Ur. 113. Cndieliit täglich außer Moalag». Preis pränumerando � Viertel- tährlich z.zo Mark,»tonatlich l.io Ml,, wöchentlich SS Pfg, frei in's Haus, Einzelne Nummer ö Pfg, Sonntags- Nuininer»>it illuftr. Sonntags-Beilage„Neue Welt" 10 Pfg. Post-Abonnement: s.soOTt. proQuartal. Unter Kreuzband: Deutschland u, Oesterreich. Ungarn s Ml,, für das übrige Ausland»Mk, pr.Monat, Eingetr. t» der Post- ZeUungs- Preislifti für lö-s unter Nr. Iii». 12. Jahrg. AnfertionZ Gebühr beträgt für die fünfgefpallene Petttzeile oder deren Rauni eo Pfg., für Vereins- und Aersainmlnngs- Anzeigen so Pfg. Jnferale für die nächste Nummer müsse» bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Tie Expedition ist an Wochen- tagen bis? Uhr Abends, an So»»- und Festtagen bis o Uhr Bor- mittags geöffnet. Zcrnsprecher: Amt l, Jlr. 1508. Telegramm- Adresse: „Sojinidrmoluat Arrii»!' Verliner Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Der Zweck der Parlamente. »Ob Sie die Gründe, die die Regierung leiten, für richtig finden, das ist den verdnndeten Re- g i e r u n g e n im großen und ganzen ziemlich gleich- g i l t i g; die Regierung bedarf Ihrer nur insoweit, als Sie den Gesetzen, die sie Ihnen vorlegt, z n z u st i m m e n haben, n nd als Sie die Gelder zu be- willigen haben." Herr ron Koller war es, der allen etwa zu ülertricbcn für das Parlament des deutschen Volkes, wie es i st, schwärmenden vertrauensseligen Seelen so arg den Staar gestochen hat. In einem streng vcrsassungemäßig parla- mentarischcn Lande könute eine solche Icldwebcl-Acnßcrnng einem Minister recht thener zn stehen kommen, für Preußisch- Teutschland hat diese Aenßerung nur die Bc- deutung, die sonst bestrittene Thatsache, daß wir Tentsche nur im Schein Parlamentarismus leben, zu beweisen, und zu zeigen, daß gewisie Organe der Regierung das Parlament als Jasagc-Maschine für ihre Gesctzesentwürse, und dann weiter als Geldbewillignugs-Maschine betrachten, die als Tukatcnmäunchen für Herrn v. Koller und seine Ministerkollegen zu dienen hat. Man wird sich das merken und in ausgiebigster Weise weiter verbreiten, was sich die verbündeten Regierungen als den erhabenen Berns der deutschen Volksvertretung vorstellen, wenn Herr v. Koller, der preußische Polizeiminister, in der That recht haben sollte tat er aber nicht recht, so muß das deutsche olk verlangen, vornehmlich müßte es auch der Reichstag, daß der Herr Polizciminister ganz gehörig „rcktifizirt" werde, wie das wohl bei der Polizei genannt zu werden pflegt; genau wie einer seiner Schutzlente, der sich eine Amtsgewallsüberschreitung zu schulden kommen läßt. Tie Aeußerungen der Herren Minister, namentlich der preußischen, sind in neuerer Zeit öfter recht interessant ge- wcsen, nur schade, daß sie im Drange der Ereignisse so leicht in Vergessenheit gerathcn. Aber das Wort des braven Herrn von Köller darf nicht so ohne Sang und Klang in den Strom der Vergessenheit schwimmen. Dem historisch und juristisch wohl genügend vorgebildeten Herrn von Köller ist es vielleicht nicht unbekannt, daß die Parlamente früherer Zeit in ihrer Gesamnithcit sowohl als in Ausschüssen, die sie aus ihrer Mitte bildeten, Staats- Prozesse geführt und entschieden haben, wobei zuweilen Minister und Könige den Kops lassen niußten. Das ist das andere Extrem, Herr von Köller, und die auf Ihre phantastisch absolutistische Auffassung der Parla- mcntc gehörende Replik. Freilich wissen wir z. B. aus der englischen Geschichte, daß viele Könige, Heinrich, Richard, Karl n. s. w. das Feuilleton. fNachbnul verbot«».! Kerlwer Marztage. 13 Eine geschichtliche Erzählung von Michel Deutsch. Tie Ereignisse hatten es gefügt, daß er sich schließlich für Parlanient oft nur nothgedrungen zusammenriefen mit Außcrachtsetzung der beschworenen Verfassung, wenn sie Geldbewilligungen, Besteuerungen brauchten. Ehrliche Gc- schichtsschrcibcr nennen diese Vcrfahrungsweise auch bei ihrem richtigen Namen, und Ehren- oder Schmcicheltitel sind es nicht, welche sie für derartige Herrscher in Bereit- schaft haben. Und eins mögen die Köller n. Ko. sich merken: Tie Parlamente sind allerdings„Geldbewillignugs- Maschinen", wie Herr v. Köller ganz richtig meint. Aber sie können auch noch etwas anderes sein: Geld v e r w e i g e- r u n g s- M a s ch i n e n. Und wenn es in früheren Zeiten, als die Vorfahren des Herrn v. Köller ans die Landstraße gingen und sich„aus dem Slegreis" das Geld der bürger- lichen Kanaille holten, auch möglich war ohne Parlamente auszukommen, so ist dies heutzutage in jedem Staat mit entwickelter bürgerlicher Gesellschaft einfach unmöglich. Als vor drilthalb Jahrhunderten Karl der Erste vou England den Rathschlägen der zeitgenössischen Köller folgend, das Parlament zu vergewaltigen suchte, kostete ihm das bekanntlich den Thron und das Leben. Allein weil damals die bürgerliche Gesellschaft noch nicht weit genug entwickelt war, konnte nach Cromwell's Tode ein Rückschlag eintreten. Jedoch nicht auf lange Zeit. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts war das bürgerliche Element so stark, daß es in einer zweiten Revolution zur Herrschaft gelaugte, und seitdem hat kein englischer Monarch und Minister dem Parlamente mehr Trotz geboten. Und Deutschland ist heule weiter als England vor 200 Jahren. Hat Herr v. Kötler noch nicht darüber nach- gedacht, woher der preußische Staat und das Tentsche Reich ihre Existenzmittel hernähmen ohne Parlament? Jndeß das Nachdenken ist Herrn v. Köllcr's Sache nicht, und auch nicht die von seinesgleichen. Es giebt Leute, die blos durch die Praxis belehrt werden können, wie Kinder trotz aller Belehrung so lang mit dem Feuer zn spielen pflegen, bis sie sich die Finger tüchtig verbrannt haben. Mögen die Herren mit dem FP"« spielen— die Folgen müssen sie sich zuschreiben. Das aber steht fest: ob nun der Reichstag die verfassuugsividrigen Aeußerungen de Herrn v. Köller als Ausgangspunkt einer Aktion zur Sicherung der parlamentarischen Rechte benutzt oder ob er den Kopf in den Sand steckt und ruhig abwartet, ivas da kommt— einerlei, ob Herr vou Köller im Amt bleibt oder zn den übrigen geworfen wird— die Frage, welche Stellung die Volks- Vertretung in Deutschland einnimmt, ob die eines wirklichen ausschlaggebenden Machtfaktors oder eines bloßen Bcrathnngs- körpers gleich dem russischen Senat— diese Frage drängt jetzt endlich zur Entscheidung, und unsere Herren Politiker werden sich wohl oder übel entschließen müssen, sie ins Auge zu fassen. die Niederlassung in Paris entschied. Noch ganz erfüllt von den gewaltigen Eindrücken der Pariser Febrnartage, war er herbei- geeilt, um Lotte sammt den Ihrigen aus der stickigen Atmo- sphäre Berlins in die freiere Luft der Seinestadt zu ver- pflanzen. Ihr zäher Widerstand hatte ihn verdrossen— das war nun wieder jener echte deutsche Spießbürgersinn, der sich aus althergebrachter schlechter Gewohnheit nicht von der Scholle loszureißen vermochte. Nein, hier war Hopfen und Malz vor der Hand noch verloren. Er war auf seiner Fahrt auch durch Köln gekommen, dessen aufgeklärte Ar- beiterschaft er in lebhafter Erregung gefunden hatte. Er hatte auch von den Zugeständnissen gehört, die hier und dort den deutschen Landesvätern von den drohenden Volks- Massen abgetrotzt worden waren. Aber alles das erschien ihm nur als ein Wiederschein der Pariser Ereignisse, der gar bald verblassen und jedenfalls über die Elbe hinaus keine Wirkung ausüben würde. Und nun stand ihm da, mit blitzenden Augen, ein fünfzehnjähriger Knabe gegenüber, der sich kühn vermaß, mit seiner Kinderhand an dem Jahrhunderte alten Gebäude einer starr absolutistischen Herrschaft zu rütteln! Das iniponirte ihm und gab ihm zu denken— sollte er am Ende diese Berliner doch falsch beurtheilen? „Es sind nicht blos die Jungen," begann Schnick in seiner geheimnißvollen, sanften Weise.„Die Erbitterung ist groß in allen Kreisen des Volkes. Armuth, Hunger, Krank- heit sind überall zu Gast. Die Kartoffelrevolution im vorigen Jahre, das war so eine Probe. Da hätten Sie sehen sollen, was die Roth auS den Menschen macht: keinen Teufel haben sie gefürchtet. Vor drei Jahren, wie die Kattundrucker die Arbeit ein- stellten, weil sie bei ihrem Lohn verhungerten, da machten die Herren da oben noch ein strenges Gesicht und steckten die armen Leute alle mit einander ins Loch. Im vorigen Jahr sperrten sie nur die„Schlimmsten", die Rädclssührer, ein, und zu Königs Geburlstag ließ man sie alle mitsammen wieder laufen,'s sollte'ne Gnade sein, extra vom König, aber kein Mensch hat's ihm Dank gewußt. Bös' Blut hat's gemacht, weiter nichts. Und der Winter dies Jahr, der war noch schlimmer wie der letzte— gehen Sie nur hin ins Vogtland, und ins Frankfurter Viertel, und da herum, da können Sie schöne Sachen zu hören be- kommen!" „Fragen Sie doch'mal meinen Meister, wie der denkt!" versetzte Ferdinand.„Der hat uns gestern ein neues Lied lernen lassen— das kostet wenigstens zehn Jahre Spandau, wenn man's ans der Straße singen ivollte." „Den Bürgerlichen trau' ich nicht sehr", meinte Härtung, „die nehmen gern's Maul voll, und wenn's drauf an- kommt, dann denken sie: weit voni Schuß ist sicher. Wir haben's erlebt, in Paris jetzt. Das arbeitende Volk— das ist die Armee, die von jeher die Schlachten der Freiheit und des menschlichen Fortschritts geschlagen hat." „Na, für Meister Grams möcht' ich jedenfalls gutsagen", versetzte Ferdinand in überzeugtem Tone. „Dann ist er eine Ausnahme", entgegnete Härtung. „Um so besser, je mehr solcher Ausnahmen da sind." Lotte trat ein und breitete ein blendend weißes Tisch- tuch aus den kleinen Tisch, der in die Mitte des Zimmers ge- schoben worden war, während Dora, von der Arbeit am Küchenherd hochgeröthet, das für den Gast bereitete ein- fache Mahl auftrug. Hans zn Ehren war auch nach kurzein Bedenken ein Extrakaffee, wie man ihn in der guten Zeit getrunken hatte, gewagt worden, und die ganze Gesell- schaft labte sich mit Behagen an dem duftigen braunen Tranke. Zum Ueberflnß hatte Schnick ein paar Silber- groschen für Weißbier spendirt, das Ferdinand soeben in einem großen, schaumbedeckten Glase aus der Wirthschast nebenan herbeibrachte. VtfUtistfio IteUetiirfif. Berlin, 15. Mai. Ter Reichstag hat heute den Antrag Rickert, betr. Aeudcrung des Wahlgesetzes berathen. Es bot sich schöne Gelegenheit, die Pläne der Konservativen, die ans Ab- äudernng des Reichstags- Wahlrechts eventuell auch durch einen Staatsstreich hinzielen, zu beleuchten. Dieser Ausgabe entledigten sich in trefflicher Weise die Abg. Singer und Bebel. Die Stimmung der Konservativen, welche ohne Glauben zn finden, derartigePläne leugneten, wurde eine s o ungemüthliche, daß sie den Schluß der Sitzung herbeiwünschten. Nach einem vergeblichen Versuche, die Veschlußnufähigkeit des Hauses festzustellen, gelang dies endlich dem Abg. Kardorff, so daß die zweite Lesung abgebrochen werden mußte. Die Regie- ruug weigerte sich, ihre Stellung zu dem Gesetzentwürfe zu präzisiren. Man kennt sie aber trotzdem.— Das Arbeitsprogramm des Reichstags. Wie ein parlamentarischer Berichterstatter meldet, ist nunmehr die Vereinbarung zwischen dem Reichskanzler und dem Präsidium des Reichstages dahin getroffen worden, daß Mitte nächster Woche die Reichstagstagnug geschlossen werden wird. Die beiden Nachtrags-Etats und das sogenannte Noth-Zucker- stener-Gesetz werden am Donnerstag auf die Tagesordnung zur ersten Verathuug gestellt und höchstwahrscheinlich ohne Kommissiousberalhung erledigt werden. Alsdann werden der Aulrag der Wirthschaftlichen Vereinigung betreffend den Handel und Verkehr mit Butter u. s. w. und die Brannt- weinstcucr-Novelle, die bis dahin für das Plenum reif sein wird, zur Berathnng gestellt werden. Damit wird im großen und ganzen das Arbeitspensum des Reichstages er- schöpft sein.— Die LandtagSsession soll nach der„Nalional-Zeikung" bis Ende Juni fortgesührt werden, nachdem zivischen der Stempel- iteuer-Komniissto» und dem Finanzminister eine Verständiguno über die streitigsten Punkte erzielt worden sei.— Herr von Kölker ist jetzt so sehr in dc>l Vordergrund des öffentlichen Lebens getreten, daß er, falls ihm Eitelkeit innewohnt, sehr zufrieden damit sein kann. Er wird von vielen als Hanptvertreter des herrschenden Systems be- trachtet, und man hört sogar die Ansicht äußern, in den Ungeschicklichkeiten des Herrn von Köller liege Methode, er habe den Plan gehabt,' die Umsturzvorlage zu Fall zn bringen, damit einem Ausnahmegesetze im Geiste Stumm's und des Kriegs- Ministers der Weg gebahnt werde. Hiernach wäre Herr von Köller eine Art Brutus, nur mit umgekehrtem Zweck. Der alte römische Brutus stellte sich bekanntlich dumm, um die tyrannischen Machthaber zu täuschen und Zeit und Ge- legeuheii für die Befreiung des Volks zu finden. Und das „Ja, was ist das nun eigentlich?" fragte Hans Härtung plötzlich, indem er vom Essen aufsah—„mein Willkommenschmaus oder mein Abschiedsmahl? Denn, wie mir scheint, bin ich doch vergeblich hierher gereist." „Aber Haus, Du böser Mensch, wie kannst Du nur so sprechen!" sägte Lotte mit sanftem Vorwurf, während es schmerzlich um ihre Lippen zuckte.„Fühlst Du nicht, daß Du uns weh thust mit solchen Worten? Laß doch die Sache reifen—, guter Rath kommt über Nacht, sagt das Sprichwort." „Nun, nun, verzeih," meinte Hans gutmüthig lächelnd, indem er die neben ihm sitzende Geliebte an sich zog.„Und wenn ich nur gekommen iväre, um Dich wieder'mal zn sehen, mein Herz, dann hätt' sich's mir schon gelohnt." Er zog unbemerkt ein kleines Etui ans der Tasche, ent- nahm ihm zwei blinkende goldene Ringe und steckte den einen dem überraschten Mädchen und den andern sich selbst an den Finger. „So, mein treues Lottchen," sprach er, indem er seiner von der unverhofften Freude überwältigten Braut einen Kuß aufdrückte—„jetzt ist's weder ein Willkommens- noch ein Abschiedsmahl, sondern ein Verlobungsschmaus. Und was auch kommen mag— ich werde von Dir nicht lassen, mein Mädchen." Jubelnd und glückwünschend umringten alle das Herr- liche junge Menscheupaar. Vater Alathias konute sich nicht länger halten und sank aufschluchzend an Hartuug's Brust. „Verzeih', mein Junge, aber... ich... konnte nicht anders..." brachte er mühsam hervor. Florian Schnick stand an den Schneidcrtisch gelehnt da und ließ in stiller Mitfreude die Thränen über seine Wangen perlen. „Florian, Sie guter Mensch," sagte Lotte und drückte herzlich die Hand des Gesellen.„Er war mein Erzieher, mein Freund und Lehrer..." Hans Härtung trat auf Florian zu, zog seineu buschigen Flachskopf an die Brust und küßte ihn aus die fein ge- furchte Stirn. „Wollen auch weiterhin Freunde bleiben," versetzte (iVicI gelang aiid), denn er jagte die Könige ans Rom/ das tNepnbltk wurde. Nein— Herr v. Koller ist kein Brutus, auch kein nnigekehrter Brutus, der seine geistigen Fähigkeiten verbirgt und aus Klugheit Ungeschicklichkeiten begeht, um das Wer! der Reaktion besser verrichten zu können— Koller ist Koller— was er gelhan hat, ist die reine Natur und nie bat eS eitlen urwüchsigeren Naturburschen gegeben. Nuhl» von Methode, nichts von System— alles natur- u'nchsigc Natur— echte, nuverfälschte Köllerci. Nicht in dem Manne, den wir ja seit anderthalb Jahrzehnten genugsam kennen, liegt die Bedeutung der Köllerci, sondern in der Thatsache, daß sie überhaupt möglich ist. Der Mann steht nicht da ans eigenem Willen. Und der Wille, der ihn hingestellt hat, kann sich nicht täuschen über die Unzulänglichkeit des Mannes. Und wer ist der Wille? In einem geordneten Staatswesen sind die Minister der Boiksvertrctnng verantwortlich. Im Deutschen Reich sind sie es n i ch t. Ans dem Papier verantwortlich ist einzig der Reichskanzler. Allein daß der jetzige Reichskanzler nicht verantwortlich ist für die Lage, nichl verantwortlich ist für den Köller und die Köllerci— das weiß jedes Kind. Ein anderer Wille ist's, der uns entgegentritt. Oder viel- mehr nicht entgegentritt, denn er steckt in einer dichten Wolke wie der Jehovah der Inden. Dieser Wille ist der Kaiser, der„sein eigener Reichskanzler" sein will. Dieser Wille— und das schafft das beinahe Unheimliche der gegen- wärtigcn Lage— dieser Wille ist nicht verantwortlich; obgleich er in höchster ijZotenz persönlich ist, ist er siir die Volksvertretung doch keine Person, er darf nicht einmal bei seinem richtigen Nanie» genannt werden. So haben wir die seltsame Anomalie eines persönlichen Regiments ohne persönliche Regierung. Wir haben zwei Regierungen, eine ans der Bühne und eine hinter den Koulissen. Auf der Bühne Köller und Kompagnie— hinter der Bühne die Hand, welche die Puppen lenkt. Und nach der Hand darf niemand greifen— das wäre Wiajcftätsbeleidigung. Daß sich zu einer solchen Rolfe blos Leute hergebe», deren— Ungeschicklichkeit keine Vcr- stellnng ist, das liegt auf der Hand. Was sind das aber für Zustände!— Was nun?, so waren in der bürgerlichen und agrarischen Presse zahlreiche Artikel über die Ablehnung der Umsturzvorlage betitelt, von denen wir eine Anzahl unter den Preßstiinmen rcgistrirt haben. Zu den Vorschlägen der „Krcnz-Zcituug", welche in der Nachahmung der Crispi- scheu Schandpolitik gegen die Sozialdemokratie gipfeln nimmt die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" Stellung' Sie hält diese Forin der„Umstnrzbekämpfung" nicht für- die praktischste und meint, daß man mit neuen Vorschlägen ivarteu müsse, bis man einer parlamentarischen Majorität für dieselben sicher sei. Sie schließt ihren Artikel folgender- maßen: „So scheint uns denn auch die nächstliegende Aufgabe nicht sowohl darin zu bestehe», neue Pläne zur Bekämpsung der Um- slurzbcwcgung zu konzipire». als a n f e r z i e h e r i s eh e m un d sonstigem Wege für dieZnstandebringung einer Mehrheit zu sorgen, die solche Vorschläge annimmt." Interessant wäre es zu wissen, was der Artikelschreiber und seine eventuellen Hintermänner unter den sonstige» Wegen verstehen.— SoziiUistcnbckciiiistsuttg. Was nun, nach dem Fall des Umsturzgesetzes gegen die Sozialdemokratie geschehen soll, darüber sind sich die bürgerlichen Gelehrten noch nicht ganz klar. Theils soll's nun ein neues Sozialistengesetz geben, theils soll wieder einmal„geistig" bekämpft werden. Die„Berliner Neuesten Nachrichten", eins der schofelste» nationalliberalen Blätter, schreiben heute in dem letzteren Silin: Die Frage, ob es möglich sein würde, die Arbeiter, deren Lesebedürsniß gegenwärtig meist von der sozialistische» Presse befriedigt wird, mit einer gesunden Zeitungslekrüre zu versehen, die freilich zunächst nahezu unentgeltlich(nichl völlig!) verbreitet werde» müßte und daher erhebliche Opfer er- fordern würde— verdient wohl Erwägung. Daß das Problem der Arbeiterpresse bis zur Stunde trotz der früher darüber be- standenen Zukunftspläne noch nicht gelöst worden ist, ist ebenso zuzugeben, wie das Bedürsniß, den Arbeitern die Wahrhcit�über die sozialistischen Utopien zu sagen, andererseits ihnen aber'auch die Möglichkeil zu bieten, Wünsche und Klagen an die Oefsenl- lichleit zu bringen. er warm.„Und das mij dem Weitling, das nimmst Du mir doch nicht übel— was, mein Junge?" Florian schüttelte nur den Kopf. Er nahm sich an Hartung's Seite wie ein nienschenfrenndlicher kleiner Gnom neben einem starken stingen Riesen ans. Alle hatten wieder ihre Plätze eingenommen, nur Ferdinand mußte noch ein- oder zweimal nach der Wirth- ichaft nebenan eilen. Tora bewunderte mit schüchternem Mädchenncide den Ring, den Lotte am Finger hatte. „Nein, diese Franzosen!" sagte sie,„ist's denn wirklich Pariser Arbeit, Hans?" „Echte Pariser Arbeit," versetzte Hans.„Ja, sie sind geschickt in diesen Sachen... da zum Beispiel..." Er zog einen dritten Ring, leicht und geschmackvoll in Gold gearbeitet und mit einem funkelnden Stein verziert, aus der Tasche. Und ehe noch die erschrockene kleine Echelmin sich's versah, hatte sie ihn am Finger. Auch Vater Wernicke, und Schnick, und Ferdinand wurden mit hübschen kleinen Andenken bedacht, und für den abwesenden Wilhelm war gar eine Taschenuhr von seiner Arbeit da. Der Ruf des bösen Paris stieg mit einem Male gar ge- waltig. Das war ein Tag heut, so einzig und schön, wie ihn die Familie Wernicke in ihren besten Zeiten nicht er- lebt hatte! „Aber nun erzählen Sie auch etwas von Ihrem Paris, Schwager Hans", versetzte Ferdinand, der gerade sein fünf- klingiges Pariser Messer probirte. Hans begann zu erzählen, und die andern hingen lauschend an seinem Munde. Er erzählte von den stürm- bewegten letzten Tagen, in denen er selbst handelnd mit eingegriffen hatte. Er erzählte von der Tapferkeit� des Pariser Volkes, das seine Peiniger mit einem energischen Schütteln des kräftigen Nackens in den Koth geschleudert hatte. Er erzählte, wie das Diebesgesindcl, das achtzehn Jahre laug Frankreich regiert hatte, vor den ehern dahin- schreitenden Volksbataillonen die Waffen gestreckt hatte und feig geflohen war, und wie nun nicht mehr blos die so- genannte„Freiheit", sondern auch das Recht a n s A r- b e i t, der soziale Gedanke gesiegt habe— wie man einen Arbeiter zum Minister erwählt habe, wie nian ein A r b e i t c r- P a r l a m e n t bernsen, die Arbeit organisiren und endlich der Mißwirlhschaft der Bourgeoisie einen Damm eiitgegeusctzcii wolle.(Fortsetzung folgt.)< Diese letztere Schwierigkeit begreifen wir allerdings voll- kommen und weinen eine stille Thräne des Mitleids. Es dürfte allerdings sehr schwer sein, Herrgotts- und regierungsfromme Orgänchen zu gründen, in denen man einerseits die Sozial- dcmokratje„vernichten" will, andererseits aber auch die wirklichen Wünsche und Klagen der Arbeiter an die Oeffentlichkeit kommen sollen. Die wirklichen Klagen und Wünsche der Arbeiter, die repräsentirt eben gerade die Sozialdemokratie in ihrer Kritik und in ihren Forderungen. Und deswegen kann aus dem schönen Traum einer gleichzeitig� sozialisten-fresscnden und doch arbeiter- freundlichen Presse nichts werden. Und deswegen müssen sich die Arbeiter vorläufig noch mit ihren eigenen Zeitniigen begnügen.— Die Zentrnnisprcsse behauptet— und sie unterstützt die Behauptung mit mancherlei Gründen—, daß die Regierung absichtlich und planmäßig die Umsturzvorlage zu Fall gebracht habe. In dieser Allgemeinheit ist das jeden- falls nicht richtig. Von Plan und Methode im Vorgehen der Regierung kann unmöglich gesprochen werden. Oder sollte die Planlosigkeit, mit der die Mitglieder der Re- gierung in der zweiten Lesung des Umsturzgesetzes vor- gingen, etwa Plan gewesen sein? Das hieße dem Zickzack- kurs zu viel Ehre aiithnn! derselbe hat wohl einen W i l l e n— sogar jede Stunde einen anderen— aber keinen Plan. Das aber steht fest, innerhalb der regierenden Klassen und auch wohl innerhalb der Re- gieriing sind Elemente, die einen Konflikt mit dein Reichs- tage wünschen— einen Konflikt, der von größerer Trag- weite wäre, als weiland der Konflikt zu Anfang der LOer Jahre. Damals handelte es sich um cincii Konflikt zwischen Volksvertretung nnd Regierung— Landtag und Bismarck—; nnd diesmal wär es ein Konflikt zwischen Volksvertretung und Krone— zwischen Reichstag und Kaiser. Dieser Konflikt liegt ans dem Wege aller Politiker, deren Ideal der Staatsstreich ist.— Das neue prenstische Vcreinsgcsctz soll bis zum Herb st vertagt werden. Der„Hamburger Korrespondent" veröffentlicht einen ihm„aus parlamentarischen Kreisen" — nach der Lebensstellung des Verfassers könnte es ebenso gut heißen„ans Regiernngskreiseii"— zugegangenen Artikel, in dem die Gründe für und wider ein neues Vereiusgesetz in Preußen erwogen nnd von taktischen Gesichtspniikten ans der Meinung Ausdruck gegeben wird, daß es „rälhlkher sein würde, die ganze Aktion bis zum Herbste zu verschieben":„Um so dringlicher ist es nach der Anffassuiig sachverständiger Politiker und Kenner der parlamentarischen Verhältnisse, daß, wenn an die Ein- bringnng einer solchen Novelle zu dem Vereinsgesetze für die laufende Session des Landtages überhaupt gedacht wird, die Sache nach allen Richtungen hin sehr geschickt inszenirt nnd ebenso weiter behandelt werden muß, wenn anders der Mißerfolg im Reichstage im Landtage wett ge- macht werden soll." i Nun, im reaktionären preußischen Abgeordiietenhause wird ja nicht allzu viel Geschicklichkeit dazu gehören, die geplante„Aktion" dnrchznbriugen. Für das Abgeordneten- Hans ist am Ende Herr von Köller gerade noch geschickt genug.— Tie NachtragSctatö sind ani Mittwoch dem Reichstage zu- gegangen. Der erste Nachtragcetat balanzirt mit SO 000 M. in Einnahme und Ausgabe für das vslafrikanische Schutzgebiet, 20 000 M. für Kamerun. Zur Betheiligung der Kolonial- abtheilnng an der Berliner Gewerbe-AussteUung 1836 werden im zweiten Nachtragsetat 50 000 M. gefordert. Diese Forderung wird also begründet: Die im Frühjahr 1896 staltsindende Berliner Gewcrbeausstellung hat u. a. eine koloniale Gruppe in Aussicht genommen, um in thunlichster Bollstaiidigkeit diejenigen Gegenstände vorzuführen, welche weiteren Kreisen einen Ncberblick über den Entwickelungszustand der deutschen Schutz- gebiete, sowie ihre Handels- und Verkehrsbeziehmigen zum Mutterlande zu verschaffen geeignet sind. Es wird darzuthun sein, welche Gebäude hauptsächlich in diesen Schutzgebieten zur Unterbringung der kaiserlichen Verwaltnng und ihrer Organe er- richtet nnd welche bauliche Anlagen dort anderweitig den öffent- lichen Zwecken zu dienen bestimmt sind— wie Hafenanlagen, Leuchtthürme, Lazarethe, Schulhäuser n. s. w.— welche ver- schiedenen Transportmittel an Rcgierungsdampsern u. s. w. zur Verfügimg stehen, welche Ergebnisse für die Erforschung der Literarisches. Adelheid Popp. Die Arbeiterin im Kamps nms Dasein. Wien. Verlag der Ersten Wiener Bolls- Buchhandlung. Preis 20 Pfennig. Die Verfasserin des vor uns liegenden Schriftchens ist wahr- scheinlich weiteren Kreisen der deutschen Parteigenossen unter ihrem früheren Mädchennamen Adelheid Dworäk besser bekannt. Es ist unsere strebsame österreichische Genossin, die seit Jahren unermüdlich agitatorisch thätig ist und insbesondere die Arbeite- rinnen für die sozialistische Bewegung zu gewinnen sucht und wie bekannt, mit dem besten Erfolg. Die Schrift enthält, gestützt auf die Lebensersahrungen der Berfasscrin, die selbst viele Jahre Arbeiterin war und die Zustände, die sie schildert, aus dem Grunde kennt, einen lebhafien Appell an die Arbeiterinnen aller Beruse, sich der sozialistischen Bemegung anzuschließen, von der allein sie eine Besserung ihrer traurigen Lage und die Erhebung zu menschenwürdiger Existenz zu erhoffen haben. Obgleich die Verfasserin ihre Beispiele und Schilderungen aus dem Leben der österreichischen Arbeilerinnen entnimmt, so passen dieselben und ihre Beurtheilung auch vollkommen auf die deutscheu Verhält- iiisse. Die kapitalistische Enlwickelung zeitigt überall, wo sie in die Erscheinung tritt, die gleiche» Blülhen und Früchte. Das gilt von der Arbeiterin nichl blos als solcher, sondern insbesondere auch als Geschlechtswesen, als welches sie Zumuthungen und Bedrückungen ausgesetzt ist. die der Arbeiter nicht kennt. Wir können das warm und lebendig geschriebene Echriftchen de» Genossen und i»sbeso»ders den Genossinnen aufs wärmste empfehle». A- ö* Timm, Johannes. Das Eweating-Eystem in der deutschen K o n f e k t i o n s- I» d u st r i e. Flensburg, 1895. Verlag von Fr. Holzhäußer. In keiner Großindustrie hat wohl die Ausbeutung der Arbeiter und Arbelteruiiieii durch das Zwischenineister-Systein solche Ausdehnuiig gewonnen, wie in der Bekleidungs-Jndustrie, i» der sogenannten Konseklion. Die Anserligung von Konfektions- waaren für Tamen ist stärker noch diesem Schicksal verfallen, als die Herrenkonfektion, da die Verfertigung von Danieiimmiteln. Schürzen, Kleidern u. dgl. meist in de» Hände» von Frauen liegt, die der Ausbeulung erfahrungsgemäß weit geringeren Widerstand entgegensetzen, als ihre männlichen Leidensgenossen. Um diesen Üebelstönden energisch entgegenzutreten. hat der Verband deutscher Schneider u»d Schneiderinnen durch den Genoffen Timm die vorliegende Agitations- schrift verfassen lassen. J» klarer nnd übersichüicher Leise wird darin anseinaiidergesetzt, wie die mächtig i» Deutsch' einzelnen Ländergebicte(Reliefltirten, Photographien u, s w-� vorliegen.— Tic Umflnrzt'orlage und die anöländische Presse. Nach- dem wir schon gestern die treffenden Bemerkilngeil des Haupt- organs der englischen Konservativen, des„S t a n d a r d", zum Fall der Umsturzvorlage wiedergegeben haben, seien heute, nach einer Londoner 51orresponde»z der„Frankfurter Zeitung", noch einige mteressaiile Preßstiniinen nachgetragen. Alle Londoner Blätter zeigen sich danach sehr befriedigt über die Verwersilnz der Umsturzvorlage durch den Reichstag und alle geben dabei der Hoffnung Ausdruck, daß die deutsche Regierung ails ihrem Mißerfolge die nöthigen Lehren für die Zukunft ziehen werde. Am schärfsten spricht sich das„Daily C h r o n i c l e" aus. Der Kaiser, lagt das radikale Blatt u. a., habe jetzt eine günstige Gelegenheit, den Grafen Caprivi—„den einen großen Staatimann, welchen die Nach-Bismarckische Zeit hervorgebracht hat"— zurück- zuberufen oder die mehr liberal gesinnten Elemente im Reichstage zu Rothe zu ziehen. Die Aktion des Reichstags bedeute, daß das Land eine freie Besprechung aller ernsten Fragen wünsche und es sollten daher alle Versuche, die persönliche Freiheit eiuzu- schränken, aufgec-Heu werden. Der„Daily Telegraph" findet es unbegreislich, daß die Rathgeber des dritten deutschen Kaisers so wenig gelernt haben aus früheren mißlungenen gesetz« geberischen Versuchen, durch Beschränkung der persönlichen Frei« heit den Geist der Revolution auszuroden, denn die Umsturz- vorläge habe in vielen Beziehungen doch nur dem gegen die Sozialdemokratie gerichteten Gesetz geglichen. Die„Times" sagten Herrn von Köller einige unangenehme Dinge und bemerkten zum Schlüsse:„Man traute sich gegenseitig nicht. Wahr- scheinlich ist das beste, was die Regierung thun kann, wenn sie ihre Niederlage ruhig hinnimmt und ver- ucht sie zu vergessen. Möglich, daß die Nation sie dann auch eher vergißt." Die„Daily News" faßt sich ziemlich kurz.„Die Ver- werfuiig der Vorlage", heißt es dort,„beweist aufs neue, welches schlechte Verhältniß zwischen der Rcichsreaieruna und dem Reichstag besteht. Sie zeigt, wie sehr die Mehrzahl der Volksvertreter der Regierung mißtraut. Der Reichstag empfand angen- scheinlich, daß die Regierung das Gesetz nicht gerecht anwenden würde und ein Sireich gegen die Volkssreiheiten sich hinter jedem Paragraphen barg. Der Reichstag hat seine Pflicht aetha». Das deutsche Gesetz, wie es jetzt ist, reicht völlig für alle Ge- ahren hin, welche als Entschuldigung für die Bill dienten. Der Kaiser und seine Rathgeber sollten die Zeichen der Zeit verstehen." Christlich- Soziale und die konservative Partei. Der„Reichsbote" macht folgende Mittheilungen:„Offenbar geht man in den Kreisen der Naumann'schen„Hilfe" und des„Volk" damit um, die ch r i st l i ch- s o z i a l e Partei als besondere Partei getrennt und im Gegensatze zu der konservativen als politische Partei zu etablireu." Die �Nordd. Allg. Ztg." sucht diese Spaltung etwas nnivahrscheinlich zu machen, wenn sie auch dieselbe nicht ableugnen kann. Sie will nämlich gehört haben, daß „dies Vorgehen den Herren vom„Volk" und von der„Hilfc" wohl wenig nützen werde; denn die älteren Christlich-Sozialen, namentlich Stöcker, Weber- Gladbach werden energisch für den bisherigen Zusammenhang der Christlich- Sozialen mit der konservativen Partei— als Gruppe innerhalb derselben — eintreten." Wenn es aber wirklich wahr sein sollte, daß die Christ- lich-Sozialen N a n m a n n' scher Richtung eine selbständige Partei gründen wollten, so wäre hierfür doch niemand anders als die berufene Vertreterin der konservativen Partei, die „K r eu z- Z e i t n n g", die Ursache. Denn dieses Blatt war es, das vor einigen Wochen die genannte christlich- soziale Gruppe als Gegner betrachten zu wollen erklärte. Die christlich-soziale Zeitung des Pastors Naumann hatte iveiiigsteiis versucht, in ihrer Art ernsthafte Sozialpolitik zu betreibe». Und das paßte den Junker-Konservativen natür- lich nicht in den Kram. Warum nun die Anstrengungen ans seile der Konservativen, die definitive Abzweigung der Christlich-Sozialen zu verhindern?— Petitionen an de» Reichstag. Das 13. Verzeichniß der beim Reichstage eingegangenen Petitionen enthalt u. a. solch« um Einberufung einer internationalen Münzkonferenz, um Abänderung des Znckersteuer-Gesetzes, um Auflösung der genossen- schaftlichen Konsumvereine und Waarenhäufer, um Anweisung an die Proviantäinter, freihändig zu kaufen, um Verbot der Ein- sührung des Quebrachoholzes oder Zoll auf dieselbe; weiter Vor- chläge, betreffend das sozialpolitische Versicherungswesen und den unlauteren Wettbewerb; eine sehr große Reihe von Petitionen gegen die Umsturzvorlage; weitere betreffend die Ab- änderung der Gesetze wegen der Binnenschifffahrt, der Flößerei, ln»d, besonders in Berlin aufblühende Konfektionsindustrie auf der Ausbeutung der ärmsten Arbeiter und Arbeiterinnen beruht. Die großen Handelsgeschäfte vergeben ihre Arbeit an Mittels- männer, die nach einem englischen Ausdruck Sweaters oder Schwitzmeister genannt werden. Der Schwitzmeister läßr die Artikel von Arbeitern anfertigen zum geringeren Theile in seiner eigenen, meist in deren Wohnung. Die übelsten Folgen der Hausindustrie, beständig meichende Löhne und ungesunde Woh- riungs- und Arbeitsverhältnisse sind die Begleiterscheinungen dieses Systems. Timm hat sie eher zu günstig als zu ungünstig geschildert. Nach den uns zugegangenen Informationen lassen sich z. B. die auf Seite 18 gerügten Benachtheiligunge» der Mänlelschneiderinnen bei der Anfertigung von Mäntelmustern gar- nicht vermeiden, da für Muster durchweg ein fester Mehrsatz von nur 50-75 Pf. gezahlt wird, während die weit größere Muhe der Anfertigung einen höheren Preis bedingen müßte. Für Zu» schneiden wird ferner jetzt dem Mittelsmann nichl mehr, wie Timm meint, 20 Pf. extra, sondern nur noch 10 Pf. gezahlt. Die Bügler, die nach Timm's Angabe mit 21 M. wöchentlich entlohnt werden, sind in der Damenkonfektion bereits vielfach durch Frauen ersetzt, die sich mit einem geringer» Lohn, bis zu 12 M. herunter, begnügen. Zur Beseitigung der gerügten Uebelstände will nun der Verein der Schneider und ischneiderinne» gemäß seinen Kongreßbeschlüssen für folgende gesetzliche Maßregeln agitiren: I. Ausdehnung der Fabrikinspektion ans die Hausindustrie; 2. Beseitigung der Slusnahmestellung der Hausiudustriellen beim Erlaß von Arbeiterschutz-Gesetzen; 3. ein streng durchgesührtes Verbot des Schwitzsystems. Für die Einrichtung von Konsektionsfabrike» durch die Geschäfte soll ferner unter den Arbeitern und Arbeiterinnen selbst eifrig Stimmung gemacht werden. Da faßt aber Genoffe Timm die Sache wohl etwas zu optimistisch auf. Er übersieht, daß eine große Zahl von Arbeiterinnen überhaupt nicht für eine solche Forderung zu gewinnen sein werden, nämlich alle die- senigen, die gleichzeitig einen Haushalt zu führen und Kinder zu beaussichligen haben. Leider hat unsere industrielle Entivickelung davon eine große Zahl in den Dienst der Industrie gepreßt. Sie nehmen sich Arbeil nach Hause, um einen Theil ihrer Zeit damit auszufüllen und wollen gar nicht in die Fabrik gehen. Hinter ihnen steht noch eine große Reservearmee von Frauen, die auch eine solche Beschäftigung vertreten. Sie sind bereit, für fast jeden Preis zu arbeiten und erleichtern den Unternehmern die Auf- rechlerhaltung des Schivitzmeifter-Systems. Trotzdem muß natür- lich der Versuch gemacht werden, wenigstens die unabhängigen Arbeiter und Arbeiterinnen zur gemeinschaftlichen Erkämpsung besserer Arbcilsbedingungen zu sammeln. E. 1-. der Gewerbe-Ordnung, der Vranntweinsteusr und deZ Zoll- r'ereiuv-Aertrcrges; endlich solche gegen den Antrag Heyl(Auf- Hebung des Handelsvertrages mit Argentinien) und für den An- trag Canitz.— Tie Polizei gegen die Studetiten. Eine Versauunlung rer- HaUcnfn' sozialwissenschastlichen Sludenten-Aereinigung wurde poltzetlich aufgelöst.- Auch bei der nenesteit Tchiefterei in Mainz ist der betreffende Soldat� Musketier Helle, auf telegraphisch eiugelroffeiieu Befehl des a i s e r s geehrt worden. Das Telegramm enthielt die Weisung, daß dem Soldaten für seilt tapferes Verhalten die allerhöchste Anerkennung seines obersteil Kriegsherrn durch den Gouverneur Herrn von Holleben vor der versammelten Mannschaft des 1. Bataillons und in Anwesenheit des gestimmten Offizier- Korps des Regiments auszusprechen sei. Bei der Aus- fuhrung dieses kaiserlichen Befehls waren außer dem Gou- verneur, dem Oberst und dem Ofsizierkorps des Regiments Rr. 87 noch die Herren Kommandant Sichart v. Sicharts- hosf und der Brigadegeneral v. Bardcleben anwesend, sowie säinmtliche Unteroffiziere und Maimschafteu des Bataillons. Tcm Soldaten wurde der kaiserliche Befehl mitgetheilt, die allerhöchste Anerkennung ausgedrückt und das Verhalten des also geehrten der übrigen Mannschaft in ähnlichen Fällen zur Rachahmuug empfohlen. Jeder der anwesenden Generäle, der Stabs- und anderen Offiziere beehrten darauf Helle mit einem Händedruck.— Ter„Mainzer Anzeiger" schreibt zu der Schießerei treffend: Ei» merkwürdiger Zufall will, daß der schiindige Kriegs- nuttlster Bronsart v. Schellei'.dorff von der Armee gesagt hat, sie wolle kein Blut vergießen; Polizei und Feuerspritze genügten, tun Widerspenstige zu Paare» zu treiben. Aber das ist Theorie; m der Praxis wird geschossen und gestochen, Fuchsiiiiihs. Der Redakteur Rost vom„Neuen Freie» Laudvoten" erhielt wegen eines stmgst veröffentlichten Artikels: „Fuchsmühl und die öffentliche Meintina" ein Strafmandat von vv M., weil der Artikel geeignet sei, in staatserhaltendcn, vrdnnngs- und vaterlandsliebenden Kreisen„Aergerniß zu er- regen".— Der Preßsüiider hat doch nicht etwa gegen die armen Fuchsmühler geschrieben? Das müßte bei allen au- staitöigeu Menschen allerdings Aergerniß erregen.— Trts ungarische Oberhaus hat wieder das Gesetz über die Konfessiouslostgkeit und darüber die Rezeption der Juden ab- gelehnt.— Proportionalwahl in der Schweiz. In der Stadt F r e i b n r g ist zum ersteil Male der ans neun Mitglieder» be- steh en de Gemeinderath nach den gesetzlichen Bestimmungen betr. die Proportionalwahl gewühlt worden. Hierbei gelang es den Arbeitern zum ersten Male, eine Vertretung im Genieinderathe zu erringen und zwar in der Person des Genossen Kaufmann Bischofs. Ohne Proportionalivahl wären pe noch lauge nicht dazu gekommen. Ans Anlaß der letzten, von einem heftigen Kampfe be- gleiteten Wahlen in Basel wollen sich die dortige» Genossen nächste»? niit der Bolksinitiative für die Proportional- wähl beschästigen. Bor Jahren wurde die bezügliche Initiative vom Volke verworfen. Heute glaubt man eher auf Annahnie rechne» zu könne». Unsere Basler Genossen haben statt der ihnen gebührenden 26 mir 7 Vertreter im Knntonsrath. Mit der Acilderung des Wahlgesetzes wird sich nächste Woch£ auch der Züricher K a n t o n s r a t h zu befassen haben. Der Staatsschreiber Stnßi hat nämlich die Ersetzung des jetzigen absoluten Mehrs durch das relative Mehr vorgeschlagen, nm dem Volke die Wahlarbeit zu erleichtern. Doch ist es fraglich, ob der Kantonsrath dem Vorschlags zustimmen wird. Für die Sozial- deinokrateu bedeutet indeß der Vorschlag kaum einen Fortschritt, ihnen kann nur das Proportional-Wahlsystem eine gerechte Vertretung bringen. Und ivie dringend nolhivendig da Gerechtigkeit ist, zeigen die Verhältnisse der Stadt Zürich. Bei den jüngste» Stadtrathwahle» erhielten die Sozialdemokraten LLpCt.(2V00) säinintlicher abgegebenen Stimmen, aber es wurde» nur IS statt 33 Sozialdemokraten gewählt, während die Freisinnigen 54 statt nur 35 und die Demokraten 42 statt nur 33 Vertreter haben. Volksabstimmung in der Schweiz. Im Kanton Zürich ha! daS Volk am nächsten Sonntag über vier Gesetzesvorlngsn abznsttvnnen. Zwei davon betreffen die Erhöhung und Aus- dehnimg der bestehenden Erbschaftssteuer, die eine führt die obligatorische Viehver sicher ung ein und die vierte hat nur lokales Interesse. Bemerkenswerth ist. daß der Bauernbund die Erbschaftssteuer bekämpft, trotzdem der Erbantheil von 5000 Fr. für jedes Kind steuerfrei bleibt und der Steuersatz für größere Erbantheile nur 1 pEt., mit Progression bis aus 2 pEt. beträgt. Dagegen ist der Bauernbund mit der Einführung der obligatorischen Viehversicherung gern einverstanden, für die die Staatskasse 360 006 Fr. zur Bildung des Versicherungsfonds und der Kanton wie der Bund jährlich je ca. 44 000 Fr. beitragen. Die Arbeiter werden für alle vier Vorlagen stimmen, doch ist das Schicksal der Erbschasts- stenervorlage zweifelhaft.— Die neuesten Enthiillnngen über Criöpi haben in Italien «in ebenso großes Aussehen erregt, ivie seinerzeit der berühmte ..Ulico Giolitti"— das„Päckchen Giolitti's". Die Schriftstücke belasten, wie ans den italienischen Preßstimmen erhellt, Crispi sehr schwer und sind von unbestrittener Echtheit. Die Rcgieruugsblätter wenden sich nicht gegen den Inhalt, sondern gegen die Veröffentlichung, was als Zugeständniß der Echtheit gelte» kann.— Man schreibt uns Hieruber aus Mailand: Ter unerschrockene bürgerliche Freiheilskämpfer, Felice Cavallotti, hat sich das geschichtliche Verdienst erworben, durch Veröffentlichung von Aktenstücken der Welt eine Reihe von Thalsachen vorzuführen, die ein Bild von Crispi's politischem Leben ausrolle», ein Schandbild so furchtbar gemeiner, infamer öiatnr, wie es noch niemals in der Geschichte der Völker und Nationen ein noch in voller Machtfülle und Herrschaft dastehender Staatsmann, der Schützling und geliebte Busenfreund eines re- gierende» Scheinköuigs, wie ein Gespenst der Nemesis hat vor sich attfüeigen sehen. Die Aktenstücke ivurden Cavalolli behuss der Veröffentlichung übergeben von Santoro, dem zuerst von Crispi ausgesuchten, später fortgejagten Direktor von Porto Ercole, der gegemvärtig, tvie eilist Giolitti, Italien verlassen und sich nach Paris begeben hat. Der„Secolo" von Mailand, dessen hohes Verdienst um die Sache der Freiheit in dem erbitterte», un- anögesetzlen Kampfe gegen Crispi wiederHoll an dieser Stelle hervorgehoben wurde, bringt den Brief und die Einleituug Cavalloiti's mit dem gesammten Wortlaut der Aktenstücke in einer vollen Beilage vom gestrigen Tage, die ei» geschlchtlichck Denkmal erste» Ranges genannt werden kann. Die Polizeiagenten in Uniform und Zivil rissen sich gestern in Rom nm diese Beilage, kauften sie auf höhere Weisung um jeden Preis auf, sodaß derFinanz- minister Sonntno selbst kein Original erhalten konnte und einen flehenden Brief um ein Exemplar an den Klub der Presse i» Rom schrieb. Cavallotti erklärt in der Einleitung, daß, was er dicr veröffentliche, noch keineswegs das ganze in seinem Besitze befindliche Material sei, als guter Soldat, der vor dem Feuer stehen soll, wolle er sein Pulver noch aussparen. Es ist nalür- lich unmöglich, in dem ersten vorläufigen Bericht auch nur cinelt Ueberblick der Älktenstücke zu geben. Für heute nur ein paar der von Crispi mit ausdrückliche» Worten g e- billigten Greuel auf Porto Ercole. Diese sind vielfach so haarsträubend, daß Cavallotti zum.Verglcich mir de» sürchter- lichllcn Zeiten der Bvurbonen den berühmten Brief hiniu- gefügt hat, den der heute noch lebende Gladsione nach 1843 an Lord Aberdeen schrieb, worin er das Bourbonen- Regiment die Negalion des Menschliche», aber auch die Negation Gottes nannte und Cavallotti fährt fort:„Aber Crispi's Herr- schaft unter dem heutigeil Königthum ist noch mehr als die Negation Gottes und des Menschen: es ist eine Art ivohllüstigen Deliriunis der Rachsucht, des Mordens mit ausgesuchten Qualen. Hier einige Thatsachen: der Ex-Direktor Santoro erklärt mit Namensunterschrift:„Schon als ich am 1. Juni mein Amt antrat, war ich starr vor Staune», daß sehr viele Gesäuge»?, seit Monaten eingeschlossen gar nicht wußten, weshalb sie hierher geführt worden waren, sie waren einsach überallher aufgegriffen und in Ketten hergeschleppt. Mir erschien dies als eine vollständig genaue Wiederholung der Leltres de Cachels für die Bastille. Einer von diesen in Kette» liegenden war achtzig Jahre alt, er ist noch dort, sein Name ist Francesco Muratore; ein anderer war vollständig blind und schleppte sich aus Krücken, sei» Name ist Gaötano Proto; ei» anderer hatte ein großes Krebsgeschwür am rechten Bein, sein Name ist Calalano Carmello; ein anderer war paralytisch in hohem Grade, er heißt Salvatore Grosso; ein anderer mit Lupus be- haftet, heißt Francesco Rosario. Dies find nur ein paar Bei- spiele— ich will von den andern schweigen. Ich schrieb sofort einen Bericht an den Minister, aber ich erhielt keinerlei Antwort, es kamen immer mehr Gefangene zum Zwangswohnsitz an und ich muhte alle vorhandenen Räume aiiflilleu, so gut es ging. Endlich auf meine wiederholte» dringenden Er- suchen nach Rom um Abhilfe schickte der Minister mir zum Nnlerhandel» den Präfekten von Grosseto, Herrn Batiista. iills ich diesem erklärte, um hier Abhilfe zu schassen, mußte die ganze Kolonie aufgelöst werden, erwiderte mir Herr Battista, ich sei ivahnsliiiiig. ma» brauche höchstens ein Dutzend nach der Insel Jschia z» transportiren tind hier, so fährt Herr Santoro fort, muß ich Ihnen, Herr Capallolti, das Geständniß machen, daß mir Herr Battista erklärte, der Minister habe ihm besohlen, be- sonders darauf zu achten, daß alle italienischen Ge- f a n g e n c il Tag und Nacht eingeschlossen in den Kerkern blieben. Bis zum 7. März dieses Jahres wäre» 315 neue als Anarchisten angeklagte Gefangene angekommen; ihre Behandlung war die der übrigen Gefangenen: ein Strohsack mit Strohdecke, ein Brot täglich von 600 Gran»» und Abends einmal eine Suppe von 160 Gramm.— Tie sozialistische Organisation zu Rom hat für die bevorstehenden Parlamentswahle» folgende Kandidaten proklaniirt: Rom, erster Wahlkreis, Giovanni Tomanico, Chefredakteur des Blattes„Asino"; zweiter Wahlkreis, Enrico Beriet; dritter, Andrea Costa; vierter. De Felice; fünster, Castellucci. In Albano wurde Podrecca aufgestellt und in Belletri soll De Felice aufgestellt werden.— Tie zn ZwangSdoinizil vernrtheilten Sozialisten und Zluarchiste«, die sich gegenwärtig in Port'Ercole befinden, sollen nach den zur Provinz Foggia gehörige» Tremiti-Juseln überführt werde». Diese Maßregel durfte eine Folge der E»t- hüllungen sein, die der radikale Abgeordnete Felice Cavallotti über die skandalöse Behandlung der armen Gefangenen in Port 'Ercole gemacht hat. Was nnsere Gegner sich vorlügen. Durch die Bourgeoispressc geht folgende Rotiz: London, 12. Mai. Die arbeiterfeindliche Taktik der sozialdemokratischen Trade-Unioils in England wird an einem recht drastischen Beispiel augenfällig illustrirt. Einem Eiseinvetke am Tyne sollte eine sehr bedeutende Stahlliefermig zu lohnendem Preise übertragen werden, aber nur in der Voraussetzung, daß nicht durch muth- willige Anzettelung eines Sireikes die Jnnehaltung des Liese- rungstermins vereitelt würde. Es handelte sich also darum, die Arbeiter in ihrem eigene» Interesse zur Eingehung der Ver- pflichtuiig zu vermögen, daß sie bis»ach Ablauf des Lieferungs- ternlius keinen Streik loslassen würde». Das paßte aber de» sozialdemokratischen Hetzelemenieii nicht in den Kram, sie stellten es als eine mit der persönlichen Freiheit des Arbeiters unvereinbare Znmuthung hin, sich für einen bestimmten Zeitraum im voraus zu binden. Infolge dessen verlor die Firma de» Austrag und die Arbeiter den Verdienst, aber das Streikprinzip war gerettet. Wie albern, diese Notiz. Jedenfalls hat die be- treffende Firma— vorausgesetzt, daß nicht alles erlogen ist— die Gelegenheit zu einer Beschränkung des KoalitonL- rechtes benutzt und ist damit natürlich abgeblitzt. Daß es in England keine„sozialdemokratischen Gewerkschaften" giebt, obgleich die englische Arbeiterschaft sich mehr und mehr dem Sozialismus zuivendet, sei nur nebenbei erwähnt. Und für wen ist nun diese Notiz geschrieben? Kein Arbeiter glaubt den Blödsinn. Die Herren Bourgeois be- lügen einfach sich selber.— Nnsere belgischen Genossen haben, wie wir schon be- richtet haben, am letzte» Sonntag einen große» Wahlsieg erfochten. Die Bedeutung dieser Wahl nölhigt uns, ans dieselbe nochmals zllrückzukommen. Unsere Parteigenossen haben eine» froßen tztimnienzuwachs zu verzeichnen, sie haben gegen die rniiptwahl am 14. Oktober v. I. 7495 Stimmen gewonnen, während die Liberalen 7366 und die llliramoutane» 1703 Stimmen verloren haben. Aber nicht blos in diesem äußere» Erfolge liegt die Bedeutung der Wahl. Unser Kandidat, der Lehrer Lekeu, war schon im vorigen Jahre von den Wählern ins Parlament entsendet worden. Die Minister hatlen die größten Anstrengiingen gemacht, die Wahl für uiigillig zu erkläre» und der Ministerpräsident halte erklärt: „Wenn eines Tages das allgemeine Stimmrecht den Bc- amte», dessen Wahl Sie fär nngillig erklärt haben, wieder in die Kammer entsenden würde, so wäre dies die dröhnendste Ohrfeige, die jemals ans der Wange eines Ministers ge- klatscht hat." Noch ist eine Stichwahl niilhig, die aber wohl den Sieg unseres Kandidaten zn einem endgiliigcn»lachen wird. Unser belgisches Parteiblatt schreibt zu diesem Wahlsiege: „Es ist mehr wie ein Sieg, den wir erfochten haben, es ist ein Triumph. Er ist der vollgiltige Beweis, daß der belgische Sozialismus mit Riesenschritte» dem Enlscheidungskamps um die öffentlichen Gewalten entgegengeht."— Die Engländer haben in Zentral- Asien noch immer vielfache Angriffe durch die Eingeborenen zu bestehe». Aus Simla wird gemeldet, daß die Eingeborene» in Tschitral fort- fahren, die britische Verbindungslinie z» belästigen; bei Kambat wurde die britische Post angegriffen, wobei 7 Kulis getödiet und 20 verwundet wurden; zwischen Mandah und Khar im Sivat- Thals wurden die Telegraphendrähte zerschnitten. Nach einem Telegramm aus Waziristan ivurde im Tochi- Thale«in brilischer Lieutenant von einem Fanatiker ermordet.— StaatSbaukerott und Reaktion in Serbien. Der Zu- sammenbruch der serbischen Herrlichkeit scheint bevorzustehen, die am l. Juli fälligen Zinsen für die große serbische Staatsschuld werden kam» aüfgevracht werden können. Zu den inneren Schwierigkeilen tritt nun der nnallfhaltsame Staatsbankerott. Alle reaktionären Maßregeln werde» die serbische Regierung nicht stütze» können. Die neueste Waffe der. serbischen Regierung bei ihrer„Uinsturzbekämpsnng" ist die Gemeindegesetznovelle, ivodnrch die Regierung ermächtigt wird, in„unbotmäßigen" Gemeinden die autonome Gemeindeverwaltung zu suspendiren und einen Regie- rungskominissar einzusetzen.— Eine japanisch- russische Frage ist richtig entstanden. Japan proteslirt nachdrücklich gegen die russischen Gebietsforde- rungen Mtd hat dabei unzweiselhafl England hinter sich. Käme es zum Krieg, so würde derselbe sicherlich nicht aus Japan und Rußland beschränkt bleiben.— Judianer-Nliruhen in Nord Amerika. In Arizona haben Jndianerbaiiden verschiedene Bergarbeilergesellschasten angegriffen; Kavallerie ist entsendet worden, um die Indianer zu versoigen. Es wird ein allgemeiner Ausstand besürchlet.— Zlarlnittettksbevichke. Herrenhans. 13. Sitzung vom 15. Mai 1835. 1 Uhr, Am Siegierungstische: Schönstedt, v. Berlepsch. Präsident Fürst zu Stosberg theilt ein Schreiben des Fürsten v. Bismarck mit, i» welchem derselbe dem Hause seinen verbindlichsten Tank für den Beschluß des Hauses vom 29. März(Ausstellung der Büste des Fürsten v. Bismarck im Herrenhause) ausspricht. Neu berufen in das Haus find die Herren Oberbürgermeister Haken- Stettin, Erster Bürgermeister Dr. Adolph- Frankfurt a.D., v. E s b e ck- P l a t e n auf Capelle, Graf v. Werth ern- Beichlingen, Gras Huthen-Czapski, v. Below- S a l e s l e, Dr. Freiherr v. L u c i u s- B a l l h a» s e n, Graf Behr-Behrenhosf, Justizminister S ch ö n st e d t und Ober-Landeskultnrgerichispräsident G l a tz e l. Es folgt der Bericht der verstärkten Justizkommission über den Gesetzentwurf, betreffend das G r n n d b n ch w e s e n und die Zwangsvollstreckung in das unbewegliche Ver- niöge» in de» der Grundbnchordnung vom 5. Mai 1872 bisher nicht unterworfenen Theilm der Provinz H es s en-N a ss au. I» der Spezialdiskussion wird bei der Einleitung des Ge- setzcs der Antrag v. I b e l l. das Herzogthum Nassau von der Vorlage auszunehmen, angenommen. Im übrigen wird die Vorlage nach der Kommisfionsfassimg mit einer vom Oberbürgermeister Westerburg- Kassel bean- tragten Usbergangsbestimmniig, welche Justizminister Schön- st e d t akzeptirt, angenoimnen. Ei» Vertngungsantrag wird um 5 Uhr abgelehnt. Es folgt die einmalige Schlnßberaihung über de» Rechen« schastsbericht über die weitere Ausführung des Gesetzes, betr. die Konsolidation preußischer Staatsanleihen. Der Bericht wird durch Kennlnißnahme für erledigt erklärt. Für die Rechnungen des 46. Berichts der Staatsschulden- Kommission über die Verwaltimz des Staatsschulden-Wesens in 1393/34 wird der kgl. Hauptverwaltung der Staatsschulden Decharge ertheilt. Schluß 5'/4 Uhr. Nächste Sitzung Donnerstag 12 Uhr. (Kleinere Vorlagen; Antrag Mirbach, betr. die Währungs- Verhältnisse. x>ovketNAik>».'iiliken. Einen häßlichen Wortbrnch hat man sich in Zentrums- kreisen Kölns zu schulden kommen lassen. Die Parteien waren dort einig geworden, bei der letzten Reichstagswahl äußerlich gleichartige Stimmzettel herauszugeben. Im Severiusvjertel sind aber von klerikaler Seite Stimmzettel ausgegeben morde», die in Größe und Farbe des Papieres von der vereinbarten Form ab- wiche». Wie sich das mit der Devise des Zentrums:„Für Wahrheit, Freiheit und Recht!" verträgt, entzieht sich unserem allerdings nicht geistlich geschulten Begriffsvermögen. Zur Wahlbewegnng im �Kreise Köslin-Kolberg wird dem Stetliner„Potksboleil" geschrieven, daß uns dort wegen Mangels an Lokalen bisher nur die Abhaltung einer Versammlung unter freiem Himmel möglich gewesen ist, und zwar wurde diese in Lörlin veranstaltet. Unter solchen Umständen kann die Agitation nur durch die Vertheilung von Flng» blättern und sonstigen Druckschristeil geschehen. Bei der Verbreitung der Flugblätter ist mm— da der Termin der Wahl noch immer nicht bekannt gemacht ivnrde— alles ver- mieden worden, was auch nur annähernd die Annahme einer öffentlichen Verbreituiig rechtfertigen könnte; trotzdem sind unsere Parteigenossen von den Gsmeindevorsteherii belästigt worden. Bei der Flugblattvertheilimg in K l e i n- M ö l l e n, die durchaus in der gesetzlich zulässige» Art und Weise vor sich ging, wurde sogar ein Parteigenosse durch den Gemeindevorsteher festgenomlnen unv ziiin Amlsvorsteher»ach Groß-Möllen geführt, obivohl er sich legitimiren konnte. Die Gemeindevorsteher berufen sich auf eine Anordnung ihrer vorgesetzten Dienstbehörde, derzusolge sie jeden zu verhaften hätten, der vor Bekanntmachung des Wahltermins Flugblätter verbreitet. Daß diese Maßregel auch gegen die Ber- breiier»icht-sozialistischer Flugblätter migewandt worden wäre, davon hat man aber bisher nichts erfahren. Selbstverständlich ist gegen den Gemeindevorsteher zu Klein-Möllen bei dessen Bor- gesetzten Strqsantrag gestellt. Es gewinnt immer mehr den An- schein, als wenn der Wahltermin möglichst spät bekannt ge- macht werden soll, um uns die iür eine öffeniliche Agitation offenstehende Zeit thunlichst einzuschränken. Aber unsere pomnier- ichen Parteigenossen sind nicht gewillt, sich überrumpeln zu lassen; sie iverdcu deshalb jede» Tag allsnütze», um die Bevölkerung auf- zuklären, wie sie zu wähle» hat. wenn sie vom Wahlrecht ver- nimstigen Gebrauch machen will. � Tie Unduldsamkeit uiisem Gegner wird durch die Meldung aus Erfurt tvieder einmal recht ins Helle gerückt, daß dort die Inhaber der Drnckerei der„Thüringer Tribüne", die Parteigenossen Reiß haus und Stegmann, auf ihr Gesuch um Aufnahme in den Gewerbeverein eine abschlägige Antwort bekommen habe», ivobei noch zu beachten ist, daß man sie vorher erst mittelst Zirkulars zum Eintritt aufgefordert hatte. Ihr Gesuch ivurde deshalb abgelehnt, weil einige Mitglieder des Geiverbevereins mit der Androhung ihres eigenen Austritts gegen die Aufnahme protestirt hatten, wobei sie so vorsichtig waren, Gründe dafür nicht anzugeben. Böhmische Gemeiudcwahlen. Bei der Wahl des Ge- meinde-Ausschnsses in R a ck o>v bei Nokyzan siegten die Kaudi- baten der Sozialdemokratie. Ans Marseille wird gemeldet, daß dort der Sozialist F l a i s s e r i e s mit großer Mehrheit wieder zum Bürger- »> e i st e r gewählt ivurde. •• Einen Geniestreich letzter Güte hat die belgische Regierung begangen. Nach der„Jndependance belge" be- schloß sie s ä m m t l i ch e s o z i a l i st i s ch gesinnte Lehrer zu entlassen. Daß die belgische Regierung nicht an übermäßigem Verstand leidet, war längst bekannt. Immerhin ist es schwer begreiflich, daß sie die Thorheit begehe» kann, durch die Massenenilassung so einflußreicher Leute, wie es die Lehrer sind, die Ausbreitung des Sozialismus erst recht zu fördern. »» Polizeiliches, Gerichtliches te. — Dr. Gradnauer i» Dresden, der Redakteur der „Sächsischen Arbeiter-Zcitung", hat am Montag die fünfmonatige Gefängntßstrafe angetreten, die ihm wegen einer Notiz jenes Blattes auferlegt wurde, worin dem Sinne nach gesagt war. Gradnauer habe durch seine Anwesenheit unter der Fahne zur Verbreitung des Sozialismus unterm Heere beigetragen. Da- durch soUe» die Militärbehörden beleidigt worden sein. Trotz- dem Gradnauer erklärt hatte, daß er nicht der Verfasser der Notiz sei, vernrthcilte ihn das Gericht dennoch. Zur Zeit befinden sich nun vier Redakteure uiisers Dresdner Bruderorgans hinter Schloß«ub Riegel. Einer davon, der Parteigenosse Fischer, wird aber dieser Tage das allerdings sebr mäßige Vergnügen haben, die sächsische Freiheit begrüßen zn könne». LZeberNÄt. Tie deutsche» Städte- Statistiker traten am 18. Mai in Frankfurt a. M. zn ihrer zehnten Konferenz zn- sainmen. Anwesend waren bei der Eröffnung die Vorstände der statistischen Aemler von Altona, Berlin, Breslau, Chemnitz, Dort- mund, Dresden, Frankfurt, Görlitz, Hamburg, Köln, Leipzig, Lübeck, Magdeburg, Mainz, Mannheim, München, Straßburg und Stuttgart. Hauptsächlichster Gegenstand der Verhandlungen sind die im Juni d. I. vorznnehniende Berufszählung und die Volks- Zählung, die»vahrscheinlich am 1. Dezember vorgenommen werden wird. Der Maximal-Arbeitstag und die Väckeriniiuiigen. JnVrauufchweig tagte in diesen Tagen, in Verbindung mit der Bäckerei- und Nahrunasmittel-Ausstellnng, die 16. Versammlung des Unterverbandes„Nordwest" des deutschen Bäckerverbandes Germania. Es wurde dort auch die in Aussicht stehende gesetz- liche Einführung eines Maximal- Arbeitstages für das Bäcker- gewerbe besprochen. Der Vorsitzende des Unterverbandes, Ober- mcister Müller ans Bremen, erblickte in der Maßregel eine „schwere Schädigung" des Gewerbes, und die Versammlung war nicht minder kurzsichtig, indem sie beschloß, nach Möglichkeit an' die Neichstags-Abgeordneten einzuwirken, daß die geplante Fest- setzung der Arbeitszeit nicht verwirklicht werde. Damit werden die Herren Jnnungsführer hoffentlich um so weniger Glück haben, als, wie unseren Lesern aus den neulich gebrachten Veröffent- lichnngen eines Rathenower Bäckermeisters bekannt ist, der Maximal-Arbeitstag in den Kreisen der Bäckermeister durchaus nicht auf so allgemeinen Widerstand stößt, als die Jnnungssührer glaube» machen wollen. Die weltberühmte Städel'sche Gemäldesammlung in Frankfurt a. M. scheint man jetzt endlich auch den un- bemittelten Volksklassen zugänglich machen zu wollen. Die Sammlung ist zunächst wenigstens an zwei einzelnen Sonntagen, am 26. Mai und am 23. Juni, nachmittags, unentgeltlich ge- öffnet. Das Frankfurter Historische Museum dagegen wird dauernd an zwei Sonntag- Nachmittagen im Monat freien Eintritt gewähren. Von Werth ist hierbei noch, daß einige Ge- lehrte sich erbeten haben, de» Besuchern als Führer durch die Sainmlungen zn dienen. Ans die unwürdige Stellung der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft und— last not least— auf die Rüpelhaftigkeit des Studcntenthums, wirst ein Bericht, den die Wiener „Arbeiter-Zeitung" über eine Vorlesung des dortigen Universitäts- Professors Stricker brachte, ein bezeichnendes Licht. Der Bericht lautet:„Meine Herren, Sie wollen die Frauen ja auch zu Advokaten machen; was thun Sie aber, wenn die betreffende gerade Menstruation bekommt?" Diese Preissrage warf am 6. Mai 1825 der in seiner Wissenschaft, der Experimental- Pathologie, weltberühmte Professor auf. Der Anlaß dazu war folgender: Der Studirenden der Medizin, Fräulein O., war von Stricker der Besuch seiner Vorlesung verboten worden. Einige Minuten später betrat er den Hörsaal. Wüster Lärm, Lachen, Klatschen, Zischen, pöbelhafte Witze, den Lärm noch übertönend, empfingen den Gelehrten. Der Lärm legte sich während seiner folgenden Worte nicht, brach jedoch stellenweise nur noch� wüthender vor. Die Studenten gaben zwar den Worten Stricker's weder ihre Zustimmung, noch remonstrirten sie dagegen mangels irgend einer Ansicht, wohl aber jauchzten sie schlechten Witzen, die von den Bänken der Hörer fielen, mit gröhlendcm Beifall zu. Zunächst führte nun der Professor aus. daß er gemäß dem Beschlüsse des Professoren- kollegiums, es sei jedem Dozenten freigestellt, Hörerinnen aus- zunehmen oder abzuweisen, die Dame ebenso hiuausgewiesen habe, wie er es immer halte. Er wies darauf hin, daß die An- Wesenheit von Damen in d e m— zu Experimenten— v e r- d u n k elten Saale früher imnier Anlaß zn Un- zukömmlichkeiten gegeben habe! Stricker erinnerte ferner daran, wie sehr es ihn» trotz der eminenten Wichtigkeit des Stoffes erschwert sei, über die Vorgänge beim Geschlechts- leben zu sprechen. Einmal hätte er i» Anwesenheit einer Studentin den Versuch dazu gemacht, und beim ersten Worte hätte das ganze Kolleg einmülhig auf die Dame geblickt. An diese Entschuldigung seines Vorgehens— die Kritik, die darin gegen ihre Büberei lag, merkten die Studenten nicht— knüpfte der Herr Professor die Darlegung seiner allgemeinen Gegner- schasl gegen die Zulassung der Frauen zum Universitätsstudium, falls dieses gemeinschaftlich mit de» jungen Männern erfolgen sollte. Die Wiener„Arbeiter-Zeitung" fragt nun: Was ist trauriger, die Haltung der Studenten, deren geistiger Tiefstand ein Hemmniß für das ernste Studium der Frauen bildet, oder die klägliche Haltung des Professors, der den Jungen nachgiebt und solche Bübereien in seinem Hörsaale duldet, wie wir sie er- wähnten? Wir meinen, der Professor und die Studenten, sie sind ein- ander würdig, und beider würdig ist die Gesellschaftsordnung, der der eine jetzt dient und der die anderen später dienen werden. Ein staatliches ArbeitsuachweiS-Bureau für Frauen, dessen Oberleitung in den Händen einer Fabrikin spektorin liegt, ist von der Kolonialregiernng von Viktoria in Australien geschaffen worden. Vom Schlachtfelde der Industrie. Auf den Eisenwerken in H a n in o n t in Belgien wurden durch eine Lkesselexplosion vier Arbeiter getödtet.— Auf der Bergwerkseisenbahn bei Bilbao in Spanien kam durch die Explosion einer zn Spreng- arbeiten bestimmten Dynamitpatrone ein Kondukteur ums Leben, während sechs verwundet wurden. Gemerkt siftcifUidtev. Die Freie Bereinigung der Kutscher hält jetzt regelmäßig jeden Freitag nach dem 15. des Monats abends 10 Uhr im Lokale von Wilke, Andreasstr. 26, ihre Versammlungen ab. Die nächste Versammlung findet am Freitag Abend in dem genannten Lokale statt. Wir ersuchen unsere Berufsgenosscn, sich reckt zahl- reich an den Versammlungen zn betheiligen und für die Organi- sation eifrigst Mitglieder zu werben. Der Vorstand. Die Dachdecker Dortmunds streiken, nachdem die Meister ihre Forderungen abgewiesen haben. Sie verlangen: I. Zehn- ständige Arbeitszeit mit I'/e Stunde Mittag, je eine halbe Stunde Frühstücks- und Vesperpause; 2. einen Mininiallohn von 43 Pf. pro Stunde; 3. bei Ueberstunden, die jedoch nach Möglichkeit zu vermeiden sind, einen Zuschlag von 20 Pf. pro Stunde; 4. für Sonntagsarbeit doppelten Stundenlohn; 5. bei auswärtigen Arbeiten, wenn nicht Nebernachten erforderlich, 1 M. Landgeld; wenn dagegen Uebernachten nothwendig ist, freie Kost und Logis; die Zeit, die zum Fahren und dergleichen gebraucht worden ist, soll zur Arbeitszeit gerechnet werden; 6. bei Thurmarbeit acht- ständige Arbeitszeit und pro Stunde ö Pf. Zuschlag; 7. wöchent- liche Lohnzahlung nebst Ausschluß der Kündigung. Di« Dachdecker Kassels haben eine Lohnzulage von täglich 25 Pf. erhalten, serner das Versprechen, daß niemand wegen seiner Zugehörigkeit zur Organisation gemaßregelt werden würde. Infolge dessen ist der in Aussicht gewesene allgemeine Streik vermieden. Nur einige kleine Meister haben die erwähnten Be- dingungen nicht bewilligt. Die Arbeit niedergelegt haben in der Bnchdruckerei von S ch l o t k e in Hamburg vier Setzer und ein Maschinenmeister wegen Lohndifferenzen. Verantwortlicher Redakteur: I. Tierl( l In Bremen ist über die Steinmetzfirma Werkh n. K o. wegen Nichtbezahlens des örtlichen Tarifs die Sperre verhängt; da die Unternehmer auswärtige Steinhauer heranzu- ziehen suchen, wird um Vermeidung des Zuzugs gebeten. Ferner haben die Zimmerer des Bau- Unternehmers A. Busch die Arbeit niedergelegt, da ihnen der übliche Lohn trotz mehrfacher Unterhandlungen nicht gezahlt wurde. Tie ansständigen Erdarbeiter Bremerhavens haben das Angebot des Unlernchmers, mit 33 Pf. Stundenlohn fürlieb zu nehnien, angenommen, doch nur unter der Bedingung, daß sämmtliche Leute wieder in Arbeit treten können. Im weiteren soll für die Nachtschicht 35 Pf. per Stunde verlangt werden. Der Nnsniacherstreik in Solingen soll nach der Angabe einiger Blätter beendet sein. Da jedoch die dort erscheinende „Bergische Arbeiterstimme" in ihrer letzten uns zugegangenen Nummer, und zwar der vom Dienstag, mittheilt, daß die Ausständigen am Sonnabend beschlossen haben, die Arbeit aufzunehmen, sofern auch der Fabrikantenverein die unter Mit- Wirkung des Landraths zustande gekommenen bekannten Be« schlüsse der Einigungskoinmission ganz und voll anerkennt, so scheint der Frieden noch nicht perfekt zu sein, denn die Fabri- kanten verwarfen bekanntlich seinerzeit den Beschluß der Koni- Mission, wonach bei Streitigkeiten über das später auszustellende neue Preisverzeichniß das Gewerbegericht als Einigungsamt ent- scheiden sollte. Sie wollten sich nämlich„nicht von Schustern und Schneidern Gesehe vorschreiben lassen". Daß sie inzwischen diese ihre Stellung geändert hätten, davon theilt die„Bergische Arbeiterstimme" nichts mit, und so wird der Ausstand wohl noch nicht zu Ende sein. Die Sperre ist verhängt über die Korkfabrik von Emil Ritz in Frankfurt a. M. Bedrohung des Koa- litiousrechts der Arbeiter und Lohnabzüge sind die Ursache der Differenzen. I» Konstanz ist es den Glasern nach kurzen VerHand- lungen mit den Unternehmern gelungen, die zehnstündige Arbeits- zeit durchzusetzen. Dagegen müssen die Holzarbeiter wegen derselben Forderung einen harten Kampf führen. Etwa 20 streiken. Alle Gewerkschaften von Konstanz widmen den Kämpfenden die lebhafteste Synipathie. Die auswärtigen Holz- arbeiter werden nun ersucht, ihre Konstanzer Kameraden durch strenge Vermeidung des Zuzuges zu unterstützen. In Tuttlingen hat der Streik'n der Adam Storz'schen Fabrik chirurgischer Instrumente insofern sein Ende erreicht, als die Ausständigen, 35 an der Zahl, ihre Entlassung erhalten haben. Ein Theil von ihnen hat in den anderen Fabriken Tutt- lingens bereits wieder Arbeit bekommen. Zuzug ist wegen der übrigen noch fernzuhalten. Die Zimmerer Sachsens halten ihre diesjährige Landes- konferenz am 26. Mai in Dresden, Schössergasse 23, ab. Zwecks besserer Dnrchführnng der SountagSrnhe haben die M ü n ch e n e r B ä ck e r g e f e l l e n die Polizeidirektion der Jfar-Stadt in einer Eingabe ersucht,„die überwachenden Organe darauf aufmerksam zu niachen, daß die Sonntagsruhe, soweit sie für das Bäckereigewerbe im Sinne des Tit. VII der Gewerbe-Ordnung und in bczng des hierauf bezüglichen Erlasses der königl. Regierung von Oberbayern vorgeschrieben ist, auch thatsächlich zur Durchführung gelangt." Bisher haben nur einige Bäckermeister ihren Gehilfen Sonntagsruhe gewährt. Das lediglich Profitsncht der Untcruehmer die Ursache war, weshalb beim Bahnban bei Lemberg die dortigen Erd- arbeiter durch Masuren ersetzt wurden, was zu den gestern ge- meldeten bedauerlichen Auftritten führte, wird durch eine von der österreichischen Presse gebrachten Notiz bestätigt, indem die Masuren, die man aus Westgalizien herbeiholte, im Gegensatz zu den Erdarbeitern der Krakauer Gegend, als„überaus fleißig" gerühmt und diese als„von den Sozialistensührern" beeinflußte Leute bezeichnet werden. Man weiß, daß das Unternehmerthum seine Profitsucht überall mit denselben Redensarten zu bemänteln sucht. Der Vcrgarbeiterverbotid in Miihrisch-Osttau hat jetzt rund 5400 Mitglieder. Der schweizer Uhreuarbeiter-Ttreik scheint seinem Ende nahe zu sein. Am Sonnabend ist in Solothurn in einer Kon- ferenz von Vertretern der vereinigten Uhrenfabriken von Erenchen und Umgebung und des Uhrenarbeiter-Vcrbandes im Beisein der Negierungsrälhe Muuzinger und Hänggi und unter Mitwirkung unseres Parteigenossen Fürholz ein Vergleich zu stände ge- kommen. Bis zum Dienstag soll dieser von beiden Parteien rati- fizirt werden. An der Annahme ist kaum zu zweifeln. Nach einem Telegramm der„Frankfurter Zeitung" ist der Vergleich von beiden Parteien angenommen worden und damit der Streik beendet. Ueber den Glasarbeiterstreik in Charleroi, der jetzt schon 6 Monate währt, wird berichtet, daß 6000 Ausständige in einer Versammlung am 14. Mai die Fortsetzung des Streiks beschlossen. Gevickrks-�etkuiig. Kammergericht. Daß sie das Vereinsgesetz nicht durchaus studirt hatte» mit heißem Bemühen, trug zwei Geistlichen und einem Brcnnereiverwalter Geldstrafen ein, die weder das Land- gericht Posen, noch das Kainmergericht ihnen abnahm. Tie drei sollten sich gegen den Z 9 des Vercinsgesetzes vergangen haben, indem sie es verabsäumten, sich die schrifiliche Genehmigung zu einer öffentlichen Versammlung unter freiem Himniel geben zn lassen. Folgender Sachverhalt lag ihrer Bestrafung zu gründe. Ein Kreuz, das an der Dorfstraße von Galoschin ge- standen, war trotz seiner dermaleinstigcn Weihung den zersetzenden Einflüssen des Himmels und der Erde erlegen; an seine Stelle sollte deshalb ein neues goltgeweihtcs Zeichen des Martyriums gesetzt werden. Das Herannahen dieses großen Moments wurde eines Augustsonntags im Jahre des Heils 1894 in der Dorfkirche zu Oboruik von dem vortragenden Probst während des Gottesdienstes verkündet. Am Nachmittage desselben Tages sollte das neue Kreuz geweiht werden. Gegen hundert Personen erschienen denn auch, an der Feier thcilzu- »chmeii. Sie umstanden das Kreuz, während ein vom genannten Streiter im Herrn dazu eingeladener Amtsbruder desselben eine Ansprache hielt und vom Ortsgeistlichen selbst die Weihe des Kreuzes vorgenommen wurde. Schließlich sang man »och gemeinschaftlich Kirchenlieder. Der dritte Verurtheilte hatte das Bergehcn zu sühnen, in Gemeinschaft mit dem Geistlichen den Ort der heilige» Handlung aufgesucht und an der nichlangemeldetcn und nicht genehmigten Versammlung theil- genommen zu haben. Wie schon gesagt. blieben Berufung und Revision erfolglos. Das Kainmergericht gab der Meinung Ausdruck, daß darin keine Anordnung der Versammlung durch gesetzliche Autoritäten liege, wenn das erzbischösliche General- konsistorium zu Posen den einen der Verurlheilten zur Vornahme der Krcnzwcihe ermächtigte. VevlammUmaen. Der Wahlverein des 2. Berliner Reichstags-Wahl- kreises hielt am 14. Mai er. im Lokal des Genossen Zubeil, Lindenstr. 106, eine gulbesuchte ordentliche Generalversammlung ab. Der Vorsitzende K i tz r n g erstattete Bericht über die Thätigkeit des Vorstandes, der in drei Sitzungen seine geschäsilichen An- gelegenheiten erledigte. Den Kassenbericht für die Monate März smil Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing i und April verlas der Kasprer Gruschke. Mit dem Bestand aus der vorigen Abrechnung im Betrage von 87,36 M. befinden sich zur Zeit 403,61 M. in Händen des Kassirers. Nach kurzer Debatte, hervorgerufen durch Manila an der Höhe der Ausgaben für Inserate, wurde, dem Antrage der Sievisoren gemäß, dem Genossen Gruschke Techarge erlheilt. Von dem Kassenbestand soll der Vertrauensmann 400 M. für Agitationszwecke erhalten. — Hierauf hörte die Versammlung einen Vortrag des Reichstags- Abgeordneten F ö r st e r über„die allgemeine wirthschaftliche und politische Lage" und bewies ihr reges Interesse an den Aus- führungen des Referenten durch lebhaften Beifall. Unter„Ver- einsangelegenheiten" wurde wiederum die seinerzeit vertagte Frage der Reorganisation des Wahlvereins aufgeworfen; auf Antrag des Genossen Tutzauer entschied sich die Versammlung: diese Angelegenheit auf die Tagesordnung einer späteren General« Versammlung zu stellen.— Zum Schluß verwies der Vorsitzende auf den schweren Stand der Genossen in den Vororten bezüglich der„Saalfrage" und ersuchte namens der Lokalkommission von Tempelhof, Mariendorf und Schöneberg, besonders diese Orte, an denen der sozialdemokratischen Partei keine Säle zur Ver- sügung stehen, bei Ausflügen am besten gänzlich zu meiden. Auch das Lokal„Lehmkuthe". Kreuzbergstraße, werde, obgleich es ge- sperrt ist, leider noch vielfach des Sonntags von Arbeiterfamilien srequentirt. Die Schiffer hatten am Sonntag Vormittag im Lokale vox Meier, Chaufleestr. 7, eine öffentliche Versammlung einberufen, in der Genosse P ö r s ch über den Nutzen der gewerk« schaftlichen Organisation sprach. An der Diskussion be- theiligten sich im Sinne des Reserenten die Genossen A. und H. K l e i n s ch m i d t, die an die Anwesenden das Er- suchen richteten, sich der Freien Vereinigung der Schiffer anzn- schließen. Auf die Ausführung eines Redners, daß die schon seit l1/2 Jahren bestehende Freie Vereinigung noch nichts erreicht habe, erwiderte der Referent, daß die Schiffer ihre Vereinigung schon infolge ihres Berufes über ganz Deutschland auszubreiten versuchen müßten, dann würden sie auch Erfolge erzielen. 20 Schiffer hatten sich während der Versammlung in den Verein aufnehmen lassen. Ter dentsche Holzarbeiter- Verband(Bezirk W.) tagte am 12. Mai im Lokal von Zubeil, Lindenflraße. Nach einem recht beifällig aufgenommenen Referat des Genossen R o h r l a ck wurde zur Besprechung verschiedener Vereinsangelegenheiten ge- schritten. Wie von dem Mitgliede Meier mitgetheilt wird, sind in der letzten Generalversammlung die Mitglieder Donath, Nilsche, Wundow, Lehmann, Schnömann und Pretzel aus deni Verband ausgeschloffcn. Tie betreffenden haben sich als Streikbrecher gegen die Interessen des Verbandes vergangen. Die Versammlungen werden auf Antrag des Mit- glicdes Werber ns künstig am Montag abgehalten. Am Montag nach dem 15. eines jeden Monats finden die Sitzungen der Vertrauensmänner statt. Ten Schluß der Versammlung bildete eine eingehende Besprechung der Arbeitsrerhältnisse beim Zimmermeister Rietze. Am Montag, den IS. d. M., tagte in Adlers Hof in Wöllstein's Lustgarten eine öffentliche Volksversammlung, welche sich im I.Punkt der Tagesordnung mit der Aufstellung der Kan« didaten zur Geineinde-Ersatzwahl beschäftigt. Nachdem sich mehrere Redner theils für, theils gegen die Wahl ausgesprochen, wurde Schimanski für die Unansässigen und Büttner für die Ansässigen ausgestellt. In das Wahlkomitec wurden S ch u l tz e r, Hanneina nn und V e l ter gewählt. Den 2. Punkt der Tages- ordnung bildet die Abrechnung vom Kuhnheim'schen Streik. Die Abrechnung ergab eine Einnahme von 3965,09 M. und eine Ausgabe von 3949,74 M. Genosse Millarg von der Berliner Gewerkschastskommissiou theilte mit. daß er die Abrechnung geprüft und richtig befunden und be« antragte, der Kommission Decharge zu ertheilen. Die- selbe würde einstimmig gewährt. Auf Antrag John- Niedcrschönweide wurde beschlosten, den Kaffenberichr spezialisirt im„Vorwärts" zu veröffentlichen. 3. Punkt: Regelung des Vertriebes der Arbeiterblätter durch die Partei. Es wurde be- schloffen, vom I. Juni ab den Vertrieb der Zeitungen und sonstiger Partei-Literatur in eigene Regie zu nehmen. Zn diesem Zweck wurde eine Kommission, bestehend aus den Herren W o r b s, Schnitzer und Vetter, gewählt, welche das Unternehmen zu leiten haben. Dieselben nehmen von jetzt ab Abonnements ent- gegen. In der Mitgliederversammlung der Kürschner sprach am 13. Mai Genosse T i in in über das Thema: Robert Owcn's Leben und Wirken. An den iuleressanten Vortrag schloß sich eine kurze Diskussion, an der sich Kollege Regge betheiligte. Ilnlcr Verschiedenem theilt der Vorsitzende mit, daß das Stistungssest am 13. Juli stattfindet, und am 16. Juli ein Aus- sing geplant ist. Ferner wurden die Mitglieder aufgefordert, dem Beschluß, in betreff der Maifeier nachzukommen und pünktlicher zu den Versammlungen zu erscheinen. Als Revisor zum Haupt« vorstand wurde Kollege Friedrich gewählt. Eiuc öffentliche Versammlung der in Kontobücher- Fabriken beschäftigten Arbeiter und Arbeite- rinnen tagte am 13. Mai. Auf der Tagesordnung stand zunächst die Wahl eines Vertrauensmannes, die durch die Wiederwahl des Kollegen Friedrich erledigt wurde. In- zwischen war der Resereut, Genosse H o f s ni a n n, erschienen. der in satirischer Weise die letzten politischen Vorgänge besprach, wofür ihm aus der Versammlung lebhafte Beisallsbezeugungeu zu theit wurden. Jui weiteren Verlauf der Bersammlung wurde über verschiedene Mißstände in den einzelnen Fabriken lebhaste Klage geführt. Man beschloß, erst nach eingehender Untersuchung der genannten Unzuträglichkeiten, über dieselben resp. deren Abstellung in der nächsten öffentlichen Versammlung zu berathen. Ferner soll erst eine eingehende Vorberathung mit Vertretern der einzelnen Werlstellen über die Höhe der Preis« konrante und die Zweckmäßigkeit des Aushängeus derselben am Mittwoch, den 12. Juni, abends 9>/s Uhr, stattfinden. Als Lokal wurde Kintz' Brauerei-Ansschank in der Alten Jakobstr. 83 in Aussicht genommen. Wcißcnsee. Der hiesige Arbeiterverein hielt am II. März eine außerordentliche Generalversammlung ab, in der die Fort- setzung der Slatiiteuberalhiing vollzogen wurde. Die Mitglieder Rieß, Kokot, Reinhard und Gerstenberger hatten mehrere Ab- änderungsanträge gestellt, die jedoch von der Versammlung ab- gelehnt wurden, worauf das Organisationsstatut gegen 3 Stimmen angenommen wurde. In der Geschäftsordnung waren von der Kommission die tzß 6 und 9 geändert. Diesen Vorschlägen trat die Versammlung ohne Debatte bei. Ebenso wird ein Antrag— im Anhang des Statuts— angenommen, der die Auflösung der Gesangsabtheilung ausspricht. DepeMren. Wolff's Telcgraphen-Bnrrau. Paris, 15. Mai. Der Marineoffizier Le Chätellier, welcher am 1. März den Redakteur des„Journal des Debats", Percher, genannt Harry Allis, im Duell getödtet halte, wurde heute nebst den Zeugen bei dem Duell vom Schwurgericht frei« gesprochen. London, 15. Ma. Das Unterhans nahm mit 218 gegen 189 Stimmen die von Lambert beantragte und von der Re- gierung unterstützte Landpachtbill an. Der Zweck der Vor- läge ist die Feststellung der Entschädigungsansprüche der Pächter für bleibende Ameliorationen, für Reparaturen, ferner rir die Uniwandlnng von Ackerland zu ewiger Weide und zn Gartenland, für Besitzstörung und für beständige gute Bewirth- schaftung; aus der anderen Seile wird dem Verpächter ein Ent- schädigungsanspruch für schlechte Bewirthschaftung zugesprochen. - Berlin SW., Beulhstraße 2. Hierzu eiue«eilagr. Beilage zum„Vorwärts" Berliner Volksblatt. Ur. 113. Donnerstag, den 16. Mai 1893. 12. Jahrg. VovlÄltnenksveriHke. Deutscher Reichstag. 93. S i'tz li it g vom IS. Mai. I Uhr. Am Bundesrathstische: v. B ö t t i ch e r. Bei schwach besetzten Bänken wird zunächst in erster Lesung verhandelt über den vom Abg. Nickert beantragten Gesetzentwurs betreffend Abänderung des Wahlgesetzes für den deutsche» Reichs- lag vom 3l. Mai 18K9(Einführung eines besonderen Raumes für die Fertigstellung der Stimmzettel und Stimmenabgabe in verschlossenen Umschlägen.) Abg. Richert(frs. Vg.) verweist darauf, daß der Antrag de» Reichstag schon mehrfach beschäftigt habe, daß auch schließlich ei» Kompromißantrag zur Annahme gelangt sei. Nicht blos das Zentrum, sonder» auch andere Parteien habe» sich der Sache sehr ivarm angenommen. Das Bedürfniß, eine Sicherheit für das Geheimniß der Wahl zu schaffen, wird niit jedem Jahre dringender, denn es mehren sich die Versuche, den Wählern die freie Abstimmung unmöglich zu niachen. Das haben auch die letzten Wahlprüsungen wieder ergeben. Der Reichstag muß auch in dieser Session diesen Gesetzentwurf annehmen; darin würde ein P r o t e st liegen gegen die Bestrebungen, welche in der Presse und auch im Reichstage hervorgetreten sind, um das Wahlrecht abzuändern. Die Annahme des Gesetzentwurfs würde ein Protest gegen solche hoch- verrätherischen, auf den Umsturz der Ver- fassnng gerichteten Bestrebungen sein. Wir wollen nicht allein das Wahlrecht aufrecht erhalten, sondern auch den Wählern die Möglichkeit schaffen, ihre Stimmen frei und ungehindert abzugebe». Abg Bassermanu(natl.) spricht ebenfalls die Hoffnung aus, daß das Reich sich noch lange des allgemeinen gleichen direkten Wahlrechts erfreuen möge; deshalb seien seine Freunde bereit, zum Schutz des Wahlrechts den Antrag Rickert anzunehmen. Ob die Vorschläge des Antrages alle richtig sind, müsse dahingestellt bleiben, da der Antrag auf einem Kompromiß beruht. Bedenklich sei z. B. die Bestimmung, welche zur Zusammenlegung von Wahlbezirken und dadurch zur Belästigung vieler Wähler führe; Bedenken seien auch geltend gemacht worden, gegen die Jsolirkammer. Da der Reichstag mehrere Sessionen hintereinander den Antrag genehmigt hat, sollten endlich auch die verbündeten Regierungen daran denken, den Wünschen des Reichstages entgegenzukommen. Abg. Lieber(Z.): Das Zentrum habe die Anregung zur Reform des Wahlverfahrens von Anfang an auf das lebhafteste begrüßt und werde auch in dieser Session den Antrag annehmen. Je mehr Angriffe das allgemeine Wahlrecht erfährt, umsomehr müssen seine Freunde daranf bedacht sein, das Wahlgeheimuiß zu schützen; denn bei den Wahlprüsungen habe man traurige Erfahrungen machen müssen. Wir müssen Verwahrung dagegen einlegen, daß nach einem neuen Rezepte eines alten Staatsmannes die Einzellandtage sich in die Reichsangelegen- heilen mischen und daß man mit einem Konflikt droht, um uns mit unserem Wahlrecht in die Luft zu sprengen. Ich weise solche Tinge mit Entschiedenheit zurück. Abg. von Bnchka(k.) protestirt dagegen, daß seine Freunde gegen das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht seien(große Heiterkeit; sie befänden sich sehr wohl darunter und würden sich hüten, de» Ast abzusägen, auf dem sie sitzen.(Heiterkeit.) Abg. Singer(Soz.): Ter Vorredner hol gemeint, seine Partei in Mecklenburg befinde sich wohl unter diesem Reichstags-Wahlrecht; die letzten Wahlen in Mecklenburg haben bewiesen, daß die konservative Partei nur der Gunst der Re- gieruug und der Landräthe es verdankt, daß sie im Reichstage vertreten ist. Wir werden trotzdem alle Wahlkreise in Mecklen- bürg erobern und den des Abg, v. Buchka zuerst. Die konservative Partei lehnt es jetzt ab, Gegner,» des allgemeinen, direkte», geheimen Wahlrechts zu sein. Bisher hat die konservative Partei eine gewisse Solidarität mit ihrer Presse bekundet. Ich erinnere nur an die Haltung der„kkreuzzeilung" und der„Schlestschen Zeitung" und aller der Blätter, die sich als berechtigtes Mundstück der Konservativen aufspielen. Etwas Nnverschämteres und Niederträchtigeres als wie diese Presse in bezug auf das einzige Volksrecht, welches wir in Deutschland noch haben, in der letzten Zeit geschrieben hat, ist mir noch nicht vorgekommen.(Zustimniung bei den Sozialdemokraten.) Und wenn in dieser Presse wiederholt die Aufforderung an die Regierung gerichtet wird, sie möchte doch auf dem Wege des Staats st reichs das allgemeine, gleiche Wahl- recht beseitigen, dann steht es dem Abg. Buchka schlecht an, in der Weise über das allgemeine gleiche Wahlrecht als den Ausdruck des Willens seiner Partei zu reden. Vielleicht er- kundigt er sich bei seinem Fraktionsgenossen Grasen Mirbach, was er über das Wahlrecht im Herrenhause gesagt hat. Ich habe keine Veranlassung, den Versicherungen des Abg. v. Buchka den Glauben zu schenken, den seine schneidige und kurze Erklärung zu er- wecken den Anschein hat. Wir wissen ganz genau, was die Konservative» von dem allgemeinen geheime» Wahlrecht halten, und daß sie überhaupt nur existiren können im Parlament, wen» sie auf die Gunst der Regierung und die Macht der Landräthe rechnen können. Es ist sehr erfreulich, daß der Abg. Lieber namens des Zentrums die feste Entschlossenheit ausgesprochen hat, an dem allgemeinen direkte» Wahlrecht nicht mehr rütteln zu lassen. Ich denke aber nicht so pessimistisch wie er über den Einfluß des Reichstages. Wenn der Reichstag entschlossen ist, die Rechte des VolkeS in bezug auf das allgemeine, geheime, direkte Wahlrecht zu wahre», dann hat er auch die Mittel in der Hand, die verbündeten Re- giernugen zu zwingen, den Beschlüssen des Reichstages nachzu- kommen. Der Bundesrath hat sich über unsere Aenderung des Wahlgesetzes noch nicht schlüssig gemacht. Nun gut, so schlage ich vor, die Beschlüsse über die Vorlagen der Regierungen auszusetzen, bis der Bnndesrath Zeit gesunden hat, sich schlüssig zu machen über jene» nuseren Beschluß. Wenn der Reichstag die verfassungsmäßigen Mittel, die er in der Hand hat, benutzen will, dann ist es einfach dem Bundesrath unmöglich, mit so souveräner V�r- a ch t u n g über die Beschlüsse des Reichstages hinweg zu gehen, wie es wiederholt der Fall gewesen ist. Bewilligen wir doch den Etat nicht, dann wolle» wir einmal sehen, was die verbündeten Regierungen mache» werden. Mit dem Bedauern, daß dieses allgemeine direkte Wahlrecht noch nicht in der Form, wie wir es wollen, eingeführt ist, kommt der Reichstag nicht weit. Soll der Reichstag eine Stätte der Wahrung der Volksrechte sein, dann müssen wir uns zu dem Beschlüsse zusammenfinden, alle Mittel, die wir in der Hand haben, zu benutzen, um den Volkswillen zum Ausdruck zu bringen. Wir müssen uns daran gewöhnen, daß der llieichstag nicht die zweite Flöte bläst, wie die konservative Partei und vielleicht auch der Bundesrath glauben mag. Wenn Herr Lieber seinen großen Einfluß auf seine Fraktion an- wenden wollte, dann würden wir es gar nicht nöthig haben, Session für Session denselben Beschluß zu wiederholen. Ganz dasselbe, was in bezug auf das allgemeine Wahlrecht, kann auch in bezug auf die Diäten geschehen. Wir Sozialdemokraten sind in der glücklichen Lage, am allerwenigsten auf die Diäten drücken zu müssen. Uns hindert die Tiätenlosigkeit nicht, soviel Abgeordnete wie nur möglich in den Reichstag zu schicken. Wenn aber das Zentrum den ernsten Willen hat, die Diäten durchzuführen und eiuem Zustande ein Ende zu machen, der es nur den Besitzenden ermöglicht, der Volksvertretung an- zugehören, dann kann es die Ablehnung des Bundesraths mit der strikte» Ablehnung seiner Vorlagen beantworten. Nach der Zusammensetzung der Regierung ist ja keine Aussicht vorhanden, daß unser heutiger Beschluß eine bessere Wirkung haben wird als der frühere, es sei denn, daß der Reichstag seinen Beschlüssen einen größeren Nachdruck verleiht als er bisher gethan hat. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär v. Bötticher: Namens der verbündeten Re- gierungen kann ich über diesen Autrag keine Erklärungen ab- geben, da der Bundesrath bekanntlich bisher keinen Beschluß über den iin vorigen Jahre vom Reichstage angenommenen Gesetz- entwurf gefaßt hat. Ich möchte nur die Anschauung des Vor- redners berichtigen, als ob der Bundesrath mit souveräner Verachtung aUf den Reichstag herniedersähe. Daraus, daß Bc- schlüsse des Reichstages die Zustimmung des Bnndesraths nicht finden, oder daß der Bundesralh sich Zeit läßt, um zu den Be- schlüssen des Reichstages Stellung zu nehmen, kann doch logischer- weise nicht eine Verachtung des Reichstages hergeleitet werden. Mit demselben Rechte könnte man sagen, daß, indem der Reichstag wiederholt Vorlagen der verbündeten Regierungen ablehnte, er den Bundesrath mit souveräner Verachtung behandelt hat. Dazu versteige ich mich nicht, weil ich glaube, daß in einem Staatswesen, in welchem mehrere Faktoren an der Gesetzgebung mitzuwirken haben, jeder Faktor dem andern die volle Freiheit seiner Entschließung überlassen muß. Ich war sehr begierig, zu hören, welche Mittel der Vorredner empfehlen würde, um den Bundesrath zu„zwingen", den Beschlüssen des Reichstages nach- zugeben. Zu meinem Erstaunen habe ich nichts weiter vernommen, als daß der iilbgeordnete empfahl, den Etat abzulehnen und die Beschlußfassung über die Vorlagen der verbündeten Re- gierungen auszusetzen. Glaubt denn der Vorredner bannt den verbündete» Regierungen einen besonders großen Kummer zu verursachen? Machen wir denn unsere Vorlagen und den Etat im Interesse der verbündeten Regierungen? Nein, im Juteresse des Reiches. Und wenn der Reichstag aus irgend welcher be- sonderen Empfindlichkeit oder übelwollender Gesinnung gegen die Regierungen eine Regierungsvorlage nicht annehmen oder den Etat verweigern wollte: Habsab sibi. Ten verbündeten Regierungen entsteht daraus kein Kummer, das Reich aber wird geschädigt.(Zustimmung rechts.) Abg. v. Czarlinski(Pole) erklärt sich namens der Polen für die Annahme des Antrages; die Polen halten fest an dem all- genieinen direkten Wahlrecht und werden sich stets denen an- schließen, die alle Angriffe auf dasselbe zurückweisen. Abg. Förstcr-Neustettin(Reform-P.) tritt ebenfalls für den Antrag ein. Das Wahlrecht müsse geschützt und überhaupt müsse das Recht des Reichstages erweitert»verde». Denn es ist nicht angängig, daß der Reichstag plötzlich nach Hause geschickt»vird, ehe die»vichtigsten und dringendsten Vorlagen erledigt si»id. Das abgeben der Stimmzettel in Briefumschlägen sei sehr umständlich. Man könnte die Stimmzettel mit amtlichem Stempel versehen liefern und so falten, daß der Stempel außen deutlich zu sehen ist. Jedenfalls muß das Wahlgeheimuiß gnvahrt»verde», da so viele Wähler sozial uusrei sind. Neu geregelt werden muß aber auch die Eintheilung der Wahlkreise, die jetzt eine sehr mangelhafte ist, endlich müsse eine Bcschleunignng der Wahlprüfungen herbeigesührt»verde». Abg. Nickert(srs. Vg.): MU dem Vorredner wünschen»vir eine andere Eintheilung der Wahlkreise; der Älnlrag ist ja auch von anderer Seite schou eingebracht, aber abgelehnt ivorden. Ferner »vünschen»vir al»ch eine Beschleunigung der Wahlprüfunge». Herrn v. Bötticher»nöchte ich bcinerken, daß der Abg. Singer nicht die Annahme des Reichstagsbeschlnsscs verlangt hat, sondern nur, daß der Bundesralh überhaupt Beschluß saßt. Uns beschäftigt die Sache seit 1875, und es ist endlich ein Beschluß gefaßt»vordeu. Wir möchtei» daher gern, daß der Bundesrath ivenigstcns seine Meinung sagt, ab er das Wahlrecht mit Garantien umgeben»vill oder nicht. Ich habe nicht von der konservativen Partei gesprochei», sondern von Bestrebungen eines Theils der Konservativen, auch der kouservativen Presse und auch der Presse anderer Parteien. Auch Graf Mirbach, ein Mitglied deS Reichstages, hat im Herren- hause sich gegen das allgeineine Wahlrecht geiveidet. Wenn in solcher Weise der Umsturz von oben proklamirt»vird, Ivo soll denn die Achtung vor Recht und Gesetz beim Volke her- kommen. Wir müsse» solchen Angriffen gegenüber den äußerste» Widerstand leisten. Abg. Graf Limburg- Stirn»,(k.) bestreitet, daß Graf Mirbach an eiucn geivaltsamen versassnngsividrigcn Bruch des Wahlrechts gedacht hat. Graf Mirbach»vünscht ein anderes Wahlrecht, aber nicht auf verfassungsividrigcm Wege.(Lebhafter Widerspruch links.) In authentischer Weise hat die konservative Partei nicht gesagt, daß sie das allgemeine geheime Wahlrecht abschaffen will. Ich halte kein Wahlrecht für vollkommen. Aber ich halte auch das Landtagsivahlrecht nicht für so schlecht,»nie es der Vorredner macht, der immer von dem elendeste» Wahlrecht spricht.(Zurufe der Sozial- demokrate»: Das hat Fürst Bismarck gesagt!) Die Angriffe aus das Wahlrecht gehen immer von Ihnen(links) aus. Das Reichstags-Wahlrecht ist ein Ganzes, an»velchcn, Sie Einzel- heilen ändern»vollen. Aendern Sie das ganze Wahlrecht, aber nicht blos Einzelheiten, die Ihnen nicht passen. Herr Singer »vill de» Konflikt, er»vill de» Etat und die Vorlagen nicht er- ledige». S i e werfe»»ins Konfliklsabsichten vor und spielen selbst»»it dem Konflilt. Ich ralhe Ihnen, stellen Sie die Machtfrage nicht, denn cs ist sehr ziveiselhast, wie sie e»t- schieden»vird. Abg. v. Buchka bestreitet, daß die konservative Partei nur von Gnaden der Regierungen vertreten sei. Redner erklärt, daß seine Freunde das Wahlrecht nicht antasten»volle»; er verdiene ebenso viel Glaubivürdigkeit»vie Herr Singer, er habe iminer mit offenem Visir gekämpsr. Abg. Lieber(Z.): Das Verdienst der Anssührungen des Abg. Singer»var es, die Erklärung der beiden konservativen Redner herbeizusühreu, daß die konservative Partei als solche nicht das Wahlrecht anlasten»volle. Dafür können»vir nur dankbar sein. Herr Singer»vird»vohl selbst nicht erivartct habe», daß»vir seinen Vorschlag, den Etat zn veriveigeru und die Vorlage abzulehnen, als geeignet zur Aussührung betrachten. Wir werden doch niemals zu solchem»in- sachlichen Mittel der Obstruktion greifen,»venn»vir auch schiver gelitten haben unter der Ablehnung von Beschlüssen des Reichstages. Wir werden die verbündeten Regierunge» unter- stützen, ,vo»vir es können und erivarte» eine gleich sachliche Be- Handlung von den verbündeten Regierungen.(Znstimuinng im Zentrum.) Abg. Liebmna»» v. Souuenberg(Resorm- P.) lehnt es ab, sich a» dein Reichstags-Slreik zu betheiligen. Der Antrag ist eine geringe Verbesserung des geltenden Wahlrechts. Die ver- bündeten Regierungen und die Konservative» irren sich,»venn sie diesen Antrag als eine Verschlechterung des Wahlrechts ansehen. W a h I b ee i n s l u s sun g en seitens der Beainten sind mir noch nicht vorgekommen, die Wahlbeeinflusser saßen auf der linken Seite. Ein solches Heranschleppe» an die Wahlurne »vie seitens der Sozialdemokratie habe ich noch niemals gesehen. In Eschivege- Schmalkalden haben die sozialdemokratischen Patrouillen den Arbeitern die Wahlzettel aus der Hai»d ge- nommen, zerrissen und ihnen andere gegeben.(Vizepräsident Schmidt bemerkt, daß damit doch nieinand aus dem Hause ge- nieint sei.) Nein, denn keiner aus dem Hause hat sich an der Agitation dort betheiligt. Ich bin für den Autrag.»veil er zuin Schaden der Sozialdemokraten gereichen wird; der Einfluß der Inden auf die Wahl»vird dadurch behindert»verde»». Aber der Antrag ist»ur ein kleines Palliativinittel. Die Ab« schaffung des allgemeinen Wahlrechts ist, nachden» es einmal eingeführt ist,»licht möglich; es kann nur eine grundsätzliche Verbesserung eintreten durch Einführung der allgemeinen Wahlpflicht; sobald das geschehen ist, v e r s ch»v i n d e»» die Sozialdemokraten bis auf zwei aus diesem Hause.(Lachen links.) Nur zivei sozialdemokratische Abgeordnete sind geivählt»nit mehr als S0 pCt. der Wahlberechtigten. Die Freisinnige Partei»vird es sich freilich nicht nehmen lassen, bei den Stichivahlen noch einige Sozialdemokraten mehr in den Reichstag zi» bringen. Einige Sozialdemokraten lasse ich mir gefallen; aber es sind jetzt zu viel.(Heiterkeit.) Ich möchte nicht, daß die Sozialdemokratie ganz fehlt, damit nicht das Geivissen der Besitzenden»vieder ein- schläft. Einer solchen Aenderung des Wahlrechts könnten auch die Sozialdeniokraten nicht»viderstreben. Der Staat soll seine letzte» Reserven heranziehen. Die Leute, die nicht»vählen, sind diejenigen, die da meinen, es»verde schon alles von selber gehen. Wenn diese zur Abstimmung kommen, dann»vird ein Reichstag geivählt werden, der bessere Gesetze macht. Abg. Bindewald(Reforin-P.) stellt fest, daß bei der Wahl in Eisenach ein Flugblatt der konservativen Partei sich gegen das gleiche geheime Wahlrecht ailsgesprochen hat. Abg. Tinger: Ich habe nicht von einer Aktion der ko»»« servativen Partei gegen das allgemeine direkte Wahlrecht ge- sprochen, sondern nur behauptet, daß die konservative Presse, die man als Sprachrohr der konservativen Partei ansieht, in der»»»verschämtesten Weise gegen das allgemeine Wahlrecht losgezogen ist. Ich erinnere nur an de», vor- gestrigen Artikel der„Staatsbürger- Zeitung." Nu» hat es einen eigenthümlichen Eindruck auf mich gemacht, daß Graf Limburg diese Presse von den Rockschößen der konservativen Partei abzuschütteln versucht. Wenn es sich darin» handelt, gegen die Sozialdemokratie vorzugehen, dann kommt Herr von Koller mit einem großen Zitatensack und liest die allerälteste» Erzeugnisse irgend eines Sozialdemo- krntei» vor und macht die Vertreter der Sozialdeinokratie und die sozialdemokratische Partei dafür verantivortlich. Wenn»vir dagegen versuche», das»vas in Ihrer Presse steht, als Ihre Meinung hinzustellen, dann sagen Sie: ßdas geht uns nichts an. Ich kau» nur sagen: der Ablcugnungsversuch des Grafen Limburg ist»nißlungen. Wollen Sie, daß Ihren Ausführungen hier der rechte Glaube geschenkt»vird, dann benutzen Sie Ihre» Einfluß auf die konservative Presse, damit den Beunruhigungs- versuchen und den Empfehlungen des Verfassungsbruches ein Ende gemacht»vird. Herr Liebermai»» von Sonnenberg klagt über den Terrorismus der sozialdemokratischen Partei bei Wahlen. Diese Behauptung»vird dadurch nicht»vahrer, daß sie»viederholt wird.(Zu- stiminuug.) Hinter jedem Arbeiter steht die Entlassung,»venn er dem Willen seines Arbeitgebers»vidcrspricht. Wie können Sie also behaupten, daß eine Partei, die von den Verivaltungsbehörden aller Art, von der Polizei, von Gendarmen u. s.»v. in der Ausübung ihrer verfassungsmäßig garantirten Rechte verhindert »vird, im stände ist, einen Terrorismus auszuüben.(Widerspruch rechts.) Nein, die Wahlbeeinflussungen,»vie sie so vielfach zur Kenntniß des Reichstages komme», sind nicht auf unserer Seite zu finden, weil die übergroße Mehrzahl der Mitglieder der sozial- demokratischen Partei sich in einer sozialen Unzufriedenheit befindet und nicht im stände ist, gegen die Ueber- macht eine freie Abstimmung vorzunehmen. Der einzig« Trost, den ich aus den Allsführungen des Abgeordnete» Lieberinann geschöpft habe, ist die Ueberzeugung, daß er selbst an die Nichtigkeit seiner Alissiihrungcii nicht glaubt. Die Forderung der Wahlpflicht ist eil» altes Jnveutarstück unserer Partei seit alter Zeit. Wir»verde» also für die Wahlpflicht stimmen, auch »venu sie der Abg. v. Lieberinann beantragt; nur wünsche»»vir, daß er mich nicht die Wahlpflicht der Frauen vergessen möchte. Sie unter stehen denselben Laste» und müssen dieselben Pflichten erfüllen. Wir könnten es ruhig darauf ankommen lassen, ob die sozialdemokratische Partei alsdann aus den» Haus verschlvinden»vird. Wir hoffen, daß, selbst»venn recht strenge Strafen auf die Nichlersüllnng der Wahlpflicht gesetzt»verden> »vir i»»och viel größerer Zahl im Sieichstag erscheinen werden, als bisher.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Lieber»»,»»»»» v. Tonueuberg(Refor»»-P.): Auf die persön- liche Jnvektive des Vorredners, daß ich an meine Ausführungen selbst nicht glaube, zu antivorten, verbietet mir das Gefühl, daß Herr Singer»»ich nicht beleidigen kann. Daß ein furchtbarer Terrorismus seitens der Sozialdemokratie geübt wird, ist sicher; daß die Sozialdemokratie dazu keine Macht hätte, stimmt nicht zu der Erklärung des Abg. Bebel, daß die Sozial- demokralie ihre eigene Polizei hätte; aber ein juristischer Beiveis ist dafür nicht zu erbringe». Es sollten auf solche Wahl- beeinflussungen strenge Strafen gesetzt»verde»» und die Parteien sollten aus solcbe Diuge mehr achten. Wenn Herr Singer glaubt, bei der Wahlpflicht»viirden die Sozialdemokraten in größerer Zahl erscheiuen, so nmß er gerade annehmen, daß diejenigen. die nicht»vähle», heimliche Sozialdemokraten sind.(Heiterkeit.) Davon kann gar keine Rede sein. Das Wahlrecht der Frauen »vollen»vir nicht: wenn es eingeführt»vürde, so würde sich die konservative Natur der Frauen zeigen, die von den letzten Zielen der Sozialdemokratie sicher nichts»viffen»vollen. Abg. Träger(srs. Bp.): Ich muß mich»vuudern über die Kühnheit und Geschicklichkeil, mit»velcher Graf Limburg-Stirun» es verstanden hat, de» Spieß niiizildrehen und uns des'Angriffs auf das Wahlrecht zu beschuldige». Unser Antrag will das Wahlrecht schützen, nicht es zerstören. Gelungen ist es den» Grasen Limburg auch nicht, das zu»viderlegen,»vas Rickert über Graf Mirbach gesagt hat. Wen» ein neuer Reichstag auf grund eines neuen Wahlrechts geivählt werden soll, so kann doch das Wahlrecht nur im Wege der Ber« ordiinng geändert»verde»»; denn daß der Reichstag mit der Regierung in Friede»md Freundschaft ein neues Wahlgesetz vorher vereinbare» sollte, daran ist doch nicht zu denken. Das Bild des Grase» Mirbach von dem Durchhauen des gordischen Knotens trifft nicht recht zn; den» ich kann mir beim besten Wille» den Bundesralh nicht als emeii Collcctiv-Alexauder vorstellen.(Große Heiterkeit.) Abg. Bebel(Soz.): Der Abg. v. Lieber»»»»»»»» ist sehr leicht mit persönliche» Jnvektive» bei der Hand. Er vergißt aber, daß er stets den Ansang mit derartigen Ausfällen macht. Wenn jemand ihm dann mit gleicher Münze dient, dann klagr und jammert er über persönliche Gehässigkeit. Würde seine Rcdeiveise auf allen Seite» angcivendel»verde»», dann stände es mit unsere»» politischen Leben»och trauriger als jetzt. Ter Abg. v. Lieberinann hat gemeint, ich hätte in der Ninsturzkoiiiinission erklärt,»vir hätten eine eigene Polizei. Nun»veiß er ganz genau, in»velchcu» Zusammenhang ich diese Aeußerung ge- macht habe. Ich habe dort gesagt, daß»vir von dem Treiben der Leckspitzel mib Provokateurs genau unterrichtet sein, denn wir hätten auch eine Polizei und seien viel besser unterrichtet, n ie die Regierung es glaube. Es war also ein sehr Unglück- licher Versuch des Abgeordneten v. Liebermann, diesen Gegen- stand mit der vorliegenden Frage in Verbindung zu bringen. Wenn Herr Liebermann gemeint hat, dieser Gesetzentwurf sei bis zu einem gewissen Grade geeignet, der Wahlagitation der Sozialdemokratie Einhalt zu thun, so erkläre ich,'daß wir für jeden Gesetzentwurf st i n> m e n werden, der dazu beitragen kann, die Wahlen vor ungesetz- l i ch e n E i n g r i s f e n z u s ch ü tz e n, d a s W a h l g e h e i m- niß zu sicher» und die Volks stimmen in gerechtere Weise zum Ausdruck kommen zu lassen. Wir gehe» sogar noch weiter. In Belgien haben die Arbeiter auf grnnd des neuen Wahlrechts bei der ersten Wahl eine ganz bedeutende Stimmen- und Vertreterzahl gewonnen, obgleich sie gegenüber den besitzenden Klassen benachtheiligt sind. Was wir erst in zwanzig Jahren erreicht haben, haben die Arbeiter in Belgien auf de» ersten Wurf erreicht. Wenn Sie also glaube», daß ein verbessertes Wahlrecht der sozialdemokratischen Partei Abbruch thun kann, so sind wir damit einverstanden. Bei der Wahlpflicht würden die Sozialdemokraten keine schlechten Geschäfte mache». Nur wenige Abgeordnete vereinigen mehr als pCt. der Stimmen der Wahlberechtigten auf sich, von den Freunden des Herrn v. Liebermann nicht einer.(Heiterkeit.) Wir wollen nicht blos die W a h l p f l i ch t, sondern auch das proportionale Wahlrecht; denn bei 1 300 000 Stimmen würden wir SV statt 46 Mandate im Reichstage haben müssen. Daß die Stimmen der Frauen größtentheils den Kon- servativen zufallen, wissen wir, trotzdem verlangen wir das Frauen- stimmrechi. Sie lehnen aber unsere Anträge lediglich ab, weil Sie die Folgen fürchten. Die Nothlage hat den Fürsten Bismarck gezwungen, das allgemeine Wahlrecht zu geben und heute warten die Konservativen nur auf die gute Gelegenheit, um es wieder aus der Welt zu schaffen. Wer, wie Graf Limburg es als sein Necht betrachtet, in der ersten Abtheilung zwei Wahlmänner zu ernennen, der kann sich hier nicht als Vertheidiger des allgemeinen Wahlrechts aufspielen. Wenn von seilen der Regierung die Aendernng des Wahlrechts beantragt wird, dann werden Sie (rechts) dagegen keinen Widerstand leisten. Abg. Liebernm»» von Sounenberg bestreitet, daß er per. sönliche Jnvekliven anders als im Widcrschlag vorgebracht habe und wendet sich gegen die Anssührungen Bebcl's; das Frauen. stimmrecht will er nicht, weil das eine Verkennung der Natur der räum sei. Die Frauen sehnen sich auch nicht nach diesem timmrecht. Damit schließt die Debatte. In seinem Schlußwort fragt Abg. Rickert, welche andere Jnter- pretation der Worte des Grasen Mirbach die Konservativen geben können; er halte an seinerAnslegung fest, bis Graf Mirbach selbst da- gegen Widerspruch erhebe. Denn man kann doch nicht glauben, daß Graf Mirbach eine» radikaleren Reichstag als den jetzigen gewählt zu sehen wünscht. Herr von Buchka bestreitet, daß die Konservativen das allgemeine Wahlrecht antasten wollen. Redner erinnert an die Aeußerungen des Herrn v. Helldorff und auch Herr v. Kardorff hat einen ähnlichen Artikel in ähnlichem Sinne geschrieben, ebenso hat sich Graf Frankenberg im Herrenhause genuhert. Es itt heute ein gewisses Dunkel über die Frage ver- breitet, hoffentlich wird cS in der zweiten Lesung gehoben werden. Damit ist die erste Berathung beendet. In der zweiten Berathung wendet sich der Abg. v. Kar- dorff(Rp.) mit der Frage an den Abg. Rickert, wo er einen Artikel gegen das allgemeine Wahlrecht geschrieben habe. Als das Haus sich schon in der Abstimmung über den Aenderungsvorschlag zu§ 6 deS Wahlgesetzes befindet, will Abg. v. Kardorff das Wort zur Geschäftsordnung nehmen, um die Beschlußfähigkeit des Hauses zu bezweifeln. Vizepräsident Schmidt verweigert ihm das Wort während der Avstimmung, trotzdem Herr v. Kardorff mehrfach darum bittet. Abg. v. Kardorff bemerkt, daß er sich beim Schriftführer vorher schon gemeldet habe, um vor der Abstimmung die Beschluß- sähigkeit zu bezweifeln. Vizepräsident Schmidt: Eine solche vorläusige Meldung dazu ist nach der Geschäftsordnung nicht zulässig. ß 6 wird darauf in der veränderten Fassung angenommen gegen die Stimmen der Konservativen. Abg. v. Kardorsf beantragt die Vertagung der Sitzung und bezweifelt die Beschlußfähigkeit des Hauses. Vizepräsident Schmidt stellt die Unterstützung in Frage; da nicht 30 Mitglieder, sondern nur 10 Konservative sich erheben, so wird über den Vertagungsantrag nicht abgestimmt. Abg. Hammacher fragt, auf grund welcher Bestimmung der Geschäftsordnung der Präsident den Vertagungsantrng unter- stützen lasse. Vizepräsident Schmidt läßt durch den Schriftsührer Mer- dach de» Ansang des§&3 der Geschäjtsordnung verlesen:„der Antrag auf die Vertagung oder aus den Schluß der Debatte be- darf der Unterstützung von 30 Mitgliedern."(Große Heiterkeit.) Vor der Abstimmung über ß 7 des Antrages Rickert be- zweifelt Abg. v. K a r d o r f f die Beschlußsähigteir des Hauses. Der Namensaufruf ergicbt die Anwesenheit von nur I6t Mit- gliedern, während 199 zur Beschlußfähigkeit uolhiveudig sind. Die Sitzung muß abgebrochen werden. Schluß 4 Uhr. Nächste Sitzung Donnerstag l Uhr. (Dritte Berathung kleinerer Vorlagen; zweiter Nachtragselat und Zuckersteuergesetz) Piarlrrmeukcmsrfies. Tie Kanih- Kommission setzte ihre Verathungen am Mittwoch fort. Abg. v. Vollmar hält die Gründe, welche gegen die Durchführung des Antrages geltend gemacht worden seien, für außerordentlich hinfällig. Der Gedanke der Brot- Versorgung von Staats wegen sei ihm an sich, und abgesehen von der Kanitz'schen Ausführung, sympathisch. Nach der Zeit des jetzigen Getreide-Ueberschusses könne eine Zeit des Mangels kommen, lind da rverde die Negierung bald durch die Volks- bewegung gezwuugen werde«, sich mit diesem Gedanken z» be- fassen. Tie Börse halte er nicht für so unschuldig. Wenn der Antrag durchgeführt wird, so werden die sozialistischen Keime, die in demselben enthalic» sind, sich weiter entwickeln. Aus solchem Wege gebe es kein Halt. Abg. H u g sZ.) möchte der Landwirthschaft zwar zu besseren Preisen verHelsen, hat aber doch eine Reihe von Bedenlcn gegen den Antrag Kanitz. Geh. Rath W e r m n t h legt mehrere statistische Tabellen vor. Abg. S ch u l z e- H e n n e ist für höhere Zölle, aber nicht für den Antrag. Abg. v. L i»> b n r g- S t i r n m meint, wenn auf dem Welt- markie eine Zeit des Mangels eintreten werde, so spreche das für den Zlntrag. Er sucht die vorgebrachten Bedenken zu zer- streuen. Abg. Lieber führt aus, technisch sei der Antrag wohl durchführbar; dies empfehle sich aber nicht aus pratlischen Gründe». Ter Antrag würde zur Aushebung des Privatbesitzes an Grund«nd Boden führen und damit würde die Grundlage des heutigen Staates vernichtet werden. Abg. Graf v. A r n i in meint ferner, die Kommission habe einstimmig anerkannt, daß, wenn der Antrag durchgeführt werden muffe, dies auch möglich sei. Abg. Graf S ch>v e r i n führt aus, nach seinem Vorschlage sollten die Einkaufspreise vom Reichsschntzamt monatlich fest- gestellt werden. Tie Wiedervcrkaufspreise werden vom Bundes- rath oder vom Monvpolrath«inen Monat vorher festgesetzt. Nach seiner Meinung widersprechen die Handelsverträge dem Antrage nicht.— Die Kommission gab ihre Zustimmung zu einen» Antrage Dr. Pichler. nach welchem die Regierung eine Slatistik über das seit zehn Jahren eingeführte Quantum von Getreide und Mehl vorlegen soll, und zwar wo dasselbe herstamnit, über welche Länder es eingeführt ist und wie viel Deutschland ausgeführt hat. Abg. Herbert beantragte, die Regierung möge eine Statistik des in den letzten zehn Jahren eingesührlen Quantums von Getreide und Mehl unter Abzug der Ausjuhr sowie des in Deutschland geernteten Quantums vorlegen. Die Kommission gab hierzu ihre Zustimmung. Aus letzterem Antrage läßt sich das in Deutschland verbrauchte Quantum feststellen und die Summe der voraussichtlichen Bertheuerung berechnen. Die GetverbeordunngS'Kommission setzte am Dienstag Abend die zweite Lesung der Vorlage fort. Die Paragraphen 33, 85 und 42 b werden nach den Beschlüssen der ersten Lesung an- genommen. Bei 8 44 wird ein Antrag Hasse angenommen, der die Detailreisenden des Buchhandels nickt unter die Be- stimmungen des tz 44 stellt. Ein Antrag Schneider(srs. Vg.), der für eine Reihe anderer Gewerbszweige Ausnahmen zulassen will, wird abgelehnt. ** In der NeichStagSkommission für die Novelle zum B r a n n t w e i n st e>l e r- G e s e tz wurden ain Mittwoch Artikel 1 und 2 in zweiter Lesung in allen wesentlichen Punkten nach den Beschlüssen erster Lesung angenommen. Im Laufe der Berathung theilte Staatssekretär Graf Posadowsky mit, daß der Bundes- rath über den Schluß der Session noch keine Entschließung ge- faßt habe. In jedem Falle soll aber nach dem Wunsche der verbündeten Regierungen die Branntivein- stener-Novelle noch in der g e g e n w ä r t i g e n T a g u n g verabschiedet werden. Lokales. DaS Komitee für Ferien- Kolouieen versendet seinen Bericht über 1894. In Kolonieen geschickt wurden 3076(1393: 3000) Kinder, davon 1933(1893: 13SS) in Vollkolonieen, 1143 (1893: 1145) in Halbkolonieen. Die Zunahme der Gesammtzahl war also sehr bescheiden: aber es muß anerkannt werden, daß die Bevorzugung der Sool- und Seebäder vor den nur länd- lichen Kolonieen und den Halbkolonieen in den Vororten Berlins einen Fortschritt bedeutet. Die heilsame Wirkung des Sommer- aufenthaltes auf die Kinder schildert der Bericht wieder mit einer Begeisterung, die fast übertrieben erscheint. Dagegen ver- missen wir wieder das offene Eingeständniß, daß die Ferien- Kolonieen, auch wenn sie dem einzelnen Kinde ivirklich erheblich oder gar dauernd nützen sollten, doch für die Gesammtheit der Proletarierkindcr ein gänzlich unzulänglicher Nolhbehelf sind. Selbstverständlich hat, so lange eine volle und dauernde Besserung unmöglich ist, auch die halbe und nur vor- übergehende Hilfe ihren Werth, und sie verdient sicherlich auch freudigen Tank, wenn sie in ehrlicher Absicht gewährt wird. Aber wir können leider bei den Leitern des Unternehmens die Absicht, de» kränkelnden Proletarierkindern nur um dieser selbst willen zu helfen, so lange nicht voraussetzen, als sie ihre Ohnmacht gegenüber der ganzen Größe des vorhandenen Elends zu verdecken suchen. Schon das deutet darauf hin, daß nach bekanntem Rezept ein Weniges gewährt werden soll, um den Wunsch nach einem Mehr nicht zu rege werden zu lassen oder eventuell niit dem Hinweis auf das. was man ge- leistet habe, niederschlagen zu können. Wir haben früher nach- gewiesen, daß die Ferien-Kolonieen, wenigstens in Deutschland, ihre Förderung durch die besitzende Klasse thatsächlich in erster Linie dieser Erwägung verdanken. In Berlin soll der also durchaus berechtigte Zivcifel an der Tadellosigkeit der Motive den Geld spendenden Gönnern aus der Bourgeoisie die Ferien-Kolonieen ver- leidet haben, ivenigstens wurde das im vorigen Jahre von einem hie- sigen Blatte behauptet. Wenn das rvahr ist, so war es mit der uneigennützigen Menschenliebe dieser edlen„Wohlthäler" wirklich nicht weit her. Ein anderes Blatt behauptete dagegen, das Interesse der Besitzenden sür die Ferien-Kolonieen Hobe auch des- halb abgenommen, weil man davon eine„Verwöhnung" der „Kinder des Volkes" befürchte. Der Verfasser des Artikels wollte das durch persönliche Erkundigung in den Kreisen der Gönner sesigestellt habe». Uebrigens finden die Ferien-Kolonieen, wie unsere Leser wissen, und wie das auch auS der nach Stadtbezirken geordneten Uebersicht des Ertrages der Hauskollekte ersichtlich ist, auch bei der ärnreren Bevölkerung Berlins freudige Unterstützung. Sie spendet zwar weniger reichlich, aber in desto ehrlicherer Absicht. Die zeitgemäßeste Art det! Geschäftsreklame ist in der Aera des Kirchenbau-Sports und der vorschriftsmäßigen Militär- frönunigkeit die„mit Gottes Hilfe". Geschästspfiffige Christen wissen, wie der Hase läuft und senden ihre Anzeigen über viamsch- verknuse oder billige Wurstwaare» einem zahlungsfähigen Publikum nur noch mit dem Hinweis auf den von ihnen ver- lrauenLvoll erwarteten„Segen Gottes" zu. �Ten Bogel schießt in dieser Beziehung ein Kolonialwaareu- Händler in der Kastanien-Allce nahe der Schwedterstraße ab. Dieser fromme Ge- schäftsmann läßt zur Zeit in seiner Nachbarschaft Reklamezettel ver- theile», die außer dem Mißbrauch mit dem„Namen Gottes", der aus der Vorderseite gelrieben wird, ans der Rückseite noch eine ganz besonders fromme Ankündigung enthalten. Es heißt nämlich in der Geschüstscmpfehlung: „Eine bekannte Sitte unserer Vorsahren war das Opfer. Um auch für mein neues Unternehmen den Segen des Schöpsers zu erflehen, habe ich mich zu einem Werke der Nächstenliebe entschlossen und will ich 100 M. an ärmere Familien vertheilen." Tie„Vertheilung" der hundert Mark setzt der fromme Mann in der folgenden knijflichen Weise auseinander: „Es werden 200 Düte» a.>/« Psd. Kaffee abgewogen und für den Preis von 35 Pf. per Düte verkauft, in jeder 2. Düte besindet sich«ine Marke, welche mit 1 Mk. bei Einkauf beliebiger Waarin in gleicher Höhe in Zahlung genommen wird. Diejenigen aus der Unigegend, ivelche sich betheiligen wollen, haben sich bis zum Donnerstag, den 9. Mai zu melden, und am Sonnabend, den II. Mai beginnt von früh 9 Uhr an der Verkauf. Ich bitte natürlich, nicht U» f u g mit diesem Liebeswerke zu treiben nnd rechne darauf, daß sich nur bedürftige Familien dazu bewerben, kinderreiche, kränkliche oder alte Leute; wer versucht, sich zweimal zu melde», wird ganz ausgeschlossen. Damit ich aber auch beweise» kann, daß wirklich die Werihmarke» vertheilt sind, bitte ich die Empfänger um Namen und Wohnung. Wer eine Niete zieht, gönne dem andere» den Gewinn, denn es hat ja niemand besondere Anrechte und Unkosten. Der Kaffee wird nicht etwa geringer sein durch dieses Verfahren, ich thue es auch gern, was ich hiermit an den A r in e n thue. Nochmals hoch- achtungsvoll und ergebcnst:c. Vorgestern ist, wie wir berichtet haben, von einer hiesigen Straskammer ein Maurer z» der harlen Strafe von scchs Mo- naten Gefängniß verurlheilt worden, weil er i» der Trunkenheit, also i» unzurechnungsfähigem Zustande, dem Pastor in der Predigt einige Male ei»„Bravo" zugerufen hatte. Was qualifizirt sich sittlich niedriger, das Religionsvergehe», das dieser arme Teufel im Rausch begangen habe» soll, oder die Manier, in der ein geschäftsinäßiger Frönitnler den Namen seines Herrgotts zu einer überplumpen Reklaine verwendet? „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Selten war dies Wort angebrachter, als in bezug auf die Sorte Religiosität, die eine innerlich durch und durch faule Gesellschaft als letztes Abwehrmittel gegen den siegreichen„Umsturz" angstvoll aus der Rumpelkammer hervorgeholt hat. Ter Name des Herrgotts als zugkräftiges Reklamemiltel, das ist auch ei» Monienibild aus der Aera des Kampfes sür Ordnung, Religio» und Sitte. I» der Beschwerde-Jluaelegenheit gegen die Gewerbe Deputation des hiesigen Magistrats ist dem Vorstand der Orts-Krankenkasse für Handlungsgehilfeit und Lehrlinge zu Berlin vom Oberprästdium der Provinz Brandenburg der nachstehende Erlaß aus Potsdam zugegangen: „Ans die Beschwerde vom 8. Februar d. I. gegen den dortigen Magistrat wegen Uebernahme der Orts-Krankenkaffe fürHandliings- gehilfen und Lehrlinge in kommissarische Verivaltung erwidere ich dem Vorstand, daß ich die Beschwerde, nachdem inzwischen die Aufhebung der kommissarischen Verwaltung er- folgt ist, als erledigt ansehe. Der Oberpräsident, Staatsminister gez. v. Achenbach." Die Vorstandsmitglieder der Orts-Krankenkasse werden sich bei diesem Bescheide keineswegs beruhigen, sondern auf malerielle Entscheidung dringen und, sollte dieselbe wider Erwarten nicht erfolgen, an das Handelsministerium als die nächste höhere Instanz gehen. Ei« Stück moderner Theatermisßre tritt bei dem kaum eröffneten„Deutschen Volks- Thealer", dem ehemaligen„Belle- alliance-Theater" zu tage. Das„Kleine Journal" schreibt über einen Vorfall, der in die Interessen einer ganzen Kategorie an diesem Institut Angestellter tief einschneidet, das folgende:„Das gesammte Orchesterperjonal des„Deutschen Volks- Theaters" hat am Montag von der Direktion Briefe erhalten, in welchen mitgetheilt wird, daß dasselbe laut dem der Direktion zustehenden Recht per 14 Tage gekündigt wird. Der Z 7 des Kontrakts, welcher mit dem Orchesterpersonal abgeschlossen wurde, besagt, daß die Direktion da? Recht hat, während deS ersten Spielmouatk, d. h. während der ersten 14 Tage desselben,«in Mitglied zu entlassen, wenn es in künstlerischer Hinsicht den Anforderungen nicht genügt. Da dies in besagtem Fall nicht zutrifft, habe» die Orchestermitglieder sich bereits gestern an den Vereiilsanwalt Dr. Bäck, Spaudauerstraße, gewendet, um ihre Interessen wahr- zunehmen. Weitere Schritte in dieser Angelegenheit sind von dem Rechtsvertreter erfolgt. Die Kündigungsbriefe, welche auf hektographischem Wege vervielfältigt sind, tragen die Unter- schriften der Herren Sternheim. Maurice und Frantz. Herr Maurice, auf welchen diese Maßregel wohl zurückzuführc» ist, bethätigt also vollauf den Ruf, welcher ihm hierher voranging. Es scheint hohe Zeit, ihm die Möglichkeit zu entziehe», irgend welche direktoriale Thätigkeit in Berlin, unter welchem Namen es auch sei, auszuüben." Auch dieser Fall lehrt, wie dringend nothwendig eine gesetz- liche Regelung der Arbeitsverhältnisse an Theatern jc. ist. Das energische Vorgehe» der Musiker scheint der Direktion denn doch einige Angst gemacht zu haben. Die Betroffenen er- hielte» nämlich gestern folgendes Schreiben zugestellt: Der Direktion erscheint es nicht unmöglich, daß der erheblich größere Theil unseres Orchesters sich bei den vorgekommenen Unbolmäßigkeiten(sie) nicht bewußt gewesen ist dadurch gegen die in Absatz 1 unter„Mgemeine Bestimmungen" in den Kon- trakten als Koiitraklbnich verzeichneten ojfene Widersetzlichkeit zu begehen. Mit Rücksicht auf diese Erwägung und um nicht nur einzelner Personen willen die Gesammtheit zu schädige», stehen wir von der Ausübung unseres Kündignngsrechtcs ab, verweisen aber die Herren Mitglieder des Orchesters ausdrücklich darauf, daß jeder von Ihnen der auch bei leichteren, mit Ordnungsstrafen bedrohten Zuwiderhandlungen sortgesetzt verharrt, hierdurch zweifellos eine offene Widersetzlich- keit begeht, und wegen Kontraklbrnchs ohne Kündigung entlasseil werden wird. Hierdurch erledigt sich die uns nach Abfassung dieses Schriftstückes zugegangene Erklärung einzelner Orchester- Mitglieder ohne Datum. Ergebeust(gez.) Steruheim, Maurice, Frantz. Wir wollen hierzu bemerken, daß den Orchestermitglicdern. die zum theil schon lange Jahre am früheren Belle- Alliance- Theater ivaren und die verschiedenen Wandlungen dieser Bühne inilgemacht haben, von„Unbolmäßigkeiten" nichts bekannt ist. wie ivollen sich nur nicht im Gehalt reduziren lassen, das wahrlich schon elend genug ist. Uebrigens ist das technische Personal dieser Bühne auch zum theil gekündigt.— Das ist ein schöner Anfang! Im Wechsel der Zeiten. Die Kämmersängerin Frau Lilli Lehmann hat sich zur Pflanzenkost bekehrt, wenigstens be- findet sich, wie die„Voss. Ztg." mittheilt, ihr Name unter den neu aufgenommene» Mitgliedern der Vegetariervercinigung (Zentrale Berlin). Bisher war die geschätzte Künstlerin als eifriges Mitglied des Thierschuhvereins bekannt. Ter Kampf für Ordunng, Neligion und Sitte, der am eiligen Oster-Sonnabend mir der Kotzc-Schießprügelei begonnen at, soll eingestellt werden. Wenigstens bringen einige Blätter die unkonlrollirbare Millheilung, daß infolge Eingreifens des Kaisers weitere Dnell-Mordversnche in der Angelegenheit v. Kotze unterbleiben sollen. Militari«. Eine große Schlägerei hat in der Nacht vom Sonntag zum Montag zwischen Militär- und Zivilpersonen in der Chausseestraße stattgefmide». In dein Hause Chauffeestr. 86 befindet sich das Restaurant„Zur Nehkrone". In diesem Lokal erschienen nachts gegen 1 Uhr die Sergeanten Kukielka und Bauer der 10. Kompagnie Garde- Füsilier- Negimeiits, in „animirter Stimmung". Gar bald begannen nun diese beiden Vertheidiger von Kaiser und Vaterland sich unanständig und ungebührlich zu betragen, so daß sich der Wirth veranlabt sah, die Sergeanten zur Ruhe zu ermahnen. Diese Hinweise halfen jedoch nichts, denn das Benehmen der beiden Sergeanten artete noch mehr aus, sie fingen an zn siiigen und zu toben. Plötzlich nahm Kukielka sein gefülltes Bier- seidel und begoß ohne jeglichen Anlaß den Anzug eines Zivilisten vo» oben bis unten. Natürlich wurden nun die beiden gewallsa», zur Thür hinausgebracht und auf der Straße kam eS zu einer fürchterlichen Schlägerei. Kaum sausten jedoch die ersten Hiebe durch die Luft, ais Sergeant Kukielka auf einmal nüchtern wurde und sein Heil in schleunigster Flucht versuchte. In diesem Augenblick kam der Lieutenannt der Reserve Müller vom 54. Infanterie- Regiment vorbei, welcher sofort eine Patrouille von der Wache herbeiholte, die den Sergeanten Bauer halbtodt nach der Wachstube brachte, von wo aus er nach dem LazareIH überführt wurde. Hier konstatirten die Aerzte, daß das Nasenbein total zerschlagen war und eine tiefe klaffende Wunde sich 2 Millimeter über dem rechten Auge, sowie mehrere Wunden sich am Hinterkopf befanden. Bauer dürfte nie wieder dienst- sähig, sondern als dienstunbranchbar entlassen werden. Am Dienstag Mittag versammelte der Oberst des Regiineuts, v. Krosigk, das gesammte Nnterosfizierkorps im Exerzierhause um sich und tadelte mit scharfen Worten da? Verhallen der beiden Sergeanten, insbesondere das des Kukielka, der seinen Kamcradc» hilflos zurückgelassen und sich somit einer traurigen Feigheit schuldig gemacht habe. Tie Kapitnlationsverhandlungen, die jeden Somiiier, geivöhulich in den Monaten Mai nnd Juni, er- nenert werden, sind vom Kompagniechef bereits dem Papierkorb übergeben worden. Im übrige» ist a»S dein Garde-Füsilier-Regiment über folgende Vorkommnisse zu berichten: Erst Milte März wurde ein Sergeant der 6. Koinpagnie wegen Mißhandlung eines Unter- gebenen standgcrichtlich zu 14 Tagen mittleren Arrest verurlheilt. Gegenwärtig sitzt auch der Aize-Feldwebel Knauf der 11. Kompagnie im Arrest. Er verkehrte in einer Familie und benahm sich eines Abends dort derart, daß der Vater zur Wache eilen und eine Patrouille holen mußte, die dann den Herrn Feldwebel aus der Wohnung entfcrnte. Durch standgcrichlliches Erkenntniß sind ihm vor einigen Tagen drei Woche» gelinder Arrest zu- dittirt worden. Es nimmt kein Wunder, daß bei solchen Vor- kommnifltn die Anltpathie gegen Mililürpersonen mit jedem Tage sich steigert. lieber den Umfang deS SchlafsteffeuweseuS in Berlin hat die am l. Okiober v. I. nngestellts amtliche Ermiitclung er- geben, daß die Zahl der an diesem Tag« vorhandene» ver- «Mietljcteii Schlafstellen 49 034 betrug; da für diese Zahl im g'iizen 39 799 Schlasstellenvermiether vorhanden waren, so läßt sich daraus entnehmen, daß in der großen Mehrzahl der Fülle i�nn0enm?Äu,nfl nn cin3eIne Schlafgänger stattfindet, von denen Id208 weibliche waren. Die. Schlafstellen ssind ziemlich gleich- mäßig auf Vorder- und Hinterhäuser vertheilt. In den oberen Stockwerken der Gebäude ist die Zahl der Schlafgänger größer chergeh>i". Da in S t e g l i tz oft junge Burschen sich auf den Bürgersteigen versammelten, die Passage versperrten und die Vorbeigehenden mit Redensarten belästigten, hat der dortige .lintsausschuß. diese„Lücke" in der Ortsgesetzgebung durch Polizeivorschrift für den Verkehr auf den Bürgersteigen ans- gefüllt:„Niemand darf ohne g c n ü g e n d e U r s a ch e stehen bleibe», sich setzen oder legen.(!!) Mehr wie zwei Per- sonen dürfen nicht untergefaßt gehen. Das Tragen von Aexten, Sagen und anderen Sachen, welche die Passanten verletzen oder beschmutzen können, ist verboten." Unsere Strafrichter. Nicht weniger als sechs Termine standen gestern vor der S. Strafkammer um 9 Uhr an. Es mußten also in allen sechs Sachen Zeugen und Parteien schon um 9 Uhr antreten. Die letzte dieser Sachen war aber erst nach L Uhr beendet und fing erst nach 1 Uhr an; es waren also die Zeuge» ganz»nnölhigerweise gezwungen, sich volle vier Stunden vergeblich in Moabit auf dem Korridor aufzuhallen. Tem Verdienste seine Krone. Die Köller'sche Korrespon- denz meldet:„Der bisherige Kriminal-Kommissarius Rceber zu Berlin ist zun» Polizeirath allerhöchst eruannt worden." Roeber ,st der Oeffentlichkeit durch seine gegen die hiesigen Anarchisten vollbrachten Thalen bekannt. Ter Personen- und Güterbahnhof zu Rixdorf wird vom 17. d. M. ab geschlossen und gleichzeitig an seiner Stelle der neue Güterbahnhof und ein Aushilfs-Personenbahnhof eröffnet werden. Der Aushilfs-Personenbahnhof ist von einer im Zuge der Kirchhofstraße liegende» Holzbrücke aus mittels Treppen so- wohl von der Rixdorfer ivie von der Britzer Seite zugänglich. Ter Fahrkartenverkauf liegt auf dieser gegenüber der Bahnsteig- treppe. Der Zugang zum Güterbahnhof erfolgt ausschließlich von der Britzer Seite aus durch die südlich am Bahnhos entlang führende Seilensiraße. Mit der Freigabe der Straße» Bctlins für den Zwei- radverkehr beschäftigen sich die zuständigen Behörden äugen- blicklich von neuem. Die letzten aus die Freigabe gerichteten Petitionen von Berliner Bürgern haben den Minister v. Köller veranlaßt, eine genaue Untersuchung darüber anzuordnen, in welchen Straßen� den Wünschen der Radfahrer Zugeständnisse gemacht werden könnten. Zins grund dieser Untersuchungen sollen die Straßen in der großen Mehrzahl demnächst freigegeben werden. Gesperrt bleiben auch ferner mehrere Straßen in der Nähe des Bahnhofes Friedrichstraße, die Straße Unter den Linden, die Friedrich-, Behren-, Leipziger- und Potsdamer- straße. Als Seheuswüvdigkrit produzirt sich auf dem.Spielbuden- platz der Steglitzer Gemeindewiese zur Zeit bei einer Negertruppe «in Kerl, welcher das Bravourstück vorführt. lebende Kaninchen auszufresse». Das ängstlich zappelnde Thierchen bei den Hinter- läuie» fassend, zerreißt er dessen lebenden Körper von da ans in zwei Hälften und reißt alsdann das Fleisch in Stücken aus dem warmen, zuckenden Leibe, um eS mit den Zähneu zu bearbeiten. In bürgerlichen Kreisen entrüstet man sich natürlich über diese Scheußlichkeit und schreit nach der Polizei. In einer Zeit, in der der Massenmord systematisch als etwas Großes und Herr- liches hingestellt wird, ist es erklärlich, daß sich überhaupt Zu- schauer zu diesem rohen und ekelhaften Schauspiel einfinden. Z» zahlreiche» Verhaftnngen führte eine Schlägerei, die in der Nachl zum Mittwoch in einem nbelberüchtigten Lokale in der Gollnowstraße ausgebrochen war. Ter Kanipf pflanzte sich auf der Straße mit derartiger Macht fort, daß ein hinzukommen- der Schutzmann Snkkurs herbeischaffen mußte. Neun der Helden wurden schließlich zur Wache gebracht. Einen grausigen Fnnd machte am Montag Abend ein Mädchen in der Metzerstraße. Als es gegen Ol/eUhr den Boden des Hauses Nr. 7 betrat, stieß es auf die Leiche eines Manne?, der sich dort erhängt halte. In deni Todten wurde später der L6 jährige Arbeiter Karl Braatz festgestellt, der in demselben Hanse wohnte. Wiederbelebungsversuche, die ein Arzt anstellte, blieben erfolglos. Was den Mann, der verheiralhet war, in de» Tod getrieben hat, ist unbekannt. Ei» elfjähriger Schiller, der sich auf dem Nachhausewege in einen unbewachte» Laden eingeschlichen hatte und die Kasse stehlen wollte, wurde in der 18. Polizeiwache eingeliefert. Verhaftet wurde am Dienstag der 17jährige Bäckerlehrling P., welcher seit etwa fünf Wochen nach Unterschlagung bedeuten- der Geldsummen aus der Kasse seines Meisters flüchtig geworden war. P. hat von dein unterschlagenen Geld etwa 1000 M. in Lokalen mit Damenbedieimiig verjubelt. Einen Hundertmarkschein, der ihm von seinem Meister zum Wechseln übergeben worden war, hat ein Lehrling, der Sohn des Arbeiters Ziemann, Mulackstr. 7, Quergeb. rechts, 4 Tr., der Stralauerbrücke verloren. Der arme Vater, welcher von dem Meister ersatzpflichtig gemacht wird, hofft auf diesem Wege das verlorene Geld vom ehrlichen Finder wieder zu erlangen. Gesperrt sind für Fuhrwerke und Reiter die Jonasstraße von der Thurmstraße bis zur Eugenhagenstraße, sowie die Kreuzstraße von der Kurstraße bis zur Oberwasserstraße. Polizeibericht. Am 14. d. M. mittags fiel in der Müller- straße ein Kutscher beim Absteigen vom Wagen hin und erlitt außer einer bedeutenden Kopfwunde anscheinend innere Ver- lctzungen.— Nachmittags wurden Unter den Linden eine Frau durch eine ikutsche und in der Wafserlhorstraße ein neunjähriger Knabe durch einen Handwagen überfahren und beide an den Füßen bedeutend verletzt. WitternngSnbersicht vom 15. Mai 1805. Wetter-Prognose für Tounerstag, IS. Mai 1805. Ein wenig kühleres, zeitweise aufklärendes, vorwiegend trübes Wetter mit Regenschauern und ziemlich frischen Nordwest- lichen Winden. Berliner Wetterbureau. Gerilkiks-Ileikutta. I» der Strafsache gegen den Legatiousrath a. D. Stävte ist jetzt Termin zur Hauptverhandlung ans den 25. d. M. vor der zweite» Strafkammer des Landgerichts I an- gesetzt worden. Tas 15jährige Dienstmädchen Hedwig Tehlaff war bei dem Gärtner Zierath in Dienst und hatte u. a. auch ein drei Monate altes Kind zu versorgen. Eines Tages bemerkte Frau Zierath, daß die für das Kind in einem Patentkocher ausgekochte Milch eine auffallende Färbung hatte, und da sie beim kochen auch einen auffallenden Geschmack feststellen konnte, so brachte sie die Milch, ehe noch das Kind davon getrunken hatte, zu einem Chemiker. Die Untersuchung ergab, daß die Milch einen nicht sehr bedeutenden Zusatz von Soda erhalten hatte. Da die Tetzlaff hartnäckig leugnete, wurde die Sache der Staatsanwaltschaft übergeben. Auch in einem früheren gerichtlichen Termin war die Angeklagte zunächst beim Leugne» geblieben, und erst ganz zuletzt chatte sie sich zu dem Geständuiß bequemt, daß sie die Thälerin sei. Sie hatte an jenem Tage von ihrer Dienstherrin heftige Vorwürfe wegen ihrer Nasch- hafligkeil erhalten und wollte sich nun dadurch rächen, daß sie aus dem Küchenspind ei» Stück Soda nahm und es der Milch bei- mischte. Auch im erneuten Termin blieb sie bei ihrem Ge- ständniß, versicherte aber, daß sie nicht die Absicht gehabt habe, das 5ii»d zu tödten, auch nicht geglaubt habe, daß das Mittel hierzu ausreiche.— Der Sachverständige Professor Dr. Straßmann gab sein Gutachten dahin ab, daß der Soda- zusatz so schwach gewesen sei, daß selbst die Gesundheit eines dreimonatigen Kindes nicht beschädigt werden konnte; noch weniger war der Stoff nach Z 229 Str.-G.-B. geeignet,„die Gesundheit zu zerstören". Der Staatsanwall wollte die Theorie von dem„Versuch mit untauglichen Mitteln" angewendet wissen und beantragte 1 Jabr Gesängniß. Der Gerichtshof kam aber zur Freisprechung. Maßgebend war das Gutachten des Sach- verständigen, ferner die Erwägung, daß der Älngcklagten nicht nachzuweisen war, daß sie selbst an die Tauglichkeit des Mittels geglaubt habe. Die einzige Strafe besteht i» der vierteljährigen Untersuchungshaft. Ihr laßt den Arme« schuldig werde». Der noch nicht völlig strasmündige„Arbeiter" Theodor Ebert wurde dieser Tage in Dresden zu 15 Jahren Gesängniß verurtheilt. Der kurze Lebenslauf dieses noch nicht 13 Jahre allen Verbrechers charakie- risirt in gewisser Beziehung unsere sozialen Zustände. Der Verurtheilte hat, abgesehen von dem Besuch der Volksschule, keine Erziehung gehabt. Während seiner Schulzeit war er meistens sich selbst überlassen— aus der Gerichtsverhandlung ging nicht hervor, ob Vater und Mutter etwa in der Fabrik oder außerhalb des Hauses beschäftigt waren— der Junge trieb sich an den Bahnhöfen herum, um für Reisende Gepäck zu tragen. Das Geld verwendete er zum Ankauf von Indianer- geschichten. Während seiner Schulzeit wurde Ebert zwei- mal wegen Diebstahls und einmal wegen nächtlichen Umhertreibens bestraft. Seinem Lehrmeister lief er davon, arbeitete in mehreren Fabriken und stahl eines Tages seinem Onkel 900 Mark, die er vergeudete. Der Bursche wurde hierauf zwei Jahre in die Anstalt für fügend- liche Strafgefangene gebracht; von dort entlassen kehrte er nach Haufe zurück. Die Mutter befand sich wegen schwerer Kuppelei im Gesängniß, die Schwester stand unter sittenpolizei- licher Kontrolle, seine Stiefschwester war zu gleicher Zeit als Kostümsoubrette in einem auswärtigen Vergnügungslokal be- schäftigt; der Vater soll ein ordentlicher Mann sein. Lust zum Arbeiten hatte der aus der Haft Entlassene nicht, er trieb sich, wie er das schon seit seiner frühesten Kindheil gethan, wieder herum und suchte schließlich eine 78 Jahre alte, ihm bekannte Almosenempsängerin auf, der er die Börse mit 30 Pfg. Inhalt stahl. Als die Frau ihr Geld zurückverlangte, erwürgte er sie mit seinen Händen und brachte ihr auch zahlreiche Messerstiche bei; der kurz nach der Mordszene eintretende Pflegesohn der Alten wurde von Eberl mit einem Strick erdrosselt. Mit den geraubten 30 Pfg. ging er davon, wurde jedoch bald der That überführt und zu der oben genannten Strafe verurtheilt.— Wer zweifelt daran, daß der junge Mann bei vernunftgemäßer Er» ziehnng und unter würdigen sozialen Verhältnissen nimmermehr zum Verbrecher geworden wäre? Wie in gar vielen Fällen, fo ist auch hier die Gesellschaftsordnung die Hauptschuldige. Devsaurmlungen. Der Verband der Textilarbeiter(Filiale I) hatte am II. d. M. eine Versammlung einberufen, in der Genosse Hoff» mann über das Thema:„Die Bildungsstätte des Volkes" referirte. Die Diskussion bewegte sich allgemein zustimmend zu dem Referat. Unter Vereinsangelegenheiten werden den Streikenden in Katscher 30 M. bewilligt, und zum Schluß auf das Stistungs- fest aufmerksam gemacht, das am 13. Juni stattfindet. Das Arrangement für den Besuch der Urania ist am 23. Mai getroffen. Art>ritrr-Kild»ng«schule. Tounerstag, Abends 7%-e% Uhr: Lektüre: sjj— Ii>� Uhr: Nord- Schule, Müllerstraßc l7«a: Teulsch lLtleralur). Südost-Schul«, Waldemarstr. l«: Noturerlenntntß(Der TarwiniSmus »nd seine Bedeutung sür die moderne Weltanschauung). Neue Theilnehmer, Tanten und Herren, iederzeit ausgenommen. Soiialdemokratisch-r Ag>tation«-Povei» für d«n Zicichotags- Utaiililrei« Ktralsund-Lranlburg-Riigrn. Jeden Freitag nach dem IS., abends« Uhr, bei Linke, Jüdenstraßs 3«: Versammlung. Vortrag. Entrichtung der Beiträge. Uerband deutscher Karbiere. Friseure>>»>d perriicheumacher. lZweigveretn Berlin.) Tonnerstag, den 16. Mai, abends lolsUhr, bei Röllig, Neue Friedrichfiraste 44: Bersammlung. Tages- Ordnung: Vortrag des Kollegen Neßmann über:„Unsere gegenwärtige Bewegung". VertNisAzkes. Wegen unsittliche» Umgangs mit seinen Unter- gebenr» wurde am Sonnabend, wie die„Schl.-Holst. V.-Ztg." aus Kiel meldet, ein Wachtuicister von dem Kreuzer„Kaiserin Augusta" in Untersuchungshaft abgeführt. Aus Nantes wird über ein gemeldetes Eisenbahn« Unglück des näheren berichtet: Bei dem hier erfolgten Zu« sammenstoß zwischen einem Personenzug und einein leere» Güter- zug wurden ein Offizier und ein Bahubeamter sofort getödtct. Zehn Personen sind schwer verletzt worden. Der Lokomotiv- sührer des Personeuzuges konnte durch seine Geistesgegenwart die Gewalt der Kollission vermindern, wodurch eine furchtbare Kata- strophe verhindert wurde. AnS Petersburg meldet der Telegraph vom Mittwoch, daß einer Nachricht aus ikasan zufolge Wolga stark ausgetreten sei; der Bahnhof stehe unter Wasser, der Eisenbahndanim bei Kasan sei beschädigt. Die Reisende» würden von der Station Swijashsk mit Dampfern nach Kafan übergesetzt.— Nach einem Telegramm aus Baku wüthete in der Rothschild'schen Kerosinsabrik eine Feuersbrunst, welche erheblichen materiellen Schaden anrichtete. Die Kerosinrefervoire periethen in Brand.— Ter„Nowoje Wremja" wird aus Nikolajew telegraphirt: Die Dampfer „Skoryi" und„Wisantlja" stieße» zusammen. Der Zusammen- stoß hatte sür die Reisenden keine schlimme Folgen. Für dciiJnhalt der Inserate über- nimmt die Redaktion den» Publikum qeaenüber keinerlei Verantwortnn Theater. D o n n e r st a g, d e n 16. M a r. Gpernhans. Der Evcmgeliman. Kchaulp-rl hano. Die Welt, in der man sich langweilt. Dentscheo Theater. Die Weber. Perliuer Thraker, �laclamo 8«ms- G6ne. Kesstng-Theater. Der Herr Senator. Nene« Theater. Geschlossen. Kchiller- Theater. Der Hexenkessel und Der zündende Funke. Aleranderplaii- Theater. Durchgegangene Weiber. Tentral-Theater. Figaro bei Hof. Friedrich- Wilheltnstädt. Theater. Der Obersteiger. Kegdenz-Theater. Fernand's Ehe- kontrakt. Zlational» Theater. Die lebende Brücke. Im Garte» Gr. Konzert und Spezialitäten-Vorstellung. Theater Zluter de» Linden. Dorothea. Rund um Wien. Zlentscheo Uollto- Theater. Der Schmied von Rolandeck. zi elchohalie»- Theater. Speziali- täten-Vorstellnng. Z. wer! ran- Theater. Spezialitäten- Vorstellung. CaZfcn's Panoptikum. Ein Flug durch die Luft! Chamly's mysteriöse ICatakombe. Eeicliskaiizlov Fürst Holienlohe. Sehlller-Theater. (Wallner- Tiieatep.) Donnerstag, 16. Mai, abends 8 Uhr: ?rr Herenkest'rl. Der zündende nnke. Freitag, 17. Mai, abends 3 Uhr: Der Herenkessel. Der zündende Fun he. Sonnabend, 13. Mai, abends 8 Uhr: Die zärtliche» Verwandte» und Ei» Strafrapport. Sonntag, 19. Mai, nachm. 3 Uhr: Der»erbrocheneKrng. DirKnrg ruinr. Ein Strafrapport. Abends 8 Uhr: Die Journalisten ctentral-'kkeater Alte J a h o b st r a ff e V r. 30. Novität! Zum 13. Mal«: Novität I Unter artistischer Leitung des Herr» Adolt Brabl vom königl. Gärtnerplatz- Theater in München: figsno bei Hof. (Uoecoro.) Operette i» 3 Akten(nach Beanniarchais' Memoiren) von Lohrmaiill-Iiiegsn. Musik vou Alfred MiUlei'-Norden. Morgen: Dieselbe Vorstellung. ReichshaBBen Im prachtvollen Garten Täglich: HWorißisllje Soiree MßHlltleütscItEn Quartett- Ii Ui U b. Couplet-Sänger Hoffmann. Wolfs, Führmaun, Walde, Horst, Betz u. Frische. �niaog 8 vbr. Entrea 30 Pf. Rescrvirter Platz 50 Pf. Sonntoga: Anfang 7 Uhr. Entree 50 Pf., ab 9 Uhr 30 Ps. National-Theater. Große Frankfnrterstraße 132. Direktion: Max Sainst. Nur noch 3 Aufführungen! Gastspiel der amerikanischen Gesellschaft William Caldep. Die lebende Brücke. Großes Sensationsschauspiel mit Musik in 4 Akten(11 Bilder»), nach dem Eng- lischen von Sutton Baue, übersetzt von t. Schwab. Dirigent: Adolph Wiedecke. lektr. Beleuchtungsefsekle v. Lakowsky. Regie: Max Sauiat. Kassenöfsnttng 5 Uhr.— Anfang des Konzerts 6 Uhr, der Vorstellung 772 Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Natioml-Thellter-Clirttil: Grosses Concerf und Spezialitäten-Vorstellung. Die Theaterbesucher haben freien Zu- tritt zum Sommergarten. VoBBesgar�sn (ehem. Weimann's Volksgapten) Gefnttdbrunnen. Sadstr. 56. Direktion: Hax Samst. Eröjsmg herSoiillilersllisoil. Gr. Konzert u. Spezialitäten- Vorstellung. Aufführung von Schwänken, Possen und Schauspiele». Am Sonnabend, den 18. Mai er.: kroßer dreischer Ringkamps zum Abschiedsbenefiz für de» Meister- schastsringer Ernst Roobn mit dem Herrn Ada kl aus Hamburg(Polil), Paul Paetke und Conrad Lux. Passage- Panopticm. Neu! Gilt fllljtt auf dein Golf von Neapel. Kaufmann s Variete. Königstrasse, Kolonnaden. Täglich: Neumann- Bliemchen's Leipziger VilMM- GtseWft: Neumana, Willi. Wölfl, Horvith, Gipner, Lemke, Feldow und Ledermann. Anfang 8 Uhr, Sonntags 1/i8 Uhr. Entree 30 Pf., Sonntags 50 Pf. Oirektop Bimmel's Tpezilllitilteil-Theater.! Humoristisches Gesammlspiel von Wild. Wollt. Wdkmllgeass auch Theilzahlung, bei Höhte, Oramenstr. 3 U r a n e a Anstalt für volksthtimliche Naturkunde. Am Landes-Ausstellungspapk (Lehrter Balmhol). Geöffnet von 5— 10 UHp. Täglich Torstellung im wissenschaftlichen Theater. Näheres die Anschlagzettel. SltXlanl gebraucht, kauft Möbel- Handlung Rofenthaler« Straße 13. ! 1000(ioM) tarn! Spitzen— Seidene— Sammetkragen, Capes 7,50—25,00. Jaquet- Kostüme 10—15,00. Aparle Regenmäntel und Sommerjaqnets, um zu räumen, 5,00 bis 15,00, wasserdichte Staubmäntel von 5,00—15,00. Landsbergerstr. 56, 1 Tr. Arzt Dr. Hösch» Linien- ,* straße 149, 8—10, 5 bis 7. Sonntags 3—10 Uhr. 13751,' §Sf Achtung! Zahuersah, auch Theilzahl., wöchelktl. i Mark, G u ck e l, Lansitzer Platz 2, Elsasserstr. 12. Gisspmdrn.W� s owie Uilchgeschäfts-UtensUien. Jordan, Klein» Markus str. 38. ßlohtalmk. Grösste Auswahl! Billigsto Preise ■ Lager in Formen, Bockfagons. gf Heinrich Franck, llr. 185, Krunnenstraffe Dr. 185. Vtttin zlir Wlljrmlg der ziltercssell der W- v. Slhanknilche Berlins und Umgegend. Am Freitagfi den 17. Mai, nachmittags 5 Uhr, beim Kollegen Neumann, Pasewialkerstrasse 3 i Mitglieder-Versamnilnng. Tages-Ordnilng: 1. Bortrag des Genossen KUpert über Zubereitung und Behandlung des Bieres. 2. Aufnahme neuer Mitglieder und Ausgabe der Billets zum Stiftungsfest. 3. Die Beantwortung der vom Neichskanzleramt ausgegebenen Fragebogen in der vom Präsidenten des deutschen Gastwirthe-Verbandes einberufenen Versammlung, und wie stellen wir uns zu dieser Angelegenheit. 4. Bereinsangelegenheiten und Verschiedenes. llllle diejenigen Mitglieder, welche Beschwerden in Rechtsschutzangelegen- heiteu und gegen die Prozeizführung des Vereinssyndikns haben, werden ersucht, diese mit Angabe des Sachverhalts bis zum Freitag, den 24. d. M beim Vorsitzende» des Vereins oder der Recklsschutzkonimission anzumelden. 184/7_ Der Vorstand. I Töpfer. Am Freitag, den 17. Mai er., abends« llhr, im Lokale des Herrn Röllig, Neue Friedrichstraße 44: VertmensmiimltrMuiig. Hierzu sind alle diejenigen Kollegen geladen, welche auf den einzelnen Bauten als Vertrauensmann gewählt oder destimmt sind. Außerdem ersuchen wir die Kollegen, genau darauf zu achten, daß von fedem Ka« mindestens ein KoUegr vertveten, auch wenn kein solcher als Vertrauensmann gewählt ist. 245/6 ver Vortrausvsmaun Ser Vöplsr Berlins und Umgegend f ! Dekateure. Sonntag, den IT, Mai, vormittags ID Uhr, im Lokale des Herrn Feind, Weinstrasse No. Iii WST GeffentUche Uerfammlnng. Tages-Ordnung: l. Vortrag des Reichstags-Abgeordneten Genossen Robert Schmidt rkschnfllicheu Organisation. 2. Diskussion. 3. Ver- über den Werth der gewcr.,�,..,____ ,..._________________. schiedenes.— Um pünktliches und zahlreiches Erscheinen bittet ______________ Der Einberufe»' 58/7 Ächtimg, Maurerl Den Mitgliedern deS Zentralverbandes deutscher Maurer, Filiale II Berlin hiermit zur Nachricht, daß am Sonntag, den 19. d. M.» i» de» ArminhaUr». Kommandantenstraß» HO, die regelmäßige WM" Mitglieder-Versammlung stattfindet. Tages-Ordnung: 1. Abrechnung. 2. Bericht vom Verbandstag. 3. Wahl des Ausschusses. Um pünktliches Erscheinen eines jeden Mitgliedes wird dringend gebeten. 191/16 __ Der Vorstand. Okssknlliche Wschm-NttsMiAllliig Donnerstag, den 16. Mai, abends SVe Uhr, im Restaurant des Herrn Wilke, Andreasstraße Nr. 26. Tages-Ordnung: Kongreß in Fürth. Diskusston. Wahl eines Dclcgirlen. Verschiedenes. Zur Deckung der Unkosten 10 Pf. Entree. 41125 Der Vertrauensmann. Erklärung! Das von dem Gesangverein �U verbreitete Gerücht, bei uns zum 2. Osterfeiertag Musik bestellt und keine erhalten zu haben, er- klären wir als UBllAfSlhirllGlty indem die zu einer Musikbestellung nothwendigen Formalitäten mit unserem Arbeits- Vermittler weder besprochen noch vereinbart wurde», folglich auch unsererseits logisch keine Musik gestellt werden konnte. Wir empfehlen dem Gesangverein„Gluck zu" für die Zukunft mehr Vorsicht und ersuchen ihn, nicht wieder aufs gerathewohl Gerüchte in die Welt zu sprengen, ohne sich vorerst der Mühe zu unterziehen, die Wahrheit zu erforsche»— Gerüchte, an denen nicht ein Wort wahr ist und die nur angethan sind, den Ruf der„Freien Vereinigung" zu untergraben. Diese Mahnung können sich indeß auch andere, denen das Ansehen einer Vereinigung nichl viel werth zu sein scheint, hinter die Ohren schreiben. Obgleich sich der Vorstand des Gesangvereins„Glück zn" bereit erklärt hat, eine diesbezügliche Erklärung im„Vorwärts" zu veröffentlichen, haben wir auf eine solche seit 6 Tagen vergeblich gewartet. Sollte die Zlngelegenheit demselben noch nicht gehörig klar sein, so rufen wir den Vorstand des B e r l. A r b e i t e r- S ä n g e r b u n d e s als Dritten und Unparteiischen um sein Gutachten an. Her Vorstsnä der Freien Vereinigung der Zivil-Bernfsnmsiker Berlins. I. 91.: G. Kchonert, 1. Vorsitzender. ist der beste Bitter. A. Mer. Berlin W., Göbeustraße 31. Tnch Konimrsnm sse. Die Lagerbestände aus der Carl Hippel'SChen Konkursmasse verden postenweise, sowie im einzelnen werktäglich von 8 Ohr morgens bis 7 Uhr abends billigst ausverkauit. 2450C* 12, Monbijou-Platz 12. Alle» Genosse», Freunden und Be- kannten für die rege Theilnahme bei der Beerdigung unseres Sohnes unseren innigsten Tank. A. Zimmerling nebst Frau, 1115b Fruchtstr. 20. Dameine Frau mich seit dem 23. April böswillig verlassen bat, ivarne ich Jedermann, dieselbe auf meinen Namen etwas zu borgen. Rani Hilgert, Bernauerstr. 26. Achtung. Empfehle den Genossen des 4. Berl. Reichstags-Wahlkreises 0. mein Schuh- geschält nebst Reparatur-Werkstatt. Streng reelle Bedienung. Billigste Preise. Bei etivaigem Bedarf bitte mein Unternehmen gütigst unterstützen zu wollen. W. Drossel, Zorndorfrrstraste la, Ecke Weidenweg. Stiefel muss II 14b sterben und Mädchen warum weinest Du? ic. erlernt man für 1,50 M. in zwei Violinstunden Oraniensir. 118. Wer noch will reell und billig kaufen. Durch Ankauf aus Knktionr» und von Konlnirsmaste« bin ich in der Lage. jedes Stück dilliger zn verkaufen, als alle anderen Geschäfte! Ich verkaufe daher: iocheleg. Herr.-Sommerpal.v.S,75M. an üameiimäntel, Jaquets u. Capes„ 3,50„„ iochfeiue Herren-Anzüge„12,75„„ iochfeine Herren-Hosen„ 2,75„„ eder- u. Arbeils-Hosen zu 2,55„„ Kellner-Jaquets u. Hosen v. 4,75„„ Herren-Jaquets und Westen in allen Größen, Knaben- und Burschen-Anzüge, ~ iite. Schirme, Stöcke. Wäsche. Stiesel, offer, Operngläser, Kessel, Revolver, Tefchings, Gewehre, Harmonikas, Betten, Uhren, Ketten, Ringe u. s. w. zu enorm billigen Preisen! Gustav Lücke, � Ktrlitt""°' 131. Granienstr. 131. Gardinen-Reste zu 1—4 Fenstern passend, spottbilligst in der Fabrik Grüner Weg 80, pari., Eingang vom Flur Mache Freunde und Genossen auf mein in der Thurmstraße 82 belegenes Weiß- u. Bairisch- Bierlokal aufmerksam. 1050b C. May. Empfehle allen Freunden und Be- kannten mein Weist-, Kairisch Hier und gr. Speisegeschäft. Reichhalt. Frühstück von 30 Ps., Mittag mit Bier 50 Pf. sowie Abendtisch a la carte von 30 Pf. an. 2 Vereinszimmer mit Klavier für 20—50 Personen. ».Stramm, Nestanrat.,Ritterstr. 123. RlttßMlh,�'�-'��"'" an der Linienstraße. 35 Pf. Darteistr. la, 1118b August Wendt Rostocker- n. Wittstockerstr.-Ecke (früher Claudiusstr. 19) 1119b empf. Freunden u. Bekannten sein Lokal, 'owie Vereinszimmer, ca. 50 Pcrs. fast. Schwarz-wcißer Hund verloren gegangen. Abzugeben bei Siebke, Wiesenstr. 59, Holzplatz._ Gin Mohnlsaus (neu) mit Nebengebäude» und großem Garte», in lebhafter Judustriestadt der Niederlanffh, mit 4000 Einw., bester Bahnverbindung, beste Lage für Einrichtung einer Fleischerei, steht billig unter günstigsten Bedingungen zum Verkauf. Offerlen unter Ii. 6. 794 an Haasenstein& Vogler, A.-6., Berlin SW. 19, erbeten. 47/34 Schlafstelle verm. Dehler, Andreassir. 24. Schlafstelle zu verm. Reichenberger- traße 74 v., Cholel._ 1113b Arbeitsmrtt. Junger Mann, Rlempner, sucht sof. Stellung. Templinerstr. 7. IV. b. Koske. kür eine südamerikanische Wäsche- iabrik werden 2 Hemdeiibflgeliiieister, die in ersten Fabriken gearbeitet haben nnd Zeugnisse besitzen, dass sie in ihrem Fache durchaus tüchtig und eriahren sind, gegen sehr hohes Gehalt(5—6000 Hark pro Jahr ittr jede Person bei freier Reise) zn engagiren gesucht. Es dürfen anch Hann nnd Frau sein, wenn beide gleich geübt sind. Näheres auf Heldungen anter „Väscheiabrik" an die Expedition dieser Zeitung. 1117b Jubiläums- Ausgabe. Soeben erschien die fnufundzwanzigste Auflage von August Kebel: Die Fra« und der Sozialismus. Heft-Ausgabe. Komplet in 10 Heften ä 20 Pfennig. Zu beziehen durch alle Kolporteure. Ein tüchtiger Bierfahrer mit Kundschaft wird von einer Weißbier- Brauerei gesucht. 1111b Meldungen: Brauerei, Gräfestr. 8. Sottuabend, den 18. Mai er., in Kliem's Volksgarten, Hasenhaide 14—15: Stif tungs- Fest des Gesangverelus„FruhUngslust" (Mitgl. d. A.-S.-B.) Anfang 8 Uhr. Um is Uhr Kast-eepaufe.«nde??? Entree s Herren 50, Damen 25 Pfennig. Hierzu ladet freundlichst ein 152/13 Das Komitee. werden zum sofortigen Eintritt gesucht. Schriftliche Offerten n. I. W. 8301 bes. Rudolf Mosse, Berlin LW. WHE Ein grosser Posten HMM Steppdecken echt Wollatlas(reine Wolle) Grösse 150x200, StCk. 7,50 M. ca. 1000 Stück schwere buntfarbige ßSiMlasiMku mit kleinen Haschinenflecken, in reizenden Jacquard-Mustern, Grösse 150 x 200 cm. .--sk* 4,501. ÖS Meine illustrirte Preisliste über hochfeine Stepp- und Schlafdecken gratis und franko. "°s.r&»ll lefevre, Kerlin S., Granienstr. 158. Unerreicht billig!!! ardinen und Stores in weiß und creme, engl. Tüll, Schweizer und Spachtel von I M. 25 Fi. an. Otts fiüchler, Berlin C., Königstr. 26, ki.«??..., Preise event. �Theilzahl. Frau Olga Jacobson, Jnvalideustr. 145. Mn-tlinit. Möbel- Kaufgelegeuhelt bietet sich Brautleuten zc. im Möbel- speicher, 1721L" Rosenthaler- Strasse 13, I. Daselbst stehen täglich zum Verkauf: neue gediegene Möbel zu außergewöhn. lich billigen Preisen, gebrauchte und verliehen gewesene Möbel zu wahr- hasten Spottpreisen. Theilzahlung ge- stattet. Kleiderschränke 15, Küchen- spinde, Kommoden 12, Sophas 15, Bettstellen mit Matratzen 18 Mark, Nußbaum-Kleiderschränke, Vertikows 30, Stühle 3, Muschelspinden 40, Tru- meaux 65, Paneelsophas 75, Plüsch- garnituren 60 Mark. Herren-Schreib- tische, Schreibsekretäre, Büffets, Kou- lissentische, Spiegel, alles staunend billig. Gekaufte Möbel können auf meinem Lagerspeicher bis April kostenfrei lagern und werden durch eigene Ge« spanne transporlirt und aufgestellt. Unnhen-Unniernlien für das Alter v.2-16 Jahr, empfiehlt tu größterAuswahl zu billigsten Preisen. Fiiliien gratis. K. Hustädt, O.'ST 85»t 2 Min. v. Schlesifchen Bahnhof. U',". n eil 7 ö Ii n a2 M. Vollst, schmerzl. Zahnziehen 1 M. Plomben 1,50 H. Rop lVilllMl.£itlllIlLS0f xheilz. Zahnarzt Wolf, Leipzigerstr. 22. Spr. 8-70hr. aitrank frisch, ausgezeichnet ä Flasche 00 Uf. inkl., 10 Fl. Mk. 5.50. Johanniobeermei», herb, Fl. 00 Pf. Defertwei», süß, Fl. 75 Pf. Stachelbeerwei». ganz vorzüglich, Flasche M. 1,—. Echt Stonsdorstr liltor, ü Ltr. I.SO. 5 Ltr. 5,50, 10 Ltr. 10,—, 50 Ltr. 471/». 100 Ltr. 90,- Echte» alte» Uordhiiufer Ltrfl. Mk.1,10, 5 Liter ä Mk. 0,00. Seriiner Getreide- Kümmel Ltrfl. Mk. 1,10, 5 Liter a Mk. 0,90. Kimbeer», Kirsch-, Johannlsbeersaft, vorzüglich, Ltrfl. 1.30. Medizin. Ungarmein, beste Qualität, ä Literflasche Mk. 8,10. Empfehlen und senden einzelne Flaschen frei Haus Berlin. Lugen lieumunn& Co., S: Sfu�lSiSS A Oraniensir. 8, Genthinerstr. 80. Potsdam, Waisenstr. 87. Ausstellung Italien in Berlin. Täglich mit seinem Maestro Gialdini weltberühmten Symphonie-Orchester aus Mailand. 12 Italien. Sänger- n. Musikchöre. Das American-Theater mit Besdiz. Ausstellung hochinteressanter italienischer Industrien. Italienisches Volksleben. Auf dem Canale grande großer Gondel- Corso und Produktion der berühmten neapolitanischen Ferleniischer. BW* Die Ausstellung ist von 10 Uhr früh bis 12 Uhr Nachts geöffnet. Entree 50 Pf. Sei Regenwetter gewähren die Ansstellungsgebäude bequem Schutz nnd Aufenthalt für 12000 Personen. BW' Vom 1. Mai an sind Saisonkarten pro Person ä 10 M. an der Kasse der Ausstellung und im Jnvalidendank Unter den Linden Nr. 24 zu Haben. Reßlliirlliit Sliiissml, Wargeiiiilirs Ruhlaerstr, 20/21(neben dem Schützenhans), direkt am Wald, mit großem schattigen Naturgarten und angrenzender Wiese als Spielplatz. Vorzügliche Speisen und Vetränii» zu zivilen Preisen; graste Kaffee» linche, 8 gute KegeibaHne», Volksbelustigungen aller Art. 400 Personen fassender P a r q u e t s a a l zu Versammlungen und Festlichkeiten. Jeden Mittwoch lüpgn«« Uall unter Leitung des Tanzl. Herrn Goldschniidt und Sonntag: VjUÜ|)ll.<)UlI,(Mitgl. d. Tanzlehrervereins„Solidariiär"). Um regen Besuch bittet flltrad Malitz(früher B e r l i n, Annenstraße 37) Schweizer* Garten Am Königsthor— Am FriedrichShain. __ Jeden Sonntag Gr. Theater u. Spezialitäten-Vorstellung. Volksbelustigungen I Im neuen Saale aller Art.| BALL. Anfang 4 Uhr."BMI gBT* Entree 30 Pfennig. An den Wochenlagen ist das Etablissement an Vereine, Gesell- schaften zur Abhaltung von Sommerfesten zu vergeben. Verantwortlicher Redakteur: I. Dierl(Emil Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin, SW., Beuthstraße 2.