Ar. 141. Erscheint täglich autjei" Montag?» Preis pränumerando: Bierlel- jährlich s,zo Mark, monatlich l.io Ml.» wöchentlich 28 Pfg. frei l»'? Haus. Einzelne Nummer 8 Pfg. Sonntag?- Nu»»»« mit tllustr. Sonmags- Beilage..Neue Well" lo Pfg. Poft-Abonne»ie»t: Z.ZoMt. pro Quartal. Unter Kreuz- band: Teutschland u. Oesterreich- Ungarn 2 Mt., für das übrige Ausland ZMk.pr.Monat. Eingetr. in der Post-Zeltuttgs-Preislist« für 1833 unter Nr. 7128. 12. Jahrg. Inserlions-G-bühr beträgt für die fünfgespaltene Pelitzeile oder deren Raun,-»ih.Str»S- 3. Dev Fcill Vk»ding (Schluß.) Tus Preßgesctz vom 7. Mai 1874 enthält bereits Vorschriften, welche das Uuterlasseu einer Erkundigung, ein nachlässiges, fahrlässiges Verhalten unter Strafe stellen. Der Z 21 des Preßgesctzes bestimmt, daß wenn der Inhalt einer Druckschrist eine strafbare Handlung enthält, in nach- folgender Reihenfolge der verantwortliche Redakteur, der Verleger, der Drucker, der Verbreiter der Druckschrift wegen Fahrlässigkeit zu bestrafen sind, falls sie nicht selbst als Thäter oder Theilnehmer strafbar sind, oder den V e r- f a s s e r der Druckschrift nachweisen. Ausdrücklich ist dabei gesagt, daß jede dieser Personen von der Bestrafung wegen Fahrlässigkeit frei wird, wenn sie eine der in der Reihen- folge ihr vorgehenden Personen als im Gebiet der straf- rechtlichen Gewalt deutscher Gerichte vorhanden nachweist. Mit anderen Worten, wenn der Verfasser, der Redakteur, der Verleger in Teutschland befindlich und bekannt sind, so hat der Trucker, der erst in vierter Reihe kommt, nicht nölhig, sich um den Inhalt der Druckschrift zu kümmern. Er ist kraft Gesetzes befugt, die Verantwortung den eben genannten ihm vorgehenden Personen zu belasse». Diese Vorschrift ist getroffen, um die Freiheit der Presse nicht unnöthig einzuschränken. Tie gesetzgebenden Faktoren des Deutschen Reiches hatten Verstäuhnrb genug für den Gang des Verkehrs, um zu wissen, daß die heilsame Thätig- keit der Presse und Literatur(s. z. B. den Prozeß contra Mellage) empfindlich gestört werden würde, wenn es er- forderlich wäre, daß jeder Drucker, womöglich jeder Faktor und Setzer einer Druckerei jedes Mannskript lese, bevor es gedruckt würde. Und obwohl das Preßgcsetz vom 7. Mai 1874 die Presse empfindlicher traf und treffen sollte, als zum Beispiel das frühere preußische Gesetz, weil cs bei periodischen Druckschriften den Redakteur als Thäter fiugirt, so ward diese Emöglichmig einer leichten Benutzung der Presse als direkt nothwendig aNseitig empfunden. Man sollte nun meinen, daß bei dieser Rechtslage gegen den Drucker nicht vorgegangen werden sollte, daß von vornherein ein Strafverfahren gegen den Drucker, wenn nicht besondere Umstände vorliegen, als nicht berechtigt ab- gelehnt werden müsse. Wir können als solche besonderen Umstände nicht ansehen, daß der Drnckereibesitzer sozial- demokratische Schriften druckt. So lange dieses durch Ausnahmegesetz nicht verboten ist, hat nicht blos die sozial- demokratische Partei und Presse, sondern auch jede andere Partei und Presse das größte Interesse daran, gegen jeden Versuch zu protestircn, der die klaren Grund- lagen der gesetzlichen Bestimmungen der Presse gegenüber verschieben will. Feuilleton. INachdrua verboleii.j Kerlmer Utarztage. 42 Eine geschichtliche Erzählung von Michel Deutsch. „Was reden wir nur hin und her? Es ist der Esel, der bisher getragen", meinten die einen, die Mnthigercn, die mit kühnen Worten die Zweifel in ihrer Brust zu be- schwichtigen suchten.„Wir binden dem Kerl den Schwanz hoch und geben ihm eine Tracht Prügel— hundert gegen eins, daß er uns ebenso ruhig weitertragen wird, wie er uns bisher getragen." „Wenn es nur nicht der B ä r ist", meinten die Aengst- lichercn, die sich zugleich für die Gescheidtercn hielten.„Dem werden wir wohl nicht mit Prügeln kommen dürfen, sonder» nur mit Honigbrot. Und wenn wir ihm noch dazu ein bischen gut zureden, dann läßt er sich wohl von uns am Stricke so ivciter führen und tanzt nach unserer Pfeife, daß wir bei der Komödie auf unser Stückchen täglich Brot kommen." lind während sie so stritten, ob es der Bär sei oder der Esel, und welches Mittel sich für den heiklen F� am besten empfehle, regte und reckte sich das Neue, Große, lln- bcholfene und gab immer deutlichere Zeichen seines er- wachenden Bewußtseins. Eile that Roth, Gefahr war im Verzug— und so einigten sich denn die weisen Herren da- hin, daß sie am Tage es mit Honigbrot und guten Worten, am Abend aber mit Prügeln, und zwar mit recht derben, empfindlichen, im Nothfall selbst blutigen Prügeln ver- suchen wollte», um so oder so mit dem widerspenstigen Un- gethnm fertig zu werden. Daß es am Ende weder Bär noch Esel, sondern ein drittes, gewaltigeres geben könnte, das weder einen Reiter Naturgemäß hat bei verschiedenen Personen die Be- stimmung des Z 21 des Preßgesctzes schon Bedenken hervor- ferufen; mau hat darauf hingewiesen, daß nach Z 20 des treßgesetzes der Redakteur der periodischen Druckschrift durch den Nachweis besonderer llmstäude seine Haftbarkeit ausschließen könne, daß er sich darauf einrichten könne, diese besonderen Umstände absichtlich herbei- zuführen und soniit blos die geringe Strafe der Fahr- lässigkeit ans tz 21 des Preßgesetzcs(nebenbei bemerkt Geldstrafe bis 1000 Mark oder mit Hast oder Festung oder Gefängniß bis zu einem Jahre) zu erleiden habe. Andere sind diesem Bedenklichen zu Hilfe gekommen und haben betont, daß der dolus eventualis auch hier zur Anwendung gebracht werden könne und so der R e d a k- t e u r der periodischen Druckschrift doch als Thäter be- langt werden könnte, wenn er diese erwähnte» Manöver mache. Wir können uns hier auf eine Kritik dieser Auffassungen nicht einlassen, wir wollen auch dabei, wie wir in unserem ersten Artikel schon gethan haben, einfach das Reichsgericht zitiren, von der Annahme ausgehend, daß die Rechtsprechung den Begriff des Eventual-Tolus nun einmal anerkennt. In einer Entscheidung der vereinigten Strafsenate, Bd. 22 S. 05 heißt es am Ende S. 84 folgendermaßen, nachdem die erwähnten Bedenken erwogen sind. „Andcrerseils wird die Bedeutung des dolus eventualis auf dem vorliegende» Gebiet intellektueller Veranlwortlichkeil für Preßdclikte nicht nubeachlct bleiben dürfen. Die Stell»:. g des Redakteurs... bringt es,.. mit sich, daß, iusou'cit sich der Redakteur fremder lilerarischer Kräfle... regelinäßig bedient, er deren Tdäligleit regelt.... Zwischen den: Redakteur und derartigen Mitarbeitern wird in der Regel Einverständnis!, wie über Tendenz der Zeitschrist, so auch über Inhalt und Fom der darin zu vcröffcntlichendeu Artikel obwalte»....... ...... Woraus cs ankommt, ist ja allein, ob der Redakteur, gleichviel auf welchen: Wege, miudestens so viel 5tcn»liiiß und Versländniß von den: Inhalt des strasbareu Artikels erlangt hat. daß anzunehmen ist, er habe diesen Inhalt vorausgesehen, gebilligt und die Veröffentlichung desselben mit in seinen Willen ausgcnoinmcn. Es werden daher nur solche Nu:- stände geeignet sein, den eventuellen Vorsatz auszuschließen, welche den: Slrasrichter die volle Ueberzeugung gewähre», die Verösfeut- lichung sei gegen den Willen des lltedatleurs erfolgt, derselbe würde bei Keuulniß oder doch Verstäudniß des Inhalts die Ver- offeutlichung unterlassen haben." Die Ausdehnung des Evcntnalbcgriffs geht unserer Ansicht nach hierbei viel, viel zu weit. Aber sie betrifft, und das ist festzuhalten, den Redakteur der periodischen Zeitschrift. Bei ihm ist die Bcwcisfragc und die Beweis- last vom Gesetz anormal geordnet. Er gilt nach tz 20 des Preßgesetzcs als Thäter, wenn er nicht den Gegenbeweis führt.— Das Reichsgericht sagt nun nichts anderes, als daß dieser Gegenbeweis durch äußere Umstände nicht völlig geführt werde, der Redakteur müsse vielmehr auch darlegen, daß er innerlich einen solchen Artikel nicht gewollt habe. Gegen ihn spräche dabei Tendenz tragen, noch ans den Märkten tanzen mochte, kam ihnen nicht in den Sinn. Wie ein Fanstschlag vor die Stirn hatten die Ereignisse des 13. März das Volk von Berlin getroffen. Dem Ent- setzen, der Bestürzung, dem ersten wilden Schmerz folgte ein finsterer Groll— die natürliche Gcgcurcgnng ans die zn Unrecht erlittene blutige Krankung. Denn das war diesen Hnndcrttansendcn sofort klar: daß nicht s i e sich gegen das Bestehende empört und das Signal zum Umsturz gegeben hatten, sondern jene andern, jenes Häuflein von einigen Tausenden, die für ein Volk von zwanzig Millionen die Vorsehung bilden wollten. Und das Bewußtsein dieser Thatsache verlieh der großen, breiten Masse des Berliner Volkes jene unberechenbare Kraft des guten Rechts, die zu allen Zeiten ein so gcivaltiges moralisches Kampsmittel der Schwachen und Unterdrückten gewesen ist. Ans dieser Kraft des guten Rechts aber wuchs dem beleidigten Volke ein neuer, bisher nngckannter Mnth: der Muth, dem Feinde ins Auge zu schauen, ihn in aller- nächster, körperlicher Nähe, außerhalb jenes nebelhaft-mysti- scheu Nimbus zn mustern, mit dem er sich bisher zu um- hüllen gewußt hatte. Diese Musterung hatte ein merkwürdiges Resultat. War dieses gewappnete Heer, das da dem Volke feindselig gegenüberstand, wirklich'noch„Fleisch vom Fleische des Volkes"— oder war es nicht vielmehr ein geschickt kon- struirtcs, aus Menschen- und Pfcrdeleiber», aus Kanonen und Flinten, aus Säbeln und Lanzen zusammengefügter Apparat, dessen sich die Pilgram und Schildbnrg zur Niederhaltung des Volkes bedienten? Und doch waren es Söhne des Volkes, die in diesen lange», glitzernden Reihen standen— Söhne der Kämpfer von Leipzig und Waterloo, junge, starke, schöne Menschen, vom Pfluge und ans der des Blattes und generelle Verständigung über den Inhalt der Zeitschrift.— Das Reichsgericht legt also dar, daß der Gegenbeweis, der die vom Gesetz fingirte Thäterschaft des Redakteurs ausschließen soll, schwerer zn führen ist, als es nach dem Wortlaut des Gesetzes den Anschein hat, weil eben der Eventualdolus hiueinspielt. Anders liegt selbstverständlich die Sache, wo es sich nicht um den Redakteur handelt, sondern wo z. B. der angebliche Verfasser eines Artikels oder gar der Drucker belangt wird. Hier giebt es keine gesetzliche Fiktion, hier ist nicht dem Be- schuldigten bewiesen worden, daß er eventuell straf- bar handeln wollte.— Was das Reichsgericht über Tendenz und generelles Einverstandniß beim verantwortlichen Redakteur ausführt, kann hierbei keine wörtliche Anwendung finden. Und wenn cs so aussieht, als ob der Gerichtshof im Falle Babing ans grnnd dieses eben erwähnten Reichs- gcrichts-Urlhcils mit der Tendenz des„Vorwärts" und „Sozialdemokrat" und der generellen Kenutniß, daß eine rothe Nummer erscheinen solle, operirt hat, so ist dem- gegenüber nur zn sagen, daß hier ein totales Mißverstehen der Verschie. enhcit der Fälle obgewaltet haben würde, eine Ucbcrlragung. die begrifflich ganz ungerechtsertig wäre. Lassen wir das Reichsgericht weiter sprechen. Es fährt in der angeführten Entscheidung fort: Nu» dars freilich auch der Begriff des dolus eventualis nicht über die durch das Wesen vorsätzlicher Verschuldung bedingten Grenzen ausgedehnt werde»................ .... Tauebcn wird der Redalteur den Nachweis seiner Schuld- losigkeil au der Vervfseullichuug kau::: zu erbringen im stände sein, ohne zugleich den rvahren Urheber der Veröffentlichung nanihast zu inachen und solchergestalt die Uebersührung und Be- strasung des für das Prcßdelikl verantwortlichen Thäters zu sichern. Für die Interessen der Strafrechtspflege kommt es ... eulschcidcnd....... darauf an, daß die....... verübten strasbareu Handlungen................ an dem schuldigen Thäter ihre gerechte Ahndung finden." Wir stellen nochmals die Frage, ist es strafbar, den „Vorwärts" und den„Sozialdemokrat" zu drucken? Ist cs strafbar, zun: 18. März ein Flugblatt zu drucken? War cs strafbar, dies in den vorangegangenen Jahren gethan zn haben? Wir können nach Lage unserer Gesetze anS bester juristischer Ueberzeugung nur mit Nein antworten. Zivcifellos war Schulze der Thäter. War in dem Flugblatt ein strafbarer Inhalt vorhanden, was wir be- zweifeln, so traf ihn die Verantwortung.— Ist der Versuch gercchtsertigt, insbesondere selbst juristisch gerechtfertigt, durch Ausdehnung des Eventnalbegriff des Dolus die Vcrantwort- lichleit ans den nichtwisscnden Drnckereibesitzer zu übertragen, ist dieser Versuch im Interesse der Strafrcchtpflege begründet, steht er im Einklang mit den herrschenden Rechtsbegriffcn? Und der Freiheit der Presse? Wir glauben mit allen Parteien, mit der Presse aller Parteien und nach den angeführten Urtheilen auch mit dem Reichsgericht sagen zu können. Nein! Nein! und Nein! Werkstatt hinweggcholt in einem Alter, in dem die Arme und Beine von üppiger Kraft geschwellt waren.... Diese jungen Menschen, zun: großen Thcil in den düster» Vorstcllnngcn ländlicher Halbhürigkeit ausgewachsen und daran gewöhnt, in dem Junker den angestammten Herrn und Gebieter zn sehen, bedurften keiner langen Ueberedung, nu: las ihnen verhaßte und von ihnen beneidete Städter- pack einmal gründlich ihre Uebermacht fühlen zu lassen. Die blitzende Waffe in der Faust übte ihre magische Wir- knng, cs bedurfte kann: noch des ermunternden Zurufs, um diese zwanzigjährigen Burschen sich einmal gründlich in warmem Menschcnblut ansbaden zu lasse». Was hatte dies bürgerliche Gesindel da vor des Königs Schlosse zu suchen? Fort mit den Tagedieben an die Arbeit, daß sie die Groschen verdieulcn, deren der 5iönig für seine Soldaten bedurfte. Dreißig Millionen Thaler, die Hälfte der Staatseinnahmen — soviel kostete jährlich diese hübsche kleine Armee. Marsch also mit euch in die Werkstatt, in die Fabrik, hinter dem Ladentisch, um diese dreißig Millionen zu beschaffen! So stand das Volk gegen das Volk— die einen, fünf- zehntausend Mann stark, gewappnet und gerüstet, die andern Hnnderttansendc grollend, murrend, erbittert, aber noch un- gewiß über das, was sie beginnen sollten. Schwer fiel es ihnen anss Herz, in diese» Brüdern und Söhnen den Feind z» sehen— aber sollten sie ungcrächt sich von jenen niedermetzeln lassen? Waren denn wirklich diese Fünfzehntausend, die da Gewehr bei Fuß in den Berliner Kasernen und auf den umliegenden Dörfern zum Angriff bereit standen— waren nur s i e die legitimen Nachfolger jener siegreichen Schaaren von 1813, die nicht der Korporal gedrillt, sondern der Selbsterhaltungstrieb und die Sorge um das bedrohte Volks- ganze zu Soldaten gemacht hatte? Maren nicht noch tausende von Kämpfern aus jenen Zur DemWvtt des Kadinets Windischgvatz. M i e ii, 18. Juni 1895 Tie Koalition ist gesprengt, dc>Z Ministerinin Windischgrätz geht endlict). Nachdcin die Linke durch zwanzig Monate alle Echandlhatcu der Koalition unentwegt mitgemacht, ja sich geradezu zum Packesel der klcrikal-reaktionären Koalilionspolitik gemacht. an der Aerschleppung der Wahlreform nach Kräften mitgewirkt. sagt sie plötzlich: Bis lrierher und nicht weiter. Sie hat Ele- phauteu geschluckt, nun beginnt sie Mücken zu saihcn. Tie Mücke heißt Cilli. Die Sloveucn, ihrer sieben sind im Hohenwartklub. bestehen auf der Errichtung deS slovenischen Gymnasiums in Cilli. Echon Taaffe hatte es ihnen versprochen und die Koaliiions- rcgierung ihre Forderung anerkannt. Nnn handelte eS sich um die Frage, ob ein Versprechen der Regierung zum„nationalen Besitzstand" gehört, den bekanntlich die Lioalition unberührt zu lassen sich veipflichtcl hat. Die Dentschliberalen bestreiten, die Slovenen und die Regierung— die zwei Liberalen Plener und Wurmbrand inbegriffen, wie es scheint— behaupten es und die Krise ist fertig. Fürst Windischgrätz sieht entweder die Deutschen oder den Hohnwarlklub anS der Koalition ausscheiden. Für die Dentschliberalen sieht plötzlich die„nationale Ehre" auf dein Spiels Nun mag ja für die Deutschen an der Sprachgrenze in Ilntersteieriuark der Kamps durch ein slovenischcs Gymnasium, dessen Professoren natürlich lauter Handseste Agitatoren wäre», erschwert werden, aber selbst vom deutschualionalcu Standpunkte gesehen, hat die Sache lauge nicht so durchschlagende Wichtigkeit, um deshalb einen Systcmwechsel zu rechlfertigeu. Und trotzdem, die Teiltschliberalcn haben recht, sie müssen Cilli zum „Ehrenpunkt" machen. Die Linke hat sich durch den Beitritt zur Koalition bei ihren eigenen Wühlern in Ver- nchtuug gebracht und die ewige, immer bis zum Ekel wiederholte Phrase,„die Erhaltung des nationalen und politischen Besitz- standes" als Deckmantel deS Aerralhcs tauschte kein Kind mehr. Selbst der dümmste„Bürger und Bauer" lachte schon, wenn sie mit ihrem„Kampf für Forlschritt und Tcutschlhnm" herausrückten. Um ihre Mandate zu retten, deren einen Thcil die Taaffe'sche Wahlreform gefährdete, haben sie der nackten Reaktion Lakaiendienste verrichtet. Cilli, das war aber für sie die Aufforderung, auch die Lakaienlivree anzuziehen. Lakai'sein, warum nicht, aber als Lakai erscheinen— das bringt kein deutschliberaler Mann übers Herz. Kurz, die Linke hatte ihren Wählern vorgeredet, ihr Verralh geschehe zu Nutz und Frommen des„nationalen Besitzstandes", der durch ihre Machtstellung in der Koalition ge- sichert werde. Cilli enthüllte, daß die„große Partei" ohnmächtig fei gegenüber den 7 Slovenen unter der Prolektio» des Grafen Hohenwart, enthüllte, daß von der Prvstilntio» der Linken nicht rinnial die„nationalen Interessen" prosilirt, daß sie einfach ge- schehen sei, um die Mandate zu friste» und zivei Ministerposten z» besetzen, riß der Schmach der Linken das letzte Feigenblatt ab. Darum, wollten die Abgeordneten sich in den Ferien über- Haupt nach Hause wagen, mußten sie sich zur Wehre setzen. Und sie thaten es um so lieber, weil die Koalition ohnehin schon zum Teufel war. Sie war an der Wahlreform ge- scheitert. Die Koalitiou war einig und fest, so lange sie das gemeinsame Programm, die Wahlreform zu verschleppen, ivomöglich überhaupt nicht zu machen, verfolge» konnten. Als das aber— nicht zum mindesten dank der Energie der Archeiter- sehnst— unmöglich wurde, als es daran ging, den beabsichtigten Wahlreformschwindel durchzuführen, zeigte sich, daß zede der ehrenwerthen Parteien nicht nur daS Volk, sondern auch seine Kumpane beschwindeln wollte. Die alte Geschichte, noch nie hat ein Gaunerkonsortiuni„ehrlich" und friedlich die Beute zu theilen vermocht. . Was nun kommt ist noch nicht klar. Tie Lage wird komplizirt dadurch, daß noch jetzt im Juni das Budget 1895 nicht beivilligt ist, und man mit Provisorien arbeitet. In Oesterreich heißt es lbei solchen Gelegenheiten stets: Zeit vertrödelt, fallcs gewonnen, und so dürfte vielleicht durch ein abermaliges Budgetprovisorium die Ernennung eines neuen Ministeriunis und Bildung einer neuen Majorität bis in de» Herbst hinein verschoben werde». Jedenfalls ist die Koalition die volksfeindlichste Regierung, die Oesterreich seit Jahrzehnte» hatte, mit Schanden dahin. Tie Sozialdemokratie hat dazu ihr redlich Theil beigetragen und ins- besondere die Wiener Arbeiterschaft hat es verstanden, ihrllrthcil über die Regierung iu sehr deutlicher Weise zum Ausdruck zu bringen— trotz alles Polizei- und Militäraufgebots. Die Jung- czechen haben das Verdienst, der Regierung die Möglichkeit ge- uomnien zu haben, sich mit„positiven Erfolgen" zu brüsten. Sie haben durch eine energisch gesührte Obstruktion die Weiter- sührung der Steuerreform, die nebenbei gesagt nichts taugt, er- folgreich behindert. Und die Wahlreform? Die Wahlreform wird für das neue Ministerium nicht die„erste und wichtigste", sondern die einzige Aufgabe sein und wen» der Staiser einen glücklichen Griff hat Tagen nnlcr den Hebenden und wenigstens hunderte von ihnen unter denen, ans die gestern diese Kürassiere, diese Dragoner, diese Ulanen eingehauen und eingestochen haben? Waren unter diesem Volk von Berlin, das man jetzt als Pöbel, als Pack und Gesindel zu bezeichnen beliebte, nicht dreißig-, vierzigtansend Männer, die ihren Zoll an den Militarisnius ebenso redlich entrichtet hatten, wie jene jungen Burschen mit dem ersten Flaum auf der Lippe? Und diese reisen, zum theil schon ergrauten Männer sollten nun ans sich, auf ihre Frauen nnd Kinder, ihre Freunde und Kameraden schießen lassen, ohne auch nur zu mucken? Nein,«ud abermals nein— das wäre Feigheit ge- wescn, unmännliche Feigheit, Selbstmord. � Und so begann denn das Auge zu suchen, scheu nnd schüchtern zuerst, und dann immer eifriger, wo es eine Wehr erlangen konnte für den unbewaffneten Arm, damit bei erneutem Nebcrfall die ungeschützte Brust nicht straflos vom Stahl des Feindes durchbohrt würde... Es war das Vorspiel der großen geschichtlichen März- Katastrophe, das am 13. März seinen Anfang genommen. Die Ereignisse dieses Tages hatten den absolutistischen Staat der Könige von Preußen jäh in zwei Thcile gerissen und den Keim der Revolution in ihn hineingetragen. Aber nicht die„Revolution von unten" war es, sondern die „von oben", die Revolution der klugen Leute, die den„Er- eignisscn" zuvorkommen wollten nnd den unerbittlichen Gang der Geschichte zu meistern sich erkühnten. Und als sie beim hellen Sonnenlicht des nächsten Tages sich die iblutige That des Abends näher besahen, da erkannten sie, daß sie in ihrem Hochmuth eine unvcrzeih- liche Dummheit begangen" hatten: Die Dummheit, sich durch Uebcreilung ganz offenkundig ins Unrecht zu setzen. Mit verblüffender Naivctät hatte am Tage nach dem Gemetzel die offizielle„Staatszeitnng" eingestanden, daß das Volk nirgends einen Anlaß zum Einschreiten der bewaffneten Macht gegeben hatte, daß keine„irgendwie er- hcblichen Exzesse" vorgefallen waren. So war es also das „zur Vorbeugung von Exzessen" aufgestellte Militär ge- wesen, das die Exzesse begangen... Mau ärgerte sich nun, daß man nicht noch einen, noch zwei, noch drei Tage geivartet hatte, bis„jene Elemente" von selbst losgeschlagen und die„verdiente Strafe" ans ihr Haupt herabbeschworen hätten. Man war verblüfft über und einen energische» Mann siudck, so kann die neue Regierung jede Wahlreform, auch die Taaffe'sche und die vor allem, beim Parlamente durchsetzen. Die Parlameittsparteicn sind abge- braucht, mürbe und schwach geworden und eine feste Hand kau» ihnen abringen, was S t a a t s n o t h w e n d i g k e i t ist. Das allgemeine Wahlrecht ist heute nicht nur sozialdemokratische Forderung und Interesse der Arbeiterklasse, es ist in der That der einzige Ausweg ans dem Sumpfe, iu den die Cliqueuwirlh schafl den Staat gebracht hat. Von dem Wechsclbalg von Wahlresorm, den das Subkomitee ausgearbeitet, spricht natürlich kein Mensch mehr. politische Itcbeelicht. Berlin, 19. Juni. Ter NeichZkeig wird iu seltener Beschlußfähigkeit an den Kieler Festen thcilnehmen. Blos 81 Abgeordnete, darunter 46 Sozialdemokraten werden sehlcu. Die Ahlwardt und Bockel, die bei allen namentlichen Abstimmungen des Reichstages fehlten, haben nun ihren Eifer als Parla- mentarier gefunden und reisen durch den Nord-Osiscc-Kanal. Herr Ahlwardt hat auch einen Diener mitgenommen.— Tie Unehrlichkeit der„nationalen" Vismarck'scheu Politik, der wir die sogenannte„Einheit" verdanken sollen, wird durch ein Schriftstück hübsch illustrirt, das jetzt zum ersten Male veröffentlicht wird. Es ist das aus dem Jahre 1866 stammende, vom damaligen Kurfürst von Hessen unterzeichnete amtliche„Referat" über die Amtwort auf die preußische„Sommation" vom 15. Juni. Tie„Sommation" war die Aufforderung, sich unverzüglich Preußen anzu- schließen und den Deutschen Buitd zu bekriegen. Der Kur- fürst lehnte ab und ivurde, weil er den Bismarck'schen „Umsturz" nicht mitmachen wollte, gefangen, entthront nnd seines Vermögens verlustig erklärt, was gewiß sehr„um- stürzlerisch" war. Auf die Rechtsfrage gehen wir nicht ein, ivas uns iutereffirt ist, daß, laut diesem, noch am nämlichen 15. Juni verfaßten Referat, Bismarck gar nicht an eine deutsche„Einheit" dachte, sondern nur an die Nieder- werfnng Oesterreichs. Für den Fall, daß der Kurfürst die preußischen Umstnrzbestrcbnngen unterstütze, ivurde ihm nämlich— ein Stück H c s s e n- D a r m st a d t als Beute versprochen. Also ein anderer Bnndcsfürst sollte beraubt werden. Das ist so charakteristisch, nnd stellt die Natur nnd Moral der„nationalen" Politik in ein so helles Licht, daß jeder Kommentar überflüssig ist.— Sehr geistreich behaupten nationalliberale Blätter jetzt, angesichts gewisser Vorkommnisse:„Skandalöse Prozesse sind Symptome, welche den Niedergang des öffentlichen Lebens bedeuten." Das ist guviß sehr wahr. Und damit die Wahrheit recht deutlich und greifbar zu tage trete, wollen wir auch gleich zwei praktische Beispiele zur Nntzauivcndnng geben. Am 24. Fe- brnar 1848 wurde von den„wilden" Franzosen der Thron des„Bürgcrkönigs" gestürzt, weil dieser die größten Gaunereien geduldet halte, wie seinerzeit aus ver- schiedenen„skandalösen Prozessen" erhellte. Heute sitzt in Italien ein Mann in der Regierung— nnd zwar ganz oben—, von dem alle Well weiß, daß er ein Gauner ist, nnd der im Znchthanse sitzen müßte, wenn Gesetz und Moral noch etwas gälten— in den maßgebenden Kreisen. Vielleicht beantwortet die natioualliberale Presse uns die Frage:„War der„Niedergang des öffentlichen Lebens" ein tikserer im Jahre 1848, wo eine Ganner- Regierung von dem eütrüstcten Volke„gestürzt" wurde?. Oder ist er tiefer im Jahre 1895, wo eine Ganner- Regierung von der ganzen nationalliberalen nnd sonstigen Ordnungs- presse als Ordnnngsstütze gefeiert wird?"— Vom Verfall deS Zentrums ist jetzt viel die Rede in der nationalliberale n Presse. Während dem Sprichwort nach der Einäugige unter den Blinden König ist, bemitleidet hier der Bünde den Einäugigen.— Eine internationale AgitatlonStonr unternimmt nun im Austrage des deutschen Bundes der Laudivirthe Dr. Ruhlaud, ein Privatdozcut an einer schweizerischen Uuiversilät. Er hat in Wien und nun auch in Budapest für die Interessen der deutschen Agrarier gewirkt und trifft Abmachungen wegen eines das Verhalten des Berliner Volkes: es sah wirklich so aus, als ob es im Ernst an gar keine Erhebung gedacht hätte, so aufrichtig war sein Schrecken bei dem plötzlichen Ucbersall gewesen. Aber was nun? Ein Loch zurückstecken nnd sich chnldig bekennen, jetzt, wo die Blamage bereits da war? Niemals! Und so blieb denn nur eins übrig: den ins Rollen gebrachten Stein weiterrollcn zu lassen und, wenn es anders nicht ging, das vergosseile Blut in frischen, größeren Blut- lachen zu ertränken. Mit verblüffender Schnelligkeit entwickelten sich die Dinge. Jeder Tag brachte einen Fortschritt in dieser Ent- Wickelung, einen neuen Akt des sich mit zwingender Roth- wendigkeit aus dem entstandenen Konflikt ergebenden Dramas. Nicht einzelne Menschen handelten in diesem gewaltigen Drama, sondern Kräfte, Elemente, gesellschaftliche Klassen, die in ihrer Gegensätzlichkeit mit der ganzen Wucht ihrer Interessen anfcinaiider prallten. Enger und enger schloffen ich hüben wie drüben die Individuen aneinander, schärfer nnd härter prägten sich die Kontraste ans. Die Schicksale der Einzelnen ordneten sich dem großen Gange der Er- eignisse unter, die Interessen des Alltags traten in den Hintergrund vor diesen neuen, bisher unbewußt schlummern- den Interessen der Gcsammtheitcn, der Klassen. An allen Ecken und Enden ging das rostige Klammerwerk der alten Ordnung in die Brüche, ehrwürdige alte Begriffe wurden abgestoßen wie das abgenutzte Fcderklcid der Vögel in der Mauser. Und eine Mauser war es in der That— eine Mauser des ganzen preußischen Volkes, im hellen Schein der ver- jüilgenden Frühlingssonne. Vom tiefsten Grunde aus waren zie Gemüther aufgewühlt und aufgerüttelt, und alle Verbände 'chienen von dem brausenden Sturmwind der Leidenschaften er- chüttert. Es war, als ob das ganze alte Eisen der Vergangenheit in die lodernde Gluth geworfen wäre, um zu neuen Ge- bilden umgeschmolzen zu werden. Und es war zugleich wie eine große Sichtung, die sich da nach unerschütterlichen Naturgesetzen vollzog: eine Sich- tnng, bei welcher Herzen und Nieren am harten Probirstein der Ereignisse geprüft und die wahren Freunde des Volkes von den falschen geschieden wurden. Und siehe da, aus der Zweiheit, die der Abend des im Jahre 1896 in Budapest abzuhalicnden internationale» Zkoiigrcsses der Laudivirthe. Seine Ausgabe soll ferner in der Schaffung eines internatioiialeu Bundes bestehen, dessen Zweck die„Beseitigung der Miöbräuche" sein soll, welche die „natürliche Entwickelung der Getreidepreise verhindern". Wir sind die letzten, welche gegen die internationale Politik irgend einer Jutereffenteiigruppe etwas eiiizuwendeii haben. Wir begreifen dies voltkonimen, denn in dem Zeitaller der Welt- wirlhschaft wird mit jedem Tage die Vertretung ökonomischer Interessen ausschlieblich im iialionalen Nahmen uiiuiöglicher. Seit Jahrzehnten behaupteten wir dies und wurden deshalb ver- höhnt und verleumdet, heute ist diese Lehre Gemeingut. Daß aber die deutschen Agrarier sich auf den Boden des Juternatjoiialismus stellen, entbehrt nicht der Komik. Siedle für strengste Abschtiesnnig des deutschen Koiisumgebieles sind, deren Ideal in der Politik der Vertragsbruch dem Auslände gegenüber ist, sie die blos an die eigene Bereicherung und die Schädigung des Auslandes denken, werden kaum das nöthige Entgegeiikoimuen bei ihren ausläudischeu Koukurrentcu zu gemeinsamem Handeln siuden. Als Zeichen der Zeit erscheint das Hinausgreisen der Agrarier über Teutschlands Grenzen jedenfalls bemerkeus- iverth.— Vorläufiges Wahlresultat iu Kolberg-KöSliu. Bei der gestern in Kotberg-Kösliii erfolgten Ersatzwahl zum Reichstage, welche infolge llugiltigkeitserklärung der Wahl des Abgeordneten v. Gerlach erforderlich wurde, sind in den Städten Kolbera, Körliu, Kösliu, Bublitz und iu 17 ländlichen größeren Wahl- bezirken zusammen abgegeben für Baurath Beuoit- Charlotten- bürg(frs. Bg.) 2831, Laudrath v. Gerlach(k.) 1347, Kailsiua»» Lötz(Soz.) 1625 und Paasch(Antisemit) 219 Stimmen. Erledigter Laudtags-Wahlkreiö in Preuße». Der Kommerzicii'rath Linke, Mitglied des Hauses der Abgeordneten für den 7. Liegnitzer Wahlbezirk(Hirschberg-Schönau) ist gestern Abend plötzlich gestorben.— Tas Urtheil im Falte Vadiug nennt die„Köln. Volks-Zeitung" ein die schärfste Kritik heraussorderndes Urtheil. Sie schreibt ferner: „Dieses Urtheil gehört, soweit es insbesondere den Drucker Babing betrifft, zu dem bedenklichsten, was die deutsche Siecht- fprechung in jüngster Zeit zu tage gefördert hat. Unseres Er- achtens hätten namentlich alle deutschen Buchdrucker Veranlassung, gegen solche„Rechtsgrundsätze" sich zu wehren. Eine An- wendung des tz 139 des Strafgesetzbuches und des Z 20 des Preßgesetzes, wie sie die 8. Strafkammer des Berliner Land- gcrichls hier für zulässig erachtet hat, übertrumpft gewisser- maßen die dehnbarsten Bestiinmungeii der abgelehnten Umsturz- vorläge." Die„Trierische Ztg." schreibt: „Die preßgesetzlichc Verantwortlichkeit hat in den letzten Jahre» durch die Rechtspechimg eine nicht nur sehr unersreuliche, sondern auch so überaus künstliche Erweiterung erfahren, daß es in der That Zeit wäre, wenn die berufenen Stellen diese Entwickelung einmal einer geuauercii Prüfung unterzögen und in Erwägung iiähiiicn, inwieweit eine präzisere Faffung der gesetzlichen Be- stiiiimniigeii erforderlich ist." Tie„Vreslcmer Morgeu-Ztg." schreibt „Das Urtheil über den Buchdrucker Bading in Sachen der März-Festzeitung wird jetzt im Wortlaut bekannt und liefert wieder den Beweis, wie sehr eine recht baldige und d u r ch g r e i f e n d e R e s o r in in u n s e r e m P r e ß g e s e h e n ö t h i g geworden ist.... Tie Ann ahme des eventuellen Dolus erscheint aber in dem vorliegenden Falle noch eigeiilhüiii- lichcr dadurch, daß die früheren Märzblätter, auf die sich der Gerichtshof in dein von ihm abgegebenen Urlheil ausdrücklich beruft, straffrei geblieben sind.— Das Urlheil gegen Babing, welches von dem beschränkten Unterthaueiiverstande, mit welchem wir gesegnet sind, überhaupt nicht begriffen Und verstaudeii werden kann, hat die Kritik der gesammten deutschen Presse heraus- gefordert, und diese geht dahin, daß Gerichtsverhältiiisse, inilcr denen solche Urtheile möglich sind, einfach unhaltbar seien. Reden allein hilft aber nicht, es muß gehandelt werden. Was heule dem sozialdemokratischen Verleger Babing passirt ist, kann morgen einem konservativen, iiatioualliberaleii oder freisinnigen Verleger cbenfalls zu theil werden. Deshalb ist es hauptsächlich Sache der deutschen Verleger und Buchdrucker, n i ch t m e h r zu vertrauen, sondern f e st e u m s i Ä zu hauen. In zweiter Linie kommt sodann die Presse, welche gegen eine derartige Ausdehnung und Handhabung des Rechts zu Felde ziehen muß. Hier gilt es ein Prinzip zu bekämpsen, durch welches das g a u z e P r e ß g c iv e r b e, wenn dasselbe auch die Anerkennung der Justizverwaltung finden sollte, ge- r a d e z u lahm gelegt wir d."— Auch in unserer Parteipresse wird das Urtheil vielfach kritisirt, so z. B. im„Braunschweiger Volksfreund", der „Schwäbischen Tagwacht", der„Sächsischen Arbeitcr-Ztg.", Dreizehnten geschaffen, wurde alsbald eine Dreiheit: in den breiten Riß, der entstanden, trat jenes schwankende Element der Ziveiseelennieuschen und Mantelträger, die es mit keiner der beiden Parteien verderben wollten, und jene geborenen „Vermittler" und Liebesapostel, die mit dem Klcistertopf umherliefen und die klaffenden Ritzen mit ihren dünnen Pflästercheu zu verkleben suchten, und jene weichen Sammct- scelen, die den Anblick des Blutes nicht vertragen konnten, und endlich jene rohen, gemeinen PHUisternaturc», die für ihre Geldtruhen zitterten und in jedem Menschen im Arbeits- kittel den Dieb sahen. Aus diesen Elementen bildete sich eine neue, dritte Partei, deren Stimmführer niemand anders war, als Herr Ohrwurm, der große vormärzliche Macher der öffentlichen Meinung. Mit unglaublicher Keckheit behauptete dieser Stammvater aller Berliner Reptile in seinem Blatte, daß „der größere Thcil der letzten Versammlung in den Zelten ans Gesindel und unerwachsenen Leuten bestanden habe, die nur Nahrung für ihren Muthwillen gesucht und sich nicht gescheut hätten, Leben und Eigenthum ihrer besonnenen Mit- bürger zu gefährden." Diese Unterscheidung in„Besonnene" und„Unbesonnene" wurde eins der Schlagworte, mit denen die neue Partei Ohrwurm hinfort manipulirte. Mit Freuden begrüßte man im militärischen Lager die sich anbahnende Spaltung: da hatte man ihn ja, den täppischen Brummbären— und er wollte wirklich tanzen! Nun war auch keine Gefahr mehr mit dem„anderen", dem Esel, oder was es sonst war— man konnte jetzt ruhig ans diesen Unbesonnenen losschlagen, ohne es mit dem„Besonnenen" zu verderben. Und als nun, am Tage nach dem ersten Blutbad, eine Deputation der„Besonnenen" im königlichen Schlosse er- schien, da war der 5könig allen Lobes voll über die Haltung „aller derjenigen, auf deren Benehmen er Werth legte", und er schenkte ihnen zu ihrem Vorrath von Schlagtvortcn noch ein paar hübsche Wörtlein hinzu, wie zum Beispiel die schöne Hoffnung:„Freie Völker, freie Fürsten", und die prächtige Feldherrndevise:„Kühn und bedächtig", und er thcilte ihnen sogar in aller Gemüthlichkeit im„Kouversations- tone", wie er selbst sich ausdrückte, mit, daß die Ein- berufung des vereinigten Landtags beschlossene Sache sei -- während noch drei Tage vorher eine Breslauer Deputation den Bescheid bekommen hatte, daß an eine solche Einberusnng„nicht zu denken sei".(Forts, folgt.) .Vrcmer Bürgcr-Ztg.»,..Lübecker Volksbote«.Freie Presse« rn Apolda,„Volkswachl" in Breslau.— Cfiite iiichtöwiirdie>c Dennnziatko« leisiet sich der berüch- t?g!e Schweinburg in seiner„Neuen Reichskorrespondenz". U»tct_ der sensationellen Ueberschrifl:„Sozialdemokratische Kriegstreiberei" giebt er ein Sammelsurium reaktionärer Redens- arten zum beste», um der Polizei und den Staatsanivälten den NemdS zu liefern, daß unser nenlicher Artikel über„Die innere Lage in den Staaten des Dreibundes"(siehe die Nummer des „Vorwärts" vom 15. d. M.) den Zweck habe, das Ausland ans den Dreibund zu Hetzen. der von uns nur zu Zwecken der Kriegstreiberei so schwach hingestellt werde. Der Schiveinburg scheint die Debatten über die Umsturz- Vorlage vergessen zu haben. Die Schilderungen, welche die Vertreter der R e i ch s r e g i e r u n g. namentlich auch der 5l'riegs- minister von der bejammernswerthen H i l f s l o s i g k e i t und Schutzbedürftigkeit des Reichs und der ganz besonderen Hilfs- losigkeit und Schutzbcdnrfligkeit des R e i ch s h e e r e s gemacht baben, lassen das Deutsche Reich und Heer noch weit, weit schwächer erscheinen, als wir jemals geglaubt haben. Und Teutschland ist doch wohl der stärkste der Dreibundstaaten. Vielleicht setzt sich der Schweinburg einmal mit den Herren Koller und B r o n s a r t auseinander.— Tie qcisiliche Overaufsicht der Alexianer gehört zu den Ausgaben des erzbischösiicheu Geueralvikariats von Köln. Dasselbe theilt mit, daß ihm bei den in Mariaberg, wie auch in den übrigen Anstalten der Alexiancr in hiesiger Erzdiözese wiederholt und namentlich in den Jahren 1892 und 1893 stattgefnndencn eingehenden Visitationen Falle von Mißhandlungen der daselbst befindlichen Geistes- kranken nicht bekannt gcivorden sind. Demnach ist die staatliche Aufsicht gcnan ebenso erfolgreich gewesen, wie die geistliche.— Tic verkehrte Welt. Anläßlich des Alcxianerprozesscs, der � von den Herren Nationallibcralen zur letzten Ans- peilschnng der todtgehetztcn Kulturkampf- Rosinante aus- genutzt wird, komme» einige nationallibcrale Blätter jetzt dazu, sich zu beklagen, daß der Mann, der jene Abscheulich- keilen entlarvt habe, dafür statt mit einer Belohnung mit einer Anklage bedacht worden sei. Aber i st es denn jemals anders gewesen? Nenn Zehntel aller gegen unsere Partei gerichteten Prozesse haben im wesentlichen genau denselben Ursprung wie der Prozeß Mcllage— es wird irgend ein Mißstand aufgedeckt, und die, welche ein Interesse an der Erhaltung des Mißstandes haben, fühlen sich„beleidigt«, oder entdecken irgend sonst einen Verstoß gegen einen der bekannten Kantschnk-Paragraphen unseres famosen Strafgesetzbuchs— der Prozeß ist da, und mit dem Prozeß die Anwartschaft ans fast sichere Verurtheilung. Eine Freisprechung ist eine Seltenheit, denn bei der herrschenden Schwachnervigkcit läßt sich inimer eine„Beleidigung" finden— wenn nicht schlimmeres. Daß Mellage nicht vernrtheilt wurde, war ein Glücksznfall. Wir kennen dutzcnde von Prozessen, in denen der Wahrheitsbeweis ebenso gut gelungen war und dennoch Verurtheilung erfolgte: Die Thatsache steht fest: Jeder, der heutzutage einen Mißstand aufdecken will, wird nicht als ein öffentlicher Wohlthätcr, sondern als ein Feind der b e st e h e n d e n Staats- und Gesellschaftsordnung be- trachtet und behandelt. Und diese Thatsache cnt- hält in sich die denkbar schärfste Verurtheilung dieser selbigen, fälschlich so genannten„Ordnung«. 5kon»»e man nicht mit der faulen Ausrede, daß die Kritik, welche die Prozesse veranlaßt, nicht immer eine be- rechtigte und wahrheitentsprechende sei. Wenn Ein- schränknngen gemacht, auf jedes nicht zu beweisende Wort Strafen gesetzt werden, dann ist es überhaupt vorbei mit der freien Kritik.— Der Landtag von Sachseu-Altenbnrg(die Landschaft) ist auf den 28. Juni einberufen worden.— Aus Anlast der internationalen Verbrüderung in ktiel scheint man nicht blas in Frankreich sondern auch in Preußen und nicht zuletzt am Alexanderplatz Väterchen n Diensten zu stehen. Gestern Morgen wurde hier ein cit längerer Zeit unter dem Namen Konow zurückgezogen lebender russischer Schriftsteller verhaftet. Er wird auch heute uoch uicht entlassen und beschuldigt, sich nicht unter seinem eigenen Namen hier aufgehalten zu haben. Die Energie, mit der gegen K. vorgegangen wurde, läßt darauf schließen, daß die Polizei auf ihren Fang besonderen Werth legt, stolz ist und die Staatsretterei auch für Rußland betreiben will. Da K. in keiner Weise sich in deutsche politische Ver- Hältnisse gemischt hat und in Rußland auch nichts auf dem Kcrbholze hat, so wollen wir erwarten, daß K. höchstens wegen der angeblichen Meldekontravention zur Rechenschaft gezogen, sonst aber in Frieden gelassen wird. Jedenfalls liegt nicht der mindeste Anlaß vor, sich wie im Falle Holz- mann zu blamiren.— Zur österreichische» Wahlrechtöbewegung wird aus Nnchenberg gemeldet, daß dort unter freiem Himmel eine von ca. 15 ovo Personen besuchte Volksversammlung abgehalten wurde, welche sich einstimmig mit den Wahlrechteforderungen der öfter- reichischen Sozialdeniokratie eiuverstaude» erklärte.— Schweizerische Liebesdienste gegenüber Crispi. Dem soeben erschicucncn Abschnitt„Allgemeine Angelegenheiten" im Verwaltungsbericht des basclstädtischcn Regie- rungsrathes pro 1894 entninimt der„Basler Vorwärts" unter litt, c„Beziehungen zum Ausland" folgende inter- cffante Stelle: „Das schweiz. Justiz- und Polizeidepartemeut machte Anzeige von der mit der italienischen Regierung getroffenen Neberei»- kunft, wonach in Zukunft alle aus der Schweiz ausgewiesenen Italiener nach Chiasso gebracht werden sollen. Wir(nämlich die Basler Regierung. Red.) konnten hierauf erwidern, daß schon bisher die Transporte der von hier(nämlich von Basel. Red.) ausgewiesenen Italiener ausnahmslos nach Chiasso ausgesührt worden seien." Tie Schweiz ist tief gesunken, wenn sie dem Crispi derartige Liebesdienste erweist. Hoffentlich wird der schweizerischen Regierung die ihr gebührende Note in den parlamctitarischen Körperschaften ertheilt werden.— Ter Prozeß gegen Calvinhac geht weiter, trotz der Weigerung der französischen Kammer, der Strafverfolgung zuzu- stimmen. Das französische Gesetz ist in dieser Beziehung anders als das deutsche. Heute ist Verhandlung in Toulouse.— Uebcr die Manifestation gegen die Verurtheilung Ealvignac'S wird uns aus Paris unterm 17. Juni geschrieben: Tie gkstcrn in Carmanx staltgehabte Manifenarion gegen die schamlose Verurtheilung Calvignac's hat eine» äußerst gläuzende» Verlauf genommen. An dem zu Mittag stattgehabten Bankett zu Ehren Calviguac's»ahme» außer den Vertretern zahlreicher Gemeinden und den Tclcgirte» der Arbeitsbörsen von Toulouse, Tccazeville, Bäzicrs, Carcasjoime, Moutauban, Narbomie und Montpellier die sozialistischen Abgeordnete» JauröZ, Gucsde, Vaillant, Paschal Grousset, Chauvin, Sembat, Rouanet, Basly, Gerault- Richard, Carnaud, Coutant, Prudent- Dervillers, Chauviäre, Anlide Boycr, Desfarges, Thivrier und Compayre theil. Wie bei dem Bankelt nahmen fast alle Abgeordnete auch auf dem hierauf gesolgten Prolesuneeting das Wort, das von über LOCK) Personen, d. i, da Carmaux nur ctivas über 8000 Einwohner zählt, von nahezu der ganzen erwachsenen Be- völkerung dieses Erubenortcs besucht war. Der Enthusiasmus, mit welchen die sozialistischen'Abgeordneten und deren Reden aufgenommen wurden, spottet jeder Beschreibung. Tie zum Schlüsse mittels Akklamation angenommene Resolution spricht den festen Willen der Versammlung aus, durch die Erringung der politischen Gewalt mit dem sozialpoliiischen Unterdrückungs- spstem, das die Arbeiter dem Kapital, die Republikaner der Reaktion und die ehrlichen Leute den Richtern überliefert, ein Ende zu mache». Tie ganze Manifestation ivar eine ebenso glänzende Rechtfertigung des ehemaligen und, wie man wohl hinzu- fügen kann, künftigen Maire von Carmaux als scharfe Ver- nrtheilung des über ihn gefällten schurkischen Urtheils und dessen Urheber.— Teutsche Crispiner. Die hochsittliche„Tante Boß« läßt sich aus Rom telegraphiren: Not», 18. Juni. Cavallotti stellt die unmittelbare Veröffentlichung der angeblichen Beweise für C r i s p i' s O r d e n s s ch a ch e r in der Kammer in Aussicht. Es wird des- halb heute eine aufregende Sitzung, aber ei» sicheres Fiasko C a v a l l o t t i' s erwartet. Tie öffentliche Meinung ist seines komödiantenhaften Ränke- spiels durchaus müde und von der Hohlheit seiner angeblichen Beweise überzeugt. Alle ernsten Blätter verdammen die leichtfertige Störung der gesctz- geberischen Arbeit und ermahnen die Kammcrmehrhcit, mit neuen S k a n d a l v e r s u ch c n kurze» Prozeß zu inachcu. Und das nennt sich liberal, ja fortschrittlich, und ist so tugendhaft! Von„angeblichen" Beweisen redet der Vossifche Crispiner! Aber weiß der Biedermann denn nicht, daß die Schriftstücke, welche den Ordensschachcr beweisen, schon seit Jahr und Tag veröffentlicht und daß die Echt- h e i t von Crispi gar nicht b e st r i t t e n wird, der sich nur herauszulügen sucht wie ein Taschendieb, in dessen Hand das gestohlene Geld gefunden ward? Cavallotti will blos bewirken, daß der überführte Gauner auch als solcher gebrandmarkt und mit Schimpf und Schande ans der Regierung hinausgeworfen wird. Nicht um den N a ch iv e i s der Schuld handelt es sich mehr, sondenl um die Bestrafung der Schuld. Au der Schuld Crispins zweifelt kein Mensch mehr, weil sie so bündig und schlnßkräftig erwiesen ist, wie jemals die Schuld eines Verbrechers. Und die Brand- marrung und Bestrafung des Verbrechers Crispi nennt der Vossische Crispiner eine Komödie und beschimpft den Ankläger, statt die Schale des Zornes über den Schuldigen auszugießen. Das nennt sich Moral! Echte Crispi- und Crispiner- Mcwcil. Da können wir noch er- leben, daß Tante Voß den Freiherrn von und ßu Hammer- stein nächstens als Heiligen anbetet! Herr Crispi selbst, dem das Messer an der Kehle sitzt, hat nicht das„leichte Herz« des Vossischen Crispiners. Wie ein Telegramm ans Rom meldet, ist er vorgestern plötzlich erkrankt, war aber gestern doch in der Kammer, wo jedoch nichts passirt ist. Das Erkranken ist jedenfalls ein böses Zeichen. Man weiß, was solche Krank- heiten zu bedeuten haben. Herr Crispi hat zwar eine eiserne Stirn, allein er verwickelt sich immer mehr in die Maschen des Netzes und— auch an politischen Krank- heiten kann man sterben.— S« Velgicn ist es den vereinigten Volksausbeutern ge- lungen, durch Koruzölle die Brotpreise künstlich in die Höhe zu treiben. Die Zölle sind zwar lange nicht so hoch wie in Deutsch- laud, aber die Belgier, die in solchen Dingen keinen Spaß ver- stehen, haben das betreffende Gesetz das Hungergesetz(I-oi de Farnine— eigentlich Gesetz der H n n g e r s n o t h) genannt und eine schwarze Lifte angelegt, auf der alle Brolvertheurer an den Pranger gestellt und der gebührenden Verachtung preis ge- geben sind.— General Nandersmisseu, der vor einigen Tagen in Belgien gestorben ist, wird von den kapitalistischen Blättern als einer der edelsten Menschen gepriesen. Der„Peuple" protestirt gegen diese Geschichtsfälschung und stellt fest, daß dieser Vandersinissen während des großen Bergarbeiter- Streiks von 1836 die Rolle eines Bluthundes schlimmster Sorte gespielt und sich die abscheulichsten Grausamkeilen hat zu schulden kommen lassen. Während jenes Streiks sammelte noch ein anderer Ordnungs- Held Lorbeeren: der Lockspitzel P o u r b a i x. Jeder der beiden ist des anderen werlh— der Pourbaix und der Vandersmissen.— VolvkeinsÄtvtGIen. Als ReichstagS-Zkaudidat für den mecklenburgischen Wahlkreis N o st o ck- D o b e r a n ist von einer Rostocker Partei- Versammlung der Rechtsanwalt Herzfeld in Berlin unter dem Vorbehalt aufgestellt worden, daß die Parteigenossen der übrigen Orte des Kreises ihre Zustimmung geben. Von der Agitation, lieber die Vorträge, die Frau Kla rsa Zetkin aus Stuttgart jüngst drüben am Rhein hielt, sagt das Rheinische Agitalionskoinitee in einein Aufruf, daß an vielen Orten, wo die genannte Redncrin sprach, die Versammlungen überfüllt waren. Frauen wohnten ihnen überall bei, in den meisten Städten sogar in beträchtlicher Anzahl. Zu begeisterten Kundgebungen für den Sozialismus gestalteten sich besonders die Versammlungen in Düsseldorf, Creseld, Aachen, Köln und im Reiche des Kanonenkönigs Krupp, m Essen. Weiter sagt das Komitee in seinem Ausruf: Daß eine industriell so hoch ent> wickelte Gegend wie die Rheinprovinz der Sozialdeniokratie zu- 'allen muß, ist naturnothwendig. Die Verdrängung der Partei der Kapläne durch die Partei des Klassenkampses ist nur eine Frage der Zeit, eine Frage der politische» Aufklärung und Schulung der Masse, die sich laugsam und unter schwierigen Umständen, aber sicher voll- zieht. Die Ultranion tauen selbst beschleunigen diesen Zeitpunkt, Ivo sie abgeivirthschaftct haben, denn so gut wie das Alexianer- kloster Mariabcrg zu Aachen seine„schmutzige Station" baite, so hat die Zentrumspartei ihre schmutzige Slalion im Reichstag, gerade in Beziehulig auf ihre arbeiterfeiudliche Haltung bei der Sozialgesetzgebung. Demokratische und religiöse Phrasen können die Masse auf die Dauer über diese Haltung uicht täusche». Die Genossen aber thun in ernster, begeisternder, pflichttreuer Arbeit das ihrige. Ver Sozialdemokratie weitere Schaaren zu werben, die geivollueuen neuen Streitkräfte aus unklaren oppositionellen Mitläufern zu zielbewußten Sozialisten zu erziehe». Auch in den 'chmärzesten Gegenden giebt es eine Kerntruppe zielklarer. geschulter Genosse», die sich der ernsten Verantwortmig voll bewußt sind, auf einem besonders schwierigen, aber auch besonders ehrenvollen Posten im Klassenkampfe zu stehen. An de» Stadtverordnete»- ErgänznngStvahlen in Cottbus werden sich in diesem auch unsere Genossen be- theiligen. In einer Parteiversammlung am Sonntag wurde be- 'cblosien, eigene Kandidaten aufzustellen und schon jetzt eine um- astende Agitation sür die im November stattfindende Wahl zu entfallen. Uunöthige Furcht. Unter diesem Stichwort schreibt die in Gießen erscheinende„Mitteldeutsche Somitagszeitung": Es ist nicht ganz unbegründet, daß manche unserer Partei- genossen in abhängigen Stellungen sich fürchten, mir ihrer Mei- mmg an die Oeffentlichkeit zu treten. Wir begreifen dies, nur scheint es uns manchmal, als ob die geübte Zurückhaltung be- deutend übertrieben würde. Nicht von jedem können wir ver- langen, daß er agitatorisch auftritt, aber wenn man täglich sieht, wie sich sonst tüchtige, brave Parteigenossen sogar geniren, die Zeitung zu halten, die ihnen zusagt, loder, wie am 1. April zum Beispiel in Wetzlar hunderte von Arbeitern an einem Fackel- zuge zu Ehren des gröüte» Arbeiterseindes Bismarck theilnahmen, dann meinen wir: Diese Art von Meinungsheuchelei geht zn iveit. Sei man doch nicht zu ängstlich. Ein freies, muthiges Bekennen iniponirt immer, sofern wenigstens der Älrbeitgeber Anspruch darauf macht, als Ehrenmami zu gelten, welcher auch die Ueberzeuguiigstreue des Gegners achtet. Nur GesinnungL- lose werden einen Arbeiter wegeii seiner Zugehörigkeit zu einer politischen Partei maßregeln. Wo wäre das Christenthum gegenüber dem übermächtigen romischen Kaiserthum hingekommen, wenn seine Bekenner nicht den Muth gehabt hätten, es überall und jedem gegenüber mit Stolz freudig zu bekennen? Befinden wir uns nicht in gleicher Lage? Gerade uns, den Sozialdemolraten, steht es schlecht an, dem Hute Reverenz zu erweisen. Das Schweisivedeln, Bauchiutschen und andere schöne Spaße über« lassen wir der bürgerlichen Gesellschaft, bei der es ohnehin auf etwas Heuchelei zu ihrer vielen nicht ankonimt. Wir müssen uns stets daran erinnern, daß wir nur von unserem Menschen- rechte Gebrauch machen und daß es Männern geziemt, ihre Meinung frei und offen zu bekennen; nicht in ver- letzender Weise, wohl aber mit Selbstachtung und ruhiger Festigkeit, Vor einiger Zeit schrieb die kapitalistische„Frank- furter Zeitung" ans Frankreich:„Die Sozialdemokratie ist die Partei der ehrlichen Leute, daher ihr riesiger Erfolg." Ein solches Zeuguiß des Gegners erfüllt uns mit Stolz und sollte auch jedem den Muth geben, sich überall al? Anhänger »userer Partei zu bekenuen. Also etwas mehr Selbstbewußlseiu, das hebt uns selbst, bringt den Gegnern Achtung vor uns bei und spornt die Schwankenden und Zagenden zum Anschluß und zur Nacheiferuiig au. Trete jeder Arbeiter unseren Organisationen bei, halle man treu zusammen und jeder schreibe sich ins Herz: „Wir wolle» sein, ein einig Volk von Brüdern, in keiner Roth uns trennen und Gefahr," Dann wird bald die Zeit komme», wo jeder es als höchstes Lob empfindet, wenn man ihn einen echten Sozialdemokralen nennt. Ncber die Lesevereine kam es im Leseverein München- Ost zu einer interessaiiteii Auseinandersetzung. Ein Mitglied hatte den Antrag ans Auflösung des Vereins gestellt und be- gründete das damit, die Lesevereine schadeten im großen und ganzen der Gesammtpartei, weil sie in jeder Hinsicht zur Zer« splitterung der Kräfte führten. Dem wurde von der Mehrzahl der Redner eutgcgeugehallen, die Mitglieder seien bei den Wahlen und sonstigen Gelegenheiten opferwillig zur Stelle, die Lesevereine böten eine gute und reiche Bibliothek und die Heranbildung tüchtiger Redner und überhaupt tüchtiger Genossen könne nicht in großen Versauimlungen, wohl aber im engern Kreise geschehen. Diese Ansicht schlug durch. Der Verein bleibt bestehen, solgnge nichts besseres geschaffen ist. Die Sozialdemokratie deS 2. wlirttembergischen ReichS- tagSwahlkrciscö hielt am Sonntag in Cannstadt ein großes Fest ab, das von mehr als 8000 Personen besucht war. Lutz aus Baden-Badeu hielt die Festrede. Aus der Schweiz. In Wintert hur wurde unser Kandidat Ernst mit 1576 gegen 875 Stimmen in den Stadt- rath gewählt, ferner 18 unserer Parteigenossen in das Stadt- vcrordneten-Kollegium. Weiter kam Ver Sozialdemokrat Werner in das Friedensrichter- Amt und auch in die Schulbehörden wurden einige unserer Kandidaten gewählt. Zu beachten ist dabei allerdings, daß die bürgerliche demokratische Partei sür unsere Kandidaten stimmte. Polizeiliches, Gerichtliches:e. — Wie vielleicht den Lesern des„Vorwärts" noch erinnerlich ist, war der Redakteur des Bremischen„Kuriers", Or de mann, i wegen Veleidigung unseres Genossen D outine, des früheren Geschäftsführers der„Bremer Bürgerzeitung" vom Schöffengericht zu 250 M. Geldstrafe oder 25 Tagen Gcfängniß und zu mehr- facher Urtheilspublikation verurtheilt worden, weil er die völlig unerwiesene Behauptung aufgestellt hatte, Doutine habe bei seinem Abgang von der„Bürgerzeitung" die Geschäftsbücher in chaotischem Zustande hinterlassen. Gegen das Urtheil legte Ordeniaun Berufung ein, erreichte aber nur, daß er das Urlheil blos in der„Bremer Bürgerzeitung" und im„Kurier" zu publi- ziren braucht, während das Schöffengericht hierin weiter ge- gangen war. Im übrigen wurde Ordemann's Berufung ver- warfen. In der Begründung dieses Urtheils führte das Land- gericht aus, daß allerdings eiuzelue der vom Vertheidiger des Beklagten angeführten Gründe als strafmildernd in belracht kämen, daß aber das Gericht bei der Schwere der Beleidigung eine viel höhere Strafe als angemessen würde erachtet haben, wenn diese Gründe nicht vorhanden wären. Es sei ohne Zweifel, daß dem Privatkläger eine unehrliche Handlung nach- gesagt werde, was, da es in einem öffentlichen Blatte geschehen sei, noch um so straferschwerender ins Gewicht fallen müsse, als es geeignet sei, die Existenz des Beleidigten schwer zu ge- sährden. � — Wegen Beleidigung des Restaurateurs Bossomeier m Stettin war Reichstags-Abgcordneler Herbert als Redakteur des„Volksboten" vom Schöffengericht zn 50 M. Geldstrafe ver- urtheilt worden. Das Landgericht setzte die Strafe auf 20 M. herab. — I. Ivos, der Redakteur deS„Volks blatts für Gotha", war vom Schöffengericht wegen Beleidigung des Geudarmen Bachmann zu 80 M. Geldstrafe verurtheilt worden. Der Amtsaiiwalt legte Berufung ein, weil die Vorstrasen unseres fiarteigenossen nicht genügend berücksichtigt worden wären. Das andgeiicht hat nun die Strafe in einen Monat Gesängniß umgewandelt. Das„Volksblatt" bemerkt dazu: In den Äerhand- lungen hatte der Redakteur geltend gemacht, daß eine Vorstrafe von im ganzen 7 Wochen Gesängniß innerhalb 5 Jahren re- daktionellcr Thätigkeit unmöglich als erschwerend in betracht kommen könne. Diese Strafe habe er verwirkt nicht als Privat- mann, sondern in seiner Eigenschaft als Redakteur. Vor Täuschung und falscher Berichterstattung, wie es hier der Fall war, sei aber kein Redakteur sicher, zumal wenn sie ihm von jemand zugehe, der ihm sonst als durchaus zuverlässig bekannt sei, der aber selbst auf das gröblichste getäuscht wurde. Wer zudem berücksichtige, wie viele Sachen einem Redakteur zur Veröffentlichung zugesandt würden und wie rasch eine Zeitung hergestellt werden müsse, könne nn- möglich das Vergehen eines Redakteurs mit demselben Maße messen, wie das Vergehen eines Privatmannes. Diesen Aus- führungen schloß sich der Gerichtshof an und kamen somit die Vorstrafen nicht als erschwerend in betracht.— Aber erhöht hat er die Strafe doch! — Wegen der in der„Thüringer Tribüne" am 20. März veröffentlichten Notiz„Ein Rauchverbot" wurde Redakteur Hurh in Erfurt zu 2 Monaten Gefäuguiß verurtheilt. In der Notiz soll eine Majestätsbeleidigung einhalten sein. — Gegen das Preßgesetz, insbesondere gegen dessen Z 7, sollte Reichstags- Abgeordneter Horn in Dresden- Löbtau um deswillen gesündigt haben, weil er bei dem von ihm redigirten „Fachgenossen" unterlassen hatte, die genaue Bezeichnimg des verantwortlichen Redakteurs anzugeben. Am Kopfe seines Blattes stand bis zum Dezember vorigen Jahres der Vermerk: „Verlag und Schriftstelle G. Horn." Dies fiel plötzlich dem Amtsgerichte auf. Horn wurde von ihm mit einem Strafmandat in der Höhe von 10 M. bedacht. Schöffen» und Landgericht bestätigte» jene Strafe init der Begründung, daß der Vermerk nicht die genaue Bezeichnung der Eigenschaft des verantwort- lichen Redakteurs enthalte. Horn legte dagegen beim sächsischen Oberlandesgericht Revision ein. Dieses hat nun durch Ver- werfung des Rechtsmittels die Entscheidung der Vorderinstanzen bestätigt. — Der Redakteur der„Oberfränkischen Volkszeitung", Stücklen in Hof, wurde wegen Beleidigung des Lehrer- kollegiums der Hofer Realschule vom Bayreuther Schwurgericht zu 14 Tage» Gefängniß verurtheilt. SoziKls lleberstcht. Zur Förderung des HauShaltungsnuterrichts für die b ä u e r l i ch e weibliche Jugend sollte nach einem vom 12. März dieses Jahres datirenden Beschlüsse des preußischen Landes- Oekonomietollegiums das Ministerium für die Beschaffung der nöthigen Geldmittel sorgen. In Verfolg dieses Beschlusses sollen nun— wie die Köller'sche Korrespondenz mittheilt— die Provinzial- verbände, denen die Sache obliege, veranlaßt werden, helfend bei- zuspringen. Der Landwirthschastsminister hat sich indessen bereit erklärt, aus den zur Förderung des Molkereiwesens ihm zur Verfügung stehenden Mitteln solchen Haushaltungs- und ähnlichen Lehranstalten, welche diesen Zweig des Unterrichts pflegen, für dessen Zwecke Beihilfen zu bewilligen. Die Angelegenheit zeigt, daß wie in den Städten so auch auf dem Lande der Jndustrialismus, zu dem heute auch die Landwirth- schaft gehört, die Familie zerstört. Früher erlernten die Mädchen daheim bei der Mutter die Hauswirthschaft. Jetzig müssen die Töchter, sobald sie der Schule ent- wachsen sind, auf de» Gütern der Landmagnaten srohnen oder in die Fabrik gehen, um mitzuverdienen, weil es daheim im Hause des Kleinbauern oder des Landarbeiters nicht mehr zulangt. Und nun muß der schwer geprüfte Papa Staat für Laushaltungsschule» und dergleichen sorgen. Mit solchen Mittelchen wird heute in Preußen Sozialpolitik getrieben. Und da wagt man dem preußischen Staate nachzusagen, daß er blos die Interessen des Grundbesitzes und nicht auch die der Land- arbeiter zu wahren versteht! Wegen der Schweinereien, wie die„Fränkische Tages- post" derb, aber richtig sagt, die in einigen Bäckereien Nürnbergs vorgekommen waren, hat der Magistrat den Bäckermeistern geboten, Gesellen und Lehrlinge, die an der Krätze leiden oder dieser Krankheit verdächtig sind, nicht zu beschäftigen. Alle krätzkranken Personen müssen ins Krankenhaus. Verheimlicht ein an der Krätze leidender Geselle oder Lehrling die Krankheit, !so wird er bestrast. In jeder Bäckerei ist ein Plakat anzuschlagen, das der Magistrat zur Belehrung über die Krätze drucken läßt. Krankenkasseuwese». Dem Allgemeinen Kranken- und Sterbevercin für Wehen und Umgegend(E. H.), der Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter zu Frankfurt a. M.(E. H.), der Kranken- und Sterbekasse des Maurergewerks zu Halle a. S., der Krankenkasse der Maurer(E. H.) in Elmshorn und der Homöopathischen Krankenkasse(E. H.) zu Rheydt ist vom preußi- scheu Handelsministerium die Bescheinigung ertheilt worden, daß sie, vorbchältlich der Höhe des Krankengeldes, den Anforderungen des A 75 des Krankenversicheruiigs-Gesetzes genüge». GeHuevKVVQstlilsses. Die Bertraueilsmiinner, Vereiusvorstälide k., welche uns Bekanntmachungen, Aufforderungen, Berichte n. s. w. im Namen ihrer Organisation oder sonstwie in offizieller Eigen- schaft zum Zwecke der Veröffentlichung zusenden, werden von uns dringend ersucht, jede derartige Zuschrift mit dein Stempel ihrer Organisation zu versehen. Es ist dies eine im Jnteveffe der betr. Organisationen absolut nothwendige Kontroll- Maßregel, auf deren Erfüllung wir fortan b e st i m m t rechnen. Für Mittheilungen, welche nicht unterstempelt sind, können wir keine Garantie, daß dieselben aufgenommen werden, übernehmen. Die Redaktion. Der Leipziger Maurerstreik ist in der Montagsversanim- lung der Ausständigen offiziell für beendet erklärt worden, nachdem mitgetheilt war, daß die Unternehmer sich dem Schieds- fpruch des Einigungsamtes ebenfalls unterworfen haben. In einem an das Agitationskomilee der Maurergehilfen gerichteten Schreiben ist gesagt, daß zur Durchführung der Beschlüsse auf die Hilfe der Arbeiter gerechnet wird. Es bezieht sich das Haupt- sächlich auf das Verhalten gegenüber denjenigen Bauunternehmern, die den Unternehmerverbänden nicht angehören. Die Arbeit ist am Dienstag wieder aufgenommen worden. Aus Hamburg berichtet das„Echo" unterm IS. Juni: Ed, Streik der T a x a m e t c r k n l s ch e r kam heute Mvrgen zum Ausbruch, dauerte in seinen» größeren Umfange aber nur .'kurze Zeit. Die Taxainelerlutscher bezogen früher-inen Tage- lohn von 3 M., also 21 M.»vöchentlich.'Die Flihrherren führten dann eine Aenderung eil», in der Weise, daß die 5kutscher nur 12 M. festen Lohn pro Woche und 10 Prozent der Tages- kinnahme erhielten. Hierbei verdienten aber die Kutscher selten mehr als 17 M. die Woche. Sie haben nun die Forderung an die Fuhrherren gerichtet, ihnen»vie früher 21 M. festen Wochen- lohn zu zahlen,»vobei dann die 10 pCt. Provision in Wegfall kommen sollen, ferner Livree(Rock und Hut) zu liefern, die Arbeitszeit auf 13 Stunden pro Tag festzusetzen und ihnen alle 14 Tage einen freien Tag ohne Lohnabzug zu ge- »vähren. Auch»vurde die Einrichtung eines von den Kutschern zu verwaltenden Arbeitsnachweises verlangt, dessen Kosten Fuhrherren und Kutscher zu gleichen Theilen tragen sollten. Da die Mehrzahl der Fuhrherren diese geiviß bescheidenen Forderungen nicht be»villigte, traten heute Morgen 250 Tarameterkutschcr in den Streik ein. Von den 24 Flihr- »verksbesitzeri»,»velche 3—10 Kutscher beschäftigten, beivilliglen darauf 20 die Hauptforderungen, betr. Lohn, Arbeits- und Freizeit, sowie Lieferung der Livree; vier Fuhr»verksbesitzer mit zusammen 0 Kutschern beivilliglen nicht, so daß nun noch inklusive 3 vorher Ausgesperrten 12 Kutscher seier». Die kleineren Besitzer mit 1 und 2 Kutschern zahlten die geforderten Löhne schon länger oder haben die Forderungen ohne»veiteres bewilligt, bis ans einen. Bei drei größeren Fnhriverksbcsitzern und in den übrige» mittelmäßigen Betriebe» scheinen die Kutscher die Forderungen nicht vertreten zu haben und unter de» alten Bedingungen fort- zuarbeiten. Die Forderung der Errichtung eines Arbeits- nachrveises»vurde vorerst sollen gelassen. Ten Erfolg verdanken die Taxaineterkutscher ihrem festen Zusammenhalten. In Fürth dauert der Streik der S ch l a g m e t a l l- und Kon» Positionsschläger unverändert fort. Briefe:c. sind zu richte»» a» Georg S ch n» i d t, Fürth, Restauration vo»i Schönknecht, Theaterstraße. Erste Geueral- Versammlung des Verbandes der deutscheu Buchdrucker. Ziveiter Verhandlungstag, 18. Juni. Uin 9 Uhr eröffnet der erste Vorsitzende D ö b l i n- Berlin die Sitzung. Zunächst kommt der von der Mitgliedschaft Leipzig gestellte Antrag zur Verhandlnng, wonach ei» Ausschuß geschaffen werden soll, der aus sieben Personen besteht,»vovon drei am Sitze des Ausschlisses»vohnhaft sein müssen,»vährcnd die»veiteren vier Personen aus vier anderen Gauen zu»vählen sind. Den Sitz soll die Generalversammlung bestimmen. Der Ausschuß soll das Recht der Kooptation haben und sich init statistischen Erhebungen über das Buchdruckgewerbe, planmäßiger Agitation Verantivortlicher Redaktelir: I. Dierl( zur Heranziehung aller noch nicht organisirten Berufs- angehörigen und mit Berath»li»g über Aktionen in Be- ziehnng auf Lohn und Arbeitszeit beschäftigen. Der Antrag »vurde von den Leipziger Kollege» damit begründet, daß der Vorstai»d zn überlastet sei, mn alle diese Arbeiten selbst zu übernehmen und ziveckmäßig auszuführen. Man»volle dem Zentralvorstand init jener Aenderung lediglich zur Seite stehen. Wenn vor drei Jahren in Stuttgart angeführt»vorden sei, daß die Leipziger eine Nebenregierung bilden»vollte», so wäre dies hinfällig, denn der Sitz des Ausschusses könne aus verschiedenen Gründen nicht nach Leipzig gelegt»verde»,. Nur aus agitatorische» Gründen, in bezug auf Erhebung von Statistiken:c., habe man den Antrag gestellt. Sämmtliche übrige Redner ivcnde» sich gegen den Antrage, betonend, daß alle Arbeiten, die der Ausschuß inachen solle, schon genügend durch den Vorstand besorgt»vürde»,»vie u.a. die Statistik b'eiveise, die ain IS. Oktober erhoben»vurde. Nach Nnnahine des Leipziger Antrages»väre der Vorstand eine Null»mdjjhatte nur noch die Postsachen zn befördern, Beiträge in Enipfang zu nehmen und Unterstützungen auszuzahlen. Die Gauvorstände, die doch die beste Agitation in ihre» Gauen treiben könnten, da sie über die Verhältnisse am besten orientirt seien,»vären dann auch überflüssig. Ferner»vurde auf die anderen Geiverkschasten,»vo derartige Ausschüsse bestehen, hin- geiviesen; dort lebe man forlivährend auf dem Kriegsfuß, indem es heiße: hie Vorstand, hie Ausschuß. Der Antrag»vurde ab- gelehnt, dafür stiiinnte nur Leipzig. Ebenfalls abgelehnt»vurde der Antrag Frankfurt a. M.> C h e in» i tz, der eine Verminderung der Abgeordneten zur Generalversamniluiig beziveckte. Während jetzt die Gaue bis zu 300 Mit- gliedern einen Abgeordneten wählen,»vollte der neue Antrag bis zu 500 einen Abgeordneten. Auch der Antrag Berlin: Der „Correspondent" erscheint an dem jeiveiligen Sitze des Verbands- Vorstandes,»vurde nach längerer Debatte,»vobei sich außer den Berlinern alle Delegirten dagegen erklärte», abgelehnt. Eine ganze Reihe vo» Anträgen»vurde» zu den einzelnen Unter- stl'itzimgsziveige»» gestellt und einer Konnnission vo» nenn Mit- gliedern zur Vorberalhung überwiese». Aus der Debatte ist hervorzuheben der Bericht, den der Kassirer Gustav Elfter- Berlin über die Kasseiwerhältnisse gab. Wenn das Vermögen sich auch auf nahezu 000 000 Mark beläuft, so müsse doch in betracht gezogen werden, daß die Hälfte dazu aus der aufgelösten Zentralkrankcnkasse staininl, die dein Verband 280 000 M. überiviesen hat. Es müßten auch die ein- zelnen Ziveige,»vie Versorgung der Invaliden und Krankengeld- zuschuß, abgegrenzt»verde»». Ebenso»nüsse daran gedacht »verde»», eine» Fonds zur Regelung der tarifliche» Verhältnisse zu sammeln. Die Arbeitslosenverhältnisse»vürde», immer schlechter; gegen das Vorjahr feien hierfür 14 000 M. mehr verausgabt worden. In» nächsten Jahre,»vo die»vährend der letzten Beivegung in großer Zahl eingestellten Lehrlinge anslerncn, »verde das Arbeitslosenheer noch niehr anschivellen und be- deutende Summen verschlingen. Der Borstand habe die gestellten Anträge eingehend geprüft und mit den Kassen verhält- niffen in Vergleich gestellt. Das höchste,»vas den Mitgliedern geboten»verde» könne, seien die vom Vorstand gestellten Anträge, die schon eine Mehrausgabe von jährlich 60 000 M. erfordern. Er empfehle die Ablehnung säniinilichcr Anträge und die An- nahine der Vorstandsanträge. Während einige Redner die Unterstützungsziveige mehr ausbauen»vollien, sprachen sich die anderen Redner dahin ans, die Geiverkschast zu einem reine» Kampsverein zu machen. Man könne wohl die Arbeitslosen- Unterstützung ausbessern, aber alles andere müsse fallen gelassen werden, da die Geiverkschast sonst ihren eigentlichen Charakter verliere und zum Versicherungsvereiu herabsinke. Der Verband müsse das werden,»vas man sich in Stuttgart vor drei Jahre» von ihm versprochen habe: ein Kalnpfvereiu und scstcs Bollivcrk gegen die dunkle» Pläne der Prinzipale. Schluß der Sitzung 4 Uhr. Au» Abend»vurde von Delegirten das Grab Ferdinand Lassalle's besucht und ein Kranz mit Schleife und entsprechender Widmung niedergelegt. Ter Bund deutscher Bravergeselleu, eine Organisation, die seinerzeit unter der Aegide der Unternehmer gegründet»vurde, um der Organisation der klaffe,»beivußten Brauer, den» Verband deutscher Brauer, das Lebenslicht auszublasen, hielt dieser Tage in Dortmund eine Telegirtenversanunlung ab. Die„Rheinisch- Westfälische Arbeiter- Zeitung" entivirst davon folgende Schilderung:„Der Delegirtentng unterscheidet sich äußerlich sehr scharf von de» Zusaminenkünsten'der klasfenbeivnßte» Arbeiter. Wie die t�rtsvereine des Bundes ihrem»Vahren Wesen nach Ver- gnngungsvereine und kann» elivas»veiteres sind, so spielt auch beim Delegirlentag das Vergnügen eine große Rolle. Ein Kommers bildete den Anfang und»vährend der Tagung findet»na» noch Zeit, de» Kaiser Wilhelm- Hain, die Anlagen der Brauerei Kronen- bürg, die Union zn besichtigen, Gartenkonzerte anzuhören und Fahnendeputationen zur 2Sjährigel» Jubelfeier des Torlniunder Brauervereins feierlichst zu empfangen, einen Zapfenstreich und einen nochmaligen Koinmers mitzumachen. Als würdiger Schluß aber figurirt die Jubelfeier des Dortmunder Vereins mit Parade und Festzug, Vrillantfeueriverk und Fcstball. Unter diesen fest- lichen Veranstaltungen verschrvinden die Bcrathungcn, denen der Delegirlentag eigentlich doch geividniet sein sollte. Das »vickligste erscheint als nebensächliches Beiiverk. Ter Geist, der die Verhandlungen beseelte, entspricht diesen Acußerlichkeite». Das»var nicht das Slnslreten selbst- belvußter Männer, die ihre Rechte fordern, das»var die ängstliche Leiselreterci Untergebener, die von ihren Brotherren etwas zn erbitten hoffen und dabei ängstlich spähen, ob sie nicht durch ein Wort oder eine Geberde den UntvillkN der Gestrengen hervorrufen. Die Sorge, daß ,»a» das Zutrauen der Brauerei- besitzer nicht verliere,»rar die einzige Veranlassung,, velche die einzige größere und belebtere Debatte entfesselte." Der„Bund" hat trotz der Gunst der Unternehmer nicht mehr als 1800 Mitglieder. Selbst von einige» Vereine» dieser zahme» Organisation wurde über zu lange Arbeitszeit und schlechte Löhne geklagt. In Wien ist die über die Möbelfabrik von Sander I a r a y und über das Geschäft des Unternehmers Karl Kaspar verhängt gewesene Sperre aufgehoben, da ersterer die Arbeitsordnung gemäß dem Wunsche der Arbeiter abgeändert und der letztere den Nennstundentag beivilligt hat. Tagegen bleibt die S p e r r e b e st e h e n betreffs der Tischler- »verkstätten von Ludivig Schmitt, VIII. Florianigasse S4, und Israel Pattak, XIV. Kardinal Rauscherplatz 5, soivie betreffs der Drechslerei vo» D ö r s a n, V. Griesgasse. In Brün» haben die Weber und Weberinneu der Jute- »vaare n-Fabrik von Passer die Arbeit niedergelegt, »veil der Fabrikant für 100 Meter Juteivaare anstatt der 1 fl. 10 kr., die er selber in die Lohnbücher der Arbeiter ein- geschrieben hatte, am Zahlrage»ur 82 kr. geben»vollte. Ter Streik der Holzarbeiter in Troppan steht günstig, da»vieder mehrere Meister beivilligt habe». Aber Unterstützung ist»öthig. Ter Bäckerstreik in Budapest dauert fort. Zur ttiltersuchnug der Ursache» des Bergarbeiter- Streiks in R a s ch i tz a hat die ungarische Regierung de» Grubenkoinmissar Balajti nach Raschitza gesandt. Ter Verband deö Personals schweizerischer Trausport- anstalten beschloß auf seiner Delegirtenversaininlnng in Luzer» mit 41 gegen 11 Stimmen den Beitritt zum schiveizeriickien Arbeiterbund,»vodurch dieser einen Zuivachs von 10 000 Mit- gliedern erhält. Ferner sprach sich die Telegirtenversammlung sür möglichst baldige Verstaatlichung der Eisenbahnen aus, jedoch unter der Bedingung, daß die Rechte des Eisenbah,»-Personals, namentlich betreffs der Unterstützungskassen, durch Verfassung iinil Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading» und Gesetz ausdrücklich geivahrt bleiben. Weiter beschloß man, eine Petition über Aenderung des Ruhetagsgesetzes an die eid- genössischen Räthe zu richte»; die Petition soll von allen Eisen- bahii-Angestellten unterzeichnet»verde»». In Basel haben die S e i d e n>v e b e r nun doch erklärt, ihre Forderungen durch den Streik erkäinpfen zu»vollen, da ihnen die von den Fabrikanten gegebene Erklärung über die Einführung des Zehnstundentages und über die Garantie eines Akkordlohnes von 4 Franken pro Tag nicht genügt. In der Linder'schen Fabrik ist die Arbeit bereits eingestellt. Zuzug von Seidenivebern nach Basel ist deshalb zu verhüten. In Lyon in Südfrankreich sind seit Anfang Mai sämmt- liche Eisengießer ausgesperrt,»veil in der Gießerei von Averly die Arbeiter»vegen schlechter Behandlung in den Aus- stand getreten»varen. Die Fabrikanten schickte» Agenten in alle Nachbarländer, um Ersatz zu bekommen. Die Gießer Deutsch- lands»verde»» deshalb von den französischen Kameraden ersucht, sich nicht als Streikbrecher sür das französische Ausbeulerlhum herzugeben. Die Glasschleifer»nd L,»»»Penmacher der Edison u. S>v a»» United Electric Light C o n» p. in P o n d e r s End bei L o n d o n sind seit einigen Wochen i>u Streik. Sie gehören zur Electrical Trades Union und theilen den beruss- verwandten deutsche» Geiverkschasten hierdurch»nit, daß Edison »». Sivan ihre Lampen in Teutschland herstellen lassen»völlen. (BctWils-JJetfttUfl. Ein widerrechtlich in eine Schiffskajiite gesperrt ge- lvesener Gerichtsvollzieher trat gestern vor der siebenten Strafkammer gegen die Schifferfrau Wilhelmiiie Schüler und deren Sohn, den Schiffseigner Reinhard S ch ü l e r als Zeuge auf. Die Anklage lautete aiif B e l e i d i g u n g und Freiheitsberaubung. An» 26. Oktober»vollte der Hilf?- Üerichtsvollzieher Nickel den bisher dem Vater des angeklagten Schüler gehörigen Kahn,»velcher in» Hasenbassin lag, im Auf- trage der Gerichtskasse pfänden. Als er auf den» Kahne erschien, erhob die Frau Schüler Einspruch gegen die Pfändung, da der Kahn gar nicht mehr ihrem Manne, sondern ihrem Sohne gehöre. Der Gerichtsvollzieher nahm a», daß hier eine Schiebung vorliege und verlangte des- halb den Meßbrief behuss Pfändung des Fahrzeuges. Der Meß- brief ergab allerdings, daß das Fahrzeug tags zuvor in den Be- sitz des Sohnes übergegangen»var. Letzterer drang hierauf auf die Herausgabe des Meßbrieses und seine Mutler begleitete diese Forderung»viederholt mit der Bemerkung„Dieb"! Als der Beamte sich»veigerte, den Meßbrief herauszugeben,»vurde er in die Kajüte gedrängt und dort über vier Stunden gefangen gehalten, bis er durch die Slronipolizei befreit wurde. — Der Staatsanivalt beantragte gegen die Mutter 10 M. Geld- strafe, gegen den Sohn zivei Monate Gefängniß. Das Gericht nahm Rücksicht auf die Erregung der Angeklagten, die ivohl der Ansicht gewesen seien, daß der Gerichtsvollzieher kein Recht zur Zurückbehallung des auf den Sohn lautenden Meß- briefes habe. Das Urtheil lautete daher gegen die Mutter auf 5 M. Geldstrafe, gegen den Sohn auf vierzehn Tage Ge« s ä» g>» i ß. Der Hallesche Nnarchistenprozest beschäftigte gestern den 3. Etrasseuat des Reichsgerichtes. Von» Landgerichte Halle a. S. sind am 19. April nach ziveitägiger Verhandlmig zehn Angeklagte»vegen Vergehens gegen§ 129 St.-G.-B.)(Theil- nahnie an einer geheimen Verbindung) verurtheilt»vorden, der Hauptangeklagte, Schuhmacher Max M e tz n e r, zu 5 Monaten Äesängniß, die anderen zu Strafen von 4 Monaten bis zu einer Woche. Acht»vettere Angeklagte sind freigesprochen»vorden. Die»»eisten der Angeklagten»varen Mitglieder des anarchistisch- kommunistischen Klubs von Halle, der seit einigen Jahren bestand und vo» Metzner geleitet wurde. Die Statuten wurden von der Polizei nicht beanstandet, auch fand die letztere keinen Anlaß, bei den Vereinsversammlungen, die sie überivachte, einzuschreiten. Es fanden aber gelegentlich öffentliche Versaininlungen statt, die von einen» Nichtinitglicde einberufe»»vurden und in»velchen, nach Ansicht der Anklagebehörde, der Ansicht Ausdruck gegeben»vurde, daß eine Besserung der jetzigen Verhältnisse nur durch gemaltsame Mittel herbeigeführt»verde» könne. Das Gericht hat nun zuin all- geineiuen Erstaunen angenoinmei», daß diese Versanunlungen von den» Klub inszenirt seien, daß der Klub seine, Vahren Ziele verborgen habe und den Umsturz der bestehenden Ordnung durch ungesetzliche Btittel bezivecke.— Gegen das Urtheil hatten die Vcrurtheille» L! e v i s i o n eingelegt. Die Angeklagten Mehner und Euunerich»varen persönlich vor dem Reichsgerichte er- schiene» und suchten ihre Unschuld darzuthun. Sie seien nur für das vcrantivvrtlich,»vas der Klub als solcher gethan, nicht aber für das,»vas in öffentlichen Volksversainmlungen geschehen sei. — Der Reichsanivalt verwies darauf, daß die Volksversauim- lnngen nach den Feststellungen, die unanfechtbar seien, als zur Thäligkeit des Klubs gehörend anzusehen feien. Das Urtheil enthalte keinerlei Rechtsirrthnn». und die Revision eriveise sich als unbegründet.— Das Reichsgericht erkannte sodann ans V c r>v e r s u n g der Revision. Oepteschpen. Wolff'S Telegraphen-Bnrcan. Kiel, 19. Juni. Das Bild der Straßen und des Hafens »vcchselt fortivährend; unzählige Mensche»»voge» auf und ab. Die ankommenden Extrazüge bringen immer neue Mengen, deren Unterbringung kann» möglich erscheint. Dennoch vollzieht sich dank der außerordentlich umsichtigen Vorsorge alles ii» größter llluhe und Ordnung. Von den Mannschaften der ausläiidische» Schiffe»varen heute diejenigen der österreichischen, französischen, spanischen rumänischen und amerikanischen Marine beurlaubt, vo» denen besonders die spanischen Seeleute in ihren schmucken Unifornieu auffallen. Das lebhafteste Interesse»vendet sich den Oesterreicher»» zu. Die Sonne scheint heiß herab, der Himmel ist»volkenlos, so daß die Wctteraussichten für morgen die günstigsten sind und die Feststiminung gesteigert»vird. Breslau, 19. Juni. Wie die„Schlestsche Zeitung" nleldet, kam es in Milultschütz, Kreis Tarnoivitz. anläßlich der Ueber- gäbe des Pfarramtes an den neuen katholischen Pfarrer zu Ziisainmenrottungen, die m Aufruhr und Landfriedensbruch aus- arteten. Die Menge drang in das Pfarrhaus, mißhandelte die Leute i» demselben und zerschlug die Möbel. Auch der Kirchhof wurde von der Menge augegriffen,»vobei Gendarmen durch Steinivürfe verletzt»vurden. Die Gendarmen»nachten von der Waffe Gebrauch und verivundelen zivei Personen sch>ver, zivei andere leicht. Der Landrath hat Hilfe abgesandt. Die Rädelsführer sind verhaftet »vorden. Sagau, 19. Juni. Im Dorfe Rückenivaldau brach heilte Mittag ein Feuer aus,»velches 30 Besitzungen nlit über 50 Ge- bäuden vernichtete. Der Schaden ist sehr bedeutend. Wie», 19. Juni. Der Kaiser hat heute die Demission des Ministeriums Windischgrätz angenommen. Von den bisherigen Minister», verbleiben in den, neuen geschästssührenden Ministerium nur der Landesvertheidigungs-Minister Graf Welsersheimb und der Minister ohne Portefeuille von Jaivorski. Den Vorsitz in, Ministerrath und die Leitung des Ministeriums des Innern über- nimmt der Statthalter von Nieder-Oesterreich Graf Kielmansegg. Die Leitung der Ministerien der Finanzen, des Handels, des Unterrichts, der Justiz und des Ackerbaues übernehmen die be- treffende» Sektionschefs. » Berlin, LV.. Beuthstraße 2. Hierzu zwei Beilagen. Beilage zum„Vorwärts" Berliner VoWlatt. Ur. 141. Domierstag, de» 20. Inni 1895. 12. Jahrg. Koykatt»nd Z 3S0 Alis. II. Tas Reichsgerichtsurtheil über den Boykott wird in einer Reihe von Zeitungen sehr abfällig beurtheilt. So schreibt die„Kölnische Volks-Zeitung": „Da haben wir also eine neue Ausdeutung und Ausdehnung des schon so arg ausgedehnten und ausgedeuteten Z 3G0 des Strafgesetzes, der anscheinend doch so deutlich ist, wenn er in Nr. 11 denjenigen mit Strafe bedroht, der„in ungebührlicher Weise ruhestörenden Lärm erregt oder groben Unfug verübt". Selbst die„Nntional-Zeitung", die so lebhaft für die Bestrafung des Boykotts in der Umsturz-Vorlage eingetreten ist, findet, daß hier wieder eine der bedenklichsten Blüthen der neuern Rechtsprechung vorliege. Die Rechtsprechung habe nicht die Ausgabe, Lücken im Strafgesetzbnche auszufüllen. Das Reichsgericht werbe durch die Unterstützung, welche es den Exzessendes Scharfsinns einzelner unserer Gerichte vermittelst seiner Rechtsprechung über„groben Unfug" gewährt habe, auf einem falschen Wege immer weiter getrieben. Es wolle mit der Ausfüllung der Lücken des Gesetzes durch seine Urtheile die Rechtssicherheit erhöhen; thatsächlich vermindere es sie dadurch. Hätte der Gesetzgeber den„groben Unfug" so verstanden, wie jetzt das Reichsgericht, so würde er sich den Abschnitt des Strafgesetzbuches über Verbrechen und Vergehe» gegen die öffentliche Ordnung großentheils erspart haben." „Tie neueste Entscheidung des Reichsgerichts ermöglicht nun die Bestrafung des Boykotts in großem Umfange; den» daß das Publikum„belästigt und geängstigt" und„unter Verletzung der öffentlichen Ordnung und Ruhe gefährdet" worden sei, wird sich meist wohl„thatsächlich feststellen" lassen. Neben der jüngst bc- sprochenen Auslegung des H 130(Anreizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Gewaltlhätigkeiten gegen einander) ist die neueste Erklärung des„groben Unfugs" geeignet, auch ohne Um- sturzgcsetz den Sozialdemokraten das Leben sauer zu machen und auch Angehörigen anderer Parteien schlimme Ueberraschungen zu bereiten." Tas„Volk" schreibt: „Man kennt das Sprüchlein:„Was man nicht definiren kann, das sieht man als groben Unfug an," und man weiß, daß von allen Arten des groben Unfugs der gröbste der ist, der mit der Auslegung dieser alles nnd nichts besagenden Gesetzes- bestiminung getrieben worden ist." „Wir bedauern an der Reichsgerichts-Entscheidung vor allem, daß der an sich schon unendlich dehnbare Grobe-Unfngs-Para- graph dadurch noch dehnbarer gemacht worden ist. Wir sehe» in dieser Entscheidung das Fortschreiten ans einer Bahn, die wir als glücklich nicht bezeichnen können." „Bekanntlich sind es durchaus nicht blos die Sozialdemo- kraten, die boykottiren. Die schwarzen Listen der Arbeitgeber sind nichts mehr und nichts weniger als ein Boykott der dadurch gebrandmarktcn Arbeiter, und die Aufforderung, sich solcher Liste» zu bedienen, enthält eine Ausforderung zum Boykott in aller Form. Freilich vollzieht sich diese Aufforderung nicht vor der Ocfsent- keit, sondern in möglichster Heimlichkeit. Sie ist aber nichlsdesto- weniger geeignet, in de» davon betroffenen Kreisen des„Publi- kums", nämlich unter den Arbeitnehmern, die allergrößte Be- unruhigung hervorzurufen. Auch Behörden gicbt es, die boykottiren, zum Beispiel die Militärbehörden, wenn sie gewisse Wirlhschaften, Läden u. s. w. verbieten. Nur, daß dieser Boykott sich nicht in die Form der Aufforderung, sonder» in die des Befehls kleidet. Aber an der Thatsache, daß nicht allein die boykottirtcn Wirthe, Geschäftsleute u. s. w.„beun- ruhigt" werden, sondern auch alle die, die ans irgend welche» Gründen die Möglichkeit des Boykotts für sich selbst voraus- sehen, ändert das doch nicht?. Wenn ferner die Postverwaltung in Frankfurt a. M. ihren Beamten das Lokal verbietet, wo der sozialdemokratische Parteitag abgehalten worden ist, d. h. mit anderen Worten, dies Lokal boykottirt, so„beunruhigt" das nicht allein den Wirth des boykottirten Lokals und vielleicht einen Thcil der Beamten, sondern auch sehr viele andere Leute, die eine derartige behördliche Einmischung höchst bedenklich finden. Aber, werden Reichsanwalt und Lleichsgericht einwenden, in allen diesen Fällen handelt es sich nicht um öffentliche Vcrruss- erklärunaen. Ganz recht, es handelt sich nur uni solche, die einer beschränkten Oeffcntlichleit unterworfen sind. Aber die Be- unruhigung eines Theiles des Publikums haben sie doch im Ge- folge. Und eine» Theil des Publikums hat auch nur die Auf- forderung zum Boykott, die das Reichsgericht für strafbar erachtet, beunruhigt.� Das Publikum in seiner Allgemeinheit wird durch solche Vorgänge kaum je beunruhigt werden, da immer zwei Jntcresscntengruppen mit widerstreitenden Interessen da find Don der Uordostsee-KauaZ-Feier. Aus Kiel wird uns vom 19. Juni geschrieben: Der Unfall des„Kaiseradlers" iin Nord-Ostsec-Kanal soll nun dazu geführt haben, daß de» Loolsen mveiterte Rechte verliehen sind. Ob dieselben sich aber mit denen des Suez Kanals messen können, wo der Lootse das alleinige Kommando auf dem Schiff hat, einerlei was für eins, dürfte immerhin noch bezweifelt werden. Am gestrigen Tage war der gcsammte Verkehr auf dem Nord-Oslsee-Kanal von der Holtenauer Seite aus gesperrt. Von Hamburg resp. Brunsbüttel passirten den Kanal neben einer großen Zahl kleinerer Dampfer 17 größere Fahr zeuge, darunter der Dampfer„Habsburg" vom Bremer Lloyd. Inzwischen find sännntliche Nationen, die ihre Theil- »ahme an der Eröffnungsfeier zugesagt haben, in Kiel durch Kriegsschiffe vertreten. Stündlich wächst der Fremdenzustroi», Hotels sind schon nieistens im voraus mit Beschlag belegt, und die Bürgerquartiere werden stark begehrt. Für ei» Bell wird pro Nacht 10—20 M. bezahlt und viele Einwohner Kiels glauben durch das Ziunnerveriniethen ein gutes Geschäft zu machci!. wenn nicht der hinkende Bote in Gestalt von Spitzbuben Wcrinuth in den süßen Honig träufelt. Mehrere Wohnungen sind schon,»achdei» sie an mit noblen Passionen versehene Festtheilnehmer zu theuren Preisen vermiethet wurde», bald darauf ausgeräumt oder von den darin befindlichen Werthsachen befreit worden. Die Polizeibehörde hat den Einwohnern den Rath ertheilt, die Wohnungen während dieser Tage nicht zn verlassen. Auch die bekannten Plakate, „Vor Taschendieben wird gewarnt", sind reichlich angeklebt worden. Nicht unberechtigte Befürchtungen hegt man ans dem Handelshafen. Für die nächsten Tage sind annähernd ISO Paffagierdampfer angemeldet, die rn dem beschränkten von Frachtschiffen geräumten Handelshasen untergebracht werden müssen. Kollisionen werden unvermeidlich fein, weshalb auch wohl von der Marine der große Hamburger Bergungsdampfer „Wilhelm" nach Kiel beordert und auch schon eingetroffen ist. Die Matrosen der fremde» Kriegsschiffe bekommen nur in be- schränkter Zahl alle drei Tage Urlaub. Sprachkundige deutsche Matrosen fungiren als Dolmetscher nnd den ausgegebenen In- siruktioncn ist es wohl zuzuschreiben, daß Exzesse bisher noch nicht verübt wurden. Die deutschen Kriegsschiffe haben je 1000 M. zur Bewirlhung der fremden Gäste erhalten. Von diesem Gelde werden nachmittags in dem großen Etablissement Waldwiese Festlichkeiten veranstaltet. Gester» sah man daselbst neben den deutschen Mannschaften Portugiesen, Holländer und Und daß die eine Jnteressentengruppe, die im vorliegenden Falle durch die Sozialdemokratie dargestellt wird, auch einen Theil des „Publikums" darstellt, wird nicht gut bestritten werden können. Das Publikum in seiner Allgemeinheit ist also nicht beunruhigt worden, sondern nur ein, allerdings vielleicht besonders be- achtenswerther, Theil davon. Daß das Reichsgericht den Begriff„Publikum in seiner Allgemeinheit" etwa mit„alle ordnungsliebenden Bürger" oder„alle nichtsozialdemokratischen Elemente" gleichsetzen könnte, halten wir für ausgeschlossen. Aber für überaus bedenklich würden»vir es halten, wenn man einen Unterschied machte zwischen einer Boykotterklärung, die öffentlich von einer politischen Partei— nicht etwa blos von den Sozialdemokraten, sondern beispielsweise auch von den Antisemiten gegenüber jüdischen Geschäften, oder von Agrariern gegenüber geschworenen Feinden der Laiidwirthschafl— erfolgte, und den nur halböffent- lichen Boykotterklärungen, die im Wege der schwarzen Listen und der behördlichen Erklärungen erfolgen. Beides straffrei oder beides strafbar— besser aber beides straffrei!" Tic„Tägl. Rundschau" schreibt: „Wir müssen auch diese Entscheidung des Reichsgerichts als eine künstliche Erweiterung des bestehenden Ltechts auffassen, die wieder den Wunsch nahelegt, daß die berufenen Stellen die Eni- Wickelung unseres Reichsgerichts einmal einer genaueren Prüfung unterzögen und in Erwägung nähmen, inwieweit eine genanere Fassung der bestehenden Bestimmungen derartigen Entscheidungen Einhalt zu thun vermöchte." „Allerdings haben sich immer wieder Gerichte gefunden, die gerade diesen Paragraphen durch alle möglichen sormalistischc» Spitzfindigkeiten wie Gummi ins Unglaubliche zu dehnen vcr- standen, aber Sache des Reichsgerichtes wäre es gewesen, der- artigen„Exzessen des Scharssinns" einen Halt zu gebieten." „Ist der Boykott wirklich ei» Vergehen gegen die öffentliche Ordnung, was noch die Frage, so besteht eine Lücke in unseren Gesetzen, aber nicht Sache des Richters sondern Sache des Gesetzgebers ist es, sie auszufüllen. Befassen sich die Gerichte mit solchen Aussüllnngen und Ausdeutungen, so ziehen sie unwillkürlich das persönliche und politische Moment i» die Rechtsprechung herein und schaden dadurch dem Ansehen der Gerichte und beirren die Rechtssicherheit des Volke?. Unsere Reichsgerichts-Rechtsprechung treibt aus einem falschen Wege immer weiter— es wäre angezeigt, wen» Reichstag und Regie- rung ihr erhöhte Aufmerksamkeit widme» wollten." Einen Verlheidiger, freilich einen nicht vom besten Rufe, findet der 4. Strafsenat des Reichsgerichts in den Bismarckischen„Verl. Neuesten Nachr.". Das würdige Blatt schreibt: „Nachdem der Versuch, zur Bekämpfung der kl in st ii r z b e st r e b u n g e n neue gesetzgeberische Waffen zu verlangen, gescheitert ist, kann für diejenigen. welche die bestehende Staats- und Gesell- schafis- Ordnung ausreichend zu schützen und zu sichern wünschen, kein Zweifel darüber sein, daß die in der geltenden Gesetzgebung vorhandenen ik a m p f- mittel mit nni so größere m Eifer und E r n st zur Anwendung gebracht werden m ü s s e n. Es ist eine befriedigende Wahrnehmung, daß dies in der That zu geschehe» scheint. Als eines der be- m e r k e n s w e r t h e st e n Symptome dürfte dafür die r ei ch s g e ri ch t li ch e Entscheidung zu betrachten sein, daß die Aufforderung zum Boykott als grober Unfug zn be- strafen sei, wenn sie eine Beunruhigung des Publikums herbei- geführt habe." „Die nunmehr vorliegende Reichsgerichts-Entscheidung wird wohl ihre Wirkung vorkommendenfallcs nicht vermissen lassen." Aber selbst dieses Blatt, das die Rechtsprechung gerne zum Kampfmittel gegen unbequeme Gegner degradiren möchte, kann sich eines Wortes des Tadels nicht enthalten. Es schreibt: „So begreiflich und so nothwendig indeß bei der sonstige» Unzulänglichkeit unseres Strasrechts es ist, die Anwendbarkeit der vorhandenen Bestimmungen bis an die äußerst zulässige Grenze auszudehnen, so darf doch auch die Schaltenseile eines solchen Zustaudes nicht verschwiegen werden. Wenn seit I a h r z e b n t e n bestehende S t r a s b e st i m- m u n gen jetzt plötzlich erheblich u m f a s s e n d e r und schärfer ausgelegt werden, so muß ein gewisses Gefühl der R e ch t s u n s i ch e r h e i t eintreten, welches sich mehr und mehr auch auf solche Kreise ausdehnen wird, die an sich mit dem Strafgesetzbuch wenig oder gar- Amerikaner in fröhlichster Stimmung vereinigt. Unter den Amerikanern befinden sich viele Denische und Neger. Merk- würdigerweise entstehen kleinere Raufereien stets nur unter den einzelnen Nationen unter sich, so wurde gestern auf der Straße ein amerikanischer Matrose von einem anderen Amerikaner mit einem Messer in die Stirn gestochen. Glücklicherweise war bald wieder Frieden, der Verletzte erhielt sofort Verband nnd ker Ucbelthäter sieht seiner Bestrafung an Bord entgegen. Im großen und ganzen herrscht in der ganzen Stadt trotz des echt interiiatioualen Gepräges eine recht musterhaste Ordnung. Schade nur, daß diese Nalivneii, die sich jetzt als Freunde begegnen und miteinander verkehren, auf den Wink einzelner Personen sich gegen- seitig zerfleischen müssen! Aus London meldet ein Telegramm: Ter Panzcr-Kreuzer „Endymion", welcher mit den übrigen für die Kieler Feier be- stimmten englischen Schiffen nach Kiel in See gegangen war, mußte wegen eines Falles von Masern an Bord des Schiffes wieder umkehren. Nachdem der Kranke in Sherneß gelandet war, ist das Schiff jedoch heute wieder nach Kiel in See ge- gangen. Die auswärts verbreitete Meldung von einem Alislaiifeii des Schiffes im Bell ist somit unbegründet. Bis zum Mittwoch Nachmittag waren in Kiel 292 Lust- dampser und Scgelyachten und 127 Passagierdampfer angemeldet. Vielfach besprochen wird die bekannte Meldung, daß der Be- mannung der sranzvsischen Kriegsschiffe kein Landurlaub ge- währt wird. *• « In H a m bürg scheint die Polizei große Besorgnisse zu hegen. Die von ihr getroffenen Veranstaltungen haben einen durch und durch Berlinischen Geruch. Ihre Vorsichtsmaßregeln erstrecken sich nach einem Bericht des„L.-A." auch auf eine höchst rigorose tagelauge Ueberwachung des Rathhauscs und der Alster- Insel. Mancher szenische Effekt, so meldet das Blatt mit Bedauern, mußte den Forderungen für die Sicherheit des Kaisers und einer Gäste geopfert werden. So wurden z. B. die Alster- Arkaden, die den Thcil der Alster zwischen der Schleusenbrücke und dem Neesendamm begrenzen, abgesperrt, so daß der Ein- chiffuug des Kaisers zur'Ueberfahrt an jener Stelle jenes be- lebende szenische Moment fehlte, das nur durch die Anwesenheit einer vielköpfigen, mit guten Kehlen und reinen Taschentüchern versehenen Menge wirkungsvoll erreicht werden kann. Es ist ein Jammer! In offiziöser Beleuchtung macht sich der Hamburger Fest- lärm wie folgt: nicht in Berührung zu kommen pflegen. Das ist sicherlich nicht erwünscht, und deshalb kann nicht ernst und dringend genug gemahnt werden, daß man den gegenwärtigen Zustand nur als einen N o t h b e h e l f betrachte und auf die zur Bekämpfung der Umsturz- bestrcbungen erforderliche Vervollständigung des Waffeumaterials durch spezialgesetzliche Bestimmungen bedacht bleibe." Bis ein neues Umsturzgesetz die Majorität des Reichs« tages finden wird, dürste dem Reichsgericht in den„Bcrl. Neuest. Nachr." ein Ritter ohne Furcht noch beistehen.— Toltales. Der Arbeiterbildunas- Verein für Marieudorf und Umgegend veranstaltet am Sonntag, den 23. Juni, eine A g i t a- t i o» s t o u r. Treffpunkt morgens G8/* Uhr am Militärbahn- hos Marienselde. Uni rege Velheiligung ersucht der Vorstand. Die Arbeiter- Gesaugvereiue von Fricdeua» und Steglitz veranstalten am Sonntag, den 23. Juni, nachmittags 4 Uhr, im Kurhaus zu Friedenau(Rheinstraße) ein Sänger- fest, zu welchem sie die Parteigenossen und Sangesbrüder hier- mit einladen und von ihnen eine rege Betheiligung und Unterstützung erwarten. Alles nähere wird im Aimoncentheil bekannt gegeben. Ueber de»» AnSgaug der Wahle» d«S DirektommS der Akademischen Lesehalle erheben die antisemitische» Blätter natürlich ein großes Wuthgehenl. Namentlich die brave „Kreuz-Zeilung" weiß kaum Schimpfworte genug zu finden, um die„Parteilosen" und„Biwschenschastcr", die der antisemitischen Hochnäsigkeit der„Nalionalgesinnten" einen kleinen Dämpfer aufgesetzt haben, zu begeifern und zn denunziren. Kurzerhand wird die jetzige Vertretung der Studenten eine Schmach genannt. Verhältnißinäßig gelinde kommt bei diesem Gescheite noch die Burschciischaft weg, an der das Jnnkerblatt anscheinend noch nicht ganz Hopfen und Malz verloren glaubt. Daß die„Burschenschaft" sich nicht scheut, für Juden cinzn- treten, so jammert es, mag vorkommen, daß sie aber bewußter- maßen ihren Wahlspruch:„Freiheil, Ehre, Vaterland" vereinigen sollte mit„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" ist nicht glaublich. Wir haben die berechtigte Hoffnung, daß sie nach der That zur Besinnung gekommen sein wird. Wir gehen nicht so weit, zn behaupten, daß alle, die dem Banner der„Parteilosen" nachlausen, Sozialisten sind, aber der Kern ist es. Das zeigt schon das Eintreten des Blattes. „Der Sozialistische Akademiker" für die„Parteilosen", eines Blattes, das schlimmer als das schlimmste sozialdemokratische Hetzblatt alles Edle besudelt. Die Berliner Burschenschaft wird es sich gefallen lassen müssen, daß jetzt der„Sozialistische Akademiker" mit Begeisterung auch für sie eintritt. Die Vertreliing der Berliner Slndentenschaft besieht für ein Jahr in ihrer Mehrheit aus Sozialisten. Es ist daher nöthig, solche Sachen au die Oeffentlichkeit zu bringen, damit die national- gcstnnlcii Theilc noch rechtzeitig ans die Gefahr aufmerksam gemacht werden. Wenn erst die Soziaidemkoratie ans unseren Universitäten festen Fuß fassen und von sonst angeschenen studentischen Ver- bindiingen nnterstätzt werden kann, dann ist unserem deutschen Volkslhnme die Axt an die Wurzel gelegt. Ziu» Schluß verhüllt das Organ des Herrn v. Hammer« stein in Traner sein Haupt über die ihm fatale Thatsache, daß der erste Beschluß, den das neue Direklorium der Lesehallen ge- faßt hat, der war, noch ein Exemplar des sozial- demokratischen„Vorwärts"(das dritte) a n z n- schaffe n. Wir sind nicht der Meinung, daß die vollzogenen Wahlen daraus schließen lassen, daß die Sozialdemokratie bei der Mehr- zahl der hiesigen Slndentenschaft sestcu Fuß gefaßt hat, sicher ist aber, daß in dem Wahlresultat die Unzufriedenheit mit der bis- herigcn Leitung der Akademischen Lesehalle einen energischen Ausdruck gefunden dat. Die Wuth der„Kreuz-Zeitung" läßt ja aus die Richligkeil der erstercii Anschauung schließen. Wenn die„Kreuz-Zeitung" meint, daß es der Sozialdemo- kratie gleichgiltig sein kann, ob der Antisemitismus unter der studentischen Jugend zurückgeht oder nicht, so hätte sie recht, wenn nicht die aus den Universitäten während der Zeit der Hochsluth der antisemitischen Bewegung hervorgegangenen Männer in bezug auf Wissen nnd Charakter gar so ungünstig von der früheren Generation abstechen würden. Hamburg, 19. Juni. Se. Majestät der Kaiser ist in Be- gleitung der vier ältesten kaiserlichen Prinzen und des Gefolges um 4 Uhr 20 Minuten hier eingetroffen und ans dem Bahnhof von dem Bürgermeister Lehmann und den zum Empfang ab- geordneten Mitgliedern des Senats empsangen worden. Die ganze Bevölkerung(!) bereitete Sr. Majestät ans der Fahrt vom Bahnhofe nach der Landungsbrücke in St. Pauli einen b e- geisterten Empfang. Seit 2 Uhr bereits beginnt das Publikum die auf den Dächern und in allen Läden errichteten Tribünen zu besetzen. Der Wagcnverkehr hat aufgehört, die polizeilichen Anordnungen wegen des Fußverkehrs sind in Irast getreten. Die Ordnung ist bisher eine iniisterhasle. Der König von Württemberg begab sich sofort nach seiner Ankunst zn einem Frühstück im Zoologischen Garten, an dem außer den Fürstlichkeiten der Reichskanzler Fürst zn Hohenlohe, viele Minister und eine Anzahl Senatoren, im ganzen etwa 120 Personen an 12 Tafeln theilnahmen. Der Fest- saal ist prächtig geschmückt. Das Frühstück war um l1/* Uhr beendet. Die Fürstlichkeiten und die anderen Theilnehmer fuhren sodann in 50 Wagen nach der Elbe, woselbst um IVe Uhr eine Hafenrundfahrt begann. Die Fürsten wurden beim Vorbei- fahren überall mit brausendem Hurrah begrüßt. Um 2»/? Uhr erfolgte die Landung an der Landungsbrücke zn St. Pauli. Alles bereitet sich aus den Empfang Sr. Majestät des Kaisers vor. Unsere Leser werden den Werth des Begcisterungs- Tele- gramuis ans dem sozialdemokratischen Hamburg abzuschätzen wissen. Kllllst llild Wissettschast. Die Einheit deS Weltalls. Der„Vossischen Zeitung' wird aus Paris berichtet: Paris, 18. Juni. In der Akademie der Wissenschaften thcilte B e r t h e l o t mit, er habe eine neue Argon- Ver- b i n d u n g mit S ch iv e f e l k o h l e n st o s f herstellen können. D es l and res hat im Clevit neben Helium noch ein anderes, bisher blos aus deni Sonnenspektriini be» k a n n t e s E l c m e n t: C o r o n i u in gesunden. Jetzt fehlt unter den auf unseriii Planeten verzeichneten Elementen nur noch einer von den bisher nur ans der Sonne beobachteten Stoffen. Nun, auch dieses Clement wird noch gefunden werden, denn die Erde ist nnziveiselhasl ein von der Sonne abgeschleudertes Stückchen Weltall— von glcichciii Stoff wie die Sonne, mit der sie ursprünglich vereinigt war.— Mit dem«c«cu Ciiistijuliiiigöverfahre» scheinen sickz die S ch u l k o m m i s s i o n s» Vorsteher nun doch zufrieden .geben zu wollen. In ihrer letzten Versammlung hat Bürger- meister Kirschner als Vorsitzender der städtischen Schuldeputalion sich bemüht, ihnen in wiederholter Rede die Vorzüge des neuen Verfahrens Klarzumachen. Von den Vorstehern ist dann zwar wiederum längere Zeit über die Neuerung dcbattirt, zum theil auch dagegen gesprochen worden, doch hat die Versammlung diesmal darauf verzichtet, sich aufs neue in Protestbeschlüssen dagegen zu erklären und mit einem Streik zu drohen. Daß die Dlcummg den Schulkommissioncn zwar mehr Schreiberei ver- ursacht, aber geeignet scheint, die bisher üblichen umfangreichen Umschulnngeu in den Gelneindeschulen wenigstens theilweise einzuschränkc», haben wir bereits früher'erörtert. Die Schnldepntation bat sich übrigens bereit erklärt, den Vorstehern, wenn sie es verlangen, Schreibhilfe zu gewähren. Der ganze Streit hat, auch wenn er aus diese Weise im Sande verlaufen sollte, doch das eine gezeigt, daß die unbesoldeten koninninalcn Ehrenämter bei dem„soliden Bürgerstande"(soll heißen:„freisinnigen" Spießbürgerthum) keineswegs so vorlreff- lich ausgehoben sind, als man mnner thnt. Gerade die Schul- kommisfwns-Vorsteher haben in dieser Beziehung schon niehr als einmal von sich reden gemacht. Wir erinnern daran, daß sie vor zivci Jahren für Benutzung ihres sogenannten„Amtszimmers" durch das in Schulangelegenheiten zu ihnen kommende Publikum eine monatliche Entschädigung von lS M. ans dem Stadtsäckcl verlangt haben, die ihnen allerdings nicht bewilligt worden ist. Zur Erzwingung des Lnellbarungöeidcö sollen fortan k e i n e Verhaftungen an den Abenden vor Sonn- und Festtagen mehr vorgenommen werden. Bekanntlich sind derartige Verhaftungen mehrfach in der Presse gerügt worden, und in einem Fall hat sich sogar die Köller'sche 5korrespondenz veranlaßt gesehen, zu bestreiten, daß man am Weihnachtsabend in der Hauptstadt des Reiches der Gottesfurcht und frommen Sitte überhaupt derart hart mit armen Zivilschuldnern verfahren sei. Daß dessenungeachtet in der That Verhaftungen dieser Art vorgekommen sind, ist» sowohl von uns an einzelnen Fälle», als auch neuerdings in einer Verfügung dargelegt worden, welche der Präsident des K a m m e r g e r i ch t s an die Gerichtsvollzieher erlassen hat. Tic Versügnng, welche vom 23. Mai d. I. datirt ist, lautet: „In letzter Zeit ist eS mehrfach vorgekommen, daß Gerichts- Vollzieher Verhaftungen von Schuldnern zur Erzwingung des Offenbarungseides(ZZ 782, 789, 790 d. Ziv.-Proz.-Ordn.§ 93 der Geschaflsanweisung für Gerichtsvollzieher) in den Nachmittag- und Abendstunden der Tage vor dem Sonn- und Festtage vor- genommen haben. Ein solches Versahren verstößt gegen den Grundsatz des§ 50 Abs. 1 der Geschästsanweisung, daß die Zwangsvollstreckung dem Schuldner keinen unnölhigcn Nach- theil bringen soll. Denn dem verhafteten Schuldner wird dadurch das in Z 783 Zivil- Prozeß- Ordnung gewährleistete Recht, sich durch sofortige Leistung des' Eides von der Hast zu befreien, der Regel nach beeinträchtigt werden. Wenn auch bei den hiesigen Gerichten nach Möglichkeit dafür gesorgt ist, daß die Abnahme der OssenbarnngSeide auch an �onn- und Festtage» erfolgen könne, so ist doch nicht ans- geschlosse», daß trotzdem unter Umständen die Abnahme sich nicht ausführen läßt und dann eine nnnöthige Verlängerung der Haft- daner um einen Tag eintritt, die dem§ 783 Zivilprozeß-Ordnung widerspricht. „Hiernach muß es als eine nnnöthige Benachtheiligung des Schuldners angesehen werden, wenn eine schon an den vorher- gehenden Werkragen mögliche Verhaftung erst an dem Abend vor den Sonn- oder Festtagen ausgeführt wird, um den Schuldner mindestens für einen Theil des Festtages der ihm dann besonders einpfindlichen Freiheitsberaubung auszusetzen. „Die Gerichtsvollzieher haben deshalb die Verhaftung in der' Regel zu einer Zeit auszuführen, zu welcher der Schuldner nach den bestehenden Geschäftseinrichtnngcn in der Lage ist, sofort seine Vorführung vor den Richter zur Abnahme des Offen» tbarungLeides zu bewirken. Deshalb sind Verhaftungen an den «Abenden vor den Sonn- und Festtogen, sofern nicht besondere Gründe vorliegen, zu unterlassen, und zwar selbst dann, wenn der Gläubiger bei seinem Zlustrage ausdrücklich eine solche Ver- Haftung vorschreiben sollte. „Dieses Verlangen des Gläubigers, auf welches nach tz 36 Absatz 4 der Geschäftsanweisung nur die möglichste Rücksicht zu nehmen ist, kann in diesen Fällen nicht von entscheidender Be- -deutung sein.— Die Gerichtsvollzieher haben die Aufträge selb- ständig zu prüfen und sind verpflichtet, ihre Mitwirkung bei einem lediglich chikanösen Vorgehen des Gläubigers zu ver- weigern. „Nur dann erscheint eine Verhaftung am Abend vor den Sonn- und Festtagen als gerechtfertigt, wenn im Falle des Auf- schubs die Wirkungen der Zwangsvollstreckung(zum Bei- ?fpiel bei Entfernung des Schuldners) in Frage gestellt würden. Dergleichen Umstände hat der Gläubiger aber den: Gerichts- 'Vollzieher in einer Weise darzulegen, daß dieser die Ueberzeugung .gewinnt, der dem Schuldner aus der Verhaftung gerade an einem solchen Tage entstehende Nachtheil ist nicht unnöthig. „Im Auftrage des Herrn Jnstizministers werden die Gerichts- Vollzieher hierdurch angewiesen, künstig bei Verhaftungen von Schuldnern zur Leistung von Offenbarungseideu genau nach den vorstehenden Grundsätzen zu verfahren." Wohlgemerkt gelten diese Regeln nur für die Verhaftung von Z i v i l s ch u l d n e r u, wobei es allerdings gleichgiltig bleibt, ob diese ehrliche Leute sind oder ob sie zu der bekannte» Sorte ge- höre», die mit dem Aermel das Zuchthaus streift. Verhaftungen von Preßverbrechern und sonstigen politischen Sündern dürfen nach wie vor auch an„heilige» Abenden" erfolgen— da giebt es im Reiche der Gottesfurcht und srouimen Sitte keine Rück- sichten. Die Uuteruehmer, die bisher theilnahmslos an den Leiden der tboufektionsarbeiter vorüber gingen, sind durch eine geschickt betriebene Agitation nunmehr veranlaßt worden, Stellung -z» nehmen. Der„Manufakturist" koiumt dieser Strömung ent- gegen, indem er jetzt, wie wir erfahren, an die am Platze bc- stehenden jkonfeltionsgeschäfte Fragebogen gesandt hat; er beab- jfichligt, seineu Lesern in der nächsten Nummer die Antworten auf folgende Frage» zu unterbreiten: 1. Hat die jetzt allgemein ein- geführte Produktion in der Hausindustrie gegenüber derin Werkstätten resp. Fabrikbctricbcn für die Konfektionsgeschäfts-Jnhaber Vortheile und welche? 2. Wird die Leistuugssähigkeit der Koufekliousbranche durch Errichiuug von Betriebswerlstätlen verändert? 3. Wie ist runter der letzigeu Betriebssorm das Verhältniß der Schneider zu «den Arbeitern resp. Meistern? Sind Unzuträglichkeiten vorhanden amd welche? 4. Ist das bei der Hausindustrie übliche Sinken Ties Lohnes von Einfluß auf die gegenseitige Konkurrenz der Kon- sektionsgeschäfte? 3. Sind stabilere Löhne und feste Tarifsätze von Vortheil für die Konfektiousgeschäfte? 6. Wenn ja, läßt sich dieses leichter durch Beschäftigung der Arbeiter in Betrieben herbei- Lühren oder haben die Geschäftsinhaber ein gleiches Schutzmittel in der Hausindustrie? 7. Glauben Sie. daß der zum Sommer 1396 in Aussicht gestellte Streik Aussicht auf Erfolg hat resp. von irgend welchem Schaden für die Branche sein kann und halten Sie es für richtig, rechtzeitig Verständigung— eventuell aus welcher Grundlage— herbeizuführen? Ans der Beantwortung der Fragen wird sich ergeben, welches Maß sozialpolitischen Verständnisses den Machern in der Kon- sektion innewohnt. Wir werden unseren Lesern das Resultat, wenn es vorliegt, unterbreiten. Der Kotzekampf für Ordnung- Religion und Titte tobt immer noch nur solcher Energie weiter, daß selbst die gegen- wärtige» Festes- und Friedensschalmeie» der Kanalfeier kein Hinderniß für die an den Rüpeleien betheiligten Kämpen bilden, sich nach Noten anszntoben. Gegenwärtig geht eine Erllärmig durch die Blätter, welche der Herr Kollege und Duellgegner v. Kotze's, der Zercmoniemneister v. Schräder erlassen hat. Da die Erklärung ein recht beschauliches Bild von den Sitten giebt, welche in der Gesellschaft der beiden Herren herrschen, drucken wir sie ab. Herr v. Schräder giebt folgende Neuigkeit zum besten: „1. Ueber Herrn v. Kotze hat bisher nur das Kriegsgericht gesprochcn; die Entscheidung des Ehrengerichts steht dagegen noch ans. 2. Hcrrv. Kotzehnt bei der Staatsanwaltschaft nicht wegen wissentlich falscher Denunziation, sondern wegen des von mir ausge- sprochene» Verdachts der Thäterschast bezüglich der anonymen Briefe die Strafanzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft hat diese Straf- anzeige zurückgewiesen mit der Motivunng, daß die Umstände, unter denen ich meinem Verdachte Ausdruck gegeben, das Vor- bandensei» einer Beleidigung ausschlössen. 3. Ten Vorwurf einer wissentlich falschen Tennnzialion hat Herr von Kotze dagegen in dem kriegsgerichtlichen Verfahren erhoben; in bezug hieraus äußert sich die Staatsanwaltschaft nach Prüfung der Akte» in Uebereinslimmung mit dem kriegsgerichtlichen Urtheil wörtlich dahin,„daß von einer wissentlich falschen Denunziation nicht die Rede sei und daß die Wahrhaftigkeit meines Zeugnisses in keinem Punkte einem Zweifel begegne." Diesen Mittheilunge» fügt der„Lokal-Anzcigcr" noch hinzu, daß seinerzeit bei der Verhandlung vor dem Militärgericht der Auditeur ans grund der Beweisausnahme gegen Herrn von Kotze ein Jahr Gefängniß und die Ausstoßung aus dem Osfiziersstande beanlragt hatte. Ter Gerichtshof habe sich jedoch diesem Aiurage nicht angeschlossen, sondern, wie seinerzeit gemeldet, ans Frei- sprechnng des Angeklagten erkannt. Der Lkotzeskandal im Verein mit den im königlichen Schloß und in den verschiedeneu„Gotteshäusern" verübten Sabbath- schändcreien illnstrirc» mit verblüffender Natnrtreue die sittliche Qualität derer, die allzeit voran gehen im Kampf für Ordnung, Religion und Sitte wider die Parteien des Umsturzes. Für die „Parteien des Umsturzes" bleibt im Angesichte solcher Kämpen leider nichts anderes übrig, als die Empfindungen des Mitleids und des Ekels in die bekannten Worte zusammenzufaffcn, welche der alte Fritz in der Schlacht bei Zorndorf seinen Gegner» gegen- über gebraucht haben soll. Ueber Herrn t>. Windheim, dem neuen Berliner Polizei- Präsidenten, bringt die bürgerliche Presse niit liebedienerischer Geschäftigkeit eine ganze Reihe Mittheilunge», die zum größte» Theil ebenso anekdotenhaft wie für unsere Leser gleichgiltig sind. Nur eine dieser angeblichen Geschichte» ans dem Leben des Herrn v. Windheim wollen wir hervorheben. Ter neue Polizei- Präsident soll nämlich auch sozialpolitische Kenntnisse haben, und diese sind nach den Preßmeldunge» von ihm geschöpft worden i» einem der unier Leitung der Berliner Stadtniission stehenden Kurse, die vor zwei Jahren von der Regierung für Geistliche und Verwaltungsbeamte eingerichtet worden sind. Bisher hat man noch nicht viel von den Früchten gesehen, zu denen i» diesen Kursen der Same gelegt worden ist. Möglich, daß sich in dem praktischen Wirken des Herrn v. Windheim die hier erworbenen sozialpolitischen Kenntnisse offenbaren. Man wird dann ja sehen, welcher Art sie sind. Ein Stiirr moderner Eisenbahureform giebt sich in einer kleinen Preisverändernng kund, welche so ganz in der Stille bei den Sonderzügcn von Berlin nach Dresden und Schandau eingeführt worden ist. Bisher kostete hierzu eine acht Tage giltige Rnckfahrtkarte 3. Kl. nach Dresden 6 M. und nach Schaudan'? M. 60 Pf. Mit diesem Jahre sind die Fahr- preise aber ans 7 M. 30 Pf. resp. 8 M. 80 Pf. erhöht worden. So kommt man den Minderbemittelte» entgegen, die sich das Ver- gnügcn einer achttägigen Erholungsreise leisten möchten! Von der Direktion der große» Berliner Pferde- e i s e n b a h n- G e s e l l s ch a f l wird uns geschrieben: Für den Verkehr nach der Ausstellung sind von der Großen Berliner Pserdebahn zwei elektrische HochleitungSkinien, a) vom Zoologi- scheu Garten über die Kursürstcnstraßc, Maaßenstraße, Rollendorf- platz, Bülowstraße, Uorkstraße, Bcllcalliancestraße, Halleschcs Thor, Gilschiner-, Skalitzer- Cchlesischestraße und Treptover Chaussee nach dem Ansstcllnngs- Eingang, b) Vom Tön- Hoffplatze über die Jerusalcmerstraße, Rilterstraße, Neichen- bergerstraße bis zur Skalitzersiraße und von dort auf dem gleichen Wege wie zu a nach der Ausstellung vorgesehen und ferner vorläufig folgende Pferdebahnlinicn in Anssicht genommen: 1. Behrenftrnße— Charlotten-— Leipziger-— Seidel-— Alte und Nene Jakob-— Köpnickcr-— Schlesische Straße— Ausstellung. 2. Zoologischer Garten— Lützow-Platz—Potsdaincrstraßc— Pols- damerplatz— Askanischer Platz— Anhalt-— Koch-— Oranien-— Skalitzer-— Schlesische Straße— Treptower Chaussee— Ans- stellung, 3. Spittelmarkt— Ansstellnng in der zu 1 gedachien Bahnführnng über die Köpenicker- und Schlesischestraße, 4. Acker- straßc— Iioscnthaler Thor— Alexanderplatz, Franksurtcrstraße— Andrcasstraße— Köpenickerstraße— Schlesischestraße, Treptower Chaussee— Ausstellung. Außer de» bezeichneten sollen»ach Be- dürfniß auch noch weitere Linien nach der Ausstellung einge- richtet werde», soweit vor derselben Platz für die Wagenaus- stellung vorhanden sein wird. Mit den bezeichneten Linien würden zweifellos hoch- willkommene Verbindungen für den Westen, Norden, Süden und das Zentrum nach der Ausstellung geschaffen und dem Verkehrs- bedürfuisse, soweit dies den Straßenbahnen obliegt, ausgiebig Siech- nnng getragen werden. Das in einigen Zeitungen aufgetauchte Gerücht, der Linie zu b) Dönhoffplatz— Ausstellung seien vom Polizei-Präsidinm Schwierigkeiten entgegengesetzt, trifft keines- wegs zu; nach osstziellen Mittheilungen wird die hervorragende Verkchrsbedeutnng der beiden elektrischen Linien voll gewürdigt und ihre Genehmigung nach Eingang der kleinbahngesetzliche» Zustimmungserklärung der belheiligten Behörden aus keine ver- kehrspolizeilichcn Schwierigkeiten stoßen. Für die Zeit der großen Sommerferieu vom 3. Juli bis 13. August werden nach einer Bekanntmachung der Eisen- bahn-Direktion auch in diesen: Jahre für de» Verkehr von Berlin nach den Vororten(nicht für den Stadt-Ringbahnverkehr) und zurück Ferien-Stamm- und Nebenkarten 2. und 3. Klasse aus- gegeben. Tie Verausgabung der Ferienkarten erfolgt vom 28. Juni bis 30. Juli bei den Fahrkarten-AusgabesteNen. Die Generalversammlung der Ortö Krankenkasse für Handlnngögehilfen und Lehrlinge beschloß am Montag, den 17. d. Mls., dem„Verein Berliner Kassenärzte" noch nicht zu kündige»; dagegen wurde der ans 9 Personen bc- stehende Vorstand durch die Wahl von 6 Personen zu einem lögliedrigen Ausschuß verstärkt, welcher den Austrag hat, zwischen dem 3. und 13. Juli mit dem„Verein der frei- gewählten Kassenärzte" in vorbereitende Unterhand- luugen behufs eventuellen Vertragsabschluß zu treten. NahrungSmittcl-Kontrolle. Im Laufe des Monats Mai wurden in Berlin 372 Proben von Nahrungs- und Genußmitteln der amtlichen Untersuchung unterworfen und 30 davon beanstandet, eine im Verhältniß reichliche Anzahl. Unter 50 Butterproben erwies sich eine als reine Margarine. 3 enthielten ei» Drittel bis zur Hülste Margarine. Von de» Schmnlzprobe» waren 2 in erheblichem Grade mit Talg oder Talgstearin gemischt. Neue Feuermelder. Das Polizeipräsidium giebt bekannt, daß an folgenden Punkte» Straßen-Feuermelder zum öffentlichen Gebrauch aufgestellt worden sind: l. Kitschiuersir. 12, 2. Frank- jurter Allee 121, 3. Görlitzerstr. 43, 4. Christiauiastraßc, bei ihrer Einmündung in die Prinzeu-Allee. Ferner hat eine Verlegung des Straßen-Feuermcldcrs Urbanstr. 184»ach der Tempelherren- -e 14 stallgefunden.I Gesperrt sind' sür Fuhrwerke und Reiter vom 20. d. M. ab die Lansitzerstraße von der Wienerstraße bis kiotlbuscr Ufer, die Straße„In den Zelten" von der Hcrwarihstraße bis zur Beethovenstraße, die Bellcvue-Allee von der Charlottenburger Chaussee bis zum Spreeweg. Vom 24. d. M. ab ist die Bergstraße von der Bernauerstraße bis zur Gartenstraße gesperrt. Durch Frost ist in der Nacht zum 14. Juni in der Um- gegeud Berlins den Kartoffeln und den Bohnen schlimmer Schaden zugesügi worden. Eine Einbrechers», die bereits siebenmal vorbesiraft war, ist dieser Tage in Wilmersdorf in der Person der 31 jährigen Emilie Hirte verhaftet worden. Bei dem polizeilichen Verhör bat sie zugestanden, daß sie in dem Berlin-Charlottenburger Grenzgebiet seit März vorigen Jahres nicht weniger als 33 Ein- bruchsdiebstähle begangen hat. Die Einbrüche sind sämmtlich in den Morgenstunden ausgeführt worden, nachdem die Bewohner ihre Häuser bereits ausgeschlossen hatten. Um planmäßig vor- gehen zu können, hatte das Frauenzimmer sich ein Verzeichniß sämmtlicher Stellen angelegt, denen es seinen Besuch zugedacht oder bereits abgestattet hatte. Die Beute war mitunter so groß, daß man einer einzigen Person, zumal einer Frauensperson, kaum zutrauen konnte, sie allein weggeschafft zu haben. Zur Nennung ihrer Komplizen hat sich die Verhaftete jedoch noch nicht herbei« gelassen. Schwer darnieder liegt noch urnner das I6jährige Dienstmädchen Martha Giebler, das vor kurzem durch eine brennende aufgelöste Zuckermasse schrecklich verbrant wuroe. Ter Dienstherr des Mädchens, der Gastwirlh Scholz, der i» der Seydelstr. 9 sein Geschäft betreibt, kochte auf dem Feuerherde in einem offenen Kessel Zucker, den er zum destillircn brauchte. Als er den kkesssl mit dem bereits flüssig gewordenen Inhalt vom Feuer nahm und auf den Fußboden stellte, gerieth die Masse auf unauf- geklärte Weise i» Brand. Ter brennende Zucker spritzte auf die Kleider des Mädchens, das in der Nähe stand und Kartoffeln schälte, und setzte sie in Flammen. Der Wirth bemühte sich, die Flammen zu löschen, indem er seinen Rock zur Dämpfung über die Brennende warf und ihr die brennenden Kleidungsstücke vom Leibe riß. Das Mädchen aber lief in seiner Aufregung planlos weg und über den Gang in das Gastzimmer. Frau Scholz und die anwesende» Gäste waren geistesgegenwärtig genug, sofort Waffer über das brennende Mädchen zu gießen, und es gelang ihnen aus diese Weise, die Flammen vollständig zu löschen. Das Mädchen war aber an beiden Armen und Beinen bereits so schwer verbrannt, daß es mit einer Droschke nach dem Kranken- Hause am Urban gebracht werden mußte. Hier glaubte man kaum, die Schwerverletzte am Leben erhalten zu können. Das scheint indessen doch zu gelingen, wenn auch uoch nicht jede Ge- sahr ausgeschlossen ist. Vermißt wird seit dem 13. d. M. die 13jährige Anna Bartz, die in Westend bei ihren Eltern wohnte. Das Mädchen war kürzlich in Gesindedienst gebracht worden, daraus aber ver- schwunde». Es hat an seine Eltern eine Postkarte geschrieben, daß es sich das Leben nehmen wolle. A« der Großbcerenbrücke wurde gestern die Leiche einer unbekannten, vornehm gekleideten Frau mittleren Alters aus dem Wasser gezogen. Eiue Tchießaffäre. Dm Nachmittage des 18. Juni d. I. spielte der 7jährige Sohn des Musikers P. in der Schnlstraße mit einem geladenen Revolver. Hierbei entlud sich die Waffe, das Geschoß drang dem 6jährigen Sohn des Arbeiters K. in die Slir» und blieb darin stecken. Ter schwer verletzte Knabe hat Ausnahme im Krankenhanse gefunden. Polizeibericht. Am 13. d. Mls. morgens wurde i» der Rathenowerstraße ein Arbeiter an einem Zaune erhängt vor- gesunde».— Vormittags versuchte auf einem Grundstücke in der Schönhauser Allee ein Tischler sich durch eine» Messerstich in die Brust zu tödten. Er wurde in das Krankenhaus gebracht.— Im Landwehrkanal, bei der Großbcerenbrücke, wurde nachmittags die Leiche einer Frau angeschwemmt.— In der Weberstraße wurde ein Kutscher durch einen Mörtelwagen Überjahren und am Fuße erheblich verletzt.— Ein»och nicht ganz fünf Jahre alter Knabe, welcher in der Schnlstraße mit einem seinem Vater ge- hörigen Revolver spielte, schoß einen vierjährigen Knaben in die Stirn, wo die Kugel stecken blieb. Der verletzte Knabe mußte ins Krankenhaus gebracht werden.— Im Lause des Tages fanden fünf kleine Feuer statt. WitterungSiibersicht vom 19. Juni 1895. Wetter-Prognose für Toliucrstag, fiO. Juui 1895, Warmes, veränderliches, vielfach wolkiges Wetter mit Gewitterneigung und mäßigen südlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Gerickiks-Jeikutta- Gewerbegericht. Der Schlächter W. gehört zu den Menschen, welche keine Freunde der Nachtruhe sind, er suchte deshalb zum Aerger seines Meisters öfter erst um 3 oder 4 Uhr morgens sein LogiS auf. das er bei demselben iuue hatte. Da W. keinen Hausschlüssel sein eigen nannte, wurden Familienaugehörige des Meisters jedesmal ans dem süßesten Schlummer„herausgeklopft". Dieser glaubte eines schöne» Tages, seinen: Gehilfen dadurch die Liebe zur Nachtschwärmerei vergällen zu müssen und auch zu dürfen, daß er ihn ohne vorherige Kündigung entließ. Tie Folge war ein Entschädigungsstreit vor dem Gewerbegericht. Hier machte der Beklagte außer dem angeführten noch geltend, Kläger habe ja häufig gelegentlich von Lorhaltungen geäußert,„wenn es ihm, Beklagten, nicht mehr so passe, gehe er;" das sei doch ein Einverständuiß mit der Jgnorirung der Kündiglingssrist. Das Gericht vcrnrtheilte dessen uu- geachtet den Beklagten. Gründe: Die allgemeine Redensart:„Wenn es Ihnen nicht paßt, gehe ich," könne nicht als Verlragsabrede aufgefaßt werden. Sie komme als solche höchstens in Frage, wenn sie sich an eine Aeußerung anschließe, welche die Auflösung des Arbeitsvertrages zum Zwecke habe und wenn im selben Moment die Auflösung des Vertrages bezw. des Arbeitsverhältnisses vor sich gehe. Diese Voraussetzungen träfen aber hier nichl zu.— Dann sei es kein Entlassnngegrund, wenn der Geselle statt um 11 Uhr erst um 3 oder 4 Uhr morgens nach Hause komme. Die Gewerbe-Ordnung gebe nicht wie die Gesinde-Ordmmg dem Arbeitgeber das Recht, den Arbeiter zu entlassen, wenn er die Nacht ohne Genebmigiing ausbleibe. Es käme hier nur darauf an, daß Kläger die Arbeitszeit absolvirte und die Arbeit etwa nicht unbesugl verließ; in der Nacht zu arbeiten sei aber Kläger nicht verpflichtet gewesen. iuiri) ein Votum des Polizeipräsidiums wurde in legier Stunde eine Verhandlung unmöglich gemocht, welche heute Nochmittag vor der zweiten Strafkammer am Landgericht II slalifinden sollte, und zu welcher mehr als 20 Zeugen geladen worden waren. Es Handelle sich um einen Vorfall, welcher seinerzeit in der Presse lebhaft besprochen worden ist. Anfang Novenibcr vorigen Jahres wurde berichtet, daß ein fremder Mann in Rummelsburg auf der Straße bewußtlos auf- gefunden worden sei. Derselbe sei nach dem Amisgefängnisse gebracht worden, unterwegs sei er wieder zu sich gekommen und habe nun im Gesängniß dermaßen gelobt, daß ihm Fesseln an- gelegt werden mußten. So gefesselt sei der Manu am nächsten Morgen als Leiche in der Zelle aufgefunden worden. In dem Verstorbenen ist alsbald der Kellner Saar aus Berlin rekoguoszirt worden. Die eingeleitete Untersuchung ergab sehr bald, daß Saar am 5. November v. I. in das Lokal des Gaftwirths A u g u st K o i t s ch, Prinz Albrechtstraße b in Nummelsburg gekommen war, dort eine kleine Zeche gemacht hatte und als- dann davon ging, ohne zu bezahlen. Von hier begab er sich zu den« Schlächtermeister Frauke, kaufte sich für IS Psg. Wurst, ver- zehrte dieselbe mit großem Behagen und verließ alsdann den Laden wiederum ohne Bezahlung. Nun ging er wieder nach dem Koitsch'schen Lokale zurück, Frau Schlächtermeister Franke folgte ihm dahin und verlangte ihr Geld. Statt der Bezahlung wollte Saar der Frau Prügel geben, doch wurde er nun von den Gästen in Arbeit genommen und tüchtig durchgeprügelt. Als er nach empfangener Prügel wiederum ohne Bezahlung das Lokal verlassen wollte, trat ihm in der Thür der als Gast anwesende Gastwirth August Leber entzogen, doch schlug Saar sofort auf Leber ein, so daß dieser flüchten mußte. Nun kam der Wirth Koitsch seinem Freunde zu Hilfe und schlug mit einem Gummischlauche auf Saar ein. Dieser entwand dem Koitsch die Waffe und hieb nun seinerseits auf Wirih und Gäste ein, bis er durch die Uebermacht überwältigt, aus die Straße ge- worfen und hier arretirt wurde. Da er in der Zelle tobte, mußte er gefesselt werden, nachdem er sich aber beruhigt hatte, wurden ihm die Fesseln abgenommen. Am nächsten Morgen wurde er todt in der Zelle gesunden. Kreisphysikus Dr. Philipp und Kreiswundarzt Dr. P f l e g e r, welche gemeinschafllich die Obduktion vor- genommen haben, konstatirten, daß der Tod durch Blutanhäusuug im Gehirn herbeigeführt worden sei, wobei aber nicht zu ver- kennen war, daß Saar seiner Körperbeschafienheit nach alle Aus- sieht halte, einmal durch Herzschlag seinen Tod zu sinde», zumal er stark dem Alkoholgeuusse ergeben war. Immerhin wurde der Blutandrang nach dem Gehirn auf die Schlüge zurückgeführt, welche Saar im Koitsch'schen Lokale erhalten hat. Deshalb wurden die Gastwirthe Koitsch und Leber wegen Körperverletzung mit tödt- lichem Erfolgs augeklagt, da sich diese Anklage aber nicht halten ließ, wegen„Theilnahme an einer Schlägerei, bn welcher ein Mensch getödtet worden ist." So kam die Sache nicht vor das Schwurgericht, sondern nur vor die Strafkammer. Ter Ver- theidiger, Nechtsauwalt Dr. Schoeps wollte nun mit Hilfe des Gerichtsphysikers Professor Dr. S t r a ß m a n n beweisen, daß nicht die empfangenen Schläge, sondern die Aufregung, in welche Saar durch die Verhaftung, Einsperrung und Fesselung geratheu war, als Todesursache zu betrachten sei. Dr. Straßmann war auf Gerichtsbeschluß auch geladen worden. In letzter Stunde tras aber die Nachricht ein, daß das Polizeipräsidium als vorgesetzte Behörde die Genehmigung für Dr. Straßman», in der Sache ein Gutachten abzugeben, im„ d i e n st l i ch e n I n t e r- esse" versagt habe, was erklärlich ist, wenn das Polizci-Präsidium eine Bloßstellung ihr unterstellter Beamten verhindern ivill. Da der Vertheidiger nicht im letzten Moment einen Gegensachverstäudigen beschaffen konnte und wollte, mußte der Gerichtshof Vertagung beschließen und dem Vertheidiger anheimstellen, einen anderen Sachverständigen an stelle des Dr. Straßmann zu benennen. Wegen angeblicher Veleidigung der Magdeburger Richter und des Ttastfurter Bürgermeisters durch den Ge- Nossen Arthur S t a d t h a g c n war gestern auf lOVe Uhr vor der 8. Strafkamnicr des Landgerichts Berlin I Termin an- beraumt. Als die Sache nach 12 Uhr anberaumt war, fragte Angeklagter, ob denn sein Vertheidiger, der bei ordnungsmäßiger Ladung sicherlich erschienen wäre, etwa nicht geladen sei. Der Vorsitzende des Gerichts, Landgerichlsdircktor Leonhard, erklärte, ein Vertheidiger sei nicht geladen, daß ein solcher vom An- geklagten bestellt sei, sei ihm auch nicht bekannt. Stadt- Hagen beantragte hierauf, aus den Akten festzustellen, daß die Bestellung des Rechtsanwalts D r. H e r z f e l d zu seinem Vertheidiger bereits vor etwa einem Jahre schriftlich erfolgt sei und beantragte Vertagung der Verhandlung. Ter Vorsitzende meinte, die Sache läge doch so einfach, daß der Angeklagte sich wohl ohne Vertheidiger vertheidigcn könne, zumal er doch in Rechtssachen erfahren sei. Angeklagter betonte, die Sache sei allerdings so einfach, daß es überraschen müsse, daß überhaupt Anklage er- hoben sei. Im übrigen müsse er bei seinem Antrag, daß vertagt rverde, weil sein Vertheidiger nicht geladen sei, beharren; dar- über, weshalb er die Hilfe seines Vertheidigers für sehr wüuschens- werth halte, stehe nur ihm ein Urtheil zu. Ueberdics sei er, wie zu de» Akten angezeigt,»och wegen einer Reihe weiterer au- gcblicher Beleidigungen von Beamten angeklagt; er beantrage wiederholt Verbindung aller dieser Sachen mit der vorliegenden. Welch' ein Grund bestehe denn, ihn fortdauernd zu neuen Terminen zu laden, statt alle Slrafanträge in einem Versahren zur Erledigung zu bringen?Das Gericht beschloß, den Termin zu vertagen und zum nächsten Termin den Vertheidiger zu laden, lieber' den auch schriftlich gestellten Antrag des An- geklagten auf Vereinigung aller gegen ihn schwebenden Straf- verfahren werde demnächst schriftlsch Beschluß gesaßt werden. Wie»in» Sozialdemokraten verurtheilt. Vor dem Schöffengericht zu Havelberg halten sich vor einigen Tagen die Parteigenossen Timm und Wegener wegen groben Unfugs zu verantworten, der dadurch begangen sein soll, daß sie am I. April während des Umzuges der Bismarckverehrer mit einem rothe» Tuche schwenkten. Der Amtsauwalt beantragte eine Woche Hast. Das Gericht hielt jedoch diese Strafe nicht für angemessen, sondern erkannte auf sechs Wochen Haft. Ganz besonders wurde von dem Vorsitzende» betont, daß die Strafe deshalb so hoch zu bemessen sei, weil die Angeklagten einer gewissen Partei angehörten und gegen die Feier eines um d e u S t a a t h o ch- verdienten Mannes demonstrirt hätte». Die Begründung nahm daher ivcniger auf die thatsächlichen, als auf die politischen Verhältnisse bezug. Selbstverständlich ist gegen das merkwürdige Urlheil Berufung eingelegt. Ter Bankräuber Hcnry Veslon, welcher am Ig. April d. I. in der Reichsbankstelle Frankfurt a. M. einem Ausläufer 20 000 Mark aus der Tasche stahl, wurde von dem Landgerichte heute zu drei Jahren Gesängniß und fünf Jahren Ehrverlust ver- urtheilt. In München wurde am 17. Juni der Anarchist Wilhelm Tempwolf aus Hannover zu drei Wochen Gesängniß verurtheilt, weil er in einer am 4. Oktober v. I. abgehaltenen Versammlung zu Gewaltthätigkeiten aufgereizt haben sollte. Literarisches. Dr. Franz Oppenheimer, F r e il a n d in D e u tsch land, Berlin 1895. Die Bedingungen der Emanzipation des Proletarials— nnd die Emanzipation des Proletariats das heißt die Lösung der sozialen Frage— sind von Karl Marx in ihren Grundzügen unwiderleglich festgestellt worden; vom Kommunistischen Man,- fest(1847) durch alle die mannigfachen Kundgebungen der Julernatiouale bis hin zum Hauplwcrk lehrt er immer und � immer wieder die Lehre, deren Schöpser er geworden. Und was er etwa noch, weil es wohl manchmal aus dem Rahmen seiner jeweiligen Aufgabe herausfiel, unerörtert gelassen hat, das hat mit eminenter Kraft und Klarheit sein Freund nnd Arbeits- genösse Engels uns in zahlreichen Schriften verkündet. Man kann die Summe der ganzen Lehre in zwei Hauptsätze zusammen- ziehen:„Die Emanzipation des Proletarials niuß das Werk der Arbeiterklasse sein", und:„Alle Entwicklungskämpfe der Gesellschaft sind ihrem Wesen nach Klassenkämpfe". Es sind nur scheinbare Ausnahmen, wenn in Ansehung des ersten Satzes eine Menge Angehöriger anderer Klassen sich am Befreiungskämpfe der Ar- beiler betheiligeu, zum tbeil sogar in führender Stellung, und ebenso, was den zweiten Satz angeht, wenn der Kampf oft aus sekundären Gründen in seiner F o r m nicht den Charakter des Klassenkampfes klar erkennen läßt: in ihrer elemenkaren Richtig- keit können sie heute nicht mehr bezweifelt werden. Welche Er- folge die Durchdringung der Massen mit dieser Lehre gehabt hat, das lehrt c i n Blick auf die Statistik der Neichstagswahlen Deutschlands. Aber so wichtig auch die Lehre ist, so großartig sie durch die orgauisirte Arbeiterschaft der ganzen erwerbswirthschaftlichen Welt in die That umgesetzt ist, so giebt es doch vielerlei Men- scheu, die in ihr nicht das beste oder einzige Millel sehen, die soziale Roth der arbeitenden Klasse zu brechen. Nebe» jenen, die von der Religion alles Heil erwarten, giebt es deren, die im veralteten utopistischen Sozialismus stecken geblieben sind, solche, die das reine Manchesterthum konsequent zum Anarchismus aus- gebildet haben und immer neue, die auf anscheinend modern-wifleuschastlicher Basis ein luftiges Gebäude sozialer Konstruktion aufführen, das doch in seincm Gefüge so manchen verwitterten Stein aus längst zerstörten Werken wiedererkennen läßt. Am bekanntesten aus der letzten Sorte ist in Deutschland letzthin wohl Hertzka geworden, der in seinem„Freiland" das Bild einer kommunistischen Jdealgesellschasl in Afrika zeichnete und sich dann in unseligem Hyperoplimisnws, odcr wie wir es dreist deutsch nennen dürscu, in srevcutlicher Leichtferligkeit aus einen Ausführungsversuch einließ, dessen gänzliches Scheitern den Lesern nrch in Erinnerung ist. Man kann ohne weiteres zu- geben, daß mit ausgesuchtem Meuscheumaterial und genügenden materiellen Unterstützungen eine solche Jdcalgesellschaft sich in engem Nahmen auch schon heute durchfuhren lasse: aber die Folgerungen, die man daran knüpfte, daß dadurch ein wesentlicher Einfluß ans die wirthschaftliche und danach die soziale Enlwickelung der kapitalistischen Gesellschast ausgeübt werden würde, ist sicherlich falsch. Was ist uns Hckuba? Was kümmert unsere Gesellschaft ein kommunistischer Zwergstaat am Kilimandscharo?? Die Frage hat sich auch Herr Oppenheimer gestellt und be- antwortet, indem er sein„Freiland" nach Deutschland verlegt. Hier vor aller Augen nnd im wirlhschaftlichen Zusammenhange mit den Vollsgcnoffen will er ein Gemeinwesen gründen, das sicher nnd ohne Schwierigkeiten die bestehende Gesellschafts- ordnung todtkonkurriren soll. Er suhlt sich beniüßigt, seine Ab- lichten auch theoretisch zu begründen; aber was sollen wir ihn kritisch widerlege», der den alten Tühring'schen Kohl vom Gewalteigen thum wieder auswärmt, damit also beweist, daß er Engels enlweder nicht gelesen oder nicht verstanden hat? Ihn zu überzeugen, hat für uns kein Interesse, und so nützlich es aiich sein mag, die Gedanken unseres Altmeisters immer und immer wieder nachzudenken nnd darzulegen, so genügt doch für uns hier ein Hinweis ans Engels' eigene Schrist(Herrn Dnhring's Umwälzung je.). Und was nun seine praktischen Vorschläge betrifft, so möchten wir sein ganzes Unternehmen als die Borsührung eines gewissermaßen automatischen Sozialismus bezeichnen. Es soll irgendwo, nachdem durch eine Aktien- Gesellschast die»ölhigen 5kapitalien geschafft sind, eine Genossen- schast mit beschrankter Haftpflicht gebildet werden, die sich der Bcwirthfchnilung eines Landgutes durch Ackerbau nnd Viehzucht, sowie derEinrichlniigindustriellerBetriebezuwendet. DieZngehörig- keit zu dieser Genossenschast, die wieder in mannigfache Gruppen zerfallcn kann, ist genau geregelt nnd die Kompetenzen sorgsam verlheilt. Der Betrieb ist ganz nach dem Muster und Vor- bild eines k a p i t a l i st i s ch e il Unternehmens eingerichtet, nur daß hier die Arbeitende» mit Aussicht auf Gewinn- betbeiligung arbeiten. Jeder über das Durchschnittseinkommen der Arbeiter des Landes hinausgehende Gewin», der nach Opven- heimer's Meinung ganz außer Frage sieht, wird neue Tyeil- nehmer heranziehen, zur Vergrößerung der Anlage nnd zu dichterer Besiedlung führe», damit also de» Bodenwerth steigern, das heißt die Genossenschaft günstiger stelle», als die beim heutigen Eigcnthums- nnd Wirlhschastssystem verbleibenden Konkurrenten und dies Spiel wird so lange automatisch weitergehen. bis— es keine Konkurrenten mehr giebt. Die Lösung der sozialen Frage ist also viel einfacher, wie ivir unpraktische» Sozioldeinolrate» bisher geglaubt haben! Wir brauchen eben nach Herrn Oppenheimcr keineswegs eine sozia- listische Produktion, sondern es genügt, unter dem Schutze des königlich-preußischen Gendarmen die Dmchführnng einer konnnu- Iiistischen Distribution der geschaffene» Werths nnd die Ansinerznng oder Unschädlichmachung der bösen Grundrente. Tie Mittel sind nicht gerade neu, die Form aber etwas gegen andere Vorschläge geändert. Herr Oppenheimer thnt sich was besonderes daraus zu gute, daß sein ganzes Unternehmen im Nahmen der modernen Gesetzgebung sich abspiele nnd ihm das Aktien- und Genossenschaftsrecht eine genügende Basis für seine Absichten gäbe. Ganz schön. Aber, wen» nun eines Tages die kapitalistischen Gegner sozialistischer Versuche diese Gesetzgebung zu seinem Schaden mngestallen?? Darauf wird Herr Oppen- heimer schwerlich eine Antwort wissen, er, der mit Herrn Dühring behauptet, daß die politischen Konstellalionen maß- gebend seien für die wirthschaftliche Eniwicklung! Man sollte denken, so etwas wie Logik sage ihm, daß er dann gut daran thäte, für sich nnd seine Genossen die politische Macht zu er- ringen, die Klinke der Gesetzgebung in die Hand zu nehmen— Herr Oppcnheimer aber hat es anders beschlossen, nnd wir wolle» ihn in seincm Vergnügen nicht störe».— Dr. L. ?. W. Teiscn, Das soziale Elend und die besitzenden Klassen in Oesterreich. Wie» 1894. Erste Wiener Volksbuchhandlung, VI. Gumpendorferstr. 8. 2 M. Je verworrener nnd widerspruchsvoller die ökonomischen und politischen Verhältnisse Oesterreichs sind, je mehr ein sclt- sarnes Znsammenwvhnen überlieferter gesellschaftlicher nnd politischer Rückständigkeilen mit den modernsten Erscheinungen des ökonomischen Lebens vorherrscht, je»nenlwickelter und ärmer die sozialpolitische Literatur in Oesterreich und über Oesterreich ist. um so freudiger muß man ein Buch be- grüßen, das, wie das obengenannte, mit vielem Glück nnd Ge- schick die Gesammtheit des wirthschaftliche» und gesellschaftlichen Lebens Oesterreichs einer Kritik ans der Betrachtungsweise des historischen Materialismus llnlerzieht. Denn wenn der Verfasser sich auch nirgends einen Sozialdemokraten nennt, so sind seine Ideen ans den Lehren von Marx und Engels genährt und er theilt im wesentlichen den gleichen Standpunkt mit uns. Das Buch zerfällt i» S Abschnitte: I.Adel und Bauer; Unternehmer und Arbeiter, 3. der kleine Mann, 4. der Arme, 5. die Frau. Ter reichsdentsche Leser erfährt hier, wie auch in Oesterreich der Adel einen über alles Verhältniß großen Antheil an der Bodenfläche besitzt, wie auch hier die Latifundien sich immer mehr ausdehnen, der Bauernstanv durch Zersplitterung des Besitzes und Verschuldung proletarisirt wird. Er findet seine Pleß nnd Fürstenberg als Lichtenstein und Schwarzenberg wieder, nnd kann sogar seine eigenen vielgeliebten„souveränen Häuser" die Koburger, Hohenlohe's u. s.>v. dabei beobachten, ivie sie ihre segensreiche Existenz auch den österreichischen Alpen- ländern fühlbar machen, bauernlegend, Gcmeindegüter aus- kaufend, Weiden in Jagdgründe verwandelnd, ganze Bezirke ent- völkernd. Dieselbe Härte und Kargheit gegenüber dun Land» arbeiten, dieselbe übermnthige Bedrückung der beherrschten Ge- meinden, dieselbe Ausnützung der Staatsmittel für Privatzwecke des Großbcsitzes. Er sieht den österreichischen Adel— ent- sprechend den preußischen Großbesitzern— in immer umfassen- deren und reicheren Jndustrie-Anlagen ihren Bodenreichthum er- ganzen, er sieht aber sein verjunkertes Preußen noch überboten von diesem Oesterreich, wo der Adel das Herren- haus als Domäne inne hat und durch seine Kurie auch noch Abgeordneteuhatis und die Landstuben beherrscht, nnd alle einflußreichen und eindringlichen Berwaltungs- stellen von Adeligen besetzt sind. Weiter liest er, daß das öfter- veichische Unternehmerthum wohl an Reichthum dem deutschen nachsteht, an Bornirlheit und Uuterdrückungssucht aber es womöglich noch übertrifft; er lernt die traurige Lage des industriellen Arbeiters kennen, dessen mit Deutschland verglichen noch tieferen durchschnittlichen Lohn und kann die sonstigen Aus- ariichse des Jndustrialismus, die mangelnde Gewerbe-Aufsicht. endlich die Habgier des Fiskus � als des größten Unter- nehmers— mit den ähnlichen heimischen Verhältnissen vergleichen. Er findet hier seinen Kleinbürger— in österreichischer Auflage— wieder.wie er ausMangel an Kenntnissen und geschäftlicher Einsicht, sowie vor allem aus Mangel an genügendem Betriebs- kapital unter der Konkurrenz mit der Industrie zu gründe geht, kann deffen Unfähigkeit und Unbehilflichkeit allen sozialpolitischen Neuerungen gegenüber wiedererkennen und den gleichen politischen Unverstand, der in Deutschland ivie in Oesterreich— verbunden mit der denkfaulen Untcriversung unter überlieferte Standes- und Rcligionsvorurtheile--- zu Nutz und Frommen aes Klerus und des Adels— das K'leinbürgerthum in den Antisemitismus treibt. Bon allgemeinem Interesse ist besonders die Art, wie Teifen, — ausgehend von dem Gedanken, daß der Klassenkampf die Selbstsucht des einzelnen und wie die der Klassen entwickelt, eine Klasse dem Vortheil der anderen preisgiebt,— mit unbeirrter Kon- ftquenz die Armnth mit allen ihren Erscheinungen: Sterblichkeit. Kriminalität, Selbstmord, weiter die Lage der Frau, die Prosti- tution, den wachsenden Zerfall der Ehe auf ihre letzte wirth- schastlichej Ursache zurückführt und alle diese in ihrer All- gemeinheit die ganze Kultnrwelt beherrschenden Erscheinungen auf österreichischem Boden verfolgt. Besonders wird es den deutschen Leser erfreuen und trösten, für die preußische Geflndeordnnng in der österreichischen Dienst- botcnordnnug ein bis aufs Prügeln ähnliches Gegenstück nnd in den Polizeimaßrcgeln gegen die Prostitution die ganze Weisheit der lex Heiiize mit ihren Vorgängern und Nachfolgern wiederzufinden. Der Raum gestattet uns nicht so ausführlich zn sein, wie das Buch es verdiente, hingeiviesen sei iw besonderen für den deutschen Leser aus den dritten Abschnitt, der eine treffende(wenn auch zu flüchtige) Charakteristik der politischen Verhällniffe Oesterreichs giebt. Nachdem Teifen den Bildung?- grad des Wiener BürgerthumS an der geringen Anzahl politischer nnd wissenschaftlicher Vereine nnd ihrer langsamen Vermehrung, sowie auf der anderen Seite der großen Zahl und rasche» Vermehrung der Unlerhaltnngsvereine gemessen, und seine Charakteristik in de» Worten: begierig rasch reich zu werden, genußsüchtig, politisch und intellektuell in- different zusammengefaßt hat, weist«r nach, wie diesem Bürgerthum seine Vertretung im Parlamente vor« trefflich entspricht, und giebt einen kurzen Abriß der Geschichte des österreichischen Liberalismus, eine Charakteristik seiner falschen Freundschaft für den„kleinen Mann", seines dauernden, täglich sich wiederholenden Berraths an seinen„Prinzipien". seines Verhaltens in der Wahlrcchtsfrage. In der Charakteristik des Parlamenis erfährt der Leser von der Theilnahmslosigkeit der österreichische» Abgeordneten, ihrem maßlosen„Schwänzen" der Sitzungen, wie sie im stände sind, Anträge zu überhören und des- halb anzunehmen, in welcher wegwerfenden Weise sie sich von Ministern behandeln lassen. Ebenso vjchtig und anschaulich wird durch das ganze Buch der halbdespotischc, schwerfällige, dem Neuen und seinen Forderungen rathlos gegenüberstehende und stets nur mit den rohen Mitteln der Unterdrückung und Reglementirung ar« beiteude Bureaukratismus dargestellt. Das Buch ist schlicht und gemeinverständlich geschrieben und mit jener überzeugenden Kraft der Beredsamkeit, die auZ einen, in der Tiefe erregten Gefühl strömt. Man merkt es dem Buch« in jedem Satze an, daß es eine Herzensangelegenheit deS Ver- fassers war. In Oesterreich wird eS allen im Klassenkampf Stehenden ein willkommener Rathgeber sein, es wird auck in Deutschland viele und geneigte Leser finden. Li. 1-, vevinislkikesi Staatscvhaltende Presse und Sittlichkeit während der Kanalfcier. Im Organ für Religion, Ordnung, Sitte und Bismärckerei, in den„Hamburger Nachrichten", befindet sich folgendes Inserat:„Dtariagen'durch adeliges Ehepaar direkt und reell während der Kanaleröfsnnng in Hamburg und Kiel; detaillirte nicht anonyme Offerten mit Porto unter A. 431 in der Exped. d. VI. erbeten."— Offenbar handelt es sich, so meint das„Hamburger Echo", um„Mariagen aus Zeit", um Ver« kuppelungen für die Dauer der Kanalseier. Auf der Dona» stieß am Dienstag ein Dampfschiff der ungarischen Flußschifffahrts-Gesellschaft mit einem mit Korn be- ladenen Schleppschiffe der süddeutschen Dampfschifffahrts- Gesell- schast zusammen. Der Schlepper sank, die Insassen wurden ge« rettet. Der Schaden beläust sich auf 25 000 Gulden. Stu-eriifanl. T!e SIetattio» fletU die Benutz»»« dek' Sprechsaat-, soweit der Raul» dasür «bzugebe» ist, dein Bubliluin zur Besprechung von Angelegenheiten allgemeinen Interesse! zur versügung: sie wahrt sich aber gleichzeitig dagegen, mit dem Inhalt desselben identifizirt zu werden. Die Notiz im„Vorwärts" vom 12. d. M., betreffend die Allgemeine Orts-Krankenkasse, hat uns zu genauen Recherchen veranlaßt, die dahin führen, daß der Verfasser wenig oder gar keine Kennt, uß von den Berliner Kassenverhältnissen hat. da er sonst eine solche Verdächtigung nnd eine den Tbatsachen so wenig entsprechende Notiz nicht hätte veröffentlichen können. Wir sind nicht gewillt, den kostspieligen Raum des„Vorwärts" zu sehr in Anspruch zu nehmen, nnd möchte» deshalb den Verfasser dieser Notiz bitten, wenn er uns bessere Vorschläge nnd Einrichtungen machen kann, mit uns oder mit der Kommission der Allg. Orts- krankenkasse, und zwar heute, Donnerstag Abend 8V2 Uhr in der Alte» Jakobftraße 09 bei Lenz, zu verhandeln, oder aber am 3. Jnli in demselben Lokal. Der Vorstand der Arbeitnehmer der Allg. Orts-Krankenkaffe gewcrbl. Arbeiter und Arbeiterinnen. I. A.: A u g u st H ä r t e l. Wviekkspken vsv Vedakkton. Wir biten bei jeder Ausrage eine Thlffre(Zwei Bnchstabeu oder etile Zahl) auzugeben, unter der die Aulwort erlhellt werden soll. Montag, Dien st ag, Donnerstag und Freitag wird von 7 bis 8 Uhr abends Auskunft und Rath in Rechtsangelegen heiten ertheilt. AndreaSberg. In den ersten Wochen jedes Quartals wird eine Liste der Partei blätter im„Vorwärts" pnblizirt. Gegen Einsendung von 10 Pf. in Briefmarke» wird unsere Expedition Ihnen das letzte Verzeichniß senden. Burtscheid(Aachen). Die beireffende Gesellschast hat oft Prozesse gegen ihre Versicherte» angestrengt. An ihre Zahlnngsinhigkeit dürste nicht zu zweifeln sein. I. L. Mit Dank venverthet! B H 14. Menden Sie sich an eine Fischerei-Zeiinng. St. 27. Zur Eheschließung bedarf es der Beibringung der Geburlsscheine der Verlobten und der Einwilligungserklärung des Vaters der noch nicht 24 Jahre alten Braut und des noch nicht 23 Jahre alten Bräutigams.— 31. Amalie. Wegen der der Ehefrau zugesprochenen Alimeute kann der Lohn gepfändet werde».— H. K. Ohne Einsicht in die Dokumente und ohne persönliche Rücksprache nicht zu erledigen.— Äimstgewcrbe. Wenden Sie sich direkt an die Direktion der Kunstgewerbe- schule, die Ihnen gern Auskunft ertheilen wird.— N. 100 H. N. C. Rechtsanwalt Heinemann wohnt Mauerstr. 80. — G. A. 1. Der Widerruf einer Schenkung kann innerhalb 6 Monaten durch eine vom Gerichtsvollzieher zuzustellende Widerrnsserklärung erfolgen. Bei Verlobten pflegen indeß sogenannte Geschenke nicht als widerrufliche erachtet zu iverden, sobald sie als eine Art Gegenleistung für gewisse Gefälligkeiten betrachtet werden können.— O. N. Sie inüfsen sich an die Gerichtskasse mit dem Antrag wenden, Ihnen Ratenzahlungen zu bewilligen.— N. N. 1. Die Hygiene-Ausstellung ist seinerzeit vor Eröffnung niedergebrannt." 2. Ja. 3. Staatsznschuß und Privatschatulle des Eigeuthümers decken das fast ständige Defizit. VriefKsPten dev Expedition. N. W. Berlin: Varnhagen's„Blätter ans d er preußischen Geschichte"(5 Bände) können Sie durch die „V o r w ä r t s"- B u ch h a n d l u» g zu herabgesetztem Preise (statt 43 M. zu 5 M.) beziehen; ebenso die von Varnhagen her- ausgegebenen Tagebücher von Genz» Mettcrnich's rechter Hand. 4 Bände zu 6 M. statt 32 M. Für deuJnhalt der Inserate über- nimmt die Nedaktion demPnbliknm gegenüber keinerlei Berantwortnng Theater. Donnerstag, den 20. I u n i. berliner Theater. JlaeUmo Sans- Gmie. Ueneo Theater. Tata-Toto. Kchiller- Theater. Die Neuver- inählten. Ein Diener zweier Herren. Aleranderplah-Theatcr. Heinrich Heine. Ein Modell. Uatroual- Theater. Im Irren- hause. Theater Unter de« Linden. 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Victoria-Lraiikrei Liihowstraße 111—113 Täglich außer Sonnabends Vartsa rssp. Saal: Soiree der altbeliebtrn Stettiner nger (Meysel, Pictro, Britton, Steidl, Krone, Röhl und Schräder.) Anfang 8 Uhr. Entree 50 Pf. Vorverkauf 40 Pf. und Jamilien- billets für 3 Personen giltig 1 M. (stehe Plakate). Großes Humor-prograniin. Nach der Soiree: Tanzlrräiizcheii.< F. Nagel's Sommer-Theater Schweilterstr. 23|24. Jeden Dienstag und Donnerstag: ÜAmburgkr Läuger beliebteste Gesellschaft(3 Herreu). link. 8 Uhr. Näheres die Anschlagsäulen. NB. Saal u. Garten(1200 Pers.), kleine u. gr. Vcreinszimmer noch zu vergeben. Allgemeine Ausstellung tür Sport, Spiel und Tarnen. Berlin, Altes Reichstagsgehäude, Leipzigerstraße 4. Donnerstag, den 30. Innt geöffnet von 10 Uhr vormittags bis 10 Uhr abends. Eintritt heute nur 25?kg. mit interessantem Führerbuch. Neu! Otto Lilientliars Neu! Flugapparat. Urania Anstalt für volksthiimliche Naturkunde. Am Landes Ausstellungspark (Lehrter Bahnhof). Geöffnet von S— 10 Uhr. Täglich Vorstellung im wissenschaftlichen Theater. Näheres die Anschlagzettel. Friedrich-Wilhelmstädtisclier Concert-Park 25/26 Chausseestraße 23/26. Grosser Ulk-Abend. Berlin amüsirt sich. Burlesque von Leo Eerzherg u. Arthur Fränkel. Das Soiumergarten-Programiii ohne Pause. jpg" U» sere Sie r n e"VQ MW-v Tero.'�Q ?? 13 3 4 5 Sisters Berendsohn. WM" IM. Aucke.'�i Ferner Niui Diva. Edi Blum. Entree 30 Pf. ReichshaBlen. Im prachtvollen Garten (bei ungünstiger Witterung im Saal) Täglich: Kuiiloristislhe Soitte llßMfl deutschen Quartett- MUl II u. Couplet-Sänger Hoffmann, Wolfs, Führmann, Walde, Horst, Betz».Frische. Anfang 8 Uhr. Eutree 30 Pf. Reservirter Platz 50 Pf. Sonntags: Anfang 7 Uhr. Entree 30 Pf., ab 9 Uhr 30 Pf. Kaufmann s Variete. Königsir., Kolonnaden. Täglich: Humoristischer Abend der Neutnaini- Bliemchen's Ltipziger Siiilger. Nenmann, Wilh. Wolff, Horväth, Gipner, Lemke, Feldow und Ledermann. Auf.8 Uhr. EntreeZOPf. Der FIsKZ (La Puee.) Posse von Wilh. Wolff. Stürmischer Beifall. ts zum pirpc»! Passage-Panopticum. Täglich: Rettung aus Feuersgefahr durch die Feiimvehl' «.«oaok's Krnnnrnste. 10. Täglich: Goneert, Theater- u. Spezialitäten-Vorstellung. Dir goidkiit Instl. Anestattiings-Operetle v. Anton Arno. Jeden Sonntag. Montag, Dienstag und Donnerstag Im Saale: Grosser Ball. Die Beleidigung gegen Herrn C. Gebauer nehme ich zurück und er- kläre denselben für einen Ehrenmann. 1673b H. Na atz. Grosse öffentliche Versamhu sämmtlicher Tavalmrbelter und-Arbeiterinnen, felpmittirkitfiiiiimi, CiMttttMbcltmum, Wilkehllcheriitnetl, Plllkmllijtttiiiteil u) hie in her Kan- niiii RnnAnblik-Wriklitm besUstigten Arbeiter nnb Arbeiterinnen am Donnerstag» den 20. Inni, abends S1� Mr, im Mr. Z. Tages-Ordnung: 1. Die erbärmliche Loge der Tobokorbeiter und-Arbeiterinnen und wie ist der- selben abzuhelfen. Referentin: Fron W. Eabler-Hamburg. 2. Diskussion. Kollegen, Kolleginnen, ogitirt für die Versammlung, erscheint alle in der Versammlung. Die Berliner Gewerkscliafts-Kornrnission. I. A.: C. Butry. W. Börner. Sic geht los, sie Bsbezeit! VoIIi5'Gm!eailZlsIl Rlxdorf, vanner vhanssee. Der Unterzeichnete empfiehlt den ge- ehrte» Einwohner» von Ripdorf und Umgegend feine reuovirte Badeanstalt für Herren und Damen mit Schwimm- bassin. Man kann billig abonniren, auch iverden Schwimmschüler aüge- nonnuen. Schöner Aufenthalt im schattigen Garten. Vier Kegelbahnen, Schießbude, Kraftmesser und Schaukel stehen zur Verfügung. Jeden Sonntag im Garten: Große Spezialitäten- und Theater-Vorftellttng von renommirten Künstlern. Im Saale: DW" Grojser ilail. Auch können Familien Kaffee kochen. Mein Lokal steht den geehrten Innungen sowie den Vereinen unent- geltlich zur Verfügung. 2360L Hochachtungsvoll A. Stolzenhurg. Edison's Geöffnet bis 10 Uhr abends. neueste wunderbare Erfindungs ,,Das Kineioskop" Friedrichstr. 65, MohTenastr. 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Während des ganzen Nachmittags und Abends: Concert der 22 neapolitanischen Gesang- und Tanztruppen. Auftreten der berühmten Taranteila-Tän-erinnen unter Leitung des Maestro Maranno. Neu einstudirt:„Das Fest der Moctistinuen", komische Balletpantomime. VI. ZM- Grosse venetianische Preis-Ruder-Regatta auf dem Canala grande."TG(Beginn abends 7 Uhr.) Vit. Abends von 8—11 Uhr: Große Festvorstellnng des teatro americano. Während des ganzen Tages: Vorführung des neu erfundenen Edison'schen Kinetoscop und der gewerblichen italienischen Ausstellung(it. a. zu besichtige»: Seidenspinnerei, Strohflechterei). Abends: Grosser Gondel-Korso, Produktionen der neapolitanischen Ferienfischer. Grande Ulnsion„Astarte".| Volksszenen aus dem italienischen Leben. IfilT' Entree I Mark."SBQ Heute: Große Vorstellung. Gialdini- ütymphonie- Concert sowie Auftreten sämmtlicher italienischer Künstlertrnppen. Die italienische Gewerbe-Ausitellung ist bis 12 Uhr abends geöffnet. Entree 30 Pf. Schweizer- Garten Am Königsthor. Haltestelle der Ringbahn.— Zlm FriedrichShaiu. Täglich: TiMttt»HD ZMiuliMkN-WrltMW. Auftreten der Geschw. Dalltoni, Gesangsduettifle». ZUila Heriuanre, Bravoursäugerin. Two Foriayo. Knokabauts u. Exentries. Zstiillch, Uläge u. Mnttite, sächs. Komiker-Trio. Mr. Hanola, kom. Jnlermezzo am dreisacken Reck. Schutte und Zerner, Humoristen. Gebr. Gray, Groteskduettisten. Lebende Kiider der Gesellsch. Renaud(8 Personen). Thrater-UorsteUnug des 16 Personen starken Theater-Enseiubles. Volksbelustigungen. Kall. Entree 30 Pf. Anfang 3 Uhr. Sonntags 4 Uhr. RUdersdorferstr. 71. Am KUstriner Platz. Theater- und Spezialitäten-Vorstellung. Regie: R. Hintsche. Earten-Coneert von der 24 Mann starken Hauskapelle unter Leitung des Musikdirektors W. Earlone. Kaffeeküche Z bis S Uhr.— Entree 30 Uf. Uolksbelustigungen jeder Art. 4 Kegeibahur» zur Derfngullg. Gut« Kiere, ausgezeichnete Küche zu soliden Dreisen. Todes-Auzeige. Am 13. d. M. starb unser Kollege, der Klavier-Arbeiter Frust Beyer. Die Beerdigung findet am Freitag, den 21. d. M., nachm. 6 Uhr, von der Leichenhalle des Thomas-Kirchhofes aus statt.(1692 b Die Kollegen der Pianoforte-Fahrik von Klingmanu& Co. Die Beleidig, geg. Frau Gottsd)ling nehme zurück. Frau Quentzel. 1683b yolksgaräen (ehem. Weimann's Volksgarten) Gesundbrunnen. Sadstr. 56, Direktion: Max Samst. Täglich: Gr. Konzert, Theater- und Spezialitäten-V er Stellung. Alle 5 Barrisons. Auftreten des urkom. Villi. Fröbel u. des beliebt. FranzHeska. Kerlin bei Uacht. Kassenöffnung 3 Uhr. Anfang 6 Uhr. Entree 20 Pf._ ß luv Brautleute: Im Möbelspeicher Neue Königstr. 39, vorn I., sollen über 100 WirthschastSeinrichtungen, kurze Zeit verliehen gewesene u. neue Möbel spottbillig verkauft iverden. Ganze Einrichtungen 100, 130, 200— 1000 M. Theckzahlung gestattet. Beamten ohne Anzahlung. 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Der alte Neutier Noloff hat in seiner kommissarischen Vernehmung folgendes bekundet: Er habe die Erzählungen seines Sohnes Wilhelm, der ein Sohn zweiter Ehe sei, durchaus für wahr gehalten und auch bei persönlicher Begegnung mit der jetzt als Schwindlerin Entlarvten keinen Augenblick daran gezweifelt. das; sie wirklich eine Erzherzogin von Oesterreich-Este sei. Das ganze vornehme, distinguirte und doch bescheidene Auftreten dieser Dame ließ durchaus nicht erkennen, daß sie eine Schwindlerin sei. Er habe kein Bedenken getragen, seinem Sohne sein Höhe von 60 000 M. herauszugeben zu opfern, um den Unterhalt für Herzogin zu bestreiten. Bei Beginn der folgenden Verlesung der Zeugenaussagen des Referendars Grunelius aus Frankfurt a. M. giebl der Vorsitzende den zuhörenden Frauen anHeim, den Saal z u verlassen, da manche Dinge zur Sprache kämen, die etwas bedenklich erscheinen. Zögernd entfernen sich darauf einige Damen ans dem Gerichtssaale. Ref. Grunelius hat ausgesagt, daß nach Mittheilung seines Freundes Roloff die Erzherzogin von Lestcrreich-Este als Kind aus dem Schlosse zu Bukarest geraubt worden sei. Falls sie vor ihrer Großjährigkeit sterben sollte. solle ihr sehr großes Vermögen an den Fürsten von Bulgarien fallen. Er habe an all' den Angaben, die über die Erzherzogin gemacht worden, keinen Augenblick gezweifelt, denn dieselbe habe allerdings etwaS„gebrochen deutsch" gesprochen, aber doch in jeder Beziehung ein suvoir- vivrs und große Kenntnisse be- kündet. Beispielsiveise habe er mit ihr sehr ernste reli« giöse Gespräche geführt und sei da auf ein tiefes Wissen(!) gestoßen. Er habe Lust daran empfunden, sich de sehr interessanten Dame mehr zu nähern und als ihm bei einer Ausfahrt die angebliche Erzherzogin zu verstehen gegeben, daß sie den Roloff gar nicht mehr leiden könne, habe er sich ernster um die Dame bemüht. Er habe mit ihr Reisen unternommen und ihr Schmuckgegenstände im Werths von etwa 1600 Mark gekauft und für die Reisen ca. 1S00 Mark ausgegeben. Tie angeblichen Prinzessinnen Ghika habe er nie gesehen, die angcb- liche Gräfin Dubary nur einmal von hinten. Ein weiterhin kommissarisch vernommener Zeuge, Premier- lieutenant G r o ß k r e u z, hat bekundet, daß er die Anna Dubber- stein im Herbst 1893 im Bellevue-Theater in Stettin kennen gelernt und wirklich daran geglaubt, daß sie eine Erzherzogin sei. Er habe sie später in Berlin getroffen, eine tiese, ernste Neigung zu derselben gefaßt und wirklich den Plan gehabt, sich mit ihr zu verloben. Er habe ihr, als er sah. daß sie sich wohl in Verlegenheit befand, ein paarmal 1000 M. geliehen, die sie aber zurückgezahlt habe. Im übrigen habe er ihr Geschenke ge- macht und mehrmals mit ihr gespeist. Sehr schlecht ist die Zeugin S ch a r w i u s k i auf die Air- geklagten zu sprechen. Bei ihr hat der angebliche Graf Fink von Finkenstein für sich und die Erzherzogin von Oesterreich-Este eine ans 6 Zimmern bestehende möblirte Wohnung für die monatliche Mielhe von 460 M. gemicthet. Ter Graf Finkenstcin habe gesagt, daß es einer polizeilichen Anmcl- dung nicht bedürfe, da die Erzherzogin bei dem rumänischen Ge- sandten in der Voßstraße angemeldet sei. Seine Braut, die er nach erlangter Großjährigkeit Heirathen werde, sei die Enkelin des Kaisers von Oesterreich und habe ein unermeßliches Vermögen. Die beiden hätten dann etwa zwei Jahre sehr luxuriös gelebt und es seien die Grafen, Barone und Fürsten nur so ein- und ausgegangen. Graf Finkenstcin habe u. a. auch von seinen Schlössern in der Herzegowina ge- sprachen. Von der Frau Gräfin Dubary habe er behauptet, sie sei ein Nachkomme von Ludwig XV. Kein Mensch habe daran gezweifelt, daß man eine wirkliche Erzherzogin vor sich habe, denn die Dame habe immer sehr vornehm gethan und der junge Noloff habe wiederholt von der rumänischen Gesandtschast gesprochen. Er habe auch ihrem Manne wiederholt zu- geredet, seine Stelle auszugeben und als Kutscher zu ihm aufs Schloß zu ziehen. Sie meint, daß sie'„durch die Gesellschaft" zeitlebens eine arme Frau geworden !sei. Sie habe über 3000 M. verloren. Der augeblichen Gräfin Dubary, die immer weit ab vom Schuß gehalten wurde und auch ihr Essen allein servirt bekam, habe sie über 200 M. geliehen. Der Graf Finkenstein habe seine Briefbogen mit gräflichem Wappen gehabt, Bestecke mit dem gräflichen Zeichen, Equipagen u. s. w. u�s. iv. Außerdem seien wiederholt von der alten Frau Roloff aus Wernigerode Briefe mit der Adresse:„An Ihre kaiserliche, königliche Hoheit, die Erzherzogin von Oesterreich-Este" eingetroffen. Die Zeugin versichert, daß sie aus allen Wolken gefallen sei, als sie gehört, daß alles Schwindel, Lug und Trug gewesen sei.„Und solchen Dirnen— so jammert die Zeugin schluchzend— habe ich und mein Mann immer die Hand küssen und sie mit„Durchlaucht" anreden müssen!"— Rechtsanwalt Dr. C o ß m a« n: Die Angeklagten verwahren sich aber gegen die freundliche Bezeichnung als„Dirnen".— Zeugin: In meinen Augen sind es nichts weiter als Dirnen!— Die Zeugin hat. wie sie weiter bekundet, eimnal gelinde Zweifel dar- über geäußert, ob sie wohl zu ihrem Gelds kommen werde, da ihr die Erzherzogin-Geschichte schließlich doch komisch vorkomme. Da hat ihr Sioloff gesagt:„Seien Sie nicht so laut, sonst wird Fürst Ghika Sie nach Sibirien verbannen!" Die Gräfin Dubary wurde immer als„menschenscheu" ausgegeben und daraus erklärt, daß sie sich immer in ihrem Salon aushielt. Eine Frau Speer konnte bekunden, daß der Student Rol ofs die Anna Dubberstein von einem seiner Bekannte», mit dem sie ein Verhältniß hatte, übernommen habe. Noloff habe sehr wohl gewußt, daß sie Dubberstein heiße und erst später seien plötzlich die Geschichten von der Erzherzogin von ihm aus's Tapet gebracht worden. Diese ganzen Erzählungen klangen aber so glaubhast und das ganze Auftreten der Dubberstein deutele auf eine Aristokratin hin. so daß auch sie selbst schließlich an die Geschichte geglaubt habe. Sie habe sich dadurch bewegen lassen, dem jungen Noloff 3000 M. zu leihen. Das Geld habe sie von dein alten ehrenwerthen Roloff ohne weiteres wieder erhalten und dieser habe ihr dabei mit dem Zeichen völliger Niedergeschlagen- heit gesagt, daß sie alle einer rasfinirten Schwindlerin zum Opfer gefallen seien. Die Angekl. Elisabeth Rüdinger habe sie noch speziell um 2.7ö M. geprellt. Sie fei eines Nachts von der An- geklagten herausgeklingelt worden und diese habe ihr gesagt, sie möchte bei ihr nächtige», da sie wegen eines heftigen Zankes das rumänische Gesandtschaftshotel verlassen habe. Nun solle sie aber der Baronesse de Nigano Blumen mitbringen und bedürfe dazu der Summe von 2,7S M.— Ein Zeuge Kaufmann Schlüter hat mit der Dubberstein ein Verhältniß uutcrhalti». Sie hat sich dabei als Artistin ausgegeben und von ihm mehrfach Geld erhalten. Sie hat auch ihm schließlich gesagt, daß sie jetzt erst erfahren, von hoher Herkunft zu sein, er hat das Geld aber weniger wegen dieser Erzählung, als wegen der Person der Angeklagten hergegeben und von Anfang an gar nicht an eine Zurückgabe gedacht.— Bei dem Nestaurateur Pflanz hat Roloff verkehrt und dort vielfach dinirt. Noloff habe sich als Diplomat und Besitzer eines nach vielen Millionen Mark zählenden Vermögens vorgestellt und von seinen Schlössern in der Bukowina, in Böhmen und im Elsaß gesprochen. Er habe ihn als Haushofmeister engagiren wollen. Seine eigene Geschichte und die Mitiheilungen über seine Braut, die Erzherzogin von Oesterreich- Este, klangen um so glaub- würdiger, als Herr Noloff mit einem Grafen Matuschka, einem Grafen Alvensleben, Grase» Vose jc. verkehrte.— Der früher in Stettin ansässig gewesene Tamenkonfektions- Händler Löwenthal, bei welchem die angebliche Erzherzogin früher als Verkäuferin angestellt war, giebt der- selben das Zeugniß eines fleißigen, anständigen und anstelligen Mädchens, welches viel Chic besaß. Er habe hier in Berlin einmal Besuch von ihr erhalten, da sei sie in einer Equipage vorgesahren und habe erzählt, sie habe einen reichen Aristokraten als Bräutigam.— Nach Schluß der Beweisaus- «ahme beantragt der Staatsanwalt das Schuldig gegen alle Angeklagte. Tie Dinge, die hier zur Sprache gekommen, klingen wie ein Kapitel aus einem sensationellen Hintertreppen- Roman und wie eine Komödie des menschlichen Leichtsinns und der menschlichen Leichtgläubigkeit. Es sei fast unbegreiflich, wie gebildete Menschen auf einen so plumpen Schwindel hineinfallen konnten. Es frage sich nur, welche Rolle der Studiosus Roloff dabei gespielt habe und ob die Staatsanwalt- schaft etwa Anlaß haben ivcrde, gegen ihn wegen Beihilfe am Betrüge vorzugehen. Der Staatsanwalt beantragte gegen Frau R ü d i n g e r und Elise Rüdinger je3JahreGefäng» n i ß, 3 Jahre Ehrverlust und Polizeiaussicht, gegen Frau Lade I Jahr Gefängniß, gegen die Schäfer 3 Monate G e f ä n g n i ß.— Die Rechtsanwälte Dr. C o ß m a n n und Dr. W e r t h a u e r führten des längeren aus, daß die Angeklagten sämmtlich von der Anklage der Beihilfe zum Betrüge freigesprochen werden müßten, da eine Hauptthat, ein Betrug, garnicht vorliege. Weder der junge Roloff sei betrogen worden, noch der alte Roloff, der letztere habe vielmehr offenbar die 90 000 M. nur in der Zuversicht riskirt, daß sein Sohn ein großes Vermögen werde erringen können.— Der Gerichtshof beschloß, die Ver- Handlung auf Sonnabend 10 Uhr zu vertagen und zu dem neuen Termin noch Noloff Bater und Sohn und einige andere Zeugen vorzuladen. Eine Mitgliederversainittlniig des Verbandes der deutschen Maurer(Filiale II) tagte am Sonntag, den 16. Juni. Eingangs der Versammlung wurde das Andenken des verstorbe- »en Kollegen A u g u st W o l l e n b e r g in der üblichen Weise geehrt. Zum ersten Punkt der Tagesordnung referirte der Kollege S i l b e r s ch in i d t über die Streik? in Deutschland. Redner bemerkte: Als man in die Verhandlung des 9. deutschen Maurcrkongresses eingetreten sei, hätte man noch keine Ahnung gehabt, daß in der kurzen Zeit bis jetzt in 9 Städten Deutsch. lands eine Lohnbewegung eintreten würde. Dabei wiffe man noch nicht, wieviel noch hinzukommen würden, denn die Zu- stände auf den Bauten seien fast nicht mehr zu erlragen. Hierauf gab Redner einen aussührlichen Bericht über die gegen- wältigen Streiks aus den Orten Ellrich, Dresden, Flensburg, Leipzig. Münster, Wilster, Langenbiclau, Friedland i. M. und Oldenburg. Die Aussichten ans Erfolg der Kollegen seien überall außer Münster, wo die Kkollegen kein Lokal bekonimen, gute zu nennen und müsse ein jeder streng dafiir sorgen, daß der Zuzug nach diesen Orten ferngehalten werde. Besonders scharf krilisirte er das Verhalten der aus Berlin nach Flensburg gereisten Streikbrecher. Einige von diesen hätten sich zwar durch schwere Geldopfer er- weichen lassen, den Rückzug wieder mizutreten, während alle anderen sich nicht an den Streik kehrten und ruhig weiter ar- bciteten. Zum Schluß forderte er jeden Kollegen auf, sich fleißig an den Sammlungen zu betheilrgen. Die Sammellisten würden vom Vertrauensmann, dem Kassirer und allen Hilfskassirern aus- gegeben. In der Diskussion sprachen sich alle Redner im Sinne des Referenten aus. Eine Resolution ge- langte sodann zur einstimmigen Annahme, welche lautet.: Die Versammlung erklärt sich mit den streikenden Maurern solidarisch und verpflichtet sich jeder Kollege, soviel wie nur irgend möglich dafür zu sorgen, daß der Zuzug nach den be- treffenden Städten fern gehalten wird und auf allen Bauten die Sammlungen Unterstützung finden, damil die streikenden Kollegen zu ihrem Siege gelangen. Im Punkt„Verschiedenes" macht der Bevollmächtigte noch ausmerksam, daß am 30. d. M. eine Wanderversammlung für den Südosten bei flienz in der Nauuyn- straße stattfindet. Die Mißstände in der Zentral- Markthalle(Ab- theilung für Engrosverkehr) beschäftigten am 18. Juni eine öffentliche Versammlung der Obst- und Gemüse- Händler(Detaillisten), welche bei Jey in der Brnnnenstraße tagte. Der Referent Saß führte u. a. aus: Ganz falsch sei es, als selbstverständlich anzunehmen, daß es in einem der Verwaltung des Magistrats unterstehenden Institut tadellos hergehe. Seit 1892 bestehe die Polizciverordnnng, nach der alle eßbare Waare, flüssige ausgenommen, nur nach Gewicht zu verkaufen sei. Tie Kellcrinhaber ec. seien denn auch dazu gezwungen worden, die Verordnung strikte zn befolgen. Zlnders liege es in der Zentral-Markthalle-Engros. Der Grossiist gebe dort ungenirt seinen Obst- und Gemüsekram tienen- und körb«weise fort, was allerlei Schwindel und Betrug ermögliche. Habe man zuerst Körbe bekommen, auf denen der Gewichtsiuhali verzoichnel war, so müsse der Unterhändler jetzt, was das Gewicht; betrifft, völlig nach Gutdünken kaufen. Stelle mal ein Händler den Grossisten zur Rede, dann sage �derselbe ihm, er möge es sich doch nachwiegen. TaS nächste Mal mache der Grossist dann dem Händler solche Preise, daß dieser vom Nachwiegen gern Abstand nehme. Beim Obsihandel werde der schnödeste Betrug getrieben. Oben Prachtlirschen, unten un- reises und angefaultes Zeug. Manchmal habe man in solchem Korb drei bis vier verschiedene Waarensorten. Wolle der Händler die Waare untersuchen lassen, ob sie nbcrh>aupt Verkaufs- jähig sei, dann müsse er dem Sachverständigen erst 8 M. hinter- legen, die er natürlich heutzutage meistens nicht besitze. Der Sachverständige sei aber Engroshändler, der infolge seiner Stellung nicht die nölhige Unabhängigkeit einnimmt. Räuchcrwaare (Bücklinge ee.) werde häufig des Morgens unter dem Brnnnen vom Schimmel gereinigt.— Tie Engroshändler behielten die Waare, Obst und Gemüse aller Art, häufig mehrere Tage lang, nur um „den Preis zu halten", und wenn dann diescibe Waare faulig und minderwcrthig geworden sei, werde sie von„billigen Leuten" aufgekauft und an den armen Mann gebracht, der wohl einen an sich geringen, aber im Verhältniß zu dem gelieferten Schund viel zu hohen Preis dafür zahle. In sanitärer Hinsicht sei schwer zu rügen, daß verfaultes Obst nicht etwa gleich nach cin.cm extra dafür bestimmten Orte gebracht und dort vernichtet, sondern an einigen Eingängen zur Halle einfach hingeschnttet weiche, wo es Ekel zu erregen im stände sei und die Luft verpeste. Ein trauriges, bejammernswerthes Treiben entwickele sich dann an diesem Hausen. Die Aermsten der Armen, die Proletarier in Lumpen, diese bedauernswerthesten Menschen, machten sich mit wahrer Gier darüber her und stellten sich aus dem in Fäulniß übergegangenen Zeug noch ein Frühstück zusammen. Hauptsächlich sei als Mittel zur Abhilfe ein unparteiisches Sachverständigen- kollegium zu verlangen, zur Hälfte aus Engroshändlern bestehend, zur Hälfte aus Detaillisten. Wenn das nicht gehe, dann möge die Polizei die Sachverständigen stellen, deren Inanspruchnahme unentgeltlich sein müsse. Die strengste Kontrolle der einlaufenden Maaren sei Hauptaufgabe der Sachverständigen. Dann aber müsse der Polizei dringend ans Herz gelegt werden, um auch da- für zu sorgen, daß die Grossisten der Zentralhalle nach Gewicht verkaufen.— Redner fordert noch, daß das schwarze Brett der Halle, welches bestimmt ist zum Anschlagen aller die Händler interessirenden Nachrichten, freigegeben werde für Plakate, die zu Versammlungen der Händler einladen.— Die Diskussions- redner pflichteten im allgemeinen dem Referenten bei.— Folgende Resolution wurde angenommen:„Die Versanmilnng vrotcstirt gegen die in der Zentral-Markthalle-Engros bestehenden Mißstände und verspricht, mit allen ihr gesetzlich zustehenden Mitteln dafür zu wirken, daß die Schäden so schnell als möglich beseitigt werden, unter denen nicht nur die Händler, sondern auch das ganze kausende Publikum leidet. Des weiteren fordert die Versammlung die Berliner Stadtverordneten-Vcrsammlung auf, in Gemeinschaft mit der Markthallen-Verwaltuug dafür Sorge zn tragen, daß nachstehende Mißstände wie folgt abgeändert werden: l. Den Engroshändlern ist nicht mehr zu gestatten, nach Tienen oder Körben zu verkaufen, wie das bisher üblich war, sondern ihnen hat die Polizeiverordnung von 1892 als Richtschnur zu dienen, wie jedem andern Händler. 2. Die Ver« sammlung fordert aus hygienischen und sanitären Gründen, daß unparteiische und unentgeltliche Sachver- ständige angestellt werden, da die Händlerin den meisten Fällen keine 8 M. übrig haben, um schlechte Waare untersuchen zu lassen. Die Versammlung fordert 3., daß den Händlern das Recht zu- gestanden wird, Versammlungsanzeigen an dem schwarzen Brett anzuschlagen, da dieselben alle Händler interessiren.— Weil ihre Forderungen dem Wohle des gesammten Publikums entsprechen, erwarten die Anwesenden, daß die Stadtverordneten-Versammlung so schnell wie möglich Abhilfe schafft, damit die Halle bald die Zwecke erfüllt, die sie erfüllen soll." AUg»,»ei»e Kranlien->»»d Kteebeknss« d»r M»t>>ll«eb«it«r. tE. H. Nr. 28) Filiale Eharlottenburg. Mitgliederversammlung am Sonnabend, den ei. Juni, abends 8% Uhr, bei H. Krause, BtSmarckstr. 74. Wahl der gesammten Ortsverivaltung. zirrband»nitsiliur Karbierr, Friseur»«nd perriilkenulacher sZwciavercin Berlin). Donnerstag, den 20. Juni, abend» 10 Uhr, bei Nölttg, Neue Friedrichstr. 44: Versammlung. Arbeit«r-H>ld»,lg«schnlr. Donnerstag, abend» Tsl-sx Uhr: Lektüre: ex— Ivjs Uhr: Nord- Schule, MüllerstraHe I79a: Deuisch(Lileralur). S ü d oft- S ch u le, Waldemarslr. 14: Nawrerkenntniß sTcr Darwinismn» — natürliche Zuchtwahl trn Kampfe ums Dasein). Der Kursus ist neu er- össiict. Nene Dheilnchiner, Damen und Herren, werden aufgenommen. Arbritrr-Sangrrbr.iid Berlin» und Umgegend. Vorsitzender Ad. Neu» rnail», Pasewallersir. 3. Alle Aenderungen im vereinslalender sind zu richten an Friedrich Kortum, Manleufselsir. 4», v. 2 Dr. Donnrrftag. Abend» o bi» li Uhr: Uebunpbsiunde und Ausnahme neuer Mitalieder.— Männerchor St. Urban, Adwiralstr. es bei ffi. Dutzauer.—«ssangverein Freund- s ch a s l I, Brunnenstr. us bei Fischer.— Bormärtsll, Schönhauser Allee 2» bei Kelle.— F r ü h l i n g s I u st, Bülowstrasie c« bei Werner.— B r e tz e l- fckiluh, Orantensir. Igt bei OSwald Brauer.— Dorsglöckletn, Tcutsch-Wiimcrsbors, Berltnerslrabe Nr. 40 bei Kllngcnberg.— Zager nicht, Sieglitz, Schloßstr. osa. Zur Börse.— Borax, Manleusfclslr. 8 bei Nowach.—Harmonie I, Tcinpelhos, Dorsstr. is b. Scrlh,— Stein setz®" S ä n g c r ch o r, Kastanien Allee Nr. 28 bei Fiebiger.— Kreuzber ger Harmonie, Schönlewstr. o bei Kraatz.— Flöter'scher Gesang- verein, Koppenstr. 47 bei Wilhelm Lorenz.— Sängerchor Berliner Kürschner, Weinstr. l i bei Fcindt.— Ardeiier-Gesangverein O r a n i e n- burger Vorstadt, Acterstr. 12» bei Marten».— Ost- und Westvre»tzisch er Männer- Gesangverein, Blnmenftraße 32 bei Reich.— Arbeiter-Gesangvcrcin Morgenroth IV, Köpenick, bei Schulz, Schönlinderstrabe 8.— Gelangverew Völler- srühling. Schützensirabe Nr. 33 bei Otto.— Eintracht II, Wlienecke bei Adlershof, Köpuickerstr. bei Witte.— Arton n, Arlonaplatz I bei Schennan».— Z u I u n s t III. Velten t. d. M., Wilhclmfir. 18 im Hoiel W. Erunoiv.— Liedes Echo, Neichenbergerstr. IIS bei Köppen.— T r eu UN» Fest, Lebuserfir. ä bei Nemitz.— Gersien ähre lvrauer), Blumen str. ZS bei Wiebcmann.— Arbeilcr-Gesangverein vtncta, Kastanien-Allec li bei Augustin.— Eesangverein Jun g c Eiche, Sandstr. i bei W. Gleise.— A l p eu r ö» lc i», Bergstr.«o bei Htlgenseld.— Arbetter-Gesangv. Ein- t rächt III, Eberswalde. Eilenbahnstr. n bei Düball.— Gesangv. O b e r o n, Oranicnfir. 121 bei Osw. Grauer.— Alpenrose, Forsterstr. 22 b. Tilgncr. — Edelwelb III. Wollinerslr.ks.— M o r g e n rolh I, NittNinelsburg, Türr- schmidtstr. 33 bei Schröder.— Gesangverein Widerhall, Naunynsir. S6 bei Sirsii.— Gesangverein Morgengrauen, Neue Friedrichstr. 44 bei Rollig. — Eesangverein Lyra li, Clwrlottenburg, Wallstrastc los bei Mascheskt.— Gesangverein Vorwärts IX, Charlottenburg, Wilmcrsdorferstr. 38,„Bis- marckshöhe".— Arbeiter- Gesang verein Spanda u in Spandau, bei Radrie, Neumeisierstr. S.- Glasarbeiter. Köpenick, Nosenslr. I0i bei Troppen». — Eesangverein Feldblume, Lübbencrftr. 30 bei Meyer.— Gesangoerein Sä»ger inst, Werder a. H., Kugellveg.— Edelweth III, Wollinerstr. 02, Restaurant.— Männerchor E ü d- O si, Köpcnickerstr. l9l bei Fogc.— „K u m m e r s ch e r Eesangverci»", Langestr.«5 bei Owezareck.— Männer-Eesangverein Süd- West, Chamtsfo-Platz 4 bei R. Jhloff. Lese- u. jlioliutivltlube. Z>o»»r»stag. D ie tz a en. Abend» Sjj Uhr, bei Schröder, Wiesenstr. 38.- N e n e Z e i>, Abende H Uhr, Boyenstr. 40. bei Gicshoil.— S ü d- O st, bei Tolisdors, Sorauer- und Görlttzerstraben Ecke.— Klub der Freunde bei Bnadt, Pnttbuserstraße 32.— Hasenclcver, Abends«8 Uhr, Restaurant Lange, vaumschuienweg 32, Treptow.— Sozialistischer Lese- und DiSluttrklub, Abend» 8» Uhr. Neichenbergerstr.>37, Sitzung.— August Eetb Abend» 8 Uhr im Restaurant Zubctl.— Lese- und Dtskutirtlnb Ausllärung, jeden Tonnerstag, abends 8js Uhr, bei Eretscr, Oranienstr. 108, Sitzung. Kun» der grsriiigr» Ardeiterverein» Kerlin»«nd tl«tge»4»»- Alle Zuschriften de» Bund bciressend sind zu richten an: P Gent, Abalberlstr. 88. V-»»«rftag: Nauchilub K r au e Wolle, Kranistr. 48, — HumnriNtscher Kind Universum, veteranenstr. 18, bei Schulz.— Geselliger Klub der alten M o a b i I e r, Restaur. Gräf, Stephanslr. SZ.— Rauchtiub Brüderlichkeit, Piicklcrstr. 48 bei Schuhmacher.— Geselliger Arbeilerverein Freiheit, Mantcuffelsir. 4S bei Werner. v«sa»t>-, Sur»- und gesellige ziereine. Donnerstag. Gesangverein Lyra, Abend» 8 Uhr im Restaurant Bergstr. 17.— S» ch» b o r f' s ch e r Männcrchor von 8-8 Uhr Nolensiunde: von 8— li Uh r UebungZstunde bei Brüning, Rvsenlhalerfir. Ii— 12.— Gesangverein Jnacnb freu den, Männerchor. Abend» von 8— II Uhr bei Wernau, Rosenuialerstrahe 07.— Pfropfenverein Wedd t» g, jeden Donnecktag Abend s!j Uhr Sitzung beiin glefiaurateur Wolfs, Gerichlftr. 44.— Vergnügungsverein lll l p e n grün, jeden Donnerstag, von 8— li Uhr abend» mir Damen bet Bollmann, Beusfel- straste 32.— Geselliger Verein Frohsinn bei Geile, Swinemünderstr. 20, abend» 8 Uhr. Sitzung mit Damen. Rauckitlub Ohnesorge, Nbend» 0 Uhr, bei Jakob, Boeckhitr. 21. — Mauchklub Kern spitze. Abends 8 Uhr, bei A. Böhl, Rüdersdoner- ftraste s.— Rauchtiub Pfeifendeckel, Abends» Uhr, bei J-ralsch, Langestr. 24.— Rauch Ilub Kollcgia, Abends 8 Uhr, bei Rohr, Raunyn- straße 78.— Rauchllub Waldesgrü», Forsterstr. 18 bei Krüger.— Rauch- tlub..Wahrer I a l v b", jeden Donnerstag 8 Uhr, bei Flick, Simeon- straße 23.— Siatilnb Grand Schwarz, jeden Donnerstag von 8—11 Uhr bei E. Stein, Christburgerstr. 40. Verein Slcnographenschule, s— ll Uhr: Unenlgelilicher Unterricht und Nebungsstunde für Schüler und Erwachsene, Annenstraße Nr. 8.— Arend»'scher Stenographen-Verein„Apollobund", Seydelstr. 30, abend» 8 Uhr, Unterricht und Uebung in der ganz vereinsachten Arends'schen Stenographie. Ziiherklub Gleichheit, Uebungjstunden jeden Donnerstag, abend» 8 Uhr bei Neumann, Lolhrtngersiraße los.— Geselltger Arbeiterverein Hoffnung bei Gittler, Mariannenstraße Wzfxsnx.- Erbauliche, lebenswahre Darstellungen aus den» Kulturleben der alten byzantinischen Zeit. Unter Mitwirkung von 100 Personen. Geschichtlich treue Kostninc und Dekorationen._ PT Bruder Heinrich aus Biariaherg. Große humoristisch-satirische Darstellungen aus der Gegenwart. Große Ruder-Regatto, veranstaltet von« Ruderklub„Vorwärts�. Großes Schauturnen des Turnvereins„piekte", Mitgl. des Brand. Arb.-Turner-B. Kinderchelnstignugen(Kasperle-Theater). Spiele für Kinder. Büdier- und Bilder-Verloosung. Die Kaffee-Küche ist während des gattzc» Tages geöffnet.'WK Im Saale Vou früh au: Tmm, Allsllllg kt Concerts friij 8 ll|r. Bisset 25 Pf., piiiialinf llebechhet gratis. Fahrgelegenheit: Bon allen Stationen der Stadt- und Ringbahn, Ilsmpker- lZosollsobult „Lteru", Abfahrt von �stloo tiloou vor dein Echlesischen Thor von früh 7 bis mittags II Uhr halbstündlich. Abends Abfahrt II Uhr.— Billet für Erwachsene 30?lg., üiuäer Ädvr S �»trro lS?kg. pro?al,rt.— Srowssr-tldtstirt von früh 7 Uhr sd SoUIozisolieg?tiar. Auf dem Fcstplahe: Verkauf m\ Wurst, Schinken, warmen Würsten sowie Backwaaren zu Ladenpreisen. -lZ»l I e»4'iL il"d in allen Zahlstelle» der„Freie» Nolliobühne" und Arbeiter-Zilduttgs- Schuir, sowie in allen mit plalrate» belegte» Handlungen zu haben. Es wird dringend gebeten, das Billet ßchtKor Z" tragen!! Da für Hin- und Rückfahrt in jeder Hinsicht Sorge getragen ist, ersuchen um zahlreiche Betheiligung 2gi/ii Die Vertranenspersonen. Celltral-Krollkell-ll. LterbMe der Tischler lt. (Eingeschr. Hilfskasse Nr. 3 Hamburg.) Ovi-tl. Vvi-«s>tung Berlin H. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Tischler Ernst Merkel am 16. d. M. an der Prolc tarierkrankheit verstorben ist. Die Ve- erdigung findet Donnerstag, d. 20. d. M. nachm. 5 Uhr von der Leichenhalle des Emmauskirchhofes ans statr. Um rege Betheiligung bittet 233/13 Die OrtSvertvaltniig. Arbeiter-Rauclier-Bund Berlins und Umgegend. Generalversammlung am Montag, den 24. Zun! 1895 im Alte» Kchiihenhanv, Linienstr. 5. Tages-Ordnung: I. Geschäftliches. 2. Aufnahme neuer Klubs. 3. Borstairdswahl. 4. Verschiedenes. 1679b Der Beauftragte. Für Vereine und Versammlungen: Saal für 100 Personen und Vereinszimmer vom IL. Juni ab zu vergeben. Adalbertstraße 61, Hof, Quergebäude, im Handwerkerverein der Louisenstadt. 1493b Achtung I'•G Zahuersah, auch Theilzahl., wo'chentl. 1 Mark, G n ck e l, Lausitzer Platz 2, Elsasserstr. 12. Mfc' Sommergarten Alte Jakobstr. 75. Täglich: Spezialitäten-Vorstellung. Bei ungünstiger Witterung i. Part.- Saal. Für Saison 139S/96 Säle zu Festlichkeiten u. Versammlungen Zahu-Mnik. Preise cvent. �, �Theilzahl. Frau Olga Jacobson, Jnvalidenslr. 145. dtraße 13 gebraucht, kaust Möbeb ) Handlung Rosenthaler� Uniltmllgenss! auch Theilzahluug, bei Ilol�e, Granieustr. 3. ttsuptxezckskt verlin rsir.vn, migegypsten Natur-Tisch- u. 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Achtung I Achtung I£ vemit der Mhographen. Stkiiiörumr und Berufsgell. Deutschla>lds(Filiale Berlin). Weimann's Volksgarten, Gesundbrunnen, Badstraße 56. Sonnabend, den 22. Juni: dfö.« JS.«**«****•«0 Vf. inkl., 10 FI. Mk. 5,50. Joliannisbrrrwrin, herb. Fl. 00 Ps. Drfrrtweiu, süß, Fl. 75 Pf. Stachrlbrerwriu, ganz vorzüglich. Flusche M. 1,—. Echt Stoilsdorfer Mör. k Str. 1,20, 5 Ltr. 5,50. 10 Str. 10,—, 50 Str. 47'/?. 100 Str. 00,-. Echten alte» Uordhänfer Slrfl. MM, 10, 5 Liter ä Mk. 0,90. DerNnee Getreide- Kümtnel Ltrsl. Rtk. 1,10, 5 Liter ä Mk. 0,90. Kimbeer-, Kirsch-, Johannisbeerfaft, vorzüglich, Ltrfl. 1.30. M»di|in. zingarmei», beste Qualität, ä Literflasche Mk. 2,10. Empsehlen und senden einzelne Flasche» frei Haus Berlin. 0a, Belle-Allianeeplah 0a, Nene Friedrichslr. 81, ,, Waisenstr. 27. 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