Nr. 355 42. Jahrg. Ausgabe A nr. 182 Bezugspreis: Böchentlich 70 Bfennig, monallig B, Reichsmart soraus zahlbar. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig, Gaar- und Memelgebiet, Desterreich, Litauen, Luremburg 4,50 Reichsmart, für das übrige Ausland 5,50 Reichsmart pro Monat. Der Bormärts" mit der Gonntags beilage Bolt und Reit mit„ Gied Iung und Aleingarten fomie ber Beilage Unterhaltung und Billen" und Frauenbeilage Frauenftimme erfcheint mochentäglich aweimal Sonntags und Montags einmal. Telegramm- Adresse: .Sozialdemokrat Berlin* Morgenausgabe Vorwärts Berliner Dolksblatt 10 Pfennig Anzeigenpreise: Die einfpaltige Nonpareille aeile 80 Pfennig. Reklamezeile 5. Reichsmart. Aleine Anzeigen" das fettgedruckte Wort 25 Pfennig ( zulässig zwei fettgedruckte Worte), jebes weitere Wort 12 Bfennig. Stellengefuaje das erste Wort 15 Bfennig, jedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buch. staben zählen für zwei Worte. Familienanzeigen für Abonnenten Beile 40 Pfennig. 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Da Herr Graef sich hartnäckig weigerte, Antrag der Regierungsparteien, der den Reichsfinanz- fich belehren zu lassen, indem er das Wort zur Geschäftsordnung minister ermächtigen soll, über die Köpfe des Reichstages, verweigerte, ergab sich feine Möglichkeit, die Sigung fortzusetzen. der Landesregierungen und der Landtage hinweg Kirchen Man sah den Genossen Hermann Müller zu dem wild gewor. freuern auszuschreiben. Nachdem Genosse Schreck diesen denen Bizepräsidenten eilen und auf ihn einreden. Schließlich sah Antrag mit aller Schärfe, aber in sachlicher Form bekämpft hatte, dieser ein, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als die bekam der Kommunist Bierath das Wort, der durch seine masfiven Angriffe auf die Kirche heftige Erregung im Zentrum und auf der Rechten hervorrief. Zwischen den Regierungsparteien und den Kommunisten gab es eine förmliche Schlacht von Rufen und Gegenrufen, bis der Kommunist Iadasch sich auf den Zentrumsabgeordneten Esser zu stürzen versuchte. Der demokratische Abgeordnete Korell verhinderte durch sein Dazwischentreten eine Raufszene. Immerhin war der Tumult so groß, daß der amtierende deutsch nationale Bizepräsident Graef glaubte, die Sigung um 9 Uhr für eine Bierielstunde unterbrechen zu dürfen. Der Weltesten rat wurde einberufen, der bis um 10 Uhr tagte. Als die Sigung wieder eröffnet wurde, verkündete der Bizepräsident, daß der Abg. Jadasch von dieser Sigung ausgeschlossen sei. Er stellte zugleich fest, daß sich Jadasch bereits aus dem Hause entfernt hatte, Run hätte selbstverständlich der Kommunist Bierath feine durch den Zwischenfall unterbrochene Rede fortseßen müssen. Die Rechte brüllte aber Abstimmen!" und der ebenso ungerechte wie Bagefchickte deutschnationale Vizepräsident ging auf diesen Wint fofort ein und erklärte, daß Bierath seine Rede bereits beendet hätte. Als gegen diese unmögliche Feststellung von links her protestiert wurde, begann sich Herr Graef mit den Kommunisten herzumzuzanten und erilärte in erregtem Zustande, er werde nicht gestatten, daß Vierräth seine Rede fortsetze. Dann tam ihm plöhlich die Enficht, daß er Unfinn gemacht hatte. Er sah fich aber dadurch nur zu einer neuen Dumm heit veranlaßt, indem er unter unbeschreiblichem Tumult die jenigen, die Bierath meiterreden lassen wollten, aufforderte, sich von = Sigung abermals zu unterbrechen und den 2 eltestenrat nochmals einzuberufen. 10 Minuten vor 10 Uhr besteigt Herr Graef abermals mit etwas befümmerter Miene den Stuhl seiner Leiden. Er tritt einen Rudzug an und erklärt: Er habe sich aus dem stenographischen Protofoil davon überzeugt, daß Bierath seinen Schlußsah noch nicht zu Ende gesprochen habe. Er erteile hm zur Beendigung seiner Rede das Wort. Herr Graef hatte sich inzwischen im Aeltestenrat auf das Vorbild des Präsidenten Löbe verweisen lassen müssen, der dem völkischen Abgeordneten Jürgen v. Ramin nach einem ähn lichen Tumult die parlamentarische Redefreihet dennoch gesichert hatte. Wie Bieraih das Wort nimmt, verläßt das Zentrum den Saal. Der Kommunist spricht mun einige Säße. Dann wird die Reichssteuereretutive zugunsten der Kirche mit einer kleinen Milderung die Erekutve soll nur eintreten, wenn eine förmliche Beigerung des Landes erfolgt eine förmliche Beigerung des Landes erfolgt von den Regierungsparteien angenommen. Es folgt eine Rede des Kommunisten Rosenberg, der einen Abänderungsantrag begründet. Nach der Rede stellt der Bizepräsident fest, daß der Antrag, für den Rosenberg ge. sprochen hatte, bereits abgelehnt jei. Großes Erstaunen und allgemeine Heiterfeit. Auch das charakterisiert die von jeder Sachlichkeit weit entfernte Temperatur, in der sich die Reichstagsberatung jetzt vollziehen. Dann wurde der Rest des Einkommensteuergesetzes in zweiter Lesung angenommen. Schluß 11 Uhr nachts. Die nächste Sigung beginnt heute wegen der Beiseßung des fommunistischen Abg. Eich horn eine Stunde später, um 2 Uhr. Fortsetzung der Steuerberatung. biele Schwierigkeiten im wesentlichen auf die Arbeiterschaft abgewälzt werden müssen. Bon der Regierung müsse gefordert werden, daß auch sie diesen Standpunkt bekämpfe. Vorwärts- Verlag 6.m.b.H., Berlin SW. 68, Lindenstr. 3 Woftscheckkonto: Berlin 37536- Bankkonto: Direktion der Diskonto- Gesellschaft, Depositenkasse Lindenstraße 3 Sorge um die Ernte. Der Regierungsblock macht Steuern in Reiseftimmung! Wenn es nach den bürgerlichen Parteien ginge, dann wäre die große Steuerreform lautlos unter Dach und hinter Schloß und Riegel ausgeflügelt worden ist, verträgt so Fach gebracht worden. Was von den Regierungsparteien wenig die öffentliche Kritit, daß man am liebsten je de Dis fusion im Reichstag unterbunden hätte. Es ist aber die Pflicht der Opposition, solche Absichten zu verhindern und auch dort die ruhige Beratung zu ermöglichen, wo fie der Regierung unangenehm ist, fachliche Gründe sie aber erfordern. Das ist bei der Einkommensteuer der Fall, über die zwei Tage im Reichstag verhandelt worden ist. Sie ist die wichtigste Steuer, nicht nur der Höhe des Ertrages nach, sondern auch, weil sie durch ihre bis in die niedrigsien Einkommen hinein. reichende Belastung fast die Hälfte des Voltes erfaßt. Es ist deshalb nur der Bedeutung der Sache entsprechend, daß in den gestrigen Beratungen des Reichstages die Lohnsteuer im Mittelpunkt stand und selbst der Tarif der Einkommensteuer der Beranlagungspflichtigen in den Hintergrund drängte. An anderer Stelle dieses Blattes werden die neuen Anträge der Regierungsparteien zur Lohnsteuer besprochen. Aber zeigt nicht bereits die Tatsache, daß man die selbst beantragten Beschlüsse des Steuerausschusses in wenigen Tagen preisgeben muß, wie unüberlegt und leichtfertig man in dieser bedeutungsvollen Frage gehandelt hat? Es ist die Empörung der großen Massen der Lohnsteuerpflichtigen und die schroff ablehnende Haltung der Sozialdemokratie gewesen, die den Regierungsparteien beigebracht hat, daß die Beschlüsse des Steuerausschusses zur Lohnsteuer fachlich unmöglich sind. hat aber eine Mehrheit, deren Haltung so wenig durch fachliche Gesichtspunkte gerechtfertigt ist, nun das Recht, über Obstruktion zu zefern, noch dazu über eine Obstruktion, die nur in ihrer Einbildung vorhanden ist? Man tann gewiß darüber streiten, ob die Redner der Kommunisten fachlich unanfechtbar sind und über das notwendige Maß nicht hinausgehen. Die Rede des Abg. Bierath, die zu sehr häßlichen Zwischenfällen Beranlaffung gab, wird niemand billigen. Niemand aber wird bestreiten fönnen, daß die sozialdemokratischen Redner sich nicht nur der strengsten Sachlichteit befleißigt haben, sondern daß sie auch auf wesentliche Lücken und Mängel des Gesezes hinweisen fonnten, und daß sie nicht einmal die Redezeit ausgenutzt haben, die ihnen noch den Vereinbarungen im Weltestenrat zustand. Die Gewerkschaftsführer beim Reichskanzler Gegen den Vorstoß der Unternehmer.- Auch die chrift lichen Gewerkschaften gegen das Zollkompromiß. Im Namen des Gewerkschaftsringes wies Abg. Lemmer unter Am Mittwoch vormittag fand in der Reichskanzlei ein Empfang anderem auf den Widerspruch in der Haltung der Montanindustriellen der Gewerkschaftsvertreter durch den Reichskanzler zur hin, die einerseits weitgehenden Schutzoll forderten, andererseits Besprechung der fritischen Lage des Werkbaues und der Groß sich über die Steigerung ihrer Gestehungstoften beflagten. industrie des Ruhrreviers statt. An der mehrstündigen Beratung Die Zollvorlage würde zu neuen Lohnbewegungen führen, nahmen teil: die Führer der beteiligten Gewerkschaften des Ruhr- und dann allerdings wären die Gestehungskosten der Produktionsfozial, engherzig und fistalifch sei, fonn nicht reviers, der Berg- und Metallarbeiterverbände und der drei Spigen tosten verteuert. Lemmer polemisierte sodann gegen die Behaup organisationen der Gewerkschaften( ADGB., Gewerkschaftsring und tungen der Unternehmer, daß sie infolge des Steuerdruds und Gewerkschaftsbund): auf Regierungsfeite der Reichskanzler Luther, der sozialen Lasten auf dem Weltmartt tonturrenz der Reichsarbeitsminister Dr. Brauns und der Reichswirtschaftsunfähig seien. Selbst das Reichsarbeitsministerium habe durch minister Dr. Neuhaus. Dieser Schritt was gewissermaßen die Ministerialdirektor Grieser das verbände, die bereits in der Reichskanzlei vorgesprochen hatten. Zunächst sprach für die freigewerkschaftlichen Metallarbeiter Genoffe Dißmann, der den Borstoß der Ruhrunternehmer als einen Bersuch bezeichnete, die Regierung für die Arbeitgeberwünsche, insbeson dere auf steuerpolitischem Gebiete, gefügig zu machen. Dißmann warnte das Reichskabinett eindringlich vor einer solchen nach giebigkeit in der Frage der Arbeitszeit und stellte unter anderm fest, daß der Uebergang vom Dreischichten zum Zweischichtensystem in der Schwerindustrie bei zumindest gleichbleibender Erzeugung nicht zu der versprochenen Mehreinstellung von Arbeitskräften um 50 Broz, sondern nur um 11 Proz. geführt habe. Der Reichsarbeitsminister Dr. Brauns erklärte diese Feststellung für be achtlich und ersuchte um Material zur Prüfung der Frage. Der Hirsch- Dundersche Metallarbeiterführer Czieslik charakteri flerte die systematischen und unbegründeten Arbeiterent lassungen in der rheinisch- westfälischen Großeisenindustrie als cine Rache der Unternehmer wegen der Berbindlichkeitserklärung des Schiedsspruches. Bon größter Wichtigkeit, zumal in Anbetracht der Haltung der Zentrumsfraktion im Reichstage, waren die Ausführungen des Verfreters der christlichen Bergarbeiter, Rüffen, der u. a. fchwere Bedenken gegen die Zollvorlage äußerte und ausdrücklich hinzufügte, daß auch das Zollkompromiß der Regierungsparteien noch zu unerträglichen Preissteigerungen führen müsse. Im Namen des ADGB. sprach sodann Genoffe Graßmann, der den wirtschaftlichen Hintergrund der Ruhrtrife besprach und betonte, daß diese schwere Krise nur durch eine inter nationale Reorganisierung der Arbeitsteilung der europäischen Produktivkräfte behoben werden könnte. Entschieden sei aber der von Arbeitergeberseite vertretene Standpunkt zurückzumeisen, daß Zahlenmaterial der Arbeitgeber für tendenziös übertrieben erklärt. Bom Reichskanzler wäre zu erwarten, baß er in aller Deffentlichkeit solchen falschen Behauptungen entgegen träte. Als Vertreter des alten Bergarbeiterverbandes besprach Schmidt- Bochum die Ursachen der Arbeitslosigkeit und forderte u. a. die Regierung auf, durch umfangreiche Maßnahmen auf dem Gebiet der Siedlung usw. dafür zu sorgen, daß die durch die Entwid lung der elektrischen Industrie auf Kosten des Bergbaues be schäftigungslos werdenden Bergarbeiter Arbeits- und Wohnungsmöglichkeiten in den neuen Industriezentren geschaffen werden. Noch während der Ausführungen der letzten Gewerkschaftsredner hatte sich der Reichskanzler Luther von seinem Blak erhoben und war ohne ein Wort der Erklärung verschwunden! Somit beteiligte er sich mit teiner Gilbe an der Aussprache mit den Bertretern der Arbeiterschaft. Dieses eigentümliche Berhalten wurde von allen dort vertretenen Gewertschaftsrichtungen in gleichem Maße als höchst seltsam empfun. den, zumal im Laufe der Debatte wiederholt bestimmte Fragen an ihn persönlich mit der Bitte um Beantwortung gerichtet waren. Es ist kaum anzunehmen, daß sich Herr Luther gegenüber einer Arbeit geber delegation ähnlich verhalten hätte. Dr. Luther über ließ es völlig dem Reichsarbeitsminister Dr. Brauns, das Ergebnis der Verhandlungen zusammenzufassen und die an die Re gierung gestellten Fragen zu beantworten. Dr. Brauns versprach, daß die Regierung die Argumente der Gewerkschaften forgfältig prüfen werde und betonte, daß sie sich bisher auch gegenüber den Unternehmervertretern bei deren Empfang in der vergangenen Woche in feiner Weise gebunden habe. Er versprach ferner die Veröffentlichung des gewünschten stat i st i schen Materials über den Umfang der sozialen Lasten der Ruhrindustrie und begrüßte den Vorschlag der Gewerkschaften, eine Steuerenquete vorzunehmen. In Wirklichkeit ist auch das Ringen um die Lohnsteuer nicht ein Ausfluß irgendwelcher Obstruktionsabsichten, sondern die Folge der mangelnden zugeständnisse in bezug auf die Milderung der Lohnsteuer. Der Vorwurf, den gestern Die sozialdemokratischen Redner der Regierung ins Gesicht geschleudert haben, daß ihre Haltung zur Lohnsteuer unmiderlegt werden. Daran ändert auch das nun ausgeflügelte neue Abzugsverfahren nichts. Es ist eine Berbindung zwischen festen Abzügen und prozentualen Ermäßigungen. Technisch außerordentlich kompliziert, bringt es außerdem gerade für die Gruppen mit einem Jahreseintommen zwischen 2400 und 3600 Mart höhere Lasten als bisher. Dieses System wird sich nie einleben, wird den Gedanken der Lohnsteuer schwer schädigen und seinen Urhebern noch viele trübe Stunden bereiten. Das alles wissen auch die Regierungsparteien. Und wenn fie trotzdem an ihm festhalten, so deshalb, weil sie nicht zugeftehen wollen, daß die sozialdemokratischen Vor chläge beffer und richtiger sind, und ferner deshalb nicht, weil sie nach wie vor aus der Lohnsteuer höhere Erträge herausziehen wollen, als sie im Voranschlag vorgesehen sind. Ist das noch eine verantwortungsvolle Politik? können Parteien, die so handeln, anderen Vorwürfe deswegen machen, weil sie diese Politik bekämpfen? Noch besser aber zeigt ein anderes Borfommnis aus der gestrigen Sitzung des Reichstags das rücksichtslose Verhalten der Regierung und der Regierungsparteien. Bon der Sozialdemokratie war beantragt worden, daß heimarbeiter, deren Einkommen niedriger ist als das Existenzminimum, steuerfrei sein sollen. Das ist an und für fich bereits eine Selbstverständlichkeit. Denn Steuern zu verlangen, wo eine Steuer pflicht überhaupt nicht besteht, ist ein Unding. In diesem Falle außerdem aber eine grenzenlose härte. In vielen Gegenden des Reiches verdienen die Heimarbeiter nur wenige Mart die Woche. Sie sind also steuerfrei. Troßdem müssen sie ein Prozent ihres Eintommens als Lohnsteuer entrichten. Als nach einer mit größter Spannung aufgenommenen Rede der Genoffin Arning ein Regierungsvertreter schroff die Ablehnung des sozialdemokratischen Antrags erflärte, da gab es auf den Bänken der Sozialdemofraten nur ein Gefühl der Empörung. Und als Genosse erg in wenigen Sägen dem Hause flargemacht hatte, welch berechtigtes Verlangen die Sozialdemokratie stelle, da maten felbft die Stegierungsparteien empört gegen die Regierung. Trst unier diesem Druck bequemte sich der Staatssekretär P o p i tz, die Er- süllung des sozialdemokratischen Verlangens für die dritte Lesung zu versprechen. Es ist also eine elende Lüge, wenn die Rechispresse behauptet, daß die Sozialdemokratie die Steuergcsstze nur unter parteipolitischen Gesichtspunkten an» sehe und nicht unter sachlichen. Das ist gerade der Fall bei dem Rcchtsblock. Er sucht jetzt wahr zu machen, was Stresemann und Luther als Ziel dieser Regierung angekündigt haben: eine Wirtschafts- gesetzgebung gegen die Sozialdemokratie und gegen die Arbeiterklasse. Diese Absicht ist jetzt im vollen Zuge. Man sieht sich kurz vor dem Ziel und ist erbost darüber,'daß man die Ernte nicht so schnell in die Scheuern bringen kann, wie es das Ferien- und Ruhe- bediirfnis der bürgerlichen Abgeordneten wünscht. Der Herren mögen es sich gesagt sein lassen: die sozial- demokratischen Abgeordneten haben dieses Ruhe- und Fericnbedürfnis nicht. Sie wollen, daß die großen Emscheidungen in der Steuer-, Zoll- und Wirtschaftspolitik mit Ruhe und Sachlichkeit getroffen werden. Das sind sie nicht mir ihren Wählern, sondern auch dem deutschen Volke schuldig, dessen Interesse jetzt zugunsten einer kleinen Schicht von Besitzenden preisgegeben werden soll. Ein Eewaltftreich! Auffällige Drohungen der Rechtspresse. Die„D e u t s ch e T a g e s z e i t u n g' und der„L o k a l- Anzeiger" kündigen an, die Reichsregierung werde, wenn die Zollvorlage nicht vor der Vertagung des Reichstags erledigt werde,„die notwendigen Gesetzentwürfe durch anderweitige Maßnahmen verwirklichen". Da- nach scheint man in den Reihen der Regierung und der ihr ergebenen Parteien nicht allzu viel Vertrauen auf den Appell an das Pflichtbewußtsein der deutschnationalen Reichstegsabgeordneten zu setzen. Man dreht den Revolver um und richtet ihn zur Abwechslung einmal auf die Oppo- sition. Die Frage bleibt nur, was die Hintermänner der auf- fälligen Rotiz unter den„anderweitigen Maßnahmen" ver- stehen. Spielt man etwa mit dem Gedanken eines neuen Ermächtigungsgesetzes oder einer A e n d e- rung der Geschäftsordnung, die es ermöglichen würde, die Zollvorlage in einem Ramsch zu erledigen? Der- artige Gewaltmaßnahmen in einer so einschneidenden Frage und in einer Zeit, die ein derartiges Vorgehen in keiner Weise rechtfertigt, würden zwar den deutschnationalen Junkern durchaus ähnlich sehen, aber zu ihrer Verwirk- lichung ist das Einverständnis des Zentrums nötig. Das wissen die Inspiratoren der Gewaltgedanken nur zu genau, und deshalb richtet die„Deutsche Tages- z e i t u n g" einen Aufruf an das Zentrum, in dem es heißt: Koalitionen haben erst dann den Beweis ihrer Tragfähig- keit erbracht, wenn sie auf ein« Summe beachtlicher Leistungen .zurückblicken können. Die gemeinsame Arbeit und die gemeinsam« Verantwortung führt die Parteien wie die einzelnen näher zu- einander und bildet ein immer fester werdendes Band, von dem wir ja aus der ncudeusschen Geschichte wissen, wie halt- !>ar e» unter llmständem sein tan«. Wenn also der will« zum Jorf- besiand der gegenwärtigen Soalition im Reiche vorhanden ist— »nd das scheint uns so zu sein—. dann erfordert auch dieser wieder als togische Konsequenz: Dnrchbiegent-; Der Sinn des Appells ist eindeutig. Nachdem das Zentrum den Brotwuchsrplänsn der Ostelbier seine Zustim- mung gegeben hat, verlangen die Landbündler von ihm auch noch, daß es seine Unterschrift zu einer Vergewalti- gung der Verbraucherparteien gibt, da die Herren Großagrarier zu bequem sind, den Kampf um ihren Brotwucher persönlich durchzufechten. In dem einen Punkt muß man den Spekulanten auf die Beflissenheit anderer edenfalls recht geben: weist das Zentrum das tolle An- innen nicht entschieden zurück, dann verkauft es sich damit rettungslos der agrarisch-schwerindustriellen Reaktion und die Zentrumsarbeiter hätten das Nachsehen. Hochbetrieb im Zollausschuß. Lcbensmittclzölle und Ermächtigung in erster Lesung durchgepeitscht. Im weiteren Verlauf der gestrigen Zollausschußsitzung legte Genossin Schroeder dar, daß sich die Wirkungen des lückenlosen Zolltarifs geradezu verbrecherisch auswirken. Die Regierung erklärte u. a. in ihrer.Begründung'. die Wiedereinführung von Zöllen sei erforderlich auch im Interesse der zahlreichen Arbeiterschaft. Man schiebt also zur Abwechselung einmal soziale Gründe vor. Dabei beträgt die E i n s u h r in den Monaten Januar bis Mai 1S2S ganze ZZSS Doppelzentner, die Ausfuhr dagegen 45888 Doppelzentner. Zölle avf die Margarine bedeute bei der ganzen Konstellation in dieser Industrie eine Prämie für das ansläadlsche Kapital. Der Einfluß des ausländischen Kapitals ist so groß, daß es öS Proz. der gesamten deutschen Produktion kontrolliert. Zölle auf Käse dürfen selbstverständlich nicht fehlen. Auch hier kommt deutlich der agrarische Pferdefuß zum Vorschein. Dabei wird durch die Zölle auf diese Produkte die Lebenshaltung der minderbe- mittelten Bevölkerung außerordentlich beinflußt. Die arbeitenden Kreise sind gezwungen, daß minderwertigere Produtt zu kaufen, weil es billiger ist. Sie würden gerne für sich und ihre Kinder die Qualitätsware nehmen, müssen aber aus materiellen Gründen darauf verzichten. Und nun wird diesen Armen die Konsumtion durch die Zölle erschwert, ja fast völlig unmöglich ge- macht. Volkswirtschaftliche und bevölkerungspolitisch« Gründe ver- langten, daß namentlich in diesem Falle das Gruppeninteress« der Margarineindustrie zurücktreten müsse hinter die sozialen Forde- rungen der großen Masse unseres Volkes. Gen. Peine fragte erneut den Minister, da die tags zuvor erteilte Antwort sehr ungenügend war, wie er sich die praktisch« Durchführung der von den Zollparteien beantragten Regelung bei der Verteilung der tonkingeaklerlen Gefrierfleisch- mengen denk«. Praktisch laufe der Antrag auf eine Täuschung hinaus: er maskiert die schwarz« Absicht, im vermeintlichen Interesse der Landwirtschast die Einfuhr von Gefrierfleisch absolut zu unterbinden. Wenn es der Regierung ernst sei, daß Gefrierfleisch hereinkomme, dann müsse sie sich freimachen von den angestrebten Bindungen und sich namentlich der Genossen- s ch o f t e n und ihrer Zentraleinrichtungen zur Verteilung bedienen. Der Minister ließ darauf erklären, daß die Regierung auf die Mitwirkung der Genossenschaften den größten Wert lege. Sehr entschieden wendete sich auch der demokratische Abgeordnet« Ziegler gegen die Zölle auf die genannten Produkte. Vor allen Dingen wäre notwendig gewesen, nicht nur die Interessierten Wirtschaftskreise zu hören, sondern auch Ae r z t e und sonstig« Kenner der Gesundheitsverhältnisse, um die ver- heerende Wirkung einer erneuten Erhöhung der Lebensmittelpreise zu prüfen. Als Verteidiger der Magari".ezölle erhob sich darauf ein Ze n t r u m s m a n n und zwar der Direktor der christlichen Genossenschaften, Herr Schlack aus Duisburg. Er verneinte die schlimme Wirkung der Margarinezölle vor allen Dingen auch damit, daß 60 Proz. der Rohprodukte zollfrei beiden sollten. Darüber hinaus seien aber Zölle, um die ausländische Konkurrenz fernzuhalten, eine unbedingte Notwendigkeit. Herr Schlack war lS22 einer der entschiedensten Kämpfer gegen die dowaligeZollvorlage. Erhatsichjetzt zumSchutz- Zöllner entwickelt. Wie seine christlichen Genossenschasts- Mitglieder sich dazu stellen werden, sst eine Frage, die hier nicht zu beantworten sst. Ihm entgegnete kurz aber treffend der Gen. Rowack, der gerode auf Grund der von Schlack angeführten Tatsachen in der Lage war, nachzuweisen, daß der angeblich« Schutz«ine sehr über» f l ü s s i g e S a ch e ist und daß im übrigen der soziale Schaden nicht abgeleugnet werden könne. Den Rest der Positionen bilden Getränk« verschiedener Art. Dabei verlangte Gen. Sollmaan Zollfreiheit auf Mineralwasser, umsomehr, als sich die ln Frage« kommenden Wlrlschasts- kreise selbst dafür ausgesprochen haben. Die Regierung sprach sich im Prinzip ebenfalls dafür au», bei den Sätzen handle es sich nur um Berhandlungszölle. Es folgten Abstimmungen. Der Ankrag der Sozialdemokraten auf veseitiguug der Mindest- zölle für Fleisch wurde von dem geschlosienea Zollblock abgelehnt. Ebenso die übrigen Anträge, die zum großen Teil Zollsreiheit verlaogtca für Margarine, Felle aller Art. Eier, Geflügel usw. Angenommen wurden mit der üblichen Mehrheit die Sätze der Regierung, oder die Ant.äge der Komromißpartcien. Dann trat der Ausschuß in die Beratung des Gesetzes selber ein. Ueber die Paragraphen, die das E i n f u h r j ch e i n s y st« m wieder einführen wollen, entspann sich«in« längere Debatte. Die Genossen henke und Hilserding begründeten einen sozialdemo- kratischen Eventualantrag, der vorsieht, daß bei einem Beschluß entsprechend der Regierungsvorlage die Einsuhrscheine für Roggen, Weizen und Spelz.auch nur ausschließlich bei diesen Getreidearten verwendet werden dürfen. Ein Zentrumsredner erklärte sich im Namen der Reglerungs- Parteien mit dem Vorschlag einverstanden, dennoch wurde der sozialdmokcakische Antrag niedergestimml. Die Regierung wurde beaustragt, wegen dieser Frage noch einmal mit den Parteien zu verhandeln. Das Resultat ist sehr zweifelhast. Eine lebendige Debatte entspann sich bei den Anträgen des Z o l l b l o ck s, die für die Regternag eine gewisse Ermächtigung verlangen. Gen. Vreitscheld wandte sich mit aller Entschiedenheit gegen einen so gestalteten Verfassungsbruch. Er berief sich dabei auf ein Gutachten des Iuristentages aus dem Jahre 1S2I. Es nützte nichts. Auch nicht der Hinweis auf die Konsequenzen, die sich aus einem derartigen Verfahren ergeben müßten. Der Volksparteiler von Raumer bestritt die verfassungsändernde Tendenz. Nach seiner Ueberzeuqung handelt es sich nur um eine ganz harmlose Angelegenheit. Ihm assistierte Ernährungsminister v. kauitz, der dann auch dos niedliche Geständnis machte, daß dieser Weg auch den Zweck verfolge, etwaige innerpolitische Konflikte möglichst zu vermeiden. Dann trat der Abstimmungsautomat in Tätigkeit. Die Ermächtigung wurde beschlossen, und das Gesrlerflelsch- konlingenl mit der Wohlfahrlsklausel gutgeheißen. Dabei entspann sich noch einmal eine erregte Zwiesprache, als die Genossin Sender das heuchlerische Spiel von Regierung und Blockparteien kennzeichnete. Dem Zentrum war sichtlich wenig wohl. Am Donnerstag beginnt die zweite Lesung der Vor» läge. Dabei wird man sich jedoch auf eine Behandlung der Beschlüsse in der ersten Lesung beschränken. die überflüPge Tabakfteuererhöhung. Toppeltes Recht bei der Steuereintreibung. Aus Kreisen der Zigarettenindustrie wird un» geschrieben: Während die Zollämter auf höhere Anordnung die endgültig« Auslösung tabaksteuerrückständiger Mittel- und Kleinbetriebe der Zigarettenindustrie betreiben, wird aus zuverlässiger Quelle bekannt. daß der I a s m a tz i- Reemtsma-Konzern vom Reichssinanzministe- rium ein Tobak st euermoratorium ohne Sicherheit bis zunächst zum 31. Dezember d. I. bewilligt bekommen hat. Es ist vollkommen unverständlich, wie unter solchen Verhältnissen die Vertreter des Reichsfinanzministeriums in den Verhandlungen über die geplante Erhöhung der Tabaksteuer für Zigaretten ständig per- sichern tonnten, die Klagen über die Notlage der Zigarettenindustri« seien übertrieben. Bollend» unbegreiflich aber ist es, daß durch derartige Maßnahmen zweierlei Recht geschaffen wird. Di« Bemühungen der bedrohten Mittel- und Kleinbetriebe, die ja heute längst für verhältnismäßig gering« Steuerschulden beim Fiskus von diesem gepfändet sind, können nicht die geringste Stundung erlangen: Gloßbetrieb«, die durch Privatschul djen schwer belastet sind, erhalten sicherheitslos ein derartiges Moratorium. Wenn die ge- plante Tabak st euererhöhung nicht': noch ln letzter Stund« zur Ablehnung kommt, wird freilich einer solche Umwälzung der Zigarettenpreise Platz greifen, daß auch diese einseitige Bevorzugung den Zusammenbruch der noch oerbleibenden Fabriken schwer- lich aufhalten wird. Werkarbeit für Schule unö Leben Glossen zur pädagogischen Woche ln Nürnberg. Wer den Feind bekämpfen will, muß ihn im eigenen Lager auf- suchen. Die sozialistischen Pädagogen erweisen unserer Sache keinen Dienst, wenn sie die Kongresse der bürgerlichen Schulreformer nicht besuchen oder nur als passive Zuschauer sich an ihnen beteiligen. Die Tagung.Wertarbeit für Schule und Leben", die vor kurzem die Anhänger der sogenannten Arbeitsschule in Nürnberg vereinte, wäre sicher lebendiger und reicher an Erkenntnissen gewesen, wenn die marxistisch geschulten Pädagogen ihre Anschauung und Einwände kräftiger zur Geltung gebracht hätten. Nichts wäre ja eigentlich natürlicher, als daß eine pädagogische Tagung, die der Bedeutung der Handarbeit für die Erziehung gerecht werden will, mutig und entschlossen die Arbeit als Erziehung»- und Kultur- Problem in den Mittelpunkt aller Erörterungen stellte. Arbeit, wohlgemertt nicht in dem Sinne bürgerlicher Ueberlieferung, die immer eine reinliche Scheidung zwischen geistiger, d. h. nutzloser, und körperlicher, d. h. Profit- und Lohnarbeit, gezogen hat. Wer nicht mit verbundenen Augen durchs Leben geht, muß merken, daß die sorgsam aufgerichteten Scheidewände zwischen Schule und Leben schon längst zusammengestürzt sind und der Geist des Maschinenzeitalters über- all herrisch seine Rechte fordert. Am stärksten wirkt er aus Lehr- gang und Methode jener Schulgattungen ein, die der Vorbereitung für Beruf und Lohnarbeit besondere Aufmerksamkeit widmen. In der Tat hat ja auch die Entwicklung der modernen Berufsschulen die bürgerliche Pädagogik erst auf den Gedanken gebracht, daß man mit den alten Mitteln der veränderten Situation nicht gerecht werden könne. Man konnte sich.der Tatsache nicht oerschließen, daß der Jugendliche im Beruf ein anderes Erziehungssubjekt darstellt als der Volks- und Mittelschüler." sGewerbeschulrat Dozier, München.) Kerchensteiner. der Sohn des Maschinenzeitalters, hielt der kleinbürgerlichen Ideologie getreu das Handwerk für die Grundlage aller produktiven Arbeit und suchte das Erziehungssystem des völlig überlebten Handwerkertums mit einem großen Aufgebot von Materialien und Lehrkräften wieder künstlich zu beleben. Diese Versuche sind, wie man ohne Uebertreibung behaupten kann, durch. aus mißlungen. Was aber tun die Erzieher und Schulmänner? Die berufenen Verkünder der neuen Ideen und des neuen Erziehungsgeistes? Wenn Nion den Versicherungen eines ihrer Wortführer, des Stadtschul. rates Konrad Weiß(Nürnberg), Glauben schenken darf, dann hat sich ja gerade eine Gruppe selbstbewußter Philosophen und Kukturerzieher die hohe Aufgabe gesetzt,.durch den neuen Seist in Schule und Erziehung eine neue Kultur zu schassen." Und selbst der Demokrat Weiß, der vorsichtig genug ist, um nicht gleich eine neu« Kultur schassen zu wollen, wie» der Arbeitsschule in seiner Eröffnungsrede noch recht respektable Aufgaben zu. Sie solle die Arbeit.wieder mit Geist und Freude, also mit wertvollstem Leben». Inhalt erfüllen, solle Arbeitswillen mit Menschlichkeit verbinden und nicht nur eine äußerliche, sondern eine gesinnungsmäßigc Volks- gcniejnschoit begründen." Man mag über die Möglichkeit, solch: schönen Ziele durch eine kapitalistisch organisiert? Klassenschule zu erreichen, denken nie man will. Dt« Ausgab« lohnte, und war« de» Schweißes der Edlen wert. Aber vorgeblich suchten wir vier Tage lang auf diesem Kongreß nach Männern, die sich bereit er- klärten, diese edlen Vorsätze in die Tat umzusetzen. Was man hörte, waren stundenlange Belehrungen über den Wert der Handarbeit in den einzelnen Unterrichtsfächern. Man schätzte die Handarbeit in der Schule,.wenn bei ihrer Ausführung auf Sauberkeit, Ordnung, Geduld und Ausdauer gedrungen wird."(Bezirksschulrat W o l f i n g e r, Nürnberg.) Ein Erziehungsziel, das auch der strammste preußische Leutnant gutheißen kann. Hatten schon die Volksschullchrer und ihre Kollegen von der höheren Schule die neuen Unterrichts- und Erziehungsziele streng innerhalb der Grenzen des Erlaubten und Ueberlieferten gehalten. so konnte man es den Anhängern der bürgerlichen Berufsschule gar nicht übel nehmen, wenn auch sie den Geist des Herkommens zu wahren suchten..Der Werkstattunterricht in der Berufsfort- bildungsschule soll die Meisterlehre ergänzen, verbessern und vertiefen."(Gewerbeschulrat Dozier, München.) Die alle Formel Kcrchensteiners im neuen Gewände! Kann man noch bescheidener in seinen Forderungen, respektvoller in der Anerkennung des klein- bürgerlichen Ideals sein? Und doch erkläte derselbe Redner einige Augenblicke später:..Berufsertüchtigung gilt der modernen Fort- bildungsschule als Mittel zum Zweck der Menfchenbildung" Es wäre oergeben« Liebesmüh, den Herren beweisen zu wollen, daß sie sich in einem Labyrinth von Trugschlüssen hoffnungslos verirrt haben. Zur Orientierung für den Leser sei festgestellt: Werkarbeit in der Form der handwerklichen Unterweisung wird niemals all g-e meine Bildung vermitteln können. All- gemeine Bildung ist nicht die Folge, sondern die Voraussetzung der speziellen Handwerksausbildung. Nach solch' salbungsvoller Predigt empfand man die rücksichts- lose Offenheit des Betriebsdirektars H a n n e r, von den München- Augsburger Maschinenfabriken, beinahe als erfrischende Aufrichtig. keit. Der Herr will nichts von der„Menschenbildung" wissen. Die Industrie will in ihren Lehrwerkstätten nur tüchtige Ar- beiter, vor ollem hochwertige Facharbeiter heranzieben. Das bedeutet Derbilligung der Produktion und Ersparnis an Menschen- Material.„Produktiv" in kapitalistischem Sinne sind auch ihre Lehr- Werkstätten organisiert. Sie dürfen keine nutzlosen Ausgaben ver- Ursachen, müssen sich selbst erhalten. Und damit ja in der industriell- technischen Ausbildung der Lebrlinge kein Pfennig vergeudet werde, hat man die Eignungsprüfung eingeführt. Mit allen Mitteln einer raffinierten Psychotechnik werden die ungeigneten. sckwochen oder unsicheren Bewerber ausgeschieden. Und die Masse der un- gelernten Arbeiter? Wer sorgt für ihre„Menschenbildung?" Für sie hat die Industrie kein Interesse. Sie sind auch das geheime Grausen unserer Berufsschulpädagogen, die mit ihnen nichts Rechtes anzufangen wissen. Di« Nürnberger Heerschau der deutschen Arbeitspädagogen, der von ihren Einberufern die Aufgabe gesetzt war, ein klares Bild von den Leistungen wie von den Zielen der deutschen Arbeitsschule zu geben, hat eigentlich nur die innere Zerfahrenheit und Planlosigkeit der ganzen Bewegung enthüllt. Sie endete— wie fast all? kul- turellen Demonstrationen des modernen Deutschlands— mit einem Fiasko. Unfähig, der pädagogischen Ausgaben wie der sozialen Nöte des Zettalters Herr zu werden, begnügte man sich mit pathetischen Erklärungen und selbstgejälligen Deklamationen. In der Praxis überläßt man die wahr« Führung den mächtigen Wirtschaftsgruppen. beharrt eigensinnig in den allen Geleisen und entwickelt nur dann Energie, wenn die Industriekapttäne mit dem guten Beispiel voran- gehen. Bezeichnend ist das Beispiel der st ä d t i s ch e n Lehr- Werkstätten Nürnbergs. Sie sind, wie Stadtrat Weiß, ausdrücklich erklärte,„nach dem glänzenden Vorbild der Lehrwerkstätten der Nürnberger großen Privatfirmen" organisiert worden, entbehren aber»m übrigen jeder pädagogischen Führung. Während man demnach in den Fortbildungsschulen „Menschenbildung" erstrebt, Arbeit„mit wertvollstem Lebensinhalt" zu erfüllen sucht, treibt man in den Industriellen Lehrstätten die- selbe Abrichtung und Profitwirtschaft wie die Privatinduftrie. Soll das etwa die in so hochtönenden Worten geforderte„sittliche Der- knüpfung der Jndustricarbeit mit dem ganzen Menschen durch Wiederbeseelung des Erzeugungsprozesses" bedeuten? Dann sind wir um eine Enllöuschung reicher und die Vertrauensvollen warten umsonst auf den Tag der Erlösung. Die deutsche Arbeiterschaft ver- gesse aber nicht, was kürzlich in einem Moment der Aufrichtigkeit ein bürgerlicher Kulturpolitiker in der„Neuen Freien Presse" schrieb: „In Amerika dient übrigens die Schule wie uberall der bestehenden Ordnung. Sie ist die Propagandastätte der Machthaber." Dr. Julius Eisenstädter. Ein„Deutscher Ltudenleatag". Der Vorstand des Deutschen Studentenbundes, dessen Berliner Gruppe auch die So- zialdemokratische Studentenvereinigung angehört, sendet un» folgende Erklärung: Der„Vorstand der Deutschen Studentenschaft" hat zum 30. Juli eine Tagung studentischer Vertreter nach Berlin einberufen, die er zu Unrecht als„7. Deutschen Studententog" bezeichnet. Ein großer Teil der deutschen Studenten, vor allem Deutschösterreichs und Deutschböhmens, ist von dieser Tagung ausgeschlossen. Die im „Deutschen Studentenbund" zusammengeschlossenen Studentengrup- pen erkennen den derzeitigen„Vorstand der Deutschen Studenten- schaft", der sein Am: dem Rechts- und Wortbruch seiner Vorgänger verdankt, nicht an. Sie lehnen die Mitarbeit in einer Organisation. wie dem Eesamtoerband„Deutsche Ttudentcnschast" ab, da sein Aufbau nach völkischen Prinzipien einen Hohn auf jede grohdeutsche und nationalpolitische Arbell bedeutet. Daher werden die Vertreter des„Deutschen Studentenbundes", wie in den Vorjahren, auch diesem sogenannten Studeittentag grundsätzlich fernbleiben. Da der „Deutsche Studentenbund" der Ansicht ist, daß die notwendige, ort- liche studentische Selbstverwalwngsarbeit trotz der unvernünftigen Haltung des„Vorstandes" des Gesamtverbandes gemeinsam von allen Studenten durchgeführt werden muß, werden Angehörige unseres Bundes als Vertreter einzelner Studentenschaften an der Tagung teilnehmen, soweit es im Interesse der Fortführung der örtlichen, sachlichen Arbeit notwendig erscheint. Hierdurch erfährt unser Standpunkt grundsätzlicher Ablehnung des heutigen Dorstan- des und der heutigen Organisationsfonn des Gesamtverbandes „Deutsche Studentenschaft" keine Aenderung. Al» Folge de» Asfevprozeiie» ist in Amerika eine Ricsernrnchfroge nach evoluliouiittscher yileraiur eingetreten. Die Schriften TarwinS und Huzley« werden«rasscnhajt verlangt und beginnen sogar die Tetekiivroman«»u verdrängen. Der Internationale Kongreß. Die Lifte der Berichterstatter. Die Gefchäftskommission der Sozialistischen Arbeiter Internationale hat nunmehr im Einvernehmen mit den beteiligten Parteien die Liste der Referenten zusammengestellt, die auf dem internationalen Rongreß in Marseille zu den einzelnen Punkten der Tagesordnung das Wort ergreifen merben. Es sind folgende Genossen und Genossinnen: Eröffnungsrede: Artur Henderson( England), Borsitzender der Geschäftskommission der SAI. 1. Die internationale sozialistische Friedenspolitik: A) Die Internationale und die Probleme der Sicherheit und der Abrüstung. Referent: C. R. Burton( England). B) Der Kampf der Arbeiterklaffe gegen die Kriegsgefahren. Re ferenten: Leon Blum( Frankreich), Rudolf Hilferding ( Deutschland), Morris Hill quit( Amerika). 2. Die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse und die Arbeitslefigteit. Referent: Louis de Broudère( Belgien). 3. Die Ronvention von Washington und der Achtstundentag. Referent: Tom Shaw( England). 4. Bericht und Antrag der Internationalen Frauenkonferenz. ( Referentin wird von der Frauentonferenz bestimmt.) 5. Organisation und Beitragssystem. Referent: Friedrich Adler. Die Geschäftskommission hat weiter beschlossen, daß eine der vom Kongreß einzufezenden Kommissionen sich speziell mit den Fragen des europäischen Ostens beschäftigen foll. Im Rahmen dieser Kommission für die osteuropäischen Probleme wird die Aussprache der beteiligten Parteien über die Kriegsgefahren im Osten stattfinden, und die Kommission felbst wird einen Referenten bestimmen, der darüber an den Rongreß berichten wird. Bährend der Tagung des Internationalen Rongresses, und zwar ab 17. August, amtiert das Sekretariat der Sozialistischen Arbeiter- Internationale in Marseille. Während dieser Zeit sind alle Zuschriften an das Gefretariat an die Adresse: 42, Rue de la Republique, Marseille( Telegrammadresse: Interfocia Marseille) zu richten. Ein Abkommen mit Oesterreich. Aufhebung des Sichtvermerks. Im Auswärtigen Amt ist gestern das zwischen der deutschen Reichsregierung und der österreichischen Bundesregierung vereinbarte Abkommen über die Beseitigung des Sichtvermertzwanges von dem Reichsminister des Auswärtigen, Herrn Dr. Stresemann, und dem österreichischen Gesandten, Herrn Frant, unterzeichnet worden. Nach dem Inhalt des Abkommens können die Angehörigen des einen Staates das Gebiet des anderen Staates über jede amtlich zugelassene Grenzübergangsstelle jederzeit lediglich auf Grund eines gültigen Heimatspasses, aus dem sich die Staatsangehörigkeit des Bazinhabers einwandfrei ergibt, ohne Sichtvermerf betreten und verlassen. Für Kinder unter 15 Jahren genügt an Stelle des Passes ein amtlicher Ausweis über Namen, Alter, Staatsangehörigkeit und Wohnfig oder dauernden Aufenthalt des Kindes. Der Kinderausmeis muß bei Kindern über 10 Jahren mit einem von der Ausstellungs. behörde abgestempelten Lichtbild versehen sein. Für den gemein schaftlichen Grenzübertritt von Personengruppen, die aus deutschen Reichsangehörigen oder österreichischen Bundesangehörigen oder aus Angehörigen beider Staaten bestehen, gilt eine von der zustänbigen Behörde ausgestellte Sammelliste als Baßerfaß. Das Abtommen wird am 12. Auguft b. 3. in Kraft treten. Der Amnestieausschuß. Im Rechtsausschuß des Reichstags wurde gestern die erste Beratung des Gesezentwurfs über Straffreiheit fortgelegt. § 5a, durch den ein Amnestie ausschuß eingesetzt werden soll, Abg. Dr. Rosenfeld( 503) beantragte bie Einfügung eines der aus fünf Vertretern aller großen Parteien bestehen würde. Dieser Ausschuß soll die Fälle nachprüfen, in denen ein Amnestieantrag abgelehnt worden ist, oder in denen es sich um Straftaten handelt, die nach dem Gefeß von der Amnestie ausgeschlossen find. Der Ausschuß foll vom Reichsjuftizminister einberufen werden. Er soll auch nicht endgültig über die Amnestiefälle entscheiden, sondern über feine Borschläge soll dem Justizminister die legte Ent. fcheidung zustehen. Abg. Dr. Rosenfeld sieht den größten Borzug eines solchen Ausschusses darin, daß er das Vertrauen der Bevölke rung zur Handhabung der Amnestie stärkt und dem Minister einen Teil der Berantwortung abnimmt.( Minister Franken: Die trage ich gern allein!) Abg. Stoeder( Komm.) stimmt dem sozialdemokratischen Antrag zu, beantragt aber, einen Schritt weiter zu gehen und deni Amnestieausschuß auch das Recht zu geben, unter gewiffen Um ständen auch Buchthausurteile nachzuprüfen. Abg. Dr. Barth( Dnat.) und Hampe( W. Vg.) lehnen für ihre Barteien den Ausschuß ab. Abg. Dr. Pfleger( Bayer. Bp.) äußert Bedenken gegen die Formulierung des Antrags. Auch die dem Ausschuß in dem Antrag eingeräumten Befugnisse seien unvereinbar mit einer geordneten Gerichtsbarkeit. Abg. Brodauf( Dem.) stellt sich dem Antrag freundlich gegen über, wünscht aber eine präzisere Fassung. Er würde lieber die Einfegung eines wirtlichen parlamentarischen Ausguises sehen, der vom Rechtsausfuß berufen wird. Dein fommunistischen Ergänzungsantrag stimmt der Redner gleich falls zu Reichsjuftizminifter Frenken: Ich muß dringend bitten, diesen Antrag abzulehnen. Das Begnadigungsrecht ist ein jus eminens ( Grundrecht) des Staatsoberhauptes. Aus diesem Recht heraus fließen die einzelnen Verwaltungsatte. Für diese übernimmt der Minister durch seine Gegenzeichnung die Berantwortung. Ich verab Scheue jeden Eingriff der Politik in die Rechtspflege. Die Rechtspflege hat mit Bolitit nichts zu tun.( Beifall.) Herr Kußmann„ berichtigt". Der kleine Napoleon. Affeffor Dr. Kußmann sendet uns unter Berufung auf§ 11 des Preßgesetzes eine Berichtigung, die der Herr trotz seiner juri. stischen Bildung nicht einmal den gesetzlichen Formvorschriften entsprechend hat zuwege bringen können, die wir aber gleichwohl unseren Lesern nicht vorenthalten wollen, weil diese Untorrektheit begreiflicher Aufregung entspringt, die auch in Stil und Schrift der Erklärung deutlich zutage tritt. Die Berichtigung lautet: 1. Ich habe niemals in Fühlung mit Stellen der Deutsch nationalen Bolkspartei gearbeitet. Das Bureau in der Lützow straße" hat niemals von der Staatsanwaltschaft Atteneinsicht oder irgendwelche Abschriften erhalten. 2. Herr Knoll hat mich einmal in Zimmer 671 des neuen Kriminalgerichts in einer Privatangelegenheit aufgesucht und nicht öfter. auch seinen engeren Kollegen, aufgefallen. Vielleicht gibt Herr Kußmann einmal pofitio an, woher er die Mittel gehabt hat. Wir wollen hier auch an die 3ipiltlage erinnern, die der Herrn Kußmann unterstellte Referendar gegen seinen damaligen Chef auf Rüdzahlung von 2000 M. angestrengt hat. Nach Herrn Kußmanns eigener Prozeßbehauptung er bestreitet seine Rückzahlungspflicht soll dies der Anteil des Referendars für die gemeinsamen Kosten einer Segelpartie nach Hamburg gewesen sein. Auf Herrn Kußmann selber müßte demnach der gleiche, oder vielmehr da Kußmann noch in Begleitung einer fogar der doppelte britten Berson war, die zu ihm gehörte Betrag entfallen, d. h. 2000 63w. 4000 m. Woher hat Herr Kußmann die Mittel zur Bestreitung derart luguriöser Reisen? Hat fein Kommifforium soviel eingetragen? 7. Wir haben auch die Abschrift des Kammergerichtsbeschluffies zu Geficht bekommen, die Grundlage der Beröffentlichung gewesen ist. Von dieser Abschrift fäßt sich aus bestimmten Momenten, die mir im weis erbringen, daß sie nur von der Staatsanwaltschaft herrühren tann. 3. Herr Knoll hat niemals für mich einen Pfennig bezahlt. 4. Die„ Schwalbe" einen alten Achtsegellängenkreuzer befige ich feit 1923, wie man aus der Beschreibung meiner Seereise Intereffe der Untersuchung noch geheim halten müſſen, der Nach. 1924 in der Jacht", Jahrgang 22, Nr. 1,245 nachlesen fann. 5. Mir ist weder in Rolberg noch in Danzig„ das Geld aus. gegangen". 6. An mich ist weder nach Danzig noch nach Kolberg auch nur ein Pfennig Geld gesandt worden. Ich habe von Herrn Knoll weder früher noch überhaupt bis heute weder mittelbar noch unmittelbar jemals einen Pfennig Geld erhalten. 7. Ich habe niemals eine Abschrift des erwähnten Rammergerichtsbeschlusses herstellen lassen. 8. Mir ist niemals vom Mitteldeutschen Braunkohlensyndikat irgendeine Stellung versprochen worden. 9. Ich habe überhaupt feinerlei Beziehung een zu irgendeiner Preffe. 10. Ich habe weder der Deutschnationalen Volkspartei jemals weder mir amtlich bekannt gewordenes noch anderes Material zu getragen, noch jemals von ihr irgendeine Gefälligkeit noch irgend eine Bersprechung erhalten. 11. Weitere Berichtigungen behalte ich mir bis zu einer Rüd sprache mit meinem Borgesezten vor. Dr. Erich Kußmann." Herr Kußmann führte im Bureau des Herrn Knoll den Spitz namen:„ Der fleine Napoleon." Sein Dementi atmet in der Tat die Kühnheit napoleonischer Bulletins und Moniteurartifel, was die Verschleierung der Wahrheit anbelangt. Nach dem, was heute positiv feststeht, läßt sich die Erklärung des Herrn Kußmann nur als ein dreifter Bluff bezeichnen, mit dem er aber höchstens Leuten imponieren kann, die weniger genau über seine Persönlichkeit orientiert sind als wir. Die Dreistigkeit ist umso größer, cls nach einer Mitteilung des„ Amtlichen Preußischen Pressedienstes" die in der gestrigen Morgenausgabe des Vorwärts" wiedergegebene Meldung der BS.- Korrespondenz über die Vernehmungen bei der Kriminalpolizei auf die Ber über die Bernehmungen bei der Kriminalpolizei auf die Ber nommenen selber zurückgeht. In dieser also don in Herrn Kußmann oder einer ihm ganz nahestehenden Seite spirierten Notiz wird ausdrücklich auf das enge Freundschafts verhältnis zwischen Rußmann einerseits, Kluge- Knoll und Beaulieu andererseits hingewiesen, auch zugestanden, daß Herr Beaulieu, der Mitleiter des Bureaus in der Lüzowstraße, Herrn Kußmann auf einer fünfwöchigen Segeltour begleitet hat. Im übrigen wollen wir Herrn Kußmann folgendes jagen: Unsere Angaben beruhen entweder auf unzweifelhaften Urkunden und Dokumenten ober auf eidesstattlichen Berlicherungen, die von ihren Urhebern zweds Einreichung bei den Behörden also unter Doller strafrechtlicher Verantwortung gegeben worden sind. Mit bloßen Dementis wird Herr Kußmann diese Dinge nicht aus der Welt schaffen. Wir wollen gleichwohl zu den einzelnen Puntten der Berichti gung noch besonders Stellung nehmen: hat durch eine geschickte, Formulierung irre zu führen. Herr Kußmann 1. Hier sucht Herr Kußmann im ersten Sah die Deffentlichkeit und das leugnet er selbst nicht zu dem Bureau in der üßowftraße in engfier Fühlung gestanden, und dies Bureau war eine Stelle der Deutschnationalen Bollspartel, wie wir durch eine Fülle von Details nachgewiesen haben und was auch die Bresse der Deutschnationalen Boltspartei felbft bis heute nicht abge. ftritten hat. Bu Sag 2 siehe unter 7. 2. Ob Herr Knoll nur einmal im Zimmer 671 war, spielt gar teine Rolle. Andere Angestellte des Bureaus in der Lühowstraße, wie Kranz, Breithaupt usw., find zweifellos öffer dagewefen. Warum aber schreibt Herr Kußmann nichts davon, wie oft er felber in dem Bureau der Lühowstraße gewesen ist, warum nichts darüber, wie eft er fich an driften Orten( in Lokalen der Lühowffraße, am getroffen hat? Südwestforfo ufw.) mit Herren des Bureaus und namentlich Knoll 3. Dafür, daß Knoll für Kußmann die Zeche bezahlt hat, wenn jonen, die dabei gewesen sind. fie fich in Lokalen trafen, existieren Zeugnisse dritter Per 3u 4 bis 6. Ueber die zwei Geldsendungen, die durch das Bureau in der Lühowstraße an Rußmann, Bord der Schwalbe", aus Mitteln, die von Herrn Leopold stammten, gegangen find, haben wir detaillierte Angaben gemacht. Wir können Herrn Kußmann fogar die Stunde der Aufgabe, wie die Namen der Ber fonen nennen, die jeweils das Geld aufgegeben haben, wollen dies jedoch einstweilen aus Rücksicht auf die firminalistische Untersuchung nicht tun. Den Behörden sind diese Dinge bekannt, und es bedarf nur einer Rüdfrage bei den betreffenden Bostämtern. Im übrigen ist der flotte Lebenswandel, den Herr Rußmann in legter Zeit führte, einer ganzen Reihe von Personen, Paris, 29. Juli. 8. Hierüber eriftieren eidesstattliche Bersicherungen. 9. Diese Behauptung des Herrn Rußmann ist ber Höhepunkt. Herr Kußmann bestreitet nicht feine engen Beziehungen zu Knoll und Beaulieu. Die beiden dirigieren, wie ein umfangreicher Briefwechsel bemeist, die deutschnationale Presse. Troh. bem will Herr Kußmann feinerlei Beziehungen zur Preffe haben! 10. Als Herr Kußmann dieses schrieb, wußte er zu seinem Pech nicht, daß wir Kenntnis von dem in der gestrigen Abendausgabe ver öffentlichten Rowolski Briefes hatten, durch den Kußmann an Kluge- Knoll Mitteilungen über angebliche Torpedobootankäufe Don Stlarz in Wien gelangen läßt. Damit erschöpft sich aber der Nachweis feiner Beziehungen zu dem Bureau feineswegs. Wir wollen für heute 3. B. weiter be fanntgeben, daß uns auch Poft belege über telephonisch- telegraphische Anrufe des Bureaus in der Lühowstraße an Kußamnn vor gelegen haben. Diese Anrufe erfolgten, wenn Herr Kußmann fich auf Reisen befand. " 11. Wir sind gespannt, was die Aussprache mit Borgesezten" fich auch einmal über Buntte äußert, über die er jegt gefliffentlich auf Stußmann für Wirkung ausüben wird. Hoffentlich die, daß er schweigt, z. B. darüber, wie er dazu gekommen ist, durch for. melle Beschlagnahmeverfügungen dem Bureau in der Lüzowstraße den Besitz ge stohlenen Aftenmaterials aus den Deutschen Werken zweds weiterer ungestörter Bearbeitung zu sichern. Vielleicht spricht er dann auch einmal darüber, wer feine Autoreifen im Ausland bezahlt hat, und ob es richtig ist, daß er auf ausländischem Boden Zeugenverneh. mungen vorgenommen hat. Schließlich können wir Herrn Kußmann nur erklären, daß wir ihm zu seinem ihm zu seinem hoffentlich bald stattfindenden Disziplinarverfahren besonderes Glüd wünschen, falls er sich in diesem auf den Boden seiner Berichtigung stellt. Er wird sicherlich verstehen, was wir meinen! Ein geisteskranker Verbrecher als Retter! Die Deutsche Zeitung" bemüht sich frampfhaft um eine Ent lastungsoffensive für die Staatsanwälte Caspary und Kußmann. Kein Wunder, da sie ja durch ihre Rebatteure bzw. Mitarbeiter D. Sodenstern, Bang usw. dem Bureau in der Lüzowstraße ganz besonders nahestand und in erster Linie ihre Mitteilungen von Kluge Knoll bezog. Durch ein blödes Geschimpfe und Gefeife sucht das eble Blatt von der Sache abzulenten, zu welchen Mitteln es dabei greift, dafür nur ein Beispiel. Ueber den Tod Höfles wird der Deutschen Zeitung von einer besonderen Seite( 1) ge schrieben: Der Weg zur Klärung dieser Frage ging über die Aussage des Zeugen Meyer. Diese läßt bet Höfle den Willen zu abfichtlicher Haftunfähigmachung durch Gifttabletten annehmen und läßt dabei offen, in welcher Absicht Höfle die Tabletten zur Berfügung gestellt fein fönnten. In der Lintspresse wird den Links. Der Zeuge, Techniker wählern diese Aussage vorenthalten. Meyer, hat dem Höfle- Ausschuß erklärt, daß er einen Brief Höfles an einen Freund aus dem Gefängnis geschafft habe, in dem Höfle um Mitteilung bat, wieviel von den aufgespeicherten Tabletten er nehmen müffe, um haftunfähig zu werden."( Dieser Saß ist in der D. 3." fettgedruckt. Red. d.„ B.".) Wer ist dieser hochwichtige Zeuge Meyer? Ein gemerbs. mäßiger hotel und D.3ugs Dieb, der von einwandfreien Zeugen als pathologischer Lügner, nahe an den§ 51 heranreichend bezeichnet wurde. Seme Aussagen, die an Märchen von Tausend und eine Nacht" erinnerten, erregten im Höfle- Ausschuß ungemischte Heiterfeit. Auf Vorschlag des deutsch nationalen Borsitzenden, des Abg. Seelmann- Eggebert, beschloß der Ausschuß einstimmig, wegen offenbarer Unglaubwürdigkeit pathologische Berufsverbrecher zum Kronzeugen der Deutschen Zei diesen Zeugen nicht zu vereidigen. Jezt aber ist der geistesschwache tung" avanciert. Wahrlich, es muß herrlich um eine Sache bestellt sein, die solche Zeugen nötig hat! Der Preffe- Berlag Dr. Rudolf Dammert", unter Leitung des Herrn Dr. R. Dammert, legt Wert auf die Fest. stellung, daß er mit der„ Dammert- Berlag G. m. b. 5.", die zum Konzern der Telegraphen Union gehört, nichts zu tun hat und sich daher auch nicht für Veröffentlichungen in der Barmat- Affäre hat benutzen laffen. Die sozialistischen Vertreter fordern weiter, daß sofort bei Beginn der Unterhandlungen die militärischen Operationen eingestellt werden und, falls sich bei den Friedensverhandlungen Meinungsverfchiedenheiten ergeben follten, der Konflikt dem Völkerbund unterbreitet wird, dem der Rifftaat nach UnterSozialistische Friedensaktion. Internationale Aufforderung zum Frieden mit Marokko. ( Eigener Drahtbericht.) Eine Kommiffion In der heutigen Zeit, wo jeber Tag neue Beweise dafür liefert, reichs und Spaniens ist am Dienstag in Paris zusammen- zeichnung des Friedens beitreten könne. von Vertretern der sozialistischen Parteien Englands, Frant. getreten, um die durch die Maroffo- Ereigniffe gefchaffene Lage zu prüfen. England war vertreten durch den Oberfien Wegwood, Frankreich durch Leon Blum, Paul Faure, Renaudel u. a. Abg. Dr. Rofenfeld( Soz.) behält sich vor, den Ausführungen des Ministers bei der Beratung des Justizetats entgegenzutreten. mie politif unsere Justiz ist, seien diese Ausführungen ganz unverständlich. Den formalen Bedenken der Redner fönne man in der zweiten Lesung Rechnung tragen. Die Weiterberatung wird auf Sonnabend vormittag vertagt. Deutsche Heldenverehrung. Ein klaffisches Urteil gegen einen Kriegsblinden. Der 5. Senat des Reidsverforgungsgerichts unter bem Borfis des Oberregierungsrats Dr. Arenbts bat es fertig gebraut. einem Striegsblinden( Gatte und Vater von vier minderjährigen Kindern), der im November 1915, wenige Tage nach feiner Einziehung, in Rußland erblindete, bie Beriorgung zu berjagen mit der geradezu tlaffischen Begründung, er wäre auch so blind geworden! Das ist ber Dant des Vaterlandes an feine Berteidiger! Millionengeidente für die Ruhrindustriellen, Brotwuderzälle für die Agrarier und ein Fußtritt für die Kriegs. früppel! Dafür ist aber auch Hindenburg, der Retter", Reichspräsident. Es wurde eine Entschließung angenommen, in der die intereffierten Länder aufgefordert werden, sofort eine entschiedene Aktion zur Wiederherstellung des Friedens einzuleiten. Vor allem sollen die von Frankreich und Spanien gemeinsam aufgestellten Friedensbedingungen auf direktem Wege an Abdelkrim übermittelt werden. Als das beste Mittel zur Erlangung eines für alle Teile billigen Friedens wird die Deffentlichkeit eventueller Berhandlungen bezeichnet. Ueber die Abd el Krim vorzuschlagenden Bedingungen stellt die Entschließung folgende Hauptrichtlinien auf: 1. Anerkennung der Unabhängigkelt des Rifs, 2. eine von Frankreich und Spanien vorzunehmende Grenz regulierung des Rifs, um deſſen wirtschaftliche Lebensbedingungen ficherzustellen. Jakob Reumann gestorben. Wien, 29. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Am Mittwoch ist im D- 3ug zwischen Klagenfurt und Villach der frühere sozialdemo fratische erste Bürgermeister Biens, Genosse Jafob Reumann, gestorben. Reumann gehörte seit 1898 dem Wiener Gemeinderat an, war jahrelang Sekretär der österreichischen sozialdemokratischen Partei und von 1919 an Bürgermeister von Wien. Nach seinem Rücktritt von diesem Posten war der Berstorbene, der im 72. Lebens jahre stand, österreichischer Bundesrat. Mit ihm verliert die öfterreichische Bartei einen ihrer wadersten Führer. Auch die reichsdeutsche Sozialdemokratie verliert in dem verstorbenen Genoffen einen treuen Freund und Mittämpfer, der jahrzehntelang an der Arbeit der Partei regen Anteil nahm und auf zahlreichen Parteitanen anwesenh mar. Gemeinsam mit der österreichischen Bruderpartei trauert bie deutsche Sozialdemokratie an der Bahre des Verstorbenen. Gewerkschaftsbewegung Der Kampf im Saargebiet. Die Bevölkerung des Saargebiets zerfällt in der Hauptsache in Die Bevölkerung des Gaargebiets zerfällt in der Hauptsache in zwei Gruppen. Die eine Hälfte der Bevölkerung ist direkt vom tommenen Direktor der französischen Staatsgruben des Saargebiets statt. Nach einer Meldung aus Saarbrüden droht der Streit auf die Metallindustrie und andere Industrien des Saar. gebiets überzugreifen. Paris, 29. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Die Delegation der die hier bei den zuständigen Behörden mit Hinblick auf die hohen faarländischen Kohlenbergarbeiter hat Paris verlassen. Die Arbeiter, Irung ist. an sich febr befcheiben, da bisher der Mindesteinstellungslohn der Facharbeiter 54 Pfennig, der der Angelernten 49, ber Ungelernten 43 und der Arbeiterinnen 27 Pfennig betrug. Ein von dem Schlichter für Brandenburg gefällter Schiedsspruch geftand eine Lohnerhöhung von 6 Pfennig für die Arbeiter und 3 Biennig und am 30. Juni der Streik heichloſſen. für die Arbeiterinnen zu. Diefer Schiedsspruch wurde abgelehnt Nachdem ein neuer Vermittlungsversuch gescheitert war- die Kohlenbau abhängig, ein großer Teil der übrigen Hälfte aber in Lebensfosten im Saargebiet eine Erhöhung der Löhne gefordert unternehmer boten Löhne an, die fich noch unter dem Schiedss direkt. Die 74 000 Bergarbeiter mußten erst vor zwei Jahren 100 Tage lang streifen, um sich durch schweren Kampf die notwendige Ellbogenfreiheit ihrer Existenz zu sichern. Die Tatsache, daß die gegenwärtigen Bergarbeiterlöhne absolut unzureichend find, tann meder von der franzifischen Bergwerksdirektion, noch von der Regierungskommission bestritten werden. Dennoch verweigert die Bergwerksdirektion die zu einer erträglichen Gestaltung der Leben lage der Bergarbeiter notwendigen Lohnzulagen. Deshalb der Kampf. Dieser Kampf wird so wenig um seiner selbst willen ge führt oder etwa gar zu irgendwelchen anderen Zwecken, daß die Organisationsleitungen alles versucht haben, um zu einer friedlichen Regelung zu fommen und fich schließlich an die Regierung Frankreichs gewandt haben, der die Saarbergwerfe samt den bane rischen Gruben durch den Versailler Bertrag als Eigentum überantwortet wurden. Der Minister der öffentlichen Arbeiten bot den Bergarbeitern eine Lohnerhöhung von 5 Broz. an. Das bes deutete eine durchschnittliche Erhöhung von 1,20 Frant pro Schicht für den Vollarbeiter über 22 Jahre, für die Schlepper und Lehrhauer aber nur den zehnten Teil. Im 1. Quartal 1925 betrug der Lohn einschließlich zulagen für alle Arbeiter pro Schicht 26,24 Frant bei einer Leistung von 700 Kilogramm. Der gegenwärtige Lohnanteil an den Gestehungs fcften einer Tonne Rohlen, deren Verlaufspreis 84 Frant beträgt, macht 37,55 Frant aus, die sozialen Lasten 2,43 Frant, die De putatfohlen 1.54 Frant, Urlaub 0,60 Frant, Materialfoften 18,25 Frank und Generalfoſten 8,40 Frant. Der Selbstfostenpreis be trägt mithin 68,77 Frant, der Bruttogewinn pro Tonne 15,23 Frant. Die Bergverwaltung erzielt einen täglichen Bruttogewinn von 723 359 Frant, bei gleicher Förderung wie 1924 einen Ueberschuß Don 207 Millionen Frant. Der Nettogewinn betrug nach Angabent in der französischen Kammer in dreieinhalb Jahren 329,6 Millionen Frank. Es können also sehr wohl mehr als 5 Broz. Lohnzulage gezahlt werden. Chefingenieure haben einen Lohn von 2800-3400 Frant, dazu 25-30 Broz. ihres Gehalts als Prämie, ift 4500 Frant. Der Kumpel hat 4400 Frant monatlich weniger. Sogar französische Geistliche erhalten zu ihrem Jahresgehalt von 30 000 Frant noch Förderprämie. Im ersten halben Jahre 1924 wurden 1,1 Million für Autoaufwendungen ausgegeben. Nur für den Bergmann ist ein Sohn von monatlich 500 bis 600 Frank der Berwaltung schon zu hoch. Sein Lohn hat nach der Bergverwaltung den Friedens. Lohn erreicht, welcher aber schon im Frieden um 14 Proz. geringer als die Teuerung war. Es ist die Profitsucht der französischen BergDerwaltung, was diesen neuen Streif im Saargebiet heraufbeschworen hat. Dabei arbeitet diese Verwaltung geradezu verSchwenderisch. Die Jahresgehälter der drei Direttoren betragen je 62 803,53 Frant, die der 161 französischen Ingenieure je 25 002,50 Frant, wozu in allen Fällen noch Prämien, Gratifitationen, freie Wohnung mit Heizung und Beleuchtung fommen. Diesen Eintommen stehen 2öhne perheirateter Bergarbeiter, die vor Stoß im Gedinge arbeiten, gegenüber von 487,50 Frant, 493,85 Frant und 507,35 Frant einschließlich der Sozialzulagen für die Frau und zwei Kinder. Diese Löhne stellen den Durchschnittsverdienst in den legten Monaten vor. Teilen wir diese Lohnziffern durch fünf, dann haben wir ihren Wert in Mart. Dabei wird auch über eine menschenunwürdige Behandlung der Bergarbeiter durch die Beamten geflagt. Den Arbeitern wurden Schläge angeboten und willkürliche Maßregelungen vorgenommen. Dabei blüht bei der Verwaltung ein großes Denunzianfen. und Spigelmejen. Nach einer Darstellung, die unserem Saarbrüder Parteiblatt, der Volksstimme", gegeben wurde, haben die Bergwerksverwaltung und ihr Stiefbruder, die Regierungskommission, den die Zentralgewerkschaften der Bergarbeiter von der Saar auszuZugenblick für günstig gehalten, um zum vernichtenden Stoße gegen holen. An der Einmütigkeit der Saarbergarbeiterschaft, ihrer fampf. erprobten Organisationstreue, müssen alle niedrigen Pläne scheitern. Wie zum Hohn hat die Bergverwaltung ihr Angebot einer fünfprozentigen Lohnerhöhung zurüdgezogen. Die Bergarbeitervertreter beim französischen Arbeitsminister. Paris, 29. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Die in den Streit getretenen Bergarbeiter des Saargebiets haben eine Abordnung nach Paris entfandt, um ihre Forderungen dem Minister für öffent liche Arbeiten zu unterbreiten. Dieser hat der Delegation gegenüber betont, daß die Bergleute des Saargebiets bereits einen Vorrang hätten gegenüber den französischen Bergarbeitern. Am Dienstag nachmittag fand eine weitere Unterredung zwischen dem französischen Arbeitsminister und dem ebenfalls nach Baris geBusend Thalay Margingen Merzig. • Долгай Duppenweild Lebach Ottweiler AAR GEBIET Obr. Neunkircheo Homburg Sulzbach Oudweiler Halstatt Burbach Ingbert Bileskasten Zweibrücken Hornbach SAARLOUIS Dertere Übersichtskarte zum Saarbrücken Farbach St. Johann Streik beginn im Saarbergbau. Saargemünd S 16-472 haben, fonnten von dem Ministerium der öffentlichen Arbeiten gewisse Bugeständnisse erhalten. Es wurde ihnen ein fünfprozentiger Zuschlag zu den eriftierenden Löhnen in Aussicht gestellt. Die Delegation ist daraufhin nach Saarbrücken abgereift, um dort Fühlung mit den Gewerkschaften zu nehmen. Vom Kampf im Baugewerbe. Die Bresche erweitert sich. Wie wir mitzuteilen in der Lage sind, haben bis gestern nach mittag insgesamt 128 Baufirmen die Forderungen der Bauarbeiterorganisationen durch unter= fchrift anerkannt. Es sind dementsprechend mit ihnen Ber träge abgeschlossen worden. Unter diesen 128 Baufirmen befinden sich auch eine gewisse Anzahl von Mitgliedsfirmen des Verbandes der Baugeschäfte, d. h. der, Unternehmerorganisation, die es auf eine Machtprobe bis zum äußersten ankommen lassen will. Wir werden ja bald sehen, wie lange die Heuer und Mielenz angesichts dieser Tatsache die Machtprobe noch durchhalten werden können. Die Bauarbeiter Berlins, gestärkt durch die Beschlüsse des Verbandsbeirates, werden die Machtprobe aushalten. Die Rote Fahne hält es für angebracht, während des Bauarbeiterstreits geflissentlich eine Diskussion über die Tattit der Bauarbeiterorganisationen heraufzubeschwören. Sie geht fogar noch einen Schritt weiter, indem sie in einer unerhörten Art und Weise Dinge bespricht, die nur den Unternehmern von Nugen fein tann. Wir werden mit dem Bolschewistenblatt darüber zur gelegenen Zeit, d. h. nach dem Bauarbeiterstreit, ein Wörtchen reden. Da das Blatt jedoch immer wieder mit dem Einigungswillen der ausgeschlossenen Bauarbeiter" haufteren geht, halten wir es für notwendig, darauf hinzuweisen, daß der Borsigende der Ausgeschlossenen, der bekannte Kaiser, der in einer Versammlung am Dienstag in Lichtenberg unter ungeteiltem Beifall erklärte, daß fie nicht daran dächten, einem etwaigen Bereinigungsbeschluß nachzu tommen. Im übrigen wollen wir für heute auf den groben Unfug nicht weiter eingehen, den gewiffe Ueberrevolutionäre dadurch ver üben, daß sie zum Magistrat laufen, nach allen Seiten um iffe rufen, so daß jeder uneingeweihte den Eindrud haben muß, die Streiflage wäre für die Bauarbeiter sehr ungünstig. Tat fchämenden Dinge werden ihre aufklärende Wirkung auf die Bausächlich ist das Gegenteil richtig. Diese in vieler Beziehung bearbeiter nicht verfehlen. Der Schiedsspruch für die Metalltransportarbeiter Wie uns vom Deutschen Berkehrsbund mitgeteilt wird, ist der Schiedsspruch für die Transportarbeiter der Berliner Metallindustrie nunmehr auch vom V.B.M.J. angenommen. Der Schiedsspruch ist somit rechtsträftig geworden. 11000 Metallarbeiter in Brandenburg a.d. H. ausgesperrt spruch bewegten traten am 13. Jult zunächst 700 Arbeiter in Streit, denen in den folgenden Tagen noch eine größere Anzahl folgte. Daraufhin sperrten die Unternehmer die gesamte Arbeiterfchaft zum 20. Juli aus. Insgesamt sind 11000 Arbeiter und Arbeiterinnen ausgesperrt. Die Bemühungen der Unternehmer, Streifbrecher zu finden, waren bisher vergeblich. Nur 75 Mitglieder des Stahlhelms baben sich dazu bereitgefunden. Daß Stahlhelmleute sich zum Streitbruch und zur Lohnbrüderei bergeben, ist fein Ausnahmefall mehr. Diele angeblich überparteiliche Organisation ist in Wirklichkeit eine Unternehmericbuztruppe. Die Unternehmer lassen hören, daß sie mit einer achtwöchent lichen Ausiperrung rechnen. Für die Stadt Brandenburg bedeutet der Kampf eine schwere wirtschaftliche Schädigung. Die Scharfmacher im Baugewerbe. Hannover, 29. Juli.( TU.) Der deutsche Arbeitgeberbund für das Baugewerbe nahm in feiner heutigen Hauptversammlung zu der durch die Streits und Aussperrung geschaffenen Lage Stellung. Es wurde eine Entschließung gefaßt, in der angesichts der bereits im Baugewerbe bestehenden Löhne sowie angesichts der ge= samten Wirtschaftslage erklärt wird, daß die erhöhten Lohn forderungen der Gemertschaften jeder Berechti gung entbehrten. Die Hauptversammlung machte es den Bezirken zur Pflicht, mur gemeinsam unter Führung des Bundes irgendwelche Berhandlungen zu führen. Die Hauptversammlung bevollmächtigte den Bundesvorstand, nach Ablauf von zwei Wochen und nach Maßgabe der dann gegebenen Lage die Aus Sperrung der baugewerblichen Arbeiter in weiteren Bezirken auszusprechen und gegebenfalls auch die Gesamtausfperrung über ganz Deutschland zu verfügen. * Die Erklärung der Herren über die Bauarbeiterlöhne verliert durch ihre Einseitgkeit von vornherein das Moment einer die tatsächlichen Feststellung. Schließlich müßten die Unternehmer die Bauarbeiter aus allen bisherigen Kämpfen so gut fennen, um sich zu 3u fagen, daß die Drohung mit einer Gesamtausfperrung zwecklos ist. Wenn die Herrschaften in ihrer Ratlosigkeit weiter nichts zu beschließen wußten, dann konnten sie zu Hause bleiben. Lohnkämpfe in der Zentralheizungsindustrie. Effen. 29. Juli.( TU) Die Arbeiter der Zentralheizungsindustrie haben an einigen Drten( Essen, Bochum, Dortmund und Hagen) die Arbeit niedergelegt, weil ihnen die geforderten Löhne nicht bewilligt wurden. Der Berband der Zentralheizungsindustrie hat die Forderung abgelehnt und mit einer Ende Juli beginnenden Aussperrung der gesamten Arbeiterschaft des tariflichen Gebietes geantwortet. Die Bergarbeiter- Internationale. Paris, 29. Juli.( WTB.) In seinem Bericht über die Sizung des Erefutivlomitees des Internationalen Bergarbeiterverbandes führt der, Matin" aus, daß der Vorschlag der englifen Delegation, wegen eines Nonflittes in verschiedenen Ländern einen allgemeinen Streit zu beginnen, von der deutschen Delegation lebhaft befämpft wurde und eine erregte Disfuffion auslöste. Die angenommene Resolution befeitigt die Berpflichtung au einem allgemeinen internationalen folidarischen Generalstreit. Bor der Abreise nach England habe der englische Vertreter Eoof erklärt, daß der Bergarbeitete treil ihm unvermeidlich erscheine und daß, wenn er nicht bereits am fommenden Montag einfege, der Streif acht oder vierzehn Tage später ausbrechen dürfte. " Petit Journal" hebt ebenfalls hervor, daß, während die Delegierten fast sämtlicher Länder bereit gewesen feien, den Engländern ihre vollkommene Hilfe zu gewähren, die deutschen Bertreter nicht verheimlicht hätten, daß fie an einer internationalen Etreils bctvegung nicht teilnehmen würden. Deutscher Baugewerksbund, Baugewerkschaft Berlin. Morgen, Freitag, vormittaas 10 Uhr, Versammlung aller Feuerungs- und Schornsteinmaurer im Gewerkschaftshaus, Gaal 5. Mitgliedsbuch legitimiert. Die Fachgruppenleitung. Deutscher Solzarbeiterverband, Ortsverwaltung Berlin. Morgen, Freitag, ebends 7 br. Gisung ber erweiterten Ortsverwaltung. Berantwortlich für Bolitik: Victor Schiff: Wirtschaft: Arthur Saternus: Gewerkschaftsbewegung: 3. Steiner; Feuilleton: Dr. John Schilowski; Lokales und Sonstiges: Frik Raritäbt; Anzeigen Th. Glode; fämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts- Buchdruderet Hierzu 2 Beilagen und Unterhaltung und Bissen". Brandenburg a. d. H., 29. Juli.( Eigener Drahtbericht). Der Lohntarif für die Metallindustrie in Brandenburg a.d.H. wurde bei seinem Ablauf zum 1. Juli vom Deutschen Metallarbeiterverband gekündigt. Gleichzeitig wurde eine Erhöhung der Löhne der Ar- und Berlagsanstalt Taul Ginger u. Co.. Berlin SW 68. Lindenstraße 3. beiter unt 11, der Frauen um 6 Pfennig gefordert. Diese Forde Preiswerte Damen- Bekleidung Strümpfe Damen- Strümpferze, schwarz u.farbig 75Pr Damen- Strtimpie und Naht, gute Qualität mit Doppels., Hochferse 95 25 Damen- Strümpfe ge u. starke Qual. 15175 feinfädig, elegant im Aussehen, schwarz Pa.Mako 175 und in schönen Strassenfarben.. Zeilotagen Hemdchen bleicht, fein gewirkt, m.breiter 95PL Schlüpfer Hakelgarnierung, cm lang.. feine Baumwolle, gewebt, weiss und farbig. 45 Schlüpfer Kunstside, in vielen schönen 295. 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Stück SOPL Besuchstarchen 95.145 175 125 145 165 echt Leder, in verschied. Farben Geldtaschen für Scheine und Hartgeld, echt Leder Nr. 355 42. Jahrgang 1. Beilage des Vorwärts Italienische Nacht auf dem Main. Donnerstag, 30. Juli 1925 um das Neue zu sehen, das von der Zentrale des Arbeiter- Turnund Sportbundes in alle Vereine übertragen werden soll. Zielgebend ist, daß an Stelle des Steifmilitärischen das Beweglichfrol tritt. Freiübungen verbinden in sich das Spiel und Turnen, wechselnd fließt eins in das andere. Ernst und Scherz lösen einander ebenso ab wie fraftvolle Sehnenspannung mit lockernden Bewegungen. Soeben Tanz, spannt sich alles zum drohenden Ausfall, um wieder hüpfend und springend das junge Leben zu zeigen. Nackte Knaben in Badehose hüpfen als Einleitung auf die Bühne, zeigen Ballwerfen im Kreis, Springen und Wiegen und das luftige Karreschieben. An Barrenübungen schließt sich Stafettenspringen und-flanken über den Barren, Beugeübungen im Siz usw. Die Mädchen im Badetostüm bringen ihr Uebungsgebiet, das ihrer natürlichen Veranlagung entsprechend weicher und mehr auf das Aestethischschöne eingestellt ist. Elastisches Gehen wechselt mit schnellfüßigem Lauf, Hüpfen und rhythmischer Gymnastik ab, Anflänge an die KlamtUebungen folgen. Die Jungmädchen bringen dieses Gebiet auf höhere Entwicklungsstufe mit größerer Kraftentfaltung. Auch www ماری Der leuchtende Main. Die Stadt Frankfurt hatte ihre internationalen und ihre deutschen Gäste in ihr Theater und in ihre Festhalle geladen. Und nachdem Haydns Schöpfung" beendet, Carmen" im Opernhaus ihren letzten Seufzer ausgehaucht, die Fledermaus" im Operettentheater und Alt- Frankfurt". im Schauspielhaus im Operettentheater und Alt Frankfurt". im Schauspielhaus die dankbaren Gäste entlassen hatten, fing fich der nächtlich stumm dahinfließende Main zu beleben an. Durch die verschlungenen Spinnwebstraßen der Altstadt schob sich ein endloser Strom nach Der Eisenbahnbrüde am Osthafen. Jegt war ganz Frankfurt auf den Beinen, mand fich dem Flusse zu, auf dem das fee. fahrende Frankfurt paddel- und riemenbewehrt in Bereitschaft lag. Aber schon lange vorher waren die Quais und Uferstraßen besetzt und als der letzte Zuftrom einsetzte, wurden die Podefte der Brüden, die Brückenbogen an den gefährlichsten Stellen zu gesuchten Standplazen. Der ganze Main, soweit man ihn überblicken fonnte, tanzte von bunten Lichtern mit zahllosen Wiederspiegelungen im Bajser. Es schien unerfindlich, wo sich diese endlose Flotte am Tage aufhält. Es gondelten die heißen Frankfurter" im fühlen Main und jedes Würstchen war ein Lampion und spielte italienische Nacht. Dazu strömte Aleppelwoi aus den Bullaugen und die Brezeln schwangen sich von Bord zu Bord. Eine endlose Kette nächtlicher Schwimmer führte Lampions auf den Köpfen durch die bengalischen Wellen und folgten dem Zuge der Boote, der von Brücke zu Brücke, von Ufer zu Ufer im Wirrsal der Lichter. kreuzte. Das Lichtersprühen im Wasser erfährt dann eine Erwiderung von der Landseite des Domes her. Die Raketen zischen und die Leuchtfugeln überfäen den Main. Es wird brandroter Tag, der Dom erstrahlt von seinen Grundmauern über das Filigranwerk hinweg in allen Einzelheiten bis zur höchsten Spize in einer einzigen blutroten Flamme. Das Meer der Köpfe am Ufer ist blutrot überhaucht. Der Main zeigt goldene Wellen und alles Leben zuckt auf in einem einzigen Ah! Die Verbundenheit der Ringer löst sich wieder, als das Rot zerfällt. Es erscheint wieder als weißes Magnesiumfeuer, das den Dom und die alten Uferhäuser und die Menschengesichter erhellt. Es dauert noch faft eine Stunde, bis die lehten Lichter im Wasser versinken, der Main wieder mit dem alten Mondsilber spielt, der fremde Zauber verschwunden ist. Eine kleine Bemerkung für Berlin: Es wäre erhebend, sich vorstellen zu dürfen, die Weltstadt an der Spree würde ihre Türme und ihre Schlösser eines Abends aus Anlaß eines internationalen Arbeiterkongresses auch einmal illuminieren. Daß sie es tun und gerne tun wird, muß nach dem Beispiel der Mainstadt doch als ficher gelten. 1 Einige Stunden für die kinder. Am Dienstag nachmittag als die Großen sich müde gekämpft hatten, tamen auch die Kinder zum Wort, zur Tat, zur Bewegung. Das Wort war Gefang als fie am Nachmittag durch die Straßen dem Stadion zupilgerten. Musik für fleine Beine. Wenn nicht gesungen ward, wurde geredet, wurden alle Hindernisse im Stadion, alle Geräte spielend bewältigt. Wenn einer 10 Jahre alt ist, macht er befanntlich alles. Mit 15 Jahren leistet er nur noch die Hälfte in Worten. Im Stadion hielt man, bestaunt von halb Frankfurt, feierlichen Einzug, wandelte durch ein Spalier unterschiedlicher Banner und ließ das braune Körperchen bewundern, das nur die stolze furze Turnhofe zierte. Da standen sie nun wie die Großen am Sonntag aufmarschiert auf dem hellgrünen Rasen. Die kleine Körperlichkeit der Erde noch näher, dem Boden verbundener, der richtigen Mufit entgegenlauschend. Die bläst brausend durch die Lüfte, packt die kleinen Glieder, wirft sie in den Kreis der Melodie. Freiübungen nach Musik. Das macht doch noch Spaß, den Körper folange in Bewegung am Boden festgehalten zu drehen, bis der Taft ein anderes befiehlt, den Fuß leicht zu heben oder die Arme wie Flügel zu schwingen. Aber einmal müssen doch die Jungen zu Ende sein. Die ganz fleinen Mädchen, die nur bis an die Tischplatte reichen, und die größeren stehen in weißen Trikots und blauen Höschen auch schon bereit und treten die Musik auf der Stelle, plätten den Rajen mit den Füßen. Einige sind darunter so feingliederig und schon das Mal der Arbeit tragend, daß man voklich wieder an den Ernst dieses heiteren Spiels denken muß. Manche, die so ganz klein sind, sind in den Gliedern zwischen die größeren gestellt. Nun marschieren die Jungen ab und machen einen solchen Lärm, daß Franklint 999 das Feld der vielen tausend fleinen Mädchen nicht an jeder Stelle mehr die belebende Musik hören fann. Sie schimpfen, die kleinen Mädchen, und sehen auf das niedliche Borfurnerschwesternpaar, das geht nun leichter, oben wiegen sie den Körper, und unten folgen ihnen oben auf dem Turm jede Bewegung vorführt. Das fie getreulich, folgen ihnen, wenn fie oben eine Wendung machen, das Köpfchen drehen und sich in den Hüften wiegen. Bei manchen 71557 Tutart Fonder Die kleinen Vorturner auf dem Befehlsturm. dringt schon die Lust am Tanzen durch, sie fühlen sich als einzige fleine Tänzerin und roissen wohl, wie es am besten aussicht. Der Tag der Kinder währt noch lange, es wird gespielt, es wird richtig Stafette gelaufen. Inzwischen rüsten sich die Großen für die letzten Kämpfe. Die Festvorführung der Bundesschule. In der großen Festhalle gab es am Montag abend ein viel feitiges Bild der neuen Gymnastit. Von den verschiedenen Sportpläzen waren etwa 30 000 Turner und Sportler herbeigeeilt, Die rote Fahne im Kinderzug. eigene Erfindung wird hier verlangt. Nach dem Klang der Musik muß eine Turnerin eine rhythmische Uebung nach eigenem Empfinden vorturnen, die dann von der ganzen Gruppe nachgeübt mird. Mit frohem Ruf springt eine Abteilung vor, um anstrengend den Körper durchzuarbeiten, dann Atemübungen, Kreisspiele bei Musik und Gesang, anschließend Tänze. Die Männer hüpfen wie Junge auf die Bühne, um dann kraftvolle Musfelübungen, wechselnd mit Loderungsübungen, zu zeigen. Es folgt das Springfeilspringen, scheinbar gar nicht männlich, Spiele mit dem Medizinball, Sprünge über den hohen Raften und Stabübungen. Heberwiegend sind die fraftvollen, mustelbildenden llebungen. Den Gegensaz zeigen die Kinder mit Tänzen in bunter Kleidung. Mädchen tanzen allein, es ist sehr hübsch. Das möchten die Knaben auch aber allein? Sie fingen: Morgen follen wir tanzen und haben fein Mägdelein! Bild. Der Bundesvorsitzende Gellert ruft die anwesenden ZehnDa springen die Mädchen hinzu und vereint gibt es ein schönes tausende auf, das Gefehene in die Arbeitermassen hinein zu tragen und die Bundesschule finanziell zum Wohle des Ganzen zu unterstüßen. Ein Kostümtanz zweier Jungmädchen bildet den ftimmungsvollen Abschluß des inhaltreichen und interessanten Festabends. Der aufopfernden Arbeit der Arbeiter- Samariter muß bei alledem auch gedacht werden, Bom Tagesgrauen bis zum späten Abend waren die Mannschaften während dieser Tage in anstrengender Tätigkeit. Sie hatten oft genug Anlaß, ihre Kunst zu beweisen und taten das mit einer Hingabe, die des höchsten Lobes wert ist. In ben ersten vier Tagen wurden 2000 Hilfeleistungen verzeichnet. Schwere Berlegungen sind nicht vorgekommen. Das einzige Opfer stellten im Dienst der Pflicht die Arbeiter- Samariter selbst. Der Kreisleiter der 16. Kreiſes, Gen. Stoeb Neu- Isenburg, wurde auf dem Wege zum Stadion auf seinem Motorrad von einem Automobil von hinten angefahren. Er mußte in schwerverletztem Zu stande nach einem Krankenhaus gebracht werden, wo er bald darauf star b. Der Unfall löfte überall tiefe Trauer aus. D Heimatwandern. Als nach dem Kriege die Wandervogelbewegung einen so glän zenden Aufstieg nahm, daß die Schar der an den. Sonnabenden zum Bahnhof eilenden Burschen und Mädel ständig wuchs, fonnten es manche„ ehrsamen Leute" nicht unterlassen, darüber abfällige Bemerkungen zu machen. Sie sprachen von der„ Entsittlichung der Jugend", von Zuchtlosigkeit" und anderem. Doch unsere Jugend lachte ob des Spießertums und zog den richtig eingeschlagenen Weg weiter, pflegend das Gemeinschaftsleben. Wohl soll nicht verkannt werden, daß es eine sogenannte„ Auch- Jugend" gab und gibt, die, wenn der Sonnabend herangenaht war, ausstaffiert mit allen Dingen, die mit der Wanderei nichts zu tun hatten, in die Natur hinauszogen und dort das Ansehen der Wandervogelbewegung mit allen Kräften herabzumindern fuchten. Aber diese Leute sind ,, im Absterben" begriffen. Das gute Vorbild unserer wandernden Jugend hat nach und nach erzieherisch gewirkt. Doch bleibt immerhin noch viel Arbeit auf diesem Gebiete zu leisten. Auch in der Literatur findet dieses wahrhafte Jugendwandern seinen Widerhall. Johann Charlet hat fürzlich im Arbeiterjugend- Verlag, Berlin SW. 68, Belle- Alliance- Play 7/8, ein Buch über Heimatwandern" erscheinen lassen, das mit Recht den Untertitel„ Ein Wanderbuch der Jugend" führt. Charlet ist der Jugend kein Unbekannter mehr. Er weiß die richtigen Saiten anzuschlagen und ihnen einen Klang abzugewinnen, den eben die Jugend versteht und gern hat. Unsere Jugendgenossen sollen denkende Menschen werden," sagt der Verfasser unter anderem in seinem Geleitwort. Dieser Satz ist der Leitgedante des ganzen Buches. Der Arbeiter. wanderer Charlet versucht hier, die Jugend für die Heimat zu begeistern und sie hinauszuführen aus dem grauen, eintönigen Stein meer, der Mutter Natur entgegen. Im ersten Kapitel, das von den Steinen am Wege handelt, läßt Ler Berjaffer ein anschauliches Bild an uns vorüberziehen. Wir erfahren, wie die Steine an den Wiesen. oder Aderrand hingefommen find. Er macht seine Lefer mit der Eiszeit bekannt und lehrt fie, Naturereignisse zu begreifen. Wir ziehen hinaus mit ihm in die Wälder, um den Vorfrühling zu fuchen, und treiben dabei gleichzeitig Blumen, Pflanzen- und Baum funde. Aber auch die Tierwelt fomint bei Charlet nicht zu kurz. Ein anderes Kapitel ist der Landkarte und dem Kompaß gewidmet zwei Dinge, die für den Wanderer unentbehrlich sind. Auch die Abhandlung„ Alte Scherben" wird so manchem Naturfreund über die früheren Bewohner der Erde interessanten Aufschluß geben und zum besseren Verstehen erheblich beitragen. Kurzum: Charlets Buch verdient Beachtung. Merkt mat es ihm doch an, daß der Verfaffer das darin enthaltene vielseitige Material mit der unendlichen Liebe zur Natur zusammengetragen und anschaulich geformt hat. Möge wwww es gerade die arbeitende Jugend» die an Werktagen in Werkstatt und Bureau um des Brotes willen hart schaffen muß und nur den Sonntag zur Erholung für sich hat, fleißig zur Hand nehmen, um daraus zu schöpfen und zu lerncn. Den spielenden Kindern. Die für die Schulkinder Berlins eingerichteten Ferien- spiele, die alljährlich in den Sommerferien vom Jugendamt der Stadt auf den großen in den Außenbezirken gelegenen Spielplätzen veranstaltet werden, sind in diesem Jahre gut besucht. Das Ver- langen, aus den engen und dumpfen Mietskasernen sich ins Freie und Weite hi�n auszufluchten, ist durch das heiße Wetter, das bald nach Ferienanfang einsetzte, gesteigert worden. In solchen Zeiten wird es recht augenfällig, daß diese Spielgclegenheit ein Segen für die Großstadtkinder ist. Bei Beginn der Ferienspiele war der Besuch so stark, daß in der ersten Woche ein täglicher Durchschnitt von 25 Kindern festge- stellt werden konnte. Die zweite Woche brachte noch eine Steige- rung, so daß in ihr an einem Tage sogar 23 000 spielende Kinder gezählt wurden. In der dritten Woche sank die Durchschnittszahl auf 23 000, anscheinend unter dem Einfluß des Uebermaßcs von Hitze, die bei zu langer Dauer schließlich doch vom Besuch abschreckt. Die vierte Woche, in der es zu einer geringen Abkühlung kam, hatte eine erneute Steigerung der Durchschnittszahl auf 25 000. Der große Spielplatz, der bei Buch liegt, der größte von allen, hat regelmäßig die höchsten Besuchsziffern. In der zweiten Woche wurde hier mit einer täglichen Durchschnittszahl von über �000 der Gipfel erreicht. Solche Kindcrmassen täglich auf der Straßenbahn oder auf der Eisenbahn nach den Spielplätzen zu befördern, ist keine geringe Leistung. Als vor jxtzt fünfundzwanzig Jahren in der Berliner Stadtverordnetenversammlung die damals noch kleine sozialdemokratische Fraktion auf hie Not- wendigkeit hinwies, die erholungsbedürftigen und spielfreudigen Kinder unter Benutzung der Verkehrsmittel aus der Stadt ins Freie hinauszuschaffen, galt manchem das als eine schwer lösbare Auf- gäbe. Sie ist gelöst worden, und alle Befürchtungen, daß solche Tagesverschickung eines Heeres von Kindern sich nicht werde durch- führen lassen, haben sich als unberechtigt erwiesen. Jener in der Stadtverordnetenversammlung im Jahre 1900 von unseren Genossen eingebrachte Antrag, für den sich erfreulicherweise eine Mehrheit fand, war der er sie kräftige Anstoß zu einer den Ver- Hältnissen entsprechenden Ausgestaltung der F e r i e n s p i e l e. Da im Stadtgebiet selber eine nennenswerte Vermehrung der Spielplätze nicht möglich war, wenn man nicht gc- rade ganze Häuserviertel ankaufen und niederreißen wollte, so blieb nur der Ausweg, die Kinher in Masfcntransporten hinauszuschaffen, um sie wenig st ens in den Tages stunden dem Häusermeer zu entreißen. Was bis dahin zur Pflege der Fcrienspiele geschehen war, konnte selbst den bescheidensten Änsprüchen nicht genügen. Was wir heute sehen, ist jener Anregung zu danken. Gewiß, auch nach dem er- wähnten Beschluß der Stadtverordnetenversammlung änderte sich zunächst noch nicht viel, aber der Gedanke, daß es anders werden müsie, hatte sich durchgesetzt. Die Bahn war frei für die Entwick- lung, die wir in den seitdem vergangenen fünfundzwanzig Jahren verfolgen konnten und die noch nicht abgeschlossen sein darf. Der Ehrenmann von Hermsüorf. Postbetrüger und Heiratsschwindler. Zu dem Poststandal in Hermsdorf erfahren wir noch folgende Einzelheiten. Die Angaben, daß dem völkischen Helden Knauft (nicht Knaus) noch 500 M. ausgezahlt worden sind, als die Ober- postdirektion bereits von den Verfehlungen im Postamt Hermsdorf wußte, sind dahin zu berichtigen, daß die 500 M. am Donner». tag Knauft ausgezahlt wurden, daß die Oberpostdirektion aber erst in der Zeit von 10 bis 11 Uhr von den Verfehlungen benachrichtigt wurde. Die Revisionen haben erst am Freitag nach- mittag gegen 1 Uhr stattgefunden. Knauft hatte sich das Geld im Postamt Hermsdorf auf die Weise verschafft, daß er im Oktober 1924 einen kleinen Betrag von 100 M. beim Postscheckamt auf sein Konto einzahlte. Dann ging er mit dem Ausweis zu Bartels, der ihm aber nicht den eingezahlten Betrag, sondern den geforderten gab. Das wiederholt« sich ständig. Wenn z. B. Knauft sich von Bartels 3000 M. holte, so zahlte er beim Postscheckamt 2000 M. ein. 1000 M. behielt er für sich. 3000 M. überwies er wieder seinem Konto und holte sich dann am Abend von Bartels wieder 4000 M. Das wiederholte sich bis das Defizit auf 45 630 M. angelaufen war. Von dem von Bartels erhaltenen Geld veranstaltete Knauft große Trinkereien, kam vollständig betrunken nach Hause und unternahm große Auto- fahrten. Knauft lebte, ehe er die Post beglückte, davon, daß er ehelustigen Frauen das Glück der Ehe versprach und einen ebenso lukrativen wie skrupellosen Heiratsschwindel betrieb. Drei Frauen hat er so um erhebliche Beträge erleichtert. Als er einmal deswegen angezeigt wurde, wurde das Verfahren eingestellt auf die Auskunft der Hermsdorfer Polizei, K. sei ein Ehrenmann, ein Heiratsschwindel sei ihm nicht zuzutrauen. Jetzt hat der Ehrenmann sich obendrein als Postbetrüger entpuppt._ Der Kampf um Sie Tanztonzessioae«. Ein Urteil, aber keine Klärung. Den Ballettlehrern M ü r i ch und v. Paquet-Leon war der Vorwurf gemacht worden, daß sie, die vom Berliner Polizeipräsidium wiederholt als Sachverständige in Tanzangelegenheiten herangezogen worden waren, ihre Befugnisse überschritten hätten, indem sie eine .Zentralprüfungskommijsion' gebüdet und den Tanz- lchrern, die sich ihren Prüfungen nicht unterziehen wollten, Strafen angedroht hätten. In dem Strafprozeß, der gestern vor dem erweiterten Schöffen- gericht Bcrlin-Mitte stattsand, bestritten die beiden Angeklagten, daß sie sich des Betruges und der Nötigung durch Anmaßung eines öffentlichen Amtes schuldig gemacht hätten. Sie seien beim Polizei- Präsidium gutachtlich tätig gewesen und auch zu einer Konferenz zugezogen worden, die sich mit der Ausdehnung der Bundesrats- Verordnung von 1917 zu befassen hatte. Damals herrschte im Tanzunterricht eine allgemeine Pfuscherei und Ausnutzung des Publikums vor. Von den Abteilungen II und III des Polizei- Präsidiums sei damals die Ausdehnung der Konzessionspflicht, die bisher nur für Ballettunternehmungen bestand, auch auf Unterricht in Gesellschaftstänzen ausgesprochen worden. Als Vorstand des „Genossenschaft deutscher Tanzlehrer' hatten sie es für ihre Pflicht erachtet, in ihrem Dereinsorgan eine Verwarnung zu geben, daß Strafe drohe wegen unbefugter Ausübung des Lehramtes. Sie hätten in einem Rundschreiben aufgefordert, sich den Prüfungsoor- schriften der Genossenschaft zu unterwerfen und im Jahre 1920 50 Mark Gebühren zugunsten der Genossenschaftskasie gefordert. Oberregierungsrat G l a s e n a p p, der frühere Berliner Theaterzensor, bestätigte, daß die Angeklagten als Sachverständige des Polizeipräsidiums Prüfungen abgenommen und sich gutachtlich betätigt hätten, ohne daß ihnen ein amtlicher Charakter beigelegt worden wäre. Oberregierungsrat Günther, der Vizepräsident des Prooinzialschulkollegiums, bestätigte, daß nachträglich die Kon- Zessionspflicht eingeführt worden fei. Es trat dann als Zeugin die Tänzerin Gudrun Hildebrandt auf, die au» dem Tanzlehrer- verband der Angeklagten ausgeschlossen worden war und darin eine schwere Schädigung ihrer Berufstätigkeit erblickte. Deshalb hatte sie auch durch Rechtsanwatt Dr. Pindar das Verfahren in Fluß bringen lassen und diesem Versahren hatten sich dann auch zahl- reiche Inhaber von Tanzinstituteir angeschlossen. Die Angeklagten hatten eine Unzahl von Prospekten an olle Tanzlehrer und Institute im Reiche verschickt mit der Auf. sorderung, 50 Mark einzusenden, damit sie ihre Tanzschule weiter betreiben könnten. Der Prospekt war unterzeichnet: �Ze ntralprüsungskommission'. und allgemein habe man daraus auf einen amtlichen Charakter ge- schlössen. Die meisten Tanzlehrer hatten die 50 Mark aus Angst, ihren Beruf zu verlieren, eingeschickt. Staatsanwaltschaftsrat Kraus- haar kam in Uebereinstimmung mit den Rechtsanwälten Dr. Frey und Dr. Aßmann zu dem Antrage auf Freisprechung. Nach längerer Beratung erkannte Amtsgerichtsrat Liebegott ebenfalls auf Frei- f p r e ch u n g beider Angeklagten auf Kosten der Staatskasse. Das Gericht habe die Ueberzeugung gewonnen, daß die Bezeichnung .Zentralprüfungskommission' keine Amtsbezeichnung darstelle. Die Angeklagten hätten aus idealen Gründen eine Reformation auf dem Gebiete des Tanzwesens durchführen wollen. Bon einer betrüge- rischen Absicht könne keine Rede sein. Der Prozeß hat zwar ein Urteil, ober keine Klärung der Sach- lag« gebracht. Haben die freigesprochenen Angeklagten fernerhin das Recht, sich als„Zentralprüfungskommission' zu betätigen, für ihre Exominatorentättgkeit Gebühren zu verlangen und"Konzessionen zu erteilen bzw. zu verweigern? Die Herren Mürich und Paquet- Leon sind Tanz- und Ballettmeister allen Stils, und es wäre un- geheuerlich und unerträglich, wenn etwa Vertreter de» modernen Kunsttanzes gezwungen würden, sich ihren Prüfungen zu unter- ziehen. Auch wäre dringend zu wünschen, daß das Polizeipräsi- dium sich neben diesen Meistern einer absterbenden Kunst solcher Sachverständigen bediente, die den neuen, heute lebendigen Tanzstil vertreten. Es sind Fälle denkbar, in denen das»Sachverständnis' jener notwendigerweise versagen muß. BezirtsansschuH für Arbeiterwohlfahrt. Die Kinder, die im Mal in Tännich waren, treffen flch am Freitag, vormittag» 10 Uhr, am Bahnhof Sadowa im eokal Maldschänke. Smnenspiel. lZI Aus einem Tagebuch. Mitgeteilt von Kurt Eisner. Ich war nach Mitternacht zu Bett gegongen. Es war schwül und dunstig. Ich schleuderte die schwere Decke auf den Boden, zog auch das Hemd aus und lag nackt da, mit einem sonderbaren un- ruhigen Empfinden meines eigenen hüllenlosen Leibes. Durchs offene Fenster rauschten die Pappeln. Solch rauschen weckt ge- fährliche Stimmungen. Ich versuche, sie hinwegzuspotten, indem ich die Pappeln beschuldigte, sie rauschten schon nicht mehr, sondern sie verübten— in der groben Unfugssprache— ruhest örenden Lärm, und ich bitte sie, es einmal mit ruhe bringendem Lärm zu versuchen. Vergebens biete ich solche Spähe gegen mich auf. Au» dem nächsten Rauschen ist schon die Gestalt Mienchens er- stiegen, das Dunkel hat Gewalt über mich erlangt. Des Tages gebändigte Gesinnungen sind erloschen. Noch sträube ich mich, das Tor meiner erregten Phantasie zu öffnen. Das Mädchen mag draußen bleiben! Ich will nicht, ich will nicht! Aber mein Wider- stand ermattet, ich gebe nach, und nun verliere ich all« Herrschast Uber mich. Jetzt hemme ich nicht mehr, sondern treibe die Phan- tasie, daß sie mir immer Wilderes und Heißeres ersinnt. Das Spiel wird zur Raserei. Nur noch einmal Liebe lernen und lehren! Ich streichle Mienchen über Haar und Wangen, über den Hals und den runden Arm unter dem wetten Aermel, den ich der sanft Sträubenden langsam emporstreife. An der Bluse ist ein Knopf gelöst, dann ein zweiter... Ich küsse die Linnenstickerei, die unschuldig und rührend herausschaut, als rankte sie sich auf- keimend plötzlich aus dem dunklen Schoß an weißem Gelände empor... Nein, nein, nein. Nicht dieses. Ich will das Fest meiner Liebe nicht in einem Rausche vergeuden, es soll Jahre währen. Wir wollen sacht— in langer Zeit zum Gipfel aufsteigen. Geh wieder fort, Kind, morgen früh lachst du mir über die Hecke entgegen, und wir wandern gemeinsam zum Strand, zwei ordent- liche Leute, die nur ein wenig erst an den Geheimnissen der Liebe zupfen. Du sollst nicht meine Buhle werden, sondern mein Weib— unser Hochzeitstag soll nicht das Ende, sondern der Anfang unseres Bundes fein. Wie ein fester Entschluß ist es setzt. Ich werde ein ehrbarer Liebhaber sein, ich werde erst schüchtern werben, dann die selige und verlangende, versagende- Brautzeit und dann der Tag, wo ich die Braut m die Kammer führe. Ich habe Mienchen aus meiner Phantasie wieder herausgelockt. Ich glaube mm allem zu sei» und den Schlummer zu haschen. Da ober beginnt erst das Ab- scheuliche, das unbegreifliche verbrecherische Zwiegespräch zwischen mir und dem— Fremden. Ich versuche zu lachen. Wie töricht, sich ein neues Minne- werben in legitimen Stufengang vorzugaukeln, derwell ich ver- heiratet bin, sogar glücklich verheiratet! Der Fremde: Ist dir deine Leidenschast so wenig wert, daß du bei diesem Hindernis schon straucheist? Ich: Aber ich kann doch nicht zwei Frauen heiraten. Der Fremde: Und du behauptest, daß du da» süße, junge Geschöpft liebst? Ich: Ich liebe es, aber es ist hoffnungslos. Berführe» mag ich sie nicht und heiraten kann ich sie nicht. Der Fremde: Wenn nun deine Frau nicht lebte? Ich: Sie lebt, glücklicherweise. Der Fremde: So wünsche, daß sie stirbt, und sie wird sterben! Ich: Welch entsetzlicher Gedanke! Der Fremde: Du willst nicht, so muß ich für dich handeln und wünschen... Ich bin nun du... Inbrünstig flehe ich, mein Weib möchte sterben... Sie ist tot. Heute nacht ist sie gestorben. Ich bin frei... frei... Ich: Du Furchtbarer, raubst du mir nicht das ganze Glück mit diesem Wunsch. Ich liebe Klara, hörst du! Ich liebe sie... und wenn ich sie auch nicht liebte, welch ein Ungeheuer könnte solchen Wunsch auch nur denken!... Der Fremde: Ein zartes Gewissen, fürwahr, aber schweige nur. Ich bin wetter du. Sie ist tot. Ich werde sofort abreisen zu ihrem Begräbnis. Ich werde sehr ttaung lein, aber bock) ircht allzu stark. Sie wird mir wohl fehlen... aber ein neues Leben eröffnet mir chr Grab... Ich eile zurück... Mienchen, jetzt bist du mir verfallen! Als ehrlicher Mann fordere ich dich. Ich: Ein ehrlicher Mann?— Du Schamloser! Der Fremde: Ich bin du, mein Lieber, du kannst nicht mehr los von mir. Du trägst die Mitschuld... Aber höre» wie diese jungen Lippen rufen, die noch nie geküßt! Kannst du es dir vor- stellen, das selige Märchen, in einem Weibe das Küssen zu er- wecken und die Liebe... Kein Hindernis mehr, vloch einmal tauchst du hinunter in das Meer saugenden, sicheren Gefühls und wanderst durch die prangenden Muschelgärte» jungfräulicher Liebe, in magischem Licht. Wiedergeboren, ein glücklicher Mensch... Wie rein sind diese Lippen, wie durstig, wie heiß!... An dein Herz schmiegte es sich drängend, als wenn feste Knospen begehren. zu Blutenkelchen sich zu öffnen. Wider dich wächst, dich umran- kend, Erwachender!... Siehst du, da wachen die allen Lerse wie- der auf... du schwärmst wieder..., du fühlst dich Dichter... Morüprozeß Hausse. Der Geisteskranke als Zeuge. Bor dem Potsdamer Schwurgericht ereignete sich der sellene Fall, daß ein Geisteskranker als Zeuge vernommen werden mußte. In der vierten Woche verhandelt dieses Gericht gegen die Raubmörder des Bierkutschers Hausse. Unter den Hunderten von Zeugen sollte als letzter der 26jährig« Lackierer Hans H e y l, früher in Luckenwalde, vernommen werden, da er evtl. als Msttäter bzw. au einem Gold- und Silberdiebstahl in Frage kommen konnte. Heyl ist inzwischen geisteskrank geworden und wurde unter großen Schwierigkeiten aus der Jrrenanstall Godenau bei Darmstadt nach Potsdam transportiert und sofort in die epileptische Anstatt untergebracht. Den Kranken im Gerichtssaal zu vernehmen, konnte nicht gewagt werden, zumal ihm 30 Zeugen gegenübergestellt werden muhten. Der Psychiatiker Dr. Dannenberger von der Anstalt gab sein Gutachten über den Kranken, über seine Eides- sähigkeit und Glaubwürdigkeit ab.&5 ging dahin, daß der Zeug« psychologisch zu bewerten ist wie ein Hysteriker. � Er leidet an Schwachsinn, und seine Glaubwürdigkett wird abhängen von den Ereignissen, die chm vor Gericht gegenübergestellt werden. Es könnte passieren, daß er vor dem feierlichen Anblick des Gerichts von neuem erkranken könnte. Aus Zweckmässigkeitsgründen begab sich das Schwurgericht unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Westerkamp in mehreren Postautomobilen zur Prooinzial- anstalt für Epileptische, wo der Kranke untergebracht war. Der Haupthaussaal war zum Verhandlungsraum hergerichtet. Unter starker Polizeibewachung wurden die Angeklagten in den Saal geführt, bei der Vernehmung des Zeugen aus dem Vcrhand- lungsraum aber entfernt. Von zwei Pflegern betreut, wurde Heyl hereingeführt. Der Vorsitzende forderte ihn in freHndlichster Weise auf. an einem Tisch Plag zu nehmen, und sofort hatte Heyl den Kontakt mit dem Gericht. Mit äußerster Vorsicht, ja. man kann sagen, mit I n t e! l ig e n z, gab er seine Antwort. Die Gegen- Überstellung verlief vollkommen negativ. Keiner der Zeugen er- kannte in Heyl den Mann wieder, der evtl. mit Hausse am letzten Tage gesehen worden war, noch als denjenigen» der bei dem Gold- wareneinbruch in Betracht kam. Der Sachverständige, über die Vereidigung des Zeugen befragt, spricht sich dafür aus, da der Kranke seelisch durch die Verhandlung nicht infiziert worden war. Rechtsanwalt T i e m a n n protestierte gegen die Vereidigung. Aber das Gericht vereidigte diesen Zeugen: es war der letzte unter den Hunderten. Mit ihm wurde die Beweisaufnahme in dem Riesenprozeß gestern abend geschlossen. Morgen beginnen die Plä- doyers, und am Sonnabend wird das Urteil gefällt. Teure Kirschen. Der 18jährige Schloffer Georg S. hatte mit seiner Braut eine Partie nach Dabendorf gemacht. Abends auf dem Rückweg kamen sie an einer Kirschenallee vorbei und begannen unbefugterweise zu pflücken. Nachdem das Mädchen schon einige Pfund in ihrer Taiche hatte, kam der Pächter der Allee her- bei. S. sprang vom Baum, kam dabei aber so unglücklich zu Fall, daß er sich einen Bruch des rechten Unterschenkels zu- zog. Gemeinsam mit dem Pächter brachte daS Mädchen den Verunglückten zum Arzt. Nachdem S. ein Notverband angelegt worden war, wurde er mir einem Wageu nach der Wohnung seiner Eltern in Berlin befördert. Linienumleiwag bei der Skraheubahn. Wegen GleiSbauarveiten an der Kreuzung Potsdamer«, Ecke Bülowsiraße werden in der Rächt vom 29. zum 30. von 12 Uhr ob folgende Linien umgeleitet: Die Linien 24, 4 0. 4 3. 6 5. 7 4. 8 3 über Lützowstraße, Lützow- platz, Maaßenstraße. Nollendorfplatz. Winterfeldtplatz, Golystraße, Akazienstraße, Hauptstrafe. Di« Linie 69 über Lützowstraße, Lützow- platz» Maaßenstraße. Die L i n i e.n 5 1, 5 7l 6 0, 6 2, 91, 19 1 über Lützowstraße, Lützowplatz, Nollendorfplatz. Feldstiaße. Nettel- beck-, Kleistsiraße. Die Linien.81. 6 4, 164 über Göben-, Hallerstraße, Winterfeldtplatz. Maaßenstraße, Nollendorfplatz. Kleist-''� straße. Oeffenfffche» volkskonzert im Schillerpark. Am kommenden Freitag, abendS 7»/, Uhr, gibt der»Meinekefche Männer- chor Berlin 1900'(Mitglied des Deutschen Arbeiter-Sänger- bundeS) auf der Terrasie im Schillerpark ein Freilonzert. Zum Bortrage gelangen eine Reihe Bolls- und heiterer Lieder. vt Me Baader: Ein steiniger weg. Di« Selbstbiogravbie der heim- argangenen Eenolstn Ottilie Baader ist unter diesem Titel in unlerem Parteiverlag erschienen und zum Preiie von SO Pf. in der Sortiments- Buchhandlung Q.H. S. Dietz»ach?, Lindenftraße 2, zu haben. TBtttrc filr Berlin and Umgegend. Mäßig warm, wechselnd vewälkt, keine erheblichen Riederichläg«.— Jar ventschiand. Im Norden einzelue leichte Regenschauer, sonst keine wesentlichen Niedeeschläg«. So spinnt sich das Zwiegespräch fort die ganze Nacht. Immer die gleichen wilden Gelüste brennender Bilder und kalter Ruch- losigkeiten... Selbst die Morgenstunden, die sonst den Schlaf- losen Erlösung bringen und sie für ein paar Augenblicke in er- quickende Dergessenheit betten— sie retten mich nicht. Ich wache hinein in die fohle Dämmerung, und der Wahnsinn weicht auch nicht unter den Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich will dem Spuk ein Ende machen, das Bett verlassen. Aber das Bett hall mich wie in Klammern fest, und im heißen Nest der Nacht ent- steigt wieder die unsaubere Brut ssecher. lallender Verzückungen... Schließlich raffe ich mich auf. Ich kühle mich in dem herein- flutenden Morgenwind, die Nacht gleiten endlich von mir ob. Ich bin wieder ich, und indem ich zurückkehre, fühle ich Scham und Grauen... _ bin ich durch die betauten Wiesen gegangen, habe den Müllerknechtcn bei ihren einfachen Hantierungen zugeschaut, habe Ruhe geschöpft aus dem stillen Behagen weidender Rinder und aus dem lustigen Geschwätz der Buben und Mädchen, die in die Dorfschule traben. Die Welt wird mir wieder oertraut. Das Be- wußtsein kehrt in die Sicherheit und Klarhell des Diesseits zurück und ich prüfe als ein Arzt die Verftörungen. welche das Dunkel geboren... Was lockt mich eigentlich und reizt mich? Liegt nicht alle Wirrnis und Derkehrung darin, daß die leibliche Schönheit ver- hüllt ist?(Erhall das Natürliche nicht so erst die dämonische Kraft des Geheimnisvollen, Mystischen. Die Liebe war nur einmal natürlich, frei von schürender, blendender Empfindsamkeit: Im Paradiese vor dem Sündensall. Das Feigenblall vergiftet die Phantast«. Die Freude an der bunten Füll« der Formen der Menschengestalt ist gesund und rein, aber sie verdirbt zur Gier. weil sie versagt ist. Von Kindheit an werden wir getrieben. Ge- Heimnisse zu lüften. Verstecktes zu ahnen, Heimliches zu enträtseln. Statt der Lust an der Schönhell wird uns die ekle Lüsternheit an- gequält. Wer kein Schnmtzian ist, sondern ein ehrlicher Mono- gamist aus Neigung, Erziehung und silllicher Ueberzeugung. was weiß der eigentlich von den bunten, zahllos mannigfachen Blumen, die im Garten der Schönheit oder Unschönhell gedeihen? So ringen gerade die Besten und Unschuldigsten mit Versuchungen, wie sie die allen Heiligen zu bestehen hatten. Obwohl einen Frauenarzt dies« sentimentale Neugier nach den Varietäten der Fettpolster plagt... Ich muß zynisch werden, um das Gift aus meinen Adern auszutreiben, zynisch oder auch psychologisch räsomiieren: da» erkältet. (Fortsetzung folgt.) Vonnerstag 30. In« 1925 Unterhaltung unö �Vissen Vellage öes vorwärts Sozialistensthnitzer von öerlin. Erinnerungen von Adolph Hoffmaua. Wiederholl aufgefordert, aus meinen Erfahrungen im Kampfe um die Freiheit interessante Einzelheiten schon jetzt zu veröffentlichen, komme ich diesen Wünschen nach und beginne mit jener gewiller- schwangeren Zeit, jenen Jahren, die dem Sozialistengesetz(1873 bis 1830) vorausgingen. Staatsanwalt T e s s e n d o r f und der Berliner Polizeipräsident machten weit über Berlin hinaus von sich reden durch ihre mehr denn rücksichtslosen Sozialistenvcrfolgungen. Staatsanwalt Tesien- dorf hatte sein Sozialistenvernichtungsprogramm am 18. März 1875 in einer Anklagerede in Berlin enthüllt, indem er den Richtern zurief:„Zerstören wir die sozialistische Organisation und es existiert keine sozialistische Partei mehr." Am 30. März 1876 machte er auf diesem Wege einen energischen Schritt. Er schloß einfach aus Grund des preußischen Vereins- gesetzes(KZ 8 und 16) den Verein„Sozialistische Arbeiter- p a r l e i" und verbot das Zahlen von Beiträgen. Der Erfolg war geradezu glänzend, aber für die Sozialdemo- kratie. Bei den Wahlen 1874 hotte sie 351 081 Stimmen erhalten, 1877 486 843. Die Zahl der Zeitungen stieg in einem Jahr von 23 auf 41. Und als am 7. März 1878 der Genosie heinsch als Redakteur der„Freien Presse" starb, war sein Leichenbegäng- nis nach dem Freireligiösen Friedhos in der Pappelallee eine Protestdemonstration gegen Polizei und Staatsanwaltschaft, wie sie Berlin noch nicht gesehen hatte. Sie schasst« die Anhänger gleich tausendfach. Schade, daß es statistisch nicht faßbor ist, wieviel« polltisch unberührte Männer, vor allem Jugendliche, so schneidige Behörden der Sozialdemokratie zugeführt haben. Es ist nicht zu viel gelagt, wenn man behauptet, ihr Bemühen, sich bei dem preußischen Innenminister und dem Ministerpräsidenten und Reichskanzler Bismarck die Sporen zu verdienen, machte sie zu Akkordarbeitern für die Sozialdemo- kratie. Roh und rücksichtslos bearbeiteten sie das junge Triebholz, gewachsen im ersten Jahrzehnt nach Ferdinand Lassalles Wirken.� Aber. Ehre, wem Ehre gebühret! Sie.schnitzten" Sozialdemo- traten en gros zu Massenlieserungen. Die Periode, in der man glaubte, die»neue Idee" durch Lächerlichkeit zu töten, war endgüllig vorüber. Die Situation wurde einst, und man versuchte, die»neue Irrlehre" abzuwürgen. Aber auch hier erfüllte sich das alle Sprichwort:»Blinder Eifer schadet nur." Alle Well wurde durch die Kampsesansage der Behörden auf den Sozialismus aufmerksam, wurde neugierig und wollt« so einen»Kerl",„U m st ü r z l e r".„P e t r o l e u r",„D y n a- miterich" auch einmal sehen und hören: riskierte schließlich den Weg zu einer Versammlung, und— hm— der„K e r l" sah ja wie ein anständiger Mensch aus.— Und was sagte er?— Ja, verdammt, das war ja leider nur zu wahr, das hatte man meist selbst am eigenen Leibe verspürt. Man fing an. sich mehr als bisher um die„Irr- lehren" zu kümmern, man rückte dem roten Gespenst näher und, siehe da, es nahm menschliche Formen an. So»schnitzten" täglich, stündlich, neue Anhänger für die Sozial- demokratie die Leute, die da wähnten, sie vernichten zu können. oc Schreiber dieser Zeilen ist ebenfalls ein Produkt der Sozialisten- schnigerei Anfang der siebziger Jahre. Wohl kam er das erstemal auf sonderbare Art mit ihr in Berührung. Sein Lehrmeister, ein frommer Katholik, sagte ihm am ersten Sonntag seiner Lehre: ..Wenn Du auch ein.Keger" bist, kannst Du wenigsicns nach Deiner Kirche gehen." Und er mußte alljonntäglich zur Kirche. Am ersten Pfingstfeiertag, als er schon im Konfirmandenanzug zum Kirchgang bereit stand, mußte er sich wieder ausziehen und die Werkstatt, well er es nicht ordentlich gemacht hatte, nochmal» auf- räumen. Am zweiten Feiertag mußte er, wie das bei Lehrlingen, die ch frei lernten, d. h. beim Meister wohnten, üblich war, für die ,jrau Meisterin erst Holz hauen usw., und durfte dann, genügend angeregt, zu seinem evangelischen„K e tz e r g o t t" beten gehen. Es war ein wunderschöner Sommertag. In den gestärkten weißen Pkingstkleidern war alles, was Beine hatte, vor den Toren Berlins. Zur Kirche war außer mir nur noch ein altes, humpelndes Mütterchen, der Pfarrer und der Küster erschienen. Heute verstehe ich, daß es den Pastor wenig reizte, uns beiden eine Pfingstpredigt zu halten. Schließlich wäre die„Ausgießung des heiligen Geistes" in dem alten, vom Leben hartgehämmerten Kopf des Mütterchens ein ebenso erfolgloses Experiment gewesen, als der Versuch, ihm Eingang in den Schädel des noch nicht Fü»s< zehnjährigen zu schaffen. Der Herr Pfarrer bat uns durch den Küster zu sich, und schlug vor, in seinem Studierzimmer»ein wenig erbaulich zu plaudern". Das alte Mütterchen tappelte gern mit. Für sie war es ein Ereignis, des Herrn Pastors Studierzimmer kennen zu lernen: während ich mit einer gewissen Beklemmung folgte, und an der Haustür, als Pfarrer und Mütterchen das Hau» betreten hatten, linksum kehrt machte und ausriß.— Warum?-- Roch heute kann ich mir darüber nicht Rechen- schaft geben. Dielleicht war es die Angst, der Pfarrer könnte mich nach den»zehn Geboten" fragen und die— kannte ich damals noch nicht so gut wie heute.-- Da ich nun nicht schon zu»M e e st e r s" zurück konnte, wenn sie nichts von meinem ersten»taktisch klugen Rückzug" merken sollten, bummelte ich durch die Straßen. Meine Augen blieben in der Rosenthalcr Straße an einem Schilde haften mit der Aufschrift:„Freireligiöse Gemeinde. Jeden Sonntag Vortrag. Zu- tritt für jedermann srei.".... Letzteres war ausschlaggebend für mich. Ich ging hinein, was bei deni Stand meiner Finanzen sonst unmöglich gewesen wäre. Daß ich nicht noch im letzten Augenblick umkehrte, dafür sorgte ein Kellner der. als ich im Varterre die auf den Schränken des Korridors liegenden Paukutensilien neugierig betrachtete, mich an- sub- Was willst du hier, du willst wohl mopsen?" Als ich sagte, ich wolle zum Vortrag, bekam ich zur Antwort: „Do m scher Dich oben rauf. � Also, nolens volcns, jetzt war's entschieden. Ich mußte hinein. um mich von der beleidigenden Vermutung der Kellners, der m.r nachsah, zu reinigen... � Hier sprach ein Sllerer Herr im schwarzen Anzug, wie uh spater erfuhr, der freireligiöse Sprecher Schäfer..... Nachdem ich die Versammlung gemustert und neben einem Ali.-I»genossen einen Platz erhalten hatte, horte ich aufmerksam zu. T. was der Mann sagte, verstand ich. Er knüpfte an s mensch- " Leben an. während der Sermon des Pfarrers bei mir immer wie an einer Ente das Wasser, abgelaufen war. ohne irgend«ine Wirkung zu hinterlassen. �_ Al» ich dann zu meinem Nachbarn meine Gefühle in den Worten Ausdruck gab:»Au. der spricht aber viel besser als unser Pfarrer er- hielt.ch lachend zur Antwort:»Na. du Schafskops, gehst wohl zur Kirche? Und auf meine Entgegnung:„Der Meister schickt mich doch hin ward mir der Rat:»Du brauchst doch nicht zu erzählen, wohin du gehst. Komm man immer hierher." "'' sein Prediger viel du erst mal Fritfche A 3m sihwarzweißroten �ustizlaöen. ,der Herr wünschend ,£itte um drei Kilo Geheimakten, für das üeutfchnatlouale Aeitungsgerverbe passend/ Neugierig fragte ich:»Sind das auch Pfarrer?" »Schafskopf" klang es abermals.»Das sind Sozialdemokraten." Natürlich wußte ich nicht, was das war, denn wenn man von >hren auf einem Schlfferkahn, von 10 Jahren bei einem Holzfäller, der während der zwangsweisen Arbeitspausen bei hohem Schneefall die Schulstrafen absaß, und von 11 Jahren in einer Korbmacher- Werkstatt in der Provinz. bei einem Kleinmeister auf„Grünzeug" tätig ist, hört man, besonders wenn Schiffer und Holzfäller Trinker sind, der Korbmacher von früh 5 Uhr bis spät in die Nacht arbeitet, nichts von Kulturfragen. Ich ging gern auf die Anleitung meines neuen Jugendfreundes ein, meinem Meister für nächsten Sonntag was»vorzuräu- b e r n", um auch den Nachmittag frei zu bekommen und mit nach dem Rollkrug in Rixdorf zu gehen, wo Fritfche sprechen sollte. Von nun an»räuberte" ich dem Meister öfter etwas vor und lernte o Hasselmann, Hasenclever, Most usw. kennen» Ich schloß mich ogar dem ersten Versuch an, die Arbeiterjugend zusammenzufassen, ein Verdienst, das unbestritten Johann, Most zukommt. Wer daran Anstoß nimmt, daß Most später Anarchist geworden ist und die Londoner„Freiheit" herausgab, in der er viele unberech- tigte und unbegründete, sowie verallgemeinernde Ausfälle gegen die Sozialdemokratie machte, der lese seine„Ba stille am Plötzen. s e e" und seine Erlebnisse„Im M a s k e n f l ü g e l" derselben Staatspension, und wer kein Fischblut hat, der wird dem verbitterten Most dann manche Schwächen verzeihen und manchen unbesonnenen Schritt wenn auch nicht billigen, so doch begreifen. Damals, als er noch Sozialdemokrat war, nahm er uns Jungen mit seinen schlichten, aber wahren Worten gefangen. Er ließ uns in dem großen Buche der Welt- und Entwicklungs- )eschichte lesen, indem er uns nach dem Tiergarten und Grunewald ührte, dort keine politischen Tiraden hielt, denen wir sicherlich ver- tändnislos gegenübergestanden hätten, sondern die Freude an der chönen Natur, die Liebe zum fröhlichen Wandern bei uns zu wecken uchte. »Wer die herrliche Nawr und die schöne Welt kennengelernt hat, wird sich von selbst gegen jede Knechtschaft auflehnen", waren seine Worte. „Meidet die Tanzböden und Budiken, geht hinaus in den grünen Wald, auf die blumenbestreute Wiese, da weidet sich Herz und Auge." Wenn dann sein langer Arm wie, ein Wegweiser in die weite Welt zeigte und seine Augen vor Freude leuchteten, hingen wir Jungen atemlos an seinen Lippen und uns verging jede Spottlust über seinen ihn entstellenden schiefen Mund. Und das will bei Berliner Jungen etwas sagen. Wir hörten nur seine begeisternden Worte, und sie sind jedem. der einmal an der„Mostschen Iugendgarde" teilgenommen, für immer im Gedächtnis geblieben. Jedoch die strenge und knechtische Lehrzucht, das harte Ringen um des Lebens Notdurst und nicht zuletzt die Unvernunft auch eigener Genossen, die ihn mit seiner»verrückten Idee", die Jugend zu organisieren, verspotteten, ließen die»M o st s ch e Jugendgarde" nicht aufkommen und sicher wäre olles bald vergessen gewesen, wenn nicht die Soziolistenverfolgungev mit ihrem unbezahlbaren Staatsanwalt Teisendorfs und Bismarck-PuUkamer- scheu Hetzwahnstim einsetzten. Druck erzeugt Gegendruck. Di« Redakteure am Kaiser-Franz. Grenadier-Platz, wo die„Freie Presse" erschien, hatten spitze Federn und schneidige Sprache. Polizei und Staatsanwalt packten schneidig zu. Ein„Festedruss"-Artitel gegen den Berliner Polizei-Prästdenten selbst gewann, als ich aus der Lehre war, mich zum Abonnenten für die»Freie Presse". Ich war 1873 über die Freireligiöse Gemeinde das erstemal mit der Sozialdemokratie in Berührung gekommen. 1876 schloß ich mich als Achtzehnjähriger ihr direkt an. Die in diesem Jahre ein- segende frivole Hetze hatte ihre Wirkung getan. Der streitende Pfarrer hatte mich zur Freireligiösen Gemeinde, der wildgewordene Polizei-Präsident und rasende Staatsanwalt Tessendorff zur Sozialdemokratie gebracht. Tausenden war es ähn- lich ergangen. einer sensationsbedürftigen, liebedienerischen Presse. In allen Werkstötten, in allen Kneipen, überall, wo Menschen zusammentrafen, sprach man von der neuen»weltbeglücken- den Idee des Sozialismus". Aus dem»Lächerlichmachen", »Totschweigen" hatten Strebertum, Sensationslust und Furcht eine Frage gemacht, die überall an der Tagesordnung war und eine große Masse schwerfälliger Menschen, die sonst gar nicht daran dachten, sich mst wirtschastlich-politischen Problemen abzugeben, wurden so- zusagen mit der Nase daraufgestoßen. Hunderttausende wurden zum mindesten von der„roten Seuche" infiziert. Man„schnitzte" eifrig Sozialdemokraten und wohlgefällig sah der preußische Innenminister und der Reichskanzler diesem Treiben zu, denn— Bismarck brauchte für seine neue Steuerpolitik eine Mehrheit im Reichstag. Die Nationolliberalen sträubten sich noch zum größten Teil dagegen, und da mußte das„rote Gespenst" helfen, ihm— Bismarck— diese Mehrheit zu schaffen. Der»Rote Schrecken" machte tatsächlich die nationalliberale Partei zu einer Partei„Bismarck savs phrase". Sonderbare Heilige waren diese.Herrgott".— Pardon— »S o z i s ch n i tz e r". Die, welche Maitressen- und Hofliebesgeschich- ten am eifrigsten in eigenen Kreisen kolportierten, die womöglich gemeinschaftliche Freunde bei einer Flora Gaß waren, spektakelten am meisten gegen die angeblich angestrebte Weibergemeinschaft der Roten. Und die, welche so gründlich die Reichtümer dieser Erde aufgeteilt und davon Besitz ergriffen hatten, daß für Millionen nichts übriggeblieben, schimpften wie die Rohrspatzen über das Teilen der neuen Weltbeglücker. Polizeischikanen, Geld- und Gefängnisstrafen Hagelten nur so herab aus die Lassalleaner und Eisenacher, und der erste größer» Erfolg war schon 1875 in Gotha der Zusammenschluß der beiden Richtungen der Sozialdemoktiatie. Man hatte„das Böse gewollt und das Gute geschaffen". Doch man schnitzte weiter. Die Sozialisten-Schnttzer von Berlin waren fleißig« Beamte. Sie sollen leben, unsere Freund«, dt« Feinde! Verbandstog der Buchbinder. Zweiter Berhandlungstag. Hamburg, 28. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Der Berhandlungstag am Dienstag galt der Beratung über die Beitragsfestlegung und die Unterstützungseinrichtungen, wozu der Verbandstaffierer Lenser Berlin längere Ausführungen machte. Die Parole, einen Stundenlohn als Wochenbeitrag gelten zu laffen, habe sich als falsch erwiesen. Es sei dem Antrag des Verbandsvorstandes zuzustimmen, ungefähr den 1½fachen Stundenlohn als Wochenbeitrag zu erheben. Sonst fönne man die Verbandstaffe nicht stärken. Deren verhältnismäßig günftige Lage sei nur auf äußerste Sparsamkeit und Einschränkung zurückzuführen, die aber auf die Dauer nicht beibehalten werden könnte. Das Unterstützungswesen müsse wieder ausgebaut werden. Den Ausführungen des Verbandstaffierers folgte eine sehr ausgedehnte Debatte, wobei die Meinungen über die Beitragsregulie rung und das Unterstügungswesen teilweise recht weit auseinandergingen. Eine gewisse Erhöhung der Beiträge wurde jedoch von fast allen Rednern anerkannt. U. a. murde vorgeschlagen, bestimmte Säge festzulegen, die von dem Stundenlohn vollkommen unabhängig find. Die Mehrzahl der Redner setzte sich auch für Wiedereinführung der Krankenunterstützung etn. Einen breiten Raum in der Debatte nahmen die Invaliden, Erwerbslosen und Notstandsunterstützungen ein. Gefordert wurde 1. a. die Abschaffung der obligatorischen Beitragspflicht für die Invalidemumterstüßung in den niedrigen Beitragsklassen. Der jegtige Zustand murde von einigen Rednern als ungerecht für die weiblichen Mitglieder bezeichnet, weil diese meistens nicht in den Genuß der Invalidemunterstützung gelangen. Mehrfach wurde gegen verschiedene Gewerkschaften, so gegen die Verbände der Metall, Transport, Textil, Holz- und Steinarbeiter Stellung genommen, meil dort die Beiträge so niedrig gehalten feien, daß es für die anderen Verbände ein schweres Hemmnis bedeutet. Es müsse durch den Bundesvorstand des ADGB. versucht werden, hierüber einen Ausgleich herbeizuführen. Von den weiblichen Delegierten murde darüber Klage geführt, daß das Unterstüßungswesen manche Mängel in den Leistungen aufweise und die männlichen mit glieder günstiger gestellt seien. Es müsse mehr Rücksicht auf die weiblichen Mitglieder genommen werden. Das Wort geredet wurde auch einer Umwandlung der Hinterbliebenenunterftügung in eine Sterbeunterstützung. In allgemeinen wurde jedoch betont, daß durch den Ausbau des Unterstützungswesens, der nun einmal notwendig sei, der Charakter der Gewerkschaft als Kampforganisation nicht angetaftet werden solle. Die Aussprache über die Beitrags- und Unterfügungsfragen nahm den ganzen zweiten Tag in Anspruch. Gegen 14 Stimmen wurde beschlossen, die Krantenunterstügung wieder einzuführen. Sämtliche zu diesen Fragen vorliegenden Anträge wurden sodann der Kommiffion für die materiellen Anträge zur Durchberatung überwiesen. Die Berhandlungen werden am Mittwoch fortgesetzt. Drifter Verhandlungstag. Hamburg, 29. Juli.( Eigener Drahtbericht.) Am dritten Berhandlungstag nahm der Verbandstag zwei Referate über wirtschaftspolitische Fragen und über die Bedeutung der Betriebsräte entgegen. Als erster Referent hatte Ehrenteit Hamburg, Vorsitzender des Ortsaus= Theater, Lichtspiele usw. Staats- Theater Schauspielhaus Zum 25. Male 8 Uhr: Kreuzfeuer Lustspiel von R. Presber und L. W. Stein Schiller- Theat. Operettenspielzeit 8 Uhr Annemarie Operette von Jean Gilbert u. Robert Gilbert mit Dora Leffler Nymgau Spira- BaseltHeidemann Diegelmann- Hiller Kuthan- Ledebour Volksbühne Komische Oper 8 U. Dir.: James Klein 8 U. Europas meist gespielteste und somit erfolgreichste Revue: * 400 x Das hat die Welt noch nicht geseh'n Sommerpreise! 12 2 WINTERTEN 8 U.: Die deutschen Der auserlesene Juli- Spielplan G Kleinstädter Rauchen Metropol Theat. Reichshallen Theater 8 Uhr: Tausend süße Beinchen Th.d. Westens Steinpl.931 8U: Nur noch 2 Vorstellung. im Th.d.Westens Schl. d. Gastsp. am 31. Juli USCHI mit Fr. Schulz Loni Pyrmant, Gertrude Berliner, Tb. in d. Kom mandantenstr. N Sbd. 1. Aug. 7/2 Erstaufführung Der Vetter a.Dingsdag Smit Job. Müller 2. G Hedwig Waechter- Notthoff, Fritz Beckmann Thalia- Th. Wiedereröffa. 1. 8, 8 U. Die gr. Schlageroperette Uschi v. Gilbert Eugen Rex, Looi Pyr mont, Gertrude Berliner Letzte Woche! Gastspiel der Dresdn. Viktoria- Sänger Anf. 8 Uhr Sonnabend, 1.8. Wiederauftreten der Stettinar Sänger Dönhoff- Brett'l: Saal und Garten Gr. Varieté- Vorstellung Anfang 8 Uhr Elite- Sänger Kottbuserstr.6 Tel. Moriizpl. 16077 Ab 1. August die größte aller Revuen: Berlin... da kieckste! Elite- Revue in 12 Bildern. BF 8 Tage Vorverkauf. Berliner Prater Kastanienallee 7-9 Tdes Westens Heute Gr. Volkstag Gr. Varieté- Vorstellung Sonnab, 1. Aug. 7: Eröff d.neuen Spielzeit. Dir. C. Richter Wiener Blut Deutsches Künstler- Theater 8 Uhr Fauteuil 47 Lustspiel von Louis Verneuil Operettenhaus am Schiffbauerdamm 8 Uhr: Der kleine Kuppler Residenz- Th. 8 Uhr: Die Koblanks Vorzeig. d. Annonce zahlen nur balbe Kassenpreise von 50 Pt. an Rose- Theater 8 U.: Die vertagie Nacht Gartenbühne: 5 Uhr: Bunter Tell 7: Der Soldat der Marie Auf allen Plätzen 50 Pf., außer Logen Anfang 4 Uhr Neue Welf Arnold Scholz, Hasenheide 108/114 Jeden Donnerstag Großes Riesen- W Kunstfeuerwerk Märchen aus 1001ner Nacht abgebrannt von dem Kunstfeuerwerker E. Nielandt Außerdem Großes Konzert und Varieté- Vorstellung * 35 Künstler* und Gr. Ball Einlaß 3 Uhr Aniang 5 Uhr Aufgaben zunächst befchränken, bom fet schon viel ge wonnen. Nii ein weiterer Ausbau des Betriebsrätegefezes, sondern ein Ausbau des Arbeitsrechts im allgemeinen müsse gefordert werden. Das werde der ganzen Arbeiterschaft und somit auch den Betriebsräten zugute fommen. Es fönne aber nur erreicht werden durch eine geschlossene machtvolle Gewert. schuffes des ADGB., das Borf. Er sprach über den Einfluß der Gemertschaften auf Wirtschaft und Politif. Eingehend beschäftigte er sich mit den Verhältnissen nach dem Kriege, die eine grundlegende Aenderung der Stellung der Gewert haften zum Staat, zur Wirtschaft und zur Polttit brachten, weil an Stelle des reaktionären Obrigkeitsstaates die politisch- demokratische Staatsform getreten ist. Leider sei die wirtschaftsbewegung. schaftliche Demokratie, wie sie dem Bolke in der Weimarer Ver Beide Vorträge wurden vom Verbandstag mit Beifall aufge fassung versprochen wurde, nicht in die Tat umgefeßt nommen. Es schloß sich daran eine längere Aussprache, in der sich worden. Die Gewerkschaften werden gerade deshalb nach wie vor. mit Ausnahme eines Redners der sogenannten kommunistischen ihre ganze Kraft an die Umformung der Wirtschaft sezen. Der Opposition sämtliche Delegierte im Rahmen der Ausführungen der Redner vertrat dann nachdrücklich die Forderung der Gewerkschaften beiden Referenten bewegten. Dann wurde über die zu dieſem Punkt nach Schaffung von Bezirkswirtschaftsräten und vorliegenden Anträge entschieden. Einige Anträge wurden dem Bernach einer paritätischen Zusammensetzung der Handels-, Industrie bendsvorstand überwiesen, während zwei Anträge aus dem und Gewerbekammer. Er begründete weiter die Notwendigkeit, den Oppositionslager unter den Tisch fielen. Alsdann erhielt noch der Einfluß der Gewerkschaften auf den Reichstag zu inzwischen eingetroffene Internationale Buchbindersekretär Hochverstärken, was nicht bedeuten solle, daß einer besonderen politischstrasser Bern das Wort zu einer kurzen Begrüßungsansprache. parlamentarischen Sondervertretung das Wort geredet werde. Der Er überbrachte die Grüße der ausländischen Kollegen und betonte die Redner setzte sich vielmehr für ein Notwendigkeit des internationalen Zusammen. schlusses und einer internationalen Zusammenarbeit. wurde der dritte Verhandlungstag geschlossen. # enges Zusammenarbeiten zwischen Partei und Gewerkschaft ein. Das immer schnellere Tempo der aufeinanderfolgenden Wirtschaftskrisen schreie geradezu nach einer Umgestaltung der Wirtschaft, an der die Gewerkschaften den aktivsten Anteil zu nehmen hätten. deutung der Betriebsräte. Er betonte, daß die Betriebsräte ohne starken Rückhalt der Gewerkschaften nicht denkbar seien. Die Betriebsrätebewegung dürfe feine selbständige, sondern nur ein Teil der Gewertschaftsbewegung sein. Er warnte vor lieberspannung der Betriebsrätebewegung, ohne damit ihre Bedeutung zu unterschäzen. Würden die Betriebsräte sich auf die Erfüllung der ihnen gefeßlich zugeschriebenen Als nächster Redner sprach Bauer Hamburg über die Be Parteinachrichten Das Rundfunkprogramm. Donnerstag, den 30. Juli. Außer dem üblichen Tagesprogramm: 5-6.30 Uhr abends: Nachmittagskonzert der Berliner Funkkapelle. Leitung: Konzertmeister Ferdy Kauffman. Fall Lehár Oscar Straus. 1. Lehár: Luxemburg, Marsch. 2. Fall: Vorspiel zu„ Die geschiedene Frau". 3. Fall: Walzer aus der Operette Der fidele Bauer". 4. Oscar Straus: Potpourri aus der Operette Der letzte Walzer". 5. Lehár: Potpourri aus Die Zigeunerliebe. 6. Oscar Straus: Walzerträume".- 7. Lehár: Vision aus Operette Die Rose von Stambul. 7 Uhr abends: Dr. Rudolf der Operette„ Das Fürstenkind". 8. Fall: Potpourri aus der Schule( Bildungskurse). Abteilung Technik. Dr. Hans Dersin: Wegner: Aberglaube auf der See. 7.30 Uhr abends: Hans- BredowLeuchtfarben. 7.55 Uhr abends: Regierungs- Oberinspektor Schnitzler, Reichsverkehrs- Ministerium: Luftfahrt und Wirtschaft. 8.30 Uhr abends: Das deutsche Lied. Eine Vortragsreihe von Dr. Felix Günther, unter gesanglicher Mitwirkung von Karin Lindholm, Alfred Wilde, Maria Basca, Wilhelm Guttmann, Nora Pisling- Boas, Kammersänger Cornelis Bronsgeest. Vierter Abend. Die Ballade. Wilhelm Guttmann singt zu dem Vortrage: 1. Erlkönig( Goethe) in drei Vertonungen. 2. Tom der Reimer( Fontane). 3. a) Die c) Die Heinzelmännchen( Kopisch). Am Flügel: Dr. Felix Günther. wandelnde Glocke( Goethe), b) Gutmann und Gutweib( Goethe), 10 Uhr abends: Bekanntgabe der neuesten Tagesnachrichten, Zeitansage. Wetterdienst. Sportnachrichten, Theater- und Filmdienst. 10.30-12 Uhr abends: Tanzmusik. Für die vielen Beweise der Anteilnahme bei dem Heimgang meines lieben Mannes Johannes Veeser allen Verwandten, Teilnehmern, Freunden und Bekannten, besonders dem Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands herzlichsten Dank. Desgleichen für die überaus vielen Blumen und Kranzspenden. Berlin, 29. Juli 1925. Anna Veeser Bethanienufer 10. und Sohn. Sonder- Angebote 18 000 Liter Fruchtwein, Einsendungen für diese Rubrik sind Berlis SB. 68, Lindenstraße 3, Damit für Groß- Berlin fiets an das Bezirkssekretariat, 2. Sof, 2 Trep. rechts. au richten. 1. Kreis Mitte. Freitag, 31. Juli, 7½ Uhr, bei Dobrohlaw. Swinemünder Straße 11, Gigung des erweiterten Vorstandes mit den Delegierten zum Bezirkstag. 3. Kreis Webbing. Freitag, 31. Juli, 7 Uhr, Sigung des erweiterten Areisvorstandes mit den Bezirtstagsdelegierten an bekannter Stelle. 4. Kreis Prenzlauer Berg, Freitag, 31. Juli, 7% Uhr, bei Burg, Brenzlauer Allee 189, Gigung der Abteilungsmietervertreter und deren Stellvertreter der Abteilungen 24-31. Tagesordnung: 1. Neuwahl des ftellvertretenden Kreismieterobmanns. 2. Unsere Arbeit für die kommenden Stadtverordnetenwahlen. Bufammenkunft der Bezirtstagsdelegierten am Freitag, 31. Juli, 8 Uhr, bei Alug, Danziger Str. 71. 6. Kreis Kreuzberg. Freitag, 31. Juli, 7 Uhr, erweiterte Kreisvorstands. Flug fikung mit den Bezirkslagsdelegierten bei Reim, Urbanftr. 29. blätter find fofort abzuholen bei Schweifgardt, Köpenicker Str. 166. 9. Areis Wilmersdorf. Abteilungsleiter! Die Flugblätter find am 31. Juli von den Verteilungsstellen abzuholen und restlos am 1. Auguft zu ver teilen. 14. Rzeis Neukölln. Donnerstag( heute) 8 Uhr bei Gröder, Steinmegstr. 62, wichtige Sigung fämtlicher Abteilungsordnerobleute und deren Stellvertreter, Sigung des erweiterten Borstandes mit den Delegierten zum Beziztstag am Freitag, 31. Juli, 7 Uhr, im Rarisgarten. 15. Areis Treptow. Freitag, 81. Juli, 8 Uhr, in Niederschöneweide bei Graal, Berliner Straße, Kreisvorstandssigung mit den Abteilungsleitern und den Delegierten aum Bezirkstag. Morgen, Freitag, den 31. Juli: 33. Abt. Die Bezirksführer habeit dem Raffierer die monatliche Rontozahlung fanellstens abzuliefern. Die Bücherkreisleser können das dritte Wert vont Raffierer Ben, Benmestr. 25, abholen. 38. Abt. 7 Uhr bei Bartusch, Friedenstr. 88, Funktionärsihung. Sollte an diesem Tage eine Kreisveranstaltung ftattfinden, fällt die Situng aus. 62. Abt. Siemensstadt. 8% Uhr Mitgliederversammlung bei Sundheim. Die Mitalieber aus Haselhorst werden ersucht, zu erscheinen. Jungsozialisten. Gruppe Lantwik: Bünttlich 8 Uhr Lokal ,, Sportede" Borfrag der Genoffin Erna Maraun: Die Geschichte der deutsch- österreichischen Sozialdemokratie nad 1914". Gruppe Rozden: Freier Abend: Arieg dem Kriege. Beginn 8 Uhr. Leitung: E. Hing. Rinderfreunde Baltenplak. Ferienaufenthalt in Hegermühle bei Strausberg vom 2.- 8. Auguft. 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Ausführliche schriftliche Bewerbungen mit Zeugnisabschriften an Philipp Holzmann, A.-G., Abt. Hochbau Berlin W 35, Schöneberger Ufer 20 Nr. 355 ♦ 42.?ahrganß 2. Heilage öes vorwärts Vonnerstag, 30. Juli 1425 Sturmisihe Szenen im Reichstag. Krach zwischen Kommunisten und Zentrum. Die Schnng zweimal unterbrochen.— Abstimmungen über die Lohnsteuer. Der Reichstag überwies gestern zunächst den R o t e t a t für 19 2S ohne Debatte dem Yau�haltsausschuß. Dann wurde die zweite Beratung des Einkommen st euergesetzes beim § 50 forlgesetzt, der den Steuertarif regelt. Abg. Dr. Örüning(Z.) degründet dazu einen Aenderungs- a n t r a g der Regierungsparteien, wonach stch das steuerfreie Existenzminimum von 1100 M. erhöhen soll 1. für die Ehefrau um.... 100 Vi. L. für da« erste Kind um.. 100„ 8. für da» zweite Kind um.. ISO 4. für das dritte Kind um.. 860„ 5. für da« vierte und jede» folgende Kind um je... 450„ im Jahre. Kinder im Alter von mchr als IS Jahren, die Einkünfte be- ziehen, werden nicht gerechnet. Der Antrag geht in der 1. Stufe von 25 Tl. über die Ausschuh. vorläge hinaus und läßt die nach dem Ausschuhbeschluß erst für das vierte Kind eintretende Erhöhung um 360 M. schon beim dritten Kind eintreten. Zum§ 52 wird der Abzug folgender Beträge vorgesehen: 1. 600 M. als steuerfreier E i n k o m m en s t e i l, wenn das Einkommen den Betrag von 10 000 M. jährlich nicht übersteigt. 2. Für die Ehefrau und jedes minderjährige Kind je 8 Proz. des über 600 M. hinausgehenden Einkommens, jedoch mindestens für die Ehefrau 100 M., für das erste Kind 100 M., für das zweite Kind 180 M., für das dritte Kind 360 M,, für das vierte und jedes folgende Kind 450 M„ und höchstens je 540 M. für die Ehefrau und jedes Kind, insgesamt nicht mehr als 8000 M. Zur Lohnsteuer wird von den Regierungsparteien beim§ 70 beantragt, daß außer dem steuerfreien Existenzminimum von 960 M. jährlich(80 M. monatlich) qom Steuerabzug bestell bleiben für die Ehefrau und iür jedes minderjährige Kind je 10 Proz. de« Arbeits- lohns, der über das Existenzminimum hinausgeht. Mindesten? sollen das sein für die Ehefrau 120 M. jährlich, für das erste Kind 120 M. jährlich, für das zweite Kind 240 M. jährlich und für da» vierte und jedes folgende Kind je 600 M. jährlich. Abg. Vogel(Soz.): Die Lohnsteuer ist das Kernstück der Steuergesetz« überhaupt. Wenn wir an das Vorspiel dazu im Ausschuß und im Plenum denken, so müssen wir den jetzigen Antrag der Regierungsparteien als den Ausfluh ihre» bösen Gewissens und als ein Ablenkungsmanöver ansehen. Im Ausschuß hat man uns nicht ein- mal Zeit zur Beratung gelassen. Lange Zeit hindurch hat die Lohn- steuer 70 bis 80 Proz. der gesamten Einkommensteuer erbracht und ebenso lange wurde ein großes Unrecht an den Lohnsteuerpflichtigen verübt. Der Antrag der Regierungsparteien beseitigt dieses Unrecht nicht. Die Regierung hatte die Erhöhung des lohn- steuerfreien Einkommens mit der Behauptung bekämpft, der Steuer- ousfall würde dadurch unerträglich werden. So hat man berechnet. daß bei einem Existenzminimum von 1200 M. im Jahre ein Aus- fall von 745 Millionen Mark entstehen würde. Der Redner weist im cin-e!nen nach, wie falsch die Behauptungen der Regierung ge- mesen sind. Die von der Regierung gebrauchten Zahlen sind ganz unkontrollierbar. Es wird ganz unberücksichtigt gelassen die Steigerung der Kosten der Lebenshaltung, die durch die Steigerung der Rominallöhn« nicht ausgeglichen wer- den. Daraus ergibt sich aber eine wesentlich stärkere Be- l a st u n g durch die prozentuale Steigerung der Lohnsteuer. Wir halten deshalb unseren Antrag auf Erhöhung des lohnsteuerfreien Einkommens von 80 auf 100 M. im Monat ausrecht. Der A n t r a g der Regierungsparteien bringt sogar noch ein« w e s e n t» licht Verschlechterung für die kinderreichen Fami- lien und das angesichts der immer unerträglicher werdenden Steigerung der Lebenshaltungskosten.(Sehr wahr! bei den Soz.) Dir Mehrbelastung ist um so größer, s- klicherreicher eine AamMe ist(stört hört! bei den Soz.) So ficht die Sozialpolikik und die BevölkeruugspolZtik der Begierunzspacteien au»! An den Beschlüsien der Regierungspartrien im Auzschuß weist der Redner nach, daß sie die bisherlgen Steuerverhaumsse noch weiter verschlechtert hätten. Das hat außerordenllich groß«.Ent- rüstung in den breiten Masten erregt und diese Entrüstung wird durch den heutigen Abänderungsantrag nicht beseitigt werden. 3 cht il! der Augenblick gekommen, wo das Derfprschen des Retchsftnanz- Ministers, daß bis 100 TN. Einkommen im Monat steuerstei gelasten werden sollen, in Erfüllung gchen muß. Mit platonischen Liebes- erklärunaen ist den Lohnsteuerpflichtigen nicht gedient.(Sehr richtig I bei den Soz.) Unser Antrag begnügt stch aber nicht mit der Er- böhunq des Existenzminimums, er v-rlangt auch die Erhöhung der Abzüge für Frau und Kinder. Vergleicht man die Belastung der Lohnempfänger bei uns mit der im Ausland, besonders in England, so ergibt sich nach den Beschlüsten des Aus- ichustes für uns ein well ungünstigere» Bild. Wir erwarten nun, daß die Regierungsparteien ihr.soziale, sterz* offenbaren und unserem Antrag zustimmen. Wir erwarten aber auch, daß das System der festen Bezüge, zu dem stch die Regierungsparteien end- lich bekannt haben, sich nicht im Lauf« der Zeit zu Ungunsten der Oohnlleuervflichtigen entwickelt. Um dagegen eine Sicherheit zu baden beantragen wir, daß der R-ichsminstter der Finanzen mit ?"stimmung des Reichsrats und eines Au-schuste» des Reichstages hie im Absatz 1 bezeichneten Beträge gemäß der Ent- wickluna der Lohn- und G-HM»°?HSlWiste neu festzusetzen bat statte die Regierung schon früher an die Stelle der prozen- Malen Abzüge die j-tzifl-n festen die w.r begrüßen und die wir +on längst gefordert haben, gesetzt, so wäre manch« störte bei der der Lohnsteuer vermieden worden. Wenn sich nicht alle Erwartungen! 8° an die festen Abzüge geknüpft werden, erfüllen -olllen s? liegt das nicht an dem System sondern an dem MangA an-ul-m M���ng und den ISe�S0 bri' dem"E?gänzu'n?santrog �der�W�gspar�en naÄ �u ftns.r-«ndaültrne Stellungnahme zur Lohnsteuer müssen noch fehlt, unsere«nvguft-ge� v, �Hän�n. welche stal- wir uns noch r-orbeyalten. wuu imu' tung die Regierungsparteien zu UN,-ren Antragen einnehmen.(Leb. haster Beifall bei den Sozialdemokraten.) �. Abg. Koeuen(Komm.) bekämpft das Lohnsteuersystem an sich, Ein« wirklich sozial- Derbesterung dieses Systems sei gar nicht möglich.,, Abg. Schneider(Dem.) bezeichnet den K o m p r o m i ß a n t r a g als den Gipfel der Kompliziertheit. der Steuerreform doch eine Vereinfachung war. Der Antrag fei auch so wenig durchdacht und so unreif, daß er eigentlich an den Ausschuß zurückverwiesen werden mutzte, wenn dazu noch Zeit wäre. Die sehlge Regelung d« Lohnsteuer sei sozial ausreizend und der kompromißantrag der Regierung-parleiea bringe dann keine Aenderong. Di« demokratische Fraktion wolle sich mit der Iunggesellensteuer abfinden, die in der zehnprozentigen Besteuerung de« Ledigen de- steht. Bei der Ehefrau aber beantragen wir die Erhöhung des steuerfreien Betrages von 90 auf 240 M. Bei der ersten'Ab- stimmung werden wir für den sozialdemokrati- fchen Antrag stimmen. Abg. höllein(Komm.) verlangt eine wesentliche Erhöhung der Werbungskosten bei der Lohnsteuer. Staatssekretär Popih wendet sich gegen die Anträge der Oppo- sllion, deren Annahme nach seiner Ansicht einen finanziellen Ausfall von vielen hundert Millionen herbeiführen würde. Abg. Dr. Hertz(Soz.): Wenn man sich die Tätigkeit der Regierung in den letzten Mo- naten ansieht, so kann man zu keinem anderen Schluß kommen, als daß sie bei den Entscheidungen über die Lohnsteuer eine sehr un- glückliche stand gehabt hat. Trotzdem zwischen den Beschlüssen beim Ueberleitungsgesetz und den Beratungen im Ausschuß 6 Wochen Zeit waren, mußten doch jetzt wieder die Beschlüsse des Ausschusses preis- gegeben werden. Wie sich der Antrag der Regierungsparteien auf die großen und kleineren Betriebe auswirken wird, ist noch Zweifel- hast. Aber dieses System der festen Abzüge und der prozentualen Berechnungen ist für die Beteiligten so undurchdringlich, daß nur ein kleiner Teil der Lohnsteuerpflichtigen die Möglichkeit zur Nachprüfung haben wird. Damit ist aber auch das Urteil über das System dieses Antrags gefällt. Da- mit kann niemals das Vertrauen hergestellt werden, ohne da» die Lohnsteuer nicht aufrechterhalten werden kann. Gerade wer die Lohnsteuer als einen Fortschritt in der Steuergesetzgebung ansteht, der mutz es bedauern, daß die Regierung noch nicht ein System gefunden hat, das die bisherigen Schäden beseitigt. Neben der Un- Übersichtlichkeit des Systems, das durch den Antrag der Regierungs- Parteien geschaffen werden soll, bringt es gerade für solche kreise Derschlechlerungcn. die sozial besonder» schuhbedürftig find. Das trifft zu auf die mittleren Gruppen. Wie können Sie es ver- antworten, gerade den Angestellten und gewerblichen Arbeitern, die unter den augenblicklichen starken Steigerungen der Lebenshaltung»- tosten so zu leiden haben, noch größere Lasten aufzuerlegen, während sie für alle übrigen Gruppen die Steuerlasten verringern? Mein« Freunde werden nicht für diesen Antrag stimmen, sondern müssen Ihnen die Verantwortung dafür überlassen. Der Staatssekretär Popitz Hot Berech- nun gen über den Ausfall angestellt, die nicht zutreffen. Angesichts des starken Widerstande? gegen die Erhöhung des Existenz- Minimums werden wir uns vorläufig damit begnügen, die festen Ermäßigungen für Ehefrau und Kinder heraufzusetzen. Nun hat Herr Popitz berechnet, daß durch unseren Antrag ein Ausfall von 700 Millionen entstehen würde. Räch meinen Lerechuuugen würde nur ein Aussall entstehen, der unter 309 Million«» zurückbleibt. (Hört, hört! bei den Soz.) Aber was bedeuten denn überhaupt solche Ausfallsberechnungen? Beim lleberlellungsgefeh wurde un» ein Ausfall von 500 Millionen vorgerechnet, lalfächlich ist nur die HAst« des Ausfall» eingetreten.(Hört, hört! bei den Soz.) Ihre Ausfallsberechnungen sind noch niemals richtig gewesen und darauf gründe ich meinen Borwurf der Kurzstchtigkejt, den ich gegen die Regierung richte. Sie wollen wiederum eine Regelung schaffen, die nur für mehrere Wochen gilt, vollständig außer acht gelassen ist die L o h n e n t w i ck l u n g, die nach vorwärts geht, die nach einem Zentrumsantrag zu begrenzenden Einnahmen aus der Lohnsteuer auf 1200 Millionen Mark und die wieder zu erwartenden höheren Einnahmen. Die von der Regierung angeführten Argumente lassen stch nur durchführen in dem Rahmen des System», das unser An- �rag vorschlägt. E» mutz vor allem vermieden werden, daß das Existenzminimum um so höher wird, je höher das Einkommen ist. In allem Ernst erklären wir der Regierung: die Lohnsteuer läßt sich nur verteidigen, wenn ein einfache», klares System geschaffen wird mit festen Abzügen. Unser Eventualantrag bewegt sich hart an der Grenze des Erträglichen, er nimmt die weitest» gehende Rücksicht auf die Reichsfinanzen. Aber innerhalb dieser Grenzen ist er nach jeder Richtung vertretbar, es läßt sich kein fach- llcher Einwand gegen ihn erheben. Wenn Sie nicht wollen, daß bei den Lohnsteuerpflichtigen ein Gefühl der Bitterkeit zurückbleibt, so müssen Sie dem Antrag meiner Fraktion zustimmen.(Lebhafter Beifall bei den Soz.) Abg. Reubauer(Komm, weist darauf hin, daß die allge» meine Erhöhung der Löhne und Gehälter, die wegen der einsetzenden Teuerung in nächster Zeit erfolgen müsse, den Er- trag der Lohnsteuer wesentlich erhöhen werde, so daß eine ent- sprechende Erhöhung des steuerfreien Existenzminimums unbedingt geboten sei. Abg. Schneider(Dem.) wendet sich gegen die Ausführungen de» Staatssekretär» Popitz und betont, es sei ganz unmöglich, die finanzielle Wirkung des plötzlich eingebrachten Kompromißantrages Scnau zu berechnen. Nach dem vorliegenden Text des Antrags abe er eine ganz uosozlale Wirkung. Staatssekretär Popitz hält die Auslegung de» Antrag» durch den Abg. Schneider für unzutreffend. Sine andere Formulierung werde später erfolgen.(Große Unruh« und Protestrufe links.) Abg. Dr. Hertz(Soz.): Es ist bezeichnend für die Steuer- politik der Regierung und der Regierungsparteien, daß fle kurzvorder Abstimmung noch nicht einmal eine klare Formulierung ihrer Anträge gefunden haben. Damit schließt die Aussprache über diesen Abschnitt. Präsident Löbe teilt mit, daß soeben von den Regierung». Parteien ein handschriftlicher Antrag eingegangen sei. der-ine andere Formulierung des Kompromißaalrages zum§ 70 vorsteht. Danach bleiben für die E h e ft a u und für j e d e s m i n d« r- jährige Kind je 10 Proz. de» Arbeitslohnes, der über das Existenzminimum hinausgeht, vom Steuerabzug frei. Es bleiben st e u e r f r e i für die Eheftau 120 M., für das erste Kind ISO M.. für das zweite Kind 240 M.. für dos dritte Kind 480 M.. für das vierte und jedes folgende Kind je 600 M. jährlich, wenn der nach Ziffer 1—5 insgesamt steuerfrei bleibende Betrag höher ist als der nach Ziffer 1 insgesamt steuerfrei bleibende Betrag. Die Abgg. Dr. Hertz(Soz.) und Reubauer(komm.) er- klären, es sei g a n, u n m ö g l i ch. den Sinn diese»«m lehkeu Augen- blick eingebrachten Antrag» im Moment zu verstehen, die«bstlm- mung müsse zurückgestellt und eine neueAussprache dar- über zugelassen werden. Aus Vorschlag des Präsidenlen Löbe wird die Abstimmung über die ßss 52„od 70 zurückgestellt, bis der neue An- traa der Regierungsparteien gedruckt vorliegt. Beim§ 50 werden die Anträge der Opposition ab- gelehnt und der Antrag der Regierungsparteien wird ange- nommen. Die§§ 51 und 53 werden nach der Ausschußoorlage an- genommen. § 54 setzt nach der Au»s chu ß v o rl a g« für die Ein- kommen st euer folgenden Tarif fest: Bei 3000 M. Einkommen 10 Proz., für die weiteren ange- fangenen oder vollen 4000 M. Einkommen 12'/b Proz., für die weiteren 4000 M. 25 Proz., die weiteren 4000 M. 20 Proz., die weiteren 8000 M. 25 Proz., die weiteren 18 000 M. 30 Proz., die weiteren 34 000 M. 35 Proz. und für die weiteren Beträge des Ein- kommens 40 Proz. Abg. CggerstSdt(Soz.) stellt fest, daß in bei wichtigsten anderen Staaten die hohen Einkommen schärfer, die unteren Einkommen dagegen niedriger be- steuert werden als in Deutschland. Die Regierung der Rechts- Parteien geht den bequemen Weg, alles den breiten Massen aufzubürden. Der sozialdemokratische Antrag will die niedrigen Einkommen und die kinderreichen Famllien schonen, dafür aber die großen Einkommen schärfer heranziehen. Die Sozialdemokratie bewegt sich mit ihren Forderungen zum Tarif durchaus in den Grenzen des wirtschaftlich Erträglichen und Durch- führbaren. Nach weiteren Ausführungen des Abg. Weber(Komm.) wird 8 54 unter Ablehnung der Aenderungsanträgc in der Ausschußfassung angenommen. Die weiteren Paragraphen bis§ 60 werden unter Ablehnung der Aenderungsanträge der Opposition in der Ausschußfassung an- genommen. 8 61 bestimmt, daß zur Abgabe einer Steuererklärung verpslichlel sind Steuerpflichtige, deren Einkommen im Steuerabschnitt den Be- trag von 8000 M. überstiegen hat, ferner alle Steuerpflichtigen, deren Gewinn aus ihren Büchern zu ermitteln ist, und diejenigen, die dazu vom Finanzamt besonders aufgefordert werden. Abg. Reubaoer(Komm.) begründet einen Antrag auf Offen- legung der Steuerlifte. Die Regierung begünstige geradezu die Steuersabotage, die besonders von den Agrariern getrieben wird. Der Redner verweist auf das Rundschreiben eine» o st preußischen Landwirtschaftsverbandes, in dem darüber geklagt wird, daß bereits 50 Proz. der Mikglicder die Steuern bezahlt Höllen. Die übrigen Mitglieder sollten Stundung»- gesuche einreichen. Als der Redner in diesem Zusammenhang wieder- holt von Steuerdrückebergern spricht, erklärt Dizepräsident Graes: Ich nehme an, daß Sie damit kein Mit- glted des Hauses meinen. Sie sollten aber Ihre Handbewe- g u n g e n so einrichten, daß es nicht diesen Anschein erweckt.(Großes Gelächter bei den Komm., Rufe: Schreiben Sie doch in der Ee- schäftsordnung die Handbewcgungen vor). Abg. Dr. Hertz(Soz.): Dieser Antrag ist hier nicht eilig. Wir müssen diese Frage bei der Kapitalverkchrssteuer allgemein regeln, wir werden deshalb jetzt dem Antrag unsere Stimme nicht geben. Die 8§ 61— 64 werden unverändert angenommen. Der bean- tragte 8 64a wird abgelehnt. Es folgt die Beratung der§§ 69—80, die die näheren Bestimmungen über die Lohnsteuer enthalten. Abg. Frau Araiag(Soz.) begründet einen sozialdemokratischen Antrag zu 8 73. wonach Heimarbeiter, bei denen der Lohn erfahrungsgemäß hinter den in 8 70 Abs. 1 und 2 festgesetzten Löhnen zurückbleibt, vom Steuerabzug freizulassen sind. Wenn die Regierung die Berliner Heimarbeitsausstellung besucht hätte, dann würde sie nicht den Heim- arbeitern eine so große Belastung zugemutet haben. In ganz un- gerechtfertigter Weise werden den Aermsten diese Steuern abge- nommen.(Bravo! bei den Soz.) Abg. Dr. Hertz(Soz.) fragt, welche Antwort die Regierung auf diese Darlegungen geben wolle. Ein Regierungsverlreler erklärt dazu, daß auf Vermutungen hin das System nicht durchbrochen werden dürfe. Abg. Dr. Hertz(Soz.): C« gibt große Notstandsgebiete, wo der Lohn der Heim- arbeiter weit unter dem Existenzminimum de« Lohnsteuergesetzes liegt. Jedes Finanzamt, jede Organisation, jede Handelskammer kann Auskunft darüber geben, in welchen Fällen keine Lohnsteuerpflicht besteht. Und in solchen Fällen, wo der Lohn 200, 300 bis 500 M. im Jahre beträgt, soll unser Antrag Abhilfe schaffen. Wir wollen die armen Leute im Vogtlande, i in E r z g e b i r g e, i n T h ü r i n g e n, die sich für wenige Groschen abquälen, von der Steuerpflicht befreien. Die Ver- Weisung auf die Rückerstattung der gezahlten Steuern beweist nur, daß von diesen armen Leuten zu Unrecht Steuern erhoben werden. (Bravo! bei den Soz.) Abg. höllcln(Komm.) unterstützt den sozialdemokratischen Antrag. Abg. Frau TZehm(Dnat.): Die Heimarbeiter seien in der Mehr- zahl schon steuerfrei, zum Teil würden aber höher« Löhne gezahlt und diese Leute mühten Steuern zahlen, sie müß- ten stolz darauf sein, Steuern zu zahlen.(Stur- Mischer Widerspruch links.) Staatssekretär Popitz: Die Schwierigkeit einer allgemeinen Regelung der Frag« besteht bei denen, die nicht das ganze Jahr hindurch arbeiten. In der vor- liegenden Form biete der sozialdemokratische Antrag keine Handhabe zur gesetzlichen Regelung. Das Reichssinanzministerium werde in den betreffenden Gegenden eine Enquete veranstalten, um die Lohn- und Umsatzsteucrverhältnisse festzustellen. Die Besteuerung der Heimarbeiter solle dann so gestaltet werden, wie es den Verhältnissen angemessen sei. Vielleicht werde sich bis zur Z. Lesung eine zweckmäßige Lösung finden lassen. Angesichts dieser Erklärung der Regieruno und der Tatsache. daß auch die Regierungsparteien dem-Grundgedanken des sozialdemokratischen Antrags zustimmen, zog Abg. Dr. Hertz (Soz.) diesen bis zur 3. Lesung wieder zurück. Nach Ablehnung dm weiteren Aenderungsanträge werden die ZZ 68— 80 in der Ausschußfassung angenommen. Inzwischen ist der neue»ompromißanlrag zur Lohn- steuer eingegangen. Der neuere Antrag sieht durch eine genauere Fonnulierung ausdrücklich vor. daß die Mindestsätze für Ehe- sraa und Kinder gellen, wenn sie zusammen einen höheren steuerfreien Betrag ergeben, als bei dem prozentualen Abzug. Dieser Antrag findet Annahme. Der Einkommen st euerparagraph wird dann in der Fassung des Ausschusses und der Regierungsparteien unter Ableh- nung aller Anträge der Opposition angenommen. Ein sozialdemokratischer Antrag, der bei der Lohn- steuer die steuerfreien Abzüge für die Ehefrau und die Kinder gegenüber der Ausschußfassung und den Sompromißanirägen erhöhen will, wird in nzmeutlichcr Abstimmung mit 229 gegen 183 Stimmen a b g el e h n l. Annahme findet auch hier die K o m p r o m i ß f a s s u n g. die u. a. für die Eheftau und das erste Kind 120 Mark jährlich steuerfrei lassen will, für die folgenden Kinder erhöht sich dieser Freibetrog. Abg. Schreck(Soz.) wendet sich bei Besprechung des 8 bl, der die Art der Festsetzung der Kirchensteuern regelt, gegen hierzu vor- liegende Anträge der Kompromißparteien, die den Reichsfinanz- minister ermächtigen wollen, Pauschbeträge für die Kirchensteuern gstzusetzen, weim die Landesregierungen dies nicht rechtzeitig tun. er Redner setzt sich für einen sozialdemokratischen Antrag ein. der diesen.Kirchen st euerparographen" st reichen will. Abg. Vierath(Komm.) begründet einen nach gleicher Richtung zielenden Antrag. krach. Unter großer Unruhe des Hauses macht Abg. Vierath(Komm.) beleidigende Ausführungen gegen die Kirche. Vizepräsident Graes bittet ihn wiederholt, doch Rücksicht auf dl« Gefühle eines großen Teiles des Hauses zu nehmen. Die Erregung erreicht ihren Gipfel- punkt, als der Redner behauptet, die K I r ch e verdiene um so weniger die Unterstützung des Reiches, als sich gerade unter ihren An- hängern im Rheinlande zahlreiche Separatisten befunden hätten. Abg. Esser(Z.) springt erregt auf und rust dem Redner zu: Unverschämter Lügner! Von den Kommunisten werden erregte Gegenäußerungen getan. Die Mitglieder der Zentrums. Partei geraten in immer größere Erregung, als die Behauptung, daß Anhänger der Kirche im Rheinlande sich führend am Separatis- mus beteiligt hätten, von den Kommunisten aufrechterhalten wird. Beschimpfungen fliegen herüber und hinüber. Vizepräsident Graes ist es unmöglich. Herr des ungeheuren Lärms zu werden. Als Abg. Esser(Z.) den Kommunisten zuruft: Herr Höllein, halten Sie Ihre Bande in Ordnung, stürzt der kommu- nistische Abg. Jadasch auf den Abg. Esser zu. Der demokratische Abg. Dr. Haas, der seinen Platz an dem Sektorgang . hat, versucht den vorstürzenden Abg. Jadasch aufzuhallen, wird von diesem aber zur Seite geworfen. Mehr Erfolg hat Abg. ßorell(Dem.), dem es gelingt, den Abg. Jadasch festzuhalten. In- zwischen sind auch die kommunistischen Abgg. Höllein und Neubauer in bedrohlicher Weise in die Nähe des Platzes des Abg. Esser ge- kommen. Abg. Esser selbst hat sich etwas in den Hintergrund des Saales zurückgezogen. Bevor es zu weiteren Ausschreitungen kommen kann, gelingt es dem Bizepräsideitten Graes mit seiner Glocke und Stinune, den Lärm sowell zu übertönen, daß er dem Hause mitteilen kann, er würde die Sitzung aus eine Viertelstunde unterbrechen, um mit dem Aeltestenrat darüber zu beraten, welche Konsequenzen sich au» diesem vorsall ergäben. Um 9 Uhr 10 Minuten eröffnet Vizepräsident Graes wiederum die Sitzung. Er teill mit, daß sich der Aellestenrat mll den Vor» gängen am Schluß der vorigen Sitzung beschäftigt habe. In lieber- einstimmung mit dem Aellestenrat müsse er den Abg. Jadasch. der einen tätlichen Angriff gegen ein Mitglied dieses Hauses versucht habe(Widerspruch bei den Komm.) und der an der Vollführung nur dadurch verhindert worden sei, daß ander« Abgeordnete sich da» zwischengeworfen hätten, für die Dauer dieser Sitzung ausschließen.(Lärm b. d. Komm.). Der Vizepräsident stellt fest, daß Jadasch nicht mehr im Saale ist und erklärt die Angelegen» heit dadurch für erledigt.(Große Unruhe bei den Komm, und Zu- rufe: Und was geschieht mit Esser?) Ich habe keine Veranlasiung, gegen den Abg. Esser einzuschreiten, der provoziert worden ist. (Tobender Lärm bei den Komm� der Abg. Koenen ruft dem Zentrum zu: Organisierte Räuberbande! und wird da- für zur Ordnung gerufen, ebenso ein anderer kommunistischer Ab- geordneter, der diesen Zuruf wiederhalt. Esentstehtminuten- l a n g e r L ä r m. Die Kommunisten rufen im Chor: Esser zur Ordnung!) Viezepräsident Graes teilt weitere Ordnungsrufe aus und droht mit einer neuen Unterbrechung der Sitzung. Als etwas Ruhe entstanden ist. will der Präsident die Beratungen fortsetzen lassen. Da verlaugt der Abg. v l e r a t h (komm.) das Wort.(Stürmischer Widerspruch bei den Rechts- Parteien.) Vizepräsident Graes erklärt, daß nach seiner Anjicht Vierath seine Rede beendet habe(Tobeoder Widerspruch bei den komm.) Die Komnurnisten rufen dem Präsidenten: Schieber! zu. Vizepräsident Graes richtet die Frage an dos Haus, ob es den Abg. Vierath weiter hören wolle. Von den Regierung»- Parteien erschallt ein einmütiges Rein als Antwort. Die Kommunisten brechen in wildes Geschrei aus. Sie leisten der Aufsorderung des Präsidenten, sich auf ihr« Plätze zu begeben, keine Folge und werden mehrfach zur Ordnung gerufen. Der Tumult wächst immer mehr an. so daß der Vizepräsident schließlich wiederum die Sitzung unterbricht, und zwar aus zehn Minuten. Nach Wiedereröf.fnung der Sitzung, nach?Lic> Uhr. erklärt Vizepräsident Graes, er habe vor der Unterbrechung dem Abg. Vierath(Komm.) das Wort nicht erteill, weil er annahm, dieser habe in der vorhergehenden Sitzung seine Rede beendet. Er, der Vizepräsident, habe sich inzwischen davon überzeugt, daß da» nicht der Fall war. Abg. Vieralh könne also seine Rede fortsetzen. (Gelächter bei den Koin'm.) Als Abg. vierath(Komm.) das Wort nimmt, verlassen die Mit- glieder des Zentrums den Saal. Abg. Vierath erklärt, er habe in seinen Ausführungen nicht die Religion herabgesetzt, sondern ledig- lich die Auswüchse des Pfaffentums gegeißell.(Vizepräsident Graes rust den Redner wegen des Ausdruckes„Psassentum" zur Ordnung.) Abg. Dierath kündigt an, daß seine Freunde die Beschlüsse der Reichstagsmehrheit mit einer regen Propaganda für den Kirchen- «istritt beantworten würden. Der kommunistische Antrag auf Streichung des Kirchen. ftruerparographen wird abgelehnt, der Kompromiß. antrag der Regierungsparteien angenommen. (Schluß des Berichts Im Hauptblatt.) * Der Reichstagsabgeordnete Reumann» Ostpreußen(Z.) erlitt im Reichstage infolge der Anstrengungen der letzten Tage einen Schwächeanfall, so daß er in» Kronkenhaus gebracht werden mußte. »« * Die neue Lohnsteuerregelung. In den Steuerkämpfen der letzten Monate hat die Sozial- demokratie vor allem das Ziel oerfolgt, denLohnsteuerpflich- t i g e n die dringend gebotene E n t l a st u n g zu oerschaffen. Bei dem bisherigen System der prozentualen Bemessung der steuerfreien Beträge war« die Wirkung der sozialdemokratischen Anträge auf Schonung der Lohn- und Gchaltseinkommen die gewesen, daß die Enllastung um so größer geworden wäre, je höher das GeHall ist. Den Hauptanteil von den Schonungsanträgen der Sozialdemokratie hätten also nicht die Arbeller und niederen Beamten, sondern die Beamten mit 8000 Mark hohen Jahreseinkommen und mehr gehabt. Hier erreichte bei großer Kinderzahl der steuerfreie Betrag eine Höhe, die das gesamte Arbeitereinkommen um ein Biclfaches übertraf. Die sozialdemokratische Forderung ging deshalb dahin, den steuerfreien Einkommensteil wieder, wie in früheren Jahren, nach festen Sätzen zu bemessen, so daß er beim hohen Gehaltseinkommen nicht größer ist, wie bei einem kleinen Lohneinkommen. Natürllch war dabei vorausgesetzt, daß der feste Satz des steuerfreien Einkommenteils für alle Lohnsteuerpflichtigen ausreichend hoch bemessen werde. Nach langem Ringen im Steuerausschuß des Reichstags ließen sich Regierung und Regierungsparteien dazu herbei, wieder feste Sätze zu genehmigen. Aber sie legten sich auf so niedrige Sätze fest, daß verheiratete Steuerpflichtige mtt zwei Kindern z. B. schon bei Einkommen unter 3000 Mark schwerer belastet wurden, als nach dem System der prozentualen Freigrenze. Bei größerer Kinderzahl ergab sich bei Einkommen dieser Höhe sogar eine ganz bedeutende Mehrbelastung. Gegen dies« Gestallung erhob die Sozialdemokratie sofort schärfsten Widerspruch. Zunächst vergebens. Als aber auch die bürgerliche Presse, die Gewerkschaften und der Bund der Kinder- reichen heftige Kritik an der neuen Regelung übten, sahen sich Re- gierung und Regierungsparteien veranlaßt, ein wenig einzulenken. Statt jedoch dem einfachen sozialdemokratischen Antrag auf aus- reichende feste Sätze zuzustimmen, klügelten sie ein neues tom- liziertes S y st e m aus. Sie schufen ein Doppelsystem von prozentualen und festen Sätzen mit der Bestimmung, daß dem ein- zelnen Steuerpflichtigen jeweils die für ihn günstigeren Sätze zugute kommen sollen. Die Betriebe, die den Steuerabzug durchzuführen haben, werden von dieser Erschwerung ihrer Arbeit nicht sehr er- baut sein. Wie sieht nun diese Gestaltung aus? Vom Arbeitslohn sollen frei bleiben 600 Mark jährlich als steuerfreier Lohn- betrag(zerlegt in Monats- und Wochenquoten). Dazu kommen 180 Mark Wsrbungskosten, ferner 180 Mark für Sonderleistungen (Berficherungsbeiträge) usw. Zusammen also für den u n» verheirateten Steuerpflichtigen 960 Mark. Bei v er hei- rateten Lohnsteuerpflichtigen sollen weiter hinzutreten für die Ehe- frau und jedes minderjährige Kind 10 Proz. des über den Betrag von 960 Mark hinausgehenden Einkommens, jedoch mindestens für die Ehefrau 120 Mark, für da« erste Kind 120 Mark, für das zweite Kind 240 Mark, für das dritte Kind 480 Mark, für das vierte und jedes folgende Kind je 600 Mark. Mit Rücksicht auf die geringe Kaufkraft des Geldes und die in- folge der Zollpolitik in Aussicht stehende weitere Preissteigerung sind diese Sätze völlig ungenügend. Die Reichsregierung und ihre Parteien hätten sich ihr kompliziertes System ersparen können, wenn sie den folgenden von der S o z i a l de m o k r a t I e anfragten Sätzen zugestimmt hätten: . Steuerfreier Lohnbetrag 840 Mark, für Werbungskosten 180 Mark, für Sonderleistungen 180 Mark, für die Ehefrau 360 Mark, für das erste und zweite Kind 360 Mark, für das dritte und vierte Kind 480 Mark, für das fünfte und jedes folgende Kind je 600 Mark. Die Schonung, die mit diesem Antrag die Lohnsteuerpflichtigen erfahren hätten, reicht bei weitem nicht heran an die Entlastung, die dem großen Besitz durch die neue Steuergesetzgebung gewährt wird. Trotzdem stimmte die Rcchtsmehrheit den sozialdemokratischen Antrag nieder. Auch die sogenannten Arbelkervertreter tm Zentrum und bei den Deutschnationalen lehnten wieder einmal den Schuh der Arbeiter. Angestellten und Beamten abt Ein dement! öes Lanübunöministers. Zur Frage der Oelzölle. Zu dem am Mittwoch abend im„Vorwärts' veröffentlichten Bericht über die Sitzung des Handelspolitischen Ausschusses de» Reichstages über die Zollfragen teilt das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft folgendes mtt: „Es ist unrichtig, daß der Reichswirtschaftsrat mit den Oelzöllen nicht beschäftigt worden ist, daß vielmehr diese Zölle erst eingeführt worden seien, nachdem die Borlage den Reickswirlschastsrat bereits passiert habe. Richtig ist. daß die Vorlage so, wie sie dem Reichsrat vorgelegt worden ist, also mit den Oelzöllen, dem Reichswirtschaftsrat zur Begutachtung vorgelegen hat, und daß dieser nach Anhörung alle? in Frage kommenden Jnteresientengruppen, also auch der Verbraucher- interesscnten, die Vorschläge der Regierung bewilligt hat. Diese Regierung-oorschläge sehen nur für Oele in anderen Behältnissen als in Fässern oder Tankwagen die Wieder- einführung der Vorkriegszölle in Höhe von 20 M. vor. Diese Zollsätze, die für die M a s s e n e i n f u h r von Oelen nicht in Frage kommen, sind im Kompromiß der Regierungsparteien entgegen anders lautenden Nachrichten nicht herabgesetzt und vom Handelspolitischen Slusschuß angenommen worden. Die Zölle für die übrigen fetten Oele. soweit sie für die Masseneinfuhr in Frage kommen, sind in der Regierungs- vorläge, die, wie gesagt, vom Reichswirtschaftsrat gebilligt worden isih gegenüber der Vorkriegszeit wesentlich herabgesetzt worden. Während die Zölle in der Vorkriegszeit, abgesehen von rein technischen Oelen, durchschnittlich 10— 12 M. betrugen, sind sie in der Regierungsvorlage auf ein Drittel, d. h. auf 4 M., festgesetzt worden. Der Handelspoli'ische Ausschuß des Reichstages hat den Zollsatz für eine einzige Unterposition, nämlich für Bucheckernöl, Erdnußöl usw. auf 2 M. ermäßigt. Die Regierungsvorlagen find auf Grund von eingehenden Besprechungen mit allen Interessenten zur Borbereitung des neuen Zolltarifs aufgestellt worden. Da diese Besprechungen mll den Interessenten kein abschließendes Bild ergeben haben, find dem Reichswirtschaftsrat von der Reichsregierung die Vertreter sämtlicher Jnterefsentengruppen. insbesondere auch der freien Margarine-Jndustrie. zur nochmaligen Anhörung als Sachverständige benannt worden. Der Reichswirtschaftsrat hat die benannten Sachverständigen auch vernommen.' Dieses Dementi wendet sich gegen unwesentlicheEinzel» Helten, die gestern im Handelspolitischen Ausschuß zur Au»- spräche gebracht wurden. Tatsache ist, daß die für den Massen- verbrauch benötigten Oele in der Regierungsvorlage mit 4 M. Z o l l je Doppelzentner belastet werden sollten, daß da» selbst den hochschutzzöllnerisch eingestellten Regierung s- Parteien zu viel war und daß ste deshalb den Zoll auf die Hälfte herabgesetzt haben. Die Regierung hatte sich mit der Auf- stellung eines Zollsatzes von 4 M. lediglich den Interessen der Oelmühlenindustrie unterworfen und die Margarineindustrie, die brette Dolksmassen mit Fetten oersorgt, sowie die Margarine selbst auf das schwerste belasten wollen. Dieser ganze Dorgang ist nur ein neuer Beweis für die Oberflächlichkeit— um nicht zu sagen Leichtfertigkett, mtt der die Reichsregierung über die V e r- teuerung des wichtig ften Lebensbedarf» der breiten Massen verfügte und sich um die Wünsche des Volkes überhaupt nicht kümmerte. Ihr Hochschutzzolleifer ging soweit, daß sie mtt dem vorgeschlagenen Oelzrll die ausländische Margarine- industrie begünstigte. Dieses Wesentliche der Feststellungen die gestern im Handelspolttischen Ausschuß gemacht worden sind, wird durch das vorliegende Dementi gar nicht berührt. Wirtschaft Krsöitkrise tmö Nekchsbankpolltik. Wenn es dos Ziel der Reichsbank als zentrale Kredit- b a n t ist. die Derhältnisse des Geld- und Kapttalmarktes im Sinne der Gesundung zu regulleren, so erweckt die Rede des Reichsbankpräsideyten Dr. Schacht, die wir auszugsweise wiedergegeben haben, den Eindruck, daß sich die Polttik der Reichsbank neuerdings eher von diesem Ziele entfernt, als daß sie sich ihm nähert. Man muß erstaunt sein, nachdem von wirklichen Sach. kennern sowohl der Industrie als des Bankwesens seit langem zur Beschleunigung der'Umstellung und Reinigung der überorganisierten Wirtschaft einer Erhöhung des Diskonts das Wort ge- redet wird, m der Rede Dr. Schachts nur ein Plädoyer gegen die Herabsetzung des Reichsbankzinscs vorzufinden. Die Reichsbank scheint sich also auch unter Schachts Leitung dem Druck jener Industrie- und Bankkresse nicht entziehen zu können, dem die Reichsbank unter Häven st eins Leitung erlegen ist: die Kreditwünsche„der Wirtschaft' von den kredttpolttischen Nor- wendigteiten der Gesamtwirtschaft losgelöst zu betrachten und dar- über die zentrale Regulierung der Geld- und Kapitalmarktoerhältnisse im Volkswirtschaft lichen Sinne zu versäumen. Rur aus diesem Grunde scheint es uns erklärlich, daß die Rede Schachts die Möglichkeit der Erhöhung des Reichsbanksatzes auch nicht mit einem Worte berührt. So kommt es. daß die Rede des Reichsbankpräsidenten nicht jene Bedeutung haben kann, die sie in dem Augenblick der engen Verquickung wicischastlicher Krijenjorgen mit den Hojfnungen auf deren kreditpalitische Lösung haben müßte. Wenn die Industrie und der Handel bei allen Privatbanken für die benötigten Umschlags- kredite 3)4—9 Proz. über Reichsbanksatz bezahlen müssen, dann genügt es nicht, daß sich die Reichsbank mtt dem„mühsam errun- gencu Einfluß auf die Bildung der Zinssätze am ossenen Markt" begnügt und ihr die Verteuerung der Kredite durch allerlei Provisionen bis zum Doppelten des Reichsb'anldis- konts einfach Tabu ist. Es genügt auch nicht, daß sich die Reichs- dank darauf beschränkt, die Rationierung der Kredite zu verteidigen, die endgültige Preisbildung aus dem Geld- und Kapital- markt aber vollstän-dig den privaten Banken zu überlassen und die Hoffnung auszusprechen, daß diese von selbst alles zur Verbllligung der Sjleien und Unkosten tun möchten. Als ob die Banken nicht selbst in dem fehlerhasten Zirkel der Sanierungskrise gefangen wären, den eine überlegene Führung der Kreditpolitck der Reichs- bank gerade sprengen soll. Daß das Problem der heutigen Kreditnot absolut nicht in den ofsiziell notierten Zinssätzen des Marktes, sondern in den tatsächlich von der Wirtschaft zu zahlenden Kapital p r e i se n und in der unerträglich großen Spanne zwischen beiden liegt, das wird auch die Leitung der Reichsbank nicht bestreiten wollen. Dennoch sind auch diese Fragen mit keinem Worte in der Rede Dr. Schachts erwähnt. So muß es durchaus fraglich erscheinen, ob das vom Reichsbankprästdentcn selbst festgestellte allmähliche Anziehen der Zinssätze seit Ende April überhaupt dahin beurieill werden dars, daß die Lei- beHaltung des bisherigen Diskontsatzes von 9 Proz. und die weitere Rationierung der Kredite noch ausreichen, um die Kontrolle der Reichsbank über die Zinsbildung zu erhalten. Scheint es doch schon bei der Diskontherabsetzung aus 9 Proz. vom 1. Februar so gewesen zu sein, daß die Reichsbank damals durch- aus nicht mehr ganz Herrin ihm Entschlüsse war, nachdem die frühe Ankündigung der Herabsetzung im Dezember die Banken dazu veranlaßt hatte, daraufhin im Januar sehr große Engagements zu niedrigeren Bedingungen einzugehen. Die Gefahr ist iniolgedei'en durchaus nicht von der Hand zu weisen, daß in der heutigen bloßen Abwehr neuer Kredttfordcrungen und der Diskont e r m ä ß i- g u n g der möglicherweise bereits am 1. Februar begangene Fehler verstärkt wird. Ueberhaupt dürfte es an der Zeit sein auszusprechen, daß die Reichsbank die deutsche Oessentlichleit nicht nur über die Stabilität der Währung zu beruhigen hat, sondern auch darüber, daß der Reichsbant die Stabilisierung und Sanierung der Krediwerhällmsse gelingen wird. Es ist nicht genug, das A und O aller Reiths« bankpolttik in der Stabilerhaltung der Währung zu erblicken und die Kreditpolitik wesentlich währungs-, statt auch wirtschasts- polttisch zu führen. Wir zitieren mir die Gedankenführung Dr. Schachts in einer feiner kürzlichen Reden, wenn wir die Stabil- erhallung der Währung durch Gold- und Devifenpolitik und durch einfache Kredttdrosselung als kein großes Kunststück bezeichnen. Wir hallen es an der Zeit, daß die Reichsbank beweisen muß, nicht nur daß sie die schweren Kreditprobleme der heutigen Samerungskrise lösen will, daran zweifell kein Mensch, sondern vor allem, daß sie sie auch lösen kann tlnd schließlich torsächlich löst. Wie die Dinge heute liegen, kann die Wirtschall, können insbesondere die Privatbanken den gordischen Knoten der bisher fehlzeleitetim Wirtschaftssanierung nicht selbst lösen. Das vermag nur die Reichs- bank, die über ihre Notenausggbepolttik die gewährten Kredit- mengen und über ihre Diskonlpolitik die von der Wirtschaft ge- zahllen Kredttp reife regulieren kann. Zölle unö häntemarkt. Es wird im« geschrieben: Di« j) ä u t e a u t t i o n e n haben in den letzten Wochen wesentlich höhere Preise als im Monat Juni ergeben. Für viele Sorten von Fellen ist aus den verschiedensten Gründen«ine Preissteigerung von 15 bis 20 Proz. zu verzeichnen. Vor allen Dingen spielt das Anziehen der Viehpreise insoloe des Zolles eine gioße Rolle. Es ist ganz selbswer- ständltty, daß die erhöhten Preise aus Felle zurückwirken, die seit einiger Zeit für Dieh gezahlt werden. Man darf aber nicht übersehen, welche Rolle die Spekulation bci der Steigerung der Häutepreise spielt. Dafür liefert die letzte Haute- anktion in Frankfurt a. M. ein treffendes Beispiel. In Frankftirt brachten Schaffelle zum Tel! 8 bis 10 Proz. höher« Prelle, als im Monat Juni. Kalbfelle erzielten ebcnsalls höhere Preise oder hielten sich mindestens auf dem Stand vom vorigen Monat. Auch die mlttelschweren und schweren Häute erzielten ganz gute Ergebnisse. Diese Ergebnisse genügten aber der Auktionsleitung nicht. Sie erklärte, daß in Karlsruhe. Leipzig und Kassel bedeutend höhere Preise gezahlt worden sind, die auch in Frankfurt erreicht werden müsien. Da die Käufer die oerlangten Preise nickt boten, wurden die Lose fortwährend zurückgezogen. Auf Grund erregter Auseinandersetzungen mußte«ine Pause eingelegt werden, in der der Zwischenfall besprochen wurde. Aber auch nach der Aussprache war keine Einigung festzustellen. Als die Auktion wieder eröffnet wurde, erklärte die Auktiansleitung, daß es besser wäre, die Auktion auf 14 Tage zu oerschieben. Bis dahin glaubt man scheinbar, die verlangten Preis« erzielen zu können. Gibt es eigentlich keine Maßnahmen gegen dieses Treiben? Zollunion zwischen Frankreich. Belgien vnd Luxemburg? Zwilchen den genannten drei Staaten sind, wie.Tie Textil-Weäie' mitteilt, Verhandlungen eingeleitet worden, welche die Schaffung einer Zollunion zum Ziel haben. Ter jetzt zwischen Frankreich und Belgien bestehende provisorische Vertrag ist als Vorläufer dieser Zollunion anzusehen. Niedergang der polnischen Illährnng? tu der gestrigen Berliner Börse war ein auffallender Rückgang der polnischen Lädrungö- einbeit. de? Zloty, zu verzeichnen, dessen Goldwert dem des Goldiranken(1 Zloty 80 Pfg.) angepaßt ist. Gegenüber der vorgestrigen Berliner Notierung von 77,25 M. für 100 Zloty wurden gestern nur 69 Mark notiert. Als Grund dafür werden die sinanzvotttiichen Maßnahmen der polnii'chen Regierung angegeben. Noch drastiicher nimmt sich der Kurssturz aus, wenn man den Zloty mit dem Dollar vergleicht, die Parität liegt bei dem Kurs von 4.80 Zloty— 1 Dollar. An der gestrioen Börse wurden für den Dollar ö.7S, zeitweilig sogar 6.10 Zloty bezahlt. In der Golddeckung der polnischen Noten � und der Kursbewegung des Zloty an den fremden Börsen erscheint der Kursrückgang nicht begründet. Man wird dabcr abwarten müssen, inwieweit der Kurssturz auf die polnisch« Währung zurückwirkt. Vetter- Amerttakredike für veuftchiand. Wie wir hören, haben von der Deutschen GolddiS.'ontbank mit amerikanischen Banken Verbandlungen wegen der Dislonticrung von deutschen DreimonatSwechleln� stattgefunden, die bereits zu einem be- friedigenden Abschluß geführt haben.— Einer weiteren Meldung zufolge soll auch die RentenbatikeKreditanstalr einen Abschluß über die Aufnahme einer großen Anleihe in Amerika weitgehend vor- bereitet haben. Einzelheiten darüber fehlen noch.