Abendausgabe Nr. 320 42. Jahrgang Ausgabe B Nr. 157 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife find in der Morgenausgabe angegeben Redaktion: SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-295 Tel.- Adresse: Sozialdemokrat Berlin Vorwärts Berliner Dolksblatt 5 Pfennig Donnerstag 9. Juli 1925 Berlag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernfprecher: Dönhoff 2506-250% Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands Sozialistische Außenpolitik. Beschlüsse der sozialistischen Arbeiterinternationale. nächst eine gemeinsame Konferenz der Parteien Frankreichs, Spaniens und Englands über die Marokkofrage stattfinden wird. Mit Rücksicht darauf, daß es der spanischen sozialistischen Partei nicht möglich gewesen war, einen Vertreter zu der Bureausigung zu entfenden, wurde die weitere Stellung nahme bis nach dem Stattfinden dieser Parteienkonferenz vertagt. Hierzu gab Otto Bauer( Oesterreich) folgende Erklärung ab: Das Bureau der Sozialistischen Arbeiter- Internationale| Bartei bestehen. Das Bureau nahm zur Kenntnis, daß demhielt am 4. Juli in London unter dem Borsig Hendersons eine Sigung ab. Anwesend waren: Henderson( England), Renaudel( Frankreich), Wels( Deutschland), de Brouckere ( Belgien), Bauer( Desterreich), Dan( Rußland, SDAP.). Adler( Sekretär), ferner mit beratender Stimme Soutup ( Tschechoslowakei, Tschechische SP.), Czech,( Tschechoslowakei, Deutsche SP.), Allen, Mrs. Bell, C. R. Burton, Shaw ( England). Das Bureau beschäftigte sich zunächst mit der Frage des Genfer Protokolls und des Sicher= Die Frage der prinzipiellen Stellung der französischen sozialistiheitspattes, und faßte nach ausführlicher Debatte nach- schen Partei zum Krieg in Marokko schließt im Keime, im verkleiner stehenden Beschluß( den wir bereits in seinen wesentlichsten ten Maßstab alle die Probleme in sich, die in der Zeit des WeltTeilen wiedergaben): triegs alle sozialistischen Parteien gespalten haben. Wir verzichten im gegenwärtigen Augenblick nur deshalb auf eine Erörterung dieser Frage, weil wir volles Vertrauen zur französischen sozialistischen Partei haben, daß sie selbst die richtige Lösung dieser Frage finden Dieser Erklärung schlossen sich Dan( Rußland, SDAP.) und Czech( Tschechoslowakei, Deutsche SP.) an. Sicherheitspakt und Genfer Protokoll. Die SAI. bekräftigt von neuem ihren entschlossenen Willen, von allen Regierungen Europas und der ganzen Welt eine Poli: tit des Friedens zu erlangen, die sich auf die immer weiter auszugestaltende und zu demokratisierende Organisation des Böl. ferbundes ſtützt. Die SAJ. gibt neuerlich ihrer Auffassung Ausdruck, daß der Völkerbund alle Völker mit gleichen Rechten umfassen soll und daß es für das Wohl Europas insbesondere wünschenswert ist, es daß Deutschland und Rußland ihm angehören. Die S23. ftellt fest, daß alle angeschlossenen Parteien darin einig sind, die Annahme des Genfer Protokolls in allen Parlamenten und seine Durchführung durch alle Regierungen zu fordern. Sie betrachtet das Genfer Protokoll als Ausführung und Verwirklichung des Bölkerbundspaktes und der Grundsätze der allge meinen Schiedsgerichtsbarkeit, die allein den Völkern die Sicherheit geben und der Welt die Abrüstung bringen fönnen. In bezug auf die in Diskussion stehenden Vorschläge eines Sicherheitspattes fordert die SAI., bei Aufrechterhaltung ihres Standpunktes, daß alle Anstrengungen gemacht werden sollen, um die endgiltige Durchführung des Genfer Protokolls zu erlangen, einftmeilen, solange dieses Ergebnis nicht erzielt werden kann, die angeschlossenen Parteien auf, darüber zu wachen, daß kein Teilvertrag im Widerspruch zu den oben niedergelegten Grundsägen abgeschlossen werde. Jene angeschlossenen Parteien, zwischen denen ein Einvernehmen darüber zustande tommt, einen solchen Vertrag ins Wert zu sehen, werden darüber wachen, daß er im Rahmen und unter Kontrolle des Bölkerbundes geschlossen wird, daß er nicht gegen Schieds: gerichts- und internationale Abrüftungsmaßnahmen ausgespielt und daß er nicht dazu mißbraucht werden könne, ein falsches Mächte gleichgewicht, das gegen eine oder mehrere andere Mächte gerichtet wird. Die Lage in China. den Ereignisfen in China. Hierzu lag eine AufSchließlich beschäftigte sich das Bureau der SAJ. mit Gewerkschaftsinternationale vor, gemeinsame Aktionen zu forderung der Kommunistischen Internationale und der Roien organisieren. Das Bureau faßte zunächst folgenden Be= I u B: Das Bureau der SAJ. hat die Aufforderung der Kommunistischen Internationale geprüft und festgestellt, daß es sich da um eines jener Einheitsfrontmanöver handelt, durch die die Kommunistische Internationale, wie sie auf ihrem legten Kongreß selbst erklärt hat, nicht die sozialistischen und kommunistischen Kräfte zu gemeinsamen Kampf zu vereinigen, sondern die sozialistischen Bar teien zu entlarven" und zu vernichten" anstrebt. Daher ist das Bureau der SAJ. über den Brief der Kommunistischen Internationale zur Tagesordnung übergegangen. Nach eingehender Erörterung der Lage in China wurde sodann nachstehende Resolution einstimmig nommen: ange beitenden Voltsmaffen Chinas. Sie eignet sich die Die Internationale begrüßt das Erwachen der ar= Grundsäge der Resolution an, die die britische Arbeiterpartei und der Generalrat des britischen Gewerkschaftskongresses am 25. Juni gefaßt hat. Im Sinne dieser Resolution fordert die SAJ. Schub für die chinesischen Arbeitermassen gegen die schamlose Ausbeutung durch das ausländische sowohl als durch das chinesische Kapital und die Aufhebung der mit der Souveränität der chinesischen Mit Rücksicht auf die besonderen Gefahren der osteuropädie S23. bekämpft jeden Mißbrauch der chinesischen Parteitämpfe Nation unvereinbaren egterritorialen Rechte der Ausländer in China. ischen Probleme werden die angeschlossenen Parteien ins besondere darüber wachen, daß die zwischen Deutschland einerseits, Polen und der Tschechoslowakei andererseits abzuschließenden Schiedsgerichtsverträge nicht unter eine einseitige, sondern unter eine wirklich internationale Garantie gestellt werden. wäre, herzustellen. Die angeschlossenen Parteien werden jedenfalls die Beratung dieser Paktvorschläge zum Anlaß nehmen, um in den Parlamenten die Haltung zu vertreten, die sie gegenüber dem Genfer Protokoll einnehmen, und dem Internationalen Kongreß in Marseille über ihre Stellungnahme zur Frage des Sicherheitspattes und des Genfer Brotokolls Bericht erstatten. Der maroffanische Krieg. Ebtonn erörterte das Bureau der SAJ. die Situa= tion in Marotto. Das Bureau hörte eine ausführliche Darstellung des Vertreters der französischen sozialistischen Partei Renaudel, der die verschiedenen Auffassungen dorlegte, die über diese Frage innerhalb der französischen Das Schicksal des Zolltarifs. Allgemeine Ungewißheit. Wie man aus rechtsstehenden Blättern erfährt, will der Reichstanzler am heutigen Tage mit Bertretern der Regierungsparteien verhandeln, um ein Rompromiß über die Agrarzölle zustande zu bringen. Es ist somit die eigenartige Tatsache festzustellen, daß man eine Zollvorlage durchzupeitschen versucht, über deren Inhalt in entscheidenden Bunften man unter sich noch gar nicht einig ist! Man will entscheiden, man weiß bloß noch nicht recht was. Im Zusammenhang damit spricht der" Tag" die Sorge aus, ob es möglich sein werde, die sicher sehr starke Ob struktion der sozialdemokratischen Fraktion" mit geschäfts ordnungsmäßigen Mitteln zu überwinden. Von Obstruktion follte man doch erst dann reden, wenn die Minderheit die Mehrheit durch geschäftsordnungsmäßige Mittel daran zu hindern sucht, ihren Willen innerhalb einer angemessenen Frist durchzusetzen. Da aber die Mehrheit einen solchen Willen bisher überhaupt nicht befigt, ist es widerfinnig, von sozial demokratischer Obstruktion zu reden. Die Sozialdemokratie betämpft die Regierungsvorlage, To wie fie ift, mit fachlichen Gründen. Es gibt bis jetzt aber feine Mehrheit, die ihren Entschluß fundgetan hat, die Regierungsvorlage, so wie sie ist, Gesetz werden zu lassen. Man bemüht sich um ein Rompromiß: tommt es zustande, so will man mit den Rechten der Minderheit furzen Prozeß durch die in China konkurrierenden Mächte und fordert das unein23. angeschlossenen Parteien werden verpflichtet, ihren ganzen geschränkte Selbstbestimmungsrecht für das chinesische Volk. Die der Einfluß zur Unterstügung des Freiheitstampfes des chinesischen Volles aufzuwenden. Andererseits ist sich die SAI. der großen Gefahr bewußt, daß die Ausbeutung der chinesischen Arbeiter durch das ausländische Kapital und die Unterdrückung des chinesischen Volkes durch ausländische Mächte die erwachenden chinesischen Arbeiter in die Gefolg schaft des Nationalismus in China treiben. Die SAI. muß um so mehr die Ausbeutungs- und Unterdrückungspolitik der kapitalistischen Mächte in China befämpfen und die chinesischen Arbeiter zur Erfenntnis führen, daß fie ihr Heil nicht in einem nationalistischen Rassenkampf gegen alle Angehörigen der weißen Rasse in China, sondern nur in dem Bündnis der Arbeiter aller Rassen sowohl gegen den europäisch- amerikanischen Imperialismus, als auch gegen den asiatischen Nationalismus finden können. machen. Die Minderheit aber wird sich dieses Kompromiß, wenn es zustande kommt, ansehen und dann ihre Taktik entsprechend einrichten. Pünktliche Ruhrräumung. Banderveldes Erklärung. Paris, 9. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Der belgische Außenminister Bandervelde hat am Mittwoch einem Bertreter des„ Petit Parifien" erklärt, daß die Räumung des Ruhrgebietes noch vor dem seinerzeit in London vereinbarten Termin, dem 16. August zu Ende geführt sein werde. Dagegen ist er der Frage nach der Räumung der drei Städte Duisburg, Düsseldorf und Ruhrort ausgewichen. Er erklärte, daß es sich hier nicht um eine franzöfifch- belgische, sondern um eine interalliierte An gelegenheit handele und daß deshalb die Räumung dieser Städte eine Berständigung der Gesamtheit der Alliierten voraussetze. Er selbst stehe auch heute noch voll und ganz zu der Politit, die er vor Uebernahme des Ministeriums in Wort und Echrift verfochten habe; nur tönne er angesichts der Verantwortung, die er als Minister trage, sich darüber jetzt nicht mehr mit der gleichen Freiheit äußern, wie noch vor 6 Wochen. geschlossen worden. Jm Trianon- Prozeß sind die Plädoyers am Mittwoch abAm Sonnabend erfolgt noch eine Replit des Staatsanwalts. werden. Das Urteil wird erst in acht Zagen gefänt | Zum Wirtschaftsstreit mit Polen. Der Kampf um das Kohlenkontingent. Genosse Heinrich Löffler schreibt uns: Seit einigen Monaten wurden zwischen Deutschland und Polen Verhandlungen geführt mit dem Ziel, einen Handelsden. Ueber diese Berhandlungen, die nunmehr auf den vertrag abzuschließen. Das Ziel ist leider nicht erreicht wor Konfliktspunkt gelangt sind, sind einige Aufsäge im Vorwärts" erschienen. Genosse Hermann Diamand lehnte es örtern, da sie den Bersuch einer friedlichen Annäherung erin einem längeren Artikel ab, die Schuldfrage zu er schwere. Eine andere polnische Seite gab dann in der Morgenausgabe des Vorwärts" vom 8. Juli eine Sachdarstellung, die ich, soweit die Kohlenfrage in ihr erwähnt wurde, nicht unwidersprochen lassen möchte. Es ist nicht meine Aufgabe, den Reichskohlenkommiffar in Schutz zu nehmen, aber die nachbarliche Verbindung, die ich mit ihm als Vorstandsmitglied des Reichsfohlenverbandes habe, gibt mir die Möglichkeit, flaren Einblick in die deutsche KohlenTage zu nehmen. Auch die besondere Aufgabe meiner Stellung, neben Allgemeininteressen auch die Interessen meiner Berufskollegen, der Bergarbeiter, zu wahren, berechtigt mich zu einem Urteil. Seit Monaten leidet der deutsche Bergbau unter einer schweren Absahtrise. Diese wirkt dort am schärfsten, wo die Kohlenabbaubedingungen am ungünstigsten niederschlesischen Bergarbeiter ist einfach troſtfind. Die Lage der sächsischen und ganz besonders der los, da es an der Absahmöglichkeit fehlt. Aber auch in Bergbaubezirken mit besseren geologischen Bedingungen sind die Bergarbeiter nicht auf Rofen gebettet. Arbeiterent lassungen und darüber hinaus Einlegung zahlloser Feierschichten sind seit Monaten an der Tagesordnung. Die Bertreter der Bergarbeiter haben darum mit allem Nachdruck Rohleneinfuhr auf ein Mindestmaß beschränke. Eine folche vom Reichskohlenfommissar gefordert, daß er die ausländische Maßnahme konnte aber gegen Polen bisher nicht wirksam werden, da Deutschland nach dem Genfer Abkommen ver pflichtet war, allmonatlich 500 000 Tonnen Kohle ungehindert aus Oftoberschlesien in sein Gebiet einzulassen. Diese Bestimmung ist am 15. Juni abgelaufen. Bei der deutschen Kohlenlage ist es ganz selbstverständlich, daß nunmehr auch die Kohleneinfuhr aus Ostoberfchlesien eingeschränkt werden mußte. Im Laufe des Monats Juni sind aber noch 250 000 Tonnen ostoberschlesische Kohle eingeführt worden. Für Juli fonnte der Reichstohlenkommissar nach feine Einfuhrscheine ausgeben, da auf das deutsche Angebot vom 20. Juni, monatlich 100 000 Tonnen Kohle abzunehmen, feine Antwort aus Polen vorlag. Anstatt auf dieses fonfrete Angebot einzugehen, erließ die polnische Regierung ein Einfuhrverbot gegen deutsche Waren. Ungeachtet dieser Kampfmaßnahme der polnischen Regierung sind die Verhandsondern weitergeführt worden. Erst als die tatsächliche Iungen von Deutschland nicht abgebrochen, Sperre gegen deutsche Waren bereits wirksam war, hat sich polnische Regierung würde flug beraten gewesen sein, wenn Deutschland zu Gegenmaßnahmen entschlossen. Die sie das deutsche Angebot, monatlich 100 000 Tonnen Kohle abzunehmen, unter Borbehalt angenommen hätte, um feinen Mißton in die Wirtschaftsverhandlungen fommen zu lassen. Die Tatsache steht unumwunden fest, daß die polnische Regierung auf ein deutsches Angebot mit Kampfmaßnahmen geantwortet hat. Das Angebot, 100 000 Tonnen Kohle monatlich abzunehmen, war durchaus nicht fleinlich. Zu ihrer Förderung müssen im niederschlesischen Bergbaugebiet 35 000 Bergarbeiter eine volle Woche arbeiten. Auf ein Jahr berechnet und auf Niederschlesien bezogen, bedeutet dieses Angebot den Absatz der Förderung für volle 13 Wochen. Heilfroh würde man in diesem Bergbaugebiet fein, wenn eine Vierteljahrsförderung in ein anderes Land ungehindert abgesetzt werden könnte. Erst nachdem die polnische Regierung ihre Kampfmaßnahmen schon über zehn Tage hatte wirksam sein lassen, ist auf das deutsche Angebot, 100 000 Tonnen Kohle hereinzulassen, eine Antwort ergangen, worin der Einlaß von 350 000 Tonnen im Monat gefordert wird. Ohne mich irgendwie mit dieser Forderung zu identifizieren oder sie gar für annehmbar zu halten, muß ich sagen, daß, wenn die polnische Regierung diese Antwort vor vor dem Erlaß ihrer den die Berhandlungen ohne besondere Spannung Kampfmaßnahmen gegeben haben würde, dann würweiter geführt worden sein. Es bleibt also eine Tatsache unabwendbar bestehen: Die polnische Regierung hat auf ein deutsches Angebot mit wirtschaftlichen Kampfmaßnahmen geantwortet. Unrichtig ist sodann die Behauptung, daß die engli. schen Kohlenexporteure von den deutschen Behörden die Bewilligung zur Einfuhr englischer Kohle in unbegrenzten Mengen" befämen. Der Reichstohlenkommissar hat das Recht der Einfuhrbeschränkung. Davon macht er bei der gegenwärtigen Lage gegenüber allen Staaten Gebrauch. Auch gegenüber England, wie nachstehende Angaben einwandfrei beweisen, Es wurden aus England folgende Mengen Kohle bzw. Rots eingeführt: im Januar 1924: 624 000 Lonnen, im Juni 1924: 546 000 Tonnen und im Monatsdurchschnitt von 1924: 473 000 Tonnen. Diese Einfuhrziffern find unter der Wirksamkeit des Reichstohlenfommiffars immer tiefer gefunten. Im abgelaufenen Monat Juni wurde die Einfuhrerlaubnis für 206 000 Tonnen erteilt. Es ist also durchaus unrigtig, daß die Einfuhr englischer Kohle unbe 10 Millionen Haushaltungen gibt, die nicht Selbswersorger sind, bedeutet das eine Gesamtbclastung der Verbraucher mit 1% Milliarden. Setzt man davon die Staatseinnahmen aus den Zöllen ab, so bleiben für die Laichwirtschaft selbst immer- hin noch etll>a.1,2 Milliarden Mark Mehreinnahmen. Was kaust nun die Landwirtschaft von der Industrie? Nach einer Zusammenstellung des Freiherrn v. L ü n i n g in der„Landbiirch-Zeitung" der Provinz Sachsen, die sich auf Betriebe aller Größenklassen erstreckt, und nach Berücksichtigung der besonderen Wirtschaftsverhältnisie in Sachsen kommt man zu dem Ergebnis, daß die Landwirtschast jährlich für etwa 1 Milliarde Mark i n d u st r i e l l erzeugte Produktions- mittel verbraucht. Baade zieht aus seinen Feststellungen folgenden Schluß: Wir finden also das Endergebnis unserer Berechnungen, daß die Summe die der Landwirtschast an künstlicher Kauskraslsleigerung durch die Zölle auf Kosten der Konsumenten zugewandt werden soll, größer ist als die bisherige Gesamtausgabe der tandwirtschast für Industriell erzeugte Produktionsmittel; sie übertrifft diese Summe um ein volles Fünftel. In der Tat ist dieses Ergebnis überraschend und sogar entscheidend für die gesamte Beurteilung der Zollfrage. Denn nach den obigen Feststellungen kann die Landwirtschast überhaupt nicht soviel Produktionsmittel kaufen und verbrauchen, wie sie durch die Zölle an Geldwert er- hält. Die Zölle bedeuten also keine„Stärkung des inneren Marktes", mindestens nicht in dem Ausmaße, wie ihr Ertrag über den Produktionsmittelbedarf hinausgeht. Tatsächlich bringen die Agrarzölle dem kleinen Teil der Landwirtschaft, der überhaupt aus den Zöllen Nutzen ziehen kann, nichts an- deres als einen gewaltigen Kapitalzuwachs und eine enorme SteigerungderBodenrenteauf Kosten der breiten Verbrauchermasstn. Der Kaufkrafwerlust, den die letzteren erleiden, aber muß sich in verminderterNach- frage nach Industrieprodukten geltend machen, muß also Arbeitslosigkeit zur Folge haben. Nicht nur Verminderung des Reallohnes, sondern Beschästigungslosigkeit und Not wären also die Wirkungen der agrarischen Hochschutz- zollpolitik. Diese Auffassung, die wir seit jeher an dieser Stelle vertreten haben, wird durch die Ergebnisse der außerordentlich wertvollen Berechnung Dr. Baades vollinhaltlich bestätigt. Die Front der Industrie, die sich noch für Agrarzölle einsetzt. ist falsch, und das nicht nur zum Verderben der breiten Volksmasien, sondern auch zum Nachteil der Industrie selbst. Die müden Schutzzöllner. Ter Arbeitseifer des Zollausschusses. Die Furcht der Zollblockparteien, daß sie trotz ihrer Sabotage der sachlichen Durchberatung nicht rechtzeitig in die Sommerferien gehen könnten, war die Veranlassung dafür, die heutige Sitzung des Zollausschusses um g Uhr beginnen zu lassen. Die sozialdemokrati, schen Vertreter waren rechtzeitig da. Aber wo waren die anderen? Als der Vorsitzende begann, war der Ausschuß gerade beschlußfähig. Nach und nach trotteten die Herren herein. Als letzter Herr Schneider-Dresden, der deutschvoltsparteiliche Führer der passiven Resisten.; der Regierungsparteien im Zollausschuß. Es scheint also doch nicht so dringlich zu sein, wenn man Zeit hat, müde zu sein. Als Zwischenspiel eine interessante Geschäftsordnung s» d e b a t t e. Genosse Krüger-Merseburg hatte auf die bemerkenswerte Totsache hingewiesen, daß der bayerisch« Bauerndoktor horlacher auf einmal bei einer bestimmten Gruppe der Industriezölle«in b«. solideres Interesse bekundet«. Krüger führte da» zurück auf die ideelle Verbindung Horlacher» mit der Schweinfurter-Grün-Fabri- katron. Diese Bemerkung rief Herrn v. Raumer auf den Plan, der sich als Interessenvertreter bestimmter Wirtschaftsgruppen mitgetros- sen fühlte. Er versicherte, seine und seiner Freunde Entscheidungen seien nur bestimmt von dem Gesamtinteresse der deutschen Wirtschaft und des deutschen Volkes. Wirklich? Wifsell bezweifelt« die Auf- richtigkeit der Raumerschen Argumentation. Diese Bemerkung ver- anlaßt« v. Raumer. seinerseits zuzugeben, daß der Zolltarif offen- sichtliche Mängel besitze, daß er und seine Freunde aber ihre Be- denken zurückstellten, um eine schnelle Verabschiedung des Provi- soriums zu erreichen und um dadurch die Möglichkeit zu bekommen, dann endlich die große Zolloorlage endgültig zu erledigen. Genosse Müller erklärte, daß die Sozialdemokratie genau dasselbe handelspolitische Interesse habe, unseren Vertretern ein brauchbares Instrument in die Hände zu geben, daß aber gerade das für uns Veranlassung sein müsse, aus einer gründlichen Durchberat»ng zu beharren. >* Der Zollausschuß behandelte am Donnerstag vormittag die Positionen Chemikalien, Farben und Locke. Die sachliche Debatte wurde bestritten durch die Genossen Kcüger-Merseburg und Wissel!. Um der deutschen verarbeitenden Industrie die Lebens- möciichtliten nicht zu erschweren, beantragten die Sozialdemokraten zu allen Positionen Z o l l f r e i h e i t. In einigen Fällen gelang es, dieses Ziel zu erreichen, in anderen die Säge der Regierung herabzumindern. Der Genosse Acöhlich-Thürlngen wendete sich im Interesse der Gerbindustrie, der Lederindustrie und des Leder vor- arbeitenden Handwerks gegen die Zölle auf Gerbholz und Gerbstoff- extrakte. Bei der Position Farben und Lacke fragte der Genohe Schaffner die bürgerlichen Parteien, wie es in diesem Falle mit der von ihnen immer gerühmten Handwertersreundlichkeit sei, wenn sie jetzt durch einen Schutzzoll aus dieses Produkt dem Handwerker die Materialien bis ins Unerträgliche verteuerten. Ebert-Süfte und ßrank-öildms. Aus der Ansschmückungskommifsion des Reichstags. Im Reichstag war gestern in der Vorhalle vor dem Bureau die dort aufgestellte Moltke-Büste entfernt und zur Probe eine vom Bildhauer Prof. Kolbe verfertigte Büste E b e r t s auf hölzernem Sockel aufgestellt worden. Die Aufregung, die ob dieser angeblichen „rpten Bilderstürmerei' auf der Rechten entstand, war grundlos. In der heutigen Sitzung der Ausschmückungskommission des Reichs- tags einigte man sich ohne Widerspruch dahin, die Moltke-Büste im Vorsaal vor dem Bureau und die mit ihr korrespondierende Bis- marck-Büfte im Vorsaal vor dem Reichsrat an ihren Plätzen zu be- lassen. Mit Pros. Kolbe soll über die Ausgestaltung der Eberl- Büste weiter verhandell werden. Daun will man für sie auch einen würdigen Platz suchen. Die Ausschmückungskommission beschloß ferner, vom Ankauf de beiden im Hause ausgestellten Porträts Ludwig Franks r u Corinth und Zülzer abzusehen. Man wird mit dem Profc' � Arthur Kampfs wegen der Herstellung eines neuen E � wurfs in Perbindung treten. Heruhigung an der Sörfe. Nach der gestrigen überraschemden Protsstdomrmstrativn de» Börsenvorstanses ist heute auf den Ejsektemnäoiten, wenn die Ten- denz auch zur Schwäche neigte, ein« stärkere Beruhigung ein- getreten. Bon panischen Bevkäusen des Publikums war keine Rede mehr; die erlittenen Kursrückgänge durften zumeist auf Blanko- abgaben der Börsenspekulation zurückzustrhren sein(I). Hieraus geht zur Genüge hervor, daß der gestrige Beschluß des Börsen- Vorstandes den Börsenverkehr wogen der geringeren Auswertung des spekulativen Reubositzes aussallen zu lassen und alle AnleiHkurse bis auf weiteres zu streichen, ebenso übereilt wie ungerechferügt war. Ganz abgesehen daoon, ob der Börsenoorstand überhaupt berechtigt ist, die Kursslreichung der öffentlichen Anleihen anzuordnen, kann es doch nicht Ausgabe einer Börsenbehörde sein, die Kriegs- anleih efpetulanten in Protestkundgebungen unterstützen zu wollen. Den gestrigen Schritt hätte man im Einvernehmen mit den Staatsbehörden schon vor Jahresfrist er- greifen sollen, ehe das unwürdige Spiel mit den Kriegsanleihen überhaupt den beobachteten Umfang erreichen tonnte. Erst durch die spekulativen Ausschreitungen wurde der überspannte Kurs er« reicht, auf Grund desson einflußreich« Spekulantengruppen einen Aufwertungsanspruch gegenüber dem Reiche herzuleiten suchten. Jetzt will man den Spieß umdrehen und angeblich die bisherigen Erwerber von Anleihen vor weiteren Veränderungen der Auf- wertungsgesetzgcbung schützen. Im übrigen hat der Beschluß de» Börsenvorstandes, die Anleihe- kurse zu streichen, nur zu dem Ergebnis geführt, daß sich nur ein a u s g ed e h n t er F r e i v e r k e hr in den Papieren entwickelt. grenzt ist. Bevorzugt behimbelt wurde bisher nur Polen auf Grund des Genfer Abkommens. Nachdem dies abgelaufen ist, erfährt Polen dieselbe Behandlung wie alle anderen Staaten. Es muß sich wie diese bei der gegenwärtigen deutschen Kohlenlage eine Beschränkung in seiner Kohlen- ausfuhr nach Deutschland gefallen lassen. Wir wünschen selbstverständlich, daß Deutschland mit Polen zu einem Handelsvertrag kommt. K a m p f m a ß- n a h m e n aus ein Angebot, das man vom polnischen otand- prmkt für zu gering halten mag, zu erlassen, sind aber nicht geeignet, das Ziel zu erreichen. Vie deutsche Antwort auf das polnische Angebot. WTB. teilt mit: Die polnische Delegation hat am Dienstag ihr« Antwort auf die letzten deutschen Borschläge zum vorläufigen deutsch-polnischen Wirtschaftsabkommen überreicht. Ob- wohl die deutsche Delegation durch Erhöhung des Kohlenkontingents von SO 000 auf 100 000 Tonnen, durch Garantierung des status quo hinsichtlich der Fleischeinfuhr, durch den Vorschlag eines pactum cie contrahendo für die Viehelnsuhr und durch Zurückziehung der deutschen Forderungen in der Liquidationsfrage den polnischen Wünschen weit entgegengekommen ist. machte die polnische Delegation in ihrer Antwort nichteinmoldenVersuch, durch Gegenvorschläge sich dem deutschen Angebot zu nähern. Sie wiederholt nur ihr« früheren abgegebenen Erklärungen, daß Polen die zolltarifliche Meistbegünstigung um das Ein- r e i s e r e ch t für Handlungsreisende nur zugestehen kann gegen ein Kohlenkontlngent von 350 000 TonnenimM onat uno gegen die Sicherstellung der Einsuhr nicht nur von Fl e i s ch, sondern auch voa lebenden R in d e r n und Schweinen. Die Forderung eines Kontingents von 350 000 Tonnen, die dem bisherigen, durch den Versmller Bertrag Deutschland aufgezwungenen Kontingent nahekommt, verkennt völlig die durch die Weltkohlenkrise auch für die deutsche Kohlenproduktion entstandenen Schwierigkeiten. Diese Forderung ist deshalb für Deutschland völligunannehm- bar. Ebenso wenig trägt die polnische Forderung auf Einfuhr von lebenden Rindern und Schweinen dem deutschen Stanhpunkt Rechnung. daß die Einfuhr von Rindern überhaupt nicht in Frage kommt, und daß auch die Einfuhr von Schweinen in dem jetzt abzuschließenden Provisorium nicht geregelt werden kann, da mit Rücksicht auf den deutschen Viehbestand dazu eingehende Verhandlungen und Vor- bereitungen notwendig sind. Hat doch Deutschland außer mit Oester- reich mit keinem seiner Rachbarländer ein Veterinärabkommen gc- schlosien. Polen erklärt wsiter, daß es von diesen Forderungen nur dann absehen könne, wenn Deutschland bereit wäre, auf die zoll- tarifarische Meistbegünstigung zu verzichten und ledig- lich ein Abkommen zu schließen, dessen Inhalt nach Ansicht der polnischen Delegation sich darauf zu beschränken hätte, daß der Wert der ausgetauschten Waren sich auf beiden Seiten entspricht. Die polnische Delegation kommt somit auf den bereits früher von ihr oft dargelegten Gedanken zurück, ihr« als ausgesprochene Kampf- maßnahm« ausschließlich gegen Deutschland gerichteten und jeden Handelsverkehr unterbindenden Einfuhroerbote dem seit einem Jabrzehnt und gegenüber allen Ländern bestehenden deutschen Kohlen- einfuhrverbot gleichzustellen. Ein Abkommen auf dieser Grundlage, das die von Polen beliebte Taktik, während der schwebenden Ver- Handlungen neue Einfuhrverbote zu erlassen, sanktionieren würde, ist für Deutschland unannehmbar und auch nicht geeignet, die durch die polnischen Einfuhrverbote hervorgerufene Störung im Wirtschaftsverkehr zu beseitigen. Diese Antwort der polnischen Delegation bietet daher keine Aussicht, zu einer Einigung zu gelangen. Agrarzölle und innerer Markt. Die falsche Front der Industrie. Die Schutzzöllner aller Richtungen behaupten unausge- setzt, daß die Agrarzölle den inneren Markt stärkten. Der landwirtschaftliche Sachverstärchige Dr. Fritz La ad«er» bringt nun w der„Bossischen Zeitung" den Nachweis, daß dies« Behauptung absolut irrig ist. Zunächst muß der Kon« ßument verlieren, was die Landwirtschaft gewinnt. Auf Grund amtlicher Zahlen bedeutet das, daß die Zollvorlage eine minderbemittelte Familie von fünf Köpfen mit rund 150 M. jährlich böastet. Da es in Deutschland etwa Ver neue Portier. Seit einer Woche ist ein ueuer Portier im Hause. Sein Bor- gäuger war schon zu alt: zwar sahen alle vier Aufgänge immer noch leidlich sauber aus, die Zentralheizung und die Warmwasser- Versorgung funktionierte, der Hof wurde mindestens einmal in der Woche gefegt, aber reichlich sauer wurde dem Alten und seiner nicht viel jüngeren Frau die Arbeit doch schon. Und als er sich zuletzt den Arm gebrochen hatte und der noch der Heilung nicht wieder recht beweglich werden wollte, da verstand er endlich den Wink, den der Hausverwolter ihm schon ein paarmal gegeben hatte: er gab seine Stellung auf: wie man sagt, ist er zu seinen Kindern gezogen. Leicht muß ihm der Entschluß nicht gefallen sein: denn täglich um die Mittagsstunde kommt er, besteht sich den Hof, guckt in die Aufgänge hinein und läßt feine Blicke langsam über die Fenster gleiten. Himer denen er mehr als zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte. Jetzt werden fremde, junge Gesichter dahinter sichtbar. Der neue Portier ist erst seit einigen Iahren verheiratet und hat bisher mit seiner Frau und seinem etwa einjährigen Kinde in einer Not- wohnung Hausen müssen. O, er ist glücklich über sein neues Heim, das sogar Badeeinrichtung hat. Zwar Legt die Parterrewohnung auf dem Hof in der dunkelsten Ecke, und es ist kaum anzunehmen, daß mehr als Dämmerlicht je in den Räumen herrscht: aber es ist doch eine Wohnung, eine eigene.richtige' Wohnung. Die junge Frau putzt und poliert den ganzen Tag darin herum— man fleht es von den gegenüberliegenden Fenstern: das Baby kräht so ver- gnügt, als begriffe es auch bereits das Heil, das der Familie wieder- fahren zst: und der Mann arbettet, arbeitet vom Morgen bis zum Abend. Nicht mit der Langsamkeit der beiden Alten, die einen ganzen Tag brauchten, ntir um das Notwendigste zu schaffen, sondern mit unermüdlichem Eifer. Rührende Demut liegt in diesem Noch-immer-nicht-verstehen-können, in diesem Staunen: ich habe ein Heim, werde ich es behalten dürfen? Hochbezahlt jft die Portier- stelle sicher nicht: ober um seiner Wohnung willen werkt der Mann fast ohne Pause von fünf Uhr in der Frühe bis zehn Uhr nachts. Seit einigen Tagen hat er sich besonders der Rasenanlagen auf dem Hof angenommen, um derentwillen Seitenflügel und Quer- gebäude den stolzen Rainen.Gartenhaus' führen. Recht verwahr- lost sah das Grün aus, das spärlich aus der Erde hervorsproßte. Der Portier hat sich Grassamen beschafft, obgleich die Jahreszeit schon reichlich vorgeschritten ist, hat gesät, geharlt, gegossen, von den Sträuchern die toten Zweige abgeschnitten. Viel Erfolg frellich wird er mit seineu Kulturen nicht haben. Die Gartenanlagen sähen näm- lich besser au«, wenn Familie Schmidt im Quergebäude nicht zwei Dackel hatte, die sich immer auf dem Raseu vergnügten. Der eine heißt„Mausi', der andere hört— meistens zwar nicht— auf den schönen Nomen„Elfenkind'. Mausi und Elfenkind werden fünfmal am Tag« ausgeführt. Jedesmal, wenn sie hereinkommen, ver- mrstallen sie eme Hetzjagd aus dem Ras», toll« und kratz«, daß Sand und Gros nur so herumspritzen. Frauchm steht dabei und freut sich. Gestern kam ihr Mann dazu, als die beiden Hunde wieder im wildesten Raufen waren..Leg' doch die Hunde an die Leine, wenn du über den Hof gehst," sagte er zu seiner Frau.„Du siehst doch, daß der Portier eben erst geharkt hat.'.Aber Olli'— ihre Stimm« bebte vor Entrüstung,.ich kann doch den armen Tier« nicht ihre Freiheit nehmen! Dann wird der Portier eben morgen wieder harken!' Sie hat recht. Der Portier hat ja endlich eine Wohnung: er wird ebm morgen wieder harken.<8— r.) Ein poet fßc den Tagesgebrauch. Ein swiges Gehetze von Sensation zu Sensation, Gelese von estung zu Zeitung, Äelebe von Stunde zu Stunde, wo ist das ohi«. das alles behalten will und w«n es will, das alles halten kann? Aber da sind doch ein paar Zeitungsschreiber in Deutschland, von d«« wir,«vas sie im Hastgetrisb schufen, alles oder doch vieles behalt« wall« und auch halten können, Journalist«, die uns, viel- leicht gerade weil sie alles so schön stodtbohnfenig machen, genau so leuer sind wie die besseren Dichter dieses dichterreichen Landes, und einer von diesen Poet« für d« Tagesgebrauch heißt Fred Hildenbrandt. Der schreibt schon seit längerer Zeit im„Berliner Tageblatt' in äußerst graziösem Stil Feuilletons, in dm« das ganze Wirbel- leben dieser aufgeregten Zeit gefangen und gespiegelt wird. Nicht in irgend welchen Verzerrung«, die das Unheimliche, das uns um- strickt, das Übermächtige bewußt beton« wollen, nicht in scharf« Zynism«, die mit Wucht anklagen, auch nicht mit der Technik des Naturalist«, die uns heute doch im Letzten unbefriedigt lassen muß. Da d«kt nicht nur das Him eines Reporters, da schreibt nicht nur die Hand eines gewandten Schriftstellers, da klopft auch das fühl« de Herz eines M«schm, und das Herz diktiert zunächst einmal dem Him ganz deutlich, was und wie es zu denken hat. Das ist es. die große Liebe ist es, es muß hingeschrieben werden, so dumm. so abgenutzt das Wort auf Zeitungspapier sich auch ausmacht. Ob HiDmbrandt über Sechstageremt« schreibt, über das Versöhnungs- werk der Heilsarmee, über die Giftwirtung der Inflation, die rvi»sch«den Kostümfeste, die Spitäler der Aermsten, über Bücher oder Theater— nie klingt etwas bitter und häßlich, immer gut, mahnend, vielleicht sogar religiös. Dieser Seltsame ist«in Schwärmer, ein Träumer, ein Idealist, so einer, wie er vielleicht vor hundert Jahr« öfters heoumgelaufen sein mag, und daß dieser Typus m unserem Deutschland nicht ganz ausgestorben ist, darüber wollen wir uns freuen. Und Hildenbrandls gesammelte Aussätze, deren erster Band jetzt im Landsberg-Verlag zu Berlin unter dem Titel .Tageblätter'«rschi«, als unbedingt lesenswert notieren. _ Erich Gottgetreu. ver grollend« Lebmann. Der Lehmann'sche Verlag in München, der die früheren Werke von Amundsen verlegte und dem nun auch der Flug nach dem Nordpol angeboten wurde, hat das Anerbieten mit der Begründung abgelehnl, dag Amundsen im Kriege daS Tischluch zwischen sich und der deutschen Nation zerschnitten habe, und daß er die Deutschland zugesügte Kränkung»och nicht wieder gutgemacht habe. Die russischen Kommunisten und der.alle kulluntachlaß". Sei« längerer Zeit wird von den leitenden Stellen der Kommunistischen Partei in Sowjctrußland um die Befreiung der Literatur vom Parteizwang und gegen die Monopolisierung der Literatur durch die Kommunistische Partei«in Kampf geführt. In den letzten zwei Iahren ist in Rußland eine ganze Reihe junger, talentvoller Schrist- steller hervorgetreten, welche die Schrecken der Bürgerkriege mit- erlebt haben und die gegenwärtigen Lebensverhältnisse der russischen Bauern, welche ohne Zweifel das Schicksal des Sowjetstaates ent- scheiden werden, genau kennen. Doch sind diese Schriftsteller in ihrer Mehrzahl durchaus keine Kommunisten, und daher der Ver- folgung der extremen Kommunisten ausgesetzt. Diese ging soweit, daß auf einem Schriststellerkongreß die linken Kommunisten sogar für die Gründung einer literarischen Tscheta eintraten. Die extremen Kommunisten haben aber bisher in ihr« Reihen nicht einen einzigen talentvollen Schriftsteller auszuweisen, so daß das Zentral- komitee der Kommunistischen Partei sich gezwungen sah. in der Moskauer.Iswestija"(vom 1. Juli) eine„Deklaration' zu ver- öffentlichen, in welcher es viele von ihm bisher eifrig verteidigte Thesen ausgibt. So heißt es u. a.:„das Proletariat konnte zwar die politische Macht an sich reißen, doch keine Kunstliteratur, noch eine besondere Form derselben oder einen Stil schaffen.'„Das Prole- tariat tonnte'— heißt es weiter—„weder naturwissenschaftliche noch technische Probleme lösen. Deshalb wird jetzt empfohlen, das l e i ch t- fertig« und verachtende Verhalten zum alten Kultürnachlaß zu bekämpfen.'— Selbstverständlich muh diese neue Richtung der Sowjetregierung nicht überschätzt werden, doch das Erscheinen der Deklaration zeigt, daß die Sowjetherrschcr unter dem Druck der Verhältnisse gezwungen sind, nicht nur auf dem ökonomischen Gebiet, sondern auch auf dem des geistigen Lebens nachzugeben. Ein Land, in dem der Automvbiloerkchr verboten ist. Es klingt kaum glaublich, aber es ist nichtsdestoweniger Tatsache, daß es in der Schweiz zwei Kanton« gibt, in den« der Automobilvertehr verbot« ist. Erst in dies« Tagen ist in Groübünden— das ist einer dieser Kanton«— eine Vorlage von der Volksoersammlung an- genomm« ward«, wonach der Automobilvertehr gestattet sein soll. Von viel« Bergfreund« allerdings wird diese Vorlage auss heftigste bekämpst und bedauert. Und nicht ganz mit Unrecht. Denn für die Touristen, sind die Automobile auf den Landstraßen eine der un- erfreulichsten Erscheinungen._ Die Ausstellung.Berliner Kunst\62i' im Saalbau des Deutlchen Opern- bauseS Thnrlottenvurg, Bismarckärabe 34—87, oeranstnltet täglich zwischen 11— 12 Nbr vormittags und S— 6 Uhr nachmittags, Sonntags nur vor« mittag«, Führungen durch die Ausstellung. ver von-ko'aten-Chor unter Leitung seines Dirigenten Serge Jaroff bat im Mai und Juni in iortlauiender Serie«ine groß« Anzahl von Konzerten in London veranstaltet. Der Thor kebrt jetzt nach Deutichland zurück und wird im September wieder in Deütichland zu hören sei». vi« hafftrontell la der letzte» Malwoche. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst einer Ueberslcht de« Polkswohlsartsminister« enliiimmt, erfolgten in der Woche vom 24. bis 30. Mai in den RegierungSdezirken Königsberg und Marienwerder 23 sicher« und« unsichere lkrtranlunge». ZodeSs-ll« waren nicht zu verzeichne». Expeditionen nach Rußland. Grundsätzliches zum kommunistischen Telegationsrummel. In der kommunistischen Presse und in einer Reihe von Be- trieben wird jetzt die Reklametrommel gerührt für die Entsendung von Massendelegationen, die nach Ruhland reisen sollen, und da Ruhland ein interessantes Land ist, so finden sich notur- gemäh zablreiche Leute, insbesondere halbkommunistische Elemente, die bereit sind, an solchen Expeditionen teilzunehmen. An sich wäre nichts dagegen einzuwenden, dah Delegationen nach Ruhlund entsandt werden. Welche Ergebnisse können ober von chnen unter den obwaltenden Verhältnissen erwartet wc. den? Von den Befürwortern der Delegationen gibt stch wohl kaum jemand Rechenschaft davon ab, wie unendlich grog die Aufgaben sind, die diese Delegationen zu bewältigen haben. Sie müssen die strittigen Fragen über die ökonomische Lage Ruhlands sowie über den Grad des Aufschwunges der Industrie, Landwirtschast und des Verkehrs- wesens klären: sie müssen dies alles mit den entsprechenden Verhält- nissen in der Vorkriegszeit vergleichen, um ein Urteil zu fällen über das bolschewistische Wirtschaftssystem, den Staatshaushalt und das russische Auhenhandelsmonouol. Sie müssen ferner die besondere Lage der Arbeiter untersuchen: Arbeitslohn, Arbeitszeit, Arbeits- intensität, Akkordsystem usw.: si« dürfen auch an der Frauen- und Kinderarbeil sowie an dem gesamten System des Arbeiterschutzes und der Sozialversicherung nicht vorübergehen. Von großem Intcr- esse muß für sie auch der kulturelle Stand des Landes sein: Volks- schulen und Universitäten, Literatur und Kunst, Buchverlagswesen, Zeitungen, Zeitschriften usw. Und schliehlich die politischen Fragen! Eine unendliche Menge von Problemen, die die Selbstver. waltung, das Sow>etsyslem, die Lage der Opposition und des gesamten politischen Kampfes betreffen, eröffnet sich hier. Die Aufgaben der Expeditionen nach Sowjetruhland sind also sehr umfangreich, weit umfangreicher als die aller wissenschaftlichen Expc- ditionen. Die Möglichkeiten ihrer Verwirklichung jedoch sind weit geringer, unter den obwalrenden Verhältnissen sogar direkt minimal. Daß die Teilnehmer der Ruhland-Expeditionen früher Rußland nicht konnten, ist nicht von geringer Bedeutung, aber dies ist nicht der größte Uebelstand, der hier in Frage kommt. Das Unglück ist— und dies unterscheidet sie von allen rein Wissenschaft- lichcn Expeditionen—, daß sie sofort noch Ankunft aus ihrem Forschungsgebiete in die thände interessierter Personen geraten, in die Hände einer Organisation, die kein Hehl daraus macht, daß sie den Delegationen ganz bestimmte verherrlichende Ziele setzt, und daß sie zu diesem Zweck alle möglichen Ausgaben trägt, einen ungeheuren staatlichen Apparat in Bewegung setzt, eine besondere Literatur ins Leben ruft, spezielle Volksversammlungen einberuft. Straßenmanifestationen inszeniert und sonstiges mehr. Man muß ohne Umschweife sagen: Delegationen nach irgend- einem Lande hoben nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie die Möglichkeit haben, im Lande selbst mit der politischen Opposition in Verbindung zu treten. Nur in diesem Falle sind sie vor dem Schicksal bewahrt, das Opfer raffinierter Machina tionen und Fälschungen zu werden und die lächerliche Rolle von holzpuppen in den Händen fremder Drahtzieher zu spielen In den ersten Iahren der Sowiclgewalt existierte noch eine halb legale Opposition, gab es im besonderen noch eine sozialdemokratische Press« rinb Organisation. Deshalb hatten die damals nach Rußland kommenden ausländischen Delegationen die Möglich. keit. die Lage gründlich kennenzulernen, und die Folge war. daß beispielsweise die erste englische Delegation im Jahre 1920 keineswegs rosige Eindrücke aus Sowjetrußlano nach Hause brachte. Dagegen hat die zweite englische Delegation im Jahre 1924 die ganze Welt mit ihrem Rußlandbericht in Erstaunen versetzt, der nichts weiter ist als«in« Verherrlichung des russischen Bolschewismus. Gewiß hatte sich inzwischen in den wirtschaftlichen Verhältnissen manches gebessert, aber das wesentlichste ist. daß zu dieser Zeit bereits jede öffentliche Opposition in Rußland absolut vernichtet war; die englische Delegation konnte deshalb, selbst wenn sie wollte, die Stimme der Opposition nicht mit derselben Aufmerk- samkeit vcrnehnien wie die der ofsiziellen Redner und Publizisten. Man überschüttete sie mtt Haufen von Büchern. Zeitungen, ftatisti- schen Tabellen. Berichten und Denkschriften. Man führte sie von einer Volksversammlung zur anderen. Man belohnt« sie mit Bei- fallokundgebungen, die■ gleichmäßig zwischen ihr und den kommu- nisiisthen Rednern verteill wurden. Und dos Ergebnis? Sie sah wenig und verstand noch weniger. Ein Monat nach dem Erscheinen ihre» Rußlairdberichtes brachen, in krassem Gegensatz zu ihren optimistischen Urteilen, ungeheure Streiks in der russischen Textilindustrie aus: die Konflikte in der Metall- induktrie und im Druckereigewerve verschärften sich immer mehr: durch den Mund Stalins erinnert« die russisch« kommunistische Partei an die bedrohlich« Lage im russischen Dorfe, an die Unzu- sricdenheit der Bauernschaft, derselben Bauernschaft, die noch dem Berichte der englischen Delegation vollkommen befriedigt ist und der Sowietregierung vertraut. Eine unwürdige, lächerliche Situation! Solange in Rußland kein freies öffentliches Le- den existiert, kann deshalb die ganze Methode der Delegationen keine wesentlichen Ergebnisse zeitigen. Mitunter führen sie zu ent- gegengesetzlen Resultaten und sind direkt schädlich. Daß die Kommu- nisten gerade deshalb mit besonderer Vorliebe solche Delegationen empfehlen, ist ohne weitere Erläuterungen klar. Um so mehr haben wir die Pflicht, die mit diesen Delegationen verbundenen Gefahren aufzudecken. Diese Gefahren sind um so größer, wenn den Delegationen nicht einige Personen angehören, die Rußland gpt kennen und die gefestigte sozialistische Ueberzeugunaen haben. Diese Delegierten könnten bis zu einem gewissen Grade ihren Kollegen gegenüber die fehlende politische Opposition ersetzen. Sie könnten hin und wieder auch jene Seiten des russischen Lebens beleuchten, die die Reglerungsorgane im Schatten zu lassen suchen. Als aber der.Vorwärts. als Antwort auf den Aufruf der KPD. über die Entsendung von Delegationen nach Rußland, die Frage auswarf, ob solche Personen, wie wir soeben erwähnten, den Delegationen angehören würden, blieb die gesamte kommunistische Presse die Antwort schuldig. Die Frage war damit erledigt. An Stelle glaubwürdiger Delegationen, bestehend aus wirtlichen. Vertretern der Arbeiterbewegung, ist die KPD. nun am Werk«, Delegationen.aus den Betrieben" zusammenzustöppeln« hst man mühelos an der Rase würde herumführen können. Di« Sozial- demokratische Partei lehnt selbstverständlich jede Verantwortung für derartige Expeditionen nach Rußland ab. Denn solange die gesthilderten Uebelstände bestehen und solange die Sowjetregierung bestrebt ist, alle ihr unbe- quemen Clement« von den Delegationen fernzuhalten und so«inen bestimmenden Einfluß aus ihr« Zusammensetzung auszuüben, laufen die„Expeditionen nach Rußland" nur auf«men Reklamerum- mel für die Kommuni st en hinaus, für den die fozialdemo- kratischen Teilnehmer lediglich eine vorteilhafte Kulisse bilden sollen. Seltsame Andeutungen. In der gestrigen Sitzung des Untersuchungsausschusses der Barmat-Affär« tm Preußischen Landtag versprach der Zeug« Tannenzapf dem Ausschuß, die holländischen Bücher der Amcxima im Original vorzulegen. Auf Vorhalt de» Vorsitzenden versicherte er ausdrücklich, daß er sie a u f legitime Weise be- schassen könne. Wir fragen in voller Oeffentlichtett und diese Frag« richtet sich vor ollem auch an alle Behörden, die an der Bannat-Untersuchung teilgenommen haben: Sind legitime oder illegitime Schritt« ms Auge gefaßt, organisiert oder gar etwa schon aus- geführt worden, um in den Besitz der Geschäftsbücher der Amexima zu gelangen? Hat Herr Tannenzapf renommiert oder hat er etwa vor- »»ittg an« toc Schul« geschwatzt? R. Limburg, a d. Lahn, 9. Juli. Gestern erschöpfte das Gerichi fernen gesamten Voaai wie an Tatortszeugen, so auch an Zeugen, die über den SeAenzustand Angerstcins zu bekunden hatten. Sie sollten die Entscheidung brin- gen: entspricht Angersteins Darstellung über das„Wie" und das „Wann" der Tötungen der Wirklichkeit oder nicht. Es muhte fest- gestellt werden, zu welchen Zeiten die verschiedenen Opfer Angersteins am Mordtoge in sein Haus gekommen, wann sie zum letztenmal gesehen worden sind. Und man kann nicht sagen— ab- gesehen von einigen Kleinigkeiten, die für den Angeklagten belastend ausgefallen sind—, daß diese Auhagen Entscheidendes gebracht haben Gestern sollte auch endgültitz der G e i st e s z u st a n d Anger st ei ns nach seiner Auffindung in der Nähe des Müllerschen Hauses festgelegt werden. Der Eindruck, den man von den Aussagen erhielt, war kein einheitlicher. In diesem Punkte wird man die psychiatrischen Sachverständigen hören. müssen. Was war das für ein Zustand, in dem der Angeklagte stch befunden hat? War das ein seelischer Dämmerzustand, bestand da eine Verdrängung des schauerlichen Ereignisse» und Erlebnisses der vorangegangenen Nacht und des entschwundenen Tages ins Un- bewußte, ein automatisches Handeln, das nicht unlogisch zu sein brauchte— oder war es. wie die Anklage annimmt, das bewußte Vorbereiten eines Alibi? Es konnte das eine wie das andere sein. Man wird aber selbst bei dieser für Angerstein ungünstigen An- nähme nur mit größter Vorsicht von seinem Verhalten während seines Besuchers in Haiger und seinem Betragen auf der Wiese, in der Müllerschen Villa und im Krankenhouse, auf seinen Zustand während der Tötungen schließen dürfen. Die Frage, medizinisch und psychologisch, wird bestehen bleiben: hat er währendderzwölf Stunden,— denn so groß war die Zeitpause, während der er seine Tötungshandlungen begangen hat—, die normale Ueber- legungssähigkeit besessen oder nicht? Der gestrige Tag rief mit größter Intensität Erinnerungen an den Haarmann- Prozeß wach. Dieselben drohenden Väter, die gleichen im stillen Schmerz versteinerten Mütter. Man schaute in die Gesichter der Laienrichter, die hart-drohend dasaßen, und sagte stch: eine Rettung gibt es für Angerstein nicht! Woher sollte sie auch kommen? Etwa von den psychiatrischen Sachverständigen? Sie haben ja ihr ent- scheidendes Wort bereits in der Voruntersuchung gesprochen: � 51 kommt nicht in Betracht. Sollte es etwa d-m psychologischen Sach- verständigen gelingen, die Richter, Laien- und Berufsrichter, in die Untiefen des Seelenlebens dieses Mörders hinabsteigen zu veran- lassenund sie von seiner krankhaften Willensbildung zu überzeugen? Der heutige Tag kann entscheidend werden. Denn: was war das Motiv zu der grausigen Kette der Verbrechen? Furcht vor Auf- deckung seiner Unterschlagungen, Angst, daß das Lügengebäude seines Lebens, das Scheinwohlhabcn seines Haushaltes zusammenstürzen müßte,— behauptet die Anklage Keine Idee pariert die Verteidi- gung. Die Veruntreuungen waren minimal. Sie reichen zur n o r- malen Motivierung dieses anormalen Verbrechens nicht aus. So wird heute die Schlacht geschlagen um die Motive. verhanülungsbericht. Limburg a. d. Lahn, 9. Juli(Drahtbericht.) Auch am heutigen vierten Derhondlungstag dauerte der Andrang des Publikums, insbesondere der Bewohner von Haiger, zum Angerstein. Prozeß in unverminderter Stärke an, umso mehr, als sich das Hauptinteresse der heutigen Verhandlung auf die Aussogen des B ruders Anger st eins, der sich unter den für heute geladenen Zeugen befindet, konzentriert, ebenso auf die Aussage des Prokuristen M i x und des Generaldirektors Generotzki von der Firma oan der Zypen. Anger st«in blieb zunächst wieder mtt gesenktem Haupte auf der Antlagebant sitzen, ohne seinem Bruder auf der Zeugenbant einen Blick zu schenken. Als erster Zeuge wurde zuerst Amtsgerichtsrat von He m s t c r ck vernommen, der zur Gerichts- tommifsion geHöne, die als erste zum Tatort gerufen worden war und noch am Abend des l. Dezember 1924 ihre Ermittlungen auf» vie neuen Serlkner Elektrizitätswerke. Umspannwerk Reinickendorf-Rosentbal. der tzakenkreuzler als Mörder. Seltsame Prozeßführung. Der heimtückische Ueberfall des Witing-Helden Alfred R e h n i g auf den Reichsbannermann Schulz, den man mit aller Geweckt als einen„Akt der Notwehr" auslaufen lassen will, stellt sich auch im Verlauf der heutigen Zeugenvernehmung immer mehr als eine durch nichts begründete Mordtot heraus, die zielbewußt und brutal ausgeführt wurde. Ueber die seltsame Art der Prozeßführung durch den Vorsitzenden, die in weitesten Kreisen größtes Befremden errregt. wird im Morgenblatt vom Frei- tag noch manches Notwendige zu sagen sein. Man ist manchmal verblüfft über die Art der F r a g e st e l l u n g des Lorsitzenden, und ein unvorhergesehen Hereingeschneiter könnte ihn al»>.einen besonders geschickten Verteidiger des Angeklagten ansehen. Die beiden Rechtsanwälte des Angeklagten versuchen mit aller Energie darzutun, daß sich R e h n i g bei seinen Mordschüssen in der Notwehr befunden habe. Von ollen Seiten hat man Zeugen herbeigeholt, die aber nur dürftiges und unklares Material geben können. So wird von«inigen Entlastungszeugen oersucht, es so darzustellen, als ob der P r o p a g a n d a u m z u g der Reichsbannerwagen als eme unerhörte Provokation auf die Ratio- nalisten gewertet werde. Rechtsanwalt Nowack bekundet, daß man ihm Drohworte nachgerufen habe, als er mtt seinem schwarzwcißrot tapezierten Auto an dem Prapägaudazug vorbeigesahren sei. Von dem Verteidiger aufgefordert, unter den Zeugen den Mann anzugeben, der lhn beschimpft habe, kann er keine Auskunft geben. Selbst ein Zahnarzt wurde herbeigeführt, um auszusagen. wie liebenswürdig und still der als Rowdy verschriene Angeklagt- sich bei der Zahnbehandlung benommen Hobe. Bon einem Em- lasiungszeugen, dem v ö l l i s ch e n Studenten Longe, wird dem Reichsbannermann Hartner in den Mund gelegt, bei einer pri- oaten Unterhallung gesagt zu haben, das Reichsbanner hätte wäh- rend der Wohlzeit den Befehl gehabt, sämtliche Propagandawagen gegnerischer Organisationen umzuwerfen. Als Hartner fragte, wo denn dos von ihm behauptet worden sei, fährt ihn der Dar» sitzende an: ,.N a irgendwo." Jedenfalls ziebt sich der B c» lastungsring immer enger um den Mörder zu» s a m in e n. Ob die Verhandlungen heute zu Ende geführt werden, ist sehr fraglich, Es wird mit einem dritten Berhandlungstage ge> rechnet. /lngerstem. nahm. Angerstein wurde dem Richter zunächst als nicht vernehnumgs- fähig bezeichnet. Auf Anfragen im Krankenhaus habe der Arzt noch einmal versichert, daß infolge der Wunde im Leib eine Infektion bei Bauchhöhle zu befürchten sei, und daß Anger st ein wohl höchstens noch zehn Tage zu leben habe, daß es aber auch »och viel schneller mit ihm zu Ende gehen könne. Später babe man dann aber die Nachricht bekommen, daß er vernehmungsfähig sei und er machte auch auf die Gerichtskommission durchaus den Eindruck, als ob er bei der Sache sei. Auf die Ermahnung des Amtsgerichts. rates, bei seinen Aussagen zu überlegen, da er möglicherweise bald vor einem höheren Richter stehe, und da man ihn vereidigen müsse, habe der Angeklagte den Eindruck gemacht, als ob er das durchaus begreise und sei so ordnungsmäßig vereidigt worden. Ebenso Hobe er� seine ihm vorher vorgelegte Aussage unterschrieben. Bei seiner Schilderung des angeblichen Uebcrfalles habe Angerstein einen wehleidigen Eindruck gemacht, im übrigen ober gewußt,'was er sagte. Im Laufe des Tages traf dann der Gerichtschemiker Dr. Popp seine Fessstellungen und es fand darauf am Nachmittag eine nochmalige Vernehmung Angersteins statt. Dr. Popp meint«, es wäre gut, ihn zu überraschen, indem man ihm sein Verbrechen auf den Kops zusage. Dagegen, so erklärte der Amtsgerichtsrat, stand ich auf dem Stand- punkt, daß man nach den Proben seiner verslellungskunsl. die er uns am Morgen gegeben hatte, anders vorgehen müsse. Morgens hatte er uns nämlich gesagt: Grüßen Sie meine Frau, es ginge mir wesentlich besser. Ich versuchte daher, ihn so zu ver- nehmen, daß er selbst merken mußte, ein weiteres Leugnen sei zwecklos. Nach einigen enssprechenden Fragen sagte ich ihm aus den Kopf zu, daß er der Täler sei, wobei ich ihm alle Verdachtsgründe vorhielt. Er verhielt sich aber meinen Ausführungen gegenüber ablehnend, tat so, als ob er gar nichts verstände und sagte mehrfach: Ich verstehe Sie nicht, ich verstehe Sie nicht. Als ich ihm dann mit- teilte, daß seine Frau unter den Toten sei und er möglicherweise selbst der Mörder, wiederholte er immer wieder: Meine arme Frau, meine arme Frau, ober nicht mtt einer Stimme, die uns bewies. daß das nicht der Ausbruch eines wahren und echten Gefühls eines Mannes war, der plötzlich den Tod seiner geliebten Frau erfährt. E» war eben nur ein nicht gelungener Versuch, nach außen hin solche Rührung vorzutäuschen. Trotz aller Vorhaltungen, auch unter Hinweis aus die von ihm begangenen Unterldssotzungen, blieb Angerstein dabei, daß er nicht der Täter sei. Alle Bemühungen, ihn zu einem Geständnis zu bewegen, blieben zunächst erfolglos. Auch seine Gegenüberstellung mit den Leichen beeinflußte diese Stellungnahme nicht. Die acht Leichen waren in einem Gartenhäuschen neben dem Krankenhaus aufgebahrt. Auf der einen Seite lagen die vier Männer, auf der anderen Seite die vier Frauen. Es blieb dazwischen nur ein schmaler Gang: in diesem Gang hatte man nun Angerstein aus einer Tragbahre hingestellt und ihm der Reihe nach die einzelnen Leichen gezeigt mtt den Worten: Kennen Sie diese Person? Wer ist das? Zuerst zeigte man ihm die Leiche seiner Schwiegermutter und dann die seiner Frau. Dabei sagte er lediglich, man möchte die Bahre höher halten. damtt er seine Frau schen tönnc. Trotz aller Versuche, ihn zu wetteren Aeußerungen zu bewegen, blieb Angerstein im übrigen stumm. Er gab auch zunächst kein Zeichen seiner Teil» nähme von sich. Seine vorherige Einstellung, über den Tod seiner Frau überrascht zu tun, hatte er inzwischen anscheinend fallen ge- lassen. Es wurden dann Fingerabdrücke von ihm angefertigt. Auf ein« Frage des Borsitzenden erklärte der Zeuge weiter, daß die Bernehmung des Prokuristen Mir ergeben habe, daß Lstmerstein eine Unterschlagung von 33i)0 Mark ihm eingestanden habe, und daß der Prokurist dem später ermordeten Bureauangestell- ien Ditthardt mitgeteilt hatte, er werde in dieser Angelegenheit am' 1. Dezember(Mordtag) nach Wissen zur Hauptverwaltung der Firma van der Zypen fahren. Weiter bestätigte der Zeuge, daß Angerstein einen durchaus ruhigen und geistesgegenwärtigen Eindruck ge- macht habe. DaS Explosionsunglück in Britz. Das große Explosionsunglück, das gestern Sie Chemische Fabrik von S a n d t u. Co., Britz, heimsuchte und bei dem zwei Menschen- leben zu betlagen waren, hat glücklicherweise keine weiteren Opfer gefordert. Wie uns im Britzer Krankenhaus mitgeteilt wird, befinden sich fett heute vormittag sämtliche Verletzten, auch die Schwerverletzten, a u ß e r L e b e n s g e s a h r. An der Unglücks- stelle selbst hatte die Feuerwehr noch bis in die Nachtstunden hinein nitt Lösch- und Aufräumungsarbeiten zu tun. Be- sonder« Anerkennung oerdient das sofortige selbstlose Eingreifen von Arbeitern der umliegenden Betriebe, dem es hauptsächlich zu ver- danken ist, daß das Feuer nicht weitere Opfer gefordert hat. Der Betrieb ist völlig stillgelegt, das Gebäude jedoch durch Nersiaierung gedeckt. Die Explosionsursache konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Wahrscheinlich ist sie aus die Entzündung durch einen Exhaustor zurückzuführen. Die Baupolizei ist noch mtt der restlosen Aufklärung des bedauerlichen Unglücks beschäftigt. Finanzielle Besserstellung der Schutzpollzeibeamten. Mit Rück- Wirkung vom I. März 1925 hat das Befoldungsdienstalter der k ü n d- bar angestellten Schutzpolizeibeamten eine Neissefssetzung erfahren, die sich so auswirkt, daß das monatliche Einkommen der Beamten um 15— 40 M. erhöht wird. Während die Beamten solange in den Anfangsstufen 1—3 ihrer Gruppen standen, werden sie sich jetzt in den mittleren Stufen 3—6 ihrer Gruppen befinden. Diese Neufesssetzung soll ein kleines Entgelt dafür sein, daß die Schutzpolizeibeamten nicht lebenslänglich angestellt sind. Di« lebens- länglich angestellten Beamten der Schutzpolizei werden von dieser Neuregelung nicht benötigt, obgleich auch sie sich in den unteren Stufen ihrer Besoldungsgruppe befinden. Dies« Art von Neufesssetzung des Besoldungsdienstalters ist bei den Angehörigen der Reichswehr schon seit Monaten durchgeführt. Sie wird für die kündbar angestellten Schutzpolizeibeamten mit dem 1. August d. I. wahrscheinlich zur Ausführung kommen. Die Verkehrspolizei lm Tropenhelm. Heute morgen wurde zum erstenmal ein weißer Ueberzug über den Tschako bei der Verkehrspolizei auf seine Verwendbarkeit hin erprobt. Der Zweck dieses Ueberzugs, die Beamten besser als bisher vor den Sonnen- strahlen zu schützen, erscheint begrüßenswert. Eine andere Frage ist jedoch, ob der weiße Ueberzug, der wie ein Tropenhelm aussieht, die Hitze in dem Maße abhält, daß eine allgemeine Einführung lohnend sein würde. Verschiebung der Ausstellung»Heim und Technik". Der Deussche Verband technisch-wissenschoillicher Vereine hat im Einvernehmen mtt dem Rat der Stadt Leipzig und mtt der Messe, und Ausstellung?- A.-G., Leipzig, den Beschluß gefaßt, die Ausstellung„Heim und Technik", die für die Zeit vom 1. Mai bis 8. August 192S in Leipzig geplant war, aus wirtschaftlichen Gründen vorläufig auf den S o m- m« r 1927 zu vevfchieben. Der Reichsbund der kriegsbeschädigien, Kriegsteilnehmer und Hinterbliebenen veranstaltet am Frettag, den 10. Juli, abend» 8 Uhr eine große öffentliche Kundgebung in der Schulcheiß.Patzenhofer Brauerei, Hasenheide 22—31. Referat: Der Reichstag und die3. NovellezumReichsverforgungsgesetz. Referent: Kamerad Erich Roßmann. M.d.R. Kriegsopfer, erschein in Massen._ Groß-öerliner Parteinachrichten. Die Zulinommer der„Kommunalen Praxi»" für Verl!« ist er- schienen mit folgenden wertvollen Leiträgen: Praktische Wohlfahrt»- pflege, verlw im Eutmorf einer neue« Slädteordnuug. Berlin Ol« Perwaltnvgsstadt, Notizen. Ein„ geräumter" Geldschrank. Einbruch in das Excelsior- Hotel. Maul halten, sonst gib's' ne Wucht!" Mit diesem freundlichen Gruße verabschiedeten sich in später Nacht im Hotel Excelsior" dret feltsame Gäste von einer Reinemachefrau. Es waren aber feine Gäste, sondern Einbrecher. Die Frau schlug Lärm, und man holte die Polizei, die von den unangenehmen Nachtgästen keine Spur mehr fand. Wie die weiteren Feststellungen ergaben, waren die drei Einbrecher von der Wilhelmstraße her eingedrungen. Sie gingen durch die Gemeindeschule, die am Ausgang der Buttkamer ftraße in die Wilhelmstraße liegt, gelangten über eine Mauer in den Hotelgarten und von hier durch die Veranda in das Kontor des an der Königgräger Straße gelegenen Hotels. In einem alten Geldschrank, den sie aufknabberten, fanden sie 3000 Mart Lohngelder und die Schlüssel zu einem zweiten Geldschrank. Diesen öffneten sie nun bequem, durchsuchten ihn genau, fanden darin aber nichts, was für sie von Wert gewesen wäre. Nur die Schlüssel zu einem britten Geldschrank lagen darin. Diesen Schrank aber, der in einem anderen Raume steht, fanden sie nicht. So mußten sie sich mit 3000 Mart begnügen. Während sie bei der Arbeit gewesen waren, hatte die Reinmachefrau nach 2½ Uhr in der Glasveranda am Garten Licht gemacht, um die Fenster zu putzen. Während sie hiermit noch beschäftigt war, tamen die drei Verbrecher auf dem Rückwege wieder durch die Veranda. Die Frau dachte sich nichts arges und glaubte, es seien Gäste des Hotels. Als aber der lezte zur Tür hinausging, wandte er sich um und rief ihr das freund liche Maul halten" zu. Jeßt erkannte die Frau ihren Irrtum. Die Berbrecher sind noch nicht ermittelt. Gegen die Hauszinssteuer. Der Reichsbund Deutsch er Mieter E. V., Landesrerband Preußen, hat in seiner Vorstandssizung am 5. Juli in Berlin folgende Entschließung gefaßt:„ Der Borstand des Landesverbandes Preußen im Reichsbund Deutscher Mieter E. B. richtet an die Regierungen des Reiches und Preußens, sowie an den Reichstag und den Landtag den dringenden Appell, den Weg der Finanzierung der öffentlichen Haushalte mittels der Hauszinssteuer endlich zu verlassen und dafür Besiz und Einkommen entsprechend stärker zu besteuern. Der Vorstand ist grundsäglich für die Erhebung einer Wohnungsbauabgabe; der ländliche Grundbefiz darf aber nicht länger von dieser Abgabe befreit bleiben. Eine weitere Erhöhung der Miete hält der Vorstand nicht nur für überflüffig, weil die heutige Miete ausreicht, sondern auch für schädlich, weil sie die Gehälter und Löhne sowie die Preise hochtreibt und damit die Produktion und den Absatz erschwert und die Not des deutschen Volkes steigert. Insbesondere fordert der Bor. stand die Aufrechterhaltung der gleichartigen Behandlung von Wohnund Gewerberäumen, sowohl hinsichtlich der Mietzinshöhe, als auch hinsichtlich der Bestimmungen des Mieterschutzgesetzes, weil stich haltige Gründe für eine verschiedenartige Behandlung von Wohnund Gewerberäumen nicht vorliegen." Sonderzug zur Jahrtausendfeier Berlin- Köln. Der nächste Sonderzug, den die Reichseisenbahngesellschaft aus Anlaß der rheinischen Jahrtausendfeiern und der Jahrtausendausstellung in Köln von Berlin nach dem Rheinland verkehren läßt, fährt am 10. Juli von Berlin ab. Abfahrtszeiten: Berlin Schles. Bhf. 7.42 abends, Berlin Alexanderplatz 7.50, Berlin Friedrichstr. 8.00, Berlin 300 8.12, Charlottenburg 8.20, Spandau 8.33, Rathenow 9.23, Stendal 10.01, Hannover 12.15, Minden 1.24, Löhne 1.48, Herford 2.03, Bielefeld 2.23. Die genannten Orte sind Einsteigestationen Ankunft in Köln Hbf. 6.52 vorm. Weitere Rheinlandzüge fahren von Berlin am 17. Juli über Braunschweig, am 24. Juli über Halberstadt, am 6. August über Hannover. Die Mitarbeiter zum Großdeutschen Verfassungstag! Die Vorbereitung zur diesjährigen Verfassungsfeier in Berlin, die von der Gauleitung des Reichsbanners Schwarz- Rot- Gold durch geführt wird, wird durch die Mitarbeit der führenden Köpfe des geiftigen und politischen Lebens Berlins befonders gefördert. Ihre Mitwirkung haben bisher zugesagt: Generalintendant der Staatlichen Schauspiele Dr. Jeßner, Reichskunstwart Dr. Redslob, Direktor des österreichisch- deutschen Boltsbundes Dr. Mischler, Chefredakteur Wolff, Friz von Unruh, Stadtbaurat Bruno Taut, Reichsminister a. D. Koch, Berlagsdirektor Robert Breuer, Chefredakteur Stampfer, Reichstagsabgeordneter Dr. Paul Hertz, Schriftsteller Karl Bröger, Professor Dr. Schücking, Lehrer Ryffka, Kapitän 3. S. a. D. Bersius, Schriftsteller Dr. Schikowski, Käthe Kollwig, Chefredakteur Georg Bernhardt. Ein Teil dieser Herren nahm in den letzten Tagen eine Besichtigung der Festpläge in Treptow vor, um die Vorbereitungen zur würdigen Ausschmückung derselben zu treffen. Die Badeanstalt am Weißen See. Wer nicht viel Zeit auf der Straßen- oder Stadtbahn zubringen will und doch recht oft in fauberem Wasser ein erquidendes Bad nehmen möchte, der muß nach Weißenfee fahren. Umgeben von baumbestandenen Ufern, wird er dort eine blizsaubere Badeanstalt vorfinden. Nach dem Bade lohnt ein Sonnenbad und nach diesem lockt ein Spaziergang um den See, an dem es viel zu sehen gibt. Schwarze und weiße Schwäne tommen vertraulich bis an das Ufer heran. Das Milchhäuschen und„ das Storchneft" laden zu frischer Milch ein. Ein Bootverleiher vermietet seine Boote. So ein Sonntag oder Ferienvormittag bringt frohe sorgenfreie Stunden und jeder, der einmal da war, wird gern und bald wiederkommen. Opfer eines spanischen Mefferkampfes". Einen verhängnisvollen Ausgang nahm ein spanischer Messerfampf, den gestern nachmittag zwei Burschen auf dem Rasenplay am Luisenufer in der Nähe der Gasanstalt ausfochten. Nachdem fich dort ein 17jähriger Schlosserlehrling Friz Be der aus der Gitfchiner Straße 58 und ein ebenso alter Schmiedelehrling Baul Lau e aus der Gitschiner Straße 55 eine Zeitlang in athletischen Kämpfen versucht hatten, gerieten sie ernster aneinander und beschlossen, einen spanischen Messerfampf" zu veranstalten. Hierbei stieß Beder seinem Gegner das Messer in den Leib. Es traf den Magen und die Schlagader. Laue brach zusammen und hatte starten Blutverluft. Sein Bruder brachte ihn mit Hilfe anderer Leute nach dem Krankenhaus am Urban und ließ sich hier Blut abzapfen, um durch dessen Zuführung den lebensgefährlich Berletzten zu retten. Becker wurde zur Verantwortung nach der Wache geholt. Die Darstellung von dem Messerkampf wurde auch von anderen Personen bestätigt. 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Wie wir in unserer heutigen Morgenausgabe bereits mitteilen fonnten, ist von der Generalversammlung des Baugewertsbundes auf Grund der Urabftimmung nach reiflicher Diskussion der Streit beschlossen worden. Dieser Beschluß ist gefaßt worden, nachdem alle Verhandlungsmöglichkeiten erschöpft und die Mitglieder in einer Urabstimmung gefragt worden sind. Man tonn wohl sagen, daß es die Unternehmer durch ihre mehr als starre Taktik verschuldet haben, wenn es nunmehr auch im Berliner Baugewerbe zum Kampf gekommen ist. Wie die Berhandlungen vor dem Schiedsgericht gezeigt haben, wäre in der Lohnfrage eine Verständigung nicht ausgeschlossen gewesen. Die wesentlich grundlegende Differenz bestand hier in der Unterbewertung der Erdarbeiter und auch der Hilfsarbeiter. Anders liegen die Dinge in den Fragen, die den Manteltucif betreffen. Sowohl in der Frage der Arbeitszett wie der Ferien, der Lehrlinge usw. haben die Unternehmer unter dem mehr als fadenscheinigen Vorwand, daß diese Fragen nur durch Reichstarif zu regeln sind, jedes Entgegenkommen abgegerade an der Haltung der Unternehmer gescheitert ist, fann lehnt. Ganz abgesehen davon, daß der Abschluß eines Reichstarifs im Baugewerbe feine Rede davon sein, daß durch eventuell bessere Arbeitsbedingungen in Berlin die Konkurrenzfähigkeit der Berliner Bauindustrie gegenüber der Bauindustrie in der Provinz unt: rbunden wäre. Die Bauindustrie ist im eigentlichsten Sinne des Wortes ein Io fales Gewerbe. Die Tatsache, daß die Bauhütte trotz der Schmußkonkurrenz der Privatindustrie in der Lage war, die sozialen Behauptungen der Unternehmer, die Durchführung der sozialen Forderungen der Bauarbeiter durchzuführen, zeigt jedoch, daß die Forderungen würde zu einer erheblichen Verteuerung der Bauwirtfchaft führen, nicht stichhaltig ist. Gerade deshalb dürfte den Bauunternehmern der Beschluß, rei der Bauhütte die Arbeit nicht einzustellen, sehr unangenehm fein. Die Unternehmer hatten wohl darauf gerechnet, daß auch auf der Bauhütte die Arbeit eingestellt und diese gewissermaßen dafür bestraft würde, weil sie die sozialen Forderungen der Bauarbanter durchgeführt hat. Die Unternehmer mollten darüber hinaus einen Seil zwischen den Bauarbeitern und den übrigen Gewerkschaften treiben, die die Träger der sozialen Baubetriebe sind. Der Kampf in: Bad gewerbe ist ja kein lokaler. In Sachsen, Schlesien, Baden, Württen berg und an einzelnen Orten im Reich stehen die Bauarbeiter im Kampf, zum großen Teil infolge einer Aussperrung. Der Plan der Unternehmer ist klar. Sie wollen nicht allein einen Kampf auf breitester Grundlage", fie hofften außerdem, zwischer den Bauarbeitern und den anderen Gewerkschaften cine Verstimmung zu schaffen, die den Bauarbeitern bei der Durchhaltung eines langen Kampfes unter Umständen Schwierigkeiten bereiten fonnten. Um die Hoffnung sind sie betrogen. Die Bauarbeiter werden den Kampf so führen, daß er gerade die Scharfmacher und Aussperrer im Baugewerbe am schwersten trifft und eine feste Einheitsfront der Arbeiterschaft begründet. Die Verliner Bauarbeiter sind entschloffen zusiegen. Der Beschluß vom Mittwoch bietet die beste Gewähr dafür. Achtung Bauarbeiter! Am Streit der Bauarbeiter nicht beteiligt find folgende Berufe: Ofenfeßer und deren Hilfsarbeiter. Fliesenleger und stellt worden. Aber im Vergleich mit den bestehenden Bedürfnissen find alle diese Maßnahmen nichts weiter als ein Tropfen auf den heißen Stein. Tagung der Bergarbeiter- Internationale. London, 8. Juli.( WTB.) Der Vollzugsausschuß des internationalen Verbandes der Bergarbeiter- Gewerkschaften beendete heute vormittag die Entgegennahme der Berichte aus den verschiedenen Ländern. Sekretär Frank Hodges erklärte alsdann, nachmittags werde die Frage der internationalen Politik des Verbandes erörtert werden, die auf Grund der erstatteten Berichte formuliert werden und Europa als Einheit behandeln müsse, da die Lage der Bergbauindustrie in den einzelnen Ländern ungefähr die gleiche sei. In der nachmittag abgehaltenen Schlußsizung wurde einstimmig beschlossen, daß der Ausschuß am 28. Juli in Paris wieder zusammentreten soll, um über die Form einer gemeinsamen internationalen Aktion zu entscheiden, wenn bis dahin in den verschiedenen Ländern, in denen die Unternehmer die Löhne und die Arbeitsdauer zu verschlechtern trachten, keine Vereinbarungen erreicht worden sind. Eine offizielle Mitteilung des Sekretärs Frant Hodges besagt, die vorgelegten Berichte über die Lage in der Bergwerksindustrie der verschiedenen Länder zeigten fast völlige Uebereinftimmung, nämlich: erhebliche Arbeitslosigkeit unzeit zu erhöhen und in allen Fällen die Löhne zu verregelmäßige Arbeit, Bersuche der Unternehmer, zentrale Bereinbarungen zu beseitigen d. h. in gewissen Fällen die Arbeits= mindern, Aufhäufung von Kohlenvorräten in allen Ländern und allgemeine Depreffion in der Kohlenindustrie der ganzen Welt. Urlaubsabgeltung auch bei berechtigter Kündigung. Der in den Tarifverträgen vereinbarte Urlaubsanspruch ist ganz zweifelsfrei als ein durch die zurückgelegte Entsprechend ist von den Gewerkschaften stets der Standpunkt verZeit der Beschäftigung erworbener Anspruch vereinbart. treten worden, daß ein Arbeitnehmer, dessen Arbeitsverhältnis zurzeit der Fälligkeit seines Urlaubs beendet ist, Urlaubsanspruch hat, ganz gleich, ob er selbst aufgehört hat oder mit oder ohne sein Berschulden entlassen worden ist. Entgegen dieser völlig zweifelsfreien Sachlage haben viele Gewerbegerichte, insbesondere die Mehrzahl der Kammern des Berliner Gewerbegerichts in Streitfällen wegen Abgeltung des Urlaubsanspruchs bei Arbeitnehmern, deren Arbeitsverhältnis durch einen. von ihnen zu verantwortenden Umstand endete( entweder daß sie das Arbeitsverhältnis selbst löften oder der Arbeitgeber es auf Grund einer ihn zur fristlosen Kündigung berechtigenden Berfehlung des Arbeitnehmers löfte) die jeweiligen Kläger mit ihrem Anspruch auf Abgeltung des Urlaubes abgewiesen. In einem gleichliegenden Streitfall eines von der Meierei C. Bolle fristlos Entlassenen, vom für Berufungen gegen Urteile des Berliner Gewerbegerichts zuDeutschen Verkehrsbund vertretenen Chauffeurs, hat nunmehr die ständige Ziviltammer 8 des Landgerichts I Berlin trop Bejahung des Borliegens einer zur fristlosen Kündigung be= rechtigenden Verfehlung des Klägers dem Anspruch des Klägers auf Urlaubsabgeltung durch Urteil stattgegeben. Es heißt in dem Urteil des Landgerichts I u. a.: Auf die Berufung der Beklagten wird das am 14. Oftober 1924 verfündete Urteil des Gewerbegerichts zu Berlin, Rammer 14, insoweit abgeändert, als es die Beflagte verurteilt, an jeden der Kläger 63,24 M. für die Kündigungsfrist zu zahlen und es wird insoweit die Klage dbgewiesen. Ferner wird es dahin abgeändert, daß festgestellt wird, daß die ant 27. Juli 1924 erfolgte fristlose Entlassung der Kläger gerechtfertigt ist. Die Berufung wird zurückgewiesen insoweit die Beklagte verurteilt wird, an den Kläger Glaubig 94,86 m. als Abgeltung für den Ferienanspruch zu zahlen Hiernach ist die deren Hilfsarbeiter, Glafer und deren Hilfsarbeiter, Asphal. Entlassung der Kläger berechtigt. Einmal entfällt der Lohn für die feure, 3jolieret, Brunnenbauer, kunststeinver- Ründigungsfrist, dann war nach dem Widerklageantrag dahin zu feher. Die Kollegen werden ersucht, das zu beachten. Der Borstand. Elende Lage der Bergarbeiter. In Sowjetrußland. Ende Mai fand im Donez Gebiet, dem wichtigsten Rohlenrevier Rußlands, ein Kongreß statt, der die Frage des Schuzes der Gesundheit und der Unfallverhütung bei den Bergarbeitern behandelte. In den Beschlüssen dieses Kongresses wird festgestellt, daß ein allgemeiner Rückgang der Maßnahmen zu verzeichnen ist, die auf die Verhütung von Katastrophen durch Gas- und Kohlenstauberplosionen und auf die Siche rung der allgemeinen Gefahrlosigkeit der Arbeiten gerichtet sind". Es feien, so heißt es in den Beschlüssen weiter, unverzügliche und radikale Maßnahmen zur Wiederherstellung der Venti. lationseinrichtungen und Feuerabwehrmaßnah: men sowie Einrichtungen zum Kampf gegen Kohlenstaub und Gase notwendig". Der Kongreß fah sich genötigt, festzustellen, daß der Arbeiterschuh auf den Kohlengruben der Sowjetunion nicht nur weit zurück steht hinter den Verhältnissen in den mest= europäischen Staaten, sondern auch hinter den russischen Verhältnissen in der Borfriegszeit. Der Kongreß empfahl bei allen technischen Maßnahmen zur Verhütung der Gefahren in den Gruben von den auf diesem Gebiete erreichten Erfolgen im Ausland auszugehen, da in dieser Beziehung in Rußland verhältnismäßig wenig geleistet worden sei. Die hier gemachten Feststellungen, die die ungünstige Lage der russischen Arbeiter beleuchten, sind eine Folge der zunehmenden Ertrantungen und Unglücksfälle in der russischen Bergwerksindustrie. Die Angaben der Versicherungstassen im Donez gebiet stellen diese Tatsache als unzweifelhaft feft. Aus diesen Angaben ergibt sich, daß auf jeden Arbeiter an Krankheitstagen entfielen: Im Jahre 1922/23: 7,5; 1923/24: 12,5; 1924/25: 15. Des weiteren ergibt sich daraus, daß 4,3 Proz. aller Bergarbeiter von den Krankenkassen ständig versorgt werden müssen. Die Zahl der Unglücksfälle nimmt mit solcher Schnelligkeit zu, daß, wie " Ekonomitscheffaja Shifn" vom 25. Juni feststellt, im Jahre 1924 auf je 100 Arbeiter 9,2 Unglücksfälle entfielen! Unter dem Druck der Arbeiter sind in diesem Jahre eine Reihe Don Maßnahmen ergriffen worden, um die Lage der franken Arbeiter zu bessern. So sind im Donezgebiet drei Erholungsheime eröffnet und in der Krim, im Kaukasus und in Odessa find den Berg arbeitern einige hundert Plätze in den Kurorten zur Verfügung ge= Und geht einmal das Geld zur Neige kauf auf Kredit bei Mark Arthur Scheige 2 wöchentl. Garderobe für Damen und Herren 4 Gardinen Wäsche Teppiche fertige Betten Oberschöneweide, Siemensstr. 14 Zweites Geschäft: Moabit, Erasmusstr. 1 Jeder Käufer erhält ein Kaffee- Service gratis! bis zum 15. Jull daß die fristlose Entlaffung zu Recht erfolgt ist. Der Anspruch des Klägers G. auf Abgeltung des Ferien. anfpruches für die rückliegende Zeit ist dagegen begründet. Der Abgeltungsanspruch, der durch die bereits geleistete Arbeit verdient ist, wird, sofern nicht ein anderes ausdrücklich bestimmt ist, durch die fristlose Entlaffung, die das. Arbeitsverhältnis für die künftige Zeit beendet, nicht berührt. Die Höhe des Anspruchs ist unbestritten. Lohuerhöhung im Wuppertaler Transportgewerbe. fam es zu einer Einigung dahingehend, daß die Löhne um 8,4 Elberfeld, 8. Juli.( TU.) Im Wuppertaler Transportgewerbe Proz. erhöht werden. Das Lohnablommen läuft bis auf weiteres und fann frühestens zum 30. November d. J. gekündigt werden. Die Firma Kaspar Cohn und Sohn schickt uns zu der in unserer Abendausgabe vom 6. Juli veröffentlichten Notiz eine Berichtigung, in der es heißt: „ Es ist nicht ein 15-20prozentiger Lohnabzug bei uns vor geschlagen worden, sondern eine 10-15prozentige Herabsetzung des seinerzeit von uns freiwillig bewilligten außertariflichen Zuschlages von 45 Broz. In den weiteren Verhandlungen gingen wir mit der Herabsetzung des Abzuges bis auf 5-10 Broz, wiederum auch nur auf den Zuschlag, herunter, so daß es sich tatsächlich um einen Abzug auf den Lohn um 2-3 Proz. des Verdienstes handelt. Selbst dieser Abzug bezog fich nicht auf sämtliche Beschäftigte, sondern nur auf einzelne Arbeitsgänge." Dazu wird uns vom Deutschen Holzarbeiterverband mitgeteilt, daß die Behauptungen der Firma schon deshalb hinfällig find. meil die Akkordpreise, wie bei den Verhandlungen festgestellt wurde, noch nicht einmal die des Reichstarifs erreichen, somit von einem außertariflichen Zuschlag feine Rede sein kann. In der fächsischen Hohl- und Preßglasindustrie ist ein allgemeiner Lohn- und Tariffampf ausgebrochen. Die Arbeiter haben die Arbeitsstätten berlassen, Baugewerksbund, Bacofenbauer. Freitag, den 10. Juli, abends 8 Uhr, bei Schroeder, Friedrichsfelder Straße 20. Die Fachgruppenleitung. Baugewerksbund, Feuerungs- und Schornsteinbau Bersammlung Freitag, den 10. Juli, abends 7 Uhr, im Gewerkschaftshaus Gaal 5 Die Fachgruppenleitung. Berantwortlich für Politik: Bictor Schiff: Wirtschaft: Arthur Saternus; Gewerkschaftsbewegung: 3. Steiner; Feuilleton: Dr. John Schifowski: Lokales und Sonstiges: Frik Karstädt; Anzeigen: Th. Glode; fämtlich in Berlin. und Berlagsanstalt Baul Singer u. Co., Berlin, GB. 68, Lindenstraße 3. Berlag: Borwärts- Berlaa O. m. b. D., Berlin. Drud: Borwärts- Buchbrüderri Wer den echten Kapitän- Rautabak auch nur einmal versucht hat, wird ihn nicht mehr entbehren wollen. Der Kapitän hat einen eigenartigen feinen Geschmack, ist nachdänischer Art aus reinem Kentucky hergestellt. Verkaufsstellen überall; werden auch nachgewiesen durch den Generalvertrieb C. Röcker, Berlin, Lichtenberger Str. 22.( Königst. 3861) Erfinder Vorwärts ftrebende qute Berdienstmöglicht. it! Auftlärung und Anregung gebb Broschüre gratis burch: Erdmann& Co, Berlin, Saniggräger Straße 21, A. Beheim- Schwarzbachs Kaufmännische Privatschule ( inh. F. Eggert) Neukölln. Anmeldung. Ganghoferstr.1 und Berliner Str. 32( Privatwohnung) Beginn neuer-Jahres- und 1/4 JahresFernspr.: Neukölln 1063 Lehrgänge. 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