Nr. 403 42. Jahrg. Ausgabe A nr. 206 Bezugspreis: Wöchentlich 70 Pfennig, monatlidi 8, Reichsmart voraus zahlbar. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig, Gaar- und Memelgebiet, Desterreich, Litauen, Luremburg 4,50 Reichsmart, für das übrige Ausland 5,50 Reichsmart pro Monat. Der Vorwärts" mit der Gonntags beilage Bolt und Reit" mit„ Gied lung und Kleingarten" fowie der Beilage Unterhaltung und Wissen und Frauenbeilage Frauenftimme erfcheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Telegramm- Adresse: .Sozialdemokrat Berlin Morgenausgabe Vorwärts Berliner Dolksblatt 10 Pfennig Anzeigenpreise: Die einfpaltige Nonpareille. Beile 80 Pfennig. Reklamezeile 5,- Reichsmart. Kleine Anzeigen" bas fettgedruďte Wort 25 Pfennig ( zulässig zwei fettgedruckte Worke), jedes weitere Wort 12 Pfennig. Stellengesuche das erfte Wort 15 Pfennig. iedes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über 15 Buch. staben zählen für zwei Worte. Familienanzeigen für Abonnenten Beile 40 Pfennig. Anzeigen für die nächste Nummer müffen bis 4 Uhr nachmittags im Sauptgeschäft, Berlin SW 68, Linden ftraße 3, abgegeben werden. Geöffnet Don 8% Uhr früh bis 5 Uhr nachm. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Redaktion Tönboff 292-295 Verlag: Dönhoff 2506-2507 Donnerstag, den 27. August 1925 Vorwärts- Verlag G.m.b. H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3 Bostschecktonto: Berlin 37 536 Banktonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Wallstr. 65; Diskonto- Gesellschaft, Depofitentasse Lindenstr. 3. Auf dem Wege zur Sicherheitskonferenz. Die französische Note- Einladung an Deutschland- Günstiger Eindruck in Berlin Deutschland- Günstiger die schwebenden Verhandlungen in liberalem Geifte und mit friedlichen Absichten fortzusetzen, nicht auf seine Rechte ver. zichten kann. Im übrigen wiederholt Frankreich zu seinem Teile die bereits von den Alliierten abgegebene Erklärung, daß sie die Absicht haben, sich gewissenhaft an ihre Verpflichtungen zu halten. Die neue Sicherheitsnote Briands ist verbunden mit einer| fie für den Eintritt eines Staates in den Völkerbund die auf| darf", so besagt das, daß Frankreich, so sehr es auch bereit ist, Einladung zu mündlichen Besprechungen. Ihr sachlicher In- richtige Absicht der Innehaltung seiner inter halt zeigt Fortschritte und Verbesserungen gegenüber der frühe- nationalen Verpflichtungen zur ersten Bedingung ren Note, die durch einen Kommentar der deutschen Regierung macht. als Fortschritte anerkannt werden. Sie bemüht sich, die Bedenfen zu zerstreuen, die von der deutschen Regierung in den drei Punkten: Berhältnis eines fünftigen Patts zu den bestehenden Verträgen, Frage der Schiedsverträge und der Garantierung, Frage des Eintritts in den Bölkerbund aufgeworfen worden waren. Die deutsche Regierung hat noch gestern abend ihre Antwort abgehen lassen. Sie nimmt die Einladung zu juristischen Borbesprechungen an. Das Stadium des Notenwechsels ist zu Ende und die Bahn zu mündlichen Verhandlungen ist frei. Die Verhandlungen über den Sicherheitspatt nähern sich damit jenem Stadium, das in den Berhandlungen über den Dames- Plan erreicht wurde, als die deutsche Regierung Marg Stresemann sich entschloß, zur Londoner Konferenz zu gehen. Die Darlegungen der Briand- Note haben die deutsche Regierung bewogen, den Eintritt Deutschlands in den Bölkerbund fester ins Auge zu faffen. Sie fnüpft den Eintritt Deutschlands in den Bölferbund nicht an Bedingungen, sie wünscht Zusicherungen der loyalen Handhabung des Artikels 16 von der französischen Regierung gegenüber den entwaffneten Mächten. Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund ist mit der Frage des Sicherheitspattes untrennbar verknüpft. Er entspricht dem Willen der großen Mehrheit des deutschen Bolkes. Für die Sozialdemokratie ist die Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland, die Herstellung eines gesicherten Friedens, der entscheidende Punkt der europäischen Politik. Bölkerbund und Eintritt Deutschlands in den Bölkerbund sind Wege zu einem gesicherten Frieden, die jedoch getrennt nicht zum Ziel führen. Die Sozialdemokratie begrüßt jeden Fortschritt auf diesem Wege, fie verlangt aber von der deutschen Regierung, daß fie in der Frage des Eintritts in den Bölkerbund Aktivität entwickelt. Die französische Note. Die dem Reichsaußenminister von dem französischen Botschafter am Montag überreichte Note lautet in der Ueberfegung wie folgt: Indem die Französische Regierung von der deutschen Note vom 20. Juli 1925 Kenntnis nimmt, stellt sie gern die Uebereinstimmung der Anschauungen zwischen den beiden Regierungen fest, die in gleicher Weise bestrebt sind, den Frieden Europas auf eine Verſtändigung gestützt zu sehen, die den Völkern ergänzende Sicherheitsgarantien verschafft. Die Französische Regierung fieht mit Genugtuung, daß die Deutsche Regierung nach aufmerksamer Prüfung der franzöfifchen Note vom 16. Juni ihrer Ueberzeugung Ausdrud gibt, daß eine Einigung möglich ist. In dem Wunsche, die Stunde der Einigung nicht hinauszu schieben, wird sich die Französische Regierung auf die Darlegung berjenigen Bemerkungen beschränken, zu denen sie in Ueberein stimmung mit ihren Alliierten durch die Brüfung der drei wesent lichen Bunkte der deutschen Note veranlaßt wird. Da diese Note sich zu gewissen in der französischen Antwort vom 16. Juni auf geworfenen Fragen nicht äußert, will sie anscheinend zu erkennen geben, daß die Deutsche Regierung insoweit feine grundsäglichen Bedenken hegt und sich nur die Erörterung von Einzelpunkten vor behält. 1. Mit Befriedigung hat die Französische Regierung festgestellt, daß die Deutsche Regierung nicht beabsichtigte, den Abschluß eines Sicherheitspattes von einer Aenderung der Bestimmungen des Friedensvertrages abhängig zu machen. Jedoch lenkt die Deutsche Regierung zweimal die Aufmerksam keit darauf, daß die Möglichkeit gegeben sei, die bestehenden Berträge auf dem Wege der Vereinbarung neuen Berhält. nissen anzupassen, wobei sie auch auf gewisse Bestimmungen der Bölkerbundsfagung hinweist. Ebenso bringt sie den Gedanten einer Aenderung des Ottupationsregimes in den Rheinlanden in Anregung. Frankreich ist sich bei seiner Achtung vor den internationalen Verpflichtungen der Bertragsbestimmungen, auf welche die deutsche Note anspielt, durchaus bewußt und hat nicht die Absicht, sich irgend einer Bestimmung der Völkerbundsjagung zu entziehen. Es erinnert aber daran, daß diese Sagung in erster Linie auf der gewissenhaften Achtung vor den Verträgen beruht, bie die Grundlage des öffentlichen Rechts Europas bilden, und daß 11.43 In Uebereinstimmung mit ihren Alliierten ist die Französische Regierung der Ansicht, daß weder der Friedensvertrag noch die Rechte, die nach diesem Berfrage Deutschland und den Alliierten zustehen, beeinträchtigt werden dürfen. Ebensowenig wie der Vertrag dürfen auch die Garantien für seine Durchführung oder die Bestimmungen, welche die Anwendung dieser Garantien regeln und in gewissen Fällen ihre Erleichterung vorsehen, durch die in Aussicht genommenen Abmachungen geändert werden. Wenn die Note vom 16. Juni hervorgehoben hat, daß der Sicherheitspakt„ weder die Bestimmungen des Vertrags über die Belegung des linken Rheinufers noch die Erfüllung der in dieser Hinsicht im Rheinlandabkommen festgesetzten Bedingungen berühren 2. Die Alliierten sind nach wie vor überzeugt, daß die 3 u gehörigkeit zum Bölkerbunde für Deutschland, nachdem es seinen Eintritt vollzogen hat, das sicherste Mittel sein würde, um seine Wünsche zur Geltung zu bringen, wie dies andere Staaten ihrerseits getan haben. Der Eintritt Deutschlands in den Bölkerbund ist die einzige dauerhafte Grundlage einer gegenseitigen Garantie und eines europäischen Abkommens. In der Tat fann ein Staat Borbehalte nicht von außen her wirksam zum Ausdruck bringen, da sie dadurch den Charakter von Bedingungen annehmen mürden. Erst innerhalb des Bundes fann er Generalaussperrung im Baugewerbe. Am Sonnabend sollen 600 000 Bauarbeiter entlassen werden. Heute finden im Reichsarbeitsministerium gemäß| mesen sein kann, denn es heißt: Der Antrag auf Verbindeiner zwischen dem Reichsarbeitsminister und den Spizenorganisationen der Unternehmer getroffenen Vereinbarung Scheinverhandlungen statt, denen am Sonnabend die Generalaussperrung der Bauarbeiter Deutsch lands folgen soll. Dieser Versuch, unter wohlwollender Neutralität und attiver Hilfe der Unternehmerverbände, die Bauarbeiter niederzuzwingen, wird gemacht, weil diese in einigen Bezirken Deutschlands um austömmliche Löhne kämpfen. Nach den Beschlüssen des Deutschen Arbeitgeberbundes für das Baugewerbe muß damit gerechnet werden, daß am Freitag die Aussperrung in ganz Deutschland in Kraft tritt. Daran wird die für heute vom Arbeitsministerium anberaumte Aussprache über den Schiedsspruch nichts ändern. Berbindlichkeitserklärung des Schiedsspruchs vom 14. Auguft Die Beratung über den Antrag des Arbeitgeberverbandes auf ist mehr eine Formfrage; es besteht feine Aussicht, daß aus dieser Beratung ein Resultat herauskommen tann, auf Grund dessen die Aussperrung verhindert werden könnte. Wie die Unternehmer diesen Kampf sich denken, darüber unterrichtet ein Rundschreiben der Verbandes der Baugeschäfte von Groß- Berlin vom 22. Auguft, in dem dieser zunächst darauf hiweist, daß am 28. August die Aussperrung ins Bert gesezt wird, und dann fortfährt: Am Freitag. den 21. August 1925 haben auf Veranlassung des Arbeitsministeriums noch einmal in letzter Stunde Berhand lungen zwischen den streitenden Parteien stattgefunden. Diese Verhandlungen sind vollständig gescheitert. Die traurige wirtschaftliche Lage hat sowohl der Regierung als auch der Indu strie Veranlassung gegeben, mit schärfftem Nach drud dafür einzutreten, daß die von den Gemert schaften geforderten Lohnerhöhungen nicht be. willigt werden können. Weil dies ohne weiteres Rüd wirkungen auf die Industrie und insbesondere auf die Reichsbahn haben müsse und weil damit die von der Reichsregierung beabsichtigte Preisfentung unmöglich durchgeführt werden fann. Der Kampf im Baugewerbe muß deshalb in verschärfter Weise weitergeführt werden. Wir wissen, daß diese Aufgabe sehr starke Anforderungen an die Mitgliedsfirmen des Verbandes stellt. Dennoch muß das Aeußerste geschehen, um diesen Kampf zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen. Wir fordern die Mitgliedsfirmen auf, jedes Nachgeben weit von sich zu weisen. Am Montag hat der Arbeitsminister die Spizen= organisationen der Arbeitgeber gehört und mit ihnen beraten, wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer nochmals an den Berhandlungstisch zu bringen sind. Die Arbeitnehmerorganisationen sind dabei nicht gehört worden. Wie aus Zeitungsberichten zu entnehmen, ist dabei den Arbeitgebern geraten worden, die Berbindlichkeitserklärung des Schiedsspruches vom 14. August zu beantragen. Die Deffentlichkeit wird annehmen, daß das ein ernsthafter Versuch sei, die große, die Allgemeinheit schädigende Aussperrung zu verhüten. Aus den Zeitungsberichten aber ist zu entnehmen, daß diese löbliche Absicht nicht ausschlaggebend gelichkeitserklärung ist gestellt, um sich vor dem Vorwurf zu schüßen, daß man nicht alle im Schlichtungsverfahren vorgesehenen Einigungsmöglichkeiten benutzt habe," und ferner heißt es ,,, man nimmt dort( in Arbeitgeberfreisen) mit aller Bestimmtheit an, daß der Reichsarbeitsminister im Bauarbeiterstreit nicht durch eine amtlichen Schiedsspruch eine Einigung zwangsweise herbeiführen wird, da man schon durch Borbesprechungen zu der Ansicht gekommen zu sein glaubt, daß das Arbeitsministerium in diesem Falle trotz aller Verhandlungsbereitwilligkeit die Austragung des wirtschaftlichen Rampfes den Vertragsparteien letzten Endes selbst überlassen wird. Daraus ist ersichtlich, daß die Bertreter der Arbeitgeberorganisationen, bevor sie die Berbindlichkeitserklärung bemonnaie durch die Beantragung der Berbindlichkeitserklärung antragten, sich Gewißheit verschafft haben, daß ihrem Portefein Schaden geschehen kann. Den Arbeitgebern wird gesagt: Ihr habt keinerlei Befürchtungen zu hegen, daß ein Druck vom Arbeitsministerium ausgeübt wird." Das Arbeitsminifterium erklärt damit, daß die Aussperrung, die nach Meinung der Arbeitgeber 600 000 Bauarbeiter umfassen soll und damit mit den Angehörigen der Nebengewerbe Millionen von deutschen Einwohnern brotlos macht, fein öffentliches Interesse darstellt. Dieses Zusammenspielen der Reichs= regierung, der Industrie und der Arbeit. geber des Baugewerbes entbehrt nicht eines gemissen Reizes, wenn man sich erinnert, daß jahrelang den deutschen Gewerkschaften fälschlich nachgesagt wurde, daß ihre Lohnforderungen nicht auf wirtschaftlichen Gründen, sondern auf politischem Machtwillen beruhen. In diesem Falle ist es offensichtlich, daß der wirtschaftliche Kampf der Bauarbeiter um Berbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen von der Gegenseite zum Ausgang eines politischen Kampfes gegen die Arbeiterorganisationen gemacht worden ist. Wie wir eingangs sagten, ist die Aussprache über die Verbindlichkeitserklärung des unmöglichen Schiedsspruches vom 14. Auguft mehr eine Formfrage, wenn man das Wort Komödie vermeiden will. Diese Aussperrung setzt des weiteren voraus, daß sie in einer Anzahl von Bezirken sich unter Bertragsbruch der Unternehmer voll. zieht, da in den meisten Bezirken Tarifabmachungen und Lohnabkommen bestehen. Die gewerkschaftlichen Organisationen der Bauarbeiter rechnen mit der Tatsache, daß am Freitag abend die Aussperung in Kraft gesetzt wird. Sie haben die erforderlichen Borkehrungen getroffen. Die freien Gewerkschaften sind nicht gewillt, mit verfchräntten Armen zuzusehen, wie Regierung, Arbeitgeberverbände und Bauunternehmer gemeinsam die Bauarbeiter niederfnüppeln, einzig weil diese ausfömmliche Löhne und die Einhaltung des Achtstundentages fordern. Der Bundesausschuß des ADGB. hat einmütig eine Solidaritätserklärung beschlossen. Der Gewerkschaftstongreß, der am Montag in Breslau zusammentritt, wird diesen Beschluß bekräftigen. feine Wünsche dem Rate unterbreiten, indem er von einem Rechte Met�rauch macht, daß allen dem Bunde angehörenden Staaten zu- steht� Aus diesem Grunde haben wir mit Bedauern die Vorbehalte der deutschen Note gelesen, wonach die Frage des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund noch der Klärung be- dürfte, da dos Schreiben des Bölterbundsrates vom tZ, März 192S nach Ansicht der Deutschen Regierung ihre Bedenken nicht aus- geräumt hat. Die Französische Regierung ist Nicht berechtigt, im Namen des Völkerbundes zu sprechen. Der Rat, der mit den von Deutschland vorgebrachten Vorbehalten befaßt worden ist, hat der Deutschen Regierung seine Entscheidung mitgeteilt, die sich auf den Grund- sag der Gleichheit der Nationen stützt, einen Grundsatz, der für keine von ihnen eine Ausnahme oder«in Vorrecht zuläßt. Die alliierten Regierungen können sich, was sie angeht, nur auf ihre früheren ErNärungen beziehen und nur wiederholen, daß nach ihrer Auffassung der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund nach Maßgabe des allgemeinen Rechts die Grundlage für jede Verständigung über die Sicherheit bleibt: Es ist gerade das Fehlen dieser Sicherhett, das bis jetzt die ollgemeine Abrüstung oerhindert hat, die in der Bölkerbundssytzung ----rgesehen ist und auf die die deutsche Note anspielt. 3. Die Deutsche Regierung hat hinsichtlich der Art und der Trag- wette der Schiedsverträge, die zwischen Deutschland einerseits und Frankreich und Belgien als Signatarmächten des Rheinpaktes sowie den anderen Deutschland benachbarten Signatormächten des Versailler Vertrages andererseits abzuschließen sein würden, Vor- be h a l l e gemacht, die den obligatorischen Charakter dieser Schieds- vertrüge nach dem Muster der von Deutschland bereits mit einigen seiner Nachbarn abgeschlossenen Schiedsverträge einschränken wür- den. Diese letzteren Verträge sehen in allen Fällen die Anrufung einer ständigen Vergleichskommission vor; aber die schiedsgerichtliche Regelung im eigentlichen Sinne erstreckt sich, wenn sie auch auf die meisten Fälle Anwendung findet, nicht auf die wichtigsten Fälle, nämlich die politischen Fälle, also gerade diejenigen, die zum Kriege führen könnten. Dadurch würden die im ersten deutschen Memorandum vom b. Februar Ik'2Z ins Auge gefaßten Bestimmungen, die den Abschluß von Schiedsverträgen zur Cicherstellung einer friedlichen Lösung der politischen sowie der rechtlichen Konflikte ins Auge faßten, i n b e- d e n k l i ch e r Weife eingeschränkt werden. Nach Ansicht der Alliierten wäre ein auf diese Welse ein- geschränkter Schiedsvertrag, der sich nicht aus alle Streitigkeiten zwischen den einander benachbarten Ländern erstreckt, al» Friedensgarantie ohne hinreichenden Wert, da er für Kriegsgefahren Raum lasten würde. Was wir vor allem wollen, ist das, daß unter den in der Note vom 16. Juni angegebenen Volaussetzungen jede neue Anwendung von Gewalt durch eine für alle Fälle obli- liato�sche friedliche Regelung unmöglich gemacht. wird. Der Grundsatz eines derartigen Schiedsgerichtsobligatoriums ist nach unserer Ansicht die unerläßliche Bedingung für einen Pakt, wie ihn die Deutsche Regierung in ihrer Note vorn I. Februar vorgeschlagen hat. Die von der Deutschen Regierung hinsichtlich der Garontierung lincs Schiedsvertrages hervorgehobenen Befürchtungen können einer objektiven Prüfung nicht, standhalten. Nach dem In Aussicht genommenen System entscheidet der Garant nicht frei und einseitig vorüber, wer der Angreifer ist. Der Angreifer bezeichnet stch selbst durch die bloße Tatsache, daß er, anstatt sich auf eine friedliche Lösung einzulassen, zu den Mafien greift oder eine Verletzung der Grenzen oder, am Rhein, der demilitarisierten Zone begeht. Es liegt auf der 5?and, daß der Garant, der das größte Interesse daran hat, derartige Verletzungen von der einen wie der anderen Seite zu verhindern, beim ersten Anzeichen einer Gefahr nicht Unterlasten wird, zu diesem Zwecke seinen ganzen Einfluß geltend zu machen. Im übrigen wird es nur von den einander benachbarten Nationen selbst abhängen, daß dieses Garantiesystem, das zu ihrem gegen- fettigen Schutze geschassen wird, nicht zu ihrem Nachteil in Funktion Urlaub von der Musik. Ober- Bozen, im August ISN. II. Im vorigen Jahre, als die gesamte Berliner Presse gegen die Monotonie gewisser Konzertprogramme wetterte, fragte mich der beste Kapellmeister Deutschlands:„Was würden S i e denn aus- rühren?" So über den Tisch herüber nannte ich nur zwei oder drei Werke: aber ich versprach, es ausführlicher nachzuholen. Ge- >ade jetzt prangen in den Zeitungen ryieder die Ankündigungen der verschiedenen Konzertzyklen. Da sei von unterwegs1924 insgesamt 21 s e l b st ä n d i g e Z w e i g st e l l e n, d. h. ins Handelsregister eingetragene oder sonst selbständig arbeitende Filialbetriebe. Nicht selbständige Nebenbetriebe waren den von der Statistik erfaßten Hauptbetrieben insgesamt 15 8 a n g e- s ch l o s s e n. Darunter waren 3 9 Nebenbctriebe der Tisch- lere i, 24 derMalerei, je23derDachdeckerei und Z i m- m e r e i, je 8 der Glaserei und O s e n s e tz e r e i, 6 der Gipse- rei, je 4 der Schlosserei und S t e i n h a u e r e i, je 2 der Parkett- und Linoleumlegere i, elektrischen In- d u st r i e, der P f l a st c r e i sowie 2 Architckturbureaus und 2 Maue- rei-Nebenbetricbe, je 1 Be- und Entwässerungsbetrieb, 1 Eisenbeton- betrieb, Mühlcnbaubetrieb und Stukkateurbetrieb. Außer diesen unselbständigen Baunebenbetrieben gibt es eine Reihe selbständiger Bauneben betriebe, darunter Male- reibetriebe. Klempnereibetriebe, Elektrikerbetriebe usw. Eigene Lausioffproduktiobelriebe. Eigene Boustoffproduktivbetriebe waren den von der Statistik erfaßten Bauhüttenbetriebsverbänden und Betrieben insgesamt 35 angeschlossen. Darunter waren 6 Ziege- leien, 3 Kiesgruben, 6 Steinbrüche, 6 Zementfabri- ken, 1 Schiefergrube, 5 Schlackenstein- und Schlacken- plattenwerke, 4 Sandgruben, 5 Sägewerke. Weitere Baustossproduktivbetricbe sind den Bauhüttenbetricbsverbänden und Betrieben angeschlossen, die von unserer Statistik nicht erfaßt stnd. Die Zahl der in der Bauhültenbewegung beschäftigten Arbeiter und Angestellten betrug in den von der Statistik erfaßten Bauhütten- betriebsverbänden und Betrieben in der besten Bauzeit des vorigen Jahres 22 194 Personen. Im Jahresdurchschnitt wurden 13 643 Personen beschäftigt. Dehnt man diese Zahlen auch aus die von der Statistik nicht erfaßten Betriebe aus, so werden sich ins- gesamt etwa 25 OVO bis 26l><)0 Beschäftigte ergeben. Die erwähnten Betriebe und Bauhüttenbetriebsverbände hatten im letzten Geschäftsjahr einen Umsah von insgesamt 41 045 370,37 Mark. Der Au f t r a g s b e st a n d der Betriebe am 1. Januar 1925 belief stch auf 12 094 167,50 Mark. Bis Ende 1324 hatten die Betriebe 22 362 Kleinwohnun- gen ganz oder teilweise erbaut. Sie hatten außerdem umfangreiche Bauausträge für die Eisenbahn, die Post, die Reichsbank sowie für zahlreiche Reichs- und Staatsbehörden ausgeführt. Der finanzielle Stand der Bauhültenbewegung. Am 31. Dezember 1924 hatten die von der Statistik erfaßten 160 Betriebe und 12 Bauhüttenbetriebsverbände Anlagewerts in Höhe von 4 332 089,16 Mark und Umlaufmittel in Höhe von 10 3 3 3 9 5 2, 25 Mark. Das ergibt zusammen 14 666 041,41, Mark. Der Verband sozialer Baubetriebe, dessen Geschäftsjahr erst am 30. Juni abgeschlossen wurde, ist in dieser Aus- stellung nicht enthalten. Von den in den Betrieben arbeitenden Mitteln waren 3 764 723,24 Mark eigene Mittel und zwar 2 158 083,63 Mark Stammkapital, 818 170,58 Mark Reserven und 788 469,03 Mark Ucberschüsse. Die fremden Mittel beliesen stch aus insgesamt 10 387 566,15 Mark. Den Verlusten einzelner Betriebe in Höhe von 86 247,98 Mk. stehen im letzten Geschäftsjahr Ueberschüsse in Höh« von 788463,03 Mk. gegenüber. Hierzu ist noch zu bemerken, daß in ihr die neben den bilanz- mäßigen Reserven vorhcndcnen stillen Reserven nicht sichtbar wer- den. Das in der Bauhüttenbewsgung vorhandene Eigenvermögen ist in Wahrheit sehr erheblich höher, als es nach der vorstehenden Bilanz aussieht. Bemerkenswert ist, daß die obengenannten Gewinne in Höhe von 788 469,03 Mark im Jahre 1924 infolge des Fleißes der Belegschaften und des Dispositionstalentes der Geschäfts- f ü h r e r erarbeitet werden tonnten, obwohl unsere Betriebe ihre Austrüge in fast allen Fällen in schärfster Konkurrenz mit den Privatunternehmern hereinholen nutzten. In vielen Fällen gaben die Privatunternehmer sogar unter den eigenen Selbstkosten liegende Kampfpreise ab, um unsere Betriebe niedcrzukonkurrieren. Darauf sind zum Teil die oben unter den Aktiven stehenden Verluste— die übrigens wohl kaum so groß sind wie bei einer ähnlich großen Zahl von Privatbetrieben— mit zurückzuführen. Jetziges Stammkapital des Verbandes sozialer Baubetriebe. Das Stammkapital des Verbandes sozialer Baubetriebe beträgt zurzeit 600 000 Reichsmark. Es ist beabsichtigt, es demnächst be- deutend zu erhöhen. Entsprechende Anträge sind an die einzelnen Gewerkschaften bereits gestellt lieber die jetzigen Stammanteile der Gesellschafter gibt die nachstehende Aufstellung Aufschluß: Gesellschafter Stamm» ein log« RM. Deutscher Baugewerlsbund, Hamburg....... 401.150 Fabrikarbeiter-Verband, Hannover......... 120000 VerkehrZbund, Berlin............. 80 000 Verband der Zimmerer, Hamburg......... 25 000 Maschinisten-Verband, Berlin........... 1 800 Dachdecker-Verband, Frankfurt a. M......... 10 000 Butab, Berlin................ 8 000 Holzarbeiter-Berband, Berlin........... 8 000 Bergarbeiter-Verband, Bochum.......... 20000 Sattler-Verband, Berlin............ 250 Zeutralverband der Steinarbester, Leipzig...... 4000 Verband der Maler, Hamburg.......... 20 000 Polier-, Werk- und Schachtmeister-Bund, Braunschweig. 5 000 Werkmeister.Sparbank, Düsseldorf........ 5 000 658 200 Der Rest von 1 800 Mark entfällt auf die dem Verband sozialer Baubetriebe angeschlossenen Bauhüttenbetriebsverbände. Die Geschäfte des Verbandes sozialer Baubetriebe werden nach streng kaufmännischen Grundsätzen geführt. Das gleiche gilt für die dem Verbände angeschlossenen Betriebe. Soweit es einzelne Betriebe ansänglich an einer kaufmännischen Führung der Geschäfte fehlen ließen, sind die unzulänglichen Ge> schästsführer durch fähige Personen ersetzt worden. Außerdem wurde eine strenge Kontrolle über sämtliche uns angeschlossenen Betriebe eingesührt. Sämtliche Betriebe sind außerdem oerpflichtet, dem Verband bzw. ihrem Bauhüttenbetriebsoerband o l l m o n a t- l i ch auf einem von uns herausgegebenen Arbeitsberichtsformular über den finanziellen und sonstigen Stand des Betriebes zu b«- richten. Es wäre unnütz zu verschweigen, daß die Bewegung anfänglich in einem Teil ihrer Betriebe infolge Mangels an ge- eigneten Geschäftsführern, ganz besonders ober infolge Mangel» an genügenden Mitteln, Schwierigkeiten mancherlei Art zu überwinden hatten. Heute steht die große Mehrzahl der Betriebe auf fester finanzieller Grundlage. So haben sich die sozialen Baubetriebe zu einem starken Macht- faktor und zu einem strengen gemeinwirtschostlichen Kontrollorgan in der gesamten deutschen Bauwirtschast entwickelt. Man kann nur hoffen und wünschen, daß sie in enger Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften in dieser Entwicklung fortschreitet und auch fernerhin der wachsenden Macht des privaten Baukapitals einen starken Damm entgegenstellt. Zuckerproüuktion und Zuckerverbrauch. Wir stehen kurz vor der Zuckerernte. Nach den Berichten, die aus allen Teilen Deutschlands vorliegen, dürste sie in diesem Jahr günstig ausfallen. Besonders gute Nachrichten kommen aus Schlesien, während die Rübenanbaugegenden um Halle, Magdeburg, in Pommern und Mecklenburg der Ansicht sind, daß der Ausfall der Ernte in diesem Jahre keineswegs schlecht wird, aber nicht die Er- gebnisse bringen wird, die man erhofft hat. Vor dem Kriege war Deutschland bekanntlich ein zuckeraussührendes Land. Wir hatten im Jahre 1913/14 einen Ertrag von 170 Millionen Doppelzentnern Rüben, die in 341 Fabriken zu 27 Millionen Doppelzentnern Zucker verarbeitet wurden. Im Jahre 1924 wurden 98 Millionen Doppelzentner Rüben geerntei, die in 265 Fabriken zu 16 Millionen Doppelzentnern Zucker oerarbeitet wurden. Während die Durchschnittserzeugnng einer Fabrik vor dem Kriege 77 000 Doppelzentner Zucker ergab, ist in der Campagne 1924/25 eine Durchschnittserzeugung von 60 000 Doppelzentnern pro Fabrik festzustellen. Nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt ist der Zuckerverbrauch außerordentlich gestiegen. Man kann gegenüber der Vorkriegszeit mit einer Steigerung des Zucker- Verbrauchs um 60 Proz. rechnen. Diese Ziffern beruhen besonders in Deutschland auf Schätzungen, da die Landesfinanzämter des besetzten Gebietes nur geringen Anhalt für den Zuckeroerbrauch geben. Die Zuckeroerarbeitung geschieht im wesentlichen(die geringen Ausnahmen können wir unberücksichtigt lasten) in zweierlei Form, in den Weißzuckerfabriken, welche die Zuckerrübe in einem Praduktionsgang bis zum fertigen, zum Genuß brauchbaren Zucker verarbeiten, die zweite Form ist die, bei der die Verarbeitung in zwei Produktionsgängen erfolgt. In dem ersten da- von wird die Zuckerrübe zu Rohzucker verarbeitet, in dem zweiten wird die Raffinierung vorgenommen. An Weißzuckerfabriken sind in Deutschland zirka.�50 Betriebe vorhanden, die ungefähr 25 Proz. der geentteten Zuckerrüben verarbeiten. Die Organisation der Ber- arbeitung i» den zwei Produktionsgängen, Rohzuckerfabrik— Raffinerie, hat sich allmählich derartig herausgebildet, daß sich eine ganze Anzahl von Rohzuckersabrikeii zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen hat, die in Raffinerien, welche sie käuflich er- warben haben, ihren Rohzucker verarbeiten läßl. Man konnte folgende Konzerne unterscheiden: 1. den Magdebura— Lraunschweiger Kon- l«»*, der unter dem Einfluß d«e bekannt» Zuckers« chmanne, Dr. Rabbethge steht. Zu dem Konzern gehört die Zuckerrassinerie Magdeburg und Frellstedt. 2. den Halleschen Konzern. Er wird beliefert von 50 Rohzuckerfabriken. Er steht unter der Leitung des bekannten Oberamtmanns Wenzel-Teutschenthal und ist Besitzer der Rafsi- nerie Halle, Alten, Kothen. Außerdem hat er einen Verar- beitungsvertrag mit der Rositzer Zuckerrassinerie. Die Raffinerie Köthen ist stillgelegt. 3. D e r b a l t i s ch e K o n z e r n. Er umfaßt 20 Rohzucker. fabriken, ist Besitzer der pommerschen Zuckersiederei in Stettin, er hat eine Raffmerie in Jgehoe und eine am Rhein gepachtet. 4. Der sch lesische Konzern. Ihm gehören die Raffi- nerien Schulau a. d. Elbe und Barby. 5. In Oberschlesien haben sich 6 bis 7 Zuckerfabriken zusammengeschlossen und lassen ihren Rohzucker in der Raffinerie Roswadze verarbeiten. Der Zusammenschluß in diesem Fall« ist also nur ein sehr loser. 6. Die süddeutsche Interessengemeinschaft. Diese ist nicht auf Basis der Rohzuckerfabriken aufgebaut, sondern für ihren Aufbau waren die Raffinerien die Grundlage. Diese Konzerne stellen 60 Proz. der gesamten Zucker- Produktion Deutschlands her. Es gibt außer den Weiß- Zuckerfabriken nur 6 Fabriken im Rheinland und 2 in Magdeburg, die vollkommen unabhängig sind. Aber gerade den rheinischen Fabriken fehlt das Rohmolerial. Sie sind vor dem Kriege im wesentlichen durch pysensche Rohzuckerfabriken versorgt worden und leiden natürlich jetzt, da der größte Teil des Rohzuckers durch die Konzernraffinerien belegt ist, unter erheblichem Materialmangel. Was die Preisentwicklung anbetrifft, so ist diese, wie alljährlich vor der Ernte, etwas ansteigend, zumal die Vorrate s- »app sind.-Da aber, wie eingangs erwähnt, in diesem Jahre mit einem günstigen Ernteausfall zu rechnen ist, müßte nach dieser teuren Uebergangsperiode sehr bald eine Preissenkung ein- treten, wenn nicht die Zölle es verhindern. Daß die Zucker- fabriken, gleich allen anderen Gewerbetreibenden, unter den Schwierigkeiten der Beschaffung von Krediten für ihre Betriebe leiden, sei hier nur nebenbei erwähnt. Lei den Zuckerfabriten ist diese Schwierigkeit deswegen so erheblich, weil sich der Betrieb in ihnen auf eine ganz kurze Periode von zirka 4 Monaten zusamm- drängt, in denen sie erhebliche Summen gebrauchen, während die Zahlungseingänge aus den Verkäufen sich über das ganze Jahr verteilen. Diesen Schwierigkelten hat man dadurch Rechnung getragen, daß man ein. den besonderen verhiflnffsen ht» Gewerbe« sich anpassendes Bankinstitut, die Zückerkreditbank, g«. gründet hat, deren Geschäftsumfang allerdings viel zu gering lst, als daß sie den gesamten Kreditbedürfnissen des Zuckergewerbes Rechnung tragen könnt«._ Gasfernversorgung und privatkapital. Aus dem Rheinland wird uns geschrieben: Seit einigen Iahren geben viele Gemeinden ihre eigenen Gas- werke auf, um sich der p r i v a t e n Gasfernversorgung anzuschließen. Sie treiben die Mittel für diese Unternehmungen aus und über- lassen dem Privatunternehmer Verzinsung und Amortisation. Ra- mentlich im Rheinland und in Westfalen haben sich zahlreiche Kam- munen der privaten Gasfernversorgung verschrieben. und eine mit allen Lockmitteln arbeitende Propaganda der privaten Gaserzeuger versucht auch jene Gemeinden einzufangen, die sich bis- her ihre Regiebetriebe erhalten haben. Schon vor dem Kriege hat d« Gasfernversorgung großen..Anklang" gesunden, und in den Jahren 1910 bis 1913 haben Esten, Barmen, Solingen und andere Städte Zechengas bezogen. Das Kapital versuchte schon damals, auch am Oberrhein Fuß zu fassen, aber die sozialistische Stadtrats- fraktion von Mannheim verhinderte eine größere Expansion des Ruhrgases, weil sie nachweisen konnte, daß die Eigenproduk- t i o n bedeutend billiger arbeitete als die Ferngasversorgung der Ruhrindustriellen. Nach dem Kriege haben die Ruhrindustriellen, ollen voran die Firma Thyssen, ihre Pläne mit verstärkter Zähigkeit verfolgt. Zwei Bundesgenossen kamen ihnen dabei zu Hilfe: die technische Rück- ständigkcit zahlreicher k o'm munaler Gaswerke— als Beispiel diene das größte rheinische Gaswerk Köln-Ehrenfeld, dos seit Iahren keine technischen Verbesserungen vorgenommen, die Schrägöfen seit 1919 nicht erneuert und aus alle Neubauten ver- zichtet hat— und die privatkapitalistische Tendenz der rechtsgerich- teten und.mittelständlerischen" Stadtratsfraktionen, die nun einmal geschworene Feinde jeder„kommunalen Bewirtschaftung" sind. So begann ein groß angelegter Angriff aus die kommu- nalen Gasbetriebe, der zunächst die Stadt Bonn heim- suchte. Thyssen erbot sich, der Stadt, die damals einen Hasenneubau plante, eine Kokerei zu errichten. Bonn sollte das erzeugte Gas auf- kaufen und als Zwischenhändler an das Hinterland, nach G o d e s- berg, Honnef und Königswinter und anderen Gemeinden weiterieUen. Da der Hasenneubau im Projekt stecken blieb, resi- gnierte der Thyssen-Konzern, er wurde aber um so hossnungsvoller, als die Stadt Köln mit dem Projekt eines großangelegten Hajen- neubaus auf den Plan trat. Run versuchte man, in die Mauer der Kölner Regiebetriebe eine Bresche zu legen. Der Angriff wurde fürs erste abgewehrt, weil die Rheinisch-Westfälische Elekrizitätsgc- sellschast protestierte; sie hat inzwischen ihren Einspruch siir das linksrheinische Gebiet zurückgezogen und nur für das rechtsrheinische Gebiet aufrechterhalten. So ist die Gefahr erneut akut geworden. Schon hat sich eine„Ferngasoersorgungsgesell- schaft" gebildet, deren Vorsitzender ausgerechnet Herr Prenge, der Generaldirektor der s-.ädti>chen Werke in Köln, ist, und man wird den Eindruck nicht los, daß gewisse kommunale Großbetrieb: ihre technischen Einrichtungen absichtlich veralten lassen, um den Thyssenschen Plänen entgegenzukommen. Es zeigt sich deutlich; daß die Zugehörigkeit zum Arbeitgeberverband den großen Kommunen nicht nur zur Vereinsachung der Verhandlungstechnik gedient hat. Sie haben sich auch von dem privatkapitalistischen Geist, der da drüben herrscht, von jener kurzsichtigen Preis- und Lohnpolitik anstecken lassen. Darum Hilst z. B. die Sladt Köln bei der Erdrolse- lung der öffentlichen Kaufkraft; dieselbe Kommune, deren Stadtsöckel monatelang zu kostbaren Empfängen und Festessen herhalten mußte, stimmte bewegliche Klagen an, als die G e m e i n d e a r b e i t c r eine Angliederung der Löhne an die Teuerung verlangten. Darum bereitet es ihr nur wenig Freude, wenn sie feststellen muß, daß sich die Produktion der städtischen Gaswerke in diesem heißen Sommer sogar noch gehoben Hai. Hier muß eine wirksame Gegenpropaganda einsetzen. Mit der Wachsamkeit und den Kassandrarufen jener Kommunalpoli- tiker, die nicht durch private Interessen gebunden sind, ist es nicht allein getan. Man sage der Oeffentlichkeit immer wieder, daß alles Gerede von der größeren Exaktheit des Betriebes und der billigeren Lieferung privater Gaswerke eben nichts anderes als— Gerede ist. Die Stadt Barmen kann davon ein Liedchen singen. Die Zufuhr des Zechengases hat im Jahre 1920 nicht weniger als 13 Tage lang gestockt, im Jahre 1919 hat die Stadt 24 Tage lang und in den übrigen Jahren durchschnittlich vier bis fünf Tage long kein Gas erhallen. Für jeden Einsichtigen erklärt sich das daraus, daß die Kokereien der Zechen von den wirtschaftlichen und politischen Krisen und von den Lohnbewegungen viel stärker beeinfluß. werden als die kommunalen Gaswerke. Und wie steht es mit der billigeren Belieferung? Würden die kommunal-n Gaswerke ihre Betriebe modernisieren, so könnten sie jede private Konturrenz schlagen. Ein Beispiel: Die A l l g e m e i n e Osenbaugesellschaft Frankfurt a. M. verpflichtet sich, von 1000 Kilogramm Kohle 460 Kubikmeter Gas mit 43 200 Wärmeeinheiten zu produzieren. Sie errechnet einen Selbsterzeuger- preis von 3,55 Pf. pro Kubikmeter. Sie beweist damit, daß die modernisierten kommunalen Gasbetriebe billiger als Thyssen arbeiten können, zumal kleine kommunale Gaswerk« den Kubikmeter Gas schon für 16 Pf. an den Derbraucher liefern. Selbstverständlich: Voraussetzung ist die hoch st e techüische Leistungsfähigkeit der städtischen Betriebe. Die Freunde der Gemeinwirtschaft in den Stadtparlamenten müssen die technische Fortentwicklung der städtischen Gaswerke ständig kon- trollieren. Nur so kann die Konkurrenz und Expansionsgier des Privattapital» eingedämmt und die kommunale Gasversorgung ge- rettet werden. Kühren Äie Äuch über Ihre täglichen Ausgaben? Wir nehmen an, daß Sie regelmäßig Odo! benutzen und daß Sie über Ihre kleinen Aus- gaben Buch führen. Bitte, sehen Sie mal in Ihrem Ausgabenbuch nach, wie oft O d o l darin erscheint: wahrscheinlich etwa alle zwei bis drei Monate. Wissen Sie, weshalb wir um diese Feststellung bitten? Weil wir in der heutigen Zeit der chronischen Geldknappheit Wert darauf legen, Sie aus eine Tatsache aufmerksam zu machen, die Ihnen selbst vielleicht bisher entgangen ist: nämlich darauf, daß O d o l nicht nur das anerkannt wirksamste, s ondem zugleich das s p a r s a m st e Mund- und Zahnpflegemittel ist. Vosseestag 27. August 1925 Unterhaltung unö �Nissen Seilage ües vorwärts fius schweren Tagen. 2] Ernstes und Heiter» von Adolph Hoffmann. Ein ruhtlofer Tag, ein« schlaflose Nacht. Wir waren inzwischen den Grünen Weg ziemlick bis zur Andreasstrahe gekommen. Spornstreichs ging ich über oen Damm, die Androasstraße hinunter, über die Frankfurter Linden bis zum Strausberger Platz, überlegend:.Wie spieht du den Versucher fest?" Natürlich mugte ich die Genossen unterrichten, und da war keine Zeit zu verlieren. Am Strcusberger Platz fuhr gerade ein Omnibus ab nach der Potsdamer Brücke. Ich lief nach und sprang auf, denn die Hauptsache war, dem sehr.folgsamen" Spitzel. zu entkommen. Am Alexander-Platz sah ich einen Omnibus nach dem Lands- bergcr Tor kommen, sprang ab und fuhr mit diesem das kleine Stückchen Landsberger Straße hinauf bis zur Möbelfabrik von Groschkus, wo mein Freund Wilhelm Grothe arbeitete. Im Fahren sprang ich ab und verschwand im Hinterhaus. Als ich dem Genossen Grothe die Sache dargestellt und ihm meine Absicht erklärt hatte, sagte er in seiner bedächtigen Art:„Ja, Adolph, denke dir die Sache nicht so leicht. Das sind schlaue Füchse." .Dann müsien wir noch schlauer sein." „Hm," machte Grothe.„Wer überlege, daß, wer immer von uns in die Geschichte hineingezogen wird, fliegt aus Berlin raus. Und du zuerst. Ist die Sache dieses Opfer wert?" .Mich würde es natürlich auch schwer treffen. Aber was soll ich tun? Dann ist doch zu überlegen, daß wir diese Gesellschaft durch einen kräftigen Reinsall davon kurieren, systematisch Verräter züchten zu wollen." .Na, weißt du, Adolph, ich glaube, dos würde sie nicht abschrecken, sondern nur vorsichtiger machen. Aber etwas muß jetzt natür- lich geschehen." Nach kurzer Ueberlegung meinte er:„Das Gescheiteste ist, du fährst sofort zum Reichstag und läßt dir Hasenclever aus dem Sitzungssaal herausrufen. Vielleicht weiß der Rat. Aber," letzte er lachend hinzu,„nimm keinen Spürhund mit, sonst sind sie gewarnt." Mit verschiedenen Derkehrsvehikeln manövrierte ich zum Reichstag. Genoise Hasenclever hatte gerade das Wort. An seiner Stelle kam Genosse Wilhelm Blas aus dem Saal heraus. Nach meiner Schilderung überlegte er lange und sagte dann: .Ihre Idee wäre sehr gut auszuführen, wenn Sie den liebens- würdigen Gönner nach Ihrer Wohnung bestellt hätten. Aber in einem öffentlichen Lokal, das natürlich von der Polizei in dieser Zest obferviert wird, ist es uninpglich, unbemerkt Zeugen für das Rendez- vous unsererseits zu schaffen. Sie müssen versuchen, die Aussprache in Ihrer Wohnung stattfinden zu lassen. Dann bin ich bereit, dorthin zu kommen." Ueber das Wie konnten wir beide nicht zu einem Ziele gelangen. Wir verabredeten, nachdem rerschiedene Möglichkeiten und Einzel- beiten besprochen waren, ich sollte über Tag und Stunde Nachricht geben, sobald sie festständen. Als ich nach Hause kam. stand der„Oekonom" wieder auf seinem Beobachtungsposten an der Milchrampe, was mir die Ueberzeugung beibrachle, daß ich persönlich heute nichts mehr unternehmen durste. Alle- Grübeln gab keinen gescheiten Gedanken, wie ich meine Mission ausführen tollte. ?t6! Ich verließ da, Haus. An der Rampe ein„getreuer Ekle- hard". Einige hundert Meter weiter an der Häuserreihe einer jener dunklen Ehrenmänner. Als ich in der Fruchtstraße über den Damm ging, überzeugte ich mich, daß sie beide nicht„errötend", sondern unverschämt meinen Spuren folgten. Am Bahnhof hatten noch zwei Nichtgentlemen Posten gesaßt. Llos hatte also schon recht. Als ich in ein Abteil dritter Klasse steigen wollte, waren die Bahnhofsposten mir auf den Versen und suchten mit mir in dasselbe Abteil zu kommen. Im letzten Augenblick schwenkte ich nach links in ein gestopft vollbesetztes Arbeiterabteil und fuhr ohne polizeilichen Schutz nach Stralau-Rummelsburg. Immer noch grübelnd, lief ich scharfen Schritt, den abschüssigen Steig zum Garten Beljevue hinunter. Meine Berliner Begleiter folgten spornstreichs. Vor der Tür de, Restaurant- standen natürlich auch zwei Ehrenwachen. Das Lokal Bellevue hatte einen schönen Naturgarten mit präch- tigem asten Baumbestand. Die Arbeiter kennen ihn genau, weil ihn später jahrelang der Genosse Gustav Tempel bewinschaftete. Damals aber war das Lokal für die besserangezogene Gescllschast bergerichtet, Lauben mit Nischen, die zu Rendezvouszwecken vorzuglich geeignet waien. Auch Spitzelwerber störte hier kein Unberufener. Als ich den langen Flur des Eingangs eilig durchschritt, sah ich mitten im Garten den„Alpenjäger" und seinen Vorgesetzten. den damaligen Kiüninalwachtmeistcr Weinert, der sich schon im voraus Herr Kommissar titulieren ließ. Was den ganzen Tag nicht gelang, gab mir in diesem Augen- blick die Situation«in. Als ich den Eingang des Gartens erreicht hatte und merkte, daß die beiden Herren mich gesehen, stutzte ich, blieb stehen, kehrte um und lief eiligen Schritts zum Entsetzen meiner mir folgenden Trabanten spornstreichs wieder dem Bahnhof zu. Ich hatte mich nicht getäuscht. Bei den Norddeutschen Eiswerken holte der„Alpenjäger" mich, vom schnellen Lauf keuchend, ein, grüßte sehr höflich und sagte:„Ei freut mich, Herr Hoffmann, daß Sie ge- kommen sind. Warum kehren Sie jetzt um?" „Weil es mich nicht freut, daß ich kam," sagte ich gekränkt tuend.„Sie sehen, ich habe Vertrauen und komme ohne Zeugen, und Sie?" „Aber Herr Hofsmann, erwiderte begütigend mein Mephisto, „das ist ja mein Vorgesetzter, durch dessen Hand geht doch alles." „Und der?" fragte ich, auf einen inzwischen sich nähernden Späher zeigend.. „Da- ist die dritte Person. Ich deutete auf eine weitere Bassermonnsche Gestalt, die neu- gierig heranwalzte, und fragte höhnend:„Und da, die vierte?" „Herr Hofsmann," beteuerte der�Alpenjäger.„mein Ehrenwort. da» ist keiner von unseren Leuten." „Und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort— und das gili heute noch." entgegnete ich scharf,„ich unterhandle nicht in Gegenwart auch nur eines Zeugen." „Aber Herr Hofsmann, sind Sie doch nicht so erregt," sagte der Kriminelle.„Kommen Sie mit hinten in den Garten und essen Sie erst Abendbiot." „Ich danke," schnitt ich ihm die Rede ab.„Ich kann mir mein Abendbrot auch selbst kaufen und komme nicht zurück. Liegt Ihnen wa» dran, dann kommen Sie morgen früh acht Uhr in meine Woh- nung. Wenn nicht, dann um so besser, dann bleibe ich ein ehrlicher Mensch." Ich drehte ihm den Rückey und ging scharfen Schmts dem Bahnhof zu. Nochmals kam er hinterher gestürmt und fragte hastig. ob es mir gleich ist, wenn er oder sein Vorgesetzter kommt. Jetzt wäre ich bald aus der Rolle gefallen. Puttkomer hat im Reichstage, wenn ihm solche versuchten Spitzelkaufe vorgehalten wurden, immer erklärt, das tun nur Palizeiagenten oder unter- geordnete Beamte, übereifrige Neulinge, aber keine alten Beamten oder gar Dmgesetzte. Ich hätte natürlich viel lieber den„Vorgesetzten" entlarvt, durste den Untergebenen aber durch meine Bereitwilligkeit nicht mißtrauisch machen. Deswegen entgegnete ich gleichgültig:„Ist mir ganz schnuppe, am besten keiner. Um keinen Preis aber mit mehr als eineni"— und lieh ihn endgültig stehen. Als ich nach Haufe kam, war an der Milchrampe die Plansch- neese auf Wache gezogen, wurde aber bald durch zwei bisher unbe» kannte Ehrenposten abgelöst. Das Haus am Ostbahnhof blieb die ganze Nacht unter scharfer Observation. Selbstverständlich ging ich nicht mehr aus, sondern ließ dem Genossen Bios von den Verabredungen auf Umwegen durch einen weiblichen Boten Nachricht zukommen. Er ließ mir sagen, daß er um 7 Uhr früh in meiner Wohnung sei. Nun galt es, Vorbereitungen zu treffen, damit das zu fangende Wild die Falle nicht vorher witterte oder den Jäger aus dem Reichs- tag, der es erlegen sollte, ausspürte. Das war nicht leicht Iq besaß eine Wohnung vier Treppen im Seitenflügel, der Berliner sagt mit„durcheinanderlaufenden Zim- Zlucht aus öem Fentrumsturm. Da wendet sich der Wirth mit Grausen. mern. Sie bestand au» Stube, Kammer und Küche. Stube und Küche bewohnte ich mit meiner Familie. Die Kammer war an meinen Schwager mit Frau und Kind vermietet. Wo, war die Preisfrage, sollte ich ungesehen den Genossen Blas verstecken? Daß der Kriminelle vorsichtig sein würde, sich erst zu überzeugen, daß Kammer und Kloselt„unbesetzt" sei, hiell ich für selbstverständlich. Die Nacht oerging mit sehr wenig Schlaf. Meine Frau hatte Sorgen vor der Rache der Polizei. Meine Schwägerin war ob de, ganzen Experiments in Angst, und ich grübelte außerdem darüber nach, was ich dem„Seelenverkäufer" sagen wollte und wohin ich Bios stecken konnte. An diesem Morgen hakte es mit dem Ausstehen keine Not. Um 6 Uhr war alles aus den Posen. Ich war beretts um S Uhr auf und ging sojort daran, meine während der schlaflosen Nacht ausgedachten Teufeleien zu verwirklichen. Ich war auf eine glorreiche Idee gekom- men, ans die ich mir nicht wenig einbildete. Der Kleiderschrank!-- Ich nahm zum Entsetzen meiner Frau, die mit einer Schnellig- keit wie nie zuvor aus dem Bette sprang, die Decke des Schranke» ab. So glaubte ich für den Genossen Bios einen feinen Beob- achtungsposten, wo er alles hören konnte, gefunden zu haben. Ich stellte auch eine Fußbank hinein, um Blas die Möglichkeit zu oer- jchasfen, den versuchenden Teusel, der auf dem Stuhl am Tisch vor der Kammertür plaziert werden sollte, wenn auch nicht von Angesicht zu Angesicht zu sehen, so doch gehörig zu„berücksichtigen". Es war inzwischen 7 Uhr geworden.--?48 Uhr-- aber Genosse Bios kam nicht. Als es'A8 schlug, war meine Ruhe zu Ende. Sollte ich wieder mit dem Mann, der, uin mit Stavthagen zu sagen,„Lumpen zu den höchsten Preisen" kaufen wollte, allein sein? Der Gedanke war mir fürchterlich. Ich bat meine Schwägerin, zu einem Genossen, der in der Frankfurter Straße ein Galanterie- Warengeschäft besaß, zu gehen und ihm zu sagen, was los ist, damit er sofort zu mir käme. Sie schien froh zu sein, aus der brenzligen Situation heraus- zukommen und ging sogleich.(Schluß folgt.) Eine Anleitung zum Eisenbahnfähren. Das Eisenbahnfahren ist uns heute so zur Gewohnheit ge- worden, daß wir keiner Anweisungen bedürfen. Aber in den Kind- heitstagen der Lokomotive, die nunmehr fast IM Jahre zurückliegen, war eine Fahrt aus der Eisenbahn ein schwieriges und abenteuer- lichss Unternehmen, und diejenigen, die sich dem„schnaubenden Ungcheuei" anvertrauten, brauchten einen Führer. Ein solcher Eisenbahnführer, wohl der erste seiner Art, ist um 1840 in England von W. Osborne herausgegeben worden. Es ist ein dickes, kleines Buch von etwa 300 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen und Karten versehen. In der Einleitung wird zunächst die Erfindung der Eisen- bahn gepriesen, und es heißt da sehr kühn:„Verglichen damit, sind die berühmten römischen Mauern und sogar noch die viel größeren chinesischen, ärmlich« Bauwerke: was die ägyptischen Pyramiden anbetrifft, so können sie überhaupt nicht den Vergleich mit der Eisenbahn aushalten, denn es sind traurige Denkmäler des Unoer. standes und Aberglaubens ihrer Erbauer." Der Reisende, der dieses Wunderwerk benutzen will, erhält dann folgende Anweisungen:„Wenn wir vor dem Fahrkartenschalter stehen und die Reihe an uns kommt, da nennen wir den Ort, wohin wir reisen wollen, und die Station, die ihm am nächsten liegt. Der Beamte nennt dann die Summe, die wir zahlen inüssen, und wir empfangen dafür ein Billett, das extra für uns abgestempelt ist und auf dem sich die Nummer des Sitzes befindet, den wir einnehmen dürfen: es sind auch alle notwendigen Hinweise aufgedruckt. Das Billet in der Haand, schreiten wir durch die Eingangshalle und stürzen uns in das geräumige Nebengebäude, in"dem wir von einem Beamten in Empfang genommen werden, dem wir die Nummer unserer Fahrkarte sagen und der uns darauf unfern Platz anweist." Nicht weniger schwierig ist es, sich beim Aussteigen richtig zu benehmen:„Wenn der Zug hält, müssen die Reisenden nach der Seite aussteigen, die ihnen der Beamte angibt, und siee können dann, wenn sie fahren wollen, in die Omnibusse oder Droschken steigen, die bereits auf sie warten, oder wenn sie gehen wollen, müssen sie das Houpttor passieren, das aus dem Bahnhof heraus- führt." Trotz der„ungeheuren Schnelligkeit", die der Eisenbahn nach- gerühmt wird, muß sie damals doch recht langsam gefahren sein, denn in dem Eisenbahnsührer sind alle Gebäude und Sehenswürdig- leiten genau verzeichnet, an denen man auf der Fahrt von London noch Birmingham vorbeikam. Rauchen war streng oerboten, nicht nur in den Wagen, sondern überhaupt im ganzen Bereich des Bahn- Hofs. Reisende, die Billetts für größere Strecken verlangten, wurden denen vorgezogen, die nur kurze Strecken fahren wällten. Eine Fahrkarte erster Klasse von London nach Birmingham kostete bei Nacht ZiVi Schilling, bei Tag 30� Schilling, zweiter Klasse 23 und 20 Schillina. Den Angestellten war bei Androhung sofortiger Entlastung die Annahme von Trinkgeld oerboten. Juristen unö Dichter. Ein nicht geringer Teil unserer Dichter hat ursprünglich der strengen Iustitia mehr gehuldigt als den Musen. Einige von ihnen sind sogar ihr Leben lang der Rechtswissenschaft neben der Dichtkunst treu geblieben. Von Goethe weiß ja jeder Gebildete, daß er zu denen gehörte, die wenigstens eine juristische Vorbereitungszeit durch- gemacht haben. Nachdem seine Doktordissertation abgelehnt war, brachte er es immerhin zu der Würde eines Lizentiaten. Man weiß weiter, wie Goethe dann kurze Zeit als Advokat in Frankfurt a. M. wirkte und dann als Rechtspraktikant in Wetzlar, wo er auf einem Iuristenball Lotte kennen lernte. Diel weniger bekannt ist es, daß auch Schiller ein Jahr lang, während er sich auf der Solitüde aufhielt, sich der Rechtswissenschaft befleißigte, aber mit so negativem Erfolg, daß seine Lehrer sich fragten, ob Schillers Unwissenheit von Mangel an Geist oder Faulheit herrühre. W i e l a n d verlor bald jedes Interesse am Rechtsstudium, nicht so der Romantiker Eichen- d o r f f, der e» sogar zum Geh. Regierungsrat im preußischen Kultus- Ministerium brachte. U h l a n d hat, wie er in seinem Gedicht„Die neue Muse" singt,„sich des Rechts beflissen gegen seines Herzens Drang". Nichtsdestoweniger sah man ihn in späten Iahren als tätiges Mitglied des Wllrttembergischen Staatsgerichtshofes. Ihm reiht sich würdig der große Oesterreicher Franz Grillparzer an, der gleichfalls auf Grund seiner juristischen Ausbildung eine Anstellung im Staatsdienst gefunden hatte. Wer aber kennt nicht die entzückenden humorvollen Schilderungen Heinrich Heines von seinem Rechtsstudium in Göttingen. Da spricht er einmal da- von, wie er hier ganz isoliert lebe und Pandekten höre und auf seiner Kneipe sitze und mit der Brust voll unverstandener Sehnsucht und den Kops voll von noch unverstandenerem juristischen Wischiwaschi. Oder man erinnert sich jener Stelle in der Harzreise, die gerade in die Zeit seines Doktorexamens fiel, wo es ihm beständig in den Ohren klingt von„Tribonian, Iustinian, Hermogenian und Dummeriahn". Gerade als er sich als Advokat in Hamburg niederlassen wollte, fand er seinen Verleger Campe, der durch den Verlag seiner„Reisebilder" es ihm er- möglichte, der ungeliebten Jurisprudenz Valet zu sagen. All diesen erlauchten Namen gesellt sich nun einer hinzu. der, trotz seiner lebenslangen Beschäftigung mit der trockenen Juristerei ein Fürst im Reiche der Phantasie geworden ist: der Kammergerichtsrat E. T. A. H o f f m a n n. Ja, dieser Dichter- jurist war auch ein hochbegabter Musiker, dessen phantastische Oper „Undine" wieder eine freudige Auferstehung seiern konnte durch den tätigen Enthusiasmus eines Hans Pfitzner. Auch der Dichter oer „Hosen des Herrn von Bredow", Willibald Alexis, alias Häring, besaß umfassende juristische Kentnisse, so daß er sogar im Verein mit Hitzig, den„Neuen Pitaval" herausgeben konnte. In Düsseldorf finden wir Landgerichtsrat Im m ermann, nebenbei Dichter des„Oberhofs", in Husum den Amtsgerichtsrat Theodor Storm, dem die deutsch« Literatur einige ihrer schönsten Novellen und Gedichte verdankt. Wer weiß, hätte Scheffel nicht in Heidel- berg Iura studiert, so besäßen wir vielleicht einige seiner besten Schöpfungen nicht, denn diese fallen gerade in die Zeit seiner juri. stischen Ausbildung. Und endlich das liebe freundliche Gesicht unseres Fritz Reuter! Der mußte auch seinem Vater zu Willen sich mit der Juristerei herumquälcn. In der„Festungstid" erzählt er humorvoll, wie er seine juristischen Bücher von Gefängnis zu Gefängnis mitschleppte, und wie er Höpfners Inftutitionen mit einer so vor- züglichen Wirkung als Schlafmittel benutzt hatte, daß er trotz sieben- jähriger Haft immer nur bis zur„unvordenklichen Verjähning" ge- langte. Aber man denke nicht, daß die neuere Zeit unserer Literatur an Dichterjuristen arm wäre. Namen, wie E r n st v o n W i'l d e n- bruch, Felix Dahn, Adolf Wilbrandt, Julius Rodenberg, Albert Träger sind besten Zeugen. Und last not least— Otto Erich Ha r t l e b e n, dessen entzückendes Geschichtchen„Vom gastfreien Pastor" ja gerade, die Schilderung seiner Referendarzeit enthält! PaderewsN und der Elefant. Einen amüsanten Beitrag zur Völkerpsychologie gab der polnische Klaviervirtuose und Politiker Paderewski in einer Rede, die er in einem Londoner Klub gehalten hat. Er erzählte eine Geschichte von einem Englkinder, eineni Frau- zosen, einem Deutschen, einem Russen und einem Polen, von denen jedem die Aufgabe gestellt wird, eine Abhandlung über den Elefanten zu schreiben. Der Engländer kauft sich zunächst eine vollständige Iagdausrüstung, reist nach Indien, geht auf die Elefantenjagd und schreibt nach einem Jahr ein mit zahlreichen Photographien aus- gestattetes Buch mit dem Titel:„Der Elefant, und wie ich ihn schoß. Der Franzose geht nach dem Poriser Zoologischen Garten, sieht sich dort den Elefanten an, befreundet sich mit dem Wärter, fragt diesen bei einer Flasche Wein aus und schreibt nach 6 Wochen ein Buch:„Die Liebschaften der Elefanten". Der Deutsche studiert sämt- lich« Bücher und Abhandlungen durch, die über den Elefanten ge- schrieben worden sind: dann schreibt er ein Werk in drei dicken Bänden mit dem Titel:„Vorläufige Einleitung in das Studium des Elefanten". Der Russe geht in seine Dachstube, trinkt dort große Mengen Wutki. läßt auch den Samowar nicht ausgehen und konju- miert unaufhörlich Tee. Dann bringt er ein kleines Büchlein zu- stand« mit dem Titel:„Der Elefant— existiett er?" Der Pole aber niacht sich an die Arbeit, und nach sechs Wochen hat er eine Streit- lchrift fertig mit dem Titel:„Der Elefant und die polnische Frage. BRANK 1 Bostand tolle auf jeder Packunge Wissenschaftliche Forschung hat es zu Wege gebracht, daß fich heute auch der magerfte Geldbeutel die fegens reichen Wirkungen eines teuren Kurar fenthalts verfchaffen kann, Kennen Sie den DR. MED. HENSCHEL& CO. HAUSTRINKKUREN noch nicht? Verlangen Sie in allen Apotheken und Drogerien unsere kostenlose Broschüre! Dr. med. A. HENSCHEL,& Co., G. m.b. H., Berita No. Theater, Lichtspiele usw. Staats- Theater Opernhaus 72: Der Freischütz Opernhaus am Königsplatz Geschlossen Schauspielhaus 8 Uhr: Brand im Opernhaus Schiller- Theat. Operettenspielzeit 8 Uhr Annemarie Operette von Jean Gilbert u. Robert Gilbert mit Dora Leffler Nymgau - Spira- BaseltHeidemann- Diegeimann- Hiller Kuthan- Ledebour SCALA 8 Uhr Internat. Varieté Täglich 84 Uhr 2. Woche HANNER REVUE 1925/26 .. ACHTUNG! WELLE 505!" 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