Nr. 257 42. Jahrg. Ausgabe A nr. 1332 Bezugspreis: Wöchentlich 70 Pfennig, monatlic 3, Reichsmart voraus zahlbar. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig, Saar- und Memelgebiet, Desterreich, Litauen, Luremburg 4,50 Reichsmart, für das übrige Ausland 5,50 Reichsmart pro Monat. Der Vorwärts" mit der Sonntags beilage Bolt und 8eit" mit„ Gieb. Jung und Kleingarten" fowie der Beilage Unterhaltung und Wissen und Frauenbeilage Frauenstimme erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm- Adresse: .Sozialdemokrat Berlin* 110min Morgenausgabe $ 21 mod hodil naduthe 90 da els signs ad Vorwärts Berliner Volksblatt 10 Pfennig Anzeigenpreise: Die einfpaltige Ronpareille. zeile 70 Pfennig. Reklamezeile 4, Reichsmart. Kleine Anzeigen" das fettgedrudte Wort 20 Bfennig ( auläffig zwei fettgebrudte Worte). jedes weitere Wort 10 Bfennig. Stellengesuche das erfte Wort 10 Pfennig, fedes weitere Wort 5 Pfennig. Worte über 15 Budjstaben zählen für zwei Worte. Familienanzeigen für Abonnenten Beile 30 Pfennig. Anzeigen für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags im Sauptgeschäft, Berlin SW 68, Linden ftraße 3, abgegeben werden. Geöffnet von 9 Uhr früh bis 5 Uhr nachm. blom Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Redaktion: Dönhoff 292-295 Verlag: Dönhoff 2506-2507 d Mittwoch, den 3. Juni 1925 Vorwärts- Verlag G.m.b. H., Berlin SW. 68, Lindenstr. 3 Poftscheckkonto: Berlin 37536- Bankkonto: Direktion der Diskonto- Gesellschaft, Depofitenkaffe Lindenstraße 3 England und der Sicherheitspakt. Frankreich hat jetzt das Wort! Eine offizielle französische Darstellung. Paris, 31. Mai.( WTB.) Die Agentur Havas veröffent- marsches durch die entmilitarisierte Rheinlandzone zur Hilfe zu ficht eine offenbar beeinflußte Erklärung über die Stellungnahme kommen, so wird in hiesigen politischen Kreisen angedeutet, der britischen Regierung zur Sicherheitsfrage, wie sie das Memorandum fefilegt, das am Quai d'Orsay vor einigen Tagen überreicht wurde. In dieser Erklärung heißt es: Es besteht keine Schwierigkeit mehr, auf die deutschen Vorschläge vom 7. Februar zu antworten. Frankreich wird in etwa 14 Tagen eine Note an die Reichsregierung richten. daß eine derartige Auslegung den augenblicklichen Erörterungen vorauseilt, 2 da sich die Frage der Auslegung der aufgestellten allgemeinen Grundsäße automatisch ergeben wird, wenn diese der deutschen Regierung in einer Note mitgeteilt worden sind, die sie natürlich zu An England erklärt sich in erster Linie bereit, mit allen feinen fragen über die Folgen gewisser Punkte veranlassen wird. Nach Streitkräften die Unverletzlichkeit der Rheingrenze zu garan- Ansicht der britischen Regierung muß der Völkerbund beim Zu tieren, weigert sich jedoch, militärisch in dem Fall einzu- standekommen sowie bei der Durchführung des Paktes eine Hauptgreifen, daß die O ft grenzen durch Deutschland verlegt würden. rolle spielen, und es ist anzunehmen, daß die Tatsache, daß von Seine Haltung wird mit der Tatsache begründet, daß England Deutschland als Mitglied des Bundes die Uebernahme aller teine kontinentalmacht ist und daß es Interessen in fast in der Völkerbundsazung enthaltenen Verpflichtungen verlangt allen Weltfeilen zu verteidigen hat. Seine Dominions würden werden wird, einen Teil der französischen Presse zu Schlüssen veres nicht zugeben, daß Großbritannien gezwungen wäre, auto- anlaßte, die noch verfrüht sind und von der Auslegung der in Betracht matisch die territoriale Unverletzlichkeit irgendeines europäischen tommenden Paragraphen abhängen. Dies ist um so wahrscheinlicher, Staates, wie etwa Polen, zu verteidigen. Großbritannien, fagt als, wie vermutet werden kann, Havas weiter, bestätigt jedoch seinen Willen, getreulich die verschiedenen Verpflichtungen zu erfüllen, die es durch die Unterzeichnung des Friedensvertrages von Versailles, durch die Unterzeichnung des Bölkerbundsstatuts und durch die Unterzeichnung der anderen Friedensverträge übernommen hat. Als Grundlage für dieje diplomafifchen Inffrumente gilt nach Ansicht der Engländer das öffentliche Recht in Europa. Infolgedeffen würde England ohne Zweifel in einem Konflikt der genannten Art seine Streitkräfte zu Waffer und zu Lande nicht in Bewegung fehen, aber diplomatisch die Forderungen des angegriffenen Staates unterstützen, fei es bei direkten Berhandlungen, sei es innerhalb des Bölferbundes. ba Außerdem gibt England zu, heißt es am Schluß der Havas. Erklärung, daß Frankreich volle Aktionsfreiheit behält, die ihm das Bölkerbundsstatut gibt, um die Unverletzlichkeit der östlichen Grenzen zu verteidigen. Die franzöfifchen Streitkräfte müssen also in diesem Falle den freien Durchzug durch Deutschland verlangen. 10 die öftlichen Bündnisse Frankreichs im britischen Memorandum das nicht erwähnt find. Es wird von britischer Seite außerdem darauf hingewiesen, daß alle bisherigen Erklärungen der britischen Regierung zur Sicherheitsfrage den Grundfah der Gegenseitigkeit Wendepunkt der europäischen Politik. ( Bon unserem Londoner Rorrespondenten.) gebender Tragweite für die große Deffentlichkeit so völlig Wohl selten ist eine politische Entscheidung von ausschlagunbemerkt geblieben wie die Entschlüsse, die das britische Kabinett in seiner jüngsten Sizung gefaßt hat. Ein großer Teil der hiesigen Zeitungen, und nicht nur die sogenannte Bilderpresse, haben es überhaupt nicht für notwendig be funden, die Aufmerksamkeit der Leser darauf zu lenken, daß etwas geschehen sei. Nur der Manchester Guardian", der in der Person George Glasgows einen politischen Journaliſten von wachsender politischer Bedeutung besitzt, hat die Deffentlichkeit davon unterrichtet, daß man sich in der brennendſten außenpolitischen Frage an einem Wendepunkt befinde. Auf Grund dieser Darstellung und eigener Informationen kann die politische Lage nach der entscheidenden Ministerratssitzung vom Donnerstag wie folgt umrissen wie folgt werden: " des geplanten Battes betont haben. Als nächste Entwicklung wird beitspattes im Sinne der franzöſiſchen Wünsche, wie sie die Antwort der französischen Regierung auf die britischen„ Anregungen" erwartet. Es wird angenommen, daß diese Antwort noch vor der Zusammenkunft zwifchen Chamberlain und Briand in Genf erfolgen wird. England sagt: Es hat sich in den letzten Tagen nichts geändert London, 2. Juni.( WTB) Reuter erfährt, daß sich in den Ichten Tagen in der Frage des deutschen Sicherheitspativorschlages nichts geändert habe und daß der nächste Schritt von Frankreich geschehen müsse, nachdem die französische Regierung die britischen Anregungen, die in Paris vorliegen, geprüft habe. Die Eine deutsche Lesart. Meldung, daß die britische Garantie für die deutschen Westgrenzen London, 2. Juni.( WTB.) Der Londoner Berichterstatter des nur für 30 Jahre gültig sein solle, treffe nicht zu. Wolff Bureaus erfährt über den augenblidlichen feine Beitgrenze festgesetzt, und das Angebot gelte jo lange, Stand des Meinungsaustausches zwischen der britischen wie der Bertrag bestehen bleibe. Bezüglich anderer anscheinend beund der französischen Regierung in der Sicherheitsfrage folgendes: ftimmt begründeter Gerüchte über die Einzelheiten werde dar Das der französischen Regierung vor kurzem übermittelte britische auf hingewiesen, daß die ganze Note in ihrer Gesamtheit allgemeine Memorandum führt die allgemeinen Grundsäge an, die Brinzipien aufstelle, und es sei verfrüht, bezüglich bestimmterer nach Ansicht der britischen Regierung der deutschen Regierung in Be oder detaillierterer Fragen irgendetwas zu sagen, was vielleicht in antwortung ihres Baftvorschlags als Grundlage für die weiteren dies den verschieden eintretenden Situationen geschehen könnte. bezüglichen Verhandlungen mitgeteilt werden müßten. Was das von fönne feine Rede davon sein, daß die kritischen Anmerkungen zu einem Teil der franzöfifchen öffentlichen Meinung aus den britischen der Note, die der französischen Regierung mitgeteilt worden seien, Anregungen" herausgelesene 3uge ständnis des Rechts Frant- veröffentlicht würden, denn sie könnten als nichts anderes als eine reichs anbetrifft, seinen östlichen Alliierten mittels eines Durch Etappe in den Berhandlungen bezeichnet werden. Die Verzögerung des Kollektivschrittes. Es schoben wird. Hoffentlich werden die zuständigen Stellen auch dafür forgen, daß die Geheimhaltung des Inhalts so streng durchgeführt Auf Wunsch der Reichsregierung! wird, daß nicht schon durch Indiskretionen irgendwelche Börsen Paris, 2. Juni.( Eigener Drahtbericht.) Die ursprünglich für manöver ermöglicht werden! Dieser Hinweis ist leider um so beDienstag vorgesehene Ueberreichung der allierten Entwaff- rechtigter, als verfchiedene deutsche Industrie werke von den nungsnote in Berlin ist, wie vom Quai d'Orsay mitgeteilt wird, alliierten Forderungen betroffen werden. auf Wunsch der deutschen Regierung auf Donners. tag verschoben worden. Nach einem telegraphischen Bericht des franzöfifchen Botschafters in Berlin foll ein dahingehendes Ersuchen von dem Reichskanzler felbft gestellt und mit der Abwesenheil des Herrn Stresemann von Berlin begründet worden sein. Das Auswärtige Amt hat zu gleicher Zeit mitgeteilt, daß es mit Rücksicht auf die technischen Schwierigkeiten der Uebersetzung nicht in der Lage sei, die Note bereits zwölf Stunden nach ihrer Ueberreichung zu veröffentlichen und mit Rüdsicht darauf gebeten, auch die Bekanntgabe in den alliierten Hauptstädten bis zum Sonnabend zu vertagen. land Wenn diese Darstellung zutrifft, dann ist sie für die Reichsregierung fehr blamabel. Seit Monaten beschwert sich Deutschmit vollem Recht- darüber, daß die Alliierten es in Unfenntnis ihrer Beschwerden und Forderungen lassen, und ist es nun endlich einmal so weit, dann wird von deutscher Seite der Wunsch geäußert, noch ein paar Tage damit zu warten! Morgan stabilisiert die Lire. Ausreichende Valutaanleihe für Italien. Rom, 2. Jumi.( WTB.) Zwischen dem Konsortium der unter dem Vorsiz des Generaldirektors der Banta d'Italia vereinigten Emiffionsbanken einerseits und dem Bertreter der Bant Morgan in New York andererseits wurde ein Abkommen getroffen, nach welchem den italienischen Banten ein Kredit von 500 Millionen Dollar eröffnet wird. Der 3wed diefes Kredits besteht darin, im gegebenen Falle den Schwankungen der italienischen Baluta entgegenzuwirken. Die belgische Linkskonzentration. Katholische Demokraten und Sozialisten. Brüssel, 2. Juni.( Eigener Drahtbericht.) Der Generalrat der Sozialistischen Partei verhandelte am Dienstag über die Regierungsfrise. Den Hauptgegenstand bildete die Frage, ob die Sozialisten unbedingt auf dem Amt des Ministerpräsidenten bestehen sollten. Die Meinungen darüber gingen start auseinander. Vandervelde erflärte, die Lage sei heute so, daß man entweder sich mit einem Ratholifen als Premier abfinden oder auf Neuwahlen bestehen müsse. Am Nachmittag begaben sich Bandervelde und Wauters zu dem Führer der christlichen Demofraten, Boullet, der als voraussichtlicher Premierminister genannt wird. Der Generalrat nahm aussichtlicher Premierminister genannt wird. Der Generatrat nahm einschließlich eine Resolution an, in der die Führer zur Fortsetzung der Auch die Begründung dieses Ersuchens ist nicht sehr erhebend: Herr Stresemann hätte wirklich seinen Pfingsturlaub verkürzen tönnen; schließlich ist er doch Reichsaußenminister, und die Sache geht ihn in erster Linie an. Ebenso bleibt das Argument der technischen Schwierigkeiten, die eine Uebersetzung innerhalb von zwölf Stunden unmöglich machen, wenig überzeugend. Der um ein Vielfaches umfangreichere Versailler Vertrag wurde unter viel ungünstigeren Berhältnissen von den Hilfskräften der deutschen Friedensdelegation innerhalb von acht Stunden vollständig ein mandfrei übersetzt. Tatsache ist jedenfalls, daß dadurch die Beröffentlichung der Note am faft eine Woche Den Dienstag bis Sonnabend- Der Verhandlungen ermächtigt werden. Es ist anzunehmen, daß die Sozialisten auf das Ministerpräsidium verzichten, menn ihre anderen Bebingungen erfüllt werden. Das monatelange Leisetreten in der Frage des Sicherheitspattes, das seit dem französischen Echo auf die große Rede Chamberlains im Unterhaus zur Gewohnheit geworden war, ist vorüber. Der Ministerrat hat sich wie verlautet, sogar einmütig gegen jede Zumutung, Engperlautet, sogar ein mütig land in die osteuropäischen Fragen hineinzuziehen, ausgesprochen. Die englische Regierung steht nunmehr ebenso eindeutig gegen eine Erweiterung des Sicher= jeit ihrer ersten Stunde gegen das Genfer Protokoll gestanden hat. Die englische Regierung ist jedoch nach wie vor bereit, paft mit Einschluß Deutschlands teilzunehmen. an einem belgisch- französischen Sicherheits= Jezt liegt die weitere Entscheidung bei Frankreich, und es kann nicht geleugnet werden, daß die Entscheidung für Frankreich äußerst schwierig, wenn nicht beinahe unmöglich ist. Denn es bedeutet für Frankreich ein Entweder- Oder, wo es bisher mit einem Sowohl- alsauch rechnen zu können geglaubt hat. Frankreich weiß munmehr, daß es die Garantierung der Grenze mit Deutschland feiner östlichen Bundesgenossen und ihrer Grenzen ver durch England nur haben kann, wenn es auf die Einbeziehung zichtet. Die Alternative für Frankreich lautet nunmehr, entweder einen Friedenspaft am Rhein mit unterstützung Englands oder europäische Politit auf eigene Faust mát Hilfe seiner mehr oder minder zuverlässigen Freunde im Osten Europas. Nach dieser jüngsten Entscheidung des britischen Kabinetts muß auch in Frankreich die Klärung einsetzen. Frankreich fann nicht hoffen, jemals mehr von England zu erhalten. Denn man weiß in Paris nur zu genau, daß man von England niemals befommen fann, was eine Regierung verweigert, in der ein Austen Chamberlain Außenminister ist. Chamber= Iain ist, das weiß man am Quai d'Orsay nur zu gut, der franzosenfreundlichste unter allen denk= baren englischen Außenministern. Selbst ein Churchill, dessen Name als möglicher Nachfolger Chamberlains hinter den Kulissen immer nachdrücklicher geflüstert wird, foll sich sehr scharf gegen die französische Haltung in dieser Angelegenheit ausgesprochen haben und im übrigen ist es im französischen Außenministerium nur zu gut bekannt, daß sich in jüngster Zeit auch die anderen franzosenfreundlichen Minister der Konservativen Partei davon überzeugt haben, daß Die Zusammenarbeit mit Frankreich im Sinne der französi schen Wünsche für England unmöglich ist. Wie wird sich Frankreich nun entscheiden? Man überfieht hier in England feineswegs die Bedeutung, welche die Abmachungen mit der Kleinen Entente und mit Polen für Frankreich haben, man weiß aber auch auf der anderen Seite, daß Frankreichs Abhängigkeit von England und Amerika, dessen Auffassung mit der Englands hierin in weitem Maße parallel gehen, einen starten Einfluß auf Frankreich haben muß. England und Amerika besigen in ihrer Eigenschaft als Gläubiger Frankreichs so außerordentliche Drudmittel, daß Frankreich feineswegs leichten Herzens auf die Zusammenarbeit mit England verzichten fann. Außerdem ist es nur zu gut bekannt, daß der französische Frank in den jüngsten Tagen nur durch starte Stügungsaktionen ( des Hauses Morgan) gehalten worden ist.( Gestern hat indessen ein neuer Skurz des Franken eingesetzt, wodurch das englische Pfund von 97,10 auf 98,14 ftieg. Red. d.„ B.".) Bei den trüben Aussichten für eine Balanierung des Budgets hat aber Frankreich das größte Interesse an dem Vertrauen der Börsen Englands und Amerikas, dessen finanzielle Hilfe es vermutlich in nächster Zeit zum Schuhe gegen ein weiteres Abgleiten seiner Währung in höchstem Maße benötigt. Scheidewege. Die Frankreich steht am wenigen maßgebenden Politiker, die heute noch an das tatfächliche Zustandekommen des Sicherheitspattes glauben, ftügen ihr Vertrauen darauf, daß sich die französische Regie runfl aus den oben skizzierten Gründen schließlich doch für den Westen entscheiden wird und irgendeine Form gegenüber seinen östlichen Freunden zu finden vermag, die nicht als Treuebruch gedeutet werden kann. Die übrigen aber, und es sind ihrer in den einflußreichen Kreisen immer mehr, die zwar grundsätzlich für einen Sicherheitspakt find, aber nicht glauben, daß Frankreich unter den gegenwärtigen Umständen hierzu entschlossen sein wird, bereiten sich ruhigen Herzens auf eine neue Aera englischer Isolationspolitik vor. Es ist eine Art europäischer Versackungspolitik,, die diese Engländer mit ebensoviel Zynismus versuchen wür- den, wie seinerzeit gewisse deutsche Politiker an Ruhr und Rhein. Die so denken, werden hierbei von einer einflußreichen. weitverbreiteten Presse und von einflußreichen Kreisen der Wirtschaft unterstützt. Hier in diesen Kreisen weist man darauf hin, daß die Theorie versagt Hobe, der Gesundung der britischen Wirtschaft müsse die Gesundung des Kontinents vc.rausgel)en. Die Wiederherstellung Deutsch- lo.nds habe der britischen Wirtschaft mehr Schade nalsNutzengebracht. So fürchtet man mehr und mehr, sich nur noch mehr neue Konkurrenten zu züchten. wenn man Europa saniert. Das ist gewiß kurzsichtig, aber es hat Eindruck auch in einflußreichen Kreisen gemacht, zumal es sich mit den Gefühlen weiter konservativer Kreise und ins- besondere mit ihrer Auffasiung von den Notwendigkeiten des Weltreiches, des„Empire" als nichteuropäischen Staaten- gebildes deckt. England würde sich in diesem Falle auf eine ähnliche Weise zurückziehen wie es Amerika getan hat. Europa stüizde wieder dort, wo es vor der Aera Macdonald gestanden hat. Ja, dahinter zurück. Denn es ist nach Lage der Dinge nicht zu erwarten, daß sich so schnell ein Macdonald finden wird, der das Steuer herumwerfen könnte: die Konservativen haben im Parlament eine mehr als kompakte Majorität hinter und damit noch v i e r I a h r c Regierung vor sich. Zunächst aber hat sich nunmehr Frankreich zu entscheiden. Fällt seine Wahl gegen den Sicherheitspakt in der für England und Deutschland allein tragfähigen Form eines Westpaktes, so wird der Quai d' O r s a y in erster Linie verantwortlich sein, in zweiter Linie aber auch die W i l h e l m st r a ß e, die gleichzeitig und seit dem dankenswerten Paktvorschlage den Franzosen dieVorwändezym Mißtrauen in so über- reichem Maße geliefert hat. So stellt sich in wenigen Worten. von England aus gesehen, und für England die Lage in diesem wichtigen Augenblick dar. Wir stehen an einem Wende- punkt, und Frankreich hat nunmehr, nach England und Deutsch- land, das Wort. Aollfthacher. Tie verarbeitende Industrie soll gekauft werden. Freunde der Zallvorlage sind lediglich Schwerin- dustrie und Großgrundbesitzer. Sie hoffen durch die Zölle die Preise weiter steigern zu können. Verarbeitende Industrie und Handel, dagegen sind Feinde des Zolltarifs, weil sie von ihm eine Steigerung der Gestehungskosten erwarten. Um die ver- arbeitende Industrie den Wünschen der Schwerindustrie ge- fügig zu machen, hat jetzt die Rohstahlgemeinschaft mit dem Eisen- und Stahlwarenindustrieverband und dem Verein Deutscher Maschinenbauanstallen ein Abkommen ge- schlössen, in dem sie sich verpflichtet, den beiden Organisationen den Unterschied zwischen In land preis und W.cl.t» marktprei s aus eigener Tasche z u r ü ckz u»er guten, wenn der Nachweis geführt wird, daß es sich um einen Ver- brauch für Exportzwecke handelt. Die schwerindustrielle .Deutsche Bergwerks- Zeitung" widmet dem Ab- kommen folgenden aufschlußreichen Kommentar: Das Abkommen bedeutet von seiten der Schwerindustrie ein sehr erhebliches Entgegenkommen, welches im Interesse der Fördrung des deutschen Exports gebracht wird. Die Schwerindustrie ist aber daran infofern ebenfalls stark interessiert, als ein gesteigerter Export auch dem eigenen Absatz zugute kommt. Immerhin ergeben sich aus dieser Regelung gewisse finanzielle Georges Sizet. von Dr. Kurt Singer. Am Z. Juni 1875, also vor einem Hakben Jahrhundert, starb der französische Musiker, desicn letztes dramatisches Werk.„Carmen", sich die Welt eroberte. Am Z. März des gleichen Jahres war die Oper in Paris durchgefallen. Melancholie legte sich auf das Herz des sonst so ruhigen, fröhlichen, zuversichtlichen Mannes. Drei Monate später war der Mann, der sich einem Wagner und Verdi zugleich beugte und entgegensieimnte, tot. Er war an einer Krankheit gestorben, der Unverstand, Böswilligkeit, Prüderie leichte Bahn vorgezeichnet hatte. Den großen Wcltsieg seines Meisterwerkes hat Georges Bizet, dessen andere Bornamen Alexander Cäsar so etwas wie eine Gewähr für genialen Nachruhm eines großen Musik-Feldhsrrn bieten konnten, vielleicht geahnt, aber nicht mehr gesehen.„Carmen", heute allen Menschen nach Melodie und Inhalt bekannt, war eine innere Absage an dos deutsche, in Wagner verkörperte Ideal des Musikdramas. Dies Wert wurde das Ideal der romanischen Oper, überreich an laus, kantischer Idee, getränkt von südlichem Blute, geschlissen in kon» rrastierender Rhythmik, ledendig durch die Wahrhaftigkeit, mit der Liebe, Sehnsucht, Tod, mit der Freude, Fest, Leichtsinn in die Sphäre musikalischer und menschlicher Bedeutsamkeit gehoben werden. Das Kolorit und das innere Tempo dieser Partitur ist neu, national und übernational, allmenschlich das Gewebe von Stimmungen, Stimmen, Märschen, Arien. Gewiß: eine Rummern-Oper. Aber zwischen dem Hin und Her an Melodien von einprägsamster Gestaltung schwingt das Leben selber in all seiner grausamen Wahrhaftigkeit. Carmen ist ein Mensch voller Sinnlichkeit, vielleicht ein Urbild aller vitalen Weib- heit: sie verschwendet sich im Fühlen, im Hingeben, sie ist Verkörpe- rung des Willens zum Leben und zur Liebe, und sie fetzt ihr Blut, ihren Tod für diesen Willen ein. Eine Dirne? So hat die Wagner- Gemeinde, ethisch bis in die Fingerspitzen, einst gerufen. Nicht der Name macht es, sondern das Format. Ein Verbrecher, der zu seiner Tat steht, kann größer, erhobener sein als ein Durchschnittsbürger, der kein Haar zu krümmen weiß und zu krümmen wagt. Carmen ist Erdgeist. Die Farbe der Musik, die solche Menschen innschlingt, ist im Vorspiel doppelt schillernd gegeben: das alarmierend Frohe, Be- schwingte. Jagend« der Quadrille und hart daneben die fünf Schick- saksnoten der Carmen mit den folgenden Todesschlägen der Pauk«. Was gesungen wird, ist meisterhost in die Spiel-Situotion der feiernden, der gequälten, der zerriflenen Menschen hineingedacht, aus ihren Erlebnissen heraus empfunden. Ein Hohes Lied der Liebe. Zugegeben, daß es die sinnliche Liebe ist. Aber ihr Rausch wird ja gedämpft, ausgeglichen durch die Lyrik, in die Mutterliebe, auch Liebe des Kinde» Micaela, eingebettet ist. Diese Lyrik ist musika- lisch im Duett des ersten Aktes und in Micaelos Lied im drillen Akt nicht wählerijch wj» alles ütoge. Luch fear in allai mögliche« Lasten, die von den in der Rohstahlgemeinschaft vereinigten Werken zu tragen sind. Das Abkommen dürfte auch geeignet sein, in der Stellung- nähme der süddeutschen Industrie zur Zollfrage eine Aenderung herbeizuführen, denn wenn den süddeutschen weiter- verarbeitenden Werken der durchschnittliche Weltmarktpreis ohne weiteres garantiert wird, so haben sie keinen Grund mehr, gegen einen ausreichenden Zollschutz der rhei- nisch-westfälischen Industrie Sturm zu laufen. Das Blatt der Schwerindustriellen gibt damit glatt zu, daß die Zallvorlage verteuernd wirkt und daß das Abkommen den Zweck verfolgt, die verarbeitende Industrie in der Zoll- frage zu taufen. Aus dem Kommentar ergibt sich weiter, daß die Schwerindustrie an dem Schutzzoll ein fo gutes Geschäft macht, daß sie imstande ist, aus dem Verdienst der verarbeitenden Industrie Sondergelder in die Tasche fließen zu lassen. Der Leidtragende bei diesem Geschäft bleibt der Konsument, auf dessen Schultern sämtliche Lasten abge- wälzt werden._ Severings 50. Geburtstag. Bielefeld, 2. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Genosse Karl S e v e r i n g hat gestern seinen 50. Geburtstag in aller Still« in seiner Heimat Bielefeld gefeiert. Die Arbeitersänger Bielefelds, deren passives Mitglied Severing ist, liehen es sich indes nicht nehmen, dem alten Kampfgenossen ein Morgenständchen zu bringen. Seve- ring freute sich über den Morgengruß und dankte den gratulierenden Genossen mii einer launigen Ansprache, in der er darauf oerwies, daß er gern wieder unter den Bielefelder Arbeitersängern weilen möchte, daß er aber leider noch in anderen„Konzerten" engagiert sei:„Ich kann dort nicht kontraktbrüchig werden— denn die Gegner würden sich darüber freuen. Wo ich aber auch stehen mag, Genossen, mit dem Herzen bin ich immer bei Euch! Und wir müssen zusammenstehen in treuer Kameradschaft, wenn wir unseren Zielen in politischer und kultureller Beziehung näherkommen wollen." Severing verwies auf ein Lied von Anzcn- gruber, das die Sänger ihm gesungen hatten und sagte dann: „Anzengruber hat auch die Figur des Steinklopferhansel geschaffen. Dieser Naturphilosoph singt froh und heiter bei seinem Schlagen und prägt das Wort:„Es kann dir nix g'schehn". Auf diesen Ton muß unser Lied in der jetzigen Situation gestimmt sein." Zahl- reiche Gratulationen aus dem Reiche sind zu Severinqs Geburtstag eingelaufen, u. a. vom Partcivorstand, vom Reichskanzler Dr. Luther und vom preußischen Ministerpräsidenten Genossen Broun für das Staatsministerium._ Veutstber Lehrertag. Wegen schlechte Besoldung und Schulreaktioru Hamburg. 2. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Am Dienstag tagte unter dem Vorsitz des langjährigen greisen Führers der deutschen Lehrer Röhl- Berlin die Vertreterversammlung des 33. Deut- schen Lehreriages, an der 585 Vertreter aus allen Teilen Deutschlands teilnahmen. Der Vorsitzende gedachte zuerst der in diesem Geschäftsjahre verstorbenen führenden Persönlichkeiten des Vereins und stellte dann sofort den gedruckt vorliegenden Geschäfts- bericht zur Aussprache. Als einziger Redner sprach B a l l e r a e t t- Hamburg dem Vorsitzenden des Vereins den besonderen Dank für seine vorzügliche Geschäftsführung aus und drückte die Hoffnung aus, daß die Stoßkraft des Deutschen Lehrervereins in konsequenter Beobachtung demokratischer Grundsätze weiter wachse. Dann erstattete der erste Schatzmeister Willy M ü l l e r- Berlin den Kassenbericht und begründete den Haushaltsplan für das Jahr 1925, der mit 315 555 Mk. in Einnahmen und Ausgaben schließt. Im Anschluß au die Verhandlungen über die Satzungsanttäge wurden Entschließungen zur B e so l d u n gs f r a g e(in der man mit Entrüstung die Neuregelung der Beamtengehälter durch die Reichsregierung ablehnte) zur geplanten Neuordnung der Lehrerbildung in Mecklenburg(die den Bestimmungen des Artikels 143 der Reichsverfassung widerspricht) und Resolutionen zur Iunglehrerfrag«(die zu Maßnahmen gegen die ver- hängnisvollc Entfremdung der jungen Lehrer von der Schule auf- fordere) angenommen. Ein Antrag für den gesicherten Erhalt der Simultanschulen wurde dem Hauptausschuß zur Weiterberowng überwiesen. Tonarten schillernde Auftrittsgesang des Toreador, bezwingend im rhythmischen Schmiß, ist Ablehnung an alten Publikumsgeschmack. Aber das wiegt nicht viel. Der Brillant funkelt, auch wenn das Mikroskop Kohlenstaub entdeckt. Fünfzig Jahr« ist Bizet tot, fünfzig Jahr« lebt„Carmen". Keim« zu dieser Musik sind schon im„Perlenfischer" auffindbar, der eine exotische Gesamtstimmung sehr«sfoktvoll trifft. In dem poetischen Kalifen-Akt„Djamileh" ist noch mehr Farbe, Dust, Ueberschwenglich- keit. Viermal wurde das Stückchen aufgeführt: dann verschwand es. Soint-Saens aber schrieb,„Djamileh" sei eine Perl«, die vor die Säue geworfen sei. Mit„LArlesienne" ging es nicht besser. Aber die beiden Suiten sind mit ihrer auch absolut wirkenden, eingängigen, weichen Melodik für das Konzert gerettet. Vergeblich schauen wir aus nach einem Musiker, der Bizet kam- panierend Gefolgschaft gab. Er schöpfte aus dem Urbrunnen der Musik, und er hatte sich selber vollendet, als er„Carmen" schuf. Noch immer, nach fünfzig Jahren, fehlt eine würdige deutsche Heber- setzung. Aber nach den Rollen dieser Oper greift jeder mit Leiden- schast, der Theaterblut in sich hat. Und das wird, zusammen mit den inneren Qualitäten des einzigartigen Werkes,„Carmen" unsterb- lich machen. Chiropraktik. Amerika ist immer noch dos Land der Ueberraschungen. Es sendet uns Ford-Automobile. Photographien von Geistern. Gesund- beter. Einreiseverbote, platonische Abrüstungswünsche und neuer, dings, als Attraktion ersten Ranges, die Chiropraktik. Wenn man es mit der Grammatik nickst sehr genau nimmt, so kann man Chiropraktik für ein gnechisches Wort halten. Macht man den Versuch, das Wort in leidliches Deutsch zu übersetzen, so könnte man von„Handfertigkeit" sprechen. Aber das geht nicht. weil sanft der geheimnisvolle Schleier, der sich über das Wort Chiropraktik ausbreitet, sinken würde. Und Handfertigkeit wäre nichts Amerikanisches, die wird auch in Deutschland geübt. Wenn Herr Prenzel seinem Gegner einen tadellos sitzenden Haken ins Ge- ficht setzt, so kann man das auch Handfertigkeit nennen. Herr Lehmann, der noch Ankündigungen an den Litfaß-Säulen die Chiropraktik in Deutschland heimisch machen will, versteht dar- unter etwas anderes. Eine neue Heilmethode nämlich. Herr Leh- mann, patentierter amerikanischer Dottor der Chiropraktik— nicht der Chiromantik, was Handlesekunst bedeutet— hat auf Grund ein- gehenden Studiums festgestellt, daß ein Wirbel schief sitzt, wenn man krank ist. Das klingt etwas sonderbar, eigentlich zu einfach und wirft in- folgedessen auf naive Gemüter verblüffend. Aber Herr Lehmann tritt den Beweis für seine Behauptung an. Er sagt: Wenn irgend- wo im Körper eine Krankheit entsteht, so sind die Nerven schuld daran. Sie werden selbst irgendwo geärgert, gequält oder ge- quetscht. Der Ort, wo das einzig geschehen kann, sind die Wirbel des Rückgrats. Um eine Heilung herbeizuführen, braucht man nur de« beir essenden Wirbel, von dem aus bestimmte Rem« zu einem Als Tagungsott für 1926 ist D a n z i g bestimmt worden. Die Danziger Vertreteriagung soll sich mit dem Thema„Staat und Kirche in ihrem Verhältnis und in ihrer Auswirkung auf die Er- ziehung" beschäftigen. Für die im Jahre 1927 stattfindende nächste Hauptversamlung sind folgende Themen geplant: 1. Die Erziehungs- aufgab« der deutschen Schulen und ihr Verhältnis zur Jugendwohl- fahrt: 2. Der Gedanke der Selbstverwaltung in seiner Auswirkung auf das Schulwesen. Eine Neuwahl des Vorsitzenden erfolgte, weil der 73jährige bis- herigc Letter des Vereins Röhl zurücktrat. An seiner Stelle wurde der Herausgeber der„Allgemeinen deutschen Lehrerzeitung" G. Wolf, betraut. Röhl wurde zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Der letzte Punkt der Tagesordnung war eine Stellungnahme zu den schulpolitischen Richtlinien, besonders in bezug auf den Religionsunterricht. Nach langer Geschäftsordnung-- debatte, in der es sich darum handelte, ob in Danzig oder bereits jetzt bindende Beschlüsse gefaßt werden sollen, entschied man sich in einer Schlußabstimmung für eine einjährige Vertagung. Damit ist das 1919er Programm als Richtlinie der Arbeit anerkannt worden. Zürforgerinnentag in detmolü. Das Problem der Sozialbeamtin. Detmold. 2. Juni.(Eigener Bericht.) Vom 35. Mai bis 2. Juni tagte im Arminiusbad zu Pivitsheide bei Detmold ein« vom Haupt- ausschuß der Arbeiterwohlfahrt einberufeue Konferenz der sozio- listischen Fürsorgerinnen und Sozialbeamtinnen. Die überaus inter- essante Tagung hatte fast 135 Teilnehmer. Auch das Ausland hatte einige Lertrtter entsandt. Am Sonnabend sprach Reichstagsabg. Genossin Toni Pfülf über„Sozialistische Ethik und Wohlfahrts- pflege". Die Diskussion fand noch eine wesentliche Erweiterung noch dem zweiten Dottraqe der Reichstagsabg. Genossin Marie I u ch a c z über„Wesen und Wirken der Arbeiterwohlfahrt" am ersten Pfingst- feiettag. Am zweiten Feiertag sprach Genossin Dr. Herta Krause über„Kulturaufgaben in der Fürsorge" und am Dienstag folgte ein Referat der Genossin Dr. G. Kall über„Vorbeugende Fürsorge und moderne Erziehungsgrundsätze". In der Aussprache trat der Wunsch ganz besonders hervor, daß eine engereOrganisation der berufsmäßigen Fürsorgerinnen geschaffen wird. Stoecker oder ein Ersatzmann! London. 2. Juni.(Eigener Drahtbettcht.) Dem kommunistischen Reichstagsabg. St o e ck e r ist es angeblich trotz strengster Absper- rungzmaßnahmcn gelungen, in England e i n z ur« i s e n und aus dem Kongreß der Kommunisten in Glasgow zu reden. Die Glas- gower Polizei erklärt dazu, daß es sich um einen ausgesprochenen Bluff der Kommunisten handle, durch den sie den Beweis ihrer Ueberlegenheit über Polizeimaßnahmen erbringen wollten. Stoeckec sei durch einen in England lebenden Deutschen dargestellt worden. Demgegenüber erklätt aber das Sekretariat der Kommu» nsstischen Pattei, daß es Stoecker seit Jahren kenne und deshalb jeder Zweifel über die Identität seiner Person ausge- schlössen sei._ Adolf Gras von Vosadowsky. der ehemalige kaiserliche Staats- sekretär im Reichsamt des Innern, begeht heute seinen 85. Geburt». tag. Graf Posadowsky ist im allen Reichstag von unseren Pattei» genossen wegen seines sachlichen Auftretens sehr geschätzt worden. Zugleich war er wegen seines Bestrebens, die Sozialpolitik nicht ganz versanden zu lassen, heftigen Angttffen des Unternehmertums ausgesetzt. Nach der Revolution hatte er sich zeitweilig in die Deutschnationale Pattei verirtt, in die er nicht hineinpaßte. Denn die demagogische Sozialistenfresserei zu höheren Ehren des Unter- nehmettums war längst nicht mehr seine Sache. Jetzt lebt er in stiller Zurückgezogenheit, in der ihn die herzllch gemeinten Glück- wünsche nicht nur seiner Freunde, sondern auch seiner politischen Gegner erreichen mögen. Hochschule und Republik. Amtlich wird aus Karlsruh« mit- geteitt: Der engere Senat der Unioersttät Heidelberg hat das Ver- fahren gegen den Privatdozenten Dr. Gumbel«ingestellt. Das Ministettum für Kultus und Unterricht hat das gegen den Professor Freiherr Marschall v. Bieberstein von der Universität tzreiburg wegen seiner(republikfeind�ichen. Anm. d. Red.) Rede bei der Reichsgründungsfeier eingeleitete förmliche Disziplinarverfahren eingestellt und gegen den Genannten auf eine Ordnung» st rase in Form eines Verweises er- kannt. bestimmten Organ laufen, zurechtzurücken. Das besorgt nun Herr Lehmann. Wie man sieht, ein« ganz einfache Geschichte. Ich werde mich sehr wahrscheinlich der Kur unterziehen, da ich an chronischem Magenknurren leide. Ein Wirbel, so ungefähr in der Mitte der Wirbessäule, wird stramm rechts oder links umgedreht, und der Magen ist befriedigt. Wenn dos viele tun, dann brauchen wir keine Bäcker, und dann ist auch das Ende der Zollvorlage ge» kommen. Das ist die Chiropraktik. Leider denken nicht alle so wie Herr Lehmann und ich. Just zur selben Zeit, als ich den Anschlag las, stand neben mir so ein naseweiser Berliner. Der las auch und las und riß die Augen auf und sagte sehr despektierlich:„Ra, dem Leh- mann sitzt wohl selber ein Wirbel schief?" K. G. Rikolinfreier Tabak? Nicht selten kommt der Arzt in die Loge, besonders bei Herz- und Nervenkranken, bei Arterienverkalkung und Nierenleiden, den Nikoiingenuß, das Rauchen von Tabak in jeder Fonn zu verbieten. Seit längerer Zctt besteht schon eine rühttge Industtte. die angeblich nikotinfreie Zigarren und Zigaretten in den Handel bringt, oder die Raucher geben ihre Zigarren und Zigaretten in die Fabrik zwecks Nikotinentziehung. Sie nehmen ebenso wie der Arzt an. daß das Rauchmatettal mkotinunschädlich ist vzw. gemocht wird. Untersuchungen im chemischen Institut des Hauptgesund» heitsamtes der Stadt Berlin hatten nun das Ergebnis, daß bei einer Reche von im Handel befindlichen angeblich nikotinfreien Tabak- Präparaten gar keine Nikolinentziohung stattgefunden hat und daß die Zigarren usw.. die zu diesem Zweck der Fabrik übergeben waren, die gleiche Menge Nikotin wie vorher enthielten. Der untersuchende städtische Chemiker warnt alio die Aerzte davor, angeblich nikotimreie Zigarren und Zigaretten bedingungslos ihren Kranken zu empsehlen. zumal diese unter Umständen im guten Glauben an die Unschädlichkeit der präparierten Glimmstengel größere Mengen als von den üblichen Sotten rauchen würden. Zm TNetropol-rheaker bleiben.Tautend fühl ZZ-inchen" auch im Juni auf dem Spielplan. Vi« Avsflellung„La, veukfche Such", die von der Leipziger.Deutschen Meselllchast für AuSiandSbuchdandctt vor Jahren in ftranlsurt o. M. ver- anftaltet wurde, wird demnächst in Berlin von der Lesiing-Hochschule in neuer Anordnung wiederholt werden, und zwar ist zu dicsem Zweck lai .Haus Merkur' zur Verfügung gestellt worden. Ein Zdeemvetlbenierb sllr die Berliner elade». Wie soll Berlins Haupt. strahe Unter den Linden sich im Laule de« Sä. Jahrhunderl« gestalten? Ueber diese ftrage Ichreiben die Zeitschriitcn WaZmuIh«.MonatSbeite sür Baukunst' und.Städtebau' einen Wettbewerb bi» 1. Ottober 1925 au«. Geivllnicht werden drei bi« sech« Tusch-Skizzen. w denen die Gestaltung der Linden-Achse vom Brandenburger Tor bi« zum Schloß mehr ideenikizzen- mäßig angedeutet al« im einzelnen ausgearbeitet wird. Für Preise stehen in«geiamt 5000 M. zur Verfügung. Preisrichter sind u. a. Elkar«. Poelzig, Fahren lamp und Dernburg. ver russische Songreh zur BekSmpfung der Epidemien. An dem In MoSIau tagenden 9. russischen Kongreß zur Belämpfung der Epidemien nehmen über 800 Aerztc teil. Ein Rückgang der TvvbuSepidemien wurde iestoestellt. Dagegen haben Kindcrkrankbeilen, besonders Scharlach und Malern, 1924 fiifi im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Ebenso sind die Viehseuchen im Steigen. Im gauzen geben aber gerade die schwerste» Epidemie», wie die schwarze» Pocke», zurück,«hole» trat nicht ach. Die Mnöerung der Lohnsteuer. Wirkung der allgemeinen Ermäßigungen.- Erstattung bei Berdienstausfall. Der Reichstag hat das Steuerüberleitimgsgesetz verabschiedet. das für die Arbeitnehmer wichtige Lenderungen der Lohn st euer bringt. Die sozialdemokratischen An. träge auf Erhöhung des steuerfreien Lohnbetragcs von 60 auf 1<1 0 M a r k monatlich und auf Umwandlung der bisher prozentualen Familienermäßigungen in feste, für alle Einkommen gleich hohe Beträge find von den Regierungsparteien abgelehnt worden. Dafür kann die Erhöhung des steuerfreien Lohnbetrages von 60 auf 60 M. und die geringe Begünstigung kinderreicher Familien keinen aus- reichenden Ersatz bieten. Außerdein bringt das Steuerüberleitungsgesetz noch«m« Reihe von Erleichterungen, die nur auf Antrag des einzelnen Steuerpflichtigen beim Finanzamt eintreten. Da die allgemeinen Ermäßigungen völlig unzureichend sind, muß jeder Arbeitnehmer die Möglichkeit kennen, nach der er auf Grund eines Antrags beim Finanzamt feine Steuerlast mildern kann. Wir geben daher im Folgenden«in« Uebersicht über die Aenderungen der Lohnsteuer- bestimmungen auf Grund des Steuerüberleitungsgefetzes. Der steuerfreie Lohnbetrag beträgt: künftig bisher für Monatslohn.... 80.— Mark SO,— Mark , Wochenlohn.... 18,80, 15,—, » den Arbeitstag... 3,10, S,SO, . je 2 Stunden... 0.80. 0,60, Danach sind also alle Steuerpflichtigen mit einem Wochenlohn unter 18,60 Mark ohne Rücksicht auf den Familienstand steuerfrei. Ebenso wird dieser Betrag bei allen Arbeitnehmern mit höherem Einkommen steuerfrei gelösten. Rur der wöchentlich 18,60 Mark übersteigende Teil des Arbeitslohnes ist also steuerpflichtig. Die Jamilienermähiguugen sind von jetzt ab nicht mehr für alle Familienangehörige» gleich hoch. Für die Frau und das erst« Kind bleibt es bei der Ermäßigung um je 1 Proz. Lei 2 Sindern aber fetzt eine Erweiterung der Familien- ermäßlgungen ein. Wenn nämlich der Steuerpflichtige nicht mehr als 60 Mark wöchentliches oder ZSO Mark monatliches Einkommen hat, wird der Steuersatz für das zweite Kind um 2 Proz.(statt bis- her 1 Proz.) ermäßigt. Ein solcher Steuerpflichtiger mit 2 Kindern Hot also künftig 6 Proz. statt bisher 7 Proz. zu zahlen. Verdient er aber mehr als ZSO Mark monatlich oder 60 Mark wöchentlich, so bleibt es bei dem Steuersatz von 7 Proz. Erst vom 8. Kind ab er» mäßigt sich der Steuersatz um je 2 Proz. ohne jede Rücksicht auf die Höhe des Einkommens. Der Steuersatz beträgt also bei einem Familienstand und einem monatlichen Einkommen bi« 250 Mk. über 250 Mk. ledig... I.. 10 Proz. 10 Proz. verheiratet.... 9. 0. verh., 1 Kind... 8, 8, , 2 Kinder.. 6, 7, «, 3 �.. 6» » �».. 2. li» » 5 m.. Oj, 1» V6 V•.~ 0 � Or Jöt ritwn Verheivaketen mit 2 Sindern. errechnet sich also der Lohnabzug künftig folgendermaßen: .... davim ab bleibt Neu«. barxm»b« Stlaihmg m r�-u Neuerkei« vfiichtige» Steve-. �1�,. de»»«samt. «iutommen x�nbet-og Ciniouimen fa»®4ai" l»h»» Marl Mark Mark Mari 80 80— 8%—— 150 80 70 8«/#<20 3,8% 250 80 170 6% 10,20 4,1% 300 80 220 7% 15.40 5,1% 700 80 620 7% 43,40 6,2% Entsprechend dieser Ermäßigung ist der Steuersatz für unständig« Arbeiter von 4 auf Z Proz. herabgefetzt worden, bei Heimarbeitern von 2 Proz. auf 1 proz. Diese neuen Bestimmungen sind mit dem 1. Zun! 1925 in Kraft getreten. hierbei ist aber zu beachten, daß e, lediglich darauf cm- kommt, wann der Lohn verdient worden ist, nicht dagegen, wann er gezahlt wird. Wenn also ein Lohn bereits im Mai verdient worden ist. aber erst im Juni ausgezahlt wird, so wird der Steuerabzug doch noch noch den alten Bestimmungen berechnet. Wenn dagegen Lohn oder Geholl für den Monat Juni schon vor dem 1. Juni gezahlt wird, so finden gleichwohl bereits die neuen Bestimmungen Anwendung. Zweifelhaft könnt« hierbei sein, wie zu verfahren ist. wenn«ine Lohvzahiungsperiod« zum Teil in den Mai und zum Test iu den Zun! fällt. Das Finanzministerium hat aber hierfür bestimmt, daß auch in diesen Fällen der Lohnabzug jedesmal nach den neuen De- stimmungen zu berechnen ist. Diese finden also Anwendung, wenn auch nur e i n Tag der Lohnzahlungsperiod« in den Juni fällt. Die zweit« Gruppe der Erleichterungen bei der Lohnsteuer umfaßt nachträgliche Ermäßigungen im Wege der Erstattung durch die Finanzämter. Das Steuerüberlettungsgesetz unterscheidet hier zweierlei Fälle: 1. die nachträgliche Erleichterung der Steuerlast im Jahre 1824 und 2. die Erleichterung für das Jahr 1825. Arbeitslose. Kurzarbeiter usw. erhielten bisher infolge Berdienh- ausfalle? nicht den vollen jährlichen steuerfreien Lohnbetrag gut- gebracht. Diese Härte soll jetzt nachträglich beseitigt werden. Es ist bestimmt, daß die bereite gezahlte Lohnsteuer insoweit erstattet wird, als der steuerfreie Lohnbetrag für das Kalenderjahr 1924 nicht in höhe von 610 Mark jährlich oder 155 Mark vierteljährlich berück- stchtigt worden ist. hierzu muß der Steuerpflichtige einen Antrag an das Finanzamt stellen, der spätestens bis zum ZI. Zoll 1825 ein- gereicht werden muß. Die Erstattung findet aber nicht statt, wenn es sich nur um Beträge unter 1 Mark für das Vierteljahr oder unter 4 Mark für das ganze Jahr handelt. Nähere Bestimmungen über die Beibringung von Unterlagen werden noch vom Reichsfinanz- Ministerium erlassen. Einen gleichen Antrag können die Steuerpflichtigen beim Finanz- amt stellen, wenn bei ihnen im Kalenderjahr 1924 besondere perfön- sich« oder wirtschaftliche Verhältnisse vorgelegen hoben, durch die ihre steuerliche Leistungsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt worden ist. hierfür kommen vor allem die Fälle in Frage, in denen der Steuer- Pflichtige durch die Unterhaltung und Erziehung der Kinder und anderer mittelloser Angehöriger, durch Krankheit. Unfall. Körperver- lehung oder Verschuldung besonders belastet worden ist. Diese An- träge müssen ebenfalls bis zum 31. Juli gestellt werden. Für das Zahr 1825 gilt dasselbe. Der Erstattungsanspruch in- folge Erwerbslosigkeit, Kurzarbeit usw. weist dabei folgende Be- sonderheiten auf: Der Erstattungsantrag kann künftig nach Schluß jedes Kalendervierteljahrs gestellt werden, und zwar spätestens im Laufe des ersten Monats des folgenden Kalenderviertel. jahres. Der Anspruch auf Erstattung ist gegeben, wenn bei einem Arbeitnehmer in den einzelnen Vierteljahren nicht folgende Beträge von der Steuer freigelassen worden find: in den Monaten Januar bis März 1925 180 Mark in den Monaten April bis Juni... 200, und in den Monaten Juli bis September und Oktober bis Dezember je.. 240„ Wird der Crftattungsantrag erst nach Ablauf des ganzen Jahres gestellt, so ist er zulässig, wenn ein jährlicher steuerfreier Sohnbetrag von 860 Mark nicht voll gutgebracht worden ist. Er muß dann im Laufe des ersten Vierteljahrs 1926 gestellt werden. Auch hier wird ein Betrag von 1 Mark für das Vierteljahr und von 4 Mark für das ganze Jahr nicht erstattet. Künftig kommt zu diesen Erstattungsmöglichkeüen»och eine dritte hinzu. Sie ergibt sich aus der komplizierten Neuregelung der Familienermäßigungen. Da künftig ein Arbeit- nehmer mit weniger als 60 Mark Wochenlohn schon auf das zweite Kind eine Ermäßigung von 2 Proz. erhält, bei höherem Einkommen aber nur von 1 Proz., so muß.ein Härtenausgleich für diejenigen geschaffen werden, die nur wenig über 60 Mark verdienen und infolgedessen dieser Vergünstigung verlustig gehen würden. Deshakb ist folgendes bestimmt: Wenn ein Arbeitnehmer mit mindestens zwei minderjährigen Kindern mehr als 60 Mark wöchentlich(oder 250 Mark monatlich oder 7S0 Mark vierteljährlich oder 3000 Mark jährlich) verdient, so hat er zwar zunächst grundsätzlich auch für das zweite Kind nur eine Ermäßigung von 1 Proz. Es kann ihm aber nachträglich ein« Ermäßigung von 2 Proz. für das zweite Kind gewährt werden. wenn beim Finanzamt«in dahingehender Antrag gestellt wird. Die danach zuviel gezahlte Lohnsteuer wird insoweit erstattet, als sie ein Fünftel desjenigen Betrages übersteigt, um den das vierteljährlich« Einkommen des Steuerpflichtigen den Betrag von 750 Mark über- steigt. Es ergeben sich also folgende Beispiele: Dierteljährliches Einkommen 760 M.. davon steuerfrei 240 M. bleiben steuerpflichtig 520 Mark. Bei 7 Proz. wären davon 36,40 M. Steuer zu erheben, bei 6 Proz. aber nur 31,20 M. Der Unterschieds- betrag von 5,20 M. wird aber nur soweit erstattet, als er ein Fünftel der Differenz von 760 Mark— 750 Mark— 10 Mark, das sind 2 Mark, übersteigt. Tatsächlich zur Erstattung gelangen 5,20 Mark minus 2 Mark— 3,20 Mark. Durch diese Bestimmung wird ver> hindert, daß höhere Einkommen dieser Dergünstigung ebenfalls teil- hastig werden. Beträgt zum Beispiel das vierteljährliche Einkommen 800 Mark und sind wiederum 240 Mark steuersrei, so bleiben 560 Mark steuerpflichtig, 7 Proz. hiervon sind 39,20 Mark, 6 Proz. 33,60 Mark. Der Unterschiedsbetrag von 5,60 Mark wird hier nicht erstattet, weil er nicht die 20 Proz. des Mehrverdienstes vo» 50 Mark := 10 Mark übersteigt. Da diese Erleichterung erst durch die komplizierte Neuregelung der Familienermäßigungen nötig geworden ist, kommt sie für dos Jahr 1924 und die ersten beiden Kalendervierteljahre des Jahres 1925 nicht in Frage. Anträge auf Grund dieser Dorschrist können daher erstmalig für das 3. Kalendervierteljahr 1925 gestellt werden. Die Leöeutung ües Rücktritts Thugutts. Versuch eiuer dem okra tis che« Minderh eitsp olitik gescheitert Aus Warschau wird uns geschrieben: In dem jetzigen polnischen Kabinett ist der Ministerpräsident und Finanzminister G r a b s k i wohl der einzige, der feit der letzten offiziellen Kabinettskrise vor etwa anderthalb Jahren dauernd im Amte ist. Seine Mitarbeiter hat er in dieser Zeit fast sämtlich ge- wechselt, darunter gerade die wichtigsten, wie den Außen- und den Innenminister, und erst vor wenigen Wochen ist der Handelsminister Kiedron ausgeschifft worden. Eine neue offizielle Kabinettskrisis hat man vor allen Dingen deswegen gescheut, weil niemand das Erbe des Finanzdiktotors Grabski und den mit diesem Erbe mög- licherweise verbundenen wirtschaftlichen Zusammenbruch übernehmen wollte. So lavierte das Kabinett, indem es bald den einen, bald den anderen Minister preisgab und dafür Vertreter der Opposition. bald von rechts, bald von links aufnahm. Jetzt hat aber das Kabinett einen entschiedenen Zug nach rechts bekommen. Vor wenigen Wochen wurde der Schöpfer des polnischen Konkordats, der Bruder des Ministerpräfi- denten Grabski, ein ausgesprochener Führer der Rechten, als Kultus- minister in das Kabinett aufgenommen. Jetzt hat der einzige beachtenswerte Vertreter der politischen Linken Thugutt innerhalb Monatsfrist zum zweitenmal, und nun wohl endgültig, demissioniert. Ob da» Kabinett, ohne eine feste Basis im Parlament zu haben, dies« einseitige Bc- lastung oerträgt, ist recht fraglich, und vielleicht ist der Rücktritt Thugutts das Vorspiel zur Gesamtkrisis. Kabinettskrisen sind in Polen etwas recht häufiges und nicht eben Bedeutungsvolles. Der Rücktritt Thugutts hat aber ein« tiefere Bedeutung. Thugutt war es, der die furchtbare Gefahr der Minderheitenfrage für Polen erkannt« und sie mit Worten charakterisierte, daß Polen, wenn es die Minderheitenfrage nicht lösen könne, in«inigen Jahren den Bürgerkrieg haben oder seine Ostprovinzen wieder verlieren werde. Minderheitenfrage be- deutet allerdings, wie auch aus diesem Ausspruch hervorgeht, in Polen in erster Linie die Frag« der ukrainischen und weiß- russischen Minderheit. Immerhin war Thugutt der Mann, der mit dem speziellen Auftrag und dem energischen Willen, die Minder- heitenfrage zu fördern, in das Kabinett berufen worden war. Sein Rücktritt bedeutet, daß dieser Persuch gescheitert ist, daß also die Minderheitenfrage weiter wie ein Bleigewicht die innere und äußer« Politik Polens hemmen und lähmen wird. Korriüorunglück und Entschädigung. Tie Entschädigungsansprüche der Opfer. Am Schluß der großen politischen Reichstogsdebatte der ver- gangenen Woche hat der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes auch die beiden Interpellationen über da, Sorridorunglück beant- wartet. Es ist verständlich, daß dafür im Haus« keine volle Auf- merksomkeit mehr vorhanden war. Aber auch die Wiedergabe in der Presse ist unvollständig. Im Interesse der Opfer des Korridor» vnglücks scheint es daher angezeigt, das für st«, d. h. für die Der- folgung von Entschädigungsansprüchen Wesentliche noch einmal zusammenzufassen. Das sogenannte Korridorabkommen bestimmt, daß bei einem Eisenbahnunglück von Korridorzügen die Gesetz« des Landes maß- gebend sind, in dem sich der Unfall ereignet hat. In diesem Falle also die polnischen, die aber, da es sich um ehemals deutsches Gebist handelt, im wesentlichen die des Deutschen Bürgerlichen Gelskbuches sind.?tun hat die polnische Regierung bereits mehrfach urrrzle� erklärt, daß die polnischen Behörden k«in«n Schaden- ersatz leisten, da ihrer Ansickr nach«in Fall von höherer Ge» walt vorliegt Das ist bekanntlich sehr strittig. Das vorläufig« Verfahren vor dem Korridarfchiedsgericht in Danzig hat, allerding» nur au» einer flüchtigen Besichtigung des Unglücksortes ohne De- lusisaufnahme, ein unmittelbare» Berschulden polnischer Behörden nicht feststellen können. Was dos nunwehr einzuleitend« reguläre Verfahren feststellt, ist abzuwarten. In jsdem Falle müssen die Geschädigten aber damit rechnen. das Polen gutwillig keinen Schadenersatz leistet. Für die Geltendmachung ihrer Ansprüche haben sie nun zwei Wege: 1. Das Reichsverkehrsministerium hat sich bereit erNärt. die Schadenersatzansprüche zu sammeln. Die gesammelten An- sprüche werden dann von der Reichsregierung Polen gegenüber geltend gemacht. Alto tft jedem Geschädigten zu raten. sein« Ansprüche dem Reichsverkehrsministerium anzumelden. Be- sonders wichtig fft. daß das Reichsfinanzministerium für Rotfälle einen größeren Betrag zur Verfügung gestellt hat, so daß einem Notstand, der durch das langwierige Verfahren eintreten könnte, vorgebeugt werden kann. Aus diesem Fonds gezahlle Unter- Öiitzungen gelten als Vorschüsse auf den von Polen zu leistenden Schadenersatz. 2. Bleibt Polen bei seiner ablehnenden Haltung gegenüber den deutschen Schadenersatzansprüchen, so bleibt den Ge- schädigten nichts übrig, als den polnischen Eisenbahn. fisfiis zu verklagen. Das ist natürlich mit Schwierigkeiten und Kosten verbunden, so daß es dem einzelnen schwer möglich sein wird. Es emvfiehlt sich daher, auch den etwaigen Wunsch nach ge- richtlicher Verfolgung der Ersatzansprüche dem Reichsverkehrs. Ministerium mitzuteilen, da« nötigenfalls behifflich sein könnte, das weitere in die Wege zu leiten. Ej steht fest, daß Polen, ob es sich bei dem Unglück um ein Attentat oder um die Bernachlässigung der Strecke handelt, die Sicherheit des Korridorverkehrs nicht garantieren kann. Dem Derfuch, trotzdem den privalrechtlichen Schadenersatzansprüchen auszuweichen, muß aber nach Möglichkeit vorgebeugt werden. Massenprozesse in Bulgarien. 63 Todesurteile auf einmal beantragt. sofia. 2. Zuni.(WIR.) Zn dem großen Prozeß gegen die kommunistischen Verschwörer hebe« sich vor dem Kriegsgericht in Schumeu 432 Personen zu»erantmortea. Der Slaol»- anwolt hat gegen 6Z Per so neu Todesurteile be- antragt.