Abendausgabe Nr. 488 42. Jahrgang Ausgabe B Nr. 243 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife find in der Morgenausgabe angegeben Bedaffion: SW. 68, Lindenstraße 3 Ferafprecher: Dönhoff 292-29% Tel.- Noreffe: Sozialdemokrat Berlia 10 Pfennig Donnerstag 15. Oktober 1925 Vorwärts= Berliner Volksblatt Beclag und Anzeigenabteilung: Sefchäftszeit 9-5 Uhr Verleger: Borwärts- Berlag Gmbh. Berlin S. 68, Lindenstraße 3 Jernsprecher: Douhoff 292-29% Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands In Erwartung des„ glücklichen Endes" Benesch und Skrzinski nehmen an der Vollsitzung teil. Der Westpakt angenommen. V. Sch. Cocarno, 15. Oftober.( Eig. Drahtber.) Die heutige Plenarsihung dauerte etwa fünf Viertelfiunden; sie war um ½ nach 12 Uhr beendet. Es wurde bald danach bekannt, daß es zu einer völligen Einigung über den Sicherheitspatt gefommen sei. Das Kommuniqué, das um ¼ nach 1 Uhr verteilt wurde, hat folgenden Wortlauf: In der heutigen achten Bolligung wurde der Gesamt text des Entwurfes des Sicherheitspattes angenommen. Darauf wurde die Frage der Schiedsverträge auf die Tagesordnung gefeht. Die Vertreter Polens und der Tschechoflowakei werden am Sonnabend an der Sigung teilnehmen, um den Bericht der Reichsfachverständigen über ihre Arbeiten hinsichtlich der Entwürfe von Schiedsverträgen zwischen Deutschland und Frankreich bzw. zwischen Deutschland und Belgien anzuhören. Der Text dieser Entwürfe ist von den beteiligten Delegationen angenommen. Die Bertreter Polens und der Tschechoslowakei machten alsdann Mitteilung über den bereits angeschnittenen Stand ihrer eigenen Berhandlungen zwischen Berfretern der deutschen Regierung über den Entwurf von Schiedsverträgen zwischen Deutschland und Polen bzw. 31vifchen Deutschland und der Tschechoslowakei. Es wurde befchloffen, bis zur endgültigen Annahme der verschiedenen Verträge die Erörterung der Frage des 3eitpunties ihrer Veröffentlichung einer späteren Sigung vorzubehalten." Damit schließt das kommuniqué. Es wird jetzt allgemein angenommen, daß die Konferenz am Sonnabend zum bschluß gelangen wird. Der Berliner Offiziofus. Die Havas und Reuter- Meldungen, wonach der deutschen Dele gation die Ermächtigung des Reichspräsidenten und des Reichs fabinetts zum Abschluß der verschiedenen Berträge in Locarno zu gegangen fet, werden offiziös mit dem nochmaligen Hinweis darauf dementiert, daß die Reise des Staatssekretärs Rempner nach Berlin nur der Berichterstattung, aber durchaus nicht der Einholung von Instruktionen gedient habe. Die Delegierten in 2o. Der Kampf gegen Severing. Leinert gegen deutschnationale Henchelei. Bor Eintritt in die Tagesordnung begründet Abg. Pied wieber den schon gestern eingebrachten fommunistischen Antrag, der sich gegen den Empfang des ungarischen Unterrichtsministers mendet und gegen das Standgerichtsverfahren gegen Ratoczi und andere Revolutionäre in Ungarn protestiert. Der Antrag wird zuerst ab gelehnt. Nach Erledigung einiger fleinerer Vorlagen bringen ihn bie Kommunisten noch einmal mit dem Zusatz ein, ihn dem Geschäftsordnungsausschuß zu überweisen. Dieser neue Antrag wird dann mit den Stimmen der Linksparteien und des Zentrums angenommen. Der Entwurf über die Bereinigung der Landgemeinde Rausch walbe mit der Stadt Görlig wird nach den Ausschußbeschlüssen an genommen, ebenso die Beschlüsse des Ausschusses über die Unter tügung der von der Brandtatastrophe in Labiau betroffenen Bersonen. Das Haus feßt darauf die allgemeine Aussprache zum Haushalt des Innenministeriums fort. Erster Rebner der zweiten Reihe ist Abg. Leinert( Soz). Er erklärt, daß die Angriffsrede des deutschnationalen Abg. Milberg leuiglich Nebensächlichkeiten enthalten habe, die im übrigen pom Minister widerlegt worden seien. Man müsse zu der Auffassung kommen, daß die Deutschnationalen mit ihren jezigen Angriffen gegen den Innenminister nur einen Entlastungsfeldzug unternommen hätten, um die Entrüstung der Bevölterung gegen die Deutschnationale Politit im Reiche abzulenten. Nach dem Eintritt der Deutschnationalen in die Reichsregierung haben sich die Verhältnisse im Reiche wesentlich verschlechtert. Der gegen den Widerstand der Sozialdemokratie im Reichstag durchgedrückte 3011. tarif habe im ganzen Lande helle Empörung hervorgerufen. Der von den Deutschnationalen jahrelang betriebene Schwindel Don der Erfüllungspolitik sei zusammengebrochen. Jetzt seien die Deutschnationalen auch dazu bereit, den Sicherheits. patt zu schluden und noch einmal ausdrücklich auf Elfah- Cothringen zu verzichten, mozu fich fein sozialdemokratisches Regierungsmitglied hergegeben hätte.( hört, hört! bei den Soz.) Man tann es deshalb verstehen, daß die Stimmung der deutschnationalen Opposition im Landtag sehr gedämpft jei. Der Abg. Milberg habe durchaus feine Ursache, Bejd werde zu führen über lebungen, bie von Drganisationen, wie bas Reichsbanner, veranstaltet werden. carno haben vom Reichskabinett gewisse Richtlinien mitbetommen, innerhalb deren sie Bewegungsfreiheit haben, ohne noch mals eine Beschlußfaffung des Kabinetts einholen zu müssen. Un amtlicher Berliner Stelle steht man den Meldungen, daß heute oder morgen die Konferenz beendet werden soll, zweifelnd gegenüber, einmal, wegen der Schwierigkeiten für die Ostoerträge, und dann, weil ein für die deutsche Abordnung befriedigender Abschluß davon abhängt, daß die Rüdwirtung des Westpattes für Deutschland eine annehmbare Regelung erfahren. Das aber sei noch nicht der Fall Db in Locarno, wenn es zu einer befriedigenden Bereinbarung tommt, auch schon unterzeichnet wird, das hängt von dem Entschluß der deutschen Abordnung ab. Aber man hat für diese Frage glücklicherweise schon einen„ Borgang": In London haben die deutschen Delegierten nur für ihre Person unterzeichnet und die endgültige Unterzeichnung ist dann erst später erfolgt. Paris in Erwartung. Paris, 15. Oftober.( Eigener Drahtbericht.) Die aus Berlin hier vorliegende Nachricht, daß die deutsche Delegation von Berlin die Ermächtigung zur Unterzeichnung des Garantievertrages erhalten habe, hat einen ungewöhnlich starken Eindrud ausgelöst. Die Pariser Blätter sprechen von einem Ereignis allerersten Ranges, das die ganze politische Entwicklung der nächsten Jufunft ausschlaggebend beftimme. Man ift der Ueberzeugung, daß die noch vorhandenen Schwierigkeiten in Cocarno nunmehr innerhalb weniger Stunden überwunden werden können und daß die ftonferenz fpätestens am Freitag oder Sonnabend zu einem glüdlichen Ende gelangen wird. Der Sicherheitsvertrag felbft fowie die Schiedsgerichtsverträge mit Frankreich und Belgien follen nach der Darstellung der französischen Preffe bereits unter Dach und Fach sein und auch dem Abschluß des Vertrages mit der Tiedhoflowatei feinerlei Schwierigkeiten mehr entgegen stehen. Bolen habe dagegen die Forderung gestellt, daß im Berfrag mit Deutschland eine Bestimmung aufgenommen werde, daß seine Grenzen niemals Gegenstand eines Schiedsverfahrens bilden dürfen. Diese Forderung fei felbft von den Alliierten abgelehnt worden, unter ausdrüdlichem Hinweis auf den Artikel 19 der Bölferbundsfagung. Republikaner, heraus zum Protest! Zum Frieden im Osten. Deutschland und Polen. In der polnischen Presse ist in letzter Zeit des öfteren ein Sprichwort zitiert worden, das ungefähr lautet: 60 lange der Himmel steht, werden der Deutsche und der Pole Feinde sein!" Wer die sechs Jahre polnischer staatlicher Selbständigkeit in bezug auf die Außenpolitit betrachtet, tönnte glauben, fic feien eine Seminararbeit auf die Richtigkeit des angeführten Sprichworts. Und dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn man an einem beliebigen Tag die nationalistischen Blätter der beiden Nationen aufschlägt und lieft, was die eine über die andere fagen zu müssen glaubt. Dazu kommt, daß über die tagtäglichen Schwierigkeiten hinaus die letzten Wochen ganz besondere Berschärfungen in das ohnehin gereizte Berhältnis gebracht haben: die Austreibung ber Optan fen, die sich am 1. November zum zweitenmal wiederholen soll, den Wirtschaftsfrieg und die damit zusammenhängenbe Erschütterung des polnischen Wirtschaftslebens, und schließlich die Diskussion über den Sicherheitspaft und seine Auswir tungen auf die Oststaaten, eine Diskussion, die gerade jezt in das Stadium ernsthafter Verhandlungen einmünden soll. Damit aber ist der deutsch- polnische Konflikt bis zu dem ent scheidenden Punkt herangediehen, wo wenigstens ein Modus vivendi gefunden werden oder aber mit einer unheilbaren, unhellvollen Bergiftung gerechnet werden muß. Um bas eine gleich vorweg zu nehmen: die Frage der Grenzziehung zwischen Deutschland und Polen, also nach Korridor und Oberschlesien, wird auch in Locarng nicht zur Lösung gelangen. Sie bleibt also auch fernerhin zwischen den Böltern bestehen, sehr zum Nachteil einer politischen und wirtschaftlichen Bereinigung. Das macht aber die allgemeine Aufgabe nicht weniger dringend, andere Fragen, die lösbar sind, zu lösen und die Grenzfrage einer Zukunft zu überlassen, die in einem friedlich- schiedlichen Abkommen auch über territoriale Streitfragen nicht Entwürdigendes, und dem Staatsprestige Zuwiderlaufendes sieht. Die Streitpunkte zwischen Deutschland und Polen lassen fich in zwei Kategorien teilen: folche, die aus der Tatsache der Abtretung deutscher Gebietsteile an Bolen und dem fie fanktionierenden Versailler Vertrag herrühren, und folche, die mit dem mißlungenen Versuch wirtschaft licher Annäherung und Ausgleichung zusammenhän gen. Ein dritte Gruppe, die sich aus der auswärtigen Politik Bolens ergibt, hängt eng mit der ersten Kategorie zusammen: das Bündnis mit Frantreich scheint dem Polen Don heute als die einzige Bürgschaft für den dauernden Besitz ber abgetretenen Gebiete; die Begeisterung des offiziellen Polens für besonders brutale Aeußerungen des Boinearismus, insglauben, nur in solcher Entrechtung und Berstümmelung Deutschlands läge das reale Heil Bolens. Gelänge es, die allgemeine europäische Atmosphäre zu reinigen, so würde diese dritte Gruppe störender Elemente von selber in fich zusammenfallen. Das Reichsbanner Schwarz- Rof- Gold ruft auf zu Freitag abend befondere die Ruhrbefehung, hat ihren Grund in dem Irr8 Uhr nach dem Gendarmenmarkt zu einer großen Protestkundgebung gegen den Monarchistenrummel der fich am lehten Sonntag bei der Einweihung des Auguftaner denkmals und gegen die antirepublikanische Justiz, die in letzter Zeit wiederholtzuleht in dem Grevesmühler Prozeßfich zeigte. Es wird zu jedem Thema ein führender Republikaner Stellung nehmen. naler Rebner Kritik an der Finanzregelung der Gemeinden übt. Auch die Bemertungen des Deutschnationalen über die Belegung Don Stellen burch das preußische Innenministerium müssen zurüd gewiesen werden. Bei der Bejegung der höchsten Stellen in den Provinzen habe der Innenminister gar teine freie Hand, und wo bie Provinzialverwaltung in deutschnationalen Händen ruht, wird fchon dafür gesorgt, daß die eigenen Leute in die Posten gesetzt werden. Wenn das, was der Abg. Milberg hier vorgetragen hat, das ganze Ergebnis der deutschnationalen Spigeltätigkeit unter den Beamten fei, fo fet das ein Beweis dafür, wie glänzend die Ver maltung in Breußen funktioniere.( Sehr richtig! bei den Soz.) Genosse Leinert führt dann aus, daß in fehr vielen maßgebenden Stellen noch heute deutschnationale Beamte fihen( 3urufe links: Beider!) und daß sie Terror gegen die ihnen unterstellten republifanischen Beamten ausüben.( Gehr richtig! links.) Wenn je das Unglüd eintreten follte, daß die Deutschnationalen die Regierung in Breußen übernehmen sollten, dann würden den Beamten ihre Rechte genommen werden.( 3urufe rechts, Beifall links.) Der Der Rebner spricht bei Schluß des Blattes weiter. Der preußische Finanzausgleich. Verhandlung vor dem Staatsrat. Der Preußische Staatsrat trat am Donnerstag vormittag zu einer neuen Boufizung zusammen. Als einziger Bunft stand auf der Tagesordnung der Gesezentwurf zur enderung des preußischen Ausführungsgefches zum Finanzausgleichs Benn er schon Beschwerden habe, so folle er fie gegen die gefeß. Die Borlage zieht die Folgerungen aus der neuen Reichs Uebungen erheben, die von den den Deutschnationalen nahestehenden gefeßgebung und verlängert den bisherigen preußischen Finanzaus Rechtsorganisationen veranstaltet werden. Genoffe Leinert gleich bis zum 1. April 1927. Grundsäglich bleibt es bei dem bis verliest Berichte über Uebungen solcher rechtsgerichteten Berbände herigen Berteilungsschlüssel. Ein Ausgleich soll bei der Umsatzsteuer bei Koelpin, ble an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig laffen. Die gemacht werden, an der die Gemeinden mit 50 Broz. beteiligt werden Feuerwehr, der Jungsturm und der Stahlhelm waren sollen. Eine gewisse Mehreinnahme bringt der Entwurf den Gebort beteiligt, es wurde ein Manöver mit zwei verschiedenen Bar- meinden dadurch, daß die Berwaltungsgebühren für Auftragshandteien veranstaltet, Meldereiter waren unterwegs, die der Manöver lungen allgemein in voller Höhe überwiesen werden sollen. Um leitung über die Lage ber beiden Parteien zu berichten hatten.( hört, einen stärkeren Lastenausgleich innerhalb der Gemeinden durch hört bei den Soz.) Der Rebner erinnert dann an den Beschluß, den Berbesserungen des Berteilungsschlüffels zu schaffen, bringt ber der Reichsstädtebund gegen die Finanzpolitik der Reichsregierung Entwurf auf dem Gebiete der Eintommen und Rörperschaftssteuer gejazt habe. In diesen Organisationen ſizen vielfach die deutsch rückwirkend ab 1. April 1925 eine Erhöhung der sogenannten nationalen Bürgermeister fleinerer Gemeinden, ihre Erklärung richtet relativen Garantie von 80 auf 100 Broz. des Borkriegsaufkommens. Die Mittel dafür jollen durch die Mehrbeträge beschafft werden, gegen die Finanzpolitit ihrer eigenen Partei im Reich die aus einer fünftigen Erhöhung der Hauszinssteuer Es ist also eine unwahrhaftigkeit, wenn hier ein deutschnatio hervorgehen. fich also Die Abtretung ehemals preußischer Gebietsteile hat eine fich gebracht. Wer eben noch im vollen Besitz der Macht war, mschichtung der Klaffen in vollstem Umfang mit wurde über Nacht zum Beherrschten; das polnische Boltstum fiegte auf der ganzen Linie und fam in den Besitz einer Herrfchaft, die insbesondere in den ersten ziemlich chaotischen Jahren, ehe fich Warschau als Regierungszentrale burchsehen fonnte, teinerlei Grenzen hatte. Es braucht hier nicht auf die preußische Bolenpolitit mit ihrer Erfolglosigkeit nach der guten, aber ihrem leider sehr erfolgreichen Beispiel nach der schlechten Seite hin eingegangen werden; ebenso wie die Ausschreitungen, welche die polnische Inbefignahme der Gebiete begleiteten, hier übergangen werden sollen. Was aber geblieben ist, das ist eine, von der Initiative des Westmarkenverbandes" getragene, von der polnischen Regierung geduldete, wenn nicht befolgte Entdeutschungspolitit in Bosen und Pommerellen und eine Ausnutzung bis zum Letzten gewisser Rechte Versailler Herkunft, insbesondere der Liquidation und der Ausweisung der Optanten. Daß auch noch andere Berwaltungspraktiken, z. B. die Handhabung der Einreiseerlaubnis und die Schwierigkeiten, die bei der Buerkennung der polnischen Staatszugehörigkeit gemacht werden, in entdeutschender Richtung wirken, sei der Bollständigkeit halber festgestellt. " Es war, soweit wir sehen, nur ber Robotnit", das führende sozialdemokratische Blatt Pollens, das anläßlich der Optantenausweisungen den Mut hatte, die Maßnahme als das zu fennzeichnen, was sie ist: töricht und schädlich. Er erinnerte daran, daß Bolen in früheren Epochen sich eifrig barum bemüht habe, deutsche Arbeiter und Bauern ins Land zu holen, weil es sich von ihnen einen Zuwachs fleißiger, dem Staate bientlicher Arbeit versprach, und daß deren heutige Bertreibung, abgefehen von dem schlechten Eindruck in aller Belt und natürlich vor allem in Deutschland, bem polnischen Staat eine ruhige, produktive Schicht fofte. Das offizielle Polen, start unter dem Druck der chauvinistischen Elemente des Bofener Bürgertums, sah die Sachlage anders. Es pochte auf seine Rechte aus dem Wiener Abkommen Rechte, die ihm übrigens von Deutschland nie bestritten wurden, obwohl die Wiener Konvention nicht aus freiwilliger Uebereinkunft, sondern als letzter Ausläufer aus dem Versailler Diftat her vorgegangen ist und die polnische Regierung ertaufte durch vorgegangen ist und die polnische Regierung erkaufte durch Die Ausweisung lieber die Fortdauer ihrer ständig gefährdeten Existenz, als daß sie durch einen Verzicht auf ein, unter höheren Gesichtspunkten mindestens anrüchiges Recht, der Befriebung Europas gedient hätte. die Sache bemüht habe. Allerdings habe von den beteiligten Offizieren bisher nur der General v. Hagen einen Bericht erstattet, der gegenwärtig geprüft wird. Der General Sirt von Armin aber, der als Pensionär der Republit sich noch immer in Treue dem einstigen obersten Kriegsherrn verbunden fühlt, ist der Aufforderung, seine Rede im Wortlaut einzureichen, bisher nicht nachgekommen. Angeblich trägt sich Dr. Geßler mit dem Gedanken, in Zukunft die Genehmigung zur Teilnahme von Reichswehrangehörigen an ähnlichen Enthüllungsfeiern zu untersagen, um die Wiederholung solcher Zwischenfälle zu verhindern. bei ihren Freunden danach erfundigt haben, ob etwa die Gefahr" einer Annahme bestünde. Erst als die EttiBrüder ihre Freunde auf der Rechten darüber beruhigten, ist die Einbringung der Anträge erfolgt. So wird sich also alles in schönster Ordnung vollziehen. Jedermann hat seine Seele salviert. Die Rechten haben ihren Theaterdonner gegen Severing losgelassen, die Kommunisten können in schönen Artiteln nachweisen, daß sie nicht mehr die ,, Steigbügelhalter der Reaktion", sondern daß fie ungewöhnlich brauchbare und zuverlässige Menschen geworden sind, und alle zusammen wissen sie, daß Severing bleibt und damit ein Objekt zum Schimpfen für sie gerettet wird. Aehnlich steht es mit den Liquidationen deut| Urlaub zurückgekehrte Minister Dr. Geßler sich persönlich um, fich natürlich vor dem Einbringen ihrer Mißtrauensanträge schen Eigentums. Es ist bekannt, daß dies Recht", eine besonders unglückliche Erfindung des Kriegsendes, allen alliierten und assoziierten Staaten zustand und daß eine ganze Reihe ganz oder teilweise darauf verzichtet haben, ebenso wie auf andere Rechte, die außerhalb der Versailler Atmosphäre nicht mehr recht vertretbar erschienen. Polen hat einen solchen Verzicht nicht nur nicht ausgesprochen, sondern seine diesbezüglichen Befugnisse derart extenfio ausgelegt, daß por bem deutsch- polnischen Schiedsgericht dem einzigen, das in starkem Maß in Anspruch genommen ist, was ebenfalls zeigt, daß sich die Liquidation der Kriegsfolgen mit den andes ren Ländern wesentlich reibungsloser vollzieht viele Hunderte von Prozessen schweben. Daß auch sonst Polen dem Versailler Vertrag, der ihm recht unvermuteterweise wie eine reife Frucht in den Schoß gefallen ist, angebliche Rechte abgewinnt, an die feiner der Siegerstaaten gedacht hat, zeigt die Tatsache, daß bis heute alle ehemals feindlichen Staaten für ihre tonfularischen Vertreter die Zustimmung der Reichsregierung, das Erequatur einholen; einzig Bolen glaubt sich berechtigt, Ronfuln zu ernennen und einzusehen, ohne des wegen irgendeine Anfrage nach Berlin zu richten. Hinter der erwähnten Aufrechterhaltung des Liquidationsrechtes, von der bisher noch feine einzige Ausnahme gemacht wurde, steht natürlich wieder das Entdeutschungsbestreben, der Wunsch, kleinen und großen deutschen Besitzern Grund und Boden wegzunehmen und dadurch auch anderen, weiten deutschen Kreisen, Handwerkern, Gewerbetreibenden, Lehrern, Förstern, Landarbeitern, Inspektoren usw. das Berbleiben im polnisch gewordenen Land unmöglich zu machen. Dazu foli noch eine letzte Reihe von Mitteln helfen, die nicht polnische Erfindung find, sondern heute leider mit der Existenz jeder deutschen Minderheit unzertrennlich zu sein scheinen: all bie Schikanen auf dem Gebiet von Schule und Kirche, Praf fizierverbot an längst bewährte Aerzte, die das Examen des neu erstandenen Staates nicht gemacht haben, gleiche Schritte gegen Lehrer und Pfarrer, Einreiseverbote auch für die nächften Anverwandten und bei den dringendsten Familienanläffen: eine endlose Liste, um so länger, als auf diesen Gebieten der Willfür der größte Raum gelassen und der mehr oder weniger gewogene fleine Beamte dabei ausschlaggebend ist. Hier fei übrigens eingefügt, daß die polnische Minderheit bei uns auf dem Schulgebiet ebenfalls Anlaß zu lebhaften Klagen zu haben glaubt und daß es eine ziemlich sinnlose Sache ist, wenn man, wie unsere Rechtskreise, für die deutsche Minderheit in Polen mehr Rechte verlangt, gleichzeitig aber in wildes Geheul ausbricht, wenn in Breußen ein Bolnischstämmiger zum Gutsvorsteher ernannt wird. Das ist, mit vielen Auslaffungen, welche der Raum erzwingt, der heutige Befund, der Status diefer Tage, die in einem zwiefachen Zeichen stehen: Wirtschaftstrieg und Konferenz von Locarno. Wie ist dem polnisch- deutschen Gegensaz abzuhelfen, wie verhüten wir Einnistung und Verschärfung dieses politischen und wirtschaftlichen Kampfzustandes, der ohne Zweifel eine der stärksten Bedrohungen des europäischen Friedens darstellt? 3wei Mittel bieten sich dar, leicht zu nennen, schwer herzustellen, am schwersten, den ihnen notwendigen Umfang zu bestimmen und durchzusetzen: Schiedsvertrag und Handelsvertrag! ( Ein zweiter Artitel folgt.) Geßler in Verlegenheit. Der Minister bekommt keine Berichte... Das Reichswehrministerium hat, unmittelbar nachdem es von den Stürmen der Entrüftung Kenntnis erhielt, den die propotatorische Monarchistenre de des Generals Sigt von Armin ausgelöst hatte, mitteilen laffen, es habe von den beteiligten Offizieren der Reichswehr Bericht eingefordert und außerdem den Beauftragten Wilhelms von Doorn, nämlich Sigt von Armin selbst, um Einreichung des Wortlautes feiner Rede gebeten. Jegt weiß die B. 3. am Mittag", die dem Reichswehr minister parteipolitisch nahesteht, zu melden, daß der aus dem Schnitzler- Abend. Die geftrige von Jürgen Fehling besorgte Neueinstudierimg von Schniglers Liebelei im Staatlichen Schiller Theater war eine Art Jubiläum. Bor genau 30 Jahren hatte die Uraufführung im Wiener Hofburg- Theater stattgefunden und Schrihlers Ruhm begründet. Aus der gestrigen Vorstellung hätte sehr leicht etwas fühles, Unlebendiges werden können: ein historischer Kücblid, eine theatergeschichtliche Erinnerung, wie es vor drei Jahrzehnten auf der deutschen Bühne zugegangen ist. Es wurde mehr: die Tragödie des fleinen füßen Mädels, das an ihrer großen Liebe zu dem Mann aus der anderen Gesellschaftsschicht zugrunde geht. Diese alltägliche Geschichte stahl sich leise in die Herzen der Zuschauer, wurde zum persönlichen Erlebnis. Das spricht um so mehr für den Wiener Dichter, als an der Fehlingschen Juszenierung mancherlei auszusehen ist. Er läßt im Kostüm der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts spielen. Warum eigentlich? Darin besteht ja das Wertvolle an Schnißlers Drama, daß es heute so gut wie damals lebendig ist. Die Buffärmelchen und die himmelStürmende Frisur, auf der das Hütchen ängstlich turnt, tragen in das empfindsame Schauspiel einen Ton von Lächerlichkeit, für den es zu schade ist. Ueber den Dialert hat sich Fehling nicht emig werden fönnen. Dtande reden meanerisch, manche reines Hochdeutsch, andere Wenn Sirt oon Armin auch den Wortlaut seiner Rede nicht einreicht, so hat er doch bisher den Wortlaut nicht beftritten, der durch die Presse veröffentlicht ist, und die KreuzZeitung" hat ihn bestätigt, indem sie ausdrücklich hinzu fügte, daß die Rede ganz aus dem Herzen der KreuzZeitungs"-Leser gesprochen sei. Warum wartet der Minister also noch auf Berichte? Inzwischen hat sich in Bayern der unglaubliche Fall ereignet, daß die Reichswehrabteilung bei einer der üblichen Rupprecht- Baraden nicht an dem Vorbeimarsch vor dem Wittelsbacher Thronprätendenten sich beteiligt hat, und zwar, wie es heißt, auf allgemeine Anordnung aus Berlin, wonach bei solchen vaterländischen" Feiern ein Borbeimarsch der Reichswehr nur an ihren eigenen Vorgesetzten, nicht aber an Prinzen oder Vorgesetzten aus der früheren Armee erfolgen dürfe. Wenn eine solche Anweisung wirklich ergangen sein sollte, so wäre sie mehr als be rechtigt und nur zu begrüßen. Der Hugenberg ,, Tag aber, der bekanntlich nach München zur Eröffnung des Staatsstreiches der Hitler- Ludendorff- Rahr Sonderberichterstatter entsandte, ist über das Verbot höchft entrüftet. Denn der Borbeimarsch habe doch gar nicht dem ,, Thronprätendenten", sondern dem gefeierten Heerführer des Weltkrieges" gegolten. Ach wie niedlich! Läßt sich wirklich Rupprecht Wittels bach in amei Teile zerreißen? Läßt er sich nicht dauernd als angeftammten Rönig" feiern? Hat er nicht selbst feine Hände im Spiele Kahrs gehabt? Jegt foll er plöglich nur Seerführer" sein? Wenn Dr. Geßler wirklich ein Berbot erlassen hat, das die Rupprecht Paraden der bayerischen Reichswehr verhindert, wäre das sehr richtig, und es ist nur zu wünschen, daß auch in Preußen die Reichswehr in Zukunft die erlauchten Sprossen des Hohenzollernstammes" mit ihren Kriegervereinen unter sich lassen wird. Dann hätte wenigstens Sigt von Armin einen richtigen Erfolg gehabt. Kommunistischer Umfall. Sie haben Angst vor Neuwahlen. In der Roten Fahne" ergreift Wilhelm Pied, der jetzt nach dem neuen Kurs in der Kommunistischen Bartei wieder eine Rolle spielen darf, das Mort, um der Mitwelt zu verkünden, wie die Kommunisten bei einer Abstimmung über das deutschnationale und voltsparteiliche Mißtrauensvotum im Landtag zu verfahren gedenken. Stolz lieb ich mir den Spanier. Pied hat die richtige Entdeckung gemacht, daß die Deutschnationalen und Bolisparteiler die größte Angst por einer Auflösung haben, und er hat mir vergessen hinzuzufügen, daß diese Angst in genau dem gleichen Maße von den Kommunisten geteilt wird. Die Etti- Brüder wissen sehr genau, daß die breiten Massen mit ihrer Politit genauso abrechnen werden wie mit der Politik der Zollwucherer und Steuerräuber. Die Kommunisten haben auf Anmeifung des Etti entdeckt, daß sie bei dem bisherigen Berfahren schließlich überhaupt ganz aufgerieben werden. Des halb wird prompt eine Schwenfung vorgenommen. Bied versichert, daß die kommunistische Landtagsfraktion dem Mißtrauensvotum der Rechtsparteien nicht zustimmen wird. Er vergißt mur vorsichtshalber mitzuteilen, daß die Rechtsparteien gehoben worden sein. Aus dem Außenseiter, der fich und der Welt durchaus seine Ehrenhaftigkeit demonstrieren will, hat dort schau spielerisches Können eine interessante Persönlichkeit gemacht. In der italienischen Darstellung blieb alles in dem Rahmen der Bürgerlich feit, der Müchternheit und des Kaffenrapports. Man wurde nicht warm, die Dialektif Pirandellos, die, wie in all seinen Stüden, auch in diesem zu endlosen Monologen führt, riß nicht mit. Dafür sah man um so deutlicher das Konstruierte und Leere, das bei einer deutschen Aufführung weit weniger offenbar wird, weil man jedes Wort versteht. Der Hauptdarsteller Lamberto Picasso ent faltete alle Rhetorit und entwickelte ein reiches Gestenspiel Aber er fonnte uns nicht interessieren. Von den übrigen Darstellern ist wenig zu fagen. Der Marchese des Herrn Olivieri blieb auch für den des Italienischen Kundigen unverständlich. ―. im Hause Bellevuestraße 14 große lichtdurchstrahlte Pforten, der Fröhlicher Auftakt. Abends um 9 Uhr war es, da öffneten sich Weg führte eine Schar festlich gestimmter Besucher in den neu eröffneten Grotrian Steinweg Saal, das Auge fah eine bunte turzweilige geschmackvolle Architektur, das Ohr fonstatierte eine gute Afuftif, die Sinne tummelten sich wie selten. Nachdem man Herrn Hermann Boettcher hinter sich hatte, der zu einer verstimmten Laute stimmungslos fang, neue eindrucksvolle Steige rung: In großer Bielfalt Kammertänze von den Solisten des Balletts der Staatsoper unter Leitung von Mag Dom Dache" wieder ein Dialektgemisch. Das sind Aeußerlichleiten. Ein sorgsamer Terpis; eine„ Sfizze" von Kurt Goeg, sie hieß:„ Der Spaß Regiffeur muß aber auch darüber Klarheit schaffen, besonders wenn er im übrigen so gute Arbeit leistet. Lucie Mannheim, das jawohl, es war weiß Gott eine Stizze, aber mie füße Mädel, versucht sich mit viel Geschid in einer hoch teagischen hat Goetz selber durch sein schlicht- großes Spiel den Schmarren zur Rolle. Sie reißt die Zuschauer mit, und manche Träne rann im Geltung gebracht!; ein füß- saures Liebesspiel Berschlafen" von Tarkett. Das legte in der Gestaltung tiefer Innerlichkeit gelingt Eugen Rex, sehr hübsch im Einfall, prachtvoll in der Aufführung ihr nicht. Irgend etwas Kühles, Fremdes ging von ihrer Darstellungent als fonfurrierender Liebhaber bei der valettigleichen Olga mit Eugen Reg als Groß- Berliner Schnorrerfaufmann, Erhard aus. Jakob Liedtke dagegen, den wir sonst als famosen Darsteller tomischer Rollen fennen gelernt haben, schafft in seinem Limburg. Ein langer, reicher und restlos fast gelungener Abend. Mufiter Meiring eine Geftalt von reiner und ergreifender Menschlichkeit. Den Liebhaber des füßen Mädels, Frig, spielt Richard Duschinsky. Auch er fand ergreifende Töne, wenngleich sein Aeußeres weniger an den behutsamen Schwerenöter und Melancholiter als an einen modernen Caféhausliteraten erinnert. Mathilde Sussin, Maria Baubler als leichtsinniges Wiener Flittchen, erwarben sich Verdienste. Der Biebelei" Doraus geht der Einafter Weihnachtseintäufe" aus Schmizlers Anatole"-Zyklus. Die„ Weihnachtseinläufe" wirken nur als Füllfel, das ebenso gut hätte wegbleiben fönnen. Hier fönnen wir wieber Lina Lossens Kunst in der Verförperung matronenhafter Mütterlichkeit bewundern. Leider paßt dieser Ton nicht in Schniplers zierliches und liebenswürdiges Wiener Wortgepläntel. Der Beifall des hingeriffenen Publikums war außer ordentlich nachhaltig. Dgr. Pirandello im Schauspielhaus. Das legte Gastspiel der Italiener mar eine Enttäuschung. Die Wollust der Anständigkeit" ist ein bürgerliches Rührstück, das auch por 50, ja vor 100 Jahren hätte geschrieben sein fönnen. Augier, Iffland, ja Rozebue haben Bate bazu gestanden. Das Stüd ist im Deutschen Theater bereits gegeben worden. Hier soll es aber ich habe es nicht gesehen durch die individualisierende Kunst Klopfers auf ein höheres Niveau ergo. Die Firma Grotian- Steinweg weihte ihren neuen Saal in der Bellevuestraße mufitalisch mit wenigen Worten und sehr viel Mufit. Mar Bauer spielte Johann Sebastian Bachs Italienisches Konzert" in schlichter Größe, mit feinster Erfühlung der Bedingtheiten des Raumes und aus einer Spielfreudigkeit heraus, die für Ort und Buhörerschaft reinste Erfüllung bedeutete. Seine einfach herzliche Art der Nachgestaltung von Schumanns„ Kinderszenen" fann nur feffeln. Friß Soot singt Schubert, Schumann, später Schönberg und Szymanowffy in großzügiger Darstellung, packend besonders dort, wo er fich dramatisch auswirkt, bei allem von Romuald Wifarsti delikat begleitet. Margot Hinnenberg Lefebre erzählt voll drastischer Sanglichkeit Stücke aus Moussorgsfys Kinderstube", dieser so ganz unfindlich primitiven Musit. Schließlich läßt das Deman- Quartett Schuberts nachgelassenes G- Moll- Wert erflingen. Die Zuhörerschaft bringt nicht ganz die Ausdauer und Stetigkeit auf, die einer solchen, von der Regie des Konzerts" allzu reich bedachten Vortragsfolge gegenüber nötig ist. S. G. " Ire un rifer Stnabef wilmen Mr Conzert am 17. im ber Sing fatomic orbid Petten von Baler und energety. | Immerhin, den Kommunisten wird man dankbar dafür fein müssen, daß sie jetzt wenigstens sich zu der Anerkennung der Tatsachen bequemen, daß es gegenüber der ,, Gemeinheit fozialdemokratischer Minister im Kampfe gegen die Arbeiter" doch noch eine Steigerung gibt, die deutschnational heißt. Benn Pied versichert, daß eine Zustimmung zum deutschnatio nalen Mißtrauensantrag eine dirette Unterstützung der Reattion sein würde, so gibt er damit selber zu, daß ihre bisherige Tattif eine Unterstügung der Reaktion bedeutet hat, daß sie also in Wahrheit die„ Steigbügelhalter der Reaktion" gewesen sind. Im übrigen entspricht mindestens augenblicklich ihre Zurückhaltung durchaus den Absichten der Reaktion. Und auch später wird sich schon immer wieder Gelegenheit finden, die„ Linie der Komintern den Absichten der deutschen Reattion anzupassen. Welche Dafeinsberechtigung hätte sonst die kommunistische Zersplitterungsarbeit? Aufgehobener Abbaubeschluß. Die Folge des„ neuen Kurses". Bielefeld, 15. Dftober.( Eigener Drahtbericht.) In der Stadtberordnetenversammlung am Mittwoch wurde auf sozialdemo fratischen Antrag der Beschluß vom 20. November vorigen Jahres, den fozialdemokratischen Bürgermeister Köllner abzubauen, mit den Stimmen der Sozialdemokraten, Demokraten und Kommunisten gegen die bürgerlichen Fraktionen und Böllischen aufgehoben. Die Angelegenheit, die feinerzeit viel Staub aufwirbelte, fonnte dadurch zugunsten der Arbeiterschaft beigelegt werden, daß die Kommunisten, die damals für den Abbaubeschluß gestimmt hatten, sich nunmehr genötigt sahen, ihre Haltung zu revidieren. Hamburg gegen das Schiele- Geseh. Alle Parteien lehnen ab. Hamburg, 15. Oftober.( Eigener Drahtbericht.) Die Hamburger Bürgerschaft trat am Mittwoch abend in die Besprechung der Inter Der Senat hatte pellation über den Reichsschulgesetzentwurf ein. erklären laffen, daß er bereit sei, mit allen Mitteln die Gesetzwerdung dieses Entwurfes zu verhindern. Die Redner aller Frat tionen, auch der völkischen und der in Hamburg sonst so radikalen Deutschnationalen, sprachen sich gegen den Gefeßentwurf aus. Der deutschnationale Schuldirektor Dr. Bohnert erklärte, daß die Ham burger Deutschnationalen weder die geistliche Schulaufficht noch die Beschränkung der Freiheit der Lehrer, noch die SerSchlagung des gut aufgebauten hamburgischen Schulwesens durch diesen Entwurf wollten. Scharf fritisiert wurde der Entwurf von dem demokratischen Redner und besonders von dem Präses der Unterrichtsverwaltung, Senator Krause, der als Sprecher der So. zialdemokratie unter lebhafter Bewegung die Behauptung, daß der Reichsinnenminister Schiele für den Entwurf nicht verant. wortlich sei, als falsch zurüfwies. Herr Schiele habe vielmehr den Entwurf den Unterrichtsverwaltungen der Länder mitgeteilt und erklärt, daß er beim Reichskanzler eine Abſt im. mung über den Entwurf beantragen werde. Herr Schiele habe den Entwurf, wie er befannt wurde, gegengezeichnet. Sein jetziges Dementi zeuge lediglich davon, daß er einsehe, mit einem solchen Entwurf vor der Deffentlichkeit nicht bestehen zu fönnen. s Ergebnis der Aussprache fann festgestellt werden, daß in Hamburg der Entwurf oon allen Parteien abgelehnt wird. Auf der Tagung der Deutschen Goethe- Bünde, die gegenwärtig in Bremen stattfindet, wurde folgender Antrag Berlins einstimmig angenommen: Die Deutschen Goethe- Bünde halten es für bringend angezeigt, daß die Regierungen der deutschen Länder nach dem Vorbild Preußens Sachverständigenausschüsse ernennen, deren Gutachten vor jedem polizeilichen oder gerichtlichen Einschreiten gegen Werte der Literatur oder der Kunst gehört und in Berücksichtigung gezogen werden müssen. Es wurde ferner b schloffen, angesichts der Tatsache, daß der Staats- Schiller- Preis au in der neuen Aera nicht zur Verteilung gelangt ist, einen Bolts Schiller Preis von neuem einzurichten, der in drei Jahren zum ersten Male zur Verteilung gelangen soll. Als Vorort wurde auf drei Jahre Bremen gewählt und als der nächste Tagungsort Dresden in Aussicht genommen. Rouffeau- Museum. Der letzte Beschützer Rousseaus, der Marquis von Girardin, bei dem er auch in Ermenonville gestorben ist, hatte in pietätvoller Weise alle die Gegenstände aufbewahrt, die dem Philosophen gehörten, und diese Sammlung durch Bücher, Handschriften, Kunstwerte und zahlreiche Gegenstände bereichert, die zu ihm in Beziehung stehen. Diese tostbare Sammlung ist von den Nachkommen des Marquis treu behütet worden; nach dem Tode des legten Girardin fam sie in den Besitz des Institut de France. Die Sammlung ist nunmehr in der Abtei von Chaalis in der einzigartiges Rousseau- Museum, das allen Besuchern zugänglich ist. Nähe von Ermenonville aufgestellt worden und bildet ein ganz Die größten Kostbarkeiten sind die Büsten, die Houdon nach dem Lode Rousseaus von ihm geschaffen. Die letzten 15 Jahre seines Lebens hatte Rousseau feinem Künstler mehr Modell gestanden. Girardin aber berief fofort nach seinem Hinscheiden Houdon herbei, Schuf. Die zahlreichen„ Andenken". die sich auf ihn beziehen und der eine Totenmaste nahm und einige meisterhafte Porträtbüsten zum Teil aus den fernsten Gegenden stammen, vermitteln eine Anschauung von dem Weltruhm, den er genoß. Spielpland derang. Begen Erkrankung des Herrn Günther kann die für heute angefündigte Neueinstudierung der Afrikanerin nicht statt finden. Statt bessen: Stojen tavalier. Die zugesandten Karten ( 10. Reservesat) behalten Gültigkeit für die Rosenkavalier Aufführung. Bolfsbühne. Bei der Aufführung von Arnold Schönbergs Bierrot Innaire", die am Sonntag, den 18. Ditober, mittags 12 Uhr, im Theater am Bülowplas unter Leitung von Dr. Frig Stiebry Mattfindet, bat Frau Gutheil Scheder Wien die Sprechstimme libernommen. „ Schöne Gärfen aller Zeiten", einen Vortrag mit zahlreichen Lichtbildern, wird Gartendirettor Leifer für die bumboldt- Hochschule am 17. in der Aula Dorotheenstr. 12, abends 8 Uhr, halten. im Martha Erbs- kürtel hat den Erlös ihres Reger Klavierabenda, am 16. Bechstein jaal, zum Besten des Neger- Archivs in Weimar bestimmt. Eine neue moderne Galerie in Berlin. Am Sonntag, den 18., 11, Unternehmen der Firma Neumann& Merendorf eröffnet. Es ist hervor. 1hr vormittags, wird im Hause Lügomstraße 32 das neue Ausstellungs gegangen ans dem Graphischen Kabinett J. B. Neumann und der Kunsts bandlung Starl Rierendorf und wird sich in erster Linie für lebende deutsche Waler einlegen. Die Gröffnungs- Anstellung bringt Gemälde der nam gaffetten über der beutigen Generation. Richter unö Verfassung. ZvaS im neuen Teutschland immer noch möglich ist. Gsnosse Kuttner schreibt uns: Unsere Richter stehen bekanntlich auf dem Boden der Der- fasiung. Ob sie die Verfassung auch kennen, ist mir nach solgendem Erlebnis äußerst zweifelhast: Am Donnerstag morgen sollte ich in Moabit vor einem beauf- tragten Richter als Zeuge in einer hier nicht interesiierenden Sache vernommen werden. Es handelte sich darum, auf welche Weise ich in den Besitz einer bestimmten Druckschrift gekommen war. Dem vernehmenden Herrn, einem älteren Amtsgerichtsrat, er» kläre ich, daß ich bereit fei, hierüber auszusagen, soweit nicht mein Zeugnisverweigerungsrecht als Abgeordneter in Frage käme. E r(unwirsch): So was gibt's nicht, Sie müssen aussagen. Ich: Verzeihung, als Mitglied des Preußischen Landtags steht mir über Dinge, die mir in meiner Eigenschaft als Abgeord- n e t e r mitgeteilt sind, ein S ch w e i g e r e ch t zu. E r(noch knurriger): In der Strafprozeßordnung steht davon kein Wort. Ich: Das steht auch in der Reichsverfassung und nicht in der Strafprozeßordnung. E r: Die geht uns hier nichts an. Ich: Soviel ich weiß, geht die Reichsverfassung allen Gesetzen, also auch der Strafprozeßordnung vor. Ich bitte ein Exemplar der Reichsverfassung herbeizuziehen. Er(zu dem protokollierenden Gerichtsschreiber): Ra. holen Sie mal eine Reichsverfassung! Der Gerichtsschreiber blickt sich hilflos suchend um und verläßt das Zimmer. Räch einer Pause der Amtsgerichtsrat: Ach, da hätte er doch gar nicht herauszulaufen brauchen, die muß ja auch im Reichsgeseß- blatt stehen.(Geht an ein Regal, auf dem die Bände des Reichs» gesetzblattes stehen): Ja, welcher Band kommt wohl da in Frag«? Es muß wohl 1919 fein! Ich(ein Lächeln verbeißend): Das glaub« ich auch. E r(hilflos suchend): Wissen Sie nicht den Monat? Der Band ist so dick. Ich(um einmal experimentell festzustellen, wie weit die lln» wissenheit geht): Ich glaube im Juli. Er(fällt prompt herein und sucht im Juli): Rein, da ist nichts. Ich(Mitleid verspürend): Darm war es wohl im August. Er: Ja, August.(Plötzlich dämmert es): Jetzt fällt mir sogar der Tag ein. es war wohl der 11. August. Nach dieser mühsamen Rückerinnerung an den Derfassungstag findet er unter dem 11. August die im Reichsgejetzblatt abgedruckte Reicheverfassung: Wo wird es denn da wohl stehen? Hier ist ein Abschnitt.lieber die Rechtspfleg«', da werde ich mal nach. sehen. Ich(nachdem er dort natürlich nichts gefunden hat): Es wird wohl eher bei den Immunitätsrechten der Abgeordneten stehen. E r(sucht jetzt schon bedeutend gehorsamer und liest mir den Artikel ZS vor, der von der persönlichen Immunität der Abgeordneten handelt): Aber da steht nicht» vom Zeugnisverweigerungsrecht. Ich(nach außen hin noch immer todernst): Sie müssen weiter- lesen, Herr Amtsgerichtsrat. E r(buchstabiert Artikel 37. findet auch nichts und kommt endfich auf Artikel 3g): Sie haben tatsächlich recht. Wissen Sie, man behält oll die neuen Sachen nicht. Letzteres habe ich geglaubt.., Die Zemezentrale. Zar Verhaftung deS Oberleutnant Bndziusty. lieber die Persönlichkeit des verhafteten Oberleutnants Bud- zinfky erfährt die BS.-Korrefpondenz von gut unterrichteter Seite. daß Budzinsky zuerst W e rb e o f f iz i e r für die sogenannten schwarzen Formotionen war und zu diesem Zweck« ein Bureau in Frankfurt a. d. O. unterhielt. Gleichzeitig sollte«hm auch die Ein- ftellung der Mitglieder für die Spitzelformatlon ob- gelegen haben, deren Aufgabe es war. die Verdächtigen innerhalb jener Formationen zu ermitteln, um sie dann der eigentlichen Feme- organifation des Oberleutnants Schulz zur„Erledigung' zu über- geben. Mit dieser Spitzelabteilung wird man sich im Zusammenhang mit den verschiedenen Fememordaffären noch näher zu beschäftigen haben, um so mehr, als ihre Entstehung auf eine, seinerzeit der Auf- lösung verfallene Formation der Berliner Schutzpolizei zurückzuführen sein soll. Von Frankfurt ging Budzinsky dann als Kommandant zu den in der Spandauer Zitadelle untergebrachten Formationen. In die Zeit seiner Tätigkeit in Spandau fällt die Inhaftierung des später in Rathenow ermordeten Oberfeldwebel W i l m s auf der Zitadelle, lieber die Art, wie die Beiseiteschaffung des Wilms vor- bereitet wurde, erfährt man jetzt weitere Einzellieiten. An dem Tage, als Wilms von Spandau nach Rathenow kommandiert wurde, er- hielt der Waffenmeister auf der Spandauer Zitadelle den Befehl, die Schlüsiel zum Waffenschuppen auf der Schreibstube abzugeben. Als er am nächsten Tage die Schlüssel zurückerhielt und sich in die Waffenmeisterei begab, mußte er feststellen, daß in der Zwischenzeit von dort lagernden alten Eisenbahnschienen mit einer Stahlsäge ein größeres Stück abgeschnitten war, wovon noch die herumliegenden Eisenspäne zeugten. Bekanntlich war die in einen Sack genähte Leiche des Wilms mit einem Stück Eisenbahnschiene beschwert, aus der Havel geborgen worden! Reich unü Jnöuftrie. Die Tiützungsaktionen für Jndustriekonzerue. Der Ueberwachungsausschuß des Reichstages trat gestern nachmittag zu einer Sitzung zusammen, um dringend« Kreditsragen der Industrie zu beraten. Es handelt sich um die Mitwirkung des Reiches bei Stützungsaktionen, wodurch schädlich« Folgen für d e Gcsamtwirtschaft verhütet werden sollen und einer größeren Arbeitslosigkeit vorgebeugt werden soll. Der Ausschuß nahm von den durch die Reichsregierung bisher «ingeleiietrn Stützungsaktionen Kenntnis, ohne dazu Stellung zu nehmen und sprach die Erwartung aus. daß dem Reichstag ordnungsgemäß Vorlage gemocht werde, sobald sich die tatsäch- lich« sinanziell« Inanspruchnahme des Reiches— sei es im Wege der Zahlung oder der Sarantieübernahme— übersehen ließe. Abgelehnt wurde ein kommunistischer Antrag, der die ge- planten Kredstaktionen der Reichsregierung mißbilligt. Zu einem weiteren Antrag der Kommunisten, die Beamtenbesoldungs- frage im Rahmen dieser Sitzung zur Sprach« zu bringen, erklärte der Aueschuß seine Unzuständigkeit. Die Interalliierte Rheinschissahrlskommlssion ist Mittwoch abend au» Ruhrort abgerückt. Nachdem bereits im Laufe des Nachmittags hie Möbel und Ausrüstungsgegenstände weggeschafft worden waren. »erließ die letzte Abteilung gegen 19 Uhr abends das Sanktion:- gebiet und marschierte nach Honiburg in die neuen Quartiere. Nur vier Zivilpersonen blieben zurück, die jedoch keine Befugnisse haben. „Los von Serlin/ Die Deutschnationalen möchten ganz gern den Ruf„Los von Berlin' wieder aufleben lassen. In ihrem hier schon erwähnten Flugblatt weisen sie darauf hin, daß einzelne Außenbezirke für ihre Ausgaben auf den Kopf der Bevölkerung mehr Mittel erhallen haben als die Innenbezirke. So habe Köpenick 199, Span- bau 194, Zehlendorf 97 M., Berlin-Mitte aber nur 65, W e d d i n g 63 M. zugewiesen bekommen. Da sollen also um- gekehrt gegen früher die Innenbezirke gegen die Außenbezirke scharf gemacht werden. Die Unzufriedenheit sei trotzdem in den Außenbezirken groß. Die Gemeindeverwaltung der Vororte sei vernichtet worden, die Bevölkerung sei in unerträglicher Weise von der Zentrale abhängig. Daß in weniger dichtbevölkerten Gemeinden, wenn sie nicht gerade, wie Wilmersdorf und Grunewald, fast lediglich von ganz reichen Leuten bewohnt sind, im allgemeinen an Steuern bzw. Ausgaben im Durchschnitt eine größere Summe pro Kopf der Bevölkerung gebraucht wird, ist klar. Gerade die Möglichkeit eines Ausgleichs zwischen wohlhabenderen und bedürftigeren Gliedern spricht für das Vortellhafte der Gesamtgemeinde. In den obengenannten Bezirken waren die Gemeindeinteressen von den vorhergehenden bürgerlichen Verwaltungen ebenso stark vernachlässigt worden, daß nunmehr viel nachgeholl werden mußte. Die Unzufriedenheit mit der Zentrale besteht heute höchstens noch bei«inigen reaktionären Bürgermeistern, die m ihrem Wirkungskreise gern den kleinen König spielen möchten. Die Frage zentral oder dezntral ist heute keine Streitfrage mehr. Ein großes Wirtschaftsgebiet, wie Alt-Derlin mit seinen ehemaligen Vororten es ist, muß nach einem einheitlichen Willen organisiert und ver- waltet werden. Dabei ist der Selbstverwaltung und der Initiative der denkbar größte Spielraum zu lassen. Don diesem Gesichtsunkt aus ist in den letzten Iahren gearbeitet worden. Es ist durchaus erklärlich, daß dieser in der Welt einzig dastehende Zusammenschluß von 94 Gemeinden und Gutsbezirken zunächst mancher- lei Reibungsflächen ergab. Ueberraschend schnell haben diese ln gegenseitigem Verstehen und Entgegenkommen sich abgeschliffen. Die Deutschnationalen sehen, wie der Bürgerblock chnen miß- glückte, sehen ihre Macht in der Zentrale schwinden und möchten nun wohl gern unter dem Ruf.Selbstverwaltung', .Eigenleben' der Bezirke dort ihre Herrschaft ausrichten. Der 25. Oktober muß ihnen auch diese Hoffnung nehmen. wahlkuriosa. Auch dieser Wohlkampf, der um die Zusammensetzung des Parlaments der Millionenstadt Berlin geführt wird, ist trotz aller betrüblichen Erscheinungen gehässiger und demagogischer Propaganda von rechts und links reich an Erscheinungen freiwilliger und un- freiwilliger Komik, mit der gewisse Grüppchen des Kampfes Bitternis humorvoll versüßen. Ist es nicht von einiger Heiterkeit, wenn eine„Nationalliberale Reichspartei' eine Ver- sammlung unter dem Thema„Die Forderungen des Tages' ein- beruft?! Dies« Tagesforderung deucht uns zu fein, daß diese Cliquenkrümel aus Ehrgeiz oder Dummheit, die die politisch« Zentralisation so unerträglich zersplittern, von der Bildsläche ver- schwenden. Was sollen diese 3�.Mann-„Parterfleckchen auf unserem polttifchen Kleid. Da inseriert Knüppelkunze, der Mann mit den lVOO-M.-Schecks, ein« Deomtenoersammlung unter der Devise„Mehr Gehäller*. Der gute Richard scheint allerdings wenig kompetent, darüber zu sprechen. Zugkräftiger wäre die Parole„Wie werde ich schnell reich?' Mit prakttschen Demonstrationen. Eventuell kann man dabei gleich durch 2 M a r k Eintrittsgebühr das„deutschsozial«' materiell« Niveau ein wenig heben. Ist es nicht amüsant, wenn die völkischen Wullcleute in einer Kundgebung„Deutschnational oder völkisch', grimmig über die intimen Freunde von der„linken' Rechten her- ziehen und die Deutschnationalen als Verräter, Wasch- läppen und Finsterlinge bezeichnen? Sie müssen es ja am besten wissen. Nett ist es auch, wenn oolkporteilich« Reklamereisende von der„roten Mißwirtschaft' der— bürgerlichen Mehrheit sprechen. Uebrigens sollen die Deutschnationalen ein Wahlplakat des Inhalts verbreiten:„Von Lebens fesseln macht euch frei, ollein die deutsch« Zollpartei.' Eine Viertel S«it« des Plakats wirb für eine Sargfirma reserviert, die den zugkräftigen Vers gleich praktisch illustrieren soll. Sie gehen wohl schweren Zeiten entgegen, unsere Berliner Blöckler. Neun Tag« noch hat die Reaktion Golgensvist. Je ungemütlicher es ihr wird, um so auf- geregter wird sie sich gebärden. Eine neue öerliner �uslanüsanleihe. Bereits bei der Beschlußfassung über die erst« amerikanische IS-Millionen-Dollar-Anleihe der Stadt Berlin ist von allen Seiten zum Ausdruck gebrocht worden, daß mit der Aufnahme dieser An- leihe die für den Ausbau der städtischen Betriebe notwendigen Geldmittel noch lange nicht in ausreichendem Maße beschafft wor- den sind. Das stürmische Tempo, in dem der Elektrizitätskonsum in Berlin steigt— augenblicklich Anfang Oktober geben die Berliner Werke bereit, genau so viel Strom ab, wie zur Zeit der höchsten Spitzen- lei st un g im Dezember 1924— zwingt dazu, weitere Mil- lionenbeträge für den Ausbau flüssig zu machen. Bekanntlich ist in Rummelsburg bereits mit den Bauarbeiten für das neue Großkraftwerk, dos eine Leistungsfähigkeit von 299 999 Kilowatt- stunden erhalten soll, begonnen worden. Um den steigenden Finanz- bedarf der Werke gerecht zu werden, haben sich deshalb die B e r. liner Elektrizitätswerke A.-G. um die Ausnahme neuer langfristiger Kredite im Ausland bemüht. Der Magistrat läßt der heutigen Stadtverordneten- Versammlung eine Dringlichkeitsvorlage zugehen, in der die Genehmigung für die Uebernahme der Bärgs.jail für eine Anleihe von 39 Millionen Schweizer Franken, rückzahlbar nach 15 Jahren bei einer Verzinsung von 7 Proz. verlangt wird. Die näheren Bedingungen dieser Anleihe sollen durch die Finanz- und Steuerdeputation festgesetzt worden. Allerdings wird diese Vorlage in der heutigen Sitzung kaum noch verabschiedet werden können. Es besteht die Absicht, sie aber noch heute an den Haushaltsaus- schuh zu verweisen, und sie endgültig entweder in der nächsten Woche oder in der Woche nach den Wahlen zu erledigen. Bekanntlich fungiert die jetzige Stadtverordnetenversammlung rechtmäßig so lange, bis die neugewählte Stadtverordnetenversammlung sich kon- stituiert hat._ Theaterüonner. Vchlmache im Rotes Haus. Gegen das Ueberhandnehmrn der Polttik in den Gemeinde- Vertretungen wettern am meisten die Deutschnationalen. Jeden Morgen und am Abend schimpfen die Deutschnotionalen dar- über, daß die leidig« Politik und die Rücksichtnahme auf die Straße die sachliche Arbeit oerdränge. Heuchler und Pharisäer, wie sie sind, verstehen die Deutschnationalen es aber ausgezeichnet, ihrerseits das Berliner Rathaus zu wahldemagogischen Anträgen auszunutzen. Ganz Berlin hat gelacht, als ausgerechnet die Partei der Zollwucherer in einer Anfrage vom Berliner Magistrat wissen wollte, was er gegen die Teuerung unternehmen wolle, die sie durch ihre Wirtschaftspolitik im Reichstag« heraufbeschworen haben. Heute verösfentlicht der.Lokal-Anzeiger' ein neues Bündel deutschnationaler Anfragen. Sie wollen wissen, was aus dem Jahres- abschluß 1924 geworden ist, welchen Mchrertrag die Gewerbesteuer 1924 gebracht lzat, wie die Ucbei schösse des Jahres 1924 oerwandt worden sind. Sie behaupten, daß die Steuererhebung de« Jahres 1924 an der jetzigen Preisteuerung schuld sei. Luch wollen sie wisse», wieviel Hochbahnaktten der Magistrat gekauft hat, welche Bctriebsüberschüss« die städtischen Werke gemacht haben. Diese An- fragen sind so ziemlich der Gipfelpunkt der Demagogie. Die Steuer- erhebung im Jahre 1924 ist mehr wie einmal Gegenstand ausgiebiger Besprechungen im Rathause gewesen. Die Deutschnotionalen sind über alle diese Dinge ganz genau unterrichtet. Sie haben selber fürdiese Steuerngestimmt und die Verantwortung für die städtische Wirtschast übernommen. Mit Rücksicht auf die Konkurrenz der Wirtschaftspartei und der übrigen gegen sie anstürmenden Splittergruppen wollen sie jetzt durch diese Anfragen nur den S ch e i n e r w e ck e n, als ob sie an allen Gemeinheiten des Berliner Magistrats ganz unschuldig wären. Sie werden nur di« Dummen nicht finden, die darauf noch hereinfallen. Die Unterschlagungen bei öer Reichsbant. Außer Arnold noch drei Rlittäler verHaftel. Den Bemühungen der Kriminalpolizei ist es bercils gelungen, die verunlremmgen des Oberinspektors Arnold bei der Reichsbank und den großen Belrugsverfuch bei der Reichsbankstell« io Breslau vollständig aufzuklären und auch die ZMIbet eiligten zu ermitteln und festzunehmen. Der Breslauer Streich ist eine Art Rache abgebauter Bankbeamter. Er war gemeinsam geplant von Arnold und den Bankbuchhaltcrn Erich Reinhold aus der Hebbelftraße in Charlottenburg und Alfred Maier aus Niederschöneweide, di« unter Arnold in der Nebenstelle der Reichsbank arbeiteten, bis sie im August v. I. abgebaut wurden. Reinhold, der unterdessen beim Magistrat als Hilfsarbetter angekommen war und Maier, der noch ohne Stellung ist, müssen von den Unterschlagungen Arnolds ge- wüßt haben. Arnold führt« ein Doppelleben. Er war scheinbar der pflichtgetreue und eifrig« Beamte, heimlich aber ein Lebeinann. der seinen Neigungen entsprechend in gewissen Kreisen verkehrt« und dort viel Geld ausgab. Er mußte auch den beiden Mitwissern, nachdem dies« abgebaut worden waren, wiederholt beispringen. AI» nun Arnold wußte, daß auch er am 1. Oktober abgebaut werden sollte, kamen die drei, zunächst wohl Arnold und Reinhold allein, auf den Gedanken, sich an der Reichsbant noch gründ- lich zu rächen. Dann zogen sie auch Maier noch in das Unter- nehmen hinein. Keiner von den dreien aber traut« sich, den von Arnold gefälschten großen Scheck in Breslau zu präsentieren. Dazu suchten sie einen vierten Mann, den sie endlich in einem gewissen William G ü h o s s fanden. Maicr fuhr dann mit Gühosf nach Breslau, wo Gühoff in die Bant geschickt wurde. Als nun auf der Bank dem Gühoff bedeutet wurde, daß er etwas warten müsse, durchschaute er die Lage und erkannte gleich, daß ihm Gefahr droh«, verließ schleunigst di« Bank und fuhr mit Maier nach Berlin zurück. Der große Streich war mißlungen. Trotzdem versuchte es Gühoff bei Arnold und Reinhold mit Erpressungen. Alles das hatte die Kriminalpolizei beobachtet. Als am Mittwoch abend Gühoff wieder in der Wohnung Arnolds in der Fritfchestraße erschien, um dessen Angehörigen wieder Geld abzupressen, nahmen ihn Kriminalbeamte fest. Heut« früh kamen auch Reinhold und Maier in ihre Behau- sungen zurück und teilten gleich Gühosfs Geschick. Alle drei wurden nach dem Polizeipräsidium gebracht. Ja,«eu« städtische Werke das täten! In Nr. 469 brachten wir«ine länger« Betrachtung über di« städtischen Werke, und wir konnten daraus hinweisen, daß die Preise von Gas, Wasser und Elektrizität— dank den unermüdlichen B-'- mühungen von Vertretern der Sozialdemokratte— allmähl ch wieder ermäßigt worden sind. Demgegenüber hatten wir an den Beispielen der privaten Charlottenburger Wasserwerk« und der privaten Elek- ttizitätswerte Südwest festzustellen, daß Privatbetriebe durch teuere Preise di« verbrauchende B'e v 5 1 k e- rung schröpfen, was die bürgerlichen Gegner der Gemeint»«- betrieb«, die Schützer des profitsuchendcn Kapitals, für sehr richtig hallen und am liebsten verewigen möchten. Im Anschluß daran verösfentlicht en wir unter der Ueberschrist„Ein Tarisskandai'«in« Zuschrist, die besonders den Unterschied der Tarise privater und städtischer Elektrizitätswerke erörterte. Sie betonte durchaus zu- treffend, daß in westlichen Vororten, dem Hauptabsotzgebiet der pri- vaten Elektrizitätsgesellschaften, die r e ch t s st e h e n d> n P a r- t e i e n stark vertreten sind und daß bei den bevor st'e h e n d e n Wahlen zur Stadtve'rordnetenversammlung und zu den Bezirksveror'dnetenversammlungen die Wählerschaft den Einfluß und die Mackt dieser das Kopital und den Prosit schützenden Parte �-n schwächen und brechen muß. Jetzt erhalten wir eine Zu- schrift, die auch gegen die privaten Berliner Borort-Eleklri iiäls- werke den Vorwurf erhebt, daß ihre Tarif« höher als die der Städti- sehen Elektrizitätswerke sind. Ja, wenn städtische Elektri- zitätswerke den Verbrauchern übertriebene Preise machten, welches Geschrei gäbe es da in den bürgerlichen Blättern! Aber private Werke dürfen da» tun, ohne daß die bürgerlichen Parteien ein Wort darüber verlieren. denn— so sagen sie— private Werke müssen doch verdienen. Hier aber können wir erfreulicherweise sesistellen, daß es mit der Herr- schaft dieser Gesellschaft bald vorüber sein wird. Bereits am 22. September meldeten wir, daß der Magistrat den noch aus der Zeit vor der Eingemeindung herrührenden Vertrag für das Gebiet der früheren Domäne Dahlem kündigen wollte, und wir wiesen damals auch auf den Tarisunterfchicd hin. Am 25. September berichteten wir dann aus der Stadtoerordnetensttzung, daß es gelungen war, einen die Kündigung genehmigenden Beschluß durchzudrücken. Die Bürgerlichen halten sich bemüht, noch cire Verschleppung zu erreichen, aber die Linke mackie ibnen< n?n Strich durch die Rechnung. Wäre den Freunden und Schütze rn der privaten Werke die Verschleppung geglückt, dann hätte die Kündi- gung nicht mehr bis zum 1. Oktober d. I. ausgesprochen werden können. Nach dem Vertrag wäre sie dann erst wieder am 1. Ok- tober 1927 möglich gewesen, so daß die Schröpsung dar Verbraucher, die ohnedies noch bis zum Ablauf des Vertrooes dauert, noch um zwei Jahre verlängert worden wäre. Auch die anderen, jetzt noch von privaten Elektrizitätsgesellschaften versorgten Vororte müssen von deren Herrschast befreit werden, sobald di« noch bestehenden Verträge kündigungsreif sind. Wenn aber die bürgerlichen Parteien wieder die Mehrheit in der Berliner Stadtverordneten- Versammlung erlangen, wird den privaten Gesellschosten d"« �!*• herig« Monopol verlängert werden. Die polizeiliche Kontrolle in den Bäckerläden. Di« gestrige polizeilich« Kontrolle in den Berliner Bäckerläden hat bei den Bäckermeistern Ueberraschung hervorgerusen. obwohl man wußte, daß eine solch« Kontrolle einmal stattfinden wurde. Als bei den Besprechungen zur Herabsetzung des Brotpreises der Gedanke einer polizeilichen Nachprüfung des Gewichts auskam, hatte sich die Organisation der Berliner Böcker- meister bereits an die mittlere Preisprllfungsstelle gewandt, um in einer Besprechung Klarheit darüber zu erholten, aus welcher Ver- anlassung heraus diese polizeiliche Konttolle stattfinden solle. Dir Bäckermeister halten nämlich die Behauptung, daß sich das Vublikum über ungenügendes Gewicht beschwert habe, für unmöglich. � Iu einer heut« mittag stattfindenden Besprechung mit dem Vorsitzenden der mittleren Preisprüfungsstelle, Dr. Söhner, soll die v-n den Bäckermeistern bestrittene Notwendigkeit der Kontrolle rnd dr etwa durch die gestrige Nachprüfung gewonnene Maieria' gef" werden. Bei der gestrigen Kontrolle ist alles glatt oerlo"�" Wählerversammlungen. einer der nationalistischen Burgen, in Nitolassee, ach Benoffe Dr. Löwenstein. Er nahm fich zu Anfang iner Rede in mirtungsvoller Beife einen fommunalpolitischen eitartikel vor, den der Volksparteiler Herr v. Eynern für den hwarzweißrotblaugrüngelben Behlendorfer Anzeiger" gefchrieben hatte, und meinte schließlich, der Spicßbürger halte alles das, was in diesem Artifel geschrieben sei, für Wahrheit, denn es schreibe ia ein fo wahrheitsliebenber Mann wie der Herr v. Ennern. Dann ging Genoffe Löwenstein auf die eigentlichen großfommunalen Fragen über. Er sprach von ber Einheitsgemeinde Berlin, die wir ber SBD. verdanten. Rut durch sie war die Ersparnis im Berwaltungsapparat, Bereinheitlichung des Verkehrs und Berbilligung der lebenswichtigen Betriebe möglich. Aber durch finsterste Personalpolitit wird alle fachliche Arbeit gefährdet, Fach leute werden abgebaut und„ tüchtige" Deutschvolfsparteiler( fie find immer tüchtig, die Bürgerlichen!) in einträgliche Stellen geschoben. Der Redner fam dann auf die Schulpolitit. Das bayerische Rontordat set Hochschu3011 gegen den kultur. import; man vertritt sogar die Rüdgabe von Gütern an die Kirche. Im neuen Reichsschulgeset, das ein Standal ist, werden Aufbau- und Begabtenschulen, die besonders in Neukölln eußerordentliche Erfolge haben, unmöglich gemacht. Nur die SPD. fönne wirklich helfen. Nach ihm sprach) Genosse Rettor Holz dar über, in welcher gemütvollen patriarchalischen Art man Anno dunne mals" die Wohlfahrtspflege betrieben habe, bis die Sozialdemokraten Ordnung und Zuverlässigkeit hinein brachten. Drollig sei das Berhalten der Deutschnationalen und Volksparteiler zu der im Bezirt fehr zeitgemäßen Siedlungsfrage. Früher haben diefe Bartelen die Kleinsiedlung im Bezirf hochmütig abgelehnt und befämpft. Nachdem die Sozialdemokraten einen zähen, unermüd lichen, aber oft erfolgreichen Rampf für die Siedlung gefämpft, reißen sich jetzt die beiden schwarzweißroten Barteien darum, die Schüßer und Förderer des Siedlungswesens zu fein, eine ganz offentundige Verdrehung der Tatsachen. Weiterhin sprach auch der Bezirksverordnete Genoffe Flörte Wannsee. Eine gut besuchte Wählerversammlung ber 6. 2 bteilung fand am Mittwoch in Büttners Festsälen, Schwedter Straße, statt. Die Referenten, Genosse anda und Stadtverordneter Genoffe 3 ub. lih, führten unter anderem aus, daß der unerhörte Mißbrauch der Machistellung des Bürgerbiods im Berliner Stabiparlament gebrochen werden müsse. Das schon betrogene Heer der Arbeitnehmer soll einer weiteren Verelendung zugeführt werden und statt des Preisabbaues findet tatsächlich eine Preiserhöhung statt. Troß dem hat die Reaktion noch den Mut, erneut vor die arbeitende Bes völkerung hinzutreten und um thre Stimmen zu buhlen. Aber fo mie im bürgerlichen Stadtparlament zu ungunsten ber arbeitenden Massen gearbeitet wurde, wird von der Rechtsregierung eine infame Außenpolitit getrieben, die jedes Auf blühen eines Exporthandels unterbindet. Am 25. Oftober heißt es, die Machtstellung der Boltsfeinde zubrechen das Berliner Proletariat wird zeigen, daß es nicht länger gewillt ist, sich die politischen Bergewaltigungen gewiffen lofer Reaktionäre gefallen zu lassen. Unter startem Beifall schloffen die Redner. Obgleich im Saale piele Kommunisten anwesend waren und in der Diskussion Gelegenheit hatten, gegen die vernichtenben Reden Landas Sturm zu laufen, wagte fich feiner vor. Mit einem Hoch auf bie SPD. fchloß die Rundgebung. Gewerkschaftsbewegung Ausnahmegesete gegen die Landarbeiter. Nach einem Bericht der deutschnationalen Schlesischen Zeitung" togten am 23. und 24 September in Breslau die land und forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände Schle liens. Auf dieser Tagung redete man wieder viel über die angebliche Not der Landwirtschaft, besprach die Einführung Don Leistungslöhnen und erhob in einer Entschließung folgende Forderungen an die Regierung: " Die Bertreterversammlung forbert: 1. bie gefeßliche Einführung eines Entlassungsscheines; 2. die gefeßliche Normierung der Schadenerfaspflicht derart, daß fie auch tatsächlich wirtsam wird, und 3. Abänderung des§ 10 der vorläufigen Bandarbeitsordnung derart, daß die Lohneinbehaltung als vorbeugende Maßnahme gejezlich zulässig ist, zweds Sicherung fünftiger Schadenerjahanjprüche bei widerrechtlicher Lösung des Arbeitsvertrages, Ausdehnung der Lohneinbehaltung auf ein Drittel des fälligen Barlohnes." Wie in dem Bericht der Schlesischen Zeitung" ausdrücklich vermertt ist, hat der Bezirksleiter des deutschnationalen Sentralverbandes der Bandarbeiter, ber Reichstagsabgeordnete Sülfer, an dieser Arbeitgebertagung teilgenommen. Nachdem das Drgan tiefes Verbandes für Landarbeiter gegen die ungeheuerlichen Forde rungen der Arbeitgeber feinerlei Einwendungen erhoben hat, steht fest, daß dieser deutschnationale 3enralverband den Forderungen der schlesischen landwirtschaft. fichen Arbeitgeber auf Wiedereinführung von Aus nahmegesehen gegen die Landarbeiter stillschweigend zu Wie sind die Forderungen der Arbeitgeber zu bewerten? Der § 10 der vorläufigen Landarbeitsordnung lautet: " Lohneinbehaltungen zur Sicherung des Schadenersatzes bei widerrechtlicher Lösung des Vertrages dürfen ein Biertel des fälligen Barlohnes der einzelnen Lohnzahlung und im Gesamtbetrage die Höhe des fünfzehnfachen Ortslohnes im Sinne der Reichsversicherungsordnung nicht übersteigen. Das Recht des Arbeitgebers, den nerdienten und noch nicht gezahlten Lohn unbeschränft wegen angeblicher Ersatzansprüche an den Arbeiter ein behalten zu tönnen, hat in der Borkriegs zeit berechtigte Erbitterung hervorgerufen und zu vielen Streitig felten, namentlich in den Fällen geführt, in denen das Arbeitsver hältnis durch Niederlegung der Arbeit oder durch Entlassung vor dem Ablauf der Bertragszeit oder Kündigungsfrist ein Ende nahm. Es war deshalb mit die erste Aufgabe des Deutschen Land arbeiterverbandes, für Bestimmungen in der vorläufigen Landarbeitsordnung zu sorgen, welche das alte Unrecht beseitigten und die Landarbeiter auch in der Frage der Lohneinbehaltung mit den gewerblichen Arbeitern gleichstellen. Alle Die Fassung des§ 10 der vorläufigen Landarbeitsord nung entspricht der Bestimmung für gewerbliche Arbeiter in der Reichsgewerbeordnung. Sie begrenzt das Recht des Ar beitgebers auf Lohneinbehaltung nach zwet Seiten: die Natural leistungen dürfen von dem Arbeitgeber überhaupt nicht einbehalten werden, der Barlohn nur bis zu einem Viertel. Die Summe bes einbehaltenen Lohnes barf über ben fünfzehnfachen Betrag des Drislohnes nicht hinausgehen. ben Arbeitnehmern ungünstigeren Bereinbarungen find un zulässig, und wenn sie dennoch getroffen find, nichtig. Bas die fchlesischen Arbeitgeber unter stillschweigender 3u ftimmung des deutschnationalen Zentralverbandes fordern, geht weit über das hinaus, was nach den Gejindeordnungen der Bortriegszeit erlaubt war. Die schlesischen Arbeit. geber wollen, daß die Lohneinbehaltung als vorbeugende Maßnahme zweds Sicherung fünftiger Schadenersatzansprüche bei widerrecht wollen ein Drittel bes fälligen Barlohne's einbehalten. In den Einzelarbeitsverträgen der Portriegszeit, die von den Arbeitgebern bittiert wurden, par teilweise die Bestimmung ent halten, daß ein bestimmter Teil des Lohnes als Raution oder na chichuß allwöchentlich einbehalten werden konnte. das Arbeitsverhältnis gelöst, war es dent Arbeitgeber bann leicht möglich, gestützt durch eine solche Raution nachträglich Ansprüche auf Schabenerjag gegen den Arbeitnehmer geltend zu machen. Klagen auf Auszahlung der Rautionen waren meiſt aussichtslos. Etwas Aehnliches Joll wiederkehren. Um das unverschämte Ber langen als harmlos erscheinen zu lassen, behauptet man, es sei zur .Sicherung der landwirtschaftlichen Produttion" und damit im Inter effe der Allgemeinheit notwendig. Zu einem schweren Zusammenstoß fam es in der vergangenen Nacht in der Lindenstraße. Hier stand ein Pförtner eines Hauses mit einem Wächter beisammen. Als die Hunde des Wächters einen Borübergehenden ansprangen, fiel biefer über den Pförtner her und schlug ihn zu Boden. Dann griff er den Bächter an, der dem Pförtner beisprang. In der Notwehr gab der Wächter zwei Schreckschüsse ab. Beamte bes 105. Reviers, die darauflicher Lösung des Arbeitsvertrages gefehlich erlaubt sein soll. Sie herbeleilten, brachten den Angreifer nach der Wache, wo er als ein 22 Jahre alter Zeitungsfahrer Georg. festgestellt wurde. Schließ lich hätte der Wächter auch wohl seine Hunde zurückhalten können. Blumberg contra Edhoff und Genossen. Wie sich unsere Leser vielleicht erinnern werden, hatten wir vor einigen Wochen furz über eine Bersammlung berichtet, in der von angeblich durch ihn Gefchädigten einem Kaufmann Blumberg schwindelhafte Handlungen vorgeworfen wurden. Herr Blumberg hatte nun seinerseits die Bresse am Mittwoch zu einer Besprechung geladen, in der er sich als ber Geschädigte bezeichnete und feine Antläger, insbesondere den Seilgelehrten" Edhoff, der sich Begründer der Geotherapie" und " Generaldirektor ber geotherapeutischen Laboratorien, Ambulatorien und Bolifliniten" nennt, befchuldigte. Klärung dieser Fragen wird nun mohl die gerichtliche Behandlung der Angelegenheit bringen. Wir schließen hiermit ihre öffentliche Distuffion. Ja der heutigen Frauenftimme" heißt es im brittlegten Abfaß, daß das Berliner Jugendamt Jugendpflegevereine nicht unterstüge; schon aus dem nächsten Satz des( übrigens von Genoffin Hedwig Bachenheim geschriebenen) Artifels geht hervor, daß dieses nicht dort nicht hingehört und falsch ist. Wiedereröffnung der Schwimmhalle Charlottenburg. Nach be. endeter Instanbjegung wird die Schwimmhalle ber Boltsbadeanstalt Krumme Straße 10 am Montag, den 19. Oftober 1925, um 7% Uhr Dormittags, zur Benugung für das Pubiitum pieder freigegeben. Vorträge, Vereine und Versammlungen. Reichsbanner Schwarz- Rot- Gold". Gefd& ftstelle: Berlin G. 14. Gebaftianfte. 37/38, Set 2 sz. Freitag, den 16. Oftober, 1 Murde werden. geit ftritte burchgeführt wird und folange nicht diejenigen Unternehmer, die die Arbeitszeit übertreten, statt mit lächerlichen Geldstrafen gehörig in Strafe genommen Von einer Verlängerung der Polizeistunde tann feine Rede sein, solange die geforderte Nachtarbeit nicht angemessen bezahlt wird. Die Behauptungen der Unternehmer, daß sie wegen der nicht erfolgten Verlängerung der Polizeistunde teine Löhne zahlen könnten, sind völlig deplaziert. Die Bersammelten beschließen, sich der Führung des 3 entra verbandes der Hotel, Restaurant und Café. angestellten anzuvertrauen und gefchloffen in einen Streif einzutreten, falls ein befriedigendes Ergebnis der Lohnverhandlungen nid) t erzielt wird. Schiedsspruch im Möbeltransportgewerbe. Der zur Beilegung von Lohnstreitigkeiten im Berliner Möbel transportgewerbe angerufene Schlichtungsausschuß für Groß- Berlin fällte am geftrigen Mittwoch unter dem Borfiß des Gewerberats Körner einen Schiedssprud), der eine Erhöhung des Spigenlohns auf 53 Mart für die Woche vorfieht; der bisherige Wochenlohn betrug 48,50 Mart. Die nichtständigen Arbeiter, die bisher einen Tagesverdienst von 9 Mart hatten, sollen nach dem neuen Spruch 9,85 mart Tagelohn erhalten. Die Arbeitnehmer nahmen in einer gestern abend abgehaltenen Bersammlung den Schiedsspruch an. Die Erklärungsfrist läuft bis Mittwoch nächster Woche. Lohnverhandlungen der Metalltransportarbeiter. Nachdem auf Beschluß einer Bertrauensmännertonferenz der Transportarbeiter im Metallgewerbe der laufende Lohntarif mit dem BBMI. zum 1. November gekündigt wurde, foll morgen nachmittag über die Erneuerung des Lohntarifs verhandelt werden. Ein angefochtener Betriebsrat. In den Berlin Karlsruher Industriewerfen be ftand ſeit Jahr und Tag tein Betriebsrat. Infolge eines Streifs war nämlich das Amt des damaligen Betriebsrats erloschen. Nach der Beendigung des Streits und Wiedereröffnung des Betriebes hätte die Firma die Neuwahl eines Betriebsrats in bie Wege leiten müssen. Aber sie tat es nicht. Offenbar war es ihr sehr erwünscht, ohne Betriebsrat zu wirtschaften. Unter den Verhältnissen, welche nach dem Streit in der Fabrit herrschten, unterließen es auch die Arbeiter, die. Wahl einer gesetzlichen Betriebsvertretung durchzusetzen. Vor einigen Wochen hat nun endlich die Neuwahl des Betriebsrats stattgefunden. Diefer aber gefiel der Direktion des Wertes so wenig, daß sie jebe Beziehung zu ihm ablehnte und sich so perhielt, als wenn überhaupt fein Betriebsrat da wäre. Dadurch war die Funktion des Betriebsrats völlig lahmgelegt Die Direktion begründete ihr Berhalten, indem sie behauptete, bei der Wahl seien Berstöße vorgetommen, welche aus= reichten, um die Wahl für ungültig zu erklären. Der Wahlvor. stand soll die von den Direttionsfreundlichen Arbeitern eingereichte Borschlagsliste ohne ausreichenden Grund zurückgewiefen haben, so daß nur die gewertschaftliche iste übrig blieb, die dann als gewählt galt.- Obgleich also die Firma behauptet, Anfechtungsgründe zu haben, focht fie doch die Wahl zunächst nicht an, sondern stellte ben Betriebsrat in der erwähnten Weise talt. Das fonnten die hinter dem gewählten Betriebsrat stehendep Arbeiter fich natürlich nicht gefallen lassen. Sie beauftragten bes halb den metallarbeiterverband, für den Wahlvorftand eine Klage gegen die Firma beim Gewerbegericht zu führen, damit die Anerkennung des gewählten Betriebsrats durch Gewerbegerichtsbeschluß festgestellt werde. Kurz vor dem Gerichtstermin hatte die Firma eine Anfechtungstlage gegen den Betriebsrat eingereicht. Der Vertreter des Me tallarbeiterverbandes erklärte sich deshalb bereit, feinen Klage antrag, gegen den vielleicht formal- juristische Bedenten geltend ge macht werden könnten, zurückzuziehen, wenn sich die Firma verpflichte, den Betriebsrat anzuerkennen und seines Amtes walten zu lassen bis zur Erledigung ihrer Anfechtungstlage. Das entſpreche ja jeder Betriebsrat so lange amtiert, bis ein neuer an eine Stelle tritt. au Der juristische Bertreter der Firma zeigte sich biefem pernünf tigen Vorschlage gegenüber völlig unzugänglich. Er blieb dabei, der Betriebsrat fei unrechtmäßig gewählt, deshalb tönne von einer An erkennung und einer Amtstätigkeit desselben feine Rede sein. Das Gericht entschieb bahin: Der Antrag des Klägers burd bas Gericht noch durch den Arbeitgeber. Die auf Anerkennung des Betriebsrats ist unzuläffig, denn die Wahl bedarf weber einer befonderen Anertennung Wahl ist so lange gültig und der Betriebsrat besteht so lange zu Recht, bis die Wahl im Wege einer Anfechtungsdeutsch- ahl lage für ungültg ertlärt ist. gesamte Bandarbeitershaft auf, Rampitellung Der Deutsche Sanbarbeiterverband fordert die einzunehmen gegen diese reaktionären Bestrebungen der Arbeitgeber und gegen die Helfersdienste, die ihnen die Vertreter des deutsch nationalen Zentralverbandes der Bandarbeiter hierbei leisten. Den Regierungsstellen und auch den landwirtschaftlichen Arbeit gebern muß flar gemacht werden, daß die Seiten in Deutschland Borüber find, mo man das Landproletariat als Bolt minderen Rechts behandeln fonnte. Zur Lohnbewegung im Gaftwjrtsgewerbe. Die gestrigen Bersammlungen der gastwirtschaftlichen Arbeits nehmer Berlins haben folgende Resolution beschlossen: Die Bersammlungen der geftmirtschaftlichen Arbeitnehmer Berlins vom 14. Ottober meisen die Behauptungen der Unternehmer, daß fie höhere Löhne nicht zahlen tönnten, entschieben 3 urid. Es ist nachgewiesen, daß in einer großen Reihe deutscher Städte, u. a. Aachen, Düsseldorf, Hannover, Köln, Rönigsberg, Stettin, Wiesbaden, Würzburg, Frankfurt a. Main, Leipzig, Stuttgart, erheblich höhere Löhne ais in Berlin Leipzig, Stuttgart, erheblich höhere Löhne ais in Berlin gezahlt werden. Mitte: 74 Uhr Antreten mit Mufit. Wedding: 7½ Uhr Antreten mit Spielleuten bei Müller, Uferftr. 12. Friedrichshain: 7 Uhr Antreten mit Spielleuten Fruchtstr. 36a. Brenzlauer Berg: 7 ühe antreten Brenzlauer Tor. Tiergarten: 7 Uhr Antreten 9hf. Sietgarien. Charlottenburg: 7 Uhr Untreten Wilhelmplak, Untergrundbahn. Wilmersdorf: 6% Uhr Anfreien mit Mufit Sohenzollernplag. Schöneberg: 7 Uhr Antreten Bf. Ebersstraße. Reukölln: 7 Uhr Antreten mit Mufit Sermannplan. Tempel hof: 74 Uhr Antreten Bhf. Tempelhof. Treptow: 74 Uhr Antreten Bhf. fer.. Eingang, Dirtfenstraße, mit unit. Ripenid: 8 Uhr Antreten Gendarmenmarkt. Lichtenberg: 6% Uhr Antreten Glittelftt. 9, Lofal Ruffer. Bankow: 6½ Uhr Unireten mit Murit Gönhauser Anee Ede Bornholmer ängerung der Polizeistunde einzutreten, folange ent. Reblendorf: 47 Uhr Antreten Bhf. Mitte. Straße. Wenn ich des Morgens früh aufsteh, Bevor ich abends schlafen geh Seks singe Tasschen Messmer Jee. Die Bersammelten bezeichnen das Verhalten der Unternehmer, die wegen einer Differenz von 1 bis 2 Mart pro Woche die Verhandlungen fcheitern ließen, als unverantwortlich. Sie weisen das Anfinnen der Unternehmer, für eine Ber. schieben zurüd, folange nicht die gesetzliche ArbeitsBerliner ElektrikerHUNDE Genossenschaft Katzen, Papageien und alle angescht. dem Verb. sozialer Baubetriebe Berlin N24, Elsässer Str.86-88 Fernsnrecher: Norden 1198 Filiale Westen, Wilmersdorf Landhausstr. 4 Tel. Pfalzburg 9831 Herstellung elektr. Licht-, Kraftund Signalanlagen Verkauf aller elektrischer Bedarfsartikel Ausführung sämtl. 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Ottober.( MTB.) Da infolge Lohnstreitigkeiten in der chemischen Industrie in einer Anzahl von Betrieben die Arbeit niedergelegt wurde, haben die Arbeitgeberverbände die Aus. iperrung für die gesamte hemije Industrie in Bayern für den 21. Ottober befloifen. Fred Bramleys Bestattung. Condon, 15. Ottaber.( EB.) Die Leiche des Generalsekretärs der Amsterdamer Gewertschaft, Bramley, ift von Amsterdam nad London übergeführt und im Gewerkschaftsbureau aufgebahrt worden. Die Beiseßung soll morgen, Freitag. erfolgen. Berantwortlich für Bolitit: Cent Reuter: Birtfchaft: Artur Gaternus; Gewerkschaftsbewegung: Friebz. Cstorn; Feuilleton: R. S. Difcher; totales unb Gonftiges: Fris Rarstäbt; Anzeigen: 2h. Glode; fämtlich in Berlin. Verlag: Borwärts.Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts.Buchbruderet und Verlagsanstalt Baul Singer u. Co.. Berlin C. 68, Lindenftrake 3. Adolf Hoffmann Episoden und Zwischenrufe aus der Barlaments- und Ministerzeit. Breis 1 Mart. Borto 5 Pfennig. 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