Abendausgabe Nr. 226 42. Jahrgang Ausgabe B Nr. 111 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife find in der Morgenausgabe angegeben Rebattion: SW. 68, Cinbenstraße 3 Fernfprecher: Dönhof 292-295 Tel- breffe Sozialbemotrat Berlin 5 Pfennig Donnerstag 14. Mai 1925 Vorwärts= Berliner Volksblatt Berlag und Angetgenabteilung Geschäftszeit 8-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönbeff 2506-250% Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Entwaffnungsnote und Garantieangebot. Vor der Entscheidung. Verfassungskämpfe in Ungarn. Bon Alexander Szántó. Paris, 14. Mai.( Eigener Drahtbericht.) Der Pefit Parifien| drei Städte noch vor der Räumung der Kölner Zone erfolgen, wenn Tagen mit der Beratung der Berfassungsänderungen, die ihr glaubt zu wissen, daß die Botschafterkonferenz sich wahrscheinlich Deutschland eine Reihe der Verstöße abgestellt habe. fchon am Freitag über den Tert der Entwaffnungsnote entscheiden wird und daß diese dann unmittelbar nach der Ueberreichung zusammen mit dem Gutachten der Militärkommission fowie mit einem Auszug aus dem Bericht der Kontrollfommission veröffentlicht wird. Auch die französische Antwort auf das deutsche Garantieangebot dürfte nach der gleichen Quelle in der nächsten Woche ebenfalls in Berlin überreicht werden. Die ungarische Nationalversammlung beginnt in diesen von der Regierung in Form eines Wahlrechtsentwurfes sowie eines Gefeßentwurfes auf Schaffung eines Ober hauses unterbreitet worden ist. Der Ministerpräsident ist, wenn Ungarn jezt aus der Periode der verfassungsrechtGraf Bethlen ist nicht wenig stolz darauf, daß es sein Werk lichen Provisorien wieder in die Aera gefestigter staatlicher Verhältnisse tritt. Nach einem verlorenen Kriege und einem Diftatfrieden von unfagbarer Härte, nach zwei Revolutionen, einer Gegenrevolution und mehreren Butschen, nach den Schrecken des roten und weißen Terrors, nach den katastrophalen wirtschaftlichen Schädigungen durch feindliche Ottupation und Inflation nach allen diesen Schicksalsschlägen wäre es allerdings ein großes Berdienst um Land und Volk, durch ein stabiles Verfassungswert die Grundund für eine unblutige Austragung der innenpolitschen Kämpfe zu schaffen. Die unumgängliche Voraussetzung hierfür aber müßte sein, daß die zu schaffenden Verfassungsgesetze dem Geifte der Zeit entsprechen, den berechtigten Forderungen des Volkes Rechnung tragen und außerdem für weitere Reformen die Bahn offen lassen. Werden diefe Vorbedingungen nicht erfüllt, so muß die Folge des neuen verfassungsmäßigen Zustandes nicht eine Entspannung, sondern eine Zuspizung der inneren Gegenfäße sein. Von diesem Standpunkt aus wird die neue Gesezesvorlage des Kabinetts Bethlen kritisch zu beleuchten und der Kampf der Opposition dagegen zu würdigen sein. Erklärungen des französischen Außenministers. fing geffern nachmittag am Qual d'Orsay eine Reihe von PresseParis, 14. Mai.( TU.) Der französische Außenminister empvertretern, mit denen er sich über die wichtigsten außenpolitischen Fragen unterhielt. Auf die Frage eines Journalisten, wann die Abrüstungsnote abgehen würde, antwortete der Minifter: Jn etwa zwei Wochen!" Er befonte, daß Verhandlungen mit Deutschland ohne seinen Eintritt in den Völkerbund eröffnet Die Räumung des Sanktionsgebietes. werden könnten, doch seien sich die Allierten noch nicht schlüssig geworden. Was die Räumung Kölns angehe, fo fei noch fein Paris, 14. Mai.( TU) Die Blätter erwarten, daß bei der Datum feffgesetzt worden. Die in einem Teil der Morgenblätter Abfaffung der Kontrollnote mühelos volles Einvernehmen zwischen ausgeffreuten Gerüchte, daß die Räumung nicht vor dem nächsten den Botschaftern erzielt wird. Die noch bestehenden Meinungsver- Jahre in Frage tommen fönne, entbehrten jeder Grundlage. Auflagen für ein geordnetes Zusammenleben der Staatsbürger schiedenheiten zwischen Frankreich und England feien nur technischer die Frage, ob die Ruhr nach dem Dawes- Gutachten im August Art und bez sich in der Hauptsache auf die Methode des ein- geräumt werden würde, antwortete der Minister, daß darüber zuschlagenden Berfahrens. Auf französischer Seite lege man be- weder zwischen den Alliierten noch innerhalb der französischen Refonderen Nachdruck auf gewiffe verfehlungen, denen die englische gierung verhandelt worden sei, daß es aber grundsätzlich der Fall Regierung feine besondere Bedeutung beimesse. Ueber die Räu- sein dürfte. Der Bertreter eines polnischen Blattes fragte, was man mungsfrage bestehe volle Uebereinstimmung. Die unter dem deutschen Vorschlag über die Anwendung des SchiedsKölner Zone werde erft geräumt, wenn Deutschland die Verfeh- fpruches auf die Off grenze verstehen könne. Die Antwort lungen wieder gutgemacht habe. Die Räumung des Ruhrgebiets lautete:„ Ich begreife nicht, wie ein Schiedsspruch zur Abänderung werde nach dem Condoner Abkommen am 1. September erfolgen. von Grenzen führen könnte, die vertraglich festgeseht worden sind." In den letzten Monaten seien Abtransporte französischer Truppen Die Berhandlungen mit Rußland über die Anerkennung der ständig fortgefeht worden. Die Räumung Duisburgs, Ruhrorts und Borkriegsschulden hätten noch zu feinem praktischen Ergebnis geDüsseldorfs fei jedoch eine Frage für sich, weil die Befehung diefer führt. Die Besprechungen über die französische Schuld an die Verdrei Städte als Santfion für Verstöße gegen Bertragsflaufeln vor einigten Staaten feien bisher nur inoffiziell geführt worden. In genommen worden seien. Wahrscheinlich werde die Räumung der kürzester Zeit würden offizielle Berhandlungen folgen. Reinigung. Schritte gegen die Staatsanwaltschaft. Eine Berliner Korrespondenz meldet: Durch das Eingreifen des Justizministeriums ist nunmehr ein Verfahren gegen den Untersuchungsrichter Dr. Rothmann, Oberstaatsanwalt Linde, Staatsanwalt Dr. Pelzer und Assessor Dr. Caspary angekündigt worden. Gerichtsarzt Dr. Thiele ist vorläufig auf 6 Wochen beurlaubt und will, wie wir hören, gegen fich selbst ein Disziplinarverfahren beantragen. Es verlautet jedoch, daß über den Kreis der genannten Personen hinaus, noch gegen weitere Beamte der Staatsanwaltschaft ein Berfahren kommen dürfte, da einzelne der Herren sich über gewiffe Untersuchungsgefangene in sehr schroffer und zum Teil präjudizierender Art und Weise geäußert haben. Die Untersuchung gegen die obengenannten Herren wird sich kaum auf den Fall Höfle beschränten, sondern es wird auch aller Boraussicht nach die Affäre Barmat eine nicht unwefentliche Rolle spielen. Es steht fest, daß bereits am 11. Februar, also por drei Monaten, der Berteidiger des jetzt aus der Haft entlaffenen Barmat, Rechtsanwalt Walther Bahn, einen auf Gut achten hervorragender Aerzte gestüßten Haftentlaffungsantrag gestellt hat, in dem ausdrücklich betont wurde, daß Barmat an einem schweren Nervenleiden frante und daß eine Verlängerung der Untersuchungshaft auch eine Verschlimmerung des Leidens bringen müsse. Barmat war damals durch die Gerichtsärzte Dr. Störmer und Hirsch untersucht worden, die jedoch im Gegen satz zu den anderen Aerzten überhaupt nicht festzustellen vermochten, daß Barmat überhaupt ein Nervenleiden habe. Auf Grund dieser Auskunft lehnten dann die Staatsanwälte und der Untersuchungsrichter Dr. Nothmann die Haftentlassung ab. Erst nach dem Tode Dr. Höfles stiegen bei den Untersuchungsorganen doch wohl Bedenken auf und man ließ Barmat erneut durch den Gerichtsarzt Dr. Bürger untersuchen, der zu dem Schluß tam, daß Barmat infolge der fortschreitenden Nervenlähmung lebensgefährlich erkrankt fei und die sofortige Ueberweisung in die Charité beantragte. Die Barmat augenblicklich in der Charité behandelnden Aerzte vertreten die Ansicht, daß schon vor einem Bierteljahr das Nervenleiden Barmats so bedentlich gewesen sein müsse, daß damals eine Ueberführung ins Krankenhaus notwendig gewesen wäre. wird und daß die Untersuchung nicht auf den Fall Höfle beschränkt bleibt. Das Berhalten der StaatsDas Berhalten der Staatsanwaltschaft in dem Fall Barmat und den damit in 3u sammenhang stehenden Zweigfällen ist so skandalös, daß es schon längst eines Einschreitens bedurft hätte. Die Haussuchung im Vorwärts". Stimmen der republikanischen Preffe. Die Nachricht, daß die Staatsanwaltschaft wegen einer Lappalie und außerdem unter Berlegung gesetzlicher Borschriften eine Haussuchung in der„ Borwärts" Redaktion veranstaltet hat, hat in politischen und journalistischen Kreisen lebhaftes Aufsehen erregt. Allerdings bringen es die rechtsstehenden Blätter natürlich nicht fertig, den elementaren Pflichten journalistischer Solidarität zu genügen und gegen solche Methoden, die sich, wenigstens the oretisch, gegen die gesamte Presse richten, Einspruch zu erheben. Mit diesem Schweigen wird nur unterstrichen, daß bas Vorgehen der Staatsanwaltschaft politisch- reattio. nären Charakter trägt und daher von den deutschnationalen Zeitungen mit Genugtuung aufgenommen wird. Ja, die„ Deutsche Beitung" versteigt sich sogar zu einer ausdrücklichen Billigung der staatsanwältlichen Maßnahmen und fläfft den„ Vorwärts" an. Die republitanischen Blätter nehmen dagegen entschieden gegen dieses Verfahren Stellung. Die Bossische Zeitung" wirft eine Reihe von Fragen auf, die ihre Kritik deutlich erkennen laffen und fordert die Staatsanwaltschaft auf, sich dazu zu äußern. Ebenso die Berliner Boltszeitung", die eine sofortige und gründliche Aufklärung verlangt, die Haussuchung als einen unent schuldbaren Uebergriff bezeichnet und im übrigen ein aründliches Durchgreifen des Justizministers gegenüber der Staatsanwaltschaft fordert. Das Blatt weist bei dieser Gelegenheit darauf hin, daß eine unverbrauchte Rraft an die Spitze des preußischen Justizministeriums gehöre. " Auch die Germania" wünscht eine Erklärung der Staats anwaltschaft und wirft die Frage auf: " In welche Situationen würden Redaktionen geraten, wenn sie fünftig für jede ihrem vollen Wortlaut nach abgelehnte Berichtigung eine staatsanwaltschaftliche Haussuchung erwarten müssen? Seit dem Höfle Fall hätte die Staatsanwaltschaft wahrlich allen Grund, in Dingen, die die Parteipolitit berühren, äußerst vorsichtig zu sein. Und nun die Haussuchung wegen einer offensichtlichen Bagatelle! Skandalaffären" vergeffen würde, so daß sie weiter ungeniert mit Recht und Gesetz Schindluder treiben tönnte. Indessen dürfte ste fich verrechnet haben. Das Maß ist voll. Die Reinigung Aus der amtlichen Meldung über das Verfahren gegen den Untersuchungsrichter, der Staatsanwälte und dem Gerichtsarzt geht nicht flar hervor, in welcher Form die Untersuchung geleitet werden soll. In dem Fall Dr. Höfled zunächst die Frage zu klären sein, den Ernst der Situation, d. h. ihrer Situation, völlig verkannt zu Die Staatsanwaltschaft scheint allerdings, wenigstens bis gestern, ob hier seitens der genannten Gerichtspersonen Amts vergehen haben. Sie mag, vielleicht unter dem Eindruck der Wahl Hinden vorliegt, daß aus einer unnötigen Berlängerung der Untersuchungsburgs, geglaubt haben, daß die öffentliche Meinung den Fall Höfle haft resultiert, ob es sich um Anwendung von 3wangsmitteln und die sonstigen standalösen Begleitumstände der sogenannten oder letzten Endes, da Dr. Höfle ein Opfer der Haft geworden ist, fahrlässige Tötung vorliegt. Auch die Frage, in welcher Form die Untersuchung geführt werden soll, ist zunächst noch offen. Denkbar ist die leichteste Form des Disziplinarverfahrens, möglich ist aber auch durchaus die Einleitung eines Strafverfahrens durch einen Beamten der Staatsanwaltschaft und schließlich ist auch die Möglichkeit gegeben, daß der Justizminister einen höheren Beamten feines Ressorts mit der Klärung der Angelegenheit betraut. Es fei bemerkt, daß übrigens der Justizminister auf Grund eines Schreibens des Vorfigenden des prenfifchen Untersuchungs ausiouffes eingegriffen hat, der dem Juftigminifter eine Dentfchrift des Rechtsanwalts Bahn zugeleitet hat, in der auf die Zustände im Untersuchungsgefängnis eingehend Bezug genommen war. Das sind die Anfänge einer Reinigung, bei denen nicht Salt gemacht werden darf. Es wird darauf ankommen, daß Die Untersuchung auch mit der nötigen Energie durchgeführt beginnt. Selbst dem Staatsanwalt zu toll. Berufung gegen den Freispruch Müllers. öln, 14. Mai.( Eigener Drahtbericht.) fprechende Urteil im Brozeß gegen den Generalsekretär der rheini( Eigener Drahtbericht.) Gegen das freischen Landwirtschaftskammer und Eintagsminister Dr. Müller hat die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt. Anerkennung der deutschen Sprache. Die neue Berfaffung für Sübmeftafrifa fieht die Anerkennung der deutschen Sprache im Bar. Lament und vor Gericht vor. Einen Streit um das Prinzip des parlamentarischen Regierungssystems gibt es in Ungarn eigentlich nicht, denn Ungarn ist seit langem ein parlamentarischer Staat, aber diese Mehrheit war niemals der Ausdrud des Bolfswillens, sondern tam zustande auf Grund eines Systems, das an Ungeheuerlichkeit dem preußischen Dreitlassenwahlrecht nicht nachstand und dessen Wirkungen noch verschärft wurden durch die raffiniertesten Rorruptions- und Beeinflussungsmethoden. Das Streben aller demokratischen Kräfte war daher auf die Reform des Wahlrechts und auf die Gewährleistung un= beeinflußter Wahlen gerichtet. Diesem Streben brachte erst die Oftoberrevolution 1918 cinen Erfolg, der dann aber durch den Bolschewismus und die darauffolgende blutige rechtsentwurf, den jetzt Graf Bethlen der NationalversammGegenrevolution zunichte gemacht wurde. Der neue WahlForderungen der entschiedenen Reaktionäre und den Bünlung präsentiert, stellt ein Kompromiß zwischen den schen der Fortschrittsfreunde dar. Man hat es nicht gewagt, Forderungen der entschiedenen Reaktionäre und den Wünvöllig zu dem alten Wahlunrecht zurückzukehren; man hat es aber entschieden abgelehnt, einen Bruch mit den üblen Traditionen der Vergangenheit herbeizuführen. So ist ein Gesetzeswert zustande gekommen, das für die Vertreter der Arbeiterschaft und der bürgerlichen Demokratie abfolut unannehmbar ist. Das neue Wahlrecht fnüpft die Stimmberechtigung an eine ganze Reihe von Erfordernissen, darunter an das reichung für einen großen Teil der armen Bevölkerung nicht Borhandensein einer gewissen Schulreise, deren Ermöglich war. Durch eine raffiniert ausgeflügelte Wahlfreisgeometrie ist dafür gesorgt, daß in gewiffen ländlichen Kreisen einige Hundert zuverlässige" Wähler die gleiche Zahl von Abgeordneten entfenden wie in der Haupttabt 3ehntausende von oppositionellen Arbeitern und Bürgern. Und dieses Wahlrecht ist nicht einmal geheim. Nur in den großen Städten und Industriebezir fen wird der Stimmzettel verschlossen abgegeben, die, gesamte Provinz dagegen das sind zwei Drittel der Wählerschaft des Landes stimmt offen ab. Diese Tatsache ist von entscheidender Bedeutung. Denn die offene Abstimmung liefert die bäuerlichen Wähler der Aufsicht und Beeinflussung der Großgrundbesizer, der Regierungsbeamten, der Gendar merie und der Geistlichkeit aus. Die Wahlen werden auf dem flachen Lande so ausfallen, wie es der Stuhlrichter anordnet. Die offene Abstimmung sichert der jeweiligen Regierung von vornherein eine Mehrheit im Abgeordnetenhause. Aber die Regierung Bethlen auch noch das Zweikammersystem nicht zufrieden mit diefer Sicherung ihrer Machtposition will wieder einführen. Das ehemalige Magnatenhaus, in dem aristokratischer Standesdüntel, chauvinistischer Größenwahnsinn und fleritale Kulturfeindschaft herrschten, hat Bethlen wieder ausgegraben und es erscheint jetzt etwas renoviert und mit einigen mordern scheinenden Deforationen perbrämt, als„ Oberhaus" in der Berfassungsvorlage. Da sollen neben den Vertretern des Hochadels, den Würdenträgern der Kirche, den Spigen der Generalität und den Auserwählten der Bureaufratie die Delegierten der stodreaktionären Romitatsmunizipien( Kreistage) und der Börsen, der Landwirtschaftskammern und ähnlicher Arbeitgeberorgafollen Mitglieder des Oberhauses sein! Daß diefe Bestim nisationen figen. Die in Ungarn ansässigen Habsburger mung das Land in schwerste außenpolitische Sonflikte führen muß, fümmert den Patrioten Bethlen wenig- ebensowenig. mie es ihm Strupel bereitet, daß gerade er der bei dem legten Karl- Putsch Kanonen gegen den Habsburger auffahren ließ dem legitimistischen Prinzip in Ungarn gu einem scheinbaren Siege verhilft. Sobald diese Verfassungsvorlagen verabschiedet sind', soll sich nach dem Willen der Regierung die jetzige Natwnalver- sawmlung in ein Abgeordnetenhaus umwandeln und gemein- s m mit dem Oberhause das ungarische Parlament bilden. Das Oberhaus soll die Befugnis haben, jedes vom Abgeord- netenhoase beschlossene Gesetz dreimal zurückzuverweisen. De- steht das Abgeordnetenhaus trotzdem ein viertes Mal auf der betrefsenden Vorlage, so droht ihm die Auflösung durch den Reichsverweser. Die Machtvollkommenheiten der regierenden Gewalten sind also bis zu einem Grade gesteigert, der dem Zustande des Absolutismus recht nahe kommt. Die herrschettden Reaktionare können durch das famose Wahlrecht sich bei jeder Wahl«ine gefügige Mehrheit im Abgeordnetenhause sichern: für den unwahrscheinlichen Fall ober, daß sich doch jemals eine oppositionelle Regung durch- setzen sollte, haben sie durch das Oberhaus die Möglichkeit, solche Lestrebungen zu durchkreuzen. Unter diesen Umständen ill das parlamentarische System nur ein S ch w i n- d c f. Ebenso wie im Vorkriegs-Ungarn hinter der Kulisse des Scheinparlamentarismus die Magnaten herrschten, ebenso wird auch im Ungarn der Magnaten Horthys und Veihlens der Wille des Volkes ausgeschaltet und alle tatsächliche Macht in die Hände der Besitzenden gelegt. Die Frage, ob die Ver- f issuugseutwürfe der Regierung geeignet sind, der innenpoli- tischen Gesundung des Landes dienen, wird man nach alle- dem verneinen müssen. Die Ungarische Sozialdemokratische Par- t e i befindet sich seit geraumer Zeit in passiver Oppo- f i t i o n: sie beteillgt sich nicht an den Beratungen der Ratio- naloersammlung, weil sie einsehen mußte, daß die Abstim- mungsmaschinerie der Regierungsmehrheit alle, auch die be- scheid enlten Anträge der Opposition ablehnte. An dieser Passivität werden auch die Sirenengesänge gewisser„libe- rcler" Politiker nichts ändern können, die besorgt darauf hin- weisen, daß ein Teil der Reaktion sogar das vorliegende neue Wahlrecht als zu weitgehend bezeichnet und daß demnach der Gesetzentwurf des Grafen Bethlen noch relativ erträglich fei. Für die Sozialdemokratie ist jedes Wahlrecht völlig un- annehmbar, daß nicht die geheime Abstimmung bringt und es ist deshalb auch kein großer Unterschied, ob die offene Abstimmung, wie Bethlen es will,„nur" in zwei Dritteln des Landes, oder aber, wie die äußerst« Rechte wünscht, in sämtlichen Wahlkreisen durchgeführt wird. Die Ver- u n t w 0 r l u n g für das Zustandekommen des unmöglichen und unhaltbaren Äerfasiungswerkes soll denjenigen überlassen bleiben, die durch seine Ausarbeitung bewiesen haben, daß sie aus der Geschichte nichts lernen wollen, daß sie sich mit allen Mitteln an die Macht klammern und daß ihnen nichts daran liegt, Ungarn in die Schar der modernen, demo- kratisch regierten.stulturstaoten einzureihen. Die ungarische Arbeiterschaft weiß, daß die geschichtlick�e Entwicklung über die papierenen Schranken der Bethlen und Horthy ebenso hin- wegschreiren wird, wie einst über das Regime Tifzas und der Habsburger. Wenn aber diese Entwicklung nicht ohne neue schwere E r s�ch ü t t e r u n g e n für Ungarn abgehen wird, so tragen die Schuld daran diejenigen, die sich dem Fortschritt entgegenstemmen und die den Wagen der Welt- gcschich-e ou'halten wollen, die dabei aber schließlich nur selbst unter die Räder kommen werden. ,Mcmö'Dee' in öer Kpd. Tiefe Mißstimmung in der Anhängerschaft. 3n dem schön frisierten Bericht, den die„Rote Fahne" über die Tagung des kommunistischen Zentralausschusses bringt, leuchtet aus jeder Zeile tiefes Mißbehagen. In der kommunistischen Mitgliedschaft ist man empört über die S t e i g- b ü g c l h a l t e r d i e n st e, die die Parlamentssraktionen der Reaktion leisten. Selbst die Bertreter der Zentrale mußten anerkennen, daß es n i ch t„e i n e r e a k t i o n ä r e Masse" llsbt. Deshalb die Sucht, nach den„Manövern", die von der KPD. ausgeführt werden sollen. Allerdings ist ein solches „Manöver"«in gefährliches Ding. Deshalb fagk„ein Der- treter der Zentrale": Bei einem gewissen Vorteil, daß wir durch die Manöver die P o l i. tik der SPD. abschwächen können, tauschen wir Nachteile ein. Die Arbeiter, die mit den Sozialdemokraten einverstanden sind, weil sie sie für besser halten als die Deutschnationalen, werden die Kommunisten fürso„vernünftig" wiedie Sozialdemo. traten halten. Die Agilationsmöglichkeiten unter den sozialdemokratischen Arbeitern wären zu Ende, und dann die Minderheit, die der b e st e Teil d-r Arbeiterklasse ist, die würden sagen, die Kommunisten machen jetzt dieselbe Politik wie die So- zialdemokraten. Es bleibt aber schließlich nichts anderes übrig. Ein Der- trster vom Niederrhein macht nämlich darauf aufmerk- sam, daß den knapp zwei Millionen kommunistischen Etim- men mindestens zehn Millionen Arbeiterstimmen gegenüber- stehen, die anderen Parteien, insbesondere der Sozialdemo- kratie zugefallen sind. Die Haltung der Linken, die„unter- irdisch weiterarbeiten" will, führt er zurück auf„ll e b e r- reste gewisser falscher Auffassungen von Rosa Luxemburg". Den Vorstoß mit dem„Offenen Brief an die Sozialdemo- kratie" charakterisiert ein Vertreter aus der Pfalz dahin: Die Arbeilerschafk hat unser vorgehen nicht anders aufgefaßt, als einen bloßen Anbiederungsversuch bei der SPD. Im Offenen Brief ist der Kampf gegen die auchrepublikanische Bourgeoisie voll- kommmen vergessen worden... Was gelungen ist, ist eine Verwirrung in der Arbeiter schasi. Ein Vertreter von Nordwest sagt den Pieckhelden diese Wahrheiten: Wir konnten in den Versammlungen draußen den Arbei- tern die besten Argumente vorbringen, aber konnten ihnen nicht beweisen, daß wir ausgerechnet mit den veutschnolionaleu zusammen die Regierung stürzten.... Wir haben den Deulschnolio- nalen bisher die Möglichkeit gegeben, mit unserer hilse«ine ihnen unangenehme Regierung zu stürzen. Wir haben unser« Genossen gefragt: wie denkt die Arbeiterschaft, wie denkt die Mitgliedschaft , über die„Manöver"— Red. d.„Von»."), und überall haben uns die Genossen gesagt, das ist eine Plattform, auf der wir in der nächsten Zeit mehrMassen gewinnen, als wir ia der letzten Zeit durch schlechte Politik abgestoßen haben. Ein thüringischer Parteiredakteur hat allerdings vor jedem„Manöver" Himmelangst: Mai: kann nicht plötzlich das Steuer herumreißen und vor den Massen bekennen: alles, was wir bisher gemacht haben, war falsch. praklisch wird durch die neue poNlik herauskommen, daß wir am Schwänze der SPD. marschieren. Nach solchen„Verlautbarungen" fand sich wirksich noch ein Weltwunder, nämlich ein„Genosse vom Mittelrhein", der erklärte:„Die Arbeiter des Bezirks verstehen, was die KPD. mach t"! Bisher haben« i r noch keinen Arbeiter gefunden, der die kommunistischen Tänze verstanden hat. Zum Schluß der Borstellung im Zentralausschuß kam auch das„Auge Moskaus" zu Wort, der„Vertreter der Exekutive". Er mußte betrübten Herzens bekennen: Seil einem Jahre ist unser Eiojluß sehr vermiudert. und wir müssen sowohl daraus als auch aus der Tatsache der beginnenden Osfensive gegen Sowjetrußland all« Konsequenzen ziehen. Die Ge- nassen sagen, wir wollen eine Entlarvungspolitik. Wir wollen nicht nur eine Enllaroungspolikik, wir wollen eine gemeln- fame Kampffroak mit den sozialdemokratischen Arbeitern.... Wir wollen gegen die SPD. mit andern Mitteln kämpfen. Di« Ultra- linke oerhindert die gut« Durchführung der Politik. Als Heilmann im Preußischen Landtag erklärte, daß unsere Vorschlag« eine Basis für Verhandlungen seien, da schrieb die ,7t. J.' falsch: „wir werden mit der SPD. nicht verhandelnt" Wenn wir diese Politik durchführen werden, sollen wir auch mit ihr oerhandeln. Die Exekutive glaubt, daß wir un» im preußischen Landtag hätten der Stimme enthalten sollen...» Alle diese schönen Bekenntnisse und Reden kommen nach dem Siege Hindenburgs und nach der Erledigung der Preußenkrise. Jetzt, da die kommunistischen Arbeiter rebellie- ren gegen den„revolutionären" Unverstand, der in Preußen von ihren Vertretern getrieben wurde, jetzt möchten die Herrschaften mit der Sozialdemokratie„verhandeln"! Wirklich ein sehr durchsichtiges„Manöver". Selbftbeschimpfung. Teutschnationale Angst vor Untersuchungsausschüssen. In der„Deutschen Tageszeitung" reitet ein„hervor- ragender Jurist"— er ist so hervorragend, daß sein Name schamhaft verschwiegen wird— fürchterliche Attacken gegen die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse. Nach seiner Ansicht stellen diese Ausschüsse eine„verfassungswidrige Par- lamsntsjustiz" dar, eine„unbefugte Einmischung" in die Rechtspflege. Die Tatsachen würden in den Ausschüssen ver- dunkelt, und kriminell schwer Belasteten würde„Hilfs- stellung" geleistet. Ein„hervorragender Jurist" hat natür- lich das Recht, solche Behauptungen auszustellen, ohne auch nur den Schatten eines tatsächlichen Beweises zu erbringen. Der Aerger ist begreiflich nach den Enthüllungen, die der Höfle-Ausschuß über das Gebaren der Justiz gebracht hat. Amüsant aber ist, daß der deutschnationale Jurist die Schals feines Zorns auch gleichmäßig über den sogenannten Barmat-Ausschuß des Preußischen Landtages ergießt. Offenbar weiß der„hervorragende Jurist" nicht, daß dieser Ausschuß— ein Werk seiner eigenen Freunde ist! Nach der Verfassung muß ein Untersuchungsausschuß eingesetzt werden, wenn ein Fünftel der Parlaments- Mitglieder es verlangt. In diesem Falle stellten die D e u t s ch- nationalen und Deutschvolksparteiler das be- antragende Fünftel. Allerdings haben die Antragsteller wohl kaum mit dem kläglichen Fiasko ihres Ausschusses gerechnet, der 26 Sitzungen bereits ohne das geringste positive Resultat abgehalten hat. In heller Wut schimpfen jetzt die Deutschnationalen über ihr eigenes Tun und denken, der Leser merke es nicht, d«ß alle ihre Vorwürfe auf sie selber zurückfalle»! Das amerikanische Finanzkapital. 9 Milliarden Dollar im Auslände. Washinglon, 14. Mai.(wTv.) Staatssekretär hoover t-ilte über den auswärtigen Handel und den Geldn-nfah im Jahre 1924 mit, daß die amerikanischen Beteiligungen im Auslände um ungefähr eine Milliarde Dollar zug-aommen hätten und insgesamt nunmehr über neun Millio-ben Dollar betrügen. hoover erklarte weiter, Amerika sei jetzt oer größte Geld- geberderwell. Die Entwicklung dieses Jahre» gebe den Bereinigten Staaten in der internationalen Finanz eine stärkere Stellung alsje. Inder Einfuhr habe Amerika eine günstige Handelsbilanz von 970 Millionen Dollar unter Berücksichtigung der Einnahmen aus der Bekämpfung des Alkoholschmuggels. Amerika habe im Jahre 1924 für 25S Mivioaeu Dollar mehr Gold eingeführt, als es ausführte und für ZK Millionen mehr Silber ausgesührl. als es einführte. Das marokkanische Abenteuer. französische Gegenoffensive. Paris, 14. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Die Regierung teilt in einem offiziellen Kommunique mit, daß am Mittwoch die französische Gegenoffensive in Marokko begonnen hat. Di« unter dem Befehl des Generals C o l o m b a t stehenden Truppen haben, unterstützt von starker Artillerie und zahlreichen Flugzeuggeschwadern das Massiv des Tibans nörlich Oergha angegriffen, indem sich die Truppen Abdel Kerims noch allen Regeln des modernen Stellungskriege« verschanzt haben. Die offiziellen Mitteilungen über den Gegenangriff besagen weiter, daß die Offen- sioe erfolgreich fortgesetzt wird. Gsgii-Sastspidin öer Staatsoper Der junge Benjamins G i g l i ist bewundernswert durch das, was er vor den Kulissen leistet, wie durch das, was er daheim an Selbsterziehung tut. 1924 noch am Beginn einer Weltberühmtheit, ist ihm nicht(wie manchen Tenören hier zu Lande) der Kamm ge- schwollen, sondern er hat gelernt, gearbeitet, geseilt an seinem In- strument. So singt er heute kräftiger, strahliger, dennoch weicher und gefärbter, schmelzender und.inniger als je. Die Mitte vor allem ist herrlich und die Piano-Schattierungen; er spricht und phrasiert künstlerisch. Als Alfred Germont macht er zwar körperlich und kostümlich schlechte Figur; er quillt au» dem Reitanzug heraus und erscheint mitten unter den 192Str Herren als Frack von 182S. Welcher Regisseur läßt ihm das durchgehen? Und dies« ,Tra- o i o t a"- Ausführung war doch einmal von den Schneider- und Mode- Primadonnen kontrolliert worden I Die große Ueberraschung war das gute, das eindringliche Spiel in der fürchterlichen Spiel- szene des dritten Aktes. Vorher hatte die sonst stets gestrichen« Anfangsarie de» zweiten Aktes«in stürmische« Dakapo erheischt. Mit vollem Recht: so echt und schön, so offen und edel timbriert gab sich hier der beste Tenor, den die Welt nun hat. Schlusnu», starr in Miene, ausdrucksvoll im Gesang, wurde mit seiner Be- schwörungsarie gefeiert. Auch er kriegte sein Dakapo. So hätte man sämtliche Solostücke der„Aioletta" wiederholen dürfen. Ich bekenne es frei: menschlicher, beseelter, liebevoller sang und spielte an diesem Abend keiner als Hedwig von D e b i tz t a. Sie ist ein« Künstlerin großen Formats, weil sie noch hinter Koloraturen lächeln, weinen, leiden kann. Ein Glanz geht von ihr aus; das sst keine Lebedame, aber eine, für die man leben und sterben kann. Indem sie die Rolle menschlich gibt, also verfälscht, beweist sie erst ihre Be- rechtigung. Man stelle diese Frau vor große Aufgaben! M e y r o- w i tz dirigierte sehr geschickt, konnte allerdings schlechte Chöre und steifbeinige Frauentänze nicht in Takt bringen. K. S. Wie 2öm feine Tierbilöer schuf. Hermann Löns ist unser klassischer Tierschildercr hauptsächlich durch die Mitarbeit an dem Werk des Zoologen Hermann Meer- wortb„Lebensbilder aus der Tierwelt" geworden. Zwar hatte der leidenschaftlich« Jäger und Naturfreund auch schon vorher Tiere hier und da in den Mittelpunkt seiner Erzählungen gestellt, aber erst durch die Ausgabe einer zugleich wissenschaftlichen und künstlerischen Darstellung, die ihm durch Mcerwarth geboten wurde, wuchs er nach langem Ringen und Mühen in jene harmonische Form hinein, die ienien Tierbstdern ihren itttimen Reiz und ihren hohen künstlerischen ' iZe-'t verleiht. In diese? Werden d-s genialen Tierschilderers führen uro einige Briese von Löns an Mccrmarth hinein, die im neuesten Hcst der Mrn->t:schrilt„Die Literatur" veröffenMcht werden. Be- sonder» r ond-Ut es sich dabei rnn die Entstehungsgesckuchte der letzten Tierschilderung..!, das erst nach dem Tode um Löns vewffentllchte Wert„Wasserjungfern, Geschichten von Sonnenboten und Sonnen- kündern". Die Briefe zeigen, wie innig im Schaffen dieses Dichter» Bewußtes und Unbewußtes verschmolzen war: hier handelt es sich um die genaue Beobachtung und wissenschaftliche Vertiefung, und doch muß auch dabei die Vision helfen, die ihm das ganze Naturbild vor die Seele ruft. Besonders schwierig war die Meisterung des spröden Libellenstoffes. Einer der bezeichnendsten Briefe lautet:„Ich habe den Plan fertig: großer Landsee mit wechselreichem User, Wald, Feld, Heid«, Lehmberge, Moor, Wiesen. Darin, darauf, darum spielt sich olles ab. Die einzelnen Arten und Phasen werden in Unterabschnitten mit Titeln behandelt. Hetzen Sie den Künstler doch auf das Herr- liche Tier, die Libellenkönigin." Und kurz darauf schreibt er:„Das glaube ich wohl, daß Sie für dieses Dreiteuielszeug keinen Be- arbeiter kriegen tonnten. Drei Komodenschiebladen»oller Adjektive habe ich bisher verspritzt und mir den Brägen schon geklemmt. Aber es geht. Ich denke, Sie können den ganzen Summs bald haben— Da» Gemeinste ist, daß dieser Sommer»in ausgesprochener Anti- libellensommer ist: kein Schwein fliegt. Na, man hat das Zeug ja genug gesehen und beobachtet. Manche Abschnitte habe ich obscheu- lich breit treten müssen, aber ich bin sicher, kein Deuwel hätte es sonst fertig gebracht, wenigstens keiner, der in unserer Art darüber chreiben kann. Ich wollte, ich hätte Kolbes genaue Libellenkennt- Nisse, dann wäre es Kinderspiel. Mit Libellenidiotengruß Ihr ver- wasserjungferter, verteufelsbolzter, verschilleboldeter, verhimmels- pferdeter Spezialist für Libellen und andere langstielig« Vieche- rei. H. L."__ Deutscher Schmauk um die Ehe. Herrn Heinrich Ilgen- st e i n, Verfasser vieler Essays und mehrerer Theaterstücke, ist es ausgefallen, daß die Ehe nicht, wie man nach dem Studium Marlitt- scher Romane erwarten sollte, in allen Fallen den Schimmer ro- mantischen Zaubers trägt. Im Gegenteil— die Ehe verläuft manchmal verdammt prosaisch. Das also bat Herr Ilgenstein her- au-gefunden. In der Begeisterung über seine Entdeckung hat er stracks �Liebfrauenmilch, ein Spiel um die Ehe in vier Stationen", geschrieben, und zwar im vorigen Geschäftsjahr, als er bereits 49 Jahre alt war. Das nimmt un» wunder, denn wir sind uns über den Punkt erheblich jünger klar geworden. Wie dem auch sei, der Dramatiker hat das Recht, die banalsten Dinge zu behandeln. Es muh nur mit Geist geschehen. lind da haperts bei Ilgenstein. In der ersten„Station" plätschert witzig und munter ein amüsanter Dialog dahin. Aber dann verebbt die Geschichte von den jungen Eheleuten, die sich über haben, und zum Schluß doch zusammen- bleiben. Von dem Abend in der„Komödie" bleibt nichts übrig als die Erkenntnis, daß die moderne Bühnenltterotur um eine Be- langlosigkett reicher geworden ist. Der Schwank bekam seinen Glanz durch die beiden Haupt- dorstellerinnen. Anni Mewes war schon früher, ol» man ihr kleine Plappermäulchenrollcn gab, durch ihre natürliche Frisch« auf- gefallen. Gestern erwies sie sich als ein Talent mit besonderer scharmanter Eigenart. Sie hat Einfälle und überrascht mit dem Plötzlichen und Unvermittelten ihres Spiels. Carola Toelle entzückt« wie immer durch die Zartheit lmd Anmut ihrer Persön- lichkeit. Dgr. John Daniel II. empfängt... John Daniel II., der berühmteste Gorilla der Welt, hat jetzt seinen Einzug in den Londoner Zoo mit den gebührenden Ehren gehalten. John Daniel II. ist der Nach- folger John Daniels I„ der seinerzeit aus England nach New Pork Übersiedelle und jetzt in ausgestopftein Zustande eine Zierde des New Vorker Museum» für Naturgeschichte bildet. Man oarf John Daniel nicht mit den gewöhnlichen Orangutane, Schimpansen, Man- drill» usw. verwechseln: er ist kein gewöhnlicher Affe, sondern er fährt in seinem eigenen Kraftwagen, in dem er auch seinen Einzug in den Zoo hielt. Al» Wohnung ist ihm ein großer„Salonkösig" zugewiesen, der gerade neben dem Löwenhaus steht, und da schon mancher junger Löwe in Freiheit vor einem ausgewachsenen Gorilla gezittert hat, so dürften ihn auch die kleinen Löwen des Zoo nur mit scheuer Ehrfurcht betrachten. Alltäglich hält John Daniel, nachdem er ein reichliches Mahl von erlesenen Gemüsen und Schokolade zu sich genommen, einen Empfang ab, bei dem er die Besucher würde- voll an sich vorbeidefilieren läßt: dann besteigt er seinen Wagen und fährt spazieren, von einem Mann in Livree begleitet... Ein Mittel gegen zu hohen Bluidruck. Der kanadische Arzt Dr. W. I. Macdonald hat eine neu« Methode für die Behandlung des hohen Blutdrucks gesunden, indem er unter der Hont Leber- extrakte einspritzt. Eine Kommission von Mitgliedern des Aerzte- Vereins von Ontario, zu der auch die bedeutendsten Gelehrten der medizinischen Fatultat der Universität Toronto gehörten, hat diese Behandlung nachgeprüft und erklärt in einem einstimmigen Bericht, daß die neue Methode in ihrem Wert für die Heilkunde mit der Insulinbehandlung der Zuckerkrankheit auf eine Stuf« gestellt werden müsse._ 3n der Englisch-AmeUkanlschea Vortragsreihe spricht am Freitag der «gUsch« Arbeiterabgeordnet« Walter Nile« im enqliichcn Temmar. Dorotheenstr. 6, um 0.80 nachmittag« in englischer Sprache über„die Entwicklung der Arbeiterpartei." vi« Joage vühae bringt Arnoit Bronnen» Lustspiel.Di« Exzesse" am Sonntag, 7. Juni, mittags 12 Uhr, IM Deutschen Theater zur Urauisührung- Do» IentraNnslilvt sür Erziehung»cd llnlrrrichl(Potsdamer Str. 120) bat wieder zwei Lehrgänge der russischen Sprache eröffnet, deren Leitung den Oberlehrer Dr. v. S t e r m a n n übertragen ist. Der Dozent will sekne Hörer auch in die Elemente der russischen Geschichte, Literalur, ti Geistes- und WirtschastSlebcnS Ruhland« einiühren. Porgesehen find Lehrkurse: 1. sür Slnsänger TicnStagS 7 Uhr abends. 2. für Kenner der Anfangsgründe Mittwoch» 7 Uhr abend«. Beginn am 21. und 22. d. Mt« Zm Rahme» der deutschen»»lturwoche hielt im Konserenzsaal der Internationalen Buchmesse in Floren,. Thoma» Mann, einen Vortrag über G o- t b e und Tolstoi, der oon de» zahlreichen Mästen mit iebhaslem Interesse angehört und zum Schlus, mtt starkem Beifall ausgenommen wurde. versetzaug cunalscharski» 7 Die Stellung Lunatscharski» ist erschüttert In führenden Eowjettreisen wird sür notwendig erachtet, ihn durch eine andere Persönlichtetl zu ersehen, die in der Lag« wäre, da« KommtNartat sür«IldmigZwesen in Ordnung»u bringen. E»«st vorgesehen ein selbständige» Ressort für bildende Kunst zu gründen. und die Leitung desselben Lunatscharski zu übertragen. Sein Räch- olger soll K a m e n e w werden. vi« �ahl der Reualter« Ia Alaika wird zurzeit aus«>0 000 Stück ge- schätzt. St« sind steter Lefitz der dortigen Stkimo». Der versuch-ine» �«ttntai«, st« an�jn kaufen und daran« für sei»? Mitglieder Nutzen zu Kommunalpolitik im Landtag. Die preußische Städte- und Landgemeindeordnung. Der Landtag ging in seiner heutigen Sigung, der letzten Bollsigung vor Pfingsten, an die erste Beratung eines 3entrumsantrages auf Bornahme eines Entwurfs für eine preußische Städteordnung und eine preußische Landgemeindeordnung. Mit dem Zentrumsantrag werden die über aus umfangreichen Arbeiten des 22er- Ausschusses des alten Landtages wieder aufgenommen. In der Aussprache erhält zunächst Abg. Haas( S08.) das Wort: Wir haben im 22er- Ausschuß alles getan, um eine brauchbare Städte und Landgemeindeordnung zu schaffen. Wenn bei den Arbeiten fein brauchbares Resultat herausfam, dann liegt es zunächst am Regierungsentwurf. Je mehr wir uns von den Revolutionstagen entfernten, desto schlechter wurde dieser Entwurf und desto schwächer wurde der Wille, eine großzügige Berfaffungsreform zu schaffen. Die sozialdemokratische Frat tion ist immer dafür eingetreten, die Städte und Landgemeinde ordnung zusammenfassend in einem Gefeß zu reformieren. Das ist schon deswegen zwedmäßig und gut, weil bei beiden Ordnungen faft 70 Prozent der Baragraphen übereinstimmen. Bedauerlicher weise ist die Zentrumspartei dazu übergegangen, den schon vereinheitlichten Gefeßentwurf wieder auseinanderzuziehen. Bir treten nunmehr von neuem für die Verbindung der Reformarbeiten in einem einzigen Gesetz ein. Die Frage: Magistrats oder Bürgermeisterei nerfassung steht im Mittelpunkt der Reformarbeit. Im Ausschuß haben wir gesehen, daß ein großer Teil der Ausschußmits glieder sich unserem Standpunft näherte. Wir wünschten das Einfammersystem, wir wollen die Bürgermeistereiverfaffung, wie fie das Rheinland fennt. Wir wollen, daß der Bürgermeister nur ber Primus inter pares, d. h. nur der erste unter seinesgleichen, ist. Im Ausschuß lobte alles die Bürgermeistereiverfassung. Trogdem zeigte fich aber recht wenig Neigung, eine solche Bürgermeisterei nerfassung auch in Breußen zu schaffen. Es war feine Mehr heit für die Abschaffung der Magistratsverfas. fung vorhanden. Man flebte an der Tradition. Das zeigte sich cuch bei der Frage des Bestätigungsrechtes. Im Gefeßentwurf wird noch immer an der Staatsaufficht gegenüber den Selbst verwaltungsförpern und das besonders hinsichtlich des Bestätigungsrechtes festgehalten. Die angegebenen Gründe für dieses Festhalten find aber nichts weniger als burchschlagend. In ihrer Liebe zum Alten und Hergebrachten gingen einzelne Parteien sogar so weit, daß fie fich gegen die Beseitigung der Gutsbezirte zur Behr Jezten. Und doch ist diese Beseitigung gerade für die politische Erziehung der Bevölkerung im Öffen Deutschlands dringend nofwendig. Otto Koesters lester Gang. Heute vormittag lag in der Ruppelhalle auf dem Fehrbelliner Blak unter vielen anderen Blumen ein Fliederkranz der„ Vorwärts". Redaktion. Dem Künstler und Kämpfer" stand auf den Schleifen, und darunter lag, tot im Sarge, unser lieber Kamerad Otto Koest er. Um seine Frau und seine Berwandten scharten sich Freunde und Parteigenossen. Schuberts„ Litanei" erflingt aus der Höhe, von einer herrlichen Frauenstimme gesungen. Es ist eine Seele aus dem Freundeskreis Otto Koesters, die ihm auf so edle Weise nachtrauert, die russische Opernsängerin Lina Olberg. Nun spricht ein Paftor. Im ersten Augenblid ist man erstaunt, bei diesem Begräbnis einen Geistlichen im Amt zu sehen; aber es ist freilich Pastor Frande, unser bekannter Parteigenosse. Er beginnt mit Bibelsprüchen, aber bald fesselt das, was er sagt, uns alle. Nicht nur durch die bedeutende Redekunst des Sprechenden; denn was er sagt, ist Dank an den Toten, obwohl, ja sogar weil er die scharfen Waffen, die er führte, auch vor dem nicht gesenkt hat, was ihm an der Kirche des Kampfes wert erschien. Der sozialistische Geistliche hat Roefter nicht gefannt, aber dieser hat ihm. als Frande feine schweren Gewissensnöte offen aussprach, einen Brief geschrieben, der den Bessimisten tröstete, der das Leben bejahte. Und auf diesen Brief des lebenden Koester antwortete France dem Toten mit dem Trost, daß die Lebenden den leidenschaftlichen Kampf Otto Koesters im Herzen bewahren, ihn mit Leidenschaft fortseßen werden. Für die nächsten Freunde spricht Dr. Erasmus. Tief empfundene Abschiedsworte. Und dann tritt Friedrich Stampfer an die Bahre, um für den„ Borwärts" und die ganze Parteipreffe Otto Roefter den Nach ruf zu halten. Er erzählt, wie Koester Mitarbeiter des„ Borwärts" wurde, mit einem Bild zu Immanuel Kants 200. Geburtstage. Und in diesem ehrenden und erhebenden Zeichen tantischen Besens ftand Roesters ganze Arbeit. Ein echter Sozialist und Demokrat, ein edler Künstler und ein ganzer Mann, hat Koester unter uns gestanden und gewirkt. Mit seiner Runst wollte er Wege der Erkenntnis öffnen gewirkt. Mit seiner Runst wollte er Wege der Erkenntnis öffnen und der Menschheit bienen. Das war seine Größe. Bir trauern über seinen Tod, aber wir stehen zu seinem Werke! Bom Chor ertlingt wieder die Frauenstimme, eine Arie von Caldara ,,, Arme Seele ruh in Frieden. Das ist der letzte Wunsch an Otto Koester, dessen sterbliche Reste nun zu den Flammen in die Tiefe finfen. Die neuen Bewohner des Zoo. Immer wieder wird von der politischen Unreife des Boltes ge sprochen. In der Selbstverwaltung, die doch im Often erst nach der Beseitigung der Gutsbezirke möglich ist, haben wir eine prachtvolle Gelegenheit zu politischer Erziehungsarbeit. Schließlich molen wir unter feinen Umständen, daß der wirtschaftliche Herr im Gutsbezirk zugleich auch noch der politische Herr ist. Wir wiffen zur Genüge, wie brutal die wirtschaftliche Macht in Guts bezirken durch die Junter ausgenügt wird. Ueber diese Dinge werden wir bei der Beratung des Wahlgefeßes zu den Provinzialstra u ße, die, in unserem altägyptischen Straußentempel ausgestellt, Landtagen und Kreistagen noch ein deutliches Wort sprechen. trauße, Wir hoben Beweise in Menge dafür, daß die Junter auch nicht vor der Brotlosmachung politisch Andersdentender zurüdschreden, wenn sie sich politisch durchsetzen wollen. Die Aufhebung der Gutsbezirte ist bas A und O der ganzen Reform. Die 3werggemeinden befigen fein wirkliches tommunales Leben, des. halb müffen sie zu leistungsfähigen Bezirken zusammengefaßt werden. In den Gemeinden des Westens herrscht ein ganz anderes politisches Leben, als im Often. Um so bebauerlicher ist es, daß die Zentrumspartei nicht mit uns gehen wollte, wenn mir die 2andbürgermeisterei forderten. Fast unfere fämtlichen Reformvorschläge find abgelehnt worden; man will alles beim alten und vor allem teine neuen Gedanken aufs Land hinauskommen laffen. Hoffentlich wird der 21er- Ausschuß, an den die Gesetzentwürfe überwiesen werden, rascher und erfolgreicher arbeiten als der alte 22er- Ausschuß. Darüber muß sich jeder mirtliche Freund einer brauchbaren Reform im flaren fein, daß ein Fortschritt gegenüber den bisherigen ,, Resultaten" nur dann möglich ist, wenn bie Reform auf dem Boden der Selbstverwaltung und der Demokratie burchgeführt wird.( Beifall bei den Sozialdemokraten.) Auf den warmen Appell des Genoffen Haas zu rascher und gründlicher Reformarbeit antwortete der nun folgende deutsch nationale Rebner Freiherr v. Mirbach mit dem tlaffischen Spruch: Sieben Jahre hat trotz der Revolution noch die alte Ordnung bestanden, also tann sie auch noch länger bestehen. Eine gewisse Reform will auch ber deutschnationale Freiherr zugestehen. Allein von einer allgemeinen Einführung der Bürgermeistereiverfassung oder gar von einer Aufhebung der Gutsbezirte will er absolut nichts wissen. Abg. Schining( 3) münscht, daß bei der Neuberatung der Gefeßentwürfe nicht mehr so viele unnüße Reden gehalten werden, fondern endlich Taten vollbracht werden. Schwarz- Rot- Gold und Kultusministerium. Bie uns mitgeteilt wird, hatte das preußische Kultus. ministerium am Tage der Bereidigung Hindenburgs eine Reichsfahne und brei preußische Landesfahnen gehißt. Da angeordnet worden war, daß Reichs- und Landesfarben in gleicher Stärke vertreten sein sollten, muß diese Berteilung einiger maßen befremdend wirten. Das Kultusministerium hätte allen Anlaß, in solchen Fällen mit gutem Beispiel voranzugehen. Wie bei den Reichsfeiern sind auch nach den Schulfeiern am Bereidigungs. tage des neuen Reichspräsidenten zahlreiche Klagen über ich war3 meißrote Obstruttionsversuche der Lehrerschaft bei uns eingelaufen. Wie soll man von der Lehrerschaft Berständnis für die Reichsfarben verlangen, wenn es daran selbst im Kultusministerium hapert? Aus der Partei. Ein Vierteljahrhundert am„ Borwärts". Ludwig Leffen, der Redakteur unserer illustrierten Beilage„ Bolf und Zeit", blidt am heutigen 14. Mai auf eine 25jährige Dienstzeit im„ Borwärts" zurüd. Aus dem faufmännischen Berufe war er in den neunziger Jahren in die Journalistik hinüberge wechselt, hatte in Chemnitz und Halle an den dortigen Barbeiblättern das harte Los eines sozialdemokratischen Redakteurs fennengelernt und irat dann am 14. Mai 1900 in die Feuilleton- Redaktion des Borwärts" über, in der er zunächst mit Hans Nitolaus Krauß zufammenarbeitete. Später übernahm er die Redaktion der neuen Welt der befannten illustrierten Beilage unserer Parteiorgane, die schließlich durch die Kriegsfolgen ihren Boden verlor und bann durch die jetzige, mit verbesserten technischen Mitteln hergestellte Beilage Bolt und Zeit" abgelöst wurde. Genosse Lessen gehört zu den Stillen im Lande, die unermüdlich arbeiten, ohne daß sie persönlich in den Bordergrund treten. Wie in feinen Anfängen, fo ift er auch heute noch in erster Linie ein dichterisch versonnener Mensch, der feinen Feind, aber viele Freunde hat. Wir hoffen, daß er noch recht lange feine Mitarbeit dem„ Borwärts" und der Partei preffe miomen fann. Die neuen Tiere, die die letzte Zooerpedition nach beschwerlichem Transport glücklich in die endgültige Heimstätte zwischen Tiergarten und Kurfürstendamm gebracht hat, haben jetzt ihre leider nicht idealen Notwohnungen bezogen.( Es wäre wirklich an der Zeit, daß man, besonders für die Raubtiere, beffere Unterkunftsmöglichteiten schafft.) Am interessantesten wirft die Sonderschau der abeffinischen Hochgebirgspaviane. Außer den Herben der prächtigen filbergrauen Hamadryas oder Mantel paviane im gewöhlichen Sinne, werden gezeigt die felteneren und merkwürdigeren schwarzen Dsch ela das cder Nacktbruftaffen mit einem haarlofen, blutroben Bruftfled. Eine weitere feffelnde Gruppe bildet der Trupp abeffinischer Blauhals. gleich am Stadtbahneingang den eintretenden Besucher begrüßen und ihm einen wesentlichen, wertvollen Teil der Expeditionsausbeute vor Augen führen. An Raubtieren ist ein sehr erheblicher und intereffanter Zuwachs zu verzeichnen. Vor allem die vom derzeitigen Regenten Abessiniens, Tafari Malonnen, gefchentte 25 min. Ein weiteres hochinteressantes Stück ist der Gepard oder Jagbleopard, der, handzahm wie eine Haustage, frei an der Leine umbergeführt werden fann. Auch ein junger Leopard ist ein sehr zahmes Tierchen, wenn er nicht gerade frißt. Eine ausgewadjene eo par din und ein schlanker, eleganter, pinjelohriger Wüstenluchs find dagegen echte Wildlinge. Scheu find noch zwei Gruppen junger ge fledter und gestreifter nänen, die sich aber bald mit der Gefangenschaft und ihren Pflegern ausföhnen werden. Eine alte gefledte Hyäne, in ber Stabt Direbaua felbft gefangen, wo diefe Raubtiere ftete nächtliche Gäste sind, gibt ein gutes Bild von dem gewöhnlichen Aussehen dieser Aasfreffer. Schalale, alte und junge 3ibettazen, Ginstertagen, ohneumons ,, vervollstän digen die Ausbeute an Raubtieren. Eigenartige Erscheinungen find die Löffelhunde mit langen Löffelohren, eine abweichende Fuchsgattung, die als Heuschreckenfresser durch schwaches Gebiß aus. gezeichnet und in der Gefangenschaft schwierige Pfleglinge find. Dasselbe sind auch die großen afritanischen Termitenfresser, die sogenannten Erbfertel Auch die fleinen, merkwürdigen Klippschliefer ten Erbfertel Auch die fleinen, merkwürdigen Klippichliefer ( abeffinische Aschfoto), ähnlich wie schywanzlose Murmeltiere aussehend, find in Gefangenschaft nicht ganz einfach zu halten. Wissenschaftlich find in Gefangenschaft nicht ganz einfach zu halten. Wissenschaftlich find sie dadurch merkwürdig, daß man sie nach ihrem Fuß- und ganzen Leibesbau als Verwandte der Nashörner erfannt hat. In dem alten Tierhaus am Konzertplag wurden aus der Expedi. tionsausbeute einige fehr anziehende biologische Gruppen zufammengestellt. So als fleinere Aasvögel, die ihrem Namen alle Ehre machenden Schmarogermilane mit schwarzen afritanischen Rolfraben und den noch größeren weißnadigen Geierraben, die durch einen mächtigen Krummschnabel ausgezeichnet sind. In einem anberen Flugtäfig wieder, zwischen lebendigem Grün und von diesem wirtungsvoll abftechend, die prachtooll grün und purpurn mit bunter Ropfzeichnung gefärbten Zurafos oder Bananenfresser zusammen mit Den eigenartigen jaarzen Haubenglangstaren, die zum erstenmai hier lebend zu sehen sind. Weiter die schimmernden Eraglanzstare, die in der Sonne wie lebende Berlen in allen Farben glihern. Schließlich ist da ein großer Gesellschaftsfäfig, ganz gefüllt mit einer Schar der prächtigen, auf der ganzen Unterseite fornblumenblau leuch tenden Geierperlhühner und der durch eine pinselartige Federbürfte auf dem Kopfe ausgezeichneten Binselperlhühner. Das sogenannte alte Straußenhaus zur Seite des großen Reiherflugtäfigs ist ganz mit abeffinischen Tieren besetzt: mit Fettschwanzfchafen, bie allerdings einstweilen noch Magerschwanzfchafe" find, mit budelnafigen, hänge ohrigen Biegen, mit zierlichen Gazellen( babei auch eine sehr eigen artige Hochgebirgsanitlope, der fogenannte Klippspringer); ferner Stachelschweine und Marabus. Abessinische Stelzvögel sind auch in den gegenüberliegenden Tierhäusern eingezogen: Abdimstörche, Ibiffe und die zum erstenmal hier gezeigten Schattenvögel Weitere Tiere, u. a. Dromedare, werden auf dem Seewege folgen. Auch in dem Tierdepot zu Direbaua werben noch Tiere für einen späteren Europatransport bereitgehalten. Ein ungetreuer jugendlicher Poftschaffner. Ein 22 Jahre alter Paul Pöter wurde am 4. d. M. als Poftfchaffner eingestellt, nachdem er 5 Jahre lang bei der Reichstruckerei beschäftigt gewesen war und sich gut geführt hatte. Aber gleich am ersten Diensttage unterschlug er 124 M. Rundfunkgebühren, die er eingezogen hatte, und fam nicht mehr zum Amt zurück. Nunmehr wurde der Ungetreue bei feiner Geliebten ermittelt und fest. genommen. Er hatte sich für das unterschlagene Geld Handschuhe und weiße Kragen gekauft und den Rest vertrunken. Auf die Frage, was er sich bei seiner Handlungsweise eigentlich gedacht habe, erwiderte er nur: Gar nichts". " ,, Die Futterkrippe". Unter diesem deutschnationalen Schlachtruf vergießt im„ Tog" ein städtischer Beamter Tränen der Webmut, baß im Be zirksamt Prenzlauer Berg" nicht ihm, sondern roten" Beamten Beförderung angebiehen ist. Man höre und staune: Das Bezirksamt hat den ungeheuren Frevel begangen, drei Beamten der Gruppe 8 in freie Stellen der Gruppe 9 resp. 10 zu befördern, ohne danach zu fragen, ob es sich auch um deutschnationale Beamte handelt. Aller Anlaß also für den Schmerzgebeugten über Futtertrippenwirtschaft zu weinen. Ist doch nach alter Tradition bie Futtertrippe ein Privi leg der Deutschnationalen und legten Endes ihr ganzes politisches Betue nur der Kampf um die Futterkrippe. Zum Beweise aber, daß bas„ fommunistische Bezirksamt" so wird das Amt in dem Artitel benannt, trobem nicht ein einziger fommunistischer Stadtrat dort tätig ist beffer ist als sein Ruf, wollen wir noch mitteilen, daß zur gleichen Zeit neben ben brei fozialdemokratischen Beamten auch brei recht stramme Rechtsparteiler befördert wurden, von denen einer sogar als Schahmeister des deutschnationalen Parteinereins fungiert. Man tann daher die Borte, mit denen der Artikelschreiber im„ Tag" schließt: Wie lange will sich die Bürgerschaft gefallen laffen, daß bergleichen auf Rosten des Stadtfädels geschieht?" auf ihn selber und seine Auftraggeber anwenden. Der neue Polizeipräsident. Einführungsrede des Minifters Severing. Im großen Konferenzsaal des Polizeipräsidiums hatten sich Beamtenschaft und Angehörige der Presse eingefunden, da der neue heute vormittag die Abteilungsleiter des Präsidiums, Bertreter der Polizeipräsident Genosse Grzesinsti durch den Minister Severing in sein Amt eingeführt wurde. Minister Severing hielt aus diesem Anlaß eine Rede, in der er zunächst auf die starte Politisierung der Berliner Bevölkerung, die in den legten Jahren stattgefunden hat, hinwies. Leider spielten sich die scharfen politischen Kämpfe nicht immer in den Parlamenten ab. Bolitischer Fanatismus bringt vielmehr in immer weitere Kreise der Bevölkeerft der Schule entwachsen sind, mit Rnüppeln auf der Straße rung. Es geht aber nicht mehr an, daß junge Menschen, die gerade Polilit treiben. Erste und vornehmste Aufgabe des neuen Polizeipräsidenten werde es fein, auf diesem Gebiet einzugreifen und wieder normale Verhältnisse zu schaffen. Die Radaupolitit auf der Straße muß aufhören. te hrs problem. Schließlich müsse aber auch energisch an die Eine weitere ungemein wichtige Angelegenheit sei das Ber. Arbeit gegangen werden, um die Psyche der Polizei. beamten umzuwandeln. Der Polizeibeamte solle und müsse der Freund, der Helfer der Bevölkerung werden. Es darf einfach nicht mehr vorkommen, daß Berhaftete verprügelt werden und Gewalttätigkeiten gegen friedliche Menschen von Polizeibeamten unternommen werden. Solche Ausschreitungen müßten in 3utunft mit aller Strenge geahndet und unmöglich gemacht werden. Mirafter drückte zum Schluß feine Ueberzeugung aus, baß der neste Polizeipräsident, der fich in der preußischen Verwaltung bisher an hervorragender Stelle bewährt habe, auch den Aufgaben ber neuen Stelle gewachsen sei, und schloß mit einem Glüdauf, Herr Bolizeipräfident!" Der Nachdem der Minifter geendet, brachte Polizeivizepräsident Friedensburg dem neuen Polizeipräsidenten die Glückwünsche der Beamtenschaft bar. Der neue Polizeipräsident Grzesinsty dankte bem minifter und dem Bizepräsidenten und gab die Versicherung ab, daß er im Sinne der Ministerrebe sich mit allen Kräften be mühen werde. Das Urteil im Rota- Betrugsprozeß. Direktor März zu 2½ Jahren Gefängnis verurteilt. In dem großen Betrugsprozeß gegen Direttor März und Genoffen wurde nach zweiwöchiger Berhandlung Dom Schöffengericht Wedding das Urteil gefällt. Der leitende Direttor ber Rota Werte, März, wurde wegen fort gesetzten Betrugs zu 2 Jahren 6 Monaten Gefängnis, 3000 m. Geldstrafe und 5 Jahren Ehrverluft verurteilt. Die übrigen Angeklagten wurden der Beihilfe schuldig befunden und es erhielten der von der Eisenbahnverwaltung als Vertrauensmann zur Be aufsichtigung bei den Rota- Werten bestellte Eisenbahninge nieur Rau 10 Monate Gefängnis, der Oberfaltu. lator bei den Rota- Werten Raiser 6 Monate Gefängnis und der Obermeister Rutut 4 Monate Gefängnis. Die Eisenbahnverwaltung fühlt sich durch die Machenschaften des Direttors März um millionenbeträge geschädigt. In der Urteilsbegründung von Landgerichtsdirektor Friedmann wurden die Betrügereien u. a. darin erblickt, daß die Rota unproduttive Arbeiten, jo Planierungen und den Bau einer Direttor mohnung bei der Berechnung der Arbeitsleistungen für die Eisenbahnverwaltung in Rechnung gestellt hatte. Um überzählige Arbeitsstunden unterzubringen, wurden Luftwagen" und Luftmaterialien" aufgeführt. Ueberschüssige Arbeitsstunden bei Umbauwagen wurden auf den Lokomotivenbau umgeschrieben, da dieser nach Stunden berechnet wurde. Durch diese Täuschungen wurden neben anderen der Eisenbahnverwaltung 300000 Arbeitsstunden zuviel in Rechnung gestellt. Das Gericht hat bie Ueberzeugung gewonnen, daß das Berfahren durch März veran laßt worden ist, der durch seine Tantiemen Interesse an dem Um jag ber Rota hatte. Es fei nicht ausgeschloffen, daß auch andere leitende Kreise in dieses Verfahren eingeweiht waren, zweifellos sei es nicht ohne Biffen von März geschehen. Das Gericht ging davon aus, daß März den Entschluß hatte, bei allen sich bietenden Gelegenheiten die Rota zu übervorteilen. Er war daher wegen fortgefeßten Betrugs zu bestrafen: März hat eine matellose Bergangenheit hinter fich und infolge großer Tüchtigkeit eine beispiellose Karriere gemacht. Bom Schloffer und Lokomotivführer hat er sich zur leitenden Stellung eines großen Wertes heraufgearbeitet. Es handelt sich aber um einen Betrug, der sich lange Jahre hingezogen hat und der hohe Summen betraf, um die die Allgemeinheit geschädigt worden ist. Die anderen Angeklagten, die selbst teine Borteile hatten, waren Wachs in seinen Händen. Wer so handle, verdiene strenge Strafe. Es würde dem gefunden Rechtsempfinden des Boltes widerstreiten, wenn nur auf eine unerhebliche Strafe erkannt werden würde. Deshalb hat das Gericht die vom Staatsanwalt beantragte Strafe von 1% Jahren Gefängnis nicht für ausreichend gehalten und ist um ein Jahr darüber hinausgegangen. Wer so handle wie der Angeklagte, der nicht Notlage als Entschuldigungsgrund habe, fel ehrlos. Trotz der Höhe der Strafe hat das Gericht von einem Haftbefehl gegen Direktor März Abstand genommen, da in der Persönlichkeit des Angeklagten ein Fluchtberdacht nicht begründet erscheine. Betriebsstörung auf der Nord- Südbahn. Auf der Nord- Südftrede der Untergrundbahn kam es am heutigen Vormittag zwischen den Bahnhöfen Wedding und Seestraße infolge eines defetten Zuges zu einer Betriebsstörung, die den Berkehr mehrere Stunden hemmte. Die Stockungen waren, vor allem in der Zeit des Massenandrangs zu den Zügen zwischen 8 und 9 Uhr, zum Teil recht erheblicher Natur. Die roten Hefte der Deutschen Gartenstadt- Gesellschaft,„ Die Gartenstadt", Mitteilungen der Deutschen Gartenstadt- Gesellschaft, Berlin- Grünau, erscheinen jegt nach längerer Bauje wieder. Heft 1 gibt einen Ueberblid über die Entwidlung ber Gartenstadtidee und enthält u. a. auch einen bemerkenswerten Beitrag über die neue Industriestadt Belten im Norden Berlins. Kinderfreunde Charlottenburg. Die an der Spreewaldfahrt teilnehmenden Kinder kommen heute Donerstag abend 6 Uhr ins Jugendheim. Groß- Berliner Parteinachrichten. 4. und 5. Kreis Bilbungsansschuß Freitag, 8 Uhr, bei Gett, Kniprode. Ede Bardelebenste. Abrechnung der Maifeier. 75. Abt. Wannfee. Freitag, ben 15. b. m, abends pünktlich 8 Uhr, im Reichsabler, Generalversammlung. Reumahl des Borstandes. 99. ht Brig Freitag um 18 Uhr Sigung ber kommunaltamnijfion und aller Elternbeirate von Brig beim Gen. Möwenthal, Tripßroße Gewerkschaftsbewegung Cin Vorstoß der Christlichen. Sie wollen Bertretung im Internationalen Arbeitsamt. Der Berwaltungsrat des Internationalen Arbeits. amts besteht gegenwärtig aus zwölf Regierungsvertretern, von denen acht durch die Mitglieder der Staaten ernannt werden, denen die größte industrielle Bedeutung zukommt, während die vier anderen von den Regierungsvertretern auf der Arbeitskonferenz bezeichnet werden. Außerdem gehören dem Berwaltungsrate je sechs mit glieder der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer organisationen an. Sämtliche Bertreter der Arbeit. nehmerorganisationen und bei der heutigen Befehung des Berwaltungsrates Mitglieder der freien Gemert. fchaften. der eine breißig andere Regierungen diesen Entwurf ratifizieren. Bisher haben aber nur fünf Ratsmitglieder und siebzehn andere Staaten ratifiziert. Es ist ausgeschlossen, daß bis zum Zu sammentritt der Arbeitskonferenz die noch fehlende Stimmenzahl erreicht wird. Das ist um so weniger zu erwarten, als heute schon die Mehrzahl der Regierungen aus Ersparnisgründen gegen jede Erhöhung ihrer Mitgliederzahl im Verwaltungsrate ist! Warum die deutsche Regierung fich für den Wunsch der Christlichen einfegt, ist nicht einzusehen. Sie wird bei ihrer Forde rung auf Zulaffung der deutschen Sprache als dritter Amtssprache von allen Parteien und Arbeitsorganisationen unterstützt werden, weil sie damit den allgemeinen deutschen Interessen dient. Sie dürfte aber auf scharfen Widerspruch und unbedingte Surüdweisung stoßen, wenn sie sich zur Sachwalterin von Privatansprüchen macht, o wie sie die Forderung der christlichen Gewerkschaften nach einem Bertreter im Berwaltungsrate darstellt. Vorstandsfihung des JGB. Der Reichsarbeitsminister Dr. Brauns hat nun fürzlich im Reichshaushaltsausschuß die Forderung erhoben, daß im Ver- Auf der am 7. und 8. Mai in Amsterdam abgehaltenen waltungsrate des Internationalen Arbeitsamtes die Christ Sigung des Vorstandes des JGB. wurde u. a. ein Entwurf betr. lichen und„ Nationalen Gewertschaften einen die Errichtung eines internationalen gewert. Bertreter erhalten müßten. Im Zusammenhang mit dieser schaftlichen Jugendtomite es gutgeheißen, desgleichen der Forderung besteht ein Antrag der Zentrumsfrattion, Entwurf betr. die organisatorischen Beziehungen zwischen dem JGB. und den internationalen Berufssekretariaten, der einer Konfe Bermehrung der Mitgliederzahl im Berwaltungsrate renz der internationalen Berufsfetretariate fordert und hierbei die christlichen Gewerkschaften berücksichtigt schen unterbreitet werden soll. Von den Vorarbeiten für eine Sigung will. Die chriftlichen Gewerkschaften haben schon seit Jahren immer der Kommiffion zur Untersuchung der Frage der Bertruftung wieder die Forderung nach einem eigenen Vertreter im Vermalin der Metallindustrie wurde Kenntnis genommen, ferner rungsrate des Arbeitsamtes vorgetragen. Die Bertreter der Christlichen haben zur Durchsetzung ihrer angeblichen Ansprüche immer von verschiedenen geplanten Schritten zur Bekämpfung von Krieg wieder die Behauptung aufgestellt, daß das Arbeitsamt und Militarismus. Die Lage der Aussperrung in Dane. ungerechterweise die Sozialisten bevorzuge, obwohl sie mart wurde ausführlich besprochen und beschlossen, den Kampf mit infolge ihrer Abhängigkeit von den Kommunisten und Anarchisten allen Kräften zu unterstützen. Zur Teilnahme an der am 27. Juli einen höchst unsicheren politischen Faktor darstellten, während die in London anberaumten Arbeitskonferenz der britischen Dominions hriftlichen Gewerkschaften die besten Stüßen und die treuesten und am englischen Gewertschaftsfongreß( 7. SepBarteigänger des Internationalen Arbeitsamtes seien. Der tember in Scarborough) wurde Brown, als Delegierter Deutsche", das Organ des Herrn Adam Stegerwald, hat jedoch entgegen dieser Behauptung in ebenso unermüdlicher wie bes 3GB. am Kongreß des Deutschen Angestellten unloyaler Beise gegen das Arbeitsamt und ganz besonders bundes( af) vom 14. bis 17. Juni in München Oudegeest auch gegen seinen Direktor Albert Thomas intrigiert und und am Internationalen Hutmacherfongreß vom 15. gehegt. bis 19. August in Paris Jouhaur bezeichnet. Die nächste BorAußerdem aber bilden die Christlichen zwar in Deutschstandsfizung wird am 29. und 30. Juni stattfinden. land und in Holland eine starte Minderheit, sind jedoch in allen anderen Industrieländern absolut bedeutungslos. Die Gewährung eines Sizes an einen ihrer Vertreter wäre deshalb nach den Gesezen der demokratischen Gerechtigkeit nur mit Zustim mung der freien Gewerkschaften möglich. Die christlichen Gewertschaften haben es aber vorgezogen, diesen gegebenen Berhandlungsmeg nicht zu beschreiten, sondern auf dem indiretten Wege einer Beeinflussung der Regierungen ihr Siel zu erreichen gesucht. Der Antrag der Zentrumsfraktion ist jedoch zunächst völlig aussichtslos, weil die nötigen Vorausseßungen nicht gegeben find. Der Verwaltungsrat hat cine Amtsdauer von drei Jahren. Die nächste Neuwahl wird auf der kommenden Arbeitsfonferenz, die am 19. Mai beginnt, vor fich gehen. Es ist aber nicht damit zu rechnen, daß eine Aenderung in seiner Zusammensetzung eintritt. Die christlichen Gewerkschaften rechnen deshalb auch nur mit einer Bermehrung der Verwaltungsrats stimmen, wie fie eine Resolution der Arbeitstonferenz von 1922 vorgesehen hat. In bieser Konferenz wurde eine Erhöhung der Berwaltungsratsmitglieder in der Weise vorgeschlagen, daß die Regierungsver treter zwölf it att acht Stimmen und die Arbeitgeber und Arbeitnehmer acht statt sechs erhaiten sollen. Damit biese Resolution in Kraft treten fonnte, mußten die zehn Regierungen, die den Bälterbundsrat bilden, und zweiund Das große Warenhaus des Nordens " Noch 3000 Eisenbahner auf der Abbaulifte. Am Dienstag fand in der Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahn- Gesellschaft eine Sigung der Direktionspräsidenten statt. Die Beratungen galten insbesondere der Information sämtlicher Präfidenten über die finanzielle und wirtschaftliche Lage der Reichsbahn gesellschaft. In Verlauf der Sigung wurde von maßgebender Stelle darauf verwiesen, daß der Personalbestand der Reichsbahn im Augenblic 765000 Köpfe zählt, im Frieden dagegen mur 700000, fo daß ein weiterer Abbau in gewissen Grenzen unvermeidlich sein dürfte. Man denkt an den Abbau von weiteren 30000 Eisenbahnern. Urabstimmung der Dachdecker. Ein eigenartiges Jubiläum. B Der Borstand des Zentralverbandes der Dachdecker Deutsch. lands ruft zu einer Urabstimmung der Mitglieder über den An fchluß des Berbandes an den Baugewertsbund ouf, die in der Zeit vom 1. bis 7. Juni vor sich geht. Es sind jetzt 25 Jahre verflossen, seitdem der Dachdeckerverband fich das erstemal mit der Frage der Verschmelzung mit einem ury Gebrüder Akt.- Ges. anderen Berbande bzw. des Anschluffes an eine größere Organifation beschäftigte. Die jetzige Abstimmung ist die fünfte in dieser Angelegenheit. Bei der lezten Urabstimmung vor drei Jahren stimmten nur 3173 von 13 000 Mitgliedern für die Verschmelzung. Kommt Zeit, tommt Rat einmal wird diese naheliegende Vers bindung zustande kommen. Der Bauarbeiterstreik in Rheinland- Westfalen. Köln, 14. Mai.( Eigener Drahtbericht.) Heute morgen haben die Bauarbeiter Rheinland- Westfalens geschlossen die Arbeit niedergelegt. Es handelt sich um rund 10000 bis 12000 Arbeiter des gesamten rheinisch- westfälischen Hochbau und Betongewerbes. Um 10 Uhr vormittags haben neue Berhande iungen zwischen den Barteien begonnen. Verbindliche Schiedssprüche im bayerischen Bergban München, 14. Mai.( Eigener Drahtbericht.) Im bayerischen Bergbau drohten in den letzten Wochen Erschütterungen, nachdem am Befohlenbergbau die Grubenbefizer das seit Anfang Mai gekündigt hatten. Um Streif und Aussperrung zu vermeiden, hatte durch Schiedsspruch zustandegekommene Lohnabkommen zum 31. Mai der Landesschlichter die Vertreter der Organisationen zusammen berufen und fällte im Anschluß an diese Beratungen einen neuer Schiedsspruch. Danach bleibt der Maischichtlohn( 4,40 Mark) weiterhin bestehen. Gleichzeitig erklärte der Landesschlichter die im Schiebssprüche, die eine Erhöhung des Schichtlohnes um Stein- und Braunkohlenbergwert gefällten 20 Broz. bringen, für verbindlich, so daß auch hier der Arbeitsfrieden gesichert ist. Der Schichtlohn im Steinfohlenbergbau beträgt nunmehr 3,10 Mart und im Braunkohlenbergbau 2,80 mark. Durch die gleichzeitige Verbindlichkeitserklärung im Erzbergbau ist das bisherige Mehrarbeitszeitabkommen bis zum 31. Auguft verfängert worden. Die Unterschlagungsseuche in Rußland. ( RSD.) In feinem Bericht in der Plenarsizung des Zentralrates der russischen Gewerkschaften am 2. Mai wies der Sekretär des 3entralrates melnitschansky darauf hin, daß die Beruntreuung der Gewertschaftsgelder einen epidemi[ chen Charakter angenommen habe". Es seien ihm 683 Fälle von Unterschlagungen bekannt, die insgesamt die Höhe Don 314 000 Rubel( 650 000 m.) erreichen; in Mostau allein wurden über 100 000 Rubel unterschlagen, in Peters= burg ebensoviel( Trud“ vom 3. Mai). Melnitschansen ermahnt, die Arbeit der Revisionskommissionen zu verstärken, um dem Uebel abzuhelfen. Dieses wurzelt aber viel zu tief in dem Wesen der amtlichen russischen Gewerkschaften und in der Rechtlosigkeit der Arbeitermassen, als daß man es so leicht beseitigen könnte. Berantwortlich für Bolitik: Victor Schiff: Wirtschaft: Arthur Eaternus; Gewerkschaftsbewegung: Friebz. Chlora; Feuilleton: Dr. John Schitowski: Lotales und Sonstiges: Frig Kårstädt; Anzeigen Th. Glode; fämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts- Bucheruderet und Berlagsanftalt Baul Singer u. Co.. Berlin S. 68, Lindenstraße 3. 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