Abendausgabe Nr. 486 42. Jahrgang Ausgabe B Nr. 242 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife find in der Morgenausgabe angegeben Redaktion: S. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-29% Tel.- Adresse: Sozialdemokrat Berlin 10 Pfennig Mittwoch 14. Oktober 1925 Vorwärts= Berliner Volksblatt Betlag und Anzeigenabteilung: Sefchäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin S. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-207 Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands Monarchistischer Vorstoß der Volkspartei Leidig gegen Severing. Zu Beginn der heutigen Landtagssigung brachte der| lich viel getan und die ganze innere Berwaltung ist von feinen Stommunist Pied einen Dringlichteitsantrag ein, der der Regierung verbieten will, den ungarischen Kultusminister in Berlin zu empfangen. Der Antrag wurde begründet mit dem Schreckens regiment, das die Horthy- Regierung in Ungarn ausübt. Da Wider. fpruch gegen die sofortige Beratung erhoben wurde, mußte der Antrag vertagt werden. Das Haus trat sodann in die Beiterberatung des Haushalts für das Innenministerium ein, und als erster Redner nahm der Ver. treter der Deutschen Volkspartei, Abg. Leidig, das Wort. Er erklärte, daß er nicht gegen den Etat als solchen sprechen wolle, da dieser Etat ja noch unter Mitwirkung seines Fraftionsfreundes Dr. v. Richter aufgestellt worden sei. Aber er wendet sich gegen die Tendenz, die unter dem Minister Severing in der Verwaltung sich breit mache. Zum erstenmal, feit die Volkspartei aus der Koalitionsregierung ausgeschieden ist, sei er jezt in der Lage, seine wahre Meinung zu sagen. Das Innenministerium sei in Wirklichkeit das politische Ministerium des Kabinetts und deswegen fomme es besonders darauf an, wer an der Spitze dieses politischen Ministeriums stehe. Die jetzt im Ministerium maßgebenden Kräfte wollten gewiffermaßen eine neue Geschichte cufbauen, die seit 1918 datiere und alles, was vorangegangen fei, nicht fenne. Die Boltspartei wolle die Verbindung herstellen zwischen dem Alten und dem, was mun geworden. Severing fei aber Sozialdemokrat geblieben, und zwar ein parteimäßig gebundener Sozialdemokrat. Er habe für seine Partei außerordentDie Mission Kempners. Ueber die Ministersigung, in der Staatssetretär Dr. Kempner über Locarno berichtete, wird amtlich dieses veröffentlicht: Unter dem Borsiz des Reichsarbeitsministers Dr. Brauns traten die in Berlin anwesenden Reichsminister zu einer Sigung zusammen, in welcher der Staatssekretär der Reichskanzlei Dr. Kempner über den bisherigen Verlauf der Konferenz von 20carno Bericht erstattete. Staatssekretär Dr. Kempner, der im Laufe des Mittwochs wieder die Rückreise nach Locarno antritt, wird vormittags nach Erledigung seines Vortrages bei dem Herrn Reichspräsidenten seine Berichterstattung vor dem Reichskabinett, die nicht zum Abschluß gelangt ist, zu Ende führen. Die Mission Kempners scheint froß der gestrigen amt lichen Betonungen nicht nur darin zu bestehen, lediglich dem Reichspräsidenten und den in Berkin zurückgebliebenen Reichs ministern eine genaue mündliche Darstellung der bisherigen Berhandlungen in Locarno und ihres Ergebnisses zu geben. Vielmehr dürfte die Delegation wünschen, ähnlich wie feinerzeit bei der Londoner Konferenz, vor der letzten Entscheidung über ganz bestimmte Fragen die Ansicht des Reichs präsidenten und der Kabinettsmitglieder in Berlin zu kennen, um danach ihre endgültigen Entscheidungen zu treffen. Die Delegation in Locarno will sich dafür die 3u ftimmung des Reichspräsidenten und vor allem der deutsch nationalen Reichsminister sichern, die sie mit be stimmten Richtlinien zur Konferenz entsandt haben. Bon amtlicher Stelle wird nach wie vor erklärt, daß die Reise Dr. Kempners lediglich den Zweck habe, die telegraphische Berichterstattung aus Locarno, die doch nicht, ausführlich genug fein könnte, mündlich zu ergänzen; irgendwelche Be schlüsse würden bei diesem Anlaß nicht gefaßt werden Nachdem Dr. Kempner heute vormittag dem Reichspräfi. denten Vortrag gehalten hatte, sind kurz vor 12 Uhr die Minister wieder zusammengetreten und zwar unter dem Borsiz des Reichswehrministers Dr. Geßler, um die Fortsetzung der Kempnerschen Berichterstattung entgegenzunehmen. Da er schon heute nachmittag oder abend nach Locarno zurückreift, dürfte fchon aus zeitlichen Gründen eine Orientierung der Parteis führer nicht erfolgen, sie ist auch nicht beabsichtigt. Chamberlain zuversichtlich. Locarno, 14. Oftober. Der Sonderberichterstatter des WIB. meldet: Chamberlain empfing beute vormittag die englische Bresse und schilderte zunächst den gegenwärtigen Stand der Konferenzarbeiten und seine Eindrücke in bezug auf deren Verlauf. Er führte etwa folgendes aus: Er sei immer sehr bewußt zurüd haltend gewesen in der Form, in der er seine Hoffnungen für den Erfolg der Konferenz zum Ausdruck gebracht habe. Heute tönne er zuversichtlicher sprechen, wenn auch die end gültige Lösung aller Fragen, die in Locarno zur Diskussion stehen, noch nicht erzielt sei. Es sei bereits ein solches Maß gemeinsamer Vereinbarungen erreicht worden, daß beute feine Regierung mehr die Berantwortung dafür übernehmen könne, die Konferenzarbeiten zum Scheitern zu bringen. Die Abmachungen, die erstrebt werden, sind eindeutig reelle, feine Schimären. Die Arbeit der Juristen hatte nicht zum Ziele, die Aufstellung von Kompromißformeln zum Ausgleich der verschiedenen Meinungen zu finden, sondern die Festlegung von Fassungen, in denen die bisherigen Verein barungen tlar und ohne Interpretationsmöglichkeiten nieder. gelegt werden. Das erfreulichste an den erreichten Ergebnissen werde sein, daß fie night den Triumph einer bestimmten Kategorie von Ansichten Parteigenossen durchsetzt.( Buruf: Leider viel zu wenig!) Nein, nicht zu wenig. Wenn Sie die Personen ansehen, werden Sie vielleicht auch selber jagen, daß des Guten zuviel getan sei. Wir find selbstverständlich dafür, daß alle Parteien mitraten und mittaten follen.( Gelächter und ironische Zurufe.) Aber Sie können uns nicht nehmen, daß wir mit Wehmuf hängen an dem, was gewesen ist, und daß wir hoffen, daß eine andere Staatsform wiederkommt. ( Stürmische Zurufe.) Nun, die Sozialdemokraten halten doch auch die gegenwärtige Verfassung nicht für ihr Idcal. Wie können sie denn das von uns erwarten? Es kommt nicht darauf an, ob der einzelne Landrat gut oder schlecht ist. Mißgriffe sind auch früher porgefommen. Aber die Tendenz, die in der Ernennung solcher Landräte zum Ausdrud tommt, machen wir dem Minister zum Vorwurf. Der Minister ist ein Parteiminister geblieben, und wir wollen, daß an Stelle eine Parteiministers ein Mann kommt, der sich loslöst von seiner Partei und sich bemüht, alle Kräfte im Bolte, die guten Willens sind, für die Mitarbeit am Staate zu gewinnen, und die Jugend zu neuer Begeisterung führt. Da wir das Vertrauen nicht zu Severing haben, daß er diefer Mann werden fönnte, fo fönnen wir ihm das Bertrauen nicht aussprechen und zeigen durch unseren Antrag, daß wir Oppositionspartei find.( Bei foll rechts.) Der nächste Redner ist der Wirtschaftsparteiler Müller Franfen. und die Niederlage einer der beiden Seiten bedeuten werde, sondern natürlich erwachsen seien aus gemeinsamen Intereffen und gegenseitigem guten Willen. Chamberlain schloß mit den Borten:„ Ich hoffe, daß Locarno Europa den dauernden Frieden bringen wird." Grevesmühlen. Ein Tendenzurteil gegen republikanische Gesinnung. Mit Recht hat die legte Konferenz des Reichsbanners auf die skandalösen Zustände in der deutschen Justiz hingewiesen und ausgesprochen, daß deutsche Staatsanwälte und deutsche Richter in ihrem fanatischen Haß gegen alles Fortschrittliche sich zu einer Einseitigkeit haben hinreißen lassen, die geeignet ist, den Rest ihres Ansehens im In- und Auslande zu untergraben. Daß diefer Borwurf berechtigt ist, beftätigt das foeben verkündete Urteil im Mecklenburgischen Landfriedensbruchsprozeß. Der Prozeß ist nicht mit Unrecht als ein Prozeß mit verkehrter Front" bezeichnet worden. Der Anklage lag eine einfache Rauferei zwischen Roßbachern und Reichsbannerleuten zugrunde. Eine sozialdemokratische Wahlver. sammlung war zu Ende. Die Besucher zogen, wie ein Polizeibeamter ausdrücklich betonte, auffallend ruhig nach Hause. Dabei haben einige Jungens an die Fenster des Café Reichert, das das Stammlokal der Bölkischen ist, geflopft. Das Klopfen fann nicht sehr laut gewesen sein, denn weder die Wirtin, noch zwei bei den Roßbachern sitzende Damen haben etwas gehört. Die Roßbacher faßten dies als eine Bedrohung auf und stürzten mit 15 bis 20 Mann auf die Straße, fielen über die friedlichen Passanten her, schlugen sie in die Flucht und verfolgten sie etwa 50 Schritt weit. Dabei wurde einem Arbeiter ein Revolver auf die Brust gefeßt. Er wurde geschlagen und unflätig beschimpft. Ob sonst noch Gewalt. tätigkeiten begangen worden sind, ist nicht festgestellt. Er wähnt muß jedoch werden, daß drei der völkischen Zeugen auf die Fragen: Hatten Sie Waffen? Haben Sie geschlagen? Haben Sie andere bedroht und verfolgt?" die Aussagen verweigerten. diesem Angriff der 20 Böltischen ein Land. Die Verteidigung wies mit Recht darauf hin, daß in friedensbruch liege. Die Staatsanwaltschaft meinte jedoch, das Klopfen an die Fenster stelle eine Be drohung dar. Das Herausftürmen der Bewaffneten und In einer anschließenden Aussprache ergab sich der Eindruck, daß die 50 Schritt weite Verfolgung sei nur die erforderliche In einer anschließenden Aussprache ergab sich der Eindruck, daß Abwehr eines gegenwärtigen rechtswidrigen Angriffs. In nach englischer Auffassung ein gewisser Optimismus auch der Menge verbreitete sich nun das Gerücht, ein Arbeiter sei in bezug auf die Frage der Oft Schiedsverträge vorherrsche, von den Bölkischen mißhandelt und sogar mit in ihr Quartier für die Chamberlain unter Betonung auf das englische Des verschleppt worden. Das letztere hat sich als unrichtig heraus. intereffement seine und Cecil Hursts gute Dienste als Bergestellt. Einige Reichsbannerleute eilten zur Herberge, wo mittler auf Anfuchen beider Teile zur Verfügung gestellt habe. Auf die Bölkischen untergebracht waren. Zahlreiche Unbeleiligte, die Frage nach dem voraussichtlichen Endtermin der Konfe besonders Frauen und Kinder, schlossen sich als Neugierige ren3 meinte Chamberlain, er fönne zwischen Sonnabend und an. Noch standen die Leute tatenlos auf dem Sedanplay. nächsten Dienstag liegen. Er unterstrich im Zusammenhang mit Man beriet, was man tun fönnte. Da stürmte plöglich wieder bestimmten Fragen die außerordentliche Bedeutung der Arbeit ein Trupp Roßbacher heran. Aus dem Revolver, der bei den der Juristen aller Länder, die sich den wärmsten Dank und die Völkischen beschlagnahmt wurde, fielen zwei Schüsse, und dann höchste Anerkennung verdient hätten. Ihre Arbeit sei zeitweilig ging es mit Hurra auf die völlig überraschte Menge, die wichtiger gewesen als die der Politiker Heute nachmittag feine Vollfihung. Locarno, 14. September. Der Sonderberichterstatter des BIB. Locarno, 14. September. Der Sonderberichterstatter des WTB. meldet: Der heutige Vormittag war wieder mit der Arbeit der Juristen, die vorwiegend den Westpakt betrifft, ausgefüllt. Gutem Bernehmen nach dürfte die auf heute nachmittag ange fette Bollfigung ausfallen, da die Arbeiten der juristischen Sachverständigen noch nicht soweit fortgeschritten find, um in der Bollfigung den Hauptdelegierten unterbreitet werden zu können. Dagegen werden im Berlaufe des Nachmittags auf jeden Fall per sönliche Besprechungen zwischen den einzelnen Delegationen fortgesezt werden. Der Reihstanzler machte heute vormittag dem polnischen Außenminister Graf Gfrannsti seinen for mellen Gegenbesuch. Ein Preffebankett. Donnerstag nachmittag veranstaltet der Internationale Verband der Journalisten beim Bölterbund im Grand Hotel in Locarno ein Pressebantett zu Ehren der Hauptdelegierten. Diese werden, soweit es mit den Arbeiten der Konferenz vereinbar ist, an dem Banfett teilnehmen, das aus Raumgründen auf 200 Personen beschränkt ist. Das Rheinland ein Asyl des Friedens. Paris, 14. Oftober.( WIB.) Der Sonderberichterstatter des Matin" in Locarno will auf Grund von Mitteilungen aus autori fierten Kreisen mitteilen fönnen, es bestehe im wesentlichen nur noch eine Schwierigkeit. Artikel 15 des Bölkerbundsstatuts gelte nicht für die Westpaktmächte, da er ja sage, daß die Mitglieder des Bundes ihre Handlungsfreiheit wieder erlangen, wenn der Rat des Bölterbundes nicht zu einer einmütigen Entscheidung ge lange. Frankreich, Deutschland und Belgien könnten aber, wenn diese Einstimmigkeit nicht erzielt werde, einen anderen Schiedsrichter wählen. Sie tönnten ihren Streit vor den internationalen Schiedsgerichtshof im Haag bringen, oder eine Sonder tommission ernennen, die den Streit schlichte. Sie könnfen alles fun, nur dürfen sie nicht zu den Waffen greifen. Die Rheinlendzone werde also nach dem zu schaffenden Vertrag ein Asyl des Friedens werden, wie die Schweiz der Tempel der neu tralität sei. Bürden die Ostverträge zu Garantiepaften aus. gestaltet, dann würden die Allianzverträge, die man ge schloffen habe, hinfällig, und Europa fönne an feine 26. rüstung benfen. Romme man nicht dazu, dann werde im Osten Europas die Möglichkeit bestehen, einen regulären Krieg zu führen, nämlich den Krieg, den der Völkerbund im§ 15 des Statuts zu gelaffen habe, nachdem alle Schiedsgerichtsmöglichkeiten erschöpft feien. Aber die franzöfifche Garantie werde bestehen bleiben, natürlich sofort auseinanderlief. Aus diesem Borfall machte die Staatsanwaltschaft einen Angriff der Menge auf die völkische Herberge. Obwohl das Haus gar nicht berührt worden ist, obwohl der Herbergswirt und seine Frau aussagten, fein Mensch fei bedroht worden, sind die Bölfischen nach der Ansicht der Staatsanwaltschaft durch die Anwesenheit von Reichsbannerleuten auf dem Blaz so gereizt worden, daß fie ficht notwehr" befanden; sie hatten, wie die Staatsanwaltschaft sich klaffisch ausdrückte, das Recht, den Blaz frei zu finden und durften alle geeigneten Mittel anwenden, um dieses Recht durchzufetzen. Die Roßbacher begnügten fich aber nicht damit, den Play vor ihrer Herberge zu räumen. Sie verfolgten die fliehende Menge, bis sie von den drei städtischen Polizeibeamten angehalten wurden. Diese meldeten in ihrem Dienstbericht, daß ein Trupp von zirka 50 Mann mit aufgefrempelten Aermeln, Dolche und Seitengewehr in der hand, plößlich im Laufschritt die Lübsche Straße hinaufgefommen sei; als sie sich ihm entgegengestellt hatten, feien fie umringt und bedroht worden. Die Aufforderung, die Waffen abzugeben und zurüdsugehen sei mit Sohngelächter und Schimpfworten beantwortet worden: Haut fie doch auf die Schnuffe!" wurde ihnen in unverfälscht bayerischem Dialekt zugerufen. Jezt famen einige Reichsbannerleute heran und machten die Polizisten auf die Revolverhelden aufmerksam, die sich besonders bei der Schlägerei hervorgetan haben. Die Polizei versuchte, fie zu entwaffnen, die Bölkischen leisteten widerstand. Sie schlugen trop polizeilicher Verwarnung auf die neben und hinter den Polizisten stehenden Reichsbannerleute ein. Sogar ein Polizeibeamter er hielt hierbei einen Schlag über den Arm. Nunmehr riß auch den Reichsbannerleuten die Geduld. Sie gingen ihrerseits vor und verabfolgten den Roßbach- Leuten eine derartige Tracht Brügel, daß einige auf dem Blaze liegen blieben. Auch hier liegt natürlich nach Ansicht des Staatsanwalts die Schuld einzig und allein beim Reichsbanner. Wie soll man über die Dienstberichte und eidlichen Aussagen der Schuyleute hinwegkommen? Nichts ist einfacher als das. Die Schuhleute Rollmorgen und Ahrens haben ihre Prototolle aus Furcht vor der öffentlichen Meinung gefärbt! Auf den Einwand des Verteidigers Dr. Baerensprung, daß dann ein glatter Meineid seitens der Schußleute vorläge, schwieg das Gericht. Es brachte aber die Ansicht, daß die Schuhleute falsch geschworen haben, dadurch zum Ausdruck, daß es fünf Böllische aus dem Trupp, die angegeben haben, feiner hätte affen gehabt, sie seien nur im ruhigen Schritt gegangen, und die Polizeibeamten hätten gelogen, vereidigte. Mit Recht wies die Verteidigung darauf hin, daß hier in Grevesmühlen eine völlig neue Art der Prozeßführung auf- gekommen fei. Früher genügte ein Gendarm, um durch fein Zeugnis zehn Unbeteiligte als unglaubwürdig hinzustellen, und wenn es sich gar um Sozialdemokraten handelte, wurden 20 Eide als Meineid angesehen gegenüber einem Beamteneid. Hier hat das Gericht dieeidlicheAusfaae vondrei unbescholtenen Beamten für falsch erklärt zugunsten von fünf Leuten, die selbst das größte Interesse hatten, sich durch ihre eigene Aussage zu entlasten. Um das Bild zu vervollständigen, muß man noch die Art und Weife der ganzen Prozeßführung betrachten. Wir ver- weisen auf die Tatsache, daß drei Zeugen(Suerbier, Ieoe und Burmcister) unter Eid aussagten, ihreAussagen seien nicht richtig protokolliert, und zwar in wesent- lichen Punkten. Sie bättcn sich nie bestimmt ausgedrückt, sondern nur„gemeint' und„vermutet". Sie hätten auch niemand bestimmt erkannt, sondern stets nur Verdacht geäußert. Und so ging es auch in der Verhandlung. Der Herr Staatsan- walt jonglierte mit fabelhafter Virtuosität mit den Aussagen der Zeugen, und wenn die Verteidigung das Protokoll kon- trollierte, stellte sich auffallend oft heraus, daß in den Aus- sagen der Belastungszeugen abschwächende Worte wie:«ich glaube, ich meine, ich habe die Ueberzeugung" usw. weg- gelassen und dafür eine ganz bestimmte Ausdrucksform ge- wählt war. Heber die Grevesmühlener Unruhen ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Die Verteidiger haben neues, um» fangreiches Material, namentlich über die Tätigkeit der Roßbacher, jener nach dem Urteil des Staatsanwalts „harmlosen und friedfertigen Menschen" herbeigebracht, und werden in der zweiten Instanz die ganze Oeffenllichkeit in Deutschland auf jene skandalösen Zustände aufmerksam machen. Wir fürchten nur, daß es nicht zu einer zweiten Instanz kommt, und daß der Herr Staatsanwalt auf An- weifung der Mecklenburgischen Regierung den Greves- mühlener Fall nur deshalb so aufgebauscht hat, damit die Reichsbannerleute nach ihrer Verurteilung zusammen mktdenFememördernamne stiert werden können. verüunkelungsmanöver. Ter Skandal vom Garnisonfriedhof. Nichts zeigt besser die Umnögllchkeit und Unwahrhaftig- keit der gegenwärtigen Regierungsverhältnisis im Reiche als das Verleiten der Rechtspresse zu dem Skandal vom Gar» nisonsfriedhof. Diese Presse fällt jetzt mit den unflätigsten Be- schimpfungen über den„Vorwärts" und die übrige republi- kanische Presse her, weil sie es gewagt haben, die Republik gegen die monarchistische Herausforderung vom letzten Sonntag in Schutz zu nehmen. Beispielsweise stellt der„Tag" die Dinge so dar, als ob wir den Reichspräsidenten angegriffen hätten, weil er an einer Totenehrung teilnahm. Da seien die auf der Rechten doch bessere Menschen, denn als der Reichspräsident Ebert den toten Legion ehrte, hätte kein Mensch daran etwas ge- funden. Hindenburg aber werde wegen feiner edlen Hand- lungsweise„durch die Gosse gsschleift. Die„Kreuz-Zeiiung" schreibt, die Sozialdemokratie laufe �gegen den Staat Sturm" und reiße sich„die staatsfrvmme Maske vom Gesicht". Dann druckt sie nachträglich noch die Arm in-Rede mit der nicht unglaubhaften Versiche- rung, ihre Leser wurden cm ihr Freude empfinden. Es gehört eine unglaubsiche Dreistigkeit dazu, den Fall Ebert mit dem Fall Hindenburg zu oergleichen. Ebert ist mit den schmutzigsten Verleumdungen, die sich samt und sonders als erlogen erwiesen haben, zu Tod« gehetzt worden. Gegen- über dem gegenwärtigen Reichspräsidenten übt die republi- kanische Presse größte Zurückhaltung. Kein Mensch hat ihm einen Borwurf daraus gemacht, daß er an einer„Totenehrung" teilnahm. Unser Borwurf geht dahin, daß er an einer aus- G'Neill:„Gier unter Ulmen." (L e s s i n g t h e a t« r.) D« Weibsteufel geht wie ein lächelnder Engel zum Galgen. Das kann Zlbbie Putnam tun, obwohl sie ihr Kind umbracht«. Als der alte Cabot sich die blühend« Abbie auf seine Form holte, war er schon 73 Jahr«. Und es waren auf der Farm noch fein Sohn Eben, den der Alte wie ein Schinder behandelte. Der Alte jagt Sohn und Stiefmutter durch Berferkertum und Salbaderei ins' Sündenbett. Doch er, noch ein Säufer und ein Tänzer, meint, daß aus seiner Greisenlende dieser Sohn stammt, der einmal die Kühe un!»1ie Felder und das bequeme Haus erben soll. Derdammr, da kommt die ganz« Ehebruchsgeschichte und die halbe Blutschande an den Tag. Vater und Sohn ringen auf Tod und Leben. Beinahe ist es, als wenn der Junge unterliegen soll. Es kommt anders und zum großen Ge- ftändni«. Als der Sherif klopft, um die Kindsmörderin abzuholen, flellt sich der sündig«, von der Ehebrecherin verführte Sohn an die Seite der Frau, chosianna. trotzdem der Galgen bald zusammen- gehämmert wird. Und Sonnenschein über der friedlichen Landschaft. Amerikanisches Bauernleben, Goldklang aus Kalifornien, der in die Farm hineinklirrt und zwei muskulöse Söhne des Allen hinaus- lockt. Alle gehen aufs Ganze. Die Söhne nennen den Allen einen Esel und ein Stinktier. Der große, biblisch geladene Fluch des Alten. Berftecktss Geld wird aus der Kellerluk« gestohlen. Der' Junge läßt sich im Sterbezimmer der Mutter von feiner Stiefmutter verführen, und Leichenkerzen leuchten dazu. Der Alle stampft in Holzschuhen. daß die Wände dröhnen. Bei der Kindstauf« ist die ganze Dauern- schoft besoffen. Der Alle redet aus dem salomonischen Psalter, wenn er die blühende Abbie für sein Bell gewinnen will. Schönherr in der Prärie. Milieu mit schreienden Farben und Worten. Eine Bühne, die O'Neill selber aufbaute, indem er vier Räume aus der viereckigen Hintsrwand der Bühne herausschneiden ließ. Und die Ulmen beschatten das Gebäude, in dem Daterhaß und Ehebruch und Kindsmord geschehen, mit ewiger Ruhe. Die Kontraste sind stark, überall volkstümliche Wirkungen. Die Psychologie der Menschen ist von einem väterlichen Derklärer der Leidenschaften gesehen. Ein Dialog, der im Urtext dialektisch gefärbt ist und der trotz der ent- mannenden Umschmelzung ins Hochdeutsche noch immer oerrät, daß viel Saftigkeit in dem Amerikaner lebt. Er ist wirklich so etwas wie ein transatlantischer Schönherr. Er verschmäht es auch nicht, mitten- durch im Ganghoserfchsn Lcderhosendialekt zu dichten. Dann aller- dings hört man nicht mehr die Natur, sondern nur noch«in« tüchtig« Aühnenholzerei. B e r t h o l d Viertel hat das Stück kräftig inszeniert. Allerding» halfen ihm Gerda Müller. Paul Wegen« und Lothar Müthcl. Ein tolles Frauenzimmer, diese amerikanische Farmerin, die Gerda Müller spielt. Ihr Lächeln, Ihr Locken, ihr verführerisches Räkeln, endlich ihre Verzweiflung und ihr Entschluß, den letzten Büßgang mutig zu gehen, das find alles Wandlungen, die der Künstlerin vor- züglich gelingen. Herr W e g e n e r liebt es. diese grimmen Unhold« mit dem unergründlichen Herzen darzustellen. Wundervoll füllt er den Raum, seine Red«, die dickflüsfig und dunkel aus dem Tiesstcn stammt, all dieses Gedrungene und Gespannte entspricht volllommcn semer Natur. Hott« man einstmals gefürchtet, daß Lothar M ä t h« l allzu rhetorisch und süßlich heldenhaft werden könnte, so freut man sich heute bei der Feststellung, daß dieser Sünstler die gesprochen monarchistischen, d. h. im Simr? der Verfassung staatsfeindlichen Kundgebung teilgenommen hat. Unser Vorwurf geht dahin, daß die Reichswehr zur Teil- nähme an dieser Kundgebung kommandiert wurde. Unser Vorwurf geht schließlich dahin, daß in Verlin mit amtlichem Pomv ein Denkmal eingeweiht wird, das den Gegnern Deutschlands im Krieg Rache ankündigt, während die Rc- gierung in Locarno über Verträge zur Beseitigung jeder Kriegsgefahr verhandelt. Wer das nicht versteht, versteht es nicht, weil er es nicht verstehen will. Wer das nicht versteht, beweist damit, daß er dem gegenwärtigen deutschen Staatswesen, der Republik, mit unveränderter Todfeinschaft gegenübersteht. Eine solche Feindschaft, dokumentiert von der Presse der„größten Regie- rungspartei", zeigt, wohin der Weg geht. Die Regierung, die dazu berufen ist, die Verfassung zu schützen, läßt Kundgebungen wie die vom letzten Sonntag nicht nur zu, sondern verleiht ihnen noch durch die Beteiligung des Rsichsoberhauptes und der Reichswehr offiziellen Charakter. Dadurch setzt sie sich mit ihnen Pflichten in den schärfsten Widerspruch und ruft m der repubsikantsch ge- Sinnten Bevölkerung eine Stimmung gegen sich hervor, die mrch den Ausdruck„schärfstes Mißtrauen" noch viel zu ge- linde gekennzeichnet ist. Sie schafft eine Deunruhi- g u n g. die über kurz oder lang zu verhängnisvollen Ereig- nissen führen muß. Dafür trägt si« die Berantwortung, sie ganz allein!_ Repubiikscheu im Runüfunk. Nichts von Preust. Unsere Leser werden sich erinnern, daß wir anläßlich des Todestages von Walter Rathenau berechtigten Protest dagegen eingelegt haben, daß der Berliner Rundfunk die an diesem Tage stattgefundenen großen Demonstrationen des Reichsbanners vollständig ignorierte, während ex sich sonst— gut deutsch ge- sprachen— um jeden Dreck bei seinem posttischen Nachrichtendienst kümmert. Di« Herren in der Potsdamer Sttaße hielten es auch gestern abend nicht für notwendig, der großen Trauerfeierlich- leiten für den früheren deutschen Reichsminist« Hugo Preuß auch nur mit einem einzigen Worte zu gedenken, erwähnt wurde nur in einem winzigen Sätzchen die Ansprach« des Landtagspräsi- deuten Bartels zu Beginn der Landtagssitzung. Ist de» Herren unbekannt, daß Hugo Preuß der Schöpfer der deutschen Reichsverfassung ist? Haben sie die Trauerfeierlichkeiten deshalb ignoriert, well diese Derfassung zu ihrem Bedauern eine republikanische ist? Im Auftrage der Rcichsregierung hat Herr Brauns am Sarg« von Hugo Preuß gesprochen. Hat Herr Schiele dem Rund- funk verboten, mitzuteilen, was ei gesagt hat? Gibt es für ein Institut, das unter der Oberaufsicht des gegenwärtigen Reichsinnen- minister» steht, in der Taktlosigkeit überhaupt keine Grenzen? vor neuen Gptantenausweisungen. Kein Entgegenkommen Warschans— trotz Loearuo? Nach dem Wiener Vertrag zwischen Deutschland und Polen muß vor dem 1. November wieder eine Anzahl deutscher Optanten Polen oerlassen. Es handelt sich um etwa 2 0 0 0 Besitzer von Grund und Boden in den Grenz- gebieten und in den Festungsrayons. Das Lager in Schneide- mühl, das im Juli die erst» Gruppe der Optanten aufge» nommen hatte, steht wieder zum Empfang bereit. Polen stützt sich auf das f o r m a l s R e ch t. Es hat sich weder durch den Schritt des deutschen Gesandten in Warschau. noch durch den einhelligen Protest des Reichstages davon ab- bringen lassen, von der Ausnutzung seines Vertragsrechts Ge- brauch zu machen. Skrynsti erklärte damals, die polnische Regierung verstehe nicht, daß dadurch Schädigungen in den Beziehungen der beiden Völker eintreten würden. Aber Polen ist zur Ausweisung der Optanten nicht gezwun- wirkliche Geschmeidigkeit und auch die tragische Anmut besitzt, um junge Menschen mit einem schweren Schicksal dem Herzen des Zu- schauer» nahezubringen. Ein Stück, das erfolgreich war. Schauspiel«, die hohe» Lob ver- dienen. M. H. piranöellos zweiter fibenö. Das Pirandella-Ga st spiel im Staatlichen Schauspielhaus bracht« gestern ein in Berlin nicht gespieltes Werk ves ftalienischen Dichters.„Heinrich IV." ist ein historische», in die Gegenwart versetztes Drama aus dem Mittelall«. Bei einem Fest steckt sich eine Gesellschaft in die Kostüme vom Hos des un- glücklichen deutschen Kaisers, und der Darsteller Heinrich« IV. büßt durch einen Sturz auf den Kops seinen Versland«in. In seinem Wahn hält er sich wirklich für den Kaiser und führt, von vorgeb- lichen kaiserlichen Räten umgeben, durch zwanzig lange Jahre das von der Geschichte vorgezeichnete traurige und zerrissene Leben des Herrsch«?. Bei Beginn de, Dramas erscheinen die Teilnehmer der einstigen Maskerade in Begleitung eines Arzte», teils aus Reu- gier, teils aus Mitleid und im Bestreben, dem Unglücklichen zck helfen. Da stellt sich heraus, daß er schon vor acht Jahren aus Sinem Wahn«wacht ist, seiner Umgebung gegenüber aber seine olle wefterspiell. Auch das wirklich« Leben— da» ist seine Philo- sophi«— stellt nichts anderes vor, als«ine große Maskerade, wo einer nicht die Tür zum Herzen des anderen findet, well sich beide nicht so geben, wie sie wirklich sind. Welch ein Reich dagegen, aus der fernen Zeit, aus dem sicheren Hafen der Geschichte die heutigen, 800 Jahre späl« hastenden Menschen in ihrem unruhevollen. un- sicheren Streben zu beobachten! Auch in dieser Tragödie funkell Pirandellos an» Bizarre und Groteske streifende Phantaftif, die überrascht und irgendwie an unser Inneres greift. Er hat gewiß«in originelles Thema an- geschlagen, ab« seine grüblerische Logik, so bunt und leicht sie sich anhört, wird hier zur Tüftelei. Pirandello voltigiert mit Einfällen und scheinbar tiekgründigen Problemen. Ein festes und überzeugen- des Gedankengebäude entsteht daraus nicht. Dem Meister der theo- tralischen Wirkung gelingt es auch nicht, seinen Stoss dramatisch auszugestalten. Die Tragödie erscheint al» konstruktive Zusammen. stellung von Einzelgesprächen. Und manch« von ihnen ermüden. Der Regisseur Pirandello vermag nicht sein« Truppe den Fimten zu vermitteln, der über diese Schwäche des Stücks hinweg- greifen könnte. Wie ein akademischer Dortrag wirkt der Dialog. Nicht etwa, als ob der Eindruck eingelernter Deklamation ensstllnde. Dazu haben die Schauspieler zuviel Theaterblut, aber die Worte strömen nicht aus-ihrem Herzen. Trotz allem- Temperament bleiben die Italiener Mimen. Bon der Bühne her senkt sich ins Parkett das Gefühl der Leere und Kälte. Bei langen Zwiegesprächen stehen die übrigen Darsteller fast hilslos auf der Szene. Bon einem nur spinnen sich Fäden ins Publikum, vom Heinrich des Lamberts Picasso. Man glaubt diesem die tllfllerlsche Ueberspanntheft seines Wesens. Echt und beinahe spukhaft grausig wirken die Au»- bräche des gespielten Wahnsinns. Die plötzlichen Ueberoänge von Geducktheit und Herrschertum finden in ihm erschütternd« Gestaltung. Der Gewinn des Pirandello-Gastspiels scheint der Schauspieler Picasso zu sein, von dem der Deutsch« manche seine Nuance lernen kann. ik. Dgr. g e n; Deutschland hat oft genug zu erkennen gegeben, daß es die Ausweisung polnischer Optanten nur deswegen vornahm. weil Polen voranging. Eine Wiederholung der Optantenousweifung im No- vember und eine zweite Wiederholung im Juli 1S2S, wo die übrigen Besitzer von Grund und Boden das Land verlassen sollen, würde die deutsch-polnischen Beziehungen abermals ver- giften und die innere Annäherung der beiden Völker er» schweren._ i Russische Freiheit. Sozialdemokraten im Gefängnis. Das kölnische sozialdemokratische Partelblatt, die„R h« H Nische Zeitung", hatte vor kurzem an die Rußlandsahrer lt. a. folgende Frage gerichtet:.Gibt es für die sozialdemokratischen Tlrbeiter in Rußland eine unbeschränkte Freiheit der Presse, der Versammlungen und der B e r bä n d e?" Die Moskau«„P r o w d a" vom 29. September antwortet daraus, daß diese Frage„veraltet" und„kurios" sei. da menschewistisch« Arbeit« in Rußland„nicht mehr vorhanden" seien. Frei- lich, gesteht die„Prawda", habe es sozialdemokratisch« Arbeiier früh« in Rußland gegeben; so sei im Jahre 1020„eine große menschewistisch« Fraktion bei den Buchdruckern" vorhanden gewesen. Hat etwa diese große Fraktion sozialdemokratisch« Arbeiter die erwähnten Freiheiten genossen? O nein, erwidert die„Prawda": „Damals haben wir den Sozialverrätern die Freiheit verweigert» die Revolution von innen zu sprengen." Gibt es aber in Ruhland wirklich keine Sozialdemokraten? Em- spricht es den Tatsachen, daß„die deutsche Arbellerdelegat ion sie überall gesucht, aber nirgends gesunden habe"? Gefunden hat sie sie frellich, aber wie die„Prawda" gesteht,— nur i m Gefängnis? Jetzt ist alles klar: Wenn Sozialdemokraten vorhanden sind, darf man ihnen keine Freiheit geben. Wenn sie nicht mehr vor- Händen sind, hateskeinenZweck. ihnen Freihellen zu gewahren. Aber damll sie nicht vorhanden sein sollen,— setzt man si« ins Gefängnis. Und wie nun die„Prawda" v«sichert, sind die im Gefängnis etngeschlossenen Sozialdemokraten mit dies« Methode „völlig e i n v« r st a n d« n". Welch ein idyllisches Land ist doch das russisch« SowjÄparadies! Die belgilcbe Zmanzreform. Scharfe Kritik de Brouckdres. Brüssel, 14. Oktober.(Eigen« DrahtberichtJ Der Generolrat der Arbellerpartei beriet am Dienstag über die politische Lage, ins- besondere über den Frank-StabUisierungsplan der Regierung. liefen Eindruck macht««In heftiger Angriff des Genossen de Droucksre gegen den Regierungsplan. Dieser bezwecke ln Dirk- lichkell nicht eine Stabilisierung, sondern«ine Frank aufwertung. was die schwersten Folgen für die Arbellerklasss und den Mittelstand haben würde. Ferner sei beabsichtigt, den Ertrag der auf» zunehmenden Auelandsanleihe d« Rationakbank auszuliefern zur Rückzahlung ein« eigentlich fiktiven Schuld des Staates. de Brouckere mahnt« zurDorfichtgegenüberdemFinanz- minister Janßen. der Direktor der Nationalbant war und es wohl wieder werde und d« vor allem die Jnteressen dieser Bank vertrete, Ueherhaupt sei«ln Bersuch der Sanierung durch eine Aus- landsanleihe gefährlich, wie die Erfahrungen anderer Länder bewiesen. Der erste Schrllt müsse das Gleichgewicht de» Budget» sein. Dazu bedürfe es ob« allerdings hoher Steuern auf den Besitz, dem sich die bürgerlichen Minist« und Parteien widersetzen.— Di« Diskussion wurde auf nächsten Dienstag»«tagt. Dann wird Minist« Genosse W a u t e r» antworten und verinutlich eine Kommission zur Bereinigung der Streit- frage ernannt werden. Dke Diskussion ist überaus wichtig, denn wenn die Mehrhell des Gennalrate» die ablehnende Hallung de Brouckere» teilt, können die sozialistischen Minister kaum in der Regierung bleiben. Gespenster im Rundfunk. Und zwar Ibsen»„Gespenst«. Packen sie hier? Oder vielmehr: Packen sie übnhaupt noch? Einen Akt lang, auch anderthalb, dann ist es aus. unwiederbringlich aus. Wo das" Ohr auf der Bühne nur Schwächen hört, spürt man beim Radio gleich Ueberschwächen. Radio ist KonzeMrationskunst; also e» müßte vor ollem so etwas wie eine raffende, straffende, streichende, gleichend« Rundfunkregie merkbar sein. Bannte den Stoff heut« ein« im Drama, er ginge ja auch mehr in die Tiefe als in die Brelle. Ab« dieses Drama würde von einem Heutigen kaum ge- Ehrieben werden können.— Stimmstärke und Stimmhall waren bei er Aufführung gut abgetönt. Die Männer gefielen: Flora th als Cngstrand, Braun als der junge Aloing, Ebert al» Pastor Mandcrs. Hedwig W a n ge l, die Mutter, war entschieden eine Fehlbesetzung: da war zuviel Pose im Wort, nur der Mund war zu hören, nicht das Herz zu spüren; einmal muß es— trotz des großen Namens— gesagt werden: die fünfzehn Jahre Bühnenentsagung scheinen künstlerisch kein Fortschritt gewesen zu sein. Und wer hat Felix Hotländer zu einer s o banalen Einführung veranlaßt? Dos Ganze ist, besonders wenn man bedenkt, daß Wedekind und Strindberg im Dramenzyklu» später folgen sollen, immerhin ein Fortschritt: Neulich war ein ganzer Abend Rudolf Baumbach ge- widmet.... orgo. Das Problem der volomltblldung gelöst? Man hat bisher die Dolomlle teilweise als vulkanisch« Ausbrüche, teilweise als Korallen- risse der Urzeiten angesehen, ohne daß«ine dieser Erllärungen ein- leuchtend zu beweisen gewesen wäre. Nun scheint Professor Michael Nösza(Graz) das Problem sowohl theoretisch wie experimentell gelöst zu haben. Er führt die Entstehung des Kalks, des Doloniits und der Eisenkarbonatablagerungen darauf zurück, daß sie sich am Rande des Meeres als chemische Lagunensedimente abgelagert baben. Parallele Erscheinungen zeiaen sich heute an den östlichen Küsten des Kasvifchen Meeres. Rösza stellt die Randgebiete des Meeres, wo die Ablagerungen erfolgten, von Tirol bis nach Nordungarn in einem einheitlichen Zuge fest. Die Entdeckung ist auch von praktischer Bedeutung: wenn diese Ablagerungen nicht durch vulkanische Kräfte entstanden sind, so kann die außerordentlich kostspielige Tiesbohrung»- r.icihode im Bergbau v«mieden und Magnesit und Eisenerze können in der Längsrichtung der Uferränd« d« Urmeer« gesucht werden. «Msssplele be» 7>!o,kinl« Kilnkllrr-rhealer»— Musikalische Sühne im Bettln« Ihea'er. Von den zur Aussührnna gelangenden Werken werden mir je zwei bi» drei Wiederholungen stattfinden.„Lysiltrata-(Erstauk- iübrung grestagi wird auch am t?., t8. und 20. Otiober gegeben. Am t». Oktober zum ersten Make»Carmencita und der Toldat". Zm Üsindworth-Scharwenkolaal tanzt am IS. Oktober. LUbr. Taljana Barbcktosf n. a. au» einer illt-Mo« kauer Suite. Parodie aus vadeiSmuS, KudiSmnS. Expressionismus, Wege zur Srost und Schinheit, Skizze einet chinesischen Schauspieler». laqmiz de» Verein» gege» de»«lkodosiimu». Der Deutsche Verein gegen den AlkoholiSmuS tagt zum dritten Male in Schleswig-Holstein und zwar in Kiel vom t. bi» 4. November. (bin Riesenflugzeug trn verkehr London-var!». Auf der Strecke Pari» — London wild ein locben snliggesiellies Rlefcnflugzmg in Dienst gestellt werden, da» mit zwei Motoren von 600 La. ausgerüstet ist und da» größte Flugzeug darstellt, da» je für VcrlchrSzwecke verwendet wurde. Di» Bemannung besteht au« vi« Personen. Da» Flugzeug kann 24 Per. fönen befördern und wird eine Stundengeschwindigkeit von ISO Km. haben. Reine Aufwertung in Ungarn. Der Entwurf der Rechtsregierung. Lumperei. Brutalität ohne Ungarn geht eben zur Goldwährung über. Wie in Deutsch land hat die Währungsstabilisierung auch in Ungarn zu Aufwertungsforderungen der Sparer, Rentner. Banftunden geführt. Man hoffte nach dem Vorgang Deutschlands auf eine bescheidene Aufwer tung der noch im Berkehr befindlichen 3 Milliarden( von 9 Mil liarden) Kriegsanleihe und weiterer 6 Milliarden Sparerforderun gen an Staat, Kommunen und Private. Aber in Ungarn waren und sind die Grundbesizer ander macht. Sie brauchen feinen 100prozentigen Aufwertungsrummel. Sie haben schon die Ministersessel; sie haben auch schon ihren Horthy. So brauchten sie aus ihrem Herzen feine Mördergrube zu machen. Sie lehnen von vornherein jede Aufwertung ab. Anders als ihre deutschnationalen Brüder in Deutschland, denen ihr Boltsbetrug erst nach der größten politischen Gesinnungslumperei glückte. Strausberger Volksfest. Man hat die Breffe eingeladen, also muß es wohl etwas ganz Besonderes sein. Dieses Boltsfest auf der Rennbahn mit allerlei Vorführungen, mit warmen Würstchen, kandierten Nüssen, aber ohne jede Festkultur ist es das? Plöhlich kracht eine Salve, das Beichen für Ihn, für Jack Blizzard, den brennenden Teufel. Es ist dunkel geworden, Scheinwerfer waren nicht aufzutreiben, mun gestaltet sich die Sache ganz romantisch, ganz feierlich: ein langer Bug umwandelt im Mondschein das Riesenrund der Rennbahn, Doran Jad Blizzard, dann die Ehrenjungfrauen, Feuerwehrleute mit Bechfadeln, zum Schluß die Zivilisten". Schließlich wird Halt gemacht vor einem zwanzig Meter hohen Gerüst, das soll Blizzard erflettern, zehn Meter springt er, eine Feuersäule, durch die Luft, zehn Meter rutscht er dann auf einer Bahn entlang, unten durchschwebt er bligesschnell einen fleinen Tunnelbogen, um sich dann den staunenden Zuschauern als Gentleman", wie das Programm verheißt, zu präsentieren. Es ist unheimlich buntel, wie Blizzard ben Turmmast erflettert, selbst der Mond ist hinter Wolfen ver. fchwunden, nur die pflichteifrige Feuerwehr spendet mit ihren Fadeln armfeliges Licht. Die Zuschauer zittern faft in der Ungewißheit, ob unter fo ungünstigen Borbedingungen das Wagnis gelingen wird, felbst der Manager scheint nicht ganz fiegesficher zu fein- los! Blizzard, vorher mit Benzin begossen, icht in Flammen gefeßt, lobert auf, er fpringt, burchfaust tometengolden die Luft- Sekunden frâter steht er vor uns, mit Frad und 3ylinder, gesellschaftsfähig fozusagen. Die Leidenschaften der Menschen sind nicht immer einfach zu begreifen. Der ungarische Finanzminister hat über die Grundzüge des Balorisierungsgefeßes", wie das Aufwertungsgesetz dort genannt wird, sich ausgesprochen: die Aufwertung wird grundsätzlich abgelehnt. Für die Kriegsanleihen, die sonstigen öffentlichen Schulden, die Hypotheten, die Pfandbriefe, ob ländliche oder städtische, die Spareinlagen, Bersicherungsprämien und Privatforderungen. Aus voltswirtschaftlichen Gründen, um die Sanierung nicht zu gefährden, aus Berechtigteitsgründen um die Spetulanten nicht zu begünstigen, aus technischen Gründen, weil die Scheidung der Schafe und der Böde nicht möglich sei. Man fieht, in Ungarn hat man die Gründe van vornherein zur Hand, Dann veranstaltete am gleichen Abend die Nationale Landes. die man in Deutschland erst nach dem Gimpelfang entdeckte. Denn bühne Berlin" einen„ Deutschen Abend". Blizzard war noch nicht man ist schon an der Macht. Man fann von vornherein die genug, auch das muß mitgemacht werden. Der Berein ehemaliger großen Drei beschwören, da es eigene Interessen zu schüßen gibt: Waffengefährten hat den„ Borwärts" allerdings nicht eingeladen bas Allgemeinintereffe, die Gerechtigkeit, die technische Unmöglichkeit. und der Herr Intendant Jenner tat es auch nicht. Im Gegenteil, Und man fann doch ein gutes Herz beweisen: man lehnt die Auf der Eintritt foftet für die Strausberger so viel faft, wie für die wertung grundsäklich ab, weil die Grundbefizer und die In Berliner ein Boltsbühnenbillett; Gemüt und Geschäft, mir kennen dustriellen mehrere Milliarden aufzuwerten hätten, aber man er die schwarzweißrote Weise. Im zweiten Teil ist das deutsche Ideal mächtigt den Finanzminister zur Wohltätigtfeit. Es wird auf der Bühne aufgebaut: Pfarrer, Soldaten, Fahnen, die Germania charitativ valorifieri"; bas ist der zweite Grundzug der ungarischen und ein Mann mit einem Jägerhütchen, alle find der Meinung. Aufwertung. Wo der Zeichner von Kriegsanleihe durch die Entfäme Bismard heute auf Erben, bann müßte es doch anders wertung der Strone wirtschaftlich zugrunde gegangen ist; wo Mündel werden. Und siehe da, Bismard fühlt sich auch wirklich ins Heim gelber vernichtet worden find. Selbst die Bohltätigfeit aber ber Strausberger Waffengefährten beschworen und ruft Schnell ein hat ein Ende, wo die wirtschaftliche Existenz oder Münbelgelber burch Schmert herbei und sprengt die Stetten rasch entzmei!", morauf bar Die Entwertung Don Sypotheten zerstört morden sind; denn Friedensengel befeligt in Bismards Arm fintt. Endlich haben sie biese gingen eventuell vielleicht, möglicherweise zu einem Teil auf sich getriegt, bie beiden gehen durch die Mitte ab, wohl mit bem Roften jener Schuldner, bie Parlament und Regierung ohnehin Blan, fiegreich Frankreich zu schlagen. schon beherrschen. Wozu denn auch! Die deutsche Sozialdemokratie hat, bevor der deutschnationale Gimpelfang im Namen der Reinigung und Läuterung des deutschen Baterlandes losging, den Sparern und Rentnern nichts vor gemacht: aus boltswirtschaftlichen, Gerechtigkeits- und technischen Gründen. Den von der Inflation Bugrundegerichteten sollte in meiteftem Umfange geholfen werden, nicht durch Wohltaten eines Bartelministers, sondern durch ein sozialpolitisches Gefezes. wert, bas bie Ehre der Opfer nicht mit Füßen tritt. Diesem poltswirtschaftlich vernünftigen, gerechten und technisch erreichbaren 3wed sollte jebe Aufwertung dienen. Aber die Industrie- und Agrarbarone brauchten die 3ölle, die Macht, die Regierung, einen politischen Erfolg: Hindenburg. Das Bolt, die Rentner bie Sparer waren das Karnidel. Daß sie es nicht hundert, sondern nur fünf undsiebzigprozentig wurden, mußte die Sozialdemokratie den Be trügern erft abfämpfentan Die Geschichte ist lehrreich. Sie ist auch ein Erfolg, nur nicht für thre Urheber. Weder in Deutschland noch in Ungarn. Sonbern für die Arbeiterschaft hier wie dort. Wir fönnen es abwarten. Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Internationaler Kongres in Paris. Bom 3. bis 9. Oftober tagte in Paris die Internationale Ber einigung zur Bekämpfung der Geschlechtstrantheiten". Dieser Ber. einigung gehören aus 33 verschiedenen Ländern Vereine an, die sich bemühen, der Ausbreitung der Geschlechtstranthelten entgegenzuwirten. Von der deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Ge schlechtstrankheiten nahmen Dr. Jadassohn, Dr. Roei. mann und Dr. Sonnemann an der Tagung teil. Die Berichte der Delegierten ergaben, daß in einigen Ländern die Syphilis sehr erheblich zurüdgegangen ist. Besonders für Dänemart, Schweden, die Schweiz und Belgien trifft das zu, während die Kongreßteilnehmer aus Frankreich und Deutschland längst nicht so günstig berichten fonnten. In allen Ländern wurde die Aufklärungsarbeit energisch be. trieben. Günftig wirfte außerdem noch die Besserung ber Behandlungsmethoden, durch die es jetzt gelingt, die ansteckenden Erscheinungen der Syphilis schneller zu beseitigen als früher. Die unter internationalem Gesichtspunkt besonders wichtige Frage der Verbreitung der Geschlechtsfrankheiten durch Seeleute wurde lebhaft erörtert. In fast 200 Hafenstädten haben die Seeleute Gelegenheit, tostenlos ärztliche Behandlung in Anspruch zu nehmen. In der Beurteilung der Prostitutionsfrage hat sich nach den Berichten in fast allen Ländern in den letzten Jahren eine Mandlung vollzogen. Immer größer wird die Zahl der Aboli tionisten, die eine polizeiliche Ronirolle der Brostituierten für zwedlos und ungerecht halten. Ein in Borbereitung befindlicher franzöfifcher Gelegentwurf will die Reglementierung der Brostitution aufheben, in ähnlicher Weise, wie das auch durch das deutsche Gefes zur Bekämpfung der Geschlechtstrantheiten ge. schehen soll. Die günstigen Berichte, die auf dieser Tagung speziell aus Ländern tamen, in denen Geseke zur Befämpfung der Geschlechtstrantheiten bestehen, laffen auch für Deutsch land die Forderung immer bringenber erscheinen, daß endlich auch bei uns der Kampf gegen diese Bolfsfeuche durch die Berabschiedung des feit Juni 1923 fertig vorliegenden Gefeßes zur Befämpfung der Geschlechtskrantheiten gefördert wird. Eine Arbeiterhochschule in Wien. Errichtet von der Sozialdemokratie. Wien, 14. Oftober. Nach einer Meldung der Arbeiterzeitung beschloß die sozialdemokratische Parteivertretung, mit Hilfe eines Teiles des beim Verkauf der Hammerbrotwerte erzielten Betrages Sie soll bereits im eine Arbeiter hochschule zu errichten. Januar 1926 ihre Lehrtätigteit aufnehmen. Das Kriegsgericht Lütfich verurteilte den deutschen Schriftsteller Baul Ostar öder, ber als Hauptmann im August 1914 den Durchmarsch durch Belgien mitmachte, in Abwesenheit zum Tode und zum dauernden Aufenthaltsverbot in Belgien. Die Antlage marf ihm vor, am 18. August 1914 in Moresnet, eine Stunde von Aachen entfernt, den Befehl gegeben zu haben, einen Landwirt ohne Gerichtsurteil zu erschießen, weil in dessem Hause ein Gewehr hing. Trohfis Macht. Troßfi ist zum zweiten Borfizenden der Rommission für die Untersuchung der revolutionären Gefeßgebung im Sowjetbunde und für die Ausarbeitung von Maßnahmen zu ihrer Festigung ernannt worden, Nun, die Strausberger hängen feinen, sie hätten ihn benn. Aber was find das für Menschen, die bei Blizzard jubeln tönnen, die bei einer solchen Leichenbeschwörung in Etstafe geraten, die aber schweigen, wenn man ihnen das Brot verteuert und ihre Rinder auf neuen Mord zu drillen versucht? gir nehmen?" Sowohl unter den mitfferen und fleinen, wie auch unter ben großen Unternehmen gibt es pdrafitäre Existenzen. Es ist unmöglich, bei Organisierung der Mitglieder diese Frage zuerst zu entscheiden. Schließlich fümmern sich die Arbeitergemeinschaften auch nicht Barum, ob ihre Mitglieder etwa in Industrien arbeiten, kapitalistischen Gesellschaft werden immer ausgedehnte Produktionsdie man nicht als wirtschaftlich notwendig ansprechen tann. In der gebiete wirtschaftlich überflüssig sein. Infolgedeffen wird der Ber. band in allen Kreisen der Unternehmer werben und darauf dringen, daß der Kaufmann nicht scheel auf den Klein. händler und der Handwerfer nicht verächtlich auf den Hausierer oder auf andere proletarische Reineristenzen herabblidt. Die ih rungen wurden mit starkem Beifall aufgenommen. Für die Beamten, Arbeiter und Angestellten. Sozialdemokratischer Dringlichkeitsantrag im Roten Hause. In der Berliner Stadtverordnetenpersammlung ist folgender Dringlichkeitsantrag der sozialdemokratischen Frattion eingegangen: Die Stadtverordnetenversammlung möge beschließen, den Magiftrat zu ersuchen, mit größter Beschleunigung im Sinne ber im preußischen Landtag angenommenen Anträge Borschüsse an die Beamten, Angestellten und Arbeiter in Berüdfichtigung der besonderen Notlage dieser Arbeitnehmergruppen Heimann und Genossen." zu zahlen. Dieser Dringlichkeitsantrag wird voraussichtlich bereits die morgige Stadtverordnetenversammlung beschäftigen. Wähler- Versammlungen. Der Bezirt Tiergarten hielt am Dienstag im Rationalhof, Bülowstraße eine große öffentliche Frauenperammlung ab, in der Genoffin Stadtverordnete ledger prach. Sie gab einen furzen Rüblid auf den ich mußigen ber sich heute in noch schlimmerer Beise wiederhole. Wahlfeldzug der Bürgerlichen in den Jahren 1920 und 1921, Die Futtertrippenwirtschaft, die der Sozialdemokra tischen Partei vorgeworfen wurde, griff gerade nach Zustande. tommen des bürgerlichen Magistrats Play. Syftematisch wurden sozialdemokratische bewährte Berwaltungsbeamte abgebaut. Aber bennoch fann die fozialbemotratifche Partei stolz auf die Erfolge ihrer Kommunalpolitit fein, bie fid nach gähem Ringen mit den Bürgerlichen für das wohl ber Berliner Heimatstabt in vielen Fällen durchgefeht hat. heute arbeitet die Rechte bereits wieder mit ebenso gefchmad. losen, wie fälschenden Wahlplafaten, um die arbeitenden Massen irrezuführen. Statt des Abbaues ift eine Breissteigerung der Rebensmittel eingetreten. Die Mieten werden gleichfalls eine unererhörte Steigerung erfahren, fo daß die Berelendung der Arbeitnehmer in rafendem Tempo weitergehen wird. Vor allen Dingen muß auch Aufklärung in die Reihen der Leser der Rechtspreise getragen werden, die in verlogener Weise die Dinge so hinzustellen versucht, als ob nicht die Zölle, sondern die hohen Lohnforderungen(!) der Arbeitnehmer daran schuld feten.( Bfuirufe.) Das Bolf ist in der Zoll- und Aufwertungspolitit gemein betrogen worden. Aber auch der neue Reichsschulgelegentwurf stellt eine un erhörte Täuschung bar. Unter bem Dedmantel der Religion will man vornehmlich die Bolksschulen wieder unter die Oberheit der Geift. lichkeit stellen. Wohin das führen würde, haben wir vor und wahrend des Krieges hinreichend erfahren müssen. Darum heißt es: Macht die Stadtgemeinde Berlin zur wahren Republitaner, aufgepaßt! Behrt alle Angriffe madtpoll ab. aber fei bas Bort Bebels zugerufen:„ Nur die größten Kälber heimatstadt des arbeitenden Boltes. Den Indifferenten wählen ihren Maßger felber!" Großer Beifall banfte für die trefflichen Ausführungen der Rebnerin Bollendete Darbietungen des Gesangvereins Liedertafel- West beendete die Stundgebung. Die kommunistischen Wahlvorschläge. Endlich hat sich auch die Rote Fahne entschloffen, bie Wahl. boriläge der Rommunisten für die tommende Stadtverordneten Stadtverordnetenlichkeit wahl mitzuteilen. Diese Bisten bestätigen bie Richtigkeit unserer Ungaben, wonach alle augenblidlich maßgebenden Wortführer der fommuniftifchen Stadtverordnetenfrattion nicht wieder auf gestellt sind. So fehlt Mag Dörr, der unermüdliché Rufer in Streit gegen die Sozialdemokratie, es fehlt Herr Stolt, der eifrige Reiniger des öffentlichen Lebens. An Stelle von Dörr und Stolt HR Der gestolperte Herr Stolt. follen offenbar Baul Schwent, ber jegige Landtagsabgeordnete und Otto Gäbel, ber Obertonfusionsrat, die Führung der neuen RPD- Fraktion in die Hand nehmen. Bon bekannten Namen bleiben sonst voraussichtlich nur noch ber frühere Stadtrat eß und der Schuldirektor Goß übrig. Im übrigen arbeitet die KPD. offenbar mit neuen Leuten. Man weiß nicht, ob die neuen Leute den neuen Kurs ermöglichen sollen, den die D. jeßt einschlagen will oder ob die bisherigen Randidaten ihre Pflicht im Rampf gegen die Sozialdemokratie nicht poll erfüllt haben. Die Reinigung ist jedenfalls gründlich und für große Stärte der RBD.- Organisation spricht fie nicht. Abgelehnte Liftenverbindung. Heute morgen tagten in den einzelnen Berliner Bezirten die Ausschüiffe zur Feststellung der Listen für die Bezirksverordneten wahlen. Dabei ist, wie uns mitgeteilt wirb, im Bezirf il mersdorf gegen die Listen ber sogenannten Rationalen Wirt schaftlichen Bereinigung" und der Deutschen Mittelstandspartet von der Deutschen Wirtschaftspartei" Einspruch erhoben worden. Ein gleicher Einspruch war befanntlich beim zentralen Stadtwahlaus. schuß am Montag ohne Erfolg eingelegt. In Wilmersdorf ist aber biefem Einspruch mit brei gegen zwei Stimmen ftattgegeben worden, wobei der deutschnationale Stadtrat den Ausschlag gab. Dieses Berfahren ist für die Unparteilidh feit gewiffer Leute außerordentlich bezeichnen b. Im übrigen wirft diese Entscheidung im Bezirk Wilmersdorf die grundsägliche Frage auf, ob folch ein Einspruch nicht zentral behandelt werden muß. Es tönnie auf diese Weise dahin tommen, daß die Liste einer Gruppe in zehn Bezirten angenommen und in anberen zehn Bezirten abgelehnt wird, was sicher nicht bem Sinn bes Gefeßes entspricht. Daß es den besonderen Bedürfnissen bestiminter reattionärer Streife ent spricht, bedeutet noch lange nicht, daß dies Berfahren zu Recht geübt wird. Berbandstag fozialistischer Unternehmer. Der Verband sozialistischer Unternehmer hielt fürzlich in Dres ben seinen ersten Berbandstag ab. Nach Abwidlung interner Bereinsangelegenheiten und nach der Bestätigung bes alten Bor. ftantes wurde die Frage aufgerollt, ob der Verband noch weiterhin jeinen alten Namen führen sollte. Fast alle Diskussionsredner Sprachen sich gegen das Wort Unternehmer" aus. Abgesehen da beitenben hat, wird auch die Bezeichnung Unternehmerverband von, daß diefes Wort einen schlechten Klang in den Dhren aller Ar gewöhnlich in einer ganz anderen Bedeutung gebraucht, als fie auf murde von dem Gründer des Berbandes nur wegen feiner fchlagen ben Berband fozialistischer Unternehmer autrifft. Dieses Wort Einheitsverband jozialistischer anbels unb ben Kürze gemählt. Schließlich einigte man sich auf die Bezeichnung Gewerbetreibender und sonstiger Berufe. Die bis herige Abkürzung Efu" wird der etwas längeren Eichug" in Su funft weichen. Darauf hielt der Berbandsvorsitzende Gen. Blottfe ein Referat über das Thema Welche Berufe find als parafi tär zu betrachten und welche Rüdsichten hat unser Verband barauf Einen außerordentlich guten Befuch hatte die Bersammlung, in Beders Festfalen in Bris aufzuweisen. Zunächst furgch der Gen. Gutmidt; ber ein erfahredendes Bild der Groß Berliner Wohnungsnot gah. Er geißelte fajarf bas Berhalten der Baustoffinbustriellen und ber Bauunternehmer, die die Schuld an der Wohnungsnot nur der noch bestehenden 3mangswirtfájaft und der Riebrighaltung der Mieten zuschieben. Dann gab er eine recht eingehende Darstellung der fonderbaren geschäftlichen Beziehungen zwischen der Berliner Stadtfchaftsbant und des Pfandbriefamtes der Stadt Berlin sowie anderer Geldinstitute, die durch ihre Zinsenund Finanzpolitit zu einer maßlosen Berteuerung des Wohnungsbaues beltrügen. Scharfe Kritit übte er an dem Berhalten der Rechtsparteien in der Stadtverordneten. persammlung, die jeden Antrag auf Bereitstellung öffentlicher mittel für den Wohnungsbau abge. lehnt hätten. Diese Parteien waren es auch, die den Anlauf des für den Wohnungsbau so wichtigen Rittergutes Brig ablehnten, um diefen großen Flächenkompler einer Brivatfirma in die Hände zu ( pielen. Dr.- Ing. Wagner gab einen Ueberblick über die groß zügige Wohnungspolitif in anberen Städten, namentlich in Wien, und über die vielen Unterlassungsfünden, die von Reich, Staat und der Stadt Berlin in dieser Beziehung be. In ergreifenden Worten schilderte er ben gangen wurden. Leidensmeg, ben bie gemeinnügigen Baugenoffenfchaften zu durchwandern hätten, um das großzügige Wohnungsprojett in Brig weiterzubringen, und wie gerade immer wieder Don bürgerlicher Seite versucht wird, bem gemeinnügigen Wohnungsbau recht viele Snüppel in den Weg zu legen. Als letzter Rebner sprach Gen. Stadtrat Schröder, der die unglaublichen Lügen eines deutschnationalen Flugblattes mit Leichtigkeit zu widerlegen vermochte und auf die fegensreiche Tätigkeit unserer Stadt Schulräte Bauisen und Dr. Löwenstein hinwies. Die zahlreich erfchienenen Gegner von rechts fanden troß Aufforderung nicht den ut, auf die ungeheuren Anschuldigungen unserer Redner das Bort zu nehmen. In dem Prozeß der Holzfirma Gebrüder Himmelsbach gegen den Herausgeber des holzmarti", Otto Fernbach, wegen Beleidigung ist das Berfahren eingeftelt morben, weil nach Ansicht des Gerichts die Beleidigung unter die vom Reichspräsidenten erlaffene Amnestiererordnung fällt. Die Firma ist mit ihrem Ein ipruch hiergegen nicht durchgebrungen. Dagegen hat fie eine Schadenerfastlage gegen Fernbach anhängig gemacht, und in der Berfolgung diefer Klage wird die ganze Angelegenheit vor der Deffentlichkeit noch einmal aufgereilt werden. Eine Familie von acht Personen verbrannt. der legten Nacht gegen 2 Uhr im Gebäude der Oberfranti ie aus Marktredwig in Bayern gemeldet wird, ist in en Porzellanfabrit Bates u. Co. in Martileuthen Familie des Porzellanoberdrehers Martin Ganb, bestehend aus ein Brand ausgebrochen. Die im obersten Stodmert wohnende acht Bersonen, ist in den Flammen umgetommen. Erit im späten Bormittag tonnten die Feuerwehren des Brandes Ho werden. 40 Groß- Berliner Parteinachrichten. 6. Kreis, Kreuzberg. Seute, Mittwoch, The Saalfchus bet liesing. Basfer torstraße 68 ot.: Sente, Mittwoch, den 14 Oftober, abenbe 8 Uhr, Bablabebe bet inni Laufiger Str. 46.- Sebestreit, Reichenberger Str. 126.- Bletich, 28lexer Gir.& fa Bienziers, Reichenberger Str. 104 Tagesordnung: Praftische Fragen zur Durchführung der Wahlen. Beebeausschuß der Kommunalbeamten: Donnerstag, ben 18. Oftoben, abends 6 Uhr im Ratsteller, Blerabteilung, wichtige Besprechung. Gewerkschaftsbewegung Arbeitergeld nur in die Arbeiter bank! Der Gewerkschaftsfongreß in Breslau hat unter anderem folgenden Beschluß gefaßt: „ Der 12. Gewerkschaftskongreß der Gewerkschaften Deutschlands nimmt mit Freude Kenntnis von der günstigen Entwicklung, die die zufolge des Beschlusses des 11. Kongresses gegründete Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten A.-G. bislang genommen hat. Er fezt als selbstverständlich voraus, daß die Bank auch weiter hin und in stets wachsendem Maße im Interesse der Gewerkschaften und ihrer wirtschaftlichen Unternehmungen tätig sein wird. Um sie dazu instand zu setzen, empfiehlt er allien Gewerkschaftsverbänden und deren örtlichen Verwaltungen sowie Einzelmitgliedern, die Einrichtungen der Bant für ihre bantmäßigen Geschäfte zu benutzen. An die Mitglieder richtet er insbesondere die Mahnung, von den neuen Einrichtungen der Bank für den Sparverkehr möglichst reftios Gebrauch zu machen." Die Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten A.-G. dient nicht nur als Sammelstelle für die Gelder der Verbände und deren örtlichen Stellen, sondern auch als Sammelbecken für die Spargelder der einzelnen Arbeiter. Inzwischen hat die Bank eine Filiale in Hamburg im dortigen Gewerkschaftshaus eröffnet Außerdem hat fie Bahlstellen in München und Frankfurt am Main unter Mithilfe der Ortsausschüsse des ADGB. eingerichtet. Sie steht zurzeit in Verhandlungen mit den Ortsausschüssen einer großen Anzahl von bedeutenden Plähen Deutschlands, um mit deren Hilfe auch dort Zahlstellen zu schaffen. Das Auffanginstem wird auf diese Weise immer mehr verbreitert und die Bequemlichkeit der Einzahlung nicht nur für die Berbände, sondern auch für die einzelnen Kollegen vergrößert. Die speziellen Einrichtungen für das Sparwesen sind inzwischen soweit gefördert, daß schon in den nächsten Tagen eine Propaganda für die Aufnahme des Sparverkehrs einsetzen wird. Wir werden in einer der nächsten Nummern genaue Details angeben über alle in Betracht tommenden Arten des Sparens sowie über Zinssäge und bergleichen. Heute soll nur noch einmal der Mahnruf an alle gehen, sich bewußt zu roerden, wie wichtig die Einigkeit, die die Gewert fcheftsbewegung bisher stets zu ihren Erfolgen geführt hat, gerade auf dem Gebiete des Geld mesens ist. Das Vermögen des einzelnen Berbandes, der einzelnen Ortsverwaltung oder gar des einzelnen Kollegen allein bedeutet in dem Wirtschaftskampfe natürlich nichts. Ailes Geld der Arbeiterschaft und ihrer Organifationen zusammengefaßt, stellt eine Macht dar, die den größten tapitalistischen Mächten ebenbürtig ist. Vergessen wir das nie und feien wir uns bewußt, daß nur dann, wenn wir hier einträchtig zufammenwirfen, mir aus der Arbeiterbant das große entscheidende Hilfsmittel für uns schaffen fönnen in dem Kampfe um unsere Biele. Darum: Alles Arbeitergeld in die Arbeiter banf! Korruptionszulagen bei der Reichsbahn! Trotzdem die Deffent chleit das Leistungszulagen system der Reichsbahn als das bezeichnet hat, was es wirklich iſt, nämlich ein stormpierungsinften, wird es weiter gepflegt. Co. bald die Arbeiter einige Pfennige Lohnzulage fordern, wird sofort mit den rigoroseften Mittein gegen fie vorgegangen. Teno", Bahn schutz und Personalbetriebshilfsstelle in Bewegung gesetzt. Da fann es nicht genug fosten. Nunmehr wird eine Verfügung der Hauptverwaltung befannt, nach welcher die Hauptver waltung die Leistungszulagen um 7 Pro3. erhöht hat, gegenüber dem vorigen Vierteljahr. Die Zulagen verteilen sich auf die einzelnen Reichsbahn bireftionen wie folgt: Altona Berlin Breslau Erfurt. Effen . 151 400 M. . Caffel . Elberfeld. • • 174 800 m. 228 400 215 700 178 900 212 700 142 600 816 100 198 400 180 600 224 400 279 200 Königsberg. 111 900 Magdeburg.. 155 800 Mainz. Münster . • 114 700 " " " Oppeln Diten 116 800 . 121 000 . • Stettin 146 300 " Trier 76 600 " " Zentralamt Dresden TO " Stuttgart 28 900 344 600 180 100 " " " 4 " " " Karlsruhe Schwerin. Oldenburg Bayern • • 203 700 40 800 36 200 555 100 " " Frankfurt Halle Hannover Stöln • Insgesamt 4738 700 M. Diese 4% Millionen Marf hat die Hauptverwaltung neben den anderen Zulagen, wie persönliche, einmalige, laufende und Dußende anderer Zulagen also übrig. Noch interessanter wird dieser Skandal, wenn man sich die Verteilung dieser Gelder auf die oberen und unteren Berwaltungsgruppen anfieht: Nach dem Geschäftsbericht der Reichsbahn stehen in den Be soldungsgruppen 324 887 99 2 916= 327 753 Beamte. I- IX X- XIIIB¹ ut. Nach den eigenen Angaben der Verwaltung erhalten die 1 Broz. höhere Beamte aber volle 4 Pro3. der Zulagen überhaupt. Da die Berwaltung aber nicht nur die 4% Millionen Mark, fondern insgesamt 22 Millionen mart an Zulagen auswirft( hinzu kommen Zulagen für den Generaldirektor, seinen Stellvertreter usw.), so ergibt sich, daß die Herren mit hohem Gehalt auch noch pro Kopf etwa den sechsfachen Betrag auf Kosten Serjenigen Gruppen erhalten, die sich mit einem Hungereinkommen abfinden müssen. Dabei dürfen obendrein die niederen Beamten nur zu berücksichtigt werden. Die Beamten mit hohem Gehalt erhalten auch den Hauptteil der Zulagen. Berliner ElektrikerGenossenschaft angeschl, dem Verb. sozialer Baubetriebe Berlin N24, Elsässer Str.86-88 Fernenredier: Norden 1198 Filiale Westen, Wilmersdort Landhausstr. 4- Tel. Pfalzburg 9831 Herstellung elektr. Licht-, Kraftund Signalanlagen Verkauf aller elektrischer Bedarfsartikel · Ausführung sämtl. Reparaturen Preiswerte, gediegene Arbeit A. Beheim- Schwarzbachs Kaufmännische Privatschule ( Inh. F. Eggert) Neukölln. 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Nur die Firma Pulvermacher, Friedrichstraße 225, will auch heute noch nicht diese 8 Pf. zulegen. Durch das schimpfliche Verhalten von drei Arbeitnehmern, welche die Reihen der Streifenden verließen und dem Arbeitgeber aus seiner Berlegenheit halfen, ist der Firma der Mut gestiegen. Das Anerbieten an einzelne der Streifenden, doch die Arbeit aufzunehmen, zeugt davon, daß die Firma die alten Kräfte gern wieder hätte. Die Firma wäre schon längst gezwungen gewesen, den Streik beizulegen, wenn nicht die drei Helden ihr zu Hilfe famen. Nachdem auch den Bemühungen der Organisation ausweichend begegnet wurde, geht der Streif in unverminderter Schärfe weiter. Der Betrieb ist für organisierte Holzarbeiter gesperrt Die Ortsverwaltung. Die ABOAG drückt den Lohn eines Kriegsbeschädigten. Die 211gemeine Berliner Omnibus- AktienGesellschaft ftellte im Mai dieses Jahres einen zu 80 Proz. Schwerbeschädigten als Pförtner ein. Lbgleich die Funktionen eines Pförtners von dem Kriegsbeschädigten genau so gut ausgeübt werden können wie von einem Gesunden, und obgleich nach den geseßlichen Bestimmungen den Schwerbeschädigten in Betrieben, wo ein Tarifvertrag bestehi, kein geringerer als der für die betreffende Arbeiterkategorie geltende Tariflohn gezahlt werden darf, gewährte die ABDAG. dem triegsbeschädigten Pförtner einen Tage lo hn von nur 4,10 m. bei zehnft ün diger Urbeitszeit, also 41 Pf. für die Stunde, während der Tarif, den die ABDAG. mit dem Verkehrsbund abgeschlossen hat, für die Hofarbeiter, zu denen auch die Pförtner gehören, einen Stundenlohn von 60 Pf. festsetzt. Zu dieser unverschämten Lohndrückerei hatte die ABDAG. feinen anderen Grund als den, daß sie es mit einem Schwerbeschädigten zu tun hatte, den sie ganz nach ihrem Belieben glaubte entlohnen zu können. Der Pförtner, ein unorganisierter, mit den Berhält nissen nicht vertrauter Mann, erhob zunächst keine Einwendung gegen seinen Lohn. Erst nach längerer Zeit erfuhr er, daß er auf den tariflichen Stundenlohn von 60 Pf. Anspruch habe. Kürzlich flagte nun der Pförtner beim Gewerbegericht( Rammer 16/17, Borfisender Ober- Magistratsrat Willweber) auf Nachzahlung der Lohn differenz seit Mai d. J. Aber das Gericht wies die Klage ab mit der Begründung: Nach den geltenden Bestimmungen dürfen Schwerbeschädigte nicht anders als nach dem gel tenden Tarif entlohnt werden. Da aber der Kläger lange 3eit ben geringeren& obn wibeript biefem angenommen habe, is habe er sich mit diesem Lohn einverstanden erflärt und auf den höheren Lohn verzichtet. Wenn andere Arbeiter gegen derartige Lohndiffe: renzen aus Furcht vor Entlassung nichts einzuwenden wagen und deshalb erst später ihre Forderung geltend machen, so fönne sich der Kläger nicht auf diesen Umstand berufen, denn als Schwerbe fchädigter genieße er ja einen besonderen gefeßlichen Schuß gegen die Entlassung. Mit Rücksicht hierauf müsse man annehmen, daß der Kläger mit seinem Lohn einverstanden war. Da Diese Entscheidung halten wir für durchaus abwegig. der Schwerbeschädicte Anspruch auf den Tariflohn hat, muß ihm diefer unter allen Umständen gezahlt werden. Nicht wir der Unternehmer, welcher unter dem Tariflohn zahlt, sondern auch der Arbeiter, der unter dem tariflichen Lohn arbeitet, begeht Tarif bruch. Ein Tarifbruch darf aber nicht durch Gerichtsurteil sanftioniert werden. Es verstößt auch gegen den Tarifgedanken, wenn man selbst unter beiderseitigem Einverständnis zustandegekominene Tarifverlegungen als rechtsgültig ansieht. Die Danziger Werft wird geschlossen. Danzig, 14. Oftober.( Mtb.) Die Direktion der Danziger Werft teilt mit: Der num schon viele Wochen währende Lohnfampf auf der Danziger Werft hat die Werfileitung veranlaßt, heute und morgen weitere 500 2rbeiter und bis nächste Woche die dann noch verbleibenden 1500 Arbeiter zu entlassen. In etwa 8 bis 10 Tagen foll dann die Werft ganz geschlossen Die Direktion wird sich die Sache in diesen 8 bis 10 Tagen wohl noch einmal überlegen müssen. werden. 1 Kein Geld von Moskau! ( 363.) Während des kürzlich durchgeführten Metallarbeiter streifs in Belgien bot der Ban- Russische Metallarbeiterverband durch Vermittlung des tommunistischen Kammermitgliedes Jacquemotte der Metallarbeiter- Zentrale als Streifunterstüßung 56 000 Franken an. " Die Zentrale lehnte die Summe ab und sagt nun über die Gründe in einer Mitteilung an die Presse u. a.: Wenn jene, die uns ständig als Verräter an der Arbeiterklasse und Lakaien der Unternehmer bezeichnen, nicht genug Würde und Logik befizen, um davon abzusehen, einer Organisation von Berrätern an der Arbeiterklasse" Geld zu senden, haben menigstens wir genug Würde, um von jenen, die sich allzeit als die bittersten Feinde unserer Organisation erflären, feinen Cent anzunehmen." Ziehung am 16. u. 17.Oktober Preuß. Staats- Lotterie Höchstgewinn auf 1 Doppellos: 2000000 RM. Höchst- und Hauptgewinn 1000000 RM. 500000 RM. 300000 RM. 200000RM. 1/ 1/ 6.- 12.- 24.Doppellose 48.Porto und Liste 25 Pig. ex ra. Leipziger Berlin NW 7 Sta tlicher LotterieEinnehmer Friedrichstr. 100, am Bahnhof Friedrichstr. II. Geschäft: NW, Gotzkowskystraße 37 Post checkkonto: Ber.in 31 155. Adolf Hoffmann Episoden und Zwischenrufe aus der Parlaments- und Ministerzeit. Breis 1 Mart. Porto 5 Pfennig. vid Borräfig in allen VorwärtsAusgabestellen. Wirtschaft Der Vorteil niedriger Kapitalbemessung. Die Lage in der NAG. 21s im vorigen Jahre die Industriegesellschaften ihre Goldbilanz aufstellten, hatten sie es weitgehend in der Hand, das Schicksal ihrer Unternehmungen in der zu erwartenden industriellen Stabilisierungskrise im voraus zu bestimmen. Allerdings mußten sie auch fähig sein, das Kommen dieser Krise vorauszusehen und nicht, wie es leider die meisten taten, mit rosenrotem Optimismus ihrem Inflationsreichtum zu vertrauen und es dem Zufall zu überlassen, ob ihr Reichtum auch einen Ertrag abwerfen wird. Das gait im besonderen auch für die durch das Inflationsdumping, Zölle und Einfuhrverbete verwöhnte deutsche Automobilindustrie. Der Nationalen Automobilgesellschaft( NAG.), Berlin- Oberschöneweide, die eng mit der AEG. als ihrer Großattionärin verbunden ist, muß man das Kompliment machen, daß sie ihre Sache in diesem Sinne verstanden hat, wie sich aus der Beobachtung ihrer Entwicklung aus der Gold- 1924er- Abschluß- und der neuerlichen Prospektbilanz ergibt. Das bis vor kurzem fast 5000 Arbeiter und Angestellte beschäftigende Werk hat es zwar leichter gehabt als andere. Einmal weil die AE G. mit den Erfahrungen ihrer Leiter und ihren Bankverbindungen( vier große Berliner Banten) hinter ihr steht; zum anderen, weil ihre wichtig, sten Fabrikate, Laftwagen und Omnibusse, durch die Geschäftsverbindungen der AEG. gute Absatzwege finden können. Berbindungen und Rückhalt bei Großaftionären reichen aber nicht immer aus, wie das Schicksal der Reiherstieg- Werft( Phönig- Konzern), Frerichs- Werft( Stinnes- Konzern), Hannoversche Waggonfabrik ( Rombacher Hütte) und andere beweisen, die mehr oder weniger einfach auf dem Trockenen fitzen bleiben, als es schlecht ging. Geschickte eigene Vorsorge für schwierige Zeiten muß hinzukommen. Troß ihrer bevorzugten Lage und entgegen der Opposition einer durch ihre geschickte Führung und ihre Stellung in der Automobil. industrie hervorragende Aktionärgruppe( Schapiro), hatte die NAG. in der Goldbilanz das Aktienkapital sehr niedrig angesetzt( 8 Mill. gegen 7 Mill. 1915). So hatte sie sowohl für die Preisstellung ihrer Produkte verhältnismäßig niedrige Dividendenansprüche zu befriedigen, als auch für zufünftige Kapitalansprüche soviel stille Reserven in der Bilanz( sämtliche Maschinen und fast eine Million Verwertungsaktien zu je 1 M., Waren und Vorräte äußerst niedrig), daß sie die Gefahren einer Krise nicht zu fürchten brauchte und darüber hinaus den Maschinenpark auf die letzte Höhe der Technik bringen fonnte. Dieser Verzicht auf den zweifelhaften Augenblicksvorteil, durch ein hohes Aktienkapital reich zu scheinen, hat sich denn auch bewährt. Das Jahr 1924 brachte der NAG. nicht nur eine Dividende von 12 Broz, fie fonnte auch über eine halbe million Abschreibungen vornehmen, wodurch sämtliche Zugänge der Fabrikeinrichtung wieder auf 1 M. famen und im übrigen alle fonstigen stillen Reserven völlig unangetastet lassen. Für das Jahr 1925 hält sich die NAG. so stark gerüstet, das zeigt der Prospekt für die 2 Mill. im Mai beschlossene Kapitalerhöhung, daß sie troß der gegenwärtigen Krise in der Automobilindustrie ihren Aktionären auf das erhöhte Sapital eine ähnliche Dividende wie im Vorjahre verspricht. Was die Bilanz anbetrifft, hat die NAG. dazu auch allen Grund. Sie ist zwar eine Gesellschaft, die wie taum eine andere die Borgänge in ihren Betrieben und Büchern dem Licht der Deffentlichkeit möglichst entzieht, was vielfach berech tigte Kritik der Presse hervorgerufen hat. Aber sie hat dieser Kritik gegenüber doch zugegeben, daß in der Prospektbilanz unter den 4,3 Mill. Warenvorräten( gegen 3,85 und 2,1 Mill. in früheren Bilanzen) nur die Rohstoffvorräte, nicht aber die Halb- und Fertigfabritafe aufgenommen sind. In diesem Posten allein find noch stille Reserven von mehreren Millionen verborgen. Das Beispiel der NAG. beweist, wie den Aktionären öfters mit einem niedrigeren Kapital mehr gedient sein kann, wenn dadurch das Unternehmen rentabel und konkurrenzfähig bleibt, als mit einem höheren, das in schwierigen Zeiten ohne Ertrag bleibt oder gar zu Kapitalverlusten führt. Auch für die Belegschaften bedeutet eine solche vorsichtige Kapitalpolitik einen Vorteil, weil die Beschäftigung eine beständigere bleiben kann und Betriebseinschränkungen, die durch die Konjunkturentwicklung erforderlich werden, nicht sofort zu Stillegungen führen müssen, die die Belegschaft auf die Straße wirft. Die NAG. arbeitet gegenwärtig mit einer erheblichen Einschränkung. Nur ein geringer Teil arbeitet voll, die große Masse der Belegschaft arbeitet nur vier Tage in der Woche. In den letzten Wochen wurden 200 Mann entlassen. Das bedeutet angesichts der noch immer unerhört niedrigen Löhne der Metallindustrie eine außerordentlich schwere Belastung der Belegschaft. Die finanzielle Stärke des Unternehmens berechtigt aber zu der Erwartung, daß die NAG. die gegenwärtige Krise in der Automobilindustrie leichter als andere Fabriken überdauern und früher zur Vollbeschäftigung wird zurückkehren können. Berantwortlich für Bolitik: Ernst Reuter: Birtschaft: Artur Saternus; Gewerkschaftsbewegung: Friedr. Estorn; Feuilleton: K. S. Döscher; Lofales und Sonstiges: Fri Karstädt; Anzeigen: Th. Glode; fämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts- Buchbruceret und Berlaasanstalt Baul Singer u. Co.. Berlin SW 68. Lindenstraße 3. Berliner Töpferhütte G. m. b. H. angeschlossen dem Verband sozia er Baubetriebe Berlin SO.26, Waldemarstr.14 Fernsprecher: Amt Moritzplatz 9314 Ausführung sämtlicher Töpferarbeiten. Neue Oefen und Reparaturen in guter und preiswerter Aus ührung. Kostenlose heiztec nische Beratung. Korbmöbel! Sonderangebot! Besonders An Private zu Engrospreisen. 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