Abendausgabe Nr. 532+ 42. Jahrgang Ausgabe B Nr. 264 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise find in der Morgenausgabe angegeben Redaktion: SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-29% Tel.- Adresse: Sozialdemokrat Berlin danftetisdal murano 10 Pfennig Dienstag Vorwärts= Berliner Volksblatt 10. November 1925 Berlag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297 Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands Aufdeckung der bayerischen Putschpläne Rupprechts Kabinett war schon fertig. Der Führer der Reichswehr wollte neutral bleiben. Nürnberg, 10. November.( Eigener Drahtbericht.) Das Kabinett der monarchistischen Hochverräter in Bayern war schon vollkommen fertig. Die Organe der Sozialdemokratischen Partei und der Demokratischen Partei in Nürnberg sind heute morgen in der Cage gewesen, die vollkommene ministerliste zu veröffentlichen. Der Kabinettchef der etwas verfrühten Majestät, der Freiherr von Soden, sollte ministerpräsident werden, für das Innere war der frühere Landwirtschaftsminister Frei herr von Frankenstein vorgesehen, für Unterricht und Kultus der Geldgeber der Monarchisten, Herr von CramerKlett, der aus einer alten Nürnberger Industriellenfamilie stammf, von deren Tradition er freilich gründlich abgewichen ist. Für die Finanzen war ein höherer Beamter, Neumayer, für die Justiz ein Herr von der Pforten, aus einer alten Beamtenfamilie, für den krieg der frühere Reichswehrgeneral von Möhl vorgesehen, der ja schon als Stürzer des Kabinetts Hoffmann- Kaiserslautern feine Fähigkeit zum Puffchgeneral bewiesen hat. Zum Pressechef der neuen Regierung war der Redakteur Schwadt vom„ Fränkischen Kurier", heute das extrem monarchistische Organ Bayerns, früher das freifinnige Hauptorgan des Landes, ausersehen. Das Hauptquartier der neuen Regierung war nach Nürnberg verlegt worden, wo ein Herr Gareis, ein extremer Monarchist, verbiffener Gegner des Reichsbanners und aller jonftigen republikanischen Bestrebungen und Abzeichen als Boli. zeipräsident die„ Ordnung" gegen den Oberbürgermeister Cappe und die der überwiegenden Mehrzahl nach republikanischen Bevölkerung aufrechterhält. Un den Beratungen der monarchistischen Oberverschwörer in Nürnberg soll auch der frühere Kriegsminister Krafft von Delmen ingen teilgenommen haben. Rupprechts Putschpläne im Jahre 1924. Die Teilnahme Rupprechts von Wittelsbach an den Plänen der bayerischen Hochperräter ist nicht abzuleugnen. Im Zu fammenhange mit seinem neuesten Putschplan werden von demokratischer Seite Enthüllungen über seine Beteiligung an Butschplänen aus dem Jahre 1924 vorgebracht, die seine Rolle als Haupt und Antreiber der Staatsstreichler beleuchten. Die Frankfurter Zeitung" begnügt sich in ihrer Ausgabe vom Montag abend noch mit Andeutungen. Sie schreibt: " Wir haben heute nicht Zeit und Raum für einen eingehenderen Rüdblid auf eine Reihe zum Teil jedenfalls zweideutiger und zum Teil auch eindeutiger Handlungen des bayerischen Kronprätendenten. Wir begnügen uns hier mit dem Hin weis auf die Staatsstreich pläne, die gerade vor einem Jahr, im November 1924, Bayern in Unruhe versetzt haben. Von den wirklichen Vorgängen hinter den Kulissen ist damals wenig betannt geworden; aber das fann vielleicht jegt einmal nach geholt werden. Jedenfalls glauben wir zu wissen, daß es den Beratern des früheren Kronprinzen damals nicht ganz leicht fiel, seine Ungeduld zu zügeln. Wir können uns deshalb auch nicht der Rücksichtnahme anschließen, mit welcher die Persönlichkeit, deren Mitteilungen wir heute morgen veröffentlicht haben, es so hinstellt, als ob möglicherweise die Freunde des hohen Herrn" auf eigene Faust und Verantwortung gehandelt hätten. Das glauben wir nicht. Es wäre besonders unwahrscheinlich bei dem Grafen Soden, dem sogenannten„ Kabinetischef" des Kronprinzen Rupprecht. Bir glauben auch nicht, daß die politische Urteilsfähigteit bes Kronprinzen und die seiner führenden Berater sehr verschieden von einander find." Inzwischen aber hat Emil Ludwig bei der gestrigen Revolutionsfeier des Reichsbanners Schwarz- Rot- Gold in Berlin die Aufhellung der Vorgänge aus dem Jahre 1924 nachgeholt: „ Er feilte mit, daß vor genau einem Jahre in München der Plan bestanden habe, mit einfacher Stimmenmehrheit im Landtag den früheren Kronprinzen Rupprecht zum Staatspräsidenten von Bayern zu wählen. Durch diffa. ferische Maßnahmen sollte er dann die Monarchie in Bayern wiederherstellen. Damals habe ein deutscher Reichsminiffer dem Kronpräfendenten die 3 usicherung gegeben, daß die Reichswehr sich in diesem Falle neutral verhalten und nicht marschieren werde.( Stürmische Zurufe: Namen nennen! Geßler! Ein Demokrat?) Den Namen des betreffenden Ministers, so führte Ludwig weiter aus, könne er aus politischen Gründen erst in einigen Tagen nennen. Aber ein Demotrat sei es gewesen, der den plan zu Fall gebracht habe. Dr. Luppe, der Oberbürgermeister ven Nürnberg, habe von der Sache erfahren, fich fofort nach Berlin begeben und dem Reichspräsidenten Mitteilung von dieser Zusicherung gemacht. Ebert habe den bayerischen Pulschiften darauf in sehr deutlicher Weise zu verstehen gegeben, daß der betreffende Minister diese Asmachung ganz persönlich getroffen hätte, und daß das Reichskabinett nicht dahinter stehe, und daß die Reichswehr sofort eingreifen werde, wenn die Pläne der bayerischen Legitimisten durchgeführt würden." Angesichts dieser Enthüllungen wäre jeder Bertuschungsversuch ein Verbrechen. Es muß nunmehr in aller Deffentlichkeit mit allen Einzelheiten und allen Namen festgestellt werden, welche tatsächlichen Vorgänge diesen Enthüllungen zugrunde liegen. Und dann hat der Oberreichsanwalt das Wort. Die Regierung weiß nichts. Treibereien bei der Reichswehr? Zu den Enthüllungen Emil Ludwigs erklärt die Reichsregierung, daß ihr von den darin behaupteten Borgängen nichts bekannt sei. Das Spiel um China. Zollautonomie aber unter unmöglichen Bedingungen. Bon Richard Huelsenbed. Die 3olltonferenz, die China nach Peking berufen hatte, ist zusammengetreten und hat die ersten Beschlüsse ge= faßt. Die Vertragsmächte, also Amerika, England, Japan und Frankreich, haben China die 30llautonomie im Prinzip zugestanden. Es find von den verschiedenen Delegierten der Mächte Reden gehalten worden, in denen die schwierige Lage Chinas gewürdigt wird und in denen man dem bedrängten Lande seine Sympathie ausgesprochen hat. Der Vertreter Ameritas hat vorgeschlagen, daß man China sofort gestatten soll, den 3ollsag auf Gebrauchswaren von 5 Proz. auf 7½ Proz. hinaufzusehen, daß eine weitere Erhöhung der 3ollfäße nach drei Monaten eintreten soll und daß China dann im Jahre 1929 die volle 3ollfreiheit für sich in Anspruch nehmen dürfe. Allerdings knüpft sich an diese Vorschläge eine Bedingung, die China nur erfüllen fönnte, wenn es im Befiz einer zentralen Regierung wäre und wenn diese Regierung die Macht hätte, ihre Anordnungen auch in den entlegenen Teilen des ungeheuren Landes durchzusehen. Diese Bedingung ist die Abschaffung des sogenannten Likin, der chinesischen Binnenzölle. Heutige Münchener Blätter melden, daß im Auftrag Rupprechts General v. Moehl und Professor Bauer auch mit dem Befehlshaber der bayerischen Reichswehrdivision, General reß v. ressenstein, verhandelt habe und daß diefer entgegen. tommende Erklärungen abgegeben haben soll, Dieser Litin ist nun eine Einrichtung, deren Bestand aufs nämlich, daß, wenn die Rupprecht- Ceute ihre Pläne loyal" durch- engste mit der politischen Berwirrung in China zuführen verfuchen, die Reichswehr nichts dagegen der Konferenz von Washington versprochen wurde, ohne daß zusammenhängt und deren Abschaffung von China schon auf unternehmen würde. Da diese Münchener Meldungen erstes imftande gewesen wäre, dieses Versprechen zu halten. Das heute gegen mittag in Berlin bekannt geworden find, war eine Aeußerung des Reichswehrminifteriums darüber noch nicht herbeizuführen. Reichseinheit und Fürstendynastien. Rupprecht von Wittelsbach will König werden. Er pfeift auf die Reichseinheit. Seine dynastischen Interessen gehen ihm über die Lebensinteressen des deutschen Nationalstaates. Eben jetzt erscheint das Kriegstagebuch Fried richs III., herausgegeben von Dr. H. D. Meißner( Berlag über bas erhalten Wilhelms I. vor der Kaiserprofla K. F. Koehler). In diesem Tagebuch finden sich Aufzeichnungen mation in Bersailles, die ein grelles Schlaglicht auf das Ber. hältnis der Dynastie Hohenzollern zum deutschen Nationalstaat werfen. Es heißt dort: " 1 kommt daher, daß die Binnenzölle von den zahlreichen Militärmachthabern benutzt werden, um sich Einnahmen zu verschaffen. Eine Beseitigung der Binnenzölle fezt eine Beseitigung der durch die Generäle vertretenen und sich bekämpfenden Machtgruppen voraus. Daß das unmöglich ist, weiß jeder, der die Berhältnisse in China etwas genauer fennt. Es scheint also, daß die Mächte in ihrer Behandlung Chinas genau so nach dem alten Prinzip vorgehen, indem sie nämlich eine Lockerung der Fesseln Chinas von Bedingungent abhängig machen, die das Land zu erfüllen nicht imftande ist. In dieser Ansicht wird man bestärkt, wenn man die Verfeit der Eröffnung der Konferenz in China eingetreten ist. änderung der Machtverhältnisse beobachtet, die Der General Bupeifu, den man als den Statthalter des alten China ansieht, obwohl er sich felbft als einen liberalen Mann bezeichnet, hat nämlich einen überraschenden Vorstoß nach Norden gegen die Truppen Tschangisolins gemacht. Dabei ist es ihm gelungen, Schanghai zu entsetzen und nach neuesten Nachrichten soll er sogar den Jangtse hinauf bis nach Hantau gedrungen sein. Dieser Borstoß ist nun ganz offensichtlich eine Unternehmung der Engländer. So wie Tschangtfolin ein Exponent der Japaner ist, ist nämlich Wupeifu ein Vertreter englischer Interessen. Man darf das allerdings nicht in dem Sinne nehmen, als ob sich Wupeifu öffentlich für England einsetzte, das ist bei der ganzen Lage der Dinge in China nicht möglich, aber die Lage seines Machtbereichs am mittleren Jangtse und seine Neigung für das alte China machen ihn zum Werkzeug Englands geeignet. Es ist gar kein Zweifel, daß er von England Geld mittel bekommt. Diese Anschauung wird aufs deutlichste bestätigt, wenn man hört, daß upeifu sogleich nach seinem Siege erklärt hat, daß er aus nationalen Gründen" einen Abbruch der Zollkonferenz wünsche. Aus diesem frommen Wunsch, der den Anstren gungen aller Patrioten in China ins Gesicht schlägt, kann man deutlich erkennen, auf welcher Seite Wupeifus Sympathien find. Denn nur England hat ein Interesse an dem Abbruch der 3ollkonferenz. Je deutlicher sich nun aber die Konsequenzen von„ Kaiser und Reich" im Lauf der Verhandlungen zeigten, desto aufgebrach ter wurde der König. Schließlich brach er in die Worte aus, nur ein Scheintaifertum übernähme er, nichts weiter als eine andere Bezeichnung für Präsident"; er müßte sich mit einem Major vergleichen, dem der„ Charatter als Oberstleut. nant" verliehen worden sei. Nun es so weit gekommen wäre, müßte er zwar dieses Kreuz tragen, doch wolle er dafür auch der alleinige sein, weshalb er sich verbäte, daß man von ihm erwarte, der preußischen Armee eine gleiche Zumutung wie seiner eigenen Person zu machen; er wolle daher nichts von einem„ Kaiserlichen Heere" hören, weil er wenigstens unsere Armee vor der gleichen bewahren möchte und nicht dulden tönnte, daß die Truppen gar deutsche" Namen und Bezeich nungen sich gefallen lassen müßten. Die Marine möge die„ Raiserliche" genannt werden. Ferner sagte er in äußerster Aufregung, er fönne uns gar nicht schildern, in welcher verzwei felten Stimmung er sich befände, da er morgen von dem alten Preußen, an welchem er allein festhielte und fernerhin auch festhalten wolle, Abschieb nehmen müßte. Hier unter brachen Schluchzen und Weinen seine Worte. Nun redete ich ihm allen Ernstes gut zu, indem ich auf unsere Hausgeschichte hinwies und kurz schilderte, wie aus dem Burggrafentum die Kurwürde und aus dieser die Krone entstanden sei, wobei die Fürsten doch auch jedesmal genötigt gewesen wären, zu der bis dahin liebgewordenen Stellung eine neue hinzuzufügen, ohne dadurch Land oder Haus zu schädigen. Wenn König Friedrich I. seinerzeit auch nur ein Schein fönigtum in" Preußen geschaffen habe, so weise doch die preußische Geschichte deutlich genug nac, was aus diesem ursprünglichen Scheintönigtum geworden sei: so mächtig sei es geworden, daß gegen wärtig die alte deutsche Kaiserwürde auf uns übergehe. Der König wies diese doch unleugbaren historischen Die Hauptpunkte dieser Berträge bestanden darin, daß Tatsachen förmlich zurück und rief in wallender Aufregung aus: Mein Sohn ist mit ganzer Seele bei dem neuen England sich Landtonzessionen in China sicherte, und Stande der Dinge, während ich mir nicht ein haar. daß es sich durch einen möglichst niedrig angesetzten Zoll breit daraus mache und nur zu Preußen halte." China als Markt für seine Waren offenhielt. So kam die Ich machte ihn noch aufmerksam, daß er sowohl wie feine berüchtigte Abmachung heraus, die es China nicht gestattete, Nachkommen berufen seien, das gegenwärtig hergestellte mehr als 5 Broz. des Warenwertes für sich als Roll zu ver Reich zur Wirklichkeit und Wahrheit zu maden- langen, eine Tatsache, die die Hauptursache des Verfalls der aber vergebens! Im höchsten Zorn sprang der König schließlich auf, chinesischen Finanzen darstellt. Es handelte und handelt sich brach die Verhandlungen ab und erflärte, von der zu morgen heute noch für England in der Hauptsache um den Absag angefeßten eier nichts mehr hören zu wollen." feiner Textilfabritate, die in Lancashire und Kanada hergeWilhelm I. mar preußischer Partitularist, wie Rupprecht bayerischer Partikularist ist. Nur widerwillig, gezwungen hat er sich dazu verstanden, die Schaffung eines deutschen Nationalstaates hinzunehmen. England hat seine ganze Stellung gegenüber China auf die Berträge aufgebaut, die es seit dem Jahre 1842 mit China geschlossen hat. Das Jahr 1842 schloß den berüchtigten Opiumfrieg ab, vielleicht eine der perfidesten Gewalttaten, die in der neueren Geschichte von einem Bolte einem anderen zugefügt wurden. Alle anderen Berträge, die England mit China schloß, reihen sich dem Vertrag von 1842 würdig an. Es ist eine ununterbrochene Reihe von Erniedrigungen, die China über sich ergehen lassen mußte. stellt werden. Der Lifin, der chinesische Binnenzoll, ist dabei dem Abjazz der englischen Waren nur nützlich gewesen, und er wurde um so nüßlicher, je stärker sich eine eigene chinesische Industrie entwickelte. Denn während die Engländer und damit natürlich auch die anderen Mächte, denen China nach dem Prinzip der Meistgegünstigung die gleichen Rechte zugestehen mußte, den Lifin durch einen fleinen Aufschlag auf den Zoll ablösen und ihre Waren frei im Lande fursieren lassen konnten, tonnle der chinesische Kaufmann das feineswegs. Er blieb an den Litin gebunden. So tam es dann, daß die englischen Waren Eine Verschwörung gegen das spanische Direktorium ift aufge- in China billiger waren und heute auch noch billiger find als deckt worden. Eine Reihe höherer Marineoffiziere murden verhaftet. I die chinesischen. Mit einer Beseitigung des Likin würde sich Die dynastischen Interessen, die Restaurationspläne der entthronten Fürsten sind eine stete Bedrohung der Einheit Deutschlands. Die Sicherung der deutschen Einheit liegt in der Republik und der Demokratie. das Verhältnis wahrscheinlich umdrehen, das heißt, die eng lischen Waren würden teuerer werden als die chinesischen. Schon daraus geht hervor, daß England und die Mächte gar fein wirkliches Interesse an der Abschaffung des Litin haben tönnen. Die Ansicht, daß sie die Beseitigung der Binnenzölle nur verlangt haben, weil diese Beseitigung den Chinesen unmöglich ist, gewinnt deshalb an Berechtigung. England hat das größte Interesse daran, daß die allen Verträge aufrechterhalten bleiben. Denn nur mit den alten Berträgen fann es seinen Import nach China fortsetzen und feine Industrie erhalten. Während es gezwungen ist, durch feine Vertreter auf der Konferenz den Chinesen seine Sympathie ausdrücken zu lassen, arbeitet es im Stillen an einer Verschleppung der Konferenz und an einer Annullierung ihrer Beschlüsse. Das zeigt der Vorstoß des Generals Wupeifu. Er zeigt aber auch, daß England sich auf der Bollkonferenz in einer gewissen Isolation befindet, nur daß es diesmal feine ,, splendid isolation" ist. Denn obwohl auch die anderen Bertragsmächte China gegenüber nicht mit offenen Karten arbeiten und die Bedingung, an die sie die Zollautonomie geknüpft haben, deutlich zeigt, daß sie von der Betinger Konferenz dasselbe erhoffen, wie von der Washingtoner, nämlich, daß sie im Sande verläuft, verschließen sie sich doch nicht in dem Maße wie England der Erkenntnisse einer veränderten Lage. Amerika sowohl wie Japan und Frankreich haben in dem Spiel, das augenblicklich in Pefing gespielt wird, bessere Karten als England. Es brennt ihnen nicht auf den Nägeln, fie fönnen länger warten. So fommt es, daß sie das libe= ralere Auftreten haben. Dieser Liberalismus wird aber niemals weitergehen, als bis sie fürchten müßten, eine wirtschaftliche Schädigung zu erleiden. Das gilt vor allem von Amerika, das troß seiner phantastischen Geldmittel niemals auch nur einen Cent seiner Intereffen preisgegeben hat. Man muß sich dabei des Ishii Lansing- Bertrages erinnern, eines Bertrages, der während des Krieges zwischen Japan und Amerika abgeschlossen wurde und in dem Amerika den unerhörten Forderungen Japans in bezug auf China ohne langes Sperren nachgab. Die Amerikaner haben aber den Chinesen niemals sicht# bares Unrecht zugefügt wie die Engländer. Sie sind durch keinerlei Landfonzessionen gebunden. Ihre Bindungen sind rein wirtschaftlicher Art. Das unterscheidet ihre Lage ganz mesentlich von der der Engländer, denen Hongkong und Weihaiweih gehört. Die neueste Wendung der Dinge ist die, daß die Javaner deutlich von den Engländern ab rüden. Die Japaner waren die ersten, die auf die Einladung der Chinesen nach Beting antworteten, und zwar antworteten sie in besonders freundlichem Tone. Sie übersahen dabei gefliffentlich. daß die ganze nationale Bewegung in China ihren jüngsten Aufschwung durch das Unrecht erhielt, das den chinesischen Arbeitern in den japani schen Tertilfabriken in China angetan wurde. Sie überjahen dabei jedenfalls den ungeheuren Schaden, den der Bontott ihrer Produkte ihnen täglich und stündlich brachte. Sie taten so; als ob nichts passiert sei. Es schien, als wollten fie die Politik der Anfu- Bartei wieder aufwärmen, die schon einmal in China für japanische Intereffen eingetreten war. Wie dem auch sei, fie erreichten es, daß die japanischen Waren heute in China nicht mehr boyfottiert werden. Bontott richtet sich heute allein gegen England. Japan hat sich von England getrennt. Der Infolge der Isolierung, in der England sich befindet, wird es in bestimmten Bunften nachgeben müssen. Die Art des neuesten englischen Vorgehens beweist, daß man die Tat pom 30. Mai in Schanghai als einen großen Fehler erkannt hat und daß man beginnt, sich mit einem Zurückweichen ver traut zu machen. Amerika, Japan und Frankreich werden andererseits nicht gern auf die moralische Gefte verzichten wollen, die ihnen ihre überlegene Stellung gestattet. So wird bestenfalls für China ein Kompromiß herauskommen. Der Zwang zum Einheitsstaat. Ein Vortrag des preußischen Finanzministers. In der Berliner Handelshochschule hat gestern der preußische Finanzminister Höpfer Aschoff in einem interessanten Bortrage über die praktische Auswirkung des augenblicklichen Steuer systems auf Industrie und Handel seine Auffassungen über den 3wang zum Einheitsstaat entwickelt. Höpfer- Aschoff ging davon aus, daß die Dreiteilung der Steuerverwaltung auf die Dauer eine unerträgliche Belastung der Wirtschaft sei. Eine Bereinfachung des ganzen Systems jei nur möglich im Einheits staat. Ein erster Fortschritt sei das Reichsbewertungs: gefeß. Es set notwendig, eine Entwicklung anzustreben, bei der bie einheitliche Steuerverwaltung und Erhebung durch die Finanzämter gesichert werde, wenn dabei den Landesbehörden und den Gemeinden ein Einfluß auf das Veranlagungsgeschäft gesichert werde. Wie beim Reichsbewertungsgesetz müsse die Landesverwaltung und die Selbstverwaltung auch in das Veranlagungs: gefchäft bei der Einkommen und Körperschaftssteuer eingeschaltet id Körperschaftssteuer ngeschalt werden. Höpfer- Aschoff erklärte: „ Das Ziel der Vereinfachung des materiellen Steuerrechts und die Veranlagung aller direkten Steuern durch eine Stelle wird auf diesem Wege noch nicht voll erreicht werden. Die Wirtschaft muß sich darüber flar sein, daß dieses Ziel nur durc eine Umgestaltung der bundesstaatlichen Ver= faffung erreicht werden kann, und darum sollie die Wirtschaft und solche Gremien wie die In dustrie und Handelstammern dieser Frage eine viel größere Aufmertfamteit widmen, als es bisher geschehen ist. Denn für die Entlastung der Wirt schaft, die heute unter einer Fülle von Steuern seufzt, ist nicht nur die Reform einer allgemeinen Verwaltung, sondern auch die Reform der Staatsverwaltung von der allergrößten Bedeutung, und beide Reformen werden zu einem glücklichen Ende nur geführt werden fönnen, wenn die bundesstaatliche Verfassung im Sinne des Einheitsstaates umgestaltet wird." Die gleiche Einsicht wird sich unter dem Zwang der Verhältnisse auf die Dauer auch weiteren Kreisen mitteilen. Der Zwang zur Berwaltungsreform und Verwaltungsvereinfachung, zur Ueber windung der fonservativsten Beharrungszustände unseres öffentlichen Lebens tommt von der Finanzseite her. Dieser 3wang wird so start sein, daß die ältesten Zopfträger ihm nicht werden widerstehen können. Der neue Ankläger der Thüringer Ordnungsregierung. Justizskandal ohne Ende. Jena, 10. November.( Eigener Druhtbericht.) Nach dem Hinauswurf des Oberstaatsanwalts Frieders in Weimar hat sich die thüringische Regierung schnell nach einem neuen Mann umgefehen und sie hat ihn gefunden in dem Ersten Staatsanwalt der Strafabteilung des Landgerichts in Sonneberg, Geheimrat Dr. Luge. Er ist zum Nachfolger des Oberstuatsanwalts Frieders bestimmt worden. Dr. Luge ist noch aus der Vorfriegszeit als besonders scharf gegen die Sozialdemokratie bekannt. Macht ihn das schon in den Augen der thüringischen Ordnungsregierung beliebt, so tommt noch die Tatsache hinzu, daß seine Eignung für dicfen Bosten über jeden Zweifel erhaben ist: Luge war nämlich Direktor der Meiningischen Landeskredittaffe und murde bei der Ueberführung dieses Instituts in die thüringische Staatsbant von dem damaligen Staatsbantpräsidenten Loeb der Regierung zur Verfügung gestellt. Nun läuft noch das Verfahren wegen angeblicher Untreue gegen Loeb, die leßte Hoffnung der augenblicklichen Macht haber in Thüringen, Loeb doch noch etwas am Zeuge flicken zu fönnen. Dr. Luge ist scheinbar von allen thüringischen Staats: anwälten der einzigste, der über eine„ banftechnische Erfahrung" verfügt ist er nicht geradezu vom Schidsal be stimmt, das Untreueverfahren gegen Loeb durch zuführen?! Angesichts der einzigen größeren Sache, die bei der Staatsanwaltschaft in Weimar in Bearbeitung ist, nämlich das Untreueverfahren gegen Loeb, ist die Bestallung des Dr. Luge ein neuer Standal in der thüringischen Justizgeschichte. Die belgischen Provinziallandtagswahlen führten zu einem fozialistischen Erfolg. Soweit die Ergebnisse bisher bekannt sind, haben die Sozialisten über 30 Size gewonnen. Die schwebenden Wirtschaftsverhandlungen. Wie wir von unterrichteter Seite hören, ist der von Spanien angekündigte neue Verhandlungsvorschlag bei den deutschen amtlichen Stellen eingetroffen. Der Vorschlag eröffnet Aussichten auf eine Verständigung. und über die Ansammlung von Vorräten in den spanischen Häfen, Die Alarmmeldungen über eine plögliche Notlage Spaniens die der Gefahr des Verderbens ausgesetzt sein könnten, dürften nicht zutreffen. Selbstverständlich wird mit schweren Schädigungen des spanischen Exports infolge des Handelskrieges auf die Dauer gerechnet, und diese Schädigungen würden durch die unvermeidlichen deutschen Gegenmaßnahmen noch verschärft werden. Die Abwehrmaßnahmen sind jedoch noch im Stadium der Erwägung, zumal Spanien selbst neue Verhandlungen gesucht hat. Der Abschluß des deutsch- italienischen Handels. a b tom mens ist bisher von den beteiligten Industriefreisen troj der starken Bollabschläge, die Deutschland auf Kunstseide und für Zutomobile machen muß, recht günstig aufgenommen worden. Es wird sehr darauf ankommen, daß der italienische Vertrag schleunigst zur Ratififation dem Parlament vorgelegt wird, da bekanntlich in dem Vertrag selbst die Dauer des lleberganszustandes bis zum 15. Dezember befristet ist. Das fchweizerische Abkommen, das zunächst der Befeitigung eines vertragslosen Zustandes galt, enthält eine ganze Reihe grundsätzlich wichtiger Abmachungen zwischen Deutschland und der Schweiz. Auf beiden Seiten wird die Meistbegünstigung gewährt. Die Schweiz hat überdies ihren grundsäglichen Standpunft aufgegeben, wonach der Gebrauchszolltarif der Schweiz als Für deutsche Waren ist eine Reihe von unantastbar gelten soll. Bolljätzen zugestanden, so u. a. für Spielwaren, Kartons und Papierwaren, die unterhalb des schweizerischen Gebrauchszolltarifes liegen, Auf deutscher Seite stehen dem ebenfalls eine Reihe von Zugeständniffen gegenüber. Das Abkommen ist jedoch nur als ein Provisorium gedacht. Es soll durch einen endgültigen Bertrag abgelöst werden, für den die Verhandlungen noch im Dezember d. 3. beginnen sollen und in dem auch weitergehende Boilregelungen im Interesse des beiderseitigen Warenverkehrs zu treffen sind. Kursrückgänge an der Börse. Die Meldungen über den spanischen Zollkrieg und das belgische Bei Beginn der offiziellen Börse jedoch lagen Käufe aus dem RheinEinfuhrverbot für deutsche Rohle verstimmten an der Borbörse und verursachten Rüdgänge am Montanmartt bis zu 1 Proz. lande namentlich auf Bhönix. und Gelsenkirchen vor, die das Niveau alsbald merklich befestigten, zumal bedeutendes Interesse für Vorprämien per Dezember vorlag. Die verschiedenen Auslandsaufträge wirkten ebenfalls stimulierend. Erst im weiteren Verlaufe wurde die Börse stiller, wobei die Kurse bis zu ½ Proz. sich sentten. Beamtenwünsche. Köln, 10. November.( Eigener Drahtbericht.) Der Reichsbund der höheren Beamten, der in Köln unter dem Versiz des Staatsministers a. D. Scholz zu seiner diesjährigen ordentlichen General verjammlung zusammengetreten ist, beschäftigte sich bei dieser Tagung in der Hauptsache mit der Frage der wirtschaftlichen Besserstellung der höheren Beamten. Nach einem Referat des Studienrats Dr. Bohlen fand ohne Aussprache eine Entschließung zur Besoldungsfrage der Beamten Annahme, in der betont wird, daß die gegenwärtige Besoldung der gesamten Beamten schaft völlig unzureichend sei, und die Erwartung aus gesprochen wird, daß das Reich und die Länder umgehend Schritte unternehmen, um der unbestreitbaren wirtschaftlichen Not der Beamten aller Gaitungen abzuhelfen. Der Bundestag fordert weiter, als Eingangsgruppe der höheren Beamten die Gruppe 11 anzuschen und eine allgemeine prozentual gleichmäßige Erhöhung der Grundgehälter sofort vorzunehmen. Das englische Unterhaus tritt am 16. November wieder zu= fammen. Die große politische Aussprache über den Vertrag von Lecarno soll am 19. November beginnen. Am 18. Dezember geht das Parlament auf zwei Monate in Urlaub. Das„ Attische Mädchen"-eine echte Antike? 6. Jahrhundert v. Chr. fo ähnlich, wie z. B. auf dem lararaifchen wichtige Rolle. Er wurde auch bald in den Berwaltungsrat der Bon Dr. Paul F. Schmidt. Im Obergeschoß des Alten Museums ist sie provisorisch aufgestellt. lleberlebensgroß, unverlegt steht sie da, geheimnisvoll grinsend, Beuteſtück der preußischen Museumsverwaltung um die Kleinigkeit von einer Million Reichsmark. Wir haben es ja dazu. Die Berliner Künstler freuen sich, daß auf ihr Konto nur 100 000 m. kommen, die die Stadt Berlin ihnen an den jährlichen Einfäufen obziehen wird. Sie sind mit einem blauen Auge davongekommen: Anfangs war man so großzügig gewesen, auf Kosten der lebenden deutschen Künstler den ungedeckten Rest in Gestalt einer halben Million zu bewilligen. Sehen wir uns einmal diesen phänomenalen Marmor näher an, der den preußischen Staat, die Stadt Berlin und eine Anzahl mäzenatischer Bantherren in einen so splendablen Taumel versetzt hat. Bevor auch wir Hosianna rufen und innerlich die Kleinigkeit von einer Million( nachträglich) mitbewilligen, möchten wir an die Herren der Museumsverwaltung oder wer sonst an dem Verdienst diefer Erwerbung beteiligt ist, einige Fragen richten, die von den betroffenen Regierungs- und Kommunalstellen anscheinend vergessen worden sind. Zur Beantwortung dieser Fragen gehören allerdings dreierlei Kenntnisse: solche der griechischen Frühzeit, der gotischen Stulptur und der modernen Bildhauer und Fälschertechnit. Wier erklären die Archäologen so flagrante Widersprüche, wie sie sich an der Figur finden, daß einige Merkmale gebundener, archaischer wirfen, und andere unbestreitbar entwickelter, als sie bei den uns bekannten griechischen Bildwerken um 500 v. Chr. er scheinen, und einige gar schlechthin ungriechisch, von einer barbarischen Art, die wir weder ägyptisch, noch assyrisch( oder mytenisch", was überhaupt nicht in Betracht kommt), sondern deutsch- frühgotisch nennen müssen? Altertümlicher als die Körperbildung bei den frühattischen fogenannten Tanten" usw. find die Augenbildung, die Grobheit von Nase und Mund, die perückenhaften Haare, das„ assyrische" Profil. Der sehr langweilige Schematismus der Falten und des breiten, bufenlosen Oberförpers hat auch nicht seinesgleichen unter den betannten Figuren. Umgefehrt wirft fortschrittlicher( und dies in einem be dentlichen Maße) die erstaunlich der Natur abgelauschte Detaillierung der Hände und Füße, die freudige Plastizität der Schmuckstücke an Hals, Ohren, Arm, Sandalen. die Troddelchen an den Enden des Umid) lagetuches; endlich die Eleganz der Taille, die in einer gar nicht archaischen Weise durch den dreieckigen Durchbruch am rechten Unterarm unterstrichen wird. Frühgotisch( oder spätromanisch) schließlich erscheint das sonderbare starke Grinsen, die Senkung der Fußspigen, der nudelartige Trott der simplen Falten von oben bis unten. Wo haben wir solch ein Grinsen gesehen? Nicht bei archaischen Figuren, aber bei bem sogenannten Stephanus der Adamspforte in Bamberg, bei den Klugen Jungfrauen an der Baradiesespforte des Magdeburger Doms. Und vielleicht( beijeite gesprochen) bei etwelchen modernen Gestalten expressionistischer Färbung, wie etwa bei Hoetger. Allerdings grinsen auch manche griechischen Köpfe aus dem Relief von Herakles und den Kerkopen( Museum von Palermo), oder Medusenhäupter( Beispiel: der schöne Bronzekrater im Mün chener Antiquarium). Es ist aber ohne Beispiel, daß ein feierliches Kultbild bei den Griechen die Augen so froschhaft aufreißt oder den Mund so gotisch verzieht. Bedenkt man, daß die Steifigkeit der archaischen Gestalten auf die ruhevollen, in Ewigkeitsempfindung getauchten Figuren der Aegypter zurückgeht, daß die Entwicklung, soweit wir sie übersehen können, vom, absolut Starren und Säulenmäßigen sich zum förperlich und seelisch Angeregten wendet und diese Erlösung fich ganz allmählich und logisch vollzogen hat, haben muß, so findet man vor den bisher ältesten Beispielen des grie chischen Archaismus feinen Bunft, wo ein so frampfiger Expreffionismus fich etabliert haben fönnte. Wir find aber noch nicht zu Ende mit unseren Fragen. Ganz und gar räselhaft sind: das hineinstecken des linken Daumens unter den Üleberwurf. Dieser lleberwurf selbst, der wie ein Wollschal aus dem modernen Wintersport anmutet. Das Cerevistäppchen, das der Dame aufs Haupt gesetzt ist, und die äußerst schleierhafte Frisur. Es gibt teine griechische Statue, deren Haar nicht vor dem gewieg testen Friseur bestehen könnte. Die Wollperücke des Attischen Mädchens fönnte lediglich durch Vergröberung und Mißverständnis der frühesten lagaraischen Haartouren erflärt werden, die sehr deutlich ein vom Scheitel ausgehendes melonenförmiges Haubengeringel darstellen. Hier aber wird ein unklares Lambrequin daraus; gewiffermaßen eine Stilisierung von Ponyloden über den ganzen Kopf mit zwei gebackenen Kringelzöpfen rechts und links. Eine folche Frisur soll man aber erst erfinden. Beinahe das Wichtigste fehlt noch. Wo ist die Figur gefunden, wie war es möglich, fie in fo tadelloser Erhaltung auszuheben? In melcher griechischen Landschaft oder Stadt foll fie entstanden fein? Was für eine Göttin(?) stellt sie dar? Ist die Frage beantwortet, die ein Bildhauer öffentlich aufgeworfen hat, ob die Verfinterungs spuren echt sind? Und warum ist nur die rote Farbe der Gewandung so schön erhalten, während wir doch sonst auch Blau, Ocker, Weiß und andere Farben seit zweieinhalb Jahrtausenden in Spuren vorgefunden haben? Die Archäologen haben sich bisher ausgeschwiegen. Hier liegt aber ein Fall von eminent öffentlichem Interesse vor. Können die Archäologen unsere Fragen nicht restlos beantworten, bleiben gewichtige Reste von 3weifel übrig, so wäre das Ergebnis: daß in dem verarmten Deutschland eine Million Reichs mart für die Fälschung einer Antite gezahlt worden sind. Warten wir auf die Antwort der Verantwortlichen. Marimilian Sladet, Direktor des Berliner Theaters, ist im Alter von 51 Jahren einem schweren Herzleiden erlegen. Eingeweihte mußten, daß zu seiner förperlichen Krankheit große wirtschaftliche Sorgen gefommen waren. Sladet, der stets ein sauberer Geschäfts: mann in Theaterangelegenheiten gewesen war, brach unter den Schwierigkeiten der Zeit zusammen. Sladet hatte in Berlin als Schauspieler am Deutschen Theater" begonnen. Das war vor 15 Jahren, und fein jozialer hang trieb ihn dazu, eifrig für beffere Bebensbedingungen feiner Sameraben einzutreten, So spielte er | innerhalb der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger" eine Schauspielergewerkschaft gewählt. Als er dann als Sommerdirektor Glück gehabt hatte, trat er auch in die Reihe der ernsthaften und unternehmungsluftigen Theaterdirektoren ein. Mit Gertrud Ensoldt übernahm er die Direktion des Kleinen Schauspielhauses in der Fasanenstraße. In aller Erinnerung ist der Riefenprozeß, in dem er zusammen mit seinen Schauspielern auf der Anklagebant saß, weil Schnüffler und Reaktionäre ihn beschuldigten, durch die Aufführung des Schnitzlerschen Reigen" die öffentliche Moral gefährdet zu haben. Ein glänzender Freispruch bewies, daß in der jungen deutschen Republik noch ein wenig Raum für die Freiheit der Kunst übrig geblieben war. Bald ging Sladet zu größeren Unternehmungen über. Er leitete das Große Schauspielhaus. Die Revue, das modernste Erzeugnis unseres Theaters, bürgerte er dort ein. Und als das Berliner Theater fäuflich zu erwerben war, brachte er zufammen mit Edmund Reinhard, dem Bruder Mag Reinhards, dieses alte Haus an sich, um die Wiener Operette zu pflegen. Aber trotz der anständigen Kunst, die der fleißige Mann dort betrieb, war er nicht vom Glüde begünstigt. Ersparnisse aus früheren Erfolgen wurden aufgebraucht und Sladet geriet in Schwierigkeiten. Er war förperlich und seelisch den Aufregungen nicht mehr gewachsen, und so schied er eher aus dem Berliner Theaterleben als seine zahlreichen Freunde es gewünscht hätten. M. H. Studienreise deutscher Studenten nach Amerifa. Mit dem Dampfer Thuringia" der Hamburg- Amerika- Linie, der in diesen Tagen von seiner legten Reise nach New York wieder in Hamburg eintrifft, fommt eine Anzahl Kölner Studenten zurüd, die vor einigen Wochen zu einer Studienreise nach den Vereinigten Staaten fuhr. Die Reise führte von New York aus nach Boston, Buffalo, Detroit, Chicago, Pittsburg, Washington, Philadelphia und wieder zurüd nach New York und gab den Studenten interessante Einblicke in das amerikanische Wirtschaftsleben. Bei allen offiziellen Begrüßungsfeiern und besonders bei den sehr herzlichen Ansprachen, die der Senatspräsident des Staates Massachusetts, der Bürgermeister von Boston und der Staatssekretär der Landwirtschaft in Washington hielten, wurde die Wichtigkeit solcher Studienreise für das gegenseitige Verständnis der beiden Länder betont. Deutschland jet nächst England der bedeutendste Abnehmer amerikanischer Erzeugnisse gewesen und müsse diese Stellung auch wieder erwerben. Die Mißverständnisse der letzten Jahre zwischen Amerika und Deutschland hätten aufgehört, und Deutschland, so führte der Staatssekretär der Landwirtschaft aus, werde bald wieder den Platz unter den Wirtschaftsvölfern einnehmen, der ihm auf Grund feiner Bergangenheit und seiner Leistungen gebühre. eriten anz Matinee der Boltsbübne E. B. im Theater am Die Tanzgruppen Bartholome Trimpy und Gret Palucca werben in der Bülowplay am Sonntag, den 15. November, mittags 11%, Uhr, Zanztompofitionen ihrer Leiterinnen sowie von Laban, Marh Wiginan und Vera Storonell zur Vorführung bringen. Einlaßfarten 1 M. in den Verkaufsstellen der Voltsbühne E. B.( Linienftraße 227, Stönigsplak 7, Zieg'sche Theaterkaffen usw.) Boltsbühne, Theater am Bülowplak. Agnes Straub fpielt biefe Bojo be allen Aufführungen bes Raufmann von Benedig die Borgia. Das Friedensbankett in Guildhall. Chamberlains Liebestrunk mit dem deutschen Botschafter. London, 10. November. Eigener Drahtbericht.) In seiner Rede über das Wert von Locarno wandte sich Chamberlain zum deutschen Botschafter Sthamer, der neben Chamberlain saß, mit den Worten: Als Beweis unseres guten Friedenswillens und unserer Absicht, mit unseren Nachbarn gute Beziehungen aufrechtzuerhalein, gebe ich insbesondere der Freude darüber Ausdrud, heute gemeinsam mit dem deutschen Botschafter aus dem Liebespokal trinken zu können. Mögen unsere Nationen tun, was er und ich heute abend getan haben. Wir werden im Geiste von Locarno weiter arbeiter für den Frieden der Welt, damit die Zivilisation sich, von den Wunden erholen kann, die sie in den letzten Jahren erlitten hat. Ministerpräsident Baldwin widmete seine Ausführungen in erster Linie der Innenpolitik, doch streifte er das Wert von Locarno mit den Worten:„ Nichts ist wichtiger für die Wiederherstellung der Wohlfahrt des Landes als die Beschleunigung des großen Werkes der Versöhnung und daß sich Chamberlain so große Verdienste erworben hat. Jeder seiner Kollegen ist stolz auf ihn und das verdiente hohe Lob, das ihm von allen Seiten zuteil geworden ist. London, 10. November.( WTB.) Der spanische Botschafter Ballin feierte in seiner Antwortansprache im Namen des diplomatischen Korps die Verdienste der verschiedenen britischen Regierungen um den Weltfrieden, der„ der natürliche Zustand der Menschheit" sei. Von dem Vertrage von Locarno hoffe er aufrichtig, daß er die Urfunde des europäischen Friedens und des fünftigen Weltfriedens für viele Jahre sein werde.. Wir sehen Chamberlain zurückkehren, nicht nur als Friedensbringer, sondern auch ohne Unterschied der Nationalität als Freund von allen denen begrüßt, die mit ihm an dem Beratungstisch zusammen famen. In dem wundervollen Erfolge von Locarno ist nicht nur der Ertrag der Bemühungen des jetzigen Außenministers zu erkennen; Locarno ist das Ergebnis einer langen und unermüdlichen Vorbereitung, die ihren wahren Wert durch den jetzigen glücklichen Abschluß erhalten habe. In seiner Antwort auf den Trinfspruch auf die Flotte erflärte Lord Beatty: Ganz natürlicherweise wird nach einem großen Kriege gefordert, die nationalen Streitfräfte herabzusetzen, von denen das Schicksal des Landes in Zeiten der Gefahr abhängig ist. Aber nach allen großen englischen Kriegen hat es Gefahren gegeben. Daher muß man sich an die gegebenen Tatsachen erinnern, die den Bestand einer angesehenen britischen Flotte verlangen. Die britische Flotte besteht, um den Frieden der Welt zu erhalten und das britische Reich zu sichern. = Durch den Vertrag von Washington ist die Stärke der Flotten der Großmächte endgültig festgesetzt worden, soweit Großfampfschiffe und Flugzeugtransportschiffe in Betracht kommen. Die Politik der Regierung besteht in Uebereinstimmung mit diesen Verträgen, in der Innehaltung des Ein Mächte Standards, der Gleichheit mit der stärksten Flottenmacht. Die Sicherheit des britischen Reiches, das sich über die ganze Erde erstreckt, erfordert eine besondere Berücksichtigung der Kreuzerfrage. Die Welthandelsrouten, von denen England in bezug auf seine Ernährung und die Versorgung seiner Industrie mit Rohstoffen abhängig ist, find feineswegs fürzer oder weniger verwickelt als im Jahre 1914. England ist vielmehr heute nicht weniger, sondern tatsächlich mehr von ihrer Sicherheit abhängig. Man hat gesagt, daß sich die Verhältnisse geändert haben, da England im Jahre 1914 einem mächtigen Feinde zur See gegenüberstand und daß diese Drohung heute verschwunden ist und somit für das Reich heute auch fein Anzeichen für eine Gefahr mehr besteht. Dies trifft zu und ist vollkommen in Betracht gezogen worden. Die Flottenpolitik ist dementsprechend eingerichtet worden. Im Jahre 1914 besaß England 108 Kreuzer. Heute besitzt es noch 59, die teils im Dienst, teils im Bau sind und teils auf Stapel gelegt werden sollen. Im Jahre 1914 befand sich England dadurch in einem sehr großen Bortcil, daß es in der Lage war, die Ausgänge für die zum Angriff auf den britischen Seehandel bestimmten feindlichen Schiffe zu beherrschen. Trotzdem aber war die Anzahl der England zur Verfügung stehenden Shiffe für diesen Zwed faum aus= reichend. Einer so günstigen strategischen Lage sieht man fidh jedoch in dem bedauerlichen Fall eines Krieges mit irgendeiner anderen Macht nicht gegenüber. Daher würde dann der Bedarf an Kreuzern und an Schuß, den sie bieten, größer sein als im Weltfriege. Ich persönlich und, wie ich glaube, jede Admiralität, fann daher der Behauptung, daß die Zahl unserer Kreuzer unangemessen hoch ist, niemals zustimmen. Der Staatssekretär für das Luftfahrwesen, Sir Samuel Hoare, erwiderte den Trinkspruch auf die Luftflotte: Die britische Luftverteidigung ist in den letzten 12 Monaten wesentlich verstärkt worden. Das Fliegen, die größte Entdeckung des 20. Jahrhunderts, hat der Welt wenig mehr gebracht, als auch die Luft den furchtbaren Auseinandersetzungen der modernen Kriegführung zu öffnen. Sollen aber wirklich die Kräfte des Krieges in der Atmosphäre die Oberhand behalten, die doch dazu bestimmt ist, im Zeichen des Friedens zu stehen? Er habe die Hoffnung, daß mit dem Abkommen von Locarno sich über Europa ,, ne ue atmosphä rische Bedingungen" ausbreiten, die Wolfen des Krieges sich zerstreuen und einen heiteren und klaren Himmel hervortreten lassen werden, so daß die Luftfahrt für die Menschheit ein Segen wird und kein Fluch, in dem es Streit und Argwohn, Furcht und Haß ausarten lassen können. Sanierungsdebatten in Paris. Kopfsteuer und Staatsbeteiligung an Unternehmungen abgelehnt. Paris, 10. November.( WTB.) Ueber den Verlauf der Montag nachmittag abgehaltenen Sigung des Kammerausschusses für Finanzen ist zu berichten: Die vorgeschlagene Kopfsteuer von 20 Franks für die Dauer von 14 Jahren wurde abgelehnt. Der sozialistische Abgeordnete Vincent Auriol stellte den Antrag, statt der im Regierungsentwurf vorgesehenen Maßnahme einer Abgabe vom Kapital die Beteiligung des Staates an jämt lichen, hohen Gewinn abwerfenden Unternehmungen einzuführen. Dieser Antrag wurde mit 15 gegen 15 Stimmen bei mehreren Enthaltungen abgelehnt. Die Auswirkungen des Attentatsplans. Der ,, Avanti" verboten. Rom, 10. November.( WIB.) Gestern nachmittag hat die Polizei die Direktionen des„ Avanti" und der kommunistischen „ Unit a" in Mailand befeht und Durchsuchungen, die allerdings erfolglos geblieben sein sollen, vorgenommen; fodann wurden die Räumlichkeiten verfiegelt. Beiden Chefredakteuren wurde ein Präfekturdekret übergeben, welches die Einstellung der beiden Blätter verfügt wegen ihres ständigen Kampfes gegen das faschistische Regime, und weil die Blätter trotz wiederholter Berwarnungen auch nach Aufdeckung eines Aitentafsplanes gegen Muffolini ihre aufreizende Haltung nicht geändert hätten. " Der Wasserbudiker. system zurechtzufinden. Die Stadtschulräte Nydahl und Professor Dr. Helmde dankten namens der Stadt für die Bereicherung des Voltslebens und wünschten der Ausstellung guten Erfolg. Dann eröffnete Oberstudiendirektor Professor Flemming in seiner Schule die Kunstschau. Schüler der X. Berufsschule boten am Anfang und Schluß gute Musik. Die Ausstellung befindet sich in der höheren Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie, Warschauer träge statt, die unmittelbar in die Arbeit der Künstler einführen. Straße 3. Am Mittwoch, den 11. und 25. November, finden VorAn der Schleuse ist man gerade dabei, eine Zille ,, durchzulassen", die ohne weiteren Aufenthalt. in Berlin ihre Reise fortsezen will. Bald ist der Schleußaft" beendet und schwer zieht die Zille ihres Weges. Plötzlich legt sich längsschiff ein fleiner Kahn, beladen mit Dingen, die man vom Ufer aus nicht gleich erkennen kann. Es ist der Wasserbudiker", der mit seinem„ Unternehmen" wahrlich fein leichtes Leben hat und hinterher sein muß, wenn er etwas aus seinem Bestand verkaufen will. Diesmal hat er Glück. Die Frau des Schiffers erscheint und deckt ihren Bedarf, soweit ihn eben solch ein Kleinhändler decken kann. Bald ist das Geschäft erledigt, der Händler verläßt die Längsschifffeite und die Zille zieht dem Reiseziel verläßt die Längsschifffeite und die Zille zieht dem Reiseziel dem Borsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Marquardt die Verhandweiter zu. Selten hat der Wafferbudiker einen guten Geschäftsgang zu verzeichnen. Vor dem Kriege war eine größere Anzahl der ihren Beruf auf dem Wasser ausübenden Händler zu verzeichnen, die sich aber während der schweren Kriegsjahre erheblich verringerte und nach dem Kriege in Berlin wohl bis auf zwei Mann zusammenschmolz. In der Inflation war der Geschäftsgang lahmgelegt. Und erst allmählich, mit der Stabilisierung der Mark, komite der Wasserbudiker darangehen, wieder sein Lager aufzufüllen. Und er muß, wenn auch nicht alles, so doch vielerlei, führen, sei es nun Brot, Schiffsbesen, Wurst, Zigaretten oder Nähnadeln und Zwirn. Wili er auf seine Burſt, Zigaretten oder Nähnadeln und Zwirn. Will er auf seine tosten tommen, so muß er ganz genau den Schiffahrtsverkehr beobachten, denn haben die Zillen oder Schleppdampfer erst einmal ange= legt, dann ist es mit dem Geschäft aus, und der Schiffsbewohner deckt seinen Bedarf am Lande, wo er selbstverständlich billiger fauft als beim Händler, auf dem Wasser. Wenn der Abend bereits seine Schatten niederfenkt, pendelt unser Händler nur noch auf und ab, angeſtrengt nach einem Kunden ausspähend. Wenn er dann nach),„ Geschäftsschluß" darangeht, Kasse zu machen, so entdeckt er immer wieder von neuem, daß auch dieser Tag nur fargen Gewinn gebracht hat. Unsere Zeit ist hart. Auch der Wasserbudiker muß kämpfen, um sein Dasein weiter fristen zu können. Der Potsdamer Prozeß. Die Gräfin im Auto, die Proletarierin in der Grünen Minna. In den Gefängnishof in Potsdam fährt um 49 Uhr ein vornehmes Auto, die Angeklagte von Bothmer steigt ein. Hinter dem gräflichen Auto aber fährt sofort die Grüne Minna vor. Eine kleine armselige Frau aus dem Bolt steigt aus, verhärmt, vergrämt. Dieses Bild krasser Gegenfäße ist die vorweg genommen richtige Illuſtrierung zu den warmen Worten, die ein wenig später der Vorsitzende über das Recht der Angeklagte spricht. Ein Kriegsheld aus der Etappe. Der Separatiftenführer Freitag vor Gericht. Vor dem Schwurgericht des Landgerichts II begann heute unter lung wegen Totschlags gegen den Kaufmann Erich Freitag. Die Bluttat selbst ist im Rheinland geschehen und wird auf Anordnung des Justizministeriums wegen der besonderen Umstände hier in Berlin verhandelt. Freitag wird beschuldigt, am 15. November 1923 während des Separatistenaufstandes im Rheinland den 17jährigen Peter Staffel vorfäßlich getötet zu haben. Der Angeklagte befand sich als Kurier der Separa tisten division Rang" mit einem dichtbesetzten Lastauto und einem Personenauto auf sog.„ Requisitionswegen". Als die beiden Fahrzeuge in Himburg in der Nähe von Honnef angelangt waren, wurden die Separatisten von der dortigen Bevölkerung, die eine feindliche Haltung annahm, hart bedrängt. Obwohl aber niemand von der Menge bewaffnet war, soll nun Freitag, der mit den Chauffeur allein auf dem Führersiz saß, sofort mit seine m Jagdgewehr rücksichtslos auf die Leute hinein= geschossen und so den jungen Staffel durch eine Kugel in den Mund getötet haben. Freitag ließ sich dann später in BerlinSchöneberg nieder, wo er eines Tages entdeckt und verhaftet wurde. Deffentlichkeit wegen Gefährdung der Staatssicherheit wird Ein Antrag des Staatsanwalts auf Ausschluß der von dem Gericht nach kurzer Beratung abgelehnt. -Freitag, dem der Ruf eines der rücksichtslosesten und gewalttätigsten Führer der Separatisten vorausgeht, wurde von dem Landgerichtsdirektor Marquardt mit scharfen Worten ermahnt, hier vor Gericht vor allen Dingen ruhig und anständig zu bleiben. Die ihm zur Last gelegte Tat streitet der Angeflagte mit lauter und fester Stimme ab. Nach der Schilderung feines belanglosen Werdegangs er war Schreiberlehrling bei einem Rechtsanwalt macht er folgende Angaben: 1912 war er freiwillig zum Militär gegangen. Nach Kriegsausbruch war er voll ausgebildeter Soldat und wollte ins Feld hinaus. Bei Ueberschreitung der Grenze bei Aachen befam er einen higschlag. Nach Wiederherstellung seiner Gesundheit wurde er vom Regiment wieder nach Belgien geschickt. Kaum war er in Lüttich, als er er frantie, angeblich durch vergiftetes Brot. Er war dann im Krankenhause und erhielt von dort aus Erholungsurlaub zu seinen Eltern. Als das Regiment ihn wieder ins Feld schicken wollte, defam er infolge der Aufregungen" Nervenzudungen. Die Ver handlung geht weiter. fum hat die Dampfheizung durchbrochen. Staatsanwalt und Im Gerichtssaal herrscht Kühle. Das sensationslüsterne Publi Borsigender halten den Vorwärts" breit vor sich. Der Prozeß beginnt. Der Vorsigende. Landgerichtsdirektor Dr. Westerkamp, fommt auf die Vorwäts" Notiz zurück und liest sie vor. Jeder Angeklagte, so meint er, muß die Möglichkeit haben, sich vor Gericht so zu verteidigen. wie er es für seine Ents lastung am zweckmäßigsten hält. Die Prozeßleitung wird dagegen lastung am zweckmäßigsten hält. Die Prozeßleitung wird dagegen 73 000 Mark Falschgeld entdeckt und beschlagnahmt. nichts einzuwenden haben, wenn das Verhalten eines Angeklagten der Würde des Ortes und des Gerichtshofes entspricht. Dieses Recht hat in Potsdam jeder Angeklagte, nicht nur die Gräfin. Man wird sich diese hübschen Worte für andere Prozesse merken. Er erwähnt, daß der Angeklagten das Automobil gestattet werden muß, wenn sie es bezahlt. Das Photo. graphieren hat der Vorsitzende gestern verboten. Kriminalassistent Rütnic- Potsdam und Frau Springer, die Portierfrau im Hause Markgrafenstraße, werden veraammen, wissen aber nichts Wesentliches zu melden. Dem Fräulein Lufas, Friseuse in Berlin, hat die Gräfin v. B. viele Sachen zum Kauf angeboten, Tischdecken, Römer usw. Die Gräfin fagte, daß die Sachen von dem abgestürzten Potsdamer Regierungsrat von Leubinder stammten. Fräulein Lukas erkennt die Sachen im Gerichtssaal als die wieder, die ihr zum Kauf angeboten worden sind. Die große Tischdecke hat die Zeugin auch getauft. Auch sie stamnit Dom Präsidenten Ried.( Bewegung im Buhörerraum.) Die Gräfin erbot sich damals auch, Bücher zu bringen. Aber wer fommt gegen die Gräfin auf? Sie streitet. Sie berichtet, sie redet die Zeugin schachmatt, und der Herr Graf spricht auch, und draußen Beugin schachmatt, und der Herr Graf spricht auch, und draußen warten andere Zeugen. Vor dem Staatsanwalt steht ein. gefchliffenes Settglas, auch bei Riecks gestohlen, aber die Angeflagte protestiert. Römer werden auf den Beweistisch gestellt, der bestohlene Präsident zögert:„ Ich weiß nicht genau, ob das alles meine Römer find.". Da mals, als er bestohlen war, da wußte er es doch so genau. Aber er ist ja 81 Jahre. Am 24. August ist die Gräfin zu Saß in die Leibnizstraße gekommen und hat dort einen Römer angeboten. Man lehnte dort ab, die Gräfin bot auch Silbersachen an, auch angeblich von dem abflärung ab, daß Frau Leubinger fich in günstigen Verhältnissen begestürzten Herrn Leubinger. Der erste Staatsanwalt gibt die Erfindet und nie Sachen verkauft hat. Die Vergnügungssucht des nationalen Bürgertums. Der mutmaßliche Täter verhaftet. Falsche Zehnrentenmarfscheine wurden anfangs August d. I. in größerer Zahl in Berlin in den Verkehr gebracht. Sie waren im allgemeinen gut nachgeahmt, nur ein fleiner Fehler machte sie fenntlich. Als Vermittler zur Vertreibung dienten Leute, die aus dem Osten hierher zugewandert sind. Ende September wurde als mutmaßlicher Hersteller ein Steindrucker Richard Pfister festgenommen, der wegen, Fälschung von Brotfarten und Vertrieb falscher Banknoten im Jahre 1919 bereits vor. bestraft ist. In seinem Schlupfwinkel in der Invalidenstraße fand man noch 1043 falsche 3ehnrentenmartscheine. Pfister bestritt die Herstellung. Nach der Verhaftung tauchten feine Fäl schungen dieser Art mehr auf. Erst in der letzten Zeit wurden sie im Südwesten der Stadt wieder ausgegeben, und zwar von einem älteren Manne. Dieser Mann wurde schließlich in der Person eines 54 Jahre alten Maurerpoliers Jehann Andristi aus der Schleiermacherstraße verhaftet. Er hatte keinen Falschschein bei sich. Auch in seiner Wohnung fand man feine, wohl aber einen Kasfiber irgendwo Falschscheine versteckt habe, bestätigte sich durch eine Nachvon Pfister. Die Vermutung der Beamten, daß Andrikki forschung bei seinen Verwandten. Bei einem von diesen fand man in der Ahornallee zwei Pakete, die Andrizki in Verwahrung gegeben hatte, ohne von ihrem Inhalt etwas zu sagen. Sie lagen auf einem fleinen Hängeboden über dem Klosett. Das eine enthielt 7300 nachgemachte 3ehnrentenmarscheine, die zu zweien noch zusammenhingen und noch nicht ganz fertig waren. Bei der Entdeckung dieses wichtigen Fur des verlor Andrizki plößlich sein Erinnerungsvermögen. Nach diesem Funde unterliegt es aber feinem Zweifel mehr, daß Pfister und Andrizki die Her= steller der Massenfälschungen waren. Die Werkstatt und die Hauptgeräte sind aber immer noch nicht ermittelt. Kriminalfommissar Don Liebermann in der Falschgeldabteilung der Reichsbank in der Kurstraße 49 nimmt mitteilungen hierzu entgegen. Eine neue Fälschung ist auch in Leipzig, und zwar zuerst auf der letzten Leipziger Messe aufgetaucht. Es handelt sich um eine Nachahmung der Reichsbanknoten zu 20 Reichsmart, Ausgabe vom 11. Oftober 1924. Sie ist am fichersten am Kopf des Frauenbildes auf der Vorderseite der Note zu erkennen. Auf der falschen Note ist das Gesamtbild verschwommen. Auf die Ergreifung der Fälscher hat die Reichsbank eine Belohnung bis zu 6000 Reichsmart ausgesetzt. Mitteilungen an Kriminalfommissar von Liebermann. Der Kein Tag vergeht ohne Arbeiterentlassungen, kein Tag, ohne daß Wir leben im Stadium stärkster wirtschaftlicher Depression. die Kurve der Arbeitslosenziffer beängstigend ansteigt. Der Bürger jedoch amüsiert sich mit einer Ausdauer und Hingabe, die in un erfreulichstem Gegensatz zur wirtschaftlichen Lage der breiten Volksmaffen steht. Ein Ballkalender", den die Montagspoſt" veröffentlicht, straft allem Gerede von schlichter deutscher Art" Lügen. Da ist am 10. November ein Ost martenball im 300, ein Ball der russischen Kriegsbeschädigten im Esplanade. ( das müssen sehr erklusive Kriegsbeschädigte sein!), am 13. November unerhörte Fall von Sabotage einer Boltstanzt der Berliner Tennisverband, da ist ein Kolonialversammlung hat sich gestern( Montag) abend im Saalbau ball in der Philharmonie, die elettrotechnische Industrie Friedrichshain ereignet. Eine große Wohlfahrtsvereinigung jazzt im Esplanade, der Deutsche Offiziersbund, der sich in Berlin mietete bereits im September den großen Saal im Saalbesonders stark für deutsche Sitte, Zucht und Art einsetzt, darf bei bau Friedrichshain für den Abend des 9. November zur dem Amusement nicht fehlen. Einem Baltenfest folgt tags da- Veranstaltung eines öffentlichen Vortrages über das Thema: rauf ein Ballrummel des Reichsverbands der deut. Heraus aus dem Sumpf!"( Wohnungs-, Jugend-, Gesundschen Industrie. Die Stagerat Besellschaft"(?!) heits-, Wirtschafts- und Sittennot!) Reichs- und Landesbehörden, wiegt sich im Marmorsaal im 300 bei erstklassigen Kapellen in den Reichs- und Landtagsabgeordnete und Stadtverordnete waren einmarferschütternden Fanfaren nationaler Klänge. Bemerkt sei, daß geladen und hatten teilweise bereits ihr Erscheinen zugesagt, sowie in allen diesen Vereinen die nationalen" Tendenzen ferner rund 500 Vereine und Verbände. Die Versammlung hat sehr start überwiegen. Aber noch der Aushungerungsrevolte aber nicht stattfinden können, und Tausende mußten vor der Großagrarier haben sie es ja auch! Es sind aber vielfach auch die den verschlossenen Pforten wieder umtehren, felben Leute, die sich, wenn die Partei mal ein Banner meiht, wenn weil das Alkoholtapital durch brutalsten Terroris= die Republikaner den Verfassungstag feiern, wenn die Jugend ihre mus unter Androhung von Gewalttätigteiten einen bescheidenen Feste begeht, über die vergnügungsfüchtigen Massen anständigen Gastwirt zum Vertragsbruch gezwungen hat, so daß er sich schimpfen! außerstande sah, den Saal für die Bersammlung herzugeben. Auch Oberbürgermeister Böß, der bereits im Begriff war, sich zu der Versammlung zu begeben, mußte davon Abstand nehmen. Es handelte sich um eine Versammlung der Guttempler, die die entfeglichen Nöte unserer Zeit einmal öffentlich aufzeigen wollten. Dieser unglaubliche Vorfall von Unternehmerterrorismus des Alkoholgewerbes wird bestimmt noch weitere Kreise ziehen. Kunst in die Schule! Männer wir Lichtwart und Justi haben das schon vor Jahrzehnten gefordert, jezt hat es der Bund für Kunst aus. stellungen in Schulen in anerkennenswerter Weise verwirklicht. Die Uebersicht in der Tertilfachschule zeigt einen sehr instrufKunst aus allen Lagern der Malerei und Plastik vom reinsten tiven und für Schüler faßlichen Durchschnitt der zeitgenössischen Naturalismus über Im- und Expressionismus zum heutigen lyrischen und konstruktivistischen Kunstschaffen. Der 2. Borjizende des Bundes, Dr. Hilpert, hielt die Festrede. Der Bund, der jetzt 200 000 itglieder zählt, will vor allem die Schüler ver stehen lehren, ihnen das richtige Sehen beibringen. Er will Künstler und Lehrer zusammenschließen für die Arbeit an der Jugend bringt durchweg Originale; Reproduktionen nur zum kunsthistorischen und veranstaltet zu dem Zweck Führungen in Künstlerateliers und Berständnis. So macht er die Schüler, indem er sie den Gegenwartsnero berühren läßt, reif, fich zwischen Oftultismus und Taylor- 1 Groß- Berliner Parteinachrichten. 4. Kreis Prenzlauer Berg. Heute abend, 7%, Uhr. in der Schulaula Senefelder Straße 7, Mitgliederversammlung. Thema: Arbeiterbewegung und Kulturfragen. Referent Emil Barth. Gäste tönnen, eingeführt werden. 28. Abt. Rahlabend wie gewöhnlich in den bekannten Lokalen. 38. Abt. Heute, Dienstag, abends 8 Uhr, Gigung der Weihnachtskommission bei dem Abteilungsleiter. 74. Abt. Zehlendorf. Die für Mittwoch angefekte Mitgliederversammlung findet beute, Dienstag. abends 7 Uhr, bei Midley, Potsdamer Str. 25, statt und nicht am Mittwoch. 111. Abt., Bohnsdorf. Mittwoch, abends 8 Uhr, bei Seimann, Waltersdorfer Straße, Zahlabend. Gewerkschaftsbewegung „ Daterländische Arbeitsvermittlung. Was ein Stahlhelm- Mitglied in Mecklenburg erlebte. Seitdem der„ Landbund" seinen Bedarf an Landarbeitern" in Medlenburg infolge der Aufdeckung der Femestandale nicht mehr decken kann, ist nunmehr der„ Stahlhelm" dazu übergegangen, durch Versprechungen aller Art vor allem jugendliche Arbeiter heranzuziehen. Er hat allerorts Arbeitsvermittlungsstellen gegründet, durch die unsere Großagrarier mit billigen und arbeitswillen Arbeitskräften ver= sorgt werden sollen. Die durch ihn vermittelten Arbeiter müssen natürlich bis auf die Knochen„ vaterländisch" gesinnt und mit glieder des Stahlhelms sein. Diese Art Arbeitsvermittlung dient natürlich in erster Linie der rücksichtslosen Ausbeutung der ..nationalen" Arbeitskräfte. Die Zuschrift eines Jung- Stahlhelm Mannes an unser Leipziger Parteiblatt gibt darüber einwandfreie Auskunft. Dieser durch eine völkische Arbeitsvermittlung eingefangene junge Mensch war mit seinen Rameraden für eine„ Egpedition" nach Mecklenburg gewonnen worden. Man hatte ihnen neue Uniformen, Schuhe, Urlaub und freie Fahrt hin und zurück und einen Stundenlohn von 40 Pf. bei neunstündiger Arbeitszeit persprochen. Wie die nackte Wirklichkeit aussah, zeigt sein Bericht: ,, Raum in Mecklenburg angekommen, mertten mir nur allzubald, wie man uns belogen hatte. Wir fahen uns schmählich verraten und verkauft als Arbeitstulis an die Großagrarier. Statt eines Stundenlohns von 40 Pf. erhielten wir 21 Bf., abzüglich 65 Pf. pro Tag, so daß ein Stundenlohn von 17% Pf. übrig blieb. Bon Uniform, Schuhen und Fahrtvergütung war feine Rede mehr. Aus der neunstündigen Arbeitszeit wurde eine dreizehnstündige Attordarbeitszeit. So mußten wir, ob wir wollten oder nicht, unser Schicksal ertragen. Rühren fonnten wir uns nicht, denn wir unterstanden einem Streitverbot. Während wir 13 Stunden täglich schufteten, hatte die Führerschaft nicht versäumt, ihr Schäflein zu scheren. Die Großagrarier, verpflichteten sich, für die Zuteilung der Leute pro Morgen 7 Bf. an die Führerschaft zu zahlen. Da auf 10 bis 15 Gütern etwa 100 Mann unter gebracht waren und der Grundbesiz pro Besitzer 3000 bis 5000 Morgen betrug, fann man sich ausrechnen, was für die Führer heraussprang. Während die Herren deutschnationalen und völ fischen Führer in Seft und Wein schwelgten, sind viele meiner Kollegen heute arbeits- und brotles." Man sieht, die Arbeitsvermittlung" des Stahlhelms hat nicht allein den Zweck, Rekrutenkontingente für das völlische Mecklenburg zu schaffen, sondern auch den, eine gelbe Arbeiterbewegung zu züchten, mit Hilfe derer man die Löhne der Landarbeiter schaft zu drücken vermag. Das Geld, das die Agrarier in Stahlhelm, Werwolf und Jung do stecken, soll sich also doppelt rentieren auf dem Umweg über den„ Stahlhelm" zum Streif brecherverband. Heraus mit Notftandsarbeiten! Die Hauptfunktionäre der Berliner Bezirksverwaltung des Deutfchen Berkehrsbundes beschäftgten sich in ihrer Sigung vom 9. NoDember mit den seit Wochen ständig steigenden Erwerbs. Iofenziffern. Sie tamen zu dem einmütigen Beschluß, daß hier sofort mit allem Nachdrud einzusehen ist, damit die mit jedem Tage schärfer werdende Notlage der Arbeits losen schneller Linderung erfährt.. Eine in diesem Sinne gehaltene Entschließung an die Generalversammlung, die sich an den Drtsausschuß des ADG B. richtet, daß dieser mit voller Kraft für die Beschaffung von Motstandsarbeiten bei den städtischen und Landesbehörden sich einzusehen hat, fand einstimmige Annahme. Es wurde beschlossen, diese Entschließung der Funktionäre schon vor der Generalversammlung dem Ortsausschuß zu übermitteln, damit seine im Sinne der Entschließung erforderliche Tätigkeit sofort beginnen fant. Von der Generalversammlung, die in den nächsten Tagen stattfindet, wird erwartet, daß sie der Entschließung der Hauptfunktionäre einmütig beitrift. Unbillige Härte. Ein Fleischer, der 1% Jahre bei der Firma Bruno Rosch= wig beschäftigt war, erlitt einen Betriebsunfall, der ihn auf das Krantenlager warf. An einem der ersten Tage seiner Krankheit erhielt der Fleischer die Kündigung. Er wandte sich an das Gewerbegericht, da die Kündigung einen Fall unbilliger Härte darstellt, wie er fraffer faum gedacht werden kann. Nun behauptete der Bertreter der Firma, der Fleischer sei bei der Arbeit so nachlässig, ja faut gewesen, daß nur aus diesem Grunde seine Entlaffung erfolgt sei. Tatsachen, die diese Behauptung hätten stügen fönnen, fonnten aber die von der Firma gestellten Beugen nicht anführen. Mit Recht wurde dem Bertreter der Firma entgegengehalten, daß sie einen ihrer Meinung nach unbrauchbaren Arbeiter wohl nicht 1% Jahre beschäftigt haben würde. Der dem Kläger zur Seite stehende Vertreter des Zentralverbandes der Fleischer verwies darauf, daß die beklagte Firma schon öfter Arbeiter während der Krankheit entlassen habe, daß sie aber infolge einer Borstellung des Zentralverbandes die Zusicherung gegeben habe, daß solche Fälle nicht wieder vorkommen sollen. Troßdem sei nun der Kläger während der Krankheit entlassen worden, was um so mehr zu verurteilen fei, als er sich die Krankheit durch einen Betriebsunfall zugezogen habe. Das Gericht erkannte dahin, daß die Entlassung des Klägers eine unbillige Härte ist und verurteilte die Firma, ihn weiter zu beschäftigen oder ihm eine Entschädigung von 211 Mart zu zahlen. ,, FLORA-" Varieté Schöneby., Wauptstr. 144 täglich 8 Uhr 11 erstklassige VarietéAttraktionen! KrausePianos zur Allg. Ortskrankenkasse f. Berlin- Steglitz Bekanntmachung Miete Dember 1925, abends 8 Uhr, im Kaffenlokal Ansbacher Str. 1, Edke Kurfürstenstraße Küchen Riesen- Auswahl, enorm preiswert! Anrichte- Küche Gerly. 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Moeckel, Borfigender. Koglin, Schriftführ. Adolf Hoffmann Episoden und Zwischenrufe aus der Parlaments- und Ministerzeit. Breis 1 Mart. Borto 5 Pfennig. Borräfig in allen BorwärtsAusgabestellen. Hierauf erklärte der Bertreter der Firma, der Kläger folle fich,| sobald seine Gesundheit wieder hergestellt sei, zur Arbeit melden, und wenn er nachlässig arbeite, werde er wieder entlassen. Da scheint man einen neuen Fall von unbilliger Härte vorzubereiten. Wucherische Ausbeutung. Firmen betreiben, die meiff stellungslose faufmännische Wir haben wiederholt auf die Ausbeutung hingewiesen, die die Angestellte mit Adressenschreiben beschäftigen. Unter diesen Firmen verdient die Firma Josef Schustermann, Köpe= nider Straße 108, besonders erwähnt zu werden. Hier werden als Adressenschreiber- je nach dem Auftragsbestand 25 bis 125 Personen beschäftigt. Etwa die Hälfte davon arbeitet im Bureau, die übrigen als Heimarbeiter. Diese Firma zahlt für 1000 Adressen 3 Mart, erhält jedoch dafür von ihren Kunden 9 bis 15 Mark! Der durchschnittliche Wochenverdienst eines Adressenschreibers beläuft fich auf etwa 10 Mart. Davon gehen noch die Beiträge für die Krankenkasse usw. und das Fahrgeld ab. Um Verwechslungen zu vermeiden, wollen wir bemerken, daß bei der Firma Adolf Schustermann, Rungestr. 23-24, die Bezahlung nicht unerheblich beffer ist. Der niedrigste Satz für 1000 Adressen beträgt dort 3,50 Mt. und steigert sich bis zu 5 Mt. bei schwierigerem Adressenmaterial. Firma Robert Leßmer A.-G., Wallstr. 16. Dort wird pro 1000 Adressen nur 2,75 Mt. gezahlt. Auch hier paart sich die Bewucherung der Angestellten mit der Bewucherung der Auftraggeber. Gegen die Maßregelung bei der Diskontogesellschaft. Noch weniger als die Firma Josef Schustermann zahlt die Profest der Stuffgarter Angestelltenschaft. Gegen die Maßregelung des Betriebsratsvorsitzenden bei der Diskonto- Gesellschaft- Stuttgart, Schattner, fand am Freitag, den 6. November d. J., eine von den Angestelltenorganisationen aller Richtungen einberufene Protestkundgebung statt, die! einen gewaltigen Besuch aufwies. Nach einem einleitenden Referat von Emonts Berlin, der mit aller Schärfe die brutale Personalpolitik des Geschäftsinhabers Mosler Berlin geißelte, der von 1000 Angestellten in Stuttgart 800 zur Entlassung bringen ließ, famen Jeuf vom DBV., ferner neben einer Reihe Vertreter der Betriebsbelegschaften der anderen Stuttgarter Banten die Sprecher des AfABundes, des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, des Bundes der technischen Angestellten und Beamten, des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes, des Gewerkschaftsbundes der Angestellten, des Gewerkschaftsringes und des Gesamtverbandes Deutscher Angestellten gewerkschaften zum Wort. Es wurde allseitig betont, daß es sich bei der Maßregelung Schattners nicht nur um einen Schlag gegen hebung der Koalitionsfreiheit handele. Sämtliche das Mitbestimmungsrecht, sondern um den Versuch der AufOrganisationen sind nach den gegebenen Erklärungen gewillt. gemeinsam die Interessen der Angestellten zu verteidigen. geradezu ungeheuerlich wurde das Verhalten des Stuttgarter Neuen Tagblatts" bezeichnet, das eine Anzeige der Gauverwaltung des Allgemeinen Verbandes der Deutschen Bankangestellten, die sich mit der Personalpolitik der Diskonto- Gesellschaft befaßte, zur Aufnahme abgelehnt, dagegen diese Anzeige nicht an die Gauverwaltung zurückgesandt, sondern der Direttion der Distonto Gesellschaft zur Kenntnis gebracht habe. Mit schärfsten Worten wurde dieses Vorgehen gerade von den am weitesten rechtsstehenden Organisationen gebrandmarkt. Als Nach einem Schlußwort von Emonts wurde einstimmig eine Entschließung angenommen, wonach die Versammelten in der Maßregelung eines Führers der Bantangestellten durch die Diskonto- Gesellschaft einen offenen Versuch des Banken fapitals erblickt, den Arbeitnehmern ihr letztes und entscheidendes Recht, das Koalitionsrecht, zu rauben. Wie überall, geht auch hier das Unternehmertum geschlossen und einheitlich nach zentralen Richt linien vor. Die Versammelten erklären, daß gegen diese Angriffe des Unternehmertums der gewerkschaftliche Zusammenschluß aller Arbeitnehmer erst recht herbeigeführt werden muß. Gie geloben im Sinne des Gemaßregelten, mit verdoppelten Kräften hierfür in den Betrieben tätig zu sein." Mit dem gegen Verfassung, Gesetz und Tarif verstoßenden Berhalten der Direktion der Diskonto- Gesellschaft hat sich nunmehr das Gericht zu befassen. Steigende Arbeitslosigkeit. Köln, 10. November.( Eigener Drahtbericht.) Auch in der vergangenen Woche ist in Köln die Arbeitslosigkeit wieder gestiegen. und zwar beträgt sie gegenwärtig über 20 000. Für die nächsten Wochen stehen weitere große Betriebseinschränkungen bevor. Der Internationale Ausschuß der Bergarbeiter. Paris, 10. November.( TU.) Der Internationale Ausschuß der Bergarbeitergewerkschaften ist gestern morgen in Paris zu sammengetreten, um über die Lage der Bergarbeiter in allen Ländern zu beraten. Vertreten waren England, Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg und Polen. Im Laufe der Nachmittagssigung beschloß das Komitee, das Internationale Arbeitsbureau in Genf zu ersuchen, die Wünsche der Bergarbeiter in bezug auf die 3u= sammensetzung der Untersuchungstommission entgegenzunehmen, die damit beauftragt ist, einen Bericht über die Lage der Bergarbeiter in der ganzen Welt fertigzustellen. Koalitionsrecht in Japan. Aus Tokio wird uns geschrieben: Im Mittelpunkt der öffentlichen Erörterungen stehen gegenwärtig zwei von der Regierung ausgearbeitete Gefeßentwürfe, die dem im Laufe des Monats Dezember zusammentretenden japanischen Reichstag vorgelegt werden. Der eine der Gesezentwürfe befaßt sich mit dem Sch lichtungsmesen, durch den anderen sollen die Rechte und Pflichten der Gewerkschaften geregelt werden. Es unterliegt faum einem Zweifel, daß die Regierungspartei durch die gesetzliche Regelung dieser Probleme bei den nächsten Wahlen Neu erschienen: Abreißkalender 1926 Preis 2.- R. M. Kinderland 1926 Preis 1.25 R. M. Zu haben in allen Vorwärts Speditionen, in der Buchhandlung J. H. W. Dick Nachfolger, Lindenstr. 2 und in der Vorwärts- Buchdruckerei, Lindenstraße 3, 4. Hof, 3 Treppen im Kontor. einen Erfolg im Lager der Arbeiter zu erzielen hofft. Die Arbeita geber rüsten bereits zum Ansturm gegen die Gesetze. Vor allem mißfallen ihnen in dem Gesetz über die Gewerkschaften die Bestimmungen, daß Arbeitnehmer nicht aus dem Grunde entlassen merden dürfen, weil sie einer Gewerkschaft angehören, und daß die Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Gewerfschaft nicht als Anstellungsbedingung gestellt werden darf. Die Textilarbeiter in Bombay hungern! ( JGB.) Ueber die Bedeutung des Streits der Tertilarbeiter in Bombay und ihres heldenhaften Widerstandes wird man sich erst flar, wenn man weiß, daß ihre Lebensverhältnisse schon vor der Einleitung des Streifs so schlecht waren, daß es fein Wunder wäre, wenn die bereits zermürbten Arbeiter nicht die Energie aufgebracht hätten, sich überhaupt zur Wehr zu sehen. Daß sie es getan haben, ist ein schöner Beweis des erwachen. den Klassenbewußtseins, und wenn sie unterstüt werden, bedeutet dies nicht nur Solidarität in gewöhnlichem Sinne, sondern es ist eine Anerkennung des Willens zum sozialen Aufstieg im Often, der auch für die europäischen Arbeiter von großer Bedeutung ist. Auch für Europa ist es wichtig, daß die Hungerlöhne der indischen Teptilarbeiter nicht noch weiter herabgesetzt werden. Was die Streitlage betrifft, so ist sie unverändert. Zwei bis drei Fabriken haben ihre Tore wieder geöffnet; es stellten sich jedoch nur ein paar Hundert Arbeiter ein. Trotzdem die Fabriken alle Borbereitungen trafen, um die Löhne unter Abzug der vorge schlagenen Reduktion für den Monat September auszuzahlen, weigerten sich die um die Fabrik versammelten Arbeiter, das Geld in fortgesetzt. Doch der Hunger meldet sich und wirft jeine Schatten über die Gesichter. Die Blicke der indischen Arbeiter wenden sich nach Westen und die Arbeiter des Westens haben die Pflicht, zu Empfang zu nehmen. Der Streit wird mit unverminderter Energie helfen. Wirtschaft etwas Kampf um die Wohnstättenbank- 2.- G. im Reichsrat. Das Siedlungswesen hat für reaftionäre Regierungen einen sozialpolitischen, d. h. üblen Beigeschmack. Auch dann, wenn es sich um die Wohnungsfürsorge für Reichs- und Staatsbeamte und für die Bertriebenen von Rhein und Ruhr handelt. Das zeigte sich bei der Beschlußfassung des Reichsrats über den Antrag der Deutschen Wohnstättenbank- 2.- G., Berlin, ihr den Charakter als Hypothekenbant gesetzlich zuzusprechen. Obwohl die 1923 gegründete Bant fast seit ihrer Gründung Hypotheken- und Pfandbriefbankgeschäfte auf Grund jeweiliger Ministerialermächtigungen betreibt, obwohl fie dabei bedeutende Erfolge gehabt hat und tatsächlich eine Lücke im hypothefenbantwesen ausfüllt, das sich bisher um Siedlungen nicht fümmerte, suchten die drei reaktionärsten Regie rungen Deutschlands, Bayern, Thüringen und Mecklenburg- Schwerin, die Genehmigung im Reichsrat zu hintertreiben. An sich liegt nicht viel daran, denn die übrigen Staaten( mit Ausnahme Hamburgs) haben den Antrag genehmigt. Aber die besonders von Bayern vorgetragene Begründung der Ablehnung läßt erfennen, wie sehr Reaktion und privatfapitalistisches Intereffe eins sind, sobald die Wähler mal weiter Dom Schuß find. Bayern machte sich das Argument des Bankiertages zu eigen, daß ein Bedürfnis nach der Gründung(!) einer Hypothekenbant zu Siedlungszwecken nicht vorliege. Es hatte also ganz verschlafen, daß durch die bisherige Tätigkeit der Wohnstättenbant als hypothekenbank das Bedürfnis schon bewiesen war und daß es sich überhaupt nur um die juristische Umwandlung eines schon bestehenden Instituts handelte. Dann machte sich Bayern das weitere Argument der Unternehmer zu eigen, daß teine Gewähr bestehe, daß mit Staatsmitteln arbeitende Institute ihre Zwecke ganz richtig durchführten. Natürlich fehlte auch der föderalistische, spezialbayerische Pfeffer nicht, der sich gegen eine neue unerwünschte Konzentrierung der Geldwirtschaft in Berlin wandte. Weit einer Stärkung der staatlichen Wirtschaftsbetätigung Preußens, wie die Unternehmerpresse behauptet, hat die ganze Sache nicht das mindeste zu tun. Aber man sieht doch, wie ganz und halb deutschnationale und völkische Regierungen auf diesen Unternehmerwint hin parieren. Die Beamten der Reichsbahn, der Post, der Reichsbank, die Bertriebenen von Rhein und Ruhr sollten sich das merken. Berficherung gegen 3ollerhöhungen. In dem hochentwickelten englischen Versicherungswesen sind Geschäftsgepflogenheiten üblich, die bei uns Kopfschütteln erregen würden. Einen neuen Geschäftszweig hat jetzt die Furcht vor Bollerhöhungen entstehen laffen. In England sind diejenigen Geschäftskreise, die an dem unver änderten Fortbestehen der gegenwärtigen Bollbehandlung intereffiert sind, durch die immer neu auftauchenden Zollwünsche der einbeimischen Industrie schwer beunruhigt. Sie haben nun, wie„ Die ertil- Woche" mitteilt, mit Erfolg versucht, sich gegen den Schaden, der ihnen aus derartigen Zollerhöhungen erwachsen kann, durch Bersicherungen zu schüßen. Für den Fall, daß der betreffende Schuzzoll bis zu einem bestimmten Termin tatsächlich eingeführt wird, erhalten die Versicherungsteilnehmer Entschädigungssummen, deren Höhe sich nach der Zollbelastung der einzelnen Ware richtet. In englischen Importkreisen, die mit Textilmaren handeln, macht man von diesem neuen Versicherungssystem vielfach Gebrauch. Berantwortlich für Bolitik: Ernst Reuter: Wirtschaft: Artur Saternus; Gewerkschaftsbewegung: Friedr. Eztorn; Feuilleton: K. S. Döscher; Lotales und Sonstiges: Friz Karstädt; Anzeigen: Th. Glode; sämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag 6. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts- Buchbruceret und Berlagsanstalt Vaul Singer u. Co., Berlin S. 68, Lindenstraße 3. ,, Ein Lebenskünstler" Nach dem Drama von Richard Voss Der große Erfolg des B. T. L., Potsdamer Straße 38 National- Film- Wochenspielpläne an jeder 2. Litfassäule. SCHUTZ MARKE Quittungs- Rabatt u Reklamemarken fertigt seit 45Jahren als Spezialitat Conrad Müller Schkeuditz Lexpzig Leiterwagen u. alle ander.Transportgeräte liefert billigst. Großer Vorrat. Georg Wagner Köpenicker Str. 71. Kein Ladengeschäft. 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