Abendausgabe Nr. 510 42. Jahrgang Ausgabe B Nr. 253 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise Find in der Morgenausgabe angegeben Redation: Sm. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Döuhoff 292-29% Tel- Abreffe: Sozialdemofrat Berlin Vorwärts Berliner Volksblatt 10 Pfennig Mittwoch 28. Oktober 1925 Berlag und Anzeigenabteiluag: Geschäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Verlag GmbH. Berlin Sm. 68, Cindenstraße 3 Fernsprecher: Dönt of 292-20% Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Flucht vor der Verantwortung. Weshalb die Deutschnationalen ,, opponieren“. Die Deutsche Tageszeitung", das Blatt des Landbundes und der wirtschaftlichen Organisationen der Deutschnationalen Partei, veröffentlicht eine Zuschrift von bestunterrichteter deutschnationaler Seite", in der noch einmal die Gründe auseinandergesetzt werden, die zum Austritt der deutschnationalen Minister aus dem Kabinett Luther führten. Der erste Teil der Erklärung wiederholt Bekanntes: die Deutschnationalen verfolgten von vornherein die Tattit, jede Ver antwortung für den Sicherheitspatt abzulehnen, ohne daraus die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Die Zuschrift legt nun dar, daß es die Absicht der Deutschnationalen war, auch weiter nach diesem Rezept zu verfahren. Die Berant wortung für den Bertrag von Locarno sollte den anderen Parteien überlassen werden, der Rechtsblod und das Reichstabinett sollten aber trotzdem bestehen bleiben. Da die anderen Parteien und die Presse auf dieses Manöver nicht hereinfielen, tam der Stein ins Rollen: „ Die deutschnationalen Mitglieder des Kabinetts tamen so in eine überaus schwierige Lage; mit ihnen selbstverständlich die Ge samtpartei. Sie hatten dem Reichskanzler feinen Zweifel darüber gelaffen, daß sie dem vorliegenden Ergebnis von Locarno sa chlich nicht zustimmen fönnten; aber fie glaubten zunächst, dem bringenden Appell des Kanzlers folgen zu fönnen, die weiteren Berhandlungen, in denen er das Mögliche für Deutschland, besonders für das Rheinland, herausholen wollte, nicht durch eine Rabinettstrise zu stören". Ein entsprechender Rabinettsbeschluß ist gefaßi morden. Durch den Wider streit zwischen sachlicher Uneinigkeit und formeller Einigung aber bekam die Lage im Kabinett den Charakter einer Zweideutigkeit, beren Auswirkung nach außen hin allein zu Lasten der deutsch nationalen Mitglieder ging, weil es natürlich nahe lag, die äußere Einigung im Kabinett auch als innere Einmütigkeit anzusehen. int Diese Situation wurde schon an sich für die deutschnationalen Rabinettsmitglieder um so schwieriger, je schärfer das ungünstige Gesamtbild von Locarno heraustrat. Sie war überhaupt nur durchzuhalten, wenn die bis an die Grenze der Selbstentäußerung gehende Loyalität der deutschnationalen Seite von der anderen Seite das heißt hier vor allem: von ihrer Presse gleicher Weise erwidert wurde. Das Gegenteil ist leider geschehen. Micht nur in der ganzen Lintspresse, eingerechnet die„ Germania" und andere Zentrumsblätter, sondern auch in der Presse der Deut. fchen Volkspartei und gerade in Blättern, deren enge Beziehungen zum Außenminister Dr. Stresemann befannt find murde Tag für Tag von neuem behauptet, die deutschnationalen Minister hätten dem Ergebnis von Locarno eine materielle 3uftimmung erteilt. Alle Feststellungen der Wahrheit durch rechtsstehende Blätter konnten keine durchschlagende Gegenwirtung üben, weil ihre Stimmen gegenüber den Behauptungen der ganz großen Mehrheit der deutschen Presse, die zugleich fortwährend von der Auslandspreffe aufgenommen und verstärkt wurden, natur. gemäß nicht durchdringen konnten.... Zwiespalt glaubten die Deutschnationalen nur herauskommen zu können, indem sie die Verantwortung von sich abwälzen. Das wird ihnen allerdings nicht gelingen. Die Sozial demokratische Partei, die ihnen schon wiederholt einen nüßlichen Anschauungsunterricht gegeben hat, denkt auch diesmal nicht daran, ihnen die Verantwortung abzunehmen. England und die Krise. London, 28. Oktober.( WTB.) Der diplomatische Bericht erstatter des Daily Telegraph" schreibt, die großen Melnungsverfchiedenheiten, die innerhalb des deutschen Kabinetts und außerhalb desselben entstanden seien, würden in Lendon nicht allgemein als eine Gefahr für die Zukunft des Locarno Bertrages angesehen. Stresemann habe im Namen des deutschen Reichstanzlers und des Kabinetts gegenüber den deutschen Bertretern im Auslande von neuem die Entschlossenheit betont, den Bertrag zur Annahme zu bringen. Die alfilerten Regierungen seien von dieser Entschloffenheit in Kenntnis gesetzt worden, die, wie es aus Berlin heiße, nicht ihren 3wed verfehlen werde, vorausgesetzt, daß bal. dige 3ugeständnisse an Deutschland, die auch die ailiierten Staatsmänner in Locarno zugejagt hätten, namentlich mit Bezug auf die Räumung der Kölner Zone sowie auf die Milde. rung des Besagungsregimes in den übrigen Zonen erfolgt sein werden. Jubeltag des Faschisnfus. Ein Tag der Schande für Italien. Rom, Ende Oktober. des Zur Feier des 28. Oktober waren in Italien Schulferien. Der Unterrichtsminister hat alle Schulvorsteher aufgefordert, den Schülern die historische Bedeutung Marfches auf Rom klar zu machen. Angesichts dieser Reden, durch die jeder einzelne Vorsteher vor der scharfen Kritik zu seiner Bespigelung bestellter Untergebenen bestehen mußte, also seine Stellung und sein Brot aufs Spiel segt, ist vielleicht eine historische Würdigung“, unbeeinflußt durch Spigel, Stellung und Brot, nicht ganz unangebracht. Dieser berüchtigte Marsch auf Rom war ein Angriff ohne Gegner, ein Sieg ohne Kampf, eine Heldentat ohne Einsatz; sein Ergebnis eine Macht verschiebung, die Ticher Kritifer des Faschismus, Filareti, schreibt von ihm, daß man schon vorher abgetartet hatte. Ein bürgerohne Aristophanes- sobald man ihn als Schlacht und Sieg er ,, Gegenstand einer aristophanischen Komödie wird- leider ohne Aristophanes- sobald man ihn als Schlacht und Sieg auffassen will". Wir fürchten, allzuviel aristophanischen Einschlag dürfen wir bei den italienischen Schulvorstehern nicht voraussehen. Zur Würdigung des Erreichten halten wir uns haffer von politischer Boreingenommenheit frei sein dürfte. an Filareti, der als verbissener Antidemokrat und Sozialistenschreibt er( In Margine del Fascismo, Mailand 1925): Ueber die Befizergreifung Süditaliens durch den Faschismus Man hat den Eindruck, als ob von dem baufälligen Dachgebält aus Miriaden fleiner schwarzer Mäuse uns ins Haus gedrungen wären und wir uns nicht aufraffen könnten, sie abzumehren, aus lauter Etel, ihnen nahe zu fommen Es handelt sich bei diesem Eindringen nicht um„ neue Menschen", sondern um Menschen ohne Vorgeschichte, um Unbekannte oder Uebelbeleumdete; um halbvermeste Ueberläufer der alten Fraktionen und der alten KaIn London sei man der Ansicht, daß die noch ausstehenden Bunfte in der deutschen Abrüstung fein ernstliches hindernis für die baldige Regelung sein werde, trotz des Pessimismus eines Teils der französischen Presse. Die Frage, ob von der Sicherheitspolizei 20 000 oder 35 000 Mann in Kasernen wohnen dürften, sei von untergeordneter Bedeutung, und die geforderte Veränderung in den Befugnissen des Generals von Seedt sowie die Berminderung in der augenblicklichen Zahl der General- marillen; um freche, unruhige Burschen ohne Ueberzeugung und die stabsoffiziere in der Reichswehr und im Reichswehrministerium wurden als Fragen angesehen, die in der Bragis nicht von so großer Bedeutung seien. Deutschnationale Futterkrippe. Schieles ,, Tanzaffessor" befördert. Eine aussehenerregende Beförderung wird uns aus dem Reichsministerium des Innern mitgeteilt. Danach hat der deutschnationale Minister des Innern Schiele einen jugendlichen Regierungsrat von Kendell, den er bei seinem Amtsantritt als persönlichen Adjutanten mitgebracht hatte, vor etwa 8 Wochen zum Oberregierungsrat und Ende voriger Woche noch schnell vor seinem Rüdfritt zum Ministerialrat beför. bert! Unter den Beamten des Ministeriums hat diese Beförderung das größte Aufsehen erregt, da man fie fachlich als nicht gerechtfertigt ansehen kann. Der allgemeine Eindruck ist der, daß der deutschnationale Minister schnell noch einen Parteifreund in eine wichtige Pofition bringen wollte, um damit das in diesem Ministerium an sich schon vorherrschende reaktionäre Element in der höheren Bureaufrafie zu stärken. So ist die Krise unvermeidlich geworden nur durch eine entscheidende Tatsache konnte den Versuchen, die Deutschnationalen wahrheitswidrig mit einer Verantwortung zu belasten, die fie nicht zu tragen hatten und haben, ein Ende gemacht werden." Läßt sich ein zynischeres Bekenntnis zur Bolitit der Verantwortungslosigkeit denken? Die Deutschnationalen sind bei leibe nicht aus fachlichen Gründen aus dem Rabinett ausgeschieden, fie find nicht in Opposition getreten, um den Bertrag von Locarno zu Fall zu bringen; im Gegenteil, fie flärt, das Vertragswert nicht zu stören; ihre einzige Vorausführung. Die Annahme der republikanischen Minister, daß fegung und ihre einzige Sorge mar lediglich, nicht mit der Berantwortung belastet zu werden. Das ist eine Politit der Verantwortungslosigkeit und des Mangels an jedem ehrder Verantwortungslosigkeit und des Mangels an jedem ehr lichen Willen, die nicht zu überbieten ist, und das schamloje Bekenntnis zu dieser Politit bliebe rätselhaft, menn nicht dahinter der Wunsch stände, den Austritt aus dem Reichstabinett bei der nächsten besten Gelegenheit rüdgängig zu machen. Die Zuschrift deutet diese Absicht zwischen den Zeilen an, indem sie das große Opfer betont, das die Deutschnationale Bartei durch das Austreten ihrer Bertrauensmänner aus der Regierung gebracht habe. Das werde besonders schwer in den großen und maßgebenden Kreisen der tief daniederliegenden Wirtschaft empfunden werden, die den Deutsch nationalen naheftehen". Man wünscht nicht mit der Berantwortung des Vertrags von Locarno belastet zu werden, dessen Annahme durch die anderen Parteien man sich indes nicht widersett, man möchte aber auch nicht auf die Dauer von der Regierung ausgeschlossen sein! Der Sinn dieser Andeutungen wird ganz eindeutig, wenn man erfährt, daß der Arbeits ausschuß deutschnationaler Industrieller im Landesverband heffen- Nassau an den mestdeutschen Großindustriellen und deutschnationalen Zeitungsfönig Hugen berg folgendes Telegramm richtete: Bitten dringend, fich einzusehen für Annahme der Berträge von Cocarno in Anbetracht der Rückwirkung auf Industrie und Wirtschaft." Auf der einen Seite erlauben die nationalistisch verhetten und irregeleiteten Verbände der Deutschnationalen die 3uftim mung zum Vertrag von Locarno nicht, auf der anderen Seite hefehlen die Wirtschaftsverbände den Deutschnationalen beisen Annahme und das Berbleiben in der Regierung. Aus diesem 9 Die republikanischen Parteien könnten sich an dieser bedenkenlosen Personalpolitit der Deutschnationalen ein Bei spiel nehmen, menn sie wieder einmal gezwungen sind, die Regierung zu übernehmen. Bekanntlich sind sie während ihrer Regierungszeit nie dazu gekommen, den bereits vor Jahren gefaßten Reichstagsbeschluß durchzuführen, wonach alle wichtigen Stellen in den Ministerien nur mit zuverläffigen Republitanern zu besegen sind. Auch für Preußen harrt ein ähnlicher Beschluß noch der Durch es ihnen gelingen fönnte, republiffeindlich gesonnene Geheim räte mit der Zeit durch wohlwollende Behandlung mit der räte mit der Zeit durch mohlwollende Behandlung mit der republikanischen Staatsform auszuföhnen, bedeutet eine völlige Berkennung dieser Beamtenschichten. Wie die Erfahrung gezeigt hat, imponiert diesen eine derartige vornehme Gesinnung nicht im geringsten, sondern führt ganz im Gegenteil dazu, daß sie nur noch ungenierter ihre reaktionäre Gesinnung zeigen und als schlechtes Beispiel auf viele höhere Beamte wirken, die nicht ohne weiteres als Reaktionäre anzusprechen find. Das Beispiel Schiele Reubel! aber zeigt, mit welcher brutalen Ungeniertheit die alten Konservativen die Personalfragen zu lösen wissen, während sie nach außen sich über angebliche fozialdemokratische Futterkrippenwirtschaft" heiser schreien! Das Schicksal des Schulgefeßentwurfes. Verfrühte Meldungen. Der„ Reichsdienst der deutschen Presse" verbreitet die Meldung, das Reichsfabinett wolle nach dem Rücktritt Schieles den Reichs shu gefeßentwurf zurückziehen. Infolgedessen werde auch Staatssekretär Heinrich Schulz, der während der reaktionären Schiele- Beriode von seinem Urlaubsrecht als Abgeordneter Gebrauch gemacht hatte, wieder in das Amt zurüdfehren. Augenscheinlich laufen die Angaben den Tatsachen voraus. Denn daß das Rumpffabinett Luther wirklich soviel Entschlußkraft aufbringen könnte, wenigstens eine reaktionäre Vorlage zurückzuziehen, halten wir für ausgeschlossen. Und aus den gleichen Gründen fönnen wir uns nicht denfen, daß Genosse Schulz sein verantwort liches Amt im Innenministerium wieder anträte, bevor der Kurs einigermaßen zu übersehen ist, der dort in Zukunft gesteuert werden so. 9 faum lesen und schreiben können; um Abenteurer, die im Trüben fischen wollen; um strupellose Heher, die mit einem Sag vom Remmunismus zum Faschismus gekommen sind und mit ber gleichen Harmlofigkeit und Ueberzeugungslosigkeit bereit sind, bei der nächsten Gelegenheit den Sprung zurüd zu tun; cs hondelt sich um einen Ueberfall von Barbaren, gegen die sich die Menschenwürde der Mehrheit auflehnt mit einer spontanen Bewegung, die sich weder zurückhalten noch verstecken läßt." Und über das Schicksal des eroberten Italiens lesen wir: Der Faschismus predigt, er hätte die lokalen Cliquen beseitigt, die Justiz wiederhergestellt, das öffentliche Leben vom Aemter Schacher, vom Affarismus und rom Gaunertum befreit, Sparsamkeit in die öffentliche Verwaltung gebracht, deren Budget hauptsächlich von der harten Mühe der Arbeiter unterhalten wird.... Stait deffen hat jedes Dorf und jede Stadt faschistische Organisationen, Vereine, Klubs, die eine nachgerade unerträglich gewordene Tyrannei ausüben, außerhalb welcher oder gegen welche man vergeblich Gerechtigkeit oder irgend etwas erhoffen kann; Rom hat eine zweite Plünderung erlebt, fast schlimmer als die der Landsknechte vom Jahre 1527; der Affarismus ist bis zum Verbrechen gesteigert; eine Schar lumpiger Bichte, die bisher von Kniffen und Schlichen gelebt hatten, haben heute Millionen, Automctile, Courtisanen, Brunt und Orgien; man jaugt ganz offen an den Staatstaffen; an Stelle der aus Sparsamkeit aufgelösten fal Garde ist die nationale miliz getreten, die dreimal soviel foftet; die tüchtigen Menschen, die man hatte fördern und in Bert sehen wollen, sind überall weggejagt worden, und an ihre Stelle hat man Lausbuben, weggejagte Schüler, verhummelte Studenten gesetzt, die man im mildesten Falle als jämmerliche Wichte bezeichnen muß. So sind alle die Fehler und unzulänglichkeiten, die das Land beunruhigt und zur Förderung des Faschismus verleitet hatten, verschlimmert worden, vermehrt, vergiftet und verschwärt bis zum Brandigmerden." würdigen" sollen, auch eine historische Beschreibung dessen, Uebrigens haben wir, wenn wir schon mal historisch was gleichzeitig die Blüte und die Wurzel des Faschismus ist: die Miliz. Auch sie war schon einmal da, in dieser Welt der ewigen Wiederfunft. Schon lange vor Mussolini hatte ein anderer, Wahlverwandter, die Idee der Organisation des Lumpenproletariats gehabt, nämlich Louis Bonaparte in feiner Gesellschaft vom 10. Dezember". Und niemand geringerer als Karl Marx beschreibt sie uns in seinem ,, Achtzehnten Brumaire", so photographisch, daß sich die schwarzen Hemden ganz spontan der Phantasie ergänzend aufdrängen: " Reben zerrütteten Roues mit zweideutigen Subfistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, neben verfommenen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie, Vagabunden entlaffene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeeren klaven, Gauner, Gautler, Lazzaroni, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Bordellhalter, Laftträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpenfammier, Scherenschleifer, Sesselflicker, Bettler, furz: die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin- und hergewoijene Masse, die die Franzosen„ La Bohème" nennen; mit diesem ihm verwandten Elemente bildete Banaparte den Stod der Gesellschaft vom 10. Dezember. Wohltätigkeitsgesellschaft"- infofern alle Mitglieder gleich Bonaparte das Bedürfnis fühlten, fich auf Kosten der arbeitenden Nation wohlzutun." Armer Faschismus! Auch seine originelfte Schöpfung ist nur eine nachgemachte! Warum aber in die Ferne schmeiren? Giebt uns doch Mussolini felbft Clemente der Geschichte" in einem also überschriebenen Artikel, den die„ Stefani" am 24. Ottober verbreitet, zettig genug, damit ihn die Leiter der italienischen Schulen ihrer Ansprache an die Schüler zugrunde legen fönnten. Der Mann, der heute in Italien Minister für alles ist, schreibt da: „ Es gibt falsche Deutungen, die man sofort richtigstellen muß. Sagt man z. B., daß der neue Schwung des Faschismus Beziehung hat zu de: Junitragödie, so verwechselt man die Chronologie mit der Kaufalität. Das heißt in der Entwicklung der Ereignisse jenen Menschen ein Verdienst zusprechen, die offenbar Matteotti nicht zum politischen Märtyrer erheben wollten und daher nicht daran dachten, selbst zu Hauptpersonen oder Retten des Faschismus emporzuwachsen. Die Unfreiwilligkeit dessen, was geschehen ist, ist nunmehr geschichtlich, gerichtlich festgestellt: teinerlei Verdienst also, im Gegenteil! Die Berknüpfung 3. Januar- Aventin- Verbrechen ist einfach dumm. Die Faschister müssen sie abweisen. In Wirklichkeit führte der Scherz( Beffa) vom Juni, cin Scherz, der dann, unabhängig, ja gegen den Willen seiner Urheber, zur schredlichen Tragödie wurde, zu jenem vorübergehenden Stilistand, den ich erwähnt habe, und wenn das Regiine schnell in der Lage war, einen Gegenangriff zu machen, so liegt der Verdienst dafür bei den ländlichen Massen des Faschismus, die nicht auseinanderliefen, bei mir, der ich ruhig an meinem Plaz blieb im Toben der vielen Stürme, und beim tralienifchen Bolt, das die Vergangenheit nicht vergaß und an der Zukunft nicht verzweifelte." Man sage es der Jugend des heutigen Italiens: die angebliche Unfreiwilligteit des Mordes an Matteotti nimmt den Tätern in Mussolinis Augen das Berdienst. Bei der nächsten Kirche, deren Grundstein Mussolini legt, set diese goldene Marime ferner Zukunft aufbewahrt. Weiter hat Mussolini gesagt: Wenn eine Partei der Revolution die Macht in der Hand hat, nuß die Gewalttat in ihren Werkzeugen und End. zielen ausschließlich staatlich sein. Die Partei muß sich darauf teschränken, für die Ausübung eventueller staatlicher Gewalttat ein sympathisches" Milieu zu schaffen und zu er halten." Was man mit der geschilderten Politik und den angeführten Marimen schafft, das hat in Locarno der britische Botschafter in Rom dem Unterstaatssetretär Grandi zu verstehen gegeben. Unter Hinweis auf einen Stoß Telegramme über die Ereignisse in Florenz fagte er:„ Cest ecécrable". Man fchafft ein Milieu, von dem sich alle anständigen Menschen mit Efel abwenden, das aber dem Berbrechertum des Lumpenproletariats günstig und sympathisch ift. In diesem Sinne wollen wir des ,, historischen Jahrestages" gedenten, des Tages, an dem mehr Wein gefloffen ist als Blut, die Freudenhäufer mehr gearbeitet haben als die hofpitäler, feine Lorbeeren geerntet, wohl aber viel Schafe ins Trodene gebracht wurden! Mussolini ermuntert seine Banden. Rom, 28. Oftober.( WTB.) Mussolini erließ anläßlich der bevorstehenden Dreijahrseier der faschistischen Herrschaft eine Kundgebung, in. der er auf die Erfolge dieser drei Jahre hinweist, nämlich auf die Vernichtung des alten demokratischliberalen Systems, auf die Grundlegung für den faschistischen Staat durch ein organisches System von Gefezzen und endlich auf das Attivum der großen Werke, die für das Land vollbracht seien. Darum müsse man fortfahren auf den beschritte nen Wegen. Die Legionen müßten sich immer eiserner zufammenschließen, immer disziplinierter, und wenn es nötig fei, gegen alle stehen. Bankenkrach. Rom, 28. Oftober.( WTB.) In Turin hat der Zusammenbruch der Banca di Credito, deren Leiter verhaftet worden sind, den Busammenbruch zweier anderer Bantinstitute herbeigeführt, nämlich der Bant Treves und der Bank Graffi. Die Höhe der Paffiva ist noch nicht bekannt. Zunahme der Arbeitslosigkeit. Rom, 28. Oftober.( WTB.) Im September hat sich die Arbeitslosigkeit in Italien gegenüber Auguft um 10500 auf 82 764 erhöht. Münchener Weltgeschichte. Man muß ihn einmal erlebt haben, den Raum, der mo seit zehn Tagen Mittelpunkt aller Münchener Sensationen ist. In dem wo der Amtsgerichtsdirektor Frant als Einzelrichter und Gerichtshof" in einer Person über die Weltgeschichte und den Dolchstoß entscheiden tut: Bom Marienplag fährt die Trambahn in fünf Minuten hinaus nach Mariahilf, dem Siz des Münchener Amtsgerichts. Noch liegen dir die durch Autohupen zariflimpernden Löne des Glockenspiels vom Münchener Rathausturm im Ohr, aber schon geht es hindurch zwischen Marktbuden und Fleischbänken, über die grünschäumende Isar, bis die Kirche von Mariahilf aufragt. Abermals ungezählte Buden, denn es ist gerade die Zeit der Auer- Dult". Du betrittst ein altes winfliges Gebäude, fragft dich durch ein paar Gänge und gelangit an eine Tür, aus der dir alsbald beim Deffnen eine undefinierbare Atmosphäre, ein wahrhaftes Stüd Bräuhausduft entgegenschlägt. Du trittst ein und glaubst, in der einzigen Schulklasse der Dorfschule von Klein- lechterig oder Schmachtenhagen zu stehen. Ein Raum von der Größe eines mittleren Eßzimmers, niedrig, verrußt, jaft schmucklos. Genau wie in der Schule füllen ihn 10 oder 12 Reihen Bänke mit Tischen davor, an denen die Schulkinder, pardon, die Bertreter von 50 großen Zeitungen dicht gedrängt figen. Die sonstige Deffentlichkeit wird durch vielleicht ein Dugend Zuhörer marfiert. Born ist ein kleiner freier Raum, gerade soviel, wie er um das Katheder des Lehrers zu sein pflegt. In diesem Raum von der Größe einer Mädchenfammer find untergebracht das Tribunal, bestehend aus Richter und Gerichtsschreiber, der Kläger mit seinem Berteidiger, der Angeklagte mit dem seinen, drei oder vier Hilfs personen der Verteidigung und schließlich ein fleines Tischchen vor der Richterbank, an dem der jeweils zu verhörende Beuge figt. Willst du dieses Tischchen erreichen, so mußt du dich durch eine Gaffe von etwa einem Fuß Breite zwängen und reißt unfehlbar dabei einen eisernen Garderobenständer um, dessen jeder Hafen drei- und vierfach behängt ist. Es macht nig, mir find's gewohnt", ichmunzein die Inhaber der heruntergefallenen Hüte. Der Amtsrichter ficht beileibe nicht aus wie ein preußischer Assessor, und spricht auch nicht so. Sein„ Grüaß Gott" und Hob die Aehre" entlädt sich breit und einladend durch den Raum. Einem bayerischen Zeugen, der meint, er habe sich vielleicht im Ton etwas zu derb ausgedrückt, wird die freundliche Antwort:" Tut nig, mir soan hier a boarisches Gericht, hier darf amal a boarisches Wort falle." Der Verteidiger Coßmanns ist ein Graf, Graf Pestalozza. Schaut aber auch nicht aus, wie man sich in Preußen einen Grafen vorstellt. Eher mie ein bärtiger Kapuzinermönch, der für ein paar Stunden seine Kutte abgetan hat. Ueberhaupt, man lernt hier schnell begreifen, was die Münchener am Breußen nicht vertragen fönnen. St wird eine Pause gemacht von fünf Minuten, die zwanzig, oder von einer Viertelsturade, die eine halbe dauert. Der Borsigende ist durchaus für Bausen. Sie tun aber auch not, da nach zwei bis drei Stunden die Luft im Saale nöllig ungenießbar ist. Dann erFälscher Hussong. Schon wieder ein schwarzweißroter Zitatenkünstler. Im Lokal- Anzeiger" zitiert Herr Friedrich Hussong die Stellen aus einem in der vergangenen Woche im Vorwärts" erschienenen Artikel, in denen alle Gründe aufgeführt wurden, die vom deutschnationalen Standpunkt aus die Bilanz von Locarno als sehr mager erscheinen lassen mußten. Er bringt es aber fertig, an der Stelle, auf die es ihm besonders ankommt, gleich zwei Fälschungen durch Unterschlagung zu begehen. Wir geben hier die voll= ständige Stelle wieder und heben die von ihm unterschlage nen Säge durch Fettdruck hervor: Man mag sich nun darüber wundern, daß wir Sozialdemofraten, die wir dem nadten Ergebnis von Locarno fritisch gegen überstehen, die dort zustande gekommenen Verträge begrüßen. Nun, wir begrüßen das Werk von Locarno in der Taf als den Beginn einer neuen Mera des Friedens, Wir Sozialdemokraten, denen es mindestens ebenso sehr auf die Rüdwirkungen" an tommt, wie den Deutschnationalen, wir sind mit dem Ergebnis von Locarno deshalb zufrieden, weil wir in die Erfüllung der dort abgegebenen Bersprechungen Briands, Vanderveldes und Chamberlains Bertrauen haben. Vor allem aber begrüßen wir Locarno als den Kanosfagang der Deutschnationalen. Denn die Katastrophe der deutschnationalen Jdeologie, so erfreulich sie uns ans innerpolitischen Gründen fein mag, ist uns aus außenpolitischen Gründen noch tausendmal wichtiger. Der Weg zum wahren Frieden, wie wir ihn erstreben und wofür wir seit 1919, leider oft vergebens, getämpft haben, fonnte nur über den kadaver deutschnationaler Revancheparolen führen. Der schwarzweißrote Inflationsdrachen schwimmt verendet im Lago Maggiore." Herr Hussong hat die hier im Fettbrud wiedergegebenen, entscheidenden, weil erläuternden Säße nicht nur unterschlagen, sondern er hat in feiner Weise auch nur angedeutet, daß in feinem 3itat irgendwelche Säge fehlen. Darüber hinaus hat er die Kühnheit gehabt, den von ihm herausgerissenen Sah über den Kanoja gang in Fettschrift abzudrucken! Daß wir Locarno begrüßen, weil wir, im Gegensatz zu den Deutschnationalen, aber in Uebereinstimmung mit Luther und Strese: mann, Vertrauen in die zwar nicht schriftlich bindenden, aber mündlichen Versprechungen Briands, Banderveldes und Chamber lains hinsichtlich der Rückwirkungen haben, das darf der Leser des Lokal- Anzeigers" nicht erfahren. Ebensowenig darf er wissen, daß mir den wahren Frieden erst dann für möglich halten, wenn die deutschen Nationalisten ebenso entscheidend aufs Haupt geschlagen sein werden, wie es die franzöfifchen Rationalisten bei den Maimahlen von 1924 wurden. Dagegen soll ihm eingeredet werden, wir begrüßten lediglich aus innerpolitischer Schadenfreude einen für Deutschland ungünstigen Bertrag! Erst vor wenigen Tagen hat Genosse Dittmann im Borwärts" nachgewiesen, daß der Abmiral von Trotha in seiner Zeugen aussage im Münchener Dolchstoßprozeß sich genau derselben Methode bedient hat. Die Bitatenfälschung gehört also neuerdings wieder zu den vornehmsten Kampfmitteln der Deutschnationalen. Die Beschimpfungen, die Herr Hufsong in Zusammenhang mit seinen Fälschungen gegen uns schleudert, tönnen uns unter diesen Umständen nicht berühren. fünstler triumphierend festzustellen glaubt, daß die Deutschnationalen Benn im übrigen der Hugenbergsche Federhalter und Scheren durch den Rücktritt ihrer Minister den Kanoffagang nicht angetreten haben, so befindet er sich gewaltig im Irrtum: indem die Deutschnationalen als stärkste Regierungspartei acht Monate lange Baftpolitit mitgemacht haben; indem sie ber Entfendung einer Delegation nach Locarno zugestimmt haben; indem sie nach dem Bericht Kemp ners die Paraphierung der Locarno- Berträge durch ihren Vertrauensmann Luther gebilligt haben; indem das Kabinett nach Locarno einstimmig, also mit Schiele, Schlieben und Neuhaus, Stresemann beauftragt hat, das Wert von Locarno im Auswärtigen Ausschuß zu verteidigen; indem sich Schiele und Bestarp und der Lokal- Anzeiger" selbst gegen den Austritt der Deutschnatio nalen aus der Rechtsregierung, also für die endgültige Unterzeich nung von Locarno aussprachen, haben sie den Gang nach Ka. nossa bereits vollzogen. Der Austritt aus der Regierung ist ein Fluchtversuch nach vollbrachter Tat gießt sich alles auf die Gänge, raucht Zigarren und Pfeifen, was hier nicht verboten ist. Die meisten aber scharen sich um einen gemütlichen Mann, der aus einem wohlverpadten Refsel marme Weiß mürfte verfauft. Schade, daß das Bier fehlt! Aber auch so stehen Freund und Feind friedlich vereint um den nahrungspendenden Ressel und niemand ahnt beim Anblick dieses appetitanreizenden Bildes, daß die gleichen Menschen eben noch mit größter Erbitierung gegeneinander gestritten haben. Persönlichen Bontott wegen divergierender Anschauungen übt man hier nicht. Die einzigen, die in dieses Bild nicht hineinpaffen, find die Coßmannschen Zeugen, die forreften, gradlinigen, gebürsteten und gescheitelten, frähenden und schnarenden preußischen Generäle und Admiräle. Die Sigung ocht wieder an, alles ergießt sich in die Klasse, Berzeihung, in den Gerichtssjaal So wird in München Weltgeschichte gemacht. E. R- T. Herbstausstellung der Berliner Sezession. Zum erstenmal seit dem Tode ihres Präsidenten Lovis Corinth der als Präsident feinen Nachfolger erhalten und also mit seinem Namen auch fernerhin die Vereinigung zusammengehalten wird hat die Sezeffion zu ihrer Herbstschau geladen. Bildhauer Wend hielt die Eröffnungsrede, die sich ernst und feierlich zu der Gesinnung Corinths befannte. Eine überraschende Fülle herorragen der Gäste gab dem Ganzen besonderen Glanz: am meisten bemerkt und umdrängt war Macdonald mit dem grauhaarigen, vornehm raffigen Kopf von unverkennbar schottischem Gepräge, neben dem Botschafter Lord d'Abernon. Hohe Politik fühlte in die Regionen der Kunst vor. Und, doppelt erfreuliches Begebnis: auch die Schau selber stand im Zeichen der heute alles beherrschenden Bölkerversöhnung. Denn die beiden Bole, im Hauptsaal einander gegenübergestellt, hießen: 2. Corinth und französische Austauschausstellung. Jaft die Hälfte des Raumes war den Gästen aus Paris eingeräumt; und wie diefer erste offizielle Besuch von jenseits des Rheines so gar nichts Offiziöses hat, sondern wirklich geistiger Initiative entsprang und echtes Kulturgut vermittelt, so sollen auch die deutschen Künstler durch die Sezession demnächst ihr Beftes in Paris zeigen. Zug um Zug. Hoffen wir, daß sie ebenso gut abschneiden. Denn das, was wir hier aus Paris vor uns haben, ist eine Zusammenstellung der besten Namen aus der heute wirkenden Generation; Zusammenfassung dessen, was wir in verschiedenen Kunsthandlungen und in der Jurnfreien stückweise erlebten, und viel mehr dazu, eine wirkliche Gesamtrepräsentation. Es fehlt feiner der wirklichen Führer: Matisse, Derain, Léger, Picasso, Braque; und die Fülle der Talente, welche der franzöfifchen Malerei erft ihre unvergleichliche Stoßfraft und europäische Bedeutung geben, ist ungefähr lückenlos beisammen: die ehemaligen Fauves" Don Buillard, Bonnard und Roussel bis zu Buy, Manquin, Camoin, Marquet, Flandrin, Dufy usw.-, die stärker Persönlichen wie Friesz, Blamind, Dufresne, Segonzai, Marchand bis zu Rouault, Utrillo, Laurencin, die uns Flechtheim fürzlich vermittelte, und dem überraschend amüsanten Las caur( der aber wohl gar zu amüsant und naiv- geschickt ist). Finanzkonflikt in Köln. 10 Millionen Defizit. Die Industriellen für Abban der Wohlfahrt. Die Bürgerlichen unentschieden. Vor großen Kundgebungen. Köln, 28. Oftober.( Eigener Drahtbericht.) In der jüngsten Sigung der Kölner Stadtverordnetenversammlung teilte Oberbürgermeister Adenauer mit, daß im Haushalt der Stadt Köln in den ersten sechs Monaten ein Defizit pon über 10 millionen Mart entstanden ist. In der Hauptsache sei dieses Defizit auf die ungeheure Notlage der Kölner Bevölferung zurückzuführen, die in immer ftärterem Maße unter der Die Zahl der Arbeitslosen Arbeitslosigkeit zu leiden hat. beträgt gegenwärtig über 20 000. Fast ebensoviele Wohlfahrtsunterfiügungsempfänger find vorhanden. Neben diesen erhöhten Aus. gaben für Wohlfahrtsunterstützungen steht eine Mindereinnahme aus den lleberweisungen der Reichssteuern in Höhe von etwa 4 Millionen Mark. Die wirtschaftlichen Berbände Kölns unter Leitung des Bereins der Industriellen haben in einer großen Kundgebung gegen die Finanzpolitik der Stadt Köln protestiert und verlangt, daß mehr wie bisher vor allem in der WohI= fahrtspflege gespart werden soll. Die bürgerlichen Stadtverordneten erflärten unter dem Eindruck dieser Kundgebung, daß fie vorläufig nicht bereit sind, das vorhandene Defizit durch Erhöhung der Realsteuern zu decken. Die kommunisten find ebenfalls, trotzdem fie Forderungen stellen, die erhebliche Mehrausgaben verursachen, nicht bereit, die Deckung in der allein möglichen Weise durch Erhöhung der Realsteuern vorzunehmen, so daß die Kölner Stadtverordnetenversammlung, wenn nicht die bürgerlichen Fraktionen zu einer anderen Auffassung kommen, voilStadtverordnetenversammlung, in der über die tommen arbeitsunfähig ist. Eine für Donnerstag vorgesehene sozialdemokratischen Fraktion auf Wunsch der bürgerlichen FratDeckungsfrage beraten werden sollte, ist tros des Widerspruches der tionen abgesagt worden. Jezt werden die Gewerfimaften, Genossenschaften, die Arbeiterwohlfahrts- und Kriegsbe. schädigtenorganisationen als Gegenfundgebung gegen die Bersammlung der mirtschaftlichen Verbände in den nächsten Tagen zu einer großen Protestlundgebung aufrufen, in der gegen den Abbau auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege demonstriert werdent soll. Das Linkskartell bleibt bestehen. Pariser Presse und Kabinettskrise. Paris, 28. Oktober.( Eigener Drahtbericht.) Die Morgenblätter meinen fast einmütig, daß sehr wahrscheinlich ein neues Ministerium Painlevé der Ausgang der Krise sein wird. Matin" glaubt, daß Bainlevé in diesem Falle das Portefeuille des Kriegsministers beibehalten und das Finanzministerium einem Führer des Lintstartells für geeignet, die Lösung der Krise herbeiBarlamentarier anvertrauen wird. Deuore" hält Herriot als zuführen, glaubt jedoch, daß er nicht bas Amt des Ministerpräsidenten übernehmen werde und schlägt für diesen Fall vor, Herriot in das neue Ministerium Bainlevé eintreten zu lassen. Obwohl man heute über die Person des zufünftigen Ministerpräsi denten noch nichts Bestimmtes fagen tann, wird doch die neue angesichts der Beschlüsse des letzten Barteitages nicht in Betracht Eine Beteiligung der Sozialisten an der Regierung scheint Regierung ihre Mehrheit im Kartell der Linken zu suchen haben. zu fommen. Jedoch werden die Sozialisten einer Regierung, die die Kapitalsabgabe zu ihrem Programm macht, Unterftügung gewähren. Der lintsraditale ,, Quoditien" fagt: Die wirfiche rage ist: Gibt es eine stabile Mehrheit in der Kammer? Diese Frage fann nur mit 3 a beantwortet werden, wenn man hinzufligt, heit in der Kammer, so daß also das Ministerium, das heute, morgen mit den Sozialisten. Ohne fie gibt es feine stabile Mehr oder übermorgen gebildet wird, entweder den Rampf dämpfen oder ihn unter lebhafteren Formen wieder auferstehen lassen. muß. Journal" glaubt, daß drei Persönlichkeiten für die Bildung des Kabinetts in Frage kommen: Herriot, Painlevé oder Briand. bestehen des Kartells ist, zeigt u. a. eine Entschließung der Wie starf der Wunsch der Linksparteien nach dem Weiter. darauf hinweist, daß die Lösung der augenblidlichen Miniftertrife Graftion der republitanischen Sozialisten, der Partei Bainlevés, tie nur auf dem Boden des Lintstartells möglich sei. Dem gegenüber vertritt eigentlich nur Corinth das deutsche Brinzip ebenbürtig und geschlossen; dies allerdings mit einem halben Dugend Bilder, so start und eindrucksgewaltig, daß fie allein der ganzen Franzosenschau standhalten. Vor diesen mächtigen Visionen vom Balchensee, von Interieurs und Blumen, von Selbstbildnis und einem durch Abwesenheit alles Lärmenden und Brutalen felt. jam ergreifenden„ Ecce homo", vor diesen großen Schöpfungen seiner legten Zeit, die bis zum physischen Tode produttiv war in einem ganz großen Sinne Bollendetes fie bisweilen bringen, doch am Ende das absolut 3winwird offenbar, daß all den Franzosen, so gende fehlt. Es liegt nicht daran, daß sie meist nicht mit Hauptmerken vertreten sind; am wenigsten die Führer, wie Picasso, Matiffe, Derain. Auch wenn man ihr Bestes hier eingesetzt hätte: für unser Empfinden müßte es hinter Corinth und seinem malerischen Erlebnis zurüdstehen. Die übrigen Deutschen find in ähnlicher Lage. Bortreffliche Einzelleiftungen, aber nichts unbedingt Einmaliges, wie Corinth. Hervorzuheben find von Malerischen": Lesser Urn, Degner, Domscheit, Ahlers- Hestermann, hedendorf, Deim ling, Röhricht; Felir Müller vertritt den erregten Expreffionismus so gut wie Jädel den fortschrittlichen Akademismus. Die„ neue Sachlichkeit" ausgezeichnet: Fritsch und Riege, ein bisher unbekannter Mann; Leo v. König und Auguste von 3igemik die gedämpfte Porträtvornehmheit. Unter den Bildhauern ragen die Franzosen- Maillol, Despiau und vor allem der hochbegabte Manolo so weit heraus, daß von den Deutschen eigentlich nur Ernst end daneben in Erwägung zu ziehen ist. Dr. Paul F. Schmidt. Enfdedung einer Stadt auf dem Meeresgrund. Bie die Tele dampfer, der auf dem Wege von Persien nach Batu feinen gewöhngraphenagentur der Sowjetunion meldet, entdeckte ein Handelsder Halbinsel Schachowa eine altertümliche Stadt. Infolge lichen Kurs änderte, zufällig auf dem Meeresgrund in der Nähe des ruhigen Wetters waren die Straßen und Gebäude von altasiatischer Architektur deutlich erkennbar. In der Nähe liegen die schon früher entdeckten Ruinen der Stadt Charabasheger, von der eine auf dem Meeresgrund sichtbare Straße bis zur Feftung Baku führt. Die vorläufigen Vermutungen der Gelehrten gehen da hin, daß die Städte auf dem Meeresgrund infolge von Erdbeben ge.. funken seien, die eine starke Aenderung der Küstenlinien herbeiführten. Direttor Frig Holl von der Boltsbühne am Balomplat Ibrit auf Einladung der Boltsbühnenjugend Freitag, den 30, abends 8 Uhr. in der Aula Beinmeister str. 16/17 über den Spielplan ber Bollsbühne. Prof. Leo Kestenberg hält auf Einladung der Boltsbühne 5 Vorträge über Beethovens Biolinionaten an Sonntag Abenden 8 Uhr im Bechsteinfaal, Linkftr. 42. Erster Bortrag: 1. November. Miitoirkung: Hans Baffermann. Der Bund Deuflcher Gebrauchsgraphifer verlegte den Borstand seines Verbandes von München nach Berlin. Die Geschäftsstelle der Bundesleitung, deren Aufgabe die Vermittlung stoischen den Rellameverbrauchern und ben Berbelünstlern ist, befindet sich S. 11, Röniggräger Straße 80. Gefühlsgemeinschaft! Coßmanu erklärt. Noske klagt an. Münden, 28. Oftober.( VD3.) Am Mittwoch wurde der achie Berhandlungstag im Dolchstoßprozeß mit einer Erklärung Prof. Coßmanns eingeleitet, in dem er nochmals die Erflärung feines Anwalts vom Vortage präzisiert und zum Ausdruc bringt, daß man die Dolchstoß- Hefte nur verstehen könne, wenn man fie vom Standpunkte der von uns vertretenen notwendig gewesenen Gefühlsgemeinschaft aus betrachtet. Darauf wurde als nächster Zeuge der Oberpräsident von Hannover, Gustav Noste vereidigt und über die generelle Haltung der SPD. und USPD. sowie über die Ereignisse, die zur Revolution führten, vernommen. Noste führte aus: Als Politiker verfolge ich mit großer Sorge und wachsender Empörung den Versuch einer gewissen politischen Richtung in Deutschland, die Sozialdemo: fratie wegen ihrer Haltung im Kriege und bis in die neuere Zeit hinein zu infamieren, um dadurch entweder für die eigene Bartei Geschäfte zu machen, oder aus dem Bestreben heraus, burch Ungehörige der früher maßgebenden und tonangebenden Schichten eigene Schuld vor dem Kriege und während des Strieges zu verschleiern und eine andere Schicht dafür haftbar zu machen. Wenn von einer Dolchstoßpolitif gesprochen werden kann, dann aur unter dem Gesichtspunkt, daß ganz planmäßig das von der SPD. begonnene Einigungswert im Bolfe dauernd gestört wurde. Insofern wurde ein trennender Rell in die Bevölkerung hineingetrieben, als man die SPD. für den verlorenen Krieg haft bar machte. Ueber die bisherigen Verhandlungen im Dolchsio prozeß habe ich den Eindrud gehabt, daß es ein beflagensmerter und höchster Offiziere beschäftigungslos herumlaufen, und daß sie Zustand ist, jetzt zu hören, daß eine große Anzahl früherer hoher jezt dasigen und den Schuldigen suchen. Gerade fie trifft aber ein gerütteltes Maß von Schuld, dem Bolte das richtige Verständnis nicht entgegengebracht zu haben. Ich sah mit wachsender Empörung, pie mehr und mehr versucht wurde, die Spuren der Kriegs- und Nachfriegszeit zu verwischen, wie versucht wurde, der SozialdemoPratie die Schuld zu geben. Ich kann ohne Ueberhebung fagen, daß ich während des Krieges und nach dem Kriege einflußreich in der Sozialdemokratie mitgewirkt habe. Es ist ein eigenartiges Zufammentreffen, das ich hier in einem Münchener Gerichtssaal feststellen muß, daß auf meinen Befehl im Frühjahr 1919 die Truppen zur Entfegung Münchens in Marsch gesezt worden sind. Nach meinem Empfinden gibt es teinen befferen Beweis für das fiejbegründete Baterlandsgefühl der Sozialdemokratie als den, daß fie ungeachtet dauernder Infamierung durch den Kaiser in der Stunde der Gefahr fich restlos dem Vaterland zur Verfügung gestellt hat. Benn die Stimmung im Lande und an der Front während des Strieges allmählich eine fortschreitende Verschlechterung erfuhr, fo ist das nicht darauf zurückzuführen, daß die Stimmung durch die Sozialisten verdorben wurde, sondern darauf, daß Not, Elend, blutige Berlufte, Seelennot usw. immer mehr und mehr Liz Familien beherrschte. Hinzu kam die Unmöglichkeit der Regierung und der Obersten Heeresleitung, fich auf die Seelenstimmung des Boltes einzustellen, Reichsregierung und Oberste Heeresleitung haben nach meiner Ueberzeugung eigentlich von ben ersten Kriegswochen an unbegründetes Mißtrauen zur Tüchtig. feit und Opferwilligkeit unseres Landes gehabt. Das fand feinen feit und Opferwilligkeit unseres Landes gehabt. Das fand feinen ersten Ausdrud darin, daß man nicht den Mut hatte, dem deutschen Volfe die Niederlage an der Marne einzugestehen. Zrozdem ich an allen den Marineetat betreffenden Sizungen teilgenommen habe, gehörte ich doch zu den Leuten, die völlig überrascht wurden durch die Mitteilung vom 3usammen. bruch der alfanfront. Vor einigen Tagen hat an dieser Stelle Konteradmiral Heinrich unter feinem Eid ausgefagt, daß man focar den Fehler gemacht habe, einen fozialdemokratischen Redaktene auf einem großen Schiffe zuzulaffen. Dieser fozialdemokratische Redakteur bin ich gewefen. Es ist richtig, daß ich tagelang auf dem Schlachtfreuzer Bon der Tann" gewesen bin. Wie ich mich auf bem Schiffe betätigt habe, geht aus den Briefen hervor, die mir die Offiziere des Schlachttreuzers nach Berlaffen des Schiffes geschrieben haben. Kein Mensch hat damals daran gedacht daß die Sozialdemokra fie und ihre Führer auf die Zermürbung der Marine und der Front hingearbeitet habe. Ich bin der Ueberzeugung, daß die Leute, die heute mit der Dolch stoß- Legende arbeiten, entweder politische Geschäfte machen oder aber ihr militärisches Renommee wieder aufrichten wollen. Diese Leute, die sich heute auf das hohe Pferd fezzen und meine Bartei infamieren, hätten vielmehr Anlaß, fich an die eigene Brust zu schlagen und fich zu überlegen, ob nicht in ihren eigenen Reihen ein großes Berschulden festzustellen war. Damaskus zerschossen. England berichtet, Frankreich bestreitet. Kairo, 28. Ottober.( Reuter.) Obwohl die Nachrichten über die legten Ereignisse in Damastus auseinandergehen, ist es doch ersichtlich, daß die Stadt zwischen dem 18. und 20. d. m. eine furchtbare heimsuchung erlitten hat. Am erstgenannten Tage war ein Bandenführer in eines der Stadtviertel eingedrungen mit dem Rufe, daß die Drujen da wären, und hatte die Einwohner zum Aufstand aufgefordert. Daraufhin wurde ein Polizeipoften angegriffen und ein französischer Offizier erschaffen. Die Einwohner schloffen sich den Eingebrungenen an. In dem Gefecht, das sich entspann, fielen hundert Franzosen in tapferem Kampf. Die französischen Behörden warfen Tants und Panzerautos ins Gefecht, die den Aufständischen schwere Berluste zufügten. Diese setzten trozdem hinter Barrikaden ihr Feuer fort und stedten verschiedene Stadtviertel in Brand. Die französische Beschießung der Stadt dauerte von Sonntag nacht bis Dienstag. Viele öffentliche Gebäude wurden zerstört. Die Zahl der auf den Straßen liegenden Leich name wird auf mehrere hundert geschäßt, während ungefähr zweitausend unter den Trümmern verschüttet liegen müssen. Es wird behauptet, daß die Aufständischen in der Umgebung von Damastus geblieben seien und daß mit weiteren Kämpfen zu rechnen sei. = Paris, 28. Oktober.( Eigener Drahtbericht.) Die von der eng. lischen Preffe verbreiteten alarmierenden Meldungen über die Loge in Syrien werden von den hiesigen Blättern als über trieben bezeichnet. Zu bestätigen sei nur, daß Damastus von europäischen Frauen und Kindern geräumt werde. Wie ernft die Lage in Syrien immerhin ist, geht aus einer Havasmeldung aus Rabat hervor, monach zwei Ravallerieregimenter aus Marotto nach Syrien gesandt worden sind. Der Schweizer Arbeiterwahlfieg. Nur die Arbeiterparteien gewinnen Mandate. Bern, 28. Oftober.( WTB.) Der neugewählte Schweizerische Nationalrat weift folgende Zusammensetzung auf: Sozialbemo fraten 49( bisher 43), Rommunisten 3( 2), Sozialistische Gruppe 3( 3), Freifinnige und Demofraten 60( 58), Katholische Ron fervative 42( 44), Bauern- Gewerbe- Bürgerpartei 30( 34). Liberale Demokratische Partei 8( 10), Bartelloje 3( 4). Der Straßenschuster. seinem Straßeniaden, auf dem ein wenig Handwerkszeug liegt, dicht Tag für Tag steht er, der fleine, unscheinbare Mann, dort mit an der Bordschwelle des Fußgängersteiges. Bald hämmert es, bald hört man die Töne einer Nähmaschine. Dazwischen das Ausrufen von Obst und Südfrüchten der dicht beieinander stehenden Straßenhändler. Draußen im Profetarierviertel ist es, wo der Straßen= schuster, eine neue Erscheinung, für wenig Geld die Schuhe der Armen ausflidt. Zahlreiche Kinder umstehen neugierig seinen fleinen Handwerterstand und sehen zu, wie er gewissenhaft und geschickt die Schuhe repariert. Auch der Straßenschuster mit seinem Miniaturladen und seiner kleinen, veralteten Steppmaschine, deren quietschenmit dem Leben. Er war lange arbeitslos, bis ihm der Gedante tam, des Geräusch mißtönend ins Ohr fällt, ringt einen harten Kampf wie so viele andere auf der Straße sein Geld zu verdienen. So hatte ihn die Not zu seinem jezigen Beruf gebracht, wie jene, die um ein paar Pfennige Tagesverdienst die Unbill der Straße bei Regen und Kälte ertragen müssen. Proletarier sind seine Kunden, die ihm dieses und jenes zum Reparieren bringen. Sie sind mit des Alten Arbeit recht zufrieden, denn er arbeitet billig und gut. An dem armen Straßenschuster jagen Automobile und Straßenbahnen, vorüber, und oben tobt die Hochbahn. Aber unbekümmert um das Lärmen näht er Stich für Stich auf der kleinen, alten, stehen umher und find glücklich, wenn sie einmal das Schwungquietschenden Steppmaschine zerrissenes Schuhwert. Schuffinder rädchen drehen dürfen, das die Maschinennadel in Bewegung setzt. Aber er ist schon nicht mehr der einzige Straßenschuster. Er hat haben; sie haben etwas Kapital" reinstecken tönnen und haben bereits Nachahmer gefunden. die etwas großzügiger" angefangen einen eigenen Wagen mit einem Plan darüber. Der kleine StraßenSchuster erzählt das und es liegt ein Ton von großer Bekümmernis in seiner Stimme. Hoffentlich wird auch er sich einmal einen Wagen leisten können. Denn man gönnt ihm alles Gute, weil man sich freut, daß so ein Alter noch scviel Kraft gefunden hat und findet, sich ohne fremde Hilfe durch Leben zu bringen. Der Zusammentritt des neuen Stadtparlaments. Kaum vor Mitte November. Vor dem Zusammentritt des neuen Stadtparlaments, das sich von dem bisherigen durch den Ausfall der Wahl in seiner Zu sammensetzung wesentlich unterscheiden wird, sind noch eine ganze Reihe von Formalitäten zu erfüllen, so daß die erste Sitzung der neuen Stadtverordnetenversammlung taum vor Mitte November stattfinden dürfte. Zunächst muß der Kreiswahlletter in öffentlicher Sizung, die voraussichtlich am Freitag, den 30. Oftober, stattfinden wird, das amtliche Ergeb Parteien entfallenden Mandate unter Abrechnung der verbleibenden nis der Wahl feststellen. Daraufhin werden die auf die einzelnen Reststimmen und gemäß den Liftenverbindungen festgesetzt. Sodann müffen sich die gewählten neuen Stadtverordneten ertlären, ob sie das Amt ausüben werden, worauf der Magiftrat die Neugewählten zu einer erstmaligen Sigung zusammenruft, in der ihre Berpflichtung als Stadtverordneter und die Bereidigung auf die Verfassung erfolgen wird. Dann erst tritt das Stadtparlament zu seiner ersten Arbeitssigung zusammen, in der allerdings auch zunächst nur For malitäten zu erledigen sind. Die wichtigste ist die Wahl des Stadtverordnetenvorstehers, sowie die Zusammen fegung der Deputationen. Familientragödie in Spandau. Mord und Selbstmordversuch einer Mutter. In Spandau, im Hause Nonnendamin- Allee 91, spielte fich heute morgen eine furchtbare Familentragödie ab. Hier wohnt der 56 Jahre alte Telegraphenbeamte Wilhelm Neun mit feiner Tochter aus erster Ehe, seiner 52 Jahre alten zweiten Frau Elifabeth geb. Neumann und deren 17 Jahre alten Tochter Ruth. Die Eheleute lebten seit einiger Zeit in 3mist und schliefen auch in getrennten Räumen, der Mann mit feiner Tochter in den beiden Borderzimmern, die Frau mit ihrer Tochter Ruth in dem Hinterzimmer. Heute morgen furz vor 8 Uhr hörte Neun im Schlafzimmer seiner Frau zwei Schüsse fallen. Er eilte hinein und fand das Mädchen tot und die Frauschwer perlegt auf. Das Mädchen lag mit einer Schußverlegung im Kopf in seinem Bett, die Mutter fniete vor dem Belt der Tochter, halb auf das Bett gelehnt. Ein Trommelrevolver lag auf dem Bett. neun machte sofort Anzeige und Kriminalbeamte eilten mit einem Arzt nach der Wohnung und nahmen den Befund auf. Der Arzt stellte fest, daß das Mädchen tot war und ließ die Frau, die noch Lebenszeichen von sich gab, mit einem Rettungswagen nach dem Krankenhaus Westend bringen. Frau Neun hat schon öfter Selbstmordgedanten geäußert und auch schon einmal versucht, sich und ihre Tochter mit Gas zu vergiften. Sie liegt im Krankenhause schwer danieder. Die Ueberteuerung der Lebensmittelpreise. riden und fich größtenteils darauf beschränken, den Brand zu Tofalifteren, um die Nachbargebäude zu schüßen. Erst nach zweistraße 227 zum Ausbruch. Große Mengen von Atten und Papierstündiger angestrengter Löschtätigkeit war die Hauptgefahr beseitigt. Ein weiterer Brand fam in einem Papierfeller in der Friedrichabfällen waren in Brand geraten. Durch das schnelle Erscheinen der Feuerwehr konnte das Feuer nach einhalbstündiger Löschtätigfeit niedergefämpft werden. Die Entstehungsurfache ist bisher unbekannt. Das Freibad im Winter. Im Freibad Wannsee wird trotz der schon recht mertlichen Kühle des Wetters noch gebadet. 2lber es find freilich nur einzelne, die mit solcher Ünentwegtheit" ihr gewohntes Kaltbad nehmen. Die Verwaltung des Freibades sieht dem Tag entgegen, wo der letzte Badegast„ bibbernd" entflieht. Sie rüstet bereits auf den Winter, der dem Freibad andere Gäste, die Freunde des Schlittschuh- und Rodelsports, zuführt. Bei storfem Frost bietet die meite Fläche des Wannsees eine prächtige Eisbahn. Doch der Wintersportler will nicht warten, bis die Eisbede fest genug ist, und in minder harten Wintern tommt überhaupt schwer eine Eisbahn auf dem Wannsee zustande. Im Freibad Wannsee wird diesem Mangel dadurch abgeholfen, daß man neben der Wasser. fläche auf dem 700 Meter langen Strand noch eine fünstliche Eisbahn anlegt. Die Arbeiten zur Ebnung des Strandes haben begonnen, so daß bei eintretendem Frost sofort die Herstellung der fünftlichen Eisbahn möglich wird. Auf dem Freibadgelände wird jetzt auch eine sehr willkommene Berbefferung ausgeführt, bie Pflasterung des bisher nur mit Schlace befestigten Weges, der sich des Freibades ist schon seit längerer Zeit bemüht, selbst außerhalb an der Landseite unterhalb des Steilufers hinzieht. Die Berwaltung hof Nikolassee her nach dem Freibad spaziert und an den früheren ihres Reiches, in der Umgebung des Freibadgelan des, manche Verbesserung zu schaffen. Ber vom BahnBorteil geändert hat. Zu wünschen ist, daß auch die städtische Zustand des Weges denkt, erkennt sofort, wie vieles sich da zum Forstverwaltung fich die Verschönerung dieses Teiles unseres Grunewalds mehr als bisher an gelegen sein ließe. An Eifer, die überständigen Bäume wegzuschlagen, hat es nicht gefehlt, aber damit allein schafft man keine Erholungsstätten, sondern höchstens Brennholz. Noch immer wartet die Bevölkerung darauf, daß die kahlen Stellen durch Anpflanzung von Laubhölzern und Gebüschen verschönert werden. Es wird Zeit, daß endlich in dieser Richtung etwas Durchgreifendes geschieht. Damit wäre nicht nur den Gästen des Freibades gedient, sondern auch Grunewalds wegen der großartigen Aussicht über den Wannsee den vielen Spaziergängern und Ausflüglern, die diesen Teil des gern aufsuchen. Ein Siedlungsskandal. 65 Siedler ihrer Grundstücke beraubt. Eine standalöse Affäre, die gegenwärtig schon die Staatsanangeht, hat sich dicht vor den Loren Berlins, in Basdorf an der roaltschaft beschäftigt, die aber auch das Wohlfahrtsministerium Liebenwalder Bahn entwickelt. Im Jahre 1923 und 1924 tauften dort 65 Groß- Berliner Ge werbetreibenbe, Kaufleute und Arbeiter Sied lungsgrundstücke von der Basdorfer Bodengesellschaft m. b. H. und bauten sich dort, da sie in Berlin feine Wohnungen erhalten fonnten, Wohnhäuser bzw. Notwohnungen. Die Siedler haben zum Teil unter großen persönlichen Opfern mit unendlichem Fleiß den außerordentlich schlechten Boden fultiviert und fast ausnahmslos ihre legten Spar pfennige in die eigene Scholle hineingestedt. Beim Verkauf war ben Giedlern von den Geschäftsführern der Basdorfer Bodengesell schaft, Arthur Marg und Philipp Neiß versichert worden, daß das verkaufte Terrain schuldenfrei und in jeder Beife unbelastet fei. Dagegen mollte sich die Bodengesellschaft auffälligerweise nicht damit einverstanden erflären, daß die Auflaffung und die Umichreibung im Grundbuchamt vorgenommen würde, ohne welche bekanntlich jeder Grundstückstauf rechtsunwirksam ist. Troz größter Bemühungen gelang es den Siedlern auch nicht, diese Forderung durchzufetzen. Nunmehr ist die Basdorfer Bodengesellschaft nebst einer Holz firma Neiß u. Co., deren Inhaber die oben genannten Geschäftsführer der Bodengesellschaft waren, in konturs gegangen, und für die 65 Groß- Berliner Siedler in Basdorf liegen nun die Dinge so, daß sie durch den Konturs der Firma Neiß und der Basdorfer Bodengesellschaft volltommen recht- und fchuglos geworden sind. Greift hier nicht die Staatsanwaltschaft und das Wohlfahrtsministerium ein, dann werden etwa 300 bis 400 Menschen auf s Pflaster geworfen. Knüppel- Kunzes Redekonfektion. Richard Kunze veranstaltet Saisonausverkauf. In flein Zettelchen empfiehlt er seine gesammelten Reichstags= eben, in Bappe gebunden oder auch ungeheftet pro Maulwerks leistung 5 Pfennige. So inferiert er in seinem Ausverkaufsplatätchen: Jeder hilft sich vor Schiebertum e. t. c. p." Es flingt fo mie: Haben Sie Hühneraugen, Leberschwellung, Kopfschmerzen? So nehmen Sie unser Universalmittel Auch für 0,05 m. wird der Held" von Gardelegen mit seiner Matulatur fein Glück haben! Zum Leiter der Abteilung I im Berliner Polizeipräsidium ist an Stelle des nach Kassel als Regierungsvizepräsident versettent Regierungsdirettors Dr. Lehmann der Oberregierungsrat Froit heim unter gleichzeitiger Beförderung zum Regierungsdirektor ernannt worden. Abteilung I umfaßt die Gesundheitspolizei. Regierungsdirektor Froißheim ist als deutscher Tennismeister bekannt geworden. Mie wir hören. wird sich die Mittlere Preisprüfungsstelle für Groß- Berlin im Laufe der nächsten Woche mit der Preisgestaltung im Obst und Gemüse, sowie im Fischtleinhandel beschäftigen und versuchen, eine Herab jegung der zu hohen Breisspannen herbeizuführen, die, wie wir bereits mitgeteilt haben, in einzelnen Fällen für Kartoffeln bis 100 Broz. und für Fische jogar bis zu 400 Broz. be tragen. Allerdings haben die bisherigen Maßnahmen der Mittleren Preisprüfungsstelle teine wesentliche Verbesse. rung bezüglich der zu hohen Preisgestaltung gebracht, da sofort bei jedem Hinweis auf die übersezten Handelsspannen in den ver Heinrich Lersch- Abend. Sonntag, den 1. November liest in der Aula des Andreas Realgymnasiums, Koppenftr. 76, der Arbeiterdichter Heinrich schiedenen Lebensmittelzweigen die betreffenden Organisationen auf den Plan getreten sind und durch Erklärungen und Protestversamm ersch aus eigenen Werfen. Lerich lebt als Steffelschmied im Rheinland, ist durch seinen Beruf lungenleidend geworden und leidet mit seiner Familie ungen die Schuld der Ueberteuerung von sich abzuwälzen und auf die allgemeinen wirtschaftlichen Berhältnisse, vor große Not. Viele anerkannte Dichter und Schriftsteller baben in legter Zeit wiederbolt durch die Tagespresse zu Sammlungen aufgerufen, um für allem aber auf die zu hohen Unkosten zu schieben versuchten. Es Lersch Erleichterung und Erhalt der Möglichkeiten seines tünstlerisa ent wäre also in der Tat netwendig, daß die Preisprüfungsstellen einSchaffens zu erwirken. Zu der Linie biejer Unterftigungsbestrebungen mal andere Mittel und Wege fänden, um den Widerstand der liegt auch der Lejeabend, der von der Spielgemein chait Berliner Jung Gewerbeorganisationen gegen die unumgänglich notwendige Preis- sozialisten veranstaltet wird. Starten à 50 Pf. im Bezirksbildungsausschuß. Die Bezigtsführer werden erfucht, am milderung zu überwinden. Einen Fingerzeig dazu bieten die Fest Lindenstr. 3, Hol 2 Tr. rechts. stellungen, die man in einer mittleren Stadt in Thü heutigen Abend in den Parteizusammenfünften auf die Beranstaltung binringen gemacht hat. Dort haben nämlich die Preisprüfungszuweisen und sich für den Umfaß der Starten zu bemühen. stellen gemeinsam mit den Finanzämtern den Rampf gegen die Heberteuerung in die Hand genommen, und haben dabei festgestellt, daß der monatliche Umfaß eines fleinen Schlächtereibetriebes 8000 bis 12000 Mart beträgt, während in einem mittleren Geschäft in der gleichen Stadt 12 000 bis 24 000 mart Umfaß erzielt wurden. Demgegenüber behaupten die Organisationen des Berliner Schlächtergewerbes, daß der Umjah in der Reichshauptstadt in einem mittleren Geschäft nur monatlich 9000 mart betrage, um so die Höhe der Unkosten zu rechtfertigen. Bollkommene Klarheit wird man allerdings nur dann bekommen, wenn man die Preisgestaltung vom Produzenten ab über die 3wischenhändler bis zum Kleinhändler kontrolliert. Fener in den Anilinwerken A.-G. Ein größerer Brand beschäftigte mehrere Löschzüge der Berliner Feuerwehr heute vormittag in Lichtenberg in der Hauptstr. 17. In der Delfieberei der Firma Anilinwerte A.-G. mar infolge Ueberheizung mehrerer Delapparate Del in Brand geraten. In furzer Zeit stand der ganze abritraum in Flammen. Die inzwischen herbeigeeilten Wehren mußten sofort mit 4 B- Rohren gegen den Brandherd vorArbeiterfunkausstellung in Leipzig. Die Reichsleitung des Arbeiter- Radio- Klubs Deutschlands e. V. veranstaltet durch die Ortsgruppe in Leipzig eine Funkausstellung in Leipzig in der Messehalle Gohliser Straße vom 14.- 22. Novem ber. Sie ist vor allem als Amateurausstellung gedacht und soll eine Uebersicht über die Arbeit des Arbeiter- Radio- Klubs im ganzen Reiche geben. Sie wird gleichzeitig verbunden mit einer Ausftellung der Industrie und des Handels. Die Anschrift für die Geschäftsstelle lautet: Leipzig, Sternwartenstr. 40( Fernsprecher 11 811). Die Funkfreunde oder Funkvereine, die sich an der Ausstellung beteiligen wollen, fönnen sich an die Geschäftsstelle menden. Es tommt alles forgfältig gebaute und interessanie Material in Frage, auch Lehrmittel und Werkzeuge, möglichst mit erläuternden Zeichnungen und Ertlärungen. Ein Preisausschreiben für Fur gerät ift geplant. Vorträge, Vereine und Verfammlunger Reichsbanner Schwarz Rot- Gold". Gefäftsstelle: Berlin S. 14. Sebaftianfte. 37/38. Sof 2 r. Prenzlauer Berg: 7. 8ug, Donnerstag, den 29., Bollversammlung, auch passive Mitglieder müssen erscheinen. Gewerkschaftsbewegung Wozu noch Fortbildungsschule? Sie flört nur den Betrieb. er 3d. fchreibt uns: Die Firma 3igarettenfabrit Sarbatn wendet sich an den Leiter einer Groß- Berliner Schule mit dem Ersuchen, zur Entlaffung tommende Kinder auf gute" Verdienstmöglichkeiten bei der Firma Garbaty hinzuweisen. Auf diese Weise hofft die Firma Garbaty zu billigen Arbeitskräften zu kommen. Sie zahlt den fculentlaffenen jungen Mädchen das fürstliche Gehalt von 5,70 m. pro oche. Wie sehr nun die Firma Garbaty bemüht ist, brauchbare Menschen bzw. gediegene Facharbeiter aus diesen Angestellten zu machen, dafür gibt ein von der Firma hergestelltes Schreiben, das mit dem Multigraphen gefertigt wurde, Auskunft. Das Schreiben wird auf Anraten" der Firma von den jugendlichen Arbeiterinnen der Pflicht fortbildungsschule eingesandt. Es hat den folgenden Mortlaut: An die Leitung der..... Schule. Ich bin seit bei der Firma J. Garbaty, Rosenthal, Zigarettenfabrik J. Garbaty, in der Abteilung beschäftigt. Die Firma hat mir bisher die durch meinen Schulbesuch bedingte Bersaumnis von Arbeitszeit vom Arbeits Iobn abgezogen. Runmehr erklärt mir die Betriebsleitung, daß mein zeitweises Fernbleiben von der Arbeit infolge meines Schul befuches eine so schwere Stockung darstellt, um so mehr, als die in meiner Abteilung außer mir noch beschäftigten Schülerinnen meistens am gleichen Wochentage die Schule besuchen, das sie mich nicht länger auf meinem Posten belassen fann. Ich würde hierdurch meinen Arbeitslohn völlig verlieren und ersuche daher, mich von dem Besuch der Schule befreien zu wollen. Diefes Schreiben ist ein besonders trasser Beweis dafür, mit mie gutem Recht unsere Herren Arbeitgeber sich darauf berufen, die Qualität der Arbeitnehmer ließe gegenüber früherer Zeit zu münschen übrig usw. Jedem Vater schulentlassener Kinder ist aber entschieden anzuraten, feine Kinder zu solchen Arbeitgebern zu bringen, die sich ihrer Pflichten als Arbeitgeber und auch als Ausbildende diesen jungen Menschen gegenüber in stärkerem Maße bewußt sind, als dieses bei der Firma Garbaty der Fall zu sein fcheint. Der Lohuftreit in der Maßschneiderci. Die zentralen Berhandlungen am 14. und 15. Oftober in Hannover wurden ergebnislos abgebrochen, da die Arbeit geber jedwede Lohnerhöhung rundweg ablehnten. Um jedoch der Berantwortung für die Folgen dieses Verhaltens zu entgehen, die das Auseinanderfallen der zentralen Lohnordnung für unabschbare Zeit bewirkten, erklärten sich die Arbeitgeber bereit, in Gemeinschaft mit den übrigen Vertragsparteien, den Cohnstreit einer vom Reichsarbeitsministerium einzusetzenden Schiedsinstanz zu übertragen. Vor diesem Schiedsgericht, das die Herren Obermagistratsrat Dr. Schallhorn, Stadtrat Dr. Maguhn und Stadtrat a. D. Kunze bildeten, wurde am 24. Oktober verhandelt. In stundenfangen Bemühungen versuchten die Unparteiischen einen Vergleich herbeiführen, der jedoch an der Hartnäckigkeit der Arbeitgeber scheiterte, die die Verlängerung des Erfurter Abkommens bis zum Jahresschluß forderten. Das Schiedsgericht fam dann zu einem Schiedsspruch, wonach die Gruppenspihenlöhne ab 24. Ottober für die zehn einzelnen Städtegruppen neu festgesetzt wurden, steigend Don 57 Bf. bis zu 1 m. Die Stundenlöhne der DamenmaßSchneider erhöhen sich um je 10 Proz., wobei Teilbeträge auf volle Pfennige nach oben oder unten abzurunden find. Die allgemeinen Bestimmungen der Erfurter Abkommen sollen bestehen bleiben. Er flärungsfrist bis 3. Movember. Die Beiratsmitglieder der Herren- und Damenschneider tamen einmütig zu der Auffassung, daß diese im Schiedsspruch vorgesehenen Löhne mit der Lebensmittelteuerung nicht in Einklang tehen. Die Lohnerhöhung beträgt nur 5 bis 7% Broz. Trotzdem fam der Beirat zu dem Beschluß, den Mitgliedern die Annahme des Schiedsspruches zu empfehlen. Die Organisation fann ich nicht den Zeitpunkt von den Arbeitgebern diftieren lassen, zu dem fic ihre Kraft mit ihnen zu messen hat. Die Tatsache, daß die genannten Genossen gewählt find, geben wir um so lieber zu, als die beiden nicht Mitglieder der KPD., sondern Mitglieder der SPD. sind. Damit fällt dieser kommunistische Erfolgsschwindel in sich zusammen. Daran bessert nichts die weitere wahrheitswidrige Behaup: tung, die Kandidaten der Reformisten seien bei der Wahl unterlegen. Es gab nämlich nur eine Vorschlagsliste einen Einheitsvorschlag bei dieser Wahl, mit den Namen der Gewählten. -O Es ist also nichts mit diesem Erfolg fommunistischer Gewertschaftsarbeit". Der Erfolg in diesem Fall ist ganz auf unserer Seite, bei den Reformisten". Gegen Tren und Glauben. Der Inhaber eines fleinen Bantgeschäfts hätte wegen schlechten Geschäftsganges einen Teil seiner Angestellten entlassen tönnen. Er ficherte aber den Angestellten dauernde Beschäftigung zu, falls sie sich mit einer die Tariffäße erheblich unterschreitenden Ge= haltsfürzung einverstanden erklärten. Eine dahin gehende Vereinbarung fam dann auch zustande. Das ist nach dem zwischen den Allgemeinen Verband der Bank angestellten und dem Reichsverband der Bankleitungen be stehenden Tarifvertrag zulässig, denn dieser bestimmt, daß unter besonderen Umständen im Einzelfalle niedrigere Gehälter als im Tarif feitgefegt sind, vereinbart werden fönnen. In einem Schriftwechsel mit dem Augemeinen Verband der Bankbeamten, der zunächst gegen die Gehaltsherabsehung einschritt, gab der Geschäftsinhaber die ausdrückliche Zusicherung, daß er als Gegen leistung für die Gehaltstürzung feine Kündi. gungen vornehmen werde. Darauf ließ der Verband die Angelegenheit einfimeilen ruhen. Die Gehaltstürzung war im März eingetreten, aber von den Angestellten, die nun auf dauernde Beschäftigung rechneten, wurde ein Teil zum 1. Oftober gefündigt. Einer derselben, ein Rassenbote, flagte im Beistand eines Vertreters des Al gemeinen Verbandes der Bankangestellten beim Gewerbegericht auf Nachzahlung der Gehaltsdifferenz für die Monate März bis Gep tember im Betrage von 395 M. Die Firma wurde zur Zahlung dieses Betrages an den Kläger verurteilt mit der Begründung: Die Zusicherung der Beklagten, alle ihre Angestellten zu behalten, wenn die Gehälter herabgesetzt werden, müsse nach Treu und Glauben so ver standen werden, daß sich die Beklagte verpflichtet habe, die Angestellten, darunter den Kläger, längere Zeit weiterzu beschäftigen. Wie lange Zeit, das wolle das Gericht nicht entscheiden. Wenn aber die Beklagte bereits zum 1. Oktober den Kläger fündigte, so habe sie ihre Verpflichtung zu länge rer Beschäftigungsdauer nicht erfüllt. Der Anspruch des Klägers sei deshalb berechtigt, denn er habe sich ja nur unter der Voraussetzung, daß er längere Zeit beschäftigt werde, mit der Gehaltstürzung einverstanden erklärt. Die Gewerkschaften in Kanada. ( IGB.) Auf dem vergangenen Monat in Ottawa abgehaltenen 41. Ordentlichen Kongreß des Kanadischen Gewerkschaftsundes vertaten 267 Delegierte etwa 105 000 Mitglieder, gegen etwa 116 000 im vergangenen Jahre.( Der Rückgang ist auf einen neuen Zählungsmodus zurückzuführen.) Die Einnahmen der Kanadischen Landeszentrale ftellten sich im Berichtsjahre auf 23 274,41 Dollar, die Ausgaben auf 20 938,34 Dollar. Außer den Fragen der Sozialgesetzgebung, des Achtstundentages, der Arbeiterbildung, der Berstaatlichung die Zahl der versta at lichten industriellen Betriebe ist in Kanada sehr groß und nimmt ständig zu der Wanderung, der Schiedsgerichte usw. befaßte sich der Kongres speziell mit dem Problem der Union Label", der Verwendung bewaffneter Streitkräfte bei Arbeitskonflikten- deren gesegliches Berbot der Kongreß verlangt und den internationalen Beziehungen. = Bei der Behandlung des lepteren Bunftes tam eine von den Kommunisten energisch unterstügte Resolution zur Sprache, in der die Einberufung einer im Interesse der Schaffung der Grund. lagen für eine allumfassende Gewerkschaftsinternationale anzuberaumende Konferenz der Gewerkschaften der ganzen Welt verlangt wird. Ferner wurde in diesem Zusammenhang die Zustimmung des Kongresses aur Politik des Britischen Gewerkschaftsbundes hin sichtlich seiner gemeinsamen Anstrengungen mit den russischen Gewerffchaften im anglo- russischen Komitee gefordert. Das Refo. lutionsfomitee erklärte sich mit diesen Vorschlägen nicht einverstanden und schlug vor, die Beziehungen mit den Arbeitern Europas auf den JGB. zu beschränken. Der Zum Schluß wurde Moore in seiner Eigenschaft als Braident der kanadischen Landeszentrale mit 169 gegen 29 Stimmen bestätigt. Müssen sich die Verbandsmitglieder zunächst auch materiell mitongreß stimmte diesem Antrag zu. dieser ganz unzureichenden Lohnzulage abfinden, so dürfen sie damit doch keineswegs zufrieden sein. Sie müssen vielmehr alles dran fegen, die Organisation in jeder Weise zu fräftigen, um so die Vorbedingung zu schaffen, eine bessere Lohnregelung herbeizuführen. Unterstützungen und Vorschüsse für Staatsangestellte. Der preußische Finanzminister hat einem Verlangen des 3 en tralverbandes der Angestellten entsprechend durch Er lag vom 19. Oftober 1925 Lo. 1343 angeordnet, daß seine Verfügung vom 17. Oftober 1925( I C. 2. 8618I A. II 4270-), welche den preußischen Beamten Unterstützungen und Motstands beihilfen sowie Erleichterungen bei der Bewilligung und Rückzahlung von Gehaltsvorschüssen gewährt, sinngemäß auch auf die Angestellten und Arbeiter der preußischen Staats Dermaltung Anwendung zu finden hat. Kommunistischer Schwindel. Die in Ludwigshafen a. Rh. erscheinende in Mannheim gebrudte tommunistische ,, Arbeiter Zeitung" brachte in ihrer Nummer 219 folgende Notiz, die von der Roten Fahne" am Dienstag( Nr. 248) übernommen murde: ., Erfolg unserer Arbeit in den Gewerkschaften. Bei den Wahlen zum Verbandsbeirat des Gemeinde- und Staatsarbeiterverbandes wurden für den Wahlkreis 4 unsere Ge nossen E. Will, Ludwigshafen a. Rh., mit 7856 Stimmen und Bh. Biermann, Mainz, mit 7845 Stimmen gewählt. Die von den Reformisten vorgeschlagenen Kandidaten fielen bei der Wahl durch. Das Resultat ist ein Beweis, daß die Rommunisten trog aller Heze der Gewerkschaftsbureaukratie und der SPD. das Bertrauen der Arbeiter befizzen." Krause" Die Arbeit", Zeitschrift für Gewerkschaftspolitit und Wirtschaftskunde. Herausgeber Theodor Leipart, 1925. Heft 10, 64 G. Preis 1 M. Das Oktoberheit der wissenschaftlichen Zeitschrift der deutschen Gewerkschaftsbewegung enthält eine Reihe von beachtens werten Auffäßen, die sich mit der Lage der deutschen Wirtschaft und der Weltwirtschaft sowie den Forderungen beschäftigen, die sich für die 2rbeiterbewegung, insbesondere die Gewerkschaften aus ihr ergeben. Dr. Judith Grünfeld behandelt„ Die weltwirtschaft liche Krise", Dr. Hans Arons fnüpft an die Beschlüsse des 12. Gewerkschaftstongreffes mit seinem Auffaz" Bur Forderung einer Produktionsstatistit" an, Dr. Kurt Bloch sezt„ Die Probleme des Agrar? redits" auseinander, während Dr. n. Ungern Sternberg in dem Artikel Industrieor. ganisatorische Zeitfragen" Wege zur Umgestaltung der Organisation der Wirtschaft weift. Dr. Annemarie Sermberg unterzieht die philosophi ichen Anschauungen des in Arbeitgebertreisen sehr geschäßten Soziologen Dunkmann einer gründlichen und scharfen Kritit. Dr. Bruno Broeder untersucht die Ideologie der deutschen Studentenschaft und zeigt auf, wo sich Möglichkeiten einer auf tieferes gegenseitiges Verjtehen gegründeten Annäherung bieten. Unter den zahlreichen Artikeln der Rundschau sei diesmal besonders auf die Uebersicht„ Ergebnisse der Arbeitswissen schaft" hingewiesen, in der Dr. Lipmann auf die Notwendigkeit hinweist, daß die Gewerkschaften bereits veröffentlichte und noch nicht veröffentlichte Ergebnisse von Betriebsstatistiken dem Institut für angewandte Psychologie in Berlin zur weiteren Bearbeitung zuleiten sollten. Wirtschaft Agrarprogramm der österreichischen Sozialdemokratic Die Sozialdemokratische Partei Deutschöfter reichs hat auf ihrem vorjährigen Parteitag eine Kommission eingesetzt, die mit der Ausarbeitung eines Agrarprogramms beauftragt wurde. Diese Kommission legt nun dem Parteitag, der für den 13. November nach Wien einberufen ist, den Entwurf eines Agrarprogramms vor. Das Programm beginni ohne theoretische Einleitung fofort mit praktischen Forderungen. Es glicdert den Stoff in drei große Abschnitte: Forderungen zur e bung der Landwirtschaft, Forderungen zur Hebung des Land proletariats und Forde rungen, die sich aus dem Uebergang zur sozialistischen Ges sellschaftsordnung ergeben. Der erste Abschnitt behandelt Maßregeln zur Steigerung der Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit, zur Be freiung der Landwirtschaft von der Ausbeutung durch das Han= belskapital, Maßnahmen gegen die Ueberschuldung der Landwirtschaft und zur Reform der Landwirtschafts it eu ern. Im einzelnen sind aus der Fülle von Maßnahmen, die verlangt werden, die folgenden hervorzuheben: Ausgestaltung des Schul- und Bildungswesens auf dem Lande; Anforderung des Bodens, der von den Eigentümern nicht bewirtschaftet wird und seine Uebertragung an Gemeinden oder Genossenschafter; staatliches Ein- und Ausfuhrmonopol für Getreide unter der Verwaltung einer Monopolanstait, die vom Staat ge meinsam mit Vertretern der Landwirte und der Konsumgenoffenschaften geleitet wird; l m mandlung der Grundsteuer in eine Steuer von der Grund rente, die nur jenen Mehreritag trifft, der verbleibt, wenn man vom Ertrag des Gutes den ArbeitsJohn abzieht, den der Landwirt und seine Familienmitglieder als Sohnarbeiter erwerben könnten. Der zweite Abschnitt fordert die Ausdehnung der sozial politischen Errungenschaften der Industriearbeiterfchaft Rollektivverträge, besondere Arbeitsgerichte, Betriebsräte, Arbeiterfammern, Arbeiterschuß, Gewerbeinspektion, Sozialversiche rung, Arbeiterurlaub usw. auf die landwirtschaftlichen Arbeiter einschließlich der Wanderarbeiter. Bezüglich der Arbeitszeit wird gefordert, daß fie im Jahresdurchschnitt, acht Strnden täglich betragen soll, also im Sommer länger, im Winter fürzer sein fann. Bezüglich der Sonntagsruhe und der mit der Bieh wartung und der Haushaltungsarbeit beschäftigten Arbeiter werden besondere Bestimmungen getroffen. Unter dem Titel Der Uebergang zur sozialistischen Gesellschafts ordnung" beschäftigt sich das Programm mit den Forderungen zur Sozialisierung des großen Forst besiges und des landwirtschaftlichen Großgrundbesiges. Beide sind zu ent eignen und in das Eigentum des Staates zu über. führen. Der Forstbesiz des Staates soll von diesem unter Mitwirtung der Forstarbeiter und der Bauern verwaltet werden. Der landwirtschaftliche Großbesiz soll zum Teil den Gemeinden übertragen, zum Teil verpachtet, der Reft als must ergüter im Dienst des landwirtschaftlichen Unterrichts- und Versuchswesens gemeinwirtschaftlich bewirtschaftet werden. Bon der Stellung des Bauern in der sozialistischen Gesellschaft sagt das Programm:„ Durch die Sozialisierung des Raubeigentums der Herrentlassen wird das Arbeitseigentum der Bauernschaft nicht gefährdet, fondern gefefligt. Der Bauer war vor der feudalen Gesellschaft da. Er hat in der feudalen Gesellschaft gelebt und er lebt in der tapitalistischen Gesellschaft. Auch im Rahmen der sozialistischen Gesellschaft werden Bauern als freie Befizer auf ihrer Scholle leben. Aber wie jebe Gesellschaftsordnung vor ihr, wird auch die sozialistische Gesellschaftsordnung sowohl die Rechtsverhältnisse als auch die wirtschaftlichen Eristenzbedingungen des bäuerlichen Grundbesizes umgestalten." Insbesondere wird das sozialistische Gemeinwesen die gleich. mäßige Entwidlung der Industrie und der Land. wirtschaft licherstellen und ben Anteil des Bauern am Gesamtertrag der gesellschaftlichen Arbeit bewußi regulieren. Die Einlagen bei den Sparkaffen Preußens haben sich nach den vorliegenden Ausweisen im August 1925 um 52 Millionen RM. ver mehrt. Damit ist die Summe von 898,6 Millionen RM. erreicht worden, während im Jahre 1914 die gesamte Sparsumme in Breußen 13,64 Milliarden ausmachte. Die Spareinlagen haben sich seit Jahresbeginn um 493 Millionen RM., d. h. um 121,6 Proz erhöht. Sie haben sich also verdoppelt. Der absolute und relative Zuwachs im August ist um 9,7 Broz. bzw. 0,3 Broz. größer als im Bormonat gewesen. des Errichtung der Deutschen Gruppe der Internationalen Handels. fammer. Im Anschluß an die einstimmige Aufnahme Deutschlands in die Internationale Handelstammer haben der Deutsche Industrie- und Handelstag, der Reichsverband der Deutschen Industrie, der Zentralverband Deutschen Bant- und Bantiergewerbes, der 3en. tralverband des Deutschen Großhandels, der Reichsverband des Deutschen Ein- und Ausfuhr. handels und die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels die Gründung der Deutschen Gruppe der Internationalen Handelskammer" nunmehr vollzogen. Die Ges schäftsstelle befindet sich in Berlin C2, Hinter dem Gießhause 3. Die ständige Bertretung der Gruppe bei der Geschäftsstelle der Inter nationalen Handelskammer in Paris, Rue Jean Goujon 33, ist dem bisherigen Referenten beim Deutschen Industrie- und Handelstag, Herrn Dr. G. Riedberg, übertragen worden. Deutschlands Anteil am ruffijchen Import. In den ersten neun Monaten des Wirtschaftsjahres 1924/25 wurden nach Rußland über die europäische Grenze, unter Zugrundelegung der Marktpreise, Baren für rund 444,5 Millionen Rubel importiert. Hiervon entfielen auf die Vereinigten Staaten 28,2 Broz, auf England 18,6 Proz., auf Deutschland 15,5 Broz, auf Holland 5,6 Proz., auf Aegypten 3,8 Proz., auf die Tschechoslowakei 3,5 Proz., auf Finnland 3 Broz, auf Schweden 2,6 Proz., auf andere Länder 19,2 Broz. Deutschland stand somit unter den Importländern an dritter Stelle. Berantwortlich für Bolitik: Craft Reuter; Birtschaft: Artur Gateraus: Gewertschaftsbewegung: Friedz. Chlorn; Feuilleton: R. S. Difchez; totales und Berlag: Borwärts.Berlas 6. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts.Buchbruderet Sonstiges: Friz Ratstädt; Anzeigen: Th. Glsde; sämtlich in Berlin. und Verlagsanstalt Baul Singer u. Co.. Berlin S. 68, Lindenftrake& Berliner Elektriker- Pianos Möbelfabrik Rob. Seelisch Genossenschaft angeschl. dem Verb. sozialer Baubetriebe Berlin N24, Elsässer Str. 86-88 Fermenrecher: Norden 1198 Filiale Westen, Wilmersdorf Landhausstr. 4- Tel. Pfalzburg 9831 Herstellung elektr. Licht-, Kraftand Signalanlagen Verkauf aller elektrischer Bedarfsartikel. Ausführung sämtl. Reparaturen Preiswerte, gediegene Arbeit . Metallbetten Stahlmatratz., Kinderbetten günstig an Priv. Kat 650 fr. Eisenmöbelfabr. Suhl Thür. Pelzwaren zur Miete Ansbacher Str. 1, Ecke Kurfürstenstraße Gardinen Sonderangebote Gelegenh.- Käufe in Resten Stores, Bettdecken Madras- and Künstlergardinen. Spezial- Gardinen werkstat kaufen Sie gut und billig Mackölln, Bergstr.67 Berlin, Neue Königam Ringbahnhof. Schlesinger, Straße 21, 2 Treppen. egründe 1876 Berlin O 112, Rigaer Straße 71-73a Bekannt selt 49 Jahren. Große Auswahl in kompletten Wohnungs- Meine guten Möbel sind Einrichtungen sowie Einzelmöbel aller Art im Gebrauch die billigsten. zu wirklich billigen Preisen. 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