Nr. 311 42. Jahrg. Ausgabe A r. 160 Bezugspreis: Wöchentlich 70 Bfennig, monatlich 8, Reichsmart voraus zahlbar. Unter Rreuzband für Deutschland, Danzig, Saar- und Memelgebiet, Desterreich, Litauen, Luremburg 4,50 Reichsmart, für das übrige Ausland 5,50 Reichsmart pro Monat. Der Vorwärts" mit der Sonntags beilage Bolt und Beit" mit„ Gied. lung und Kleingarten sowie der Beilage Unterhaltung und Wissen und Frauenbeilage Frauenstimme erfcheint wochentäglich ameimal, Gonntags und Montags einmal. Telegramm- Adresse: -Sozialdemokrat Berlin* Morgenausgabe Vorwärts Berliner Volksblatt 10 Pfennig Anzeigenvreise Die einfpeltige Nonpareille. Beile 80 Pfennig. Reklamezeile 5, Reichsmart. ,, Kleine Anzeigen" das fettgedrudte Wort 25 Pfenria ( zuläffig zwei fettgedruckte Worte), jebes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche das erfte Wort 15 Pfennig, jedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buch. ftaben zählen für zwei Worte. Familienanzeigen für Abonnenten Beile 40 Pfennig. Anzeigen für die nächste Summer milffex bis 4 Uhr nachmittags im Sauptgeschäft, Berlin GW 68, Linden. ftraße 3, abgegeben werden. Geöffnet Don 9 Uhr früb bis 5 Uhr nachm. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutfchlands Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Redaktion Tönhoff 292-295 Verlag: Dönhoff 2506-2507 Sonnabend, den 4. Juli 1925 China und die Mächte. Einberufung einer internationalen Konferenz durch Amerika? Paris, 2. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Nach Meldungen aus Washington beabsichtigt die USA.- Regierung die Einberufung einer internationalen Konferenz, die die von China verlangte Auf hebung der Erterritorialrechte der Großmächte zum Gegenstand haben soll. Zu dieser Konferenz sollen außer den neun Unterzeichnern des Washingtoner Abkommens noch die vier Regierungen, die später beigetreten sind, nämlich Spanien, Peru, Däne mark und Schweden eingeladen werden. Als Voraussetzung für die Aufgabe der Privilegien, die die Mächte in China befizen, gedenkt die amerikanische Regierung folgendes vorzuschlagen: 1. Ber einheitlichung des chinesischen Rechts, 2. Schaffung verantwortlicher chinesischer Gerichte, 3. Anerkennung einer 3entral regierung, die über ausreichende Machtmittel zum Schuße der Fremden verfügt, durch die verschiedenen chinesischen Parteien. schaften ein, die den Bürgerkrieg im Gebiet zwischen Kanton und Yunnan entfachen und schüren. Schon ist die Zahl der Streifenden in China von 50 000 auf mehr als 300 000 gestiegen. 3u wieder holten Malen ist Arbeiterblut geflossen. Das chinesische Volf haßt die Ausländer nicht. Es verteidigt nichts als seine Unabhängigkeit, die feit langem durch die Eingriffe des internationalen Kapitalismus und Imperialismus verfürzt wurde. Die chinesischen Arbeiter, die sich trotz der Verfolgungen zu organisieren beginnen, bekennen sich weder zu den friegerischen Lehren, die im Namen des Bolschewismus verbreitet werden, noch zu der Praxis des Krieges, die von Europa und anderswo herkommt. Ihre Bestrebungen richten sich auf die soziale Demokratie. Mit der Gesamtheit ihres getretenen Boltes fordern fie Gleichheit, Gerechtig. feit und Frieden." Vorwärts- Verlag G.m.b.H., Berlin SW. 68, Lindenstr. 3 Postscheckkonto: Berlin 37536- Bankkonto: Direktion der Diskonto- Gefellschaft, Depofitenkaffe Lindenstraße 3 Vorgefecht im Reichstag. Die Sozialdemokratie fordert Klarheit. Der Reichstag hat gestern einstimmig seinen Präsidenten beauftragt, mit der Regierung wegen der Anberaumung einer Debatte über die auswärtige Politit in Fühlung zu treten. Ein Antrag der Sozialdemokraten, gleich schon den Montag für diese Debatte in Aussicht zu nehmen, murde von den Regierungsparteien abgelehnt, während sich Birth als einziger Zentrumsmann mit der Opposition für diesen Antrag erhob. Der Beschluß des Reichstags ist für die Regierung, die bei der ganzen langen und stürmischen Geschäftsordnungsdebatte nicht anwesend war, zwar feine entscheidende Niederlage, aber eine erhebliche Blamage. Die Rechtsparteien hatten fich soeben erst miteinander geeinigt, die außenpolitische Debatte auf einen ganz unbestimmten Zeitpunkt bis nach der Absendung der deutschen Antwortnote hinauszuschieben. Sie hatten dabei vergessen, daß sie allein nicht die Mehrheit des Hauses haben. Herr Fehrenbach brachte ihnen das mit großer taftischer Geschicklichkeit zum Bewußtsein, die entschei dende Rolle, die das Zentrum bei allen politischen Entscheidungen spielt, tam in seiner Rede zu dramatischem Ausdruck. Hätte das Zentrum gestern mit Birth gestimmt, so England schickt lleber Kriegsgerät. London, 3. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Die englischen offi. ziellen Stellen haben sich auf den Vorschlag des Präsidenten Coolidge zur Einberufung einer China- Konferenz noch nicht geäußert. Der Breffe gegenüber, die Anfragen stellte, zeigte man sich am Freitag sehr zurückhaltend. In Londoner politischen Kreisen wird eine Rongeben und aufhören, China zur Kolonie und zum Schauplaß wäre die Luther- Regierung heute so gut wie erledigt. ferenz augenblicklich als unerwünscht betrachtet, da erst eine Beruhigung in China selbst abzuwarten sei. Der Aufruf fordert zum Schluß die Arbeiter aller Länder auf, ihren Einfluß auf ihre Regierungen auszuüben, damit diese fich jeder militärischen Intervention in China enthalten, das System der ausländischen Konzessionen", das einem Volfe feine Naturschäße und die Früchte seiner Arbeit raubt, aufder imperialistischen und kapitalistischen Konkurrenz zu machen, die nur in einem Kriege enden kann.". Fehrenbach erklärte fich mit den sachlichen Argumenten Births einverstanden rettete aber die RegieLondon, 3. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Die britischen Truppen Die Exekutive der englischen Arbeiterpartei rung, indem er dem scharf oppositionellen Antrag der Soin Kanton erhielten am Freitag eine große Dampferladung hat gemeinsam mit dem Generalrat des englischen Gewerk zialdemokraten die Spize abbog. Es muß ja nicht gerade Kriegsgerät. Neben Munition, Karabinern, Maschinenge- schaftsbundes eine Resolution beschlossen, in der unter Hinweis schon Montag sein wehren wurden auch 10 000 Sandsäcke und viele Rollen Stachel- darauf, daß die unmittelbare Ursache der gegenwärtigen Under Regierung verhandeln, dann wird man weiter sehen. Der Reichstagspräfident wird mit ruhen in China die schändlichen Arbeitsbedingungen in den Fehrenbach rettete die Regierung vor dem Tode und überlies chinesischen Fabriken sind, folgende Forderungen erhoben fie einem Leben voll quälender Berlegenheit. draht zur Verstärkung der Verteidigungsstellungen ausgeladen. China und die Arbeiterschaft. Proteste in allen Ländern. Die Ereignisse in China haben in den Reihen der internationalen Arbeiterklasse ein lebhaftes Echo gefunden. In einer großen Zahl von Ländern haben die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats ihrer Solidarität mit den chinesischen Arbeitern Ausdruck gegeben. Aus der Menge der Kundgebungen greifen wir die folgenden heraus. In einem Aufruf an die Arbeiter aller Länder", den die chinesische Sozialdemokratische Partei in Europa von Paris aus ergehen läßt, heißt es: Die Großmächte Europas, Ameritas, Afiens stehen bewaffnet auf chinesischem Boden. Vor den Häfen liegen ihre Kreuzer; ihre Landungstruppen find bereit einzugreifen. Werden sie gemeinsam ein Volk erwürgen, wie vor 25 Jahren? Wird im Gegenteil ihr innerer Zwist einen Konflikt heraufbeschwören, der zwei Kontinente anzusteden droht? Die Gefahr ist die gleiche. " Neben diesem weißen" Imperialismus greift auch der rote Imperialismus der Sowjetregierung in die Machen Der Vormarsch in Holland. Die Sozialisten stärkste Partei. Amsterdam, 3. Juli.( EP.) Nach den vollständigen Berichten haben die Rechtsparteien im ganzen 58, die Linksparteien 42 Sitze erhalten. Der Block der Linken bleibt somit in der Minderheit, obwohl die Linksparteien 2 Sige gewonnen haben. Die Wahlbeteiligung betrug 1635 000 gegenüber 1598 000 im Jahre 1922. Die Sozialisten haben den größten Stimmenzuwachs zu verzeichnen von 405 000 um 95 000 auf 500 000. Obwohl fie die zahlenmäßig ft ärt fte Partei sind, haben sie nur 24 Sige erhalten, die Katholiken jedoch mit 342 000 Stimmen 30 Size. Der Zuwachs der Katholiken betrug nur 3000 Stimmen. Die sogenannten Gegenrevolutionäre haben 37 000 Stimmen und 3 Size, die Kommunisten 15 000 Stimmen und 1 Sitz verloren. Der Stimmenanteil der Sozialisten im ganzen Lande ist von 20,6 auf 25,4 Pro3. gestiegen, in Amsterdam von 29 auf 37 Pro3, in Rotterdam von 33,5 auf 38 Proz., im Haag von 24 auf 29 Pro3. und in Utrecht von 28 auf 31 Proz. Der deutsch- polnische Wirtschaftszwist. Strzynski winkt ab. In der letzten Sigung der vereinigten Finanz- und Budgetausschüsse des Barschauer Sjem hatte Ministerpräsident Grabski aus dem polnischen Wortschatz den Ausdruck Wirtschaftsfrieg" eliminieren wollen und dabei Maßnahmen angekündigt, die der oberschlesischen Industrie helfen sollen, wie Notstandsarbeiten für die Städte Kattowiß, Königshütte, Rybnik usw. und Unterſtügungen für die nur halbwöchig beschäftigten Arbeiter. Der gestern durch Berlin nach Paris und New York reifende polnische Außen minister Strzynski hat abermals der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß trotz des Beschlusses des Reichsrats über Kampfmaß. nahmen die Berhandlungen in Berlin weitergeführt werden, er hofft, daß ein provisorisches Handelsabkommen wahrscheinlich ist. Bolen wünscht in der bisherigen Menge Fleisch, Hornvich und weine nach Deutschland exportieren zu fönnen. Es ist bereit, werden: 1. Es sollen sofort Schritte unternommen werden, um in den Bertragshäfen die Vorschläge der Schanghaier Kommission zur Unterfuchung der Kinderarbeit durchzuführen und die chinesische Regie rung zu unterstüßen, damit sie ihre fürzlich beschlossenen Arbeiterfchuggefeße überall in Kraft seze und die Lage der chinesischen Arbeiterschaft allgemein bessere. 2. Das System der erterritorialen Gebiete, wie es in China besteht, wo es mit Waffengewalt eingeführt wurde, ist herausfordernd und gefährlich und soll sobald als möglich durch eine internationale Ronferenz aufgehoben werden, wozu England die Initiative ergreifen soll. Eine scharfe Resolution der amerikanischen Sozialisten( Organisation New York der amerikanischen sozialistischen Partei) stellt fest, daß alle fapitalistischen Großmächte sich mit Waffen zusammengetan haben, um die armseligen chinesischen Arbeiter in die Sklaverei zurückzutreiben", und fordert, daß die amerikanische Regierung die Unterstügung der ausländischen Kapitalisten in China einstelle. Deutschland die meist begünstigung zu gewähren. Die Ber: handlungen feien, wie der polnische Außenminister mit Nachdruck hervorhob, nicht endgültig abgebrochen. Frankreichs Budget angenommen. Neue Lebensmittelaufschläge. Paris, 3. Juli.( WTB.) Die Kammer hat ihre Nachtsizung heute vormittag um 7 Uhr 25 Minuten beendet und die Beratung über das Einnahmebudget für das Jahr 1925 zu Ende geführt. Hin sichtlich der Umfaß steuer ist der Vorschlag der Regierung, nachdem die Rammer einen sozialistischen Abänderungsantrag mit 292 gegen 257 Stimmen abgelehnt hatte, mit 319 gegen 241 Stimmen angenommen worden. Das Ministerium hat die Bertrauens frage nicht gestellt. Um den Einnahmeausfall zu ersehen, ist mit 319 gegen 241 Stimmen beschlossen worden, eine Kompensations ſteuer auf 3ucker, Kakao, Schokolade, Kaffee, Tee, Reis und Spiritus sowie Fleisch zu legen. Das Budget sieht vor in Ausgaben und Einnahmen 33 175 269 218 Frant; es wurde mit 410 gegen 31 Stimmen angenommen. Faschisteneinbruch in die Schweiz. Ein Tourist überfallen, Grenzbeamte beschoffen. Genf, 3. Juli( Eigener Drahibericht). Wie erst jetzt befannt wird, ereignete fich ain 29. Juni bei Bella im Kanton Teifin ein eruffer italienisch- schweizerischer Grenzzwischenfall. Bewaffnete Faschiften überschriften die Schweizer Grenze und überfielen einen jungen Schweizer Touristen, den sie schwer mißhandelten, weil er eine rofe Krawatte frug. Die Schweizer Grenzwache fonnte einen der Faschisten entwaffnen, die anderen entfamen, nachdem sie noch auf die Schweizer Grenzbeamten geschoffen hatten. Die griechische Butfchregierung will auch Umstellungen in der Diplomatie vornehmen, und den Gesandten in Belgrad, Bamados, nach Berlin, und den Berliner Vertreter, an Iopulos, nach Belgrad versezen. Fraglich aber ist dabei geworden, ob die Regierung selbst dieses Leben noch, verdient. Wo ist denn ihre Mehrheit? Der Zwist zwischen den Deutschnationalen und der Volkspartei ist mit Mühe und für den Augenblick beigelegt- aber da tut sich, noch nicht ganz unüberbrückbar, aber doch deutlich sichtbar und tief flaffend eine Kluft zwischen den Rechtsparteien und dem Zentrum auf. Auch das Zentrum mißbilligt die Beröffentlichung der voltsparteilichen. Richtlinien sowohl in formaler wie in materieller Beziehung. Auch Fehrenbach, der Lebensretter, hat fachlich den schweren Anklagen Wirths zugeftimmt und gegen den Grafen We starp den Berdacht ausgesprochen, daß er durch seine journalistische Arbeit die Politik der Regierung durchkreuzen wolle. Ohne das Zentrum hat die Regierung Luther- Schiele feine Mehrheit: die Parteien der Mehrheit aber liegen sich unabläffig vor der Deffentlichkeit in den Haaren, eine Uebereinstimmung besteht zwischen ihnen weder in außenpolitischen, noch in innerpolitischen Fragen, nicht einmal über die allernächsten Aufgaben sind sie untereinander einig. Wohl ist eine tattische Roalition vorhanden, die durch die Furcht voreiner Regierungstrise zusammen gehalten wird, aber diese tattische Koalition ist in feiner Be ziehung und in feinem wesentlichen Bunfte eine Meinungsgemeinschaft. So besteht die Gefahr, daß der Sinn des parlamentarischen Systems bis auf den letzten Rest verloren geht und daß nach innen wie nach außen eine Politif getrieben wird, die dem Mehrheitswillen des Reichstags in feiner Weise entspricht. So zum Beispiel ist es jetzt schon flar, daß für die Mindest zölle auf Brotgetreide im Reichstag eine überzeugte Mehrheit nicht vorhanden ist. Die Mindestzölle fönnten nur dann angenommen werden, wenn sich eine größere Anzahl von Abgeordneten dazu bewegen ließe, gegen die eigene beffere Ueberzeugung aus taktischen Erwägungen für sie zu stimmen. für sie zu stimmen. Wir hätten dann einen Zustand, bei dem nicht mehr die Mehrheit entscheidet, sondern die Mehrheit sich aus Furcht vor unübersehbaren Entwicklungen der Dittatur einer Minderheit fügt. Dieselbe Gefahr besteht auch auf außenpolitischem Gebiet. Die Deutschnationalen sind Gegner des Memorandums vom 9. Februar, sie sind Gegner der mit diesem Memorandum eingeleiteten Außenpolitit, und sie find fachlich mit dieser Gegnerschaft im Reichstag isoliert. Sie find eine Minderheit, die anders will als die Mehrheit will oder gerne möchte sie sind tatsächlich im Verhältnis zur Bolitik des Memorandums Opposition. Der Reichstag hat eine Mehrheit, die wünscht, daß im Rahmen des Memorandums ernit ge= meinte Berhandlungen geführt werden mit dem Ziel eines positiven Ergebnisses. Und doch besteht die Gefahr, daß nach deutschnationaler Absicht nur Scheinverhandlungen geführt werden mit der Absicht, nichts zustande kommen zu lassen. Der Wunsch, eine Regierungskrise herbeizuführen, ist in diesem Augenblid wohl auf teiner Seite brennend. Lächerlich sind die Versuche der Rechten, die sozialdemokratische und die demokratische Preise als Krisenmacherin" hinzustellen. Die fchleichende krije, bie mun einmal da ist, hat ihren Grund darin, daß feine Mehrheit vorhanden ist, die weiß, was sie will und daß die„größte Regierungspartei", die Deutschnationale Partei. Herrschaftsgelüste entwickelt, die zu ihrem schwindenden Anhang im Volke und zu ihrer inneren Zerklüftung in schneidendem Kontrast stehen. Ein Sturm des Beifalls raste gestern durch die linke Seite des Reichstags, als Breitscheid den Deutschnationalen zurief. sie wollten schon„Elsaß-Lothringenpreisgebe n", sie wollten nur zuvor wissen, ob sie auch den Zoll von 5,5l) M. bekämen. So ist es in der Tat, daß diese Partei, die an allen Idealen bankerott ist, die alle ihre Wähler enttäuscht und betrogen hat, nur noch das einzige Ziel vor Augen sieht. dem materiellen Gewinnstreben ihrer eigentlichen Auftrag- geber, einer kleinen Herrenschicht, Genüge zu tun. Die Cuno-Regierung endete mit einem großen Kladderadatsch. Wenn die Luther-Regierung noch nicht genz so weit ist, so verdankt sie das nicht ihrem Geschick und nicht ihrer Zusammensetzung, sondern nur der Gunst der Umstände. Aber in dem großen Kuddelmuddel, der auf dem Wege zum Kladderadatsch liegt, sind wir schon wieder mitten drin. Unter diesen Umständen kann die Opposition auf eine klärende Aussprache im Reichstag nicht verzichten. Die Regierung soll heute dem Reichstagspräsidenten sagen, ob sie zu ihr bereit ist._ tteuer Angriff auf Stresemann. Die Deutschnationalen decken den Schiele-Brief. Die Deutschnationale Volkspartei übernimmt offiziell den Beweis, daß Minister Schiele mit gutem Recht in seinem Briefe vom 25. Mai behauptet habe, er kenne den Inhalt des Memorandums nicht. Sie läßt durch das Nachrichtenbureau des VdZ. erklären: „Weder die O e f f e n t l i ch t e i t noch das Kabinett haben den Wortlaut des Memorandums vor seiner Veröffentlichung kennengelernt, und ferner hat auch der Außenminister in seinen vielfachen Darlegungen über den Inhalt des Memorandums wichtigste Punkte nicht berührt. Weder im Reichs- rat am 15. März noch im Auswärtigen Ausschuß am 18. März noch endlich bei der Aussprache im Kabinett am 24. März sind Angaben über die Punkte gemacht worden, welche die EntMilitarisierung des Rheinlandes, den Schiedsvertrag mit Frankreich und die Möglichkeit der Kombination mehrerer oder aller im Memorandum gegebenen Anregungen betreffen. Minister Schiele war also durchaus im Recht, wenn er in seinem Brief zum Ausdruck brachte, daß er den Inhalt des Memorandums nicht kannte. Tatsächlich haben ja auch die Darlegungen des Außenministers nur den Gedanken wiedergegeben, der dem Memorandum zugrunde liegt, dagegen nicht seine genaue Formulierung. Die genaue Kenntnis des Wortlautes allein aber hätte Minister Schiele Veranlassung geben können, Bedenken gegen das Memorandum zu erheben." Diese Erklärung ist noch ungeheuerlicher als der Brief Schieles vom 25. Mai. Nicht nur Schiele, sondern auch das Kabinett soll den Inhalt des Memorandums nicht gekannt haben! In dieser Behauptung liegt eine Beschuldi- gung nicht nur gegen den Außenminister, sondern auch gegen den Reichskanzler, zugleich aber auch eine Diskreditierung aller Kabinettsmitglieder, deren politische Fähigkeiten der Oeffentlichkeit in einem eigenartigen Lichte gezeigt wrd. Vor allem aber ist diese Erklärung ein neuer vehe- m e n t e r Angriff gegen den Reichsaußenminister S t r e s e» mann. Es wird ihm bewußte Verheimlichung wichtigster Punkte vorgeworfen. Die Vorwürfe der wilden Männer in der Deutfchnationalen Partei, die seinen Rücktritt fordern. werden offiziell aufgenommen. Die„Einigkeit", die durch das Pronunziamento der Deutschen Volkspartei hergestellt worden ist, wird durch einen neuen deutschnationalen Kanonenschuß schon wieder gestört. „Einigkeit". Eine Tagung der Vertrauensleute des Landesverbandes Sachsen der Deutschnationalen Volkspartei, die vom Geist öes Naöio. Von Erich Gottgetreu. Wir zählen heute in Deutschland ungefähr 800 000 Rundfunk- hörcr.� In einem Jahr wird sich diese Zahl verdoppelt haben, in zw« Jahren vielleicht verfünffacht. Zu bedenken, daß„Hörer" bei dieser Aufstellung gleichbedeutend ist mit Abonnent, indes die Menge der wirklichen Teilnehmer bedeutend größer und in reinstem Wort- sinn unzählbar ist. Dieses Rechenexempel, besten Richtigkeit sich vielleicht im Spe- zfellen, keinesfalls aber im Grundsätzlichen anzweifeln läßt, verlangt Stellungnahme: Freude oder Bedauern, Lust oder Unlust. Jeder ist irgendwie— meistens uneingestanden und graduell verschieden— für oder gegen das Theater, für oder gegen das Kino. Rundfunk, der neueste aller Kulturfaktoren, hat dasselbe Recht auf jedermanns Entscheid und Wertung. «Hier stock ich schon." Kann man Radio ohne weiteres als Kulturfaktor bezeichnen? Kultur ist immer etwas Geistiges, Per- sönliches, Beglückendes, unmittelbare Verbindung mit dein Gött- lichen. Kultur ist zunächst nicht das Vergröbernde und Vergrößernde, das Massige und Volkstümliche, das Mechanische, Amerikanische und Entseelte. Aber dieses„Zunächst" ist sehr wichtig, denn es ereignet sich häufig genug der Fall, daß das Mastenhafte, das Mechanische und das scheinbar Seelenlose beglückende Werte vermittelt. Wenn wir.etwas davon haben", dann wird die Zivilisation, die viel- geschwöhte, zur Kultur. Und vom Radio haben sehr viele etwas. Regelmäßiger Besuch von Theatern, Konzertei:, Vorträgen und Filmen stößt besonders bei der werttätigen Bevölkerung auf kaum zu überwindende Schwie- rigkeiten. Vom Finanziellen ganz abgesehen, bringt das„Ausgehen" auch oft soviel Unbequemlichkeiten mit sich, daß das Unalltägliche und das Festliche von vornherein auf ein Minimum reduziert wird. „Kunst zu Hause" hat nicht mehr die sentimentale Bedeutung von ehedem. Diese Parole ist vollauf berechtigt in einer Epoche, in der Zeitüberflutz, Finanzen und Rervenkräste in beängstigendem Maße abnehmen. Andere, seits schwillt die Menge aller der Dinge, von denen etwas zu wissen resp. zu kennen angenehm oder wichtig ist, derart rapide an, daß knnzentricrteste Spiegelung alles Geschehenen und Geschaffenen l einabe als eine Notwendigkeit erscheint. Dem allgemeinen Bedürfnis nach Unterhaltung, Wissenschaft und Infor- mation in möglichst kurzer Form kommt die Tageszeitung bereits sehr weit entgegen. Der Rundfunk ist eine außerordentlich wesent- liche Ergänzung, die fedoch niemals das gedruckte Wort, die tatsäch- liche Theateraufsührnng. des reguläre Saalkonzert verdrängen wird. Beeinträchtigen? Bestimmt... Aber eben auch nur beeinträchtigen. Denn so ideal es ist, alles zu hören und bequem zu hören, so hat der Mensch eben doch auch oft das Bedürfnis, etwas zu sehen. Die totale Einseitigkeit des Radw läßt den Gcficblssnrn röllig unbefriedigt auch dann, wenn der Rundfunk technisch noch viel vollkommener wäre, als er es ohnehin schon ist. Die Membrane entseelt, auch wenn es z. B. gelungen fein wird, Enleinble nicht nichr so verschmiert und Frauenstimmen so herb erklingen zu lassen: letzte Berliner Enttäuschung: Mafalda Salnatini. Gerade im Musikalischen treten die Grenzen des Radio gestern stattfand, faßte, wie die„Boss. Ztg." berichtet, folgende Ent- jchlicßung: Die führenden Vertreter aller Bezirksverbände und Ortsgruppen des Landesverbandes Sachsen der Dcutschnationalen Bolkspartei haben in gemeinsamer Tagung mit den Reichstagsabgeordneten des Landesverbandes und den Abgeordneten der deutschnationalen Fraktion des sächsischen Landtages den Bericht ihres Spitzenkandi- baten Dr. Q u a a tz über die außenpolitische Lage entgegengenommen und danach mit Genugtuung festgestellt, daß entgegen den Be- hauptungen der gegnerischen Presse die Deutschnationale Bolkspartei und ihre Minister im Reichskabinett das eigenmächtige Sicherheits- ongebot des Reichsauhenminificrs Dr. Stresemann nicht billigem nicht decken und nicht zn verantworten haben. Die Versammlung spricht einmütig die bestimmte Erwartung aus, daß die Partei alle Mittel daran fetze, durch ihren Einfluß in der Reichsregierung oder nötigenfalls durch Uebergang zur Opposition einen Abschluß des Sicherheitspaktes zn verhüten. Die gleiche Forderung gilt bezüglich des Eintritts in den Völkerbund und der Beantwortung der seind- lichen Elltwaffnungsnotc. Rechberg und �.Kreuz-Zeitung". Also doch finanzielles Jntereffe. Wir hatten auf die Verschleierungsversuche der„Kreuz- Zeitung" über ihr Verhältnis zu Herrn Arnold Rechberg mit der eindeutigen Frage geantwortet, ob Herr Rechberg finanziell an der„Kreuz-Zeitung" inter- essiert fei o d e r n i ch t. Auf diese Frage antwortet uns zwar nicht die„Kreuz-Zeitung", wohl aber Herr Rechberg persönlich mit folgendem Schreiben: Sehr geehrte Schriftleitung! Es ist im„Vorwärts" wiederholt gesagt worden, daß ich finanziell an der„Kreuz-Zeitung" beteiligt fei. Dos ist nicht richtig. Nicht ich persönlich, sondern W i n t e r s h a l l hat sich an der „Kreuz-Zeitung" beteiligt. Allerdings bin ich Gewerke von W i n t e r s h a l l und mein Bruder, der Kommerzienrat Fritz Rechberg, vertritt unseren Besitz im Grubenoorstand der Gewerkschaft Wintershall, dessen Vorsitzender er ist. Daß Wintershall auf eine Beteiligung an der„Kreuz-Zeitung" einging, ist um so natürlicher, als die Leser der„Kreuz-Zeitung" vielfach Landwitte sind und als die IMeressen der Landwirtschaft und der Kaliindustrie durchaus übereinstimmen. Beide, die Land- Wirtschaft und die Kaliindustrie, hoben ein Interesse daran, die land- wittschafttiche Produktion in Deutschland zu steigern. Eine Steige- rung der landwittschaftlichen Produktion aber würde dem gesamten deutschen Volte zugute kommen. Was die Fragen der äußeren Politik angeht, so hat Graf Westarp erklärt, daß gegen Interessengemein- schafts-Verträge zwischen deutschen und franzö- fischen Industriegruppen nichts einzuwenden sei, wie die deutsche Kaliindusttte mit der französischen Kaliindusttte einen solchen Zusammenschluß getätigt habe. Der deutsch-französische Kali- Zusammenschluß liegt auch durchaus in den Richtlinien der von dem Generaldirektor des Wintershall-Konzerns, Herrn August Rosterg, und von mir seit langem in der Presse befürworteten Außen- Politik. Bei Abschluß des Interessengemeinschafts-Dettrages zwischen der deutschen und der französischen Kaliindusttte ist für die Führer der deutschen Kaliindustrie sicherlich über rein wittschafttiche Erwägungen hinaus die patriotische Absicht maßgebend gewesen, daß auf diesem Weg politische Vorteile für Deutschland erreicht würden. Diese Erwartung hält Graf Westarp für zu weitgehend. Ich darf Sie bitten, diese tatsächliche Richtigstellung veröffent- lichen zu wollen. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung Arnold Rechberg. Es steht also fest, daß Herr Arnold Rechberg finanziell an der„Kreuz-Zeitung" interessiert ist, es steht ferner fest, daß ein gemeinsames wirtschaftliches Interesse zwischen dieser Zeitung und der sie finanzierenden Gruppe besteht. Und schließlich steht fest, daß die Finanzierung der„Kreuz- deutlich zutage: Wirkung in die Breite, Verlust des Zarten, der Stufung und der?cuaiice, Trübung des Klangcharaklers, Ver- wischung des Farbigen, Mechanisierung, Abnutzung, Ouantität für Qualität. Und selbst Musikrundfunk trotz allem! Lieber ein Orchester unter Kleiber mit Radio Mängeln als eine Kapelle unter August Müller mit ihren absoluten Mängeln. Wir stehen am Anfang, man vergesse to« nie die Möglichkeiten... Wir haben das absolute Theater(Alexander Tairoft), wir hoben den absoluten Film(Diking Egeling), eines Tages werben wir auch absolutes Radio haben. Trotzdem wird natürlich der Rundfunk feine Bedeutung als Vermittler angenehmer Unterhaltung, hoher Kunst und reinen Wissens behalten. Vielseitig sind hierbei die An- sprüche des Publikums, und unendlich groß ist das Gebiet, das zu behandeln, man soqe ruhig, gleichsam sittliche Pflicht ist. Ihre ver- antwottungsvolle Aufgabe können die Männer am Sender aller- dings nur dann emipermaßen erfüllen, wenn sie guten Willens sind — das ist selbstoaständlich, vor allem aber nur, wenn man sie untett'tlltzt. Ausbauende Wirkung soll auch die Radiokritik haben, die seit kurzem und voraussichtlich noch auf lange im„Vorwärts", wenn auch im steten Kampf mit dem schlimmsten aller Zeitungsübcl, dem Raummangel, gepflegt wird. Schöpferisch soll sie jetzt— wie übrigens jede Kritik— wirken, auch wenn sie negieren muß. was leider besonders bei der politischen Einstellung mitbestimmender Kreise des Berliner Rundfunk» schon wiederholt notwendig war. Aber ihr Ziel, Einfluß zu gewinnen, wird Kritik nur dann erreichen, wenr sie ihrerseits von den hörenden Lesern mit Anregungen. Be- schwerden usw., die nach Möglichkeit in der geeigneten Form stets weitergelcitet werden sollen, ergänzt wird. Denn erst wenn die Hörenden zu sprechen wagen, wird das Radio das fein, was es seinem ganzen Wesen nach sein muß: eine Sache des Volkes. Iaa veth gestorben. In Amsterdam starb an den Folgen einer Operation der bekannt« holländische Kunstgelehrte und Maler Jan Beth im Alter von 61 Jahren, der sich um die holländische Kunst sehr verdient machte. Besonders bekannt sind die Werte, die er über Rembrandt und Israels schrieb. Einige recht beachtenswerte Bilder von ihm hängen in der gegenwättigen Ausstellung holländische» Kunst in der Orangerie zu Potsdam. Der Künstler, der die deutsche Sprache vollendet beherrschte, stand beständig in regem geistigen Austausch mit deutschen Künstlerkreisen. Leoncovallos nachgelassene Operette. Unter den nachgelassenen Papieren Lconcavallos befanden sich, wie seinerzeit gemeldet wurde, auch einige skizzierte Nummern der Musik zu einer Operette, an deren Bollendung den berühmten italienischen Opernkomponisten der Tod verhindert hatte. Salvatore Allegra hat jetzt die Partitur ergänzt und zu Ende geführt, während Polieri und Ponelli das in Versen geschriebene Textbuch„Emile Eollet", das Leoncavallo seiner Arbeit zugrunde gelegt hatte, bearbeitet und dem modernen Ge- schmack angepaßt hoben. In dieser Form aelangte das Werk kürz- lich im„Politeama" in Neapel zur Erstausführung und hatte nach den Berichten der italienischen Presse einen starken Erfolg, der Leon- cavallos nachgelassener Operette eine lange Reihe von Aufführungen oerbürgen dürste. Zeitung" durch den Wiuterohall-Konzcrn erfolgt ist auf Grund einer Verständigung zwischen dem G r a f e n W e st a r p und dem Konzern über die Fragen der A u ß e n p o l i t i k, wobei der Wintershall-Konzern dem Grafen Westarp in der Nuance eine gewisse Lizenz läßt. Sanierungskreüite für Krupp? 20 Millionen Vorfchuü des Reichs? An der Berliner Börse verlautete, daß ein westlicher Konzern nach dem Vorgang des Stinnes-Konzerns bei der Seehandlung ebenfalls einen Kredit von 2 0 M i l l i o ne n dringend beantrag: Hobe. Es kann sich dabei nur um die Firma Krupp handeln. von deren Geldmangel schon seit einigen Tagen an der Börse die Rede war. Das„Berliner Tageblatt" versieht die Angabe, daß es sich um Gelder zur Lohnzahlung handle, mit einem Fragezeichen. Eine Wiener Quelle behauptet neuerdings wieder, daß die Reichs- regierung die Firma Krupp mit 20 Millionen bevorschußt habe. Wir oerzeichnen das. um der Reichsrcgierung Gelegenheit zu geben, sich dazu zu äußern. Bereits am 26. Juni hat unser Frankfurter Parteiblatt das Gerücht verzeichnet, ohne daß sich die Reichsregierung bis heute zu einer Gcgenäußerung veranlaßt gesehen hätte. Wenn Krupp an die Seehandlung, die Reichsbank oder das Reich totsächlich mit Kreditanttägen herangetreten sein sollte, so wäre dieser Schritt die einfache logische Konsequenz aus dem Verhallen der öfsentiich- rechtlichen Bankinstitute im Falle Stinnes. Krupp würde sich mit vollem Recht darauf berufen, daß ihm billig sein muß, was dem Hause Stinnes recht ist. In dem Verlangen Krupps wäre auch der Beweis dafür erbracht, zu welchen unabsehbaren Konsequenzen die Stützung der Privatfirma Stinnes angesichts der hochkritischen Ver- Hältnisse in der deutschen Kreditwirtjchaft führen muß. Auf diese Konsequenzen haben wir von vornherein nachdrücklichst hingewiesen. Sollte die Behauptung von dem 20-Millionen-Vorschuß des Reichs auf Tatsachen beruhen, so läge der skandalöse Fall vor, daß das Reich mit öffentlichen Mitteln einen Gesundungs- und Liquidationsprozeß aufhält, der für die gesamte deutsche Produktions- und Kreditwittschaft eine Notwendigkeit ist. Das Rufwermngskompromiß verschlechtert. Tas Rufwertnugsgesctz im Ausschuß erledigt. In semcr Freitagsitzung führte der Aufwertungsaus- o u s s ch u ß die ganze dritte Lesung der umgearbeiteten Vorlage durch. Dabei wurden neben geringfügigen Verbesserungen noch einige Verschlechterungen gegenüber den Beschlüssen der zweiten Lesung von den Mehrheitsparteisn durchgesetzt. So wurden z. B. die Vorschriften, daß eine nach dem 31. Januar 1925 neu eingetragene Hypothek, wenn die Eintragung in der Ab- ficht, den alten Gläubiger zu schädigen, erfolgt ist, angefochten wer- den kann, dahin geändert, daß die B e w e i s l a st dem G l ä u- b i g e r aufgebürdet wird. Weiter wurde der Beschluß in zweiter Lesung, der für die unter bestimmten Voraussetzungen vor- zeitig zurückzuzahlenden Teilbeträge einen Höchstbetrag festsetzt, auf- gehoben und dahin geändert, daß nur die Rückzahlungen von böchstens 10 Prozent des Aufwertungsbetrages innerhalb eines Jahres, in keinem Falle aber mehr als 1000 Mark, verlangt werden können. Sodann wurde ein neuer Paragraph eingefügt, der den Be- sitzern von unter Zwangswirtschaft stehenden Grundstücken Schutz gegen Aufwertung gewährt. Eine kleine Verbesserung wurde er- reicht bei den Vorschriften über die Aufwertung der Sparkossen- einlagen. Es fand ein Antrag keil(Soz.) Annahme, wonach die Länder, die für die Ablösung van kleinen Beträgen bei der Verteilung der Teilungsmasse nicht berücksichtigt werden, Vorschriften tressen können. Abgelehnt wurde dagegen ein Antrag Dr. Leber lSoz.i, der die Zweifelsfrage, ob Einlagen des Arbeitnehmers bei seinem Arbeitgeber als VermögensaPage zu, behandeln seien, verneinend entscheiden und damit diese Einlagen der freien Aufwertung unterstellen wollte. Endlich wurde gemäß einem Antrag der Regierungs- Parteien beschlossen, daß bei der Gewährung öffentlich-rechtlicher Fürsorge Bezüge aus aufgewerteten Pttvatforderungen oder ösfent- lichen Anleihen zusammen bis zu 270 Mark nicht angerechnet werden. Damit ist die A u s s ch u ß b e r a t u n g über das Anfwei tungs- gesetz beendet. Etwa 3000 Petttionen wurden für erledigt er- klätt. Dem Ausschuß liegt nun noch die zweite Lesung des Gesetze« über die Anleiheablösung ob. Die Reste der Skefansson-Expeditton. Der amerikanische Polar- forscher H. Stone teilte nach seiner kürzlich erfolgten Rückkehr über den tragischen Verlauf der Stefonsson-Expedition vor elf Jahren mit: Als Stefansons Schiff„Karluk" durch das Eis blockiert worden war. teilte sich die Exf.dition in zwei Gruppen. Die eine unter Stefansson vermochte sich durckzuschlagen. Di« andere, die vom Expeditionsarzt geführt wurde, blieb seither verschollen. Stone hat nun die gefrorenen Leichen dieser Expeditionsgrupp« 65 Meilen vom Ort der Trennung entfernt auf der Harald-Insel aufgefunden. Die Expeditionsteilnehmer hatten oersucht, eine Schutzhütte zu errichten, waren aber dabei an Erschöpfung gestorben. Die fünf Leichen wur- den von Stone und seinen Begleitern bestattet und die vorgesunde- nen Ausrüstungsobjekte nahm man nach Amerika mit. Stone hat das Sternenbanner auf der Harold-Insel gehißt, die nicht weit von der Wrangel-Insel entfernt liegt. Doch werden sowohl Kanada als auch Rußland der Union das Hoheitsrecht streitig machen, die beide früher erfolgte Annexionen gellend machen. Die Insel kann vielleicht künftig einmal als Flugbasis in Frage kommen. Kampf gegen die Krebserkraokungen im Sowjekbunde. Das Kommissariat für Dolksgesundheit hat in Moskau«ine Konferenz zur Bekämpfung des Krebses einberufen, die unter k-em Vorsitz des stellvertretenden Kommissars S. Solowjew eröffnet worden ist. Aus dem einleitenden Bericht geht hervor, daß man mit 400 000 Krebskranken auf dem Gebiete des Sowsetbundes rechnen müsse. Das Kommissariat für Bolksg'esundheit bat den Entwurf für einen planmäßigen Kampf gegen die Krankheit ausgearbeitet. In den einzelnen Gauoernements sollen Institute geschaffen werden, die in wissenschaftlicher, prophylaktischer und aufklärender Weise arbeiten. An der Spitze aller dieser Institute soll ein wissenschaftliches Krebs- institut stehen, dessen Tätigkeit sich auf den ganzen Sowjetbuick» er- streckt._ Zoll« vrüwer»od da» verüaer phllhannovische Orchefier. Vrofessor Julius Vrüwer von der Berliner Hochschule tür Musik, der chemalise Leiter der BrcSlaucr und Weimarer Over, übernimmt als Nachfolger Prof. Richard Hagel» die Leitung der populären Konzcrie bei Berliner Phil- Haimonischen Orchesters. Professar ward«» 70 Zahre all. Der Mänchener Bildhauer Professor Heinrich WarderS vollendete dieser Tage sein 70. Geburtsjahr. Ein ge- bärtiger Kolmarer. bat er besonders die München« Bauten der letzten Jahrzehnte mit plastischen Arbeiten gesckmückt. Auch die Versassungsdenk- münze, die seinerzeit aus Beschlutz der Weimarer Nationalversammlung hin geschlagen wurde, ist sein Werk. Nu« Ehrung der Dichter in Marie ebo«-Escheoboch. Die bekannte Dichterin Matte Ebner-Eichenbach war d« erst« weibliche Ehrendoktor der Universität Wien. Die Wiener Universität hat nunmehr durch eine Gedeut- tasel, die in den Arladcn deS UniversitätSgcbäudeS angebracht wurde, eine Ehrung der Dichterin vorgenommen. Theatersperre für Ansäager. Der Kattellverband Deutscher Bühnen- angehöttger. der Oesterreich. Deutschland und die Schweiz«iaht bat. bat einen Koitellbeichluh herbeigesührt, nach weichem de» Tdeatern verboten ist, Bübnenansinger auszunehmen. Ebenso soll in Znkunst die Gründung neuer Theatcrschulen nicht mehr gestattet werden. Slambul, nicht koastonlloopel. Eine Bekanntmachung de« türklschcn Port- und Telegraphenaint» warnt vor der tünstigen Verwendung des NamenS Konstantinovel. Sendungen, die an Stelle der Bezeichnung Stambul das griechische»Konstantinopel" tragen, werden zurückgesandt. Der Jinanzausgleich. Zusammenstoß Höpker-Aschoffs und Ichliebens im Steuerausschust. Bei der Fortsetzung der Beratung des Finanzausgleichs im Steuerausschuß des Reichstags kam es am Freitag zu hesiizen Auseinandersetzungen zwischen dem preußischen Finanz- minister Höpker-Aschoff und dem Reichssinanzminisker v. Schlieben. Neben den Differenzen über die Frage der Zuschläge und die chöhe der Beteiligungen an den Reichs st euern war es die Tatsache, daß ein inoffizieller Entwurf der Reichsregierung vorlag, der den Reichsrat überhaupt noch nicht beschäftigt hat, der diese Schärfe der Debatten hervorrief. Andererseits ist es die Ent< läufchung der Länder über den Bruch der Versprechungen durch die Regierungsparteien. Im Vertrauen auf deren frühere Haltung hatten die Länder und Gemeinden gehofft, jetzt mittels des Zuschlags- rechts größere finanzielle Bewegungsfreiheit zu erhallen. Statt dessen sehen sie sich einer feindlichen Front gegenüber, die sie sowohl finanziell als auch wirtschafllich und politisch stark ein- engen will. Die Deballe wurde eröffnet mit einer Rede des Genossen Dr. Hertz. Er gab seiner Genugtuung über den Verlaus der Aus» spräche am Donnerstag Ausdruck. Alle Parteien mit Ausnahme der Bayerischen Volkspartei haben umgelernt und lehnen die Zu- schlage zur Einkommensteuer durch Länder und Gemeinden ab. Die Sozialdemokratie habe das stets getan, da Zuschläge sowohl die Steuerhoheit des Reichs, als auch die Einheit der Steuer- belastung gefährden. Es fei aber auch nicht sachlich gerechtfertigt, die Zuschläge, die man jetzt nicht machen wolle, für das Jahr 1327 zu versprechen. Eine Enquete, die die Grundlage für eine richtige Verteilung der Steuererträge schafft, ist notwendig. Die höhe des Zinanzbedarfs ist abhängig von den Aufgaben. Das Reich hat Ländern und Gemeinden neue Aufgaben überwiesen, es muß chnen dafür auch die Mittel gewähren. Es ist falsch, daß bei den Gemeinden eine finanzielle Mißwirtschaft getrieben worden ist. Wenn Gemeinden z. B. Güter erwerben, um den Wohnungsbau zu fördern, so ist das nur anerkennenswert. Das habe die Stadt Berlin getan. Ihre Finanzwirtschaft sei nur vorausschauend und weitsichtig gewesen. Berlin habe die Steuern erheblich abgebaut, die Verwaltung eingeschränkt und demzufolge jetzt die niedrigste Grund- und Gewerbesteuer sowie die niedrigsten Werkstarife. Für die höhe der Ueberweifungen im Beharrungszustande feien genaue Unterlagen erforderlich. Es ist zu prüfen, ob feste lleberweisungen nicht der prozentualen Beteiligung vorzuziehen seien. Die in dem neuen Vorschlag vorgesehene feste Relation zwischen Einkommensteuern und Realsteuern könne zu schweren Schäden bei Ländern und Ge- meinden führen. Die endgültige Stellung der Sozialdemokratie zum Finanzausgleich hänge von der Hauszinssteuer ab, deren Verwen- dung für fiskalische Zwecke eingeschränkt werden muß. Nachdem die weiteren Redner noch einmal betont hatten, daß die Einführung von Zuschlägen jetzt unmöglich sei, kam es zu der heftigen Auseinandersetzung zwischen dem preußischen Finanzminister Hopker-Aschoff und dem Reichsfinanzminister o. Schlieben. Dr. Höpker-Aschoss wandte sich scharf gegen den neuen Vorschlag der Reichsregierung, der neben der Vertagung des Zuschlagsrechts den Versuch unternehme, eine materiell und formell gleich unerträg- iiche Bevormundung von Ländern und Gemeinden einzuführen. Die Vslicht der Gemeinden, den Finanzämtern Einblick in ihr gesamtes Finanzgebaren zu gewähren, enchält die Anmaßung von Aufsicht»- befugnissen, denen sie niemals gewachsen seien. Das führe nur zu einer unnützen Vergrößerung des Apparates. Das in dem Vorschlag zum Ausdruck kommende Mißtrauen sei unbegründet. Man oer- allgemeinere Einzelerscheinungen. Die Länder hätten durchaus sparsam gewirlschafiet. Ihre erheblichen Mehrausgaben seien auf die neuen Aufgaben zurückzuführen, die das Reich auf sie abgewälzt habe. Das Reichsfinanzniinisterium habe sich auch nicht an die 2 Abmachungen im Reichsrat gehalten. Es würden jetzt in der Dunkel- kammer Entwürfe zurechlgebraut werden, die die. Länder vor eine ganz neue Situation stellen und überrumpeln. Die Verwirklichung diefer. Absichten setulchna.schwere..Erschütterungen nicht, möglich. Sehr erregt gab Reichsfinanzminister v. Schlieben seinem leb- haften Bedauern über den polemischen Ton de« preußischen Finanzministers Ausdruck. Die Länder sollten der Reichsregierung dankbar sein, daß sie dos Finanzausgleichsgesetz noch rasch verab- schieden wolle. Die Kritik an der Finanzwirlschaft des Reichs sei unberechtigt. Die Reichsrea-orung habe auch nicht die Absicht, sich Aufsichlsbesugnis über die Gemeinden beizulegen. Auch der Vor- wurf, daß das Reich den Ländern und Gemeinden ein billiges Wirt- schoflen unmöglich mache, sei unberechtigt. Soeben erst habe der preußische Landtag beschlossen, daß jeder Beamte der unteren Besol- dungsgruppen eine Erhöhung seiner Bezüge um 1(X> Reichsmark erhalten solle. Der Beschluß des preußischen Staatsrats sei unver- stöndlich, wenn er die Erhöhung der hauszinssteuer ablehne. Schlieben erklärte zum Schluß, er müsse jede Verantwortung ablehnen, wenn auf diese Art und Weise olle Versuche, einen ge- regelten Haushalt aufzustellen, vereitelt werden. 2n der weiteren Aussprache erklärte Abg. Dr. Fischer-Köln (Dem.), es sei auch ihm fraglich, ob man sich jetzt schon soweit fest- legen könne, daß 1927 unter allen Umständen das Zuschlagsrecht eintreten müsse. Staatssekretär Poplh betonte nochmals, daß eine Kontrolle der Länder und Gemeinden nicht beabsichtigt sei. Der Reichsregierung liege nichts ferner, als sich. Aufsichtsbefugnisse anzueignen. Ihr Ver- langen nach der Statistik verfolge nur das Ziel, eine endgültige Regelung des Finanzausgleichs zu ermöglichen. Ueber die Form der Statistik'könne noch gesprochen werden. Der Ausschuß vertagte sich hierauf auf Sonnabend. J Sie feiern die Aloröer. Es ist ein eigen Ding um den Geschmack. Es ist gut, daß man mit manchen Leuten über ihn nicht stresten kann. So nicht mit Herrn Reventlow. Er benutzt den Todestag Rathenaus, um den ermordeten Gegner noch im Grabe zu beschimpfen. Er feiert die Mörder. In seinem„Reichswart" schreibt er: „Unser geistiges Auge aber lenkt sich auf das einsame Doppel- grab zu S a a l e ck und unser Gedanke gilt den beiden Deutschen, die Rathenau das Leben nahmen. Sie sind zu tragischen Persönlichkeiten geworden. Ihr herz brannte für Deutschland und das deutsche Volk. Dafür sich zum Opfer zu bringen, war ihnen selbstverständlich.� Das ist Reventlow, einer der völkischen„Erneuerer" Deutschlands. Der Mord ist ihre Waffe und die Mörder sind ihre Kumpane. Parteierfolge in Thüringen. Sozialdemokratische Bürgermeister. Weimar, ll. Juli.(Eigener Drahtbericht.) In verschiedenen Städten und Gemeinden Thüringens fanden in letzter Zeit Bürger- meisterwahlen statt. Dabei gelang es den Sozialdemokraten, ihre Kandidaten in Sonneberg, Allstedt, Eisenberg und mehreren kleineren Gemeinden durchzubringen. Ein von den bürgerlichen Stadtverordneten SonnebergS gegen die Wahl de« sozialdemokratischen LangtagSabgeordneten Knauer zum Bürger» Meister von Sonneberg erhobener Einspruch ist von der Regierung als unbegründet zurückgewiesen worden. Der haushaltausschuß der Skadt Weimar hat auf Grund eine! sozialdemokratischen Antrage» beschlossen, die Innere Buttel« stedter Straße, in der sich das Weimarer Volkshaus befindet, vom 11. August ab Friedrich-Ebot» Straß« zu benenne«. Eine Blamage ött Gefchaftsordnungsdebatte im Reichstag Abg. Slöcker(Komm.) beantragt, als ersten Punkt der morgigen Tagesordnung die außenpolitische Lage zu behandeln. Mg. Müllsr-Iranken sSsz.): Durch unsere gestrige Zustimmung zu dem Antrag, daß die aus- wärtige Politik auf die Tagesordnung der heutigen Sitzung ge- stellt werden soll, haben wir ebenso wie vorher schon im Ausschuß und im Plenum des Reichstages zum Ausdruck gebracht, daß diese Aussprache bald stattfinden ioll. Wenn es noch eines Beweises für die. Notwendigkeit dieser Aussprache bedurft hätte, so ist er durch das Kommunique der Deutschen Volkspartei erbracht worden, das gestern verösfenllicht worden ist, und worin es heißt, daß die außenpoütisthe Debatte vorläufig nicht stattfinden soll. Nach meiner Erinnerung besteht noch Personalunion zwischen dem Parteivorsitzenden der Volkspartei und dem Reichsaußen- minsster. Es heißt jetzt, die Deutsche Voltspartei behalte sich vor, die außenpolitische Debatte vorzunehmen, wenn die angekündigte Antwort auf die Note Briands vorliegt. Das heißt: Erst soll diese Sache erledigt sein, hinterher darf der Reichstag etwas dazu sagen. Ich verstehe es schon, daß es schwer hält, durch 493 Abgeordnete eine Note ausarbeiten zu lassen. Aber nicht darum handelt es sich, sondern darum, daß über die Richtlinien für die Note hier im Reichstag gesprochen werden muß, bevor eine der wichtigsten Eni- scheidungen gefällt ist. Das ist umso notwendiger, als wir genau darüber unterrichtet sind, welches llnlrlgoenspiel hinter den Kulissen getrieben wird. Es wird behauptet, daß innerhalb der Regierungs- Parteien volle Einigkeit über die Ziele der Außenpolitik be- stehe. Ich erinnere aber an den Befehl, den Graf Kalckreuth in der»Deutschen Tageszeitung" ausgegeben hat, und der gleichmäßig auf Deutschnationale und Volkspartei gewirkt hat, wonach eine Klärung der außenpolitischen Angelegenheiten erst nach Er- ledigung der Wirtschaft spoli tischen Fragen erfolgen dürfe, d. h., daß die Außenpolitik zum handelsobjekt gemacht werden soll.(Sehr richtig bei den Soz.) Wir haben das dringende Bedürfnis, daß hier ausgesprochen wird, was jetzt zu tun ist. Wo sollen wir hinkommen, wenn wir Ludwigshasen, Köln, Mannheim und die anderen Orte jetzt im Stiche lassen. avr well Sie(nach rechts) Zhre Beuteinteressen in den vorder- grund stellen.(Sehr richtig bei den Soz.) Wir halten es für dringend notwendig, daß wir in würdiger Form die Aussprache über die Außenpolitik vollziehen, wir sind damit ein- verstanden, daß sie in den nächsten Tagen stattfindet, um der Sache selbst willen hoben wir aber kein Interesse, daß sie am morgigen Sonnabend vorgenommen wird.(Lebhafter Beifall bei den Soz.) Der Abg. Frick(Völkisch) stellt den Antrag, als ersten Punkt der Tagesordnung einen Antrag seiner Fraktion zu behandeln, wonach Abgeordnete, die sich aus gewinnsüchtigen Gründen gegen das Reich vergangen haben, vor den Staatsgerichtshos gestellt werden können. Er begründet diesen Antrag mit der jetzigen Ver- nehmung des Abg. Lange-Hegermann vor dem Untersuchungs- ausschuß. Abg. vreilscheid messt als Mitglied des Untersuchungsausschusses darauf hin. daß die Vernehmung Lange-Hegermanns noch nicht beendet ist, sie soll nächste Woche beendet werden. Vorläufig stehe noch Aussage gegen Aussage. Es sei selbstverständlich, daß der Bericht de» Ausschusses erst abgewartet werden müsse. Der Reichstag- könne unmöglich ein- Urteil Mlen, bevor der Ausschuß berichtet habe. Der Präsident Löbe stellt fest, daß die Staatsanwalt bisher noch keinen Antrag gestellt habe, die Immunität des Abg. Lange- hegermann aufzuheben. Wenn ein solcher Antrag vorliege, werde er selbstverständlich sofort behandelt werden, das sei ein viel kürzerer Weg. als über den Staatsgerichtshof. Abg. Dr. Pfleger(Bayr. Vp.) bezeichnet es als unerhört, daß man hier schon in eine noch nicht abgeschlossene Untersuchung ein- greifen wolle. Frick habe die Aussagen des Staatssekretärs S ch ä tz e l s unrichtig wiedergegeben. Abg. Frick teilt unter großer Heiterkeit des Hauses mit. daß er sein Wissen aus der Zeitung geschöpft habe. Abg. Wlrth(Ztr.): Bis gestern bestand bei meinen Freunden einmütige Uebereinstimmung darüber, daß die Beratung der außen- politischen Lage im Plenum tunlichst zurückgestellt werden solle. Wir hielten es nach dem Verlaus der Aussprache im Aus- wärtigen Ausschuß für richtig, noch einige Tage damit zu warten. Aus gewissen Aussüh-rungen der Volkspartei im Ausschuh konnten wir entnehmen, daß wir mit ihr und mit der Regierung derselben Meinung seien. Im Laufe des heutigen Tages sind wir aber sehr schmerzlich enttäuschk worden(hört. hört). Es Ist ein außerordentlich wichtiger Vorgang. daß eine Partei in einem Pronunziamento an die Oefsentlichkeit tritt, um die Grundlagen der tünftgen Außenpolitik festzustellen, mit denen der Außenminister angeblich einverstanden sei. Wenn man diese Grundlinien durchsieht, so kommt man zu der Ansicht, daß der Außenminister allen Anlaß hat. diese Richtlinien hier zu ver- treten.(Sehr richtig.) Dieser Vorgang ist ein Nooum in der beut- schen Politik, und ich frage: WcristhierKoch, wer Kellner? Wer steht hinter diesen Richtlinien? Wir haben die Auffassung, daß der Reichstag nicht nur das Recht, sondern die Pflicht hat, fest- zustellen, ob diese Richtlinien von der V o l k s p a r t e i vertreten werden, oder ob es die Richmuten der Reglernag sind.(Stürmisches Sehr richtig! Sehr richtig!) Es handelt sich hier nicht darum, ob die Außenpolitik der Regierung in eine bestimmte Bahn gelenkt werden soll, ob sie richtig, oder falsch ist, sondern ob jetzt falsche Schlüsse gezogen werden können. Dies klar zu stellen, ist eine politische Notwendigkeit. Noch eine zweite Tatsache ist festzustellen: Während hier geschwiegen wird, wird draußen um so mehr geredet und nicht etwa von nach- geordneten Personen, sondern von führenden Persönlichkeiten. So hat heute in der„Kreuz-Zeitung" Gras Westarp zuerst sachlich die Schwierigkeiten des Sicherheitspakts dargelegt. Er kommt aber danach zu einem Schluß, der geeignet ist, in uns ganz besondere Gefühle hervorzurufen, und das gerade in einem Augenblick, wo die Regierung sich damit beschäftigt, eine neue Rote zu entwerfen. Die Erregung einer solchen Stimmung ist geradezu verhängnisvoll» Dadurch muß unserer Außenpolitik ein schwer gutzumachender Schaden zugefügt werden. In dem Augenblick, wo Sie als Regierungs. parte! die Verantwortung für die neue Note der Regierung mit übernehmen sollen, inachen Sie durch den Namen Ihres Führers einen solchen ungeheuerlichen Vorstoß. Wir wollen jetzt endlich Gc- legenheit geben, nicht um die Geister noch mehr zu verwirren, sondern Klarheit zu schassen. Wenn ich bisher mit meinen Freunden gegen«ine außenpolitische Debatte war. so ersuche ich jetzt den Präsidenten, eine solche so schnell wie möglich herbeizuführen. (Lebhafter Beifall links und im Zentrum.) Abg. Scholz(D. Vp.): Wir hatten das Bestreben, die innere Geschlossenheit herzustellen.(Stürmische Unterbrechungen.) Im Interesse der Außenpolitik sei es notwendig, diese Geschlossenheit auch jetzt zu zeigen. Der Artikel des Grafen Westarp enthält doch nur das, was das ganze deutsche Volt denkt.(Stürmischer Wider- jpruch.) Der Regierung muß Zeit jür sachliche Vorbereitung der Rechtsregierung. — Um die außenpolitische Aussprache. Antwortnote gelassen werden. Wir werden uns mit ihr über den Zeitpunkt der außenpolitischen Debatte in Verbindung setzen. Abg. Fehrenbach(Z.): Der Schritt der Deutschen Volkspartei war nicht geeignet, die Geschlossenheit zu fördern. Die Aussüh- rungen des Abg. Wirth waren sachlich durchaus begründet. Wir halten es nicht siir zweckmäßig, die Debatte zu verschieben, bis jpr Porzellan zerschlagen ist. Im Interesse des besetzten Gebietes muß alles vermieden werden, was die Fortsetzung der bisherigen Außen- Politik erschwert. Abg. Dittmann(Soz.): Im A e lt e st e n a u ss ch u ß hat der Abg. B r u h n von den Deutjchnationalen heute erklärt, daß auch die Deutschnationalen so schnell wie möglich eine Debatte haben wollen. Es würde mehr zur Klärung beitragen, wenn die Dcutschnationalen hier im Plenum sagen würden, wie sie zu der Sache stehen. Noch den Ausführungen des Abg. Scholz steht es fest, daß die De- balle erst stättsinden soll, wenn die Anlwortnole abgeschickt ist. Solche Schiebermethoden werden wir nicht unterstützen.(Unruhe rechts.) Abg. koch(Dem.): Was man bisher von den Regierungsparteien gehört hat, läßt nicht darauf schließen, daß die Geschlossenheit unter den Regierungsparteien besteht, die von Herrn Scholz so sehr ge- wünscht wird. Die einheitliche Linie in der Außenpolitik muß her- gestellt werden, aber sie darf von den Deutschnotionalen aus wirt- schaftspolitischen Gründen nicht gestört werden. Präs. Löbe: Auf besonderen Wunsch erhält Dr. Breitscheid das Wort.(Stürmische Heiterkeit.) Abg. Dr. Vreilscheid(Soz.): Der Wunsch, mich hier sprechen zu hören, ist von Herrn Schultz-Bromberg ausgegangen. Es freut mich, daß Sie soviel Anerkennung für mich haben. Aber selbst Ihr Wunsch würde mich nicht veranlaßt haben, das Wort zu nehmen, wenn nicht der Abg. Scholz geredet hätte. Seine Rede war mehr das Produkt der Verlegenheit als das des Selbstbewußt- feins. Er hat einiges aus dem Auswärtigen Ausschuß hier wieder- gegeben und auch auf eine Rede von mir Bezug genommen. Leider ist es mir nach der Verfassung nicht möglich, da die Aussprache im Auswärtigen Ausschuß vertraulich ist, meine Ausführungen hier wiederzugeben. Man müßte doch annehmen, daß dem ehemaligen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausfchußes das auch noch erinnerlich ist. Nachdem aber Herr Scholz mich erwähnt hat, erkläre ich. daß ich von meinen Ausführungen im Ausschuß nichts zurückzunehmen Hab«. Ich kann nur hier im allgemeinen andeuten, daß ich im Namen meiner Partei gewisse kritische Bemerkungen an das Angebot des Hern Stresemann geknüpft habe. Die Antwort Briands hielt ich nicht für annehmbar, aber von dem Boden des Memorandums vom Februar durste nicht hinausgegangen werden. Wenn Sie diese Linie einer gemeinsamen Politik meinen, so stehen wir noch auf ihr, aber nicht aus einer Linie, gegen die die größte Regierungspartei sorlgefeht anrennt. Es muß hier festgestellt werden: Wer macht die Politik? Was ist das für eine Regierungskoalition, wo die eine Partei immer anders handelt als die andere? Was ist das für eine Politik, wenn die deutschnationale Presse fortgesetzt anders schreiben darf als ihre Partei im Reichstag spricht? Im Auswärtigen Ausschuß hat vor- gestern der Außenminister Stresemann mit nicht mißzuverstehcn- der Deutlichkeit erklärt, er verlange eine Aussprache im Reichstag, er könne nur dann Verhandlungen führen, wenn er das Vertrauen der Mehrheit besitze. Und nun will Herr Scholz erst dann die Aussprache herbeiführen, wenn die Note ab- gegangen ist. Ein nachträgliches Vertrauensvotum hat aber keinen Sinn Sie können also niemand weismachen, daß Sie nur jetzt anderer Auffassung sind, weil Sie für die Einheitlichkeit der Außen- Politik fürchten. Es sind nicht außenpolitische, sondern inner- politische Gründe, aus denen Sie die Aussprache verhindern wollen.---------—.—---------------------------- Sie verkaufen die Außenpolitik um die Zollvorlage. Sie sind auch bereit, Elsaß-Lolhrlngen zu verkansen, aber für S.50 AI. (Stürmischer Beifall links, große Unruhe rechts.) Nachdem der Abg. Stoecker vornehmlich gegen die Sozialdemo- kratie polemisiert hat, verkündet Präsident Löbe: Das Wort hat Graf Westarp.(Allgemeines Aha.) Gras Westarp(Dnat.): Die unerhörten Angrifse des Abg. Breitjcheid weise ich mit Entrüstung zurück.(Zurufe links.) Der Abg. Breitscheid hat für nationales Wollen und Empfinden kein Verständnis. Ich erkläre hiermit, daß die außenpolitische Debatte noch vor der Sommerpause stattfinden soll(Zurufe links: Erst die Zollvorlage), und zwar zu einem Zeltpunkt, der den Regierungsparteien für geeignet erscheint. Nachdem die Kommunisten ihren Antrag zurückgezogen haben, stimmt das Haus dem Lorschlag des Präsidenten zu, daß er sich mit dem Reichsaußenmini st er in Berbin du n g setzt und ihn über die heutige Debatte unterrichtet. Am Schlüsse der Sonnabendfltzung wird das Haus beschließen, wann die außen- politische Debatte auf die Tagesordnung gesetzt werden soll. Der völkische Antrag wird gegen die Srimmen der Antragsteller ab- gelehnt. Die Not üer tzeiminöuftrie. Die Sozialdemokratie verlangt ihre Unterstützung. Bei Beratung des Ergänzungsetats des Reichswirtschafts- Ministeriums im Haushaltsausschuß des Reichstags brachten die Sozialdemokraten zur Abstellung der Not der Heimarbeiter in der thüringischen Spielwaren- und fränkischen Korbwarenindustrie folgende Entschließung ein: Die Regierung zu ersuchen, schleunigst mit den Regierungen von Bayern und Thüringen darüber zu verhandeln, durch welche Maßnahmen die unlerlrägliche Notlage in der oberfränkischen korbworeninduslrie und in der thüringischen und oberstänkischen Kpieiwareninduslrie Beschäftigten durch Notstandsmaßnahmen gemildert werden kann. Insbesondere ist zu erwägen, wo Weiden- kulturen für die Korbwarenindustrie zweckmäßig anzulegen sind. Die Reichsregierung wird ersucht, möglichst bald eine Vorlage dem Reichstag zugehen zu lassen, die die notwendigsten INittel für die Zuschüsse zu Nolslandsarbeilen fordert. Abg. Frölich-Thüringen(Soz.) begründet die Entschließung mit der Darstellung der ungeheuren Not in der thüringischen Spiel- warenindustrie, von der die h e i m a r b e i t e r a u s st e l l u n g in Berlin«rschllttemde Bilder gegeben habe. Zehn Prozent aller in diesem Gebiet untersuchten Schulkinder sind tuberkulös belastet; 30 Prozent dringend speisebedürstig. Abg. Seidel(Soz.) gibt hierzu die ergänzende Begründung für die Lichtenfelser Korbwarenindustrie. Die Arbeitslosigkeit sei furchtbar. In Michelau, einem kleinen Ort, sind von 909 Korb- machern 90 Proz. arbeiislos. Die Preise für Rohstoffe(Weiden) sind um 60 bis 100 Proz. gegen die Vorkriegszeit gestiegen. Da- gegen sind die Preis« der Fertigmaren gesunken. Der Absatz ist so gut wie gar nicht möglich, da die Auslandskundschaft fehlt. Ein Grund für die große Arbeitslosigkeit ist auch, daß durch den großen Kriegsbedarf an Geschoßkörben damals in den Beruf Tausende neu geströmt sind. Konkurrenz bielel auch das Zuchthaus Plassenberg durch seine billige Korbslechlerei. Schnellste und weiteste Notstands- mahnahmen seien notwendig:' vor allem müßten die Behörden Kredite und Aufträge aus längere Sicht geben. Abg. Dr. Moses(Soz.) berichtet über Untersuchungen, die er im Auftrage des Deutschen Glasarbeiterverbandcs in den betreffenden Gebieten gemacht habe. Die Not spotte jeder Beschreibung, der Gc- sundheitszustand der Kinder sei geradezu erschütternd. Schnellste Hilfe müsse erfolgen. Die Entschließung der Sozialdemokraten wird mit großer Mehrheit augenommeu, Gewerkschaftsbewegung Der Arbeitslohn in Rußland. Da nur ein Delegierter zu wählen ist, muß der Name des Kollegen Müller gestrichen werden; nur Wilhelm Osten darf stehen bleiben. In folgenden Lofalen far von 12-6 Uhr gewählt werden: Neukölln: Mäuseler, Münchener Straße 23, Kempin, Tilsiter In der vor furzem erschienenen Nr. 2 der russischen amtlichen Straße 86, Dahms, Schlegelstraße 9, Bieberstein, Adalbertstraße 59, ,, Arbeitsstatistik" finden wir Angaben über die tatsäch Rathmann, Wilhelmstraße 118, Lubasch, Ritterstraße 20, Charlottenlichen Arbeitsverdienste der russischen industriellen Arburg: Sauter, Krumme Straße 65, Schöneberg: Höfer, Bahnstraße 19, beiter im letzten Jahresviertel 1924. Wohlgemerft: es handelt sich Arbeitsnachweis: Thiele, Rückerstraße 7. um die tatsächlichen Arbeitsverdienste, nicht um die wesentlich niedrigeren tariflichen Lohnsäge; bei dem sehr meit verbreiteten Syftem der Affordarbeit bildet das lebertolen der tariflichen Säge durch den tatsächlichen Arbeitsverdienst eine Regel. Der durchschnittliche monatliche Arbeitsverdienst des russiſchen Industricarbeiters bewegte fich( im Durchschnitt des Landes) wahrend des Jahres 1924 wie folgt( in Rubeln und Kopefen; 1 Rubel 2,16 m.): Januar Februar März April Mai . Juni • 34,40 • Juli.. 37,28 Auguft. 56,93 37,14 September... Oftober 40,31 88,45 41,11 42,25 37,14 36,84 Rovember 38,54 Dezember. 39,71 Die Steigerung des Nominallohns vom Januar bis Dezember 1924 erreichte demgemäß 15,4 Broz.( die des Reallohns 16,5 Broz.). Ueber die taljachlichen Arbeitsverdienste im Dezember 1924 in den einzelnen Industriezweigen geben uns folgende Zahlen einen Aufschluß: in der Metallindustrie 44,98 Rubel, in der Textilindustrie 34,17 Rubel, im Bergbau 33,49 Rubel, in der chemischen Industrie 40,30 Rubel, in der Lederindustrie 57,26 Rubel, im graphischen Gewerbe 69,91 Rubei, in der Industrie der Lebens: und Genußmittel 58,83 Rubel, in der Papierindustrie 40,68 Kubel, in der Holzindustrie 42,15 Rubel; in der Industrie insgesamt 39,71 Rubel. In Mostau dagegen 62,66 Rubel und in Leningrad 61,13 Rubel. Die tägliche Lüge. " und Aus dem Bureau des Sattler, Tapezierer Bortefeuillerberbandes wird uns geschrieben: In der Nummer 149 der Roten Fahne" vom 3. Juli, erste Beilage, werden zwei Anträge veröffentlicht, die in der General versammlung angenommen sein sollen. Die Rote Fahne bezeichnet diefe Anträge als sehr wichtig, glaubt aber in einer Fuß note feststellen zu müssen, daß fie wahrscheinlich in den Papierforb wandern werden. Dies wird nicht einzutreten brauchen, denn wir stellen hiermit feft, daß diese Anträge in der General. bersammlung gar nicht gestellt wurden und dem gemäß auch nicht angenommen werden fonnten. Sie stellen mithin ein Bhantafieprodukt der„ R. F. dar. Verbandstag der graphischen Hilfsarbeiter. Hamburg, 3. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Am vierten Berhandlungstag des Verbandstages der gra phischen Hilfsarbeiter wurde die Aussprache über die materiellen Anträge zur Statutenänderung fortgelegt. Eine Anzahl Rebner nahmen mehr oder weniger gegen die Anträge des Verbandsvorstandes zur Beitragsfrage Stellung, indem sie fie als zu weitgehend und untragbar bezeichneten. Demgegenüber erflärte Sabath vom Vorstand des ADGB. daß die Lebenshaltung steige und die Gewerkschaften gezwungen feien, das Einkommen der Arbeiterschaft mit den Ausgaben in Einklang zu bringen. Das werde ohne Kämpfe nicht abgehen. Dafür müsse in den Berbands Die Werbetraft der Organisation wachse mit ihrer Aktivität, die sie auf Grund ihrer finanziellen Kraft zu entfalten in der Lage sei. Die wesentlich höheren Arbeitsverdienste in Mostau und Leningrob erflären sich nur zu einem geringen Teil durch die höheren Lebenshaltungsfefien in den beiden Hauptstädten. Ausschlaggebend find hier vielmehr politische Erwägungen: man will die Arbeiterfassen genügend Geld angesammelt werden. in Moston und Leningrad gegenüber den Arbeitern in der Broving bevorzugen, um in den Reniren des Landes ein günstigeres Bild zu gestolten und die Unzufriedenheit der Arbeiterschaft zu lindern. Nicht nur der Nominallohn, sondern auch der Steallohn der Arbeiter ist daher in den beiden Hauptstädten wesentlich höher als in der Brovinz, und zwar in Mosfau im Dezember um 39,7 Broz. höher als im Durchschnitt des Landes( der Unterschied zwischen dem Moskauer Lohn und dem in der Provinz ist also ned) größer), in Leningrad um 38,9 Treg. Für die ersten Monale des Jahres 1925 liegen noch feine endgültigen Sahlen vor. Aus den einzelnen veröffentlichten Angaben ist aber zu ersehen, daß der Prozeß der Steigerung der Arbeits. verdienste im Herbst 1924 zu seinen vorläufigen Abschluß gelangt ist. Trotz der gerade fett Herbst vorigen Jahres steigenden Lebenshaltungskosten bleibt der Nominallohn im großen und ganzen auf der im letzten Jahresviertel 1924 erreichten Höhe, der Mealloh n zeigt jogar eine absteigende Tendenz. Das sind, wie schon bemerkt, die Zahlen nach der amtlichen Statistit Sowjetrußlands Sie enthalten im allegemeinen nichts Steues. Sie bestätigen vielmehr nur, daß die Löhne der russischen Arbeiter unter dem Comjeiregime niát beijer, ja noch schlechter find als unter dem zaristischen Regime. Gegenwärtig macht die RPD. wieder einmal große Reflame für sogenannte Arbeiterbelegationen, die nach Rusland geschickt werden sollen. An fich tann man es nur begrüßen, wenn Arbeiter in fremde Länder gehen und dort mit ihren Arbeitsfameraben persönlich Fühlung nehmen. Eine derartige persönliche Füh lungnahme fann für das friedliche Zusammenwirken der Bölfer mur ron Borteil fein. Anders liegen freilich die Dinge mit Rußland. Es ist bekannt, daß die Sowjetregierung Ausländern gegen über entweder großangelegte W In seinem Schlußwort wies dann der Hauptkassierer Lodahl darauf hin, daß es verkehrt und furzsichtig sei, finanzielle Mittel durch Ertrabeiträge aufzubringen, wenn ein Kampf ausgebrochen ift. Schließlich erfannte der Verbandstag einstimmig an, daß eine Erhöhung der Beiträge stattfinden muß. Mit 36 gegen 27 Stimmen erflärte man sich für eine Gruppencinteilung der Beitragssäge und gegen eine Staffelung nach der Löhnen. Einstimmig wurde ferner eine Erhöhung der Arbeitslofenunterstügung vor: genommen. Mit allen gegen 8 Stimmen sprach sich der Verbands: tag für die Wiedereinführung der Rrantenunterstützung aus, mit allen gegen 6 Stimmen wurde jedoch die Invalidenunter stügung, gegen 3 Stimmen eine zentrale Sterbeunterstüßung abgelehnt. Sämtliche materiellen Anträge wurden daraufhin einer besonderen Statutentommission zur weiteren Beratung überwiesen. In der Nachmittagssigung standen Anträge zur Statutenände rung zur Beratung. Die Anträge des Berbandsvorstandes wurden Sie betrafen u. a. die Verweiges von Spalthof- Berlin begründet. rung der Aufnahme als Mitglied, wenn einer sich grobe Berstöße nicht nur gegen die Grundfäße des Verbandes, sondern auch gegen die des ADGB. oder des JGB.( Amsterdam) zuschulden fommen ließ. Ein weiterer Antreg hat den 3med, die Wahl des Verbandsvorstandes von den Berliner Zahlstellen, die bisher die unbesoldeten Verbandsvorstandsmitglieder wählten, unabhängig zu machen. Den Berliner Bahlstellen soll lediglich noch das Borschlagsrecht zustehen, die Wahl selbst für den gesamten Verbandsvorstand durch den Berbandstag vorgenommen werden. Ein weiterer Antrag sieht mit Rücksicht auf unliebsame Erfahrungen die Haftpflicht der Zahlstellen für eine ordnungsmäßige Geschäfts- und Kassenführung vor. Mary- Berlin beabhaltung des Berbandes fordert, und u. a. auch die Herausgabe einer Jugendbeilage wünscht. | Umfange stattgefunden. Die Zeche Rabbod" hat am 1. Juli zum 15. d. M. gleichfalls mehreren hundert Bergieuten gefündigt. Ein Teil der Gefündigten wird auf der Zeche de Wendel" Arbeit finden. Bom ,, Hörder Berein" ist ebenfalls 150 Arbeitern gekündigt worden. Ferner wurde einer Anzahl technischer Angestellten dig Kündigung zugestellt. Passive Resistenz auf den Saargruben. Infolge der Entwertung des Franfen, wodurch der Reallohn eine Einbuße von ungefähr 20 Pro 3. erlitten hat, herrschte große Erregung unter der Saarbergarbeiterschaft. Diese wird durch den Umstand verschärft, daß jede Lohnerhöhung abgelehnt wird, obwohl der franzöfifche Arbeitsminister bei den letzten Lohns verhandlungen in Paris im Januar d. 3. die Gewerkschaften nur durch die Zusage zur Annahme der Lohnbestimmungen veranlaßte, daß die Löhne bei einem weiteren Anziehen der Teuerung ent. sprechend erhöht werden würden. Dieses Ministerwort ist noch immer nicht eingelöst worden. Als vorläufige Maßnahme üben die Saarbergleute nunmehr passive Resistenz. Zum Streik der Leipziger Straßenbahner. Jm Streit des technischen Personals der Leipziger Straßenbahnen ist eine Kenderung bisher nicht eingetreten. Die Streifenden haben gestern in einer Vollversammlung zu dem vor geftern gefällten Schiedsspruch, der für die gelernten und angelernten Arbeiter eine Erhöhung der Grundlöhne um fünf Pfennig und für die ungelernten Arbeiter eine solche von vier Pfennig vorfieht, Stellung genommen. Die„ angedrohte Lohnerhöhung". 3wang auf den Schlichter. Köln, 3. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Der Arbeitgeberverband der Ziegeleien des Rheinlandes hat an den zuständigen Schlichter ein Schreiben gerichtet, in dem er die Unnachgiebigkeit des Berbandes bei den Verhandlungen mit den Arbeitnehmern betont und die Behauptung aufstellt, daß die vom Schlichter angedrohte Lohnerhöhung(!) weit über alle Schiedssprüche hinausgehe. Wenn dieses Angebot trotzdem mit Streit beantwortet würde, so sei der Borstand nicht in der Lage, den Kampf beizulegen. Der Schlichter würde vom Verband solange nicht an. gerufen werden, bis der Streit nicht restlos be endet ist. Der Kampfeswille der Ziegeleiarbeiter ist jedoch nicht weniger start; sie sind zur Fortsetzung des Kampfes entschlossen. Die uorwegischen Gewerkschaften 1924. Ende 1923 waren dem norwegischen Gewerkschaftsbunde 31 Verbände und eine lofale Gewerkschaft mit 1281 Verwaltungsstellen und insgesamt 85 599 Mitgliedern angeschloffen, Ende 1924 29 Verbände und eine lofale Gewerkschaft mit 1191 Verwaltungsstellen und 92 767 Mitgliedern. Der Mitgliederzuwachs beträgt somit 7141 ober 8,3 Broz- Gemäß dem Beschluß des letzten Gewerkschaftstongresses betr. Die Umbildung der Berufsverbände zu Industrieverbänden, der sehr unvollständig und nur in einzelnen Industrien durchgeführt worden ist, sind verschiedene Ver. bände aufgelöst oder mit anderen Verbänden verschmolzen worden, während andererseits neue Verbände, so z. B. für die chemische Industrie, die Lebensmittel, Bau- und Textilindustrie errichtet wurden. Die Gesamtauflage der insgesamt 23 Gewerkschaftszeitungen betrug 89 603 Exemplare. 80 980 Arbeiter, davon 65 756 organisierte, neu abgeschloffen und Im Jahre 1924 find insgesamt 284 Tarifperträge für 20 Berträge für 6629 Arbeiter verlängert worden. Die hierbei durchgeführten Lohnerhöhungen sind auf 25 331 328 Kronen oder 340 Kronen pro Arbeiter und Jahr berechnet worden. Die Arbeitszeit verblieb unverändert 48 Stunden wöchentlich. Für einige Betriebe und Industrien wurde eine Verlängerung Urlaubsdauer betrug für 39 148 Arbeiter 8 Arbeitstage, für 36 590 Arbeiter 10 bis 12 Tage und für 4452 Arbeiter 14 bis 21 Arbeitstage. oder aber sich auf irgendeine över perjuht, gründete einen Antrag, der die Einrichtung einer eigenen Jugend der Urlaubsbauer von 8 auf 12 Arbeitstage erreicht. Die noer Wir haben fürzlich den Fall des einneferferien Sozialresolutio: nären og mitgeteilt, der nachträglich erfuhr, daß er angeblich mit Edo Fimmen auf einem Gute in der Nähe von Mostau sich unterhalten und lebend über die Behandlung durch die Sowjetbehörden geäußert habe. In Wirklichkeit hat Goh niemals Edo Fimmen zu Gesicht bekommen und man hat an Stelle des eingeferferten und ausgehungerten Goh einen sich in voller Gesund heit befindlichen fremden Menschen unterschoben. Benn man derartige Täuschungsmanöver einem Manne gegen über wie Edo Fimmen anwendet, dann fann man sich leicht vorfiellen, was man Arbeiterbelegationen vormachen wird. Run tann es freilich pajfieren, daß unter diesen Arbeitern sich welche befinden, die genügend Schlauheit befizen, um die Wahrheit zu erfahren oder wenigstens den Versuch dazu zu machen. In diesem Falle hat die Sowjetregierung, wie der RindermannBrozeß zeigt, mittel an der Hand, um solche unangenehmen Lette unschädlich zu machen. Wer sich, sei es mit den besten Absichten, zu sehr durchsichtigen Zweden misbraucher läßt, der ristiert, daß ihn dasselbe Schifal erreicht, wie jene Studenten, die sich gleichfalls für Sowjetrußland begeisterten. Wir warnen neu gierige! Achtung! Sattler, Tapezierer und Portefeuiller.. Heute Urwahl zum Gewerkschaftskongreß. Zur heute stattfindenden Urwahl des Delegierten zum 12. Ge wertschaftsfongreß haben die Kommunisten ein Flugblatt heraus gegeben, welches wieder erneut beweist, mit welchen unehrlichen und demagogischen Mitteln sietämpfen". Bährend sie in der General versammlung Anträge zur Gewertschaftseinheit stellen, beschimpfen sie in dem Flugblatt alle Verbandsleitungen und SPD. itglieder als auf der Seite des Rapitals stehend. So sieht die Einigung im Sinne der RBD. aus. Berantwortlich für diefes Flugblatt ist ein gewiffer Rasper, der feit längerer Zeit schon nicht mehr gewertschaftlich organisiert ist, also besonders dazu berufen ist, den Gewerkschaften Vorschriften zu machen. Er ist anscheinend Massenfabrikant von Anträgen, denn die Anträge der Schuhmacher, die in der Roten Fahne" am Donnerstag veröffent licht wurden, haben zum Teil denselben Wortlaut. Es ist dann auch tein Bunder, wenn die Rote Fahne" vom Freitag zwei Anträge veröffentlicht, die in der Generalversammlung des Sattlerverbandes angenommen fein sollen. Und zwar 1., daß ftatt alle drei Jahre der Rongreß alljährlich stattfindet, und 2., daß die Berhältniswahl ein geführt werden soll. Selbft der buchstabentreueste Kommunist wird fich nicht entsinnen können, daß diese Anträge in der Generalverjammlung gestellt, geschweige denn angenommen sind. Wohl ein schönes Beispiel dafür, wie Anträge als angenommen in die Welt posaunt werden, von der„ Koten Fahne" aber erfunden sind. " Unsere Kollegen werden diesen Hintermännern die richtige Antwort geben. Ihre Stimme gehört dem Kandidaten der gewert fchaftlichen Arbeit, dem Kollegen Wilhelm Often. Seit 26 Jahren Mitglied des Berbandes, stets als Funktionär tätig, gibt er beffens die Gewähr, die Intereffen der Kollegen auf dem Gewerkschaftstongreß erfolgreich zu vertreten. B Verbandstagswahlen bei den Gemeindearbeitern. " Im Bereiche der Ortsverwaltung Berlin des Gemeinde und Staatsarbeiterverbandes haben fürzlich die Delegierten wahlen zum zehnten Verbandstage in Frankfurt a. M. stattgefunden. Bon der Fraktion Amsterdam find gewählt die Genoffen: Bietemann, Bagodzinsli, Geßner, Kammermeier, Schulz, Rochowski, Petersen, Schaum, Kiel, Mielle, Beiche, Wienede, Mai, G. Richter, Demgegenüber brachten die Kommunisten, die große Soffnungen auf ihre Kandidaten gelegt hatten, nur vier Mann dura. Gewählt find außerdem noch ein Mitglied der UEP.(!) und ein politisch Unorganisierter. Kople. Achtung, Mitglieder des Baugewerksbundes! Die Generalversamlung hat gestern befchloffen, die 11rabitim mung nicht am Sonntag, den 5. Juli, sondern am Dienstag, den 7. Juli abends im Anschluß an Bezirksversammlungen vorzu nehmen. Die Abstimmung erfolgt durch Stimmzettel. Die werden aufgefordert, sofort Bezirksversamm= Iungen einzuberufen. Der Borstand. Obleute = Während des Jahres 1924 waren 139 Arbeitsfonflitte zu verzeichnen; die Zahl der beteiligten Arbeiter betrug 46 643, davon 40 890 organisierte. Die Zahl der hierbei verloren gegangenen Arbeitstage betrug 3 246 708 oder 79 Tage pro Arbeiter. Internationaler Eisenbahnerkongreß. Bellinzona hat seine Arbeiten abgeschlossen. Es wurden folgende Der Internationale Eisenbahnerfongreß in Entschließungen angenommen: uneingeschränktes Koalitions. und Versammlungsrecht für alle Berufsgruppen in Ungarn, Italien, Finnland, Griechenland, Jugoslawien und Balästina, die Verfol gungen ausgesetzt sind. Die zweite Entschließung richtet sich gegen die Methoden des internationalen Kapitalismus zur Ausbeutung der Arbeiterschaft in China, gegen die wachsende Konkurrenz der 2lutotransporte für den Bahnbetrieb, ferner für die Elektrifizierung der Eisenbahnen und für die stritte Durchführung des At stundentages. Der Beamteuabban in Ungarn. Jn Durchführung der im Sanierungsplane vorgesehenen Ber minderung des Personalstandes der Staatsbeamten sind am 1. Juli neuerlich annähernd 2000 Staatsangestellte entlassen worden. Diese Abbaumaßnahme betrifft insbesondere den Beamtenstand der Post, sowie des Handels- und Justizminifteriums. Es ist Pflicht Der Streit der Thüringer Lederarbeiter. Weimar, 3. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Der Streit in der Thüringer Lederindustrie, an dem etwa 2000 Personen beteiligt find und der schon mehrere Wochen andauert, gebt weiter, da die Einigungsverhandlungen des thüringischen Wirtschaftsministeriums fcheiterten. Die Arbeitgeber boten zunächst eine Zu Seffion Feuerungs- und Schornsteinbau am Sonntag, den Deutscher Bangewerksbund, Baugewerkschaft Berlin. Bersammlung dey Tage von 2 Pf. ffie die Stunde an; dann wollten sie 70 Bi. pro 5. Suli, vormittags 9% Uher, im Saal III des Gewerkschaftshauses. Tages Stunde in der Spige der Dristlase I vom 2. Juli bis 30. Sep- ordnung: Bericht von den Sarif- und Lohnverhandlungen. tember zahlen. Die von den Arbeitern geforderte Nahzahlung wurde rundweg abgelehnt. Die Affordsäße sollten nur in den Betrieben geregelt werden, in denen weniger als 20 Proz. mehrberdienst erzielt würde. Danach hätten die Affordarbeiter in ihrer Mehrzahl überhaupt teine Zulage erhalten. Die Bertreter der Lederarbeiter bestanden auf einem Spigenlohn von 80 Bf, falls feine Radgablung erfolgt und einer Erhöhung der Affordsäge um 25 Broz. Das lehnten die Arbeitgeber ab. Die Montanindustrie cutläßt. Hamborn, 3. Juli..( Mtb.) Infolge großer Absazschwierigkeiten sieht sich die Zeche Neumühl veranlaßt, zum 15. Juli erneut 700 Arbeiter zu entlaffen, so daß mit den bereits im Juni entlaffenen 500 Bergleuten die Belegschaft um insgesamt 1200 Mann vermindert ist. Man hofft, biefe Arbeiter auf Nachbarzechen unterbringen zu können. Außerdem sollen demnächst etma 80 Bechenbeamte, meist ältere, die seit vielen Jahren auf der Zeche tätig waren, abgebaut merden. Die Beche Schleswig" bei Brafe hat ihrer gesamten Belegschaft gefündigt und wird am 14. Juli den Betrieb einstellen. Bon der jegt noch 850 Mann zählenden Belegschaft werden ungefähr 400 Mann auf der Zeche Holstein" untergebracht werden. Beim Phönig" in Hörde haben auch Kündigungen in großem eines jeben Kollegen, unbedingt und pünktlich zu erscheinen. Die Fachgruppenleitung. Berantwortlich für Bolitik: Victor Schiff: Wirtschaft: Arthur Saternus; Gewerffchaftsbewegung: 3. Steiner; Feuilleton: Dr. John Schitowski; Lokales und Sonstiges: Frik Raritädt; Anzeigen Th. Glode; sämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag 6. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts- Buchdruckerel und Berlagsanstalt Baul Singer u. Co.. Berlin S. 68. Sindenstraße 3. Sierau 2 Beilagen und Unterhaltung und Biffen". DUNLOP Der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht. Die Weltmarke bürgt für Qualität! Probiert Bolle Schokolade aness Str. 31142. Jahrgang beam. end 1. Beilage des Vorwärts Wie märkische Kleinstädte aussehen: DAHME. Die wassersportkundigen oder auch nur wasserfreudigen Berliner Tennen den Namen Dahme recht gut; sie wissen, daß die dunkeln Bellen ihres Spree genannten Flusses sich aus zwei Bestandteilen zusammensetzen: dem Waffer der Spree und dem der Dahme, die bei Köpenick fich vereinigen. Aber die Stadt Dahme, in deren Nähe sich die Quellen des gleichnamigen Flusses befinden, ist in den weitesten Kreisen unbekannt; sie wird auch nur durch„ Bimmel bahnen" erreicht, die von Udro und Jüterbog ausgehen. Wählt man erstere Berbindung, so wird einem ein Barteaufenthalt von 1% Stunden vorgeschrieben, die man am müßlichsten mit Kaffeeninfen im Wartefaal ausfüllt. Dabei macht man die spaßhafte Enthedung, daß in Utro und Umgegend der Kaffee ohne Zucker bevorzugt wird will man Zucker haben, so muß man ihn bestellen und für die graziös überreichten 2 Zuckerstückchen 5 Pfennig ertra zahlen. Ein Aushang macht lobenswerter Weise darauf aufmerksam ihm zur Seite hängt eine Empfehlung von Rautabat. Der Kaffee war gut den Rautabat haben wir nicht probiert. Geschichte und Charakter der Stadt. mal war es die Neugier einer ehrsamen Bürgersfrau, die das Inglück herbeiführte: Sie wollte Spec ausbraten und ließ das Fett auflodern, weil sie eine Trauung ansehen mußte".( Heimatbuch von Mar Mals.) Die in dem Gemüte der Dahmenser Jugend spukende Borstellung, daß diese Uebeltäterin in der Frau mit dem Besen fortlebe, die auf dem mittleren Turm des Stadtwappens steht, ist eine hübsche Fabel. Jedenfalls stellen sechs Totalbrände in Jahrhunderten eine achtbare Leistung dar. Politisch war Dahme seit dem 12. Jahrhundert zum Erzbistum Magdeburg gehörig im dreißigjährigen Kriege ging die Herrschaft an Kursachsen über, das in einer der beLangsam flettert das Bügle" das Plateau empor, auf dem Dahme liegt. Schöne Waldungen begleiten den Aufstieg, dann geht's fin im flotten Tempo durch gut bestelltes Aderland zur Stadt. Die Budauer Straße nimmt uns auf bald find wir in der Hauptfraße, der Geschäftsstraße mit recht guten Läden. Die Sehens mürdigkeiten liegen abseits von ihr. Das ganz Alte, das der Tourist so gern aufsucht, in dem frohen Gefühl, daß er es zu bewohnen nicht genötigt gewesen ist, fehlt in Dahme sehen wir von der Stadtmauer ab völlig. Die Stadt hat einen Reford in Feners. brünsten aufzuweisen. Ursprünglich der Standplay einer gegen die Wenden errichteten Burg, wurde Dahme 1186 bereits mit einer Kirche ausgestattet; die flämische Kolonisation im 13. Jahrhundert brachte auch hier großen Zuzug, und Ackerbau und Handwert, sowie Handel, namentlich in Wollwaren, blühten rasch auf, bis das 15. Jahrhundert den Beginn der Not in die märkischen Städte trug. Im Jahre 1429 Eroberung der Stadt durch die Hussiten: erste Berstörung nach dem Aufbau 1441 neue Einäscherung durch einen in der Kirche ausgebrochenen Brand. 1498 legt ein Feuer in der Schmiede wieder den Ort in Asche 1563 war es die" Bosheit ciner Magd", die vom Kloster aus die Feuerfachel über die ganze Stadt warf, und 1631 folgte die übliche Zerstörung im dreißig jährigen Kriege dann aber kam der schwerste Schlag: 1666 ging alles, bis auf Mauer und Burgschloß, in Flammen auf, und dies12] Die Baumwollpflücker. Roman von B. Traven. Copyright 1925 by B. Traven, Columbus, Tamaulipas, Mexico. ,, Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich laffe den Tag erst einnial herankommen. Ich fann ebensogut nach Norden wie nach Süden, ebenso leicht nach Ost und West gehen. Eigent lich habe ich vor, nach Guatemala, Costa Rica und Panama runterzulippeln. Vielleicht nach Columbien. Da foll allerhand Del ausgemacht worden sein." Top!" sagte Mr. Shine ,,, das habe ich auch gedacht, daß es Ihnen egal ist; und nach Guatemala und allen den übrigen Landschaften kommen Sie immer noch rechtzeitig genug. Da habe ich nun zu dem Manager gesagt: Well, habe ich gefagt, auf Sie habe ich gerade gewartet. Ich habe da einen Fellow, cinen Bider, einen weißen Mann, weiß im Geficht und weiß unter dem Brustlatz ebensogut, einen Burschen, der Ihnen die nerieufeltste Bohrung aus dem elendesten Dred herausholt. Man muß doch ein wenig trumpfen, Gale, wenn man was erreichen will. Also, habe ich gesagt, Mr. Berkley, ich schide Ihnen den Mann runter. Na, was sagen Sie nun, Gale, Junge, hä? Das habe ich doch fein gemacht. Da gehen Sie noch morgen früh runter zum Store. Der Storekeeper tennt den Weg zum Camp und kann Ihnen Bescheid sagen. Um 5 Uhr nachmittags sind Sie schon im Camp und fönnen fich gleich zum Effen hinsehen. Das mit dem Effen war allerdings verführerisch. Wenn Sie dann nicht mit der Arbeit zurecht kommen, ist der Berlust auch nicht allzu groß. Einen Tag friegen Sie auf alle Fälle ausbezahlt und außerdem haben Sie einen Tag wieder mal menschenwürdig gegessen," segte Mr. Shine hinzu. 3u überlegen gab es da eigentlich nichts. Hier war noch für drei oder vier Tage Arbeit, harte und schlecht bezahlte Arbeit. Im Delfeld mußte man zwar auch zwölf Stunden arbeiten, weil nur zwei Schichten waren, aber man arbeitete wenigstens unter dem Rig, wo die Sonne nicht ganz so unmittelbar auf einen losbrennen fonnte. Dazu hatte man sterilisiertes Eiswaffer, soviel man nur trinten wollte. Bor allen Dingen aber hatte man, wie schon Mr. Shine richtig gefagt hatte, ein menschenwürdiges Essen, mit Teller, Meffer, Gabel, Eloffel, Teelöffel, Tasse und Glos on einem Sch, L DAD D med si Sonnabend, 4. Juli 1925 neu erbaut, 1719 das neuee Schloß errichtet und mit reichen Aus lagen versehen. Auch Sehenswürdigkeiten. Nach dem Gesagten ist es begreiflich, daß romantische Verformenheit, wie sie eng aneinander geschichtete Häuser, Mauern und Lore hervorbringen, in Dahme nicht zu Hause ist. Es ist alles meist weit, frei, fonnig, und die Stadtmauer macht nicht, wie in anderen Städten, einen fruhigen Eindruck. Wo sie noch sichtbar ist, wird sie von Anlagen umgeben, auf der linfen Seite( vom Bahnhof aus) von der Elisabeth-, auf der rechten Seite von der Bittoriapromenade. Die Hauptstraße, die breit, gewissermaßen den fehlenden Marktplatz ersehend, die Stadt durchzieht, endet am Bogelturm, einem starfen Feldsteinbau; von hier führt die Jüterboger Straße meiter, an der sich das Jahn- Denkmal befindet. In der Hauptstraße erhebt sich seit 1894 das neue Rathaus( mit Post), das ganz in dem aufdringlichen Postpalaststil der wilhelminischen Zeit errichtet ist. Borher befand fich das Rathaus in einer alten damals abgetragenen Kirche. In der Hauptstraße liegt noch die Hospitalfirche, die jetzt zum größten Teil zu einem Altenheim umgewandelt ist. Vom Rathaus rechts in die Wilhelmstraße einbiegend, gelangt man zur Schloßstraße, die uns zur Hauptkirche und zum Schloß führt. Die Kirche steht inmitten des alten Kirchhofes, auf dem sich noch einige Grabmäler befinden. Außen an der Kirche angebracht sieht man den Grabstein eines Stadtschreibers Lufas Kranach( 1725), eines Nachkommen des be Zufas fannten Malers. Die Kirche ist immen in lichten Farben recht entsprechend ausgemalt und macht mit der doppelten Reihe der Emporen und den Patrizierlogen einen stattlichen Eindruck. Das Schloß mit Schulklassen. in Die Schloßstraße meitergehend, gelangt man zum Schloß, dem auf der rechten Seite die Domänen, ein großer Wirtschaftshof, vorgelagert ist. Das Schloß ist neuerdings renoviert worden; es zeigt in dem von einem Turm gekrönten Mittelteil eine gut mirtende Gliederung durch zwei Säulenpaare; an dem Mittelbau schließen sich in stumpfen Winkeln die langgestreckten Flügel. Der weite Hof it mit einer der charakteristischen sächsischen Bostsäulen geschmückt. Das Schloß dient jeht, nachdem die Landwirtschaftsschule ihr eigenes Heim erhalten hat, in seinen unteren Räumen dem Museum den anderen Teilen Schulzweden: 3m ganzen sind 30 Schulklaffen vorhanden. Das Museum( Eintritt 30 Pfennig) hat allerhand Merkwürdigkeiten, Funde, Geräte, Gewänder, Bücher, Bilder, Waffen usw., so daß wohl jeder Befucher etwas ihn Interessierendes finden wird. Eigentümer des Schlosses ist seit 1873 die Stadt; sie erwarb es für 72 000 m. Geht man vom Schloß zur Vittoria promenade, so steht man bald vor dem neuen Gebäude der Landwirtschaftsschule, die sich eines guten Rufes erfreut. Sie ist ein Unternehmen der Stadt und aus fleinen Anfängen, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts her. abreichen, zur jezigen Blüte gelangt. Reiche Lehrmittel, Sammhungen und große Verfuchsfelder fehlen nicht. Eine humanitäre Stiftung. Am Ende der Vittoriapromenade erheben sich zwei große lla moderne Häuser: das Viktoriaftift. Es ist dies eine von den deutschen Freimaurern gefchaffene Einrichtung, bedürftigen Witwen und Waisen der Logenbrüder einen geruhjamen Lebensabend zu sichern. Etwa 30 Zimmer mit Zubehör stehen in den beiden Häusern zur Berfügung; ein schöner Garten umgibt das Ganze und die freund. liche, auch der Individualität des einzelnen Spielraum lassende Einrichtung macht einen recht angenehmen Eindrud. Im Garten feht noch ein fleines Gebäude: die„ Coge", der Sammelpunkt ber einheimischen und zureisenden Logenbrüder. Eine solche Institution in einem fleinen abgelegenen Orte zu finden, hat zweifellos eimas leberraschendes. Das Schloß als Schule. liebten Teilungen 1656 Dahme an Sachsen- Querfurt gab, deren Fürsten( aus dem Hause Sachsen- Weißenfels) 1746 ausstarben. Der mun wieder an Kurjachsen zurückgefallene Ort wurde 1815 preußisch. Nach dem Brande 1666 wurde die Stadt rasch wieder aufgebaut. Die Weißenfelser Herren Johann Adolf I. und II. ließen die Sonne ihrer Gnaden über den Ort scheinen. 1671 wurde die Hauptkirche der zwar von einem Zimmermann ziemlich roh gemacht war, aber es war doch ein Tisch und eine richtige Bant. Man brauchte nicht aus der Pfanne von der Erde essen und sich beim Essen von einer wackligen Rifte, auf der man saß, herunterbücken. Man brauchte nicht mit demselben Löffel, den man aus den fettigen Bratkartoffeln zog, den Kaffee umrühren. Das Brot, das man aß, war weder zu Kohle verrühren. Das Brot, das man aß, war weder zu Kohle verbrannt, noch war es flebrig wie Kleister. Die schwarzen Bohnen, immer hart wie Kieselsteine, hörten auf, ein wichtiger Bestandteil der Mahlzeiten zu sein. Man wurde bei Tische bedient von Chinks, die man angrunzen durfte, wenn einem das Essen nicht schmeckte und die Ananaspie nicht genügend geeift war. Angrunzen, hm! ja! das tut man sofort, sobald man einen anderen armen Teufel auch nur einen Zentimeter auf der sozialen Rangleiter unter sich weiß. Man schlief nicht ohne jede Unterlage auf einer Tafel Wellblech, sondern man fchlief in gut ventilierten Baraden, in sauberen Feldbetten, auf weicher Matraße und gut geborgen unter einem schleier dünnen Moskitoneh. Man hatte jeden Tag ein Brausebad und hatte ein W. C. Daß es solche Dinge auf Erden gibt, hatte ich ganz vergessen. Romantit ist schön, sehr schön! von ferne gesehen. Wenigstens in der Entfernung, gerechnet von einem bequemen Siz im Kino bis zur Silberwand. Auf dieser Silberwand find die Helden des Busches und des Ur waldes der Traum der Mädchen und sie erregen Ehefcheidungsgedanken bei Frauen; in Wahrheit bohren sie sich beim Effen in der Nase herum und schmieren dies und das an thren Siz oder an die nächste erreichbare Tischplatte. Und das tann man gerade noch erzählen. Würde man einiges mehr erzählen, noch nicht einmal alles und noch nicht einmal das Schlimmste, so würde fich der bunte Schmetterling in die allermiderwärtigste Raupe zurüdverwandeln. Aber trotz alledem, Romantit ist auch im Delfeld, das auf den ersten Blick fo trostlos prosaisch und so nüchtern aussieht wie eine Rohlenzeche in Herne. Man muß die Romantik nur zu sehen und nur zu finden wissen. Bei meinem Abschied von den bisherigen Arbeitskollegen war mir nichts so wichtig, als meine Eierrechnung bei Abraham auf den Cent genau zu begleichen. Er wäre mir sonst in meinen Träumen erschienen und nachgelaufen bis nach Baraguan, wenn ich ihm nur zehn Centavos fchuldig ge blieben more, Hen Der wendische Einschlag ist in Dahme und Umgegend besonders durch die Tracht der Landfrauen gekennzeichnet; drei Röcke übereinander und buntfarbiges Kopftuch zieren die vielfach per Rad zur Stadt Kommenden; ihre roten Gewänder leuchten in der prallen Sommersonne. Bemerkenswert ist in Dahme noch die starke gemerbliche Beschäftigung mit Schuhmacherei und Tabakver arbeitung: Das Heimatbuch" zählt 57 Schuhmacher- und 42 Zigarrenfabritanten auf. Auch einige Gärtnereien find vor handen, trotzdem Dahme im Winter meist hohe Kältegrade ver zeichnet. Sehr zu woben ist die große Sauberkeit der Straßen, die Pflege der Anlagen, die Blumenliebe der Bewohner. Ein stilles, aber ansprechendes Städtchen! Als ich zum Delcamp tam und mit dem Manager sprach, machte er nicht im geringsten ein erstauntes Gesicht, seinen neuen Driller so in Lumpen und Fezen zu sehen, wie fein Mensch in Europa, selbst nicht in Odessa herumlaufen könnte. Darin ist man hier gewöhnt. sajan 208 Die weißen Arbeiter, alle Gringos, waren froh, daß Dick, der Driller, einen Erfagmann hatte und das Camp also nicht verlassen brauchte; den er war ein beliebter und luftiger Bursche, der im Camp war, seit der erste Pfeiler für das Rig gestellt wurde. Sie firten mich auf, der eine brachte mir ein Hemd, der andere eine Hose, jener Strümpfe, ein anderer Arbeitshandschuhe. Ja Handschuhe, denn ein amerikanischer Arbeiter macht sich beim Arbeiten die Hände nicht mehr schmußig als unbedingt notwendig ist. Reiner von ihnen hatte irgendein Handwerk gelernt, wie das in Europa üblich ist, aber jeder fonnte ein Auto fahren, Bannen beseitigen, Dampfmaschinen reparieren oder Werkzeuge schmieden. Bielleicht nicht ganz so sauber und geschickt wie ein englischer, deutscher oder französischer Arbeiter, aber was er machte, war brauchbar, und darauf kam es ihm und denen, die ihn dafür bezahlten, ja nur an. Als ich meine Schicht beendigt hatte, sagte Mr. Berfly zu mir: ,, Sie fönen bleiben, Junge, vollen Drillerlohn. Did war schneller hergestellt als wir alle gedacht hatten, und so mußte ich wieder gehen. Beim Abschied gab mir Dic zwanzig Dollar extra aus seiner Tasche, für Reisegeld und daß ich mir einen guten Tag machen follte, wie er sagte. Als ich dann beim Manager meinen Lohn ausbezahlt betam, fagte er: Sören Sie mal, Gale, tönnen Sie nicht hier irgendwo eine Woche oder so herumhängen?" stod, Ja," erwiderte ich, das fann ich leicht. Ich gehe rauf zu Mr. Shine, da fann ich gut für eine Weile hausen. Warum?" ,, Auf einem unserer Nachbarfelder da ist ein Bursche, der möchte auf vierzehn Tage in Urlaub gehen, rauf in die States. Da fönnen Sie für die zwei Wochen als Ersagmann eintreten. Anfang nächsten Monats." ,, Mache ich," sagte ich. Sie können ja im Store eine Mitteilung für mich an Mr. Shine hinterlegen, wenn es fomeit ist." But, abgemacht!" jagte Mr. Berfly. ( Fortfehung folgt) y Die Lübbener Schützen. Es ist immerhin ein Stück märkischer Geschichte, wenn in einem durch seine landschastliche Struktur und seine politische Entwicklung höchst interessanten Landstrich unweit Berlin eine Schützengilde die Jahrhunderte überdauert hat und die Fünfhundertiahrfeier begehen kann. Kommt man nach dem Spreewald, bekanntlich einem Gebiet. wie es in dieser Form wohl in der ganzen Welt nicht zum Zwesten Male zu finden ist, und läßt sich mit dem Kahn durch die zahl- reichen Fließe und Kanäle fahren, so sieht man an jedem Gehöft eine ganze Anzahl großer hölzerner Schießscheiben, schon der äußere Beweis, welchen Boden hier, wie überhaupt in der ganzen Nieder- lausitz, das Schützengildenwesen gewonnen hat. Wohl die ästeste märtische Gilde dieser Art ist die des Spreewaldstädtchens Lübben. Geheimrat Dr. Dippert, Direktor des chauptstaatsarchios in Dresden, der als bester Kenner der mittelalterlichen Geschichte der Niederlausitz gilt, hat als historisches Ursprungsjahr der Gemeinschaft Lübbener Schützen das Jahr 1425 festgestellt. Danach müßten sich die kriege. rischen alten Wenden, deren Nachkommen noch heute allenthalben im Spreewald sitzen, zur Abwehr feindlicher Ueberfälle schon zu- sammengeschlossen haben, als noch mit Armbrüsten geschosien wurde. In der wechselreichen Geschichte des Spreewaldes mauserten sich später alle dortigen Schützengilden, gleich denen des übrigen Deutschland, im großen und ganzen zu monarchistischen Steigbügel- Haltern..Sie fehlten bei keinem Anlaß zur Verherrlichung des nionarchischen Gedankens und waren stets glücklich, einen Strahl von der Gottesgnadensonne zu erhaschen. An dieser Tradition klebt ja auch die dem Militarismus angepaßte Uniformicrung, das Schützenkönig- und Schützenrittertum und die geschmacklose Sitte. sich die ganze Breitseite mit blechernen Schießorden und Ehrenketten zu behängen. Auch in Lübben wird man während der Festtage vom 5. bis 12. Juli noch viel von diesem alten Popanz sehen. Wie der Festausschuß erklärt, ist die Lübbener Schützengilde parte!- politisch neutral. Es seien Maßnahi»en getroffen, daß das Fest durch politische Störungen nicht beeinträchtigt wird. Das Streben der Schützen gelte der Heimat und dem Vaterland. Dann hält man sich hoffentlich auch bei dem an solchen Tagen und in solchen Kreisen üppigen Schwingen der Festreden von allem fern, was in den Rahmen der Republik nicht hineinpaßt. Der Kutfthermorü bei Jüterbog. Vernehmung der Iürsorgeauffeher. Vor dem Potsdamer Schwurgericht wurden gestern die Auf- seher der Anstalt Strausberg vernommen. Vorher wurden die Fürsorgezöglinge über die kirchlichen Einrichtungen der Anstalt in Strausberg vernommen. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob jeder zur Kirche gehen müsse, wurde diese von den Zöglingen bejaht. Alle vierzehn Tage sei Gottesdienst, zu den Mahlzeiten werde gebetet. Die Zöglinge bekunden, daß der Angeklagte Lönig in der Anstalt in letzter Zeit ein sttlles, fast scheues Wesen gezeigt habe. Vors.: Gab es in der Anstalt Prügel st rasen? Die Zeugen konnten darüber nichts aussagen. Vors.: Wenn jemand ausrückt und wiedergefunden wird, was gibt's dann? Fürsorgezögling K.: Dann Einzelzelle nachts, manchmal gibt's auch.was geschwenkt". Dann werden die Aufseher der An st alt Strausberg darüber vernommen, ob in der Anstalt geschlagen worden ist. Der Vorsitzende. Landgerichtsdirektor Dr. Westerkamp, macht die Aufseher darauf aufmerksam, daß, wenn sie geschlagen haben sollten, sie darüber die Aussagen verweigern können, da das Schlagen in der Anstalt oerboten ist. Aufseher Otto Bumk«, darüber gefragt, ob er mal geschlagen, meint: Es reißt ja jedem mal die Geduld. In besonders schweren Fällen weist der Direktor Schläge an. Wir dürfen ohne Meldung nicht schlagen. Den Angeklagten Lönig be- zeichnet er als schwer erziehbaren Jungen. Er war mürrisch und trotz! jj. Vors.: Lönig hat gesagt, daß er Ihretwegen ausgerückt fei. Zeuge: Da will jeder ausrücken, Herr Vorsitzender. Ober- staatsanwalt Pfaffe: Haben Sie Lönig mit einem Stock ge- schlagen? Zeuge: Genau kann ich das nicht sagen, ich glaube kaum. Aufseher Albert K ö p k e sagte, daß Lönig bei der Arbett gut war. Einmal habe er den Mondsüchttgen markiert, nach einer kalten Dusche sei alles wieder gut gewesen. Der 64jährige Aufseher Max Mendt schilderte in drastischer Weise die Unarten der Zog- linge. Manche seien ja gut. viele aber frech und bösartig: Na, und da gibt's mal von uns au» der.Armenkasse". Vor f.: Hat Lönig auch mal aus der.Armenkasse" von Ihnen bekommen? Zeuge: Der Direktor hat gesagt, wer schlägt wird enttassen von den Aufsehern. Vors.: Aber geschlagen wird doch? Zeuge: Dann nmd's auch gemeldet. Vor s.: Haben Sie Lönig mit einem Stock übers Auge geschlagen? Zeuge: Dann wird er wohl auf mich losgekommen sein. Vors.: Gehen Zögling- auf Beamte los? Zeuge: Sehr selten. Der Angeklagte Lönig springt auf und sagt: Ja, er hat mich geschlagen, der Ausseher, übers Auge mit seinem Krückstock, im Zellengang war's. Zeuge Ausseher Mendt: Ich glaube es nicht. Damit war die Vernehmung der Aufseher beendet. Die vernommenen Zöglinge werden aber nochmals am 9. Juli ge- laden. Der Arzt der Anstalt bezeichnet Lönig al? moralisch minder- wertig. Die als Zeugen geladenen Landleute wußten nichts Wesent- lichez zu berichten. Eine teure Ohrfeige. , Fritz Sch. ist Ingenieur und war früher Fliegerleutnant. Von seinem früheren Beruf hat er etwas mit in den jetzigen hinüber- genommen. Wer sich als schneidiger Pilot die Welt im Fluge er- obert, der braucht sich dort nicht lange aufzuhalten, wo es ihm nicht gefällt. Fritz Sch. gefiel es nun tm ruhigen Hafen der Ehe ganz und gar nicht. Sein sehnlichster Wunsch war es, eines Tages d a- vonfliegen zu können! Das Schicksal war ihm hold, seine Ehe wurde geschieden, er war wieder frei. Ein„freudiges Ereignis" pflegen manche Leute gehörig zu begießen, so auch Fritz Sch. Be- sonders energische Männer pflegen nichts halb zu tun, der gefchie- den« Ehemann war sehr energisch. Er flog von Lokal zu Lokal und war ständig in„gehobener" Stimmung, für einen Flieger- leutnant selbstverständlich. Eines Tages sollte seine Freude ober jäh getrübt werden. In einem„Nothafen" bemerken der Herr Leutnant einen Schlosser Siegsried L., der in seinem Knopfloch das Reichsbannerabzeichen trägt. Das war für Fritz Sch. zu viel, er schäumte vor Wut und forderte den L. auf, in zwei Minuten das Zeichen abzulegen, da er sonst eine Ohrfeige er- halten würde. Der Schlosser oerbat sich jede Belästigung, erhielt aber tatsächlich die versprochene Ohrfeige. Jetzt fand vor dem Schöffengericht in Neukölln das gerichtliche Nachspiel statt. Der Vorsitzende suchte die Parteien zu einem Vergleich anzuregen. Fritz Sch. hielt es für das Beste, darauf einzugehen und erklärte sich sofort bereit, die verlangte Buße von 100 M. zu zahlen. Seine weiteren Festlichkeiten dürfte er vorläufig einstellen! Nebenkosten wie 100 M. pro Backpfeife können in dieser Zett den Dergnügungs- etat doch allzusehr belasten I Die Wohnung der ägyptischen Prinzessin. Eine 16-Zimmer-Wohnung in der Tiergartenstraße, deren In- haberin die ägyptische Prinzessin Nadje, die Gattin Enver Paschas, gewesen war. bildete den Streitpunkt, aus dem eine Anklage gegen den Kaufmann Sund wegen Betruges hervor- gegangen war. Die Prinzessin war vorübergehend zur Regelung ihrer privaten Angelegenheiten nach Aegypten gefahren und hatte Sund beauftragt, während der Zett ihrer Abwesenheit die Woh- nung anderweittg zu vermieten. Durch ein Vermittlungsbureau war Sund mit einem Direktor Klaffte in Verbindung getreten, der die Wohnung auch übernehmen wollte. Hinterher fühlte sich aber K. geschädigt, weil nach seiner Behauptung oersichert worden sei. daß die Wohnung nicht beschlagnahmt werden könne. Sund bestritt das mit aller Entschiedenheit, und Rechtsanwalt Graffelt trat vor dem Schöffengericht Eharlottenburg den Beweis an. daß Klaffke wissen mußte, daß erst eine Genehmigung des Wohnungsamtes nötig sei. Klaffte hatte nach dieser Richtung hin eine Auskunft vom Wohnungsamt bekommen. Er hatte sich auch auf eine Empfehlung des Ministers a. D. Giesberts berufen, der wiederum die Eulpfehlmeg des«ohlfahrtsministers Hirtstefer und des Abgeordneten Stegerwald in Aussicht gestellt haben soll. Dafür soll sich Giesberts in der Wohnung zwei Zimmer für Konferenz- zwecke ausbedungen haben. Landgerichtsdirektor M ä d e r kam zu einer Freisprechung des Angeklagten, da nach der Beweis- aufnähme keine Zweifel bestehen konnten, daß Klaffke wissen mutzte, daß eine lö-Zimmer-Wohnung zu jener Zeit nicht beschlagnahme- frei sei, so daß von einem Betrug keine Rede sein könne. Genosienschastlicher Werbetag. Die genossenschaftliche Internationale tritt am 4. Juli zum ersten Male in Deutschland stärker in Erscheinung, da dieser Tag von den großen Konsumvereinen als.Internationaler Genossen- fchaftstag" gefeiert wird. Der Feier liegt die praktische Idee einer Werbearbeit für die Konsumgenossenschaften in der ganzen Well zugrunde, soweit eben diese„Welt" dem Internationalen Genossen- schaftsbund angeschlossen ist. Dies ist der Fall mit 27 Ländern, worunter sich alle großen Völker befinden, auch Deutschland mit seinen über 2000 Konsumgenossenschaften und 4X Millionen genossenschaftlich organisierten Familien. Der Internationale' Genossenschaftsbund zähll in diesen 27 Län- dern insgesamt 5 0 Millionen Mitglieder(Familien). Er ist also der Zahl nach eine der größten Wirtschaftsorganisationen der Welt. Und seine wirtschaftliche Bedeutung wie die Eigenart des Wesens der ihm angeschlossenen Genossenschaften besteht darin, daß die Grundsätze und die wirtschaftlichen Methoden, nach denen sie ge- kettet werden, überall die gleichen sind. In den englischen Konsumvereinen sind über 4% Millionen Familien orgat