Abendausgabe dannating Nr. 557 42. Jahrgang Ausgabe B Nr. 276 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise find in der Morgenausgabe angegeben Redaktion: Sw. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297 Tel.- Adresse: Sozialdemokrat Berlin 10 Pfennig 25. November 1925 Vorwärts= Berliner Volksblatt Bericg und Anzeigenabteilung: Geschäftszett 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin Sm. 68, Cindenficaße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297 Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Ein Wendepunkt in Frankreich. Die Entscheidung der Sozialisten. Paris, 25. November.( Eigener Drahtbericht.) Von einem Mit glied des Parteivorstandes der Sozialistischen Partei werden unserem Bariser Bureau folgende Erklärungen über den am Dienstag gefaßten Beschluß von Fraktion und Parteivorstand gegeben: Der 24. November wird in der Geschichte des französischen Sozialismus ein wichtiges Datum bedeuten. Die absolute Einstimmigkeit, mit der am Dienstag nachmittag die 100 Mann starke sozialistische Kammergruppe, die vollzählig versammelt war, der Entschließung zustimmte, in der sich die Sozialisten bereit erklären, unter gewissen, genau festzulegenden Bedingungen an der Regierung teilzunehmen, | fich alle für eine Teilnahme an der Regierung ausgesprochen. Be jonders bemerkenswert ist, daß alte Genossen, wie Conftans, Breffe mane, Mistral und andere, die bisher gegen eine Beteiligung waren, sich energisch dafür ausgesprochen haben; ebenfalls Compère- Morel und Lebas, die den Wunsch zum Ausdrud brachten, daß die Partei die Mehrheit der Ministerpost en besetzen soll, während andere Genossen, wie Breffemane, Renaudel, Grumbach und Auriol, eine Beteiligung davon nicht abhängig machen wollen. Es wäre verfehlt, nun anzunehmen, daß damit die Krise rasch gelöst werden könne. Denn es ist sicher, daß Kräfte, die dem Eintritt der Sozialisten in die Regierung feindlich gesinnt sind, sich aber bisher zurüdgehalten haben, weil sie nicht an die Möglichkeit eines bejahenden Beschlusses der Sozialisten glaubten, sich nun ans Wert machen werden, um eine von den Sozialisten beherrschte oder wesentlich beeinflußte Regierung unmöglich zu machen. Es steht außerdem noch feineswegs fest, ob die linksbürgerlichen Parteien bereit sein werden, die von den Sozialisten formulierten Bedingungen auzunehmen. Eine der wesentlichsten Forderungen der Sozialisten wird sein, der Finanzpolitit von vornherein einen antiinflatio, nistischen Charakter zu geben. Etmas wird von heute ab nicht mehr möglich sein: die französische Sozialistische Partei zu beschuldigen, den Mut nicht aufgebracht zu haben, in einem wird in ganz Frankreich den tiefsten Eindrud machen. Bor einigen Tagen noch fonnte es scheinen, als ob es darüber innerhalb der sozialistischen Fraktion zu tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten fommen würde. Unter dem Eindrud der außerordentlichen Situation, in der sich Frankreich gegenwärtig, vor allem in finanzieller Hin sicht, befindet und angesichts der Drohungen, die von faschistischer Seite gegen das republikanisch- parlamentarische Regime ausgesprochen wurden, ist es zu einem einstimmigen Beschluß getommen, dessen Durchführung nur davon abhängen wird, ob die lintsbürgerlichen Parteien entschlossen sind, das Kampf programm anzunehmen, das die Sozialisten für notwendig halten. Einstimmig hat die Fraftion beschlossen, daß jedes Angebot an einzelne Mitglieder der Partei, in die Regierung einzutreten, abgelehnt werden soll, mie ein von Briand an Leon zu wollen. Welches auch der Berlauf der Krise sein mag, ob es zur Blum und Paul Boncour gemachtes Angebot zur Ablehnung ge- Bildung eines Ministeriums mit Sozialisten tommt oder nicht, der langte. Einstimmig hat die Fraktion fich für die Festlegung franzöfifche Sozialismus hat einen Beg eingeschlagen, auf dem auch eines praktischen Reformprogramms ausgesprochen als Hauptpor. Die ärgfte Reaktion in Frankreich ihn nicht mehr zur Einflußlosigkeit bebingung zur Teilnahme an der neuen Regierung. Einstimmigration ein außerordentlicher Parteitag dringend einberufen werden herabdrüden tann. Ob im Zusammenhang mit dem Beschluß der joll, darüber wird der Parteivorstand in seiner regelmäßigen Sigung am Mittwoch abend zu entscheiden haben, hat sie beschlossen, ein kurzes Manifest an das französische Bolt zu richten, in dem sie thre Bereitwilligkeit fund gibt, die nötige Berantwortung auf sich zu nehmen, unter der Be dingung, daß ihr die Möglichkeit gegeben wird, in der Regierung jene Maßnahmen zu ergreifen, die sie für notwendig hält. An der Diskussion, die von 3 bis 8 Uhr dauerte, nahmen hauptsächlich teil: Constans, Mistral, Compère- Morel, Hubert Rouger, Lebas, Barrabaet, Goude, Renaudel, Paul Faure, Bressemane, Marquet, Valière, Auriol, Blum, Boncour und vom Parteivorstand Grumbach. Mit Ausnahme von zwei Rednern haben Völkerbundsentscheid gegen Griechenland. 152 000 Pfund Entschädigung an Bulgarien. Rom, 25. November.( WIB.) Secolo" erfährt aus Athen, daß die Bölkerbunds tommiffion in Sachen des griechisch bulgarischen Konflikts eine für Griechenland ungünstige Entscheidung getroffen habe. Beiteren Meldungen aus Athen zufolge geht die Entscheidung der Bölkerbundskommission, die sich nach Mazedonien begeben hatte mit dem Auftrage, an Ort und Stelle die Berantwortlichkeiten für den jüngsten Grenzzwischenfall festzustellen, dahin, daß Griechenland an Bulgarien 152000 englische Pfund bezahlen muß, und zwar: 85 000 als Entschädigung für die Familien der 20 getöteten Bulgaren und 57 000 als Ersatz der Kosten des bulgarischen Truppentransports. Der griechische Ministerpräsident Bangalos hat sofort die sämtlichen Parteiführer zu einer Sigung einberufen, um die Entscheidung der Regierung gemeinsam mit der Opposition zu treffen. Zweifellos wird fich Griechenland dem Spruch. des Völkerbundes unterwerfen. Mussolini protestiert in Belgrad. Gegen die Rede Naditschs. Belgrader Meidungen zufolge hat der italienische Gesandte in Belgrad gegen die scharfen Angriffe Raditsch auf Mussolini in feiner Laibacher Rede protestiert. Raditsch hat daraufhin einen Rückzug antreten müssen, in dem er erflärte, die Zeitungsberichterstatter hätten ihn mißver standen und seine Wendungen über den Faschismus unrichtig in der Presse wiedergegeben. Die Abwürgung des Matteotti- Prozeffes. Rom, 25. November.( WTB.) Der„ Tribuna" zufolge dürfte der Matteotti Prozeß nicht vor nächstem Februar statisinden, da die Verteidiger die große Zahl der Aftenbände nicht früher durcharbeiten fönnen. Nachdem die Hauptschuldigen, soweit sie nicht mit Regierungshilfe über die Grenze abgeschoben wurden, durch Mussolini am nestiert wurben, gilt es, den Prozeß gegen die sonstigen Täter fo lange zu verschleppen, bis irgendein Bormand gefunden wird, das ganze Verfahren überhaupt niederzuschlagen. Wetterlés Ende. Der Protest- Elfäffer aus der Vorkriegszeit. Paris, 25. November.( Eigener Drahtbericht.) Am Dienstag ist in Rom einer der Führer der effäffischen Klerifalen, der frühere Reichstagsabgeordnete Abbé Weiterlé gestorben. Betterlé gehörte vor dem Kriege zu den elfäffischen Mitgliedern ber Reichstagsfraktion des Zentrums. Sein Herz und seine Politik waren wohl schon damals nach Frankreich gerichtet. Noch im Jahre höchst fritischen Augenblid die Regierungsverantwortung übernehmen * Die Pariser Morgenpresse bestätigt ohne Unterschied der Partei. richtung, daß Doumers Auftrag aussichtslos ist. Sowohl die Herriot wie die Painlevé- Partei erflären, daß fie nur eine Regierung der Linken, aber keine Regierung der Mitte unterstützen werden. Inzwischen ist durch den Beschluß der Sozialisten eine neue Lage gefchaffen, zu der die sonstigen Startellparteien am heutigen Vormittag in Fraktionsfizungen Stellung nehmen sollen. 1913 hat er als deutscher Reichstagsabgeordneter eine lange Bor tragsreise durch Frankreich unternommen. Seine Reden richteten sich gegen die deutsche Politik im Elsaß, die freilich sehr viel Anlaß zu Angriffen bot. Sofort nach Ausbruch des Krieges flüchtete er ebenso wie der sozialistische Abgeordnete Georg Beill nach Paris, um von dort aus sich start an der Propaganda gegen Deutschland zu beteiligen. In den letzten Jahren ist sein Name öffentlich faum mehr genannt worden. Anmaßungen des Reichsrats. Der Konflikt zwischen Reichstag und Reichsrat. Bon Willi Steintopf. Mit dem Zusammentritt des Reichstags tommt hoffentlich auch die Zeit zur Austragung des chronischen Konflifts zwischen diesem und dem Reichsrat heran. Anlaß dazu gibt der Einspruch des Reichsrafs gegen das vom Reichstag beschlossene Gesetz über die Abänderung der Fürsorgepflicht. Es handelt sich dabei um folgendes: Bei der Beratung des Aufwertungsgesezes beschlossen die Parteien des Kabinetts Luther- Schiele, daß bei der Berechnung von sozialen Fürsorgeleistungen Einnahmen aus aufgewertetem Bermögen bis zum Betrage von 270 m. jährlich außer Ansatz bleiben sollten. Was lag näher, als daß die Sozialdemokratie dieselbe Bergünstigung für die Leistungen auf Grund der sozialen Versicherungsgefeße und der Fürsorgegeseze verlangie und auch durchsezte. Der Reichsrat erhob gegen dieses Gefez auf Grund des Art. 74 der Reichsverfassung mit einer Mehrheit von zwei Stimmen Einspruch, fodaß es nochmals dem Reichstag zur Beschlußfassung vorgelegt werden mußte. Diese zweite Beschlußfassung erfolgte am 12. August, dem Tage der Bertagung des Reichstags, mit der vorgeschriebenen 3meidrittelmehrheit der Anwesenden, womit der Einspruch des Reichsrats erledigt war. Nach dem genannien Ver fajjungsartikel mußte der Reichspräsident nunmehr das Gesetz in der vom Reichstag beschlossenen Fassung binnen drei Monaten verfünden oder aber den Boltsentscheid anordnen. Reins von beiden ist geschehen. Reichsregierung und Reichspräsident haben sich zum Schaden der Sozialrentner der Zweiftimmenmehrheit des Reichsrats gefügt; das Gesetz ist nicht verkündet und in Kraft gesezt worden. Als Ausmeg haben der Reichsarbeitsminister und der wiffen lassen, daß das Reichstabinett am 26. Auguſt folgendes Reichsinnenminister( gez. Geßler) den Reichstag nunmehr beschlossen habe: „ Ein Gesez, das zu verkünden war, liegt nicht vor. Der Reichskanzler wird über den Tatbestand und den Beschluß des Kabinetts dem Herrn Reichspräsidenten berichten." Begründet wird diese eigenartige Haltung des Reichstabinetts damit, daß der Reichsrat eigentlich recht habe, wenn er gegen die überstürzte" zweite Beschlußfassung durch den Reichstag Protest erhebe und diese als eine nochmalige Beschlußfassung über das Geset" nicht anerkennen fönne. Der Reichsrat sei ferner der Meinung, daß diese nochmalige Beschlußfassung ebenso wie die sonstige Verabschiedung von Gesetzen drei Lesungen haben müsse. Zu diesem merkwürdigen Verlangen des Reichsrats hat das Reichskabinett ein Gutachten vorgelegt, dessen Tenor in folgender Auffassung gipfelt. Nach der Geschäftsordnung des Reichstags werden Gefehentwürfe, Haushaltsvorlagen und Staatsverträge in drei Lesungen erledigt. Wenn auch im vorliegenden Fall es zweifelhaft sei, ob es sich um einen Gefehentwurf" handle, so sei die Rückverweisung an den Reichstag doch eine Vorlage der Reichsregierung oder des Reichsrats und müsse nach der Geschäftsordnung des Reichstags ebenfalls in drei Lesungen behandelt werden, weil dies für solche Vorlagen grundsätzlich Dorgesehen sei. Ausnahmen also einmalige Beschlußfassung -sei nur mit Zustimmung des Reidsrats ober der Reichsregierung zulässig. Eine solche ZuBadische Regierungsbildung. Koalition aus Zentrum und Sozialdemokratie. Karlsruhe, 25. November.( WTB.) Die Wahl der neuen Regierung wird in der am Donnerstag nachmittag statt findenden Landtagssigung vor sich gehen. Heute finden Berhand- stimmung liege aber nicht vor. Wünscht der Reichstag fünftig lungen zwischen den Fraktionen der Sozialdemokratie und des Zentrums über die Zusammensetzung der Regierung statt. Die Regierungserflärung erfolgt voraussichtlich am Dienstag nächster Woche. Für Locarno! Die Stimme des beften deutschen Mannes". Koblenz, 25. November.( TU.) In einer Bersammlung der Deutschen Bolkspartei sprach gestern abend Reichsminister a. D. Dr. Jarres. Er erläuterte zunächst die Aufgaben des Provinzial landtages in bezug auf die innere Verwaltung der Rheinproving. Dr. Jarres gab dann einen Ueberblick über die Geschicke Deuschlands blommen, den Dames. Plan, das Bertragswert in den letzten Jahren. Er behandelte namentlich das Londoner von Locarno und die bekannten Borwürfe, die gegen ihn er: hoben wurden. Es sei sehr wohl möglich, so führte Jarres aus, trotz des Locarno- Bertrages mit Rußland in einem guten Verhältnis zu stehen. Daß der Vertrag von Locarno mit besonderer Begeisterung aufgenommen werden könne, wäre niemals behauptet worden. Es sei jedoch zu bedenken, daß mit der Unterzeichnung ein Wandel erzielt werde. Die Reichsregierung sei einen fchwierigen Beg gegangen. Man müsse Locarno als eine Etappe betrachten. Wegen der Erleichterungen hätten wir allerdings Grund, enttäuscht zu sein. Der Eintritt in den Völkerbund stehe uns noch frei, die Regierung solle noch abwarten, mie sich die Dinge entfrei, die Regierung solle noch abwarten, mie sich die Dinge entwideiten. Nach reiflicher Ueberlegung sei er aber zu der Ueberzeugung gefommen, daß es richtig fet, dem Bertrag zuzustimmen. Wie wird dem Lotal- Anzeiger", wenn er diese Stimme des besten deutschen Mannes hört? Wie hat er Jarres bei den Verhandlungen über seine Kandidatur gefeiert und in den Himmel gehoben, und jetzt trttt auch die fer " beste deutsche Mann" neben Hindenburg, den Abgott aller Monarchisten, dem Retter aus tiefster Not", für das dritte Versailles ein. In der Tat, schlechte 3eiten für nationalistische Phrasenhelden! die Dinge anders zu handhaben, so muß er seine Geschäftsordnung ändern. Daß die Frist von drei Monaten, in der das Gesetz nach der Reichsverfassung hätte verkündet werden müssen, nicht eingehalten worden ist, verschlägt nichts, denn diese Frist beginne erst dann zu laufen, wenn ein geschäftsordnungsmäßig zustandegekommener Beschluß des Reichstags vorliege", und das sei eben nicht der Fall. Der Reichstag mag durch Nachholung der bisher verabsäumten zweiten und dritten Lesung die Bedenken des Reichsrats und der Reichsregierung ausräumen ober, wenn er in diesem Fall sich mit einer Lesung begnügen will, einen entsprechenden besonderen Beschluß faffen. Man wird zugeben müssen, daß sich in diesem Gutachten Haltung der Reichsregierung und des Reichssrats gegenüber selbstverständlich bestellte Arbeit, um die rigorose den armen Sozialrentnern zu decken die ganze juristische Spitfindigkeit des Geheimrats wilhelminischer Schule offenbart. Daß in der Braris bereits mal wie im vorliegenden Fall verfahren ist, ohne daß Reichsregierung und Reichsrat Beiterungen machten, hat für die Herren natürlich keine Bedeutung. Reichstagspräsident Löbe, den man wahrhaftig als vorzüglichen Kenner und Praktiker der Reichsverfassung und der Geschäftsordnung des Reichstags wird anerkennen müffen, hat nollständig recht, als er vor der zweiten Beschlußfaffung dem Hause erklärte: Damit tein Irrtum aufkommt: mehrere Lesungen über den Beschluß gibt es nicht." Es zeugt Don menig Respekt, daß man dies sachverständige Gutachten ignorierte. Doch hier geht's eben wie manchmal beim Kabinett Luther: der 3med heiligt die Mittel! Natürlich wird die Sache im Reichstag ausgetragen merden müssen. Dies schon aus dem Grunde, meil, um es mit dürren Worten zu sagen, sich der Reichstag einfach nicht länger aefallen laffen fann, daß der Reichsrat ihm mit oder ohne Reichsregierung auf der Nase herumianzt, sobald es ihm paßt. Man fehe sich einmal die Reihe der Einsprüche des Reichsrats an. Was hat es da schon alles gegeben. Manchmal find es Etatspositionen, die er zu Fall bringt, weil ver schiedene der Herren Reichsratsverireter nicht vorher um gütige Erlaubnis gefragt worden sind. Dann wieder neben- sächliche Dinge— Angelegenheiten der Post—, weil Bayern keine Extrawurst bekommen hatte. Dann ging durch sein Zutun dos Gesetz zugrunde, nach dem uneheliche Mutterschaft an sich kein Grund zur Einleitung disziplinarer Maßnahmen gegen eine Beamtin sein durfte. Das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ist an feinen! Widerstand ebenfalls gescheitert. Und so könnte man noch eine stattliche Reihe anderer Heldentaten aufzählen bis zur Haltung gegenüber den Sozialrentnern, das dem Verhalten des Reichsrats aller- dings die Krone aufsetzt. Dabei ist zu beachten, daß sich der Widerspruch des Reichsrats nicht immer aus der Welt schaffen läßt. Denn bei Gesetzen, die im Reichstag nach harten Kämpfen mit einer Mehrheit von nur wenigen Stimmen beschlossen werden, kommt eine Zweidrittelmehrheit bei der zweiten Beschlußfassung natürlich nicht zustande. Damit sind diese Gesetze endgültig gefallen, wenn der Reichspräsident nicht einen Volksentscheid anordnet. In dem akuten Fall ist noch besonders zu beachten, mit welchem an Zynismus grenzenden Ton in dem„Gutachten" dem Reichstag gesagt wird, daß, wenn kein besonderer Bc- schluß vorliegt, es von dem guten Willen des Reichsrats und der Rcichsregiernng abhänge, ob er sich bei der wiederholten Beschlußfassung mit einer Lesung begnügen dürfe, oder ob er drei abhalten müsse, wenn er den Widerspruch des Reichsrats überwinden wolle. Man sagt wohl nicht zu viel, wenn man behauptet, daß in dieser Wendung die wahre Meinung der meisten Mitglieder des Reichsrats über das Verhältnis des Reichsrats zum Reichstag zum Ausdruck kommt. Der denkende Staaisbürger wird sich darüber wundern und sich fragen, wie es denn so weit hat kommen können. Der Sozialdemokrat, der den R e i ch s r a t als völlig überflüssig empfindet, dessen Ideal die deutsche Ein- h e i t s r e p u b l! k ist, und der die Vertreter der deutschen Gaue im vom Volk gewählten Reichstag sieht, wird darüber hinaus es schmerzlich empfinden, daß es ein Gremium gibt, in dem versucht wird, die Allüren verflossener Standesherren nachzuahmen. Wie gesagt, nicht alle Mitglieder de? Reichsrats wandeln diese Wege. Aber die meisten tun es. Soweit diese Herren Vertreter der preußischen Provinzen sind, also aus den Wahlen zu den Provinziallandtagen hervorgehen, wird man wenig dagegen machen können. Sie haben eine den Abgeord- neten ähnliche Stellung und sind nur ihren Wählern verant- wortlich. Und je nachdem die Wahlen zum Pro- vinziallandtag ausfallen, wird ein rechts- oder links- gerichteter Provinnalabgeordneter seine Provinz im Rsichsrat vertreten. Ein Fehler der Weimarer Verfassung war es. nicht festzulegen, daß auch diese preußischen Stimmen sich den Anweisungen der preußischen Regierung zu fügen haben. Was da heraus konimt, spiegelt sich in den oben geschilderten Vorgängen wieder. Und der unmögliche Zustand, daß die preußischen Stimmen im Reichsrat sich infolge der Struktur der Vertretung Preußens regelmäßig zersplittern, und so den Einfluß Preußens teilweise oder ganz ausschalten, ist noch immer nicht beseitigt. Der andere Teil der Reichsratsmitglieder sind aber Be- amts der Länder. Sie sind an die Instruktionen ihrer Re- gierungen gebunden und haben auch nicht annähernd die Eigen- schaften als Abgeordnete. Das hindert aber einen ganz erheb- lichen Teil dieser Herren nicht, in einer Weise aufzutreten, als wären sie„Mitglieder des Herrenhauses", die nur mit Gering- schätzung auf den Reichstag herabsehen. Treffen diese, die mit- unter auch nicht viel nach den Instruktionen ihrer Regierungen fragen— manchmal haben sie auch die„richtigen" Jnstruk- tionen—, in ihrem Gedankengang mit den reaktionären preußischen Provinzialvertretern zusammen, dann ist der Feudalklub fertig, und es gibt Zusammenstöße und Konflikte mit dem Reichstag und auch mit der Reichsregierung. Leider hat der Reichstag es bisher immer verabsäumt, einen solchen Konflikt bis zu Ende durchzufechten und den Reichsrat in feine Schranken zurückzuweisen. Klara Zetkin. Warum kehrt sie jetzt zurück? In großen Lettern kündet die„Rote Fahne" die Rück- kehr Klara Zetkins an. Dieselbe amerikanische Reklame, die über ein Jahr lang für Ruth Fischer und M a s l o w gemacht wurde, wird jetzt für die greise Führerin der Kom- munisten ausgewandt. War früher die Parole:„Ohne Maslowismus keine Weltrevolution!" so lautet jetzt die Parole schlechthin:„Klara Zetkin!" Ihr Name bedeutet, nach der Versicherung Wichelm Piecks in seiner Begrüßungsansprache auf dem Schlesischen Bahnhof, „ein Program m". Daß sie auf einmal aus dem Dunkel hervortritt» daß sie j e tz t in allen Spalten der kommunistischen Presse als große Führerin des Proletariats gepriesen wird, kann aber die Frage nicht unterdrücken, woKlaraZ'etkin bisher gewesen ist, und wo ihr Programm bisher wirksam war. Jahrelang ist die greise Klara Zetkin der deutschen Politik entzogen worden. Seit dem verhängnisvollen Märzputsch von 192l kam sie in der deutschen Kommunistischen Partei ins Hintertreffen. Ihr enges Zusammengehen mit Paul L e o i, den sie schließlich im letzten Augenblick im Stiche ließ, brachte sie in Moskau in den Verdacht der Ketzerei. Selbst in den Iahren der Brandler-Zentrale ist Klara Zetkin stets argwöhnisch beobachtet worden und nach dem Zusammen- bruch der opportunistischen Taktik der KPD., nach dem Siege der Ruth Fischer mußte sie überhaupt in Ruß- land bleiben. Sie war die Gefangene der Bolsche- witi, die ihr die Heimkehr nicht gestatteten, well sie von ihr eine ungünstige Beeinflussung der deutschen Kommunistischen Partei erwarteten. Klara Zetkin, jetzt auf einmal die große Führerin, war die Verbannte, und sie spielte in der Verbannung nur die gleiche Rolle, die sie auch jetzt spielen wird: eine Figur auf dem Schachbrett der bolschewistischen Taktik zu sein. Höchstens durfte sie im Innern Rußlands bei feierlichen Anlässen sich den russischen Arbeitern zeigen, denn die Bolschewisten verstehen es sehr gut, zur Beruhigung ihrer Arbeitermassen Vertreter der europäischen Arbeiterbewegung auszunutzen. Jetzt kehrt Klara Zetkin nach Deutschland zurück, weil die Bolschewiki ihr die Rückkehr gestattet haben. Sinn- fällig wird die Bedeutung dieser Rückkehr dadurch, daß gleich- zeitig Ruth Fischer, die bisherige kommunistische Göttin. in Moskau bleiben muß, während M a s l o w eine Verbannung nach Sibirien dadurch erspart bleibt, daß der deutsche Staatsgerichtshof ihn zu vier Jahren Gefängnis ver- urteilte, wodurch er den Bolschewiki diese Arbeit abnahm. Klara Zetkins Rückkehr ist lediglich die Folge des Front- Wechsels der Bolschewiki. Er durfte nicht gleich nach dem Erscheinen des Ekki-Brisfes erfolgen, weil gerade der Wandel der Personalpolitik die kommunistischen Organi- sationen zu mißtrauisch gestimmt und die Umstellung erschwert bätl«. Jetzt hat sich die neue Taktik in der kommunistischen Parteiorganisation durchgesetzt, nachdem alle angestellten Funktionäre befehlsgemäß eingeschwenkt sind und n u n k a n n auch Klara Zetkin zurückkehren. Noch wird Brand ler von Deutschland ferngehalten, well der Prozeß gegen die Komnrunistenzentrale noch unentschieden ist. Aber auch da s wird bereinigt und auch diese Personalsrage wird im Sinne der neuen Taktik erledigt werden. Klara Zetkin ist gedacht als Attraktion für die sozialdemokratischen Arbeiter. Sie soll in dem Kampf gegen die sozialdemokratisch« Festung, gegen die Ge- schlosienheit, Einheitlichkeit der Arbeiterbewegung als stärkster Sturmbock dienen. Moskau hat erkannt, daß Ruth Fischer dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Klara Z e t k i n soll Ge- legenheit gegeben werden zu zeigen, ob sie es besser versteht. Niemand wird eine Frau von dem Namen Klara Zetkins um diese Roll« beneiden. Seamtengehälter im ffauptausfthuß. Tie Regierung Nnll eine Erhöhung vertagen. Der Haushaltsausschuß des Reichstags verhandelte heute die Anträge auf Er höhungder Beamtenbesoldung, die von den Sozialdemokraten und anderen Parteien gestellt sind. Staatssekretär Zischer vom Reichsfinanzministerium machte ernste Bedenken geltend. Die Folgen ließen sich überhaupt nicht übersehen, da sie auf die Länder, die Gemeinden, auf die Post und die Reichsbahn übergriffen. Eine abschließende Stellungnahm! sei noch nicht möglich, solange nicht das Deckungsproblem geklärt sei. Denn jetzt liege ober dem Reichsrat ein Entwurf zur Senkung der Lohnsteuer vor, der die Einnahmen vermindere. Reichskanzler Dr. Luther wies darauf hin, daß sich die Regierung in einem Uebergangsstadium befinde, der ganze Kroftkreis konzentriere sich auf die Außenpolitik. Während dieses Zwischen- zustand» könne die Regierung nicht innenpolitische Handlungen vor- nehmen, deren finanzieller Ausgang sich nicht übersehen lasse. Dafür könne sie nicht die Verantwortung übernehmen. Er bitte also die Frage der Beamienbesoldung bis zu dem Augenblick zu ver- tagen, wo die Regierung zurückgetreten sei. Müller-Franken(Soz.) erklärt, es gehe nicht an, diese Frage gänzlich zu vertagen. Seine Fraktion habe angenommen, daß die Regierung selbst eine Erhöhung der Gehälter anstrebe. Trotz de: Krise müsse eine Verständigung der Partelen herbei- geführt werden. Reichskanzler Dr. Luther pflichtet dem Vorredner darin bei, daß eine Vertagung ins Unbestimmte unerträglich sei. Es empfehle sich jedoch, Stcuerfragen, Bcamteniragen, ander« Erhöhungsfragcn und auch die Kreditfrage e i n h e i t l i ch zu beraten. Der preußische Finanzminister Dr. Höpker-Aschoff bat. zu be- rücksichtigen, daß Länder und Gemeinden an der Einkommen- und Lohnsteuer mit 75 Prozent beteiligt seien. Die Fragen könnten also nicht ohne Länder und Gemeinden gelöst werden. Die Not der Beamten sei anzuerkennen, aber das sei nur ein Teil der ollgememen Not, in der sich auch die Steuerzahler einschließlich des Mittelstandes befinden. Nach weiteren Reden der Parteivertreter, in denen die Notwendigkeit einer Aufbesierung anerkannt wurde, sprach Sleinkops (Soz.), der die Frage auswarf, ob es nicht möglich gewesen wäre, schon heute die erforderlichen Unterlagen einzubringen. Eine Vcr- ständigung der Parteien müsse unbedingt erstrebt werden. Die preußische Erklärung sei unklar gewesen. Es wäre außer- ordentlich bedauerlich, wenn die Länder die Rot der Beamten zu einem Druck für die Aenderung des Finanzausgleichs benutzen wollten. Steinkopf sragt« die Regierung, ob es möglich sei, daß min- destens die unteren Besoldungsgruppen noch vor Weihnachten wenigstens bis Ist Proz. für die Besoldungsgruppen 1— 6 in die Hand bekommen könnten. Dabei dürfe diese Reform nicht mit de? Veränderung des Systems an sich verquickt werden. Di« Reichsbahn dürfe nicht dauernd eine besonder« Besoldungspoiitit treiben und nicht Einspruch erheben, wenn im Reich etwas unternommen werde. Preußilcher Finanzminister hoepker-Afchosf bestreitet, unklar gewesen zu sein Für Preußen bedeute der Antrag der Sozio'' demokraten«ine Mehrausgabe von 25 Millionen, eben viel für die Gemeinden. Preußen ist ober in seiner Steuer m' souverän, eine weitere Erhöhung seiner Steuern sei kaum möglic Man müsse also immer fragen, welche Möglichkeiten die Lände' haben, den Forderungen der Beamten Rechnung zu tragen, un ob sie das ohne Hille des Reiches tun könnten. Dos sei aber ni' der Fall. Aber die preußisch« Regierung würde c nur begrüßen, wenn man den Beamten helfc k ö n n t e. Staatssekretär Fischer weist nochmals auf die Schwierigkeit dc Materie hin. Auch für die Anregung des Abg. S t e i n k o p f sei eine Prüfung des Materials unerläßlich, es sei eine endgültige Antwort also nicht möglich. Nach weiterer längerer Aussprache wurde ein sozlaldemo- kratischer Antrag angenommen, der verlangt, daß dem Hauchaltsausschuß bis spätestens den 9. Dezember das einschlägig« Material vorgelegt wird, damit noch vor Weihnachten die Entscheidung getroffen werden kann. Kultivierte Unterbaltungsöramatik. Der erste Abend des Gastspiels des Deutschen Theaters im Theater am K u rf ü rst e n d a m m wurde zu einem rauschenden Erfolg für Max Reinhardt, dem Regisseur, und Käte Dorsch, die Trägerin der weiblichen Hauptrolle. Die beisallsselige Stimmung des Publikums entzündete sich an dem Schauspiel„Regen" von W. S. Maugham und Clemence Randolph, einer Komödie, die mit starken Effekten arbeitet und in Amerika Serien- aufführungen erzielt hat. Für Berlin ist der Autor Maugham kein Unbekannter. In der Originalität seiner Einfälle und dem spannen- den Aufbau der Handlung spürt man die sickere Hand des ge- schickten Bühnentechniters.„Regen" hat fünf Akte. Die ersten drei lassen sogar Hoffnungen auf tieferen seelischen Gehalt aufsprießen. Die Komödie spielt auf einer einsamen Südseeinsel. Der Dampfer bringt in das Haus des Händlers Horn ein« bunte Gesellschaft, einen Arzt, einen Missionar, beide mit ihren Ehegesährten, und die lockere Sady, ohne legitimen Anhang, aber dafür mit einer sehr zweifelhosten Vergangenheit und einer Freundschaftsbcreiischaft, die sie sofort zur umworbensten Persönlichkeit macht. Mit ihrer sorg- losen Lustigkeit und Tanzfreudigteit stellt sie das sonst so öde Quartier auf den Kops— und erregt natürlich das Mißfallen des Missionars, der stets freudig gewillt ist, sittliches Aergernis zu nehmen. Dieser Gotte-strester ist kein Heuchler. Er nimmt sein« Pflicht, gegen die Sinnlichkeit zu kämpfen, bitter ernst. Er fühlt in sich die göttliche Sendung. Aber die Mittel, die er anwendet, um seine Aufgabe durchzuführen, sehen nicht aus wie Werke christlicher Rächsteniiebe. Der Gouverneur ist sein Handlanger. In den, erbitterten Kampf zwischen dem Prediger und Sady, in dem alle auf feiten des grausam unterdrückten Mädchens stehen, unterliegt dieses schkeßlich der Gewalt. Sie soll per Schub nach San Franziska zurückgebrocht werden, wo sie eine Zuchthausstrafe abzusitzen hat. Und nun geschieht dos Wunderbare: Sady, die sich vorher mit aller Kraft gegen die Bckchrungsversuche gestemmt hat, wird zur reuigen Büßerin. Wir sino aufs höchste gespannt, wie sich der Knoten lösen wird. Aber da werden unsere Hofsnungen schmählich enttauscht. Die Tragödie biegt ins Banale und Kitschig- ab. Der Missionar, selbst von der Brunst gepeinigt, schleicht sich in Sadys Kammer und zahlt den Trieben der Natur«inen Tribut. Und aus der Büßerin wird wieder die frühere lustige lole Dirne Sady. An das Stück das sich erst in der letzten halben Stunde als Reißer entpuppt, wendet Mar Reinhardt sein reiches Können. Ein erlebnishaftes Bild von erotischem Treiben rollt sich vor unseren! Augen auf. Wir fühlen die kumpfe Schwüle der tropischen Regen- ucriode und leben für drei Swnden in einer anderen Welt. Hans Brausewetter(ein prächtig jungenhafter Matrose), Oskar Homolka(ein fetter phlegmatischer Händler), Hedwig Mangel(eine naturecht« schmierige Mulattin). Liselotte D e n e r a(eine köstliche dumme Pute van Arztsrau) und F r i e d r i ch Kühne(ein torkelndes Schifsssakiotum mit famoser Grondezza) geben den bunten Rahmen für die Haupigestalten der Komödie. Sady— Käte Dorsch— hat ihre Paradcrolle, in der sie ihre reichen künstlerischen Fähigkeiten entfalten kann. Das girrt und zwitschert und keift dazwischen, daß es seine Art hat. Man glaubt ihr, daß sie die ganze Bude in einen Freudentaumel versetzt. Und dann erschüttert sie wieder in ihrer longsam aufkeimenden Der- zweiflung. In ihrem Ton liegt etwas Hilfloses und Mitleidheischendes, dos die Seele mitschwingen läßt. Eugen K l ö p s« r als Missionar hält sich in den ersten Akten tapfer im Zaum, die schmierige Sal- baderei findet nicht war in der Stimme, sondern in seiner ganzen Haltung ihren Ausdruck. Wie er aber seine Rolle anpackt, kommt etwas Zwiespältiges zustande. Er gibt dem Missionar die heuchle- rischen Züge einer Tartüff-Figur, die im Stück nicht begründet sftid. Und in der Szene, wo es ihn in Sadys Kammer reiht, verliert er die Gewalt über sich. Da spielt er auf große Wirkung und es wird bloßes Theater und zwar schlechtes Theater. Ernst Dcgner. Die„Auslönderel der Berti m-r Schausptelbühneu". Der Verband deutscher Bühnenschriftsteller und Bühnen- k o m p o n i st e n E. L. protestiert in einem Aufruf gegen die„Ans- länderei der Berliner Schauspielbühnen", die in der laufenden Spiel- zeit einen bisher unerhörten Grad erreicht habe.„Der Verband als Derufsorgamsation der deutschen Bühnenautoren", heißt es darin. „ist weit davon entfernt, die Einbürgerung bedeutender Dichter des Auslandes zu banstanden: er erblickt vielmehr in der Universalität des deutschen Theaters einen Ruhmestitel. Da dieses aber nach seiner Meiming zuvörderst die deutsche drainatische Dichtung zu pflegen und zu fördern hat, wendet er sich um so energischer gegen den wohl- losen Massenimport theatralischer Marktware, die weder an Onalitöt noch an Zugkraft die verdrängte heimische Produktion übertrifft.' Wir vermuten, daß dieser Appell wenig fruchten wird. Die dentschen Theaterdirektoren wählen für ihren Spielplan die Stücke. von denen sie sich im Rahmen ihrer Bühne den größten geschäft- lichen Erfolg versprechen. Andere Rücksichten kommen kaum in Betracht. Daran wird und kann sich nichts ändern, solange die Bühnen fast ausschließlich kapitalistisch« ErwerbsuMernehmungen sind. Der Lehrplan de» Bauhauses. Das von Weimar nach Dessau übergesiedelte und dort neuorganissert« Bauhaus hat jetzt feinen Lchrplan herausgegeben. Die Lehrgebietc zerfallen in Werk- lehre, und zwar Tischlerei, Silber, und Kupferschmiedeorbeit, Wandmalerei, Weberei und Färberei und schließlich Buch, und Kunstdruck mit den ergänzenden Gebieten Material- und Werkzeug- kund« und Grundbegrisse von Buchführung. Preisberechnung und Vertragsabschlüssen, zweitens in Formlehre, die Werkstosj. künde, Naturstudium. Projektions- und Konstruktionslehre. Werk- zeichnen. Modellbau. Entwerfen, Raum- und Farblehre umfaßt. Ueber die Ausgestaltung dieser einzelnen L-hrg-biete sowie über die Aufnahmebedingungen und die Lehrsolge werden sehr ausführliche Mitteilunaen gemacht. Gropins und Moholy-Nagy geben im Ver- lag von Albert Longen in München auch eine Folge von..Bau. Hausbüchern" heraus, in denen Vertreter des internationalen Kunst- leben» künstlerische, wissenschaftliche und technische Fragen mit dem Blick auf die Gesamtheit der Gestaltungsgebiete behandeln. Die Zusammensetzung der Berliner Sludenlenschafl. In den Kreisen, die ihre Söhne auf die Universitäten schicken können, ist in den letzten zehn Jahren eine wesentlich« Umschichtung vorgegangen. Das lehrt die«tatistik, die auf Grund der Angaben der Berliner Universitätsstudierenden jetzt von Ludwig Suphan in den„Berliner Hochschulnachrichten' veröffentlicht wird. Von den 6268 männlichen und 1043 weiblichen Studierenden rekrutieren sich 1075 aus den Kreisen der höheren Beamten. 1651 Studierende hatten mittlere Beamte zu Vätern. 102 Studierenden wurde von ihren Vätern aus dem Stand« der unteren Beamten das Studium ermöpl cht. Aus den Familien der Angehörigen freier Berus« mit akademischer Bildung entstominen 338 Studierende, die Angehörigen freier Berufe ohne akademische Bildung stellten 138 Studierende. 145 Studierende haben Väter, die Offiziere und höhere Militärbeamte waren oder sind. Von den Gütern der Großlandwirte kamen 82, von denen der Kleinland- mirte 200 Studierende. 1997 Studierend« weist die Statistik aus als Kinder von Handels- und Gewerbetreibenden: darunter 413, deren Bäter Besitzer und Direktoren von Fabriken, Direktoren von Aktien- gesellschasten und G. m. b. H., und 354, deren Väter selbständige Handwerksmeister sind. 232 Studierende suchen ihre akademische Ausbildung als Sprößlinge von Privotangestcllten in leitender Stellung, während 816 Studierende Vätern, die als sonstige PrivatangesteUt« geführt werden, den Hochschulbcsuch verdanken. 60 Saldierende sind Söhne von Arbeitern,(davon 3 Theologen, 9 Juristen, 4 Mediziner und 44 bei der philosophischen Fakultät). Evangelisch sind 4689, katholisch 788. jüdisch 1021. bekenntnisfrei 85. Di« Ueberalterung der Stiidentenschait zeigt sich u. a. in dem Vor- handensein von 1043 preußischen Studenten im 12. dder einem höheren Semester(bei einer Gesamtzahl von 30 001) und 2050 Stu- dierenden, die dos 30. Lebensjahr überschritten hoben. Diese letztercn sind zum Teil die früheren Offiziere oder Bankbeamte, die nicht selten schon ein zweites Mal umsatteln, aber auch die älteren Volk»- und Mittelschullehrer, die ihre Kenntnisse erweitern wollen. Der Abbö weticrlö, dessen Tod wir an anderer Stelle melden. war bei allen ungünstigen Eharakterelgenschasten immerhin ein recht witziger Mensch. Noch vor wenigen Monaten wurde in den Wand»'- aängen der Pariser Kammer, der er nach dem Kriege angehörte. iolgende Anekdote kolportiert: Ein freidenkerischer Abgeordneter fragte ihn, ob er denn wirklich an Paradies und Holle glaube, was er unter Hinweis auf seine Priestereigcnschaft selbstocrständlich bejahte. Aus die weitere Frage, wohin er noch seinem Tode lieber wandern möchte, erwiderte er mit einem seinen Lächeln:.Wissen Sie, Herr Kollege, das ist kein- leichte Frage. Was die Temperatur anbelangt, bin ich unbedingt für das Paradies. Was die Gesellschaft betrifft, würde ich die höll« vorziehen." virektor Carl Bieder, der ssiihere Mitdirektor t-S Theaters dc« V-stenS. ist nach Ichlvereni Leiden verstorben. Zur.m«n,dweih« cmpücbl« da««rl'e!le,b!ll>ung,ii!slitllt sseij,,.;» Gescheiilbüchlein, da« von ilnn In dic'cm Iabie uerrtii«aeocacht varoen i(t und al: gemein Nnertennung ä�unden bat.?a» Büchlein enibält t-Zcdichie. Aussätze. Erzädlungcn»nd guten Bildlchmuck und kostet in Halbieinen xe- bundcn ni». eine Mark. Organssationen erhallen bei Eammelbestellung PreiZermägigung. La» TNarx-venkmal w IN-»k-u. Da« Denkmal, weiche« MoZkau Karl Marx errichten will, bat nun nach längeren Dcbaitcn seinen Platz acsunden ll« wird auf dem S-scrdlow.Pl-tz ausgestellt werden. Ter Schöpfer de« Denkmal« ist der rnssilche Bildbauer Zll-fchin. Auf einem grossen Gran-t- block wird die Gestalt von Zdorl Marx sich erheben. Am Sockel steht eine Gruppe vou Arbeitern. Bauer», Soldaten der Roten Armee ur-d preletorischen Frauen und Mädchen. «» Willkürakt. Ter Wahlleiter der Provinz Brandenburg als Helfers- Helfer der Rechtsparteien. Unter dieser Ueberschrift haben wir am ZV. November von der eigenartigen Methode Kenntnis gegeben, mit der der„Geheime" Regierungsrat Gerhardt als Provinzialwahlleiter für die Pro- vinz Brandenburg die Reihenfolge der Wahlvorschläge aufgestellt Hot. Gegen diesen Vorwurf wendet sich der Herr Geh. Re- gierungsrat in einer Zuschrift, die er uns in einem gedruckten Abzug zusendet. Eachlich enthält diese Zuschrift nicht die geringste Widerlegung der von uns erhobenen Einwände. Um so inier- «ssanter ist die S e l b st e n t h ü l l u n g. die der Prooinzialwahlleiter vornimmt. Er hält es für angebracht, die sachliche Erörterung dar- über, ob das von ihm beliebte Verfahren dem Sinn des Gesetzes entspricht oder nicht, mit einer heftigen politischen Polemik gegen die Sozialdemokratie und direkter Wahl- Propaganda zugunsten der bürgerlichen Parteien zu verbinden. Er wagt es, in dieser Zuschrift zu schreiben: „Dieser Kampfruf hat unzweifelhaft eine außerordentlich be- lebende Wirkung zur Folge, deren die wohldisziplinierte Sozial- demokratie nicht nötig zu haben pflegt, wohl aber die bürger- lichen Kreise, die an Wahl Müdigkeit bekanntlich Erstaunliches zu leisten wissen. Sie dürfte dieser Weckruf aus ihrer Lethargie aufrütteln und damit das Gegenteil von dem herbeiführen, was er bezweckt. Wenn übrigens der Verfasier infolg« Nichiberückfichtigung seiner autori- tativcn Willensmeinung den ganzen Wahlakt von vornherein als ungültig ansieht und dessen Anfechtung aus das bestimmteste ankündigt, dann ist es doch überhaupt von seinem Standpunkt aus eine ganz unnütze Mühe, die Wählermassen seiner Partei zu so geschlossener Wahlbeteiligung auf- zurufen, wie es jetzt geschieht." Der Herr Geheime Regierungsrat hat sich in seinem Schreiben eingangs dagegen gewandt, daß er als �Helfershelfer der Rechtsparteien" bezeichnet wurde. Nach dieser famosen Leistung wird er selbst wohl nicht mehr gut leugnen können, daß seine Sympathien für die Rechtsparteien sehr st a r k sind, so stark, daß sie ihn veranlassen, sogar in amtlicher Eigenschaft für sie Propaganda zu machen. Seine Entscheidung über die Reihenfolge der Wahlvorschläge aus den Stimmzetteln charakteri- stert sich dadurch erst recht als das, was sie ist, als«ine Unter- stützung der Rechten. Verstärkung üer Sefatzung in Trier. Teutschc Vorstellung bei der französischen Regierung. Trier. 2Z. November.(Mtb.) Wie die Stadiverwaltung mit- teilt, hat der Befehlshaber der französischen Garnison in Trier der Stadt nunmehr offiziell mttgeteilt, daß das Kommando eines Armeekorps und einer Kavalleriedivision nach Trier verlegt werden. Dabei wurde bemerkt, daß jedoch inso- fern eine Erleichterung eintrete, als für die neu hinzukommenden Formationen der Stab der in Trier befindlichen Infanteriedivision von Trier nach einer anderen Stadt des besetzten Gebietes verlegt werde. Die Verlegung de» Stabes der Infanteriedivision aus Trier hat eine kleine Verbesserung insofern zur Folge, als nicht der ganz« Augustinerhof beschlagnahmt werde, sondern nur das Gebäude, in dem bis zum Oktober 1k!ZZ die Cisenbahndirektion Trier provisorisch untergebracht war. Was die weiter in Anspruch ge- nommenen etwa 1 Wohnungen betrifft, so soll der Stadt von der französischen Besatzung noch«ine Uebersicht gegeben werden. E» bleibt abzuwarten, ob auch in diesem Punkte noch eine Verminderung der französischen Ansprüche erreicht wird. Die Berliner zustünt�igen Stellen, also insbesondere das Auswärtige Amt und das Ministerium sur die besetzten Ge- biete, haben sich, wie wir von gutunterrichteter Seite erfahren, sofort nach De�anntwerden der Sachlage mit dieser Frage be- schä'tigt. Man hat hier die bestimmte Hoffnung, daß die an- gekündigten Ouariierlasten noch rückgängig gemacht werden können. Der deutsche Botschafter in Paris ist beauftragt war- den, bei der franzüsischen Regierung mit allem Nachdruck zu verlangen, daß eine Mehrrauminanspruchnahme vermieden wird. Man ist um so mehr geneigt, an einen guten Erfolg zu glauben, als es in ähnlichen Fällen in den letzten Wochen schon verschiedentlich der Regierung gelungen ist, solche drohen- den Maßnahmen abzuwenden. der«-neue Kurs* in Memel. Mastregelung von mrmelländischen Beamte«. Memel. 25. November. lMtb.) In der zweiten Sitzung des memelländischen Landtages macht« der Abg. Rogge(Volks- partei), Londgerichtsrat, die aufsehenerregende Mitteilung, daß zwei von der Bevölkerung zu Abgeordneten gewählt« Beamte, nämlich Schulrot Meyer und Landespolizeikommissar Riechert, von ihren Aemter» enthoben worden seien. Die beiden Be- amten hätten ein Schreiben vom Landesdirektorium erholten, in dem erklärt werde, daß sie für die Dauer des Sejmelis aus ihren Dien st stellen ausscheiden. Demzufolge werden sie mit Ablauf des 25. November, des Tages des Zusammentrittes des Landtages, von ihren Dienstgcschäften entbunden. Ein gleiches Schreiben solle auch an ihn, den Redner, gerichtet worden sein, er habe es aber noch nicht erhalten. Abg. Rogge wies aus den Wider- spruch hin. in dem diese Maßnahme zum Memel st atut stände und brachte schließlich einen Antrag ein, in dem Protest gegen die Mahnahmen de» Landesdirektorium« erhoben wird. Dieser Antrag wurde mit allen gegen die Stimmen der beiden Litauer angenommen._ Abschaffung ües Paßzwanges. Zwischen Holland und Teutschland. Rotterdam 25. November.(WTB.) Der„Nleuwe Roller- damsch« Couraut' meldet: Gestern mittag hat im Haag im Mini- st-rium für Arbeit. Handel und Industrie eine Besprechung mit einer aus Vertretern verschiedener Handelskammern zusammen- gesetzten Kommission stattgesunden. die sich mit der bevorstehenden Aushebung de, Poßzwanges namentlich im Verkehr mit Deutschland befaßte. Di. M i l i t S r b« h ö r de hat, wie bei dieser Besprechung zutage trat, gegen die Aufhebung des Visum» k-in- Bedenken mehr, so daß die Angelegenheit jekt... da, ollerletzte Stadium getreten ist. Die endgültig« Abschaffung des Paßvisums soll möglichst nochvordeml. Januar 1920 durch. geführt werden.__ §lamenfeknüliche Stuäentenkrawalle. Brüssel. 25 November.(Eigener Drahtbericht.) In Gent fanden am Dienstag ernste Studentenkrawalle statt. Flamen'tind.iche Studenten brachen in die Wohnung des neu ernannten flämischen Universitätsprofessors Huysmans und zertrümmerten Fenster und Türen. Der Professor verteidigte sich persönlich und verletzte mehrere Studenten. Zwei Smdenten wurde« verhastet. SchulkmAerpflege. Gelegentlich einer einführenden Besprechung des Verbandes für Schulkinderpslege mochte Frau Dr. Helen« Simon an Hand ihres Buches über den Schutz der Kinder in der Landwirtschaft Ausführungen über die vielseitigen und außerordentlichen schwierigen Problem« der Kinderarbeit aus dem Land«. Die in dem Buch verarbeitete Umfrage hat gezeigt, welch großen Gefahren die Kinder durch die Mitarbeit in der Landwirtschast ausgesetzt sind. Diese übersteigt sehr oft bei weitem ihre körper- lichen Kräfte, beansprucht jegliche Freizeit und darüber hinaus oft auch noch die Schulzeit und fordert oft von den Kindern ein derartiges Maß von Verantwortung und Selbständigkeit, das sie in ihrem Aster noch nicht ausbringen können. Frau Dr. Simon wies darauf hin, daß neben allen anderen Schäden, die eine derartige Ausnutzung der Kinder mit sich bringt in k ö r pe r l i ch e r, geistiger und sittlicher Beziehung, sicherlich auch die Landflucht der Jugendlichen eine Folge der zu schweren Arbeit im Kindesalter ist, die nicht schnell genug den zu schweren Anforderungen entfliehen möchten und hoffen, in der Industrie und in der Stadt leichter« Ar- best zu finden. Die Liebe zur Arbeit wird in den Kindern erstickt, ihr Hcimatgefühl durch die Arbeit nicht gefördert, sondern gehemmt. Nicht zu verkennen ist auf der anderen Seite, daß die Hilfe der Kinder im ländlichen Haushalt, insbesondere im landwirtschaftlichen Klein- betrieb für die Kinder förderlich sein irnd so gestaltet werden kann, daß sie den Kinder» nützlich wird, in ihnen Verständnis und Liebe für ihre Umgebung erweckt und sie für den landwirtschaftlichen Be- ruf vorbereitet. Es gilt daher, in weitesten Volkskrcijen Aufklärung über diese Fragen zu verbreiten und in gesetzlichen Matznahmen nur soweit die Kinderarbeit zu begrenzen, als der Schutz der Kinder unumgänglich fordert und dos Verständnis der beteiligten Kreise zu wecken imstande ist. In der A u s s p r a ch e wurde von allen Seiten betont, daß wichtiger als neue gesetzliche Regelungen, die Aufgabe ist, im Volk das Verständnis für die Fragen des Kinderschutzes zu wecken. Nur ein Gesetz, dessen Forde- rungcn lebendig im Bewußtsein aller Lolkskreise sind, hat Aussicht auf sinngemäße Durchführung. Andererseits wurde gefordert, daß eine Neuregelung des Kinderarbeitsschutzes auf der Wohlfahrtspflege aufbauen müsse, denen Möglichkeiten zu positioen Hilfsmaßnahmen für bedürftige Fäll« an die Hand gegeben sind. In der Aussprache über Schutz und Förderung der schulentlassenen Mädchen nahm die Besprechung des hauswirtschastlichen Pflicht. fortbildungsjahres nach Bremer Muster einen breiten Raum ein. Angeregt wurde im Anschluß der Ausbau einer um- fassenden Erholungssttrsorge für schulentlassene Mädchen, die auch im Sinn« des hauswirtschastlichen Jahres gestaltet werden könne. Im Anschluß an die Verhandlungen beschäftigten Ausschuß und vorstand sich dann noch mit der Vorbereitting von Anträgen die und Borstand sich dann noch mit der Vorbereitung von Anträgen, die richten sind.— Für Mitte Februar plant der Vorstand die Der- anftastuna einer Lusschußsitzung mit Gästen in Berlin. Es sollen hier die Fragen der Zusammenarbeit von Scbule und Schulkinder- pflege und der ergänzenden Fürsorgeeinrichtungen für Schulkinder gemeinsam mit den Kreisen der Berliner Iugendwohlsahrt und der Lehrerschaft besprochen werden. Die Steigerung öer Lebensmittelpreise. Vottslebensmiktek am teuersten. Aus den Ermilllungen des Statistischen Amtes der Stadt Berlin, die wöchentlich über die Preisbewegung der wichtigen Lebensbedürf- nisse veröffentlicht werden, geht hervor, daß Fisch« und Gemüse gegenüber den Vorkriegspreisen am meisten im Prelle gestiegen sind. Während die Preissteigerung für die einzelnen Lebensmittelgruppen im Durchschnitt zwischen 21,5 und 84,5 Proz. über dem Aorkriegs- 6inde liegt, sind einzelne Lebensmittel ganz exorbitant überteuert. n erster Stelle stehen da beispielsweise geräucherte Hering« mit 299 Proz. mehr als im November 1915. Es folgen dann gelbe Kohlrüben mit 180 Proz.. Spinat mit 164,7 Proz., Zwiebeln mit 159 Proz., Kabeljau mit 155,5 Pro,.. Dorsch mit 159,8 Proz. über Friedenspreis. AuchMohrrübenfindsehr stark überteuert und kosten 128 Proz. mehr als im Frieden. ueber 190 Proz. find ferner gestiegen: gebrannter Koffee, mittlere Sorte mit 118 Proz., Harzer Käse mit 112,5 Proz., Schollen und Flundern mit 194 Proz. Das einzig« Lebensmittel, das im Preise gegenüber dem Friedensstonde gleichgeblieben ist, ist Kunsthonig. Unter dem Friedenspreis ist lediglich Salz notiert, das 27,5 Proz. weniger kostet als zu Vorkriegszeiten. Eine Zaljchmünzerwertstatt aufgehoben. Drei Verhaftungen. Falsche Zweimarkstücke tauchten im vergangenen Monat in Groß-Bertin auf. Am 24. Oktober wurde der erst« Dertreiber,«in junger Mann namens Hanz Rhein, in der Dadstraße festgenommen, als er in einem Lokal mit einem Zweimarkstück zahlt«. Die Münze fühlte sich fettig an und auch am Klang erkannte der Wirt sofort die Fälschung. Er ließ den Gast festnehmen, während sein Be- gleiter entkam. Rhein behauptete, dieses Zweimarkstück und noch sechs andere gefälschte, die man bei ihm fand, in einer Schankwirt- schaft beim Wechseln eines Zwanzigmarkschslnes erholten zu haben. wollt« ober nicht mehr wissen, wo das gewesen sei. Nach einiger Zeit erhielt ein Zeitungshändler in Oranienburg ein Falschstück der gleichen Art in Zahlung. Er hatte sich den Kun- den gemerkt und ließ ihn mit Hilfe von Bahnbeamten festnehmen, al» er nachmittags wieder an seinem Stande vorbeikam. Der Be- gleiter entkam wiederum. Bei dem Verhafteten, einem Kaufmann Josef Heller, fand man nichts mehr. Er hatte wahrscheinlich seinen Vorrat in Oranienburg schon an den Mann gebracht oder vielleicht auch seinem Begleiter zugesteckt. Rhein und Heller wollten beide keine Wohnung haben. Die Kriminalbeamten ermittelten jedoch Ihre Behausungen, fanden aber nichts darin. Sie gingen nun ihrem Verkehr nach und stellten fest, daß beide, die sich gar nicht kennen wollten, wiederholt in einem Lokal in der Ackerstraße zu« lammengekommea waren. Zu ihnen gehörte noch ein Schläcdter Willi Wäscher, der aber zunächst nicht zu finden war. Erst fetzt wurde er am Lülowbogen ermittelt und ebenfalls festgenommen. Auch er behauptet«, wohnungslos zu sein. In Wirklichkeit aber wohnte er in einem Keller in der Bülowstraße Hier entdeckten die Beamten auch all« Geräte zur Herstellung der Falschstücke und unter dem ausgerissenen Fußboden, der ans Ziegelsteinen bestand, eine kleine Kiste mit 716 fertigen falschen Zweimarlstücken. Jetzt legten die verhafteten ein Geständnis ab. Wäscher hatte die Falschstücke hergestellt und mit Rhein und Heller zusammen auch vertrieben. Tie tyeisteskr«»«ke«nf dem Dache. Die im 5. Stock des Hauses Palisadenstr. 19 wohnhaft« 56 Jahr« alt« Schneiderin Frieda Masch kletterte gestern abend mit einem brennenden Licht in der Hand auf das Dach des Hauses und geriet in die Gefahr, abzustürzen. Das sofort herbei« gerufene Uebersallkommando drang in die Wohnung«In, und es gelang ihr, die Unglückliche noch im letzten Augenblick zurückzuhalten und sie durch das Fenster in die Wohnung zurückzubringeu. Bei diesem Vorgang löste sich«,,, Ziegelstein, der den Bügler Willi Tohmeyer aus der Dragonerstr. 55 erheblich am Kops« verletzte. Er erhielt auf der nächsten Rettungsstelle einen Notverband. Die Mosch wurde der Anstatt in Herzberge zugeführt. Mrotzaqrarische Witze. Die„D e u t s ch e T a g e, z« I t u n g". das Blatt auswuchernden Großegrariertums erregt sich darüber, daß die„Arbeits- gemeinschaft entschiedener Republikaner" ein« Eingabe an die Siodtoerordnetenoerlammlung gemacht hat, mit dem Ersuchen, dem Königsplag den Namen„Platz der Republik" zu geben. Nachdem sie feststem, daß es eigentlich Republikplay heißen müsse, sagt sie in hämischer Geistlosigkeit: „Platz der Republik" kann wirtlich nur in französischem Deutsch ausgedrückt werden.„Republikplatz ist ebenfalls nicht wohlklingend. Allein er entspricht dem Wesen linsercr heutigen staatlichen Form durchaus. Es ist doch chorakteristisch dafür, wie unseren rechts- radikalen Notionalschädlingen der Komm geschwollen ist, daß sie es wagen, dem Volk neben der methodischen Ausplünderung auch noch frechen Hohn zu bieten. Wenn unsere teutschen Edelinge Witze machen wollen, so bringen sie es nur bis zum Geistlos-Gemelnen und allenfalls noch bis zu einem— Carlowitz.___ Der sechzigste WeburtStag Damaschkes. Gestern abend veranstaltete der Bund der Deutschen Bodenreformer in der Aula der technischen Hochschule Char- lottenburg eine Festversammliing ans Anlaß des sechzigsten Geburts- tages des Bundesvorsitzenden Dr. h. c. Adolf Damaschke. Bereits lange vor Beginn der Feier wor die große Aula überfüllt. Als Damaschke kurz nach acht ilhr die Aula betrat, erhob sich die Versammlung und feierte stürmisch den Jubilar. Die Feier begann mit einem Chor und einem Prolog, den Pros. Ferdinand G r e g o r i vortrug. Darauf sprach Prof. I r r m a n n, der zweite Vorsitzende des Bundes. Er gab einen kurzen Rückblick auf die Jugend Da- maschkcs, anknüpfend an den zweiten Band der Damaschkeschen Er- innerungen: Lebenswendc. Gleichzeitig als Vertreter der deutschen Hochschullehrer überreichte Prof. Irrmann«ine Adresse der deutschen Hochschullehrer und die Promotionsakt« der Ludwigsumoersitöt Gießen, die Damaschke zum Ehrendoktor der Theologischen Fakultät ernannte. Oberbürgermeister B« l i a u- Heilbronn überbracht« die Glückwünsche des Deutschen Städtebundes, erwähnte die Verdienste Damaschkes um den§ 105 der Reichsverfassung und schloß mit der Mitteilung, daß zu Ehren Damaschkes«ine Straße in Heilbronn nach ihm benannt worden fei. Darauf sprachen die Vertreter der Reichstagsfraktionen. Reichsiagspräsident Gen. L ö b e beglückwünschte Damaschke im Namen der SPD. und der gesamten Dolksvertretung Sellen seien Lebenserinnerungen derart fesselnd wie die Damaschkes, denn aus ihnen spräche nicht mir Kops und Verstand, sondern auch ein warmes Herz für die ganze Menschheit. Merkwürdig sei es, daß gerade die, die immer behaupteten, ihrem Lande am besten zu dienen, Damaschke verfolgt hätten. Der frühere demokratische Reichsminister Koch führte darauf aus, wieviel die neue Generation Damaschke zu verdanken hätte. Der Kapitalismus müsse halt machen vor dem Grund und Boden, diese klare Erkenntnis verdanke man Damaschke. Sein Verdienst sei es, daß dem Reich die Gesetzgebung in beziig aus Bodensragen in die Hand gegeben worden sei. Jetzt entscheidet der Reichstag darüber. Immer sei Damaschke Idealist gewesen, aber ein Idealist, der nie den Boden unter den Füßen verloren hätte,«in Mensch von wahrer staatsbürgerlicher Gesinnung. Die Demokratische Partei werde sich seine Lehren immer zu Herzen nehmen. Und selbst die Vertreter der Rechtsparteien fanden Worte des Lobes für Damaschke. Als letzter der parlamentarischen Ver- treter sprach der Landtagspräsident von Anhalt, Genosse P e u s. Die Bodenreform stände weit über allen politischen Fragen, hier müßten sich all« Parteien treffen, und jeder Partei sei zuzurufen: Es lebe die Bodenresorm._ Ein neues Verkehrs-Nachtstgnal. Die verkebrSpolizei hat zu den zahlreichen VerkehrSeinrickitungen nun auch probeweise einen Nackt signa lavparat zur Auf- stellung gebracht. Dieser nur für die Nachtzeit bestimmte Verkehrs- regeler ist ander Charlottenburger Chaussee, Ecke GiegeSallee zur Ausstellung gelangt. Ueber dem bereits be« kannten Flügelpaar der trüberen Apparate trägt er eine dierkäniige Laterne, nach Art der CisenvaSnsignale, mit grünem und rotem Lickt. DaS geltende Prinzip im Verkehrswesen, wonach grüne« Licht den Verkehr freigibt und rotes ihn aufhält, ist beibebalien worden. Zu« Tode Dr. Wetzls. Der Vorsitzende unserer Stadtverordnetenfraktion Genosse Tzeminski erhielt salzendes Schreiben von der Fraktton der Deutschen Bolkspartei: �Hochverehrter Kollegel Namens der Stadtverordnetenfraktion der Deutschen Volkspartei gestatte ich mir Ihnen das innigste Beileid anläßlich des Todes des Herrn Dr. Weyl auszusprechen." Paul Schwarz. ver Existenzkampf der Schupabeamten. Aus den Straßen er- regte ein Plakat Aussehen, das zum Besuch der Prot« st ver- sammlung der unteren Beamtengruppen am heuti- gen Mittwoch aufruft und von der gewerkschaftlichen Organi- sation der Schutzpolizeibeomten stammt.„Volksgenossen", heißt es u. a. in dem Aufruf,„die Beamten schfihen euer Leben und Eigentum. Wie werden sie dafür bezahlt? Mit 198 M. und 59 Pf. Es ist allerdings dringend notwendig, daß mit einer derartig unwürdigen kaum noch erträglichen Besoldung der unteren Beamten- schaft Schluß gemacht wird. Während die Herren in„gehobener Stellung' Zuschuß um Zuschuß, Zulage um Zulage erhalten, sucht man die kleinen Beamten mit Phrasen satt z» machen. Besonders in der Polizeibeamtenschaft ist die Erregung über die starke Spannung zwischen den Gehaltssätzen der oberen und unteren Beamtenschaft eine erhebliche. Da» Pferd i» der Dunggarube. Ein« eigenartige und wenig angenehme Tätigkeit hatten gestern nachmittag 22 Feuerwehrleute in der T i l s i t c r Straße 13 auszuüben. Aus dem Hofe befindet sich eine Molkerei und dicht neben dieser die bekannt Dunggrube. Das Pferd des Besitzers glitt aus und stürzt« in die Grube, die bis oben hin mit Kuhdung angefüllt war. Alle Bemühungen, das Pferd zu bergen, blieben zunächst ersolglos, so daß o i e Feuerwehr alarmiert werden mußte. Da der Dung das Pferd förmlich festsaugt«, war es nicht möglich, das Tier durch Hebewerkzeuge zu bergen, da man sürchtete, e» auseinander zu reißen. Es dtteb nur übrig, die starten Zementmauern auszumeißeln und seitlich abzutragen. Nach vierstündiger angestrengter Tätigkeit aelang es dann, das Pferd wohlbehalten ins Freie zu befördern. Sin nasser Strahl gab dann dem grün angelaufenen Pferd sein- natürliche Farbe wieder. Alialsterpräsideal Genosse Otto Braun spricht am Donnerstag, den 26. November, abends 8 Uhr, in einer Versammlung des Reichs- banners Echwarz-Rot-Gold In Dahlem im Lokal von Schilling (Untergrundbahnstotion Dohlem-Dors). Die AbUrenzangeipselle Im Straßen verkehr. Die Direktion der Berliner Straßenbahn hat bekanntlich vor einiger Zeit im Ein- vernehmen mit der Bertehrspolizei am Kunllrstendamm, Ecke Ioachtmsthaler Straße. S ch u tz p s e> l« ausgestellt, dir das E i n- und Aus sie igen regeln, und die Gefährdung der Fahrgäste durch den hier sehr starken Kraftwagenvertehr beseitigen sollt«. Das Experiment Hot sich, wie wir von zuständiger Stelle erfahren, reckt gut bewährt. Weitere Anlagen dieser Art sind jedoch merkwürdigerweise nicht beabsichtigt. Warum eigentlich nicht? Essen im Schnee. Wäl>r«nb schon in der vergangenen Nacht in Essen an der Ruhr sich ein Temperatursturz mtt scharfem Wino bemerkbar gemacht hatte, setzte heute in den frühen Morgenstunden im Industriegebiet ein bestiges Schneetreiben ein, das in kurzer Zeit ein winterliches Bild schuf. Das Thermomeier zeigte heute morgen— 1 Grad.__ VsrtrSge. vereine tinA Versammlungen. LA» Relchsßnnnrr.Schwcrz-Rat-Gold" WWW•«fslMefttll«: 6 14. etumenftr. r«.»ef S Ct. Weiheosee. Sei» 28.,»Send» 81/» Uhr. Zu»»IN»NN schaft. chrflnet Dauin,»trliner Nllft 88t. guzftihter»iid N»t>t»nd V/t Uhr. nit|Utfc«(arttn mitkei»»ei>— Kchexeder, griedeu»».«» den 88. Sll>»ii»tW. Nntrettii: ftug zwei votin. U!,t LeuiHenp>»tz! 3"» Wetze»»n etkanntet Sttl!-. Alle SPielleule nehmen»»rem teil. Gewerkschaftsbewegung Die Flucht aus der Landwirtschaft. Ein Aufruf des bayerischen Sozialminifteriums. Zu den Problemen, die augenblicklich lebhaft in landwirtschaftfichen Kreisen erörtert werden, gehört auch die Frage der Flucht aus der Landwirtschaft. Die Landwirte sehen wohl, wie immer mehr landwirtschaftliche Arbeiter den unsozialen Berhält nissen auf dem Lande den Rücken fehren, sind aber zu kurzsichtig, um begreifen zu können, daß die soziale Besserstellung der Landarbeiter mit einem Schlag die Situation ändern könnte. Biele der Landwirte sind sogar der Meinung, daß die Einführung von 3wangsmaßnahmen und die Rückkehr zu wilhelminischen Berhältnissen das einzige Mittel sei, non dem noch Rettung erwartet werden kann. Gegenüber dieser Sachlage verdient ein Aufruf Beachtung, der in diesen Tagen vom bayerischen Sozialministerium verbreitet wird und sich an die landwirtschaftlichen Arbeitgeber und beren Verbände richtet. Der Aufruf lautet: Bie seit Jahren, so sind auch im Laufe des vergangenen Früh jahrs und Sommers bei den beteiligten Staatsministerien fort während Klagen über die Abwanderung landwirtschaft licher Arbeitskräfte in Handel, Industrie und Gewerbe und den dadurch hervorgerufenen oder verschärften Mangel an Arbeitern und Dienstboten eingelaufen. Die Staatsregierung hat alle ihr zur Verfügung stehenden Bege beschritten, um diesem Mißstand abzuhelfen. Sie ist sich dabei bewußt, daß es sich hier um eine wirtschaftliche Erfcheinung handelt, die erfolgreich nur mit wirt haftlichen Mitteln bekämpft merden fann. Sie wendet daher auch der Besserung der wirtschaftlichen Lage der landwirtschaftlichen Arbeitnehmerschaft, besonders der Beschaffung neuer Landarbeiterwohnungen ihre größte Aufmerksamkeit zu. Es ist flight der landwirtschaftlichen Arbeit geberschaft, auch das bei ihr Liegende zu tun, um ihren Arbeit nehmern durch gute Behandlung, ausreichende Ent lohnung und Berföstigung, gesunde Unterkunft die Freude an ihrem Beruf zu erhalten. Auf eines aber soll hier mit besonderem Nachdruck hingewiefen werden: Es kommt, wenn auch erfreulicherweise nur vereinzelt, immer noch vor, daß Landwirte nicht bloß ihre Arbeiter, sondern fogar ihre Dienstboten im Herbfte nach Beendigung der Feldarbeit entlassen, um den Winter über die Aufwendung für Lohn und unter halt zu sparen. Dem einsichtigen Landwirt ist ohne weiteres flar, daß ein solches Verfahren eine Kurzsichtigkeit bedeutet, die sich beim Wiederbeginn der Feldarbeiten unweigerlich rächt. Nur wer auch in der Zeit geringerer Beschäftigungsmöglichkeit seine Arbeit nehmer beibehält, tann mit Recht von ihnen verlangen, daß fie in der Zeit, in der er auf ihre freudige Mitarbeit angewiesen ift, bei ihm ausharren. Es muß Aufgabe der einsichtigen Landwirte und der landwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände sein, dafür zu sorgen, daß diese Er femminis Gemeingut aller Landwirte wird. Sie tragen damit nicht nur zur Ausgleichung sozialer Gegensäze bei, sondern handeln auch im wohlverstandenen eigenen Interesse der ganzen Landwirtschaft und damit der Bolfsernährung und Boltswohlfahrt überhaupt." Wir sind leider nicht häufig in der Lage, aus Bayern erfreuliches zu melden. Im so licher bruden wir diesen Aufruf nach, der nicht allein von wirtschaftlicher Einsicht zeugt, sondern durch seine herzerfrischende Dffenheit und Menschlichkeit besticht. Bir mollen nur münschen, daß er bei den bayerischen Großbauern mehr Erfolg hat, als er bei unseren Ostelbiern haben würde. Wahlen zum Hauptvorstand des Verkehrsbundes. Am Sonnabend wurde beim Deutschen Verkehrsbund die Bahlen zum erweiterten Bundesvorstand vorgenommen. Die Wahlbeteiligung war nur fájwadh. Von den zu wählenden zwei männlichen Mitgliedern wurde gewählt: Rudolf Bucalfa, Seftion I und Wilhelm Beŋersdorff, Sektion V. Als weibliches Mitglied wurde Marie Schwon, Settion I gewählt. Die Kommunisten hatten fich die größte Mühe gegeben, durch rege Bropaganda in der ,, Roten Fahne" und die Bersendung von Postkarten mit der Aufforderung an ihre Leute, den Kraftfahrer Kuhnte zu wählen. Allein die Mühe mar vergeblich. Die weibliche Gewerkschaftsjugend. Der Die Mädchentommiffion der freien Gewerkschaftsjugend hatte zu Montag abend nach bem Jugendheim im Metallarbeiterhaus eine Zusammenkunft der weiblichen jugendlichen Gewerkschaftsmitglieder einberufen. Die Genoffin Dr. Hanna Colm sprach über das Thema: Der Haushalt eine Not der Frau. Bortrag war als Einführung in eine Bortragsreihe gedacht, die an weiteren Abenden folgen soll. Genoffin Colm gab daher im wesentlichen eine fulturpolitische Studie über die Ente widlung des Haushalts und die Stellung der Frau in ihm. Sie skizzierte die Entwicklung vom Großhaushalt zumi Kleinhaushalt, der sich aber immer um den Hausherrn, den Ernährer der Familie, gruppierte und in dem der Frau, die die eigentliche fehen. Diese Entwidlung ist noch nicht abgeschloffent. Starter als je beanspruchten die Kriegsjahre die Kräfte der Frau außer halb des Hauses, und auch gegenwärtig ist es jo, daß es in proletarischen Kreisen nur wenig Frauen gibt, die nicht mitver diener in der Familie sind. Dem Haushalt, den man früher für ihr eigenstes Gebiet anjah, werden sie dadurch immer mehr entfremdet. Man hat versucht, ein Kompromiß zu schaffen, um die Familie trobem aufrecht zu erhalten: durch Horte und Krippen für Kinder, die den Fabriten, in denen die Mütter arbeiten, ange schlossen sind, durch die Einführung von besonderen Vorsichtsmaß regeln für Schwangere, von Stillſtunden, durch früheren Sonnabend schluß für Hausfrauen. Daß dies alles nur ein unzulänglicher Behelf ist, ist einzusehen. Die Referentin warf die Fragen auf, ob man nun einfach den Verfall der Familie bejahen und aus dieser Ertenntnis heraus wie in Rußland und neuerdings auch in Palästina noch mit auf eine möglichst schnelle Auflösung hinarbeiten solle, oder ob man ihm passiv gegenüberstehen solle, um in Vereinen und Verbänden Ersatz zu suchen, oder schließlich, ob der Versuch gewagt werden müsse, eine Neugestaltung auf moderner Grundlage zu erreichen. Bei dieser dritten Frage dachte die Referentin sowohl ant eine Bereinfachung des Haushalts durch die Mittel der Technit( Gemeinschaftsfüche, Sammelheizung usw.) als auch an eine Umstellung in dem Verhältnis zwischen Mann und Frau. Nicht mehr Unterordnung, sondern Nebenord. nung ist ja heute im allgemeinen nicht mehr Forderung, sondern Erfüllung; bis eben auf das Gebiet des Haushalts. Hier hat nur allzu oft neben ihrer Erwerbsarbeit die Frau die ganze Last allein zu tragen. Genoffin Colm war der Ansicht, daß auch hier die Grenze zwischen Männerarbeit und Frauenarbeit fallen müßte, wenn man an eine Neugestaltung der Familie denkt. Eine grundsätzliche Antwort auf ihre Frage gab die Referentin indessen nicht, da fie hierin die Aufgabe der noch folgenden Borträge sah. Die Disfuffion ergab ein überaus interessantes Bild, obschon die meisten Redner nur auf die dritte Frage eingingen. Die Jugendgenossen, die hier versammelt waren, leben ja noch alle faft im Elternhause, und unbewußt war es wohl meist dieser Haushalt, den sie vor Augen hatten, wenn sie ihre Forderungen aufstellten: selbstverständlich Kameradschaftlichkeit zwischen den Geschlechtern auch in der Hausarbeit, und dann vor allen Dingen heraus mit allem unnügen Blunder und Schmuck" aus der Wohnung und Berein fachung der Wirtschaftsführung. Alle waren sich darin einig, daß Mann und Frau, die gemeinsam für die Lebenshaltung schaffen, auch im Hause gemeinsam arbeiten müssen. Ein erwachsener Gaft wies allerdings und wohl nicht ganz mit Unrecht darauf hin, daß bas alles ja vielleicht schon Nöte einer vergangenen Generation find, daß die heutige Jugend, für die kaum noch Wohngelegenheiten da sind, sich vorläufig faum einen Haushalt wird gründen können, und baß ganz neue Probleme der Lebensführung ihr hieraus erwachsen. ,, Die Schwerbeschädigten bei der Reichsbahn." Die Reichsbahndirettion schreibt uns zu der unter dieser Aufschrift in Nr. 546 des„ Borwärts" veröffentlichten Notiz ,, Nach dem Lohntarifvertrag ist vereinbart, daß für Arbeiter, die infolge Kriegsbeschädigung, Unfallverlegung oder Invalidital nach ärztlichem Gutachten um mehr als 20 Broz. erwerbsbeschränkt find, der Lohn nach der Leistungsfähigkeit in dem ihnen zugewiese nen Arbeits fach zu bemessen ist. Bo die Lohnregelung im Einzelfalle den tariflichen Be Stimmungen nicht entsprach, ist sie richtiggestellt worden." Wir fönnen mithin feststellen, daß unsere Kritif wenigstens die Wirkung hatte, daß die Schwerbeschädigten, deren Lohn von untergeordneten Stellen tarifwidrig gekürzt worden war, nunmehr den ihnen tariflich zustehenden Lohn erhalten. Eine andere Frage ist allerdings die des ihnen zugewiesenen Arbeitsfaches. Wir wollen hoffen, daß auch bei den Bersegungen, die sich etwa als notwendig erweisen, die Kriegsbeschädigten nicht noch besonders zu Lohn beschädigten gestempelt werden. Eine polnische Beschwerde. Begen Entlaffung polnischer Arbeiter. Mehrere polnische Blätter, vor allem„ Dziennik Berlinsti", brachten in der letzten Zeit Nachrichten, daß in Bestfalen polnische Arbeiter nur deshalb, weil sie Bolen seien, ihre Arbeit verloren hätten. Insbesondere in dem Fall des Polen Kasimir Stra burski, der bei der Firma Rheinische Stahlwerfe in Duisburg Meiderich arbeitete, fei die antipolnische Tendenz zutage getreten, da er allein von 25 Arbeitern entlassen worden und ihm von seinem Borgesetzten gesagt worden sei, die Entlassung sei nicht wegen schlechter Leistungen erfolgt; man tönne die Gründe wohl erraten, doch sei er nicht verpflichtet, Aufklärungen zu geben. Wie der Amtliche Preußische Bredienst feststellt, treffen die Behauptungen des„ Dzienniif Berlinsti" über die Behandlung der polnischen Arbeiter in Westfalen nicht zu. Straburstis Entlassung erfolgte megen Arbeitsmangels; in den letzten Monaten mußten von der Firma Rheinische Stahlwerte etwa 650 bis 700 Arbeiter aus gleichem Grunde entlassen werden. Hiervon wurden nicht nur polnische, sondern auch deutsche Arbeiter und Arbeiter anderer Nationalitäten betroffen. Die angeblichen Aeußerungen, find tatsächlich nicht gemacht worden. widersprochen, die Arbeit in den Plantagen ift ganz freiwillig. Der Lohnjay von 4 Bence( fünfundvierzig Pfennig), wozu noch 1%, Bence für Lebensmittel hinzukommen, scheint so heißt es im Berichte- sehr gering zu sein. Da aber die Aufsicht bei der Feldarbeiten nicht streng genug ist, fonnte man auch keine„ bolle Arbeitsleistung von den Eingeborenen erzielen. Die englische Zeitschrift Economist bringt diese Angaben ohne Kommentar, tie es auch selbst fortschrittliche Kreise in England noch für selbstverständlich halten, daß Arbeiter in den Kolonien einen Tageelohn von fünfundvierzig Pfennig erhalten. Es ist nur die Frage, wie lange diese koloniale Ausbeutung noch andauern wird. Schwere Lohndifferenzen im belgischen Bergbau. Brüffel, 25. November( Eig. Drahtb.). Im belgischen Kohlen bergbau droht ein neuer Konflikt. Die Unternehmer weigern sich, die bisher gewährte Lohnerhöhung von 5 Broz. über den No Dember hinaus zu verlängern. Am Sonntag wird ein außerordent licher Rongreß der Bergarbeiter über die dadurch ge schaffene Lage beraten. Kabelwert Oberspree. Die Betriebsstörung ist behoben. Die Arbeit wird morgen Donnerstag früh zu den üblichen Zeiten Der Betriebsrat, wieder aufgenommen. Wirtschaft Biehschlachtungen in Preußen. Wie die Statistische Korrespondenz. das amtliche Publikationsorgan des Preußischen Statistischen Landes. amts, mitteilt, wurden in Breußen im dritten Bierteljahr 1925 geSchlachtet: 956 511 Stüd Rindvieh, 1665 736 Schweine, 515 361 Schafe und 17 137 3iegen. Im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres wurden rund 50 000 Stüd Rindvieh (+ 5,5 Broz.), 137 000 Schweine(+ 9 Pro3.), 117 000 Schafe (+ 29,3) und 4600 3iegen(+ 36,5 Proz.) mehr geschlachtet. Im einzelnen betrugen die Mehrschlachtungen an Rindvieh im Bergleich zum entsprechenden Zeitabschnitt des Borjahres bei den Rühen 12 Proz., bei den Jungrindern 8 Proz. und bei den Kälbern 5,8 Proz., während an Ochsen und Bullen 8 Proz. weniger geschlachtet wurden. Eine Uebersicht über die drei Vierteljahre 1925 ergibt, daß in diesen insgesamt rund 3056 000 Stück Kindvieh geschlachtet wurden gegen 2700 000 im gleichen Zeitraum des Vorjahres, das find 13,2 Broz. mehr. Auffallend groß ist die 3 unahme der Schafschlachtungen in den ersten 9 Monaten des Jahres gegen den gleichen Zeitraum 1924: sie beträgt 311 356 Stüd gleich 40,66 Proz. Die Schaffchlachtungen übertreffen damit die der ersten 9 Monate 1913 um 42 857 Stüd 4,14 Proz., während die Schweineschlachtungen gegen die ersten 9 Monate 1913 um 21,95 Proz. zurückblieben. Zusammenfassend fann gesagt werden, daß sich die Fleischversorgung der Bevölkerung vom Januar bis 1. Oktober dieses Jahres im Vergleich mit dem Vorjahr mesentlich gehoben hat; im Vergleich zu 1913 wurden jedoch an Großvieh rund 92 000 Stück Ochsen und Bullen und rund 63 000 ühe meniger ge schlachtet: bei den Schweinen besteht sogar gegen 1913 noch die sehr große Mindererzeugung von 1826 000 Stüd, wogegen die geringe 3unahme der Schaffchlachtungen nicht ins Gewicht fällt. " = Das Produktionsprogramm der Mannesmänner. Stillegung von Betrieben, Zusammenschluß zu Syndikaten, um mit ihrer Hilfe unrentable Betriebe auszuschalten und Preiserhöhungen herbeizu führen, das nennen nach dem, was man in der Generalversammlung Der Mannesmannröhren- Werte gehört hat, die Industriellen ihr Programm zur Gesundung der Wirtschaft, ein Programm, dessen Ziel nach ihrer Ansicht sein muß, Broduktion und Abja miteinander in Einklang zu bringen". In Durchführung dieses Programms haben die Mannesmannröhren- Werte von ihren 26 932 Ar beitern und Angestellten seit dem 1. Juli zirka 3000 entlassen. und da sie auch in verschiedenen ihrer Abteilungen trop des besseren Geschäftsganges im Kohlenbergbau und in der nahtlosen Röhreninduftrie immer noch feine volle Beschäftigung haben, besteht die Aussicht, daß weitere Entlassungen den bisherigen folgen werden. Dabei ist es der Gesellschaft möglich gewesen, im abgelaufenen Ge schäftsjahr bei einem Aktienkapital von 115 464 000 m. nicht nur einen Reingewinn von 2 737 155 M. zu erzielen, sondern auch die durch die Ruhrbesehung unterbrochenen Bauten auf verschiedenen ihrer Werke zu vollenden. An Schulden hat die Gesellschaft allerdings etwas über 43½ Millionen. Davon zirka 32 Millionen Bankschulden, von denen rund 5 Millionen langfristig sind. In der Frage der Borzugsaktien wurde von der Verwaltung erklärt, daß man erst die Bestimmungen der Regierung abwarten wolle. Borerst liege fein Grund vor, die Vorratsaktien abzuschaffen. Ernst Reuter; Wirtschaft: Artur Saternus; Berantwortlich für Boliti Gewerkschaftsbewegung: Friedr. Ekkorn: Feuilleton: R. 8. Döscher; Lokales und Sonstiges: Frik Karstädt; Anzeigen: Th. Glode; sämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag G. m. b. S., Berlin. Drud: Borwärts- Budbruderet und Berlagsanstalt Paul Singer u. Co., Berlin SW. 68, Lindenstraße 3. Episoden und Hausarbeit beforgie, nur eine untergeordnete Stellung eingeräumt bie Straburſti gegenüber bei seiner Entlassusing gefallen sein sollen, Zwischenrnfe Fünfundvierzig Pfennig Tagelohn in Kamerun. war. Doch als im Zeitalter der Technik die Entstehung der Fabriken zur Bildung eines bis dahin unbekannten Arbeiterstandes führte, verschob sich in diesem das Bild des Haushalts völlig. Die Familie, besonders die Frau, wurde durch fabrithergestellte Baren zwar von vieler hauswirtschaftlicher Arbeit entlaftet, fonnte aber nun nicht, mie es in wirtschaftlich bessergestellten Kreisen jetzt meist geschah, die Hände in den Schoß legen. Der Arbeitsverdienst des Mennes war meist viel zu gering, un die Familie allein zu erhalten; die Frau mar also gezwungen, sich gleichfalls nach einem Erwerb umzufolge in Kamerun 3 wangsarbeit herrscht, wird energisch Donnerst., Freit., Sonnabend: Ungeheuer billige VolksversorgungsDer Bericht des englischen Kolonialamtes fiber das englische Ramerun enthält die Beschreibung der großen zivilisatorischen Fortschritte in diesem Gebiete durch Einführung einer sorgfältig den Berhältnissen angepaßien Verwaltung. Den Gerüchten, denen zuFrisches Fleisch Pfund Pf. Lebensmittel- Pa. Ochsenfielsch, geft. 55. und Schuft Tage! Ares Gebr. A.-O. Swinemünder Straße 86 leicht gepak. Pfund P. P PL. Gehacktes..... 70 Fr. Suppenfleisch 68 PL. Gehacktes. Fr. Schmorfleisch, Roul. 95 PL. Kalbsvorderfl.. 78 Hammelvorderfleisch 70 P. Kalbsrücken... 85 PL. Hammelrücken u. Keule 88 Schweine kamm Pa. 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