Betrieb mit Hochleitmig erhalten. Einer späteren Fortführung der Linie ins Stadlinnere bis zur Ecke Behren- Wilhelmstraße bezw. bis zum Schloßplatze event. mit unterirdischer Stromzuführung ist der Magistrat nicht entgegen. Es sollen Streckenpreise von 10, 15 und 20 Pf. ein- gejährt und Zeitkarten nicht gewährt werden. Die Stadtv. R o s e N o w und D i II s e beantragen Ausschuß- berathung! Stadtv. Vogtherr will den Zehnpfennigtarif und Zeitkarten als Bedingungen an die Konzession knüpfen. Stadtv. Tins e hält die Einsetzung eines Ausschusses für unumgänglich. schon mit Rücksicht auf'die berechtigten Anträge Vogtherr. Stadtv. V o g t h e r r: Wenn wir auch der Vergebung derartiger Unternehmungen an Privatgesellschaften nicht das Wort reden können. stimmen wir doch für Ausschuß- berathung. Die Vorlage zählt wiederum zu denen. welche uns in ganz außerordentlich mangelhafter Weise unterrichten. Wir erfahren nur von den verschiedenen Linien, nichts darüber, wie sich die Firmen zur Tariffrage stellen. Des- bald empfehlen wir unfern Antrag, weil gemäß einem früheren Beschlüsse der Versammlung von neuen, äußerst lukrativen Unter- uehmiliigeii mindestens die genannten Gegenleistungen verlangt werden müssen, nicht aber nur die Schwierigkeiten eines ver- zwickten Zonentarifs noch in den Kauf gegeben werden dürfen. Der Magistrat scheint ja leider schon aus beides verzichtet zu haben. Die Theuerung des Ausstellungsjahres scheint hier ihre Schalten schon voraus zu werfen; Wucherpreise will man den Berlinern abnehmen. Damit würde die Bevölkerung der schrankenlosen Ausbeutung durch eine Privatgesellschaft über- liefert, die für das Unternehmen durchaus keine besonderen Lasten zu tragen hat. Stadtv. R o s e n o w spricht wesentlich aus den von Vogtherr entwickelten Gründen für Ausschußberathung. Stadtv. K y l l m a n n hält den Zehnpfeiiniatarif auch für erstrebenswerth, will aber an dieser Frage die Möglichkeit, für die Ausstellung in den Besitz einer eleluischen Bahn zu gelangen, nicht scheitern lassen. Die Vorlage geht an einen Ausschuß, der vom Vorstande sofort cruaniit wird und dem auch Stadtv. Vogtherr an- gehört. Auf der Berliner G e w e r b e- A u s st e l l u n g 1896 be- absichligt der Magistrat die Stadt unmittelbar als Aus- st e l l e r i n erscheinen zu lassen und zwar durch Sonder- Ausstellung der wesentlichsten kommunalen Einrichtungen in Zeichnungen und Modellen in einem eigenen Pavillon von zirka 1200 Quadratmeter Grundstäche. Das Gebäude soll nn- mittelbar an der Treptower Chaussee errichtet werden. Die Ge- sammlkosten von rund 150 000 Alt. will der Magistrat auf den Dispositionsfonds von 500 000 M. angewiesen wissen. Stadtv. M o m m s e n hält die vorgelegte Gebändeskizze für nicht einwandssrei und will die Sache in einem Ausschüsse prüfen. Das Gebäude erscheine zu groß und seine Form architektonisch nicht besonders anziehend. Stadibaurath Blankenstein nimmt das Projekt in Schutz und bittet, die Ausführung des Baues nicht zu sehr zu ver- zögern. Unter Ablehnung des Antrages Mommsen wird die Vorlage genehmigt. Ein Antrag Kyllmann und Gen. gebt dahin, den Magistrat zu ersuchen, die gemischte Deputation für Verkehrssragen schleunigst einzuberufen. Ter Antrag st eller erklärt, daß er, nachdem ihm soeben eine Einladung zur ersten Sitzung der Deputation vom Magistrat zugestellt worden, jetzt auf den Antrag verzichte. Oberbürgermeister Zelle: Wenn der Vorredner andeutet, daß der Magistrat dem Wunsche nachgekommen sei, nachdem er einen Stoß bekommen habe, so muß ich dagegen protestiren. Der Autrag war in der Form gar nicht statthaft, der Magistrat konnte gar nicht zur schleunigen Einberufung der Deputation aufgefordert werden, sondern der Oberbürgermeister allein hatte die weiteren Schritte zu veranlassen und er hat sie mit thunlich- ster Beschleunigung veranlaßt. Ter Vorsteher Dr. L a n g e r h a n s nimmt für die Ver- sammlung das unbedingte Recht in Anspruch, solchen Antrag an den Magistrat zu richten. Stadtv. Singer tritt dem Vorsteher bei. Für die Ver- sammlung verkörpere sich ver Magistrat im Oberbürgermeister. Treibe man das formale Moment auf die Spitze, so gelange man eher dahin, daß die Versammlung als solche mit dem Ober- bürgermeister nichts zu thun habe.(Zustimmung.) Eine weitere Erörterung findet auf Wunsch des Vorstehers nicht statt. Zu einer Gedächtnißseier für Gustav Freytag wird dem Verein„Berliner Presse" der Fesisaal des Rathhauses für den 19. Mai c.. 11—1 Uhr, kostenlos überlassen. Die U m s a tz st e u e r-O rd n u n g für Berlin hat die Ge- nehmigung des Oberprästdenieu nicht erhalten, soll vielmehr nach einem erst am 26. Februar c. vom Finanzminister publizirten, dem Magistrat aber nicht mitgelheilien Musterenlwurs umgesormt werden. Um nicht noch größere Einnahmeausfälle zu erleiden, hat der Magistrat dem entsprochen und legt den neuen Entwurf vor, der am Tage nach seiner Veröffentlichung im Genieindeblatt in kraft treten soll. Stadtv. Dr. P r e u ß weist darauf hin, daß durch die ver- spätele Beanstandung die Stadt schon>/s Million verloren hat, und bedauert die zahlreichen Ausnahmen, welche die neue Orb- niing zu Ungunsten des Stadtsäckels mit sich bringe. Er wünscht Ausschußberathung. Der Kämmerer und Stadtv. S p i n o I a widersprechen dem Antrag, desgl. Stadtv. Sachs II; der Antrag wird daraus zurückgezogen, die Unisatzsteuer-Ordiiung genehmigt. Schluß 7'/2 Uhr. Sozisls llcüct'ltdjf. Tie zahlreiche» Festtage deS Mittelalters sind bekannt- lich ein sehr wichtiger Schutz der Arbeiter vor Ueberanstrengung im Berufe gewesen. In dem Maße, als sich die industrielle Unternehmerklasse der neueren Zeit herausbildete, hat man im Interesse dieser Klasse die Zahl der Festtage fortgesetzt beschränkt. Trotzdem sind den Unternehmern die wenigen übrig gebliebenen Festlage immer noch zu viel und wo es irgendwie geht, drängen sie darauf hin, auch diese abzuschaffen, so daß in der Hauptsache nur noch die altersgrauen Feste Weihnachten, Neujahr, Ostern und Pfingsten vor ihrer Begehrlichkeit nach Profit sicher zu sein scheinen. In Bayern ist es ihnen jetzt geglückt, eine aber- nialige Schmälerung der Festtage zu erreichen, wie folgende Nachricht aus München beweist:„Die Slaatsregieiung hat nun die Festtage bestimmt, die nach der Neichs-Gewerbe-Ordnung den Bestimmungen über die gewerbliche Sonntagsruhe unterstehen sollen. Dadurch wird ein Theil der Feiertage, die wohl in den einen, nicht aber in allen Regierungs- kreisen gelten, diesen Bestimmungen e n t r n ck t. Doch darf dort, wo diese Feiertage gelten, keine lärmende oder die öffentliche Feierlagsstimmung störende Arbeit verrichtet werden. Es darf also nur ruhige Zlrbeit in geschlossenen Räumen vorgenommen werden. Ferner ist am Vor- abend die Arbeit nicht beschränkt. Abgesehen von der Schaffung eines präzisen Rechtszustandes, ist mit der gewerbegesetzlichen Deteriorirung einer Anzahl Feiertage, nament- lich mit d e r E r m ö g l i ch u n g d e r vollen Arbeit am Vorabend einem Wunsche der Arbeitgeber entsprochen. Da- gegen wollen, wie man hört, in verschiedenen Branchen die Gr- Hilfen sich der Arbeit an den betreffenden Feiertagen wider- setzen." Die Gehilfen haben, wie eingangs angedeutet, einen lristigen Grund dazu, sich gegen diese„Deteriorirung"— die wörtlich die Verschlechterung eines Stück Landes, hier in Beziehung auf die Zahl der Feierlage bedeutet— zu wehren, wenigstens so lange zu wehren, als nicht der Achtstundentag Gesetz geworden ist, der gegen Ueberanstrengung allerdings viel gründlicher schützt als die paar noch vorhandenen Feierlage es können. Leerstehende Wohnungen gab es in Magdeburg nach der vom dortigen statistischen Amte aufgenonimenen Statistik Ende Oktober des vorigen Jahres 3522, oder 6.3 pEt. aller überhaupt dort vorhandenen Wohnungen. Tie wenigsten leer- stehenden Logis hatte das Bahnhossviertel, wo vorzugsweise Wohlhabende wohnen. 2024 oder 57,4 pEt. der leerstehenden Wohnungen waren solche, die, abgesehen von nicht heizbaren Räumen und der Küche, nur ein heizbares Zimmer haben, also kleinere Wohnungen. Drei Fünftel der leerstehenden Wohnungen hatten einen Miethpreis von noch nicht 200 M. Nur 2,4 pEt. der leerstehenden Logis kosteten über 1000 und nur 0,7 pEt. über 1500 M. Miel he. Trotz der vielen leerstehenden kleinen Wohnungen sind die Mielhpreise für Logis solcher Art gegenüber dem Jahre 1890 nickt gesunken, sondern die der Mittel- wohnungen von drei heizbaren Zimmern an. Ohne Kenntniß der lokalen Verhältnisse läßt sich natürlich diese Tbatsache nicht als einwandssreier Beweis für das Versinken der Miltelschichlen im Proletariat verwenden, aber daß diese Erscheinung auch in Magdeburg beim Sinken des Mielhpreises der mittleren Wohnungen eine Nolle spielt, läßt sich wenigstens mit gutem Grunde vermuthen. In Beziehung auf die Arbeiter wird die fort- schreitende Proletarisirung selbst von der„Magdeburgischen Zei- tung", wenigstens verblümt, zugegeben, indem sie miltheilt, daß einige Nachbargemeinden„unter dem Einfluß der allgemeinen wirlhschastlichen Lage" zahlreiche Arbeilerfnmilien an sich ziehen, die hier noch billiger wohnen als in den entlegensten Theilen der Stadt. Achtung, Schuhmacher! Die Stückarbeiter in den Schuh« waaren- Fabriken Nordbausens, etwa 200 an der Zahl, haben wegen der von den Nnternehinern aufs neue eingeführten Fabrikordnung iviederum die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist deshalb streng fernzuhalten. Für die i» der Mäntel- und Kinderkoitfektio» Beschäftigte» findet am Sonntag, den 12. Mai, eine Versammlung in Rirdorf, Berlinerstr. 136, statt. Ter Zweck der Versammlung ist, auch in Rixdors eine Organisation für unsere Benifsgenossen zu gründen. Bei der Wichtigkeit der Tagesordnung bitten wir nm einen recht zahlreichen Besuch. Die Agitationskonimission. Sluö Schmölln wird berichtet: Im Gemeinderathe wurde angeregt, im Verein mit dem Stadtrath den Versuch zu machen, eine Beendigung des Streiks der Knopfarbeiket anzustreben. Allseitig wurde diese Anregung freudig begrüßt. Dieser Tage soll nun eine gemeinsame Sitzung von Vertretern des Geineinderaths, des Stadtraths, der Fabrikanten und der Arbeiter staltfinden. Bei dem Streik der Porzellanarbeiter in Altwasser !. Schl. sind 243 Verbandsinitglieder, von denen 164 verheirathet sind, 23 Mitglieder eines anderen Porzellanarbeiter- Verbandes. 13 Nichtangehörige und 21 Frauen und Mädchen zu unter- stützen. Ter Versuch des Gewerberalhes, die Differenzen bei- zulegen, scheiterte an dem Widerstande der Fabrikanten. Streik- brecher sind noch nicht zu verzeichnen. Adresse: A. Grallert, 3. Bezirk, Nr. 7, Allivasser i. Schl. Ter Streik der Ausmacher in Solinaen geht seinem Ende entgegen. In einer am 6. Mai unter Vorsitz des Land- raths abgehaltenen Konferenz, an der vier Ausmacher, vier Fabrikanten, sowie die Vorsitzeuden des Solinger Gewerbegerichts, des Messer-, Scheeren- und Schwertschleifervereins theilnahinen, wurde von sämmtlichen Anwesenden folgendes Protokoll nnter- schrieben: Die Ausmacher sollen den Streik sofort aushebe»; die Lohnsätze werden nach dem von dem Fabrikantenverein auf- gestellte» Preisverzeichniß so lange bezahlt, bis«in anderes von beiden Seiten aufgestelltes fertig gestellt ist, und zwar ein solches mit rückwirkender Kraft. Das Preisverzeichniß soll aber in 14 Tagen fertig gestellt sein, andernfalls soll das Geiverbegericht die Sache endgiltig als Schiedsamt regeln. Diese Beschlüsse unterliegen noch der Genehmigung der Fabrikanten- und der Arbeiterorganisation. Zur Malerbetveguug. In Essen sollten am Sonnclbeid die Maler und Anstreicher in einer Versammlung durch Stimm- zettel über die Frage entscheiden, was zur Durchführung der Forderungen zu geschehen hat. Abgegeben wurden 110 Stimm- zettel, von diesen lauteten 70 für einen Streik, 40 Stimmen er- klärten sich zum theil gegen einen solchen, zum theil waren die Zettel unbeschrieben abgegeben worden. Infolge dieses Resultats und des Umstandes, daß nur ein Drittel der Gehilfenschaft in der Versammlung vertreten war. ließ man den Gedanken an einen Ausstand fallen und beschloß, vorläufig für den Anschluß au den Verband thätig zu sein, damit für nächstes Frühjahr ein neuer Vorstoß der Gehilfenschast möglich werde. Eine amüsante Geschichte meldet die„Niederrheinische Volkstribüne" aus Düsseldorf. Dort hatte ein Unternehmer ein halbes Dutzend Arbeiter entlassen, weil sie am I. Mai gefeiert hatten. Das war vormittags. Am Nachmittag nahm er ein halbes Dutzend anderer Arbeiter in Dienst, die gleichfalls wegen der Maifeier hatten aufhören müssen. Noch am selbigen Abende reichten sich sämmtliche gewesene und jetzige Arbeiter des Schlau- bergers seelenvergmigt die Hände. Ans Oesterreich. In der Porzellanfabrik von Scheuer u. Pick in T e p l i tz sind Lohndifferenzen ausgebrochen. Zuzug von Gießern ist fernzuhalten.— Aus P r e r a u wird gemeldet: Durch Eingreifen der Vertrauensmänner der mährischen Landes- organisation der Eisen- und Metallarbeiter in Brünn gelang es. die wegen Nichtarbeitens am 1. Mai erfolgte Aussperrung der 150 Metallarbeiter von der Firma K o k o r a rückgängig zu machen. — In Innsbruck hat der Sieb- und Drahtwaaren-Fabrikaut Lconhardt W e i t h a s seine sämmtlichen Gehilfen, ausgenommen einen Eisendreher, wegen der Maifeier gemaßregelt. Die Aus» gesperrten richten nun an ihre Vranchenkollegen die dringende Bitte, den Zuzug nach Innsbruck fernhalten zu wollen. lieber de» Maurerauöstaud in Basel wird vom Wolff'schen Bureau gemeldet: Infolge einer vermittelnden Besprechung mit den Regieruugsräthen Reese und Jselin wurde der Maurer- ausstand beendet. Die Arbeit wird Donnerstag früh wieder auf- genommen werden.— Ob dies« Nachricht wahr ist. bleibt abzm warten. Jedenfalls ist der Zuzug von deutschen Maurern nach Basel vorderhand noch streng fernzuhalten. Heimtückische Nach« nahm die Pariser Omnibus- g e s e l l s ch a f t nach kaum abgeschlossenem Frieden. Sie entließ mehr als 200 Angestellte und kürzte 150 anderen den Lohn. Infolgedessen droht der Streik von neuem auszubrechen. Die Ominbusbediensteten protestiren gegen das niederträchtige Ver- halten der Omnibusgefellschaft und haben die Hilfe des Gemeinde- raths von Paris angerufen, der nun beim Ministerpräsidenten inteiveniren wird. Unter den Entlassenen befinden sich Leute mit mehr als 20jäbriger Dienstzeit. Vor Beendigung des Streiks hatte sich die Gesellschaft dem Genieinderath gegenüber schriftlich verpflichtet, alle Bediensteten mit Ausnahme derjenigen wieder einzustellen, die bei dem Streik Geivaltthätigkeiten begangen oder dazu aufgereizt haben. Dies Versprechen hat sie schnöd gebrochen. Ans Brüssel wird berichtet: Der Ausstand der Arbeiter in den Steinbrüchen von E c a n s s i n e s, der einen Monat dauerte, ist jetzt infolge einer Verständigung zwischen den Besitzern und den Arbeitern beendet. Zum Streik der Textilarbeiter in VervierS in Belgien verlautet, der Verein der Geschäftsleute habe die streitenden Parteien gebeten, je vier Abgeordnete zum Versuche einer Ver- sländignng zu ernennen. Die Ausständigen hätten hierzu zwei Fadner, einen Weber und einen nicht zu der Unternehmer- Vereinigung des Arroudissements gehörigen Spinnereibesitzer, die Unternehmer vier Fabrikanten ernannt. Der Vorsitz sollte einem Richter übertragen werden. Eine neuere Nachricht besagt dagegen: Zahlreiche Tuchsabrikanteu drohen, ihre Fabriken zu schließen, wenn die feiernden Arbeiter nicht nachgeben. Infolge der Intervention des Bürgermeisters haben die Besitzer jedoch beschlossen, ihre Entschließiiiig um acht Tage hinansznschieben. Danach scheint es mit dem Frieden noch gute Wege zu haben. Ans Holland wird uns geschrieben: Die Steinhaiierfinna Wegcwys in A m st e r d a m entließ 23 ihrer Arbeiter wegen Theilnahnie am 1. Mai-Ansstaiid. Die anderen Arbeiter legten darauf auch die Arbeit nieder. In E n s ch e d e r kam ein Arbeiter der Fabrik Van Geldern am 1. Mai nicht zur Arbeit. Am solgenden Tag wurde er nicht wieder anfgeiiommen, worauf 16 Arbeiter die Arbeit einstellten. Auch in Arnheiin wurden 6 Arbeiter aus gleichem Grunde entlassen.— Die Möbel- lisch ler beschlossen am Sonnabend, ein Angebot der gesammten Prinzipale abzulehnen. Der Streik dauert also fort.— Von den streikenden Torfgräbern haben die meisten ihre Forderungen bewilligt erhallen.— In A m st e r d a m streiken noch die Maurer-Handlanger um höhereu Lohn und ein Streik der dorligen C o i f f e u r- B e d i e n st e t e u steht in Aussieht. In H a a r l e m sind die Z i m m e r l e n t e ausständig. Ein Streik von 4500 Arbeitern wird ans den Werken der I l l i n o i s- S l a h l- K o m p a g n i e in S ü d- C h i k a g o und I o l i e t- I l l i n o i s gemeldet. Voraussichtlich werden sämmtliche Werke geschlossen werden müssen. In Süd-Chikago solle» die Ausständigen die Werke angegriffen haben, aber von der Polizei zurückgetrieben worden sein. wobei es ans beiden Seiten Verwuiidungen gegeben habe. Ursache des Streiks ist die Weigerung der Werksverwaltung. höhere Löhne zu bezahlen und die Arbeitszeit zu verkürzen. Dexresrltcn. Privat-Telegramm des„BorivärtS". Apolda, den 5. Mai, 11 Uhr 45 Min. B ändert 8958 Stimmen, Reichmnth 6652 Stimmen. Sieg wahrscheinlich. Athen, 9. Mai. Der Ministerrath beschloß in seiner heutigen Sitzung, das Kabinet solle demissioniren, nachdem die Wabl- Prüfungen beendet sein werden und das Bureau der Kammer sich �oustituirt baden wird. Verantwortlicher Redaileur:j I. Dierl(Emil Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug tu Berlin äW.. Beuthstraße 2. Hierzu zwei Beilagen. 1. Beilage zum„Vomörts" Berliner Volksblatt. Ur. 108. Freitag, de» 10. Mai 1893. 12. Jahrg. V�vImnenksveviSike. Deutscher Reichstag. S3. Sitz ii n g vom 9. M ä i. I Uhr. Am Bniidesrothstische: Fürst zu Hohenlohe v. Boetticher. Nieberding. Schön st edt.v. Koller Bronsnrt von Schelle ndor f. Das Haus genehmigt zunächst ohne Debatte den schleunigen Antrag der Sozialdeinokraten, das gegen den Abg. Horn« Tresden schwebende Strafverfahren einzustellen, und setzt dann die zweite Bcrathung des Gesetzentwurss betreffend Aenderung und Ergänzung des Strafgesetzbuches, des Militär st rasgesetzbnches und des Gesetzes über die Presse fort beim tz III, zu welchem ein neuer Antrag des Zentrums vorliegt. Es beantragt nämlich Abg. Gröber- Württemberg, im Absatz 2 des § III einzufügen die Worte:„Zum thätlichen Angriff gegen einen� Beamten während der rechtmäßigen Ausübung seines Amtes"; danach würde die Aufforderung zum aktiven Widerstand miter das Gesetz fallen, nicht aber die Aufforderung zum vassiven Widerstand. Preußischer Justizminister Schönstedt: Ich erkläre namens der.Jmchsregieriiiig, daß dieselbe auf die Wiedereinführung ber fjß 113 und 114 in die Vorlage das aller größte G e wicht legt. Es handelt sich dabei um einen derieuigcn Punkte, von deren Entscheidung voraussichtlich das endgillge Schicksal der Vorlage abhängt. Die Begründung. wer halb die Regierung gerade auf diese Paragraphen «in besonderes Gewicht legt, könnte beinahe überflüssig erscheinen Ich brauche nur aus den Inhalt der beiden Paragraphen hinzw ircifeii; pe bestimmen, daß derjenige, dereinem Beamten, welcher zur Vollstreckung von Gesetzen, Befehlen und Anordniingen be rufen ist, in der rechtniäßige» Ausübung seines Amtes durch Gewalt oder durch Bedrohung Widerstand leistet, bestraft wird; und ferner, daß derjenige, der durch Gewalt oder Drohung eine BeHorde oder einen Beamten zur Vornahme oder Unterlassung einer Amtshandlung nölhigt, bestraft wird. Sie liegen auf demjenigen Gebiete, auf dem nach der Wahrnehmung der velbundelen Regierungen die Gefahr einer Ausschreitung oin lebhaftesten hervorgetreten ist, wo die verbündeten Regierungen am dringlichsten das Bcdürsniß einer Stärkung der Staatsgewall empfinden, um solchen Ausschreitungen entgegenzutreten, welche von irregeleiteten Massen unternommen werden koniiten. Es ist eine unabweisbare Pflicht, daß die Regierung nicht abivartel, bis es zu solchen Ausschreitungen ge- 'i�men ist. Die maßgebenden Führer derjenigen Parteien, die sich heute einer großen Zurückhaltung befleißigen(Heiterkeit), sind dafür eingetreten. Nach dem Verlauf der gestrigen Verhandlung glaube ich be zweifeln zu dürfe», daß sowohl die nationalliberale Partei wie auch d ie frei konservative Partei sich für den Antrag v. Levetzow entscheiden nnd insoweit de» Anforderungen derRegierung entgegen� kommen wird. Die Regierung giebt aber die Hoffnung nicht auf, daß das Zentrum sich auf unseren Boden stellen wird, wenn es sich nicht mit sich selbst in Widerspruch setzen will. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß es Kulturkampfs- ennnerungen gewesen sind, welche den sonst so klaren Blick der Herren getrübt haben.(Große Heiterkeit.) Nun weiß ich nicht. od derartige Ausschreilungen, wie sie von Mitgliedern der Kommission angeführt worden sind, während des Kulturkampfes thatsächlich vorgekommen sind. Das eine aber weiß ich be- stimmt, daß das Zentrum prinzipiell immer die Meinung vertreten hat, es dürfe auch den Gesetzen, deren Gerechtigkeit es widerspricht, einen aktiven Widerstand nicht entgegensetzen, sondern nur einen passiren. Nun weiß ich nicht, ob ein Kulturkampf, wie wir ihn durchgemacht haben 1 e m a l s w i e d e r k e h r e n wird. Ich selbst glaube es nicht, »ch wünsche es nicht. Er hat niemandem genützt und nur die Geinüther gegen einander aufgereizt. Das eine aber glaube ich annehmen zu können, auch von den Mitgliedern des Zentrunis und von denen, die hinter ihm stehen, wenn es trotz alledem zu einem neuen K» l t u r k a m p käme, so würde das Zentrum jenen grundsätzlichen Stand Punkt nicht verlassen, von dem es sich früher hat leiten lassen. Nu» werde» die Herren sich darüber keiner Täuschung hingeben daß, wenn sie bei ihrer ablehnenden Haltung verharren, sie die Geschäfte der Sozialdemokraten besorgen(sehr richtig! rechts. Heiterkeit); wenn darüber noch Zweifel vorhanden sind, so sind sie durch die Rede des Abg. Auer zerstört worden.(Zustimmung rechts.) Die Rede des Abg. Auer hatte lediglich den Zivcck, das Zentrum in seiner ablehnenden Haltung zu bestärken. Tic Taktik der Herren von der sozialdemokratischen Partei ist ja keine so ungefchickle, aber trotzdem eine durchsichtige. Die Rede des Abg. Auer hat den Zweck, das Zentrum auf seiner unhaltbaren Position festzunageln.(Große Unruhe.) Die gestrige Erklärung des Zentrun sabgeordnelen Reindl läßt aber erkennen, daß das letzte Wort des Zeutnlms in der Sache noch nicht gesprochen ist, daß es sich seine Entscheidung vorbehalten will bis zur dritte» Lesung. Ich möchte aber daraus hinweisen, daß es heute für die Herreu viel richtiger ist, den bisherigen Standpunkt zu ver- lassen, als in der drillen Lesung, den» in der dritte» Lesung würden sie sich mit sich selbst in Widerspruch sehen. Wenn Sie der Regierung etwas geben wollen, dann geben Sie es jetzt: Bis dat, qni cito dat(doppelt giebt, wer schnell giebt). Präsident v. Buol macht darauf ausmerlsam, daß die ZZ 113 und 114 noch nicht zur Diskussion stehen. Abg. Lenzmanu(srs. Vp.): Aus der Kommission ist ei» Gesetz hervorgegangen, dessen sich jetzt jeder schämt. Aus den, Munde des Reichskanzlers klang es >vie eine Entschuldigung, daß die Regierung durch das Rufe» nach dein Gesetz dazu gedrängt worden sei, und daß er nur eine Erbschaft damit übernommen habe. Es zeugt nicht von be- sonderer Stärke der Regierung, daß sie sich durch ei» Rufen von außen hat drängen lassen, ein Gesetz vorzulegen, das die Re- gierung nach den heutigen Erklärungen des FuslizininisterS um einer Kleinigkeit willen fallen lassen will. Es wurde ein großer Apparat in Szene geseht, um einen Drachen z» lödten, und nun giebt man wegen einer Kleinigkeit alles wieder auf. Herr von Bennigsen sprach damals das große politische Wort aus: es muß etwas geschehen. Was geschehe» ist. haben wir heute vor uns, und das entspricht auch dem Geschmack des Herrn von Bennigsen nicht. Bei eiuein Gesetz von solcher Bedeutung fragt man sich: was ist denn geschehen, dainil etwas geschehen nmß? Wenn nian die fundamen- talsten Rechlsgrundsätze auf den Kops st eilen will, wenn man ein Gesetz, welches von vorn bis hinten von Kautschukparagraphen wimmelt, das eine Unsicherheit der Rechts- pflege niit sich bringen wird, leichten Herzeus einführen will und damit eine» Zustand der Anomalie schafft und nicht einmal im Wege der Ausnahmegesetzgebung, sondern auf den, Boden des gemeinen Rechts, so muß man nach der Veranlassung fragen. Das ganze. was geschehen ist, ist das Attentat aus den Prä« sidenlen der französischen Republik, durch welchen einige Leute erschreckt worden sind. Deswegen haben sich die Sie- gierungen dazu drängen lassen, das ungeheuerliche Gesetz vor- zulegen. Wenn jemand von einem tollen Hunde ge- bissen wird, dann tödtet man doch nicht gleich alle Hunde. Bei dem Bestreben, contra jus(gegen das Gesetz) etwas nicht Vorhandenes einzuführen, haben diejenigen, die das wollen, die Beweislast. Wir hahen das Beweismaterial verlaugt, man ist es uns aber bis heute schuldig geblieben. Denn das Material zu ß 112 reicht doch nicht aus für die anderen Bestimmungen, für die es noch an jedem Material fehlt. Hätte man das Gesetz im vorigen Frühjahr vorgelegt und das Land damit überrumpelt, so wäre es vielleicht durchgegangen. Aber dazu hat sich der neue Kurs nicht aufschwingen können. Man beruft sich ans die revolutionären Bestrebungen der Sozialdemokratie, die von dieser abgeleugnet werden; wir können doch nicht ohne weiteres daran glauben, weil Herr v. Köller es behauptet. Eine Gefahr der Revolution erblicken wir nicht als vorliegend. Wenn man aber die Revolution fürchtet, dann sollte nian deren Ursachen be- s e i t i g e n nnd sie nicht vermehren. D i e U r s a ch e i st hauptsächlich die überall herrschende 11 n- z u f r i e d e n h e i t. Wie groß die Unzufriedenheit ist, das be- weisen die aus allen Volksklassen eingegangenen Proteste, die freilich der Regierung nicht imponiren.'Die anarchistischen Er- scheinungen des Auslandes können uns doch ebenso wenig zu besonderen Gesetzen veranlassen, wie die Beamtenbestechungen in Rußland uns bewegen können, ein besonderes Gesetz über Be- stechungen zu veranlassen. Jede Anpreisung oder Glorifikatio» eines Attentats kann man mit der jetzigen Gesetzgebung schon bestrafen und hat sie auch schon ganz energisch bestraft. Wenn man die in den Anlagen des Kommissionsberichts aufgeführten fremden Gesetzgebungen Oesterreichs, Bei- giens, Frankreichs u. s. w. prüft, so wird man finden, daß sie sich erheblich von dem Zill unserer Vorlage unterscheiden. Be- denklich ist es bei unserem Richterpersonal, welches die Straf- gesetze schneidig handhabt, das Slrasmaximum so erheblich zu erhöhen, nämlich um 200 pCt., ohne daß auch nur ein einziger Fall nachgewieje» worden ist. in welchem schon jetzt aus die Maxinialstrase bis zu einem Jahre Gefängniß erkannt worden ist. Tie Staatsanwälte können bestrast iverden, wenn sie ein ihnen bekannt gewordenes Verbrechen nicht verfolgt haben, zum Beispiel ein durch die Zeitungen besprochenes Duell. Wenn daraus in einer sozialdemokratischen Versamm- lung einem Staatsanwalt ein Vorwurf gemacht wird und ich als Freund des Staatsanwalts ihn entschuldige, so kann ich deswegen bestraft werden! Der Antrag des Herrn G r ö b c r ist eine Art Rück- kehr zum Standpunkt der Konservativen. Ter Antrag Barth trifft etwas anderes, als der Antrag der Konservativen, welche die Strafe eintreten lassen, ob die Absicht besteht, zu einem Verbrechen anzureizen oder nicht; deshalb ist der Antrag Barth vorzuziehe», weil er mehr Sicherheit giebt in bezug auf den Richter. Werden doch jetzt schon Personen, die die Fuchsmühler Vorgänge entschuldigt haben, verurtheilt; waruni soll das aus grund dieser Vorlage noch viel mehr geschehen? Man nmß die Beamten bewahren vor der Anwendung von Ge- setze», welche so interpretalionsfähig sind wie die Vorlage. Der Reichskanzler hat schon darauf hingewiesen, daß der Hauptnachdruck auf das Wort„beschimpfend" gelegt werden müsse. Wir haben mit diesem Worte jetzt schon zu thun und wissen, was es bedeutet. Wen» im s lll das Schicksal der ganzen Vorlage besiegelt ist. so begrüßen wir das mit Freuden; ich hoffe,, daß die verbündeten Regierungen nach Ablehnung des III uns die Mühe ersparen, den todten Leichnam während 14 Tage noch tödter zu sehlagen(Heiterkeit), was man den 28 verständigen Männern der Kommission mehrere Monate laug zngemulhct hat. Hätte die Regierung uns mit dieser Vorlage ver- schont, dann hätten wir Zeit gefunden für die Justizgesetzgebung, an welcher wir jetzt während eines ganzen Winters pro niliilo gearbeitet haben. Wenn die Bevölkerung beunruhigt wird, durch solche Vorlagen, wenn das Pelitionsrecht der Stadtverordneten- Versammlungen mißachtet wird, dann wird das Ansehe» der Regierungen bei der Bevölkerung nicht erhöht werde». Preußischer Minister v. Köller: Wie der Abg. Lenzmann dieses Gesetz bezeichnen will, das ist seine Sache.(Gelächter links.) Ich will ihm auf seine staatsrechtlichen Aussübrüngen nicht folgen; denn ich hätte ihni so viel zu widerlegen, daß ich in ich genieren muß, Ihre Zeit so lange in Anspruch zu nehmen. (Gelächter links.) Wenn Herr Lenzmann sagte, die Regierung trüge die Verantwortung für die Vorlage und gewisser- maßen ihr einen Vorwurf machen wollte, so erwidere ich ihm, daß die verbündeten Regierungen jederzeit für ihre Handlunge» die Verantwortung übernehmen. Ob Sie die Gründe, die die Regierung leiten für richtig finden, das i st den verbündeten Li e g i e r u n g e n im großen nnd ganzen ziemlich l e i ch g i l t i g.(Lärm links.) Die Regierung bedarf .hrer nur insoweit, als Sie den Gesetzen, die s i e I h n e n vorlegt, z u z n st i m in e n h a b e n u n d d i c Gelder zu bewilligen haben. Ob die verbündeten Regierungen aber Gesetzenlwi'irse vorlegen wollen oder nicht, ist nicht Ihres Amtes! Ich will hauptsächlich andere Aussührungeu des Abg. Lenzmann als seine staatsrechtlichen widerlegen. Er warf der Regierung vor, sie habe eigentlich gar keinen Grund an- gegeben, der sie veranlassen könnte, einen so exorbitanten Gesetz- eniwnrs vorzulegen. Cr meinte, er sei ein gulinüthiger Mensch; ich verstehe darunter einen Mann, der redlich»nd ehrlich glaubt, was ihm redlich und ehrlich gesagt wird. Ich habe Herrn Lenz- mann auch nie anders kennen gelernt; ich habe mit ihm gern diskutirt. Seinem Appell gegenüber, daß man der Sozialdemo- lratie glauben solle, daß sie eine friedliche und harmlose Partei 'ei(Zuruf des Abg. Bebel: Harmlos sind wir nicht!), glaube ich drch noch einige Gründe mittheilen zu müssen, welche die Regierung zur Voilegnug dieses Gesetzes veranlaßt haben. Tie Behauptung des Herrn Lenzmann, es sei in der Koni- Mission wenig oder nichts von uns an Belegen mitgeiheilt worden, beruht ans Jrrtbum oder Vergeßlichkeit. Ten Protokollen der Kommission sind 2G Aktenstücke beigelegt worden, aus denen die allertollslen und schlimmsten Erzeugnisse der Presse und der Reden in Volksversammlungen abgeschrieben oder abgedruckt sind.(Zurufe: Freiligrath!) Daß wir diese 20 Cchriflstücke nicht in dem Bericht abdrueken ließen, entsprang dem berechtigten Gefühl, daß man derartige Sachen besser nicht in die Oeffentlich- keil bringt, weil man srnst die Geschäfte der Sozialdemokratie besorgt. Herr Lenzmann meinte, die Sozialdemokraten wären ja o liebe ruhige Bürgersleute, die immer selbst erklärten, sie wollten gar niebt den geivallsamen Umsturz, das wären alles Phantasien des Herrn v. Köller, nnd er glaube den Sozial- demokraten mehr, als den Behauptungen der verbündeten Re- gierungen. Ter Abg. Lenzmann hat seine Studien über die theilweise verstohlen lautwerdenden Gedanken der Sozialdemo- lraten doch etwas einseitig betrieben; ich glaube beinahe, er hat eine Studien einem Volkskalender unter dem Titel:„Ter schleflsche Laudbote" eutuomnien, der in Schlesien durch die Sozialdemokraten emsig verbreitet wird. Tarin steht nämlich: Tie Sozialdemokralie die Liebe, der Fleiß, der Wohlstand, die Gesundheit, das Leben und das Gedeihen aller in fleißiger Arbeit Lebenden. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokralen; Heiterkeit.) Ich glaube, die große Mehrheit des Hauses und das ganze Land wird bei einem solchen Versuch, die Sozialdemokraten als un- schuldige Lämmer hinzustellen, in Hohngelächicr ausbrechen. Herr Lenzmann glaubt bei seinem offenen, ehrlichen Charakter den Leuten zu viel; ich aber sage: es sind ganz infame Lügen in dem Kalender. Hören Sie, was dem Volke öffentlich in einer den Frieden gesährdeiiden Weise geboten wird. In einer Ver- sammlung in Schleswig- Holstein sagte Herr Brendel, er sei Individualist und habe nur sein eigenes Ich im Auge; er würde vor keincnr Verbrechen zurückschrecken, auch nicht vor Dolch und Revolver— die Sozialdemokratie ist die Liebe!(Zurufe bei den Sozialdemokraten; große Unruhe.) Ja, Sie haben immer die Angewohnheit, wenn man Ihnen Namen nennt, zu sagen: es ist ein Anarchist. Ob Sie(zu den Sozialdemokraten) oder Ihre Brüder es sind, ist mir gleichgiltig.(Heiterkeit.) In Aachen sagte ein Herr Krähwinkel über die Frage, ob jemand wegen ehr- loser Handlungen aus der Sozialdemokratie auszuschließen sei:„unter ehrlosen Handlungen dürsten nicht Diebstahl und Majestätsbeleidigungen verstanden werden, sondern Handlungen gegen die Partei und ganz schwere Verbrechen"— die Sozial» demolratie ist die Liebe! In Frankfurt a. M. sagte jemand, daß diejenigen, welche für ihre Ueberzeugung mit schweren Strafen belegt worden seien, für die Partei keine Verbrecher, sondern Ehrenmänner seien. Wenn hier in Berlin Volksversammlungen mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie ge- schlössen werden, so bedaure ich, daß die Herren dabei so fix sind, daß ein Schluß der Versammlung nicht möglich ist; geschähe es ani Anfang, so würde die Polizei die Verfainmlung schließen. Dadurch, daß sie das Hoch erst am Schluß ausbringen, wird ihre Handlungsweise nicht gesetzlicher, im Gegeulheil, sie ist gewissermaßen— wie soll ich sagen— eine kindische Ungezogenheit.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Ein Abgeordneter dieses Hauses hat in einer Volksversammlung sogar ein Hoch auf die revolutionäre Sozialdemokratie aus- gebracht.(Zivischenrufe bei den Sozialdemokraten.) Es war der Abg. Vogtherr. Abg. Liebknecht sagte bei einer Feier am 1. Mai: Ter Sieg der Enterbten über die Ausbeuter muß bald der unsrige sein, wir müssen die Macht in Händen haben.(Lachen links.) Das halten Sie für harmlos, wir nicht. Ein anderer Abgeordneter schlug als Inschrift für das ReichstagSgebände vor: Hier zahlt man die höchsten Preise für Lumpen!(Große Unruhe. Zwischen- rufe und Geläcbter.) Es war der Abg. Stadlhagen.(Lebhaste Rufe: Pfui! Pfui!) Ich wende mich zu den Erzeugnissen der Presse; o b S i e das sind oder die Anarchisten ist für die Maß- nahmen der Regierung gleichgiltig. Selbst die Studenten, die eben erst von der Schulbank kommen und vielleicht besser noch ein paar Jahre dageblieben wären, haben sich schon ein eigenes Organ geschaffen, den„Sozialistischen Akademiker". Alte, ehrbare, verständige Leute schlagen die Hände über den Kops zusammen über solchen Unfug und solchen Blödsinn, wie darin steht, z. B.:„Das Proletariat fordert heute dasselbe wie die Bourgeoisie 1S4S; es ist das Verlangen, umzustürzen. Umsturz der bestehenden Staats- nnd Gesellschaftsordnung ist das Ziel beider. Wir wollen die Hand nach den Gütern der Erde aus- strecken, nach Macht und Genuß." In einer Beziehung freue ich mich über diesen Artikel. Sie sagen immer: Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung, was ist das? Nun, der nachkonimende Generation weiß es schon. Ein anderes, sehr verbreitetes Blatt,„Die Rache" (Ruf links: Donnerwetter!), enthält Artikel mit den lieber- schriften:„Tod den Tyrannen!".„Hoch die Expropriation!". „Nieter mit der Autorität!",„Hoch die Rebellion!",„Gesetz- Iicher Barbnrismus!" u. s. w. Auch Ihre eigenen Organe sind nicht besser. Ter„Vorwärts", den Sie wohl kennen werden (Heiterleil), will auch„die Proletarierinnen von dem erbärm- lichsten und schädlichncn aller Laster, dem Laster der Zufrieden- heit nnd Bedürfnißlosigkeit befreien". Die Sozialdemokratie, die Partei der Liebe, verbreitet also, daß die Zufriedenheit das erbärmlichste und schädlichste Laster ist. Das ist ein unerhörter Blödsinn(Großes Gelächter) und so aufhetzend, daß wir es nicht dulden können. Der Minister ver- liest serner einen längeren Artikel der„Volkswacht", der sich mit dem„Großbourgeois Casimir Pcrier" beschäftigt nnd die triumphirnide soziale Revolution verherrlicht. Die Sozialdemokratie vertheilt ferner im ganzen Lande ein Büchlein unter der Bezeichnung:„Bibel in der Westentasche."(Zwischenrufe bei den Sozialdemokraten: Nicht die Sozialdemokratie, die A ii a r ch i st e n!) Es erscheint im Verlage von Harnisch in Berlin. Es heißt in dem Einleitungsgedicht, daß das Buch nicht die ganze Bibel gebe, sondern nur die hauptsächlichsten Geschichten, welche die Schule eiubläue;„doch muß sie dabei stets lügen, die Wahrheit hat sie Dir verschwiegen... laßt auch die Schrift die Kinder lesen, laßt sie vom alten Wahn genesen." Tann kommen gemeine Parodien auf christliche Lehren und biblische Geschichten. Von Jesus Christus heißt es, seine Ge- schichte sei nur eine Legende, man könne nur vermuthen, daß er ein Zimmermann war, der wie so viele gegen die Priester- Herrschaft Revolten anstiftete. Sie sagen, es sei kein Bedürsniß für eine solche Gesetzgebung, Sie bestreiten, daß eine solche Verherrlichung von Verbrechen und Vergehen einer Remedur seitens des Staates bedarf. Es kann nicht so weiter gehen, entweder wird immer weiter unterwühlt und untergraben, wie es die Partei der Liebe will, oder wir greifen bei Zeilen ein. Tie verbündeten Regierungen sind sich nun einig darüber, Ihnen die jetzige Vorlage zu niachen. Die Antwort zu geben hat nun der Reichstag. Die Vertreter des deutschen Volles Halen die Antwort zu geben. Wir werden in Ruhe abwarte», wie sie lauten wird. Wir sind der Ueber- zeug n u g, daß diesen Zuständen entgegen- getreten werden muß; einigen Sie sich darüber» wie die Antwort lauten soll. Abg. Bebel(Soz.): Ich will zunächst nicht auf die caxtabio benevoleutiae eingehen, welche der preußische Justiz- m i n i st e r für das Zentrum halte. Ich muß ihm aber das Zeugniß ausstellen, daß er bei seiner Steve nicht sehr diploniatisch verfahre» ist. Er hal. geglaubt, er hatte das Zentrum in der Tasche. So konnte nur jemand sprechen, der seiner Sache gewiß ist, und wenn er feiner Sache nicht gewiß ist, um so größer ist nachher die Blamage.(Sehr richtig! links.) Die Aeußcrungen des K r i e g s m i n i st e r s haben gestern große Heiterkeit erweckt und wir haben herzlich eingesiimint. Wenn aber das wahr ist, was der Kriegsminister in bezug auf die Stellung der Armee nussührte, so erscheint der§ 112 in einem sehr eigenthümlichen Lichte, dann ist er überflüssig. Was er in der ersten Lesung sagte, klang aber ganz anders, und was seine Kommissare in der Kommission sagte», klang auch ganz anders. Wie reimt sich das zusammen? Jedenfalls werde ich die Gelegenheit ergreifen, mich bei der Beralhung dieses Para- graphen mit dem Kuegsniimsler gründlich einmal auseinanderzusetzen. Als im Lause der vorigen Woche die württeinbergische Volkspartii einen Antrag einbrachte, der die Regierung aus- forderte, im Bundesralb gegen die Umsturzvorlage zu stimmen, erklärte der Ministerpräsident von Biitlnachl: Gesetzesvorlagen. wie diese, müßten nach den Verhältnissen und Stimmungen be- urtheill werden, unter welchen sie entstanden seien. Ich lege den Hauptnachdruck auf die„S lim t» u ng in". Wenn etwas die gegenwärtige Vorlage charakterisirt, so ist es die Thatsache, daß sie das Resultal von Slimmiingcii ist, die in gewissen Kreisen im Gegensatz zu früher wieder einmal Platz gegriffen habe». Wir fuib ja in Deutschland solchen schwankenden Stimmungen sehr ausgesetzt; ich brauche nur an die lex Heinze zu erinnern. Der Hai-planstoft zu dieser Vorlage und der Wandlung in den Stimmungen ist erzeugt nicht durch Ereignisse im Jnlande. sondern durch bestimmte Ereignisse, die im Auslande sich zu- getragen haben, insbesondere durch das Attentat Calerio's auf den Präsidenten der französischen Republik. Daher dürfte es sich empfehlen, daß ähnlich wie jene Vorlage nach dem Hauptanstoß, dem Falle Heinze. benannt wurde, diese Vorlage auf grund ihres Ursprungs als lex Caserio bezeichnet würde. Das hätte den Vorlheil, daß man späler jederzeit weiß, was die Ursache der eigentlichen Vorlage war. Unsere B o u r g e o i s i e ist seit langem durch das W a ch s e n der Sozialdemokratie beunruhigt. Sie hat jeden geringsten Anlaß auszunutzen gesucht, um darauf hinzuarbeiten, dag dein Wachsthum der Sozialdemokratie möglichst entgegen- getreten würde. Man ist sogar so weit gegangen, dag man Vorgänge im Aus lande, die dort selbst nicht den geringsten Eindruck hervorgerufen haben, in Deutschland dazu denutzt hat, nm eine Verschärfung des allgemeinen Straf- gesetzes herbeizuführen, wie z. B. den Kohlenträger- e" chid die Ereignisse in Nordamerika, alles Dinge, die nach deutschen Begriffen ungeheuer- «ich genannt werden müssen und die für andere Länder keine Veranlassung gebildet haben, die allgemeine Freiheit zu beschränken oder die Strasgesetzezu verschärfen. In den gestrigen kurzen Ausführungen des Reichskanzlers est mir der Satz besonders aufgefallen, der charakteristisch ist für die Motive der Vorlage: es handle sich bei dem Gesetz darum, den revolutionären Tendenzen, die sich in der Gegenwart bemerk- bar machen, entgegenzutreten. Also, bestimmte Tendenzen, Gesinnungen, nicht Handlungen. Ein Teudenzgesetz ist es lind zil einer Ten denzrechtsprechung wird e s führen, zur Korruption des öffentlichen R echts- b e lv u ß t s e i n s. � Die Abgg. Barth und Auer haben wiederholt schon auf die außerordentlichen Bedenken hingewiesen, welche der§ III durch die Motivirnng der Regierungsvorlage erhält. Was wird hier- nach in Deutschland noch möglich, was noch erlaubt sein? Der Reichskanzler hat das Vertrauen verlangt, daß man auf die Mussprüche eines Philosophen nicht zurückgreifen werde. Hat er denn aber nicht die Verhandlunge» verfolgt! Er hat sich hier- mit in Gegensatz gesetzt zu de» Ausführungen des Zentrums und namentlich des Abg. Gröber, der erklärte, daß es sich nicht nur darum handeln könne, diejenigen, welche aus Maugel an Urtheilsfähigkeit etwas nachsprechen, zu bestrafen, sonder» auch diejenigen zu treffen, welche die Urheber der Theorien seien. Der Abg. v. M a n t e u f f e I hat mich mit seinen A n Z f ü h r n n g e n überrascht; sind es nicht die Konservativen gewesen, welche in der Kommission mit dem Zentrum durch Dick » n d Dünn gegangen sind und die Anschauung vertreten haben, daß sich das Gesetz nicht blos auf die Sozialdemokraten und Anarchisten, sondern auch ans diejenigen erstrecken müsse, welche das Material geliefert habe» für ihre staalsgeführlichen Agitationen. Die„Kreuz- Zeitung" namentlich verwies auf Nietzsche und ans das, was er in bezug auf Religion, Monarchie, Ehe und alles dessen, was den Vertretern der heutigen Gesell- fchafts- und Staatsordnung heilig sei, gesagt hat. Das alles müsse getroffen und zur Verantwortung gezogen werden. Sehen Sie nicht, daß hier von vornherein ein Aus- n a h in e g e s e tz geschaffen wird und die Staats- anwälte darauf hingewiesen werden, bei ihren Verfolgungen an einer geivissen Grenze anzuhalten. Das wäre Klassenjustiz in der n a ck t e st e ii F o r in. Man hat l8SO, als das Tozialistengesetz siel und— fallen mußte, weil es für jeden vernünfligeii Menschen unmöglich ge- worden war, weil es die Partei groß gemacht hat, an einer gewissen Stelle das stolze Wort ausgesprochen:„Die Sozial- demokratie, die überlassen Sie mir, da werde ich allein mit fertig." Das Wort ist vergessen worden, wie so manches andere vergessen worden ist. Die Sozialdemokratie überlassen Sie mir.... das hat vier Jahre gedauert und dann hat man anerkauiit: Ich werde mit der Sozialdemokratie nicht fertig, wir müsse» die Verschärfung der allgemeinen Gesetze haben. Wenn man 1890 das Gesetz hat sallcn lassen müssen, wie kann man da 1895 mit einem»euen Gesetz ohne weiteres Material gekommen! Wenn Sie mit eiiieui neuen Ausnahme- gesetz kommen, und wir glauben ja, daß, wenn die Vorlage fällt, Sie mit einem solchen kommen werden, dann müssen Sie ein ganz anderes Gesetz machen, als das alte war. Was aber auch immer den Vertretern unserer Partei droht, sie werden so fest bleiben wie heute, mit der Sozialdemokratie werden Sie nicht fertig werden! Und wenn irgend etwas geeignet ist, daß Sie mit Ihrer heutigen Staats- und Gesellschastsordnung schnell fertig werden, so ist es dieses Gesetz und das im Hintergrund stehende Äl u s n a h in e g e s e tz. (Lachen recht?. Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Man hätte erwarten sollen, daß zur Begründuiig eines so außerordentlich ivichtigen Paragraphen das entsprechende Material beigebracht worden wäre. Auf denselben Vorwurf des Abg. Lenzmann ist der übereifrige Herr v. Köller aufgesprungen und hat erklärt: was, dem soll lein Material geliefert sein. 26 Akten- stücke befinden sich in den Akten der Kommission, und zum lieber- fluß hat er wieder den Zitate»sack geöffnet, den wir durch Herrn v. Pnttkamer kenncii gelernt haben, mit dem Unter- schiede nur, daß Herr v. P u t t l a m e r weit gewandter ii n d g e s ch i ck l e r hierin gewesen ist.(Heiterkeit.) Da kann Herr v. Köller noch in die Schule gehen. Sie erinnern sich wohl, mit welcher Gewandtheit und mit welch liebens- ivürdigen Posen Herr v. Puttkamer die Verlängerung des Sozia- listengesetzes der jeweiligen Mehrheil des Reichsiages mundgerecht zu machen wußte. Ich glaube nicht, daß die plumpe Art, wie Herr v. Köller austritt, das Haus über- zeugt.(In diesem Augenblick tritt der Minister v. Köller in den Saal; große, andauernde Heiterkeit.) Ich will nicht wiederholen, was Herr von Ltöller versäumt hat, er mag es nachlesen. Wenn man dem Reichstage und dem deutschen ein Gesetz von so eminenter Tragweite zumnthete, welches den stärksten Schlag gegen die ganze Kiiltureiilwickelui g führt, dann hätte man billigerweise das erforderliche Material nicht blos einem kleinen Kreise von Komniissionsmitgliedern sondern dem ganzen Reichstage mittheilen sollen. Man hat aber in der Koni- Mission wie hier nur einzelne Stellen außer dem Zusammenhange vorgetragen und die Mitglieder ans die Registratur verwiesen. Nur in bezug auf den Z 112 hat man ausreichendes Ma> terial gegeben die Vernrtheilungen in bezug ans die ßtz 110 und 111 sind bisher so minimaler Natur gewesen, daß daraus unmöglich die Nothwendigkeit einer Verschärfung der betreffenden Be- stiminungeii abgeleitet werden kann. Im Jahre 1893 wurden nach der ossiziellen Statistik wegen öffentlicher Aufforderung zu Ungehorsam gegen die Gesetze nur 70 Personen bestraft bei 423 000 Verurtheiluugeii im ganzen. Obgleich nun wegen Majestätsbeleidigung 591 Personen verurtheilt wurden, ist man nicht dazu übergegaugen das Strafmaß von 3 Monaten bis zu 5 Jahren Gesängniß zu verschärfen. Die Zahl dieser Ver- urtheilunge» nimmt von Jahr zu Jahr zu, wobei es schwer wurde nachzuweisen, daß die Sozialdeinokrateii das Haupt- kontingent stellen. Fünf Jahre Gesängniß ist eine hohe Strafe und die Zunahme der Veniriheilungen beweist, wie wenig die Höhe der Strafe vor Vergehen zurückschreckt. In tinserer Geschichtsschreibung greift mehr und mehr die Tendenz Platz, die geschichtlichen Ereignisse aus der Natur der Zeit, der sozialen Zustände zu erklären. Eine solche Erllürung oder Stecht- rtigung politischer Ereignisse, auch gemeiner Vergehen im sozialen Leben und von Revolutionen wurde künftighin unter den tz III fallen. In der juristischen Wissenschaft steht es längst fest, daß gewisse Eigenthumsvergehen mit der Verschlechterung der sozialen Zustände, der Steigerung der Lebensmittelpreise zu- sammenhängen. Wer nun künftighin solche Eigenthumsverbrechen erklärt, rechtfertigt und entschuldigt und für bessere soziale Ein- richtungen plädirt, verfällt den Schlingen des tz III. Man stellt heute die Sozialdemokraten als die schlimmsten, gewaltthätigsten Menschen dar, und doch ist die Sozial- demokratie nur eine Entwicklungsstufe der bürgerlichen Gesell- schaft, ebenso wie diese aus der feudalen Gesellschaft. Die gegen- wärtige Forin der Gesellschaft ist nicht die denkbar beste, hinter ihr entsteht eine neue Form: die sozialistische Gesellschaft. Früher haben die Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft gelehrt und gepredigt, keine Mittel der Gewalt konnten sie unterdrücken, und nun empfehlen die Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft gegen uns dieselben Mitlel, die einstmals gegen sie angewendet wurden! Das ist ja das verbrecherische in der Vorlage, daß sie uns geradezu jede gesetzliche Möglichkeit zur Bethätigung unserer Bestrebungen unmöglich machen will. Mit Vorliebe klagt man uns als Feinde und Beschinipfer der Religion an. Herr Gröber hat schon in der ersten Lesung nachgewiesen, daß die Professoren die eigentlichen Feinde der Religion sind(Zuruf: sehr traurig!), und daß Sie diese schonen wollen, ist auch ein Charakteristikum unserer Klassenjustiz und Klassengesetzgebung. Vergessen Sie nicht, daß Christus nach dein Begriff der Römer genau so ein Feind der römischen Staatsordnung war, wie die Sozialdemokraten heute der bürgerlichen Gesellschaft. Christus ist gekreuzigt worden als Hochverräther am römischen Reich. Seine Anhänger sind jahrhundertlang im römischen Reich genau so gehetzt und verfolgt worden, natürlich entsprechend dem barbarischen Charakter der Zeit, genau so wie heute die Sozialdemokraten verfolgt werden.(Große Unruhe, Glocke des Präsidenten.) Die ersten Christen standen im schreiendsten Widerspruch zur Staatsoiduung(Widerspruch rechts), bis ein römischer Kaiser sich zum Christen- thum bekehrte. Wir werden nie hoffen und erwarten, daß ein deutscher Kaiser Sozialdemokrat werden wird.(Zuruf: Da haben Sie so recht!) Sind nicht die Bestrebungen der Reformation von der damaligen Staats- und Gesellschaftsordnung ebenso ver- folgt worden wie heule die Sozialdemokratie? Mau kann in keiner Weise nachweisen, daß die Sozialdemokratie auf revolutionärem Wege ihre Zielej verwirklichen will. Unigekehrt aber können Sie sehr wohl diese gewalt- thätigen revolutionären Bestrebungen und ihre schrift- stellerische und poetische Verherrlichung bis in die Gegen« wart verfolgen. Unsere Philosophen, Fichte voran, haben es vertreten, daß, wenn die Staatseinrichtungen mit dem allgemeinen Willen der Bevölkerung in Widerspruch stehen, gegebenenfalls es als ein erlaubtes und berechtigtes Mittel der Selbsthilfe an- zusehen sei, die Staatsgewalt mit Gewalt zu entfernen; das ist die Proklamirung der Revolution in optima forma. Und dieser Auffassung entsprechend hat das Bürgerthum in allen Staaten Europa'S gehandelt. Ohne die französische Revo- lution bestände nicht das Deutsche Reich, und hat nicht der deutsche Kaiser selbst in einer Rede den Aus- spruch gethan, die ganze moderne Gesellschaft beruhe aus der französischen Revolution? Wenn künftig wieder der deutsche Kaiser einen solchen durch den tz III bedrohten Ausspruch thäte, er würde nicht bestraft, aber wenn ein Sozialdemokrat in einer Versammlniig oder in einer Zeitung es thäte, so würde er wegen Anpreisung, Beschönigung und Rechtfertigung eines Verbrechens bestrast werden. Selbst Herr v. Sijbel, gewiß ein großer Gegner der Schreckensherrschaft, hat die französische Revolution als einen Akt der Nothwendigkeit zu rechtfertigen gesucht. Ter Mord des Marat durch Charlotte Corday ist von allen bürgerlichen Ge- schichtsschreibern als eine verdienstvolle Thal gepriesen worden. Es war die Verherrlichung eines Verbrechens im Sinne des tz III. Unter denselben Paragraph siele die Verherrlichung des 13. März.(Abg. v. Manteufsel: Sehr richtig!) Es ist gut, daß Sie damit die Tragweite dieser Vorlage klarmachen. Diese Tragweite ist erst allmälig unseren Geschichtsschreibern, Gelehrten und Philosophen klar geworden. Die Kommissionsfassiing, wie sie durch das Zentrum zu wege gebracht worden, ist weil schlimmer als die Vorlage der Regierung, sie erreicht den Zweck der Vorlage in viel höherem Maße.(Hört! hört!) Niemand wird bestreiten, daß der 16. März für die gesaiumte Wohlfahrt nnd den Fortschritt der Nation segensreich gewirkt hat. In Deutz ist eine kleine Broschüre erschienen, welche die Trauerrede eines katholischen Kaplans zum Gedüchtniß der Märzgefallenen in Verlin enthält. Es kann leine größere Ver- herrlichung der Märztage geben als in dieser Broschüre.(Sehr richtig! links.) Die ganze Literatur deS Bürgerlhums jener Zeit wimmelt von Verherrlichungen und Anpreisungen von Verbrechen. In einem Gedicht aus Hamburg heißt es:„Werst des letzten Königs Büste nur i» die Flammen", und der Barrikadeubau wird darin verherrlicht. Dieses Gedicht hat der Geheime H o f r a t h Rudolf von Gott- schall geschrieben.(Große Bewegung.) Redner zitirt ferner ähnliche Aeußerungen des Aesthetikers Professor Ziinmermann und von Wilhelm Jordan, dem früheren Marinesekretär und späteren uationalliberalenAbgeordneten. Die ncitionalliberale Partei hat noch viele Repräsentanten jener Zeit. Zlus dein Buch der Erinnerungen unseres verehrten Abg. Hamm ach er(Heiterkeit) würden Be- strebungen zu tage kommen, die mit dem tz III im schärfsten Widerspruch stehen. Und noch in der K o u f l i k t s z e i t i st das d e ii t s ch e V ü r g e r t h n m revolutionär gewesen bis zur brutalsten Gewalt, bis zum Attentat. Wie ist nicht das Altentat Cohn-Blind's verherrlicht worden. Ich erinnere an das Bild des„Kladderadatsch": Bismarck auf der einen Seite, Blind auf der anderen Seite, dazwischen der Teufel, der sagt: Halt, der gehört mir!(Große Heiterkeit.) Herr Emil Rittershaus in Barmen dachte in der Konfliklszeit auch anders als 7 Jahre später. Als 1803 das bekannte Abgeordnctenfest in Frankfurt a. M. stattfinden sollte und Vis- marck es unterdrücken wollte, prollainirte Rittershaus den Geist der Freiheit und hoffte,„daß ein Geschlecht der Tell' entsteht für jeden Eeßler, der noch lebt." Als 1806 der deutsche Bruder- krieg zu Ende ging, war in Preußen und auch im Königreich Sachsen selbst, namentlich bei einem großen Thcil der liberalen Partei, in welche später auch die Natioualliberalni eintraten,«ine starke Strömung für die Ainierio» Sachsens vorhanden, und wenn dann nicht in de» preußisch- sächsischen Verlrag eine besondere Klausel eingejührt worden wäre, so wäre ein großer Theil der Nationalliberalen wie Pro- sessor Karl Biedermann und Dr. Hans Blum wegen Landes- verraths zu schwerer Zuchlhansstrafe verurtheilt. Damals sagte ein deutscher Professor:„In Tagen wie diesen oll man das Herz haben, die Paragraphen des Strafgesetzbuches zu mißachten!" Das war eine direkte Aufforde riliig zum Lcindesverrath, nnd der dies predigte, war der bekannte Professor v. Treitfchke, ebenfalls ein Nationalliberaler.(Bewegung und Heiterkeit.) All die großen Revolutionäre von damals sind heute nationalliberal. Viele Aeußerungen der u l t n r k a m p f p r e s s e würden nach dieser Vorlage unzweifelhaft strafbar sein. Damals hätte selbst sperr v.Köller leinen Austand an denselben genommen. Heute hatHerr v. Köller das Material für die Vorlage zu ergänzen sich bemüht, das bisher, wie er wohl selbst fühlt, nicht ausreichte. Die„Bibel in der Westentasche" ist nicht in einem sozialdemokratischen, pudern einem anarchistischen Verlage erschienen. Ich könnte Herrn v. Köller aus bürgerlichen Schriftstellern eine große Zahl von Stellen und Urtheilen über die Religion besorgen, die be- deutend schlimmer sind als dieses Buch.(Ruf: Friedrich der Große!) Bei§ ISO werde ick, Ausführungen Friedricbs des Großen aus seinem Aiilimacchiavell vortragen. Ein Heidelberger Theologieprofessor hat im vorigen Jahre gesagt, beim Religionsunterricht müsse der Lehrer Freiheit in der An wenduna des alten Testaments haben, worüber natürlich die „Kreuz-Ztg." sehr erbost war. Herr v. köller hat ein Zitat aus dem schlesischen sozial- demokratischen Volkskalender als unerhörten Blödsinn bezeichnet. Wenn das unerhörter Blödsinn ist, so verstehe ich nicht, wie sich Herr v. Köller zur Begründung derVorlage darauf berufen kann. (Heiterkeit.) Ten Vorschlag zur Inschrift:„Hier zahlt man die höchsten Preise für Lumpen" finde ich im höchsten Grade ge- schmacklos, aber er kann doch nicht zur Begründung der Vorlage verwandt werden. Eine solche Aeußerung kann schon jetzt be- straft werden, wenn der Reichstag seine Einwilligung zur An- klage giebt. Das lhut der Reichstag aber doch nicht, und ver- liert dadurch nicht im geringsten an seiner Bedsutmig und seinem Ansehen, ebenso wenig, wie durch die Beschiinpfimgen wegen seines Beschlusses beim Geburtstag des Fürsten Bismarck. Mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie wird jede unserer Versammlungen geschlossen. Herr v. Köller meint, die Polizei sei nicht rasch genug, um dies zu verhindern. Wie kann ein ernster Manu eine solche Aeußerung thun und meinen, daß sie in einer Versaminlnng von ernsten Männern Eindruck macht?(Sehr richtig! links.) Die Polizei kann sofort, sobald der Redner zu dem Hoch anhebt, dl: Versammlung auflösen, so fix ist die Berliner Polizei, aber sie hat es wohl nicht gethan, weil sie einsichtiger ist als ihr Ch-f Herr v. Köller.(Große Heiterkeit) Wer die Dinge so weil treibt, daß die bloße Existenz nnd jede Lebensänßernng der Sozialdemokratie bereits als staatsgesährlich angesehen wird, mit dem ist nicht auszukoininen. Die Erklärung des Abg. v. K ard o rff athmete den Geist des abwesenden Herrn v. Stumm. Die Herren wünschen jede legitime Bethäligung der Sozialdemokratie ans dem Boden der heurigen Gesellschaftsordnnng unmöglich zu machen, auch den Kampf der Arbeiter um Lohnerhöhung, Verkürznng der Arbeite- zeit ic. Das sind Anschauungen von Fanatiker», da hört die Vernunft ans.(Sehr richtig! links.) Wollte man diese An- schauungen des Herrn v. Kardorfs akzeptiren, so gäbe es schließlich allerdings nur noch das einzige Millel, was wir um jeden Preis vermeiden wollen, nämlich das Blutbad.(Widerspruch rechts.) Ja, jetzt streiien die Herren, aber vorher haben sie es gesagt. Der Sinn der Erklärung ent- sprach dem, was Herr v. Stumm mit seiner bekannten Rücksichts- losigkeit in der ersten Lesung gesagt hat. Herr v. Köller meint die Sozialdemokratie damit verhöhnen zu können, daß er sie ein Dutzend Mal die Partei der Liebe nannte. Wenn sich eine Partei die Partei der Menschen- liebe nennen kann, so ist es die Sozialdemokratie.(Gelächter rechts.) Sie begreisen natürlich die Bestrebungen der Sozial- demokratie nicht. Die Sozialdemokralie verfolgt Ideale. Sie hat die Parole der französische» Revolution:„Freiheit, Gleich- heil,Brüderlichkeit!"(Zwischeiirilf: Zuchllosigkeit!) ansgegeben. Daß sie jedenfalls ideale Bestreblingen verfolgt, die ihrem Kern nach sich sogar mit den Bestrebungen des Christenthums decken.(Oho! und Gelächter rechts.) Sie(rechts) haben längst aufgehört, Ideale zu besitzen(Gelächter rechts), Sie haben keine anderen Ideale mehr als den nackten Materialismus, den Gcldsack zu füllen auf Kosten der Aermsten.(Große Unruhe.) Es giebt schon Paragraphen über Hoch- und Landesverrath und die Auf- forderung zu Verbrechen und geheimen Verbindungen u. f. w. Es existirt also nicht das geringste Bedürfniß für die Erweiterung der bestehenden Gesetzgebung. Durch diese Vorlage kommen wir geradezu in das Un- geheuerste. Nach Annahme dieser Vorlage wird das An klage in onopol der Staatsanwaltschaft eine große Gefahr. Bei Vergehen in den h ö h er e ii Gesellschastskreisen ist es außerordentlich schwer, den Staatsanwalt von der Strafbar- keit der Handlungen zu überzeugen.(Sehr richtig! links.) Ter längst verstorbene Prof. Lauge in Marburg hat 1807 in einem Brief an seinen Freund den Pfarrer Kanibli das An» klogeinonopol der Staatsanwallschaft als das allerbedeuklichste bezeichnet nnd getadeli, daß in höheren Gesellschaftskreisen der Grundsatz herrsche, daß ein Verbrechen in diesen Kreisen nur verfolgt werden dürfe, wenn es so publik geworden sei, daß es nicht mehr vertuscht werden könnte. Mitglieder dieses Hauses und Herr von Kotze bilden ein Beispiel dafür, daß man mir den hohen Gesellschaftsschichten anzugehören braucht, um sich über Religion und Gesetz hinwegzusetzen, und daß sich dafür kein Staatsanwalt findet. Aber ein ariner-Tciifel aus den Arbeilerkreisen, der vielleicht nur aus Ungeschicklichkeit sich gegen das Strafgesetz vergeht, sofort gepackt und mit den höchsten Strafen belegt wird. Wenn durch irgend etwas der N m st ii r z h e r b e i g e s ü h r t wird, d a n n d u r ch s o I ch e Dinge in den höchsten Schichten unter Billigung der allerhöchsten Personen.(Präsident v. B u o l biltel denRedner, nach dem Gebrauch deS Hauses die allerhöchstePerson ans dem Spiel zu lassen.) Man sollte sich hülen, durch die Gesetze dahin zu wirken, daß die politische Mcinuugsvcrschiedcuheit in die Recht- sprechimg getragen würde, diese Gefahr besieht schon heute bei der Zerrissenheit des bürgerlichen Partciwesens. Schon Fürst Bismarck hat sich 1881 dahin geäußert. Die Richter sl n d nicht bessere oder schlechtere Menschen wie alle übrigen auch; sie können sich in i h r e r s o z i a l e n und w i r t h s ch a s t l i ch e n Stellung unmöglich den P a r t e i st r ö m u n g e n der Zeit entziehen. Die Partei- gegciifätze sind heute noch stärker als früher. Wir sehen in den Parteien die heterogensten Bestrebungen herrschen. Tie alten poliiisckikii Formen gehen mehr und mehr in die Brüche. Die Richter sollen über den Parteien stehen und schon 1807 verlangte man bei der norddeutschen Bundesverfassung, daß Richter und Beamte nicht gewählt werden dürfen. ES ist selbst- verständlich, daß die Richter von den Zeitströmungen beeinflußt werden lind sich selbst beim besten Willen demselben nicht ent« ziehen können. So herrscht schon jetzt im Volke die Ueberzeugung, daß zahlreiche Nr theile der letzten 20 Jahre von Niedern u n v höchsten Gerichtshöfen dazu bei- getragen haben, das Ansehen der Richter und den Glauben an ihre Unparteilichkeit zu vermindern. Ter preußische Justizminister hat das im Abgeordneienhaiise elbst zugestehen müssen. Ein Prosessor der Jurisprudenz hat einmal geäußert, daß das Strafmaß oft von Zufälligkeilen, von dem Geiniilb des Richters oder seiner Verdauung abhänge. In Breslau weiß man, daß man an bestimmten Tagen, wo ein be- slimmter Richter suuliionirt, auf günstige Urtheile rechnen kann, an andern Tagen auf ungünstige. In Berlin ist es ein öffcnt- liebes Geheiuiniß. daß einem polilisch Angeklagten vor einem bestimmten Kollegium, wenn er nach dem Aufangsbuchstabeii eines Naiucus vor dieses kcmmt, eine harte Strafe trifft, vor einem anderen Kollegium aber Freisprechung ei folgt. Gerade im Interesse Ihrer eigenen Slaals- und Gesellschafts- Ordnung dürfen Sie einem solchen Gesetzentwurf Ihre Zustimmung nicht geben. Wie weil es schon heule mit uns gekommen ist, dafür will ich Sie nur mit zwei Beispielen belehren. In der Kominission wurde von einem Fall von Verherrlichung von Ver- brechen in unserem Witzblatt„Dem Wahren Jakob" berichtet mit dem Bemerken, daß zwei Oberstaatsanwälte in Köln und Düsseldorf versucht hätten ans grund des s III das Blatt zu beschlagnahmen, aber vergeblich; daher sei eine Erweiterung des Paragraphen nothwendig. Ich habe die Nummer hier in meiner Hand. Das Bild, um welches es sich handelt, hat die Ueberschrift:„Neue'Bilder aus der hohen Politik." In der einen Ecke sieht man 3 Figuren, offenbar Nationalliberale. (Heilerkeit.) Der eine ein vornehmer, sehr vornehmer Mann, der andere ballt die Faust, der drille sitzt da mit verbundenem Kops; er hat sich von der Abstimmung gedrückt; er hat aus dem Lande so und in der Stadt so versprochen und kommt nun bei der Abstinimuug mit seinen Versprechungen in Konflikt.(Große Er meldet sich daher beim Präsidenten krank. Tau» l'cfiuM sich ein anderes Bild da, auf welchem sich �wei Leute dl'.elliren. und über beide breitet unser verehrter Kollege Schall segnend seine Hände ans.(Große Heiterkeit) Im Mittelpunkt des Bildes war ein Postament, auf welchem eine Reihe von Stamen verzeichnet stand, die uns mit der Zeit als Lockspitzel bekannt geworden waren; oben auf demselben befand sich eine ranchende Bombe. Unter dem Postament saß auf einem Kinder- stuhlcben der König von Spanien, hinter ihm seine Mutter und andere. Die Uederschrist:„Gesegnet sei die Bombe" bezog sich aus die Ueberschrist eines Artikels des„Figaro", welcher nach der Er- mordung Canwt's erschien, und in welchem der Hoffnung Aus- druck gegeben war, daß nunmehr die Kammer Gelegenheit zu scharfen Ausnahmegesetzen erhalten habe. Ja, wenn heute schon eine Verfolgung des Bildes auf grund des Z III möglich ist, was wird dann erst möglich sein, wenn dieser§ 111 Gesetz geworden ist? Wer es ehrlich mit dem Fortschritt meint und wem es um das Gedeihen de» Vaterlandes zu thun ist, dem bleibt kein anderer Weg, als nicht nur diese» Z III, sondern mit ihm auch d�e ganze Vorlage, dieses Monstrum, mit Entrüstung von sich zu weisen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Justizminister Schöirstcdt: Der Abgeordnete' Bebel hat in keiner bekannten maßlosen Weise Angriffe gegen die Justiz cerichtet; ich weise dies mit voller Entrüstung zurück, und ich weise es zurück, wenn er mir Aeußerungen in den Mund gelegt bar, die irgendwie den Schluß gestatten, als ob ich auf die Rechtsprechung eingewirkt halte. Ich kann natürlich nicht auf alle einzelnen Fälle eingehen, aber über einige kann ich doch ge- uügcnd Auskunst geben. Er hat den Vorwurf erhoben, daß die E:aat?auwälle ihre Pflicht versäumt und nicht Anklage erhoben hätten gegen Personen, die sich des Zweikampfes schuldig gemacht hätten. Die beiden Herren v. Kotze und Schräder sind angeklagt, sie haben in diese» Tagen Termin gehabt oder er steht ihnen bevor. Was H e r r n v. S t u m m angeht, so bin ich einigermaßen erstaunt, daß auch der Herr Rechtsanwalt Lcnzinaun den Vorwurf erhoben hat, als ob von oben her etwas geschehen sei, ei» Vorwurf, der jeden Scheins von Wahrheit entbehrt. Wenn er noch nicht angeklagt ist, so liegt das daran, daß infolge des Privilegiums der Sieichstags- Abgeordneten der Staatsanwalt hierzu noch keine Veranlassung genommen hat, und Ihre kostbare Zeit für diese Sache nicht unnütz in Anspruch nehmen wollte. Was die verschiedenen Entscheidungen zweier Breslauer Kammern betrifft, so handelt es sich nicht um Straf-, sondern um Zivilkammern; es hat sich leider nicht vermeiden lassen, daß die sehr zweifelhafte juristische Frage vor 2 Kammern zur Entscheidung kam. Eine neu zusammengesetzte Kammer wird die Sache demnächst zur Entscheidung bringen. Die allgemeinen Augriffe gegen gewisse hiesige Strafkammern sind völlig aus der Lrijt gegriffene Beschuldigungen, die ich entschieden zuriickiveise. Abg. v. Hodenberg(Welte) wendet sich gegen Bebel und bestreitet, daß Christus als Hochverräther von den Römern hin- gerichtet sei; Christus ist das Opfer eines Justizmordes gewesen. Da es der Kommission nicht möglich gewesen i st, B e st i m in u n g e ir gegen den Umsturz von oben in die Vorlage auszunehmen, so ist unsere Abstimmung über dieselbe entschieden. Der Reichskanzler hat erklärt, daß die Achtung vor den Slaatseinrichtungen erschüttert ist, aber diese Erschütterung ist zum theil erfolgt durch die Staats- e i n r i ch t u n g s e l b st. Soweit es sich um eine Verbesserung der bestehenden Gesetze handelt, werden wir für die einzelnen Vor schrislen, deren allerdings sehr rv e n i g e sind, stimmen. D i e V e r a n t iv o r t u n g s ü r die ganze Vorlage können wir aber nicht über- nehmen. Wir versprechen uns davon sehr wenig, aber Harm- los ist die Vorlage trotzdem nicht. Für uns ist das einzige Mittel zur Bekämpfung der Revolution von unten nur d i e B e k ä m p f u n g d e r St e v o l u l i o n v o n oben. Dazu möchte ich rathen. Abg. Schall(k.) erklärt, daß er nicht verstehe, was der Vorredner mit der Revolution von oben nieine und wendet sich dann gegen Bebel, der zwar immer im Brustton der Ueberzeugung spreche, aber einer falschen Ueberzeugung. Eine jede Vorlage, ja eine jede Rede hat eine Tendenz, sonst ist sie überflüssig. In Herrn Bebels geschichlsphilosophische» Aus- fübrungen habe ich wenig Geschichte und wenig Philosophie gefunden; er versteht es, sich die geschichtlichen Thatsachen zu- recht zu drechseln.(Heiterkeit rechts.) Herrn Bebel's Zilatensack war nicht minder gespickt als der des Ministers; aber b e- wiesen hat er auch nichts. Die Redeweise des Herrn Bebel und Auer über christliche Religion, über die Bibel u. s.>v. beweisen, wie nothweudig ein Eingriff der Gesetzgebung ist. Die Religio» bedarf keines besonderen Schutzes, sie ist tief gewurzelt in den Herzen der Menschen; aber es bedarf eines Schutzes derjenigen, welche sich zur Religion bekennen. Herr Bebel hat die Geschichte der Opferung Jsaak's nicht verstanden; der Lehrer, welcher ihn das gelehrt, wird darüber betroffen sein, wenn er noch lebt, und wenn er nicht mehr lebt, so wird er sich im Grabe umdrehen(Zuruf links: Freuen wird er sich!) Die Bibel in der Westentasche können sich die Sozialdemokraten nicht abschütteln. In diesen kleinen Büchern wird Isaak als dumm hingestellt, Jakob als ein Erzspitzbube, der selbst seinem Gott, als er sich mit ihm balgt, ein Bein stellt. Was sagt Herr Singer dazu? Die Bibel sollte auch ihm heilig sein. Ich stehe hier nicht blos als Vertreter der Christen, sondern auch der gläubigen Jude», die uns näher stehen, als das Geldjudenthum, welches nur den äußeren Typus des Judenthums bewahrt hat.(Große Heiterkeit rechts.) Die Christen haben sich nicht geweigert, im römischen Heere zu dienen; es gab eine lejjio fulrainatrix, die besonders siegreich focht;\\t bestand aus Christen, lieber das Jutereffe unseres Glaubens, das uns hoch steht, wollen wir hier nicht mit Ihnen debattiren; dagegen protestire ich im Namen aller gläubige» Christen. Wenn ein Geistlicher aus der Kanzel Politik treibt, soll er nach der Schärfe des Gesetzes bestraft werden; aber solche innerkirchliche Tinge sollen auch hier nicht in die Debatte gebracht werden.(Lebhaste Zustimmung rechts.) Daß viele Professoren mit der Religion im Widerspruch stehen, das wissen wir auch; wir halten dieses Eist noch für gefährlicher, als offene Verhöhnung des Chrislcnthnms. Aber wir wollen die freie Wissenschaft und die berechtigte Kritik nicht einenge». Wir wollen einen Fortschritt der Kultur, aber wir' denken ihn uns anders, als Herr Bebel. Wir denken nicht an die Entwicklung in den Sozialismus und Anarchismus, sondern wir wünschen, daß die sozialdemokratischen umstürzenden Bewegungen wie in früheren Jahrhunderte» ein- gedämmt werden auf dem Wege des Gesetzes, welches kein Aus- nahmegesey sein, sondern alles gleichmäßig treffe» soll.(Zu- stiunnung rechts.) Mir isi in dem Bilde des„Wahren Jakob" die Rolle zu- gewiesen, daß ich das Duell beschütze, dagegen muß ich Protest erheben. Redner beruft sich aus seine früheren Aeuße- ruiige», in denen er das Duell als Verletzung des göttlichen Gebots bezeichnet habe; aber(große Heiterkeit links; Zuruf: Abir!)— haben Sie niemals einen Vorsatz und einen Nachsatz ausgesprochen?(Heiterkeit)— aber wir leben noch�nicht im goldene» Zeitalter des Zukunftsiaates. wo an die Stelle des Duells die allgemeine Katzbalgerei treten wird; da wäre es begreiflich, wenn auch nicht entschuldbar, wenn hier u»v da einer zur Selbsthilfe greift. Redner beruft sich auf Wo>te, die er gesprochen habe am Grabe eines Ofsiziers. der unschuldia im Duell gefallen war; er habe in diesen Worten das Duell auf das schärfste verurtheilt. Redner bedauert auch die Fälle des Duells, die in ver letzten Zeit in den höchsten Gesellschaslsklasscn vorgekommen ,eien. Diese Art von Duellen müßte abgeschafft werden; aber das läßt sich nicht im Vorübergehen machen. Es muß aber dafür gesorgt werden, daß jedermann seine Ehre wahren kann; denn>vir hallen noch ans Ehre.(Zuruf bei de» Sozialdemokraten: Wir auch!) Das weiß ich nicht.(Präsident v. B u o l ruft de» Redner wegen dieser beleidigenden Aeußerung zur Ordnung!) Beleidigen wollte ich nicht. Die Ehre kann nur beruhen aus einer christlichen sittlichen Ordnung; Sie haben aber diese Grund- läge nicht; darum glauben wir Ihnen nicht, wenn sie von Menschenliebe reden; denn Sie freuen sich über den Spruch: Es wird die Zeit kommen, wo der letzte Junker an dem letzten Pfäffendarm hängen wird.(Zuruf der Sozialdemokraten; Das haben wir nicht gesagt!) Kriegsminister Bronsart v. Schessendorff: Ich muß den Jrrthum des Vorredners berichtigen. Er sagte, in dem betreffen- den Fall wäre der betreffende Offizier zum Zweikampf gezwungen worden, durch einen Spruch des Ehrengerichts. Solange die Ehrengerichte in Preußen bestehen— seit 1847— ist ein solcher Spruch noch nie gefällt worden und kann nicht gefällt werden. Hierauf wird ein Vertagnngsantrag angenommen. Persönlich bemerkt Abg. Stadthageu(Soz.): Ter Minister v. Koller hat behauptet, ich hätte in einer Volksversammlung am I. Mai vorgeschlagen, die leere Tafel am Reichstagsgebäude mit der Inschrift auszufüllen: Hier zahlt man die höchstenPreise fürLumpen. Die so ausgestellte Behauptung des Ministers entbehrt und wider- spricht der Wahrheit. Der Passus meiner Rede, der möglicher- weise in jeuer Form dem Mmisto von einem seiner Organe hinterbracht sein kann, reizte nicht zu Verbrechen an, sondern verurlheilte das polizeiliche Anstiften von Ver- breche». Er wendete sich nicht gegen den Reichstag, sondern ausschließlich gegen Polizeispitzel und lautete, soweit mir erinnerlich, wörtlich etwa folgendermaßen:„Wenn der Reichstag wie ihm durch die Umsturzvorlage augesonnen werde, eine Be- günstigung des Spitzelthums und des Lockspitzclthnms beschließen sollte, so scheine mir als Inschrift für den Reichstag leider eine ähnliche zu passen, wie ich sie zu wiederholten Malen in öffeut- lichcn Versammlnngen für das Ministerium des Innern und für das in der Nähe des Mühlendammes liegende Polizeipräsidium mit Rücksicht auf ihre Unterstützung von Spitzel» und dergleichen dahin vorgeschlagen habe: ..Hier werden für Lumpen aller Art die höchsten Preise gezahlt." Nach der Ausfassung des Ministers sollte ich den Reichstag beleidigt haben, während ich lediglich und mit vollem Recht mich gewendet habe gegen die am tiefsten stehenden Organe, die im Dienste der Polizei stehen, und gehofft habe, daß der Reichstag nicht den Anlaß zu einer Inschrift gebe, wie sie längst schon für die Polizei paßt. Minister v. Kölker: Ich habe jener Versammlung bei- zuwohnen nicht die Ehre gehabt, sondern meine Kenntniß— nicht wie Herr Stadthagen annimmt, von einem Denunzianten, sondern durch den amtlichen Bericht des überwachenden Polizei- kominissars erhallen. Dieser Bericht, der iin ganzen nur wenig abweicht von dem, was Herr Stadthagen gesagt hat, ist mir doch in dem, worin er abweicht, viel glaubhafter, als die Bemerkungen, die Herr Stadthagen eben gemacht hat und die er dahin verklausulirte,„soweit er sich erinnere", habe er wörtlich citirt. Abg. Lenzmam»: Ich habe dem Minister durchaus nicht einen Vorwurf gemacht. Ich habe nur angeführt, wenn ein Staatsanwalt nicht einschreitet, so macht er sich eines Vergehens schuldig und»venn in einer Versammlung dieses Vergehen getadelt wird und ich veriheidige den Staatsanwalt, so kann ich auf grund des£j III verurtheilt iverden. Ich habe auch nicht Herrn v. Stumm und überhaupt keine Namen genannt, und deshalb kann man auf den Minister beinahe das Wort anwenden: gm s'excuse s'accuse. Justizminister Schönstedt erklärt, daß er die Aussührungen des Abg. Lenzmann in der von ihm angeführten Weise verstanden habe. Er hoffe, daß in den letzten Worten des Herrn Lenzmann nicht wiederum ein Vorwurf liegen solle, daß er, der Minister, auf einen Staatsanwalt eingewirkt habe. Abg. v. 5lardorff erklärt die Behauptung Bebel's. daß ein Passus seiner gestrigen Erklärung von Herrn von Stumm her- rühre, für ans der Luft gegriffen. Herr von Stumm läge seit längerer Zeit in Karlsbad krank darnieder und habe sich um die Umsturzvorlage gar nicht mehr gekümmert. Uebrigens habe er die in jener Erklärung niedergelegte Anschauung schon seil Jahren. Die weitere Berathnng wird um ö�/s Uhr bis Freitag 1 Uhr vertagt._ parlcttttc»tkavi1rhcs. Die WahlprüfungS- Kommission stellte in ihrer Sitzung am Mittwoch Abend zunächst den Bericht über die Wahl des Abgeordneten von Reibnitz(l. Gumbinnen) fest. Es ist in diesem alle Aussetzung der Entscheidung und Erhebungen beschlossen. n der Sitzung am Donnerstag Vormittag wurden die Wahlen der Abgeordneten Fuchs(Bochum) und Walter(Jena) für giltig erklärt. Daneben sind über eine Reihe von Protestbehauptungen Erhebungen beschlossen worden, deren Ergebniß dem Reichstag mitzulheilen ist.— Ueber die Wahl des Abgeordneten v. Salisch (II. Breslau) wurde die Euljcheivung bis zum Eingang der Er- Hebungen ausgesetzt. Lolmles. Hermaphroditischcö im Fall Kotze. I» der viel auf- gerührten Schmutzgeschichte wird der„Saale-Zeiiung" geschrieben: Darüber scheint jetzt allgemeines Einverständnib auch in Hoskrciseu zu herrschen, daß Herr v. Kotze thatsächlich voll- komme» unschuldig gewesen ist. Es scheint sich der Verdacht nunmehr auf eine Dame gelenkt zu habe», eine Dame, die in keinen Beziehungen zum Hofe steht, wenn auch zu einem hervorragenden Aristokraten. Diese D a ni e, die von der legitimen Gesellschast nicht als Dame betrachtet wird, soll eines Tages mit einer größeren Kavnlkave, begleitet von zwei Dienern in Livree die Linden cutlang geritten sein. Die Gräfin Fritz Hohenau, so erzählt man, sei dieser Kavalkade begegnet, habe ans der Livree der Diener aus den vornehmen Charakter der Gesellschaft geschlossen, sich verneigt und gegrüßt und dann aus dem schadenfrohen Lächeln der Bedienten ersehe», daß sie sich geirrt habe. Es sei über die Freundin des Aristokraten viel am Hofe hin und her gesprochen worden, es sei die Forderung aufgetaucht, daß jene Dame, die nicht als Dame betrachtet wird, ans Berlin aus- gewiesen werde, wozu es aber au rechtlichen Gründen mangelt, und aus Rache habe dann jene Dame, die keine Dame sei» soll, die bedenklichen Briefe und Postkarten, namentlich auch an die Gräfin Fritz Hohenau, geschrieben und diese Gräfin vielfach in der gemeinsten Weise verlästert. Es scheint, daß der bedauerliche körperliche Fehler der Damen, der sie verhindern soll, ihre weiblichen Funktionen zu erfüllen und der demgemäß das unglückliche Zwitterwesen auch in den Augen der Hofgesellschaft herabsetzen muß. auch sichere Schlüsse aus eine geistige Annormalität zuläßt. Denn sonst hätte nian wohl jedenfalls von einem Strafverfahren gegen die betreffende Person gehört. Es heißt serner noch, daß der Staatsanwalt gegen die Herren v. Reischach und v. Hammerstein wegen Duellvergehens einschreite» will. „Ter Herr ist mein Hirte." So steht an dem Institut Siloah, Schönholzerstraße, Pankow, zu lesen, das in seinen frommen Mauern Mädchen verschiedener Altersklassen zuin Zwecke der„Erziehung" beherbergt. Gottergebene Frömmigkeit ist be- kanntlich kein Hinderniß, seine Mitmenschen nach allen Regeln der Kunst auszunützen und so mag es sich erklären, daß die den „Schwestern" zur Erziehung anvertrauten Jungfrauen im Schweiße ihres Angesichtes feste am Bau Siloah mitwirken. Nicht etwa bildlich. Wer in den letzten Tagen Gelegenheit hatte, durch die Pforte zu blicken,»velche die fromme Stätte der Golt« ergebenheit von der sündigen Außenwelt des Erweroes trennt, der konnte sehen, wie einige junge Mädchen Baumaterial herauschlcppteu zu einem Gebäude, das zur Zeit auf dem Grundstück Siloah aufgeführt wird. Arbeitslose männliche Bauarbeiter, die sich mit Weib nnd Kind durch den Winter hindurch gehungert habe» und nun zur schönen Sommerszeit weiter im Elend darben, gicbt es bekanntlich in ganz Pankow nicht. Und sollten dennoch einige solcher Leute Vorhandensein, nun, so werden sie von frommer Seite vielleicht mit dem Spruch abgespeist werden, der an der Pforte von Siloah zu lesen steht: ,',Der Herr ist mein Hirte". Es geht nichts über praktisches Christenthum. Zwischen Mucker« und Soldaten besteht insofern eine gewisse Verwaiidtschaft, als auf beide im Kampfe gegen den Umsturz gerechnet wird. Die einen sollen den aufrührerischen Geist mit Bibel lind Gebetbuch niederschlagen, die anderen gegebenenfalls mit Säbel und Flinte. Die Mucker sind jedoch der Ansicht, daß die Soldaten selber noch mit Bibel und Gesang- buch bearbeitet werden müssen, um gegen umstürzlerische An- Wandlungen gefeit zu sein. Aus diesem Grunde muß das Militär, abgesehen von dem pflichtmäßigen Kirchenbesuch, noch eine besondere Soldatenmission über sich ergehen lassen, deren Stütze und Mittelpunkt in Berlin �der„Christliche Verein junger Männer" bildet. Dieser Verein»nterhält eine eigene Soldaten- Abtheilung, die sich der eifrigen Unterstützung der militärischen Vorgesetzten erfreut. Der Leiter der Soldateu-Abtheilung, ein frommer Sergeant, hebt im Maihest des„Monatlichen Anzeigers" des Vereins mit Genugthuung hervor, daß„durch die Freund- lichkeit der Kommandeure der hiesigen Regimenter die Mann- schaffen an de» Abendmahlslagen dein Verein zugeführt wurden, um dort einen ernsten Abschluß dieses Tages zu finden". Für die Burschen der hierher kommandirten Offiziere finden allwöchentlich besondere Versammlungen statt, die„sich nach wie vor eines regen Zuspruchs erfreuen". Unter Leitung eines Oberstlieutenant a. D. v. Knobelsdorff finden Bibelstunden statt, und eine Anzahl der frömnisten Solbalen hat sich schon vor 2 Jahren zu einein „Gebetbund" vereinigt, der im Zunehmen begriffen ist. Die Soldaten-Abtheilung erleidet zwar forlgesetzt starke Verluste durch den Abzug derjenigen, die ihrer Dienstpflicht genügt haben, aber es fehlt nie an Ersatz. Wie das zugeht, erfahren wir aus dem Bericht des frommen Sergeanten. Er sagt:„Der Herr hat in Seiner Gnade die Lücken stets wieder gefüllt und neue Seelen hinzugeführt, daß sie empfangen das eine, was noth ist." Wie reimt sich das mit der anderen MittheilnnH, daß es die R e- giments-Kon, mandcure sind, die dem Verein die Soldaten zuführen? Der deutsche Kaiser und die Kive Bai-nlsort. Die nunmehr verschwundenen Sterne des Wintergartens, die wohl auch jedem, der sie nicht gesehen hat, durch die Photographien bekannt sind, welche sie in mehr oder weniger abscönen Situationen darstellen, leuchten zur Zeil bekanntlich am Hamburger Himmel. Unser dortiges Parteiorgan berichtet, daß die verehrten Damen jetzt auch den Namen des deutschen Kaisers zu ihren Neklamezmecken benutzen. Die bürgerlichen Blätter der ehrbaren Hansestadt bringen nämlich solgendes Inserat: „I'ivv s isters Barrison............ Neue Nummer: Das Lied von der Katz und dem Schatz. Diese Nummer ward unlängst i» Berlin gelegentlich einer Amatör-Vorstellung vor Sr. Majestät dem Kaiser von fünf Garde- Offizieren als Barrison-Kopie zu Gehör gebracht." Wenn unter solche» günstigen Umständen die„Kunst" nicht gedeiht, dann verdient sie zu gründe zu gehen, meint dazu trocken unser Hamburger Bruderorgan. Zu der Tynamitgeschichte, mit der die„Post" gestern ihre Leser erfreute, bringt das Blatt jetzt eine iveitere Nachricht, wo- nach„die Verhaftung der beiden der Polizei bekannten Anarchisten, des Schneiders Paul Töbs, der in der Rüders- dorserstr. L wohnt, und des O. Krebs, der seine Wohnung in der Linienstr. 159 hat, sich bestätigt." Ein Frauenzimmer, das zu Töbs in einem Verhälmiß gestanden, habe das Gerücht herum- gebracht, daß dieser in Gemeinschast seines Freundes den deutschen Kaiser mit Dynamit, das zur Zeit im Friedrichshain vergrabe» sei,»mbringen werde, sobald der Kaiser am Tage der großen Parade die Bellealliaucestraße passire. Die„Post" selber scheint an diese Schauergeschichte nicht recht zu glauben, denn sie salvirl sich in der betreffenden Notiz mit folgender Wendung:„Die Slaals- anmallschast wird, falls ihr nicht noch weiteres belastendes Material zugeht, eine sehr schwere Aufgabe haben, die Verhafteten zu überführen, zumal es nicht ausgeschlossen erscheint, daß es sich um einen Rache- Akt des Frauenzimmers handelt. Eine Nach- sorschung nach dem angeblich im Friedrichshain verborgenen Dynamit würde, falls man dort irgendwo Sprengmaterial ver- steckt fände, zur Uebersühruug möglicherweise nicht genügen, denn es darf nicht übersehen iverden, daß der Friedrichshain eine Abladestelle für lichtscheue Subjekte aller Art ist, und ein Fund dort noch nicht direkt gegen Töbs und Krebs zeugen würde." Wir sagte» schon gestern, daß den Feinden des Volkes in ihren Umslurznöthen nichts gelegener kommen kann, als eine kleine Dynamitgeschichte. Nuter dem Titel„Die afrikanische Schatzkammer" hielt Herr R. Tabbert am Mittwoch Abend im wissenschaftlichen Theater der„U r a n i a" einen Vortrag, in welchem er seine Reise von der Küste Süd-Afrika's nach den Goldfeldern von Transvaal schilderte. In zum theil recht lebendiger Weise wurde die Kästenflora Süd-Afrika's, das Leben nnd Treiben in ver- schiedenen südafrikanischen Städten, die Sitten und Gebräuche der Kaffern, die beschwerliche Reise im Postwagen durch Transvaal, die Gewinnung des Goldes beschrieben. Erläutert wurde der Vortrag durch Projektionsdarstellungen, die, wie immer in der„Urania", vorzüglich ausgeführt waren. Leider verfügte Herr T. nicht über ei» sehr kräftiges Organ, so daß er den reichen Inhalt mit recht monotoner Stimine vorlas und gegen de» Schluß hin sichtlich ermattete. Auch das Publikum sing»ach zwei Stunden an, deutliche Zeichen von Ermüdung zu zeige», und vereinzelte verließen während der letzten zwanzig Minuten beständig das Theater. Etwas weniger wäre hier mehr gewesen. Herr T. lhäle gut, bei einer etwaigen Wiederholung des Vortrages denselben ein wenig zu lürzeu, wozu ihm ja einige überflüssige Bemerkungen politischen Inhalts, zu denen ihn sein vaterländisches Gefühl und seine Kolomalbegeisterung verleitete», Anlaß geben können. Professor Kohlrausch nuter dem Zeiche» des Verkehrs. Wie aus Charlotteublirg verlautet, sind bisher alle Versuche, den Präsidenten der physikalisch- technischen Reichsanstalt, Professor Dr. Kohlrausch, zur Rücknahme seiner Einsprache gegen die Um- ivandliing der Pferdebahn Berliii-Charlolteubnrg in eine mittels Elektrizität betriebene zu beivegen, vergeblich gemese»! Der ge- nauute Herr besteht darauf, es sei ihm EhrenpflieKt, die Einflüsse etwaiger Theilchen des elektrischen Stromes der Bahn auf die Instrumente der Anstalt wissenschaftlich in gründlichster Weise festzustellen. Alle Achtung vor der Wissenschaft, aber es scheint doch, als ob der Herr Professor in der Gründlichkeit des Guten ein bischen zu viel thut. Von der Sittlichkeit in den durch„Bildung und Besitz" maßgebenden Gesellschaftskreisen giebt eine Skandalaffäre, die von München nach Berlin herüberspielt, entsprechend Kunde. Der 'l.-Ä"""�et man darüber aus München:„Großes Aufsehen erregt hier die Entdeckung eines Verbrechens wider das keimende Leben. Es handelt sich dabei»m me Frau und die Tochter eines angesehenen Geschäsls- inaiines. Die betreffende Frau wendete sich an einen in der Stühe Berlins wohnenden Arzt, der häufig in Zeitungen seine Hilfe in diskreten Fraueiiangelegei, heile» anbot. Ter Arzt kam hierher, machte bei der 21jährigen sehr hübschen Tochter einen operatiueu Eingriff, womit die Sache erledigt gewesen märe, wenn nicht dt» Polizei Wind von der Soche bekommen hätte. Man fand das todte Kind, worauf Mutter und Tochter sofort verhaftet, aber nach Erlegung einer Kaution von 50 000 M. wieder freigelassen wurden. Wie verlautet, soll der eigene Bruder der Vater des Kindes sein und sich bereits gefluchtet haben. Die Polizei hat auch schon seine Verfolgung angeordnet. Auf Requisition des diesigen Staatsanwalts ist ferner auch der Berliner Arzt verhaftet worden. Bei einer Haussuchung in seiner Wohnung fand man zahlreiche Briefe, durch welche hochstehende Personen ans den„besten Kreisen" nicht nur in Berlin, sondern auch in Leipzig, Dresden und München stark kompromittirt sind." Ter Wucherer Pariser lebt hiesigen Preßmeldungen zw folge unbekümmert um staalsanwaltschaftliche Recherchen herrlich rmd in Freuden. Pariser, der verheirathet ist und mehrere Kinder hat. hatte in Berlin ein Verhnltnip mit einer Schaw svielcrin Fräulein G., einem ehemaligen Mitgliede eines hiesigen Theaters, und aus diesem in der feinen Welt gerade nicht so sehr seltenen ehebrecherischen Verhältnisse ging ein Kind hervor. Wie berichtet wird, lebt das Pärchen in London wie im siebenten Himmel; nach Spa ließe» sich die Beiden das Kindchen nall;- kommen, und in Brüssel tauchten sie im Hotel unter dem Nanien Herr und Frau„Pinkus" auf. Während die richtige Familie des P. hier sehr bescheiden lebte, gab der Ehrenmann ungeheuere Summen für die G. und ihre Mutter aus— und jetzt ist Herr Pariser noch in der Lage, sich im Hydepark in der eleganten Karosse ins Fäustchen zu lachen. Wie mag der Mann von seinen weniger glücklichen Kollegen beneidet werden. Der wegen Herabsetzung der Gaöpreise von der Stadt verordneten-Versammlung eingesetzte Ausschuß hat sich im all gemeinen mit den vorgeschlagene» Bedingungen des Magistrats einverstanden erklärt. Indessen wurde die Bestimmung, wonach die Herstellung der Zuleitungsröhren für das Koch-, Heiz- und Betriebsgas nur„in geeigneten Fällen aus Kosten der Gas anstalten" erfolgen soll, gestrichen und dafür eingesetzt, daß die kostenlose Ausführung dieser Zulcitungsröhren„in der Regel" stattzufinden hat. Abweichungen von dieser Regel sollen stets durch die Gasdeputation beschlossen werden, die unteren Orgaue (Revierinspektoren) aber hierüber leine Verfügung treffen können. Ein ganz alter Berliner. Ein großer, sehr verästeltcr Eichenstamm, ungefähr 7 Meter lang und I Meter Umfang wurde aus dem ehemaligen Sprcegrunde an der Ecke der Mühle» dammbrücke und der Fischerftraße hervorgeholt. Er lag 4 Meter unter dem Wasserspiegel; das Holz ist vollständig in Brau». kohle übergegangen, woraus zu schließe» ist, daß er schon in vor geschichtlicher Zeit an die Stelle gerathen ist, möglich, daß erden ersten Ansiedlern an dieser Stelle mit als Unterlage zu einem Pfahlbau gedient hat. Heber Bänkcmangcl in den städtischen Parkanlagen namentlich im Humboldthain, wird vielfach geklagt. Die Anzahl der Bänke scheint in den Morgen- und Vormittagsstunden reich lich zu genügen; strömen aber am Nachmittag die licht- und lustbedürstigen Schaaren herbei, so ist bald kein Platz mehr zu haben. Vorsorgliche Leute lassen regelrecht Plätze reserviren oder bringen Stühle mit. Gerade in den Gegenden um den Humboldthain herum ist die Bevölkerungsziffer in wenigen Jahren ungemein gestiegen, doch an eine entsprechende Vermehrung der Bänke, die an vielen Punkten ohne jede Beeinträchtigung der Naturschönheitcn stattfinden könnte, scheint man nicht gedacht zu haben. In der Chlorosormnarkose ist am Dienstag Nachmittag der achtjährige Knabe Karl Rother aus Tempelhof, Sohn eines dortigen Schuhmachermeisters, gestorben. Ter Knabe war in eine hiesige Klinik gebracht worden, wo ihm ein Absceß am Unter- tiefer durch einen operativen Eingriff geöffnet werden sollte Ein praktischer Arzt Dr. B., der in der poliklinischen Abtheilung dieser Anstalt zu seiner weiteren Ausbildung lhälig ist, leitete die Narkose. Obwohl bei dieser alle üblichen Vorsichtsmaßregeln angewendet wurden, kam der Knabe doch nicht mehr zum Be wußtsein. Die Aerzte griffen schließlich zu allen zu Gebote stehenden Wiederbelebungsversuchen, aber auch diese blieben ohne Erfolg, der Knabe war während der Narkose an einer Herz lähmung gestorben. Die Staatsanwaltschast, welcher der Vor fall zur Prüfung mitgetheilt wurde, hat ein Verschulden auf irgend einer Seite nicht finden könne», daher von der Einleitung eines Strafverfahrens von vornherein Abstand genommen und die Leiche zur Beerdigung bereits freigegeben. Heber eine pöbelhafte Attacke auf eine Radfahrerin weiß die„Verl. Ztg." folgendes zu berichten: Als Mittwoch Nach- mittag eine Danie im kleidsame» Radfahrerkostüm auf ihrem Bicycle die Chaussccstraße entlang fuhr, mußte sie nicht nur von den�mitlaufenden Kindern, sondern auch von den Erwachsenen, besonders von Frauen recht viel erdulden.„Trampele lieber us de Nähmaschine",—„die olle Jungfer kann jewiß keene Strimpe n.ch stricken",—„na, nu wird's immer verrickler!"— so und ähnlich lauteten die zartesten Zlusdrücke, die ihr von allen Seiten zugerufen wurden. Ungehindert dessen fuhr die Radlerin muthig weiter, ibis schließlich einer der frechen Lümmel an die Lcnt stange faßte und das Rad umzuwerfen suchte. Im selben Augem blick wurde aber der Bengel von einem Herrn gefaßt, der ihm ein paar tüchtige Ohrfeigen applizirte. Dadurch wuchs natürlich der Auflauf an Menschen so, daß die Dame vom Rad steigen mußte und in einer Droschke unter dem Gejohle der Gassen jungen davonfuhr. Ei» Fabrikbrand wüthete in der letzten Nacht auf dem Grundstück Chausseestr. 23 b, das mit seinem Hinteren Theile an den Garten des Friedrich Wckhelmstädtischen Theaters angrenzt Das Feuer, das vor allem eine Modelltischlerei und eine Maschinenfabrik ergriffen, gewann so schnell an Ausdehnung, daß der ersten Meldung, die um 3 Uhr IL Minuten gegeben wurde, bald noch drei weitere Meldungen folgten. Als die Feuerwehr auf der Brandstelle erschienen war, wurde sosort„Mulelfeuer" nachgemeldet und schließlich ein Massenangriff mit elf Rohren unternommen, von denen zwei aus Dampfspritzen, die übrigen ans Druckspritzen gespeist wurden. Um leichter in das brennende zweistöckige Gebäude hineingelangen zu können, wurden zwei Leiterwege mit Stockleilern errichtet. Die feurige Glulh war so Sewaltig, daß aus den Lauben im Garten des Friedrich-Wilhelm ädtische» Theaters der Theer schmolz. Wege» Miiuzverbrechciis wird ein Dienstmädchen ans dem Vororte Friedrichsberg verfolgt. Die Falschmünzer haben sich des Dienstmädchens als Mittelsperson bedient. Zu dem gräßliche» Borfall i» der ZiouSkirchstraße, bei dem eine Frau Gröst sick aus Nahrungssorge» mit ihrer sechsjährige» Tochter aus dem Fenster stürzte, wird mitgeiheilt. daß das Kind in Nieder-Schönweide bei den Rudolj Caspar'sche» Eheleuten in Pflege gewesen ist. Tie Pflege-Eltern haben außer- ordentlich viel von ihm gehalten. Am 22. April hatte die kleine Else Geburtstag, und am 23. April holte Frau Gröst ihr Kind aus Nieder-Schönweide plötzlich nach Berlin unter dem Vorgeben, daß sie ohne die Tochter nicht leben könne. Die Pflege-Eltern sträubten sich allerdings gegen die Herausgabe des Kindes, aber sie konnten augenblicklich dagegen nichts unternehmen. Jetzt be- trauern sie den fürchterlichen Tod der kleinen Else wie den Ver- lust eines eigenen Kindes. Zlvei schwere Husälle haben sich in den letzten Tagen in der Eisenbahnbrigade zugetragen. Am Mittwoch Abend verunglückte auf dem Brückenbauplatze hinter deni Militärbabnhofe bei Schöneberg ein Untcrofsizier. Derselbe fiel gegen 4 Meter tief ans lagerndes Holz hinab und verletzte sich innerlich und äußer- lich nicht unbedenklich. Ter Verletzte war mit dem Kiefer so stark aus eine Kante aufgefallen, daß er sich fast alle Zähne aus- ae'allen halte. Der zweite Unfall ereignete sich in Klausdors bei Zossen. Hier war der Unterosfizier Wolter damit beschäftigt, mit vier Flaschenzügcn Eisenbahnwagen in einen höher als das Fahrgeleise liegenden Schuppen zu heben, dabei riß eine der vorderen Ketten und zertrümmerte dem Unteroffizier die Schädel- decke. Der Verunglückte starb am Morgen nach dem Unglücks falle. Von eiuer Studeuteuprügekes, die am Mittwoch früh in einem Gartenlokal in der Anguststraße stattfinden sollte, hatte die Polizei Wind bekommen. Es gelang ihr auch, die rauflustigen jungen Burschen, die die Schulbank geschwänzt hatten, zu ver scheuchen, doch marschirten diese bald darauf in ein anderes, in der Hamburgerstrnße belegenes Lokal, allwo die Holzerei wirklich vor sich ging. Als die Polizei auch hier erschien, war die Schlacht bereits vorüber; doch konnten einige der Helden aus die Revierwache befördert werden. Ei» heftiger Hagelschlag begleitete das Unwetter, welches gester» Nachm'itttag zwischen'5 und 6 Uhr über Berlin dahin zog und in den Vororten ziemlich große Verwüstungen augerichtet hat. Der Hagel fiel strichweise so stark, daß ganze Felder der gut entwickelten Wintersaat vernichtet, die Fruchtstengel der noch größtentheils in Blüthe stehenden Obstbäume durch die Hagel- körner, die stellenweise die Größe von Taubeneiern erreichten, abgeschlagen wurden. Viele Spargelselder sind umgelegt und ebenso hat der Hagel dem junge» Gemüse der Gärtnereien arg geschadet. I» den letzteren wurden viele hunderte Scheiben der Dungbeete durch den Hagel zerschlagen. Auch der dem Gewitter vorhergehende Sturm hat in den öffentlichen Parkanlagen zahl- reiche junge Bäume niedergelegt. Polizeibericht. Am 8. d. M. nachmittags gerieth in der Eberswaldcrstraße ein sechsjähriger Knabe unter die Räder eineS Arbeitsivagcus und wurde an, Knöchelgclenk des Fußes erheblich gequetscht.— In einer Cchankivirthschaft in der Krautstraße geriethen beim Kartenspiel zwei Männer in Streit, wobei einer von ihnen durch einen Messerstich in den Oberarm bedeutend verletzt wurde.— In der Bernanerstraße wurde das Pferd einer Kutsche scheu und ging durch. Ter Führer des Wagens wurde vom Bock geschleudert und am Unterschenkel schiver verletzt.— In der Nacht zum 9. d. M. brach in der Maschinenfabrik Chausseestraße 28b Feuer aus, das die Werkstätten im Erd geschoß und im ersten Stock ergriff und bedeutenden Schaden anrichtete.— Außerdem fanden vier kleine Brände statt. Witteruugöiibersicht vom 9. Mai 1893. Etwas kühleres Wetter mit mäßigen südwestlichen Winden, veränderlicher Bewölkung, etwas Rege» und Gewitterneigung. Berliner Wetterbureau. Gevilkiks�Seituuii» Tic Nachricht, daß gestern vor dem hiesigen Landgericht I eine Slrafverhandlung gegen Herrn v.Kotze stattfinden solle, war unzutreffend. Es handelt sich um de» Zweikampf zwischen dem Rittmeister a. D. Dietrich v. Kotze und dem Kammerherrn v. Schräder. Der Zweikampf hat bekanntlich außerhalb des Berliner Weichbildes stattgefunden, er gehört also zur Zuständig- keit des Landgerichts II. Vor der 1. Slraskammer dieses Gerichts war allerdings zu heute Termin zur Hauptverhandlung angesetzt gewesen, er ,st aber schon vor einigen Tagen aufgehoben worden, da noch einige Ermittelungen nothwendig sind. Tie bekaunteu Bcrlin-Nixdorfcr Pferdelvurst-Prozcsse, welche wegen des dabei entbrannten chemisch-wisscnschaftlichcn Streites eine gewisse Berühmtheit erlangt haben, habcn den bei der Sache hervorragend intcressirten 5lreis- cheiuiker Dr. Stelz er veraulaßt, einen Slrafantrag gegen den Rechtsanwalt Ewald Runge zu stellen Letzterer sungirte i» zahlreichen Prozessen dieser Art als Ver lheidiger und hat die Zuverlässigkeit des Dr. Stelzer'schen Gutachtens so lauge bekänipft, bis dasselbe durch ei» Ober Gutachten der königliche» Hochschule für Thierarzneikunde über den Hausen geworfen wurde. In einer Verhandlung vor dem Rixdorser Schöffengericht hat nun Rechtsamvalt Runge die Ojektivität und daniil die Glaubwürdigkeit des Sach- verständigen Dr. Stelzer stark bezweifelt, weshalb derselbe bei der königlichen Staatsanwaltschast II den Antrag ans Einleitung eines öffentlichen Verfahrens wegen Beamtenbeleidigung tellte. Da es jedoch außer Zweifel stand, daß Rechtsanwalt Runge in berechtigter Wahrnebmung der Interessen seiner Klienten gehandelt hat, so hat der Erste Staatsanwalt Lademann ein amtliches Einschreiten abgelehnt. VevrammUmgezu Neunte Geueralversammlnug dcS Brauerverbandes. Die Organisation der deutschen Brauer hält, nachdem die Er- eiguisse des vorigen Jahres eine frühere Tagung unmöglich machten, ihre regelmäßige Generalversammlung in dieser Woche in Berlin ab. Eingeleitet wurden die Verhandlungen durch eine Vorversamnilung, die am Mittivoch im Lokale von Zubeil statt- fand, in der zur Information der Dclegirten der Verlaus des große» Bierkrieges nochmals gründlichst diskutirt wurde. Hiesige sowohl wie auswärtige Redner griffen wiederholt in die Debatte ein, die erst um Mitternacht ihr Ende fand. Beschlüsse irgend welcher Art wurden nicht gefaßt; allgemein wurde der Ansicht Ausdruck gegeben, daß nach dieser erschöpfenden Aussprache das Thema: Der Berliner Boykott nun aus der öffentlichen Diskussion verschwinden wird.— Ter Vcrbandstag wurde in der Frühe des 9. Mai durch den Vorsitzenden Wieble- Hannover eröffuet. Die Tagesordnung, welche neben dem Vorstauds-Kassenbericht und Bericht aus den einzelnen Orten, weitgehende Slatutenänderungcn u. s. w. um- aßt, wurde genehmigt. Tie Leitung der Verhandlungen wurde Klein- Hamburg und Richter- Berlin übertragen. An- ivesend sind 23 Telegirte aus Berlin. Kiel, Hainburg, Hannover, Braunschwcig, Dortmund, Essen, Elberfeld, Köln, Frankfurt a. M., Kassel, Maunbeim, Nürnberg. Stuttgart. München, Erfurt, Chemnitz und Dresden. Als Vertreter der amerikanischen Brauer wohnt der Nationalsekretär der vereinigten Brauereiarbeiter der Vereinigten Staate», Genoffe 5turzenknabe den Verhandlungen bei; von Graz, Wien, Brüssel zc. waren Glückwunschtelegramme und-Schreiben ein- gelaufen. Aus dein Rechenschaftsbericht des Vorstandes ist ersichtlich, daß der Verband stelig an Ausdehnung gewinnt. iv hat gegenwärtig 55 Zahlstellen. Vertreten durch Delegirte sind rund 4500 Mitglieder; ein sich auf der Reise und ist großer Prozentsatz befindet in diesen Zahlen nicht enthalten. Durch die Einrichtung von Agitatioilsbezirksn, die besonderen Kommissionen unterstellt wurden, hat man gute Er- folge erzielt. Im Jahre 1894 sind verausgabt: für das Verbands- organ ca. 3450 M., für Agitation 2231 M., für Streiks 2305 M., für Rechtsschutz 1331 M., Unterstützung an Gemaßregelte wurde gezahlt 1950 M., Reise- Unterstützung 3579 M. und Arbeits- losen- Unterstützung 4150 M. Die Gesainmteinuahmen für die Zeit vom 1. Juli 1893 bis I. April 1395 belief sich auf 31 394 M. Die Ausgabe beträgt 29 028 M. Der Kassenbcstand betrug am I. April 2365 M. Freiwillige Beiträge gingen in demselben Zeiträume ein 24 207 M. Verausgabt wurden hiervon 24 096 M. Ein Bestand war vorhanden in Höhe von 110,63 M. An die Generalkommission konnten wegen der schlechten Finanzlage während der letzten 1�/« Jahre keine Gelder abgeführt werden; es soll dem Verbandstage über- laffen werden, über die Weiterzahlung der Beiträge noch Be- schlüsse zu fassen. Die Diskussion über den Bericht förderte nichts Wesentliches zu tage.— In Sachen der Agitation fand ein Antrag Annahme, der besagt, daß in allen Bezirken Agitationskommissionen gebildet werden sollen. Ter Punkt Presse wurde am ersten Verhandlungstage noch nicht zu Ende gesührt. Posaiiieuteubrauche. In der letzten Versammlung der Filiale II des Textilarbeiter-Verbaudes machte das Mitglied M a h l k e einige interessante Mittheilungen über die Arbeits- und Lohnverhältnisse der Posamentenarbeiter im sächsischen Erz- gebirge. Hiernach verdienen die geschickteren Arbeiter im Akkord- verhällniß höchstens 12—15 Mark wöchentlich, Arbeiterinnen dagegen nur 4-5 Mark. Begreiflich sei dies, wenn man berück- sichtige, daß für das Weben von Borten ein Slrbeitslohn von 5 bis 6 Pf. per Meter gezahlt werde, wofür in Berlin ein Preis von 10—15 Pf. nolirt wird. Dasselbe Mißverhältuiß bestehe be- züglich der Löhne der Arbeiterinnen. So werde z. B. für das Angarniren von Bällen an Fransenborten 2 Pf. per Meter ge- zahlt, während die Berliner Arbeiterinnen 8—10 Pf. dafür erhalten. Im Konfektionsfach seien die Löhne noch schlechter, indem mit Verperlen beschäftigte Arbeiterinnen nur 2—3 Mark wöchentlich verdienen. Derartigen Verhältnissen gegenüber sei es unbedingt nothwendig, den Versuch zu machen, diebetreffenden Arbeiter der Organisation zuzuführen.— Ans eigener Wahr- nehmung schildert Schubert die Lebensgewohnheiten der dortigen Bevölkerung, glaubt jedoch nicht, daß die Agitation für Hebung ihrer Lage von außen hinein getragen werden könne. sondern meint, daß sie von dort ansässigen Leuten ausgeben müsse.— Der Verbandsvorsitzende Hübsch bemerkt zunächst, daß eine Agitation in Sachsen unter dem gegenwärtigen Regime, welches den Arbeitern jede Bewegungsfreiheit verkümmere, sehr erschwert sei. Trotzdem glaube er, daß ebenso wie unter den schlecht bezahlten sächsischen Webern und Wirkern, bei den Posamentenarbeitern Erfolge bezüglich der Organisation zu erzielen seien. Er enipsehle, ein Flugblatt auszuarbeiten und in Verbindniig mit dem sächsischen Agitationskonntee verbreiten zu lassen.— Nach Ansicht des Kollegen K. Müller seien nach den gemachten Ausführungen die Anhaltspunkte gegeben, um Schritte zur Einleitung einer Agitation zu thun, und empfiehlt er, den Vorstand mit der Inangriffnahme derselben zu beauftragen, womit sich die Versammlung einverstanden erklärt. Nach Er» ledigung einiger interner Angelegenheiten werten dem Vertrauens- mann zur Betreibung der Agitation unter den Berliner Posa» mentenarbeitern 25 M. überwiesen. Derttnsrhkes. Feueröbrunst. Nach einer Meldung aus Budapest ist die Stadl Zllso- Kubin zur Hälfte durch eine Feucrsbrunst zerstört worden. Die katholische Kirche, das Pfarrhans und mehrere öffentliche Gebäude sind in Asche gelegt worden. Der Wind über- trug das Feuer in das Nachbardorf Nagy-Falu, welches vollständig niederbrannte. Ein Kirchenstreit. Der„Pester Lloyd" meldet aus Miskolsz: In Szikszo brach am Sonnabend unter den Gläubigen der Reform- kirche während des Gottesdienstes ein Streit aus, welcher außer- bald der Kirche in eine erbitterte Schlägerei ausartete. Zwei Gendarmen, welche die Kämpsenden trennen wollten, wurden mit Steinen geworfen und mit Knitteln angegriffen; die Beamten mußten von der Waffe Gebrauch machen und verwundeten viele Personen erbeblich. Schließlich flüchteten die Gendarme» in die Kaserne. Diese wollte die erbitterte Menge stürmen; die Gendarmen gaben nunmehr Feuer und zerstreuten dadurch die Menge. Die Rädelsführer sind verhaftet worden. Chinesische Feiuschmeckerei. Eine chinesische Deli» ka tesse ist das sogenannte Mi lhi, nach dem die bezopften Feinschmecker sich alle zehn Finger lecken. Diese Gourmands, bei denen Ratten-, Mäuse- und Hundebraten, die für die Menge große Delikatessen sind, nur als bürgerliche Hausmannskost gelten, verehren als besonderes Lieblingsgericht das Milhi. Woraus es besteht? Aus nichts geringerem als aus eben geborenen noch blinden Mäusen. Diese werden jedem Gaste lebend vorgesetzt. Man taucht dieselben in ein Gesäß mit Honig und schluckt dann die Thierchen langsam hinunter. Als der jetzige chinesische Kaiser seine Hcchzeit feierte, hatte man zu dem Festmahl nicht weniger als 5000 solcher nackten Thierchen auf die Tafel gebracht. Viel- leicht probiren es unsere Feinschmecker auch einmal damit, denen wir dazu guten Appetit wünschen. Sckiließlicb steht ja die A u st e r n e s s e r c i unserer Feinschmecker genau auf der» 'elben Höhe. Das älteste Puch der Welt. Einer der werthvollsten Schätze der Nationalbibliothek zu Paris ist der„Papyrus Prisse", so genannt nach dem, der ihn in einem thebanischen Grabe ent- deckt hat. Der�Papyrus befand sich bei der Mumie eines Zeit- genossen des Königs Affa, der zur ersten thebanischen Dynastie gehörte und um 3350 vor unserer Zeitrechnung lebte. Die Schrift ist also jetzt 5245 Jahre alt. Sie ist betitelt:„Ver- ordnungen des Präsekten Ptah-Hotep, der unter Affa, König des Nordens und Südens, lebte." Sie ist an die höheren Klassen gerichtet, für deren Gebrauch sie eine Reihe von Vorschriften und Beobachtungen enthält. Ihr Verfaffer erzählt von sich, daß er von seinem Könige alle Gunst und Würden erfahren habe, und daß er 110 Jahre alt sei. Vviekkttlten dvv NedttTtkirnt. Wir bitten bei jeber Ansrage eine Chissre(Zwei Buchslaben ober eine Zahl) anzugebe», unler der die Aniworl eriheiil iverde» soll. Montag, Dien st ag. Donner st ag und Freitag wird von 7 bis 8 Uhr abends Auskunft und Rath in Rechtsangelegen heilen ertheilt. F.©. 23. Wir besitzen im Augenblicke blos die folgende Adresse: Carl Mitscherlich, Melbourne. L. K. I. Ja. 2. Großjährig.— M. 23. Die Frist zur Stellung des Antrages auf Bestrafung wegen Beleidigung de- trägt 3 Monate von dem Tage der erhaltenen Kenntuiß ab.— M. Cch. 199. Fuhlsbüttel und Raboisenwache.— C Tischler. Gegen den betreffenden kann Zivilklage erhoben werden Sprechen Sie mit den Papieren vor.— Riech. Millarg. — R. R. Ein Bäcker, der in Roggenniehl Erbsenmehl hinein- mischt und das Brot als Roggenbrot verkauft, kann wegen Be- truges angeklagt werden.— A. L. 39, A. Z- Grii», H. M. Mölln, Schubert, ft. K. 190, N. N., 91. 45. Nein. — N. 109 Willi. Ter Arbeitgeber, nicht der Arbeiter, ist strafbar.— Hahn. Falls Sie einer dem ß 15 des Krankenkassen- Gesetzes entsprechenden freien Hilsskasse angehören, so genügt das. — C. H. 22. Genehmigungsnachsuchung ist erforderlich.— B. 2. 34, P. N.(«neifenauer 909, H. E., Claudius, Gohlke, 91. V. 89. Sprechen Sie mit den Papieren gelegentlich in der Sprechstunde vor.— C. K. Dafür ist lediglich die allgemeine Bestimmung der 120b und 120« Gkiverbe-Ordnung maßgebend.— C H. und I. R. Ja. Verantwortlicher Redakteur: I. Tirrl(Emil Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin, LW., Beuthstraße 2. 2. Beilage zum„Vorwärts" Berliner Volksblatt. Ur. 108. Freitag, den 10. Mai 1893. 12. Jahrg. Verftmnnlimgen. Nach einer Organisation, um ihre Interessen besser zu vertreten, verlangen die Militäraiuvärter, die sich in mehrfacher Beziehung gegenüber den Zivilamvärtern zurückgesetzt fühlen. Herr v. Mosch, der neben Böckel und Ahtwardt gegenwärtig stark in„Votk-befreiung" macht, hielt ihnen am Mittwoch Abend eine antiseinitisch-patriotische Rede. Beklagt wurde darin vor- nehinlich, daß das Maximalgehalt erst von 40 Jahre an gezahlt imde. Zu fordern sei, daß das Führungsattest fortfalle und die desinitive Anstellung etwas schneller erfolge, als der bnreaukratische Mechanismus das gegenwärtig zulasse. Ter zweite llieserent machte den Vorschlag, sich an den 1S000 Mitglieder zählenden Verband der Militärinvaliden anzugliedern, der in nächster Zeit in Essen seinen Verbandstag abhält. Diese An- steht drang schließlich durch; eine dcmentsprechende Resolution wurde angenommen. Ter Vorschlag des ersten Referenten, die Anwärter durch Vergebung von Land an dieselben seßhaft zu machen, fand keine Gegenliebe. Wie immer wurden in der Tis- kussion eine Reihe Klagen über das wenig väterliche Walten staatlicher Organe vorgetragen. Der Verband der Zimmerer tagte am 5. Mai. Zur Verlesung gelangt zunächst die Abrechnung vom 1. Quartal 1895, worauf einige Ersatzwahlen der Bezirkskassirer vollzogen wurden. Eine längere Diskussion knüpfte sich sodann an den Bericht der Delegirteu vom Vcrbandstag in Steltin. I» bezug auf die letzte vffeniliche Versammlung wurde von mehreren Rednern erwähnt, daß die Resolution, die zum Anschluß an den Lokalverein auf- fordert, nicht mit so großer Majorität angenommen wurde, wie der„Vorwärts" berichtete. Es haben sich vielmehr wohl ein Drittel der Anwesenden dagegen erklärt. Zu einer sehr eingehenden Polemik gab ein Flugblatt Anlaß, das in der letzten öffentlichen Versammlung verbreitet wurde. Die Mitglieder werden besonders auf das Flugblatt aufmerksam gemacht, welches vom Verband der Zimmerer zur Ausgabe gelangt. Es befinden sich auf dem- selben sämmtliche Zahlstellen der Vereinigung. Eingelaufene Drnckschrifteu. Der S.ituldmoKrat, Zenlral-Wochendlatt der sozlaldemvkratlschen Parlet Teutschlands(Erpeditton in Berlin SW., Beuthstrabe 8). Die Nr. l» vom s. Mai bat folgenden Inhalt: Wochenschau.— Mittel- ftandSpolitik.— Die Gesellschaft der Fabier.— Hauptmann'» Weber und ihr Verhältntb zur Eozialdemolratie.— Parteinachrtchten.— Todtenliste.— Literarisches.— Vermischtes.— AuS dem NeichStag.— Die Maifeier.— Rumänischer Parteitag.— Tie Lage der Wlauchau- Meeraner Weber.— Arbeiterorganisationen.— Wie man uns behandelt. «ine Sache für fich. Bon P.«Lisbert.«erlag von Hornberg Nachfolger, Berlin. Zieder von Zedlitz, als Manuskript überreicht von Fr. Bauer. Berlin, Friedrichslr. 9«. Der zlebermenkch in der PalUilt. Bon M.. Eonrad. Berlag von R. Lutz, Stuttgart. 8» Seiten, i Mark. Für den Inhalt der Inserate über lli�yltt dir Redaktion deuiPnbliknm genenüberjkeinerleiVcrantlvortnng Cheater. F r e i t a g. d e n 10. Mai. Gpernhan«. Der Evangelimann. Kchanspirlhano. Halali. Die stille Woche. Deutsches Theater. Prinz Friedrich von Homburg. Zesstng-Tlieatrr. Madame Vonivard. Berliner Theater. Die Ehre. Neues Theater. Dcmi-Monde. Schiller- Theater. Don Carlos. Friedrich- Uttlhelmstädt. Theater. Der Obersteiger. Zirsldenf-Thrater. Fernand's Ehekontrakt. Adolph Ernst-Theater. Madame Suzctte. Central-Theater. Figaro bei Hof. Aierander-Plah-Theatcr. Durch- gegangene Weiber. Alle 5Barrison. National- Theater. Die lebende Brücke. Im Garten Gr. Konzert und Spezialiräten-Vorstelliwg. Theater Unter den Linden. Pariser Leben. Deutsche» VolKothrater. Familie Schnabel. Apollo- Theater. I-a Face(Der Floh). Ueichohallen- Theater. Speziali- täteu-Borstellnng. Amerirau- Theater. Spezialitäten- Vornellling._ Sehiller-Tlieater. (Wallrep- Theater.) Freitag. 10. Mai. abends 8 Uhr: Don Varlov. Sonnabend, 11. Mai, abends 8 Uhr: Der Derenkefset und Derfiindende Funke. fontral-TIieater Alte Iakobkrassr D r.»O. Novität! Zun» 6. Male: Novität! Unter artistischer Leitung des Herrn Xdoik Brabl vom köuigl. Gärtuerplatz- Theater i» München: k'igsi«!» dei ßfok. sHtorcoro.) Operette in 3 Akten(nach Beaumarchais' Memoire») von Boilnuanu-Riogs». Musik von Alired Httllor Norden. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Kaufmann s Variete. Rönigitrasse, Kolonnaden. Täglich: Neumann- Bliemchen's 'Leipziger VMevillt-! KesellM: Nenmanu, Villi. Wolkf, Hoiväth, Gipner, Lemke, Feldov und Ledermaun. Novität! Novität! Zur MßurMluge. Zeitgemäße Posse v. W. W o lf f. In der Fnesita! Die Wachtparade! Theater- Claqueur! Bliemcheu in Berlin. gV Bomben-Erfolg! Anfang Wochent. 8 Uhr, Eintritt SO Pf.. Sonntags>/s8 Uhr. W Äi I, I s kür volKstKümIIeük Natnrknnde. Am Landes Ausstellungspark (Lehrter Balmhof). GeSffnet von 5-10 Uhr. Täglich Vorstellung im wissenschaftlichen Theater. Näheres die Anschlagzettel. Castan's Panoptikum. Ein Flug durch die Luft! Chamly's mysteriöse GC�takombe. Kcicliskanzler Fürst Hohenlolie. National-Theater. Große Frankfurterstraße 132. Direktion; Max Samst. Gastspiel der amerikanischen Gesellschaft William Caider. Vorletzte Woche: Die lebende Brücke. Großes Sensationsschauspiel mit Mufik in 4 Akten(11 Bildern), nach dem Eng- lischen von Sutton Vane, übersetzt von t. Schwab. Dirigent: Adolph Wiedecke. lektr. Beleuchtungsefsekle v. Lakowsky. Regie: Max Samst. Kassenöffnung 5 Uhr.— Auf. T'/e Uhr. Morgeh: Dieselbe Vorstellung. NatioNl-Theater-lSkrten: Clrosses Conceri and Spezialitäten-Vorstellung. Die Theaterbesucher haben freien Zu- tritt zum Sommergarte»._ Adolph Ernst-Theater £&** Letzte Woche!"VQ Madame Snzette. Vaudeville-P osfe in 3 A k t e n von Ordonneau. Musik von Edmond Audran. In Szene gesetzt von Adolph Ernst. Anfang 7Vs Uhr. Sonnabend, den 11. Mai 1395| ZM- Zum wohlthätigen Zweck'WS Jnbiläums-Vorstellaug Zum 50. Male: Madame Snzette. 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Sonntag.den 12. Mai, vormittags SV, Uhr: 215/0 Grffrntliche Vepsammüung in Ron ck's Festsälen,! Brunnenstr. ,16 Tages-Ordnung: l. Vortrag des Stadtverordneten Th. M e tz n e r. 2. Diskussion. 3. Ab- rechuung und Neuwahl der Agitations- kommission. Die Agltattonskommirsto«. iiml«- ud BkgtiiWU der 'Buclilitoiler und verw. Berufsgenossen zu Berlin(E. H. Nr. 24.) Sonnabend, den 18. Mai 1895, abends 8V2 Uhr: anffrrordrntliche Veneral-Versammlung in d. Arminhailen.Kommandanteustr 20. Tagesordnung: 1. Vortrag des Augenarztes Herrn Tr. Wurm über:„Die Erhaltung der Sehkraft", nnt Demon stration am künstlichen Modell. 2. Sta tntenänderung laut Verfügung d. Herrn Oberpräsiden len(Erhöhung derBeiträge betreffend). 3. Kassenangelegenheiten. Das Erscheinen aller Mitglieder ist nolhwendig. 78/16 Fr. Freudenreich, Vorsitzender. Wißmaunstr. 18, I. Bruno Gröblehner, Kassircr. Wasscrlhorstr. 14, i. L. ÜlllglMtillcr Arbtiier- llllij Äbeittttlim- Verein (Uel'lins ti. Umgegend.) Da der Bibliothekar Reumann sein Amt und Austritt ans dem Verein dem Vorstande angezeigt hat, so ersuche ich alle Mitglieder, welche Bücher aus der Bibliothek entnommen haben, be- treffs gründlicher Regelung dieselben bis Sonnabend, den 18. Mai, in un- serem Vcreinslokale, bei P i e tz e r. Friedrichsgracht I«, abzugeben. Die weitere Ausgabe wird den Mitgliedern in der am Montag, den 20. d. Mts. stattfindenden Versammlung bekannt ge- geben werden. Die Mitglieder- Ver- sammlungcn finden jeden Montag nach dem 15. im Monat bei R ö l l i g, Reue Friedrichstr. 44, statt. 70/5 NB. Mitglieder, welche die Wohnung gewechselt haben, werden dringend er- sucht, dieses dem Unterzeichneten zu melden. Dee» Vorstand- I. A.: Wilhelm Arndt, Kolbergerstr. 28/29. Achtung 1 Achtung 1 Zmentittr n. KttlWnoßen. Sonntag Vormittag 10 Uhr bei Neumann, Pasewalkerstr. 3: Gicucrul-Versammlung. Rene Mitglieder werden aufgenommen. 1033b Ter Vorstand. Wo kaufen Sie? eine gute Zigarre? Lausitzerplatz 1 bei Binneliöse. Kuchhandlnng des„Uormarts" BERLIN SW., Beuthstrasse 2. Anläßlich der zweite« seraihnug der Umsturzvorlage empfehlen wir: WlflllU Mld MMkMnllk. (Stenographische Wiedergabe der Reden bei der ersten Lesung.) Zwei Kefir. 256 Zeiten Großolttav. Urei» 36 Uf. U-rt- 16 Vf. Zur Beurtheilung für die Stellungnahme der Parteien zur Umsturzvorlage, wie sie sich in den Kommissionsbeschlüssen gestaltet»' hat, ist die Kenntniß der ersten Lesung um so mehr erforderlich, fj als frühere Gegner der Vorlage jetzt plötzlich zu Befürwortern derselben geworden sind und hinter den parlamentarischen Koulissen jetzt— entgegen den Deklamationen der ersten Lesung— zwischen Konservativen und Zentrum„Kuhhandelsgeschäste" blühen. liselilersereiii. Sonnabend, den 11. Mai 1895, abends 9 Uhr, Melchiorstr. 15: Tagesordnung: 1. Bericht des Vor- standes über die Besichtigung d. Lokals in Nedlitz. 2. Vereinsangelegenheiten. Die diesjährige Männer- Fußpartie findet am Sonntag, den 12. Mai, statt. Treffpunkt: Stettiner Bahnhof, 7 Uhr 30 Min. früh. 252/9 ver Vorstand. Noch frei bin ich die Pfingstfeiertage. Bitte um Berücksichtigung. Neue Nummern I Uich. Krise, Volkshumorist. Berlin X.. Jetzt Brunnenstr. 192"WlV (Am Rosenthaler Thor.) 47/5 Meine werthen Hauskunden bitte ich, ihren Bedarf Sonulags vor 10 Uhr zu decken, da mir die Sühne von 0,50 M. wegen eines Glases Bier zu theil ge« worden ist. 1031b W. Grube Mariendorferstr. 5. Bitte meiner Frau Lüdicke. geb. Karge, nichts zu borgen, da ich für nichts aufkomme. lOllOb W. Lüdicke. Frische Ame'seneier, Liter 1 M, Zilrousinken 75 Pfg., Schlag. Reizugfintrn 1,50 M. Hofsmann, Vogel Handlung, Neiuickendorserstr. 64o, Bahnhof Wedding. 102gb Itakeiclit billig!!! ardinen und Stores in weiß und creme, engl. Tüll, Schweizer und Spachtel von 1 A. 25 PS. an. Otto Bfithler, Berlin C., Königstr. 26, Spezialität: Bruchbaudagen aller Art (eignes Fabrikat), sowie sämmtliche Artikel zur Krankenpflege empfiehlt A. 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Mai, abends 8 Uhr, im Lokale des Herrn Xeller, Koppenstraße Nr. 29: Kp. Volksversamitilung. Tages-Ordnung: 1. Erfüllt die Eisenbahn die berechtigten Fordernngen des Volkes? Referenten Reichstags-Abgeordnete krita Lnbeil und Ltolls(Sachsen). 2. Diskussion. MF" Genossen! Da die Versammlung am Montag, den 6. Mai auf- gelöst wurde, ist es Pflicht eines jeden, in der Versammlung zu erscheinen. 20l/4_ Der Dertrauensmau». Teutschcr Holzarbeiter-Verband. Zahlstelle Berlin. Dezirks-Uevsammlnugen: Nolkn, Weliiiiilg liilii Gesundbrulllleil.' Montag, den 13. Mai, al> endo 8V2 Ustr» im Kolbrrgrr Kalon, Kolbergerstr. 23. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Natdsr über: Die Sozial- reform und die Gewerkschastsbewegung. 2. Diskussion. 3. Verbands- angelcgenheiten. 240/16� Zu dieser Versammlung sind die Kollegen der Werkstellen von Mai er. Schulzendorferstr. 26, Springborn, Liebenwalderstr. 31 und Strot- hoff, Anlonstraße, eingeladen. Wcjtl«»d Awklic«."STwl*"'■ Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3, Werkstatt- und Verbandsangelegenheiten. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Um zahlreiches Erscheinen ersucht via Oi-tsverwaltung« UertranenKmanuer-Uerfammimtg: Mt«, GesllllhbrllNe!! mil...... Kolbergerstr. 23. Heute Abend: Sitjllilg her LrtsliemMllg . bri Schöning, Stallschreiberstr. 23. Zkui» BeavMirng! Zur Unterstützung der Schmöllner Streikende» sind Sammellisten von der Orrsverwaltung ausgegeben. Die Beitragsammler, sowie alle diejenigen, welche auf diese Listen sammeln wolle», werden ersucht, solche von Kollegen Otto Grunert, Manteuffelstr. 64, in Empfang zu nehmen. In den Vertrauensmänner-Versammlungen werden die Listen für die Schmöllner Ausständigen von den Obmännern der Werkstatt-Kontroll- kommission ausgegeben. Mittwoch, den 15. Mai, im KoU-rrger Salon, Sattler! An» Sonnabend, de» 11. Mai, abends 8Vs Illip, im Lokale der Kommandantenstraße 20: Große öffentliche Versammlung. Tages- Ordnung: 1. Die Sonntagsruhe und unsere Arbeitgeber. 2. Die augenblickliche Militärarbeit.— In anbetracht dieser wichtigen Tagesordnung bitten wir die Kollegen, recht zahlreich zu erscheinen. 214/1S SV Die regelmäßigen Mitgliederversammlungen fallen aus. via IgitstjoTwIcommiEsion. I. 91.: Brnno Forsch, Rixdorf, Steinmetzstr. 21. Freie Vereinigung der Bau-Arbeiter Berlins. Am Sonntag, den 12. Mai, vormittags 11 Uhr, im Swinernünder Gesellschaftshans, Swinemünderstraße 35(kleiner Saal): Mitglieder-Versammlung. Tages-Ordnung: I. Vortrag des Genossen Braunschwelg über:„Wer sind die Um- stürzler"? 2. Diskussion. 3. Stellungnahme zum Stiftungsfeste. 4. Vereins- angelegenhciten und Verschiedenes.— Nene Mitglieder werden aufgenommen. Um das Erscheinen sämmllicher Mitglieder ersucht 80/13 Der Vorstand. Achtung! Achtung! Große öffentliche Versammlung sämmtlicher in der Damell- illlh Killiitt-Klillsektilill beschäftigtell Ärbeiter Ulli» Arbeiterilluen Berlius uu!» Uillgegeui» am Sonntag, den>2. Idai, nachnrittags 3 Uhr, im Lokale von Kummer, Berlinerstrasse 136 in Rixdorf i T ages-Ordnung: 1. Vortrag. Referent Genosse VTagner. 2. Diskussion. 3. Gewerkschaftliches und Bekanntmachung des Arbeitsnachweises für Rixdorf.— MT Um zahlreiches Erscheinen bittet 33/4_ Die Agitationskommission. Deutscher Metallarbeiter- Verband. (Venwaliung Berlin Osten.) Sonnabend, de»» ll. Mai 1895, abend» Ssse III)»:, im Lobale de» Heren Rieft, Mrberstrasse 17: Mitglieder Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Berichterstattung über die II. ordentliche Generalversammlung. (Kollege Rol)rla«t«). 2. Diskussion. 3. Aufnahme neuer Mitglieder. 4. Ver- bandsangelegenheitcn und Verschiedenes.— Die Kollegen werden ersucht, zu dieser Versammlung zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Gäste willkommen. vle Ortsverwaltung. I. A.: Lange, Kassirer, Straßburgerstr. 31, Hof pt. 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