e. 30742. Jaheg Ausgabe A nr. 158 Bezugspreis: Böchentlich 70 Bfennig, monatlich B, Reichsmart vovaus zahlbar. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig, Saar- und Memelgebiet, Defterreich, Litauen, Luxemburg 4,50 Reichsmart, für das übrige Ausland 5,50 Reichsmart pro Monat. Der Bormärts mit der Sonntags beilage Bolt und Reit" mit Gied. Lung und Rieingarten" fowie der Beilage Unterhaltung und Bisfen and Frauenbeilage Frauenstimme erfcheint wochentäglich ameimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm- Abreffe: .Sozialdemokrat Berlin* Morgenausgabe Vorwärts Berliner Dolksblatt 10 Pfennig Anzeigenpreise: Die einfaltige Nonpareille. Beile 80 Pfennig. Reklamezeile 5,- Reichsmart. ,, Aleine Anzeigen" bas fettgedruckte Wort 25 Pfennig ( auläffig amei fettgedruckte Worte), febes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche das erste Wort 15 Bfennig, jedes weitere Wort 20 Pfennig. Worte über 15 Budoben zählen file zwei Worie. Familienanzeigen für Abonnenten Reile 40 Pfennig. Anzeigen für die nächste Summer milfsen bis 4% Uhr nachmittags im Sauptgeschäft, Berlin SW 68, Linden. #rake 3, abgegeben werden. Geöffnet Don 9 Uhr früh bis 5 Uhr nachm. Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Redaktion Dönhoff 292-295 Berlag: Dönhoff 2506-2507 Donnerstag, den 2. Juli 1925 Die Moskauer Justizkomödie. Entlastungszeugen werden ausgewiesen. Moskau, 30. Juni( WIB. Russische Telegraphenagentur). Die Belaftungszeugen Troilschmann, Kandor und Kuprianoff fagen bei ihrer Bernehinung übereinstimmend aus, die Angeklagten hätten versucht, die Wohnungen von Sinowjew, Stalin und Trozti auszufundschaften und hatten den Wunsch nach einer perönlichen Unterredung mit ihnen ausgesprochen. Im Berlaufe der Berhandlung gibt der Borfizende eine Erflärung ab, die die Vorwürfe der Angeklagten Kindermann und Wolscht bezüglich des Berhaltens des Gerichtes zur deutschen Botschaft als pro Dolatorisch bezeichnet und betont, daß der Gerichtshof stets bestrebt gewesen sei, die friedlichen Beziehungen zwischen dem russischen und bem deutschen Bolfe, sowie zwischen den beiden Regierungen zu wahren. Darauf erfolgt die Bernehmung des deutschen Kom munisten Heinz Neumann als Sachverständigen, womit die Zeugenbernehmung abgeschlossen wird. Im weiteren Verlauf der Prozeßverhandlung erklärte der Etaatsanwalt, er verzichte auf die Bernehmung des Legationsrats Hilger, da die Gerichtsuntersuchung hinreichende Klarheit geschaffen habe. Der Staatsanwalt beantragte, die Zeugen Rose und Fint von ihren Zeugenverpflichtungen zu entbinden, da die Zeugennehmung abgefchloffen sei. Da es aber erwiesen sei, daß die Beugen an der Vorbereitung der Expedition Kindermanns teilgenommen hätten, seien sie in den Anklagezustand zu versetzen. Da die Zeugen aus Deutschland nach Rußland gekommen feien, bitte die Etaatsanwaltschaft, bei der Sowjetregierung anzufragen ,, ob dagegen Hindernisse bestünden. Das Gericht gab den Antrag des Staatsanwalts statt. In der Abendsizung wurde ein hierauf bezüglicher Gerichts beschluß verkündet, der folgenden Wortlaut hat: Angesichts der Mitteilung des Boltskommissariats des Auswärtigen, daß die Einreife der Zeugen Rose und Fink nach der Sowjetunion mit Be dingungen verknüpft war, die die Einleitung eines Strafverfahrens verhindern, beschließt der Gerichtshof, unbeachtet des erbrachten Beweises, daß die Zeugen an den Verbrechen, deren Bolicht, Kindermann und Dittmar beschuldigt find, teilgenommen haben, die fofortige Ausweisung der Zeugen Rose und Fink aus dem Gebiete der Sowjetunion zu veranlaffen. Die Anklage des Staatsanwalts. Mostau, 1. Juli.( WTB. Meldung der Ruff. Telegr.- Agentur.) In der 13. Gerichtssitzung des Prozesses gegen die deutschen Studenten, die gestern abend stattfand, begann das Plaidoyer des Staatsanwaltes Krylenko, der zunächst das Wesen der Organi. fation Conful in sozialpolitischer Hinsicht auf Grund der Ergebnisse der Untersuchungen des Gerichtes darlegt. Das Eintreffen des Baumann und der Gruppe Kindermann habe den gleichen Terror zielen gedient. Wenn man ad absurdum annehmen wolle, daß tatsächlich ein wissenschaftlicher Reisezweck bestanden habe, so würden boch hinsichtlich der mit der Reise verbundenen Absichten Widerfprüche festzustellen sein. Am meisten ausschlaggebend sei schließlich das volle Geständnis Dittmars und Kindermanns, das halbe Geständnis Bolschts und die erschöpfenden Aussagen Baumanns. Der Staatsanwalt zweifelt an der ernsten Abficht einer Wirtschaftsfpionage, da diese größere Kenntnisse in den verschiedenen Betriebszweigen der Industrie voraussetze. Die Verworrenheit Kindermanns fönne täuschen, wenn nicht das Protokoll vom 6. Februar existieren würde, in dem nicht nur ein erschöpfendes Geftändnis gelegen habe, sondern durch das auch noch vor dem Geständnis Dittmars seine Kameraden verraten worden seien. Kindermann fei wohl nicht fähig. praktisch Terrorakte zu begehen. Es stehe aber feft, daß er ein aftiver Angehöriger der Organisation Consul sei. Kindermann habe Enthüllungen über eine angeblich bei ihm angewandte hypnotische Einwirkung angekündigt. Als er jedoch mit dem Untersuchungsrichter tonfrontiert worden sei, habe er dessen Aussagen über die zwanglose Untersuchungsführung nur bestätigen fönnen. Es stehe fest, daß Rindermann bis furz vor dem Beginn der gerichtlichen Berhand lungen nicht gewußt habe, wie er sich zu verhalten habe. Der Staatsanwalt läßt es dahingestellt, von wem Kindermann einen Wint erhalten habe. Dies gelte auch für Wolscht, der seine ausschlaggebenden Aussagen nur damit begründet habe, daß er mit feinen Mitgefangenen ein gutes Einvernehmen herstellen wollte. Der Staatsanwalt verliest aus dem Strafgesetzbuch den Artikel, der die Organisierung von Terrorakten mit dem Tode bestraft. Er stellt fest, daß alle Details mit fühler Ueberlegung ausgearbeitet worden feien und daß das provozierende Auftreten der Angeklagten vor Gericht, wie dokumentarisch bewiesen, auf der Hoffnung auf Einleitung eines Austausch verfahrens beruhe. Kindermann sei moralisch eine null, aber sozial gefährlich. Wolscht sei der typische, annische Faschist und Terrorist. Diffmar habe zwar viel zur Aufklärung des Verbrechens beigetragen. Die Aufgabe des Gerichtes. Schuß der revolutionären Errungenschaften und Sicherheit der Sowjetunion, dürfe jedoch auch in diesem Falle nicht zurücktreten. Die Entfendung breier Terroristen der Organiſa tion Conful müsse mit der physischen Bernichtung dieser Terroristen beantwortet werden. Hierauf beantragte der Staatsanwalt, wie bereits gemeldet, bie Todesstrafe gegen die drei Angeklagten. Morgen finden die Plaidoyers der Verteidiger statt. Sodann erhalten die Angeklagten das legte Wort. Voraussichtlich wird auch morgen die Urteilsverkündung stattfinden. * Der vorstehende Prozeßbericht, der aus amtlichen ruffi fchen Quellen stammt, bestätigt mit aller Deutlichkeit die Richtigkeit der Kritit, die wir von Anfang an an dem Mostauer Tendenzprozeß geübt haben. Selbst der mit den raffiniertesten Mitteln arbeitenden Somjetjuftiz ist es nicht ge· lungen, den Nachweis zu erbringen, daß die beiden Studenten Kindermann und Wolfcht irgendwelche verbrecherischen Handlungen begangen haben. Der dritte Angeklagte v. Dittmar, ein Better des deutschnationalen Professors v. Freytagh- Loringhoven, hat offensichtlich die Rolle eines agent provocateurs gespielt, was ziemlich deutlich Dom Staatsanwalt zugegeben wird. Auf demselben Niveau steht der Hauptbelastungszeuge Baumann, der in die Belle der Verhafteten gesteckt wurde, um sie zu antifommunistischen Aeußerungen zu provozieren und dann mit phantastischen Erffärungen vor Gericht aufzutreten. Außerordentlich charakteristisch ist, daß auf die Vernehmung des Legations: rats Hilgers verzichtet wurde und daß die beiden Entlastungszeugen Rose und Fint, die eigens zum Zweck einer ausführlichen Darstellung der Sachlage aus Deutschland nach Moskau gereist sind, vom Gericht nicht vernommen wurden, weil angeblich die Zeugenvernehmung abgeschlossen sei. Der Staatsanwalt Krylenko scheute sogar davor nicht zurück, die Verhängung des Anklagezustandes über die beiden Beugen zu verlangen, und bloß dem Umstande, daß vorher von deutscher Seite die nötigen Sicherungen ausbedungen worden waren, ist es zuzuschreiben, daß Rose und Fink- nur sicht der russischen Sowjetjustiz aus! aus Rußland ausgewiesen wurden. So sieht das wahre GeZu der Anklagerede des Staatsanwalts Krylento ist zu sagen, daß faum je vor einem ordentlichen Gericht ein Todesurteil auf Grund eines so haltlosen, brüchigen Materials beantragt worden ist, wie im Moskauer Studentenprozeß. Der Staatsanwalt vermochte nichts vorzubringen, was auch nur im entferntesten ein solches Urteil begründen könnte. Ja, er gestand felber ein, daß man dem Angeklagten Kindermann er gestand felber ein, daß man dem Angeklagten Kindermann auch feine terroristischen Absichten zutrauen könne. Trotzdem verlangte er den Kopf der drei Angeklagten, angeblich, weil mur auf diese Weise die Sicherheit der russischen Sowjetrepublik geschützt werden könne. In Wirklichkeit liegen die Dinge so, daß die„ Sicherheit" Sowjetrußlands durch die beiden jungen Abenteurer Kindermann und Wolscht nicht im geringsten bedroht worden ist. Sie hatten lediglich das Pech, in die Hände des deutsch- baltischen Grafen v. Dittmar zu geraten, der offenbar beauftragt war, eine Entlastungsoffensive für den Leipziger Tschefa- Prozeß zu organisieren und Austauschobjette für den verurteilten Stoblewski zu beschaffen. Das eine und das andere ist nun im Moskauer Prozeß erreicht worden. nun kann, wenn das Moskauer Gericht den Blutforderungen Arylenkos zustimmt, der Schacher um die in Frage kommenden Menschenleben beginnen, ein Verfahren, das der russischen Sowjetjustiz durchaus entspricht. Deutsche Dementis. Im Anschluß an die amtliche Erklärung des preußischen Mi nisters des Innern über die vom Staatsanwalt im Mostauer Studentenprozeß behaupteten Beziehungen Kindermanns zu dem Ministerium des Innern teilt der Reichs minister des Innern mit, daß Kindermann, Bolscht und von Dittmar im Reichs ministerium des Innern und in der in Frage kommenden nachgeord. neten Stelle in feiner Weise bekanntgeworden sind und nie Beziehungen irgendwelcher Art zu diesen Behörden gehabt haben. Der Reichstagsabgeordnete Dr. Ludwig Haas hat zur Vorlage in dem Studentenprozeß vor dem Obersten Gericht in Moskau folgende eidesstattliche Bersicherung abgegeben, der sich Reichsfanzler a. D. Dr. Wirth angeschlossen hat: Die Angaben des Angeklagten Dittmar über den Charakter des Studentenwerks" Berlin und seine angeblichen Beziehungen zu der Organisation Consul erscheinen mir völlig unerfindlich. Geradezu phantastisch erscheint mir die Behauptung, daß das„ Studentenwert" terroristische Atte in Rußland in die Wege geleitet oder bei ihnen mitgewirkt haben soll. Nach meiner Kenntnis ist das Studenten werf Berlin der örtliche Wirtschaftskörper der Wirtschaftshilfe der deutschen Studentenschaft", einer Organisation, die sich die Studentenschaft aufgebaut hat, um vor allem die Notlage der Studenten zu lindern. Ihre Tendenzen liegen daher ausschließlich in der Für forge für die Studentenschaft; mit Politik hat meines Wissens das „ Studentenwert" nichts zu tun." Auch der Rettor der Berliner universität hat durch eidesstattliche Erflärung ebenfalls gegen die Behauptung über die angeblichen Zusammenhänge zwischen der wirtschaftlichen Organifation Studentenwerk Berlin" und der sogenannten Organisation Consul" Berwahrung eingelegt. Wahlsiege in Holland. Amsterdam, 1. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Nach den erften Stimmergebniffen hat die Sozialdemokratische Partei ihre Stimmenzahl erheblich steigern fönnen. Sie erhielt in Amsterdam Rotterdam Utrecht 113 000( 83 700) 83 100( 69 700) 20 700( 17 800) Jm ganzen Lande wird mit einer 15- bis 20prozentigen Steigerung der sozialistischen Stimmen gerechnet. Vorwärts- Verlag G.m.b. H., Berlin SW. 68, Lindenstr. 3 Postscheckkonto: Berlin 37536- Bankkonto: Direktion der Diskonto- Gesellschaft, Debositenkasse Lindenstraße 3 Ein rätselhafter Brief. Werträgt die Verantwortung für die deutsche Außenpolitik? Gestern war Auswärtiger Ausschuß. Seine Berhandlumgen find vertraulich. Aber nächstens soll in öffentlicher Reichstagssigung über die auswärtige Politik gesprochen werden. Es ist höchste Zeit, Klarheit fut not! Das deutsche Volk und die Welt haben ein Recht, Antwort auf die Frage zu verlangen: Was ist die auswärtige Politif Deutschlands und wer trägt die Verantwortung für fie? Seit einem halben Jahr haben wir eine Regierung, in der die deutschnationale Reichstagsfraktion durch ihren früheren Vorsitzenden, Herrn Schiele, und durch drei weitere ihr nahestehende Herren, Schlieben, Neuhaus und Kanig, vertreten ist. Die Deutschnationale Partei ist damit an dem Ziel angelangt, nach dem fie monate, ja jahrelang mit allen Mitteln gestrebt hatte. Sie ist im Reich Regierungspartei, fie nennt sich selbst mit Borliebe die stärkste Regierungspartei". Mindestens seit dem 9. Februar betreibt diese Regierung eine auswärtige Politif, die darauf hinausläuft, Frankreich einen ewigen Frieden anzubieten, ihm seine Grenzen zu garantieren, den endgültigen Verzicht auf ElsaßLothringen zu erklären und auch mit den östlichen Nachbarn Schiedsverträge abzuschließen. Als Endpunkt dieser Entwicklung wird Deutschlands Eintritt in den Bölfer= bund vorausgesehen, der längst nicht mehr grundsäglich abgelehnt, sondern über den verhandelt wird. Nimmt man dazu, daß die Regierung die Verpflichtungen des Dawes Battes in gewissenhaftester Weise erfüllt und daß fie bereit ist, den Entwaffnungsforderungen der Entente zu genügen, soweit diese im Vertrag von Versailles begründet sind, so tommt man zu dem Ergebnis, daß keine bisherige deutsche Regierung sich so vorbehaltlos auf den Boden der Vertrags von Versailles gestellt hat, feine so entschiedene Erfüllungspolitik getrieben hat, wie die gegenwärtige. Diese auswärtige Politik ist betrieben worden und wird meiter betrieben, während der ehemalige deutschnationale Fraktionsvorsitzende, Herr Schiele, nebst drei anderen deutschnationalen Vertrauensmännern in der Regierung sizt und während die deutschnationale Partei sich selber als die größte Regierungspartei" bezeichnet. Trägt Herr Schiele, trägt die deutschnationale Partei die Verantwortung für diese Politik? Diese Frage, die verständiger und anständigerweise gar keine Frage sein dürfte, ist neuerdings aufgeworfen worden. Und darum heischt sie Beantwortung. Die Opposition innerhalb der Deutschnationalen Partei, die noch nicht alles, was die Partei vor den Dezemberwahlen predigte, vergessen hat, versucht, die Verantwortung einzig und allein auf Herrn Stresemann und die Volkspartei abzuschieben. Die Deutschnationale Partei als solche aber ist zu feige, um sich zu der Verantwortung, die sie trägt und von der sie nicht loskommen fann, zu bekennen. Die Deutsche Volkspartei hat infolgedessen am letzten Dienstag beschlossen, eine öffentliche Aussprache über die auswärtige Politik herbeizuführen. wärtige Politif herbeizuführen. Sie hat sich in der gleichen Sache in vertraulichen Rundschreiben geäußert, über deren Inhalt die Deutsche Zeitung" in folgender Weise berichtet: partei, daß es in ihrer deutschnationalen Schwesterpartei In vertraulichen Rundschreiben behauptet die Deutsche Volfs. sehr wacklig aussehe; besonders schwierig sei für sie die Lage in Preußen, die deshalb sicher bis zum Herbst im jetzigen Gleich gewicht gehalten werde. Weiter verkündet die Deutsche Volkspartei ihren Gläubigen, daß alles, was über ihres Führers Stresemann selbstherrliche Politik gesagt werde, eine grobe unwahrheit sei; fest stehe, daß Stresemann das Kabinett in 1% ffündiger Rede aufgeklärt habe, und nur Minister Schiele habe einige Fragen gehabt, aber feinesfalls gegen den Sicherheitsvertrag jich geäußert, während in einem anderem Gremium" allein Geßler das Wort zu einigen umwesentlichen Fragen genommen hätte; die Deutschnationalen feien also nicht nur ganz im Bilde, sondern auch völlig einverstanden und das seit Monaten! produziert nun die Deutsche Zeitung" folgenden Brief, den Um diese Behauptungen der Volkspartei zu widerlegen, der Reichsinnenminister Schiele am 25. Mai d. J. an der Hauptgeschäftsführer der Volkspartei, Ronieradmiral a. T Brüninghaus gerichtet haben soll: Sehr geehrter Herr Kollege! Bon einem Plauener Parteifreunde erhalte ich einen Ausschnitt aus einer dortigen Zeitung, in dem wörtlich folgendes steht: Wir werden von dem Abgeordneten der Deutschen Volks. partei, Admiral Brüninghaus, um Veröffentlichung folgender Erflärung gebeten:„ Ueber das deutsche Memorandum ist zwischen dem Reichskanzler, dem Außenminister und dem deutsch nationalen Kabinettsmitglied, das von seiner Partei als Bertrauensmann für die Fraktion bezeichnet worden ist, ausführli verhandelt worden. Dabei find gegen den Sicherheitspaft Ein wendungen nicht erhoben worden. Zch bemerke hierW. daß diese A nga b e a dell latsacheu nicht enisprechea. Zch persönNch bin über da» Alemorandnm nicht unterrichtet worden und kenne auch heute noch nicht den Inhalt desselben. Es Ist wohl zweckmäßig, daß wir zwecks Richtig- stevung uns recht bald einmal unterhalten. verbindlichsten Gruß! Schiel«. Wie ein Angeklagter, der sich verteidigt, will Herr Schiele den Alibibewcis antreten. Er ist nicht dabeigeweseul Er weiß von nichts! Am 9. Februar wurde das Memorandum abgeschickt. Am 25. Mai hat Herr Schiele nicht nur nicht seinen Wortlaut, sondern auch nicht einmal ,chen Inhalt desselben"' gekannt! Diese angebliche Vekundimg des Herrn Schiele wider- spricht aller Wahrscheinlichkeit und aller objektiven Wahrheit. Richtig ist. daß das Memorandum vor der Absendung nicht einer Kabinettssitzung vorgelegt, sondern zwischen dem Reichsaußenminister Stresemann und dem Reichskanzler Luther vereinbart wurde. Bald darauf aber hat Herr Stresemann, wie in den Rundschreiben der Volkspartei zu» treffend berichtet wird, im Mini st errat über das Memorandum berichtet. Sachliche Einwen- düngen wurden von keiner Seit« erhoben. Nachträglich hat das Gesamtkabinett die Verantwortung für die Außenpolitik des Reichskanzlers und des Reichsaußen- Ministers ohne Widerstand und Widerrede übernommen. Das sind Tatsachen. Aber auch für den, der diese Tat» fachen nicht kennt, ist das angebliche Schreiben Schiele» geradezu phantastisch unwahrscheinlich. Der Inhalt des Memorandums war bald nach seiner Absendung allen Journalisten des Inlands und des Auslands bekannt. Durch eine telephonische Anfrage in der Redaktion des„Vorwärts" z. B. lzatte sich der Herr Reichsinnen» minister über ihn in ausreichender Weis« unterrichten können. Wir wären gern bereit gewesen, ihm Auskunst zu geben, und erklären uns dazu auch für die Zukunft in ähnlichen Fällen bereit. Aber, was ist das für ein Minister, der nicht weiß oder der nicht zu wissen vorgibt, was jeder politisch unterrichtete Mensch weiß? Was müßten das für Zustände in einer Regie- mng sein, in der ein Minister so isoliert wäre, daß er sich über die allerwichtigsten Vorgänge nicht informieren konnte? Herr Schiele bezichtigt sich selber— vorausgesetzt, daß der Brief e ch t ist— einer Hilf- und Jntelligenzlosigkeit, die für«ine» Reichsminister und Vertrauensmann der„größten Regie» rungspartei" im höchsten Maße beklagenswert ist. Auf alle Fälle aber spielt die deutschnationalc Partei eine alberne und unehrliche Komödie, der im Jnteresie der Reinheit des öffentlichen Lebens ehestens ein Ende ge» macht werden muß. Wie ein beim Apfeldiebstahl ertappter Junge steht sie jetzt da und heult, daß nicht sie, sondern der andere es gewesen sei. Diese Erbärmlichkeit der„größten Regierungspartei" wäre an sich schließlich eine innere Angelegenheit. Aber wenn sie auf dem Gebiet der Außenpolitik in Erscheinung tritt, dann wird sie eine außenpolitische Gefahr. Sie wird das um so mehr, als ja auch schon Bestrebungen im Gange sind, die Tendenz der bisher betriebenen Außenpolitik umzubiegen und umzulügen. und so zu tun, als ob das deutsche Angebot nur ein listiges Manöver gewesen sei, um den Gegner her» auszulocken und an der Nase herumzuführen. Solche Aus- legungskünste sind zwar für die Deutschnationalen inner- polltisch äußerst bequem, außenpolitisch aber gehen sie g e g e n Treu und Glauben und laufen darauf hinaus, den letzten moralischen Kredit Deutschlands zu vernichten. Es ist darum höchste Zest daß in öffentlicher Reichstags» fitzung die Fragen beantwortet werden: Was ist die deutsche Außenpolitik? Wer treibt sie? Wer ist bereit, für sie die Verantwortung z« tragen? Von innen gesehen ist aber auch pie Frage, was es mtt der Rechtsregierung auf sich hat und wie sich das Zusammenspiel ihrer Teile gestaltet, nicht ohne Reiz. Grill- parzer hat einmal ein altösterreichisches Kabinett so geschildert: Der Minister des Aeußern Kann sich nicht äußern. Der Minister des Innern Kann sich nicht erinnern. Der Minister des Krieges Ist nicht der des Sieges. Nach dem Minister der Finanzen Muß alles tanzen. Daß sich der Minister des Innern nicht erinnern kann, ist evident. Ob und wie sich der Minister des Aeußern äußern kann, darauf ist alle Well gespannt. Auswärtiger Ausschuß. Offiziös wird gemeldet: Im Auswärtigen Ausschuß d«S Reichstags wurde die Sicher» heitsfrage behandelt. ReiSSminister des Auswärtigen Dr. Strese- mann gab eine ausführliche Darstellung der politislben Siwatton. Hieran schließen sich Ausführungen der Abgeordneten Graf Westarp(Dnat.), Dr. Breitscheid(Soz.), Dr. Dernburg (Dem.), Graf Lerche nfeld(Bayr. Vp.). Dr. K a a» sZ.), S t o e ck e r(Komm.) und Graf Reventlow(Bölk.), zu denen der Reichsaußenminister Dr. Stresemann verschiedentlich das Wort nahm. Anwesend waren u. a. auch der Reichskanzler Luther und die Minister Schiel« und R e u h a u». Bertrauensvotnm für Stresemann? Im Reichstag verlautete gestern, daß die Deutsche Bolkspartel stch mit der Absicht trage, bei der bevorstehenden Debatte über die Außenpolitik einen Dertrauensantrag für Strese- mann einzubringen. Die Deutschantionalen wären dann ge- zwungen, dem Urheber des Memorandums vom S. Februar ge- schlössen das Vertrauen zu votieren oder eine Regierungskrise zu erSffnen. Begreiflicherweise stnd die Deutschnationalen, die ihr Spiel mit zweierlei Karten gerne fortsetzen möchten, von dieser Absicht der „Schwesterportei" wenig erbaut. Sie sollen jetzt angeblich mit dem Reichskanzler in Verhandlungen darüber stehen, wie ihnen dieses Ungemach zu ersparen sei. vor Gegenmaßnahmen gegen Polen. Ein Kabinettsbeschlust. Das Reichskabinett hat nunmehr befchloflen, gegen die von Polen über deutsche Waren verhängten Einfuhrverbot« Gegenmaßregeln zu treffen. Die Beschlüsie sollen der heutigen Vollsitzung des Reichsrates zur Genehmigung vor» gelegt werden. Ihre Veröffentlichung ist am Freitag zu er- warten. Es scheint erforderlich, vor dieser Verschärfung des deutsch- polnischen Wirtschaftskampses auf die außerordentlich schweren Konsequenzen hinzuweisen, die der bevor- stehende Zollkrieg auch für Deutschland bringen muß. Ts ist ja nicht so sehr die deutsch-oberschlesische Industrie selbst, die unter den polnischen Einstihrverboten leidet, als diejenigen Teste der schlesifchen und ostpreußischen Industrie, die in Polen ihren natürlichen Ausfuhrmarkt sehen. Auf der anderen Seit« werden die deutschen Gegenmaßnahmen zur Folge haben, daß die Arbeitslosigkeit gerade der deutschgesinnten An g est«löten polnischer Betriebe, die mit Willen der reichsdeutschen Behörden die polnische Staatsangehörigkeit er» worden haben und die stärksten Stützen des Deutschtums im Osten sind, zuallerer st durchdiedeutschenGegen» maßnahmen gesteigert wird. Die rigorose Hallung der polnischen Regierung in der Frage des Riederlassungs» rechts Deutscher in Polen verdient gewiß schärffte Zurück» weifung und, wenn es sein muß, Bekämpfung. Es ist jedoch zweifelbast, ob dieser Kampf jetzt bereits mit aller Schärfe durchgeführt werden soll, nachdem auch auf polnischer Seite die Stimmen lauter werden, die zur Vernunft raten. Der l.ex musics! Von Kurt Singer. Verwandte von Robert Schumann loben in der Schweiz w bitterster Not. Wohltätigkeit hilft ihnen über dos Hungern hinweg. Aus Deutschland kommt keine Kunde, daß die schweizerische Hilf« durch Mithilse aus Schumanns Hände gestärkt würde. Aber die Frist ist ja um, Schumanns Werke stnd längst frei, und nur der Verleger hat. gefühlvoll wie er nun einmal ist. den sachlichen Erfolg von romantischer Höhenkunst. Witwen großer Musiker unserer Zeit lassen verschämt durchblicken, daß es ihnen wirtschaftlich übel geht. Hier und da hört man von Dereinen, Gemeinden, die sich zusammen- tun, um mit der Kunstpflege die Wohlsahrtspslege zu üben. Trost- loser Gedanke, daß der eifrigste Musikmodesüngling, dem ehrlichsten und besten Musikmeister den Rang ablausen kann, nur well er lebt» und der ander« tot ist. Ist Leben«in Freibrief für Behagen, und ist Tod der Erlaubnisschein zur Ausplünderung, zur Ausbeutung? Das Musik- G e s ch ä s t ist einträglicher als das Musik-Schöpser. tum: nur der Verleger schöpft au» dem Vollen, und der im Tod vollendete Meister ist seine herrliche Pfründe. Wo man es erlebt, daß«in Verleger den Rachkommen der tiamponlsten, die ihren Reich. tum begründet haben, Renten aussetzten? Wo sind die Gesetze, die da» erzwingen? Wo bleibt die staatlich gefordert« Verlegerabgabe? Wo«in Gesetz zur Verlängerung der Schutzsrist? E» ist immer mißlich, wenn nach der Polizei und nach dem Gosetz gerufen wird. Aber, wenn schon da» Geld ein Dreck ist die Kunst selber bleibt doch heilig!? Weit gefehlt: sie ist vogelsrei. Und das greift so tisf in unsere Kultur, in den ganzen Betrieb und Verschleiß von höchster Kunst hinein, daß ein Gesetz notwendig wird. Man stelle sich vor, daß zu dem Kopf der Mona Lisa ein dazugehöriqea Tanzgirl gemalt würde, daß au» den Putten in Rafsael» Madonnenbild zwei Teddybären würden, daß einem Rembrandtschen Selbstporträt«in Stahlhelm aufgesetzt würde. Undenkbar, scheußlich, verwerflich. In der Musik, der stärkst gesühi». betonten Kunst, ist das alles möglich. Jedes Motiv, das die Welt liebt und kennt, ist der Verballhornung preisgegeben, jede Melodie darf umrhythmistert, jeder Rhythmus für den pöbelhaftesten Ge- schmack umbalanciert, jeder musikalische Inhalt darf in«ine un- passende, vulgäre Form gebrocht werden. Mit Wagner begann es. Die Popularisierung feiner Nibelungen mußte(und durfte) in einem Militärmarsch rnsi Hochbetrieb gestellt werden. Man verslacht« durch solche ordinäre Nrozedur den größten deutschen Wustkdrama» tiker, und ihm folgte dann der größte Sinfoniker Beethoven. Di« Verschandelung fting so abwegig weit, daß zu klassischen Musikwerken operettenhafte Text« unterlegt wurden(Chopins Trauermorsch). Aber das alles war nur Vorspiel. Wir stnd jetzt so weit, daß eine markante Melodie von Chopin, Wagner, Puccini, Weber u. a. her- genommen und zu einem Jaz�, Shimmy, Tango.verarbeitet" wird. Man nennt, man kennt den Autor nicht einmal mehr. Bequem für die Emfallslosigkest unserer Schlagerkomponisten, bezeichnend für allen .Mangel am Stil, der unsere lebemännliche Zeit charakterisiert. Etö und Marc Weber, Boulanger und Schachmeister haben Wagner und Beethoven enttrohnt. Und der Gregorianische Choral schreit in einem .roxtrott nach der Hölle. Es ist Zeit, daß ein Gesetz zum Schutze der Musik erlasse» wird! RunSgefunktes KtnSerfeft. Liebe Funkstunde! Mein« große Schwester hat gesagt, da» K i n d e r f e st, das du gestern gemacht hast, ist der kindllchen Psyche angepaßt gewesen. Ich weiß nicht, was meine große Schwester da» mit gemeint hat. aber du brauchst dir das nicht gefallen zu lasten. Wo die überhaupt immer so frech ist. Es war nämlich sehr schön. Dloß mein« kleine Schwester hat immer versucht, mir den Hörer vom Kopf zu reihen, die olle! Ich habe sie dafür verhauen und st« hat geschrien. Wie sie wieder ruhig war, konnte ich wieder fein auf- passen. Ich habe Musik gehört und Kasperletheater mit der Hexe Hutzeputzel und dem Teufel, und dann habe ich die Tante Fleh. bürg und den sumosen Onkel Braun die Geschichte von dem Fritze Bollmann fingen gehört. Dann kam das Lied von den Spatzen unterm Doch, wo ich immer feste mitgesumst habe. Und dann gobs im Puppentheater das Drama.Lose und Swinegel" — hör mal, das ist ja ganz lustig, aber doch verflucht lang gewesen. Der Hase war sehr komisch, der hat mit so viel Betonung gesprochen. wie unser Klastenlehrer: sollte das so sein? Und dann war der SäKgerwettstreit zwischen Jungens und Mädels, wobei mir aber die Jungen» viel bester gefallen haben. Die Mädels haben wahrscheinlich keine Traute gehab:. Meine Schwestern haben nämlich auch nie Traute. Und dann kam noch der Onkel, der das Gedicht von den Kölner Heinzeln-ännchen aufgesagt hat. Das mußte ich mal in der Schule als Sttafarbeit aus dem Kopf lernen, und da habe ich meine große Schwester allein hören lassen. Sie hat gesogt, der Herr spricht die Endsilben undeutlich aus. Ich finde, ineine große Schwester die ist genau so mäklig wie unser Lehrer. Und was dann gekommen ist, das hat mir wieder nicht gefallen. Da hat nämlich einer ein« Rede gehalten und gesagt, wir sollen nun von dem Kinderfest an reckt brav sein und nie wieder Stmkbomben legen und dafür unser« Eltern recht lieb haben. Der Goldstein in meiner Klasse, der sagt immer, wenn er so was hört, da wird ihm gleich mies. Mir auch. Aber sonst hat dem Goldstein. den ich schon gefragt habe, die Cbose genau so gut geiallen wt« mir, und wir wollen beide am nächsten Mitt.vochnachn'.ittag um ö Uhr wieder das Kinderfest am Radio« apparat hören. C» grüßt dich, liebe Funkstunde, mtt ergebenem Diener Dein Erich. Retloralsmohl in der Technischen Hochschule. Gestern vormittag fand an der Technischen Hochschule Charlottenburg der Wechsel de» Rektorats statt, das Geheimrat Dr. Laas zwei Jahre inne- hatte. Rektor Dr. Laas erstattete noch den Geschäftsbericht und über- reichte dann nach einem Dank an seine Mitarbeiter die goldene Rettorkett« mit Glückwünschen dem neuen Rektor. Geheimrot Prof. Dr. Orlich. Prominentengagen. Der Prozeß der„Prominenten" gegen den Bühnenverein zwecks Ungültigkeit der Gagenkonoention läuft noch immer. Das Urteil ist am 11. Juli zu erwarten. Interessant stnd die Zahlen, die der Vertreter des Bühnenvereins als Prominenten- gagen nannte. Fritz! Massarn z. D. erhält 2S Proz. der Bühnen- einnähme de» Theaters, ihr Gatte Max Pallenberg lü(>0 Mk. pro Abend, so daß dos Ehepaar in drei Monaten etwa<109 000 Mk. verdient, wogegen sich Fron Massary 1913 noch mit einem jährlichen Einkommen von 36 000 Mk.„begnügen" mußte. Interessant ist. Leidtragend« in einem deutsch-polnischen Zollkrieg fft m jedem Falle Polen, das mit seinem Export viel stärker auf das Reich angewiesen ist als umgekehrt. Auch auf deutscher Seite gibt es aber Kreise, die die Entwicklung mit Sorge beobachten und die noch nicht alle Wege zu einer Verständigung ver» barrikadiert sehen. Die deutsche Regierung hätte allen Anlaß, in diesem schweren Konflikt kühlen Kopf zu bewahren, zumal bereits die Wirkung der gegenwärtigen Kohleneinfubr- sperre für Polen iimnsr empfindlicher wird und dort die Ge- neigtheit zu einer Verständigung mtt jedem Tage größer werden läßt. Diese Warnung ist um so mehr am Platze, als ja der Zoll» krieg mit Polen nicht unabhängig, sondern nur im Zusammen- hang mit der übrigen Handelspolitik beurteilt wer» den darf. Zollkrieg im Osten, Kündigung des deutsch-spani- schen Handelsvertrages, Verschleppung anderer Vertragsver» Handlungen— all«? das find ja nur Symbole des» selben Geistes, mit dem man jetzt an die Regelung der internattonalen Handelsbeziehungen herantritt. Die Pro- paganda, die man vor elf Iahren mit der Parole„Viel Feind' viel Ehr'" trieb, ist jedenfalls in der Handelspolitik alles andere als wirksam. Denn hier bedeuten„viel Feind'" schlechtes Geschäft! Man sollt« stch doch nachgerade vorsehen, in einer Zeit, in der wir aus den Export mehr als je angewiesen sind, in«in handelspolitisches 1814 hineinzuschlittern! Neuorünuny üer volksschullehrerbilüung. Der Amtliche Preußische Pressedienst teNt mit: Nachdem durch Staatsministerialbeschluß vom 7. Oktober 1924 die Reifeprüfung an einer höheren LehranstaU al« Abschluß der allgemeinen wissenschaftlichen Ausbildung der künftigen Volks- s ch u l l e h r e r festgelegt worden, ist nunmehr auch über die Ge- staltung der Fachausbildung der Lehrer und Lehrerinnen eine grundsätzliche Entscheidung getroffen worden. In Anlehnung an einen Staatsministerialbeschluß vom 10. Fe» bruor 1922 über die Zweisährigkeit und organisch« Selbständig- keit dieser Fachausbildung und in Uebereinstimmung mit der Erklärung der Unterrichtsverwallung im Hauptausschuß de« Land- tage» am 9. September 1924 hat da» Preußische Staatsministeriuin nunmehr am 30 Juni d. I. beschlossen, daß die pädagogischs Fachausbildung der künftigen Volksschullehrer und-lehrerinnen in einem zweijährigen Lehrgong an pädagogischen Akademien er- folgen soll, gemäß den in einer Denkschrift de» Ministers für Wissenschaft. Kunst und Volksbildung niedergelegten Grundsätzen. deren veröffentlichnng bevorsteht. Mit Rücksicht auf die noch vorhandene große Zahl von unbeschäftigten Schulamtsbewerbern sollen zunächst nur 3 pädagogische Akademien Ostern 1 9 2 6 eingerichtet werden Ihnen soll die Aufgabe zufallen. die ersten Versuche mit der neuen Lehrerbildung praktisch durch- zuführen Von den 3 ersten Akademien sollen die in der Milte und die im Osten des Staate» gelegen« der Ausbildung evange- l Ii ch e r Lehrer, die im Westen zu eröffnend« der Ausbildung katholischer Lehrer dienen. Saperistbe dollaranleihe. 25 Millionen Dollar für Staatsbetrieb. INllncheu, 1. Juli.(Eigener Drabibericku.) Der boheiii'ck« Staat steht ,ur Deckung seiner sckwebenden Schulden, die berie rund 42 M illione» M a r k betragen, seit über einem Iah:« in Snleiheverhandlungen mit amerikanischen Banken. Diese Bcr» Handlungen gestalteten sich außerordentlich ichwierip. weil die Ver- trauenzleute der New Aorker Bankgruppe den bayerischen Slaoie- Haushalt bi» in all« Einzelheiten durchprüfien. Nunmebr stehen die Verhandlungen unmittelbar vor dem Abschluß, und zwar handelt e« stch um eine von der Equitable Trust Co. New Aork gewährt« 6'/, prozentig« Anleihe von 2 6 Millionen Dollar mit ZOjähriger Laufzeit. Die Geldgeber haben zur Bedingung ge- macht, daß von dieser Anleihe nichis für allgemeine StaatSzwecke, sondern nur iür werbende Anlagen de« StaaieS, z. v. die bayerischen Wasserwerke, die Ltaattbergwerk« und Salinen Verwendung finden darf. daß ds« höchsten Gagen von Bühnenarößen wie Larnz und Mat. kowsky 20 000 bzw. 48 000 Mk. im Monat betrugen. Bescheidene Summen, mit denen ein»Star" von heute unmöglich zufrieden sei» kann! Deutsche Kulturarbeit K> Ostoberschlesien leistet der von sozial- demokratischer und freigewerkschastlicher Seit« gegründete Bund für Arbeiterbildung, der am Sonntag auf seiner Katto, witzer Generalversammlung über eine vierjährige Tätigkeit berichten konnte. Di« Bildungsarbeit dieser Organisation entspricht ungefähr der Tätigkeit der Arbelterbildungsausschüss« in Deutschland und ver- langt große Geld- und Zeitopfer von der wirtschaftlich schwer leiden- den deutschen Arbeiterschaft Ostoberschlessens. Wirtschastsvorträg« und Kurse wurden vorläufig in S Orten der polnischen Wojewod. schaft Schlesien veranstaltet. Das Zarenschloß al» Lauernkurort. Das Schloß Livadia in der Krim, welches ehemal, dem russischen Zaren al» Sommersitz diente, ist numehr, einem Beschluß der Sowjetregierung zufolge. als Kurort für erholungsbedürftige und trank« Bauern eröffnet worden. Zu der Eröffnungsfeier hatten stch au» allen benachbarten Ortschaften so viele Bauern und Arbeiter versammell, daß der große Schloßpark die zahlreich« Menge kaum beherbergen konnte. Der Gesundheitskommisiar Semaschko hiell die Eröffnungsrede, in welcher er darauf hinwies, daß' Sowjetrußland da» einzig« Land sei, wo Paläste,� die ehemals nur den Vergnügungen der Monarchen und ihrer Höflinge gedient hätten, in Erholungsheime für Bauern und Proletarier umgewandelt werden könnten. Darauf wurde die rot« Sowjetflagg« auf dem Schlosse gehißt. Mehrere Vertreter des Bauernstande« traten als Redner auf und baten Semaschko, der Sowjetregierung den Dank der russischen Bauern zu übermitteln. Ein Festessen in dem ehemaligen kaiserliechen Speisesaal beschloß die Feier. Eine Inkernastonale Vogesichuhkonferenz wird In den nächsten Wochen von der schwedischen Regierung einberufen werden. Der Entschluß, eine international« Regelung des Vogelschutzes herbei- zuführen, ist dadurch hervorgerufen worden, daß in einigen Ländern viele Vogelarten ausreichend geschützt werden, während in anderen die Gesetzgebung oersagt hat. Man geht bei der Einberufung der Konferenz von dem Gedanken aus, daß«in wirksamer Schutz mir international garantiert werden kann, da die Vögel auch während ihrer Züge allgemein geschont werden müssen. An der Konferenz werden Vertreter der Regierungen von Deutschland, England, Holland, Belgien, Dänemark und Finnland teilnehmen. ein neuer««aeraldlrettor sür die Ziaaisbtbltochek. Wie verlautet. tritt am 1. Oktober d. I. der Generaldirektor der Preußischen SlaatS bibliolbek. Geb. R-giernngSrat Dr. Fritz Milk- n. in den Ruhestand- er wirkte al« Nachsolger HarvackS seit Oitern 1S21 tu Serlin. Wer an eine Stelle treten wird, ist bisher noch unbekannt. Auf der ZubUSumstagua«, der Gulenberg�vesellschast in Mainz über- reichte Dr. Stempel Frankfurt a. M. im Auftrage deS amerikanischen 9-ilimaJ. besitzerS Bartlett einen Scheck in Höbe von«X» Dollar � für da» Gutenberg-Museum in Main». Bartlett hat ein« grobe Zahl kitbrender Dersönlichleite» der Vereinigten Staaten für einen Plan ge- wannen, durch den er die Errichtung eine» DruckmuleOmZ als Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber dem grötziev Sohn der Stadt Mainz fördern will. Der Kuhhanüel fertig. Tie Opposition im AufwertuugsauSschuh verzichtet. Zu Boginn bor Mittwochsitzung des Aufwertungsaus. s ch u ss e s erklärte Abg. Dr. Best, die Kompromißparteien hätten anscheinend die Parole ausgegeben, daß lediglich die Stimmen- zahl, nicht das Gewicht der Gründe zu entscheiden habe. Dieses Berfahren habe den Vorzug. Zeit und Stimme zu ersparen und den Anschein zu vermeiden, als ob Recht. Billig. keit und sachliche Einwendungen bei der Lösung der Fragen zum Wort kämen. Er schließe sich deshalb von nun ab dem Berfahren der Regierungsparteien an und behalt« sich die Wieder- holung seiner Aussührungen für das P l e n u m vor. Anschließend daran erklärte Abg. Seil(Soz.). die sozialdemo- k ratischen Vertreter hätten sich in der zweiten Lesung auf wenige grundlegende Anträge beschränkt. Die Regierungsparteien seien aber jeder sachlichen Auseinandersetzung au, dem Wege gegangen und hätten einfach alle Anträge nieder. g e st i m m t. Unter diesen Umständen besteh« keine Möglich. keit mehr sür eine sachliche Diskussion. Seine Freund« würden daher alle Auseinandersetzungen über die tiefgehen. den sachlichen Meinungsverschiedenheiten ins Plenum ver- legen. In der fortgesetzten zweiten Lesung des Aufwertungsgesetzes verzichtete dann der Abgeordnet« Best auf jede Begründung der zahlreichen von ihm gestellten Anträge. Ueber alle die Bestim. mungen, über die Einigkeit unter den Regierungsparteien herrschte, wurde daher nur noch abge stimmt. Die.übliche Mehrheit* trat in Funktion und lehnte jede, auch die kleinste Verbesserung, die von der Opposition beantragt wurde, ab. Einen Aufenthalt gab es nur bei solchen Punkten, über die die Regierungspartelen sich nicht einig geworden waren. Für den Antrag Best, die Rückwirkung der Hypothekenaufwertung bi» zum l. Juli 1S21 auszudehnen. stimmten nur die Sozialdemokraten und Kommunisten Die Mehr- heit hielt am 15. Juni 1322 fest. Von den Sozialdemo- k raten war sür diesen Fall(der Ablehnung des Antrags Best) der folgende Antrag gestellt: .Hat der Gläubiger die Leistung vor dem 15. Juni 1922 vor» behaltlos angenommen und betrug die Leistung nicht mehr al» 10 Proz. des Goldmarkbetrags der Forde. rung, so kann die Aufwertunosstelle unter billiger Rücksicht. nahm« auf die wirtschaftlichen Verhältnisse des Schuldners wie des Gläubigers, besonders auf Inflationsgewinne bzw.-Verluste, ein« Auswertung bis zum Höchstsatz von 20 Proz. einschließlich de, Soldmarkwerte» der geleisteten Zahlung festsetzen.* Abg. Seil(Soz.) erläutert« den erstmals eingebrachten Antrag dahin, daß er mit dem Beschluß der Mehrheit über Höchstsatz und Rückwirtungstermine rechne. Deshalb seh« er nur den Höchstsatz von 20 Proz. sür die v o r dem Rückwirkungstermin liegenden Fälle vor und wolle diese Fälle nur dann neu aufrollen, wenn nicht wenig. stens 10 Proz. des Goldmarkbetrag» gezahlt worden seien. Die Fälle, in denen nur wenige Prozent, oder nur Bruchteile eines Pro» zents gezahlt wurden, seien sehr zahlreich. Beispielsweise habe Für st Henckel v. Donnersmarck als Erwerber eines wert- vollen Berliner Grundstücks den verarmten Dorbesitzern eine Rest» kaussgeldhypochek von S Boldmillionen am ZI. März 1922 mit zirka IX Proz. de» Goldwertes ausgezahlt. Dabei bleibe es, wenn der Antrag abgelehnt werd«. Ohne«in Wort der Erwiderung lehnt« die Mehrheit den Antrag ab. Die Mehrheit beschloß ferner, an den unzuläng- lichen Rückzahlungs- und Derzinsungsvorfchristen festzuhalten. Don den zahlreichen weiteren Anträgen, die abgelehnt wurden, sei noch erwähnt der Antrag Best, daß beim Erlaß b«. sonderer Dorschristen über Rückzahlung. Kündigung und Verzinsung der Sndustrieoblkgationen durch dt« Reichsregierung einAusschuß des Reichstags mitwirken solle. Festgehalten wurde auch, trotz des Widerspruchs der Sozial. demokeaten, an der 15prozentigen Auswertung der Industrieobliga- tioncn mit dem zusätzlichen Genußschein sür Altbesitzer, der aber von den Gesellschaften umgongen werden kann. Di« Sozialdemokraten verlangten Gleichbehandlung der Obligationen mit den Hypotheken. Eine Auseinandersetzung zwischen den Regierungsparteien rief der auf einem Antrag Emminger(Bayer. Vp.) beruhende neue§ 27 hervor, der unter gewisien Voraussetzungen«in« vorzeitige Rückzahlung von kleinen Bruchteilen de» aufge- werteten Betrags ermöglichen will. Hier gelang es der Linken Im Derein mit einzelnen Mitgliedern der Rechten, die ent- gegengesetzte Absichten verfolgten, die Bestimmung zu streichen, daß die vorzeitig« Rückzahlung in keinem Falle mehr als 1000 M. jähr- lich betrogen dürfe.__ Oer Zoll Longe-�egermann. Ein dunkles Kapitel. Im Frühjahr des vorigen Jahre, war der Zentrumsabgeordnet« Dr. Schreiber an seinen damaligen Fraktionskollegen Lange» Hegermann, der heut« noch Mitglied des Reichstags ist, aber 'einer Fraktion mehr angehört, mit der Bitte herangetreten, kür die in Schwierigkeiten geratene Papierfabrik Köttewitz bei Drcsden llwas zu tun. Der Inhaber der Firma. Herr Burtscher. ist ein religiöser Mann, der sür die katholische Sache in Sachsen viel getan hat. Herr Longe. Hegermann. der in der Inflationsperiode eine ganze Reih« seiner Gcschäftssreunde saniert hat. nimmt sich des Fall» Burtlcher eifrig an. Sr spricht bei den großen Banken vor; uberall wird er abgewiesen, es besteht keine Möglichkeit, hier irgend etwas für Burtfcher zu erreichen. Schließlich wird der Minister Höft« sür die Sache interessiert. Er erklärt sich bereit, das not- wendige Geld vorzustrecken, wen» genügende Sicherheiten geboten sind. Herr Lange-Hegermann gewinnt einen Herrn Schäfer aus Bonn und einen Herrn Schmidt au» Düsieldorf-Reisholz, von denen der«ine vermögend ist. der ander« kautmännisch« Kennwisse besitzt, damit sie in da, Unternehmen einsprangen. Lange-Heger. mann fungiert dem Minister gegenüber als Treuhänder, die beiden Herren aus dem W-sten geben dl« Sicherheiten. Das Unter- nehmen Köttewitz ist, wie Staatssekretär Sa uter ausdrücklich be- stätigt, jetzt saniert, nach menschlicher Voraussicht wird die Post keinerlei Verlust bei diesem Geschäft erleiden. Das ist ungefähr der Inhal! der Aussage, die der Abgeordnet« Lange-Hegermann am Mittwoch nachmittag vor dem Unter» fuchungsausfchuß de, Reichstag» gemacht hat. Dieser Zeuge wurde unvereidet vernommen, weil gegen ihn noch ein Der- fa h r e n wegen Beihilfe zur Untreue schwebt. Herr Lanoe.Hcger. mann hat wohl auf keines der Mitglieder des Ausschusses einen günstigen Eindruck gemacht. Wenig sympathisch berührte es die Zu- Hörer, daß er durchaus feinen Parteisreund, den Minister H o f l e. zu b e l a st« n s u ch t e. Höste ist tot, er kann sich nicht verteidigen. D i« Totsache bleibt übrig, daß Lange-Hegermann-inen Brief an die bayerische Abteilung der Reichspost unterschrieben hat. worin er sich o« r p f l i ch t« t. die ihn, gewährten Kredit- bis zum Be- trage von 2 Millionen Mark mit besonderer Sorgfalt zu behandeln und nur an solche Kreise de- besetzten Gebiets, ein- schließlich der Pfalz, weiterzugeben, mit denen sich der lRinisier einverstanden erkläre. In Wirklichkeit haben erhallen: IL Millionen Schäfer in Bonn sür die Papierfabrik Köttewitz bei Dresden. 200 000 M. die G« w e r b e- A t t i e n> S e l« l l s ch a s t in B o t t r u p(Vorsitzender des Aufsichtsrats war Herr Lange. Hegermann). 300 000 M. eine ähnliche Bant in Munster. kleinere Beträge haben einige Glaubensgenossen von ihm bekom» mcn. Run behauptet Lange-Hegermann. der von ihm unterschriebene Brief sei nur«we Formsache gewesen, der Minister Höste habe gewußt, für wen die Gelder bestimmt waren, er glaubt« aber schon nach 14 Tagen von einer anderen Stelle der Abteilung Bayern die 2 Millionen wieder überweisen zu können. Wie gesagt. Höste ist tot, Lange-Hegermann hat das Wort. Ob Herr Lange-Hegermann seine politische Stellung zu g«. winnsüchtigen Zwecken mißbraucht hat, darüber wird der Aus- lchuß fein Urteil fällen. Er selbst hat gestern erklärt, dah er ein freier Mann sei und keinen Anlaß gesehen habe, Geschäfte solcher Art nicht zu machen. Der Abgeordnete Mi t t e l m a n n von der Bolkspartei glaubte gestern das Urteil de» Ausschusses durch seine Fragestellung an den Zeugen vorwegnehmen zu können. Er schien es so darstellen zu sollen,>-ls ob Herr Lange-Hegermann den Minister in voller Kenntnis der Tatsache, daß es sich damals um ein halb verkrachtes Unternehmen handelte, zur Hergabe des Kredits bewogen, ihn also getäuscht und das Reich geschädigt habe. Es will uns scheinen, als ob gerade«in Angehöriger der Deutschen Volks. Partei, zu deren prominentesten Führern Herr Hugo Stinnes gehörte, zu solcher Fragestellung wenig Berechtigung hätte. Denn, wenn es sich schon einmal darum handell, wo die Politik aushören muß und dos Geschäftemachen anfangen darf, so wäre der Fall Stinnes und überhaupt der Fall Deutsche Dolkspartei ohne Zweifel «in viel dankbareres Objekt als der immerhin bescheidnere Fall Lange-Hegermann. Ganz abgesehen davon, daß die zahlreichen Syndizi und Unternehmer, die der Volkspartei und der Deutsch. nationalen Partei als vollwertige und geehrte Mitglieder ang«. hören, sich mit der einwandfreien Beantwortung dieser Frage nicht beeilen würden. Es muh noch berichtet werden, daß auch der Ministerialdirektor K l a u ck e nicht die beste Figur machte. Ein Beamter vom alten Stil, den es wahrscheinlich wurmt, daß Politiker Minister werden können. Immer wieder erklärt er, daß erkeinerleiTatsachen vorbringen könne, die auf eine unehrenhafte Handlungs- weis« Höfles schließeen lassen könnten. Aber ebenso oft kramt er seine Vermutungen und seine Eindrück« aus, um das verhalten Höfles doch in möglichst ungünstigem Licht erscheinen zu lassen. „Vielleicht* sei der Kredit für den Hausbau ein A e q u i v l« n t für die Postkredite gewesen. Die Haftentlassung der Bar- mats gefällt ihm gar nicht, denn nun wickelten sich dl« Geschäste nicht so glatt ab wie früher, da Julius Darmat die Verträge anders als die Post auslege. Immer wieder also der alte Beamte, der sich seine Paragraphen und Vorschriften nicht durch das wirkliche Leben oerwirren lassen will. Am Donnerstag werden noch einige Zeugen vernommen, dann will der Ausschuß seine Beschlüsse formulieren und dem Reichstag vorlegen._ Kußmanns Ende. Ter Anfang der Reinigung. Mit dem gestrigen Tage hat der Staateanwaltsassessor Kuß- mann aufgehört. S ta a tsa n wa ltsass e sso r zu sein. Die seinerzeit ersolgte Zuweisung des jungen Herrn an die Der. liner Staatsanwaltschaft ist gestern abgelaufen und nicht erneuert worden. Damit ist er automatisch an das Gericht zurückver» setzt. Damit dürfte die glänzende Karriere, die sich Herr Kuß- mann von seinem überaus„forschen* Auftreten versprach, wohl endgültig erledigt sein. Hossentlich wird er auch beim Gericht keinen Unfug mehr treiben dürfen. Ob mit dieser Maßnahm««in« ausreichende Sühne für alle Akte der Willkür und des Leicht- stnn« erfolgt ist. die sich Herr Kußmann mit Hilfe seiner gleich. altrigen und gleichgesinnten Kollegen und mit wohlwollender Dul» dung seiner unmittelbaren Vorgesetzten in der Barmat-Sach« zu. schulden hat kommen lassen, ist eine Frage, die wir einstweilen un- beantwortet lassen möchten. Denn die Vorgänge bei den Ver- Haftungen in der Barmat-Sach« und bei der darauffolgenden Unter. suchung sind bisher nur zum Teil bekannt, sie werden aber Zweifel. los noch in Zukunft die Oeffentlichkeit beschäftigen. Im übrigen wird es noch ein« ganz« Weil« dauern, bis die Oefsentlichkcit ei fährt, wa, eigentlich an der Larmat-Affäre ist. E» dürsten noch Monate vergehen, che ein« Anklage—- falls über- Haupt— erhoben wird. Die erste Untersuchung durch die Staats, anwaltschaft I— Lmde, Kußmann und Genossen— mar derart. daß sich d,e Notwendigkeit einer Nachprüfung durch die General» staotsanwaltschaft ergeben hat. die nun die Sache in die Hände genommen hat. Und obwohl zwei bisher völlig unbeteiligte Staatsanwälte ausschließlich mit dieser neuen Untersuchung betraut worden sind, ist das oufgestapeUe Attenmaterial so ungeheuer groß. daß es, wie gesagt, noch Monate dauern dürfte, bevor sich die General. staatsanwaltschast darüber schlüssig wird, ob und welche Anklage sie erhebt. Allerdings hätte auch die Staatsanwaltschaft I nach ihren eigenen Auskünften mehrere Monate bi» zur Beendigung ihrer Untersuchung gebraucht. Das sst natürlich ein höchst bedenkNcher Zustand, denn im Inter- esse der Reinigung der politischen Atmosphäre muß der größte Wert darauf gelegt werden, daß das Verfahren so schnell wie mög- l i ch so oder so zum Abschluß gebrocht werde. * Dagegen ist. wie wir wetter hören, dl« Affäre Kutisier so weit fortgeschrilten, daß«in« Anklageerhebung in der aller» n ä ch st e n Zeit zu erwarten ist. Gegen den Regierungsrat Bartels vom Polizeipröfldium ist die Anklage wegen passiver Bestechung(durch Holzmann) bereits erhoben. Das Eisenabkommen lm Aollausschuß. Generaldebatte über de» Zolltarif. Im handelspolitischen Ausschuß de» Reichstage» kam fim Mittwoch nachmittag zunächst der deutschnationale Abgeordnet« Dr. Reichert zu Wort. Er führte dabei über die Verhandlungen zwischen der deutschen und französischen Eisenindustrie aus: Das angestrebte Abkommen beziehe sich aus die Einfuhr von 1*» Millionen Tonnen Eisen durch Frankreich, vorläufig auf die Dauer von Z I a h r e n: es sei eine private Ergänzung des deutsch. französischen Handelsvertrages und wäre angebahnt im ständigen Ein- vernehmen mit der Regierung. Das Gegenzugeständnis Frankreichs soll in erheblichen Konzessionen über dieZollhöhefürdeutsche Fertigwaren bestehen, wodurch man hosse, die jetzigen Schwie- rigkeiten beim Abschluß eines Handelsvertrages mit Frankreich be. heben zu können. Die Beweggründe aus deutscher Seite wären dabei, daß jetzt schon ein Eisenübenlub Deutschlands von 14 bis 15 Millio- nen Tonnen vorhanden sei, der sich bei voller Ausnutzung aller tech. Nischen Möglichkeiten noch um 20 Proz. erhöhen könnt«. In da, Abkomme» würden sämtliche alten Handelshäuser aller Teile Deutsch. lande einbezogen, wodurch Einheitspreis« für da» ganze Wirtschasts- gebiet zustande kämen. Auch eine Verständigung mit der eisenverarbeitenden Industrie sei einbegriffen, da sich dos Abkommen nur auf die Abnahme einer bestimmten Menge von R o h st o f f e n und Halbzeugen beziehe, ohne Beschneidung der gegenseitigen Selbständigkeit, so daß viel« Erzeugnisse der eisen. schafsenden Industrie von dem Abkommen frei blieben. Die Der. einbarung gilt für die meisten übrigen Cisenländer nicht. Frank- reich verlange sogar die gegenseitig« Garantie der Eisen. AÜllo. Im Anschluß daran versuchte Dr. Reichert den Nachweis dafür zu führen, daß Eisenzölle unbedingt notwendig wären, weil sonst die deutsch« Eisenindustrie der Konkurrenz des Auslandes erliegen würde. Die Genossin Sender wies auf die merkwürdig« Tatsache hin, daß der Ausschuß von einem seiner Mitglieder über die Berhand- lnngen der Eisenindustrie unterrichtet werden müsse, um darüber überhaupt etwas zu ersahren, während sich die Regierung voll» ständig ausschweige. Im übrigen begründete sie ausführlich einen Antrag, der dahin geht, den R ei ch s b a n k p rä ii d e nte n da- rüber zu hören, ob durch die Zollerhöhungen die Währung ge- fährdet würde. Dabei wies sie auch darauf hin, daß die Belastung allein durch die Lebenmittelzölle 150 M. jährlich bei einer fünf. köpfigen Familie ausmache. Wa» solle denn aus den Knegsbeschädig- ten. Rentnern usw. werden? Genosse Georg Schmidt wies eingehend noch, daß die Er. trägnisfe der Landwirtschaft in der Caprivi-Zeit sehr stark gestiegen sind, also ohne Schutzzölle. Diese Steigerung hat auch noch in den letzten Jahr°n angehalten, also ebenfalls ohne landwirtschaftliche Zölle. Es sei auch unbestreitbar, daß die ver- brauchenden Massen von den Hochschutzzöllen belastet würden: habe man doch noch im Reichswirtschastsral darüber gestritten, ob sich die Zölle zu K5 oder zu 70 Proz. auswirken würden. Das gelte sogar für die kleinen Landwirte, deren Belastung beispielsweise durch Futtermittelzöll« ungemein groß sei. Aber alles da» mache an- scheinend auf die Regierung gar keinen Eindruck, wie ihr« Teilnahm». losigkeit in der Sitzung beweise. Wir könnten deshalb diesen Weg nicht gehen, wollten aber der Landwirtschaft dadurch Helsen, daß wir die Siedlungsfrage, den genossenschaftlichen Zusammenschluß usw. fordern. Der Zentrumsabgeordnete Lämmer« erklärte, daß er grund- fätzlichfür Freihandel wäre, aber erkennen mußte, daß dessen Anwendung jetzt nicht möglich fei. Jedoch wäre anzustreben, die Zollsätze möglichst niedrig zu halten, je nachdem, wie es die Berhandlungsgrundlag« ergebe, damit man sich eine etwaige Entwicklung zum Freihandel nicht verbaue. Di« Frage der Blindestzölle mache dem Zentrum rechte Sorg«. und deshalb müsse darüber noch ernsthaft gesprochen werden. Solch« Zölle seien ein Hindernis zum Abschluß von Handelsverträgen, sie wären wohl auch nur aus innerpolitischen Gründen festgelegt wor- den. Bon der Einführung gleitender Zölle müsse abgeraten werden, da sie nur der Spekulation dienten. Er betrachte die Zollvorlag« als«in Provisorium, da, je nach dem Ausfall der Handels- vertrage später geändert werden müsse. Nach einer langatmigen„grundsätzlichen* Rede des Kommunisten koenen. In der er natürlich auch wiederholt die Sozial. demokrotie ohne jede Veranlassung anrempelte, sprach der Abg. Blum für den agrarischen Teil des Zentrums, wobei er zuredend für die Annahme der landwirtschaftlichen Zölle eintrat. Der Abg. von Raumer(D. Vp.) erklärte, den Ausführungen des Abg. Reichert nicht in allen Einzelheiten folgen zu können, und verhehlt« auch nicht, daß die eisenverarbeitend« Industrie den deulsch-franzöflscheu Eisen- Verhandlungen nicht ohne Sorge folge. Aber dl« schwierig« Lage auch dieser Industrie könne nur durch ein solches Abkommen gebessert werden, das noch in ein e u r o p ä i s ch e s Cisenkartell ausmünden werde, wie es überhaupt daraus an- komme, einem allgemeinen europäischen Wirtschaftssystem die Weg« zu ebnen. Jedoch gerade deshalb, weil er die Niederlegung der Zollmauern wünsche, werde er Anträge auf Erhöhung der auto- nomen Zollsätze stellen, um eben von der Gegenseite recht viel ab» handeln zu können. Ein« Belastung des Konsumenten wären erst die Vertragstarife, die danach herauskommen. Das müsse um so mehr beachtet werden, als sich zeige, daß jetzt immer mehr Halb- und Fertigsabritate eingeführt würden, statt R o h st o f s e, so daß Deutschland immer mehr an Arbeitsgelegenheit einbüße. Unbedingt notwendig wäre eine Besserung der Handels- b i l a n z. wozu vor allem die Einfuhr gedrosselt werden müsse, und das könne allein auf dem Gebiete der LebensmIUelbeschassung geschehen. Deshalb trete die Industrie auch für Agrarzölle ein, wenn- gleich das auch die Konsumenten zunächst belaste und ein Experi. ment sei. Danach wurde die Debatte vertagt, da noch 7 Redner gemeldet waren, jedoch gleichzeitig beschlossen, die Generaldebatte am Donnerstag zu beenden. Die pariser verhanölungen. Wieder Vertagung. pari», 1. Juli.(Eigener Drahtbericht). Die mehrfach aufge- jchobene entscheidend« Vollsitzung der deutschen und stanzo fischen Handeldelegation, dt« auf Mittwoch vormittag festgesetzt war, ist wiederum vertagt worden, da der Vorsitzende der französischen Delegation, Handelsminister Chaumet, gewisse Einzelsragen geregelt wissen will, bevor sie in der Senatssitzung zur Erörterung kommen. Dementsprechend haben die französischen Delegierten am Mittwoch vormittag noch einmal die jüngsten deutschen Vorschläge durchge- sprachen. Falls diese Prüfung der deutschen Forderungen in der am Nachmittag fortgesetzten Sitzung der französischen Delegation beendet wird, soll am Donnerstag die endgültige Aussprache zwischen den beiden Delegationschefs stattfinden. In unterrichteten Kreisen wird diese unerwartete Acnderung in der Haltung der französischen Delegation als ein günstiges Zeichen gedeutet. Die französische Zinanzkrise. Inflation«nd zunehmende Teuerung. pari». 1. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die Folgen der Caillauxschen Finanzreform beginnen sich von Tag zu Tag schärfer fühlbar zu machen. Die französische Währung setzt ihre rückläufige Bewegung mtt wachsender Fallgeschwindigkeit fort, die«in starle» Eingreifen der Bant von Frankreich zwar zu verzögern, nicht aber aufzuhalten oermag. Da» Pfund, das in der Mitte der vergangenen Woche noch mit 10Z notiert worden war. hat am Mittwoch mit an- nähernd 109 einen neuen Rekordkur» erreicht: der Dollar ist in der gleichen Zeit von 21,50 auf 22,50 gestiegen. Seit Mitte April, d. h. seitdem Caillaux sein verhängnisvolles Werk der„Sanierung* der sranzösischen Finanzen begonnen hat. büßte der sranzösijche Frank annähernd 20 Proz. seines Werte»«in und die Folgen dieser neuen Verwässerung der Währung drücken von Tag zu Tag stärker aus die Lebenshaltung der breiten Massen. Die Preise der Lebensmittel und wichtigen Gegenstände des täglichen Bedarfs folgen in raschem Anstieg dem Kurs der ousländijchen Devisen, während Löhne und Gehätter vergeblich auf eine Ungleichung an die rasch fortschreitend« Teuerung warten. Welche» Ausmaß die Auswärtsbewegung der Preise bereits angenommen hat, zeigt eine Mitteilung der Stadt Paris, in der angekündigt wird, daß die Stadtoerwattung sich go< zwangen sehe, die Preise für Wasser, Gas. Elektrizttät sowie die Tarife der Straßenbahnen, Autobusse und Untergrundbahnen»m 20 Proz. zu erhöhen.__ Luftbeirat und öotschafternote. WTB. teilt mtt: Do» Reichsvertehroministerium hat die Beratung der neuen Rote der Botschafterkonferenz über ein« weitere Beschränkung der deutschen L u f t s a h r t auf breitester Grundlage und unter Heranziehung aller an der deutschen Lustsahrd interessierten Beoölterungskreise in Aussicht genommen. Zu diesem Zweck ist der L e i r a t s u r d a» L u s t f a h r w e I e n für Donner». tag, den 16. d. M., zu einer Sitzung Im Rcichsverkehrsministerium einberufen worden. Der Beirat setzt sich zusammen aus Vertretern der einschlägigen Industrie, der Luftverkehrsunternehmen, der Wissenschaft, de» Sport-»nd Lereinswesens, de» Deutschen Städtetages und der Flughaseninteressenten, sowie aus Vertretern der Arbeitnehmer, aus den Kreisen der Flugzeugführer, Man» teure. Werkmeister und der Arbeiterschaft. Zu der Sitzung sind serner Beauftragte der mitbeteiligten Reichsministerien und der einzelnen Landesregierungen eingeladen. Außerdem ist der Geheim« Regierungsrat Professor Dr. Schreiber. Leiter des Instituts für Liiftrecht an der Albertus-Universität in Königsberg als Goch. verständiger um Teilnahme an der Sitzung gebeten worden. und fonkurrenzfähig zu bleiben. Gerade die oftoberfchlesischen Deutlicher fann laum illustriert werden, wie der sogenannte Schuß der nationalen Arbeit tatsächlich gerade den national und sozial am meisten gefährdeten und bedrückten Teil des deutschen arbeitenden Bolles schädigt. Das Wettrennen auf Kosten der Arbeiter fann Zu der Lohnbewegung im Berliner Baugewerbe wird vom beginnen wenn die Arbeiter es sich gefallen lassen. Reichsverband des Tiefbaugewerbes mitgeteilt: Gewerkschaftsbewegung Süttenarbeiter sind bekanntlich überwiegend Deutfce. Die Unternehmer zum Konflikt im Baugewerbe. Keine Lohnerhöhung darf bewilligt werden. Im Berliner Baugewerbe erhielten bis zum 30. Juni Maurer and Zimmerer einen Siundenlohn in Höhe von 1.15 Mt. gegen 0,82 Mr. in der Borkriegszeit. Der ungelernte Tiefbauarbeiter wurde pro Stunde mit 0,72 m. gegen 0,42 M. in Borfriegszeiten entlohnt. Die bis zum 30. Juni gezahlten Löhne gehen bereits über den Rahmen dessen hinaus, was im heutigen Wirtschaftsleben als tragbar zu bezeichnen ist. Die Forderungen der baugewerblichen Arbeitnehmer Organisationen gehen aber dahin: 1,50 mt. für Maurer, 1,76 M. für Zimmerer und 1,35 M. für Ungelernte. Beiter verlangen die Gewerkschaften, daß die Bauarbeiter in der Woche nur 46% Stunde arbeiten, und der Zentralverband der Zimmerer will jede Affordarbeit verboten wissen. Tarifliche Ver. einbarungen in anderen Berliner Industrieen haben für hoch mertige Facharbeiter den Lohn auf durchschnittlich 90 Pf., und den der Ungelernten auf durchschnittlich 60 Pf. festgesetzt. Für das Berliner Lohnniveau ist der Lohn des Baugewerbes als des Schlüffelgewerbes maßgebend. Die Unternehmerverbände haben diese Forderungen abgelehnt, da sie den Standpunft vertreten, daß feine 2ohnerhöhung bewilligt werden darf. Am heutigen Donnerstag entscheidet über diese Forderungen ein Schiedsgericht. Hierzu ist folgendes zu bemerken: Es ist nicht richtig, daß in Berlin der Lohn für hochwertige Facharbeiter durchschnittlich auf 90 Bf. festgesetzt ist. Abgesehen davon, daß in einer Reihe von Tarifen die Zeitlöhne der Facharbeiter mehr als 90 Pf. betragen, werden selbst in der Metallindustrie, wo infolge der Lohnpolitit des BBM. ein Lohntarif nicht besteht, Löhne für Facharbeiter von mehr als einer Mark gezahlt. Auch die Borsig müssen sich eben dem 3wang der Berhältnisse fügen. Es kommt für das Baugewerbe aber noch hinzu, daß es als ausgesprochenes Saifongewerbe mit einer langen Arbeits tofigkeit zu rechnen hat,( nicht zuletzt durch die Schuld der Unternehmer, deren technische Rückständigkeit bekannt ist), was in cinderen Berufen nicht oder nicht im gleichen Maße der Fall ist. Diesem Umstande ist immer Rechnung getragen worden und wird, solange er besteht, auch weiter Rechnung getragen werden müssen. Nun sagen die Bauunternehmer: Vor dem Kriege betrug der Lohn der Maurer und Zimmerer 82 Pf., 115 Pf. gegenwärtig. Jetzt ist die Kompottschiffel voll. Mehr gibt es nicht! Zunächst scheinen die Unternehmer zwei Umstände zu vergessen: 1. Die Kürzung der Arbeitszeit auf acht Stunden, 2. die Teuerung ber Lebenshaltungsfoften um 38,5 Broz. nach der Reichsindegziffer, tatsächlich jedoch um mindestens 50 Proz., da die Reichsinderziffer die Steuern und die Sozialbeiträge gar nicht, andere Teuerungsumstände nur ungenügend berücksichtigt. Zieht man diese beiden Umstände in Betracht, dann wird man feststellen, daß heute der Borfriegsreallohn noch lange nicht erreicht ist. Dazu kommt aber noch ein anderes: Seit 1914 sind immer hin 11 Jahre vergangen, während denen in anderen Ländern die Löhne der Arbeiter nicht unerheblich stiegen.( In Amerika 30 Proz. über den Friedensreallohn.) Nur in Deutschland möchte nian die Arbeiter immer noch mit dem Friedens nominal lohn abspeisen und gesteht ihnen auf keinen Fall das Recht zu, über ben Friedensreallohn hinauszukommen. Dieses Recht werden sich die deutschen Arbeiter erfämpfen, auch ohne Genehmigung der Unternehmer. Denn schließlich wäre ohne die Inflationsjahre, von der die Arbeiter gewiß nicht profitiert haben. bte 4öhne heute normalerweile erheblio bober, og bar 11 Jahren. Wenn die Bauarbeiter jetzt bemüht sind, das Bersäumte nachzuholen, so ist das ihr gutes Recht. Unter keinen Umständen Lohnerhöhung. Jm mitteldeutschen Braunkohlenbergbau. In der Lohnfrage für die Brauntohlenarbeiter Mitteldeutschlands fanden gestern im Reichsarbeitsministerium Verhandlungen statt, die mit einem Schiedsspruch endeten, der den bisherigen Lohn tarif ab 1. Juli d. J. wieder in Kraft seßt. Damit hat sich der Schlichter des Reichsarbeitsministeriums die Darlegungen der Arbeitgeber zu eigen gemacht, nach denen eine Lohnerhöhung im Braunfohlenbergbau unerträglich ist. Dabei steht der Spizen Lohn für den besten Arbeiter auf nur 4,98 m. je Schicht, während bas mitteldeutsche Braunkohlensyndikat ab 1. Juli eine Preiserhöhung für Brifetts von 60 Pf. je Tonne beschlossen hat, die ab 1. September noch um weitere 60 Pf. erhöht wird. Das ostdeutsche Braunkohlensyndikat erhöht ebenfalls die Britettpreise ab 1. August um 1 M. je Zonne. Dennoch kann nach Auffassung der Arbeitgeber, des Reichsarbeits- und des Reichswirtschaftsministeriums eine Lohnerhöhung nicht gegeben werden. Eine recht sonderbare Stellungnahme diefer Behördenvertreter! Doch alles wird flarer, wenn man sich der berühmten Eingabe der Bereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände erinnert, nach der die bisherige Lohnhöhe im Bergbau beibehalten und unter feinen Umständen eine Lohn erhöhung im Bergbau eintreten darf. Diesem Grundfaze ist der Schiedsspruch treu geblieben, unbekümmert wie es den Arbeitern ergeht. Die Arbeiterorganisationen werden in den nächsten Tagen zu diefem Schiedsspruche Stellung nehmen. Daß sie ihn ablehnen werden, daran fann nicht gezweifelt werden. Sie werden aber insbesondere fich zu entscheiden haben, welche Folgen aus diesem Schiedsspruch zu ziehen find. Lohndruck als Folge der Schutzölle. Breslau, 1. Juli.( Eigener Drahtbericht.) In dem Betriebe der Bismardhütten, in Dstoberschlesien ist gestern eine Bekanntmachung angeschlagen worden, wonach die Affordsäge ber Lohnarbeiter berabgefegt werden müssen, um einen Ausgleich für die deutschen Einfuhrzölle zu schaffen, fonft sei es der Sütte unmöglich, Aufträge herein zu bekommen EMMO -WO Der Konflikt in Westoberschlesien. Der Arbeitgeberverband der oberschlesischen Montanindustrie hat nach einer Meldung des Fachblatts Industrie- Kurier" den Lohnschiedsspruch vom 15. April d. J. für die Eisenhütten infolge der Absazstodungen ab Ende Juni d. J. gekündigt und beantragt, vom 1. Juli ab wieber ben alten 2ohntarif in Straft treten zu laffen. Der Schiedsspruch vom 15. April führte bekanntlich nach langwierigen Berhandlungen zu dem Ergebnis, daß der Stundenlohn für im Akkord arbeitende Hüttenarbeiter von 44 auf 45 Pf. und für im Stundenlohn tätige von 44 auf 48 Bf. erhöht wurde. Die oberschlesische Montanindustrie hat seinerzeit ohne Erfolg gegen diesen Schiedsspruch, der eine Erhöhung des Lohnfontos um 5-6 Broz. ergab, beim Reichsarbeitsministerium Einspruch erhoben, mit der Begründung, daß die besonders schwierigen Verhältnisse in der oberschlesischen Industrie eine allgemeine Erhöhung der Löhne nicht zulassen. nationalen Arbeitsamt zu beschäftigen haben. Die Landeszentrale hat bisher infolge des immer noch heftigen Richtungsstreites, der auch nach dem Austritt aus der Amsterdamer Internationale nicht aufhörte, zu feinem der drei wichtigen Probleme eine einheitliche Stellung eingenommen. Auf dem vorjährigen Kongreß wurde be= schlossen, die bis dahin übliche propagandistische und finanzielle Unterstützung der Arbeiterpartei" durch die Landeszentrale zu beenden. Während die Mehrheit die absolute politische Neutralität des Gewerkschaftsbundes fordert, will die linkskommunistische Minderheit eine loyale Zusammenarbeit" mit den Arbeiterparteien herbeiführen, die durch Delegierte in den Gewerkschaften mitbestimmen sollen. Es soll den Gewerkschaften auch in Zukunft erlaubt sein, forporativ Mitglied einer politischen Partei zu werden. Die Minderheit verlangt für einen solchen Beschluß die Urabstimmung unter den Mitgliedern der betreffenden Gewerkschaften. Auch über die Zugehörigkeit zur Gewertschaftsinternationale find die Meinungen sehr geteilt. Beide Richtungen einheitliche Internationale zu schaffen. Von der Mehrheit wird vor. fezen große Hoffnungen auf die englisch- russischen Versuche, eine geschlagen, sich mit den Engländern in Verbindung zu setzen, um gemeinsam mit ihnen eine internationale Einigungskonferenz einzuberufen. Die Minderheit verlangt, daß die Internationale auf Herz und Nieren geprüft und festgestellt wird, ob sie auch auf dem Boden des Klassenkampfes steht. Sie will den Eintritt in die Internationale abhängig machen von dem Ergebnis einer Urabstimmung. In bezug auf die Beteiligung am Internationalen Arbeitsamt konnte dank der sozialdemokratischen Arbeit wenigstens eine Mehrheit für eine bedingte Beteiligung" geschaffen werden. Es sollen Delegierte nach Genf geschickt werden, wenn sich das Internationale Arbeitsamt mit Angelegenheiten beschäftigt, die für die organisierte Arbeiterschaft von großer Bedeutung sind. Der Führer des GeHamburg, 1. Juli.( Eigener Drahtbericht). werkschaftsbundes und Kopf der Arbeiterpartei, Tranmäl, lehnt Der Verbandstag setzte am Mittwoch die Aussprache über die nach wie vor das Arbeitsamt als tonterrevolutionär" ab. Eine Larif- und Lohnpolitit des Berbandes fort. Sie wurde Moskauer Minderheit verlangt die schärfste Bekämpfung des Amtes. im allgemeinen vertraulich behandelt, damit die Taftit des VerEs ist also zu erwarten, daß lediglich in dieser letzten Frage bandes in fommenden Kämpfen nicht durchkreuzt werden kann. Es eine Einigung auf dem Gewerkschaftskongreß zu erzielen ist. Die tam zum Ausdruck, daß die Verhältnisse, wie sie durch den Reichs Aussichten für die Rückkehr der Norweger zur Amsterdamer Intertarif im Buchdrudgewerbe geschaffen wurden, als erträg nationale sind dagegen außerordentlich gering. Besonders lebhafte lich anzusehen sind, obwohl versucht werden müsse, auf manchen Auseinandersegungen dürfte es bei der Beratung der Frage, ob Gebieten noch wesentliche Verbesserungen durchzusetzen. 1. a. murde Berufs oder Industrieorganisationen, geben. Der auch ausführlich über das Verhältnis des Hilfspersonals zur gelebergang zu dem System der Industrieverbände wurde zwar schon lernten Arbeiterschaft, im besonderen soweit es sich um das im Jahre 1923 beschlossen, aber immer noch stehen einzelne VerSteindrudgewerbe handelt, gesprochen. Ferner wurde die bände in schärffter Opposition gegen diesen Beschluß. Ferienfrage lebhaft erörtert. Allgemein erkannten die Disfussionsredner die vom Verbandsvorstand eingeschlagene Taftit als Verbandstag der graphischen Hilfsarbeiter. richtig an. Einstimmig gelangte folgende Entschließung zur An- Zwei Schiedssprüche für die Angestellten im Baugewerbe. nahme: der Verbandsvorstand eingeschlagen hat, einverstanden. Bei ,, Der 8. Verbandstag in Hamburg ist mit der Tarifpolitit, die tarifs für das Buch- und Zeitungsdruderei- Hilfspersonal ist mit den künftigen Verhandlungen über den Neuabschluß des Reichs: allem Nachdruck auf eine weitere Erhöhung der Prozent fäße bei der Lohnbemessung hinzuwirken und die Beseitigung noch bestehender Ungerechtigkeiten zu erstreben. Insbesondere ist die Unterschiedlichkeit in der Ferienbemessung zwischen Gehilfen und Hilfspersonal zu beseitigen. Im Steinbrud gewerbe ist der Kampf um die Schaffung eines Reichstarifs mit allen Mitteln fortzuseßen." Weiter wurde zu dem für das Hilfspersonal im Schriftgießereigemerbe ausgebrochenen Lohnfonflikt eine Entschließung an genommen, die den Kollegen im Schriftgießereigemerbe die volle Sympathie ausdrückt und dem Verbandsvorstand den Auftrag erteilt, alle Mittel anzuwenden, um den ausgebrochenen Kampf zu einem fiegreichen Ende zu führen. # In der Nachmittagssigung ereignete sich ein fleiner Zwischenfall: Die graphischen Hilfsarbeiter des Berlages der fom munistischen Hamburger Boltszeitung" hatten an den Vorsitzenden ein Protestschreiben gerichtet, weil die Leitung des Verbandstages es ablehnte, den Vertreter der fommunistischen Bresse zur Berichterstattung zuzulassen. Der 1. Borsigende Bucher Berlin gab die Erklärung ab, daß sich der Beschluß des Verbands des Verbands vorstandes nicht gegen bie tommunistischen Mitglie der des Verbandes richte, sondern gegen die kommunistische Berichterstattung, die ihre Aufgabe lediglich darin sehe, die Beschlüsse des Verbandstages und die Bolitik der Gewerkschaften in verzerrter Darstellung wiederzugeben. Dem Antrage des Borfizenden entsprechend ging der Berbandstag ohne jede Aussprache über den Proteft zur Tagesordnung über. Bei der Statutenberatung sprach zunächst der Verbandskassierer über Beitrags und Unterstügungsfragen. Er brachte einen Antrag über die Beitragsfrage ein, der eine Erhöhung der bisherigen Säße um 10 bis 40 Bf. vorsicht. Weiter schlug er por, daß bei den Unterstützungsfäßen, bei denen die Arbeitslösenunterſtügung die Grundlage bildet, im allgemeinen pro Woche der neunfache Beitragssag gelten soll. Gleichzeitig ist beabunterstützung wieder aufzunehmen. Sie soll nach den Vorfichtigt, die während der Inflationszeit fällengelassene Krankenschlägen des Verbandsvorstandes die Hälfte der jeweiligen Arbeitslofenunterstützung betragen, während für die Streifunterſtützung der doppelte Arbeitslosenunterstützungsjazz in Aussicht genommen ist. Die Aussprache über das Referat des Hauptkassierers füllte den Rest der Mittwochfizung aus. Sie foll am Donnerstag fortgeseht werden. Es wird dann eine Statutenberatungstommission eingesetzt, die sich mit den Anträgen näher beschäftigen und dem Verbandstag bestimmte Vorschläge machen wird. Verbandstag der Hutarbeiter. Berlin, 1. Juli.( Tul.) Die Verhandlungen zur Schaffung der neuen Reichstarifverträge für die kaufmännischen und technischen Angestellten des deutschen Baugewerbes führten gestern im Reichsarbeitsministerium zur Abgabe zweier Schiedsfprüche. Beide Schiedssprüche regeln die vorhandenen Hauptstreitpuntte: Arbeitszeit, Ueberstundenvergütung, Urlaubsregelung und Leistungstarifvertrag. Die Anzahl der Berufsjahre ist ver türzt worden. In der Arbeitszeitfrage wurde das Abkommen vom März 1924 übernommen; in dem Abkommen war eine unbezahlte eberarbeit bis zu 35 Stunden im Vierteljahr zugestanden. Die Urlaubsregelung ist für 1925 nicht abgeändert worden. Dagegen soll für 1926 bei den kaufmännischen Angestellten die Urlaubsregelung der Technifer übernommen werden. Die Erflärung über die Annahme oder Ablehnung der Schiedssprüche soll am 15. Juli erfolgen. Generalstreik der belgischen Metallarbeiter. Brüssel, 1. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Am Mittwoch ist in der gesamten Metallindustrie der Streit ausgebrochen. Die Arbeiter lehnten überall das vorgeschlagene Kompromiß und jeden Cohnabzug mit erdrückender Mehrheit ab. Um Mittwoch fanden in allen Industriegebieten, namentlich in Charleroi, große Demonstrationsumzüge der Streifenden statt. 320 Für die Kölner Metallindustrie fällte der Schlichter für das Racinland einen Schiedsipruch. durch den die Löhne um 4 Proz. erhöht werden sollen. Die Geltungsdauer dieser Lohnregelung war bis zum 31. Dezember 1925 vorgesehen. Der Schiedsspruch wurde von allen beteiligten Gewerkschaften abgelehnt. Graphisches Gewerbe. Donnerstag, den 2. Juli, ab morgens 8 Uhr, im Graphischen Bereinshaus, Megandrinenftr. 44, Ausgabe des ,, Rämpfer" Nr. 13. Wir erwarten von allen Funktionären des graphischen Gewerbes, daß fie in fämtlichen Betrieben für Abholung jorgen. Der Werbeausschuß. Buger der Firma Jachmann, Borsigwalbe, Busammenkunft heute 1 Uhr im Treff, Eichbornstraße. Achtung, Zimmerer! Es wird hierdurch nochmals darauf hingewiesen, daß alle Bezirksleitungen in der Funktionärtonferens, die am Freitag, den 3. Juli, abends 7 Uhr, im Gewerkschaftshaus, Gaal 3, ftattfindet, zu er fcheinen haben. Die Bezirksversammlungen finden am Sonnabend, den 4., und Sonntag, den 5. Juli, statt. Der Begifr 20( Reuföllu) iagt am Sonnabend, den 4., nadm. 4% Uhr, bei Kassuhn, Ert, Ede Donaustraße. Rameraden, es ailt ernsthaft zu den Tagesfragen Stellung zu nehmen. Jeder Verbandskamerad muß wissen, was die Berliner Bauunternehmer beabsichti. Es darf deshalb teiner in der Bersammlung fehlen. Zentralverband der Zimmerer, Rahlstelle Berlin u. Umg. Der Vorstand. Berband der Gemeinde- und Staatsarbeiter, Filiale Groß- Berlin, Gasbranche. Donnerstag, den 2. Juli, abends 6 Uhr, findet im Verbands. haus Johannisstraße 14/15( Saal), eine Funtionärtonferens sämt Ticher Funktionäre der Gas und Wasserbranche statt. Tagesordnung: Stellungnahme zum Lohnfchiedsspruch. Berschiedenes. gen, Alle Magenleidenden fennen das unangenehme, bedrückende, aufgetriebene Gefühl nach dem Eisen. Sie tennen auch die schlaflofen Nächte und das allgeweiß nicht jedermann, daß es in Biserirte Magnesia" ein schnell und sicher wirkendes Heilmittel gibt, obwohl sie einen Weltruf hat! Biserirte Magnesia" wirft faft fofort; fie neutralisiert die schäd liche, schmerzerregende Säure. Sie ist zudent unschädlich und wird Köln, 1. Juli.( Eigener Drahtbericht). Am dritten Verhandlungstage beschäftigte sich der Verbandstag der Hutarbeiter eingehend mit den Anträgen, die eine Aende rung der Statuten verlangen. Verbandsvorsitzender Brömeine Unbehagen, welches so schwächt und niederdrückt! Und doch side behandelt einleitend die vorliegenden Anträge und bespricht die vom Vorstand eingebrachten Abänderungen. Berbandskassierer Müller spricht zu den Fragen, die sich auf die Aenderung der Unterstüßungsbestimmungen beziehen. In der sehr aus. gedehnten Aussprache behandeln die Redner die vorliegenden Anträge. Dann wird eine Statutenberatungskommission eingesetzt. Die Kommision wird beauftragt, dem Verbandstag am Donnerstag entsprechende Vorschläge zu unterbreiten. Die Krise der norwegischen Gewerkschaften. Oslo, Ende Juni. Am 23. Auguft beginnt in Oslo der diesjährige Kongreß der norwegischen Gewerkschaften. Er wird sich in der Hauptsache mit der Stellung der Gewerkschaften zu den politischen Parteien, mit der Frage der internationalen Berbindungen und seiner Stellung zum Internicht zur Gewohnheit. Biferirte Magnesia" wird in allen Apotheken zu Mt. 2 die Flasche verkauft; schon ein einmaliger Versuch genügt, um ihren prompten und ungemein schmerzstillenden Wert zu beweisen. Biferirte Magnesia hat folgende Zusammenfegung: Wismutfubkarbonat 4,5, 25% Magnesium perhydrol 15,0, 2faches fohlenfaures Natron 15,0. Wenn Sie Bisertete Magnelia bei Shrem Apothefer nicht haben fönnen, schreiben Sie an das Generalbepot C. F. Asche& Co, Hamburg 19, Binneberger Beg 22/24. Berantwortlich für Politik: Bictor Schiff; Wirtschaft: Arthur Saternus; Gewerkschaftsbewegung: 3. Steiner; Feuilleton: Dr. John Schikowski; Lotales und Sonstiges: Frih Karstädt; Anzeigen: Th. Glode; sämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts- Buchdruckerei und Verlagsanstalt Baul Singer u. Co., Berlin SW. 68, Lindenstraße 3. Sierzu 2 Beilagen und Unterhaltung und Wifen". Probiert Bolle Schokolade SCHOKOLADENWERK DER MEIEREI C BOLLE A.G. Nr. 307 ♦ 42. Jahrgang 1. Seilage öes Vorwärts Donnerstag, 2. Juli 1425 Fast jedes Gitter hat seinen bestimmten Zweck. Ob es diesen immer ganz und zur Freude aller erfüllt, sei mit Fragezeichen da- hingestellt. Wo ober einmal ein Gitter errichtet ist. dient es dem Schutz. Z B. soll es Menschenleben auf einer Brücke vor dem Sturz in die Tiefe bewahren, vor allem auch unsere öffentlichen Blumenbeete erhalten, die zu schön sind, um so ohne weiteres dem Interesse der Bürger anempfohlen zu werden... Es gibt ja leider so viele Leute, die schlechte Bürger sind, und die schlechtesten von ihnen soll«in anderes Gitter vor ihren eigenen Gelüsten hüten... Das Gitter demonstriert so zuweilen die Macht des Staates. Zwecklose Rasenplätze. Besonders eindringlich wirkt auch auf den Minderbemittelten ein mit Efeu dicht bewachsener Zaun, der die Gärten oder Parks vor den störenden Blicken der Armen schützt... sinnlos, ganz chn« Bedeutung und ganz ohne eine Aufgabe ist lediglich ein grosses Gitter im Zentrum Berlins. Es wird endlich Zeit, dass es sich in der zunehmenden Amerikanisierung des Lebens eine neue und zweckvolle Beschäftigung sucht... Denn mitten in der ver- kchrsreichften Gegend ärgert es durch seine hählichen. fast manns- hohen Stäbe, die an einen Gefängnishof erinnern, jedenfalls aber seit Iahren lackiert werden müssen. Vor allem aber macht dieses Gitter auch den Genuß des sehr begehrten Baumschatkens unmäg- lich, und niemand weih, wozu. In einer früheren Epoche haben am Leipziger platz, links und rechts von der Strasse, hinter den kleinen Anlagen einige Behörden ihren.Ruhesitz" gehabt, für deren Ansehen eine betonte Distanz zum Bolke anscheinend unerläßlich war. Heute begründet dies gar nichts mehr. Da muß ein ähnlicher Ein- wand vor dem Tatbestand eines Verbrechens gegen den guten Ge- (i"nack, das sich dabei noch unsozial auswirkt, völlig verstummen. Der Fremde, namentlich aber ein Ausländer, der Berlin vom architektonischen, städtebaulichen Standpunkt betrachtet, wird über eine derartige Torheit, wie sie sich inmitten der deusschen Reichs» Hauptstadt kundtut, nur allzuberechtigt spötteln. Die modernen europäischen Grossstädte sind in dem rasenden Tempo ihrer Entwick» lung notwendige steinerne Uebel, die immer mehr Opfer naturlicher Schönheit fordern und auch immer mehr Nerventräste ihrer Bewohner verzehren. Da ist es oberste Pflicht, nach Möglichkeit für ein einigermaßen einwandfreies Stadtbild Sorge zu tragen und nicht unnötige hemmende Häßlichkeiten zu dulden. Alan sollte diese verschlosseneu Anlagen am Leipziger platz endlich entsprechend schmücken— das wäre sinnvoller, als das zweifelhafte Grün am Fuße des Berkehrsturnis!— und dann in ihnen Kreuzwege er- richten, die da» Ueberqoeren des Platzes selber ermöglichen und so- mit nur einer praktischen Forderung entsprechen würden. Bänke gehören unter jedem der großen Bäume. Jetzt gibt es an den beiden Haltestellen der Straßenbahn einig« Sitzgelegenheiten aus Stein, die man nn Rondell an das Gitter gelehnt hat. Aber diese sind so unbarmherzig den Strahlen der Sonne ausgesetzt, daß es— wenigstens in den Mittagsstunden— fast«ine Strafe ist. dort Platz zu nehmen. Kopfschüttelnd steht das vorübergehende Publikum Dir schöne Baumsebatten auf dem verschlossenen Rasen. vor der sinnlosen Umzäunung einer klemen Welt im Grünen, die so vielen einen Augenblick Erholung bringen könnte. Seobachtungen am Gitter. Im folgenden ein kleiner Querschnitt durch eine einzige Bor- millagsoiertelstunde am Leipziger Platz: Konunt da schleppenden Ganges eine Frau, ohne Kopfbedeckung und mit gänzlich schief- getretenen Schuhen, in der einen Hand einen schwerbcpackten Korb, an der anderen ein dreijähriges, sauber gekleidetes Kind.„Mutti, kuck mal, Blümchen!" rujt die Kleine, und ihr kleines Händchen mit den noch ganz kleinen Fingern zeigt durch das Gitter auf dir Wiese, wo ein paar banale Gänseblümchen stehen. Gänseblümchen — für dieses Kind eine ganze Welt voll Schönheit.?lber wie leicht ließe sich doch dort auch eine solche für das verwöhntere Auge des Erwachsenen errichten! Die Mutti lächelt, sagt aber nichts.„Blüm- che« haben" drängt die Kleine weiter, und unaufhörlich„Blümchen haben!" Da beginnt die todmüde Frau, die sich anscheinend kaum noch aufrecht halten kann, für ihr Kind, aber immer noch Aufmerk- samkeit und gute Worte übrig hat, umständlich zu erklären, daß diese wundervollen Blümchen hinter dem hohen Gitter wachsen und daß sie niemand kriegen kann, auch.Vati" nicht. Aber gern hätte sie sich einmal mit ihrem Kind nur für einige Minuten in den Schatten eines der Bäume hinter dem Gitter gesetzt, nur für solange, als es braucht, um einmal richtig und in Muße Atem zu holen. Wenig später sieht sie die begüterte Welt an schön gedeckten Tischen unter einem kühlen Zeltdach sitzen. Aber sie ist viel zu abgespannt um sich darüber Gedanken zu machen.— Kommt ein alter Herr, der mit seinen hellgelben Hosen aussieht, wie ein pensionierter Lehrer oder sonst ein Beamter a. D. Kommt langsam, auf seinen Stock gestützt, und läßt sich müde auf die Steinbank im Rondell nieder. Er schiebt den allen Hut aus dem Gesicht und wischt sich den Schweiß mit einem großen Taschentuch aus der Stirn. Er seufzt erleichtert, doch seine Zufriedenheit ist nicht von Dauer. Die Sonne brennt, immer von neuem perlen die Tropfen auf der Stirn. —.Weshalb man sich nun nicht da in den Schatten setzen kann, weshalb dieses vertrackte Gitter hier stehen muß," brumntt er zu seinem jungen Nachbar, der ober, anscheinend ein fanatischer Sonnen- badler, gar nicht aus ihn acht gibt und ungestört sein« Zeitung weiter liest. Dieselbe Enttäuschung wie er, erleben bald nach ihm ein Arbester, der von seiner Frühschicht zurückkehrt, und«in paar Schuljungens, die in der Hitze unlustig ihre Bücher tragen. Drei Mädchen pendeln Arm in Arm auf dem Bürgersteig und stören so fast den Verkehr. Bis zum Tiergarten ist es für die kurze Dauer ihrer Mittagspause zu weit: für ein Glas erfrischender Limonade reicht es auch bei ihnen nicht(wenigstens nicht immer), auf der Bank— das wissen sie längst— ist es jetzt mörderlich heiß. Es bleibt ihnen also nichts, als durch den Strom der Menschen'po- zieren zu gehen. All diese Wünsche und Sehnsüchte vor dem Gitter sind machtlos. Das Volk steht vor den Stäben, resigniert zuweilen, oder schimpfend, je nach Alter oder Temperament. Und da jene An- lagen kaum Büsche aufweisen, in denen verliebte Paare oder Penn- brüder ein entschlossenes Verstecken spielen könnten» und die zu errichtenden Bänke selbst bei Nacht dem Auge des Gesetzes nicht entgehen würden, verliert das Gitter am Leipziger Platz auch seinen letzten„moralischen" Halt. Abzahlungsgeschäfte auf Umwegen. Die einzigen Geschäfte, die heute neben den Lebensmittel- geschästen noch nennenswerte Umsätze erzielen, sind die A b- zahlungsgeschäfte. Die Gründe sind unseren Lesern au? mannigfocncn Darlegungen bekannt. Es ist begreiflich, daß bei der wirtschcisllichen Unsicherheit der meisten Angestellten und Arbeiter, die die Hauptkunden dieser Abzfchlungsgeschäite sind, ein erhebliches Risiko mit dieser'Art von Geschästen verbunden ist. Es liegt in der Natur der Sache, daß Geschäile, die auf normalem Wege keine Ware abzusetzen vermögen, weil sie Waren führen, die nicht unbedingt zun, Leben gebraucht werden, darauf sinnen, ebenfalls Umsätze zu erzielen, ohne das Wagnis des hlbzahlnngsgeschäftes auf sich nehmen zu wollen. So haben diese Geschäfte den Gedanken des M i e t- k a u f c s hervorgcsucht. Das Wesen des Mietkauses besteht darin. daß zunächst man den Gebrauch einer Ware verkauft, indem man sich eine Miele zahlen läßt und daß dann, nachdem die Miete eine bestimmte Zeit gezahll ist, die Ware Eigentum des Mieters wird. Für den Verkäufer hat diese Art des Vertrages den Vorteil, daß er in dem Augenblick, in dem der Mieter nicht mehr in der Loge ist, die vereinbarte Miete zu zahlen, sofort wieder in den Besitz der Ware kommt. Das Risiko beschränkt sich hier also gewissermaßen nur auf die Benutzung des vermieteten Gegenstandes. Die Baumwollpflücker. 101 jaii; Roman von B. Traven. Oopjiight 1925 by B, Traren, Columbus, Ifemaottpu, Mtrfco. Sic sind der einzig« Weiße hier unter den Pflückern und da ich Ihnen ja schon acht bezahle, sind Sie eigentlich parteilos und können hier mitsprechen. Sie haben doch nicht etwa den andern Burschen gesagt, daß Sie acht bekommen?* fügte Mr. Shinc. die Pfeife aus dem Mund nehmend, hinzu. „Nein," sagte ich.„dazu hatte ich nicht die geringste Ursache." Dick, der älteste Zunge, kletterte in das Lastauto, lehnte sich gegen einen Ballen Baumwolle und ließ die Leine über die Reeling baumeln. Pet, der jüngere, setzte sich zum Steuerrad und druselte, unausgesetzt seinen Gummi knotschend, vor sich hin. Der Aste lehnte sich gegen den Wagen und fummelte un- aufhörlich fluchend, an seiner Pfeife herum, die bald ausging. bald verstopft war, bald neuen Tabak brauchte, obgleich der Rest noch gar nicht ganz aufgebrannt war. Die ganze Erregung, die den Farmer durchwbte, äußerte er nur an der Behandlung seiner Pfeife. Nachdem etwa fünf Minuten lan�niemand etwas�gesagt hatte, platzte plötzlich Pet heraus:„Weißt du was. Daddy, ich an deiner Stelle würde bezahlen, ohne viele Worte zu machen." „Ja. du," rief Vir. Shinc wütend,„du würdest bezahlen. Es geht ja nicht aus deiner Tasche, da ist das„Bezahlen würden" sehr leicht. Aber dann ziehe ich dir's von deinem Taschengelde ab.". „Das wirft du nicht tun. Daddy, oder du mußt mir das Geld für die verkaufte Baumwolle auch geben, sonst wäre es ungerecht." „cha! Daß ich nicht platze vor Lachen. Das Geld für die verkaufte Baumwolle!? chabe ich denn überhaupt schon für «inen Dime vertauft? Ich sag« Ihnen, Mr. Gale, noch nicht einen blanken Tinkcr hat man mir geboten. Und was für eine Baumwolle in diesem Jahr! Die meißeste Schneeflocke von Alaska muß sich dagegen schämen. Und sehen Sie einmal hier, Mr. Gale," dabei rupfte er eine Knolle, die dicht neben ihm stand, ab und quetschte sie, mir dicht vor die Nase haltend, in seinen Fingern,„die weichesten Daunen sind dagegen-der purste Stacheidraht.— Ja, Gösch, sagen Sie doch auch einmal ein Wort. Stehen Sie doch nicht so da, als ob Sie die Sprache verloren hätten." „Aber ich bin dock) unparteiisch," sagte ich darauf. „Ja, richtig, Sie sind unparteiisch. Aber Sie können doch wenigstens den Mund mal aufmachen." Es kam ihm nur darauf an, jemand zu finden, dem er widersprechen konnte. Da räkelte sich Dick ein wenig bequemer in seine Stellung «in und sagte ganz langsam und bedächtig mit breit gezogenen Worten: „Da will ich dir mal was sagen, Dad—." „Du? Ja du bist mir gerade der Rechte. „Dann eben nicht. Ich habe Zeit. Es ist ja nicht meine Baumwolle, es ist ja deine." Und als Dick nun wieder in seine bulkige Schweigsamkeit zurückfiel, sagte der Alte plötzlich ganz erbost:„Ja. verflucht noch mal, dann rede doch schon oder soll ich hier vielleicht stehen, bis die ganze Baumwolle verfault und verwurmt ist? „Siehst du. Dad, das meine ich gerade: oerfault. Wenn die Leute gehen, andere kriegen wir nicht. Und wenn wir die Leute herschicken lassen von den Städten, müssen wir mehr Reisegeld bezahlen als die Sache wert ist." „Rede doch schon einen Strich schneller." „Aber, ich muß es mir doch erst ausdenken, was ich sagen will. Sieh mal, Dad, einmal hat es schon geregnet. Und es sieht ganz so aus, als ob wir eine sehr frühe Regenzeit kriegen oder eine volle Woche Strippregen. Dann ist die ganze Baumwolle hinüber, dann ist sie in den Dreck gehauen und du kannst lange suchen, bis du einen findest, der dir anstatt der Baumwolle den Sand abkauft. Je eher wir die Baumwolle gewinnen und auf den Markt gebracht haben, je besser sst der Preis. Wenn der Markt erst mal voll ist. müssen wir froh sein, wenn wir sie mit zwanzig oder fünfundzwanzig Centavos Derlust losschlagen, wenn wir sie dann überhaupt unter- bringen und sie uns nicht auf dem Halse liegen bleibt. Bis fetzt sind wir sehr früh dran und sind mit die ersten aus dem Markt." „Verflucht noch mal, Junge, du hast verteufelt recht. Vor vier Jahren habe ich sie mit dreißig Centavos unter den An- fangspreis verkaufen müssen und habe noch dagestanden wie ein armseliger Bettter. der um ein Stück Brot boomen muß. Aber ich bin doch nicht ganz und gar wahnsinnig geworden. daß ich acht Centavos bezahle. Früher habe ich sogar bloß vier, wenn sie schlecht stand, fünf bezahlt. Nein, das ist ab- gemacht, da lasse ich sie, by Gosh, zehnmal lieber verfaulen und verschimmeln, just wie sie da steht, ehe ich nachgebe." Dabei schlug er mit der Hand nach einer Staude, als ob er mit dieser Handbewegung das ganze Feld abrasieren wollte. Dann kam ihm in seinem Zorn ein anderer Gedanke: „Aber an der ganzen Geschichte sind bloß die Fremden schuld, die Auswärtigen. Die hetzen uns hier die Leute auf. Die können nie den Rachen vollkriegen. Unsere Leute hier herum sind immer zufrieden. Ja, Sie auch, Mr. Gale, Sic sind auch einer von den Aufwieglern und von den Bolfchos, die alles auf den Kopf stellen und uns das Land wegnehmen und das Bett unter dem Hintern fortziehen wollen. Bei mir kommt Ihr aber an die falsche Nummer. Das habe ich selber mitgemacht. Das kenne ich, weiß, wie es gemacht wird. Aber wir haben keine I. W. W.*) und alles solchen Stoff gehabt." „Wenn Sie mich meinen, Mr. Shine, tun Sie sich keinen Zwang an. Nebenbei bemerkt, babe ich Ihnen gar keinen Grund gegeben, anzunehinen, ob ich ein Wobbly**) bin oder nicht." „Mischen Sie sich doch nicht rein, von Ihnen ist ja gar nicht die Rede. Ich habe Sie ja gar nicht gemeint. Aber bezahlen tu ich nicht, basta!" „Na, hör mal. Daddy," sagte jetzt Pet. ohne sich seinem Vater zuzuwenden,„in bezug auf die Fremden hast du un- recht, durchaus. Die sechs Fremden schaffen mehr herein als die zwölf oder vierzehn Indianer. Die tun doch überhaupt bloß etwas, weil sie sehen, wie' die Frcinden arbeiten und was verdient werden kann. Wenn unsere Hiesigen einen Peso machen, dann sind sie zufrieden und halten lieber fünf Stunden Mittagsschlas, weil ihnen das wichtiger ist. Ohne die Fremden bekämen wir die Baumwolle vor Weihnachten nicht herein. da wette ich mein Leben darauf." .Aber ich bezahle keine acht und damit Schluß!" „Dann kann ich ja ankurbeln und wir können heimfahren," sagte Dick trocken und kletterte gemächlich von dem Wagen herunter. E? waren noch lange keine zwei Stunden vergangen, aber die„Hiesigen" wurden jetzt beweglich. Sie fingen ihre Maultiere ein und begannen aufzusatteln. (Fortsetzung folgt.) H I.W.W.—= Industrial Workers of the World, eine sehr radikale Arkeiterorgamsation. ") Wobbly= Mitglied der I. W.W. Für die Mieter besteht dte«SgNchtett. wem, st- nUA Ml» tonnen, jederzeit vom Vertrage zurückzutreten. Sie haben dam, natürlich das, was sie als Miete gezahlt haben und was weit über eine Benutzungsgebühr hinausgeht, verloren. Sie haben aber die Möglichkeit, diesen Gegenstand genau zu prüfen. Es empfiehlt sich in solchen Fällen, dah der Mieter des Gegenstandes sich genau über die Preise«nterrichiet. Natürlich muß er zu dem ermittelten Preise einen Zuschlag hinzunehmen, der sich in Höhe der Zinssätze, die für den Kaufpreis in Frage kommen, bewegt. Der Mieter tut gut daran, vorerst den Vertrag nur auf einen Monat abzu- schließen. Im allgemeinen kommen für solche Mietskäufe nur Sachen in Frage, auf die eine verhältnismäßig kleine Miete zu zahlen ist— ö bis 10 M. pro Monat— und die nach einem halben bis einem Jahre in den Besitz des Käufers übergeht. Die Explosion bei üer Schering Schilderuvst eines Augenzengen.— An der Unglücksstätte. Das Explosionsunglück bei der Schering A.- G. am T e g e» l e r Weg, über das wir bereits im gestrigen Abendblatt ausführ- lich berichteten, hat sich nach unseren Informationen an der Unglücks- stelle folgendermaßen zugetragen: In der Flaschenkapselabteilung der Flaka A.-G., in der der Tauchmotor explodierte, befanden sich acht Arbeiter und Arbeiterinnen, als die Katastrophe ausbrach. Die ISjährige Arbeiterin Helene D ä ring, die von der ganzen Wucht der Explo» sion gefaßt wurde, muß entweder in die Schienen des Tauch- apparates geraten oder von den A l k o h o l g a s e n, die dem explo- dierten Motor entströmten, so betäubt worden sein, daß ihr ein Entkommen unmöglich war. Gegen diese letztere Annahme spricht jedoch die Schilderung eines Augenzengen der entsetzlichen Szene. Er bekundet, daß der Körper der Unglücklichen durch den furchtbaren Druck der explodierenden Gase völlig verstümmelt wurde. Der Werkmeister Paul G l u s k e, der einen komplizierten Unterschenkel- bruch und eine schwere Schädelverletzung davontrug, saß dicht vor der Maschine, als das Unglück geschah. Teile des tn faustdicken Stücken herumfliegenden Materials trafen ihn schwer an der Stirn. Wie wir bereits in der Abendausgabe berichteten, ist er bereits in den ersten Mittagsstunden seinen Verletzungen erlegen. Zu sehr schweren Bedenken gibt auch das Befinden der Arbeiterin Helga II f a Anlaß. Sie erlitt überaus gefährliche Brandwunden. Hier besteht Lebensgefahr. Einer der an der Unglücksstätt« beschäftigten Arbeiter, dem es noch rechtzeitig gelang, sich vor der Katastrophe zu retten, schilderte uns den Hergang der Explosion. Hiernach muß die Detonation von geradezu verheerender Wirkung gewesen sein. Das schwere Ziegeldach des Gebäudes wurde, einem Pappdeckel gleich, in die Höhe geschleudert. Riesige Eisenstücke, Ziegelsteine und meterlange, zum Teil brennende. Balten flogen durch die Luft, bis sie etwa 25 Meter von dem Explosionsort ent- fernt zu Boden fielen. Die Fensterscheiben waren im Auaenblick' zersplittert. Zwei Minuten nach Ausbruch der Explosion schössen zwischen den zersplitterten Dachspalten und den Fensterscheiben ge- waltige Flammensäulen empor. Teile der Mauern prasselten zu- sammen. Unter den Arbeitern und Arbeiterinnen brach eine Panik aus. In wilder Hast suchte alles das Freie zu gewinnen. Ein Glück war es noch, daß der Wind die Flammen, die blitzschnell das ganze Gebäude eingehüllt hatten, nach Osten zum Bahnhof Jungfern- Heide trieb. Dicht neben dem Unglücksgebäude befand sich der Abkapselungsbetrieb der Schering A.-G., in dem dreißig Arbeiterinnen beschäftigt waren. Hätte sich der Wind nach Westen gewandt, so wäre noch weit schlimmeres Unheil geschehen. Die Feuerwehr, die sich gegen 1�9 Uhr unter der Leitung des Ober- branddirektors G e m p p mit Energie an die Löscharbeiten machte, hatte zum Teil unter den schwierigsten Bedingungen zu kämpfen/ da die starke Rauchentwicklung und das Durcheinander der Trümmer- statte ein wirksames Eingreifen der Wehren aufs unerträglichste er- schwerten. Gegen �10 Uhr war der Brand lokalisiert, und kurze Zeit später gefrischt. Von dem Gebäude der Flaka G. m. b. H. war nichts mehr zu retten. Das haus ist bis auf die Grund- mauern ausgebrannt. Ein Gang durch die UnHeilstätte zeigt Szenen unbeschreiblichster Verwüstung. Auf den Böden schwimmt fußhoch das Wasser. Der Boden ist mit Steintrümmern übersät, überall liegen verbogene Maschinenteile, und große, verkohlte Holzbalken versperren den Weg. Da Funken des Brandes zu einem etwa 19 Meter entfernt liegenden Brauntahlenlager über- gesprungen waren, hatten sich die Wehren mit zwei Bränden zu be- Ichöftigen. Noch gegen 2 Uhr waren freiwillige Helfer aus dem Betriebe dabei, mit den Schläuchen der Betriebsfeuerwehr das riesige Kohlenlager unter Wasser zu setzen, aus dem es noch immer unauf- hörlich aufdampft. Eine große Anzahl Neugieriger umsäumte den ganzen gestrigen Tag das UnglücksgelSnde. Seltsame Absperrungsmatznahmen. Das mehr als eigentümliche Verhalten der Direktion der Sche- ring A.-G., die der Presse den Zutritt verweigerte und zu dem gestern bereits ein Mittagsblatt Stellung genommen hat, fordert zu schärfster Kritik heraus. Als der Berichterstatter unsere» Blattes sich unter Vorzeigung feines Ausweises mit dem dienst- tuenden Branddirektor in Verbindung setzte und ihn ersuchte, wurde ihm bedeutet, daß die Direktion des Werkes Anweisung gegeben habe. alle Besucher in die Lureauräume der Direktion pi dirigieren. Al» unser Vertreter dort die Bitte aussprach, ihm die Befich- tigung de» Explosionsgeländes freizugeben, wurde ihm von Direktor Seyffert, dem Leiter der Werte, bedeutet, daß das völlig unmöglich sei. Sie(die Schering A.-G.) würden aus Prinzip keinen Fremden auf ihre Grundstücke lasten, und zu einer eventuellen Genehmigung müsse er erst einen.zustimmenden Beschluß der Generalversammlung" haben.(!l) Auch das dringende Ersuchen unseres Mitarbeiters, ibm im Jntereste der' Oeffentlichkeit, die durch wilde Kombinationen und Gerüchte aufs schwerste beun- ruhigt war, die Besichtigung freizugeben, wurde abschlägig beschieden. Jedenfalls ist es unerhört, daß die Direktion der Schering A.-G. einem Arbeiterblatt aus wohl nur zu durchsichtigen Gründen die Pflicht der ernsten Berichterstattung ungewöhnlich erschwerte, während die Photographen bürgerlicher Sensationsblätter ohne weitere» Auf» nahmen machen durften._ Sperrfrist für Fernsprechteilnehmer. Die Reichspostverwaltung will solche Fernsprechteilnehmer, die die Gebühren nicht innerhalb einer Wochezahlen, nicht mehr durchweg fernmündlich erinnern, weil das die Dienst« stellen zu sehr belastet. Künftig sollen nur noch solche Teilnehmer erinnert werden, die ausnahmsweise im Rückstand bleiben. Wurde innerhalb eine« Jahres, vom 1. Januar 1925 an gerechnet, dreimal an Zahlung erinnert, so wird in einem neuen Falle der Zahlung»- säumigkeit nach Ablaut der einwöchigen Frist der Fernsprechanschluß ohne vorherige Erinnerung gesperrt. In der jetzigen Reisezeit werden Fernsprechteilnehmer, die längere Zeit verreisen well», gut tun. die« beim zuständigen Fernsprechamt zu melden. Man darf wohl erwarten, daß dann bis zur Rückkehr von der Reise keine Zahlungsaufforderung erfolgt. Knills»potttische MWonen�. Sleinigkeiien eines polilifchen Hochstaplers. Gegen den berüchtigten angeblichen früheren Leutnant Krull schweben neben dem Ermittlungsoersahren wegen Ermordung von Rosa Luxemburg auch noch Verfahren wegen B e« günstigung der Erzberger- Mörder und in der Sache des Bombenattentat» gegen Parvus, jedoch ist in diesen Fällen seine Auslleferung aus Holland noch nicht beantragt worden. Gegen Krull regte stch der Verdacht, daß er der unbekannte Mann gewesen ist, der auf das Trittbrett des Autos gesprungen war und Frau Luxemburg mit dem Revolver niedergeschossen hat. Die Be> weisaufnahme �rgab anläßlich der Vernehmung des Oberregierungs- rots Mühleisen vom Reichskommiffarlat für öffentliche Sicherheil. daß Krull auch für die politische Polizei tätig gewesen ist. Bei dem Verkehr im Poiizeiprästdium war es Krull gelungen, sich in Besitz von Formularen der Abteilung I /c zu setzen, insbesondere auch von gestempelten Ausweisungsbefehlformularen. Mit Viesen hat Krull dann die Handlungen begangen, die ihm fetzt die Anklage wegen schwerer Urkundenfälschung zuge- zogen haben. Der Angeklagte Krull bestreitet, einen Diebstahl begangen zu haben. Das hätte er gar nicht nötig gehabt, denn er habe von den Beamten alles bekommen, was er verlangt hätte. Eine nähere Angabe feine« Hintermannes verweigert er jedoch. Zum Beweise dafür beruft er sich darauf, daß er sämtstche Geheimakten einsehen konnte und daß er direkt Akten, die mit seiner geheimnisvollen Ermittlung im Zusammenhang standen, photographieren tonnte. Bei der Auslieferung Krull» wurden in feiner Mappe eine Anzahl Formulare der Abteilung I A gefunden. Die Aktenmappe enthielt aber auch ein Schreiben Krulls an die Albatros-Werke, in dem diesen mitgeteilt wurde, daß sechs Krull gehörige Flugzeuge gemäß Beschluß des Reichsgerichts beschlagnahmt worden seien. Krull be- hauptete, daß er das Schreiben zwar gefälscht habe, aber davon nie Gebrauch gemacht hätte. Welchen Zweck er mit dieser Fälschung beabsichtigt habe, will er wiederum unter geheimnisvollen An- deutungen vorläufig nicht sagen. Außerdem hatte Krull auch eine Urkundenfälschung begangen, indem er einem tschechoslowakischen Staatsbürger in Berlin einen von ihm selbst mit Hilfe der ent- wendeten Formulare ausgefüllten Ausweisungsbefehl vorzeigte und sich erbot, ihm zur Abwendung der Maßnahme behilflich zu fein. Nach der Aussage des betreffenden Ausländers hat Krull weder Geld verlangt noch erhalten. Die Anklage allerdings nimmt an. daß es ihm Saraus angekommen sei, später Geld zu erhalten. Auch in einigen Wohnungsangelegenheiten hat Krull mit falschen Au»- weisen operiert, aber auch hier konnte nicht nachgewiesen werden, daß er dabei Borteile gehabt habe. Der Staatsanwalt beantragte gegen Krull wegen vollendeter und versuchter Urkundenfälschung, Betruges und Aktenbeseitigung eine Gesamtstrafe von zwei Jahren Gefängnis unter Anrechnung von 11 Monaten Untersuchungshaft. Nach längerer Beratung verurteilte das Schöffengericht Schöneberg Krull zu einer Gesamtstrafe von 19 Monaten Gefängnis, die durch die Untersuchungshast für verbüßt erachtet wurden, im übrigen erfolgte Freisprechung. Landgerichtsdirektor Schneider be- zeichnete Krull in dem Urteil ols eine Abenteurernatur. Seine Offiziersbeförderung habe er nicht glaubhaft machen können. Wieweit dt« Serwendung Krull» in polltischen Dingen erfolgt sei. habe das Gericht nicht nachprüfen können. Der Angeklagte fei ein Mann, der sich den Anschein zu geben sucht, daß er alle möglichen Beziehungen habe. Darin liege der Schlüffel für feine Straftaten. Vorbereitungen zum verfosiungstag. Der Berfaffungstag wirb auch in diesem Jahre, wenn er auch nicht als gesetzlicher Feiertag, als Staatsfeiertag der Deutschen Re- puttik, festgelegt fft, vom deutschen Volt« mit großen Feiern begangen werden. Da der eigentliche Derfassungstag, der 11. August, diesmal auf einen Wochentag, den Dienstag, fällt, an dem es vor allem der weicktätigen Bevölkerung nicht möglich ist, zu feiern, fo finden die Volksfeste am vorhergehenden Sonnabend, dm 8., und Sonntag, den 9. August, statt. Wie im vorigen Jahr« hat da» Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold im Einverständnis mit den republikanischen Partelen die würdevoll« Ausgestaltung und die Vorbereitung der Feiern in die Hand genommen. Während im vorigen Jahre die Hauptverfaffungsfeier in Weimar an der Geburtsstätt« der Derfaffung stattfand, wird In diesem Jahne Berlin die groß« Berfassungsfeier toben. Während die einzelnen Gau« de» Reichsbanner» für ihre Gebiete ebenfalls Verfassungsfeiern veranstalten, werden sie gleich. zeitig beträchtlich« Abordnungen nach Berlin senden. Berlin wird damit zum ersten Male eine Art Republikanischen Tag haben. Eine besonder« Bodeuiung erhält die Berliner Dersasiungsveranstalwng durch ihre gleichzeitige Einstellung ol» Broßoeutscher re- Dss Rundfunkprogramm. Donnerstag, den 2. Juli. AnCar dem übliohen Tagesprogramm: B— 6.80 Uhr abends: Konaert, 7 Uhr abends: Oberpostrat Dr. Schwellenbacb:»Der Begriff dos Zufalls im deutschen Postreoht und in weltanschaulicher Beleuchtung*. 7.30 Uhr abends: Geh. Begierungsrat Prot Dr A. Miethe: /Das Himmelsfernrohr und seine Meister*. 6. Vortrag..Das photographisohe Fernrohr*. 8 Uhr abends: Dr. Waldemar r. Olshausen:„Klopetoolc und unsere Zelt".(Zum 201. Geburtstage des Dichters). 8.30 Uhr abends: Lyrik der Gegenwart(zweiter Abend). 1. Einleitende Worte (rtermann Kasack). 2, a) Frans Werkel: Aus den Büchern:.Der Weltfreund*,.Gerichtstag",.Besohwörungen*, b) Kurt Heynicko: Aus den Bänden:.Kings fallen Sterne*, �Gottes Geigen,.Das namenlose Angesiebt*(Alfred Braun, Rezitation). 3. Cisar Franek: Sonate(Konzertmeistor Feri Roth, Violine, und Theophil Demetrieseu, Klarier). 4. a) Jakob Heringer: Ans dem Manuskript des Bandes.Ausgewählte Dichtungen*, b) Oskar Lürke: Ans den Bänden.Gedichte*:.Die heimlione Stadt*, c) Oskar Ldrke i Aus dem Manuskript.Pompeji* d) Gottfried Benn: Ans den Bänden .Gesammelte Werke";.Schntt"(Gerda Müller, Rezitation). 5. a) Herrn. Kasack; Aus den Bänden:.Die Insel", b) Hermann Kasack: Ans dem Manuskript.Stadium*(Hermann Kasack). 6. a) Reger: Romanze, b) Suk; Burleske(Konzertmeister Feri Roth; am Flügel• Theophil Demetrieseu). 7. a) Iwan GoH: Aus den Bänden:.Der Panamakanal* und.Der Eiffelturm", b) Walter Mehring: Aus den Bänden:.Da» Ketzerbrerier* und.Europäische Nächte(Gerda Müller). AnsohlieOend: Dritte Bekanntgabe der neuesten Tagesnaohrichten, Zeitansage. Wetterdienst, Sportnach- richten, Theater- und Film dienst. 10.30—12 Uhr abends: Tanzmusik. prtbnfonif cher Tag. Räch dm zurzeit oorSegende» Meldungen werden aus Deutschösterreich Abordnungm von Sängern und des Republikanischen Schutzbundes in einer Stärke von 2999 Mann eintreffen. Die aus dem Reich« enoartetm Reichsbannertomeraden werden«nrf 199 999 geschätzt. Das Programm für die Ver- faffungsfeier ist jetzt von dem Großen Ausschuß des Reichsbanners in feinm Hauptpunkten festgelegt: Am Sonnabend, den 8. August, treffen voraussichtlich die D e u t s ch- O e st e r r e i ch e r ein und werden festlich empfang». Im Laufe desselben Tages kommen die Sonderzüge aus dem Reiche. Die Begrüßung und die Verteilung der Quartiere— die von der republikanischen Bevölkerung zur Ver- fügung gestellt werden sollen— erfolgt im Map, der für diese Zwecke vollständig zur Verfügung steht. Am Sonntag, den 9. August, werden in den verschiedenen Stadtteilen vormittags um 11 Uhr auf öffentlichen Plätzen große Verfassungsfeiern veranstaltet. Im Anschluß daran beginnt der Abmarsch nach Treptow, wo auf der Spielwiese die Hauptfeier stattfindet. Führende Architekten und Künstler haben sich bereits zur Verfügung gestellt, um der geplanten Ausschmückung der Spielwiese und der Hauptpunkte in Treptow einen würdigen und großzügigen Rahmen zu geben. Nach Ab- schluß der Feier auf der Spielwiese findm in fämtlichm Lokalen Treptows Volksfest« statt. Hier sind Vorführungen der Turner, Cesangsvortröge und Spiele für die Kinder eingerichtet. Die re- publrianifchen Wassersportler treffen sich mit ihren Booten auf der Spree. Am Abend wird auf der Spree ein großes Feuerwerk ob- gebrannt. Bereits heute liegen Taufende von Anmeldungen von Teilnehmern aus der Provinz vor. Die Berliner Bevölkerung wetteifert mit ihren Organisationen und Vereinen, alles daran zu fetzen, um der Verfassungsfeier in Berlin in diesem Jahre den groß- zügigsten Rahmen zu geben. Die Feier des diesjährigen Verfassungstages in Berlin am 8. und 9. August erhält durch das Zusammenströmen von taufenden Republikanern und Reichsbannerkomeraden aus dem Reich und durch den Besuch von 2999 Deutschö st erreichern eine besonders große Bedeutung. Die Vorbereitungen werden im Einoernehmen mit den republikanischen Parteien vom Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold durchgeführt. Die zahlreichen Gäste, die Berlin In diesen Tagen aufnehmen will, müssen untergebracht werden. Da diese Gäste meist den Kreisen angehören, die mit jedem Pfennig rechnen müssen, so wenden wir uns an die republikanische Bevölke- rung Berlins mit der dringenden Bitte, ihrerseits Gast freund- f ch a f t zu üben und F r e> q u a r t t e r e zur Verfügung zu stellen. Wir erwarten bestimmt, daß das republikanische Berlin auch In vielem Punkt alles aufbietet, um die Republikaner aus dem Reich gastlich zu empfangen. Meldungen werden erbeten an die Adresse des Gauvorstandes des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, Berlin S. 14. Sebastianstraße 37/38, Hof II. ver Kutfthermorü bei Jüterbog. Selbstbezichtigung, um aus der Anstalt herauszukommeu. Im Laufe der Verhandlung vor dem Potsdamer Schwur- g e r i ch t nahm die Vernehmung des Angeklagten L ö n i g etwa 2% Stunden in Anspruch. Lönig hatte seinerzeit ein Geständnis in der F ü r f o r g e a n st a l t Strausberg abgelegt, daß« und der Angeklagte Simon den Bierkutscher Haufe ermordet haben. Vor einigen Wochen hat er die S e l b st b e z i ch t i g u n g zurück- genommen und auch in der Hauptoerhandlung erklärte heute Lönig, daß er nur deswegen stch des Mordes bezichtigt habe, u m aus der An st alt herauszukommen. Denn es fei in ihr fürchterlich gewesen. Auf die Frage de» Borsitzenden, ob er denn im Leben an nichts mehr Freude habe, erklärte Lönig: Rein, an nicht» mehr. Ich ha ff«die An st alt wie den Tod. Auf die Frage, warum er monatelang bei dem Geständnis geblieben iei und den Simon mitbezichtigt habe, erklärte Lönig: Ach, die vielen Lokaltermine und Autofahrten und dann hin und wieder eine Zigarette, das machte mir viel Spaß. Das war doch besser wie die Anstalt. An den Landesdirektor der Fürsorgeanstalt hatte Lonig eines Tages einen Brief geschrieben, daß, wenn er nicht au» der Anstalt käme, er zum Mörder werden müsse. Simon, der gleichfalls ein Geständnis im Polizeigefängnis abgelegt hatte, leugnet heute ebenfall». Er will durch Mißhandlungen Sif der Polizei zu dem Geständnis gebracht worden fein. Die olizelbeamten sind ol» Zeugen geladen und sollen darüber aus- sagen, ob Mißhandlungen vorgekommen sind. Die Zeugenaussagen vom Nachmittag haben nichts Aufklärendes in die Berhandlung hineingebracht.— Gesucht wird noch die Zeugin Ernestine Sayda, geb. Dorneburg, geschiedene Schultz?: sie ist vor einem halben Jahr nach Köln gefahren, vor wenigen Wochen in Luckenwalde gesehen worden und soll vermutlich jetzt in Leipzig oder Dresden fein. veutsihnattonale Kgitatioa. Zwei Proben au» ihren Versammlungen. Die Deutschnationalen agitieren. Das ist ihr gutes Recht. Das Recht der andern aber ist es, die Art dieser Agitation zu kenn- zeichnen und so dafür zu sorgen, daß die beabsichtigte Wirkung dieser skrupellosen Politiker nicht erreicht wird. Wir geben im fol. genben zwei Proben von solchen Versammlungen, die für sich selbst wirken und so jedes Kommentars entbehren können. .Konrad Haenisch, ein neuzeitlicher Minister" lautete das eigen- artige Thema, über das jüngst der Reichstagsabgeordnete Prof. Dr. K a e h l e r, Greifswald, in einer deutschnationalen Wilmers- dorfer Versammlung sprach. Herr Kaehler ist Professor der Theolo- gle in Haenisch's Heimatstadt, was ihn jedoch nicht abhielt, unter dem Deckmantel der Anerkennung für den Idealisten Haenisch, der nie um des Geldes willen etwas getan habe, sehr gehässige An- griffe gegen seinen Landsmann zu richten. In der Partei fei er so gut wie vergessen. Deshalb müsse die Deutschnationale Partei für den.überwundenen Mann, von dem des Freundes Stimme schweige, eine Gedenkfeier abhalten. Als Minister habe er sich durchaus nicht als Sozialdemokraten, sondern höchstens.radikal-demokrotifch" gezeigt. Deshalb las man an seinem Todestage nur kleine Notizen in der sozialdemokratischen Presse, was bei dem am meisten genannten.Revolutionsminifter" nach- denklich stimmen müsse. Trotz dieser Anerkennung der gemäßigten Gesinnung des verewigten Kultusministers und Regierungspräsidenten fuhr Redner mit dem schwersten Geschütz gegen den Pazi- fisten Haenisch auf, der diese verwerfliche Gesinnung in die Schule getragen habe. Im vaterländischen Sinne sei er ein Schädling wie nur wenige gewesen. Obgleich als echter Deutscher sentimental,' habe er doch ein undeutsches Wesen entfallet.— Wahrlich eine echt deutschnationale Charakteristik seitens eines Gottesmannes, Lands- mannes und angeblich unparteiischen Beurteilers. Die Aufwertungsfrage scheint den Herren Deutschnatio« nalen bedenklich in den Knochen zu liegen, sonst würden sie in jetziger Sommerszeit doch nicht so viel Redner aufbieten, um die in ihren schönsten Hoffnungen betrogenen gläubigen Schäflein zu beruhigen. So sprach der famose, frühere voltsparteiliche, jetzt deutsckmationale m ammülche MunJwa&ev Der TODESSPRINGER Reichstagsabgeordnete Geisler am Sonnabend in der Aufa des Charlottenburger Augufta- Gymnasiums in der Cauerstraße vor einer im besagten wunden Bunfte sehr empfindlichen Zuhörerschaft. Vielfach wurden störende Zwischenrufe laut, denen ein mit einem schweren Knüppel bewaffneter Ordner" durch den drohenden Hinweis auf sein Hausrecht zu begegnen suchte; der Redner aber durch die humoristisch wirken sollende Bemerkung: Bir befinden uns doch hier nicht in einer Judenschule" entgegen trat. Zugleich[ chimpfte Cliff er weiblich auf seinen ehemaligen Frattionstollegen Dr. Best und feine jezige Gefolgschaft, die„ Bölkische Freiheitspartei", welche bei Aeros nahe ebenso gefährlich sei wie die bösen Sozialdemokraten. Diese Art hilflose Polemit ließ tief blicken. Die Feuerlöschboote der Stadt Berlin. Inbetriebnahme Ende dieses Jahres. Wiederauftreten TAGLICH BERLIN C 19 GERTRAUDTENSTR. 25-27 ROSS- STR. 1-4 PEEK& CLOPPENBURG M. H. ULAP Der Vergnügungspark am Lehrt. Bht. Eintritt nur 50 Pf. Neue WelfArnold Schoiz, Hasenheide 108/114 Donnerstag, den 2. Juli: Großes Riesen- W Kunstfeuerwerk Märchen aus 1001ner Nacht Der Brand von Bagdad abgebrannt von dem Kunstfeuerwerker E. Nielandt Aus Mitteilungen des von seiner Studienreise nach Amerita zurüdgefehrten Oberbranddirektors Gempp ging hervor, daß die Stadt Berlin nach dem Vorbild anderer Großstädte, die an wichtigen Wasserstraßen liegen, nunmehr auch für die Bereitstellung Der Feuerstarz aus 28m Höhe von Feuerlöschbooten Sorge tragen will, denen die Mitwirkung bei der Bekämpfung von Bränden an den Ufern der Ber liner Wasserstraßen zufallen soll. Wie wir erfahren, find von der Stadt Berlin zunächst drei Feuerlösch boote bei den Albatros- Werken in Friedrichshagen in Auftrag gegeben worden, und zwar handelt es sich dabei um zwei Neufonstruktionen, sowie um den Umbau eines für diese Zwecke von Berlin in Hamburg angetauften Bootes. Die Löschschiffe sollen mit den neuesten Errungenschaften auf feuertechnischem Gebiet ausgerüstet werden, fie werden u. a. besonders starte Rohre, sogenannte Wenderohre, erhalten, deren Mundstüde in Gelenten drehbar sein werden. Außerdem werden die Boote mit Radio- Stationen versehen werden, damit sie jederzeit, wo sie auch gerade fein mögen, alarmiert und an die betreffende Brandstelle dirigiert werden können. Vorausfichtlich wird man nämlich davon Abstand nehmen, diese Boote nur cn bestimmten Stellen der Berliner Wasserstraßen vor Anter liegen zu lassen. Glücklicherweise gehören Brände in den großen in dustriellen Anlagen an den Spreeufern zu den Seltenheiten, fo daß Schiffe wohl faum häufig in Anspruch genommen werden dürfen. Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit will man sie daher für gewöhnlich anderen Sweden, als denen der Feuerbekämpfung tienfibar machen. In dieser Richtung schweben zurzeit Berhandlungen mit verschiedenen Privatgesellschaften. So ist beabsichtigt, die Schiffe für den Patrouillendienst gegen Einbrüche und Diebstahle an den Wasserstraßen bei Nacht zu verwenden, eventuell auch zum Bugsieren in den Berliner Häfen, doch find darüber noch teine Entscheidungen getroffen. Auf jeden Fall mer den die Boote immer mit Feuerwehrmannschaften besezt sein, um auf funtentelegraphischem Anruf fofort in Aftion treten zu fönnen. Mit der Indienststellung der Boote tann noch für Ende dieses Jahres gerechnet werden. Automobilrennen bekannter Bühnenfterne. außerd. Großes Konzert and Varieté- Vorstellung Ganz neues Programm! 35 Künstler und Gr. Ball Einlaß 3 Uhr Anfang 5 Uhr Trabrennen Ruhleben Donnerstag, d. 2. Juli, nachm. 3 Uhr LJUERGENS Am nächsten Sonntag, nachmittags 2 Uhr, findet auf der Avus ein Automobilrennen statt, das diesmal nicht von Berufsfahrern, sondern von den bekanntesten Film- und Bühnenfünstlern ALEXANDER PLATZ bestritten wird. Im Auslande gibt es seit Jahren derartige sport liche Wettbewerbe, und so ist auch auf der Avusbahn die Besetzung des Rennens ganz hervorragend. Die Eintrittspreise sind so gehal ten, daß es den weitesten Kreisen der Bevölkerung möglich ist, diesem außergewöhnlichen Rennen beizuwohnen. das Hours Ear Bezirksbildungsansschuß Groß- Berlin. Bier Große Fentonzerte 1925/26. Internationale Boltstänze und Boltslieder. Steppe und Bußta3m Drient Aus der neuen Welt Der deutsche Tanz. Mitwirkende: Das Ballett und erste Solisten der Staatsoper. Stünstlerische Leitung: Mag Terpis, Ballettmeister der Staatsoper. Prof. Schünemann, Dir. der Hoch schule für Mufit. Abonnementspreis für alle vier Veranstaltungen 4 M. Alle wichtigen Bestimmungen enthalten die Zeichnungslisten. Liften liegen aus: Bet den Mitgliedern der Kreis- und Abteilungs.Bildungsausschnie. Zigarrengeschäft Horsch, Engelufer, Tabalvertrieb GFG, Inselstr. 6, BPianos band der Graph. Hilfsarbeiter, Alte Jakobsir. 5, W. Schmidt, N. 39, Tegeler Str. 31, Joh. Moranz. Danziger Str. 46, Buchhandlung Vorwärts, Linden Straße 2, und im Bureau des Bezirksbildungsausschusses, Lindenstr. 3, 2. of 2 Tr. r., Zimmer 8,9. Einem Berliner Hunde- Renn- Club find 153 Meldungen an feinem nächsten Renntag am 5. Juli eingegangen Besonders zu erwähnen ist bie Hoch- unb Weitsprung Konkurrenz. Legter Reford: Soch 1,70 m, Weitsprung 1,20 mal 2,10 m. Die Rennen finden auf der Grunewalbrennbahn statt. Fahrverbindungen ab Charlottenburg bis Pichelsberg 1.05, 1.27, 1.57, 2.11 und 2.53 Uhr. Eintrittspreise: Erwachsene Mt. 1-, Rinder M. 0.50. Ueberschwemmungen in Polen. In Südpolen nimmt die Wassernot immer größeren Um fang an. Der Wasserstand auf den Flüssen Dnjestr, Weichsel, Dunajez und im Oberlauf des San zeigt 5 meter über normal Die Vorstädte von Kratau sind überschwemmt. Die Bahnverbin dung zwischen Oberschlesien und Teschen- Schlesien ist unterbrochen. Bieliz steht teilweise unter Wasser. In dem Hilfskomitee für Ueberschwemmungsschäden, das unter dem Vorsitz des Sejmmarschalls steht, wurde die Zahl der von der Wassersnot betroffenen Einwohner Galiziens auf 300 000 angegeben. Theater, Lichtspiele usw. Berliner Prater Staats- Theater Lessing- Theater Opernhaus 7 Ur: Carmen Tägi. 8 Uhr: Die Opernhaus blaue Stunde am Königsplatz 8 Uhr: Der Stern von Assuan Schauspielhaus 7 Uhr: Jugend Lustspiel von Felix Josky Mewes. Scherk, Pointner, Schröder- Schrom, Maaß Kastanien- Allee 7-9 Heute Gr. Volkstag Gr. Varieté- Vorstellung Auf allen Plätzen 50 Pf., außer Logen Anfang 4 Uhr HEUTE Schiller- Theater Kleines Th. LUNAPARK 72: Torquato Tasso Volksbühne 8 U.: Die deutschen Kleinstädter Theater im Täglich 8 Uhr: Komöd. v.Hartleben Angele Ehre FEUERWERK 12 Lunapark Girls 3 BONELLYS DerArzt seiner ELITE TAG Admiralspalast Groteske v Mongré Tä lich 2 Uhr: Chocolate Trianon- Th. Middies 1.- 4 Juli geschlossen Amerikas größte Ab Sonntag. 5. Juli farbige Künstler! 8 Uhr: Die Sount. 2Vorsteligen. Jugendprinzessin 3 und 8 Uhr Die Nachmittags Vorstellung zu halben Preisen! Metropol Theat. 8 Uhr: Tausend Musik v. Kurt Zorlig Grete Seilin, Martin Kettner, Sandt, Reiter Deutsches süße Beinchen Künstler- Theater Th. d Westens Steinp.931 8U USCHI v Jean Gilbert Uschi Eilect, Fr. Schulz Gertrude Berliner Wegen d.großen Andrangs an d Abend k. bitte d. Vorverkauf zu benutzen. Th.i.Komm.- Str D. stürmische Lacher folg 812: Sommerpreise, 8 Uhr: Meiseken Berliner Theater 7.45 Uhr: Konzert.Philh.Bi- Orch Eintritt 1.25 Mk. Reichshallen- Theater Gastspiel der berühmten Dresdn. Viktoria- Sänger Anfang 8 Uhr 1. August Wiederauftreten der Stettiner Sänger Dönhoff- Brett'!: Saal und Garten Das entzückende Juli- Programm! Rose- Theater Komödienhaus 8% D.blaueHeinrich Gartenbühne: 734 U.: Rund um die Berolina 7½ Uhr: Der letzte Kuß Anneliese V. Dessau Theater am Koth.Tor Magen ETROPO ME VARIETYL 8 Uhr: Das erstklassige JullDurch den Rundfunk Programm Tägi. 8 Uhr: Elticleibende nehmen die echten Reichels Sänger. Magentropfen, bas Neues Progr. erprobte Rezept M. 1Unser Haus u. 2,50. Jn Drogerien erdroantu. Apotheken, sonst bei unter den Otto Reichel, Berlin 43 Lachsalven des be- SO, Eisenbahnstr. 4, geistert. Publikums. 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Sein Nugen beschränkt sich darauf, daß seine Beschreibung einen auffehenerregenden Anfang für die wich tige Mahnung gibt, die jetzt folgt und die ohne diesen Anfang zu wenig beachtet werden würde: Kufirolen Sie! Wir laffen jetzt das Kamelkrokodil, nachdem es feinen Zwed erfüllt hat, vorläufig mit fich allein und erheben und beantworten die Frage: Was heißt Kutirolen? Sim tutirolen zu tonnen, muß man erftens Füße haben und zweitens die drei millionenfach bewährten Kukirol Präparate: Kukirol- Fußbad( Doppelpadung 50 Dfa.), Kutirol- Streupuder( Blechoose 1 Mark) und Kukirol- Hühneraugen- Pflaster( Padung 75 Pfa.). Kutirolen heißt, richtige, also Kutirol Fußpflege betreiben. Kutirolen kann man nur mit den echten Kukirol- Präparaten, nicht mit irgendwelchen Nachahmungen und erst recht nicht mit veralteten, dem Zwecke nicht mehr entsprechenden Mitteln. Es ist erstaunlich, wie wohltuend ich die Kukirol- Fußpflege auf den ganzen Körper auswirkt. Wenn Sie sich selbst beobachten, so werden Sie bemerken, wie sehr durch schwitzende, brennende, mit Hühneraugen behaftete Füße das gesamte Wohlbefinden gestört wird, wie matt Sie sich da fühlen, wie der dumpfe Schmerz in den Füßen durch die Beine bis in den Rücken hinauf sich fortsetzt und Sie nervos und müde macht, wie Sie mit gekrümmtem Rücken und gebogenen Knien gehen, und wie wohl, wie frisch und Spannkraftig Sie sich wieder fühlen, wenn Sie ein Kutirol- Fußbad genommen haben. Und vollends gar, wenn Sie das regelmäßig tun, wenn Sie durch fleißigen Gebrauch des Kukirol- Streupuders diesen unangenehmen Erscheinungen vorbeugen und wenn Sie die häßlichen und schmerzhaften Hühneraugen leicht und ohne Beschwerden entfernen. Sie fühlen fich ja wie neugeboren. Am vorteilhafteften kaufen Sie gleich eine ganze Kukirol- Kurpadung für 2 Mart. Die kleine Ausgabe ersparen Sie allein schon wieder an den Strümpfen. Besonders die Damen sollten das beachten, denn ein Paar Florftrümpfe können durch khwitzende Füße in einem Nachmittag erledigt sein. Aber Sie können auch schon für 30 Pfennig einen kleinen Verfuch machen, wenn Sie eine Probepadung Kufirol- Fußbad verlangen. Für Sportsleute fft das Kutirolen einfach unentbehrlich. Es gibt dem Fuße jene federnde Energie, die ihn zu viel größeren Leistungen befähigt, und schützt vor Ermüdung. Der Weltmeister Breitenfträter kam vor einiger Zeit eigens hierher, um sich die Kufirol Fabrik anzusehen, und sagte bei seinem Fortgehen:.50 groß habe ich mir Ihre Fabrik nich vorgeftellt. Eine Kutirol Kurpadung hat schon oft bei Wettkämpfen den Sieg auf die Seite deffen gebracht, der fie rechtzeitig anwandte. Daß fie nicht im Ruckfack des Touristen fehlen darf, ist selbstverständlich. Jede Apotheke und Drogerie führt die Kutirol- Präparate. 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