Abendausgabe Nr. 569 42. Jahrgang Ausgabe B Nr. 282 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife find in der Morgenausgabe angegeben Bedaltion: SW. 68, Lindenfiraße 3 Seruiprecher: Donho 292-29T Tel.- Adreffe: Sozialdemokrat Berlia 10 Pfennig Mittwoch 2. Dezember 1925 Vorwärts= Berliner Volksblatt Beriag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin SW. 68. Lindenstraße 3 Fernsprecher: Denhoff 202-20T Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands Erwerbslose und Hohenzollern. Unzulängliche Erwerbslosenunterstützung Im sozialen Ausschuß des Reichstages wurde heute morgen über dle vorliegenden Anträge betreffend die Erhöhung der Erwerbslosenunterfügung abgestimmt. Der tommu nistische Antrag auf eine 100prozentige Erhöhung wurde gegen Biz Antragsteller abgelehnt, ebenso der sozialdemokratische Autrag auf 50 Prozent Erhöhung gegen die Stimsen der Sozialdemokraten, kommunisten und 3318isen. Der demokratische Antrag auf 33% Prozent Unterhung fand auch nur die Unterstützung der Linkspartelen, während hließlich der Zentrumsantrag Annahme fand, wonach den Hauptunterstühlen eine Erhöhung von 30 Prozent gewährt merden soll. Alsdann trat der Ausschuß in die Beratung der Aur3arbeiter unterstüßung ein. Jadh furzer Beratung befyloß der Ausschuß, die Anträge betreffend Wiedereinführung der Kurzarbeiterunterfiügung zur näheren Prüfung einem Unterausschuß zu überweisen. Der Abfindungsskandal. Betretenes Schweigen der Rechtspreffe. Die Schätzungen, wie hoch die Abfindung der Hohen wellern zu bemerten feien, gehen in der Deffentlichkeit sehr weit auseinander. Das liegt zu einem Teil daran, daß es heute überhaupt sehr schwer ist, den Marktwert solcher Riesenobjekte zu bestimmen. Das ändert aber nichts daran, daß diesmal die ganze Deffentlichkeit sich darüber im flaren ist, daß das Bermögen, das den Hohenzollern zufallen foll, ein Objekt von ungeheuerlichem Ausmaße ist und daß angesichts der allgemeinen Berarm ng unseres ganzen Volkes das Berlangen nach Auslieferung von nicht weniger als 290 000 Morgen, von Schlössern und wertvollstem sonstigen Befiz und von 30 Millionen barem Gelde eine Brovotation der Gesamtbevölkerung ist. Natürlich ist die Form aber Millionen für die Hohenzollern. " .Sle versteht sich vortrefflich darauf, was Ländereien wert sind, nicht auf die Schägung dessen, was das Deutsche Reich dem Hause Hohenzollern bis zum Jahre 1888 verdankt." Wenn der Gesichtspunkt der Dankbarkeit maßgebend wäre, ichwarzweißrote ,, Zögliche" noch Dank- dann hätte das Reich und für Wilhelm II. also verlangt nicht einmal die zunächst einmal Berpflichtungen gegenüber den Millionen Auslandsdeutscher, die im Kriege ihr Vermögen in Feindesland verloren haben, es hätte die Verpflichtung, den Opfern der Inflation eine anständige Aufwertung zuteil werden zu laffen. Hier hat man rüdsichtslos zugegriffen, Staatsnotwendigkeiten vorgeschützt und die Leistungsfähigkeit des Staates als maßgebend für die Grenze der Verpflichtung angesehen. Beim angeblichen Privatbesig" des Königshauses handelt es sich zunächst einmal darum, daß die Frechheit, mit der die Hohenzollern vor hundert Jahren selber darüber entschieden haben, was sie als Privatbesig" bezeichnen wollten, unmöglich Rechtsgrundlage für heutige Auf faffungen sein tann. Es handelt sich weiter darum, daß dann eine Abfindung von solch ungeheurem Ausmaß nicht nur eine Berhöhnung des Boltes, fondern ein nicht wieber gutzumachen der Schaden für das Ansehen des Staates in der ganzen Welt fein würde. Alle Welt würde über ein Bolt lachen, das feinem davon gelaufenen Fürsten hunderte von Millionen nachwirft und das folche Würdelosigkeit mit Rabinettsorbern aus dem Bormärz von seinen Juristen begründen läßt. Der dem Vormärz von seinen Juristen begründen läßt. Der Reichstag hat es in der Hand, diesen Standal zu verhindern. Er möge sich nicht über die Stimmung der Bolts massen täuschen; er fönnte sonst bei einem Appell ans Bolt fein Wunder erleben. Fürstliche Dolchstöße. Kronen und Länderschacher im Weltkrieg. Bor wenigen Tagen hat Dr. Bictor Naumann dreißig Borträttizzen von führenden Männern und Frauen des Weltfriegs unter dem Titel ,, Profile" in dem Berlag von Dunder und Humblot( München und Leipzig) herausgebracht. Dr. Naumann ist überzeugter Monarchist. Er befürwortete vor dem Zusammenbruch des November 1918 in Deutschland; seine Seele lebt aber heute noch in den alten eindringlich eine radikale Reform ber veralteten, bereits muffig gewordenen Einrichtungen des obrigkeitlichen Staats Schlöffern der Hohenzollern, Habsburger und Wittelsbacher. Die Gesinnung eines Untertans hat Raumann allerdings ab geworfen, und er redet frei von der Leber weg, wenn auch bann und mann in etwas gedämpftem Tone. vor der Novemberrevolution an den deutschen Höfen ab, Eine Standalgeschichte fondergleichen spielte fich als diese über dem halbverbluteten Bolte hinweg die Hände nach den Fürstenkronen der russischen Randstaaten ausstredten. In diesen Tagen ist Dr. Naumann vielfach ber Berater deutscher Fürsten gewesen, und er hat deshalb tief in die Karten die Karten der fürstlichen Länderschacherer gefchaut. Da erhißten sich die Gottesgnadenmonarchen zuerst über Bolen, und die polnische Frage warf nach Naumann den Erisapfel zwischen Deutschland und Desterreich: ,, Beide Staaten konnten feine Lösung finden, die ihnen gleich. mäßig willkommen war, und so bestand ein Königreich ohne eigent liche Verfassung, ohne fefte Grenzen, ohne Monarchen. Ein einzigartiges Gebilde in der menschlichen Geschichte, eine staatsrechtliche Mißgeburt! Es ist ja bekannt, daß man in Desterreich anfänglich in irgendeiner Form Raiser Star bie Krone Bolens verschaffen mollte, aber um sie zu erlangen, hätte man von Polen zu große Stüde abschneiden müssen, bie an uns gefallen wären. Dann sollte wieder Erzherzog Karl Stephan aber fein Sohn in Warschau refidieren, in einem Bolen, bas burch eine Allianz und Militär fonvention mit uns und Desterreich verbunden war. Aber auch der Ablehnung eine sehr verschiedene, je nach der Parteistellung Die Tragikomödie des Matteotti- Prozesses. andere Bläne tauchten auf; erft dachte man in Berlin den Brinzen des betreffenden Blattes. Nichts fennzeichnet aber die Einmütigkeit der öffentlichen Meinung fo deutlich, als die vor. fichtige und zurückhaltende Art, mit der das frühere und jetzige Leibblatt der Hohenzollern, der Lotal- Anzeiger", Sen sogenannten„ Bergleich mit dem ehemaligen Königshaus" behandelt. Selbst in den Redaktionsstuben reaktionärer Blätter hat man offenbar das Empfinden, daß man ber eigenen Leserschaft nur mit äußerster Borsicht bei der Berichterstattung über diesen Standal entgegentreten darf. All die Enterbten, durch die Inflation ihres Bermögens beraubten Schichten des früher reichlich fituierten Bürgertums werben mit Recht einen Unterschied machen zwischen der Aufwertung, die die Rechtsregierung ihnen bewilligt hat, und der Aufwertung, die die Hohenzollern, geftüßt auf eine standalöse Recht sprechung in Deutschland, jezt für sich erzielen wollen. In der Besprechung, die der Lokal- Anzeiger" dem Ber gleich widmet, wird die preußische Regierung, beren Finanz minister die Verhandlungen auf Grund der bisherigen Prozeß entscheidungen hat führen müssen, vor den eigenen Lefern gewissermaßen entschuldigt. Der preußische Finanz minister, Hoepfer- Aschoff, hat bekanntlich immer wieder dar auf hingewiesen, daß er nur unter dem 3wang ber Berhältnisse überhaupt zu dem vorliegenden Bergleich gekommen ist. Er hat betont, daß das Reich die Länder mit dieser wichtigen Frage bisher vollkommen in Stich gelaffen hat. In der Tat hat die preußische Regierung bei der Beratung des Aufwertungsgesetzes den Antrag gestellt. daß die Auswertung solcher Forderungen, die auf öffentliá rechtlicher Grundlage entstanden sind, nur in ber gleichen Höhe der Aufwertung der Anlethen verfolgen solle. Diesem Antrag hat der Reichsrat feinerzeit zugestimmt, der Reichstag hat ihn aber abgelehnt. Wäre er Gesetz geworden, dann wäre es möglich,& B. die unverschämten Ansprüche der ehemalig fouveränen Fürstenhäuser, wie Solms- Solms, Heffen Nassau ufm. bis herunter zu den Grafen von Bugtehude rundweg abzulehnen. Diese verdienstvollen Mitbürger verlangen jetzt vom preußischen Staat eine hundertprogen tige Aufwertung ihrer ihnen früher von Preußen gewährten standesgemäßen Leibrente, die ihnen als Entschädi gung für die Annerion burch Breußen gezahlt wurden. Da non abgesehen, hat aber die preußische Regierung sich darauf beschränkt, der Entwicklung der Dinge im Reichstag zuzusehen. Das Schicksal des sozialdemokratischen Antrags auf reichs gefeßliche Regelung der Abfindung, der vor Jahren gestellt wurde, hat sie veranlaßt, die Hände mehr oder minder in den Schoß zu legen. Es ist aber mindestens nicht ausgefchloffen, daß eine energische Gegenwehr der preußischen Regierung bei der Reichsregierung und schließlich auch im Reichstag nicht doch ein Echo gefunden hätte. Heute hat sich dieses Echo& meifellos einge stellt. Die Deffentlichkeit lehnt einen folden Vergleich, wie ihn die Hohenzollern mit Hilfe der ihrer Auffassung dienstbaren Gerichte erzwingen wollen, ab. Es liegt am Reichstag, ob er dieser Stimme der Deffentlichkeit jeht endlich Rechnung tragen will. Niemand wird es verstehen, daß eine abinetsordre aus dem Jahre 1842 die Rechtsgrundlage dafür abgeben soll, was als" Brivatbefig" der Hohen zollern anzusehen ist. Das Recht auf Dankbarkeit hat sich der weggelaufene König selber verscherzt. Als Zeugen dafür brauchen wir nur die„ Tägliche Rundschau" zu zitieren, die der Linkspreffe folgenden Vorwurf macht: Die direkten Werkzeuge Mussolinis enthaftet. Rom, 2. Dezember.( WIB.) Der Untersuchungs. richter hat heute im Prozeß Matteotti einen Entscheid gefällt, demzufolge Dumini, Volpi, Viola, Poveromo und Malacria als Täter oder Helfershelfer bei der Ermordung des sozialistischen Abgeordneten Matteofil von dem Schwurgericht in Rom abgeurteilt werden sollen. Gegen alle anderen Angeklagten wird das Berfahren eingestellt. Sie sind im Laufe des Dienstag Abend in Freilheit gefeht worden, darunter aud) der frühere Pressechef Cesare Roffi, der frühere Geschäftsführer der Falchiffl. fchen Partei Giovanni Marinelli, der Journalist Filipelli und der österreichische Staatsangehörige Thierschald. Der Journalist Naldl, gegen den das Verfahren ebenfalls eingestellt ist, befindet sich bereits seit längerer Zeit in Freiheit. Rom, 2. Dezember.( BTB.) Die Blätter veröffentlichen heute früh feitenlange Auszüge aus der Anklagefchrift im MatteottiBrozeß. Selbstverständlich bringen nur die Regierungsblätter Betrachtungen, die fich meist gegen den Feldzug der Opposition und gegen die politische Ausschlachtung der Ermordung Matteottis rich ten. Der„ Messaggero schreibt, der Mord Matteottis war nicht vorbedacht und erfolgte nicht auf Grund einer Abrede. Die Tat wurde lediglich durch zufällige Umstände herbeigeführt, als versucht wurde, den Abgeordneten Matteotti festzunehmen und ihn einige Tage von der Parlamentsdebatte fernzuhalten.(!) Jeßt, wo die gesamte unabhängige Breffe Italiens er drosselt ist, kann es Mussolini wagen, die Durchpeitschung dieser Justizkomödie vorzunehmen. Seine unmittelbaren Werkzeuge Nofft, Fillpelli und Marinelli werden in Freiheit gefeßt, über die anderen wird ein Schwurgericht unter faschistischem Straßenterrorurteilen", mobet schon jetzt ver abrebet ist, daß die Angeklagten die eigentliche Schuld auf einen Komplizen schieben werden, der mit Hilfe der Mussolint Regierung längst ins Ausland abgeschoben wurde. Sogar die deutsche Juftig fann von der italienischen noch etwas lernen. Währungskatastrophe in Polen. Einberufung des Parlaments gefordert. Warfchan, 2. Dezember.( WTB.) Der geffrige stürmische Rüdgang des 3loin veranlaßte die radikale Bauernpartej Wyzwolenic, in einem Schreiben an den Sejmpräsidenten die sofortige Einberufung des Landtags zu verlangen, um die Regierung zu beftimmen, über die valutarische Lage Bericht zu erstatten. Die gegenwärtige Lage, fo heißt es in diefem Schreiben, nehme tatastrophale Formen an Der Dollar fel auf 12 3loty gestiegen und die Panik steigere fidh von Stunde zu Stunde, ohne daß von maßgebender Seite auch nur die Anfündigung einer Abhilfe erfolgt wäre. Diefer Stand der Dinge sei unerträglich. Es dürfte teine Stunde länger gezögert werden, um den gegenwärtigen tataftrophalen Verhältnissen zu steuern. Bolen hat feine Inflation, neue Zlotynoten werden nicht gebrudt, trobem fällt die Währung immer rafcher. Der Zloty ftand bei feiner Schaffung dem Schweizerfranken an Wert gleich, ein Dollar foftete 5.18 Zloty. Die fdmere dauernde Wirtschaftskrise, der Absahmangel der Industrie hat die Währung so heruntergedrückt. Leopold von Bayern zum König zu machen, er lehnte aber fofort ab. Manche sprachen von einem fächsisch en Brinzen... Ja es gab fogar einige, die den Fürsten von Iagis, der ja in der Provinz Bosen großen Befit fein elgen nannte, zum Herrscher machen wollten, weil der Reichtum des Fürften die Bolen von der Berpflichtung entband, ihm eine große 3ivillifte zu geben." Ein lebhafter Streit entbrannte dann unter den gefrönten Häuptern um Ellaß Bothringen. In Berlin hatte man die Seelen der Elfäffer immerhin soweit ergründet, daß man doch endlich begriff, die Elsässer wollten feinen preußischen Prinzen zum König haben: Und ebenso waren die süddeutschen Staaten fest entschlossen, Breußen nicht nach Süddeutschland gefangen zu laffen. Auf der anderen Seite erflärte mon in Berlin, Me Grenzwacht läge am besten in den Händen des größten Bundesstaates; dieses Argument erbitterte gerade in München sehr. Es fam dann die 3dee auf, die Reichslande zu teilen, Lothringen an Breußen zu geben, das Eliah cn Bayern; doch gegen diese Bergrößerung Bayerns erhoben wieder Württemberg, Sachsen und Baben ihre Stimme und ver langten, das Gleld gewicht unter den Bundesstaaten müsse erhalten bleiben. Wenn Bayern das Elsaß erhielte, fel Süddeutschland tat fächlich bayerisch. Ein höchft unglücklicher Gedanke war der andere: Lothringen fällt an Breußen, das Elsaß wird zwischen Baden und Bagern geteilt, und Württemberg empfängt als fleines Pflaster die Hohenzollernschen Lande. Eine Zeitlang schien es, als habe man in Berlin fich mit dem banerischen Beliz des Elfaffes abgefunden, und schon triumphterte man in München. als plöglich mir Graf Hertling sagte: Baben und Württemberg werben von Berlin ermuntert, Einspruch zu erheben, man treibt bort eine Politit mit doppeltem Boden". Ich glaube, Hertling hat sich gelrrt. Nach der Nieberwerfung Rumäniens dachte man in Berlin an die Abfegung des rumänischen Königshauses. In Berlin betrieb man einige Zeit die Erhebung des Land. grafen oon effen, eines Verwandten Wilhelms, zum König von Rumänien! Der Fürst von Wied behauptete sein gutes Recht" auf Albanien in einer Denkschrift, deren Einbandblatt mit den albanischen Farben ausgestattet mar. Wilhelm II. bemühte fich, Herzog von Kurland zu werden. Wilhelm trat einem anderen Kronprätendenten, dem Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg, der sich fchon große Hoffnungen auf den Herzogshut gemacht hatte, fehr brüst entgegen. Er war", fo erzählt Raumann, aum Frühstück beim Kaifer gemefen, und der Kaiser hatte ihm zugetrumfen und gesagt: Auf das Wohl Kurlands, in dem ich und fein anderer Herzog werden wird." Im fatholischen Litauen lebte auch zuerst der Anspruch der hohen ollern auf die ftauische Rönigstrone auf. Später ariffen die Bettiner in Sachsen nach dieser Krone, weil Sachsen Agrarbesik haben wollte". Dann rührten sich gefchäftige Agenten für den Herzog von Urach- doch Berlin erkannte die Bahl dieses Fürsten nicht an. Es ist gut, so meint Naumann ,,, daß die Ideen, die mir bamals hatten, nicht zur Ausführung gelangt sind, und es ist zu bedauern, daß wir sie damals hatten. Sie haben uns in der Welt gefchadet". Sie haben aber auch im eigenen Lande wie Dolch. stöße gewirkt. Das Bolt, das sich hungernd und frierend nach Frieden sehnte, erkannte, daß es im Osten zu feinem I wirklichen Berständigungsfrieden tommen fonnte, da sich ja Organisation der aus Elsaß-Lothriogm'vertriebenen verwahrt sich auf das entschiedenste gegen eine Unterstellung, als würden sich vertriebene Elsaß-Lothringer zu einer solchen v e r a b» scheuungswürdigen Tat bereit finden. Tis im Hilfsbund für die Elsaß-Lothringer im Reich organisierten Vertriebenen hegen den heißen Wunsch, daß es unserem deutschen Datcrlande gelingen möge, in Frieden, Ruhe und Ordnung seinen Wieder« aufstieg fortzusetzen. Rur aus diesem Wege wird es auch den ven Haus und chof vertriebenen Elsaß-Lothringcrn, die bisher für den Verlust ihrer Habe und ihrer Existenz vom Reich nur völlig ungenügend entschädigt worden sind, gelingen, wieder zu einer Heimat und zu einer Existenz zu kommen. Die Eüelften üer Nation. Ein Tuellprozeß in Hinterpowmern. In das Treiben gewisser rechtsradikaler Kreise leuchtet ein Prozeß hinein, der gegenwärtig vor dem Landgericht in Stolp geführt wird. Dort steht der Rittergutsbesitzer von Somnig mit seinen.Standesgenossen- von W-iher, von Pirch. Hewclte. Zinders, dem früheren Staatsanwalt von Könen und dem Major Kraft von Ramin vor den Geschworenen, sämtlich angeklagt wegen Zweikampfes mit tödlichen Waffen und wegen Kortelltrogens, von Somnitz außerdem wegen Zweikampfes mit tödlichem Ausgang. Somnitz hatte mit Weiher, Pirch und Hewelle im Sommer dieses Jahres ein Duell auf Pistolen und am gleichen Morgen ein viertes Duell mit einem Gutsbesitzer von Kohl, den er tödlich verletzte. Die Ursache diese» Zweikampfes lag in poli- tischen Auseinandersetzungen. Die Führer der Pom- merschen Agrarier sind zum großen Teil völkisch-putschistisch gesinnt und sammeln aus ihren Gütern, wie ihre Kollegen in Mecklenburg und Ostpreußen, die Putschbanditen als sogenannie .Landarbeiter." Somnitz soll sich mit einigen anderen gegen diese Bandenbildung gewehrt und jede Unterstützung für sie ab- gelehnt haben. Die Folge war. daß man Somnitz in seinen Kreisen boykottierte und ihn durch Schikane und Drohungen einzuschüchtern drohte. Schließlich wollte man chn als ehemaligen Gardeosfizier in der.Gesellsch-öst" unmöglich machen, indem man chn verprügelte. Bei Gelegenheit einer Jagdgesellschaft bei einem Gutsbesitzer im Lauenburger Kreise stellte man Somnitz, provozierte ihn und siel dann gemeinsam über ihn her. Darauf sandte der BerprügeUe den Hauptbeteiligten die Fmderung zum Duell. Diese suchten zunächst zu kneifen und behaupteten, Somnitz sei nicht„satissaktionssähig', weil er nicht national denke und Revolutionär sei. Mehrere Ehren- geeichte von ehemaligen Offizieren stellten aber die.Satisfaktion?» fähigkeit" des Verprügelten fest und daraus fand am frühen Morgen des 3. Juli in der Nähe des Schützenhauses von Stolp der vier- fache Zwei kämpf statt. Bei dem vierten Kampfe wurde Kohl( in den Oberschenkel getroffen, der Schuß verletzte eine Schlagader. so daß der sofortige Tod die Folge war. Vor Gericht verweigerten die Angeklagten zunächst jede Auskunst über die Ursachen des Streitsalles, wie Somnitz hinzufügte, um nicht.neuen Haß" auskommen zu lassen. In Wirtlichkeit will man jedoch nicht vor der Oessentlichkeit die Dandenbildungen erörtern und die Aufmerksamkeit aus Dinge lenken, die schließlich selbst den so nachsichtigen Oberreichsanwalt interessieren könnten Das Gericht hat augenscheinlich keine Neigung, in die Dinge tiefer hineinzusteigen denn es hat keine Zeugen geladen, die die Schweigsamtest der Angeklagten brechen könnten Und doch wäre es rnzch in diesem Duell-Prozeß von Wichtigkeit, festzustellen ob es wahr ist. daß die pom merschen Agrarier mit völti- scher Gesinnung den Plan hotten. Pommern von Preußen loszureißen und es mit Ostpreußen und der Grenz- mark zu einem besonderen Staat zu vereinigen. Der Ausgang des Prozesses ist, soweit die einzelnen Personen In Frage kommen, ohne Belang. Die politischen Hinter- g r ü n d e. die dos Gericht augenscheinlich nicht aufhellen will, wären allerdings von größerer Wichtigkeit. Aber da es sich um den.Stand" ehemaliger Offiziere und Rittergutsbesitzer handelt, so wird man in Pommern nicht geneigt sein, diese.Stützen der Gesellschaft" in ihrer Nacktheit zu zeigen! feine LandesvSter um die Kronen der russischen Randstaaten rauften. Die Kriegsbegeisterung mußte in weiten Volkskreisen scizwinden, wenn diese sahen, sie bluteten für den K r o n e n- und L ä n d e r e r w e r b der d e u t s ch e n Fürsten. Die Erinnerung an die Vorgänge von damals hat heute mehr als nur historisches Interesse. Die Zeiten haben sich ge- ändert, die Charaktere sind unverändert geblieben. Statt neue Kronen zu erwerben, verloren die Fürsten durch ihre Schuld auch die alten. Aber das Schachern haben sie nickst aus- gegeben. Nicht aufgegeben haben sie die Vorstellung, daß sie dazu da sind, im Glanz des Reichtums zu prunken, während die Masse des gemeinen Volkes für sie zu schanzen und zu fronen hat. Ging's einst um Kronen, so geht es jetzt um Mil- lionen. Deutschland muß nur die Fürsten kennen— dann bleibt es Republik! Lonöon unü üie Deutschnatkonalen. Zurück an die Futterkrippe— marsch, marsch! Die Unterzeichnung der Locarno-Verträge in London hat in der deutschnationalen Presse der Reichshauptstadt nicht das einheitliche Echo erweckt, auf das man bei einem so wich- tigen Ereignis rechnen konnte. Ist es nicht eigenartig, daß drei führende deutschnationale Blätter mit keiner Zeile den gestrigen Tag besprechen? Weder in der„Kreuz- z e i t u n g", noch im„Lokal-Anzeiger", noch im „Tag" wird zu der Tatsache der Unterzeichnung oder zu den ausgetauschten Reden Stellung genommen. Wo bleibt da der laut und pathetisch oerkündete wilde und rastlose Kampf gegen den„Verrat an deutschem Lande", gegen das„dritte Versailles"? Der„Verrat" ist nun feierlich vollzogen worden, das„dritte Versailles" unterzeichnet und besiegelt— und drei führende deutschnationale Blätter schweigen dazu?! Es hat fast den Anschein, als ob mit diesem Schweigen eine bestimmte Taktik verfolgt würde. Der bramarbasie- rende Kampf der Deutschnationalen gegen das Werk von Locarno in den letzten Wochen war also nur zur Beruhigung und Irreführung der rebellierenden Parteifreunde aus dem Lande bestimmt. Jetzt gilt es, so schnell wie möglich wieder in die Regierung zurückzukehren. Dieser Eindruck wird bekräftigt durch die Kommentare des einzigen Blattes, das zu dem llnterzeichnungsakt von London ausführlich Stellung nimmt, der„Deutschen Tages- z e i t u n g". Dort wird vom„Kampf der Rechten" gegen Locarno nur noch in der Vergangenheit gesprochen. Aber die Scklußsätze des Artikels, die sich auf die Zukunft beziehen, lassen jede Spur von Kampfeswillen vermissen. Im Gegenteil: man stellt sich wieder einmal aus den bewußten Boden der gegebenen Tatsachen: .Aber wie dem auch sei, Locarno Ist unter- schrieben, wenn auch bis zum Völkerbundseintritt Deutschlands noch nicht in Kraft. Mit dieser außenpolitischen Tatsache von großer Tragweite haben wir zu rechnen, einerlei, wie man zum vertrag selbst steht. Eine Hauptaufgabe der Zukunft auf außenpolitischem Gebiete ist es, diejenigen Schichten und politischen Kreise im deut- schcn Volk, deren geistige Einstellung sie für eine entschieden natio- nale Politik zugänglich macht, über die Parteien hinweg zu sammeln, auf einfachen, klaren nationalen Linien ein ge- nieinsames Ziel rechtzeitig festzulegen und die aus solcher Willens- tonzentration erwachsende Kraft politisch nutzbar zu machen, um die Gefahren des Locarno-Paktes zu mildern, alle Möglichkeiten auszunutzen und damit trotz allem die Durchführung einer wahren deutschen Befreiungspolitik anzubahnen." Sieh mal an! Roch keine Woche ist verstrichen, seitdem die Deutfchnationalen erklärten, sie würden niemals die Rechtsgültigkeit der Locarno-Verträge anerkennen. Jetzt muß man„mit den Tatsachen rechnen",„die Kräfte sammeln" und„jede Möglichkeit ausnutzen". L kmita la eomedia! Die Ablehnungsposse ist beendet. Jetzt beginnt Daniel in Doorn. Von Georg von der Bring. Daniel Schäfer, einem frommen Mann«, ist es„vergönnt ge- «esen, in Doorn weilen und seine Beobachtungen machen zu dürfen". Zurückgekehrt, hat selbiger Daniel in seiner Verwirrung nichts Eiligeres zu tun gehabt, als mit Sonne im Herzen ein Traktätchen zu schreiben, dem sodann ein gewisser Sonnenweg-Berlag den Weg ans Sonnenlicht geöffnet hat. In diesem Reisebericht, betitelt„Die Wahrheit über Doorn", wird nun dem betrübten Bürger unserer Zeit allerhand herzbewegen- des erzählt. Die wesentlichen Beobachtungen unseres Daniel sollen hier wörtlich mitgeteilt werden. „Die Verpflegung war so reichlich und gut, daß wir uns ganz als kaiserliche Gäste fühlten."(Dein Wanst ist bestechlich, Daniel!) „Die Kaiserin trug einen einfachen grünen Mantel."(Wir müssen mal für sie sammtn, Daniel!) „Jeden Arbeiter grüßt er mit einem Händedruck und steckt ihm persönlich die Zigarre oder Zigarette an."(Man sollte es doch noch- mal mit ihm probieren, Daniel.) „Es ist Tatsache, daß der Kaiser mit der Hochzeit mindestens drei Jahre lang warten wollte, indessen— der holländische Nebel verhinderte es."(Der holländische Nebel war auch dir nicht zu- träglich, Daniel.) „Es ist nicht wahr, daß der Kaiser eine neue Religion des Christentums schaffen will."(Und das hatten wir so bestimmt ange- nommen, Daniel!) „Der Spaziergang des Kaisers in IX Iahren reicht im Längen- maß bis— Moskau."(Das muß in die Rechenbücher, Daniel.) „Wir sehen das Holzhaus, wo et in IX Iahren tausende(!) von Baumstämmen sägte, um seine Nervenkraft aufrecht zu erhalten." (Um fein teures Leben sich selbst und den Unentwegten zu erhallen.) «Als ein Erinnerungswort, um das ich ihn bat, schrieben Kaiser und Kaiserin in mein Gedentbüchlein: Joh. 15, 5„Ohne mich könnt ihr nichts tun!" Ohne wen nun, armer Daniel, ohne„Sie" oder ohne„Ihn"? Kinder und Narren gehen unbeschädigt durch das Tal der Lüge. Der süße Daniel, der gleich seinem biblischen Namensvetter In der Löwengrube weilte, hat dieses nicht einmal bemerkt, er ist gleich den drei Männern ganz ohne Brandgeruch aus dem feurigen Ofen zu uns zurückspaziert. Und mehr: Sein Gefühl hat sich erbaut, und sein Gaumen ist gelabt worden. Bloß, was am schwächsten seit jeher war an dem guten frommen Daniel, der Verstand, hat eine er- schreckende Form angenommen, so daß man mit seinem Namensvetter sagen kann, Daniel 8,5: „Und der Bock hatte«in ansehnlich Horn zwischen seinen Augen." wieder die parlameni irische K risse..schicberei, um sich so schnell wie möglich wieder in einer Bürgerblockregierung zu„s a m- mein" und das jäh unterbrochine Werk der Ausplünderung des deutschen Volkes zugunsten der Agrarier, Schlotbarone und Fürstenhäuser fortzusetzen. Auf Luthers Hilfe kann man sich dabei verlassen. Er hat zwar seinen Rücktritt mit der Begründung versprochen, daß„die neue Regierung so gebildet werden müsse, daß sie auch innerlich zu dem neuen inter- nationalen Vertragswerk stehe". Aber es wird gerade Herrn Luther nicht schwer sallen, zu beweisen, daß die Deutschnatio- nalen innerlich für Locarno seien, zumal sie neun Monate lang die Paktpolitik mitgemacht hätten. Und dann wird alle: wieder beim alten sein. Oder etwa nicht? Wird Herr S" r e s e m" n n, der noch vor vier Tagen in einer Beilage der heute so schwe�wmen„Kreuzzeiiniiz" als „schlimmer als ein Raubmörder" bezeichnet wurde, sich einen Ruck geben und für sich und seine Partei die Zusammenarbeit mit den deutschnationalen Heuchlern ab- lehnen? Wird das Zentrum so viel Selbstgefühl aufbringen, dieses von den Herren Luther und Westarp geplante Satyrspiel zu durchkreuzen und zu seinen Kasseler Beschlüssen zu stehen? Wir werfen diese Fragen lediglich auf, ohne sie zu be- antworten, weil uns die Erfahrungen der jüngsten Vergangen- heit skeptisch gestimmt haben. Schonen wir keinen! Die Völkischen wollen die Hetze erneuem, die Erzberger und Rathenau das Leben tzetostet hat. Die„ M e ck l e n- buraer Warte" stellt ein Programm dieser Hetze auf. Sie richtet sich in erster Linie gegen Stresemann.„Be- lüger und Betrüger, Dummheit und Erbärmlichkeit deutschen Rarrentums"— das sind die Töne, die ein gewisser Adolf Viktor von Koerber in einem.Kampf" überschriebenen Artikel der„Mecklenburger Warte" gegen ihn ge- braucht. Dann heißt es weiter: „Wir treten in den Kamps ein mn Tod und Leben! Es kann «in siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden, bis die Entscheidung fällt. Noch ist unsere eigene Rüstung schwach. Zwar liegen die Waffen vor uns in unserem Arsenal, scharfe, tödliche, siegoersprechende Waffen. Wir könnten dem Gegner Schlachten schlagen und gewaltige Niederlagen bereiten, Tag für Tag. Nur müssen wir auch Tag für Tag das Waffen- Handwerk übenl In einem Geiste voll haß und letztem Entschluß." „Wersen wir die Brände des Zweifels hinüber in das gegnerische Lager. Schonen wir keinen mehr von drüben der führenden volks- verführenden Männer. Sprechen wir tagtäglich zu den Derführten des großen Lagers in Tatsachen und Aufrufen von einer Sprache und Eindeutigkeit, die gehört werden, die wirken muß!" Die Hetze soll keinen verschonen, weder Stresemann, noch Luther, noch Hindenburg. Sie soll so betrieben werden, daßsiewirtenmuß. Man weiß, w i e sie wirkt — Erzberger, Rathenaul Es ist der Geist der in Mecklenburg wirkenden v o l- k i s ch e n F e m e, der aus dieser Hetze spricht. Sie bleibt nur im Bilde, wenn sie gleichzeitig Ludendorfs, den„Obersten Führer, den heldischsten der Helden", als Gerichtsherr bezeichnet. Eine Clique voll Haß und Mordgesinnung will die Hetze erneuern, und L u d e n d o r f f ist ihr Haupt— der Anführer d.r Mordgesellen. Protest gegen Sie Morüketze. Erklärung deS Hilfsbundes für Elsasi-Lothringen. Zeitungsnachrichten zufolge hat dos Mitglied des bayerischen Landtages Bergwerksdirektor Adolf Wagner im Bayerischen Landtag anläßlich der Locarno-Debatte sich geäußert, er könne»s verstehen, wenn ein ausgewiesener Elsaß-Lochringer S t r e s e- mann über den Haufen schießen würde. Der Hilf»- bund für die Elsaß-Lothringer im Reich, die berufene 3m Theater am Schissbauerdamm gab man gestern das„Der- h ä n g n i s v o l l e Weib",«in französisches Lustspiel von Andre Birabeau, dessen Tllel weit mehr verspricht, ols dos Stück hält. Das Weib ist eigentlich gar nicht verhängnisvoll— darin besteht der Witz des Lustspiels—, sondern eine fast zu brav« Ehefrau. Um seinen Vater zur ausgiebigen Offenhaltung seines Portemonnaies zu oer- anlassen, markiert der Sohn einen Selbstmord, und zwar einen Selbsimord aus unstillbarer Liebe. Da gerade kein anderes Objekt für die vorgebliche Leidenschast zur Hand ist, sucht er sich dazu die besagte harmlose Ehefrau aus, die durch die Affäre zur bestaunten Sensation wird. In den Mittelpunkt des Interesses gerückt, halb gefürchtet, halb bewundert, lebt sie plötzlich auf. Die Handlung ist ganz hübsch erdacht, fließt ol'-r sehr schwerfällig dahin, und de.- Rest des Lustspieles ist schrecklich banal. Durch eine bemerkenswert unge- schickte Rollennerteilung wirkte es noch langweiliger als es ohnehin ist. Der Regisseur— Reinhard Bruck— hätte nur nötig gehabt, die beiden männlichen Hauptrollen umgekehrt zu besetzen. Mcy- Adalbert hätte nicht den Ehemann, sondern den Liebhaber aus Verlegenheit spielen sollen.� den gestern Julius F a l k e n st e i n gab. Faltenstein besitzt eine prächtige � Routine in der Darstellung gries- grämiger Typen. Dabei kommt ihm die natürliche Monotonie seines Tonfalls zugute, die aber In einer Hauptrolle allmählich ermüdend wirkt. Max Adalbert konnte aus der kümmerlichen Rolle, die thm Birabeau geschaffen hat. nicht allzu viel machen. Dennoch aber er- zielte er mit seiner bekannten trockenen Komik Beifall auf osfener Szene. Sein Talent, Extempores zu machen, ist unbezahlbar. Der Beifall war außerordentlich schwach. Vereinzell war sogar Zischen vernehmbar. Dgr. Abbau bei den Thüringer Thealern. Infolge Sparmaßnahmen der thüringischen Regierung ist beabsichtigt, mit Ablauf der kommen- den Spielzeit die Landestheater in Gotha und Sondershausen zu schließen und die Landeskapellen von Gotha und Metningen aufzu- lösen. Diese Nachricht erregt in ganz Thüringen größtes Aufsehen und stärkste Proteste, da der Staat Thüringen bei Uebcrnahm« der einzelnen Landestheater zugesagt hat, sie im alten. Überlieferten Sinne zu erhalten und weiterzuführen. Die beiden Bühnen sowie die Orchester blicken auf eine rühmliche künstlerische Vergangenheit Zurück und es soll seitens der beteiligten Gemeinden olles daran gesetzt werden, die neuen Beschlüsse nicht zur Durchführung zu bringen. Es soll vor allen Dingen versucht werden, den hohen Zuschuß, den einzelne Bühnen, so da- Deutsche Nationaltheater in Weimar, er- kalten, herabzusetzen und diese frei werdenden Mittel den bedrängten Bühnen und Orchestern zuzuführen. Deutsche Erfolge gegen dlejschlafkrankhell. lieber die Wirkungen des neuen Mittels gegen die Schlafkrankheit, das„Bauer 205" oder „Germanin" genannt wird, hat der Direktor des Belgischen Instituts für Tropenmedizin Dr. Broden ein eingehendes Gutachten veröffent- licht, dessen wesentlichen Inhalt Brüsseler Blätter mitteilen. Broden erklärt, daß die Versuche, die mit„Bayer 205" während der letzten drei Jahre zu Leopoldville im Kongogebiet und in Brüssel aus- geführt wurden, gewiß sehr wichtige Erfolge gezelligt haben. Aller- dings konnte das Mittel nicht mehr heilend wirken, wenn die Schlaf- krankheit bereits im zweiten Stadium war, d. h. wenn das Nerven- fystem der Ertränkten bereits stark angegriffen war. Das Mittel bewirkt jedoch das Verschwinden der Trypanosomen im peripherischen Blutkreislauf und verhindert so, daß der Patient noch als An- teckungsquelle dienen kann. In den Fällen, in denen das Nerven- ystem der Erkrankten noch nicht angegriffen war, wurden Heilungen n großer Pnzahl erzielt. Dr. Broden ist der Ansicht, daß„Bayar 205" ein fnnthetifches Mittel ist, das noch verbessert werden kann und dann die segensreichste Wirkung im Kampf gegen die Schlaf- krankheit ausüben wird. hundert 3ahre Stehkragen. Eines der wichtigsten Jubiläen dieses Jahres ist von der Oeffentlichkeil fast unbeachtet dahingegangen. Es ist nämlich nunmehr genau hundert Jahre her, seil«in Mann zum ersten Male einen Stehkragen anlegte. Die Geschichte des Steh- kragens beginnt in einem kleinen englischen Dorf, wo die Frau des Schmieds aus Ersparnisgründen dahinterkam, daß es besser sei, wenn ihr Mann zu seinem Hemd wse Kragen trage, statt an dem Hemd festgenähte. Diese Reform, die es mit sich bracht«, daß man nicht gezwungen war, das Hemd in die schmutzige Wäsche zu werfen, wenn der Kragen dreckig war, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Nachbarschaft und hat nach und nach die ganze Welt erobert. Diese Eroberung ist wesentlich dadurch begünstigt, daß der Londoner Kaufmann Ebenezer Brown in der Erfindung der eng- lischen Husschmiedssjattin ein Geschäft witterte und einen Kragen- laden in London eröfsnete. Ein neues Scharlach-Serum. Aus Amerika kommt die Kunde, daß es den New Porter Aerzten George und Glady» Dick gelungen ist, ein Serum herzustellen, das sich in hohem Matze zur Verhütung und schnellen und sicheren Heilung von Scharlach eignet. Vel de* angestellten Kontrollversuchen wurden 115 Personen mit dem Serum geimpft. 63 von ihnen erwiesen sich daraus als vollkommen immun gegen die Krankheit. Die restlichen 55 Personen erkrankten zwar, jedoch nur in leichter Weise und konnten bereits in wenigen Tagen als geheilt betrachtet werden, nachdem sie einig« weitere In- jektionen mit dem neuen Serum erhalten hatten. Gegenwärtig wird das Serum von einer Reihe von englischen Hospitälern erprobt. Abschließende Resultate liegen noch nicht vor. Neuerwerbungen der Berliner Nalionalgalerle. Im dritten Stockwerk der Nationalgalerie sind jetzt die jüngsten Erwerbungen ausgestellt: das berühmte Frühwerk Friedrich Overbecks„Christus im Hause des Lazarus"(1315), Bildnisse und Zeichnungen von Friedrich Wa-mann und das„Witte-horn" von Ernst Friedrich Oehme aus dem Jahre l8?8. Zugleich findet dort eine Aurstell'.ma von Jugendarbeiten des Dresdner Meisters Julius Hübncr(IS�i bis 1882) statt, die in der Hauptsache aus dem Besitz der Nach» kommen stammen. A. 1v LnoaUcharsky woknte am Sonntag der Auffäbrung seine» Ttanlpiel».Der besrelte Don Ouichotle" im„Theater am Bülowplatz- bei.(5r danlle peisönliih den Darftevein, instmreibeU L>«i rn Kayhlcr, und lagle, bau er über bic eingebende Inteipretatton feine« Dramas, von dem er auch in Rußland sehr gute Ausführungen gesehen, glücklich sei. vi« Aichle.Eesellsckast, Ortsgrudbe Bersin. beranlialtet heute im Hür» laal 33 des Hauptgebäude» der Uniberkität abend» 8 Uhr einen Vortrag von Pros Maier-Berlin über ,3®. Fichte und da» Deutschtum". Eine Regierungskrise in Thüringen? Die beiden völkischen Richtungen gegen die Regietvng.— Locmno der Stein des Anstoszcs. Weimar, 2. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Wie aus be- stimmter Quelle verlautet, har eine interfraktionelle Sitzung der Regierungsparteien und ihres Anhanges stattgefunden, die wegen der Wichtigkeit der angeblich zur Vcrhand- lung kommenden Fragen auch von sämtlichen Ministern besucht war. In dieser interfraktionellen Sitzung wurde die Haltung der thüringischen Regierung zu Locarno in ziemlich leidenschaftlicher Form besprochen, nachdem früher einmal vom Landbund und den Deutschnationalen der Regierung nahegelegt worden war, gegen Locarno im Reichsrat zu stimmen. Die einzigen, die sich zum Schutze der Regierung einfanden, das waren die D o l k s p a r t e i l« r, die wie immer in dem früheren Sonderhäuser Minister Bauer ihren Sprecher hatten. Dieser erklärt«. seine Fraktion stehe hinter Stresemann und billige daher den Schritt der Regierung. Wesentlich anders war natürlich die Meinung des Landbundes und der Deutschnationalen. Lediglich aus Furcht vor der Oeffentlichkeit, die die innere Zerrissenheit des Ord- nungsblockes erkennen könnte, wollte man einen Personenwechsel in der Regierung vermeiden. Die Ereignisse scheinen sich so zu entwickeln, daß zunächst auf eine Abberufung des Minister» Leutheußer ge- drängt wird, weil er auch als Mitglied der deutschvolksportcilichen Reichstagsfraktion für Locarno stimmt«. An diesem Punkt« setzten beide völkischen Fraktionen des Landtages ein. Dr. D i n t e r wie auch sein Kollege P ö t o w von der anderen Fakultät bedrohen die Regierung und machen Ihr zum Vorwurf, sie sei den völkischen Wünschen in bezug auf die Ablehnung von Locarno nicht entgegen- gekommen. Man wird die Umbildung der Regierung oerlangen und dabei— so verlautet— von völkischer Seite einen Ver- trauensmann als Staatsrat entsenden. Bisher sträubt« man sich dagegen, Dr. Dinier als Staatsrat vorzuschlagen, weil sein« Wahl zum Staatsrat schlechte politisch« Wirkungen haben könnte. So will man sich denn mit einem Vertrauensmann, den die Völkischen be- nennen wollen, begnügen. Weil abek die Entwicklung den Völkischen nicht schnell genug geht, hat die Fraktion P ö l k o w dem Minister Leutheußer wissen lassen, daß sie auf seiner Abberufung bestehen müßte. Der Vorsitzende der Fraktion, Abg. Pölkow, hat den Minister Leutheußer eigens zu dem Zweck aufgesucht, ihm diese Mitteilung zu machen. Die Tatsache, daß nun auch die Fraktion Pölkow zu den Wider- fächern der Regierung übergegangen Ist, hat unter den Regierung?- Parteien große Bestürzung hervorgerufen. Alle ihre Be- mühungen, die Log« der Regierung nach außen hin zu oerbergen, werden scheitern, denn die Völkischen haben in ihrer Zeitung der Regierung den Kampf angesagt und werden ihn— wenn sie nicht umfallen— aufnehmen, bis ihre Wünsche nach einer neuen Re- gierung erfüllt worden sind. Wie weit ihre Spekulation auf einen Staatsratssitz dann sich erfüllen, bleibt abzuwarten. Ebenso unsicher ist das Schicksal des Etats, der immer noch einen ziemlichen Fehl- betrag aufweist, von dem man noch nicht weiß, wie man ihn decken soll. Die Sozialdemokratie in Thüringen, die schärfste, aber sachlichste Opposition trieb, steht vorläufig als lachend« Dritte beim Streit der Brüder und läßt die Dinge sich weiter entwickeln. Es hat den An- Ichein. al» würde die Regierung von ihren eigenen Parteien ver- lassen wegen ihrer Haltung zu Locarno und wegen ihrer Passivität gegenüber kleinlichen völkischen Wünschen. Dadurch, daß die thüringische Regierung für Locarno stimmt«, ist die sozialdemokra- tisch« Opposition nicht zum Stillstand gekommen. Wenn die Re- gierung sich dadurch die Freundschaft der Sozialdemokratie zu er- werben glaubt«, so hat sie sich sehr geirrt. Die Zustimmung zum Dertragswerk von Locarno war für die Sozialdemokratie eine Selbstverständlichkeit. Und wenn jetzt die Abberufung des Justiz- nünisters Leutheußer verlangt wird, so wird damit ein« sozial- demokratisch« Forderung aus den thüringischen Justizskandalen unterstrichen. Ist es den Völkischen um die Beseitigung de« Justiz- Ministers zu tun, dann haben sie Gelegenheit, bei der Besprechung der sozialdemokratischen großen Anfrage über den Fall Frieders sich entsprechend einzustellen. Es wird sich dann herausstellen, ob die Völkischen wirklich ernstzunehmende Politiker sind. Die Sozial- demokratke hat keine Eile, denn für sie arbeitet die Zeit, und je länger di« Ordnungsregierung in der Weis« weiterregiert, desto größer ist nachher ihre Niederlage. Was die»Rote Zahne" verstbweigt. Der russische Gesandt« in London hat anläßlich des Todes der Aönigin-MuUer Alexandra an die englische Regierung folgendes Telegramm gesandt: »Ich habe die Ehr«, der englischen Regierung das liefst« Mitgefühl und die herzlichste Teilnahm« meiner Regierung anläßlich des Verlustes auszusprechen, von dem Sein« Königliche Mose st ät und die königliche Familie durch den Tod der Königin Alexandra betroffen worden sind/ E» fragt sich nun, warum die kommunistische Press«, die sonst über jeden Quark aus der Tätigkeit der russischen Regierung berichtet, wie aus Komamndo da» oben wiedergegebene Telegramm totschweigt. Die neue Zranken-Inflation. Briand fordert sofortige Bewilligung der neuen Stenern. Pari». 2. Dezember.(Eigener Drahtbericht.) Di« Regierung wird am heutigen Mittwochnachmittag im Anschluß an di« Verlesung der Regierungserklärung einen Gesetzentwurf einbringen, durch den die Regierung zu einer Vereinbarung mit der Bank von Frankreich ermächtigt wird, die gesetzliche Höchstgrenze der Vorschüsse an den Staat um 6 Milliarden und die des Notenumlaufs um 7,5 Milliarden zu erhöhen. Die Vorlage enthält darüber hinaus Bedingungen zur Deckung dieser neuen Inflation. Durch Zuschläge aus«ine garye Reih« direkter und indirekter Abgaben, insbesondere aus die Ein- kommen st euer und die Stempelsteuer sowie die Abgaben für Tabak und Alkohol, sollen bis zum Herbst k. I. 6 Milliarden «rufgebracht werden, um di« neuen Vorschüsse der Bank zurückzuzahlen und die neu in den Verkehr gebrachten Noten einzuziehen. Die Re- gierung wird die Dringlichkeit für die Verabschiedung dieses Gesetzes beantragen, und die Vertagung der eingebrachten Interpellationen fordern. Briand wird heute nachmittag die Vertrauens. frage stellen und verlangen, daß die Vorlage noch am Mittwoch- abend, gegebenenfalls in einer Nachtsitzung, verabschiedet wird. Die britische Unterhausmehrheit hat die gerichtsiche Verfolgung der kommunistischen Propaganda tn Heer und Flotte gebilligt, indem sie den Mißtrauensantrag der Arbeiterpartei mit 331 gegen 127 Stimmen ablehnte; eine Anzahl Liberale enthielten sich der Stimm«. Der konisroatioe Innenminister„enthüllte", daß der kam- munistische Abg. Saklatvala 300 Pfund von Moskau für feine Wcchlkoste» erhalten habe Rauhreif. Wer kann von dem Tod der Natur im Winter sprechen, wenn er ihre schimmernden Wunder sieht. Eine Mannigsaltigkeit der Formen und Offenbarungen, die immer wieder den hinreihen muß, der mit offenen Augen sieht. Eisblumen an den Fenstern, die der genialste Maler nicht reicher entwerfen könnte und als schimmerndes Wunder, wenn nach kallem Frost wärmere Luft kommt, Rauhreif an Bäumen, Sträuchern, Gräsern, Bänken, Mauern, Telegraphen- drähten, überall, wo sich verdunstendes Wasser an kälteren Körpern festsetzen und kristallisieren kann. Die feinen Verzweigungen der Bäume und Sträucher kommen doppelt schön zur Geltung, und in- mitten der glitzernden Pracht sitzen wie ein Baumschmuck auf- geplusterte Spatzen. Ist es schon tagsüber ein bezaubcnder An- blick, so sollte, wer tagsüber arbeitet, es nicht versäumen, in den Vollmondnächten wenigstens eine halbe Stunde durch eiizen Park zu gehen. Wäre die Kälte nicht, so könnte man glauben, daß alle die Bäume und Sträucher in ein Meer von weihschimmernden Blüten getaucht seien. Die Gedanken schweifen in den Früh- ling, und Mainächte stehen in der Erinnerung aus. Und auch die Gewißheit, daß die Natur ewig wirkt und schafft, und der Kreis der Gezeiten sich zum Ringe zusammenschließen muß. In den feinen Kristallen, die wie ein Gewand die Bäume umschmiegen, spiegell sich hunderttausendfältig der Glanz des Mondlichtes wider, und unten in den Wurzeln arbeitet es schon wieder für den kom- wenden Frühling. Doch der schönste Rauhreif ist für den. der obdachlos und hungernd durch die Straßen irrt, nach Wärm« gierend, nur ein Ausdruck der grimmigen Winterkälte. Essen- und Schlafenkönnen wollen wenigstens ihren notdürftipsten Spielraum haben, ehe das Auge sich an der Schönheit des Winters erfreuen kann. Hier tritt die Verantwortlichkeit der menschlichen Gesellschaft fordernd auf, denn vom Rauhreif betroffene obdachlose Menschen sind ein anklagender Beweis, daß die menschliche Gesellschaft noch immer in ihren Gezeiten für die einen ewigen Frühling und die anderen die bitteren Entbehrungen und winterlichen Tod ohne Auf- erstehung bringt. * Ter Kampf ffegen den Schnee. Der In der heutigen Nacht eingetretene starke Frost hat die Arbeiten der Straßenreinigung nicht unerheblich erschwert. Die Maßnahmen des Stadtfuhramtes gelten jetzt hauptsächlich der Be- seitigung der Glätte, die am gestrigen Dienstag mehrere Opfer, darunter einen Todesfall gefordert hat. Allerdings trifft die Schuld an diesen Unfällen nicht die städttsche Straßenreinipung, sondern sie sind auf die oft sehr mangelhafte Reinigung und Streuung der Bürgersteige zurückzuführen. Heute morgen hat die Verwallung der städtischen Straßenreinigung wieder ihr gesamtes Stammpersonal von etwa 3000 Personen und darüber hinaus noch eine vermehrte Anzahl von Hilfskräften aufgeboten, so daß heute im ganzen etwa 5 800 bis 6000 Mann zur Echneebeseiti- gung zur Verfügung standen. In den Hauptverkehrsstraßen der Stadt sind außerdem etwa 1 0 0 0 Fuhrwerke zur Fortschaffung der zusammengeräumten Schneemassen unterwegs. Auch die 200 Schneeflüge sind wieder eingesetzt, um die Nebenstraßen narft Möglichkeit vom Schnee, der inzwischen angefroren ist, sreizu- machen._ »Klassenjustiz�. Eine Zwischenbctrachtuttg zum Falle Bothmer. Man schreibt uns von juristischer Seite: Der Fall der Gräfin Bothmer will nicht zur Ruhe kommen. Es vergeht kein Tag, ohne daß nicht in der einen oder anderen Zeitung eine diesbezügliche Notiz erschiene. So wird zwischen Urteil erster Instanz und Berufungsoerhandlung eine erneute Betrachtung not- wendig... Einundfünfzig Zeugen, siebentägige Verhandlung. Der Staat hat viel Geld übrig. Deshalb sind die Schwurgerichte abge- schafft, der Einzelrichter eingeführt, die gesamte Gerichtsverfassung umgestoßen worden. Der gräsliche Titel kommt dem Steuerzahler selbst heute noch teuer zu stehen— ein Uebcrrest früherer Zeit. Vielleicht legt sich die zweite Instanz eine sachgemäße Selbftbe- schränkung aus— im Gegensatz zu ihrem Vorgänger und zum Kummer der Sensationspresse. Was geht aber diese die Oesient- lichkeit an: Was haben die intimen Beziehungen und die sonstige häusliche schmutzige Wäsche der gräflichen Familie mit dem Tat- bestände des Diebstahls zu tun?«ollten sie der Feststellung der Tatsache dienen, daß die Gräfin fähig sei, einen Diebstahl zu be- ?ehen, da sie auch sonst nicht standesgemäße Gewohnheiten atte Bei einfachen Sterblichen fragt das Gericht doch nicht danach, ob der Angeklagte imstande gewesen war, seinem ganzen Wesen gemäß, irgendeinen Diebstahl zu begehen. Es heißt da nur: hat er es getan oder nicht. Das Berufungsverfahren In der Sache der Gräfin soll beschleu- nigt werden— die zweite Verhandlung wird, wie verlautet, bereits Mitte Dezember stattfinden. Weshalb diese Eile? Weil der Hast- befehl wegen Verdunkelungsgefahr nicht aufgehoben werden kann. Ja, dann muß die Gräfin eben von der Haft aus nicht weniger ge- duldig auf die Verhandlung warten, als dies auch sonst van verurteilten Menschen geschieht. Gesetzt den Fall, das Stubenmädchen der Gräfin hätte ihr ein paar bunte Lappen gestohlen. Sie wäre natürlich sofort in Untersuchungshaft gekommen. Der Einzelrichter hätte sie ohne viel Federlesens verknackt. Und wollte sie das Urteil nicht annehmen, sie wäre in Haft geblieben so lange, als normaler- weife der Gang des Verfahrens es oerlangt hätte. Und die Frau Gräfin hätte wohl voll Entrüstung über die Undankbarkeit„dieser Person" eine Moralpauke gehalten. Hier aber, wo es sich um eine Gräfin handelt— beschleunigtes Untersuchungsverfahren, beschleunigte Ansehung des ersten Termins, beschleunigtes Berufungsver- fahren. Vielleicht ist die Inhaftierung der Gräfin Bothmer nicht nötig: sie ist«s bestimmt nicht. Doch ebensowenig notwendig und vielleicht noch weniger sind die Inhaftierungen der vielen hundert kleinen Diebe, die monatelang in der Untersuchungshaft ihrer Ab- urteilung harren. Man hat noch nie gehört, daß Frauenorgani- fationen oder etwa gar der Bund für Mutterschutz sich für diese kleinen Leute eingesetzt hätten. Mögen sie doch ihre Vertreterinnen in die Verhandlungen des Einzelrichters schicken und sich überzeugen, wie es da zugeht. Und alles nur, weil eine Gräfin gestohlen hat. Sensationelles Ereignis! 25 Korrespondenten. Ellenlange Berichte. Langatmige Schlußbetrochtungen. Stehlen denn Gräsinnen und ihresgleichen wirklich, so fetten? Was wissen wir davon! Das„Unglück", der „Fehltritt" bleibt in der Regel im Schöße der Familie begraben. Hier passierte ein Malheur: oer großväterliche Freund hatte einen übereilten Schritt getan: der Polizeiapparat war ins Rollen ge- kommen, der Selbstmord des Grasen hatte der Sache die sensationelle Pointe gesetzt— da gab es keinen Haft mehr. Und die Strafe?! Der großväterliche Freund hatte längst ver- ziehen, weggekommen waren Bagatellen— trotzdem ein Jahr Ge- fängnis. Du lieber Himmel, eine geringfügige Gefängnisstrafe mit Bewährungsfrist, ganz so wie es kleine Diebinnen unter Umständen bei human emvsindendcn Richtern erhalten, wäre wahrhaftig für diese kleine gräfticbe Tiebin am Platze gewesen. Was hat nun aber das Potsdamer Urte-l zu bedeuten? Es war ein st a n d e s- gemäßes Urteil. Hotte doch der Herr Graf als Zeug« gesagt: „Frauen unseres Standes sind anders zu beurteilen als Frauen sonst." Und demgemäß dedizierte der Herr Staatsanwalt: Die An« geklagte gehört zu den Kreisen, die noch heute gewissermaßen zu den edelsten der Nation zu rechnen sind. Um so schärfer müßte sie an- gefaßt werden, wenn sie zu derartigen Taten geschritten ist. So emschied das Gericht: ein Jahr Gefängnis..„Klassenjustiz" verkehrt. Die Berufimgsinstanz wird sich auch im Urteil eine weife Befchrän- tung. auferlegen müssen. Die Gesundbeterin. Eine ,. Gesundbeterin" wurde in Neukölln festgenommen. Einer Frau M. in der Knesebeckstraße boten gestern zwei Zigeunerinnen Spitzen zum Kauf an Während der Unterhandlungen erfuhren sie. daß der Ehemann M. krank zu Bett lag. Da erbot sich die öttere Zigeunerin, ihn sofort gesund zu beten. Sie erbat sich zu dem Zwecke von Frau M. ihre Barschaft und ein Hemd ihres Mannes. Die Frau gab ihr 110 Mar k. Die Zigeunerin tat so, als ob sie die Scheine in dos Hemd einwickelte, reichte dieses dann Frau M. zurück mit der Weisung, es in den Wäscheschrank einzuschließen und ihr den Schlüssel zu geben. Nach vier Stunden, die Frau M mit Beten ausfüllen sollte, während sie das draußen besorgen wollte, werde sie zurücklehrcn. Der Frau stiegen aber doch bald Bedenken auf. Sie öffnete den Wäscheschrank mit ihrem zweiten Schlüssel, trennte die Naht im Hemd« auf und fand darin statt ihrer 110 Mark nur ein Zeitungsblatt«Inge- näht. Jetzt eilte sie den Z'-'-"'ner!nnen noch und hatte auch das Glück, sie m der Hermannstraße zu treffen. Die„Gesundbeterin" gab ihr sofort das Geld zurück und bat, sie laufen zu lassen. Frau M. ließ sie fedoch durch den nächsten Schupobeamten verhosten. Auf der Wache wurde die Zigeunerin als eine Meto Herzbero der Lehmeftraße 35 In Pankow festgestellt. Aus der Arbeilsstelle verunglückt. Der In der Anhallinischen Maschinenfolnit in der RöcHinftraße beschäftigte Valentin Ganztowiak aus der Veusselftraße 47 wurde heute vormittag von einer herunterstürzenden Eisenplatte schwer verletzt. Ein Wagen des Städtsschen Rettungsamtes brachte den Verunglückten nach der Unfallklinik Johaniiisftraße, wo elne schwere Kops- und Rückgrat- r erletzunz jcstgesteltt wurde_ Sott mit Sen Iahröro htlokomotwen! Eine Forderung der Bergarbeiter. Wie dem Sozialdcmokrarislben Pressedienst auS VoSrimer Bergarbenerkreiien miigetcill wird, dürfte die Ursowe der Cwlag- wetrerexplosion auf Zeche Lothringen l.stl. der fünf blübende Menschenleben zum Opfer gefallen sind, wiederum auf Funlen der«leklriiche» Fobrdrabtlolrmoiibe zurückuiiühren fein. Ta eine Reihe größerer UnglnckSiälle der letzten Zeit dieselbe Ursache hoben, so fordert die Arbeiterschaft jetzr mu allem Rachdruck die Abichaffung der Fahrdrabilokomoriven und ihre Ersetzung durch Preßlustlokomotiven. � In der vergangenen Nacht ist einer der Schwerverletzten des Grubenunglücks auf Zeche Lothringen Itll seinen qualvollen Leiden er- legen; zwei weitere Schwerverletzte befinden sich in Lebensgefahr. Die„Deulfilw Skudlengefellschaft für Funkrechi". Unter Führung des Deusschen Anwolt-Vereins, Leipzig, hat sich am 29. November dieses Jahres in Leipzig die„Deutsche Studiengesellschaft für Funkrecht" konstitutiert. Die neue Gesellschaft, die ihren Sitz in Leipzig behäll, will die Wissen- Ichaft des Funkrechts fördern und an einer zweckmäßigen Gestattung des deutschen und internationalen Funkrechls mitarbeiten. Die Er- gebnisse der Arbeiten der Gesellschaft werden der Oeffentlichkeit vor- gelegt werden. Dem Vorstand der Gesellschaft gehören folgende Herren an: Reichsgcrichtspräsident Dr. Simons, Justizrat Dr. Drucker. Vorsitzender des Deutschen Anwalts-Vcreins, Professor Dr. R i c z l e r-Erlangen. Professor Dr. O st e r r i e t h- Berlin, Professor Dr. Marx als Vertreter der Heinrich- Hertz-Gesellschast, Graf o. Arco als Vertreter der Industrie, Dr. Magnus als Vertreter der Sendegesellschaftcn, Hofrat Linnemann vom Börsenverein der deutschen Buchhändler, Pro- fessor Dr. Engländer als Vertreter der Autoren. Dem Vor- stand wurde Ermächtigung erteilt, sich Vertreter des Reichspost- Ministeriums und des Rcichsjustizministeriums beizuordnen. Unwetter In Florida. Ein orkanarttger Wind und Rc�ensturm, der die Floridaküste heimsuchte, richtete großen Schaden in vielen Ortschaften, u. a. in St Petersburg und Miami an. Bei einem Hauseinsturz in Dovis-Jsland wurden vier M e n- schen getötet, 18 verletzt, in Miami stehen viele Straßen unter Wasser. Dnkernallonale» Schachiurnier in Moskau. Bogoliubow siegte gegen Loewenfifch, Ra b i n o w i t f ch gegen P a t c s, ivorre— Gothils remis, S u b a r e w siegte gegen S ä in i s ch, Vojjuljubow siegte gegen S ä m i sch, Capablanco— S p l e l m a n n remis, Werlinski siegte gegen R u b i n st e i n, Loewenfifch gegen Laskcr, Rabinowitsch— Wer- l i n s k t remis, G e» e w s t i siegte gegen Pates, Gothilf— S p i e l m o n n remis, Bogatyrtfchok— P a t e s remis. Wetterbericht au» vberhoi fTHBr)?alomcler 681 Millimeter. 3 fflrab llZIte. Schreeboh« 50 cm. Wind aus D> strn, Sporwerhältnisse für Sti und Nobel gut, starter Schneefall. Sport. Die gestrigen Sox'ämpfe. Selten hat vor dem S p o r t p a l a st in der Potsdamer Straße eine so große Menschenmenge Einlaß begehrt wie am gestrigen Abend. Schon ge�en X8 Uhr setzte der Hauptansturm ein, dem sich die Polizei in kerner Weise gewachsen zeigte. Auch die Organi- ,atioii im Houpteinaang wie im Sportpalast selbst ließ viel zu wüiifchen übrig. Gegen'A9 Uhr ertönte der Gong zum ersten Kamps und brachte die Leichtgewichte Paul F r i t s ch(Frankreich) und Fritz C n s e l(Deutschland) in den Ring. Der„Olnmpiasseger" Fritsch enttäuschte etwas. Ensel war technisch besser. Der ihm zu- gesprochene Punktsieg war gerecht. Unter großem Beifall des Publikums kletterten dann die Mittelgewichtler M o l i n a(144 Pid., rankreich) und der Kölner Domgörgen(140 Pfd.) durch die eile. Die erste Runde oerlief auf beiden Seiten abwartend. In der 2. Runde schießt Molina mächtig vor, doch der Techniker Dom- görgen versteht gut abzudecken. Nach 10 Runden wird das Urteil des Schiedsgerichts Unentschieden verkündet. Domgörgen log etwas im Vorteil, doch reichte die Punktzahl für einen Sieg nicht aus. Unter der größten Spannung des Hauses betraten dann P a o- l i n o und kurz daraus B r e i t e n st r ä t e r den Ring. Paolino bringt 183 Pfd. in den Ring, denen Breitensträter nur 168 Psd. gegenüberstellen kann. Bereits tn der ersten Runde rückt Breiten- sträter mächtig ins Feld und es gelingen ihm 2 Rechten. Im weiteren Verlauf des Kampfes zeigt Lreitensträtcr trotz seines Schwergewichtes(jute Technik. Aber Poolino ist in der Tat der Stärkere. Ein Koloß mit einem Sliernacken, der seine Hiebe genau abgewägt austeilt. Breitensträter gelingt es fast immer links abzustoppen, um dann blitzschnell rechts zu schlagen. In der 7. Runde jedoch ereitt Breitensträter das Verhängnis. Durch einen rechts angesetzten Magenstoß muß Breitensträter bis 8 zu Boden. Kaum erhebt er sich,' trifft ihn ein neuer wuchtiger Hieb. Der Ringrichter zählt bis vier. Da ertönt der rettende Gong. Noch sichtlich benommen geht Breitensträter in di« 8. Runde, die er tapfer durchhält. Der Bei- fall ist rielengroß. Doch schon naht das Berhönants in oer neunten Runde. Paolino gebt ungcstüm vor und nach einem Hagel von Schwingern und Haken muß Breitensträter auf die Bretter. P a o- lino ist Sieger, von allen Seiten stürmisch bejubelt. Auch dem deutschen Meister wird großer Beifall zuteil, der sich tapser und ehrenvoll gehalten hat. Den leisten Kamps, einem Ausschetdungskampf über 12 Runden, bestritten die Federgewichte Schell und D r e k o � f. Schell ist fabelhaft in Form und geht ungestüm gegen Drekops vor, der aber gut abdeckt. Bereits in der 3. Runde muß Drekops bis 6 zu Boden. In der 4. Runde geht Drekops sichtlich erholt zum Angriff über, muß aber aus einige Schwinger und Haken Schölls bis 8 und kurz daraus nochmals bis 8 zu Boden. Sckicll bleibt weiter in brillanter Form, bis ihn in der 6. Runde ein regelrechter Nierenschlag Dre- kopfs trifft, der ihn auf die Bretter bringt. Drekops wird disqualifiziert und Schell als Sieger erklart. Durchgreifende Hilfe den Erwerbslosen Das AfA- Ortskartell zur Erwerbslosenfrage. Der Borstand bes A- Ortsfartells Berlin hat fich feit Bochen| ein Borstelligwerden beim Wohlfahrtsministerium fonnte eberholt, zuletzt in feiner Sigung vom 25. November, mit den Fragen der Erwerbslofenfürsorge und ben sogenannten Rotstandsarbeiten beschäftigt. Rein Beruf hat ja jo unter der oftmals von den Unternehmern gewaltfam herbeigeführten- Arbeitslosigkeit zu leiben mie der ber Angestellten. Als einmütige Ansicht des Borstandes des Ortstartells fonnte feftgestellt werden, daß die Ausführung von Notstandsarbeiten nicht etwa fozusagen glattmeg" empfohlen werden tann, sondern nur dann, wenn für solche Rotstandsarbeiten die tarifmäßige Bezahlung erfolgt, wobei vorher festgestellt fein muß, daß es sich nicht um Arbeiten handelt, die an sich schon planmäßig von privaten oder behörblichen Arbeitgebern ausgeführt werden müssen. Der Vorstand des Af- Ortstartells Berlin befindet sich hierbei in völligfter Uebereinstimmung mit den zentralen Körperschaften des AfA.Bundes, pie AfA.Borstand und Bundesausschuß. Auch die SPD. Frattion der Berliner Stabtper ordnetenversammlung vertritt bei dieser Angelegenheit in einem eingebrachten Antrage den gleichen Standpunkt, der bei den gegenwärtigen Mehrheitsverhältnissen im Stadtparlament wohl auch zur Geltung tommen dürfte. Bei folcher Sachlage fonnte der Ortskartellvorstand davon absehen, seine Ansichten den Gemeinde förperschaften nochmals besonders zur Kenntnis zu bringen. Auch Rettet Menschenleben! Sum Schlagwetterunglid auf der Zeche Lothringen. Bom Steiger Berner wird uns geschrieben: Bieber hat eine Explosion im Ruhrrevier auf der Zeche Lothringen bei Berthe einige Knappen getötet. Bis jetzt find fünf Lodesopfer gemelbet, aber weitere folgen sicher, denn gerade Berbrennungen und Kohlenorydgasvergiftungen führen, auch wenn sie im Anfange weniger gefährlich erscheinen, fehr leicht zum Tobe. Das Mitleid mit den Opfern der finsteren Mächte der Tiefe regt sich jetzt wieder überall, dabei sollte man aber gerade bei einer felchen Gelegenheit daran denken, daß der tödliche Unfall im regel mäßigen Bergbaubetrieb aus anderen Ursachen viel, viel mehr Opfer fordert. Mit grausamer Unerbittlichkeit holt sich der Tod regelmäßig im Durchschnitt eines Jahres auf 1000 Beschäftigte 1,6 bis 2,0 Opfer. Das sind z. B. an der Ruhr bet etwa 450 000 Beschäftigten insgesamt 800-900 pro Jahr oder 2 bis 3 Mann pro Arbeitstag. Diese Todes. ziffern herabzudrücken, ist jenes Ziel im Bergbau, welches die größ ten Erfolge verspricht. Daß eine Möglichkeit vorhanden, erkenni man fehr flar, wenn man die Unfallziffern der großen Bergbau treibenden Länder, und zwar Englands, Deutschlands und Ameritas, miteinander vergleicht, die im großen ganzen gesehen sehr wohl mit einander verglichen werden fönnen. Es verunglüdten im Jahre 1924 in England auf 997 108 Be fchäftigte insgesamt 1198 ober 0,98%, in Deutschland auf 866 968 Bejchäftigte insgesamt 1490 oder 1,72% unb in merito auf 828 237 Beschäftigte insgesamt 2381 oder 2,87% 31 Tobe. Segt man die Todesziffer in Deutschland gleich 1,0, fo mar fie in England 0,57 und in Amerita 1,66. Man erfteht aus diesen 3iffern, daß mir zwar erhebliche weniger Tote als in Amerifa zu verzeichnen haben, baß wir aber gegenüber England sehr ungünstig abschneiden. Ueber die Ursachen, worauf diese Unterschiede zurückzuführen feien, wird noch geftritten. Aber die Bege, die man in England gegangen ift, um die Todesziffer langsam und sicher herabzudrüden, zeigen auch uns, wo der Hebel anzusehen ist. England ist im Erlaß von Unfallverhütungsvorschriften weniger starr als mir; die Zahl der Baragraphen ist nur ein Drittel so groß als bei uns. Dagegen wird viel mehr auf die individuelle Sicherung Bert gelegt und die Hebung des Berantwortlichteitsgefühls des einzelnen fyftematisch gefördert. Zu dem Unglück auf der Zeche Lothringen sei noch bemerkt, daß ben Bressemitteilungen nach zu urteilen das Gefteinsstaubverfahren wieder die Ausbreitung der Explosion verhindert hat. Sollte das der Fall sein, ist das ein Erfolg auf dem Gebiete der Schlag wetterbefämpfung, der sehr hoch eingeschäkt werden muß. Gerade bie Deffentlichteit muß fich barüber fiar jein, daß es, folange es Bergbau gibt und folange Menschen in der Erde Lampen gebrauchen und gesprengt wird, bei einem unglücklichen Zusammentreffen ver schiedener Zufälle eine Entzündung der Schlagwetter stattfinden tann. In der Macht der Menschen liegt es nur, diese Möglichkeit auf ein Mindest maß einzufchränken, und darüber hinaus die Ausbreitung eines Unglüdes zu verhindern. Wenn wir die englische Unfallziffer erreichen, heißt das, daß bei uns jährlich etwa 300 bis 400 Menschen weniger zu Tode verunglüden. für das Ortstartell nach den von den freien Gewerffchaften gemachten Erfahrungen zurzeit nicht in Frage fommen. Die besonders die Interessen der erwerbslosen Angestellten verlegenden, zum Teil recht. lich anfechtbaren Entscheidungen einzelner, falt beamtenmäßig ein. gestellten Dezernenten biefes fozialen Minifteriums in bezug auf bie Unterstügungsbauer, bie meilere Beschäftigung von Angestellten in Ermerbslosenfürsorgestellen ufm. find zu befannt, als baß erwartet werben dürfte, der gemiß vorhandene Bille des Ministers, zu seinem Teil der Erwerbslosigkeit zu steuern, tönnte praktisch in die Tat umgelegt werden. In der geführten Diskussion wurde meiter festgestellt, daß der AfA- Bundzentral und örtlich stets dafür eingetreten ist, daß 1. die Unterstügungsfäße zu erhöhen find, 2 die Bedürftigteitstlaufet fällt und 3. die Kurzarbei terunterstügungen mieber eingeführt werden. Die im Reichstag neu eingebrachten, vom Ortstartell Berlin nach drücklichst unterstüßten Anträge Aufhäuser, Giebel, Hoch und Genossen zeigen deutlich, welche Beschlüsse vom Reichstag gefaßt werden müssen, um mit Reichsmitteln besonders den älteren erwerbslosen Angestellten und Arbeitern zu helfen, ihre Unter bringung in Stellungen zu erleichtern und die Frage ber Krankenversicherung beffer als bisher im Interesse der erwerbslosen Angestellten zu regeln. fierten Grobferamit. Der Fabritarbeiterverband war nicht gewillt, bie Arbeiter der Grobferamit zugunsten eines felbftändigen Reram arbeiterverbandes herauszugeben. Er machte jedoch den Borschlag, innerhalb des Fabritarbeiterverbandes biesen fcramischen Verband gründen zu helfen. ritete metter, daß eine Einigung in der Rommissionsfizung nicht zustande tam, da die Lokalvereinsvertreter an ihrer Organisations. form fefthielten. In der ausgiebigen Disfuffion, die nach dem Bericht einfette, vermarfen alle Redner des Lofalvereins hauptsächlich den Tarifa pertragsgedanten und hielten zu der anarcho- fyndikalistischen Einstellung ihres Berbandes. Die Verhandlungen sowohl wie die Berfammlung hatten somit nur den Erfolg, den Mitgliedern des Baugewerksbundes als auch den Unorganisierten, die da glaubten, eine Einigung werde vom Borstand des Baugewerksbundes hinter trieben, zu zeigen, daß dies nicht der Fall ist. Die Zahl der Arbeitslosen in England betrug am 23. Roven ber 1174 500, d. h. 21 737 weniger als in der vorigen Woche. Wirtschaft Preisabbau bei Markenwaren? So wenig mir jemals an der Aussichtslosigkeit der Preisabbati altion der Reichsregierung gezweifelt haben, so sehr ist es doch zu begrüßen, daß die mit ihrer Durchführung beauftragten Beamten fich an vielen Stellen ehrliche Mühe geben, die Mißstände in der Preisbildung zu bekämpfen. Hierher gehört z. B. das Borgehen der Regierung gegen die Ausmüche im Kartellwesen. Zu den Waren, die mit besonders hohen Handelszuschlägen belastet den Berbraucher erreichen, gehören die Martenartitel der verschiedenen Branden. Wir haben selbst vor längerer Zeit eine Zahl von derartigen Waren aufgezählt und die hohen Gewinnzuschläge auf diesem Gebiete dargestellt. Tatsächlich find inzwischen ufchläge auf diesem Gebiete dargestellt. Tatsächlich find inzwischen von einigen Firmen Herabsetzungen des Kleinhandelspreises vor. genommen worden. Andere Firmen haben sich dagegen gewehrt. Bieber andere Lieferanten betonen, daß die Händler selbst, die sonst ihre Bereitwilligkeit zu einem Preisabbau nicht eindringlich genug versichern tönnen, gegen die Fabrikanten eine feind. felige Stellung eingenommen haben, wenn ihnen der Preis. abbau aufgezwungen wurde. Nachdem jestgestellt worden war, daß ein selbständiger Keram crbeiterverband nicht mehr zu erreichen war, wurden Berhand. fungen mit allen beteiligten Berbänden über den Vorschlag des Fabritarbeiterverbandes gepflogen Die Berhandlungen fanden zum Teil in Anwesenheit der Bertreter des ADGB. statt und alle Bebel fchlecht gebe und daß infolgedessen die Ermäßigung der teiligten famen zu dem Schluß, daß ein anderer Weg, die Keramik zufammenzufassen, nicht mehr gegeben ist. Der Borstand des Glasarbeiterverbandes fonnte jedoch allein den Urabstimmungsbeschluß nicht umändern und aus diesem Grunde wurde eine Beiraistonferens einberufen, die folgende Entschließung faßte: und die Bestrebungen zur Zusammenfassung der teramischen BerDurch die Beschlüsse des Gewerkschaftstongresses in Breslau bände in eine Organisation ist der Uebertritt der Glasarbeiter in den Baugewerksbund nicht mehr zu erwarten. Diese Auffailung wird von allen beteiligten Berbänden und dem Borstand des ADGB. Dertreten. Deshalb beauftragt die am 29. und 30. November 1925 tagende Beiratstonferenz des Glasarbeiterverbandes den Hauptvorstand, bie Berhandlungen mit den Berbonden der Fabritarbeiter und Borzeliner zur Schaffung eines teramischen Ber. bandes als Gruppe im Fabritarbeiterverband tatfräftig fortzuführen und soweit zum Abschluß zu bringen, daß durch Abstimmung auf dem balb einzuberufenden Berbandstag der Hebertritt in den feramischen Berband beschlossen werden kann, sofern die llebertrittsbedingungen genügen. Für den Fall, daß die Terhandlungen mit den beiben genannten Berbänden bis zum Berbandstag nicht abgeschlossen werden können, follen Beihandlungen mit dem Fabritarbeiterverband allein geführi werden, die dem Verbandstage bie Möglichkeit geben, einen Ueber tritt bes Glasarbeiterverbandes in den Fabritarbeiterverband zu be schließen, obwohl bas Siel, ben feramischen Berband zu fchaffen, Damit nicht voll erreicht mird. Im übrigen nimmt die Krnferenz ber Glasarbeiter mit Be fremden ven dem Beschluß der Beiratstonferenz der Porzelliner Senninis, weil in dem Beschluß nur von Berhandlungen mit dem Fabritarbeiterverband gesprochen wird, während die Organisation ber Glasarbeiter überhaupt nicht erwähnt ist." Ferner beschäftigte sich die Konferenz mit dem Gesundbeitsschuß für die Glasarbeiter und mit der Ein führung der pneumatischen Glasmacherpfeife. Sie rerlangt von der Regierung ein Eingreifen, damit endlich einmal die Gefahr der Krankheitsübertragung burch ben gemeinsamen Gebrauch der Pfeife beseitigt wird, und die Einführung der pneumatischen Pfeife, someit dies technisch möglich ist, durch Berordnung vorge fchrieben wird. Syndikalistische Cuertreiber. Diese Mißstände waren Gegenstand einer Besprechung, die am vergangenen Sonnabend im Reichswirtschaftsministerium ftattfand und in der die Frage des Preisabbaues bei Martenartikeln mit den Interessentenvertretern verhandelt wurde. Ein Bertreter des Nahrungsmittelgroßhandels berief sich darauf, daß es dem HanBerdienstspanne für ihn nicht in Betracht fomme. Man glaubt, auf den Preisidus nicht verzichten zu fönnen. In ähnlicher Richtung äußerten sich auch andere Interessenvertreter: sie mußten sich von der Regierung fagen lassen, daß der Handel no Barfümeriehändler noch dreimal jo groß wie vor dem Kriege, die immer außerordentlich start befest it. Go sei die Zahl der Rohlenhändler feien ebenfalls viel zahlreicher als früher. Alles in allem scheint es noch immer, daß längst nicht alle Kreise des Handels ihre Stellung zum Berbraucher richtig erkannt haben. Es gibt offenbar immer noch genug Händler, die ihr Geschäft als eine Art Sinefure auffaffen, bei der ein Risito aus. geschlossen ist. Die große Zahl der Konkurse der lezten Zeit beweist doch nur, daß im Handel noch sehr viel unwirtschaftlich arbeitende Unternehmungen vorhanden sind, die selbst bei der tünst lichen Hochhaltung der Breise nicht eriftieren fönnen. Gesunde 3uftan de werben sich im Handel erst dann entwidein, wenn wirklich wieder mit dem Pfennig gerechnet wird und nur die jenigen Unternehmungen bestehen bleiben, die bei fleinen Ge winnen auf die einzelne Ware einen so großen Umfaz erzielen, daß fie damit auskommen, ohne daß der Kleinverkaufspreis durch den Gewinn fünstlich belastet wird. Hält der Handel die Ber dienstspanne fünftlich hoch und zu den Berdienftspannen gehören auch bie Bufchläge für unwirtschaftliche Untoften fo fägt er sich fchließlich selbst den Ast ab, auf dem er sikt. Er wird es dann den großen Verbraucherorganisationen nur erleichtern, mit dem Handel in wirfame tonturrenz zu treten. Er foll fich dann aber über die Folgen, die ganz zwangsläufig tommen, nicht beschweren. Ausbau der Bank der kaufmännischen Genoffenschaften. Die Bant des Edefa- Berbandes deutscher taufmännischer Genossenschaften, Edeta Bant e G. m. b. 5., beschloß in ihrer außer ordentlichen Generalversammlung am Montag, die Geschäftsanteile von 1000 auf 2500 m., die Hafifumme von 5000 auf 7500 m. zu erhöhen. Durch diese Beschlüsse sind die Garantien der Edela- Bant e. G. m. b. H. an Geschäftsguthaben und Haftfummen von 4 Millionen M. auf 6 Millionen M. erhöht worden. Aus der Partei. Bon der Parteipreffe. Ein neues Barteiblait läßt foeben seine erste Nummer ins Land gehen. Unter dem Titel Bolts mille" erscheint feit dem 1. Dezember eine fozialdemokratische Tageszeitung für den Kreis Rothen im Freistaat Anhalt. Bisher wurden die Genoffen in Röthen mit dem Barteiblatt aus Bernburg beliefert. Jezt haben sie ein eigenes Organ, beſſen politischer Teil vorläufig noch in Bernburg hergestelli, dessen Lokalredaktion aber in Röthen selbst besorgt wird. Als Redat. morden, ber auch vielen Berliner Genossen besonders aus der Arbeiterjugend befannt ist. Eine öffentliche Töpferversammlungnahm am Dienstag in den Residenz- Festfalen den Bericht entgegen von den Einigungsverhandlungen zwischen dem Lofalverein ber Töpfer und dem ber Fachgruppe der Töpfer im Baugemertsbund. Anläßlich der Lohn bewegung, die im Oftober gemeinsam von beiden Organisationen geführt wurde, ist aus beiden Berbänden eine Rommiffion gewählt worden, die die Möglichkeit eines Zusammenschlusses prüfen sollte. Heinfid vom Baugewerksbund, der in der Sigung dieser Kom- teur für diesen heimischen Teil ift Genoffe Batter chent gewählt miffion am 16. November den Borfiß führte, berichtete über den Berlauf der Sigung. Der Zusammenschluß der Keramarbeiter. Die Verschmelzungsfrage im Glasarbeiterverband. Bam Berband der Glasarbeiter wird uns geschrieben: Wie belannt, hatten bie Glasarbeiter im Frühjahr dieses Jahres In einer Urabstimmung beschlossen, den Uebertritt zum Bau gemertsbund vorzunehmen. Der von den Glasarbeitern gulegt gemachte Borschlag, den Uebertritt bereits zum 1. Juli zu vollziehen, tonnte nicht erfüllt werben, weil mittlerweile der Blan eines jelbständigen Keramarbeiterverbandes aufgetaucht mar, und es war damit zu rechnen, daß der Gemert ( chaftstongreß diefen Blan guthetßen würde. Glas arbeiter und Baugemertsbund glaubten bei den Berschmelzungsverhandlungen, baß es gelingen würde, die Keramarbeiter im Baugemertsbund zusammenzufassen, dem die Töpfer bereits angeber Zusammenschluß im Baugenertsbund. Eine erfprießliche Arbell hören Diese Hoffnung wurde zunichte, nachdem es fich herausstellte, bas bie Borzellanarbeiter diesen Beg nicht mitgehen wollten. Ihre Berührungspunkte liegen in der im Fabritarbeiterverband organt Berliner ElektrikerGenossenschaft angesdu. dem Verb. sozialer Baubetriebe Berlin N24, Elsässer Str.86-88 Norden 1198 Filiale Westen, Wilmersdorf Landbasstr. 4 Tel. Pfalzburg 9831 Herstellung elektr. Licht-, Kraftund Signalanlagen Verkauf aller elektrischer In ein eigenes Heim tonnte die Obermeler Boltszeitung" in olaminben( Braunschweig) überfiebeln. Das Blatt war Ende ber Inflation und ihrer Nachwirtungen hat sich der junge Kampf. Juni 1919 zum erstenmal erschienen. Durch die schwierigen Zeiten der Inflation und ihrer Nachwirkungen hat sich der junge Stampf. genoffe glüdlich in die Zeiten ruhiger Entwidlung gereitet. Jeßt fonnte es ein eigenes Grundstüc beziehen, um bort für weitere Stämpfe zu rüften. Wir wünschen den beiden Mitstreitern besten Erfolg! Er zeichnete zunächst ein Bild von der Entstehung des ehemaligen Zentralverbandes der Töpfer, der sich aus den über das Reich ver teilten einzelnen Fachverbänden bilbete. Der Zusammenschluß zur 3entralorganisation war hauptsächlich aus der Erfenntnis heraus zustande gekommen, weil burdy ble 3erfplitterung in so viele fleine Fachverbände gegenüber dem fich zentralisierenden Unternehmertum namhafte Berbesserungen der Lohn- und Arbeitsverhältnisse nicht durchgeführt werden fonnten. Aus den gleichen Gründen erfolgte tonne nue bann geleistet werben. wenn sich die Angehörigen des Lokalvereins, die ben zentralen Gebanten verwerfen und an den langit überholten Fachverbänden festhalten, in bem einheitlichen Berian: Berwärts- Berlag G. m. b. 5.. Berlin. Drue: Berwärts- Buchdruferet Berbande, dem Baugewerksbund, zusammenschließen. Heinfid be Fritz Raumer Neukölln, Reuterstraße 53 die billige Bezugsquelle für Leib- Wäsche Wäschestoffe jeder ArtAusführung sämtl. 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