Abendausgabe Nr. 316 42. Jahrgang 5 Pfennig Dienstag = Vorwärts== Ausgabe B Nr. 155 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife Find in der Morgenausgabe angegeben Redaktion: Sw. 68, Cindenstraße 3 Fernsprecher: Donhoff 292-295 Tel.- Noreffe: Sozialdemokrat Berlin Berliner Volksblatt 7. Juli 1925 Berlag und Anzeigenabteilungs Geschäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin S. 68, Cindenftraße 3 Sernsprecher: Dönheff 2506-2502 Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands London gegen Moskau. Die englische Regierung bereitet einen Schritt in Moskau vor. London, 7. Juli.( WTB.) Der diplomatische Berichterstatter des„ Daily Telegraph" schreibt, bisher fein fein diplomatisches Ultimatum oder ein offizieller Protest bzw. eine Warnungsnofe nach Mostau gefandt worden. Es werde jedoch erwartet, daß dieje Frage in der morgigen Kabinettsfihung behandelt wird und daß dann ein Beschluß bezüglich eines Präliminaridhrittes gefaßt werden wird. Die große Mehrheit der Minister jei der Ansicht, daß ein Schritt dringend notwendig fei. Die unionistische Partei sei so gut wie einer Ansicht über diesen Punkt. London, 7. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Ratowffy reifte am Dienstag nach London mit dem Flugzeuge ab, um dort über die englisch- ruffischen Beziehungen zu verhandeln. Bor seiner Abfahrt fanden längere Beratungen mit der Sowjetregierung statt. Die Meldung des gewöhnlich gut unterrichteten diplo matischen Berichterstatters des Daily Telegraph" deckt sich mit den Mitteilungen, die in den letzten Tagen in führenden englischen Blättern veröffentlicht wurden. Auch die Tatsache, Daß Ratomiti im Auftrage der Sowjetregierung wieder nach London entfandt worden ist, bestätigt, daß die englisch russischen Beziehungen wieder an einem fritischen unfte angelangt sind. 11 Es ist natürlich Unsinn, wenn die kommunistische Presse tagaus, tagein von einer neuen„ Berschwörung gegen Sowjetrußland" fabelt und hysterisch Hände weg von Sowjetruß lond!" schreit. Sie könnte sich dieses Geschrei sparen, wenn die Moskauer Außenpolitit nicht immer wieder darauf ausginge, ihre Hände in alle möglichen internationalen Angelegenheiten zu steden und sich überall, wo ein Brandherd im Entstehen begriffen ist, attiv zu betätigen. Die Folge dieser Aktivität" ist, daß die außenpolitische Stellung Rußlands, die im letzten Jahre Anzeichen einer zunehmenden Besserung zeigte, sich neuerdings in außerordentlichem Maße verschlechtert hat. Die englisch russischen Beziehungen haben fich in den letzten Monaten, in Berbindung mit der zweideutigen Rolle, die Rußland im fernen Osten spielt, zusehens Kritische Lage in China. Paris, 7. Juli.( WEB.) Nach einer Sondermeldung der Chicago Tribune" aus Peking haben chinesische Studenten neue fremdenfeindliche Kundgebungen in Tschungting veranstaltet, wobei es zu einem& ampf mit einer englischen Marine wache tam. Die Frauen und Kinder wurden auf ein Flußboot gebracht, während die Männer fich am Ufer auf die Berteidigung einrichteten. Nach derselben Meldung hat General Feng ein Manifest an die Christen der ganzen Welt erlaffen, in dem er Gerechtigkeit für die Chinesen fordert. Tanger in Gefahr. Paris, den 7. Juli( TU).„ Chicago Tribune" meldet aus Tanger, der Kommandant der internationalen Polizei habe einen Bericht über die Gefahr plötzlicher Angriffe der Rifleute auf die Stadt und die internationale Zone an die Mächte gesandt, und zur wirksamen Berteidigung 7 000 Mann Berstärkung angefordert. Ein neuer französischer Oberbefehlshaber. Paris, 7. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Die franzöfifche Regle rung hat an Stelle des ursprünglich in Aussicht genommenen General Guillaumat, der mit Rücksicht auf die bevorstehende Räumung des Ruhrgebiets an der Spize der Rheinarmee unabkömmlich ist, General Naulin mit dem Oberbefehl in Marotto betraut. Naulin mar zuletzt Kommandeur des zur Rheinarmee gehörenden 30. Armeekorps. gulegt Rommandeur des zur Rheinarmee gehörenden 30. Armeekorps. Ministerpräsident Painlevé hat in einer furzen Erklärung die er am Montag abend nach Schluß des Ministerrats der Preise abgegeben hat, die Lage in Marotto als außerordentlich schwierig und fompliziert bezeichnet unb gebeten, die Entwicklung der Dinge ruhig zu beurteilen. Er hat aufs entschiedenste die von einigen Blättern aufgestellte Behauptung bestritten, daß die Regierung durch ihre Anordnung eine wirksame Gegenoffensive der französischen Truppen verhindert habe. Bom Kriegsschauplatz wird eine franzöfifche Gegenoffensive in ber Gegend von Taza gemeldet. Bezeichnenderweise wird jedoch gesagt, daß das französische Oberkommando am Montag den Befehl gegeben hat, Taza von Frauen und Kindern zu räumen. Textilien. verschärft und die Wirtschaftsverhandlungen zwischen London und Mostau, die eine Zeitlang die Aussicht auf einen günstigen Abschluß eröffneten, sind in letzter Zeit völlig ins Stoden geraten. Auch der Flirt zwischen Moskau und Paris, der im Hinblick auf das Verhältnis zu Berlin von den Moskauer Diplomaten mit besonderem Eifer betrieben wurde, hat in der letzten Zeit eine merkliche Abkühlung er fahren. Auch das durch den Rapallo- Bertrag gestützte Freundschaftsverhältnis" mit Deutschland hat durch das offenfichtliche Bestreben Mostaus, Deutschland nur als Werkzeug feiner außenpolitischen Spekulationen zu benutzen, sowie neuer dings durch das Moskauer Justizverbrechen an den angeklagten deutschen Studenten eine heftige Trübung erfahren. Das Fazit ist für die Moskauer Politik nicht günstig: Das Ergebnis der sprunghaften Manöver der Sowjetdiplomaten, verbunden mit der verhängnisvollen Tätigkeit der Mostauer Internationale, die immer wieder die Anfäße zu einer vernünftigen Außenpolitik durchkreuzt, haben in allen europäischen Ländern eine zunehmende Entfren dung gegenüber Rußland gezeitigt und ein Stimmung hervorgerufen, die letzten Endes zu einer Isolierung Rußlands im Konzern der Mächte zu führen droht. Es muß in diesem Zusammenhang noch bemerkt werden, daß die Verschärfung der englisch- russischen Beziehungen, die jeg: in ein kritisches Stadium tritt, auf die Zeit zurückgeführt werden kann, wo die Regierung Macdonalds gestürzt und durch die konservative Regierung Baldwins abgelöst wurde. Dię fommunistischen Sowjetpolitiker, die monatelang in der unflätigsten Weise die sozialverräterische" Regierung Macdonalds bekämpft und der fonservativen Regierung Baldwins ebenso in den Sattel geholfen haben, mie knapp ein Jahr später den Reichspräsidenten Hindenburg, haben es sich selber zuzuschreiben, wenn infolge ihrer selbst mörderischen Tattif die außenpolitische Stellung der Sowjet regierung verschlechtert wird. " gegen die deutsche Einfuhr hermetisch abschließe, bedinge ähnliche Maßnahmen Auf Antrag des Genossen Müller- Franken wird das vom Regierungsvertreter benutzte Material dem Ausschuß zugänglich gemacht. Nachdem die Regierung ihre Taftif geändert hat, scheinen auch die Regierungsparteien aus ihrer tattischen Rolle heraustreten zu wollen, wenigstens erhob sich diesmal Herr Dr. Schneider, um auch in die sachliche Debatte einzugreifen. Er machte es furz und schmerzlos, betonte, daß seit dem letzten zolltarif der ausländische Wettbewerb außerordentlich gestiegen sei und daß es der Schutz der nationalen Arbeit bedinge, besondere. zöllnerische Maß nahmen zu treffen. Interessant war bei den Ausführungen Dr. Schneiders, daß er fich jedenfalls nicht enthalten fonnte, Kritit zu üben daran, daß die Regierung die Zollvorlage so schnell eingebracht hat, so daß eine gründliche Durchberatung, die gerade bei den Tertizöllen notwendig gewesen wäre, nicht ermöglicht wurde. Er betonte auch zu hören. Der Genosse Kräßig replizierte seinerseits auf die gleichzeitig, daß es zweckmäßig gewesen wäre, Sachverständige Ausführungen Schneiders, daß troß der von ihm tritifier ten ll mit an de eine genaue Prüfung der einzelnen Zollpositionen notwendig ist. Er bestritt, daß die Lage der deutschen Textilindustrie so schlecht sei, wie sie die Regierung darftelle, um damit den Zollschutz zu rechtfertigen. Die Bestrebungen der Textilindustriellen gehen offen darauf hinaus, die Reparationsleistungen abzuwälzen, fie steden dabei riesige Dividenden ein; die Abschreibungen übersteigen das sonst übliche Maß bei weitem. Die Ausführungen von stellte, daß die Regierung es unterlassen habe, auch die Arbeiterschaft Kräßig wurden noch ergänzt durch den Genossen Kohte, der feit zu befragen, wie sie zu den Zollerhöhungen stehe, und daß die aus der einseitigen Information durch die Unternehmer gewonnenen Resultate eine nur sehr schlechte Mastierung des brutalsten Unter: nehmerprofitwillens darstelle. Bayerische Ordnung. Polizeiüberfall auf das Reichsbanner. Augsburg, 6. Juli.( Eigener Drahibericht.) Die Ortsgruppe Augsburg des Reichsbanner Schwarz Rot Gold unternahm am Sonntag einen Ausflug nach dem unweit der Stadt befindlichen Luftfurort Nervenheil, dessen Restauration der Stadt Augsburg gehört. An dem Ausflug nahmen auch Frauen und Kinder der Reichsbannerleute teil. Als die Ausflügler bereits eine Stunde frühstüdend in dem Wirtshausgarten saßen, wurden fie plöglich von etwa hundert Landespolizeilenten mit iubereitem Gewehr umzingelt. 13 Mann wurden als Anführer verhaftet und auf den beiden Lastautos, in denen die Landespolizei gelommen war, nach Augsburg gebracht, wo sie nach furzer Vernehmung wieder entlassen wurden. Der Anlaß zu dem bewaffneten Ueberfall der Landespolizisten ist noch nicht befannt. Irgendein Anlaß, der das Aufgebot der Polizei gerechtfertigt hätte, lag nicht vor. Wir sind nun gespannt, wie die Behörden der Ordnungszelle fertigen werden. Die Regierung redet im Zollausschuß. Der Handelspolitische Ausschuß fegte heute morgen bie Debatte über Textilien und zwar mit der Untergruppe Welle und Baumwolle fort. In einer Unterausschußfizung war von Der Deutschen Volkspartei ein ernstlicher Borstoß zur Kontingen tierung der Redezeit gemacht worden. Der Ausschuß mehrte diesen Borstoß der Herren um Dr. Schneider entschieden ab. 3um erstenmal fand in der heutigen Vormittagssigung die Regierung das Wort zu einer Begründung ihres Bollwillen. Zur allgemeinen Ueberraschung erhob sich zu Beginn der sachlichen Beratung ein industrie zu geben. Die Vorlesung war mit einer großen Menge Material belastet, erhob sich jedoch nicht über das Niveau, das wir im allgemeinen von der Regierung und im besonderen bei der Zoll- Die in Gera erscheinende völkische Offthüringer Warfe teilt vorlage gewöhnt sind. Interessant wurde der Regierungsvertreter mit, daß fie infolge der wirtschaftlichen Lage ihr Erscheinen bei der Besprechung der handelspolitischen Lage, wo er eingestellt hat. Damit hat die einzige Tageszeitung der befonders auf die Schmierigkeiten mit Frankreich und Völlischen in Thüringen Pleite gemacht. Es verlautet der Tschechoslowatei hinwies. Die veränderte Lage, in der außerdem, daß sich auch die Dinterfche Wochenschrift Der wir uns besonders Frankreich gegenüber befinden, das feine Grenzen Rationalsozialist in finanziellen Schwierigkeiten befindet Ein Wort zur Verständigung. Wirtschaftsfrieden, nicht Zollfrieg zwischen Polen und Deutschland. Bon Dr. Hermann Diamant, Mitglied des polnischen Sejm. Wir haben den Genossen Diamand, der der, pol. nischen Handelsdelegation angehört, um eine Darlegung seiner Ansicht über die deutsch- polnischen Handelsprobleme gebeten. stehen im Wirtschaftsfrieg. Ich sage: das Unerwartete, denn Das Unerwartete ist geschehen, Polen und Deutschland die Gemeinsamkeit einer Reihe großer wirtschaftlicher Interessen weisen zwingend beide Staaten aufeinander an, und was ist natürlicher, als die Ordnung dieser Interessen, ihr Ausgleich, turz: ein Handelsvertrag. Nicht immer fönnen sich die ausschlaggebenden Interessen behaupten, Einzelintereffen wissen sich gegen Gesamtintereffen Geltung zu verschaffen. Der. Faftor, der berufen wäre, einen Ausgleich der strittigen inneren Interessen durchzuführen, sie auf die Linie der Gesamtinteressen zu bringen, versagt, wie er es oft im öffentlichen Leben zu machen pfiegt. Wir sind somit in den widersinnigsten Krieg geraten, der die Interessen der Wirtschaft beider Staaten schwer schädigt, während beide einer Besserung ihrer wirts fchaftlichen Lage dringend bedürfen. Die Konsumkraft der Weltwirtschaft ist infolge des Krieges gefallen, Deutschland und Bolen bedürfen aufnahmefähiger Märkte. Beide sind es füreinander, sie sind beide steigerungsfähig; Deutschland ist ein hochentwickelter, leistungsfähiger Industriestaat, der in seiner Produktion den Bedürfnissen des polnischen Marktes angepaẞt ist. Der polnische Markt ist auf Grund langjähriger Gewohnheit auf die Verwendung deutscher Endprodukte gerichtet., Bolen hat Ueberfluß von hauptsächlich landwirtschaftlichen Roh produkten, besonders auch DON und in einigen Endprodukten, die Deutschland Petroleumderivaten, nicht oder in nicht genügender Menge erzeugt und Deshalb gerne aufnimmt. Beide Staaten ergänzen einander und sind nach der natürlichen Lage der Dinge aufeinander angewiesen. Sie sind in der vertragslosen 3eit so ziemlich miteinander ausgekommen und nun geraten beide bei dem Versuch, durch Ordnung ihres beiderseitigen Abfazzes einander ausgiebiger in dem Aufbau ihrer Wirtschaft zu unterstützen, in einen ernſten Konflikt. gar Die Frage, wer schuld an dieser Wendung der Dinge trägt, laffe ich als zwecklos außer acht. Es handelt sich weder Schuldfrage erschwert den Versuch einer friedlichen Annähe um Bergeltung noch um Sühne. Schon das Aufwerfen der rung. Aufgabe dieser Zeilen soll es sein, den Verlauf der Handelsvertragsverhandlungen stellen und zu erweisen, daß eine friedliche Lösung durchgeführt werden kann, daß ein von diesem Standpunkt aus möglich ist, daß ein Ausgleich der Interessen geschloffener Handelsvertrag auf beide Wirtschaften befruchtend wirken muß. tlarzu Freilich gibt es auch Fragen zu entscheiden, die nicht ganz einfach find, aber auch sie sind, wenn wir im Rahmen der bestehenden wirtschaftlichen Verhältnisse uns bewegen, zu lösen. erlegt, find viel größer und schwerer zu tragen, als die Opfer, Die Opfer, die ein Wirtschaftstrieg beiden Teilen auf die gebracht werden müßten, um einen friedlichen Ausgleich der Interessen herbeizuführen. heit der politischen Situation, durch die Tatsache, daß die wirt Die Verhandlungen werden erschwert durch die ungeklärtschaftliche Situation beider Staaten sich frisenhaft gestaltet, daß die Konsumfraft mit der Steigerung der Produktion nicht Schritt hält. Wären beide Staaten in ungehemmtem wirts fchaftlichen Aufschwung begriffen, dann würde ihnen das Entnoch bestehende Kriegsverordnungen und Berordnungen, die gegenkommen gegen die Bedürfnisse des anderen leichter fallen. Der freie Verkehr zwischen Deutschland und Polen ist durch aus finanziellen Gründen neu erlassen worden sind, gehemmt. Diese Berordnungen können nicht alle auf einmal beseitigt werden. Der Handelsvertrag müßte dieser Sachlage Rechnung tragen. Da aber auf beiden Seiten die Tendenz besteht, die Verkehrshindernisse abzubauen, so ist auch in dieser Richtung ein Ausgleich möglich. Bestimmungen, die Kampfcharakter tragen, werden selbstverständlich im Augenblick des Abschlusses eines Handelsvertrages fallen. In Boien besteht eine Berordnung aus dem Herbst des vergangenen Jahres, welche die Einfuhr von Lurus. artiteln verbietet. Eine zweite Verordnung aus dem August vorigen Jahres erhöht sehr bedeutend die 3ölle von Artikeln, die leicht entbehrlich sind, also Luxus= charatter tragen. Beide Verordnungen bilden einen Versuch, durch Einschränkung des Konjums ausländischer Waren den Abfluß des Geldes aus dem Lande zu erschweren, solange nicht durch Ausfuhr ein Ausgleich geschaffen werden fann. Polen exportiert hauptsächlich Agrarprodukte, und die erwartete Ernte soll uns Hilfe bringen. Die den freien Ber fehr in Lurusartikeln begrenzenden Verbote sollen im Maße der Besserung unserer Handelsbilanz fallen. teinen Kampfcharakter, sie sind gegen alle, am Selbstredend haben diese Verbote und Zollerhöhungen Regierungsvertreter, um einen lleberblid" über die Lage der Tertil. ihre neueste tion" gegen harmlose Reichsbannerleute regte wenigsten gegen Deutschland gerichtet und beeinflussen die W deutsche Handelsbilanz am wenigsten. Am schwersten sind Länder getroffen, die mit Polen durch Handelsverträge und politische Berträge verbunden sind. Wie bekannt, find Verhandlungen in der Schwebe, welche in allernächster Zeit Milderungen der Zölle für die Bertragsstaaten bringen werden. Bon den deutschen Einfuhrverboten sind es zwei, welche für die wirtschaftlichen Beziehungen Bolens zu Deutschland besonders drückend sind. Das Verbot der Fin- fuhr von lebendem Vieh und von Steinkohle. Am 15. Juni d. I. erlosch die Vereinbarung auf Grund des Ver- sailler Vertrags, die Polen ein Einfuhrkontingent von zirka 500 000 Tonnen monatlich gewährte. Der deutsche Kohlen' kommissar macht von seinem unbestrittenen Rechte rücksichts- losesten Gebrauch. Es wird behauptet, Deutschland sei für polnische Kohle nicht aufnahmefähig, Polen fordert aber auch nicht die Abnahme von Kohle, feine Forderung beschränkt sich auf die Zulassung eines gewissen Quantums auf den deutschen Markt, insofern er für polnische Kohle aufnehmefähig ist. Verständnis für diese Forderung besteht auf deutscher Seite, es handelt sich nur um das zuzulassende Quantum. Sollte der in der Polemik oft gehörte Grundsatz, daß die Schwierigkeit des Verbrauchs der eigenen Produktion zu Ein- fuhrverboten fremder Erzeugnisse berechtigt, Geltung erlangen, dann würden die Grundlagen der Weltwirtschaft berührt. Polen kann seine Textilindustrie nicht genügend be- schäftigen, es sind erschreckende Reduktionen durch Sperrung von Fabriken und Feierschichten vorgenommen worden, trotz- dem hat man es nicht gewagt, die Einfuhr fremder Textilien zu verbieten. Wir haben Schutzzölle, wir suchen die Textil- industrie vor ausländischem Dumping zu schützen, stellen uns ober nicht auf den Standpunkt von Einfuhrverboten gegen wirtschaftlich notwendige Waren. Diese Zölle treffen alle Staaten ohne Ausnahme, die Vertrogsstaaten weniger. Aber das deutsche Kohleneinfuhroerbot richtet sich tatsächlich nur gegen Polen. Die englische Kohleneinsuhr nach Deutschland nimmt ab, weil die englische Kohlenerzeugung an Konkurrenzfähigkeit abnimmt. Polen möchte auch so be- handelt werden. Polen will Deutschland alle Benefizien eines Vertrags- staates gewähren. Die Boraussetzung ist, daß Deutschland Polen eine gleiche Behandlung gewährt. Der zweiten polnischen Forderung der Zulassung p o l n i- schenlebendenViehsnachDeutschland kann nicht dos Argument der eigenen Ueberproduktwn entgegengehalten werden. Man verschanzt sich hinter einer angeblichen Seuchen- Verschleppungsgefahr. Nun steht Polen in bezug auf Seuchen- bekämpfung und Grenzsperre gegen verseuchte Länder(Ruß- land) auf der HöheDeutschlands, in dieser Beziehung wurden weder Opfer an Geld noch Mühe gescheut. Polen widersetzt sich nicht der Festsetzung von Grenzübergangspunkten, pein- lichster deutscher Veterinäruntersuchung und deutscher fach- sicher Entscheidung. Die Einfuhr von Lebendvieh liegt im Interesse der deutschen Industrie, denn sie gewinnt Häute, Horn, Blut. Hätte Polen entsprechende Einrichtungen, dann würde es die Ausfuhr von Fletsch der Ausfuhr von Vieh vorziehen. Die Einfuhr von Kohle und Lebendvieh, dos sind die Hauptforderungen Polens. Es fordert nicht unbegrenzte Einfuhr, es fft mit Kontingentierungeu einverstanden. Die Hauptkonzessionen, die Polen Deutschland gewähren kann, ist die Vertragsklausel der M e i st b e g ü n- st k g u n g, das ist die Gewährung aller vertraglichen Zoll- Nachlässe, die anderen Staaten gewährt wurden. Es handelt sich bei vielen Waren um sehr bedeutende Nachlässe, bis zu 80 Proz. der Zollsätze, die von der polnischen Industrie übel empfunden werden. Deutschland würde eine Steigerung seiner Konkurrenzfähtgkert und eine Vergrößerung feines Absatzes nach Polen erhalten, also eine Förderung der Be- friedigung seines größten wirtschaftlichen Interesses, denn die deutsche Einsuhr beträgt über ein Drittel des Gesamt- imports nach Polen. Das find die Hauptfragen bei Schaffung eines längeren Handelsoertragsprovisoriums über den Handelsvertrag, der nicht so brennend wäre, würde man nachher in Ruhe ver- handeln. Der Zollkrieg schädigt nicht nur den momen- tanen Absatz, er kann den Markt, wenn nicht für immer, so doch für unabsehbare Zeit vernichten. Die Konkurrenten Deutschlands auf dem Weltmarkt sehen freudig dieser Zer- störung zu, sie fördern sie, so wie sie es nur tun' können. Di« Gefahren eines Zollkriegs sind nicht nur Wirtschaft- licher, sie sind auch politischer Natur. Ein reger Warenaus- tausch würde beide Völker einander näherbringen, er würde so manches Vorurteil verschwinden und manche Wunde ver- narben lassen: der Zollkrieg entfernt die Staaten von ein- ander. Nicht das Interesse der Gesamtwirtschaft hat den Wirtschaftskrieg hervorgerufen, es sind, wie immer bei Kriegen, Einzelinteressen mächtiger Schichten, die sich rücksichtslos über die Gemeininteressen hinwegsetzen und auf deren Kosten Befriedigung suchen. Die Arbeiterklasse und die breitesten Schichten der Be- völkerung haben ein Lebensinteresse am Wirtschaftsfrieden. Wahrscheinlich liefert Polen weniger Kohle nach Deutsch- land, als zur Erzeugung der nach Polen ausgeführten deutfchen Waren verwendet wird. Die deutsche Bevölkerung ist an der Zufuhr von Schlachtvieh nicht weniger interessiert als Polen an dessen Ausfuhr. Das Interesse Deutschlands, das hochwertige Endprodukte nach Polen ausführt, überwiegt das polnische Interesse am Handelsvertrag, da Polen Haupt- sächlich Rohprodukte ausführt. Die Ausfuhr fertiger Waren, kondensierter Arbeitsleiung, ist ein erstklassiges Interesse der produzierenden Schichten, fomit der Arbeiterklasse. Auch in der Arbeiterklasse können nicht Sonderinteressen gewisser Produttionsgruppen über das wirtschaftliche Gesamt- interesse der Arbeiterfchast gestellt werden, besonders nicht in einem Jndustriestaate, dessen komplizierter Wirtschafts- organismus das Ueberwiegen von Sonderinteressen schwer empfinden muß. Kein Zollkrieg, Wirtschaftsfriede! Ein schmählicher Reinfall. Wieder ei« Landesverratsverfahre« eingestellt. Hitlers Tragikomödie im Münchener Bürgerbräukeller ist längst erledigt, beinahe vergessen. Der Trommler hat ausgetrommelt. Verslogen ist der Spiritus, das Phlegma ist geblieben. Die schwarzweißrote Fahne ist zwar nicht.über den Rhein getragen", aber Schutzzölle und eine genehme Steuergesetzgebung bringt die Reaktion in ihre Scheuern. Damals aber, als die Wogen der völkischen Bewegung hoch gingen, war die Gefahr groß genug, daß eine hirnlose Verbrechergesellschaft mit ihren sinnlosen Putschen Deutschlands Einheit sprengte und die mühspme Arbeit seit dem Friedensschluß über den Haufen warf. Jeder Mensch, der sein Land liebte, war daran interessiert, die Wurzeln und den Charakter dieser Bewegung restlos auszudecken. Das war auch der Grund, weswegen der.Vorwärts" am 3. Februar 1924 einen höchst charakteristischen Brief eines Hitler-Ofsiziers, namens Götz, ver- öffentllchte. Dieser Brief interessierte, wie wir damals feststellten, politisch und psychologisch:.politisch, weil er für die längst be- wiesene Mitschuld Kohrs am vollendeten Hochverrat Hitlers und Ludendorffs neues Beweismaterial erbringt, psychologisch, weil sich in ihm die geradezu viehische Gesinnung, die in der völkischen Bewegung zu Hause ist, erschütternd wiederspiegelt". Die Deröffe«tlichung dieses Briefes im.Vorwärts" hat damals ungeheures Aufsehen erregt. Wie das immer in Deutschland zu sein pflegt, wenn die Presse irgendeinem Skandal ernsthaft auf den Leib rückt: die erste Folge dieser Veröffentlichung war, daß der Staats- a n w a l t in Bewegung gesetzt wurde. Die kgl. bayerische Regierung ließ durch ihr Korrespondenzbureau mitteilen, daß durch diese Ver- öffentlichung des.Vorwärts" ein„glatter Landesverrat" begangen fei, der„nicht ungeahndet bleiben" könne. Herr v. Kahr selber hat freilich sich sehr gehütet, von sich aus irgendeine Erklärung abzu- geben. Er wird wohl gewußt haben, warucki. Mit der ihm eigenen Geschicklichkeit Hot er auch zu verhindern gewußt, daß er in dem Landesoerratsoerfahren gegen den„Vorwärts" als Zeuge vernom- men wurde. Cr war immer im geeigneten Moment„krank". Kohrs Rolle wurde in diesem Brief des Hitler-Offiziers Götz sehr eigenartig beleuchtet. Götz schilderte dramatisch die nächt- liche Bewaffnung der Hitler- Banden: „Mit versiegelter Order soll ich im St. A n n e n k l o st e r an- treten, die Straßen sichern und auf Befehl warten. Ich rücke also ob und sperre die Straßenzüge wie befohlen ab, gehe zu dem Kapu- zinerklosterprior und übergebe befehlsgemäß das versiegelte Schrei- den. Der eröffnet, liest und begrüßt mich stürmisch, führt mich durch endlose lange Kellergänge, durch Grabstätten und Kata- komben an eine Mauer und sagt:„Hier lassen Sie öffnen!" Ich lasse Leute mit Pickel und Schaufeln lommen, breche eine anderthalb Meter starke Mauer aus und habe vor mir ein Riesen- gewölbe mit, wie sich später ergab, 8ö70 tadellosen Ge- wehren.,"s/ von wem nun waren die Gewehre? von der E.-1V. End der schriftliche Befehl, diese Gewehre zu holen, war unter- zeichnet: Dr. v. Kohr!!! Also e r hat uns zuerst doch b e wafsnet und wenn er später be« hauptete, er hätte uns e n t waffnet, so muß es heißen, er hat einen Teil seiner Gewehre wiedergeholt, denn von uns hatte keiner eine eigene oder der Partei gehörige Waffe dabei!" Herr Götz hat in seinem Bries auch nicht versäumt, ein an- schauliches Bild von den Zuständen zu entwerfen, die uns bevor- gestanden hätten, wenn dieses Gesindel zur Macht ge» kommen wäre. Die Iudenhatz ist die erste Heldentat der Er- neuerer. Mit Wollust schildert er. wie dieser ersprießlich« Teil seiner Tätigkeit beginnt: „Wie ich durch ein Nebenzimmer gehen will, treffe ich auf Posten, die nur Offiziere dort einließen. Ich ging hinein und wollte mich halb totlachen, wer war drin? 58 Zuden, größtenteils in llnterhosen und Socken, wie sie aus dem Bett geholt wurden, kein Kleidungsstück dursten die Hunde mitnehmen! Ein Geschrei Huben sie an, sondersgleichen. Als sie keine Ruhe gaben, zog ich scherzee- halber die Pistole, worauf Grabesruhe herrschte und nur Herr Iosefssohn vom Hotel Königshof ächzte:„Bitte, Herr Major, lassen se mitteilen meiner Frau, daß es mer geht nicht schlecht und daß ich lebe." Ich lachte ihm ins Gesicht, sagte im weggehen, daß ich da» nicht könne, denn so viel ich wüßte, begännen die Erschießungen in einigen Minuten." In diesen Mitteilungen des„Vorwärts" erblickte die kgl. baye- rifche Regierung eine gefährliche Haupt- und Staate- a ktion und ein hochnotpeinliches Versahren gegen den verantwort- lichen Redakteur des„Vorwärts", Genossen Reuter, begann. Beinahe anderthalb Jahre hat die Prozedur gedauert. Zunächst wurde in ganz Deutschland nach dem Halunken gesucht, der diesen famosen Brief dem„Vorwärts" verraten hat. Zu einem Ergebnis scheint man nicht gekommen zu sein. Auch die andere Frage, sozusagen die Hauptfrage dieses Verfahrens, ob die Sicherheit des Deutschen Reichs durch diese schreck- liche Publikation gefährdet sei, hat man offenbar nicht im Sinne der bayerischen Regierung klären können. Daß die Hitler-Banden mit Maschinengewehren und allen modernen militärischen Apparaten bewaffnet, in München herumgerlaufen sind, da» ist sozusagen schon kein Geheimnis mehr. Mitteilungen darüber tonnte des- wegen wohl schlechterdings nicht als Landesverrat angesehen werden. Das Reichsgericht hat es deswegen jetzt für richtig gehalten, am 19. Juni sich zu folgendem heroischen Beschluß aufzuschwingen: „In der Strafsache gegen den Redakteur Ernst Reuter wegen Landesverrats wird der Angeschuldigte aus Antrag des Oberreichs- anwalts hinsichtlich der Beschuldigung, zu Berlin als verantwortlicher Redakteur des„Vorwärts" am 3. Februar 1924 den Entschluß, vor- sätzlich solche Nachrichten öffentlich bekannt zu machen, von denen er wußte, daß ihre Geheimhaltung einer anderen Regierung gegen- über für das Wohl des Deutschen Reiches oder eines Bundesstaates erforderlich ist, durch Handlungen, welche einen Ansang der Aus- führung dieses beabsichtigten, aber nicht zur Vollendung gekommenen Verbrechens des Landesverrates enthalten, betätigt zu haben. (Uff!! Red.) Verbrechen gegen 8 43. 92 Ziffer 1 StGB, mangels hin- reichender tatsächlicher Belastung außer Verfot- gung gesetzt. Die Kosten de» Verfahrens werden der Reich stasse auferlegt. Die Behauptung de» Angeschuldigten, daß er sich nicht bewußt gewesen sei, die Geheimhaltung der von ihm gcbanntgcgebcne-! Bachrichicn sei tür das wohl des Deutschen RÄche» oder eines Bundesstaates erforderlich, läßt sich nicht ausreichend widerlegen. Leipzig, 19. Juni 192S. Das Reichsgericht, 4. Strafsenat. gez. R o s e n t h a l, Schmidt, Mengelkoch. Immerhin bleibt es doch erfreulich und ein Lichtblick in unserer schlechten Zeit, daß die Herren Rosenthal, Schmidt und M e n- g e l k o ch nach anderthalbjähriger Belästigung unseres verantwort- lichen Redakteurs und nach Verpulverung eines nicht unerheblichen Kostenbetrages zu dem eigentlich von vornherein naheliegenden Entschluß gekommen sind, den Oberreichsanwolt doch lieber nicht der Blamage einer Hauptverhandlung auszusetzen. Die bayerische Regierung wird wahrscheinlich wenigstens so intelligent sein, zu begreifen, daß dieser Beschluß des Reichsgerichts auch für sie eine empfindliche Ohrfeige darstellt. Sollte nicht auch der Herr Reichsjustizminister nach diesem Ergebnis über den Unfug der Landesoerratsprozesse endlich etwas anders denken? Eitie öerlinifthe Operette. .An«e«rarie" im Schiller- Theater. Der„Stern von Assuan" war zweiter und dritter Güte. Diese .An nem o rt«� ist ein Stern erster. Nicht in weitestem Sinne des Wortes, nicht durch die ausschließlich gute Zubereitung des Schwank» mit schmachtendem Zubehör, nicht durch Tiefe und Reu- heit au Mufik, aber durch den berlinischen Ton, der hier Tonika und Dmniuant zugleich ist. Auch nicht eimnal ganz Berlin wird unver- fäLchte Freude an der Annen, arie haben: aber allen, die an Possen und Lustspiel« von 1900 gern zurückdenken, und ollen Einfachen, denen Harmloses, Fröhliches, Weinerliches auch leicht angekitscht noch mehr Wohltat ist, als olle Ausgezogenheiten und Ungezogen- hettie» derberer Operette, all denen find ein paar sommerliche Lach- stunde« von den Gilbert» geschenkt. Ein Familiengeschäft. Edi, der Direktor, Jean, der berühmte Bater, Robert, der Schlager- aspirant, Sohn, Komponist und Textdichter in einem. Es sind ihm zwei typisch berlinische Kuplets eingefallen,„Annemarie, komm doch in die Laubenkolonie" und(Saisonschlager!)„Durch Berlin flieht immer noch die Spree". Letzteres hat der Vater aus dem Füllhorn seiner musikalischen Laune mit Musik bedacht: oder vielmehr er schüttelt diese festsitzende, flotte, zündende Weise so aus dem Aermel, daß alles den Refrain mitklatscht. Jean hat den größeren Fonds an Wig und Farbe, Beweglichkeit und Schneid. Der längere Gilbert leiht beim Alten, wie das so Sitte ist In guten Häusern. Aber mit dem gepumpten Geld, das» schon melancholischer klimpert als beim Dater, mehrt er den Meiodieschatz geschmackvoll. Anleihen brauchen ia nicht immer aufgelegte Pleiten zu sein. Uebrigens lebt auch der Text Okonkowskis von Pleiten, diesmal von fingierten, und ohne Anleihen. Ein bischen dick konstruiert und in Grafenmilieu, das unwahrscheinlich fern liegt, auch ohne die Möglichkeit, einen dritten Alt zu erfinden. Auf der einen Seite die Schieber, auf der anderen die Lieber. Da» Geld gegen die Liebe ausgespielt, vastehste, und zunächst einmal die falschen Paare zusammengekoppelt. Irgend- ein zu früh gesprochenes Wort löst dann alles zu Wohlgefallen. Ich würde als Autor zu abergläubisch sein, als daß ich riskierte, das Wort Pleite so herauszuschreien: aber auch dieses verwandelt sich, dank geschickter Regie(zu der etwa der Umzug vor der Drehbühne P i r ch a u s gehört) tn Dusel und Erfolg. Die Frauen und Mädchen warfen die Buketts, die ihnen gratis verabfolgt wurden, an die Köpfe der Darsteller. Nur mit den Pralinen einer bankerott gegangene« Firma find sie vorsichtiger. Aus Taktgefühl. Als Annemarie bezaubert die blonde, süße, noch nicht ganz ent- fesselte Camilla Spiro, ihren frechen, lieben, höchst lustigen Portier tanzt Heidemann. Ihnen gesellen sich B a s e l t, Dicgelmann, Kuthan gut, Leo L e s f l e r schon schwerfälliger zu. Ueber allen aber schwebt der blinzelnde, biedere, treuzehrlichc Humor der Josesine D o r a. die so etwas wie den guten berlinischen Witz an sich durch Ihr« kratzbürstig« Kehle zur Ehre bringt. Sie ist eine Nummer für sich und muß jede Nummer dreimal sagen. Herrlich. K. S. Die Liebenden. Uraufführung in der Tribüne. Der Schluß dieses Stückes ist ebenso unbestimmt wie sein Titel. Der Verfasser lüftet seinen Hut:„Gute Nacht, meine Herrschaften, ich hoffe, Sie werden gut schlafen! Die befürchtete Aufregung habe ich Ihnen jedenfalls erspart: Pistolenknall bei 24 Grad im Schatten — nein." So ähnlich. Er hat schon recht. Pulverdampf hätte die schwere, heiße Lust, die, von keiner Ventilation beunruhigt, im Zu- schauerraum herrschte, noch unerträglicher gemacht. Man war ihm für seine Geste der Wohlerzogenheit dankbar, wenn sie auch eigentlich nur eine negative Bewegung war.(Ist Wohlerzogenheit nicht meist Negation?„Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man läßt." Na also.) An gefährlichen Klippen wurde zwar vor- beigesteuert, ober es kratzte und schrammte ganz erheblich. Schließ- lich ist es ja auch keine Kleinigkeit, wenn die schöne, nicht mehr ganz junge Helene Notin und der neunzehnjährige Victor de Tourelle sich seit zwei Monaten lieben und es sich dann plötzlich herausstellt, daß Victor de Tourelle überhaupt gar nicht Victor de Tourelle ist, sondern Victor Welowski, Helenes Sohn, den sie von ihrem ersten geschiedenen Gatten hat. Bloß aus dieser Laune heraus, weil sein Freund denselben Lornamen hat, hatte er dessen Namen angenom- men. Die Wahrheit kommt zu Tage, als Victors Vater, Eugen Welowski, zu seinem Sohn nach Paris kommt und ihn als Lieb- haber seiner Frau findet. Victor soll, ohne zu erfahren, wer Helene ist, mit ihm nach Warschau zurückreisen: da er sich aber hartnäckig weigert, sagt ihm der Vater schließlich die Wahrheit. Victor ist ein Querkopf und weigert sich weiter hartnäckig. Und der Vater spricht, ernsthast, männlich, gütig:„Bleib: bleib bei— deiner Mutter." Ob es etwas nützt, erfährt man nicht. Der Vorhang fällt, während Victor und Helene(es ist vorsichtiger, die Verwandtjchastsbeziehungen nicht zu sehr zu unterstreichen) in den Garten gehen. Auf der Bühne dauert die— trotz allem— nette Belanglosigkeit etwa einundeinhalb Stunden. Aber der Autor W a c l a w Grubinski hat es sich noch bequemer gemacht: mindestens die Hälfte der Zeit wird bestritten von Seufzen, Stöhnen, Weinen und Küssen. In Buchsonn, wenn man von den Regiebemertungen ab- sieht, mögen„D i e L i e b e n d c n" ein Hestchen von wenigen Seiten ausmachen, was von einer lobenswerten Selbsterkenntnis des Ver- fassers zeugt. So steht und fällt das Stück eigentlich mit den Schau- fpielern, und Leonore Ehn, Veit Harlan und Rudolf L e t t i n g e r galt der Beifall, der, von der Claque geschickt auf- gequirlt, ganz ehrlich gespendet wurde. Besonder, Veit Harlan war ein recht glaubhafter Brausekopf, trunken vom Wein seiner ersten Liebe, ein guter, wilder Junge. Leonore Ehn. anfangs— sogar bis aus die Aussprache— maninert, fand ebenfalls sehr bald den rechten Ton und stattete die bis über die Ohren verliebte Frau Helene mit soviel Wahrscheinlichkeit aus, wie es das Schauspiel irgend zuließ. Aller- dings war sie die einzige, die die Lösung des verschlungenen Aus- gangs hätte andeuten können. Don diesem Recht machte sie keinen Gebrauch. Ein wirklich konventioneller Papa, ernsthast, männlich, gütig, zum Ueberfluh immer noch in seine Frau verliebt, aber— an- scheinend— nicht mehr eifersüchtig, war Rudolf Lettinger, s— z. Sommergastspiel im Staatsthealer. Die Herren Rudolf P r e s b e r und Leo Walter Stein, von denen so manch- lustige Schwanke stammen, haben den Einsall gehabt, wieder ein- mal ein Stück zu schreiben. Bei diesem einen Einfall ist es ge- blieben. Beim Verfassen des Lustspieles„Kreuzfeuer", das den gestrigen Abend im Staatsschauspielhaus ungebührlich in die Länge zog, ist ihnen leider nichts«ingesallen. Daß Fritz und Willy, die aus Amerika nach Deutschland gekommen sind, um Papas 60. Geburtstag zu feiern, ihre Frauen austauschen würden, weil die Paare in dieser Kombination besser zusammenstimmen, das begreift der harmloseste Zeitgenosse schon im ersten Akt. Und nun wartet man zwei weitere lange bange Akte � hindurch auf eine plötzliche Wendung, eine unerwartete Ueberraschung oder auf sonstwas Luft- spielmäßiges. Nichts dergleichen passiert. Mühselig kämpft sich die dünne Handlung bis zum erlösenden Ende durch. Den Humor pumpen die Verfasser aus der Zeichnung abgeklapperter Schwank- typen, unter denen natürlich eine spleenige ungeheuer verwöhnte Amerikanerin nicht fehlt. Die Figuren sind samt und sonders, bis zur Trotteligkeit naiv und haben unwahrscheinlich viel Gemüt. Da auch das Ensemble— bis auf Ri ch a r d E i v« n a ck und E h r i st e l von Pommer— einen sehr behelfsmäßig sommerlichen Eindruck mochte, kroch alsbald von der Bühne das Gespenst der Langenweile in den Zuschauerraum. Dennoch zeigten sich die glücklichen Der- fasser auf die schüchternen Beifallsbezeigungen des Publikums hin bereits im zweiten Akt. Dgr. Die städtische Kunstdepulalion kaufte für die Stadt Berlin an in der Ausstellung der Akademie der Künste das Bild„Blühende Schlehen" von Prof. Hans Hoffmann-Fallersleben, die Bronzebüste von Oberbürgermeister Bäß de» Bildhauers Karl Trumpf, ferner in der Großen Berliner Kunstausstellung das Bild„Aus Potsdam" von M a x K o ch, Potsdam, mehrere Blumen- stücke von Maria Preußner sowie in der Ausstellung der „Berliner Kunst 192S" im Charlottenburger Opernhaus das Oel- gemälde„Von der Schicht" von Hans Bolus chek, einen figür- lichen Silberbecher von Alwine Döltel sowie das Aquarell „Alt-Köpenick" von Hans Brehmer. Otto tummer, der ordentliche Professor für Physik an der Universität Breslau, ist, 64 Jahre alt, gestorben. Er war nicht nur ein international angesehener Vertreter seiner Wissenschast. sondern auch einer der wenigen führenden deutschen Universitäts- gelehrten seiner Generation, die sich offen zum Sozialismus bekannten. Als sozialdemokratisches Parteimitglied hervorgetreten ist er sowohl durch Mitarbeit an der Parteipresse, wie durch Förderung des Arbeiterbildungswesens. Wissenschaftlich hat sich Lummer in den letzten Iahren besonders um den theoretischen und praktischen Ausbau des Funkwesens verdient gemacht. Alartla Zickel bat auf eine Reibe von Jahren da».Ztesiden»- Theater- gepachtet und wird diese Bühne gemeiniam mit dem„Theater i. d. Kommandantenftratze» und dem„Thalia. Theater" iühren. Da».Theater i. d Kammandantensttahe- und da»„Thalia-Tbeater" tollen wie bisher nl» Opcrettenbübnen geleitet werden, da«„Refidenz- Theater- soll dem ssusssl'ie! gew-dmet sein. Die Gefahr üer Aollvorlage. Professor Aereboe über die Wirkung des Getreidezolls. Die heutige Sitzung der vom Handelspolitischen Ausschuß des Reichstags eingesetzte Enquetekommission behandelte die Frage der Erhaltung und Stärkung der Intensität der Landwirtschaft, soweit sie mit den handelspolitischen Fragen in Verbindung steht. Der bekannte Lehrer der lanb- wirtschaftlichen Betriebslehre Prof. Aeroboe wandte sich tn temperamentvoller Weise gegen die Abfassung der Aollvorlage, die in keiner weise auf die Interessen der londwirtschofilicheu Produktion Rücksicht nehme. Sie sei geeignet, die Intensität der Landwirtschaft zu schädigen, man habe es unterlassen, die Ergebnisse der landwirtschaftlichen Betriebs- lehre heranzuziehen. Er zeigte an einigen Beispielen, daß die jetzige Ausstellung der ZoMtze geradezu Prämien für solche Produkte des Bodens bedeuten, die außerhalb Deutschlands erzervgt werden. Aeroboe geht bei der Betrachtung der handelspolitischen Situation von der Frage aus, ob es zulässig sei, alle Kmdwirsschoftlichen Pro- dukte mit Zöllen zu belogen oder ob das nicht dazu sichren würde, die Landwirtschaft selbst zu schädigen, den industriellen Export zu hemmen, die Lebenshaltung der Arbeiter- bevölterung zu schädigen und die Kaufkraft der Massen zu verringern. Gerade vom Standpunkt der landwirtschaftlichen Be- tnebslohre aus hält er einen solchen allseitigen Zollschutz der Agrarerzeugnisse für schädlich. Wenn man mit deb Tatsache rechnen müsse, daß die Industriezölle nicht mehr abgebaut werden können, welche landwirtschaftlichen Produkte sollen durch Zölle geschützt werden? Er beantwortet die Frage so, daß zunächst diejenigen Zölle geschassen werden müßten, die geeignet seien, einer landwirtschaftlichen Notloge zu steuern und die all- gemeine Intensität zu heben, besonders bei der Erzeugung solcher Lebensmittel, die uns unabhängig vom Ausland machen könnten. Hier komme zunächst der Schutz der tierischen Erzeugnisse in Betracht. Der Import solcher Erzeugnisse hat vor dem Kriege 600 Millionen Mark im Jahre betragen. In einzelnen Erzeugnissen Hai sich die Einsuhr jetzt noch beträchtlich vermehrt. Aeroboe be- sürwortet also«inen Zollschutz, der die Molkereiprodukte und die Fleischerzeugnisse erfaßt. Gerade die Viehhaltung lasse sich unter verhältnismäßig günstigen Umständen ziemlich schnell steigern. Die Wirkung einer verstärkten Intensität der Vichwirtschaft würde zunächst eine Hebung der Stallmsstproduktion sein, dadurch könnte man den Kulturzustand des Bodens ollgemein bessern. Das würde weiter dahin führen, daß sich die Erträgnisse des Hackfruchtbaues und des Getreidebaues steigerten. In welchem Ausmaß das geschehen könne, das zeig« der Zuckerrübenbau. Auch der Kartoffelbau würde dadurch einen starten Impuls bekommen: das würde dahin führen, daß der Import von Futtermitteln und auch die Einfuhr von Brot- getreide wesentlich eingeschränkt werden könne. Aeroboe kommt zu der Forderung, daß Zölle auf Krastfuttermittel, besonders auf Mais und Futtergerste nicht erhoben werden dürften. Er verlangt die Hebung des Hackfruchtboues, die Förderung der Errichtung von Trockmmgs- anlagen für Kartosseln, um auf diese Weise einen vermehrten Ber- brauch von getrockneten Kartosseln bei der Biehhaltung zu erreichen. Er ist gegen Gelreidezölle. er will sie nur als Kampfzölle zulassen. Ferner fordert er Zollfreiheit für Futtermittel, dagegen Schutzzölle für tierische und Molkereiprodukte. Gegenüber den Argumenten, daß Zollfreiheit für Getreide und Futtermittel einen Teil der deutschen Landwirte schädigen würde, sagt er, daß es keine Zoll- vorläge geben könne, die alle Betriebe gleichmäßig berücksichtige. 5)ier müsse von allgemeinen volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten aus- gegangen werden. Aus die Frage des Vorsitzenden August Müller, was mit den leichten Böben geschehen solle, die nach Auffassung � mancher Landwirte durch die von Aerbboe befürwortete Umstellung der Pro- duktion Schaden befürchteten, erklärt« dieser, daß ein großer Teil dieser Böden an sich schon geringen Ertrag abwerfen und schon vor dem Kriege nicht kulturwiL>rig gewesen sei. Aber gerade durch die Hebung der Viehzucht und die dmnit verbundene Stärkung der Stallmistprcduktion würde erreicht werden, daß der Kultvie- rungder leichteren Böden größereAufmerksamteit zugewandt werden könnte. Aus ein« zweite Frage, wie es mit dem Absatz hochwertiger landwirtschaftlicher Erzeugnisse stohen würde, wenn sie im Uoberstuß produziert würden, erwidert Aeroboe, daß in absc-hbarer Zeit ein solcher Ueberfluß nicht eintreten würde. Schließlich würde ober auch ein künftiger Export solcher hochwertiger Erzeugnisse nur im Interesse der kleineren Dauern- wirtsthaften liegen. In der Erörterung der Ausführungen Aereboes wurden von den Vertretern des lückenlosen landwirtschaft- lichen Schutzzolles folgende Einwendungen erhoben: die Situation der Landwirtschaft sei im Augenblick nicht so. daß eine so weitgehende Umstellung möglich wäre. Die Zollfreiheit für Futter. mittel und Getreide würde den Landwirten die Einnahme nehmen. Der Führer des Bayerischen Bauernbundes. Schlittenbauer. meinte, daß in der Stunde der Gefahr die von Aereboe befürwortete Umstellung auf erhöhte Biehproduktion die Ernährung Deutschlands unmöglich machen würde. Graf Kayserlingk wünscht die Beibehaltung der bisherigen Berhältnissc, die sich sehr gut bewährt höben. Wenn wir zu einer Industrialisierung der Viehproduktion kämen, dann, würden die Beauern die eigene Er- zeugung, insbesondere den Getreidebau, vernachlässigen und aus- ländische Futtermittel taufen. Er widersprach sich bald darauf aber, indem er behauptete, daß die Landwirte gar kein Kapital für diese Umstellung und auch kein Kapital zum Kauf ausländischer Futter- mittel hätten. Aereboe führte demgegenüber aus: Solange wir keine Autarkie haben, werden wir um einen Import von Lebensmitteln nicht herumkommen. Es handelt sich um die Frage, was besser sei, ob Getreide oder tierische Erzeugnisse zu importieren. Getreide sei nur ein Halbfabrikat, Milch. Fett, Butter. Käse usw. seien veredelte Erzeugnisse, volkswirlschafllich richtig sei es. lieber Halbfabrikate als Vollfabrikale einzusühren. 75 Proz. des deutschen Bodens werden heute schon zur Viehhaltung ausgenützt, nur 36 Proz. zum Brot- getreidebau. Getreidezölle liegen mehr im Interesse der Groß- grundbesitzer, die vornehmlich Getreidebauer sind, Zollsreiheit für Getreide und Futtermittel liegt im Interesse der großen, mittleren und kleineren Bauern?.Das ist die Wahrheit! GrotzoU und Lokalanzeiger. Nor keine sachliche Untersuchung. Der„Lokal. Anzeig er' regt sich über die Agrarenquete der Unterkommission des Zollausschusses auf. Die sachliche Unter. suchung der handelspolitischen Probleme ist dem Interessentenorgan zu viel. Es fürchtet,.daß die Untersuchung den reinen Interessenten- charakter der Zollsorderungen der Agrarier unterstreichen könnt«. Also fort mit der Agrarenquete, nur noch her mit dem Brotzoll! So nimmt das„Blatt der kleinen Leute' die Interessen der kleinen Leute gegen den Brotwucher in acht. Moröprozeß Die Beine' Limburg a. d. Lahn. 7. Juli(Drahtbericht.) Zu Beginn des heutigen zweiten Verhandlungstages wurde in die Beweis- au f n a h m e eingetreten. Zuerst äußerte sich der Angeklagte auf die Frage des Vorsitzenden noch einmal über sein Verhalten am Nachmittag des Mordtages, als er von der Stadt zurückkam. Seinen Mantel habe er anbehalten, auch als er den Hund erschlagen und Benzin über die Leichen gegossen habe. Daß er alle Leichen mit Benzin begossen hat, will er heute nicht mehr wissen. In einem früheren Protokoll, das ihm vorgehalten wird, hatte Angerstem be- kündet, daß er beim Herauslaufen aus dem Hause viele Gesichter, schwarze Fratzen, in seiner Erregung gesehen habe. Der Angeklagte erklärt hierzu heute, daß in diesem Protokoll verschiedene U n- Wahrheiten enthalten seien, die ihm von dem Richter in den Mund gelegt wurden. Dann wurde in die Beweisaufnahme eingetreten und zuerst die Zeugen vernommen, die Wahrnehmungen über die Aussindung Angersleins in der Nähe des Hauses der Direktors Düller gemacht haben. Eine Arbetterin, Fräulein Bunkel, die an dem fraglichen Abend den Weg an den beiden Häusern entlang kam, erklärte, baß sie 19 Minuten nach 6 Uhr Hilferufe gehört und einen Herrn am Wege liegend ge- sunden habe, der gerufen habe:„Meine arme Frau, wir sind von Räubern überfallen!' Später, als man ihn auf eine Tragbahre legte, habe er weiter erzählt, daß das Haus von 15 Räubern überfallen worden sei und alles geraubt und nieder- geschlagen hätten. Nach der Art und Weise, wie Angerstein seine Angaben machte, glaubt die Zeugin, daß er dabei ziemlich bei Be- sinnung war. Diese Darstellung wird dann von einer Reihe anderer Zeugen noch bestätigt. Der Kaufmann H e in p e l, der gerade mit dem 6>Uhr-Zuge von Dillenburg nach Haiger eingetroffen war, war auch einer der ersten, die zu der Stelle eilten, von der aus die izilfe- rufe Angersteins ertönten. Er lief dann auch in das fremde Haus, stieß hier zunächst auf die Leiche der Ella Barth und beteiligte sich dann bei der Bergung der anderen Leichen. Bors.: Angcrstein, was sagen Sie dazu?— A n g e k l.: Das muß der Zeuge verant- worien.— Fuhrmann Ohlendurger, der gerade mit seinem Gespannn aus Dillenburg kam, sah schon von ferne die Flammen aus dem Hause schlagen und hörte die Hilferufe. Er bekundete, daß Angerstein den Hut, von dem er jetzt behauptete, daß er ihn beim Hinfallen mit dem Messer beschädigt habe, auf dem Kops getragen habe, als man ihn auffand. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob Angerstein bei Besinnung war, erklärt der Zeuge, daß er vollkommen klar gewesen sei.— Andere Zeugen sagen aus, daß Angerstein sehr gestöhnt und nach dem Arzt gerufen habe, da er sich sonst oerbluten würde.— Frau Müller, die Gattin des Besitzers des Nachbar- grundstücks, in dessen Näh« Angerstein gefunden wurde, bekundet ebenfalls, daß Angerstem, als man ihn in ihr Haus trug, gerufen habe: helft meiner Frau! Ich verblute mich. Im übrigen schildert sie den Angeklagten als einen freundlichen und gefälligen Mann. Sie bestätigt auch weiter, daß Angerstein gesagt habe, seine Frau habe sich über die nächtlichen Schüsse, die von den Müllerschen Kindern zur Einleitung einer Gebutstagsfeier- aus einem Jagdgewehr abgefeuert wurden, aufgeregt. Angekl.: Bitte erzählen Sie doch auch, wie Sie mich be- handelt haben? Zeugin: Als er in meinem Hause lag, habe ich ihm Wein gegeben. Bors,(zu Angerstein): Also, das wissen Sie»och ganz genau, aber der Vorgänge vor dem Hause wollen Sie sich heute nicht mehr erinnern können? Ein Zeuge, Güterbodenarbeiter Schol bekundete, daß man am Bahnhos Haiger zuerst angenommen habe, daß der um Hilfe rufende, nämlich Angerstein, aus dem Zuge ge- stürzt, oder überfahren worden fei, weil er ganz in der Nähe des Bahnhofs lag. Zlls man ihn habe aufheben wollen, rief er: Ach laßt mich, ich verblute ja doch. Seht lieber nach meiner Frau. Daraus habe ihm Schol erwidert, er müsse das der Frau Angerstein sehr Erweiterung öes Hochbahnhofs hallejches Tor. Beihandlungen mit dem Magistrat. Zwischen der Direktion der Hoch- und Untergrundbahn-Gejell- schaft und dem Magistrat Berlin sind jetzt Verhandlungen wegen der geplanten Erweiterung des Hochbahnhofs Hallesches Tor in die Wege geleitet worden. Der Bahnhof reicht in seinem gegenwärtigen Zustand nicht mehr für den wachsenden Berkehr aus, um so weniger, als durch den Bau der Berftärkunqslinie Gleisdreieck— Wittenbergplotz für den Hochbahnhos eine wesentliche Steigerung des Umsteigeverkehrs zu erwarten ist. Hauptsächlich ist geplant worden, den Bahnhof Hallesches Tor zu verlängern und einen Mittelbahnsteig anzulegen. Auch soll der Bahnhof an Stelle des einen Eingangs nunmehr deren zwei erhalten. Die Aus- führung dieser Pläne hängt von den Verhandlungen ab, die mit dem Magistrot Berlin eingeleitet worden sind und sich u. a. auch auf eine Verbreiterung der Straßen beziehen werden. Für den Fall, daß die Baukonzessionen rechtzeitig erteilt werden, dürfte schon im Herbst mit dem Beginn der Arbeiten zu rechnen fein. Wenigstens könnten zu diesem Zeitpunkt die erforderlichen neuen Eisenkonstruktionen hergestellt werden, so daß die eigentlichen Bau- arbeiten an Ort und Stelle nach und nach in Angriff genommen werden können._ Selbstmord auf dem Wasser. Ein führerloses Ruderboot wurde Dstern nachmittag auf dem Schlachtensee treibend aufgesunden. Am Heck lag neben der Hülle eine« Rasiermessers eine große Blutlache. Die Ermitt- lunqen ergaben, daß ein Mann von etwa 49 Iahren vormittags um 11 Uhr das Boot von einem Verleiher am Schlachtensee gemietet hatte. Dieser Unbekannte hat sich wahrscheinlich mit dem Rasiermesser die Pulsadern geöffnet oder sonst eine schwere Verletzung beigebracht und dann ins Wasser fallen lassen. Die L e i ch« ist noch n i ch t g e- funden. Der Mann war etwa 1.68— 1.79m groß und untersetzt. hatte dunkles gescheiteltes Haar und einen gestutzten Schnurrbart und trug einen Stehumlegekragen mit Schleife. Weiter hat der Verleiher sich seine Kleidung nicht gemerkt. Als Pfand hinterließ der Un- bekannte eine Monatskarte für Juli 1925 für die Strecke Süd- ende— Friedrichstraße. Er trug einen. Kneifer und einen birkenen Spazierstock mit gebogener Krücke. Eine Postbeamtensiedlung bei Tempelhof. Auf dem Tempelhofer Feld, an der Zufuhrstrahe zum Flugplatz. haben 299 P o st b e a m t e, die zum größten Teil den unteren Beamtengruppen angehören, ein Sommerheim gefunden. 299 Lauben sind auf dem etwa 42 Morgen großen Stück Land gebaut, und geben ihren Besitzern und den Familien Licht und Luft. Die Kolonie ist vorbildlich nach einheitlichen Gesichtspunkten angelegt. Ueberall flattern schwarzrotgolden« Fahnen. In der Mitte der Kolonie ist ein großer Kinderspielplatz, der nicht nur den Kindern der Kolonisten, sondern auch vielen kleinen Gästen Plag und Spiel in der Sonne gibt. Ein Musikpavillon und ein Tanzboden mitten im Gras lassen erkennen, daß auch Feste gefeiert werden. Am nächsten Sonntag wird ein solches Fest, verbunden mit Konzert, stattfinden. Was die Kolonie weiterhin vorbildlich macht, ist die Anwesenheit eines Arztes, der auf einer Parzeste, genau wie alle ander« seine Laube errichtet hat. Am vergangenen Sonntag hatte der„Verein der Postbeamten', der Schöpfer dieser Kolonie, zu Mngerftem. schonend mitteilen, worauf Angerstein ihm sagte: Ach, da sind ja 29 Einbrecher im Haus, die murksen da alles ab. Der Zeuge war dann mit einigen anderen Männern zum Hauje geeilt, aus dessen Dachstuhl bereits die Flammen schlugen, fand aber die vordere Haustür verschlossen. Ein Einschlagen der Türfüllung war nicht möglich, weil die Tür von innen mit Eisen verkleidet war. Auch die Fensterläden waren geschlossen. Man fand dann die hintere Tür offen, die Tür zum Kassenraum im Parterre stand ebenfalls ofseu, und zwar fand man im Kassenraum eine große Menge Benzin auf, das sich aber noch nicht entzündet hatte. Inzwischen waren noch mehr Leute herbeigeeilt, die nun in das Obergeschoß eindrangen und dort die Leichen fanden. Vors.(zu Angerstein): Angeklagter, ist es richtig. daß Ihnen der Zeug« gesagt hat, man könne Ihrer Frau das nur schonend mitteilen? Angekl.(mit der Hand auf seine Brust deutend): Wollen Sie das mir gegenüber verantworten? Zeuge: Jawohl. Der Angeklagte zuckt« darauf mit den Achseln und setzt sich wieder hin, um wieder scheinbar teilnahmslos vor sich hinzustarren, wie er das auch bei den übrigen Zeugenvernehmungen getan hat. Rur ab und zu.bei bestimmten Acußerungen der Zeugen oerrät ein schnelles Aufblicken des Angeklagten, daß er trotzdem der Verhandlung ganz genau folgt.»» o Weitere Z e ixg e n bestätigen dann die Darstellung des Zeugen Schol und Machen weitere Angaben über die Lage der Leichen. Zu scharfen Auseinandersetzungen mit der Verteidigung kam� es bei der Vernehmung des Zeugen Direktor Müller, der zunächst bekundete, daß Angerstein am� Sonntag vor der Tat mit ihm wegen der nächtlichen Schießerei gesprochen habe. Er konnte sich aber nicht erinnern, daß er ihm damals erzählt habe, seine Frau hatte sich darüber ausgeregt, wohl aber hätte Angerstein gesagt, es seien nachts zwei Spitzbuben hinter seinem Hause gewesen. Schon früher sei auch von anderen Leuten davon gesprochen worden, daß hinter dem Ängersteinschen Grundstück öfter Spitzbuben gesehen worden seien, daß Angerstein auch einmal aus dem Fenster heraus- geschossen habe. Der Zeuge selbst hat ober ni» irgendetwas Ver- dachtiges in der Gegend bemerkt. Als Angerstein darauf den Zeugen nochmals fragte, ob er wirklich behaupten wolle, daß er von Spitz- buben gesprochen habe, bejaht der Zeuge abermals, worauf Anger- stein mit wegwerfender Handbewegung sagte: Na, wenn Sie nicht selbst mal ein Spitzbub'e werden. Der Zeuge wurde darauf ziemlich erregt und antwortete auf Vorhaltung der Verteidigung sehr scharf, worauf Dr. Herzseld ihn fragte, ob er nicht mit Angerstein verfeindet sei, weil dieser ihn einmal ein Grundstück vor der Nase weggeschnappt habe. Der Zeuge Müller erklärte hier- auf. er sei nicht mit Angerstein verfeindet, aber dieser hätte ihm gegenüber damals einen Schurkenstreich mit dem Kauf des Grundstückes begangen. Der Vorsitzende rügte diesen Ausdruck. Zu einem weiteren Zwischenfall kam es bei der Ver- nehmung des Bahnsteigschaffners L ö h l, der zuerst bekundete, daß Angerstein ihm, als man ihn auffand, gleich erzählt habe, seine Frau liege schon seit mehreren Tagen im Bett und sei nun von den Räu- bern überfallen worden. Anger st ein erhob sich darauf und richtete an den Zeugen die Frage: Haben Sie meine Wunden ver- bunden? Zeuge: Jawohl, notdürftig. Angerstein(indem er sich wieder hinsetzt): Ich bedauere es. Vors.: Was soll denn das heißen? Angekl.: Ich bedauere es, daß er meine Wunden verbunden hat. Vors.: Geben Sie zu, daß Sie dem Zeugen vorher gesagt haben, Ihre Frau lieg« schon seit einigen Tagen krank im Bett? An- getl.(mit pathetischer Handbcwegung): Das muß der Zeuge ver- antworten. Der Zeuge. Schlosser Fuchs, bekundet, daß alle Leichen, als man sie fand, schon starr gewesen seien. Vor dem Bett im Schlafzimmer habe der kleine Trommelrevolver gelegen, der aber nicht geladen war. Als dann später die Feuerwehr kam, habe man vergeblich versucht, aus der Pumpe im Garten Wasser zu nehmen, es sei nichts herausgekommen. Dieser Zeuge hatte sich auch als einer der ersten damals Gedanken darüber gemacht, wie es möglich sei, daß Angerstein von Räubern überfallen sein sollte und trotzdem seine Taschenuhr noch bei sich hatte. einer Besichtigung eingeladen, zu der Vertreter der Oberpostdirektion. des Wohlfahrtsministeriums und des Bezirksamtes Kreuzberg erschienen waren. Spielbank« in der Volksspeiseanstalt. Ein wilder Spielbetrieb wurde in der Volksspeiseanstalt in der Frankfurter Straße 46 unschädlich gemacht. Beamte der Buchmacher, und Spielerstreise hatten in Erfahrung gebracht, daß hier gewissenlose Leute auftraten, die Kostgänger, die gewiß kein uberflüssiges Geld besitzen, zum Spiel verleiteten, und ihnen dabei die letzten Groschen abnahmen. Ueberraschend fielen die Beamten kurz nach der Mittagsmahlzeit ein und entdeckten in den dunkelsten Ecken die Bankhalter und Spieler bei verbotenen Glücks- spielen. Alle mußten den Weg zur Wache antreten, und da sich ein« Menschenmenge ansammelte, wurde noch das Ueberfallkommando zu Hilfe gerufen. 13 Personen, die die Hauptschuld an den Ber- anstaltungen trugen, wurden in Haft behalten und werden dem Untersuchungsrichter zugeführt. Alle übrigen wurden mit einer Ver- warnung entlassen. Neuer Unfall de» Todesspringers. Der Todesspringer Cliff 21 er os, der allabendlich im Ulap in seinem Sensationsakt— Feuersprung aus 28 Meter Höhe— austritt, erlitt gestern abend erneut einen Unfall. Glücklicherweise bewahrheitet sich die Nachricht eines schweren Sturzes nicht, wie es erst den Anschein hatte. Der Artist trug nur ein« unbedeutende Kopfwunde davon, so daß er bereits heute abend wieder seine halsbrecherischen Künste zeigen wird. Im öffentlichen Interesse wäre es allerdings wünschenswert, daß in Zukunft derartige Todcssensationen vermieden werden. Schon wieder ein Feuer bei Schering. Gestern vormittag 9 Uhr 35 wurden drei Ziige auf Alarm Miitelfeuer nach der Gcheringschen Fabrik am Tegeler Weg gerufen. Dort brannte ein Ballon mit Salpetersäure. Die Feuerwehr beseitigte die Befahr und konnte noch einstündiger Tätigkeit wieder abrücken. Angeblich ist niemand verletzt worden. Die Goldmarkeräffoungsbilonz der Berliner Nordsüdbahn Aktien- gesellschaft per 31. Dezember 1923»st der Stadtverordnetenversamm- lung zur KenntniSnabme zugegangen. Das Grundkapital der Ge« sellschaft ist auf 48,6 Millionen Reichsmark umgestellt worden. SV Opfer der Bostoner Einsturzkatastrophe. Bis jetzt sind in B o st o n unter den Trümmern des Pickwick- klubs 4 3 Leichen geborgen worden. Man glaubt aber, daß die Zahl der Getöteten mindestens 59 beträgt. Zwei der Ber- letzten liegen im Sterben. Der 4. Juli d. I. war überhaupt ein ganz besonderer Unglückstag. In ganz Amerika sind 183 Todesfälle zu verzeichnen, die direkt oder indirekt mit den Feierlichkeiten des Unabhängigkeitsfestes zusammenhängen. Die größte Zahl an Opfern forderte die Einbruchskatastrophe in Boston. Äußer- dem sind aber 47 Personen durch Automobilunfälle ge- tötet worden. 2 4 beim Baden ertrunken. Groß-Serliner parteinachrichten. «bt. r««p»lh»s. Hmti, D>en»tos, add«. 7'/, Uhr. S. imd 5. Brzttt gahlabend b. Bus«, W«rder-Ttr. St. Wichtig» Tagesordnmig. Gewerkschaftsbewegung Warum so bescheiden? Die Metallarbeiter bitten um Auskunft. Am 12. Juli werden die Berliner Metallarbeiter ihre Dele. gierten zum Gewerkschaftstongreß in Breslau wählen. Wie diese Wahl ausfallen wird, darüber fann heute schon fein Zweifel bestehen. Allerdings machen die Kommunisten die größten Anstrengungen, um am fommenden Sonntag einen Erfolg, menigstens einen Achtungserfolg zu erzielen. Täglich veröffentlicht die Rote Fahne" langstielige Artikel, die beweisen sollen, wie nichtsin würdig in jeder Beziehung die Leitung des Deutschen Metallarbeiter in Berlin ist. Nur ein es haben wir in diesen Artikeln bisher vermißt. Wir machen darauf aufmerksam, in der Hoffnung, daß das Verfäumte nachgeholt wird. Wir möchten gern einmal die Taten der SPD., soweit es sich um die erfolgreiche Führung des Gemertschaftstampfes handelt, näher kennen lernen. Die APD. hat ja speziell in Berlin für die Metallarbeiter einen eigenen „ revolutionären" Laden aufgemacht. Es gibt deren gegenwärtig so. gar zwei. Die eine Organisation steht zwar auf dem moskowitischen Inder, meil deren Leiter nicht mehr an die Unfehlbarkeit des Papstes Sinomjem glauben. Die andere„ Union" ist jedoch eine getreue Echleppenträgerin der Ruth Fischer und das liebe Kind der KPD. Es würde uns wirklich eine große Freude machen, wenn mir nähere Angaben erfahren könnten über die Wirksamkeit dieser echten und gläubigen Rommunistenorganisation. Wir glauben, daß auch die Berliner Metallarbeiter mit großem Interesse diesen Mitteilungen entgegensehen würden. Ins hefondere würde es die Metallarbeiter sehr interessieren, zu erfahren, wo und wann diese kommunistische Kraftmeierorganisation dem BBMJ. den Daumen aufs Auge gedrückt hat; wo und mann es ihr gelungen ist, die Löhne zu erhöhen, den Ach tstundentag in voller Reinheit wiederherzustellen. Diefen Mitteilungen fönnte noch hinzugefügt werden, wie erfolgreich und entschlossen die tommunistischen Betriebsräte den Werksleitungen entgegengetreten sind. menschenunwürdigen Löhne arbeiten wollen. Sie beauftragten das Metallfartell ,, das am 26. Juli ablaufende Lohnabkommen am 11. Juli zu kündigen und die Unternehmer zu Berhandlungen um Erhöhung der Löhne aufzufordern. Sie waren sich aber ebenso darüber flar, daß es gilt, in den Betrieben eine rege Propaganda zu entfalten, um auch den letzten Unorganisierten der Organisation zu zuführen. damit diese über die nötige Schlagkraft verfüge. In seinem Schlußwort mies Franke darauf hin, daß es auch die Organisation begrüße, daß die Arbeiter gewillt sind, für diese Schandlöhne nicht mehr länger zu arbeiten. Wenn sich alle restlos ihrem Verbande anschließen, wird es den Berliner Transportarbeitern und Arbeiterinnen auch gelingen, mit den Inflationsüberbleibseln der Unternehmer endlich aufzuräumen. Bergleichsvorschlag zum Streit im Kohlengroßhandel. In Verfolg der Verhandlungen, die gestern auf Einladung des Schlichters stattfanden, hat dieser den Parteien folgenden Vergleichs: vorschlag gemacht: Der Lohn des ständigen Arbeiters wird ab 26. Juni auf 92 Bi. erhöht. Die Löhne der übrigen Arbeiter erhöhen sich in gleichem Verhältnis. Das Lohnabkommen gilt bis zum 1. Of tober. Weiter ist in dem Vergleichsvorschlag eine Regelung der Notstandsarbeiten bei fünftigen Kämpfen vorgesehen. Zu diesem Bergleichsvorschlag nehmen die Streifenden heute nachmittag in einer Versammlung Stellung. Arbeiterelend im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau. daß von weither für den mitteldeutschen Braunkohlenbergbau anAus Halle wird uns geschrieben: Täglich mehren sich die Fälle, geworbene Arbeiter enttäuscht weiterziehen müssen. Die Werber der Grubendirektionen versprechen 8 bis 12 Mr. täglichen Verdienst, ohne bergbau sind Löhne von 8 bis 12 mf. noch nie gezahlt worden, wie aber diesen Lohn wirklich zu zahlen. Im mitteldeutschen Braunkohlensich die mitteldeutschen Braunkohlengruben überhaupt durch eine schlechte Behandlung ihrer Arbeiter bei minder die Werke für die gelben Verbände immer noch manches wertiger Bezahlung auszeichnen. Selbstverständlich haben übrig; dagegen lehnten sie jetzt die Forderungen der Arbeiter nach Lohnerhöhung ab. Auch der Schlichtungsausschuß des Reichsverlassen tausende langjähriger Bergarbeiter ihren Beruf, arbeitsministeriums hat sich entsprechend verhalten. Infolgedessen um in anderen Industrien besser bezahlte Arbeit zu suchen. Die Folge ift, daß die Grubendirektionen Arbeiter aus Polen und der Tichechoslowakei als Lohndrücker für Mitteldeutschland zu werben versuchen. Wiederholt hat der Bergarbeiterverband die deutschen und ausländischen Arbeiter vor dem Zuzug nach dem Braunkohlengebiet Mitteldeutschlands gewarnt. Die Arbeiter, die sich nach dort verschleppen lassen, verschlechtern nicht nur ihre eigene, sondern auch die Lebenslage ihrer Kameraden. Sie sollen nur als Lohndrücker dienen. Bergarbeiter, meidet den mitteldeutschen Braunuefohlenbergbau! Diese Angaben sind um so dringender, als die Berliner Metall arbeiter von dem erfolgreichen Wirken weder der einen noch der anderen Union bisher etwas gemerkt haben. Es sei denn, daß die ABD. als einen Erfolg ansicht, wenn die Arbeiterschaft gespal ten, geschwächt und dadurch allein schon die Unternehmer gestärkt werden. In dieser Beziehung fönnen die Kommu nisten besonders in der Berliner Metallindustrie allerdings sich auf erhebliche Erfolge berufen. Daran werden die organisierten Metallarbeiter denken, wenn sie am Sonntag zur Wahl gehen. Tariffündigung der Metalltransportarbeiter. Am Sonntagvormittag hatte das Metallfartell die Transportarbeiter und-arbeiterinnen der Berliner Metallindustrie im Gewert. fchaftshaus zusammengerufen, um zu der Kündigung des Lohntarifs Stellung zu nehmen. Franke vom Verkehrsbund hatte das Referat übernommen und schilderte einleitend die Lohnverhältnisse in der Metallindustrie. Bährend in den meisten Industrien die Transportarbeiter einen Stundenlohn von 75 bis 90 Pf. haben, erhalten die Transportarbeiter der Metallindustrie nur 54 und 56 Pf. Stundenlohn. Da sie gegenüber den Transportarbeitern anderer Industrien durchschnittlich 26% und 28% Pf. in der Stunde weniger verdienen, haben sie einen Lohnrückstand von ungefähr 13 bzw. 14 M. in der Woche. Nach den eigenen Angaben der Metallindustriellen sind in ihren Betrieben zirka 36 000 Transportarbeiter und-arbeiterinnen beschäftigt, mit denen die Unternehmer infolge der erbärmlichen Löhne schäzungsweise ungefähr 2 Millionen M. Lohnersparnisse im Monat erzielen. Wenn man somit hört, welche enormen Summen den Unternehmern durch ihren Lohndrud mühelos in den Schoß fallen, tann man auch begreifen, warum sie alles Interesse an der„ Sta bilisierung" dieser Elendslöhne haben. Von den Arbeitern fann aber nicht verlangt werden, daß sie bei einer derartigen Bezahlung noch ein großes Interesse oder gar Liebe zur Arbeit haben sollen. Sie benuten daher auch jeden günstigen Augenblick, um der Metallindustrie den Rücken zu fehren. Dem dadurch bestehenden Mangel an geeigneten Arbeitskräften haben die Metallgewaltigen damit begegnet, daß sie sich Arbeitskräfte aus dem Asyl geholt haben, durch die sie( das fol kein Steinwurf auf die Aermsten der Armen sein) die Betriebe und die darin Beschäftigten haben ver laufen lassen. So weit geht die pielgepriesene Wirtschaftspolitit" der Metallindustriellen. Die Bersammelten gaben in der ausgedehnten Diskussion ihre Meinung dahin zum Ausdruck, daß sie nicht mehr länger für die Spezialbehandl Mor für Ischias in Hüft., Gesäß und Bein, wenn ärztl.festgestellt, In 15 Tagen sind schwere Fälle beseitigt worden. Unantastbare Heilerfolge. Bestätigung und Referenzen, ärzti. empfohlen. lavalidenstraße 106. 9-11. 1-4. Senofag 10-12. Jacoby. Unser Zähne SAISON USverkauf im: Für Damen: 7.- 27. Juli B Leinen Schnürschuhe gute Ledersohle mod. Form Pf. Relseschuhe Dirndlstoff 600 Paar Wildleder imitiert. Schnürschuhe kl. Gr. u. alle Gr. weiß Lein.- Schnürschuh. Spangen- u. Schnürsch. R'Chevreaux, echt Chevr. u. Chromled., m.Form 36-40, echt Lackblattspangensch.kl. Größen 85 195 195 GROSSDETAIL Am Pranger. Mit den niederträchtigen Methoden der Gewerkschaftsspaltung und der systematischen Durchkreuzung aller Gewerkschaftsaktionen ist kein Geschäft mehr zu machen. Die KPD. muß sich begnügen, hinter dem Wagen der Gewerkschaften herzulaufen und geifernò immer wieder zu schreien, daß sie es viel besser gemacht hätte, menn. Was es mit dieser Allesbesserwisserei auf sich hat, haben mir wiederholt aufgezeigt. Das Bolschewistenblatt begnügt sich nicht, Artikel und Berichte des„ Vorwärts" ohne Quellenangabe zu veröffentlichen, fälschlich als Verfasser dieser Notizen manchmal die Gewerkschaften zu bezeichnen, sie versicht diese Veröffentlichungen in der Regel mit einem Kommentar, den sie als Kritit" bezeichnet, der aber nichts anderes ist als die Durchtreuzung und Schädigung der Attion der Gemertschaften.. Nun will es die Rote Fahne" auf einmal nicht mehr wahr haben. Sie tut zunächst so, als handle es sich bei dem Nachdruck von Artikeln aus dem Vorwärts" nur um Mitteilungen über den Kampf der Holzarbeiter, die angeblich vom Hauptvorstand des Holzarbeiterverbandes stammten. Es versteht sich von selbst, daß wir uns vor einer Veröffentlichung über einen Kampf, den eine Gewerkschaft führt, mit den zuständigen Gewerkschaftsinstanzen verständigen, um zu verhüten, daß unsere Mitteilungen die Aktion der Gemerkschaften irgendwie behindern könnten. Aber soweit es nicht ausdrücklich als Mitteilung einer Organisation tenntlich gemacht ist, beruht jede Veröffentlichung des Vorwärts" in der Regel auf Mitteilungen unserer Korrespondenten und Berichterstatter. Wenn die Rote Fahne" dazu nicht in der Lage ist, so müßte sie mindestens die Quelle angeben, aus der die von ihr veröffentlichten Artikel stammen. Es ist freilich einfacher, die Redaktionsarbeit des " Vorwärts" in unehrlicher Weise zu benußen, und daran dann 1 und 2 Mark. Goldkronen von 8 Mark an. Persönliche fachmännische Behandlung. Wöchentliche Teilzahlung gestattet. einen Kommentar zu hängen, der eine angebliche Kritit sein soll, in Wirklichkeit aber systematische Schädigung der Arbeiter interessen ist. Das Bolschewistenblatt muß jetzt eine Erklärung des Genossen Ortmann veröffentlichen, die das Unwahre der Behauptungen während der letzten Lohnbewegung im Berliner Verkehrsgewerbe feststellt. Es steht somit fest, daß die„ Rote Fahne" während der Lohnbewegung Behauptungen veröffentlicht hat, die eine schmere Schädigung der Arbeiterinteressen darstellen; daß sie sich geweigert hat, eine Richtigstellung ihrer eigenen Barteigenossen zu veröffentlichen. Jezt sucht sie die Sache is hinzustellen, als hätten die an verantwortlicher Stelle stehenden tommunistischen Funktionäre des deutschen Verkehrsbundes ihr die verleumderischen und verlogenen Behauptungen mitgeteilt, dann aber diese. Berleumdungen feierlichst widerrufen, weil ein Antrag gegen einen dieser Funktionäre vorgelegen habe, ihn seiner Funktion als Verwaltungsmitglied zu entheben. Wenn die Rote Fahne" zuin Schluß die Mitglieder des Deutschen Verkehrsbundes auffordert, dafür zu sorgen, daß mit diesen niederträchtigen Methoden Schlußz gemacht wird, so können wir uns dieser Aufforderung nur an schließen. Lohnbewegung der sächsischen Gemeindearbeiter. Im Lohnstreit der sächsischen Gemeindearbeiter fällte die Bezirksschiedsstelle für kommunale Arbeitertariffachen in Dresden am 29. Juni einen Schiedsspruch, monach die Spizenlöhne in Ortsklasse A um 5 Pf. für den Handwerker und um 4 Pf. für den Lohnvereinbarung sollte Geltung haben bis zum 31. Dezember 1925, ungelernten Arbeiter ab 1. Juli erhöht werden sollten. Die neue also volle sechs Monate, und nur wenn sich die Reichsinderziffer um volle 10 Punkte während dieser Zeit erhöhen sollte, haben beide handlungen zu führen. Parteien das Recht, vor Ablauf der Geltungsdauer neue Ber Dieser Schiedsspruch ist mit übergroßer Mehrheit von der sächsischen Gemeindearbeiterschaft abgelehnt worden. Es wird Sollte auch hier ein wesentlich besseres Ergebnis nicht zu stande nunmehr sofort Berufung beim Zentralausiauß in Berlin eingelegt. fommen, muß damit gerechnet werden, daß die sächsischen Gemeinde arbeiter zum legten Mittel greifen werden. Metallarbeiterstreik in Leipzig. streifen die Metallarbeiter von 22 Betrieben Leipzigs mit insLeipzig, 6. Juli.( Eigener Drabtbericht.) Seit Freitag früh gefamt 3000 Metallarbeitern, nachdem sich die Verbandlungen um eine Lohnerhöhung zerschlagen hatten. Im Gegensatz zu der Verhandlungskommission der Arbeitgeber war die Mehrzahl der einzelnen Unternehmer bereit, eine Zulage von 10 Proz. zu ge währen. Der Kampf dürfte daber von turzer Dauer sein. Sport. Bor- Schaufämpfe im Ulap. Im Ulap wurden in den letzten Tagen als Hauptattraktion Borfämpfe vorgeführt, bei denen sich Otto Flint wieder, und war als Ringrichter, zeigte. Es handelte fich um Borfämpfe amerikanischen Stils, nicht die Punktwertung, sondern die Niederlage entschied den Sieg. Gustav Runge gegen trich( Berlin) im Leichtgewicht zeigte nicht bedeutendes Können. Die bisher veranstalteten Amateurfämpfe ließen besseren Sport schen. Beiden Gegnern fehlte es an Angriffsfreudigteit, so daß sich der Kampf mühsam vier Runden hinschleppte. Ergebnis: unentschieden. Die Weltergewichtler Otto Griese und Horst Kühlhorn( Reufölln) machten einen weit besseren Eindrud. Griese war entschieden fräftiger, fonnte jedoch nicht nach Wunsch bei Kühlhorn landen, der wendig und schnell im Ausweichen war und recht zielficher nachzuschlagen wußte. So endete auch dieser Kampf unentschieden, obwohl Griese in der letzten Runde seine Situation durch einen schweren Kinnhafen verbessert hatte. Geschäftliche Mitteilungen. 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