Nr. 333 ♦ 42. �ahrg. Ausgabe A Nr. 171 Bezugspreis: Wöchentlich TO Pfennig, monatlich 8,— Reichsmarl voraus tatlbar. Unter ltreiuband für Deutschland, Danzig. Saar» und Memelaebiet. Oesterreich. Litauen. Luremdurg � öü Reichsmark, für das übrige Stastanb 5,50 Reichsmarl vro Monat. Der»Porirärts� mit der Sonntagsbeilage»Volk und geil" mit»Sied» lung und Kleingarten" sowie der Beilage»UnterliaUuiig und Wissen" und ssrauendeilage.Frauenstimme" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm-Adresse: »Sozialdemokrat Berlin" Morgenausgabe s* Nerlinev VolksblÄtt (lO Pfennig) Anzeilsenpreise: Die einsvaltig« Zionpareillc. teile SO Pfennig. Rellamezeile 5s- Rcichsti.ark.„Kleine«n, eigen" das fettgedruckt? Wort 25 Pfennig lzuläsfia zwei fettgedruckte Worte l. jedes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche das ers!« Wort 15 Pfennig, jedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buch- iniben zäblcn für zwei Worie ssamilienanzeigen für Abonnenten geile 10 Pfennig.' Anzeigen für die nächst« Nummer müssen bis Itj Ubr nachmitiags im leauotgeschäft. Berlin SW OS, Linden» itrasic 3, abgegeben werden. Eeäffnel von 9 Ubr frub die 5 Ubr nachm Zentralorgan der Sozialdemokrat» feben parte» DeutfcblandQ NeöaMon und Verlag: öerlin EW. 6$, Lindenstraße 3 if crnfbrcdiec: Rrd a Iti»» Tönbofs SS» " 1«erlag: Dönhoff-»««-ÄS«) Freitag, den 17. Juli 1925 Vonvärts-Verlag G.m.b.H., öerlin Ew. H8, Lindenstr.Z «oftschecktontv! Berlin 37.1 l»0— Vanlkonto: Direktion der DiSkonto-iSesellschaft. Tepofilenkaste Lindeustrasre 3 hinöenburgs Entscheidung. Das Gesetz gegen die Sparer unterzeichnet! Der Reichspräsident o. hindenburg hat Donnerstag adend L Ahr nach den Vorträgen des Reichskanzlers und des Reichsjustizministers das vom Reichstag angenommene Gesetz Lber die Hypothekenauswertung unterzeichnet. Die Aufwerwngsgesetze treten mit eintägiger Rückwirkung am 15. Juli in Kraft. * Kurz vor der Unterzeichnung war von- den Auf- we.rtungsorganisationen dem Reichspräsidenten der folgende Hilferuf zugegangen: Herr Reichspräsident! Mit nur 230 von 428 Stimmen hat der Reichstag in unsachlicher Ueberhastung das Gesetz betreffend die Hypothekenauswertung an- genommen. Diese geringe nominelle Mehrheit ist eine trügerische. Durch Fraktionszwang ist eine große Anzahl von Abgeordneten entgegen ehrlicher anderer Ueberzeu- g u n g bestinimt worden, für das Gesetz zu stimmen. Diese Abge- ordneten haben damit ihre Gewissensfreiheit preis» gegeben und zum großen Teil den Anschauungen und versprechen zuwider gehandelt, mit welchen sie ihre Wähler gewonnen haben. Von mehreren Abgeordneten steht leider bereits fest, daß sie in ZLahrnchmung pcrsönlicherInteressen ihr Mandat mißbraucht haben. Durch diese Zusammenhänge ist eine an» sechtbare Mehrheit des Reichstages für ein Gesetz eingekröken, welches die wahre Mehrheit des Volkes vergewaltigt. Der Inhalt dieses Gesetzes ist verfassungsändernd und bedarf darum zu seiner Rechlsgültigkeit einer Zweidrittelmehrheit des Reichstages. An dieser fehlen SS Stimmen. In Kenntnis dieser Tatsache hat darum mehr. als das verfassungs- mäßige Drittel des Reichstags auf Grund des Artikels 72 der Reichs- Verfassung die Aussetzung der Vertündung verlangt, damit durch einen Volksentscheid die wahre Meinung des Volkes ermittelt werde. Dieselben Parteien, welche Vi Jahr lang für die Rot der Sparer und Geschädigten kein Verständnis gezeigt haben, wollen von Ihnen, Herr Reichspräsident, wieder unter Vorspiegelung salscher Behauptungen seht die sofortige verkündung des Gesetzes erzwingen. indem Sie durch die Dringlichkeitserklärung des Gesetzes überrumpelt werden sollen. Namens aller Geschädigten und der rechllich Denkenden des Reiches erklären wir hiermit die Bereitwilligkeit, lieber drei Monate zur Herbeiführung eines unanfechtbaren Gesetzes, welches von der Mehrheit des Volkes angenommen wird, auf den Beginn der Leistungen der Schuldner zu warten, als ein Gesetz verkünden zu sehen, welches alle Merkmale der Verfassungswidrigkeit in sich trägt, gerichtlicher Anfechtung ausgesetzt ist und durch das damit unvermeidbare Volksbegehren die Bevölkerung und die Wirtschaft für viele Monate den heftigsten Kämpfen und Erschütterungen aussetzen muh. Die Entscheidung ist jetzt in Ihre Hand, Herr Reichspräsident, gelegt, und die Mehrheit des Volkes erwartet in ihrer Rot, daß Sie dem versassungsmäßigen, von dem einsichtigen Teil des Reichstages beschlossenen Aussehungsverlangen der Verkündung des Gesetzes entsprechen und den damit geforderten Volksentscheid herbei- führen lassen. Gleichzeitig bitten wir um umgehenden Empfang unserer Ab- ordnung zu mündlichem Vortrage. (gez.) Aufwertungsgemeinschaft. Dieser letzte Notschrei der enttäuschten Sparer und verarmten Glaubiger ist ungehört verhallt. Wie wir voraus- sagten, hat„der ReUer" unterschrieben, was Luther ihn» vor- legte! Er wird auch weiter unterschreiben, was das Rechts- kabinett für nötig hält. Aber diejenigen, die auf diesen „Führer" einen Glauben warfen, der Berge versetzen könnte, stehen enttäuscht und verwirrt: Selbst Hindenburg kann sie nicht retten, wenn das Großkapital es anders will! « Wie wir aus parlamentarischen Kreisen erfahren, haben bei der Schlußabstimmung über das Aufwertungsgesetz drei Abgeordnete der deutschnationalen Fraktion gegen die Vorlage ge- stimmt, und zwar die Abgg. Dr. Steiniger, Sachs und Vogt. Der Abg. Bazilte, der ebenfalls dagegen stimmen wollte, konnte wegen dienstlicher Behinderung an der Abstimmung nicht teilnehmen. Neuer Konflikt mit polen. Bcvorstchcndc Tcutschenaustveisungen. Nach Mitteilungen aus zuverlässigster Quelle hat die polnische Regierung in Posen und Westpreußen die Beschlag- nähme einer hohen Zahl von Wohnungen angeordnet, die Deutsche innehaben. Es ist die Ausweisung von über 10 OVO deutschen Bürgern aus Polen zum 1. August zu erwarten. Es handelt sich hierbei um die sogenannten Optanten, d. h. deutsche Bewohner der an Polen abgetretenen Gebiete, die nicht durch die Abtretung an Polen die polnische Staats- angehörigkeit erwarben, sondern für Deutschland„optierten", d. h. erklärten, daß sie deutsche Bürger bleiben wollten. Auf Grund der geltenden völkerrechtlichen Grundsätze und der bestehenden Verträge haben diese Deutschen, soweit sie nicht etwa Grundbesitz innehaben, Polen bis zum 1. August zu verlassen. Daher ist seit Monaten bereits eine in die Tausende qcl?ende Auswanderung im Gange. Eine große Anzahl jedoch dieser Deutschen hat bislang keine Anstalten zur Aus- Wanderung getroffen und treffen können: man braucht sich nur die Wohnungsverhältnisse und den katastrophalen Stand des Arbeitsmarktes in Deutschland zu vergegenwärtigen, um zu verstehen, daß auch bei dem besten Willen, rechtzeitig das ungastliche Polen zu verlassen, die rechtzeitige Auswanderung nicht möglich gewesen ist. Gegen diese zurückbleibenden deutschen Optanten also richtet sich die polnische Maßnahme. So tritt zu den durch den A b b r u ch der W i r t- schastsverhandlungen bereits bestehenden Spannung mit Polen eine" neue schwere nationale Belastung der Beziehungen zu dem östlichen Nachbarstaat ein. Gegen- über den zu erwartenden Hetzversuchen der Nationalisten ist daran festzuhalten, daß Polen sich innerhalb des nun einmal geltenden formalen Rechtes befindet. Jedoch bedeutet die skrupellose und rücksichtslose Ausnutzung dieses formalen Rechts einen neuen schweren politischen Miß g r i f s Polen«. Leider gibt es im Gegensatz zum inner, taatlichen Reckt im geltenden Völkerrecht keinen Sckikanepara- g r a p h e n, der die Ausnutzung formaler Rechte verbietet, wenn sie keinen anderen Zweck haben, als den anderen Teil willkürlich zu schädigen. Auch fehtt ein S ch i e d s v e r t r a g mit Polen, der es beiden Regierungen ermöglicht, durch die Entscheidung einer internationalen unparteiischen Stelle diesen politischen Konflikt im Interesse vor allem der Be- völkcrung aus der Welt zu schaffen. Sollte die polnische Unvernunft nicht noch im letzten Augenblick ein Einsehen haben, bleibt der Reichsregierung und mit ihr der preußischen Regierung nichts anderes übrig, als die vorbereiteten Gegenmaßnahmen in Gang zu bringen und ihrerseits mit der Ausweisung der polnischen Optanten in Deutschland zu beginnen. Wie Genosse Severing im Haushaltsausschuß des Preußischen Landtages erklärte, beabsichtigt das preußische Ministerium des Innern in Fällen ganz besonderer Härte Erleichterungen eintreten zu lassen. Im allgemeinen werden jedoch die betroffenen volnischen Staatsangehörigen sich bei der Regierung ihres Heimatlandes bedanken müssen, wenn über sie das gleiche Schicksal hereinbricht, das den deutschen Optanten in Polen bevorsteht. Für die deutsche Rcichsregierung aber wäre es ein ebenso menschenfreundlicher wie politisch geschickter Schach- zug, wenn sie vor der europäischen Oefsentlichkeit Polen auf- forderte, eine internationale Instanz mit der Regelung der Angelegenhett zu befassen. Einigung in den Gas- und Waflerwerken. Tie Obleute haben dem Vergleich zugestimmt. Auf veranlassung der Leitung des Berliner Ortsausschusses des ADGv. gelang es der Vermittlung des Polizeipräsidenten und des Oberbürgermeisters, die Direktionen der Gas- und Wasserwerke zu uochmaligen Verhandlungen mll den Vertretern der im Gemeinde- und Staatsarbeiterverband organisierten Arbeitern zu bewegen. Die gestern nachmittag zwischen ein und vier Uhr geführten Verhandlungen endeten mit der Zustimmung der Dirck- t i o n e n der Städtischen Gaswerke, der Städtischen Wasserwerke und der Gasbetriebsgesellschasl zu dem bereits am Mittwoch abend gemachten Vermittelungsoorschlag der Organisa- tionsvertreter, der ab». August gelten soll. Es werden also ab t. August 1925 alle Lohnsähe für die männlichen Arbeiter um fünf Pfennige dir Stunde erhöht, für die weiblichen Arbeitskräste um vier Pfennige die Stunde. Dieses Lohnabkommen gilt bi.s zum l. Oktober 192 5. Die Obleute der Arbeiter traten sofort nach Abschluß des Vergleichs zu einer Beratung zusammen und beschlossen, dem Vergleich zuzustimmen. Damit ist der Lohnkonslikt beigelegt. Die gestern abend tagende Aunktlonärkonferenz hat nach kurzer Diskussion dem Abkommen gegen wenige Stimmen zugestimmt. Wenn das Ergebnis in materieller Hinsicht auch verhältnismäßig dürftig sei. so habe die Arbeiteischast der Gas- und Wasserwerke immerhin einen nennenswerten moralischen Erfolg zu verzeichnen. Ein Ersolg, der nicht zuletzt derslrafsengewerkschastlichen Organisation und der Einmütigkeit der Gas- und Wasierwerk- arbeiler zu verdaoken ist. Der„Retter". Enttäuschung der naiven.Hindenburg-Wähler. Von Wilhelm Keil. Reichspräsident Hindenburg hat die Aufwertungsgesetze unterzeichnet. Den Millionen deutscher Sparer ist die letzte Hoffnung geraubt. Sie haben Schweres erlitten in den letzten Iahren. Sie haben ihr Vern,ögen verloren. Sie sind von den Parteien der Rechten, vor allem von den Deutschnationalen, durch Wahlvers prechun- gen betrogen worden. Die einzige Hoffnung, die sie noch hegten, war die aus Hindenburg. Nun aber hat die von Herrn Luther geführte und von den Deutschnatio- nalen maßgeblich beeinflußte Regierung auch den Reichs- Präsidenten Hindenburg bewogen, sich gegen die Gläubiger und Sparer zu entscheiden. Die Aufwertungsfrage hat bei der Präsidenten- wähl im April eine entscheidende Rolle gespielt. Bei dem kleinen Unterschied zwischen der zahlenmäßigen SiRrke der beiden großen Heerlager war es der Sparerbeweaung mög- lich, den. Ausschlag zugunsten des Kandidaten Hindenburg zu geben. Die Sparer sind damals von den Linksparteien, besonders von uns Sozialdemokraten, gewarnt worden. Sie ließen aber nicht gelten, daß'H i n d e'n b u r g d c r K a n- didat der großkapitalistischen Parteien mar. Hindenburg war für sie kein Parieikandidat, und daß die Deutschnationalen ihn auf jien Schild erhoben, war ebenfalls für sie belanglos. Man erwartete, daß ein Mann wie Hindenburg nie seinen Namen unter ein Gesetz schreiben würde, das„das deutsche Recht vernichtet und den Mittelstand enteignet", so lautete die Begründung, die von politisch naiven Wortführern der Sparerorganisationen der in vielen Teilen des Reiches erlassenen Parole„für Hindenburg" ge- geben wurde.' Es nützte auch nichts, daß man ihnen ant- wartete, die verfassungsrechtlichen Besugnisse des Reichs- Präsidenten seien genau abgegrenzt. Wenn Reichstag und Regierung in einer großen Frage der Gesetzgebung ent- schieden hätten, könne der Reichspräsident nicht als Diktator diese Entscheidung für nichtig erklären. Die un- entwegten Hindenburg-Freunde erwiderten, der Reichspräsi- dent sei nicht verpflichtet, jede» verfassungsmäßig zustande- gekommene Gesetz zu vollziehen, sondern könne den Volks- entscheid anordnen. Formalrechtlich traf das zu. Der Reichspräsident hat zwar nach dem Artikel 70 der Reichsversassung verfassungs- mäßig zustande gekommene Gesetze binnen Monatsfrist zu verkünden, aber er kann nach Artikel 73 innerhalb dieser Frist auch anordnen, daß das Gesetz dem Volksentscheid zu unterbreiten ist. In diesem Falle unterbleibt die Ver- kündung. Artikel 72 der Reichsversassung sieht daneben noch die Möglichkeit vor, den Reichspräsidenten gleichsam vor der sofortigen Verkündung eines Gesetzes zu warnen. Dieser Artikel bestimmt, daß die Verkündung eines Gesetzes um zwei Rstonate auszusetzen ist, wenn ein Drittel des Reichstags es verlangt. Wird das Gesetz jedoch durch Mehrheit?- beschluß des Reichstags für„dringlich" erklärt, so kann die Verkündung trotzdem erfolgen. In diesem Fälle liegt es ganz in der Hand des Reichspräsidenten, ob das Gesetz ver- kündet wird oder nicht. Der Sinn des Artikels 72 ist also eigentlich nur der, die Möglichkeit zu schaffen, den Reichs- Präsidenten an seine Rechte zu erinnern. Von diesem Verfassungsartikel ist bisher nie Ge- brauch gemacht worden. Bei der Entscheidung über die Aufwertungsgesetze mußte es geschehen. Verdankt doch Hindenburg seine Wahl den Wählerschichten, die sich gegen diese Gesetze aufbäumen. Hindenburg selbst hattn außerdem noch vor kurzem einer Deputation der Sparerverbände, die sein Eingreifen im Sinne ihrer Forderungen verlangte, aus- drücklich erklärt, daß er sich„als a l t e r S o l d a t die Freiheit seines Handelns vorbehalte". Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat dafür ge- sorgt, daß dem Präsidenten Hindenburg im Sinne der Vor- schristen der Verfassung die Freiheit des Handeln»» gegeben wurde. Sie stimmte dem völkischen Antrag, die Aus- setzung der Vcrkündung der Aufwertungsgesetze zu verlangen, zu und sicherte chm die erforderliche Stimmcnzahl von einem Drittel des Reichstages. Sie gab sich dabei nicht, wie die Völkischen, der Hoffnung hin, daß Hindenburg nun wirklich als der„Retter" in die Erscheinung treten werde. Sie wußte, daß Hindenburg nur das Organ der Rechtsregie- rung ist. Diese Regierung und die Rechtsparteien waren festgelegt auf die Enteignung d e< Gläubiger und Sparer. Ihnen steht das Wohlergehen des Großbesitzes, dem Krieg und Inflation eine Vereicherungsgelegenheil waren, höher als die verbrieften Rechte der verarmten Gläubiger. Ja, wenn es sich um die Ruhrkönige gehandelt hätte! Dann hätte vielleicht der Reichspräsident es wagen dürfen, sein Veto gegen ein Retchsgefeg einzulegen. Aber der Reickspräsident wird nicht in die Lage kommen, großkapitalistische Interessen gegen Regierung und Reichstag beschützen zu müssen, da diese Rc- gierung und diese Rnchsiagsmchicheit. wie die Lösung der Auf- niertungsfrage am deutlichsten zeigt, die Wünsche des Großkapitals stets erfüllen werden. Die Unterzeichnung der Aufwertungsgesetze durch den Präsidenten Hindenburg bedeutet den Abschluß einer weit» hi st arischen Tragödie. Die Spar/rorganisationen werden den Kamps um die Rechte der Betrogenen fortzusetzen versuchen. Aber die furchtbare Enttäuschung, die ihnen der „Retter" bereitet hat, wird chren Elan lähmen, und die deutschnationalen Wahlbetrüger werden nichts oersäumen, um auch die weiteren Bemühungen der Opfer ihres Trugspiels zum Scheitern zu bringen. Mögen nun die um ihre letzten Hoff» »ungen gebrachten beklagenswerten Opfer eines skrupellosen kapitalistischen Freibeutertums erkennen, daß nur durch den gemeinsamen Kampf aller Enterbten und Enteigneten Recht und Gerechtigkeit zum Siege geführt werden kann. Die üeutsche �Mortaote. Heute im Auswärtigen Ansschust. Der Reichskanzler hat gestern die deutsche Zwischen» note an B r i a n d den Parteiführern des Reichstags zur Kenntnis gebracht; heute soll sie im Auswärtigen Ausschuß besprochen werden, am Sonnabend soll die Absendung, am Dienstag die Veröffentlichung erfolgen, und daran soll sich darin am Mittwoch und Donnerstag die große polltische Aus- spräche im Reichstag anschließen. Man kann nicht sagen, daß die Welt die Veröffentlichung dieser Note mit besonders großer Spannung erwartet. Ge- spannt kann man höchstens sein auf den größeren oder ge- ringeren Grad der Geschicklichkeit, mit der sie versuchen wird, sich durch alle innen- und außenpolitischen Schwierigkeiten hindurchzuwinden. Die Note darf dem gemäßigten Flügel der Deutschnotionalen keinen Anlaß zu allzu heftigem Anstoß, dem radikalen keine zu breiten Angriffsflächen bieten, auf. der anderen Seite muß sie die Kontinuität wahren und die* mit dem Memorandum vom 9. Februar begonnen« Aktion fortsetzen mit dem Ziel, eine Konferenz und ein positives Konfcrenzergebnis wenn nicht herbeizuführen, so doch wenig- stens nicht zu verhindern. Man wird daher weder in der Frage des Schiedsgerichts noch in der des Völker- b u n d e s große Neuigkeiten und kühne Schritte erwarten dürfen. Aber wird der Text der Note voraussichtlich sehr vor- sichtig ausbalanciert, so wird er dann doch in der folgenden öffentlichen Debatte von der Regierung und den Regierungs- Parteien kommentiert werden müsien. Auf diesen Kommentar wird man gespannter sein dürfen als auf den Wortlaut der Note selbst. Besonders nach den sehr instruktiven Mitteilungen der„Deutschen Zeitung" über die Spaltung?- rendenzett innerhalb der deutschnotionalen Reichstagsfraktion wird es interessant sein zu beobachten, wie diese neue Be- lcrstungsprobe von der„größten Regierungspartei" ertrogen werden wird. Da der Borsitzende des Auswärtigen Ausschusies, Herr H e r g t, erkrankt ist, wird die heutige Sitzung nicht von ihm, sondern vom stellvertretenden Vorsitzenden, Genosien Hermann Müller, geleitet werden. * TU. meldet anscheinend offiziös: Reichskanzler Dr. Luther hatte gestern nachmittag die Vertreter der Regierungsparteien zu einer Besprechung nach dem Reichstagsgebäude gebeten, um sie über den Inhalt der Note zu unterrichten. Zwischen R e i ch s r e g i e ru n g und Regierungsparteien wurde völlige ii eberein st immung erzielt. Oer Reichsioq�uiUcriiichliugsausschuß für die Barmat- lil f f ä r? hat sich gestern bis zum Ende der Reichsiag�ferien v« r- tagt. Während der Ferien soll ein aus dem Vorsitzenden und den beiden Berichterstattern bestehender Unterausschuß sämtliche ein- lchlagigen Strafakten prüfen und dem Ausschutz Dorschläge über die noch zu erhebenden Beweise machen. prima-donna-wetter. Von Kurt Singer. Wer erinnert sich noch unserer Musik- und Opernzustände in Berlin der Jahre. 1900 bis 1910? Wenn irgendwo Rückerinnerung i!i«t Recht ein wenig Sehnsucht in sich saßt, so hier. Allerdings hat stch die Oper selbst in 20 Jahren überlebt und aus einer gelegent- lichen Konzertfeier ist ein mit ollen Mitteln übler Reklome, mit allen Kniffen der.Agenturpropagando, mit allen Börsen- und Kapital- Manipulationen hochgeschraubter Konzcrtbetrieb geworden. Das wissen und beklagen wir alle. Di« Sammlung fehlt, die Konzen- kration, das Einmalige, das Festtägliche. Die Musiker find Gewerbe- treibende geworden. Konservatorien, Hochschulen sind überfüllt. Kein Bürgerhaus, in dem nicht ein Zukunftsgenie der Musik seine Gehversuche macht. Eine Ueberfüllung des Standes in all seinen Spezialitäten, die notwendig ein Ueberwuchern des Talcntchens und der bloßen Geschicklichkeit hervorzwingt. In dem Moment, da einer familiären Erfolg hatte, da er konzesiioniert und patentiert die ochule verläßt, um die Menschheit singend, spielend zu beglücken, ist er„Künstler" geworden. Und ist gezwungen, Ellbogen zu be- währen. Und fühlt sich als Primadonna. Und hat die Sehnsucht, sich der Welt zu zeigen, heiße sie nun Amerika oder Köhschenbroda. Und verliert damit schon das Gefühl der Seßhaftigkeit, der Boden- luft, die für ihn arbeitet, der sicheren, einheitlichen Wirkung?» ntmosphäre. Vor zwanzig Jahren gab es noch keine(oder doch nur wenige) herumreisende Dirigenten, gab es in Berlin noch kein Ausleiheinftitut für die prominenten, durch Gunst der Menge Ausgezeichneten. Strauß, Muck, Weingartner, Ochs, Blech. Rikisch— das waren ja wohl die tonangebenden Kapellmeister mit oder ohne Generalmusik- direktoriatsallüren! Wer von ihnen reiste in der Welt umher? Sie alle trug ja gerade das zur Höhe ihrer Leistung, was den Heutigen iehlt: letztes, tiefstes Gcbundensein an ihre Stadt und deren Menschen, vollendetes Einssein mit ihrem Instrument, mit Orchester, Chor, Saal, Theater. Das heißt aber erst würdig sein einer hoch- gestellten Aufgabe. Dieses herrliche Verantwortungsgefühl, nicht für die Einzelperson, sondern für das Ensemble, für die eigene Reifung wie für die Entwicklung der Truppe ging verloren. Dem sonnen- hellen Wetter fest umrijsener Leistung folgte das wolkige, neblige, trübe Primadonna-Wetter. Sucht nach Wohlstand, Geld, Luxus, einst dem richtigen Künstler etwas Artfremdes, ist Triebfeder der Masienarbeit geworden. Wohin ist die Stabilisierung der Orchester- und Operntraditio» geraten, wohin gesunken? Rur wenige»och icheinen zu fühlen(wenn sie es denn schon nicht wissen wollen), daß einer nur Großes wirken kann, wenn er dauernd auf dem Posten ist. Auch die Verträge mit berühmten Sängern und Sängerinnen atmen denselben Reugeist des Geldmasienverdienstes. Warum die vielen Urlaube der leitenden Männer und zugkräftigen Sanges- matadore an den Opernhäusern? Genügt es nicht, wenn ein Star 50 M0 Mk. im Jahr verdkent(dafür, daß er 50- bis OOmal singt oder dirigiert)? Welches Risiko trägt er dagegen? Ich unterschätze gewiß nicht Probenarbeit, häusliches Studium, Korrepetition, die ichlimme Chance des Stimmoerbrauchs. Aber wenn schon eine Ueberschätzung des künstlerischen Formats bei den Abgestempeven Zememorü und Staatssicherheit. Geheimjustiz. Der Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik hat in voller Oeffentlichkeit gegen die kommunistische Tscheka oer- handelt. Das Schweriner Schwurgericht, das die völkischen Fememörder aburteilte, hat zehn Tage hinter ver- schlossenen Türen getagt. Während der Verhandlung I war, angeblich wegen Gefährdung der Staatssicherheit, die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Soweit der Tatbestand bisher bekannt geworden ist, rechtfertigt er diese Maßregel nicht. In Mecklenburg existiert eine geheime Organisation von Roßbach-Leuten, die auf den großen Gütern militärisch ausgebildet sind. Diese Organi- fatton besitzt eine Feme, die unbequem werdende Mitglieder beseitigt. Dieser Feme ist der frühere Stahlhelmangehörige Hellmut Holz zum Opfer gefallen. Als Gründe für den Mord bezeichnet das„Berliner Tageblatt": „Weil Hellmut Holz aus der völkischen Partei ausgetreten, well er Mitwisser vieler Vergehen und Verbrechen der Völkischen war, weil er, der früher selbst der Roßbach- Organisation' angehörte, und beinahe selbst einmal ausgelost worden wäre, einen politischen Mord zu begehen, einen schönen Tages über das Treiben der völkischen Mordorganisationen, über die Vorbereitungen zu den Verbrechen an Erzberger und R a t h e n a u und über die weiteren Mordpläne der Völkischen hätte Aufschluß geben können, kurz, weil er zum Ankläger gegen die völkischen Mordorganisationen hätte werden können, und weil man in ihm, seitdem er nicht mehr mitmachte, einen Spitzel vermutete." Das soll das Ergebnis der zehntägigen geheimen'Ver- Handlung sein. Die Oeffentlichkeit hat darüber nichts Authen- tifches erfahren. Diese Geheimverhandlung muß ein Gefühl der Unruhe und der Unsicherheit hervorrufen. Was ist in Mecklenburg? Ist die Mordorganisation so zahlreich und so weit verzweigt, daß sie die Staatssicherheit bedroht? Aus welchen Gründen ist die Staatssicherheit bedroht, wenn die Oeffentlichkeit erfährt, was dieser Prozeß zutage förderte? Warum wurden, wenn die Gründe des Gerichts für den Aus- schluß der Oeffentlichkeit durchschlagend sind, die Fememörder nicht von dem Staatsgerichtshof abgeurteilt? Die Oeffentlichkeit muß erfahren, was in Mecklenburg ist. Sie muß erfahren, welche gesetzlichen und polizeilichen Mittel angewandt werden, um die weitverzweigte Organi- satton der Roßbach-Leute auf den Mecklenburger großen Gütern aufzulösen. Werden sie geduldet? Wie weit sind die Besitzer der großen Güter in Mecklenburg in ihre Machen- schaften verstrickt? Die Geheimjustiz reinigt nicht. Sie schafft Unklarheit und läßt allen Mutmaßungen Spielraum. Revision gegen die Schweriner Todesurteile. Im Schweriner Fememordprozetz hat, wie die BZ.-Korre- spondenz meldet, Rechtsanwalt Dr. Sachs-Berlin für. den zum Tode verurteilten Oberleutnant o. D. Schaler Revision beim Reichsgericht angemeldet, und wahrscheinlich werden sich auch die Verteidiger der ebenfalls zum Tode verurteilten Angeklagten Rotzon, Kalla und L i c z a diesem Schritt anschließen. Der wegen Meineides zu Gefängnis oerurteilte Wittor hat die Strafe angenommen. die Zinanzlage öes Reiches. Angeblich 38S Millionen Defizit. Im Steuerausschuß des Reichstages überreichte am Donnerstag Reichssinanzminister von S ch l i e b« n eine Uebersicht über den> Haushaltsentwurf für 1025. der entsprechend den neuen Beschlüssen des Steuerausschusies umgestattet ist. Staatssekretär Dr. Fischer erläuterte die Uebersicht, die mit einem vorläufigen Fehlbetrag von ZSS TNIllionen abschließt. Für 1926 werde sich das Defiztt voraus- sichllich auf 600 bis 700 Millionen Mark erhöhen. Das sei onge» sichts der steigenden Reparationslqsten außerordentlich bedrohlich. In der kurzen Aussprach«, die sich an diese Mitteilungen an- schließt, werden von verschiedenen Seiten Zweifel über die Richlig- gang und gäbe ist— man sollte eine Instttution nicht in Gefahr bringen durch allzu großzügige Freigabe der Kräfte nach hier- und dorthin. Eine Oper, will sie Höchstes repräsentieren, gehört in all ihren Teilen unzcrtrennt zusammen. Hat ein Intendant, Kapell- meister, Singestar Sehnsucht nach Süden und Norden, so verlege er seine Gier, so verlege man ihm seine(menschlich noch begreifliche) Exponfionslust auf die Zeit seines Jahresurlaubs. Es darf nicht passieren, daß die Leiter bewährter Institutionen mitten in der Saison nach Amerika, noch London, nach Wien oder München ver- schwinden. Wie heißt es so schön im Amtsdeutsch?„Um deutsche Kunst im Ausland zu verbreiten." Schade, daß diese ideale Tätig- keit so viel Geld einbringt und daß in den normalen Ablauf unserer Berliner Kunstsaison so viele Risse kommen. Keiner ist seßhaft. Bruno Walter scheint den Willen zu haben, nun wirklich der alten Tradition Berlinischer Musik treu zu werden. Er halle, was er ver- sprach. Kein Grund, daran zu zweifeln. Aber es besteht aller Anlaß, darüber zu verzweifeln, daß es nicht bei vielen prominenten Mu- sitern so etwas gibt, wie eingefleischtes Heimotsgefühl. Elenö. Wer kennt nicht die armseligen Gestalten, die mit hungerfahlen, eingefallenen Gesichtern durch die Straßen ihrem kärglichen Erwerbe nachwanken? Gegen die die Heimarbeiter mit einem Stundenlohn von zehn Psennigen Krösusse sind und die Kleinrentner nach dem Aufwertungsgesetz Millionäre? Von den Kriegsbeschädigten mit ihren riesigen Renten ganz zu schweigen. Sollte es wirklich Menschen geben, die noch immer nicht wissen, von welchen Unglücklichen ich rede? Die blind und taub an der furchtbaren Not ihrer Nächsten vorübergehen? Man schämt sich, es zu glauben. Aber da jene Armen sich jetzt mit einem Hilfeschrei an die Oeffentlichkeit wenden, um gegen die grenzenlose Ausnutzung, der sie preisgegeben sind, zu protestieren, so scheint es doch, daß in unserem Volke an Hart- herzigen kein Mangel herrscht. O, ihr Selbstsuchtigen, geht in euch, gedenkt eurer darbenden Brüder, der bedauernswerten G r o ß s ch l ä ch t e r, die als Frisch- fleischgroßhändler„ein mühseliges und ärmliches Da- sein f r i st e n" und„sich selb st nur noch gerade über Wasser zu halten vermögen". Ja, sogar die Alten und schwachen unter ihnen müssen frohnen, bis sie erschöpft in den Sielen zusammenbrechen, da sie„wegen völligen Mangel? an Kapital" nicht daran denken können,„sich trotz hohen Alters aus dem Erwerbsleben zurückzuziehen". Dabei gibt es noch immer Menschenfreunde, die sich zum Wohle ihrer Nächste» dem undankbaren Beruf des Großschlächters weihen. Die Zahl der Aufopserungsfreudigen hat seit der Vorkriegs- zeit beträchtlich zugenommen, keinesfalls aber, weil etwa das Wort„kleiner Umsatz— großer Nutzen" für das Gewerbe zutrifst, sondern eben nur aus Menschenliebe. Sie wollen sich aufopiern, wollen Märtyrer sein. So nur ist es zu verstehen, daß diese Fanatiker der Nächstenliebe das Schlachtvieh zu hohen Preisen auskaufen, um dann„den Schaden zu tragen" und zum Nutzen der Käufer das Fleisch wohlfeil abzugeben. Was ja jede Hausfrau bei ihren täglichen Einkäufen beobachten kann. kell dieser Aufstellung geäußert. Doch soll eine assfllhrllche vebaüs darüber nach Abschluß der Steuerberatungen im Haushalt»- a u s s ch u h stattfinden. Bei Paragraph 33 des Einkommensteuergesetzes entspinnt sich eine längere Debatte über die Besteuerung von Betrieben, die Verbindungen mit ausländischen Firmen eingegangen sind. Wie die Praxis zeigt, entgehen auf diese Weise der deutschen Besteuerung ganz erhebliche Beträge. Obwohl es sich um meist besonders leistungsfähige Betriebe handelt, wird durch entsprechende Verein- barungen der Gewinn künstlich niedrig geHallen. Der Entwurf sieht deshalb vor, daß in solchen Fällen der Gewinn«in- gesetzt werden soll, der sonst bei Geschäften gleicher oder ähnlicher Art erzielt worden wäre. Ein entsprechender Beschluß wird ge- faßt, doch findet ein Antrag der Volkspartei Annahme, der den Paragraphen 33 davon abhängig macht, daß bei der Gewinnermitt- lung ein„offenbares Mißverhältnis" vorliegt. Zinanzausgleich unö Länder. Der preußische Finanzminister erschien am Donnerstag im Hauptausschuß des Landtags und gab nach dem Schluß der' Justizberatungen im Namen der preußischen Staatsregierung zu dem vom Reich geplanten Finanzausgleich folgende Erklärung ab: „Die Annahme der Vorschläge der Reichsregierung würde die durch die Reichsoerfassung den Ländern eingeräumte Stellung er- schüttern und es den Ländern und Gemeinden unmöglich machen. ihre großen, ihnen nach der Rcichsverfassung obliegenden Ausgaben in wirkungsvoller Weise zu erfüllen. Die preußische Finanzver- woltung stützte sich vor dem Kriege vor ollem aus die direkten Steuern und die Ueberschüsse der Eisenbahn. Preußen hat die Eisen- bahn dem Reiche ohne Entschädigung opfern müssen. Die Per- mögenssteuer und die Erbschaftssteuer sind Reichssteuern geworden. Preußen soll nunmehr dem Reiche auch bei der Einkommen- und Körperschafts st euer eine Beteiligung einräumen, die eine weitere für die preußische Finanzoerwaltung unerträgliche Verkürzung der preußischen Einnahmen bedeuten würde. Die Beteiligung der Länder an der Umsatzsteuer ist kein ausreichender Ersatz, da diese Steuer eine absterbende Steuer ist. Es geht auch nicht an. Preußen und seine Gemeinden auf die Hauszinssteuer und die Realsteuern zu verweisen, weil die Haus- zinssteuer vor allem für die Förderung der Neubautätigkeit zur Verfügung gestellt werden muß und weil eine weitere Anspannung der Realsieuer die Wirtschost erdrosseln würde. Die Auswirkungen des verlorenen Krieges haben den Ländern und Gemeinden neue große Aufgaben auferlegt. Dos Reich hat durch§ 42 der dritten Stuernotverordming die Aufgaben der Wohlsahrtspslege, des Schul- und Bildungswesens und der Polizei den Ländern zur selbständigen Regelung und Erfüllung überlassen. Gerade um den Ländern und Gemeinden die Erfüllung dieser Aufgaben möglich zu machen, ist die Beteiligung der Länder und Gemeinden an der Einkommensteuer auf 90 Proz. erhöht worden. Diese Beteiligung muß den Ländern und Gemeinden unter allen Um- ständen bleiben. Die preußische Staatsregierung wird diese Forde- rung dem Reiche gegenüber mit allem Nachdruck oertreten." Die Aussprache im Hauptausschuß ergab, daß alle Parteien in der Finanzfrage hinter der Regierung stehen. württemberyischer Protest. Swttgart. 16. Juli.(BTB.) Der Sand tag bat heute bei Beratung de« Etat» eine Entschließung angenon'.men. worin er schärf st e Verwahrung einlegt gegen die Verletzung der be- gründeten Interessen der Länder und Gemeinden durch den ge- planten Finanzausgleich und das SlaatSministerium auf- fordert, wie bisher mit allen verfassungsmäßigen Mitteln auf eine angemessene Regelung hinzuwirken. Enlwassnungsnote und Polizei. Am 16. Juli hat im Reichs- Ministerium des Innern unter Vorsitz des Reichsministers Schiele ein« Besprechung mit den Innenmini st«rn der Länder� über Polizeifragen stattgefunden. Die Grundlage bildete die KoUektionote der alliierten Regierungen vom 4. Juni d. I. Grundsätzlich wurde volle Einmütigkeit der Ausfassung zwischen dem Reichsministerium des Innern und den Ländern festgestellt. Wer sich über die wichtige soziale Frage des Grohschlächter- elends näher informieren möchte, der lese die Abendausgabe des „Berliner Lokal-Anzeigers"— nicht etwa vom l. April, sondern vom 14. Juli, in der der Reichsoerband der Deutschen Groß- schlächter das erschütternde Bild entrollt, das hier kurz skizziert wurde. Den verhärtetsten Gemütein werden beim Lesen der Zeilen die Tränen kommen. Die Abonnenten des„Lokal-Anzeigers", die ja zu den Zartbeseiteten gehören, werden gewiß schon zu einer Spende für die Darbenden zu sammeln begonnen haben. Die Frag«, wodurch das beständige Steigen der Fleischpreise denn nun aber eigentlich verursacht wird, ist damit natürlich nicht gelöst. Denn die Landwirte und Viehhändler— Gott bewahre, die darben natürlich auch. Und wenn nun nicht endlich bald dicke Zölle kommen, werden sie ja wohl mitsamt den Großschlächtern elendiglich verhungern müssen. lvohlbehütete Geschworene. Die bibelfeste Stadt Daiston zeigt im Verlauf des Afsenprozesses, daß die Luft der Ausklärung die holde Dämmerung des geistigen Nebels, der dort so vorzüglich ge- deiht, noch nicht merklich gelichtet hat— trotz Professor Gcopes. So sagte bei der Zeugenvernehmung einer seiner Schüler aus, Scopes habe gelehrt, daß sich das tierische Leben aus dem«in- zelligen Protoplasma bis zum Menschen entwickelt habe, dieser also wie die Katzen und Hunde zu den Säugetieren zähle. Aus die Frage aber, was denn ein Säugetier sei, mußte der hoffnungsvolle Sprößling Daytons die Antwort schuldig bleiben.— Als später auf Veranlassung der Verteidigung der Zoologe Professor Met- c a l f vernommen wurde, wie» der Richter den Zeugen an. auf die Frage, ob Prosessor Metcals auch Gelehrte kenne, die nicht Anhänger der Entwicklungslehre seien, nurmitleiserStimme zu antworten. Trotzdem schien es dem weisen Richter gefährlich. die harmlosen Daytoner Geschworenen den Erörterungen des Zeugen über die-ftt-Entwicklungslehre beiwohnen zu lassen: er bat sie daher, den Gerichtssaal zu verlassen— was auch geschah. Zwar oerwahrte sich einer der Geschworenen vorher energisch gegen den Verdacht, daß die lehmgeformten und von göttlichem Oden be- lebten Daytoner sich jemals von Lobrsdnern der Entwicklungslehre beeinflussen lassen könnten. Aber man weiß ja: wer dem Teufel den kleinen Finger reicht---- politische Meinungsdisferenzen als Ehescheidungsgrund. Vor dem Wiener Landesgericht wurde kürzlich«ine Che ohne Ver- schulden eines der beiden Kontrahenten geschieden, weil es sich um „politisch verschieden veranlagte Menschen handett, deren polstischc» Bekenntnis im schroffsten Gegensatz zu einander stehe". Während der Mann Anhänger der sozialdemokratischen Partei sei, bekleidet seine Frau eine Stellung, die sie von der grohdeutschen Partei erhalten habe. Da kein Teil von seinen politischen Anschauungen abgehen wolle, seien die Gegensätze nicht zu beseitigen, und es sei sinnlos, eine solche Ehe aufrecht zu erhalten. Ane Bibel In Csperanlo. In der nächsten Zeit wild eine Bibel in Eiveranlo in England verisfenUicht weiden. SS handelt sich dabei nur um da» Alle Testament; gleichzeilig wird daran erinnert, dag schon im Jabr« 1912 ein« Esperanto-Bibel für das Neue Testament ausgegeben worden ist. Aum Sachsenkonflikt. Die Stellung der Bezirksvorstände. Zur Erklärung der Fraktionsmehrheit über den Sachsen- konflikt, die wir im Auszug veröffentlicht haben, sendet uns Eenosfe Lipinski als Vorsitzender des Bezirks Leipzig Darlegungen über die Stellung der Bezirksvorstände. Er wendet sich gegen die Behauptung, daß die Zurücknahme der Ausschlußverfahren weder in der Macht, noch in der Absicht der Bezirksvorstände Sachsens gelegen habe. Er schreibt: „Die Bezirksvorstände hatten aber auch das Recht und die Macht, den Beschluß auf Rücknahme der Ausschlußanträge auf. zuHeben und durchzuführen. Die Bezirksvorstände sind zwar Richter über die von den Orts» »ereinen beantragten Ausschlußanträge, sie sind aber zugleich die Bor stände der Lezirksorganisation, und haben als solche die politischen Entscheidungen zu fällen. Im Landesorganisationsstatut ist bestimmt, daß die Bezirks- vorstände die Landesinstanz Sachsens bilden und über einheitliche politische Maßnahmen für Sachsen entscheiden. Nach der Entscheidung des Parteioorstandes, die Auflösung des Landtages herbeizuführen, zuvor aber die Ausschlußversahren zu erledigen, war das Ausschlußverfahren Bestandteil einer p o l i- tischen Frage und Entscheidung geworden, die an rechtliche Formeln nicht gebunden ist. Dazu kommt ein anderes Moment. Der Parteivorstand wollte alle Ausschlußon fahren vor ein Schiedsgericht bringen, weil alle Handlungen-aus einer einheitlichen Quelle abgelestet werden konnten. Damit waren die Bezirksvorstände«inverstanden. Die 23 verlangten aber je ein Schiedsgericht für die vier Bezirke und der Partei- vorstand hatte denselben Vorsitzenden für all« Schiedsgerichte be- stellt. Das Schiedsgericht für Leipzig hatte aber bereits entschieden und die Beschuldigten freigesprochen. Da der Borsitzend« auch bei den anderen Schiedsgerichten sich nicht mit sich selbst in Widerspruch setzen konnte, so war eigentlich durch das Leipziger Urteil auch das Urteil in den drei anderen Schiedsgerichten gefällt. Hätten die 23 dem Dorschlage des Parteivorstandes Folge geleistet, so wäre das Ausschlußverfahren längst vor dem l. Juli erledigt worden. Genosse Lipinski bezeichnet zum Schluß die prinzipielle Zurücknahme der Ausschlußanträge als folgerichtige politische Handlung, die davon ausgegangen sei, daß die Wiederherstellung der Geschlossenheit der Partei wichtiger sei als das Urteil über Handlungen einzelner Personen. Die Neichsamnestie-vorlage. Dem Reichsrat zugegangen. Dem Reichsrat ist der Entwurf eines Reichsamnestie- g e s e g e s zugegangen, das aus Anlaß des Wechsels in der Reichs- Präsidentschaft seit langem angekündigt war, aber bisher keine feste Form gewonnen hatte. Der Entwurf will alle noch nicht verbüßten Strafen wegen Der- gehen gegen die sogenannten politischen Paragraphen des Straf- Gesetzbuchs lHochoerrat usw.) sowie gegen die gZ 7 und 8 des Republik ichuggesetzes als nichtig erklären, wenn der Strofreft höchstens ein Lohr Gefängnis oder Hast oder Geldstrafe beträgt. Alle noch nicht erledigten Berfahren wegen Verstoßes gegen§ 8 des Republikschutzgesetzes(Beschimpfung de? Reichspräsidenten Ebert) sollen eingestellt werden. Ferner sollen alle anhängigen Verfahren wegen Verstoßes gegen Ig 81 bis 88. 128 und 129 des Strafgesetzbuchs eingestellt werden, wenn die Straftat spätestens im Oktober 1928 verübt wurde. Ausgeschlossen von der Amnestie sollen diejenigen bleiben, die ein Derbrechen gegen das Leben begangen haben, oder die aus Roheit oder Eigennutz und nicht au» politischen Gründen handelten. Die große flaute. Vom Parteitag der Kommunistischen Partei. „Der redet noch den ganzen Parteitag auseinander", meinte ein Delegierter in den Wandelgängen zu der Red« seine, Partei- Vorsitzenden Thälmann. E« war wirklich Kim Auswachsen, wie man zu sagen pflegt. Erst fing die gestrige Lormittagssitzung des kommunistischen Parteitags mit onderthalbstündiger Berspätung an, weil die Delegierten sich bis dahin noch nicht von den Anstren- gungen eines„großen Meetings" am Abend vorher erholt hatten. Dann verlas Hindenburgs Transportorbeiter mit ewig gleich- bleibendem Wortfall sein Manuskript über die Kommunisten und die Gewerkschaftsbewegung. Da» war eigentlich nichts anderes als eine unendlich lange Variation de» Themas, daß die „Eroberung der Gewerkschaft en" durch die Kommunisten mißglückt ist. Natürlich fehlte auch diesmal nicht die„Analyse". Und die sieht so aus: Eine frühere Berechnung der Kommunisten, daß es in der Gewerkschaftsbewegung 19 000 Angestellt« gebe, sei salsch. Nach der neuesten Statistik sind es nur S000. Im Durchschnitt kommt auf 1000 Mitglieder ein Angestellter, 24 000 gewert- schaftliche Zahlstellen hoben überhaupt keinen Angestellten. Also mit der Behauptung, die„Bonzen" seien daran schuld, daß die Kommunisten in den Gewerkschaften keine Rosen pflücken können, ist es nichts. Die Mitglieder sind daran schuld. Und das geht so zu: In den Gewerkschaften sind nach der Thälmannschen Statistik 800 000 Sozialdemokraten, ober nur 200 000 Kommunisten. Die große Mehrzahl der Gewerkschaftsmitglieder. 85 Prozent, ist politisch unorganisiert. Nach dieser„Analyse" liegt es also nur an der Lästigkeit der kommunistischen„Vorhut", daß nicht die Sozialdemo- Treten über den Haufen gerannt und die Gewerkschaften für die mostowitische Weltrevolution gewonnen werden. Herr Thälmann berichtete dann noch einige nette Einzelhelten. Der Siemen»- konzern mit 40000 Arbeitern hat 220 Funktionäre, unter ihnen befinden sich aber nur 14 Kommunisten. 2m AfA-Bund und im Allgemeinen Deutschen Beamtinbund haben die Kommunisten überhaupt keinen Einfluß. Jünfundsiebzig Prozent der Arbeit der Gesomtpartei müste von nun an an die Eroberung der Gewerkschaften gewendet werden, wie es Herr Sinowjew in seinem Hirtenbrief an den Parteitag befohlen hat. Allerdings setzt sich in diesem Punkt Thälmann mit R u t h F i s ch e r in Widerspruch. die die Hauptarbeit der Kommunistischen Partei auf die Bekämpfung der rechten und ultralinken Abweichungen konzentriert wisten will. Dann begann die Diskussion über das Referat von Ruth Fischer. Zuerst sprach Dr. Rosenberg. Trotzdem der für die Kommunisten so ungünstigen Verhältniste hätten doch noch viele Arbeiter von diesem Parteitag« Anregungen erwartete. Ruch Fischer habe aber nichts von den Fragen berührt, die das Proletariat bewege. Di« außerordentlich wichtige Tatsache der V e r st ä n d i« g u n g zwischen der deutschen und französischen E i s e n i n d u st r i e, die mindestens so wichtig sei wie dos Sachverständigenabkommen, sei von ihr gar nicht erwähnt worden. Die Räumung de» Ruhrgebiets habe sie mit einer Phrase abgetan, obgleich sie doch«ine wesentliche Erleichterung der Lage der dortigen Arbeiter- schaft bringe. Ebenso oberslächlich habe sie die Tatsache der wir t- schaftlichen Stabilisierung behandelt. Die Sozialdemo. kratie lasse sich durch taksische Manöver nicht entlarven. Sowohl in der Z o l l f r a g e wie im Steuerkampf habe es die Sozial- demokrolie den Kommunisten nicht so leicht gemacht, wie die es sich gedacht hätten. Es genüge nicht, Kritik zu üben, sondern man niusi« ein positive« Wirtschaft?- und Finanzprogramm ausstellen, müsse mehr„analysieren", um den Arbeitern zu zeigen, wie es in der deutschen Wirtschaft aussehe. Dann polemisiert er in ganz respekt- widriger Weise gegen den Türke st oner. Es hätten bei ihm wohl atavistische Neigungen vorgeherrscht, als er den„Ultralinken" vorwarf, sie hätten sich in die antibolschewistische Front eingereiht. Nach seiner Meinung habe man mit der neuen Taktik eine Re- vision der Beschlüsse des Fünften Weltkongresses vorgenommen. Was im Mai beschlossen wurde, soll jetzt schön wieder revi- d i e r t werden. Rosenberg erörtert dann die verschiedenen Arten der„Manöver" und„Abweichungen" von der bisherigen Linie, die den ersten Schritt zur Revision der leninistischen Staatslehre bildeten. Seine Freunde hätten eine Erklärung formuliert, leider aber habe sie die„Rote Fahne" bisher noch nicht abgedruckt. Den Appell Ruth Fischer» an die schwielige Faust pariert« er zum Schluß mit einem Hymnus auf den Knotenstock. Der Rote Frontkämpferbund habe durch feine Voran- staltungen gezeigt, was ernsthafte Arbeit sei. Er hatte sehr starken Beifall und zumeist von denselben Leuten, die am Tage vorher Ruth Fischer so lebhaft applaudiert hatten. » t Nachmittags ging die Diskussion weiter. Einige Delegierte aus der Provinz machten Rosenberg zum Vorwurf, er habe sich gegen die„Komintern" gewandt und damit die stärkste Stütze Sowjetruß- lands untergrabe». Als zweiter Redner der Ultralinken sprach mit verlängerter Redezeit Werner Schalem. Man hörte zuerst ein Langes über Manöver, Einheitsfronttaktik, Duldungsvolitit und ähn- liche Dinge. In der bisherigen Debatte seien kindische Formu- l i e r u n g e n angewendet worden. Die Notwendigkeit, gegen den Monarchismus zu kämpsen, habe man in der Kommunistischen Par- tei erst erkannt, als Hindenburg schon gewählt war. Eine Monarchie sei unter Umständen besser als eine Republik, man müsse da» nur den Arbeitern klarmachen. Was bringt denn Hindenburg Neues in die deutsche Republik? Man solle nicht vor dem Vorwun zurück- schrecken, daß man Steigbügelhalter der Reaktion sei. und nun belegte es Herr Schalem mit vielen Zitaten aus Ruth Fischerschen Artikeln und Reden, daß sie bis vor ganz kurzem auf demselben Standpunkt gestanden habe. Früher redete man von Einheitsfront- taktik, jetzt von Entlarvungs- und Demaskierungsmanövern und von ultralinken Abweichungen. Nicht er und seine Freunde hätten ihre Stellung verändert, sondern Ruth Fischer habe sich ge- wandelt. Er würde es aber nicht mit dem Satze aus dem bibli- schen Buch Ruth halten:„Wo du hingehst, da werde auch ich hin- gehen." Den weg, der nach Eanossa führe, werde er nicht beschreiten. Zum Schluß versicherte er, daß er trotzdem bereit sei, für die Partei weiter zu arbeiten. Auch hier wieder stürmischer Beifall.- Remmele machte darauf Schalem zum Vorwurf, daß er nicht die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältniste sehe, die eine neue Taktik notwendig mache. Wie komme er dazu, solche f r i- oolen Zwischenrufe bei den Ausführungen des Vertreters der Exekutive.zu machen und jetzt eine so frivole Antwort darauf zu geben? Nachdem diese Sünde gegen den Heiligen Geist von Moskau festgestellt war, begann der dritte von den„Ultralinken". Weber aus Halle, seine Ausführungen mit dem Bekenntnis, daß sie ich ihre Knochennummeriert hätten, als sie hierher gekommen eien. Es sei einfach, jetzt in der Zeit der Flaute mit neuen tak- tischen Vorschlägen zu kommen, ober die„Ultralinken" wollten doch nichts weiter, als daß die Partei bei ihrer bisherigen Linie ver- harre. Die Debatte schleppte sich noch bis zum Abend hin, sie fand kein besonderes Interesse mehr. 2m ganzen genommen gewann man wiederum den Eindruck, daß alle„Manöver", sei es gegen die Sozialdemokratie, sei es gegen die Feinde im«igenen Lager, der Kommunistischen Partei nicht mehr aus die Beine Helsen werden. Die F laute, von der auf dem Parteitag gesprochen wurde, herrscht nicht nur in der Arbeiterbewegung, sie herrscht nur bei der Kommunistischen Partei. Gegen üen Geist üer Verfassung. Sozialdemokratische Erklärung gegen die bayerische Regierung. München, 18. 2uli.(Eigener Drahtbericht.) Der bayerisch« Landtag hat am Donnerstag mit der Verabschiedung de» Finanz- gesetzes, das die Abschlüsse sämtlicher Haushalte enthält, die Session 19Z4/85 geschlossen. Für das Finanzgejetz stimmten sämtliche bürgerlichen Parteien, also auch die außerhalb der Regierung»- koolition stehenden Fraktionen der Völkischen und dep Freien Ver- cinigung(Demokraten und Zentrum). Die sozialdemokra- tische Fraktion nahm die Gelegenheit noch einmal wahr, um der Regierung ihr schärf st es Mißtrauen auszusprechen. 2n der abgegebenen Erklärung begründete sie ihre Stellungnahm« wie folgt: „Die bayerische Regierung und die bayerischen Koalstionspar- teien sind eine Stütze der zurzeit im Reiche herrschenden Rechts- regierung, die in ihrer fortgesetzt ungerechten und unsozialen Haltung gegen den Geist der Verfassung verstößt. Sie trifft die volle Mitverantwortung für das Vorgehen der Reichsregierung. Wenn die bayerische Staatsregierung jetzt in einem Augenblick höchster Not den Landtag zum feierlichen Prot« st gegen die Maßnahmen der Reichsregierung ausruft, so setzt st« Unterschrift und Siegel unter den völligen Zusammenbruch ihrer «igenen Politik der letzten fünf Jahre. Wir stellen deshalb fest, daß wir der bayerischen Regierung unsere schärfste Mißbilligung aussprachen, als wir der von ihr veranlaßten Resolution(über den Finanzausgleich. D. Red.) zustimmten. E» ergibt sich hieraus die Ablehnung des Finanzgesetzes als weiterer Ausdruck des Mangels an Vertrauen zur Regierung. 2n dieser Stellungnahme werden wir bestärkt durch das Verhalten der Regierung und der Koalstions- Mehrheit gegenüber den bayerischen Gemeinden, gegen die sie auf finanziellem und steuerlichem Gebiete die gleichen Methoden anwendet, die sie bei der Reichsregierung so scharf zurückweist. Di« Aufrechterhaltung des bayerischen Ausnahmezustände» stellt in seiner einseitigen und parteilichen Handhabung ein Lusnahmerecht gegen einzelne Schichten des bayerischen Volkes dar. Di« Staats- regierung hat es bisher trotz der Zusagen im Landtage nicht ver- macht, die ihr unterstellten Verwaltungsbehörden auf den Weg des gleichmäßigen Vollzugs der Gesetze zurückzuführen. Diese Tatsache bestärkt uns in unserem Entschluß, der Staotsregierung durch Ab- lehnung des Finanzgesetzes das Vertrauen zu versagen." Sozialüemokratie unö Justiz. Die Beratungen des Hauptausschustes des Landtages über den Lustizhaushalt wurden am Donnerstag zu Ende geführt. 2n der Abstimmung wurden der größte Teil der s o z i o l d« m o- k r a t i s ch e n A n t r ä g e, so die Bemessung der Geldstrafe nach den wirtschaftlichen Verhältnissen des Täters, Wiederherstellung der Schwurgerichte, Sicherung der staatsbürgerlichen Freiheit und der Gesundheit während der Untersuchungshaft, rasch« Klärung der Rechtmäßigkeit der Untersuchungshaft, Neubau einer modernen Strafanstast usw., angenommen. Alle mit der Verbesserung �es Strafvollzugs zusammenhängenden Fragen, vor allem auch die von der Fraktion geforderte Sicherung des brieflichen Verkehrs zwischen Gefangenen und Abgeordneten, sollen noch ein- mal gesondert durchberaten werden: wahrscheinlich wird der Rcchtsausschuß diese Arbeiten erledigen. Der sozialdemokratische Antrag auf Abschaffung der Todesstrafe wurde gegen die Stimmen der Linken abgelehnt. Am 31. August beginnt der Hauptausschuß die Beratung de» Haushalts sür Wissenschaft, Kunst und Volksbildung. Beamtin unö Ehe. Ein Protest der weiblichen Reichstagsabgeordnete«. Tie'weiblichen ReichStagSabgeordne'ten aller Parteien haben folgende« Schreiben an die Mitglieder de« Reichs- tag« gerichtet: „Die Frauen des Reichstag? wenden sich nochmals dringend an die Mitglieder des Reichstags, den Beschlüssen des HauShaltungS- auSschusseS zu Artikel 14 der Personalabbauverord- nung nicht zuzustimmen. Der Artikel 14 widerspricht den der- fassungsgemäß den Frauen gewährleisteten Rechten, er geht über die Heuligen großen sozialen Schwierigkeiten der Eheschließung hinweg und unterstellt die verheirateten Beamtinnen einem Sonderrecht, gegen das sie vom Standpunkt der Frau und der Beamtin mit Recht auf das nachdrücklichste Verwahrung einlegen."_ der österreichische visumzwang. Gleichzeitige Verhandlungen mit Italien. Dien. 18. Juli.(Eigener Drabtbericht.) Die Verhandlungen zwischen Deutschland und Oesterreich zur Aufhebung d»S Visumzwanges für Reisepässe stehen vor dem Abschluß. ES darf ol» sicher angenommen werden, daß demnächst der Bifumzwang ganz wegsallen wird. Oesterreich plant ein ähnliche? Paß- abkommen mit Italien. Schritte find schon zu diesem Zwecke in Rom unternommen worden. Truppen nach Marokko. „Besorgniserregende Zuspitzung der Lage." pari». 18. 2uli.(Eigener Drahtbericht.) Die n«ue besorgni»- erregend« Zuspitzung der militärischen Lage in Marokko hat die französische Regierung veranlaßt, die Entsendung neuer großer Truppen Verstärkungen anzuordnen. Außerdem wird sich Marschall P« t a i n, einer der fähigsten Generäle Frank- reich?, am Freitag im Flugzeug noch Fe» begeben, um dort mit dem Marschall Lyauthey über die Fortsetzung der Operationen zu beraten. Es ist sicher kein Zufall, daß die französisch« Regierung sich diese Maßnahmen bis nach der Bertagung des Parlament» aufgespart hat. Die offizielle Ankündigung, daß die französischen Friedensbedingungen in den nächsten Tagen Abd el Krim bekannt- gegeben werden sollen, dürste nichts mehr als eine Beschwichtigung der assentlichen Meinung sein. Der Korrespondent des„Journal" in Fes berichtet, Abd el Krün habe einem französischen offiziellen Abgeordneten gegenüber erklärt. daß er kein Wofsenstillstandsangebot annehmen werde. Die Solidarität der Muselmanen. London, 18. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die Araber Palästinas entwickeln ein« rege Scimmeltätigkeit, um Geld- mittel für Abd el Krim zusammenzubringen. In der Omar- Moschee wird für den Sieg der Rifkabylen gebetet. Verschwörung gegen öie türkische Republik. Rechtzeitige Aufdeckung. Sonstan tinopol. 18. 2uli.(Eigener Drahtbericht.) In ver» schieden«» türtischen Städten hat die Regierung in den letzen Tagen eine weitverzweigte Verschwörung gegen die Re- publik aufgebeckt. All« jetzt führenden Politiker sollten von den Anhängern des alten Kalifen ermordet werden. Ein« ganze Reihe von Verhaftungen ist vorge- nommen worden. Dos republikanische Tribunal hat gegen de» früheren Sultan Wagid Eddin, den Prinzen Selim und Kiras Hamgi-Pascha«in« gerichtliche Verfolgung eingeleitet. Seine dänische Sabinetlstrise. Die Mitteilung eine» Berliner Abendblattes, daß der frühere dänische Gesandte und jetzige Außen- minister des sozialdemokratischen dänischen So. b i n e t t s, Moltte, aus dem Amte zu scheiden beabsichtige, ist frei erfunden. Der Minister befindet sich zurzeit in London, wo er mit dem englischen Kabinett verhandelt. Di« Danziger Hosenzone. 2m Danziger Postkonflitt hatte der Ständige 2»ternolionale Gerichtshof entschieden, daß Polen im Danziger Hasengebiet eine eigene Post einrichten dürfe. Zur Fest- setzung der Grenzen diese» Hafengebiets berief der Völkerbundrat le einen Schweizer, Holländer, Brasilianer und Belgier. Dieser Ausschuß prüfte in Genf die Akten und begab sich danach nach Danzig. Die tschechoslowakischen Minister, die infolge de» Aatitan- konftikts zurücktraten, führen vorläufig ihre Aemter weiter fort. �ur Räumung öes Ruhrgebietes. Die Zahlen der Gesamtbesatzung im deutschen Westen. Verlin. 16. Juli.(TU.) Die Nachrichten über die Räumung des Ruhrgebietes sind vielfach widersprechend. Das hat seinen Grund darin, daß die Franzosen anscheinend ihre Truppen kompagnie- und sogar z u g w« i s e aus dem Ruhrgebiet zurück- ziehen. Daß verschiedentlich im altbesetzten Gebiet Quartiere sür die Ruhrbesatzung angefordert werden, läßt nicht unbedingt darauf schließen, daß die Ruhrbesatzung nun dem a l t b« s e tz t e n GebietzurLo st fallen wird. Es ist möglich, daß die Truppen im Rheinland konzentriert werden und datz sie dort ver- teilt werden. Die marokkanische Division» deren Abtrans- port nach Marokko gemeldet wurde, besteht nicht nur aus Marokta- nern, sondern auch aus Angehörigen anderer afrika- n i s ch e r Stämme unter sranzösischen Stabsoffizieren. Die Gesamtbesatzung beträgt 117 000 Mann gegen 71 000 Mann früheren deutschen Militärs im gleichen Gebiet. 2 m oltbesetzten Gebiet haben die Franzosen zwei Armeekorps, eine Kavalleriedivision und Luftbrigade, ferner andere Formationen. wie Maschinengewehre und Tanks, die Belgier eine Armee- d i o i s i o n unter einem Generalkommando. 2m Ruhrgebiet standen zwei französische Divisionen und ein belgisches Detachement. Di« Gesamtbesetzung setzt sich zusammen aus 93000 Franzosen, 12590 Belgiern und 8 800 Engländern, dazu kommen im Brucken- köpf Kehl 1150 und im Saargebiet 4850 Mann Besatzung. Essen. 18. 2uli.(Eigener Drahtbericht.) Die Räumungvon Reckling hausen wird am 19. d. M. stattfinden. Das in Reck- linghausen stationierte Drogonerregimcnt Nr. 18, das als sliegende Truppe der 3. Division(32. Armeekorps) angegliedert ist, wird über Westerholt und Buer nach Essen abrücken, von wo die Truppen nach Landau verladen werden. 2n Landau stehen bereits 3 Regimenter Dragoner. Von französischer Seite verlautet, daß nach einer am Donnerstag bekanntgewordenen Verfügung des Kriegsministeriums sämtliche au» den zu räu in enden Teilen des Ruhrgebiets freiwerdenden 2nsanterieregimenter sofort nach dem Abtransport nach Marokko verladen werden. Die frei werdende Artillerie und Kavallerie wird in das besetzte Gebiet abtransportiert. GewerGhostsbewegurig /ZrbeiterSelegationen nach Rußlanü. Genosse Vollmerhaus. Sekretär des ADGB. für Verlin- Brandenburg, schreibt uns: Angesichts des vielen Geschreis der Kommunistischen Partei über die Entsendung von Arbeiterdelegationen nach Ruhland zum Studium der russischen Wirtschafts- und Arbeitsverhältnisse, möchte ich aus meiner Erfahrung einiges zur Beurteilung über die BeHand- lung solcher Delegationen mitteilen. Im Januar und Februar 1922 wurde ich vom Internationalen Gewerkschaftsbund beauftragt, einen Transport Lebens- mittel für die hungernden Russen nach dem Hunger- gebiet zu schaffen. Dabei hatte ich Gelegenheit, mich 14 Tage in Moskau aufzuhalten. Als ganz selbstverständlich betrachtete ich es, gerade in der damaligen Zeit, auch Betriebe zu besichtigen. Eines Tages entfchloh ich mich, zum dortigen Metallarbeiter. verband zu gehen, um den größten Metallbetrieb Moskaus be- sichtigen zu können. Es wäre nun noch den allgemeinen, in Deutschland vorHerr- schenken Begriffen, wonach die russischen Gewerkschaften die T r ä g e r der dortigen Betriebe seien, einfach gewesen, mir einen solchen Be- trieb zu zeigen. Aber weit gefehlt! Der Sekretär des Metall- arbeiteroerbandcs war entweder dazu nicht in der Lage, oder er wollte nicht. Ich mußte deshalb wieder unoerrichteter Sache von bannen ziehen. Trotzdem ließ ich mich nicht abhalten, am nächsten Tage wieder hinzugehen. Wieder gab es allerlei Aus- reden, bis ich ganz energisch darauf bestand, mich mit dem Borsitzenden der Allrussischen Gewerkschaften, Herrn L o s o w s k i, telephonisch zu oerbinden. Losowski, den ich in Berlin kennengelernt und der durch die deutschen Gewerkschaften die Einreiseerlaubnis nach Deutschland erhalten hatte und von uns in jeder Weise unterstützt worden ist, war nicht gerade erbaut von meinem Berlangen, den Moskauer Metallbetrieb zu besichtigen.'Ich konnte nur ein paar Sätze über diese Angelegenheit mit ihm telephonisch reden. Ich haste jeden- falls erreicht, daß nunmehr der dortige Metallarbeiterverband ver- anlaßt wurde, mir den Betrieb zu zeigen. Damals hatten auch die russischen Gewerkschaften Autos zur Berfügung. Die zu besichtigende Fabrik liegt außerhalb der Stadt. Ich nahm mir zur Besichtigung einen deutschsprechenden Ingenieur als Dolmetscher mit. Tags darauf sollte die Besichtigung stattfinden. Das Auto fuhr vor. Als man jedoch meinen Dolmetscher bemerkte, konnte das Auto auf einmal drei Personen nicht ertragen. Erst durch mein ganz energisches Auftreten, daß ich dann auf das Auto verzichte und zu Fuß den Betrieb aufsuchen würde, bequemte man sich zu der Fahrt. Als ich dann wieder nach Deutschland kam und ein zweiter Transport nach Rußland geschafft werden sollte, wurde ich von lettischen Genossen gewarnt, nicht wieder nach Rußland zu fahren. Ich hatte nämlich seinerzeit der Oeffentlichkeit die dortige Arbeits- weise und Betriebsverhältnisse geschildert. Mir konnte man keine Botemkimschen Dörfer vormachen. Den Arbeiterdelegationen wird man aber nur diese zeigen, davon bin ich aus Grund meiner Ersah- rungen überzeugt._. Tic Selbstverwaltung der Postkleiderkaste. Für den Bezirk jeder Oberpostdirektion besteht eine Kleiderkasse, die den Zweck hat, den Mitgliedern die nötigen Dienstklcidungsstücke zu verschaffen. Die Kosten der Dienstkleidung trägt zu einem Drittel die Postverwaltung, zu zwei Dritteln werden sie von den Mitgliedern der Kleiderkasse getragen. Die Kleiderkassen haben eine Satzung, die ihre Aufgaben und ihren Geschäftsbetrieb regelt. Der Borstand der Postkleiderkasse im Bezirk Berlin bestand bis auf den satzungsgemäß von der Oberpostdirektion zu ernennenden I. Borsitzenden aus Beamten freiaewerkschaftlicher Organisationen. der mit Nachdruck die Interessen der Beamten gegen. über den kartellierten Uniformliefcranten aus d e m Tuchfyndikat vertrat. Die Oberpostdirektion, der dieser Vorstandunbequem wurde, erhob gegen ihn d e n B o r- wurf der passiven Bestechlichkeit, ohne jedoch im Zeit- räum von 4 Monaten ein gerichtliches Verfahren einzuleiten. Viel- mehr wurden zwei Mitglieder des Vorstandes vom Amt suspendiert und zwei weitere Mitglieder zwangsweise ihrer Vorstandsposten enthoben und zu ihren Dienststellen zurückversetzt. Auf Antrag einer gegnerischen Organisation wurde von der Oberpostdirektion eine außerordent- licheHauptversammlungder Kleiderkasse zum Zweck einer Neuwahl des Vorstandes einberufen. Diese Maßnahme widerspricht dem klaren Wortlaut der Satzung und wird von dem rechtmäßig gewühlten Vorstand nicht anerkllnnt. Trotzdem hat diese außerordentliche Versammlung stattgefunden und in Anwesenheit von drei Posträten, denen die elementarste Technik der Versammlungsleitung abging, wurde ein neuer Vor- stand gewählt. Ein Oberpostrat verlas in der Versammlung eine 16 Seiten lange Verfügung der Oberpostdirek- tibn gegenden alten Vor st and, ohne daß es den Angegrif- fenen möglich gewesen wäre, sich dagegen zu verteidigen. Satzungen, Vereinsgesetz und Bürgerliches Gesetzbuch kümmern die Oberpost- direktion nichts, sie fühlt sich auch in privatrechtlichen Angelegenheiten der Beamten als vorgesetzte Behörde. In der außerordent- lichen Hauptoersammlung der Postkleiderkasse ging es daher sehr erregt zu. Etwa 60 Delegierte verließen den Saal, weil sie d i e Rechtmäßigkeit der Versammlung nicht aner- kannten und beauftragten den alten Vorstand, die ge- richtliche Entscheidung herbeizuführen. Es wird sich also demnächst zeigen, ob die vorgesetzte Behörde selbstherrlich über die Mitgliederbeiträge zu oerfügen hat, oder ob auch die Behörde sich den Satzungen fügen und den Mitgliedern der Kleiderkasse das ausdrücklich zugestandene Mitbestimmungsrecht ge- währen muß. Zur iogc im Sauarbeiterstreik. Entsprechend den Beschlüssen der am Bauarbeiterstreik beteiligten Organisationen haben sich am Donnerstag die bereinigten Streik- leilungen mit der augenblicklichen Situation befaßt. In den nächsten Tagen werden Versammlungen stattfinden, die sich mit den Vorschlägen der Streikleitung beschäftigen werden. Die Stukkateure zum Bauarbeiterstreik. In einer stark besuchten Versammlung der Fachgruppe Stuck- und Gipsbau im Gewerkschaftshaus gab Scheck als Berliner Fachgruppenobmann einen zusammenfassenden Bericht über die all- gemeine Streiklage. Cr stellte unter anderem klar, daß die Behaup- tung des Syndikus Dr. M i l e n z, die Fachgruppe beteilige sich aus Sympathie am Streik, nicht zutreffe. Der Lohn der Stukka- teure und Rabitzer regelt sich prozentual nach dem Maurer- lohn. Durch die Ablehnung der Lohnforderungen der Maurer ist auch diese Gruppe automatisch in den Kampf hineingezogen worden. Er gab weiter bekannt, daß ein Unternehmer die Gruppen- leitung ersucht hat, zur Ausbildung und Ueberwachung der Lehr- linge einen sogenannten Polier, den es nach dem Tarifvertrag im wirklichen Sinne nicht gibt, freizugeben. Dieses Ansinnen wurde von der Versammlung mit Entrüstung zurückgewiesen, da es den Anschein hat, in die Reihen der Streitenden eine Bresche zu schlagen. Es wird gedroht, die Lehrlinge ohne Bezahlung aussetzen und sie diese Zeit nachlernen zu lassen. Einen ganz kuriosen Stand- punkt nimmt die Firma Iunkersdorf ein. Sie ersucht, die Arbeit bei ihr wieder aufzunehmen, da sie gewillt ist, nach er- folgter Beendigung des Kampfes die durch ihn er- zielten Löhne zu zahlen. Wenn man nach diesem Rezept verjähren würde, brauchte man ja nach Ansicht der Firma überhaupt nicht erst zu streiken. Die Versammelten brachten klar zum Ausdruck, daß auch sie im Rahmen der gesamten Bewegung des Baugewerbes bis zum vollen Erfolge ihren Mann stehen werden. Travsportarbeiterstreik bei Albert Gleiser A.-G.- Die bei der Firma Albert Gleiser, Berlin, Alexanderstraße, be- schäftigten Transportarberter führen seit Monaten Beschwerde über die' ihnen zugemutete außerordentlich lange Arbeitszeit. Wieder- holte Verhandlungen fübrten zu keinem Erfolg. Die Firma der- sprach wohl Abhilfe zu treffen durch bauliche Veränderungen und dergleichen, ging statt dessen jedoch dazu über, als das Geschäft kurze Zeit stockte, mehrere Transportarbeiter wegen Arbeitsmangel zu entlassen um vier Tage später, als der Geschäftsgang wieder ein- setzte, von den Arbeitern Ileberstunden bis in die Nacht hinein zu verlangen. AIS die Arbeiter erneut wegen Abschaffung der lieber- stunden, bezw. Bezahlung derselben vorstellig wurden, wurde von ihnen verlangt, solange zu warten, bis der Inhaber der Firma am Ende des Monats von seiner Erholungsreise aus der Schweiz zu- rückkehre. Da eine Einigung nicht zu erzielen war, wurde am Montag die Arbeit eingestellt. Aus dem„Terra-Glashaus". Das Arbeitgeberlohnkartell der Filmindustrie ließ uns folgende pressegesetzliche Berichtigung auf die in den Nummern 326 und 329 des„Vorwärts" erschienenen Auslassungen über einen „Angriff der Filmunternehmer" zugehen: „Am 7. Mai 1924 wurde zwischen dem Arbeitnehmer. lohnkartell der Film in du st rie, bestehend aus dem Deutschen Metallarbeiteroerband, Deutschen Vcrkehrsbund, Verband Deutscher Holzarbeiter, Verband der Zhnmerer, Verband der Sattler und Tapezierer, Verband der Maler, Verband der Steindrucker und Lithographen, Verband der Maschinisten und Heizer, Deutschen Werk- meisterverband, der Deutschen Filmgewerkschast und dem Arbeit- geberlohnkartell der Filmindustrie, bestehend aus dem Ver- band der Filmindustriellen«. B., Schutzverband Deutscher Film- kopieranstalten, Verband Deutscher Filmateliers, Zentraloerband der Filmoerleiher, ein Manteltarif abgeschlossen, der am 2S. Juli 1924 von der Reichsarbeitsverwaltung— IV 449 19— für all- gemeinverbindlich erklärt worden ist. Am 28. November 1924 ist nach dem von dem Vertreter des Verbandes der Steindrucker und Lithographen und des Verbandes der Maler unterschriebenen Proto- koll ausdrücklich festgestellt worden, daß die Filmgewerkschaft aus dem Arbeitnehmerlohnkartell ausgeschieden ist. Der Grund hierfür war der, daß die Filmgewerkschaft den Manteltarif, ohne die übrigen Mitglieder des Lohnkärtells zu befragen, die denselben noch fort- setzen wollten, gekündigt hatte. Dieser Manteltarif besteht noch heute als allgemeinverbindlicher Tarif unverändert fort. Der Antrag auf Aushebung der Allgemeinverbindlichkeit ist am 29. Mai 192ö ab- gelehnt worden. Am 23. Juni 1923 ist zwischen den beteiligten Ver- bänden ein neues Lohnabkommen für die Zeit vom 26. Juni 1925 bis zum 1. bzw. 2. Oktober 1923 getroffen worden, das die Unterschriften von sechs Gewerkschaftsvertretern trägt. Die Terra-Glashaus G. m. b. H. ist Mitglied des Ver- bandes Deutscher Filmateliers und als solches gemäß ij 1 der Verordnung über Tarifverträge an diesen Vertrag gebunden. ebenso wie u. E. die Filmgewerkschast bzw. die Mitglieder derselben an das Lohnabkommen gebunden sind. Die am Tarif beteiligten Ge- werkschaften haben ausdrücklich auf Befragen erklärt, daß für sie kein Streik bestehe, da ja ein gültiges Lohnabkommen am 26. Juni cr. abgeschlossen sei. Bei dieser ganzen Sachlage müssen wir darauf hin- wessen, daß der Streik der Arbeitnehmer derTerra-Glashaus G. m. b. H. sich lediglich gegen den Atelierbetrieb dieser Ge- s e l l s ch a f t und nicht gegen den Betrieb der mit der Terra-Glas- Haus G. m. b. H. nicht identischen Filmfabrikantin bezieht. Die Her- siellerin war lediglich Mieterin des Ateliers. Wenn sie also ein neues Atelier mietete, wie beispielsweise das May-Film- Atelier, so hotten die Arbeitnehmer desselben gar keinen Grund und kein Recht, die Arbeit zu verweigern." Zu dieser Berichtigung erklärt die darin angegriffene Film- gewerkschaft: „Es trifft zu, daß ein verbindlicher Manteltarif besteht, was auch von uns bisher nicht bestrttten worden ist. Fest steht aber, daß das Lohnabkommen keinerlei rechtsverbindliche Kraft besitzt und von den in der Berichtigung aufgeführten Ver- bänden für ihre Mitglieder abgeschlossen wurde. Sowohl vom Schlichter, als auch von den Vertretern des Verbandes der Film- industriellen wurde zugegeben, daß keinerlei Bindung für die Mitglieder der Filmgewerkschaft besteht. Dieses wird in der Zuschrift vom 28. Februar 1925 an die Deutsche Film- gewerkschaft ausdrücklich betont, mit dem Hinweis, daß wir nicht mehr Vertragsparteien feien und daher zu Lohnoerhandlungen nicht herangezogen werden. Hieraus ergibt sich also, daß sich die D e u t s ch c Filmgewerkschast nicht selb st ausgeschlossen hat, sondern von den Arbeitgebern ausgeschlossen worden ist. Es kann daher den Arbeitgebern schließlich gleich- gültig sein, welche Ursachen dem Austritt der Filmgewerkschaft aus dem Lohnkartell zugrunde lagen. Wir weisen ferner darauf hin. daß uns das ineinandergeschachtelte System der einzelnen Filmunter- nehmer und deren Zweck wohl bekannt ist. Da ja Professor Glaß Filmfabrikant im eigenen Atelier war, so spielt es gar keine Rolle, ob die Belegschaft ihre Forderungen gegen die„Terra- Glashaus G. m. b. H." oder gegen den Atelierbetrieb dieser Gesellschaft geltend machte. Wenn nun die Unternehmer der Belegschaft May-Film das Recht absprechen, aus Solidarität S t r e i k a r b e i t zu verweigern. so möge diesen Herren gesagt sein, daß Solidarität zu den vor- nehmsten Aufgaben des klassenbewußten Proletariats gehört." Metallarbciteraussperrung in Mecklenburg. Die mecklenburgischen Metallindustriellen haben als Gegen- maßnähme gegen den Metallarbeiterstreik die Aussperrung an- gedroht, iöa trotz dieser Drohung die Arbeit am Dienstag nich> aufgenommen wurde, erfolgte am Donnerstag die Aussperrung 53 der gesamten Metallindustrie Mecklenburg?. Massenaussperrung in der Aachener Nadelindustrie. Die Aussperrung der gesamten Belegschaft in der Aachener Nadelindustrie ist gestern Donnerstag erfolgt. Verhandlungen unter dem Vorsitz von Ministerialrat Dr. MeveS wurden kurzerhand ab- gebrochen. Von der Sussperrung werden über 3099 Arbeiter betroffen. Ter Abbau im Ruhrgebiet. Wie auS Duisburg gemeldet wird, hat die„Friedrich- Albrecht-Hütte' der Firma Krupp in Rheinhausen zwei Hochöfen außer Betrieb gesetzt und 690 Arbeitern gekündigt. Da sich den existenzlos werdenden Arbeitern keine andere Erwerbs- Möglichkeit bietet, bleibt ihnen nur die Erwerbslosenfürsorge. Auch in Augsburg ausgespielt! Bei der Delegiertenwahl zum BrcSlouer Gewerkschaftskongreß in der Augiburqer Verwaltungsstelle deS Deutschen vietallarbeiler- Verbandes entfielen 1>/, Proz. der abgegebenen Stimmen auf die Liste der Kommunisten, während sich die übrigen 98Vz Proz. der Stimmen auf die Amsterdamer Liste vereinigten., Die Eiserne Internationale. Amsterdam, 16. Juli. sEigencr Drahtbericht.> Der Vorstand der Metallarbeiter-Jnternationale tritt am Sonn«, tag in'WieSbaden zusammen. Vor allem soll Beschluß über eine internationale Aktion zur finanziellen Unterstützung der Streikenden gesaßt werden. Vorläufig wurde der belgischen Zentral st reikl e irung von der Metallarbeiter- internationale eine halbe Million Frank zur Verfügung gestellt.__ In Belgien streiken 7tt Nvv Metallarbeiter. Brüssel. 16. Juli.(Eigener Drahtbericht) Tie Sketallarbeitcr der Provinz L ü t t i ch und des Borinage schloffen sich am Donnerstag dem Generalstreik der belgischen Metallarbeiter an. Damit sind nunmehr insgesamt 79 999 Metallarbeiter am Streik beteiligt.____ Seernannsstreik in Anstralien. London, 16. Juli.(Eigener DrahtberichH. In Melbourne begann am Dienstag ein wohlvorbereiteter Seemaniisstreik. an dem sich 8999 Seeleute beteiligen werden. Die Schiffseigentümer und Dampfergesellschaften bereiten sich auf einen längeren Ausstand vor. Verantwortlich für Politik: Victor Schiff: Wirtschaft: Vrtbur Satcraa«: Dewcrtfchaftsbewctiuno: Z. Steiner: Feuilleton: Dr. John Schikowoki: Lokales uns Sonstiaes: Frih JtarftSdt: Ameisen: Th.,.. 120.. IIP für die Reise- Rahnkes lelevisi! Besonders gflnsflges(Ingeaol. Unsere Televist- und Gral-Gläser werden in eigener Fabrik bei Rathenow hergestellt Wir zeigen dieselben gerne ohne jeden Kaufzwang und laden freundlichst zur Besichtigung ein. FOr den Strand and das Gebirge empfehlen wir unsere SoDoenscbntzgläser in allen Farben und Preislagen. 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Jahrgang yfti\''UtouUsi' WMi_ ruvö�Hois�Jit-(JjMJca/mwww: Wenn werde rsch« Kirschen»md Endbeeren uns oon den Wogen der Straßenhändler entgegenleuchten, so ist es das Zeichen, daß die arbeitsreichste Zeit des Jahres in Werder begonnen hat. Die Obst. ernte ist im vollen Gange. Ans dem Plantagenplatz in Werder, wo sich an den Blütentagen Bierzelte, Wurstbuden, Karussells, Würfel- buden dicht aneinander drängten, steht man jetzt die von der Groß- stadt zugewanderten.Kirschenpflucker" im Grase lagern, um aus den Abruf zur lohnenden Arbeit mit voller Betöstigung zu warten. �rbeitsneulanü. Morgens um 4 Uhr ist in der Märkischen Obstkontmer bereits alles auf den Beinen. Der weinmeister fährt mit seinen Leuten in die Obstläudereien. 3000 Hektar umfaßt das gesamt« Obstgeländ«, welches zwischen den Dörfern Alt-Geltow, Petzow, Glindow, Plessow und Kemnitz eingebettet liegt. Auf hohen Leitern in den Kirsch- bäumen stehend, oder gebückt die Erdbeerreihen durchziehend, wird nun von fleißigen Händen das reife Obst gepflückt. Es füllt sich Tienc um Tiene, Korb um Korb. Gegen Mittag wird das gepflückte Obst fortieri, sorgfältig in Spankörbe und Dienen gelegt und nun zur Dampferstalion oder zum Bahnhof befördert. Wer in Werder an den Hauptzugangsstvaßen wohm, muß sich eines gefunden festen Morgenschlafes erfreuen können; denn um 4 Uhr früh raffeln die Fuhrwerke auf Kindskopfpflaster unaufhörlich zur Stadt hinaus. Auch ein Viert« lstündchen Nachmittagsschlcrs gibt, es nicht; denn da zählen die Wagen, die mit Obst schwer beladen über das Pflaster rollen, nach Hunderten. Welchen Umfang der Obstbau nach und nach angenommen hat, läßt sich aus folgenden Zahlen ermesien. Durch das vampsschifs werden jährlich durchschnittlich nach Berlin befördert: S0 000 Zentner Obst, darimter 40 000 Zentner Kirschen und 3000 Zentner Himbeeren. Nach Hamburg gehen jährlich gegen 10 000 Zentner. Der Dersand aus Werder mit der Lahn ist aus 40 000 Zentrier angegeben, so daß die Gesamtausfuhr an Obst sich über 100 000 Zentner beläuft. Diese Zahlen reden aber auch ein« deulliche Sprache von dem Fleiß der Werderaner, und er bleibt nicht im- delohnt. Mit gefüllten Taschen kehren die Frauen der Obstzüchter, manche täglich, andere wöchentlich nur einmal auf wenig« Stunden während der Erntezeit in ihr Heim zurück, nachdem sie das ihnen täglich gesandt« Obst in den Markthallen Berlins verhandelt haben, um die erzielt« Einnahme dem daheim schaffenden Momt zu überbringen. die Anfänge üer Gbftstaüt. Man sieht es dem jetzt zirka 7000 Einwohner zählenden Städtchen nicht an, daß es schon ein ehrwürdiges Alter besitzt. Zur Zeit Karls des Großen wohnten hauptsächlich in der sumpfigen Havelgegend die heidnischen Wenden, und die Insel Werder, von Wasser umgeben, bot denselben einen sicheren Zufluchtsort gegen die feindlichen Sachsen, die ihnen mit Gewalt das Christentum aufdrängen wollten. 930 übersiel der Sachsenherzog Heinrich I die in Werder wohnenden Chodzyschen Wenden, ihr König Ehodzy flüchtete, und ohne An- XQAm pM&Ji MW V l4W''' Belm Kirschenpflücken sichrer unterwarfen sich nun die Wenden und wurden Christen. Oft lehnten sich jedoch die Wenden gegen ihre Bezwinger auf und so bekamen sie das Rittergeschlechk Sloteke als Aufseher, das Jahr- hunderte hindurch die stark« Faust führte, bis deren einer der Slotekes in großer Geldverlegenheit die Insel für 1S00 Taler im Jahre 1317 an das Kloster Lehnin verkaufte. 3» einer Urkunde vom 21. Oktober 1459 unterzeichnet vom Kurfürsten Friedrich II., dem Eisenzahn, wird Werder zum erslenmal als Stadt erwähnt, es wird ihr als solche das Recht zugesprochen, zwei Jahrmärkte abzuhalten. Als Sinnenspiel. ls Aus einem Tagebuch. Mitgeteilt von Kurt Eisner. H...... 30. Juni 189. Uebermorgen werde ich also zum ersten Male in meiner acht- jährigen Ehe auf längere Zeit verreisen, allein und zu meiner... Erholung. Der drohende Tod hat mich gesegnet: er machte aus einer allen verheimlichten Sehnsucht eine Pflicht. Ich muß reisen, um mich den Rt« in igen zu erhalten. Der Arzt, von dem sie sagen, daß er mir das Leben gerettet, hat es besohlen, und ich folge gern. Ich hungere nach Einsamkeit und nach dem Meere; denn natürlich gehe ich wieder in mein liebes Fischerdorf, in dem ich vor Zeiten Jahr für Jahr Ruh« für mein« Unrast suchte und fand. Doch dies Ziel meiner Reis« ist mein Geheimnis. Der gut« Doktor hat mir «inen berühmten Kurort angewiesen, mit einem großartigen Sana- torium, gigantischen Preisen und einem umfangreichen Kirchhof. Man läßr sich dort chemisch reinigen und wechselt läglich dreimal die Garderobe, die Stimmung und das Leiden. Morgen vor der Abreise, wenn ich dos Fait accornjli(die vollendete Tatsache) des bestellten Rundreisebilletts in Händen habe, werde ich mich wegen jdes veränderten Reiseplanes meiner Frau anvertrauen. Seitdem der Entschluß bei mir feststeht, höre ich wieder un- «rblässig das Meer rauschen. Ich breite, wie ein Narr, ins.Nichts die Arme aus, öffne den Mund, um die phantasiert« Salzlust einzuatmen. und wenn ich in einem Schaufenster oder an einer An- schlagsänle ein Plakat mit einem Schiff seh«, verschmachte ich vor Begierde. Als ich, ein Knabe, das erstemal vom Meer in die Stadt zurückkehrte, lief ich wie gemütskrank umher. Jedes Bild. das ein bißchen Master zeigte, begann sich zu regen und zu locken. Ich habe niemals Marmorstatuen lebendig geträumt, aus Ehrfurcht vor der lauteren Kunst, aber die Wellenlinien eines Seestücks habe ich niemals schonen können, ohne sie Natur werden zu lassen. In Zeiten hochgradigen Meerfiebers stimmten mich sogar dre totesten Cchellsische sentimental, und die gelbe Butter, in der sie zu schwim- men lieben, wenn sie ausgerungen hoben, ward für mich zum Symbol leuchtender Unendlichkeit. Und doch! Mit dem freien, losgebundenen Gefühl wie der- «inst, so recht, als ob ein funkelnagelneues Leben beginne, reise ich jetzt nicht. Ich schleppe die Strick« nach mir, die mich an meine Familie, an meine Arbeit fesseln; die echte Freiheit werde ich nie- preis mehr kennen lernen. Wenn ich wenigstens meinen Jungen pnitnehmen dürfte! Aber der Arzt verbot es; das wilde Knäblein bedarf steter Aufsicht, und ich soll mir allem leben— drei Monate hindurch..... Helsen wird mir die Reise schwerlich. Denn die Ursache meiner Krankheit vernichtet sie nicht. Ich soll mich überarbeitet haben, so sagen sie alle, und ich lasse sie in dem Glauben. Welche Tor- hert! Als ob nicht gerade die Arbeit das einzige gewesen, das mich aufrecht erhiett! Ich siechte, weil ich nicht mehr leben mag, weil alle Freudigkeit erloschen ist, well ich das Glück so gründlich ver- loren habe, daß ich es nicht einmal mehr begehre. Ich bin glücklos. Vergeblich habe ich mir das all die Tage vor mir selbst verleugnet. Die Totsache wirkte trotzdem, langsam, unerbittlich, bis ich endlich zusammenbrach. Ich kranke an der Ehe..... Ich liebe mein Weib, ich bete meine Kinder an, still, scheu und Innig; denn sie sind schön, klug, gesund unb gut. Und ich bin un» glücklich! Anfangs glaubte ich, es fei die alle, ekle Erfahrung: die schnelle Uebersättigmrg nach der stürmischen Seligkeil junger Lei- denschaft, aus der kein Flecken unreiner Erinnerung an Bergan- genes ruht. Die Liebe ist eine Dienstmagd, die sich zum mindesten quartaliter verändern muß. Ich prüfte mich. Ich schaute mir an- de« Mädchen und Frauen an. Keine reizte mich, nicht einmal das Parfüm des Unbekannten war stark genug, um die Einsicht abzuschwächen, wie viel geringer sie alle seien als mein Weib. Wir lieben uns, wie am ersten Tage, treu und vertrauend, voll Hin- gäbe und Begehrlichkeit— aber wir sind wie zwei Instrumente, die um den winzigen Bruchteil eines Tones in der Stimmung aus- «inandergehen. Das Ohr wird in der Ehe fein, es hört die kleinste Differenz, ober wir vermögen es nicht, mit unseren plumpen Griffen die rechte Stimmung herzustellen. Je mehr wir es versuchen, desto falscher klingt es. Liegt es daran, daß unsere Interessen nicht übereinstimmen? Fast möchte ich es glauben. In der Kunst sind wir eines Geistes, und es sind unsere besten Augenblick«, wenn wir im angeregten Austausch der Meinungen aus dem Theater, dem Konzertsaal oder der Gemäldeausstellung heimkehrten. Aber von der Politik mag sie nichts wissen, von der dürren Wissenschast ebensowenig, und gerade hier schlägt das Herz meines Daseins. Wohl bin ich selbst schuld daran, daß unser Verhältnis so unerquicklich wird, trotz aller Liebe. Auch in der Eh« muß man Päda- goge sein. Wie man Kinder liebkost, auch wenn der Augenblick uns«ine eisige Laune zugeweht hat, so sollte man auch zwischen Mann und Weib die zärtlichen Formen der Liebe bewahren. Mir schien es stets wie eine Entweihung des echten Gefühls, feine Geste zu zeigen, auch wenn der Inhalt fehlt. Ich zeigte mich frostig, unter Joachim II. der Reformation in der Mark Eingang verschafsi wurde, und der Glanz der Klöster auch Lehnins Herrlichkeit damit erblaßte, traten die Werderaner der Lutherschen Lehr« bei und damii hörte das Eigentumsrecht des Klosters Lehnin auf. Somit war Werder 1S40 wieder frei. Die ersten Anfänge, daß Werder die märkische Obslkammer geworden ist, sind in der Glanzzeit des Klosters Lehnin zu suchen. Auf den am linken Havelufer nach Südwesten sanft ansteigenden Anhöhen pflanzten die Mönche die ersten Wein. reden. Auch heute erinnern die Namen Weinmeister und Weinmeister berg daran, daß die Weinrebe einst dominierend in Werder war. Um die Mille des 18. Jahrhunderts nimmt die Obstkultur in Werder ernen gewaltigen Aufschwung? neben der Weinrebe gedeiht schon mehr und mehr der süße Kirschbaum und mit jedem neuen Jahr zehnt verwandeln sich die eigentlichen Weinberge und Rebengärtcn immer häusiger in Obstplantagen, die vornehmlich Kern- und Stein obst auftveisen. heute ist der Weinbau gänzlich vergessen: aber mit um so größerem Fleiße hat sich der Werderaner dem Anbau de: Sirauchobstes zugewandt, unter dem die Hirnbeere die-»rste~t-ri■ einnimmt. Das Jenster im dritten Stock. Die Zellen sind vorbei, da der Berliner Vergnügen daran fand, vom Fenster aus das Straßenleben' zu beobachten und aus den Mienen der zu bestimmten Stunden einherwandelnden Personen auf die augenblickliche Gemütsstimmung des„allerhöchsten Herrn" zu schließen. Wenn heute ein Berliner Mädchen das Naschen an die Fensterscheibe drückt, so überfliegt ihr Blick nur mechanisch das Gewimmel dort unten und ihre Gedanken sind mit anderen Problemen beschäftigt. Aber am Rande der Großstadt und in den Vororten, da finden sich noch Blicke vom hoch- gelegenen Wohnfenster, die„malerisch" und„reizvoll" z» nennen sind. So sehr vom ästethischen Standpunkte das Ausführen solcher 3 bis 4 Stockwerke hoher Miethäuser in de* noch vorwiegend ländlichen Umgegend zu verurteilen ist— für den Glücklich-Unglücklichen, der sie bewohnt, bieten gerade die oberen Stockwerke einen Ausgleich für das Attentat auf seinen Schönheitssinn. Zunächst ist zweifellos die Lust, die er atmet, die relativ reinste: er steht schon über den Straßenbäumen, die, wenn sie Linden sind, ihren aromatischen Dust zur Blütezeit ihm zu allererst senden. Und dann die Aussicht! Nicht immer, aber doch vielfach schweift der Blick oon solcher Höhe Über Gärten, Parks, Wälder, Wasserläuse und Wiesen hinweg bis zu der nächsten Ortschaft, die sich am Fuße des mäßig hohen Bergrückens sell alten Zeiten vorfindet. Der Kirchturm d�s Ortes tut oft Barometerdienst: ist er deutlich sichtbar, so ändert sich das Wetter.(Wenigstens sagen so die Leute!) Ihm machen aber die Mosten der Funkstation eine mörderische Konkurrenz; sie schlagen seine Höhe um Pferdelängen. Aber der dazwischen liegende„Weinberg" mit seinem runden, be- waldeten Buckel kümmert sich weder um Religion noch um Technik: er ist älter als alles Menschengedenken und öffnet seine schattigen Hallen Gläubigen und Ungläubigen. Strömt einmal der Regen nieder, so bekommt unsere Landschaft ein anderes Gesicht: alles sieht so frisch gewaschen aus. Und unsere Phantasie bevölkert dann Flur und Hain mit Schwänen und Elfenkindern, die sich im lauen Sommerregen baden. Das schmutzige Tegel. Zu unserem Bericht über„Badeverhältnisse" in Tegel in Nr. 312 des„Borwörts" vom 4. d. M. sind uns zwei Zuschriften zugegangen. Die erste weist daraus hin, daß nicht, wie es in dem erwähnten Bericht heißt, vier kleine öffentliche Badeanstalten, sondern nur 2 bis 3 öifentlichc Badewannen in einem Parterreraum der Ge- meindeschule in der Tresckowstraße für 2S 000 Tegeler Einwohner zur Verfügung stehen. Die zweite Zuschrift ist eine durch dos Nachrichtenamt der Stadl Berlin übermittelte Erwiderung des Hauptgesundheitsamtes der Stadt Berlin, die wir im Wortlaut widergeben: „In der Protestoersammlnng des Arbeuerspartkartells, die sich mit der Verunreinigung des Tegeler Sees beschäftigte, wurde aus der Versammlung heraus anerkannt, daß das Hauptgesundheitsamt der Angelegenheit die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt habe. Tatsächlich hat auf Grund der in der Oeffenftlichkeit lautgewordencn Klagen das Hauptgesundheitsamt wiederholt Untersuchungen des Tegeler Sees vorgenommen und hier Verunreinigungen, wenn auch wenn ich es war, und mißfiel mir etwas an meinem Weibe, verriet es jeder meiner Worte, jede Gebärde. Ich flüchtete fast vor ihren Lippen, die sich leidenschaftlich darboten, wenn ich, in Wissenschaft- lichen Grübeleien versunken, allem Irdischen entrückt war; ich be- rührte flüchtig die tastende Hand, wenn ich trübselig war, und wie oft sah ich ihre stumme, zärtliche Werbung und tat doch so, als ob ich nichts bemerkte, nur weil mir selbst in dem Augenblick das volle drängende Gefühl fehlte. Ich wartete immer auf die großen Moment«, ich mochte nicht die Poesie unserer Liebe kommandieren. Ich trieb einen eifersüchtigen Kultus der Vergangenheit, wo wir aus einer stanken, reinen, ewig flutenden Leidenschast dahingingen... So wartete ich immer von Tag zu Tag, wenn wieder Einheit em- stünde zwischen der liebevollen Handlung und dem inneren Drängen, bis— mit den äußeren Beweisen der Liebe die Liebe selbst ver- ging. Ich nannte Lüg«, was tiefe Weisheit ist, und mit der sinnlosen Ehrlichkeit habe ich unseren Bund zugrunde gerichtet. Ich bin ein schlechter Erzieher gewesen, well ich allzusehr auf meine inneren Regungen lauschte, anstatt mit dem schönen Gleichmaß inniger, formedler Geselligkeit auch den Verkehr zwischen Mann und Weib zu schmücken und zu erhalten... Heute, an diesem hellen Sommermorgen, da ich den mora- tischen Rechnungsabschluß vor unserer ersten langen Trennung ziehe, übersehe ich das alles so klar. Ich k:>,ne meine Schuld und weiß das Mittel detz Sühne. Aber wenn wir uns wieder be- gegnen, erlischt meine Einsicht und wider meinen Willen und meinen Verstand beginnt sofort der still« Krieg, der uns verwüstet. Vielleicht, daß in der Trennung die Möglichkeit eines neuen Ledens erblüht. H...... 1 Juli 189. „Wohin willst du?" „Die Lampe anzünden, Schatz!" „Laß doch! Es ist so schön in der Dämmerung." „Du weißt, ich hasse die Dämmerung, weil sie zur llntätig'eü verdammt. Ich muß noch die Zeitung lesen." „Früher dachtest du anders über die Dämmerung." Früher— das Lieblingswort Klaras— trifft mich stets in:- die Berrchrung eines bloßliegenden Nervs. Auch gestern, als wir in unserem Balkonzimmer vor der geöffneten Tür miteinander saßen— die Kinder waren zu Bett gebracht— ward ich unmutig. Aber ich begnüge mich möglichst saust die Trivialität zu ärchern: i„Früher ja. Heute datieren wir: jetzt. Man muß sich in die Zeil schicken." Klara seufzte:„Ach ja, die Liebe! Sie ist geschwind— im Rückzug."(Fortsetzung folgt.) nicht in dem behaupteten Ausmaß, festgestellt. Da die-Remhalwng der öffentlichen Wasserläufe zu den Ausgaben des Staates gekört. hat sich das Hauptgefundheitsamt mit dem zuständigen Wasserbau- amt in Verbindung gesetzt und von hier auch Zusagen erhalten, aus Grund deren mit einer baldigen Abstellung der jetzigen Mißstände am Tegeler See zu rechnen ist." Der Vunüerdottor. Zwei Sachverständigengvtachlen. Der große Kurpfuscherei- und Betrugsprogeß gegen den Homeo- pathen.Dr." S i e m a n n, über dessen. Beginn wir bereits de- richtet haben, wurde gestern nachmittag vor dem Schöffengericht Schöneberg zu Ende geführt. Es wurde eine ganze Rech« von Zeugen vernommen, die die Hilfe de» Angeklagten w Anspruch genommen hatten. So bekundete ein« Zeugin, daß sie.Dr." Siemann zugezogen habe, um chren Mann wegen eine» schweren Nervenleiden» zu be- handeln. Sie glaubte, es mit einem Arzt zu tun zu hoben. Er machte auch fünf Hausbofuche und ließ sich 50 M. voraus bezahlen. Die Medikament« mußten extra bezahlt werden. Die Tätigkeit des angeblichen Arztes beschränkte sich darauf, daß er dem Kranken in die Augen sah. Eine andere Zeugin wurde veranlaßt, sich an den Angeklagten zu wenden, weil unter den Arbeitern in einem großen Jndustriewerk, in dem sie beschäftigt war, allgemein erzählt wurde, daß„Dr." Siemann ein sehr tüchtiger Arzt für alle Krankheiten sei. der Erfolge erziele, während andere Aerzte den Kranken schon längst aufgegeben hallen. Sie erhielt sogenannte.japanische Tropfen", die aber wirkungslos blieben. Die Sprechstunde war von Wartenden überlaufen. R.-A. Hans Fraustädter überreichte dem Gericht ein Pack von D a n k s ch r e i b e n, die Frauen au, allen Teilen Deutschlands dem Angeklagten überfandt hatten, in denen sie bezeugen, daß seine Mittel gut geHolsen hätten, so daß sie ihn überall in ihren Bekanntenkreisen empfohlen hätten. In der Ver- nehmung der Sachverständigen kam es noch zu einem Urtell über den Wert der Vorbildung des Angeklagten als Homeopathen. Medi- zinalrat Stoermer war der Meinung, daß Siemann, ein Tischler von Beruf, der nur einen Monat einen Privat kursus durchgemacht hat, und außerdem einige Monate öffentlich« Vorträge besucht hat, in keiner Weis« befähigt sei, etwas zu tun, was einer ärztlichen Hilfeleistung auch nur ähnlich sähe. Anders urteilte der Homeopath Dr. Lemke, bei dem der Angeklagte«inen Monat in der Prioatlehre gewesen war. Er hielt dies« Ausbildung für durch- aus genügend. Es komme bei den Krankheitsfällen, die der Angeklagte in der Hauptsache behandelt habe, vorwiegend auf den Suggestionseinfluß an. Dr. Lemke erklärte, daß er lieber zu dem Angeklagten gegangen wäre, als zu einem allopathischen Arzt. Nach längerer Beratung kam das Gericht zu einer Verurteilung des An- geklagten wegen fortgesetzten Betruges und unlauteren Wettbewerbs in Verbindung mit Urkundenfälschung und erkannte auf g Monate, 1 Woche Gefängnis. Der Antrag des Angeklagten auf Be- wähnmgAfnst wurde vom Gericht abgelehnt. Der vergebliche Gerichtsvollzieher. Ein besonderes Pech wollte der Gerichtsvollzieher Werner gehabt haben, der wegen Amtsunterschlagung vor dem Schöffengericht Wedding angeklagt war. Nach seiner Schilderung hatte er mit gefüllter Brieftasche eine Bierreise unter- n o m m e n. Es war im hohen Norden in der Fennstraße, als er spät nachts angetrunken nach Hause ging. Da wurde er an einer dunklen Stelle von mehreren Männern überfallen. Als er am nächsten Tag, noch stark benebelt, auswachte, will er bemerkt haben, daß ihm seine Brieftasche mit den einkassierten Gerichts- kafsengeldern in Höhe von 422 Mark fehlte. Nun wollte es aber der merkwürdige Zufall, daß ihm acht Tage soäter die gleiche Geschichte passierte. Auch da hielt er am Abend Einkehr in ein Wirtshaus und zechte in lustiger Gesellschaft. Später vermißt» er sein Geld. Diesmal waren es etwa 2l)t> M. Der Staatsanwalt wollte ihm diese Geschichte mit dem doppelten Verlust nicht glauben und war der Meinung, daß W. nur seine Unterschlagungen verschleiern wollte. Er nahm diesen in Haft. Eine Woche später meledete sich die Ehefrau und lieferte 400 M. a b. Sie behauptete, daß sie beim Herumkramen die Brieftasche mit dem abgelieferten Inhalt im Schreibtischkasten gefunden hätte. Auch das erschien dem Anklagevertreter unglaubwürdig, um so mehr, als der Angeklagte bei seiner ersten Vernehmung teilweise zugegeben hatte, von den amtlichen Geldern etwas für sich oerbraucht zu haben. Der Angeklagte gab das auch jetzt zu, wollte aber nur einen geringen Betrag entwendet haben, den er am nächsten Tage aus eigenen Mitteln hätte zulegen können. Ueber den rätselhaften Fund der Briestasche machte er die Angabe, daß er immer gewohnt war, tz seine Brieftasche in den Nachttischkasten zu legen. Am nächsten Morgen habe er sie dort vermißt und angenommen, daß sie ge- stöhlen sei. Er habe sich nicht mehr erinnern können, daß er die Brieftasche in seinem Zustand in den Schreibtisch gelegt hatte. Daher habe er dort auch gar nicht nachgesucht. Das Schösfengericht war überzeugt, daß der Angeklagte sich im Sinne der Anklage schuldig gemacht habe und verurteilte ihn zu 6 Monaten G e- f S n g n i s und 3 Jahren Ehrverlust. Zuchthans für einen Spion. Der 1. Fericm'enat des Kammergerichts hatte sich gestern unter Vorsitz von Senaispräsident Schnitz ker mit einem Fall des Landesverrats zu beschäftigen. Angeklagt war der frühere Feldwebel GrabianowSki, der den Krieg seit 1St4 auf deutscher Seite mitgemacht hat, aber dann in die polnische Armee eingetreten war und e» bis zum Hauptmann gebracht hat. Seine Beziebungen zu Deutschland und seine Kenntnis der militärischen Verhältnisse suchte G. auszunutzen. Er kam mehrmals nach Deutschland, »in sich hier als Spion zu betätigen. Der Angeklagte war ge- ständig und wurde zu 4 Jahren Zuchthaus und ö Jahren Ehrverlust verurteilt._ Cln Schlnßsest seines Dublkops-Deklbewerb« veranslallet der U l a p. VergnügungSvark am Lehrter Babnbos, am Sonnabend, den 18. d. MtS.« abends Tl, Nhr, aus dem all« prämiierten BudtlSpse persönlich anwesend iein werden, tum gegen 1t Uhr abends die Preise aus den Händen des PreiSrichter-KollegtumS in Empfang zu nebmen. 2 Tanz, und lv Garten- kapellen. seiner Feuerwerk werden dem Fest, das wirtliches Amlllement verspricht, eine besondere Note verleiben. Film und Bühne werden erscheinen, um den schönsten Bubtkops zu beglückwünschen, und viele Neberraschungen den Abschlug würdig gestalten. Um allen die Beteiligung zu ermöglichen, ist der Eintritt nur aus 1.— M. sestgesetzt worden. Eine role Jahne wurde am Sonntagabend beim Jugendscst im Schiller. park gesunden. Sie kann in der VorwärtS-Spedition Rewickcndors-Ost, Provmzstr. 56, abgeholt werden. ver Luaapark hat sür die zweite Juli-Hälfle die bekannte G r i x. G r i g o r h- Truppe, ilarischc Spiele, engagiert, die allabendlich um 9'L Uhr aus der Parkbühne austritt. Verzicht auf Rechtfertigung! Der Aall Adolf koch— ein sonderbares Disziplinarverfahren. Noch unvergessen ist die im vorigen Jahre begonnene Hetze gegen den Berliner Lehrer Adolf Koch, der mit Gemeinde- schulkindern unter Zustimmung der Eltern und auf ihrem Wunsch rhythmisch-gymnastische Uebungen— in Räumen des Schulhauses, aber nicht im Rahmen des Unterrichts— veranstaltete. Weil. er die Kinder nackt üben ließ, eiferte die rechtsstehende Presse gegen angeblich von ihm veranstaltete„Nackt- tä n z e", wobei der völlig unbegründete Gebrauch dieses anrüchigen Wortes— in(Erinnerung an die Vergnügungen der zahlungsfähigen Lebewelt, z. B. manches in der Landwirtschaftswoche nach Berlin kommenden Agrariers— die gewünschte aufpeitschende Wirkung hatte. Die Hetze, die eigentlich nicht so sehr dem Lehrer Koch als der ganz unbeteiligten Berliner Schulverwaltung galt, führt« zu einem Disziplinarverfahren gegen Koch, der noch vor der Entscheidung aus dem Schuldienst hinausgedrängt wurde, daß man ihn. den noch nicht fest angestellten Junglehrer,„abbaute". Aber das Verfahren nahm einen für Koch durchaus ehrenvollen Ausgang und brachte ihm unter Anerkennung seines sittlichenErnstes nur einen wegen formalen Ler stoße« erteilten Verweis, weil er die Uebungen mit den Kindern im Schul- hause betrieben hotte, ohne sich vorher mit der Aufsichtsbehörde nach Vorschrift in Berbindung zu setzen. Diese Entscheidung, die einen Zusammenbruch der gegen Koch und gegen die Schulverwaltung be- triebenen Hetze bedeutete, wurde damals, im Herbst 1924, v o n d e m Vertreter der Anklage durch Berufung ange- fochten, so daß man in absehbarer Zeit eine nochmalige Erörte- rung der Angelegenheit und eine neue Entscheidung erwarten durste. Begründet wurde die Berufung von ihm nicht, und begründet hat er sie auch bis heute noch nicht. Er hat sogar neuesten«, nachdem seit jener Entscheidung neun Monate hingegangen sind, ohne daß es zu einer neuen Verhandlung gekommen ist, durch Schreiben an den immer noch wartenden Disziplinargerichtshof aus- drücklich erklärt, daß er von einer materiellen Recht- fertigung der Berufung absieht und nur hinsichtlich der Höhe des Strafmaßes eine Nachprüfung des Urteils beantragt. Be- achtung verdient der Zusatz, daß er„der ihm erteilten W e i- sung entsprechend" so handelt. Auf die neue Verhandlung muß man gespannt sein, aber es weiß noch kein Mensch, wann sie stattfinden wird. Auch Lehrer Koch wartet, wie wir hören, mit Ungeduld auf die neue Entscheidung. Warum die Sache nicht vorwärts kommt, ist ein Rätsel. ver Postbote in Hltler-Uniform! In dem so überschriebenen Artikel in der DonnerStagabend-Nummer ist«in Drucks« b ler zn berichtigen. Geschrieben war, daß die schwarzweißrote Kokarde „hier möglicherweise kein(nicht: ein) Ausdruck der Gesinnung ihres Trägers wäre"._ -n. Leute 7 Uhr Schmidt» cvesellschaktthau», Frucht- strafte 36», Arcisoertreteroirsammlung. Thema: Die politische Lage in P teuften. Reser.: lben. Otto Meier, M. d. L. heule. Zreitag. den 17. Juli: C.«tt. Bejirf»führet! vom 17. Juli bi, 10. August übernimmt Den. Pusch die«ossengeschiifte. Abrechnung am 27. abend» bei Hühlke, Bergmann. «. Ari�RnüMa. 3 Uhr beim Den. Voigt, Berthe-lÄorferstr.», vorn IV, gemeinsame Kommission. Erscheinen nndedingt erforderlich. Anmeldung der Kinder zum Festzug bi» 20. Juli bei der /Genossin»artel, fleifter Str. Iß, nicht vergessen. ' mit' wlchttge Verls.«bt. Lichtenberg. 0 Uhr bei Moor. Reue Dohnhof Nr. fprechung der Funttionäre.__ Znngfoizalifte». Srnppe Mitte; cvrupvenobend fällt au». Dafür veteiliauna am Arno-Lolz-Abend der«nippe Rorden im Ledigenheim, Schönstedt- strafte 1(Jugendheim).. ZNorgen, Sonnabend, den IS. 3utl: 107.«W.«».»lieaiSe. Boistanbestftung 3 Uhr im Jugendheim. Reiche. bannerkameraden nzhmen daran teil. N. Abt. Am Sanntag. den 19. Juli, findet ein Ausflug muh 6em Lertha See flntt. Bahnfahrt bis Lohenneuendori. Treffpunkt Armlnplaft%3 Uhr norm. Nochbar-Abtlg. sind mit eingeladen. � Sterbetafel 6ct Groß'Serliner partei.Grganifation} 117.«bt. Lichtenberg. Genosse Sohensee, Lücöstr. 10», ist gestorben. Die Beerdigung findet Sonnabend, den 13., vormittag» 10 Uhr, in Marzahn statt. Jugenüveranftaltungea. heute, Freitag, den 17. 3ufl. abends 7% Uhr: Bi-marckstr. 12. iZmeck der SAJ.— B-amfch-Ienweg: chrnst- d.— Reu-Lichtenberg: Vrinz-Albert-Str. 44. vor- Siemensstr. 20(Schule). «Mershof: strafte 10. Glaftdrrnneradend.-------.-------„..._ trag: Zugendlchuft.— Roaiit I: Siemensstr. 20(Schule). Bortrag: Barum fozialistische Arbeiterjugend?— Renlölln II: Rogatftr. öS. Frift-Reuter-Abend. ----—~tt. 08/70 — Riederschönha uscn: Bwnkenburger Str. Diskussion: Ar» _____ am(Schule). beiteriug-iid'.— Nord asten I: Neue«önigstr. 21. Vortrag: Märkische Sagen. — Rorbosten II: Danziger Str.«2. Arbeiterdichterabend.— Rosenthaler vor. stadt: Sovhienstr. 21. Die Sozialistische Jugend! nternationale.— Schone- de« I: Rüben». Ecke Vauvtstraftc. Vortrag: Di« Sozialistische Iugendinter- nationale.— Beiftensee: Rälkestr. 167. Bortraa: Bub und Mädel.— verde. dezirk Wedding: Alle älteren Genossen beteiligen sich am Amo-Lolz-Abend im Ledigenheim, Eingang Orthstrafte. Anfang V48 Uhr. W«bteilnngsleiter! Die noch ausstehende»«brechnungen»llssen un- g Ü bedingt heute vorgenommen werden. k�Z Kamburgveetranensleilte. Heute letzter Tag für Abgabe der Listen|| der Lamburgteilnehmer. Arbeitersport. Fußball. Endspiel im Lichtenberg-I-Turnier! r�BDO»»____ ....... gegen Lichtenberg I hervor. Ob e» ihnen ober gelingt, die flinken Treptower zu schlagen, ist noch sehr fraglich. Bor dem Endspiel findet ein Trostfpiel zwischen Lichtenberg l und»dler 00 statt. Beginn der Spiele um 4 Uhr und um 0 Uhr.— Weitere Sonntag» spiele.,„Einigkeit 25" erhält aen„Stralau den Besuch der ld-Mannfchaft.„Potsdam* weilt mit der 1. Mannschaft bei „Stralau 1.", um dort feine Kräfte zu messen. Am Sonnabend abend Oid Ubr trifft st» in Reinickendorf„Borussia* und„Pankow 00*. Der Sonntag hat «benfall» nur schwachen Splelbetrieb. Uns stnd folgend« Spiel« bekannt ge. worden:„Germania*. Beiftensee gegen„BSV. 10*. ,.BorwSrts*.Lennlg»dorf gegen„All-Glirnicke* in Hennigsdorf.„Sparta*.Lichtenl>erg gegen„gehlen. dvrf* in Lichtenberg, Haissfstrafte. Vorher auf demselben Platz„Spart»- ««gen Rlchterswald« X". In Ketschendorf spielt„Berolina* gegen den Ort». „Britannia*: in der Hauffstrafte in Lichtenberg empfängt„Sparta* dir gute .«»kanta*.Elf:„Adlershof hat JE. S.£.* zu Gast. Anfang der Spiele um Itfttz llhr. vorher spielen die 2. Ingendmannschaften um 8 Uhr. Freie»arnerfchatt Lichtenberg.Fri-Drich»felde. Freitag, den 17. Juli, gu» fammenturnen der vereins-Männer. und-Iugrndriege im 3. Bezirk Friedrichs- Ide.— Sonntag, den 19. Juli, vereins-vadepartie na» dem Möllensee. 'vunkt W Uhr am Bahnhof Strolou-Rummelsburg. Fahrt bis�Erkner. Dienstag, den 21. Juli, i» der Turnhalle Lolteistraft«, 1. Bezirk, letzte Probe der Frciübunacn der Frankfurtsabrer. Alle müssen antreten. Frei««ataerfchast Renkölln-Britz, 2. Rän»«rabteilu»g. Während der Ferien auf unserem Platz(Dammmea) stet» Freitag» gemeinsam», Turnen mit der L Abt. Zum«irschblütenfest trifft st» die Abteilung am Sonnabend um 7 Uhr an der„Fahnenstange*. Die Teilnahm« an der Piertetiahresversamm. lun« am Mittmo». den 22. d. M.. wird iedem Genossen zur Pflicht gemacht. «rdeiter.Radfcchrer.Brrein.Graft. Berlin*. Sonntag, den 19. Juli, früh 5 Uhr: Streifzüge durch die Dubrow. Endziel Prirosdrück. Nachmittag, 1 Uhr; Hirschgartcn. Lokal Bilhelmshof. Sport. Gin erstklassige» oafionale» SIchcrield wird sich am kommenden Sonnlag aus der Berliner Olympia- Radrennbahn am Start zum Vorlaut um die Meisterschaft von Deutschland über KX) km einfinden. Reben der Frage, wer van den süns Teilnehmern L« w a n v w, Willig, Weiß,«rupkat und Fegadie Berechtigung zur Teilnahme am Endlaus erlangen wird, interessiert besonders auch da» erste Erscheinen des BreSlauer» F e j a auf einer Berliner Radrennbahn. Der Breslauer hat sich in den letzten Wochen ganz ausierordentlich verbessert und geht mit den besten RuOfichten in den Wettbewerb, zumal da ibm in dem Schrittmacher Franz Hvsmann ein bewährter und erfahrener Führer zur Verfügung steht. Da auch K a r I W i t t< g das erstemal in diesem Jahre auf der Olympia- Radrennbahn am Ablaut«richeint, sollte der Meislerschaits-Wettbewerb seine Anziehungölrast aus die Berliner Radtporl- sreunde nicht versehlen. Die Rennen nehmen nachmittags um 4 llhr Ihren Ansang._ Vorträge. Vereine und Versammlungen. # Reichsbanner.Schwarz Rot Gold". Gefchöftsfteti»! Berlin S. 14. Sebastionstr. 37/88, Lot 2 Te. Kameradschaft Prenzlauer Berg, 0. gn-r. Freitag, den 17., ö Uhr, Vollverlammlung bei Goldschmidt, Stotpilchc Str. 30. Di« Gruvvenführcr 7H Uhr.-»ameradschast»reuzbcrg. Block 14. Freitag 8 Uhr Versammlung bei Lchestreit, Reichcnderger Str. 124.— Kamrradschaft Reu. töll», 4. Fug. Freitaa 3 Uhr Fugveisammlung bei Echünemann, Franz- Köriier-Str. 17.— Kameradschaft Prenzlauer Berg, 4. Fug. Sonnabend, den 13. Juli, Fahnenweihe lm Kleinen Schultheift, Kastanienollce 28. Anfang 0 Uhr.— Ortsgruppe Tcupitz, Kr». Teltaw. Sonnabend, den 13. Juli, grofter revublikanifcher Abend im herrlich am Teupitzfer gelegenen Reh-»,rant Wald- frieden. Au»wärlige Kameraden vom Bahnhof. Motorbootfahrt durch den Femmin., S*"neriner. und Teupitzfce. Konzert, qrofteo Feuerwert, Tombola, Belustigungen aller Art. Um recht zahlreichen Besuch wird gebeten. «llgemeiue Kranken- und Stertekaffe der Bietailorieiter, vambarg, Filiale Neukölln. Sonnabend. 3 Uhr. bei Drieger, Lessingstr. 9, Mitglieder- Versammlung. Daselbst»usnahm« neuer Mitglieder. Henkels Scheuerpulver Unerreicht in seiner vielseitigen Wirkung ist dies ausgezeichnete Mittel. Es ist die beste Arbeitshilfe der Hausfrau in Küche und Wirtschalt. Ata putzt und scheuert alles! Zoröernöe Kirche. g Wie groß mag in Berlin die Zahl der unLerechtigtev Veranlagungen zur Kirchensteuer sein, mit denen so viele der in vorgeschriebener Form aus der K'irche aus- getretenen Personen noch belästigt werden? Wahrscheinlich gelangt nur ein geringer Teil der tatsächlich oorkonnnenden Miß- griffe dieser Art zu unserer Kenntnis, aber auch hiervon können wir begreiflicherweise immer nur eine ganz kleine Auswahl in unserem Blatt besprechen, weil die meisten Fälle einander gleichen wie ejn Ei dem anderen. Ein Fall aus Neukölln, der einmal von dem gewöhnlichen Verlauf abweicht, möge zeigen, wieviel Sche- rereien aus der bei den Kirchengemeinden und den Finanzämtern in Sachen der Kirchensteuerveranlagung so oft festgestellten Hilf- losigkeit(um nicht einen schärferen Ausdruck zu gebrauchen) sich ergeben können. Ein Dissident, der seinen Austritt aus der evangelischen Kirche vor ausreichend langer Zeit bei dem für ihn zuständigen Amtsgericht zu Protokoll erklärt hatte, so daß er schon seit mehreren Jahren nicht mehr kirchensteuerpflichtig ist, wurde durch Zuschrift des Finanzamtes noch zur Kirchensteuer veranlagt. Er chickts die unberechtigte Veranlagung kurzer Hand an dos F inanzamt zurück mit dem Bemerken, daß er wegen schon vor Iahren erklärten Austritts aus der Kirche kein« Kirchensteuer mehr zu zahlen habe. Weil er aber meinte, daß er für die Mißgriffe einer schlecht unterrichteten Behörde nicht auch noch die Kosten zu tragen brauche, unterließ er es, den Brief frei zu machen. Nach einiger Zeit wurde durch einen Postboten der inzwischen geöffnete Brief ihm ins Haus zurückgebracht und man verlangt« von ihm, daß er das Briefporto samt Strafporto nachzahle. Weil das Finanzamt die Zahlung verweigert hatte, wollte man sich an den Absender halten. Es scheint, daß der Brief nach der Annahme- Verweigerung nicht an die zuständige Stelle der Postverwaltung un- geöffnei überwiesen worden war, sondern daß schon das Finanzamt ihn geöffnet, von dem Inhalt Kenntnis genommen und dann die Portozahlung abgelehnt hatte. Selbstverständlich lehnte auch der nicht tirchensteuerpflichtige Dissident die Zahlung ab,' da er auch jetzt noch nicht einzusehen vermochte, warum die Mißgriffe einer Behörde an dem dafür nicht oerantwort- lichen Staatsbürger gerächt werden sollen. Er oer- sichert uns, daß er bei der letzten Personenstanidsaufnahme, die alljährlich im Herbst zu Besteuerungszwecken stattfindet, die Frag« nach seinem Glaubensbekenntnis(der bekannte Verfafsimgsparagraph, der diese Frage im allgemeinen verbietet, gestattet hier eine Ausnahme) gewissenhaft beantwortet hat. Danach hätte man wissen können, daß er Dissident ist und nicht mehr zur Kirchensteuer herangezogen werden darf. Aber es ist anscheinend unmöglich, auf diesem Gebiet die Ordnung zu schaffen, die jeder Staatsbürger oerlangen kann, weil er ein Recht auf Schutz vor derartigen Be- lästigungen hat. Beinahe lästig ist, daß später auch ein zweiter Postbote kam, der nochirtSls die Zahlrmg des Briefportos samt Strafporto von dem mit einer Kirchenfteuerveranlagung belästigten Dissidenten forderte und sogar von der Möglichkeit einer Zwangsvollstreckung sprechen zu dürfen meinte. Der Dissi- denk ließ sich dadurch rzubt schrecken und wartet seitdem auf weiter« Echrttt« der Posta« rwaltung, die zu ihrem Groschen kommen mächt«, den das schuldige Finanzamt ihr verweigert. Man sieht, wieviel Schreibereien und Laufereien erforderlich sind, weil die Kirche nicht gezwungen wird, sich selber darum zu kümmern, wer noch zu ihr gehört und wernichtmehr. Es täte not, die Gesetzgebung dahin zu ändern, daß die Kirche bei der Einziehung von Beiträgen ihrer Mitglieder (die man hier Kirchensteuer nennt) genau so zu behandeln ist wie andere Organisationen, die selbstverständlich ohne Unterstützung eines Finanzamtes ihre Mitgliedsbeiträge einziehen müsien. Ein Protest gegen üie Straßenbahn. Der„Berliner Spar- und Bauoerein' hotte am 8. Juli eine Protest Versammlung nach dem Wohlsahrts- haust seines Häuserblocks in der Haestlerstraß« einberuson, in der zu dem in unmittelbarer Nähe des Häuserblocks geplanten Neubau eines Stroßenbahnhofes Stellung genommen wurde. Die Versammlung nahm folgende Entschließung einstimmig an: „Die versammelten Bürger des Verwaltungsbezirks 7 Charlotten- bürg protestieren mit aller Entschiedenheit gegen den in der Königin-Glifabeth-Straße beabsichtigten Bau eines Straßenbahnhofes. Sie anerkennen, daß der Straßendahnhof in der Spandauer Straß« den jetzigen Anforderungen nicht genügt. Die Versammlung hcü mit Entrüstung davon Kenntnis genommen, daß die e i n st i m m i g e n Beschlüsse der Bezirksversammlung nicht ausgereicht haben, um den Berliner Magistrat zu bewegen, die Anlag« des Straßen- bahnhofes in der Königin-Elisabeth-Straße zu verhindern. Diese Nichtachtung einstimmiger Beschlüsse läßt sich in diesem Falle umso weniger rechtfertigen, als in der Bezirksversammlung andere, nun Bau des Straßenbahnhofes besser geeignete Grundstücke der Straßenbahngesellschaft bezeichnet worden sind; sie ist deshalb ein Beweis dafür, wie wenig in der zentralen Verwaltung Berlins die besonderen Interessen der Bezirke berücksichtigt werden. Di« Ver- sammlung wendet sich daher nochmals an alle in Frage kommenden Instanzen: Oberpräsident, Polizeipräsident, Magi- st rat und Stadtverordnetenversammlung Berlin und wiederholt in nach drücklich st er Weist die Forderung der Bezirtsversammlung, daß die Anlage des Straßenbahnhofes in der Königin-Elisabeth-Straße unterbleibt, weil sonst das beste Ge- lände dem Wohnungsbau entzogen werden würde. Wie begründet die Bedenken Charlottendurgs swd, ergibt sich am besten aus der Tatsache, daß vor kurzer Zeit Privatunternehmern, die das in Frage kommende Gelände für den Bau von Großgaragen zu oer- werten gesucht haben, die Erlaubnis dazu auf Betreiben der Anlieger und der Bezirksverfammlung oersagt wurde, weil das Gelände als reines Wohnviertel erklärt worden ist. Jetzt sollen dieselben Grundstücke für ähnlich« Bauten einer städtischen Gesell- schaft Verwendung finden ohne Rücksicht darauf, daß damit eine Aenderung des Bebauungsplans verbunden ist. Hierdurch wird dieser Gegend der Charakter als reines Wohnviertel genommen und durch die zu erwartende Zunahm« des Straßenbahnverkehrs die ohnehin durch den übergroßen Kraftioagenverkehr bedroht« Sicher- Seit auf den Straßen noch mehr gefährdet. Die Umgegend des aiferdamms, die als Wohnviertel vorgesehen war und sich besonders dafür eignet, wird ohnehin durch die Pläne des Städtebauamts mehr und mehr zur Cit? degradiert. Die Versammelten bitten den Hei Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg wie den Herrn Poliz- Präsidenten den geplanten Bau eines Straßenbahn I fes auf dies,- Gelände und der dadurch erforderlichen Umlegimg der verlänger! Knobelsdorffftraße sowie der Aushebung de» nördlichen Tei'.s der Meerscheidtstraße die Genehmigung zu versagen." Berlins Fremdenverkehr im Juni. Am Fremdenverkehr Berlins im abgelaufenen Monat Juni das Anwachsen des Ausländerzuzuges besonders l merkenswert. Mit 128 34« Fremden insgefmnt hielt sich dies Fremdenbesuch fast genau auf der Höhe des voraufgegangen Monats Mai, der, einunddreißigtätig, 128 938 zu verzeichnen hat Mit 18 932 Ausländern im Juni ein Ausländeranteil von ru j 15 Proz. erreicht, höher als jemals in den Borkriegsjahren u-'1 wesentlich höher auch als in den letzten Monaten. Am stärkst tritt das Anwachsen des Ameritanerbesuchs hervor, d diesmal 3537 ausmacht, 1400 mehr als im Mai und 2100 mehr c'. im April. An zweiter Stelle erscheint Polen mit 1940, an dritt erst das sonst voranmarschierende Oesterreich mit 1603. C) folgen Dan zig mit 1246, Rußland mit 1093, Tscheche- slowakei mit 1010, G r o ß-B ritan n i en mit 991, die Riede lande mit 862, Ungarn mit 569 usw. Di« wechselndr i politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen spiegeln sich i diesen wechselnden Ziffern recht deutlich. Von diesem Gesicht punkte aus mag es auch bemerkenswert erscheinen, daß der Zuzi■ aus Frankreich und Belgien, aus den beiden Ländern, die law- Zeit völlig aus den Listen entschwunden waren, im Steigen begrifft ist. Der wirkliche, zu amtlicher Meldung nicht gelangende Fremde besuch ist selbstverständlich in diesen Wochen der Ferien- und Bad fahrten, der täglich Zehntausende von durchreisenden Emtagsbesucher. bringt, erheblich größer._ Die Volkshochschule Lichtenberg veranstaltet in den Monate August und September unter Führung des Dozent«! Dr. Nägler Pilzexekursi onen in die märkische Wälder zur Belehrung über„Biologie und praktische Bedeutm. der Pilze". Ein« diesbezügliche Vorbesprechung findet a! 14. August 1925, abends 8 Uhr, im Cecilien-Lyzeum. Rathau�tr. 8 statt. Die Teilnehmergebühr m Höhe von 3 M. ist au Dr. N ä g l e zu entrichten. Die Ankündigungen für den neuen Lehrplan 192- werden bald erfolgen. Aufschiebung ffädfsicher Bauten. Die Stadtoerordnetenversamn lung hatte am 15. Januar 1925 dem Bau neuer Verwaltunge gebäude in den Bezirken W« d d i n g und Zehlendorf zi gestimmt. Die Kosten waren damals zusammen auf 2 560 000 33. veranschlagt. Eine erste Baurat« wurde im Haushalt 1924 vo: gesehen, die übrigen Raten sollten in den folgenden Jähren au gebracht werden. Nach den jetzt dem Magistrat eingereichten neue Kostenanschlägen erhöht sich die Ausgabe für den Bo - in Wedding auf nicht weniger als 4 7 0 3 0 0 0 M., die für Zehlei darf auf 2 31 4 000 M. Der Magistrat hat nunmehr beschlösse!' beide Bauvorhaben zurückzustellen und zunächst dc Ergebnis des neuen Finanzausgleichs und die Lösung der Auj- wertungsfrage abzuwarten. Slanls-TIiealer Schauspielhans Soinmcrgastsp. 1925 Leitung: Leo Waliher Stein. Täglich 8 Uhr: Kreuzfeuer Ipistspiel von k. Presher und L. W. Stein Tüemer im Admiralsnaiasi Tägi. S'/j Uhr: Cltocoiale ttidOies Amerikas grüßte farbige Künstler. Sonntag 2 Vorst 3'/, und B'/j Uhr: Die Nachm.-Vorst. zu halben Preisen Sdilller-Theat Operettcnspielzeit 8 Uhr jlnnemarie Operette von Jean dilbert u. Robert Qllbert mit Dora— Lefller— Nymgau — Splra— Baselt— Heidctnann— Dle- gelmann— Hiller— Kuthan— Lcdcbour Volksbühne 8 U.: Die deutschen Kleinstädter Beulsches IDnsder- Theater 8 Uhr: Meiseken Opereltenhaes in SdiiffliaaenlaM 8 Uhr: Der kleine Kuppler Kleines Tb. Täglich 8 Uhr; Rosen von Sudermann Schrüder-Schrom, Wasa, Chandon Metropol- Theat. Vit Uhr: Tausend süBe Beinchen * Tb. d. Westens Z Steinpl.931 8U: - USCHI| *v. Jean Gilbert Z llsiti Etat. ft. Sdnb 5 üerlraa« Birlior■5 ■J--- 2. �■Th.l.Komm.-Str.g . bis 31. Juli S geschlossen Berliner Tlieater 7.45 Uhr: floneliesev. Dessau au. Trianon-Th. Ueber 100 mal Martin Kettner In Die TnOend' Prinzessin Musik v KurtZorllg Sommerp reise 7 45 Uhr: D« lefflü Ulli R eichihali«ifTheatcr Qaislsplei der uerlliimten flresdn. Viktoria-Sänger Anlang 8 Uhr— I. August fiidmottntn dtr Slifllncr SSijtr Dönhoff» Brett'l: Saal und<1 arten Das entzückende Juli•Programm I v; N. \ Sth1 «seih's S&ihsBKi'fnFcc- i Seilcnpulver _«pralis! I CHEMISCHE FABRIK SCHLEICH. O MB H BERUH HWÖ Komische Oper 8 U. Dir.: James Klein 8 U. BerllDierloIgreidiite Revue: Das hat die Welt noch nicht geselTn Sommerpreise J Krause- Pianos zur Miete AnSbachcrStr. I, 'Ae Kirflr.fFnitTjtt XN«» Aul Miele! 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Di« Hausfrau sieht sich daher noch einem Ersatz für frisches Fleisch um, nach einem Ersatz, der billiger ist als Frischfleisch und doch mindestens so nahrhaft wie dieses. Sie hat diesen Ersatz in dem Gefrierfleisch gefunden, welches trotz erheblich geringeren Preises im Nährwert dem frischen Fleisch nicht nachsteht. Natürlich hoben die deutschen Biehproduzenten, alle am Vieh- und Fleisch- Handel Interessierten dos größte Interesse, dem Publikum das Gefrierfleisch als �minderwertig" hinzustellen, um durch diese Propa- ganda den Anteil des Gefrierfleisches am Fleischverbrauch nicht größer werden zu lassen. Es ist sehr dankenswert, daß die st ä d t i- sche Deputation für das Ernährungswesen in einer für die Oeffentlichkeit bestimmten Mitteilung sich mit der Teuerimge- frage beschäftigt und sich für die Verwendung de» Gefrierfleische» in den Houshallungen einsetzt. Sie schreibt: .Die Frischfleischpreise ziehen in letzter Zeit stark an, so daß bei weiterem Anziehen die meisten Haushaltungen den notwendigen Fleischbedarf nicht mehr werden decken können. Es wird daher wieder der Ruf nach behördlichem Eingreifen laut. Die Verbraucher- schaft vergißt dabei ober, daß hier behördlicher Zwang wenig, die eigene Kraft aber viel erreichen kann. Warum sind im Schaufenster der Schlächterläden die Preisverzeichnisse vorhanden? Um vor dem Betreten des Geschäftes und dem Einkauf zelesen zu werden! Nachträgliches Entsetzen über den hohen Preis nützt nichts. Heute heißt es bei dem Einkauf der so dringend notwendigen Fleisch- nahrung mehr als je, die Augen aufmachen und Vergleiche zwischen den Preisen der einzelnen Verkäufer ziehen. Die Hausfrauen sollten diese Mühe nicht scheuen und bei demjenigen die Einkäufe machen, der die preiswertere Ware führt. Es trifft heute nicht mehr zu, daß i»s Teuere auch das Bessere ist, vielmehr findet man gleiche Quali- tkt bei verschiedenen Preisen. Der Anfang zur Selb st Hilfe ist schwer. Die Hausfrau hat so viel Pflichten, daß jede Minute kost- bar ist. Hier darf aber die Hausfrau nicht mit der Zeit geizen. Merkt der Fleischhändler erst, daß das Publikum Vergleiche zieht und nicht mehr aus alter lieber Gewohnheit trotz hoher Preise an seinem bisherigen Fleischer festhält, dann wird er sich danach ein- richten und auch icine Preisforderungen dem unbedingt notwendigen Maße anpassen. Die Hausfrau sollte auch nicht das billige Gc- f r i e r f l e i s ch vergessen. Das Vorurteil dagegen ist u n b e- rechtiat. In den Fleischerläden ist es allerdings kaum noch zu finden. In ollen Markthallen und auf allen Märkten sind aber noch Verkaufsstände mit Gefrierfleisch zu finden. Der lebhaftere Verbrauch des Gefrierfleisches wird zunächst eine Ersparnis für den Haushalt bringen, mit der Zeit aber auch ein« Senkung des Frischsleischpreises herbeiführen." Ladenfleifcher und Landwirte. Die Fleischpreissteigerung in der jetzigen Jahreszeit sst mn so unbegreiflicher, als bekanntlich im Sommer der Fleischkonsum und damit auch die Nachfrage an Fleisch erheblich zurückgeht. Jeder Ladenfleischer wird das bestätigen, und wir sind die letzten, die die Ladenfleischer für die Fleischteucrung verantwortlich machen. Wir wissen genau, daß sie am hohen Umsatz, der durch niedrige Fleischpreise viel eher gewährleistet ist, als durch hohe, Interesse haben. Wir haben erst vor kurzem in einem Artikel über das Zu- standekommen der Flcischpreise darauf hingewiesen, daß d i e L a d e n f l e i s ch e r bei der Preisbildung nicht die Schiebenden, sondern die Geschobenen sind. Es ist aber verwunderlich, wenn der Interessenverband der Ladenfleischer in einer Zuschrift an uns, die überschrieben ist:„Wie erklären sich die hohen Fleischpreise" auf«in Plakat an den Berliner-Litfaßsäulen hinweist: in diesem Plakat wird der sicherlich berechtigte Nachweis, daß der Landwirt durch seine Viehpreis« einen sehr geringen Anteil am Fleischpreise erhält als vor dem Kriege. Die Tatsache ist nicht zu. bestreiten, und es ist erklärlich, daß die Landwirte, die die dauernde Steigerung der Preise für Fleisch sehen, sehr unmutig dar- über sind, daß ibnen für diese Teuerung die Verantwortung zu- geschoben wird, und daß sie sich dagegen wehren, zumal in einer Zeit, in der sie mit ihren s ch u tz zöllnerischen Bestrebun- g e n so wie so sich nicht gerade der besonderen Gunst der Massen erfreuen. Wenn somit auch die Behauptung des Fleischwuchers von feiten der Landwirtschaft durch die Tatsachen nicht gerechtfertigt ist, ganz unschuldig an der Teuerung sind sie des- wegen doch nicht. Mit ihren Schutzzollbestrebungen haben sie der Teuerung, als Vorwirkungder Schutzzölle, einen sehr fruchtbaren Boden geschaffen. Wenn in dieser Zuschrift der Beweis, daß die Fleischpreise ja gar nicht übermäßig hoch seien, damit geführt werden soll, daß die Dorkriegspreise den jetzigen Preisen gegenübergestellt werden, dann muß dieser Beweis als vorbeigelungen angesehen werden, er könnte nur dann als gelungen bezeichnet werden, wenn die Einkommen entsprechend den Preisen gestiegen wären und wenn der Anteil für Ausgaben für Fleisch am Einkommen bei gleichem Fleischoerbrauch nicht der gleiche wäre. Aber der Ausgabenanteil ist erheblich gestiegen. Das muß auf die Dauer zu einem Rückgang des Fleischverbrauchs oder zu einem Rückgang des Verbrauchs anderer Waren führen. Wenn die Ladenileischer mit uns der Ansicht sind, daß das Fleisch zu teuer ist. dann sollen sie vorerst dafür sorgen, daß das Fleisch auf dem kürzesten Wege vom Viehzüchter zum Verbraucher gelangt. Es gibt eine Anzahl von Zwischenstufen, den Engrvsschlächter und den V i e h k o m m i s s ä r, die ausgeschaltet werden können, ohne daß die Fleischversorgnng Schaden litte. ch Wenn sich die Ladenfleischer dazu aufraffen könnten, mit uns für die Einfuhr des notwendigen Kraftfutters«in- zutreten, damit der deutsche Liehbestand nicht bloß quantitativ, sondern auch qualitativ die Vorkriegshöhe erreiche, wenn sie weiter mit uns für die Beseitigung der Zollvorlage, die eine Verringerung der Lebenshaltung der großen Massen, also auch eine Verringerung des Fleischverbrauchs bringen muß, eintreten, dann erweisen sie sich selbst und auch der Allgemeinheit den allergrößten Dienst. verführte und verwahrloste Jugenö. _ Die Bezirks�wgendämter des Magistrats Berlin haben zum Schutze der auf Straßen und Plätzen sowie in üblen Schankstätten gefährdeten Kinder und Jugendlichen einen Straßendienst ein- gerichtet, den sie-durch besonder« beamtete Fürsorgeorgane wahr- nennen lassen. Diese bedürfen zu einer erfolgreichen Tätigkeit ober der Unterstützung der P oli z e i beamt en durch Rat und Tat und gegebenenfalls auch durch Schutzgewährung. Es sst daher den Polizeibeamten zur Pflicht gemacht worden, auf Wunsch dieser Fürsorgeorgane den Sachverhalt zu prüfen und die entsprechenden. im Interesse der Jugendfürsorge liegenden Maßnahmen umgehend zu treffen. Außerdem aber haben die Beamten während ihrer sonstigen Diensttätigkeit auch der Beobachtung gefährdeter Kinder (z. B. bei Anhalten der Kinder zum Betteln und Hausieren, Tanz- vorführunyen in schlechten Lokalen Usw.) erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken und gegebenenfalls zur Unterstüpnng der Jugend- fürsorge einzugreifen. Meldungen über derartige Vorgänge werden der polizeilichen Dienststelle vorgelegt und von dieser dem zuständigen Iugendwnt zugeleitet. Die» gilt besonders auch mit Rücksicht auf die in letzter Zeit häufiger vorgekommenen Fäll« von Kinder- schändungen, von Bwbachtrmgen in öffenllichen Anlogen, Parks und auf Friedhöfen. Den Fürlorgeovganen des Magistrats Berlin, die den Straßendienst versehen, stehen irgendwelche polizeilichen Befugnisse nicht zu. Sie führen daher nur einen voni Polizeiamt ab- gestempelten Ausweis des Magiftnits zur Legitimation bei sich. In der Regel werden die städtischen Fürsorgeorgane selbst die auf- gegriffenen jugendlichen Personen dem dem Ergreifungsort nächst- belegenen Polizeirevier zuführen, wo sie eine kurze schriftliche Mit- ieilung über den Grund der Festnahme niederlegen müssen. Vom Polizeirevier erfolgt alsdann die Einliesernng zur Schutz Haft. Sollten dagegen im Einzelfall die Jugendlichen den Auf- iorderungen der städtischen Fürsorgeorgan« nicht freiwillig Folg« lessten, so sind die Pol�eibeamten verpflichtet, den sich legitimierenden Fürsovgeorganen Schutz und Hilf« bei der Durchführung ihrer Maßnahmen zu gewähren. Ermäßigung der Verlmer Gewerbesteuer. Durch Gemeindebeschluß vom 30, Iuni/1. Juli 192S sind die Gowerbesteuersätze für die Gewerbesteuer nach dem Ertrage für dos Rechnungsjahr 192S(. April 1925/31. März 1926) von 500 auf 425 Proz. des Steuergrundbetrages zuzüglich einer Zweigstellen- steuer von 20 Proz. und einer Schonkgewerbesteuer von 10 Proz. der Gerverbesteuer nach dem Ertrag« herabgesetzt worden. Für die Gewerbesteuer nach der Lohnsumme sst e» bei dem bisherigen Satz von 1000 Proz. des Steuergrundbetrages nach der Lohnsumm« g«. blieben. Zum Ausgleich der für April/Juni 1925 noch nach den Sätzen des Borjahres lalso 500 Proz. des Steuergrundbetvages nach dem Ertrage) gelessteten Zahlungen werden für Iuli/Sep- tember 1925 nur 350 Proz. des Steuergrundbetrages nach dem Ertrage erhoben. AK 1. Oktober 1925 wevdsn allgemein 4 25 Prozent des Steuergrundbetrages nach dem Ertrage erhoben. Die bisherigen Vierteljahreszahler haben daher b i s zum 10. Juli mit S ch o n f r i st bis 17. Juli 1925 die Gewexbeertragssteuer für Iul i /S« pt ein b e r 1925 mit 3 5 Proz. der gleichzeitig fälligen Eintommenfteuer-Voraus- zahlung für April/Juni 1925 und die Lohnfummensteuer für Mai/Juli 1925 mit 1 Proz. der Gehälter und Löhne der Monate April/Juni 1925 unter Abgab« einer Voranmeldung zu entrichten. Die bisherigen Monatszahler Hoden gleich- falls bis zum 10.(17.) Juli die Lohnfummensteuer für Juli 1925 mit l Proz. der Gchälter und Löhn« des Monats Juni 1925 unter Einreichung des enssprechend ausgefülllen Vor- amneldungsformulars zu zahlen und auch weiterhin in gleicher Weife die Lohnfummensteuer monatlich zu entrichten und voranzumelden. Dagegen sst vmi ihnen auf die Gewerbeertrags st euer eine Monatszahlung jetzt nicht, fondern erst zum 10.(17.) A u g u st 1925 ein« Viertel- jahr«».zahlung für Juli/September 1925 zu leisten und voranzumelden. Wegen der Berechnung ergeht später noch nähere Bekanntmachung. Neue Vordrucke für die Voranmeldungen werden vortöufkj nicht ausgegeben. Di« alten Vordrucke sind vielmehr mit enssprechender Aenderung weiter zu benutzen. Eine Mustergemeinöe. Unter deutschnationaler Herrschaft. Aus Fichtenau wird uns geschrieben: Diese Gemeinoe ist ein Musterbeispiel für die Segnungen, die das deutsche Volt von einer deutschnalionalcn Regierung zu erwarten hat. Wie bei anderen Wahlen, so gelang es auch hier den Deutschnationalen, durch ihre bekannte Agitation einen Stimmen- und Mandatszuwachs zu erzielen. Do der Wohlausgang vom 4. Mai 1924 schon nach ganz kurzer Zeit nicht mehr der Auffassung der Bevölkerung entsprach, legten unsere Genossen in der Gemeindevertretung ihre Mandate nieder, um dadurch Neuwahlen zu erzwingen. Leider wurde aber die Gemeindevertretung nicht aufgelöst, denn die in ihr verbliebenen Deutschnationalcn benutzten eine Lücke in der alten Landgemeindcordnung, um durch Zuwahl der Gemeindeschöffe» dieses Rumpfdorfporlament beschlußfähig zu machen. Nun nützt man die so erlangte Macht skrupellos aqs. War von den früheren Mitgliedern der Gemeindeverwaltung ein Teil der notwendigen Ar- beiien unentgeltlich ausgeführt worden, so Hot das jetzt aus- gehört. Eine der ersten Taten dieser„Gemeindevertretung" war, dem früheren Gemeindevorsteher, der schon von zwei Stelle» Pension bezieht, einen„E h r e n s o l d" von 100 M. im Monat zu bewilligen. Dem jetzt gewählten, der schon 300 M. im Monat Pension hat, wurde ein recht gutes Gehalt(man nennt es wohl„Auf- wandsentschädigung") zugeschanzt. Wie man denn überhaupt sehr großzügig im Bewilligen von Entschädigungen usw. ist. Für die soziale Fürsorge, die freilich hauptsächlich der ärmeten Bc- völkerung zugute käme, hat man wenig übrig. So wurden bei de» letzten Beratungen des Haushalts die 300 M., die bisher in diesem für die Beratungsstelle der Mütter tuberkulös erkrankter Kinder und die Säuglingsfürforg« enthalten waren, g e- st r> ch e n mit der geradezu köstlichen Begründung:„M an müsse doch etwa s�st reichen." Also für die deutschnattonalen Partei- gänger alles, für die arbeitende Bevölkerung nichts. Es sind dies nur wenige Striche zum Porträt der gegenwärtigen Machthaber in Fichtenau._____ Die Seichäftrleiteri» SräaletB»rrtmli Saftet beftinft am 15. Juli tfir 2Si X.O0' Restposten einzelner Gardinen-Schals Stre1.45 ST1.95 Fabrikreste Gardinen sme2.75 Serie � C Serie Ck CT i*tDpt ll öOpt III Serie 1.10 Nr. 333 ♦ 42. Iahrgaag 2. Seilage ües Vorwärts Irektag, 17. Jüli 1923 Die Hauptabstimmungen im Reichstag. Ablösung öffentlicher Anleihen.— Ausbau der Angestelltenversicherung. Der Reichstag erledigte gestern zunächst die rückständigen Ab- ltimmungen zur zweiten Lesung des Entwurfs zur Erncktung Oer Deutschen Rentenbankkreditanstalt.— Unter Ablehnung kommunistischer und sozialdemokratischer Abänderungs- antrage wird die Vorlage in der zweiten und dritten Lesung gegen Sozialdemokraten und Kommunisten angenommen. Es folgt die dritte Beratung des Gesetzentwurfs über die Ablösung öffentlicher Anleihen. In der allgemeinen Aussprache wird von keiner Seite des Hauses das Wort gewünscht. Für die Einzelberatung haben Kommunisten und der Abg. Dr. B e st(Dölk.) Aenderungsanträge ein- gebracht, die ihren Anträgen aus der zweiten Lesung entsprechen. Alle diese Abändcrungsanträge werden, jeweils gegen die Stimmen der Antragsteller, abgelehnt. Vor der Schlußabstimmung, die namentlich vorgenommen wer- den soll, erklärt Abg. keil(Soz.), daß seine Fraktion auch dem An- leiheablösungsgesetz ihre Zustimmung versagen müsse, und zwar aus denselben Gründen, aus denen sie das Hypothekenauf- wertungsgesctz abgelehnt habe. Auch die Abgg. v. Richthofen(Dem.), Seiffert(Völk.) und Dr. Korsch(Komm.) lehnen für ihre Fraktionen das Anleihegesetz ab. Die namentliche Schlußabstimmung wird, in Rücksichtnahme auf den kommunistischen Parteitag, bis 6 Uhr abends ausgesetzt. Annahme findet mit den Stimmen der Kompromißparteien ein Antrag Dr. Wunderlich(D. Vp.), durch den bestimmt wird, daß das Anleiheablösungsaesetz zugleich mit dem Hypotheken- aufwertungsgesetz oerkündet werden solle. Präsident Löbe nannte in diesem Zusammenhange den 16. Juli. Das Haus tritt dann in die zweite und dritte Beratung des Gesetzentwurfes über den /lusbau üer �ngestelltenversicherung ein. Die Vorlage sieht«ine Steigerung der Leistungen der Angestell- tenoerstcherung vom 1. Juli 1925 ab und eine Beitragserhöhung vom 1. September 1925 ab vor. Abg. Aufhöufer(Soz.): Die Beratungen des Ausschusses für soziale Angelegenheiten sind alles andere als erfreulich gewesen. Wenn gerade bei der Be- ratung der Angestelltenversicherung sich jedesmal im Ausschuß eine besonder« Schärfe ergeben hat, so hängt das zusammen mit der politischen Tendenz, die dieser Versicherung innewohnt. Die Angestelltenversicherung ist ein politisches Instrument mit dem Zwecke, die Angestellten von der Gemeinschaft mit den Arbeitern fernzuhalten. Man wollte die Angestellten in den Glauben ver- setzen, als ständen sie zwischen Kapital und Arbeitern. Kein anderer als Herr Dr. Strefemann, der damals noch Syndikus der sächsischen Industrie war. hat 1908 ganz eindeutig bekundet, daß man mit der Schaffung der Sonderversicherung für Angestellte einen rein politischen Zweck verfolg«. Er wandte sich gegen den Ausbau der Jnvalidenversicheruna, um so die gemeinsame Idee des Klasienkampfes aller arbeitenden Schichten zu durchkreuzen. Die Ausschußberatungen waren vielleicht kein offener Kampf, aber sie waren teilweise schlimmer. Solange es sich um die Regie- rungsvorlage handelte, hatte man Muße zur Beratung: sowie man aber zu den sozialdemokratischen und kommunistischen Anträgen kam, die sich auf die Verfassung und das Selbstverwaltungsrecht der Angestellten beziehen, haben die bürgerlichen Parteien zwar nicht gegen uns angekämpft, aber sie haben geschwiegen und debattelos wichtige Bestimmungen in Lausch und Dogen abgelehnt. Das sind keine zufälligen Erscheinungen, sondern sie hängen mit den Ten- denzen der Angestelltenversicherung zusammen. Die Loslösung von der Versicherung der Arbeiterschaft bedeutet für die Angestellten, daß ihnen unerträgliche Lasten zugemutet werden, jeder Reichs- zuschuß ihnen versagt bleibt. Die deutsche Allgemeinheit entzieht sich jeder Verpflichtung der Beisteuerung für die Alters- und Invalidenrente der Angestellten. Der Ausschuß hat lehr glatt die Beiträge zu dieser Versicherung ohne Prüfung der Notwendigkeit durchweg um ein Drittel erhöht, er hat nicht einmal die Vorlage der Bilanz von 1924 und bis heute noch nicht den Jahresbericht der Angestelltenversicherung dazu benötigt. Man hat erklärt, man müsie für die Zukunft sorgen. Die Reichsversichcrung hat 1924 einen Ueberschuß von 193 Millionen Mark qehabt, sie hat für 1925 bei sehr vorsichtiger Einschätzung einen Ueberschuß von 99 Millionen vorgesehen. Wir haben im Ausschuß darauf hingewiesen, daß die Beitragseinnahmen viel zu niedrig kalkuliert wären, aber selbst bei den Angaben der Regierung hätten wir in diesen zwei Iahren 299 Millionen Goldmark Reserven. Für 1932 ist der Rentenauswand mit 699 Mil- lionen Goldmark kalkuliert worden. Wir möchten uns die be- sch-idene Anfrage erlauben, ob man eine Beitragserhöhung vor- nehmen kann, wenn mit solchen Reserven gerechnet werden kann? Diese Art der Bcitragsregelung haben wir bekämpft und lehnen sie auch heute ab. Wir haben dann den Vorschlag gemacht, die Bersicherungsgrenze zu erhöhen und die gutbezahlten An- gestellten mit in die Versicherung einzubeziehen. In der ersten Lesung war die Grenze auf 8499 Mark heraufgesetzt worden. In der zweiten Lesung haben es sogar die Angestellten- Vertreter der bürgerlichen Parteien fertig bekommen, diesen Be- schluß umzustoßen und die Grenze auf 6999 Mark festzusetzen.(Hört, hört! bei den Sozialdemokraten.) Da, bedeutet, daß man nicht mir die Solidarität zwischen Arbeltern und Angestellten, sondern auch die der guaNflzierten mit den änderen Angestellten zerreißen will. Diese unerhörte weitere Belastung der Angestellten ist im Au». schuh beschlossen worden, ohne daß man auch die Mindestleistungen beschlossen hat. auf die sie unbedingt Anspruch hatten. Man hat es abgelehnt, die Lage der W a n d e r v e r s i ch e r t e n zu verbessern. jener Schicht von Angestellten, die aus der Arbeiterklasse hervor- gegangen stnd und die daraus warten, daJ man ihnen ihre Jnva-- lidenmarken anrechnet. Die Regierung hat zwar zugegeben, daß die Lage der Wanderoersicherten unhaltbar sei, sie hat aber unter- lassen, einem dahingehenden Antrag zur Annahme zu verhelfen. Weiter haben wir oerlangt, daß diesen Angestellten ein Rechts- anspruch auf das Heilverfahren gesichert werden soll, und daß ihnen, wenn ein Vertrauensarzt ein Heilverfahren für not- wendig erachtet, ein solches auch gewährt werden soll. Aber auch dieser Antrag verfiel der Ablehnung, weil, wie ein bürgerlicher Angestelltenvertreter erklärte, dies eine limwandlung der Angestell- tenversicherung in eine Krankenversicherung bedeute. Die Mehrheit des �~ n d.__________,_____„ Sozialhygiene freizumachen. Es war abwegig, diele Maß- nähme zu verbinden m!t dem individuellen Heilverfahren. Dieselben Parteien, die sonst großen Wert darms leoen, daß die Angestellten- Versicherung autonom sei, begeistern sich plötzlich dafür, daß man die wichtigsten Leistungen der Ängestelltenversicherung nicht mehr im selbständigen Angestelltengesetz regelt. Wir haben anerkannt, daß Mittel zur Bekämpfung der Lollsseachea freigemacht werden müssen. wir wenden uns aber dagegen, daß die Mittel der Sozialoersiche- rung in einen Topf mit den Mitteln der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege geworfen werden. Die ungünstigen gesetzlichen Bestimmungen gebe« den Der- sicherten keine Möglichkeit, aus die Verwaltung einzuwirken. Wir haben es fast nicht für möglich gehallen, daß die bürgerlichen Parteien die Frage der Verfassung der Ängestelltenversicherung in einem Augenblick, in dem man so erhöhte Lasten verlangt, fast debattelos übergingen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Regierungsparteien erklärten, als es zur Besprechung der Verfassungsfragen kam, die Geschäftsordnung erlaube es nicht, unsere Anträge zu beraten. Diese Berfasiung hat ihr Borbild nur im früheren Dreiklassenwahlrecht mit seinen doppelten und mehrfachen indirekten Wahlen. Wir haben eine Wahlreform verlangt, die dahin geht, daß der Verwaltungsrat in Vorwahlen durch die Versicherten zustande kommt. Das Reichsarbeits- Ministerium hat auch selbst das Unrecht dieser Wahlkreis- geometrie zugegeben, aber der 9. Ausschuß hat sich nicht bereit er- klärt, dieses Wahlsystem zu korrigieren. wir erklärten uns bereit, einer Entschließung zuzustimmen, die den Reichsarbeilsminister beauftragt, vor den nächsten Wahlen eine Vorlage an den Reichstag zu bringen, die eine Wahlreform bedeutet. Dieses dürftige Gesamtergebnis war nicht uur durch die Zu- sammensetzung dieses Hauses gegeben, sondern auch dadurch, daß selb st Angestelltenvertreter sich dazu hergegeben haben, den Ansprüchen der Unternehmer in ihren Fraktionen nach- zukommen. Es ist sogar vorgekommen, daß solche Angestelltenver- treter gegen ihre eigenen Anträge und für die der Unternehmer- -ahteilung ihrer Partei stimmten.(Hört, hört! bei den Sozialdemo- traten.) Unsere Erfahrungen im Ausschuß haben uns bei der politischen Tendenz der Ängestelltenversicherung nicht überrascht. Wir möchten aber den A n g e st e l l t e n, die aus den Reichstag viel mehr hoffen als die Arbeiter, sagen, daß sie nicht ganz frei von Schuld sind, wenn derartige dürftige Ergebnisie bei ihrem Gesetz heraus- gekommen sind. Die Beratungen haben gezeigt, daß das Unter- nehmertum geschlossen auftritt, unbeschadet seiner post- tischen Meinungsverschiedenheiten. Wann werden die Angestellten einsehen, daß sie dieselbe Mauer hier im Hause zu bilden haben gegen die Unternehmer gemeinsam mit der Arbeiterschaft? Die sozlaldemokraNsch« Fraktion wlrd bei allen Mängeln, die dem Gesetz anhasten. Ihm die Zustimmung nicht versagen können. Aber unser Kamps um den Ausbau der Aagestellten- und Sozialoersicherung wird weitergeführt werden, und wir werden getragen sein von dem Gedanken, daß der Sozial- Versicherung nur durch die Gemeinschaft der Kops- und Handarbeiter ein Erfolg beschieden sein kann.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Schneidcr-Berlin(Dem.) bestätigt, daß die Renten auch jetzt noch als dürstig zu bezeichnen seien, betont aber, daß eine höhere Rentenzahlung auch höhere Beiträge voraussetze. Der Redner unter- stützt eine Heraufsetzung der Versicherungsgrenze auf 7299 M. und wünscht, daß die Angestellten im H e i l v e r- fahren zu einem Rechtsanspruch kommen müßten.(Beifall.) Insgesamt könne man nur sagen, daß auch die gegenwärtige Vorlage wieder nur ein Schritt auf dem Wege zu einer endgültigen Lösung dieser wichtigen sozialen Angelegenheit sei.(Beifall.) Abg. Thiel-fache gestiegen. Unter denselben Einflüssen hat auch die W el t b r a u n k'o h l e n f ö r d c r u ng eine sehr starke Entwicklung gehabt: sie förderte in 1913 rund 125 Millio- nen Tonnen, in 1922 rund 174 Millionen Tonnen, d. s. 35 Prozent mehr: noch stärker ist die Steigerung der Braunkohlenförderung in Deutschland, die von 1913 bis 1922 um mehr als 57 Prozent zunahm. Diese starke Produklianssleigerung führte ja Absahschwierigkeiten. als die hypertrophische Nachfrage, die der Krieg und die Schein- hauste unmittelbar nach dem Kriege gezeitigt hatten, aufhörte: dis Absatzschwierigkeiten verschärften sich im vergangenen Jahre. als es den von dem Krieg unmittelbar betroffenen Ländern gelang, ihre Kohlenförderung wieder auf den Stand der Borkriegszeil zu heben wogegen die Nachfrage nach Kohlen hinter dem Stand des Jahres 1913 zurückblieb. Als Faktoren, die auf eine Verminderung des Kohlenverbrauches hingewirkt haben, sind zunächst zu nennen: Die vermehrte Ausnutzung der Wasserkräfte zur Stromerzeugung, die Fortschritte in der Elektrisierung großer Kahlenverbraucher, namentlich der Eisenbahn, die zunehmende Verwendung von Heiz- öl» insbesondere in der Schiffahrt, und die Fortschritte in der Rationalisierung der Wärmewirtschaft. Es wird jedoch festgestellt, daß eine Verbesserung der Wärmewirtschaft auf die Dauer dem Kohlenbergbau keinen Abbruch tun kann, da die Verbilligung der industriellen Produkte, die durch solche Ersparnis möglich wird, zu einer Erleichterung und Erweiterung des Absatzes, damit zu einer Steigerung der Güter- erzeugung und damit zu einer vermehrten Nachjrage nach Brenn- stoffen fuhren wird. Diese Gesundung der Weltwirtschaft fehle ober und zwar vor allem deshalb, weil Deutschland seine Kaufkraft am Weltmarkt nicht entfalten könne. Nach der Stabilisierung der Währung konnten sich die kritischen Verhältnisse am Weltmarkt auch aus den deutschen kohlenmarkt auswirken, der vorher unter einem starken Brennstofsmangel ge- litten hatte. Zurzeit herrscht, wie die zahlreichen Stillegungen von Gruben beweisen, ein gewalttges Ueberangebot an Kohle. Schon in der ersten Jahreshälfte von 1924 wurde eine Kohlen ausfuhr von 1 Million Tonnen notwendig, obwohl damals infolge von Arbeitskämpfen ein Ausfall in der Produktion von 8 Millionen � Tonnen zu verzeichnen war. Die Industrie hatte einen großen Leerlauf zu oerzeichnen. Gemindert wurde der Verbrauch auch durch die Zurückhaltung der Käufer infolge der Unsicherheit in den Syndikaten, sowie durch die Abkehr der deutschen Industrie von der Verwendung des Minette-Erzes und sein Ersatz besonders durch schlesische Erze, deren Verhüttung wesentlich geringere Kohlen-, namentlich Koksmcngen erforderlich macht. Auch die Kohlen- anforderungen der Entente sind stark zurückgegon- gen. Andererseits wurde der deutsche Kohlenmarkt belastet durch die Einsuhr von ausländischer Kohle, die im Jahre 1924 nicht weniger als 13 Millionen Tonnen Steinkohle. 338 000 Tonnen Koks und 2164 000 Tonnen böhmische Braunkohle betrug. Mit Rücksicht auf die eigenen Absatzschwierigkeiten wendet sich der Ruhr- tohlenverband scharf gegen die Einfuhr polnischer Kohle und er verlangt, daß Deutschland sich das Recht nicht nehmen läßt. die Kohleneinfuhr lediglich nach seinem eigenen Ermessen und im Hinblick auf die deutschen Erjordernisse und Bedarfsverha'.t- niste zu handhaben. Deutschland müste sein wichtigstes Nationalgut. seinen Kohlenbergbau, in der jetzigen harten Zeit noch Möglichkeit schützen, damit er genügend Entwicklungsfähigkeit behalt, um in Zeiten größeren Kohlenbedarss die deutsche Wirtschaft voll beliefern zu können. Der deutsche Außenhandel mit Kohle ist im ersten Vierteljahr 1925 bereits wieder aktiv, doch würde sich für dos Jahr nur eine Menge von 3.7 Millionen Tonnen Ausfuhrüberschuß ergeben, wenn man die Zahlen des ersten Quartals zugrunde legt. Die Steigerung der Ausfuhr reichte nicht aus, um die Absatz- schwierigkeiten zu beheben. Sehr richtig betont der Bericht, daß eine Belebung de« inländischen Kohlenmarktes nur ein- treten tonn, wenn der Beschäftigungsgrad der deut- schen Wirtschaft fich nachhaltig bessert. Es ist jedoch eine einseitige Einstellung, wenn man lediglich den Druck der hohen Steuern, Frachten und Reparationen für die Krise verantwortlich macht. Der deutsche Kohlenbergbau hat von einer Verminderung des industriellen Beschäftigungsgrades, wie er als Folge der geplanten Hochschutzzölle unbedingt eintreten muß. ebenfalls eine Verschärfung der Absatzkrise zu befürchten. Davon findet sich jedoch in dem Bericht kein Wort. Die Sroßeinkaufsgenosienschasl denkscher Konsumvereine hat ihre Bürstensabrik aus den bisherigen, ganz unzulänglichen Räumen in Schönheid«(bei Eibenstock) nach Stützengrün(Erzgebirge) verlegt, wo der Betrieb am 1. Juli aufgenommen wurde. Das Ge- bäude ist ein« ganz hervorragende architektonische Leistung und wohl das schönst« Fabrikgebäude des ganzen Erzgebirges. Auch die innere Einrichtung ist in jeder Beziehung vorbildlich. Arbeitsräume wie die dortigen kannte die Bürsten mduslne bislang nicht. Es ist Ehren- pflicht und eigenes Jntereste der Verbraucher, für recht um fasten de Beschäftigung dieses einzig dastehenden Betriebes zu sorgen. Bilanzen au» der Kaliindustrie. Von dem zweitgrößten deutschen Kalikonzern, Westerregeln-Solzdethfurt-Aschers- leben, der über 2 0 Prozent der deutschen K a l i p r o- d u k t i o n verfügt und den Antiblock gegen Wintershall führt, liegen jetzt die Geschäftsbericht« für 1924 vor. Obwohl keine Dividende gezahlt wird und der Geiamtobsatz der Kaliindustrie 1924 um etwa H Million Doppclzentner Reinkali gegen 1923 zurückge- blieben ist, ist es dem Konzern gut gegangen. An R e i n g e w i n n e n, die sämtlich vorgetrogen werden, weist erzwar auf das Aktienkapital von insgesamt 48,5 Millionen nur 0,48 Millionen oder 1 Proz. aus, aber die Abschreibungen sind reichlich erfolgt und die Bank- schulden sind, trotz eines Finanzierungskredits der Reichsbank für den Kaliabsotz, offenbor aus dem laufenden Betriebsergebnis ab- getragen worden. Wenigstens läßt die einzige darüber vorhandene Angabe bei Aschersleben, noch nicht 200 000 M. Zinskosten oder'/m des Kapitals, darauf schließen. Außerdem konnte im Kamps gegen Wintershall die sehr teure Mansseld-Quote aufgenommen werden und wurden erhebliche Betriebserweiterungen und Verbesserungen aus dem Jahresergebnis bestritten. Das Geschäftsergebnis ist also viel günstiger als es nach den Geschäfts- berichten scheinen möchte. Für das Jahr 1925, dos für die deutsche Kaliindustrie infolge der guten Ernte wohl ein Rekordjahr werden dürfte(im 1. Halbjahr betrug der Absatz schon bald so viel wie im ganzen Vorjahr, gegenüber dem ganzen Jahr 1913 bereits 70 Proz.), dürsten auch Rekord g e w i n n e zu erwarten sein. Sin Internationale» Eisenkarkell für Südosleuropa. Nack einer Prager Meldung deS FachblatteS„Jndustrie-Kuricr* steht für die nächste Zeit eine Erweiterung deS tichechofloivakifch-österreichischen EisenkariellS durch den Eintritt der jugoslawischen und ungarischen Eisenwerk« bevor. Tie Verhandlungen mit den jugoslawischen Firmen sieben unmittelbar vor dem Abschluß. Von den ungarischen Werken hat da? Bima-Muranyer Eissnwerl seinen Beitritt bereiiö vollzogen. Es bestehen nur noch Schwierig- keilen hinsichtlich der staailicken ungarischen Eisenwerke, die jedoch in Kürze behoben sein dürtten, da die private ungarische Eisen- industri««in große? Jntereste an dem baldigen Abschluß de« Ver- trage« hat. Die rumänischen Eisenwerke gehören bereits fest längerer Zeit dem Kartell an. 5rettag 17. Juli 1925 Unterhaltung unö ANlssen Settage ües vorwärts Tiger, Mffen unö Sultanspaläste. Sonderbericht für den �Vorwärts'. Von Richard Huelsenbeck. Port Swettenhom, im Frühfahr. In der MolaKosrraße, tief in den Dschungeln oersteckt, liegt Port SlvettenHam. Ein Dutzend Lode schuppen und einig« Hundert Eingeborenen- Häuser stellen den ganzen Ort vor. Wir sind hier in den Stroits Settlements. Das Land onrd von selbständigen Sultanen regiert, doch haben sie einen englischen „Beroter". Port S-wettenham gehört zu der Herrschaft des Sultans von Selangor, der seinen Sitz in dem Städtchen jdwala Lumpur hat. Hier sind wir im Lande der Tiger und Asten. Tagelang fährt dos Schist durch die Mongrove-Dschungel. Di« Strotze ist so eng, daß das Laub der Bäume fast die Schistswand streift. Man sieht, wie kleine und große Asten in den Aweigen turnen. Sie sitzen am Strande und betrachten eifrig eine Muschel oder sie jagen mit hellen Kinderschreien hintereinander her. Nachts hört man den dumpfen Laut der Tiger. Sie sind hier noch so zahlreich, daß man Expediiio- nen ausrüsten muß, um die Dörfer gegen ihr« Ueberfälle zu schützen. -elongor ist das Land, wo alle europäischen Zoos ihre indischen Tiger herbeziehen. Bon hier gingen vor dem Kriege die meisten Hagenbeckschen Tierfrvchten ab. Im tiefsten Winter herrscht hier eine Temperatur von Zö Grad Celsius im Schatten. Das Land stt ein blühendes Paradies. Di« Palmen erreich« ein« Größe wie nirgendwo anders. Merkwürdig gistrot« und blaue Blüten strömen ein« scharfen Dust aus. Scharen bunter Vögel fliegen auf. In dem Laub raschelt und knistert es— Selangor ist auch das Land der Schlangen. Man muß sich vorsehen. Hier findet man all« Völker des Ostens. Ueberall gibt es zahlreiche Chinesen. Sie bringen es wegen chrer Genügsamkeit und ihres Fleißes am weitesten. Sie fangen als Rikschakuli an und hören als reiche Kaufleute auf. Eine gortj« Skala brauner Hautfarben kann man bewundern. Vom hellen Milchkasteebroun bis zum tiefen glänzenden Schuh- sckwarz stt alles vertreten. Mein Gott, was das für Rosien sindl? Die eingeborenen Inder sind großgewachsene, ernsthaft« Leute. Di« Malaien sind etwas kleiner, beweglicher, van einer überraschenden Symmetrie der Glieder und der Gesten. Die Chinesen neigen zum Fettansatz. Am fettest«, behäbigst« und kleinst« sind die Priester der zahlreichen chinesischen Tempelchen. Das Leb« des Volkes spielt sich auf der Straße ob. Die Häuser sind offme Verschläg«. Im Inner« de» Landes findet man icherall die primitiv«, auf Psähle gebaut« Basthütt« der Ein- geborm«. Die«ingebor»« Frauen trog« nur eine Art Deck«, mit der sie Hüften und Schenkel bedeck«. Was an Kleidern zu wmig da ist, wird durch die Fülle des Schmuckes ausgeglich«. Lange Ohr- gehänge fallen fast bis auf die Schultern herab, nicht nur die Arm«, auch die Füße müssen über dem G«l«k ihren bunten Glosrest haben. Die Engländer hob« dieses Land mit einer dünn« Schicht Zivilisation überzog«. In Port Swettenham gibt es«in« Eisen- bahnstation, von der aus man nach Penang fahr« kann. Ferner eine Postoffice. Selangor«st«in Eldorado für Briefmarkensammler. Hier gibt es herrliche bunte Mark« mit Tigern und Bildern von ander« Bestien. Auch Fond-Kuto, sind bis nach Selangor gsdrung«. Man kann sich am Bahnhof von Port Swettercham ein«„Motor-Ear" mieten. Die Chaussee nach Kroalo Lumpur dürfte eine der merkwürdig- sien und phantasttfchst« der Well sein. Durch das Palm«- und Lianengewirr sieht man von Zeit zu Zeit die ferne Kontur riesiger blauer Berg«. Man kommt an ein« Ort, der sich Klang nennt. Hier liegt auf einem Hügel das Sommerfchloß des Sultans von Selangor. Inmitten betäubender Blumenbeete steht das Gebäude weiß und blendend in der Sonn«. lieber die Mauer lug« die Mündung« uralter verrosteter Kartaun«. Das ist die Kriegsmacht, die England dem Sultan von Selangor aslasien hat. ?unge /lmseln lernen fliegen. Don Perve. Im Baume Nummer 7, meinem Arbeitszimmer gegenüber. wohnt dos Amselehepaar Zirwilitt. Diese Tatsache, leicht hingesprochen, war keineswegs leicht fest- zustell«. Der alte Zirwilitt, der es mit seinen Fomilienpflichten verdammt ernst»abm, hatte in den letzt« drei Jahren dreimal die Wohnung gewechselt, teils, um gegen die„Sinnlosigkeit"— wie er sagte— der Witterung besser geschützt zu sein, teils auch, um den Nachstellungen des Koters Murr(der freilich dem literarischen Na- mensvetter mit der berühmten Todesanzeige weder oerwandt, noch Stattlich wirb gemeldet: „Dienstag nachmittag fand eine Sabineklssitznng stakt. Me wir von zuständiger Stelle hören, beschäftigte sich das Sabinett nur mit laufenden Angelegeuheiteu." oerfchwägert, vielmehr nur ein ganz gewöhnlicher Kater war) zu «tgehen. Zirwilitt konnte diesen Umzug getrost riskieren, da die akapttaliftische Gesellschoftsordnung der Vögel eine Wohnungsnot in unserem Sinne nicht kennt und zudem der Kampf um die Friedens- miete, der heute die Vermieter begeistert und erhitzt, den Mietern aber einen kalten Schauder nach dem andern den Rücken hinabrennen laßt, in Zirwilitts Reich ohne Begründung war. Nun hatte der Amselvater also den Bauni Nummer 7 als Stätte feines Familien- gliickes gewählt. Freilich tat er erst sehr geheimnisvoll mit seiner neuen Wohnung, und nur durch eine Spürorbeit, die einem Detektiv olle Ehre gemacht hätte, war es nur mit Hilfe meines Kätz- ch«s Schnucki gelungen, das Geheimnis Zirwilttts auszukund- fchaften. Dos war vor mehreren Wochen. Inzwischen blühte sich der Sommer in strahlendste Schönheit hinein, und das blaue Gold des Himmels floß in Duft und Farben um jedes Haus, um ledes noch fo dunkle Mcnfchenhorz. Zirwilitt hatte eine richtige Vogelhochzeit ge- feiert, die letzte, wie er mir einmal sagte, als er von meinem Fenster Futter holte. Ich hatte ihm freundlich zugelächelt und das Futter reichlicher ausgestreut. Seitdem erzähste er mir oft von seiner Fa- Milte. Drei Kinder hatte Zerwilittzi, sein« treue Ehehälfte, ihm er- brütet. Leider habe ich ihre Ramen vergessen; ich hätte die auf- gesperrten Schnäbel aber sowieso nicht voneinander unterscheiden können. So mancher Regenwurm hauchte in ihnen sein armseliges Dasein aus! Wieviel zarte Erbsentriebe wurden als Salat ge- nosien! Die Eltern ließen es die Kinder nicht spüren, daß eine drohende Zolloorlage den ohnehin schon mangelhaft gefüllten Brot- korb des Proletariers noch weiter zu entleeren bestrebt ist, und schleppten herbei, was die freigebige Natur und ich an Nahrung spendeten. Der Erfolg blieb auch nicht aus, und vor kurzem fand nun die erste große Flugveranstaltung statt. Zirwilitt hotte mich vorher um Erlaubnis gebeten, an meinem Fenster die erste Rast vor dem Fluge noch dem Spinatbeete machen zu dürfen. Dabei sollte ich gleich seine Sprößlinge bewundern. Ich fteute mich auf dies Ereignis und versprach Zirwilitt noch den Kirschbaum am Garten- ende zur alleinigen Nutzung für sich und die Seinen. Die Amselmutter erklärte den Kleinen noch einmal olles, und dann flog der Vater mit einig« kurzen Flügelschlägen nach meinem Fenster. Das erste der Kleinen folgte, dos zweite, das dritte, etwas unbeholsen jreilich und ängstlich noch, zuletzt Zirwilittzi. Das war ein Diskurs am F«ster! Das eine wollte es immer bester gemacht haben als das andere. Endlich gebot Zirwilitt, Ruhe zu hallen und sich für d« Weiterflug zu stärken. In gleicher Reihenfolge ging es nun nach dem Spinatbeete. Alle landet« glücklich und ließen sichs an d« jungen Trieben wohl sein. Aber auch der Ruhe wurde gepflogen; hieß es doch, nun wieder ohne Etappe das Nest zu er- reichen. Das war nickst eben leicht, und Zirwilitt flog neb« jedem Kinde her, um seine etwa erlahmende Kraft durch Zurufe anzufeuern. Doch ging alles glücklich zu Ende, und unter dem liebenden Schutz« der Eltern erHollen sich die Amseljprötzlinge von den Strapazen ihres erst« Fluges. Am anderen Tag« ging der Unterricht weiter; die Etapp« wur- den entfernter auseinander gewählt und nun bald der verjvrochenc Kirschbaum erreicht. Da brach ein ungeheurer Jubel los! Während der ganzen Zeit hatte Zirwilitt auf einem Jaunpfohl gesessen und alles beobachtet, immer mahnend und zur astlfe bereit. Als olles «glückt war, kam er an mein Fenster, und im freudigen Stolze eines Auges dämmerte schon eine stille Entsagung und eine unend- lich« Liebe. Eben spüll mich das Steinmeer der Großstadt wieder an seine Ufer. Rauch, Staub und Lärm häng« noch in meinen Kleidern, last« noch auf meinem Herzen. Do, wo dos Meer am tiefsten ist. wo selbst die Stein« vor Schmutz, El«d und Finsternis sich ihres stummen Dien«s empören möchten, da hausen Kinder! Leben, nein, vegetier«, nein— die Sprache ist zu arm. um diesen Zustand in seiner ganzen Gräßlichkeit zu bezeichnen!—, zwischen Wahnsinn und Verbrechen, zwischen Liebe und Haß, zwischen Bordell und Heils- arme«. Sie wissen nichts vom blauen Himmel, der hoch über den Häusern eine schmale Fahne in die Gasse herabhängen läßt, nichts von Grün und Duft und Glänzen draußen auf der Flur. Schal und bleich wächst ihr Pflänzchen unter Trambahnen, Autos und Lärm; ihre ersten Schritts verschluckt ein feuchter Hof und größerer Geschwister erprügelte Aufmerksamkeit. Keiner Mutter schützende Hut baut den Kindern ein warmes Nest, keines Vaters Wohlwollen und Hilfsbereitschaft ist wie heimatliches Wehen um sie: die Diktatur der Drehbank und der Fabrik zwingt die Eltern in ihren Bann und entläßt sie nur spät und ausgepowert. Diese Eltern haben nichts von ihren Kindern, wiss« nicht um ihr Gehen in die Well, um ihr Verbundensem mit der Welt. Das Fremdsein geistert um sie wie ein« böse Krankheit, aus der Zwietracht und Haß wachs«, Haß— obwohl wir so bitter der Liebe bedürfen! .Rakousko" nmnt der Tscheche Oesterreich seit jeher nnd auch heute, zumal die Entente der neuen reindeutschen Alpenrepublik d« selbstgewähllcn Namen Deutsch österreich verboten und ihr den wesenlos gewordenen Nomen der Habsburgermonarchie aufge- zwungen hat.' Fast olle anderen Slawen nennen das Land Austria— warum und woher die besondere tschechische Bezeich- nung? Sie kommt daher, daß die alle Ostmark des fränkischen Kaiserreichs, die zum Schutze vor Avaren und Magyaren angelegt war, gegen die nördlichen Slawen durch die starke Burg R a g a z gesperrt wurde, aus der heute das kleine Städtchen R a a t s im Nord« Niederösterreichs geworden ist. Ragaz— Rakousko! Mustern. Mob dem Russischen iibersetzk von 3ohn Zosephsohu. Ich brauche mein Gedächtnis nicht sonderlich anzustrenq«, um mich oller Einzelheiten zu ertimern... Regnerische Herbstdämmerung. Ich stehe mit meinem Voter in einer der belebtesten Straßen Moskaus und fühl«, wie«me seltsame Krankheit allmählich von mir Besitz ergreift. Ich empfinde lein« eigentlichen Schmerz, ober die Beine brechen unter mir zu- sammen. die Worte bleiben in der Kehle steck«, der Kops sinkt krost- Ins zur Seite... Aug«icheinlich werde ich gleich zu Bod« stürzen und das Bewußtsein rerlieren... Würde man mich jetzt ins Krank«haus bringen, so müßten die Aerste aus das Täfelch« über meinem Bett„llameü"(Hunger) schreiben— ein« Krankheit, die sich in den medizinisch« Lehrbüchern nicht findet. Aus dem Trottoir neb« mir steht mein Doter im abgetragen« Sommerpaletot und Tritottnütze, aus der ein weißschimmerndes Stückchen Watt« hervorschaut. An den Füß« trägt er groß«, schwere Gummischube. Aus Eitelkeit, damit die Leute nicht merken sollen, daß er die Gummischuhe auf den nackten Füß« trögt, hat er ein Paar alt« Sttefelschöste danibergezogen. Dieser arme, wunderliche Mensch, bei, ich um so mähr liebe, je zerlumpter und schmutziger sein stutzermäßiger Sommerpoletot wird. ist vor fünf Monaten na» Moskau gekommen, um ein« Stell« als Schreiber zu finden. Diese ganzen fünf Monate hat er sich in der Stadl umhergettieben, um Arbeit gebet«, und erst heute hat er sich enttchlossen. aus die Straße zu geh« und zu betteln... Uns gegenüber befindet sich ein großes, dreistöckiges Haus mtt einem blau« Schild:„Restaurant". Mein Kops ist etwas zurück- und zur Seite gebog«, und ich blicke unwillkürlich nach ob« in die erleuchtet« F«st«r' des Restaurants. In den Fenstern schimmern menschliche Gestallen. Ich sehe die rechte Seite eines Klaviers, zwei Oeldruckbilder, Glühlichtbirnen... Durch emes dieser Fenster blickend, bemerke ich ein« weißschimmeritden Fleck. Dieser Fleck ist unbeweglich und hebt sich mit geradlinigen Umrisien scharf von der dunkelbraun« Tapete ab. Ich strenge meine Aaugen an und erkenne in dem Fleck ein weißes Plakat. Es ist etwas darauf geschrieben. Was?— kann ich nicht seh«.-- ��öl eine halbe «tund« wende ich die Augen nicht von diesem Plakat ab. Durch seine Weiße zieht es meine Blicke an und hypnotisiert geradezu m«i- nen Geist. Ich versuche es zu lesen, aber mein Bemuhen ist ver- geblich. Der Lärm der Eguipogen klingt mir wie Donner in den Ohr«; im Gestank der Straß«„ntertcheide ich tausend Gerüche; twinc Aug« seh« in den Lampen des Restaurants und in den Straßenlaternen blendende Blitze. Alle meine Sinne sind angespannt und arbeiten übertrieb« scharf. Ich fang« an zu sehen, was ich früher nicht sah. Mustern... entziffere ich endlich auf dem Plakat. Sonderbares Wort! Ich bin nun gerade acht Jahr« und drei Monate auf der Well, aber dieses Wort habe ich noch nie gehört. Was bedeutet es? Ist es vielleicht der Name des Restaurateur»? ?lber die Schilder mit dem Rom« hängt man doch außen über die Türe und nicht drmn« an der Wand auf! „Vater, was bedeutet Austern?" frag« ich mit heiserer Stimme und bemüh« mich, das Gesicht dem Doter zuzmvmd«. Mein Vater hört nicht. �Er bettachtet aufmerksam die Bewegung der Menge und verfolgt jeden Vorübergehenden mit den Aug«... „Vater, was bedeutet Austern?"' wiederhole ich. „Das find solche Tiere... leben im Meer..." Im Augenblick stelle ich mir dieses unbekannte Seetier vor. Es muß so die Mitte zwischen Fisch und Krebs holt«. Do es em Seetier ist, so bereitet man daraus natürlich mit wohlriechendem Pfeffer und Lorbeerblättern eine sehr schmackhafte, heiß« Suppe oder fo eine Art Krebssauce oder eine Geleespeis« mit Meerrettich... Ich stelle mir lebhaft vor, wie man dieses Tier von, Markt bringt, es schnell reinigt, schnell in d« Tops steckt... schnell, weil all« sehr hungrig sind... schrecklich hungrig! Aus der Küche riecht es noch Fischfleisch und Krebssuppe. Ich siihle, wie dieser Geruch meinen Gemmen, mein« Nasenlöcher kitzelt, wie er allmählich von meinem ganzen Körper Besitz ergreift... Das Restaurant, der Vater, das weiße Plakat, mein« Aermel— alles riecht danach, riecht so stark, daß ich anfange zu kauen. Ich kaue und schluck«, gerade als ob ich wirklich ein Stück dieses Seetiers im Munde hätte... Bei dem Genuß, d« ich empfinde, knick« meine Knie zusammen, und, mn nicht zu soll«, packe ich den Vater am Aermel und drücke mich an sein«, nassen Sommerpaletoi... Der Vater zittert und krümmt sich zusammm... Ihm ist kalt... „Vater, darf man Austern au» in den Fasten eflen?" „Man ißt sie leb«dig..." sogt der Vater.„Sie sind in Muscheln, wie die Schildkröten. Aber— aus zwei Hälften..." Der schmackhafte Geruch hört im Augenblick aus. „Wie ekelhaft!" flüstere ich.„Wie ekelhaft!" Also das sind Austern! Meine Phantasie versteht sie sich au». zumal«, wie häßlich sie auch sein mögen... Ich stelle mir ein sroschähnliches Tier vor. Dieses Tier sitzt in einer Muschel und schaut mit groß«, glänzenden Aug« heraus, indem es dabei fein« widerwärtigen Kinnbacken bewegt. Was kann es Häßlicheres geben für einen Menschen, der gerade acht Jahr« imd drei Monate auf der Welt ist?... Ich stelle mir vor, wie man dieses Tier rom Markt bringt, tn seiner Muschel, mit den Krebsscheren, mit den glänzenden Augen und der schlüpfrigen Haut... Die Kinder ver- steck« sich alle,' die Köchin verzieht voll Ekel das Gesicht, nimmt das Tier bei den Scheeren, legt es auf ein« Teller und trögt es ins Speisezimmer. Die Erwachsenen nehmen und essen es... essen es lebendig, mit Augen, Zähnen und Pfoten! Ich verziehe dos Gesicht, aber... aber warum fangen meine Zähne an zu kauen? Das Tier ist garstig, ekelhaft, schrecklich, aber ich«sie es gierig, voll Angst, ich könnte seinen Geschmack oder Geruch wahrnehmen. Ich esse und fühle, wie meine Nerven erstark«, wie das Herz schlägt... Ein Tier ist aaifgeqesim, aber ich sehe schon die Glänzenden Aug« des zweit«, des dritten... ich«sie auch diese... schließlich esse ich die Serviette, den Teller, die Gummi- schuhe des Vaters, dos weiße Plakat. Ich esse alles, was mir nur in die Augen fällt, weil ich fühle, daß mir beim Esten meine Krank- heit vergeht. Die Austern seh« mich mit schrecklichen Augen an und sind ekelhaft: ich zittere beim bloß« Gedanken an sie, aber ich will est«, est«! „Gebt Austern! Gebt mir Austern!" Der Schrei reißt sich aus meiner Brust, und ich strecke die Hände aus. „Helf« Sie mir, meine Herr«!" höre ich zu gleicher Zeit die dumpfe, gepreßte Stimm« meines Vaters.„Ich schäme mich, zu betteln, aber— mein Gott!— die Kräfte verlassen mich!" „Gebt Austern!" schrie ich und ziehe d« Vater am Paletot. „Ißt Du denn Atistern? Solch ein Knirps!" höre ich neben mir fragen. Vor uns steh« zwei Herr« mtt Zylinderhüt« und seh« mir lachend ins Gesicht. „Du kleiner Kerl ißt Austern? Wirklich? Do, ist ulkig! Wie ißt Du sie denn?" Ich erinnere mich, daß eine starke Hand mich in das Restaurant schleppt. Nach einer Minute hat sich eine Menge Leute um mich gesammelt, die mich neugierig und lach«d betrachtet. Ich sitze am Tisch und esse etwas Schlüpfriges, Gesalzenes, das nach Feuchtigkeit und Schimmel riecht. Ich esse gierig, ohne zu kau«, ohne zu sehen und zu wissen, was ich est«. Ich fürchte, wenn ich die Augen offne, werde ich unbedingt die glönzmden Aug«, die Scheeren und die spitz« Zähne sehen... Ich fange plötzlich an etwas Hartes zu tau«. Man hört ein Knirschen. „Hahaha! Er ist sogar die Schoten!" lacht die M«ge.„Du Dummchen, ißt man denn das?" Dann erinnere ich mich eines schrecklichen Durstes. Ich liege in meinem Bett und kann vor Sodbrennen und einer sonderbaren Emp- findung in meinem heißen Munde nicht einschlafen. Mein Vater geht aus einem Winkel in den anderen und gestikuliert mit den Händen... „Ich glaube, ich habe mich erkältet," murmelt er.„Ich fühle so etwas im Kopf... Gerode als wenn da jemand sitzt... aber vielleicht ist es auch davon, daß ich heute... ich... ich heute noch nichts gegesten habe... Ich bin wirklich dunun... ich sehe, diese Herren wers« zehn Rubel für Austern weg— warum bin ich nicht gegang« und habe sie gebeten, mir etwas... zu borgen? Sie Hütt« es sicherlich getan... Gegen Morgen schlafe ich ein und träume von einem Frosch mit Scheeren, der in einer Muschel sitzt und mit den Aug« blinzelt. Mittags wache ich vor Durst aus und suche mit den Altgen den Vater: er geht noch immer aus einer Ecke in die andere und fuchtell mtt den Händen... Billige Lebensmittel Werna-i�DBa�B vorbehattpn Leloht verderbliche Artikel sind vom Versand ausgeschlosson Frisches Fleisch Kalbskamm.......................... pfuna 80?«. Kalbskeulen......................... 95?«. Hammelfleisch(Dicke Rippe) pfand 86?«. Hammelkeulen....................... pjimdl00 Hammelrücken....................... 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