Abendausgabe Nr. 60742. Jahrgang Ausgabe B Nr. 301 Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife find in der Morgenausgabe angegeben Rebaltion: SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-29% Tel- Adresse: Sozialdemokrat Berlin Vorwärts Berliner Volksblatt 10 Pfennig Donnerstag 24. Dezember 1925 Beting und Anzeigenabteilung; Geschäftszeit 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Verlag GmbH. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297 Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Waffenstillstand in Syrien. Die Verluste in Marokko. Paris, 24. Dezember.( EP.) Chicago Tribune" meldet aus Beirut, daß die Franzosen mit den Drufen einen Waffenstillstand abgeschloffen haben. Der Zivilgouverneur de Jouvenel habe alle politischen Gefangenen freigelaffen. Diese Meldung wird allerdings bis jetzt von feiner französischen Zeitung bestätigt, doch erklärt man, daß de Jouvenel in einem Aufruf die Bevölkerung aufgefordert habe, die Waffen niederzulegen und auf verfaffungsmäßigem Wege mit dem Stimmzettel die Berwirklichung der nationalen Ziele anzuftreben. Auf Anfrage des tommunistischen Abg. Baillant- Couturier teilte ein Unterstaatssekretär in der Kammer die französischen Verluste in Marokko seit dem 5. Juli d. 3. mit. Diese betragen: Tote: 140 Offiziere, 2500 Soldaten, darunter 780 Franzosen( die übrigen 1770 find Sultanmaroffaner, vor allem aber Fremden legionäre! Red.). Verwundete: 259 Offiziere, 7300 Soldaten, darunter 1800 Franzosen. Bermißte: 20 Offiziere, 1200 Soldaten, darunter 225 Franzosen. Neue Moulverhandlungen. Baldwins Unterredung mit dem türkischen Botschafter. London, 24. Dezember.( WIB.) Reuter meldet über die vorgeftrige Unterredung Baldwins mit dem türkischen Botschafter: Man nimmt an, daß Baldwins Ausführungen der von Chamberlain in Genf abgegebenen Erflärung entsprachen, wonach die Tür für Berhandlungen zwischen England und der Türkei offen. steht. Die Verhandlungen mit dem Irak über die Weiterführung des Mandats werden voraussichtlich fofort nach Weihnachten, und zwar wahrscheinlich in Bagdad beginnen. Bei dem Wiederzusammen. tritt des Parlaments hofft die Regierung ben Bertrag bereits vorTegen zu fönnen. Er soll dann im März dem Böllerbundsrat unter. breitet werden. Wie von anderer Seite berichtet wird, erwartet man nicht, daß in dem Gedankenaustausch mit der Türkei meitere Schritte unternommen werden, bevor Chamberlain von seinem Urlaub zurückgekehrt ist, was in zwei bis drei Wochen der Fall sein dürfte. Erklärungen Litwinows zum ruffisch- türkischen Vertrag. Mostau, 24. Dezember.( Ruff. Tel.- Agentur.) Der stellv. Außentommiffar Litwinow gab vor Pressevertretern folgende Erklärung ab: Die Berhandlungen über den Abschluß eines Ergänzungsvertrages mit der Türkei zu dem Vertrag von 1921 wurden vor. mehreren Monaten von dem Sewjetbotschafter in Angora, Surig, begonnen und im wesentlichen zu Ende geführt bis auf einen Buntt, deffen beiderseitig befriedigende Formulierung nach der Ankunft Suriz' in Die Offizierspensionen. Schlechte Verteidigung. Die fozialdemokratische und die demokratische Presse hat in legter Zeit wieder Betrachtungen über die Höhe der Offi zierspensionen angestellt, die jetzt in der Rechtspresse eine Erwiderung finden. Kreuz- Zeitung" und" Deutsche Zeitung" find gleichzeitig mit gleichen Argumenten bemüht nachzuweisen, daß an den Offizierspensionen nichts auszusehen sei. Dabei passiert der Deutschen Zeitung" das Mißgefchid, auszurechnen, daß von je 1000 m. des Bersorgungsetats nur je 1 m. an die früher attiven Offiziere gezahlt werde. Wenn aber nach ihren eigenen Angaben der Bersorgungsetat 1,53 milliarden, der Etat für Penfionen an früher aftive Offiziere 150 Millionen beträgt, so macht das nicht 1 m., sondern 100 m. von je 1000 m. Das ist schon ein kleiner Unterschied. Mehr aber als die Rechenkunst interessiert die Gefinnung, aus der heraus diese Verteidigung erfolgt. So liest man in der Deutschen Zeitung": Die alten Offiziere beanspruchen feinen besonderen„ Dant". Ihnen genügt das Bewußtsein, ihre Pflicht erfüllt zu haben als Glieder des großen Ganzen. Aber sie fordern ihr Recht, auf das sie ebenso Anspruch haben, wie jeder andere Deutsche. Wenn im Deutschen Reiche Milliarden für Erwerbslosenfürsorge verfügbar find, so sollten die 150 millionen Offi3ierspensionen füglich auch als berechtigt anerfannt werden. Schließlich fei aber die Frage erlaubt, ob man wohl glaubt, der Republik dadurch Freunde zu schaffen, daß man Ausnahmegefeße erlassen will gegen eine fleine Gruppe von Staatsbürgern, die schwer ringt, um fich auf der Lebensstufe zu erhalten, die man im alten Reiche als dem Offizier angemessen erachtete, und, faft möchte man fagen, merkwürdigerweife, auch im heutigen Deutschland noch erachtet. Die Leute, die fo schreiben, halten es offenbar für not wendiger, die Offiziere auf einer angemessenen Lebensstufe" zu erhalten, als die Erwerbslojen, unter denen fich doch auch viele alte Soldaten befinden, vor dem Hungertode zu schützen. Wenn sie es aber merkwürdig" finden, daß auch das heutige Deutschland" solchen Gesinnungen Rechnung trägt, so haben sie damit mehr recht, als sie selber wissen. Wir verlangen vom„ heutigen Deutschland", daß es den Notleidenden hilft, und daß es sich die Mittel dazu beschafft, indem es dort nimmt, mo feine Not ist. Darum hat sich die Sozialdemokratie z. B. für das sogenannte Pensions. fürzungsgefeß eingefeßt, das die Möglichkeit geben soll, die Bezüge von Pensionisten einzuschränken, die neben der Benfion noch über ein stattliches Einfommen aus Bermögen | Moskau gefunden wurde. Beide Regierungen benutzten zur Unterzeichnung des Vertrages die Gelegenheit des gleichzeitigen Aufent haltes Tfchiffcherins und des türkischen Außenministers Temfit Ruschdi ift also ein 3ufall. In dem Vertrage werden die seit langem Ben in Westeuropa. Die Unterzeichnung des Bertrages in Paris je de Möglichkeit irgendwelcher agressiver oder zwischen den beiden Staaten bestehenden Beziehungen festgelegt, die feindlicher Handlungen gegeneinander aus. chloifen. Ich will nicht verheimlichen, so erklärte Litwinom, daß die formelle Festlegung dieser Beziehungen und der beschleunigte Ab. fchluß des Vertrages zum Teil durch die wiederholt erschienenen neuerdings von der englischen und amerikanischen Breffe verbreiteten Falschmeldungen über einen angeblich zwischen der Somjet union und Italien bestehenden gegen die Türkei gerichteten Vertag hervorgerufen worden ist. Andererseits hatte die Sowjetregie rung Kenntnis von der Aktivität einiger Mächte, welche die Türkei für die gegen die Sowjetunion gerichteten Kombina tionen gewinnen wollten. Der Bertragsabschluß soll solchen beun ruhigenden Gerüchten sowie alle Befürchtungen über die Stabilität der ruffisch- türkischen Freundschaft in der öffentlichen Meinung der beiden Länder ein Ende machen. Indem der Vertrag die russischfürfische Freundschaft stärkt, ist er gleichzeitig ein ernster Schritt auf dem Wege zur Festigung des Weltfriedens. Wie aus dem veröffentlichten Vertragstert hervorgeht, ist der Vertrag tereffen. Litwinow erklärte ausdrücklich, daß keinerlei Geheim gegen niemanden gerichtet und bedroht teine anderen In ufäße zu dem Vertrag oder den Brotokollen bestehen und fuhr fort: Die Bereitschaft der Sowjetregierung, analoge Berträge mit allen Ländern, mit denen sie normale Beziehungen unterhält, ab. zuschließen, ist ber beste Beweis für die Friedenstendenz des Ber. trages. Nur ein System des Abschlusses von Abkommen wie dieser Bertrag zwischen allen Staaten wird die Möglichkeit der Bildung einander feindlicher politischer Gruppierungen und Rombinationen ausschließen und auf diese Weise zu einer mirflichen Abwendung der Kriegsgefahr weitaus mehr beitragen als der Völkerbund oder Locarno. Die strategische Bedeutung des Jrak. London, 24. Dezember.( BTB.) Die Wochenschrift Outlot ( Auslug) schreibt: In strategischer Hinsicht ist der Jraf für ein ausgedehntes Reich, dessen Grundlage die Seemacht bildet, genau so wichtig wie Singapore. An dieser Stelle hat bisher eine Lüde im englischen Berteidigungssystem bestanden und es ist gut, daß diese Lücke jetzt ausgefüllt ist. Mit dieser Offenherzigktei unterstützt die Londoner Zeit schrift allerdings die Anklagen der türkischen Presse, daß der Bölferbundsrat einseitig im Intereffe England's entschieden habe. oder Erwerb verfügen. Was aber sagen die Herren Offiziere in der Deutschen Zeitung" dazu? " Die wenigen Großgrundbefizer spielen zahlenmäßig taum eine Rolle. Wenn es einem fleinen Prozentjak gelungen ift, fich einen einträglichen bürgerlichen Beruf zu fchaffen, fo follte man diesen wenigen das von Herzen gönnen, anstatt zu verlangen, daß zum mindesten ihr Privateinkommen auf die Benfion angerechnet werden muß. Den Fürsten a. D. gönnen sie von Herzen Milliarden! Den Großgrundbefizern und Generaldirektoren gönnen sie von Herzen zu ihren Riefeneinkommen noch fette Pensionen. Aber über die Kosten der Erwerbslosenunterstüßung regen sie sich auf. Deutsch national! Dolchstoßurteil und Amnestie. Der Urteilspruch rechtsgültig. München, 24. Dezember.( Eigener Drahtbericht.) Das baye. rische Amnestie gefeß ist soeben mit Wirfung vom 23. De ember verkündet worden. Da im Laufe des 23. Dezember Kläger wie Beklagte im Dolch stoßprozeß ihre Berufungen zurückge zogen haben und das Urteil( 3000 m. Geldstrafe für den Genossen Gruber) damit rechtsträftig geworden ist, obliegt es nunmehr den Strafvoll stredungsbehörden, zu prüfen, ob der Dolchstoßprozeß unter die Amneftte fällt. Diese Prüfung hat sich mit der Feststellung zu befassen, ob mit der Be leidigung Coßmanns eine absichtliche Ehrabschneidung gegeben ist, ein Begriff, der an sich in der Strafprozeßordnung nicht enthalten ist. Berneinen die Strafvollstreckungsbehörden diese Frage, so fällt der Dolchstoßprozeß unter die Amnestie. Bayerischer Titelunfug. Krähwinkler Sorgen. München, 24. Dezember.( Eigener Drahtbericht.) Entgegen den Bestimmungen der Reichsverfassung hat die banerische Regierung auch dieses Jahr wieder zu Weihnachten eine unendlich große An zahl von Titeln verliehen. Darüber hinaus hat sie fogar meitere fünf Titel geschaffen und zwar den Pharmazierat" für die Apotheken, den Landesbaurat" für Architekten und In genieure, den„ Technischen Gewerberat" für die technischen Aufsichtsbeamten, den„ Arbeitsrat" für die Arbeiterschaft und den Berficherungsrat" für die Angestellten. Bedacht wurden mit diesen Titeln selbstverständlich nur Leute, die politisch der bayerischen Rechtsregierung nahestehen. Von der ur Sprünglichen Abficht, auch einige links stehende Leute mit dem Titel Arbeitsrat oder Bersicherungsrat auszustatten, mußte abgesehen werben, da die freigewerkschaftlichen Organisationen gegen diefen verfaffungswidrigen Unfug ber banerischen Regierung eine scharfe ablehnende Stellung eingenommen haben. Der Fall Wandt. Ein schwerer Rechtsirrtum des Reichsgerichts. Der erste Straffenat des Reichsgerichts hat, wie wir schon furz berichteten, den Wiederaufnahmeantrag des zu 6 Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats verurteilten Schriftstellers Heinrich Wandt abgelehnt, trotzdem sich hatte. Während also der Oberreichsanwalt der Meinung ist. der Oberreichsanwalt dem Antrag ausdrücklich angeschlossen daß das gegen Wandt gefällte Urteil einer neuerlichen nach: jeden derartigen Berjuch ab, trotzdem ihm durch neue Ur Prüfung dringend bedürftig sei, lehnt das Reichsgericht funden hinlängliches Material unterbreitet wurde, das seinen früheren Spruch als eines der bedauerlichsten Fehlurteile des letzten Jahrzehnts erkennen ließ. Wandt wurde seinerzeit angeklagt und verurteilt, weil er nach dem Kriege ein ihm angeblich zugetragenes Dokument über die Aussage eines belgischen Kriegsgefangenen aus dem Jahre 1916 einem belgischen Jour nalisten ausgehändigt haben soll. In dieser angeblichen Aushändigung die von Wandt bestritten wird hat das Reichsgericht biplomatischen Landesverrat" erblickt und in der Berwendung des angeblich gestohlenen Bapiers außerdem Hehlerei. Der gefangene Belgier, über dessen Zeugenaussage das fragliche Dokument, in den Aften furz unter dem Namen Dokument Debeudelaere" bezeichnet, berichtet, war ein behörden auch Mitteilungen über jene Flamen gemacht, die Flame und hatte in dieser Aussage vor deutschen Militärwährend des Krieges eine aktivistische" Politik trieben, d. h. durch Hand- in- hand- Gehen mit den Deutschen die Loslösung des Flamenlandes von Belgien erstrebten. Dieses ,, Dokument Debeudelaere" wurde in photographischer Wiedergabe von jenem Schriftsteller, einem gewissen Rüdiger, in seinem in Belgien erschienenen Buch Flamenpolitit" abgedruckt. Das Reichsgericht war mit der Oberreichsanwaltschaft der Meinung, daß Wandt dieses Schriftstück an Rüdiger weitergegeben habe. Es warf die Frage auf, ob diese Zeugenausfage eine Urtunde fei, deren Geheimhaltung im Interesse des Reiches erforderlich wäre. Der Reichstagsabgeordnete Profeffor Schüding, ein bekannter Staatsrechtslehrer, wurde als Sachverständiger vernommen und verneinte die Frage. Das Reichsgericht aber erklärte: Maßgebend ist, daß durch den Berrat des Schriftstücks zu= gleich die belgischen Persönlichteiten verraten worden sind, mit denen die deutsche Regierung während des Krieges in Berbindung getreten war. Sollte unsere Regierung einmal in die Cage kommen, für Ihre Zwecke der Hilfe fener Männer von neuem fich bedienen zn müffen, was bei einer Betänderung der gegenwärtigen politischen Lage leicht eintreten fönnte, so würde ihr das durch diesen Berrat bedeutend erschwert werden. Weil also im Jahre 1921 in Belgien ein Dokument bekannt wird, das Zeugen aussagen von 1916 enthält, so war das nach Ansicht des Reichsgerichts Landesverrat! Derrat! Die Behauptung im Gerichtsurfeil aber, daß deutsche Behörden in absehbarer Zukunft wieder einmal in die Lage fommen fönnten, in Belgien die gleich e Politit mit den Aktivisten zu treiben, war selbstverständlich nur höchste juristische Weisheit! Das Urteil gegen Bandt wirkt noch ungeheuerlicher, wenn man bedenkt, daß die Berhandlungen wegen angeblicher Gefährdung der Staatssicherheit unter vollkommenem Ausschluß der Deffentlichkeit geführt wurden, und daß infolgedessen auch Schweigepflicht für alle Beteiligten bestand. Nun sind aber im Laufe der letzten Zeit große Auszüge aus dem Urteil und den Arten in der ausländischen Bresse erschienen, so daß den deutschen Lesern wenigstens die Möglichkeit gegeben war, auf dem Umwege über Wien, Paris und Brüffel einiges aus den Geheimfizungen au erfahren. Schließlich ist der Fall Bandi", der eigentlich ein Fall deutsche Justiz" ist, auch im Reichstag aus führlich besprochen und dadurch der Geheimhaltung entzogen worden. Daraus konnte man auch rsehen, daß der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Kurt Rosenfeld, die Behauptung aufgestellt hatte, daß wahrscheinlich ganz andere Personen als Wandt den Belgiern das Dokument ausgehändigt hätten. Aber seinen Antrag, den Prof. Dr. Wullus aus Brüffel als Zeugen zu laden, damit er unter Eid bekunden könne: 1. daß er das fragliche Dokument schon seit dem Frühjahr 1919 im Befik gehabt habe; 2. daß es ihm nicht von Wandt ausgehändigt wor den sei, lehnte das Gericht ohne jede Begründung ab! Der Berteidiger erklärte, die einzige maßgebende Stelle, die Frage zu beantworten, ob es sich um ein Dokument handelt, deffen Geheimhaltung für das Wohl des deutschen Volkes erforderlich ist, sei seines Erachtens das Ausmär tige Amt. Es habe ihm ausbrüdlich bescheinigt, daß das Dokument Debeudelaere nicht unter die Schriftftüde falle, die im Sinne des§ 92, Absatz 1, Staatsgeheimnisse sind. Der Verteidiger überreichte dem Gericht das Gut achten, das vom Reichsaußenminister Stresemann unterzeichnet ist. Durch Bernehmung des Leiters der früheren deutschen Nachrichtenstelle im besetzten Belgien, des Majors Staele, wurde zudem die Behauptung des Angeklagten bestätigt, daß zu einem früheren Prozeß vor einem belgischen Kriegsgericht drei frühere untergebene der Nachrichtenstelle, nämlich Bahrsdorff, Behrmann und Ebbeling im Sommer 1922 egtra nach Brüffel gefahren angehoriger letzt auf ein Gnadengesuch folgenden N e s ch e t d des Oberreichsonwalts erhallen: „Auf das Gnadengesuch vom 1. Dezember 1925 für den Rczi- tator und Schriftsteller Joseph Gärtner ist dem Gärtner ein Gnadenerweis nicht bewilligt worden. Ich bin mit Erlaß vom 17. Dezember 1925 beauftragt, das Präsidium a b- s ch l ä g i g zu bescheiden. Der Herr Rcichsminisler der Justiz beabsichtigt jedoch, noch Ablauf der Halste der Im Urleil gegen Gärtner seslgesetzken Strafe erneut zu prüfen, ob die Führung des Verurteilten in der Strafhast Anlaß gibt, einen Gnaden- erweis in Erwägung zu ziehen. gez. Ebermayer." Gärtner war zu einemIahr drei Monaten Gefäng- n i s verurteilt worden, von denen zwei Monate auf die Unter- fuchungshaft angerechnet wurden. Das Urteil gegen einen kominunistischen Künstler schmeckt allzu sehr nach voreingenommener Justiz, um so mehr, als deutschnational-völkische poetische Ergüsse gegen die Republik und ihre Träger noch niemals zu einer An- klage, geschweige denn zu einer Verurteilung geführt haben. Die Ablehnung des Gnadengesuchs für Gärtner wird in den Kreisen der Künstler und Intellektuellen den Glauben an die deutsche Justiz wahrscheinlich außerordentlich stärken! Sowjetfrack unü Seeckt-ßrühftück. Kleine Peinlichkeiten. Die„Rote Fahne" ist furchtbar wütend über die Sozialverräter. Haben sie doch grinsend erzähll, daß die Pariser Sowjetbotschaft zu ihren Festlichkeiten Einladungen verschickte, auf denen die Worte stehen:„Bitte Frack oder Smoking." Und daß ein fran- zösischer Sozialist die Einladung abgelehnt hat, weil er weder Frack noch Smoking besitze... Die„Rote Fahne" macht den Sozialverrätern klar, daß nur sie die Schuld daran tragen, wenn auf Sowjetfesten die Frack- schwänze fliegen. Denn hätten sie Weltreoolution gemacht, so wäre das nicht nötig. Ebenso tragen die Sozialverräter die Schuld daran,„daß Ge- nosse Tschitscherin"— so schreibt die„Rote Fahne"— als Vertreter des Sowjetstaats bei Stresemann frühstückte und auch b e i Geeckt war". Teure„Fahne", gib deinem Herzen einen Stoß, gib der Wahr- heit die Ehre: Tschitscherin war nicht nur bei Seeckt. er hat auch bei ihm gefrüh st ückt. Er hat es getan, und es muß doch sehr schrecklich sein, daß er es getan hat. Würde die„Rote Fahne" sonst so sichtbar bei ihren Worten um Luft ringen und schließlich doch errötend vor der Wahr- heit stecken bleiben? Er„war" nicht nur! Er hat auch„gefrühstückt!" Sestialische Zememorüe. Aus den Annalen der schwarzen Reichswehr. Jahrelang durfte man in Deutschland von einer„Schwarzen Reichswehr" nicht sprechen. Wer auf die illegalen Organi- sationen hinwies, wurde mit Landesoerratsverfahren bedroht, eingesperrt und im günstigsten Falle mll monallelangen Vernehmungen belästigt. Jetzt endlich scheint man so well zu sein, daß Wahrheit über diese Dinge an den Tag kommt. Im „Berliner Tageblatt" wird ein ausführlicher Bericht über das Verfahren wegen der Ermordung des jungen Landarbeiters Willi G r e f ch k e gegeben. Die Zeugenaussagen sind erschütternd. Uebereinstimmend sagen sie aus: „Mitte Juni 192? wurden in einer Nacht vom Sonnabend zum Sonntag ungefähr 15 Mann der Schwarzen Reichswehr vom Zeughaus K ü st r i n nach Fort E o r g a st abkommandiert, wo sie nachts um?�1 Uhr eintrafen. Das Fort war mit Schwarzer Reichswehr belegt. Die Fünfzehn wurden in die Wachtstub« geführt und dort gezwungen, ihre Tornister abzulegen. Dann wurden sieben Mann namentlich aufgerufen und ihnen mitgetellt, daß sie zur ersten Kompagnie Gorgast versetzt seien und dort warmes Essen bekommen würden. Diese sieben Mann kamen dann aber in den Vorraum eines Arrestlokals. Hier muhten sie in einem Glied« antreten. Dann troi der Kommandant des Kommandos Gorgast der Schwarzen Reichswehr. Oberleutnant Raphael, vor die Front. zog eine Ortgies-pistole nnd legte auf die Oeuke an. Er rief ihnen zu:„Hände hoch!" Sie wurden durchsucht, und alle Gegenstände, die sie bei sich hatten, auch die Brieftaschen, wurden ihnen ab- genommen. Danach wurden sie in einem dahinter liegenden Raum eingeschlossen, der unbeleuchtet war, keine Fenster halle und nur durch ein kleines, viereckiges Loch an der Decke Lustzufuhr erhiell. Am gleichen Vormlltag wurden nach und noch vier Mann aus der Zelle geHoll, namens Heller, Heinrich, Schönherr und Busse. Die drei Letztgenannten kehrten nach kurzer Zell in die Zelle zurück und erzählten den Zurückgebliebenen, daß sie auf der Wachtstube verhört worden seien Dann sind sie dem Schwarzen- Reichswehr-Mann Greschke gegenübergestellt worden, der in einer Zelle in Einzelhaft saß. Greschke war nur noch mit Hose und Hemd bekleidet, die in Fetzen von seinem vollständig zerschlagenen Körper herunterhingen. Aus dem Verhör des Feme- g e r i ch t s entnahmen die drei Leute, daß Greschke erzählt haben sollte, in Küstrin seien sieben Frankfurter, die mit ihm zusammen als Kommunisten zur Aufdeckung der Zustände im Zeughaus von der Partei zur Schwarzen Reichswehr abkommandiert worden waren. Eines Nachmittags besuchten ein gewisser Kaiser und G r a e tz die Zelle des Greschke, der noch immer festgehalten wurde, und täglich durch besonders vertrauenswürdige Leute furchtbar verprügelt wurde. Später ist dann Gaschke— wie bekannt— im Wald von Fürsteofeide. wenige Kilometer von Rärwalde entse-nt, ermordet und eingegraben worden. Das war am 23. Juni 1923. Unterdessen Halle der Unteroffizier Brauer, der ebenfalls aus Frankfurt gebürtig war, und der später am 2. August gleichfalls ermordet wurde, sich seinen Vorgesetzten gegenüber dafür eingesetzt, daß die in Gorgast„unter Beobachtung" stehenden sieben Frank- furter, unter ihnen fern bester Freund Fritz Heinrich, unbedingt zu- verlässig seien. Er setzte es tatsächlich durch, daß die sieben nach Küstrin zurückversetzt wurden. Nach dieser Darstellung ist es durchaus möglich, daß das Ber- brechen an Unteroffizier Brauer mit der von ihm übernommenen Bürgschaft zusammenhängt. Befindet sich der ehemalige Ober- leutnant Raphael in Haft? Ein anderer früherer Oberleutnant, ein gewisser Knüppel, Sohn des Medizinalrats Knüppel(Frank- frirt a. d. Oder), der über die Vorgeschichte beider Morde unterrichtet gewesen sein muß, wurde bisher nicht verhaftet, obwohl er die Personalabteilung der Schwarzen Reichs- wehr, Abteilung K.— wenigstens in der fraglichen Zell— leitete." Diese Bestien in Menschenge st alt sind die verHerr- lichten hllfstruppen der Reaktion. Die Herrschaft dieser Banditen hat die Reaktion mit allen Kräften herbeizuführen sich bemüht. Heute noch verschweigt die Rechtspresse ihren Lesern die Einzelheiten dieser grauenhaften Taten. Die Verantwortung aber dafür, daß die Dinge sich so weit entwickeln konnten, trägt allein der Reichs- wchrminister G e ß l e r. der oft genug gewarnt worden ist und auf alle Warnungen nur mit Londesverratsprozeffen zu antworten wußte. W o saßen die Landesverräter, Herr Reichswehrminister? Bei denen, die vor diesen Bestien in Menschengestalt warnten oder bei denen, die mit Mord und Feme das Land überzogen und dazu noch vom Reichswehrministerium gedeckt wurden? Die Koalitionsfrage in Frankreich. Parteitagsbeginn am 10. Januar. Dans. 24. Dezember.(WTB.) Der vom Parteiausschuß der sozialistischen Partei mll der Ausarbellung zweier Berichte für den am 10. Januar 1926 stattfindenden außerordentlichen Kongreß beauftragte Ausschuß hat seine Arbeiten beendet. Der Bericht der linksstehenden Elemente tritt für die Beteiligung der Sozialisten an einer Regierung«in. in der die Mehrzahl der Ministersitze den sozialistischen Abgeordneten übertragen wird, er lehnt aber eine Politik der Allianz und der Zusammenarbell ab, well durch diese die energische Vertretung der Interesien des Proletariats gc- fährdet würde. Der zweite von R e n a u d e l und Paul Boncour ausgearbeitete Bericht wünscht Mitarbeit der Sozialisten auch dann, wenn sie nicht die Mehrzahl der Ministersitze erhalten. Knüppel-Kunze bei wulle. Hocherfreut zeigt das„Deutsche Tageblatt" die Vereinigung der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung des Herrn W u l l e mit der„Deutschsozialen Partei" des Herrn Kunze an.„Im Zeichen der Einigkeit der völkischen Bewegung ist uns der Sieg gewiß." Heil! sind, um vor dem dortigen Kriegsgericht die Echtheit des Rüdigerschen Materials zu bezeugen und über die Tätigkeit Debeuckelaeres im Geschäftszimmer der Nachrichtenstelle aus- zusagen. Als diese gleichen Zeugen merkten, daß sie auch nach Leipzig als Zeugen geladen werden sollten, waren sie plötzlich ins Ausland gereist und für die deutschen Richter nicht mehr zu sprechen. Auf die Frage, ob er einer dieser Personen die Entwendung von Schriftstücken zutraue, mußte Major Staehle bekennen, daß er mindestens dem Ebbeling eine solche„Gemeinheit" zutraue. Denn der sei in Belgien aufgewachsen und war mehr Belgier als Deutscher. In keiner Weise war danach der Beweis erbracht, daß Wandt das fragliche Schriftstück im Jahre 1921 nach Belgien weitergegeben habe, während die hohe Wahrscheinlichkeit da- für spricht, daß es schon im Jahre 1919 und aus anderen Quellen in Belgien bekannt war. Trotzdem hat das Reichsgericht auf die außerordentlich hohe Strafe von sechs JahrenZuchthans erkannt und trotzdem s i tz t W a n d t heuteschonseit38MonatenhinterSchloßund Riegel! Man glaubte, daß das Wiederaufnahmeverfahren nach den öffentlichen Erörterungen und nach der Vorlegung neuer Urkunden vom Reichsgericht glatt bewilligt und dadurch die Möglichkeit einer neuen öffentlichen Verhandlung erreicht werden könnte. Sogar der Oberreichsanwalt hat sich dieser Erkenntnis nicht verschließen können und daher den Wieder- aufstahmeantrag des augenscheinlich zu Unrecht Verurteilten unterstützt. Wenn das Reichsgericht trotzdem zu einer Ablehnung des Wiederaufnahmegesuches gekommen ist, so wird es dafür Gründe anführen müssen und diese Gründe werden hoffentlich der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten bleiben. Es könnte sonst der Glaube Platz greifen, daß das Reichsgericht aus Sorge um den Ruf seiner Unfehlbarkeit auch ein Fehl- urteil aufrechterhält. Ein solches Verhalten würde allerdings mehr an dem Vertrauen zur Rechtsprechung des Reichsgerichts rütteln, als die offene Anerkennung eines Justizirrtums. Der oerurteilte Wandt soll jetzt schon das viertemal das Weihnachtsfest in der Haft verbringen, trotzdem er sicher der Straftaten nicht überführt ist, wegen derer er oerurteilt wurde. Im Falle F e ch e n b a ch hat die öffentliche Meinung schließ- lich sogar die bayerischen Zuchthauslore geöffnet. Soll man wirklich vom deutschen Reichsgericht weniger erwarten als von der bayerischen Justiz? Will das Reichsgericht päpstlicher als der Papst sein und sogar don Reichsaußenminister S t r e s e- mann in der Beurteilung des Wertes fragwürdiger Doku- mente übertreffen? Konnte man bisher noch von einem Justizirrtum auf Grund mangelhafter Information des Gerichts sprechen, so ist die Ablehnung des Wiederaufnahmeverfahrens etwas viel Schlimmeres. Das Reichsgericht ist in diesem Falle ein- z i g e und h ö ch st e Instanz. Eine Nachprüfung durch andere Gerichtshöfe ist unmöglich. Seine Ablehnung der Wieder- aufnahm« kommt also einer glatten Rechtsverwei- g e r u n g gleich. Deshalb wird der Fall Wandt jetzt zu einem Fall Reichsgericht, der„Landesverrat" zu einem Ber- rat an den Interessen des Rechts und der Recht- s p r e ch u n g. Wenn auch keine höhere juristische Instanz in der Lage ist, den Entscheid des ersten Strafsenats auszu- heben, dann gibt es doch noch den Appell andasBolks- gewissen und an sein Rechtsempfinden. Vor diesem müssen schließlich mich die Rotröcke aus Leipzig kapitulieren! Noch eine Ablehnung. Auch Gärtner soll nicht freigelassen werde». In dem Fall des Schauspielers Gärtner, der durch die Rezitation kommunistischer Gedichte„die Republik gefährdet" haben soll, Hai das Präsidium der Genossenschast deutscher Bühnen- komööienhaus. »Der dreizchnie Stuhl" von Bayard Veiller. Als man sich während der Pause erging, glaubte man in ein Wellbureau geraten zu sein Die Leute hasardierten auf den Ausgang des Stückes, d. h. aui die Beantwortung der Frage, wer denn eigentlich den Doppelmord begangen hat! Beide Male wurde nämlich jemand rücklings erdolcht, und der zweite Mord geschah, während man im Dunkeln die spiritistischen Geister anrief. So muß das Stück doch sehr amüsant und spannend sein? Nein, es ist zum Auf- hängen langweilig und erfordert keine äthetischc Erörterung. Man rettete sich nur, indem man die Pause zum Ulken benutzte und sich im-Parkett weihnachtsmäßig tolerant benahm. Wie muß es aber um den Geschmack der Amerikaner stehen, die so etwas mit Wonne akzeptieren? Das sind keine Kinder mehr, das sind schon beträchllich heruntergekommene Vorftadtkinokonsumenten. Ein junges Mädel kommt in den Verdacht, zwei Männer er- mordet zu haben. Da der Detektiv sie mit allen Hilfsmilleln der der Nick-Earter-Technik, mit Fingerabdrücken und im Kamin ver- steckten Spionen entlarvt, scheint sie beinahe für den elektrischen Stuhl von Sing-Sing reif. Da tritt in die Erscheinung die Frau Mama, die in Spiritismus hochstapelt. Richtig, es gelingt ihrer Be- schwörung, den Schuldigen, natürlich einen ganz anderen, als man dachte, zum Geständnis zu bringen. Und das Mädel heiratet doch. Entweder hat die Verdeutschung alles verballhornt oder der schon auf amerikanischem Boden gewachsene Unsinn kommt unver- fälscht auf die deutsche Bühne. Man hat nämlich manchmal den Ein- druck, daß der Dankeedramatiker eine Satire auf alle Kriminalstücke und den Hokuspokus der Spiritisten schreiben wollte Dann ist es ihm nicht geglückt. Oder der Dramaturg und der Regiffeur und der Textbearbeiter und die Schauspieler haben alles umgekrempelt. Doch es dämmert nirgends in dem Stück. Wer das Herz hat, zum Weih- nachtsfest solche tauben Nüsse knacken zu lassen, ist wahrlich kein Menschenfreund. M. H. Renaissance-Theater. In Einzelheiten zerlegt, ist S t r i n d- bergs Ehekomödis„Kameraden" eine überlebte und teils sogar kitschige Angelegenheit. Kitschig wirkt das Ehepaar Elarck mit dem symbolischen Namen, da» darum so ungetrübt glücklich ist, weil von Anfang an der Mann die Zügel in der Hand hiell(was man dem unbedeutenden Wolf Günther nur nicht recht glaubt). Kitschig wirkt auch die Parallele zwischen der Malerin Berta, deren Ehekonslikt und-scheidung die Komödie behandelt und die ihr Mann im ersten Akt bittet, nicht wieder betrunken nach Haus zu kommen, und der verkommenen und trunlsüchligen geschiedenen Frau Hall. Dies« Allzu-Deutlichkciten traten selbst in dieser im ganzen vortrefs- lichen Aufsührung störend hervor und sollten auf" ein Minimum reduziert werden Aber sonst gelang es Taggers Regie, das richtige Tempo für den Abend zu finden. Strindberg wurde durch- gu» ine Moderne übersetzt, in modernen Kleidern und modernem Milieu gespielt, und wenn Berta von der Schande spricht, eine ge- schiedene Frau zu sein, so empfand man das, was Sirindberg zwar bitterernst meinte, was uns aber heut unverständlich sein würde. durchaus glaubhaft als hysterische Entrüstung des um feine wirt- schaftlich» Basis besorgten Weibchens. Charlotte Schulz zeigte in dieser Rolle erstaunliche schauspielerische Fähigkellen. Sie zog alle Register der Koketterie, lächelte und lachte, weinte und schrie, war jeden Augenblick eine andere und doch immer dieselbe: das von moralischen Hemmungen unbeschwerte Geschöpf, dessen Handlungen alle einen aninialischen Lebenshunger zur Triebfeder hoben. Wolter Fried als ihr Mann Axel und Mario Fein, die in dieser Komödie etwa die Rolle der Schlange spiett, aber in Wahr- heit wohl eher ein Nachkömmling der gefallenen Engel ist, standen ihr würdig zur Seite. Gut traf Grete Berger den wehleidigen Ton und schließlich das letzte erschütternde Zusammenraffen der halbberauschien Frau Hell: Olef Bach und Jan Fr ick boten gleichfalls erfreuliche Leistungen. Der Beifall war sehr lebhast. Tes. „Die offizielle Frau".(Theater am Nollendorfplatz.) Je seriöser unsere Operettenkomponisten werden, desto unerträglicher Lieber tertentsprechend und stilvoll einen schwgerischen Kitsch vor- gesetzt, als diese beinahe durchkomponierten, auf den Stelzen des Musikdramas klappernde» Szenen. Auch Robert Winterberg entging dieser Gefahr nicht, er hotte sich aber sür drei richtige und ehrliche Operettennummern Sonderersolge, und zwar im ersten Akt mit dem Refrain:„Ich Hab' schon wieder nichts anzuziehen"(was die Frauen begeisterte), im zweiten mit dem Zinnsoldatenduett(für die Kinder unter uns) und der Othello-Paredie(für die eifersüchtigen Männer), die allerdings.in Biklor Holländers Uranfänge erinnern. Auch das Publikum merkt heute schon, daß hier, nicht aber im ge- schwollenen Dialog, die Wurzeln einer Opereltenbegabung liegen, die sich im übrigen sachlich und sachlich sehr gut in«?zene jetzt. Das Libretto ist dem Roman von Savard entnommen: man weiß: Helen«, die georgische Königstochter, schleicht sich in Rußland ein, um den Zaren zu ermorden, wird durch die Liebe zum Großfürsten aber von ihrem Nihilismus geheilt. Trude Hesterberg gab diese heroische Partie zwingend, außerordentlich geschickt im«piel und in der Schlußszene des zweiten Aktes so, als käme sie von der Tragödie, nicht von der Operette her. Ihr Partner A l b e r s ist köstlich als Gelegenheitsmann, lustig in den Improvisationen, schlangenhaft in den Beweg' ngen. anfeuernd in oei Unterhaltung. Der Erfolg war durch diese beiden Spieler verbürgt, aber auch der ewig fesche Kuttner, Arthur Hell und Claire Clairy nahmen an ihm lebhaftesten Anteil. K. S. Rrommes Ausstakkungsoperette. An dreierlei hing der ran- schende Erfolg der Operette„M e s s a l i n e t t e" von Walter Bramme im Berliner Theater, dessen neuer Herr er nun ist: an dem Schmiß des Tempos, am Pomp der Ausstattung und an der freigebigen Schau ungezählter schöner Bcinchen. Nur an Brammes Musik hängt er nicht. Hübsch laut ist sie und(stellenweise) spaßig instrumentiert, und melodiös ist sie auch, aber sie hat dies- mal nicht den leichten, einschmeichelnden Klang, der im Augenblick zum Ohr eingeht und zum Mitträllern einlädt. Aus„Messolinette" werden nicht viele Schlagerliedchen populär werden. Und auch die Tänze reißen kaum mit. Der erste Akt(in der Ehordamengarderobe des Easino de Paris) hat den meisten Schmiß, ist geschickt zusammen- gestellt und bringt fröhliche Stimmung ins Parkett. Die beiden anderen Akte spielen in einem Harem, eine famose Gelegenheit sür Monte Doros Alisstattungskünste: gold- und buntschillernde Seid« und wundervoll gewirkte Schleier, die manches enthüllen und die Sinne betören. Der Text von Richard Bars und Cordes- M i l o grenzt allerdings häusig an den Rand der Geschmacklosigkeit. Der Humor sickert nur langsam, wird aber durch flottestes Tempo ersetzt Henry Bender, den wir endlich wieder aus der Bühne begrüßen können, steckt alle mit seiner quecksilberigen Fröhlichkeit an. E l m a V a r u a y ist ein liebes, schmuckes und dabei dezentes Chordämchen und Max W i l l e n z ein immer launiger Spnßbold. Dgr. Auf den Bäumen vor der„Tribüne" in der Berliner Straße weissang die Weihnachtigall gestern abend einen starken Kassen- erfolg. Das hat mit ihrem Bermächtnis die„Tote Tante" getan. C u r t G o e tz'„Tote Tante"— o, ich sag' Ihnen, ein« feine Ber- wandtschast ist das von dem! Stirbt und läßt den oberteutscken oberblonden Oberlehrer Professor Trauaott Hermann Nägler und Marianne, fein Weib— was soll der welsche Name hier, Herr Goetz? — 250 güldene Dollarmillionen nur erben, wenn Jnnozen.zia, des Ehepaares holde Kindsunschuld, schnellstens Mutter eines unohe- lichen Knaben wird. Köstlich zu sehen, wie sich bei Nägler olles qualgcpeinigt windet, beinahe betrüblich, wie sich die ehrbaren Heuchler der„Schande" schließlich entziehen. Eine„ärgerliche Be- gebenheit" gibt es dann extra noch in dem Spannungseinakter„Der Mörder", eine bewußt kitschige im„Märchen"" zu sehen. Zllle diese Stücke sind idecnnett und sprachgefällig hingeschrieben. Sie werden von einer Schar guter Darsteller beschmunzelbor serviert, vor allem auch von dem gleichfalls regieführenden Curt Goeg selbst und von der vielseitig begabten Frau Valerie von Martens. Oreo. Die Milgliedskarie des Verschwörer». Unter den geschichtlichen Dokumenten, die in der zur Erinnerung an den Dekabristenausstand von 1825 veranstalteten Ausstellung in Moskau gezeigt werden, be- findet sich auch eine Mitgliedskarte eines der Berschworenen. Dieses Papier ist am 11. März 1822 ausgestellt und von einem dem Bunde der Verschworenen angehörenden Major Iunin unterzeichnet. Der Empfänger der Karte wird mit seinem Ehrenwort verpflichtet, dem Bunde der Berschworenen treue Dienste zu leisten und ihm auch dann in keiner Weise entgegenzuwirken, wenn er aus dem Bunde wieder austreten sollte. vr Karl wilh. der Mhere Leiter btS Volkwang-Muteum» in Sagen' ilt an die Kölner Kuniigewerbeichule nis Fa- lchrer für Kuntlaelchichte, Gtillunde und Formkunde berufen worden. Dich ist Fachmann für oft- asiatische Kunst. Ein neue» kolhoNsche» Feil. In einer Enchklika»erlündet der Vai'st hie Einsetzung eines neuen Festes, da? unter dem Namen.Christus K än i a". iedeS Jabr am letz'en Tonntag deS Oktober neseieit weiden lall. »Das Königreich Christi-, f» deistt e« u a. in dem väpfnichcn Rundschreiben. .obwohl geistiger Art, erstieckt sich auch ans tie büigettichen lScschäsie und die Gemeinlchallen sind ebenso gut wie die einzelnen Renichen die Unter- tanen Edriili. Die PotkSoberbänpIer solle» dem Reich Christ, öffentlich �e» horsam bekunden, wenn sie den Aufschwung und den Forlichritt ihre» Balerlandc» wollen". Ford und der Nordpol, tt» New?>-rker VirtschaltSkreisen verlautet. dasi der AutomobUlabrikant Ford beabsichtige, demnächst einen Flug von Alaska nach Spitzbergen über den Nordpol durch eine» seiner neueu Ganz. Metallflugzeuge auSnihren zu lassen. Schieles Hinterlassenschaft. Zum Kampf um das Reichsschulgeset. Genosse Fritz Rarfen schreibt uns: Die fonservativen „ Dresdner Nachrichten" brachten vor turzer Zeit die Mitteilung, daß eine Abordnung des Landesverbandes Sachsen der christlichen Elternvereine im Reichsministerium des Innern und im Reichstage bei den bürgerlichen Parteien, mit Ausnahme der Demo. fraten, gewesen sei und die Auskunft erhalten habe, daß eine zurüdziehung des Entwurfs zum Artifel 146, 2( Reichsschui gefeß) meder erfolgt, noch beabsichtigt sei, daß nach dem Interregnum im Ministerium des Innern unverzüglich die Regelung der Schulfragen von Regierungs wegen weitergeführt werden, daß von Partei wegen der Reichstag ebenfalls in dieser Hinsicht beteiligt werden solle. Man sieht also, daß die jetzige Mehrheit auch nach dem Sturm der Entrüstung, der sich bis weit nach rechts nach dem Bekanntwerden des eigentlich vertraulich an die Länderregierungen gereichten Entwurfs des Herrn Gürich, des sachverständigen Referenten Schieles, zu erheben schien, an diesem oder einem ähnlichen Entwurf festhält, daß also die Gefahr ganz und gar nicht gebannt ist. Der Reichstagsabgeordnete Genosse Löwenstein ruft nun in einer fleinen, bei Laub in Berlin erschienenen Schrift zum Kampf gegen dieses drohende reaktionäre Gesetz auf. Liegt doch in der Tenbenz dieses Entwurfs nicht mehr und nicht weniger, als der Versuch der Konfessionalisierung unserer gesamten Boltsbildung! Während die Verfassung die Simultanschule als vom Staate allein verwaltete Regelschule festsetzt und tonfessionelle ebenso wie weltliche Schulen als Sonderschulen nur auf Antrag zuläßt, wagt es Herr Gürich, diesen flaren Sinn in sein Gegenteil zu verfehren und die konfessionelle Schule zur Regelschule zu machen. Denn, se meint er, die meisten Schulen seien so wie so evangelisch oder katholisch, wozu bedarf es da noch eines Antrags! Eins freilich ist nötig: Da diese Schulen jetzt eigentlich konfessionell recht harmlos sind, müssen fie nach Erlaß des Gesetzes in tonfessionelle Schulen nach den darin gegebenen Vorschriften umgewandelt merden. Und das heißt, daß in ihnen nicht nur der Religionsunterricht im Geiste des Bekennt nisses gegeben werden muß, sondern daß aller Lehrstoff, ja, der ganze Geist der Schule den Richtlinien der Religionsgemeinschaft entsprechen, daß jeder Lehrer sein ganzes dienstliches und außerdienstliches Verhalten dementsprechend einrichten, fleißig in die Kirche gehen und die Schule zur Kirche machen muß, wenn er nicht seine Stellung verlieren will. Denn für ihn ist die Bestimmung der Verfassung, die ihm die Teilnahme an religiösen Gebräuchen freistellt, einfach auf gehoben. Er untersteht zunächst im Religionsunterricht und dann natürlich auch in der Beurteilung feiner Gesamthaltung der Kirche, die vom Staat seine Entfernung fordern kann. So kommt der weltliche Staat, dem aus sachlichen und rechtlichen Gründen heute allein die Aufsicht über die Schule gebührt, auf Grund der fadenscheinigsten Schlüsse in die Lage, der Büttel der Kirchen zu werden, deren Anordnungen er zu folgen hat. Mit einer unbeschreiblichen Schlauheit, die vor feiner Umdrehung des flaren Sinnes der Reichsverfassung zurückschredt, zum Beispiel die Unterrichtsaufsicht der Kirche aus dem Grundfaz der Trennung von Staat und Kirche herleitet, durch die es dem Staate nicht mehr mög lich sein soll, den Religionsunterricht fachgemäß zu fontrollieren, werden alle Rechte allein der Bekenntnisschule zugeschanzt. Für ihre Errichtung gibt es nicht einmal die Grenze des geordneten Schul. betriebs, wird doch ganz seelenruhig unter Hinweis auf das Grundschulgesetz auch die eintlaffige Schule und damit die Berschlagung jedes differenzierten städtischen Schulsystems im Interesse der Ron feffion als ceordneter Schulbetrieb verteidigt! Alle Erleichterung für die Einrichtung diefer reaktionären Kirchenschule, alle Erschwerung für die Schule der Zukunft, die Schule der sozialistischen Gesellschaft, die weltliche Schule! Aus der Tatsache, daß es zu ihrem egriff gehört, feinen Religionsunterricht zu haben, wird das Berbot abgeleitet, daß sie solchen überhaupt erteilt. Da aber jedes Kind nach der Berfassung auf Religions unterricht Anspruch hat, darf eine weltliche Sch le nicht eingerichtet werden, wenn auch nur ein Erziehungsberechtigter der betreffenden Schule aus Gott weiß welchen politischen oder sonst unfachlichen Gründen Einspruch erhebt. Und dann sage man, daß nicht für Gee rechtigkeit und das Recht des Gewissens gesorgt ist!! Es bedarf eigentlich gar nicht mehr des Hinweises darauf, daß dieser famose Entwurf in logischer Folge die Konfeffionalisierung der Lehrerbildung, die indirekte Konfessionalisierung der örtlichen Schul verwaltungsförperschaften fordert, um zu erkennen, daß alle Energie der Arbeiterflaffe als der Trägerin der neuen, der weltlichen Schule, nötig ist, um diese nicht hoch genug einzuschäßende Gefahr zu bannen. Rommi ein solches Reichsschulgesetz, dann ist an eine Entfaltung der Massen zu wahrer geistiger Freiheit auf lange hina's nicht zu hoffen. In seiner flar und einfach geschriebenen Schrift öffnet Löwenstein den Massen der Arbeiterschaft die Augen für die drohende Gefahr. Budapester Alarm. Bedrohliche Spionage." Merhand Lärm wird von Budapest her mit der Verhaftung eines gefährlichen Spions", des Leopold Kulcsar gemacht. Wie menig gefährlich und wie sehr albern dieser angebliche Journalist vorgegangen ist, ersehe man daraus, daß er einem Budapester Jour. naliſten einen Fragebogen übergeben habe, auf dem die folgenden Fragen standen: 1. Wie sind die politischen Parteien beschaffen, die im Barla. ment und außerhalb des Barlaments wirten? Wie start find fie in der Nationalversammlung vertreten? 3. Unter welchen außenpolitischen Bedingungen wäre Ungarn geneigt, mit Rumänien und mit seinen anderen Nachbarstaaten friedliche Beziehungen aufrecht zuerhalten? 4. Wie ist die wirtschaftliche Lage Ungarns? 5. Wo unterhält Ungarn auswärtige Bertretungen und wie groß sind die für sie aufgewendeten Summen? 6. Sind authentische Tatsachen über die Verhaftung des Matthias Ratosi befannt und gibt es vertrauliche, in die Deffentlichkeit noch nicht gedrungene Tatsachen aus der polizeilichen Untersuchung? Also fast lauter Dinge, die man bei regelmäßigem Lesen der ungarischen Oppofitionspreffe ohnehin weiß und die man gewiß nicht schriftlich zu erfragen braucht! Uebrigens wurde nicht nur Kulcsar selbst, sondern seine vollkommen unschuldige Frau ebenfalls verhaftet, die die Richte des Wiener Polizeipräsidenten Schober ist und sich niemals mit politischen Angelegenheiten befaßte. In einem anderen staatsgefährlichen Bericht, den man bei dem Ministerialrat Marich fand, ist zu lesen: Die Stimmung unter den Arbeitslosen sei zwar äußerst gedrückt, doch fönne man nicht behaupten, daß die Lage für die bolIchemistische Agitation besondere Aussichten biete. Die abgebauten Intellefiuellen feien troß ihrer Not nach wie vor der nationalen Idee ergeben. Es wird fogar auf Grund des Horthy- Rechtes ein Kunststück fein, auf dieses Material" eine Anflage aufzubauen. Der belgische Mieterschutz verlängert. Die belgische Kammer Derlängerte das Mieterschußgefes unverändert um ein Jahr. Dies bedeutet einen großen Erfolg für die Sozialisten. liche über. Weihnacht der Mietskaserne. Es ist in Berlin mit der Borstadt anders, als sonst in großen| verboten ist, Kriegstrüppel, Blinde und Lahme, die tags Fählen Steinsiedlungen, wo man sie genau abgrenzen kann. Wohnungs- mit Steinen zu teilen scheinen, finfen nachts auf dunkles, hartes bescheidenheit sucht Außenbezirke auf, und Hütten leiten ins Länd- Lager. Auch Arbeiter und Arbeiterfamilien müssen hier hausen, und man kann nicht sagen, daß diese Wohnungsart unbegehrt bliebe. Sehr eng ist man hier beisammen und stößt sich leicht. Ein lichterheller Weihnachtsbaum wäre hier als neugieriger Eindringling unerwünscht. Man hat schon zuviel unter unheimlichem Bech zu leiden, vor allem dem Hunger, dem bösartigsten Fassadenfletterer Berlins, dem sich noch feine Behörde gewachsen zeigte. Er türmt von Stockwerk zu Stockwert, läßt seine Wut am Dach aus und zerreißt die Antenne. Wozu auch, wenn der Arbeitslose doch nicht die Gebühr für die luftigen Weisen zahlen kann, mit denen er fich zuweilen über Not und Zeit hinweg helfen ließ? 1 Wir aber wandern mit dem Westen, und der führt uns in einer einzigen herausfordernd stolzen Häuferlinie dem Walde mit den Seen zu, einem verwöhnten Erholungsplatz der am reichsten Begüterten. In bitter- herbem Gegensatz dazu der Osten: zu Füßen fast sieht der Rathausturm die ganz schlimme Ruinen- und Rattenstadt, armselig selbst für eine Borstadt, und drüben über den Alexanderplay beginnt sogleich der Arbeiterosten, erst eng, dann weit und weiter, stolze Fronten und unerfreulichkeit der Höfe. Berliner Vorstadt ist überall, wo Mietsfasernen sind. Aber Mietsfaserne ist nicht das rechte Wort. Kasernen haben Raum und Licht, hier ist Reich der Schatten, der Freudlosigkeit, der Not und ouch der Geist, den Kajernen nicht fennen: ungebärdige Sehnsucht nach Freiheitsrechten, Gemeinschaft und Hilfsbereitschaft. Wir treten nach Freiheitsrechten, Gemeinschaft und Hilfsbereitschaft. Wir treten durch ein Tor wir ließen hinter uns die plumpen, gewaltigen durch ein Tor Kesselbauten der Gasanstalt, die genau so tun, als ob sie auf gar niemand aufzupassen hätten, und lesen: Das Spielen ist den Kindern verboten.... Wir sind in einem hohen, engen Hof, dessen zerrissenes, schmuziges Steinpflaster von der Sonne nur getroffen werden kann, wenn sie unmittelbar darüber steht. Das erfuhren die armen Blumenstöcke am Fenster, als sie sommerliches Wachstum begehrten, und jetzt kommt es in den welken Wintergesichtern der Frauen und Kinder zum Ausdruck und ungewöhnlich ernst, wohl wie noch nie, senken Bäter und Brüder die harten Köpfe. Und hierher soll Weihnacht kommen. Und kommt auch. Seit Wochen spielten abgemattete Drehorgeln zu den Tanzweisen die alte schwermutsvolle Melodie von stiller und heiliger nacht. Das war einmal Wort und Musit eines armen Dorfschullehrers gewesen und das muß ewig als Weihnachtssehnen wandern. Gloden hört man hier nicht, die roten Backsteintürme find hier nicht, wie in den Vierteln der Reichen und schwingen sich nicht so führt und hoch empor, als daß sie wie dort mühelos Mauern und Dächer zwingen und von der Weihnachtskunde jubeln fönnten. Darum bleiben die Menschen darauf angewiesen, was ihnen ihr Herz sagt und singt, was das Elend in die Ohren gellt und der Mut erwidert- Weihnachtsmusif, der noch der Dichter fehlt. Auch die sind hier aber nicht immer in Dachstuben, wie es ihnen die guten Leute nachsagen, sondern zuweilen auch in Kellern. In diesen Kellern darf man in Berlin wohnen, während es sonst meist Aufklärung des Leichenfundes bei Moorlake. Rein Verbrechen Tod durch Erfrieren. Wie wir seinerzeit mitteilten, wurde von Spaziergängern in der Bannseer Forst die Leiche eines jungen Mädchens aufgefunden. Die zunächst unbekannte Tote wurde festgestellt als die siebzehnjährige Hausangestellte Erita Hoppe, die feit dem 24. vorigen Monats permißt wurde. Zur Feststellung der Todes. ursache wurde die Leiche gestern nachmittag in der Friedhofshalle in Zehlendorf durch den Kreisarzt und den Gerichtsarzt Professor Störmer obduziert. Die Untersuchung ergab zmeifelsfrei, daß das Mädchen nicht das Opfer eines Berbrechens geworden ist. Die Leiche zeigt feine Spuren äußerer Berlegungen und nichts deutet darauf hin, daß an dem Mädchen ein Sittlichkeitsverbrechen verübt worden ist. Der Tod ist durch Erfrieren eingetreten. Wo das Mädchen sich vom 24. November bis zum Tage der Auffindung aufgehalten hat, weiß man noch nicht. Kein Hüfung. Da ist ein Mann, ber seit 30 Jahren landwirtschaftlicher Angestellter, Inspektor, ist. Seit einem Jahre ist er samt seiner Frau stellungslos. Er hat gute Beugnisse über langfristige Stellungen, erstklassige Zeugnisse, seine Frau solche als tüchtige Wirtschafterin. Zum 1. Januar tritt er mit Frau eine Stellung als Gutsverwalter an der polnischen Grenze an. 80 Mart monatlich bei freier Station. Den Vertrag hat er in der Tasche. Er erwartet nur noch das Eintreffen des vereinbarten Reisevorschusses. Bielleicht gut, daß der Reisevorschuß noch nicht da ist. Er mußte sonst wohl vorzeitig angegriffen werden, aus Not. Die Ersparnisse sind längst aufgebraucht. Der Mann mußte seine Frau ins Asyl für Obba ch lose bringen und fein eigenes Quartier in der Herberge zur Heimat aufschlagen, auf Kosten der Stadt Berlin. Er erzählt: Gestern suchte ich den Reichslandbund auf, schilderte meine augenblidliche Not unter Borlage meiner Ausweise und bat um ein geringes Dar lehen, um dem Chriftfest auch eine freundliche Seite abzugewinnen. Rejultat: Raus! Meinen Dank werde ich bei nächster Gelegenheit in die Wahlurne steden und andere auch. Darauf fann sich der Reichslandbund verlassen. Viel Arbeitslose sind im Haus, in allen Familien ist Sorge ungebetener Gaft, den nichts, feine Bitte, fein 3orn zu verscheuchen vermochte, aber trotzdem ist heute noch fein Wort über eigene Not gefallen. Ist ein Wunder geschehen? Ist Weihnacht doch mit seinem Märchenzauber fieghaft durchgedrungen? Die große Stadt hatte kein Heim für Leben, das Leben zu schenken begehrte, erschreckende Preise, berechnet für Leutchen der Freude, hatten das arme Arbeitslosenpaar von Straße zu Straße getrieben vielleicht ließ sich in einem der Arbeiterhäuser für billiges Geld Obdach und Zuflucht erreichen. Das war das Leben, das Leben begehrte, zusammengebrochen, und Menschen, die selbst arm waren, hatten es liebreich aufgenommen, um sich auf dem Gang mit einem Winkel zu bescheiden. ... Und in der Nacht war das Wunderbare geschehen, das immer wunderbar bleibt, mag es auch unendliche Male über die Erden gehen und jeden Augenblic irgendwo Menschen zu aufhorchender Andacht zwingen. ,, Wird es am Leben bleiben?", das war Festtagsfragen und Hoffen und lief unruhig besorgt vom Keller zum Dach. Das Haus der armen atmete Feiertagsstimmung, einer bot dem andern bescheidene Gaben, und für Eltern und Kind hatte jeder etwas übrig. Das ließ sich ja wieder mit ein paar strengeren Hungertagen ausgleichen. Was da draußen, wo die häßliche Gasanstalt und das freundliche Asyl Furcht einjagen, unter Weihnachtsmenschen vor sich ging nur ist es fein Märchen. Wir kennen das wundervolle Maß der Liebe, das der Arme für den Aermsten hat, wir wissen, in dieser Gemeinschaft ist die beffere Zukunft begründet. Uns bedeutet es Wissen um Kampf und Sieg. schen ist. Genosse Grunom danfte der Leiterin im Namen des Be. zirksamts. Weiterhin sprach ein Vertreter des Jugendamtes, der betonte, daß Treptow besonders stolz auf seine Jugendeinrichtungen sein könne, an deren Ausbau das Bezirksamt hervorragenden Anteil genommen hat. Deflamationen und ein Märchenspiel von dem Guten Hirten" fanden den großen Beifall der froh gestimmten jugendlichen Schar. Zum Schluß bekam noch jedes Kind eine riesige Beihnachtsftolle. " Koftenfreie Milch für die Kinder von Erwerbslosen. Einen bemerkenswerten Beschluß, um die furchtbare Not der Er. werbslosen zu lindern, faßten in ihrer legten außerordentlichen Sigung die Stadtverordneten der Stadt Teltow. Danach erhalten alle Kinder der Erwerbslosen im Alter bis zu zwei Jahren täglich fostenfrei Milch. Gleichzeitig erhalten die Erwerbslofen neben der gefeßlichen Unterstügung laufend Zuschläge. Ebenso sollen auch die Kurzarbeiter möglichst mit Unterstügungen bedacht werden. Tödlicher Unfall. Der 63 Jahre alte Wächter Franz J. aus der Werrastraße 38 in Neufölln wurde in seiner Wächterbude am Schulenburgpart m der Nähe der Sonnenallee mit einer Schußwunde im Unterleib aufgefunden. Man brachte ihn nach dem Krankenhaus in Budow, wo er jedoch bei der Einlieferung verstarb. Nach den bisherigen Feststellungen handelt es sich um einen Unfall, da J. eine fehlerhafte Selbstlade pistole besaß und mit dieser anscheinend ungeschickt hantiert hat. Am 27. Dezember jämtliche Apothefen geöffnet. Da die Ber forgung des arzneibedürftigen Publikums an den drei aufeinander folgenden Festtagen in gewissem Sinne durch Eonntagsdierft notleiden tönnte, hat der Polizeipräsident angeordnet, daß am 27. Dezember( Sonntag) sämtliche Apothefen von 10 Uhr vormittags bis 2 1hr nachmittags geöffnet halten können. Für die übrige Zeit des 27. Dezember bleibt der gewöhnliche Sonntagsdienst bestehen. Die Ladenfleischereigeschäfte find in Groß- Berlin am 1. Beihnachtsfeiertag ausnahmslos geschlossen. Am 2. und 3. Feiertag find sie geöffnet wie an Sonntagen. Weihnachtswetter in den Bergen. Weihnachten auf dem Waffer. Dampferfahrten zur Oberspree nach Grünau und zum Müggelsee nach Friedrichshagen gehören mit zu dem Schönsten, was. der Sommer dem Berliner Ausflügler bieten kann. Starles Schneetreiben in Thüringen- Nenschnee im Schwarz Jetzt ist es, dant den Dampfergesellschaften, auch im Winter möglich, wald und im Bayerischen Allgäu" melden die heute bei der Reichsdiese beliebten Ausflugspläge, die zugleich mit Müggelsee und den sentrale für Deutsche Vertebrewerbung eingetroffenen WetterteleMüggelbergen zwei der beliebtesten Wintersportstätten sind, zu er gramme. Die zurzeit noch ungünstige Wetterlage der Reichshaupts reichen. Die„ Sterndampfergesellschaften" und die„ Reederei Kied" ftadt läßt nicht den Schluß zu, daß die gleiche oder eine ähnliche laben zu einer Fahrt mit ihren gedeckten Dampfern ein. Die Wetterlage auch in den Bergen bestehen müßte. Ganz besonders in höheren Gebieten Deutschlands ist überall ausreichend Schnee Dampfer find mit einem über das ganze Verbed reichenden Glas pavillon versehen, der vollen Schuß gegen die Witterungsunbilden vorhanden und wird durch Neuschnee verstärkt, so daß die Viögbietet. Im behaglich erwärmten Raum, an bequemen Fenster- lichkeit besteht, Wintersport in einer feiner mannigfachen Formen au treiben. pläßen, läßt man das schöne Panorama der Oberspree an sich vorüberziehen, abwechslungsreich wie einen Film. Auf den Dampfern ist Musit. Der Fahrpreis ist erschwinglich, so daß der Berliner auf seine Spreefahrten in der talten Jahreszeit nicht zu verzichten braucht. An den drei Feiertagen verfehren die Dampfer auch vormittags, fie fahren ab vom Restaurant„ Belvedere", Jannowigbrüde. Die Stadträtewahl im Bezirk Kreuzberg. Die Bezirksversammlung Kreuzberg wiederholte in ihrer gestrigen Sigung die Stadträtewahl, über deren Gültigkeit in der vorigen Sigung ein Streit entstanden war. Bu unbefol deten Stadträ en sind gewählt von der Liste der SPD. die Genossen Schweifardt, Dittmer, Marsfe, von der Liste der KPD. Gehlmann, von der Liste der Bürgerlichen Bereinigung der Deutschnationale Rosenthal 10 Jahre Lesestube in Treptow. Das Bezirksamt 15( Treptow) hatte sich am Sonntag etwa 400 Kinder nach dem Bittoria- Garten eingeladen und sie mit Stafao und Weihnachtsstollen bewirtet. An demselben Tag vor 10 Jahren wurde die erste Treptower Lesestube durch Frau Feder eröffnet. Die fleinen Gäste legten sich auch fast ausnahmslos aus„ Lesern" der Lesestube zusammen, bie mit ihrer Leiterin diefen Tag festlich begehen wolten. Frau Feder streifte in einer Ansprache die auf wärtsweisende Benutzungsfurve der Lesestuben, deren es im Treptower Bezirt allein brei gibt: die Leseftube Treptom- Nord in der Wildenbruchstraße wird täglich von etwa 130 bis 200 Kindern nachmittags von 3 bis 6 Uhr aufgesucht. Bürgermeister Genoffe Grunom betonte die michthige Einrichtung, die als Grundlage für die Jugendbildung, in der es feinen Schund zu lejen gibt, anzuEine Defterreicherin in Palermo verhaftet und eingeferfert. In Balermo wurde eine Wiener Frau, Ella Briggs, die dort im Auftrage einer New Yorker Firma photographische Aufnahmen interessanter architektonischer Sehenswürdigkeiten machte, unter Spionageverdacht verhaftet. Sie befindet sich seit dem 6. Dezember mit Schwerverbrechern in einer Kerferzelle, ohne die Möglichkeit, mit einem Anwalt in Fühlung zu treten. Schweres Bergunglück in Oberschlesien. Auf der Concordia grube in Beuthen D.- Schl. ereignete sich gestern abend 9 Uhr ein schweres Grubenunglück. Dort maren Bergleute einer Unter. nehmerfirma mit Gesteinsarbeiten beschäftigt. Durch vorzeitiges Löfen der Sprengschüsse wurden zwei Bergleute getötet und ein dritter schwer verletzt. Au der Ludwig Glüd- Grube ereignete fich ebenfalls ein schweres Grubenunglüd, wobei durch hereinbrechende Kohlenmassen ein Mann getötet und ein zweiter schwer verletzt wurde. meldet, daß eine Flutwelle, die offenbar durch ein unterirdisches Eine Flutwelle im Pazifischen Ozean. Aus Tokio wird ge Erdbeben verursacht wurde, die Infel Yap überflutet hat. Dabei find 150 Personen ums Leben gefommen. Japan felbst ist von schweren Stürmen heimgesucht worden. Ganze Dörfer sind zerstört und der Eisenbahnverkehr ist teilweise unterbrochen. Groß- Berliner Parteinachrichten. 45. st. Die Mitglieder des Bücherfreis" werben gebeten ihr Weihnachtsbuch som Gen, Schula, Reichenberger 8, obzuholen. Die Eisenbahner warten auf Lohnerhöhung. Lohnerhöhung ein Gebot der Betriebssicherheit. on mehrere Bochen bemühen sich bie Eisenbahnerorganisa-| durch die Dienstbereitschaft", die nur zu 50 Broz. als reine Arnonen im ganzen Reich, bei der Reichsbahnverwaltung eine Erbeitszeit gewertet wird, in der Regel eine zwölfstündige höhung der Eisenbahnarbeiterlöhne durchzusehen. Sie sind aber bis Schicht, die teilweise bis zu 16 Schichtstunden ausgedehnt heute über Borbesprechungen nicht hinausgefommen. Die Er- wird. Die Anwendung der Dienstdauervorschriften trifft u. a. bewartung der Eisenbahnarbeiter, noch vor Weihnachten eine Auf- fonders schwer die Schrankenwärter, die meist Schwerkriegs- und besserung ihrer fargen Bezüge zu erhalten, wurde enttäuscht. Das Dienstbeschädigte find. Sie haben oft weite Wege zur Arbeitsstelle Reichsarbeitsministerium hat zwar endlich nach langem Suchen in zurüdzulegen, so daß sie die zwischen die einzelnen Dienst- und der Person des Staatsjefretärs a. D. Rüdlin den geeigneten Mann Dienstbereitschaftsstunden eingelegten Bausen meist auf der Arbeitsgefunden, der den schon chronisch gewordenen Lohnkonflikt bei der stelle verbringen müssen. Das muß auf die Dauer zu schweren Reichsbahn schlichten soll. Es war ihm aber nicht möglich, die gesundheitlichen Schädigungen der ohnehin schon wenig Widerstands Schlichtungsverhandlungen vor dem 29. Dezember anzuberaumen. fähigen führen. Ferner hat die Reichsbahn überall dort, wo es nur An die Geduld der Eisenbahner werden wirklich unbegreifliche Zu- irgendwie möglich war, die 3eitlohnarbeit eingeführt. Diese mutungen gestellt. Den Eisenbahnern ist es bei ihren völlig unwissenschaftliche Betriebsführung" hat wohl auf der einen Seite zur zureichenden Löhnen unmöglich, ein auch nur einigermaßen menichen Steigerung der Arbeitsintensität gegenüber der Borkriegszeit um würdiges Leben zu führen. In den Familien der Eisenbahner ist ein Drittel und darüber geführt, auf der anderen Seite aber eine die Armut zu Hause, die so recht jetzt zu Weihnachten zum BewußtBermehrung der Unfall- und Krankenziffern fein fommt. Wie sollen da die von der Sorge gequälten Eisen: nach sich gezogen. Diese Tatsache wird allerdings von der Reichs bahner ihren gefahr- und verantwortungsvollen Dienst mit Hingabe bahnverwaltung bestritten. Besonders vermehrt haben sich die Unfälle bei den Bahnunterhaltungsarbeitern durch das Hineinfahren von Zügen in Arbeitskolonnen, was allerdings auch mit eine Folge de Abbaues von Aufsichtsbeamten ist. Es ließe sich noch burch viele folcher Dinge beweisen, wie die Reichsbahn bemüht ist, Arbeitszeit und Leistung des Personals auf das äußerste Maß auszudehnen. Die Gewerkschaften erlahmen nicht in dem Kampf um die Verkürzung der Arbeitszeit, scheitern aber an dem Widerstand der Reichsbahnverwaltung, die jede wesentliche Verfürzung der Arbeitszeit mit der Begründung ablehnt, daß fie mit einer für den Betrieb untragbaren Personal vermehrung verbunden sei. Genau so widerspenstig wie gegen die Verkürzung der Arbeitszeit hat sich die Reichsbahnverwaltung bisher gegen jebe nennenswerte Lohnerhöhung der Eisenbahner gewandt. Seit der letzten Erhöhung der Eisenbahnerlöhne um brei Pfennige im März find die Löhne der Industriearbeiter infolge der fortfchreitenden Teuerung mehr wie einmal erhöht worden. Die Eisenbahner aber fönnen warten und nochmals warten. erfüllen können? Betrachten wir einmal die Löhne der Reichsbahnarbeiter in Berlin. Handwerker über 24 Jahre erhalten einen Spigenlohn von 82 Pfennigen, wozu für einzelne Arbeiter ein sogenannter Qualitätszuschlag kommt. Ungelernte Arbeiter bekommen 62 Pf. Stundenlohn, Bahnunterhaltungsarbeiter( Oberbauarbeiter) 2 Pf. mehr. Berheiratete erhalten für die Frau und jedes Kind je 3 Bf. Sozialzulage pro Stunde. Berglichen mit den Löhnen der Industrien, in denen die Arbeiter eine gleich schwere und gefahrvolle Arbeit verrichten wie bei der Eisenbahn, find diese Löhne wohl mehr als unzureichend. Nicht unerwähnt tönnen in diesem Zusammenhang die Gehälter der unteren Beamten bleiben, denen wenigstens eine wenn auch unzureichende Weihnachts beihilfe bewilligt worden ist. Mit den Beamtengehältern fieht es nicht viel anders aus als mit den Arbeiterlöhnen. Es seien hier nur einige Beispiele angeführt. So beträgt das Anfangsgehalt eines Beamten in Gruppe I( Schrantenwärter) einschließlich Wohnungsgeld und Juni- Zuschlag von 12% Proz. 103,50 Mart monatlich, das Endgehalt( nach 16 Beamtenjahren) 153 Mart. In Gruppe III( Schaffner, Bahnsteigichaffner, Rangierer) ist das Anfangsgehalt 134 Mart, das Endgehalt 173,50 Mart. Die Beamten der Gruppe VI( 2 of omotio= führer, Sefretäre, Berfmeister) erhalten als Anfangs. gehalt 209 Mart und als Endgehalt 283 Mart monatlich. Dazu kommt für verheiratete Beamte ein Zuschlag für die Ehefrau non monatlich 12 M., für jedes Kind von 1 bis 6 Jahren 18 M., von 6 bis 14 Jahren 20 m. An diesen Beispielen sieht man, daß die unteren Beamten nicht zu Unrecht eine Erhöhung ihrer Gehälter verlangt haben. Und wie ist nun die Arbeitszeit bei der Reichsbahn? Diese Frage zu beantworten ist bei bem Ueber- und Nebeneinander von Berordnungen, Erlassen, Tarifverträgen, Bestimmungen des Reichsbahngesezes, der Dienstdauervorschriften und dergleichen nicht ganz einfach. So arbeiten die Bahnunterhaltungsarbeiter( Stredenarbeiter) nach tariflicher Vereinbarung im Som mer neun und im Winter acht Stunden im Afford. Die Arbeiter der Hauptwertstätten arbeiten neun Stunden ebenfalls im Afford. Das Berfehrs. und Be triebsperfonal hat eine neun und sehn stündige Arbeitszeit. Diese Bediensteten haben aber Keine Wirtschaftsbeihilfe für die städtischen Arbeiter. Am Sonnabend teilten wir mit, daß der Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter beim Magistrat beantragt hat, den bei der Stadt Berlin befchäftigten Arbeitern und Arbeiterinnen die gleiche Wirtschaftsbeihilfe zu zahlen, die die Beamten und Angestellten der Besoldungsgruppen 1-6 erhalten haben, nämlich 30 m., 10 M. Frauenbeihilfe und 5 M. für jedes Kind. Die Stadtverordnetenversammlung beschloß, daß auch den städtischen Arbeitern diese Wirtschaftsbeihilfe zu gewähren sei. Der Magistrat hat jedoch jegliche Wirtschaftsbeihilfe für die Arbeiter und Arbeiterinnen abgelehnt und die Direktionen der städtischen Aktiengesellschaften, der Gas, Wasser und Elektrizitätsmerte haben sich beeilt, der Haltung des Magistrats beizutreten. Bie Arbeitslosigkeit in der Rheinproving. Düffeldorf, 23. Dezember.( Eigener Drahtbericht.) Die Arbeitsfosigkeit stieg in der Rheinprovinz nach einer Mitteilung des Landesarbeitsamts in der vergangenen Berichtswoche in dem gleichen Maße wie bisher. Die Stadt Köln meldet eine Steigerung der Erwerbslofenzahl um 2500 Personen. Der Hauptdrud der Krise hat sich von den Produktionsmittelindustrien auf die Ber brauchsgüter. herstellenden Industrien verschoben. Vor allem betroffen ist davon die Textilindustrie, so daß das Betleidungsgewerbe fortgefeßt Arbeitnehmer entlaffen muß. Die Schuhwarenindustrie entläßt ebenfalls weiter Berfonen und legt Betriebe still. Die wachsenden Schwierigkeiten der Holzindustrie beruhen zu einem Teil auf der geringen Bautätigkeit. Wörtlich sagt der Bericht des Landesarbeitsamts zum Schluß: Die Berschlechterung in den Berbrauchsgüterindustrien tit eine Rückwirkung der Krisis der schweren Industrien. Soweit hier die Krisis zu einem dauernden Abbau führt, werden auch die Berbrauchsgüterindustrien sich Einschränkungen auferlegen müssen, und mit der Ueberwindung dieser Schwierigkeiten wird der rheinische Ar. beitsmarkt noch lange zu tun haben. Daneben darf eine andere Ursache für die Entlassungen in den Verbrauchsgüterindustrien nicht übersehen werden, die immer deutlicher hervortritt. Die gegen wärtigen Schwierigkeiten beruhen auf einer sehr beträchtlichen Ueberschägung der Aufnahmefähigteit des Publt= fums. Eine wichtige Ursache für die Ueberschäzung des Absages ist die Uebersehung des Handels mit Unternehmungen. In der Entwicklung des Arbeitsmarktes zeigen sich einzelne 3üge, die von Bedeutung sein fönnen. Es wird berichtet, daß die Werts. beurlaubungen zurehmen. Daraus tann man schließen, Die Erfüllung der Forderungen der Eisenbahner liegt nicht nur im Interesse der Eisenbahner selbst, sondern sie ist auch im 3ntereffe der Reisenden eine zwingende Notwendigkeit. Die Eisenbahner, von deren Aufmerksamkeit und Hingabe an den Beruf oft das Leben von Hunderten von Menschen abhängt, müssen der quälenden Sorge um das nadte Leben enthoben werden. Deffen muß auch der Reifende eingedent fein, der, behaglich in die Polsterede des Abteils zurückgelehnt, seinem Reiseziele zustrebt. Sein Leben hängt nicht nur von der Aufmerksamkeit des Mannes auf der Maschine ab, der im rasenden Tempo bei Nacht und Nebel die Signallichter zu erspähen sucht. sondern auch von den Männern, die den Schienenftrang abpatrouillieren, um Schienenbrüche und ähn liche drohende Gefahren festzustellen oder andere von dem reisenden Bublikum weniger beachtete Arbeiten ausführen. In dem wunderbaren Uhrwert des weltumspannenden Eisenbahnbetriebes ist jeder Mann ein wichtiges unentbehrliches Rädchen. Das Verlangen nach menschenwürdiger Enflohnung ist eine Forderung, die schnellstens durchgeführt werden muß und nicht etwa nach langem Verzögern mit der Undurchführbarkeit oder Untragbarfeit abgelehnt werden darf. Denn nicht nur die Eisenbahner, sondern auch die Deffentlich feit erwartet von der Reichsbahn, daß fie fich den berechtigten Forderungen nicht verschließen und einer nennenswerten Erhöhung der Eisenbahnerlöhne zustimmen wird. daß die llnternehmer mit einer mieber belebun Jahre Geschäfts rechnen. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre fann man sagen, daß die Wertsbeurlaubungen eine Ab Ich wä chung der Entlassungen anfündigten. Ferner wird berichtet. daß die Zahl der erloschenen" Arbeitsuchenden, bie fich nicht mehr beim Arbeitsnachweis melden und in den meisten Fällen durch eigene Bemühungen Arbeit gefunden haben zunimmt. Man fann daraus schließen, daß sie in zahlreichen Fällen von ihren alten Firmen wiedereingestellt worden sind. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund. ( 36B.) Der fürzlich in Olten zusammengetretene Ausschuß des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes befaßte fich mit verschiede nen Fragen, die auch von internationaler Bedeutung sind. So murde im Zusammenhang mit einer von verschiedenen Organisa tionen vorgeschlagenen Delegation nach Rußland befchloffen, an der bisherigen Stellungnahme festzuhalten und von einer solchen Reise vorläufig Abstand zu nehmen. Zur Gründung einer Bildungs Internationale wurde eine ablehnende Stellung eingenommen. Auf Aufforderungen der Internationalen Arbeiterhilfe und der Roten Hilfe wurde nicht eingegangen, da das Bundeskomitee auf dem Standpunkt steht, daß für Einleitung irgendwelcher internationaler Attionen der Internationale Gewertschaftsbund zuständig ist. Endlich sprach sich der Ausschuß für die Ratifitation der Uebereinfommen und Borschläge der Internationalen Arbeitskonferenz des Jahres 1925 fowie auf Antrag von Wilhelm( Lebensmittelarbeiter) fpeziell für die Abschaffung der Nachtarbeit in den Bädereien Der Ausschuß beauftragte das Bundeskomitee, mit den in Frage fommenden politischen und wirtschaftlichen Organisationen unverzüglich in Berbindung zu treten, um beim Bundesrat die Ratifizierung des internationalen llebereinkommens zu fordern und zu unterstützen. aus. In einer Resolution gegen die brutale und anmaßende unterdrüdung der Gewerkschaften in Italien wird die Arbeiterschaft und die übrige freiheitlich gesinnte Bevölke rung aufgefordert, solange alle Beziehungen mit Italien abzu brechen und insbesondere auch Reifen nach Italien einzustellen, bis der Terror beseitigt ist". Ferner wird sich der Schweizerische Gewerkschaftsbund mit dem JGB. in Verbindung feßen, um zu prüfen, in welcher Weise eine internationale Artion gegen die faschistische Gewalt herrschaft einzuleiten ist. Berliner ElektrikerGenossenschaft Neu erschienen angescu, dem Verb. sozialer Baubetriebe Abreißkalender 1926 Preis 2.- N. M Kinderland 1926 Preis 1.25 R. M. Berlin N24, Elsässer Str.86-88 Ferrecher: Norden 1198 Piliale Westen, Wilmersdorf andhansstr. 4 Tel. Pfalzburg 9831 Herstellung elektr. Lidu-, Kraftund Signalanlagen Verkauf aller elektrischer Bedarfsartikel Ausführung sämtl. Reparaturen Preiswerte, gediegene Arbeit. HUNDE Katzen, Papageien und alle Zu haben in allen Vorwärts- Speditionen, in Haustiere werden behandelt. der Buchhandlung J. H. W. Die Nachfolger, Lindenstr. 2 und in der Vorwärts- Buchdruckerei, Lindenstraße 3, 4. Hej.& Treppen im Router. Tierärztliche Poliklinik Chausseestraße 93 neben Kriegervereinshaus Sprechstunden: 11-1 n. 4-6 Uhr URANIA 12 Monatshefte und 4 Bücher Det Proletarische Kosmos Zu beziehen durch die Annahmestellen und die Botenfrauen des„ Vorwärts" sowie durch die Buchhandlung J. H. W. Dietz Nachflg. Lindenstr. 2, Laden. Die Arbeitszeit in der Schweiz. Aus den Statistischen Mitteilungen" des Schweizerischen Arbeitsamtes über die Arbeitszeit geht hervor, daß im dritten Duartal bes laufenden Jahres fast ein Drittel der Arbeiterschaft noch über 48 Stunden in der Woche arbeitete. Es wurden 1746 Betriebe mit 190 000 Arbeitern erfaßt; davon arbeiteten 110 000 48 Stunden in der Woche, 11000 unter 48 Stunden, 69 000 dagegen über 48 Stunden. Die Industriezweige, wo die 48- Stunden- Woche eingehalten wird, sind die Nahrungs- und Genußmittel-, die chemische, Papier, Lederindustrie und das graphische Gewerbe. In der Baum woll, Boll- und Bekleidungsindustrie wie in der Metalls, Maschinenund ührenindustrie sowie im Baugewerbe und der Industrie der Steine und Erden wird aber die 48stündige Arbeitszeit für einen großen Teil der beschäftigten Arbeiter überschritten. Bekanntlic fönnen die Behörden auf Grund des Fabrilgeseges die Berlängerung der Arbeitszeit auf 52 Stunden geftatten. Nur der Widerstand der Gewerkschaften fonnte verhüten, daß die Unternehmer von dieser Möglichkeit nicht in noch weiterem Maße Gebrauch gemacht haben. „ Die Arbeit", Zeitschrift für Gewerfschaftspolitik und Wirtschaftsgesellschaft des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. Preis funde. Herausgeber: Theodor Leipart. Heft 12, 1925. Verlags1 M. " Sm 12. Heft der Arbeit" behandelt Richard Seidel in eingehender Weise die Möglichkeiten und Grenzen der Betriebsdemofratie in seinem Auffaz„ Das Mitbestimmungsrecht in Betrieb und Verwaltung". H. Schliestedt untersucht die Bedingungen, unter denen die Gewerkschaften an der Lösung des deutschen Produktions problems, an der technischen und organisatorischen Rationalisierung der Produktion mitarbeiten können. Dr. Bruno Raueder vergleicht die Rationalisierungsbestrebungen und-methoden in Amerika und Deutschland. Bruno 3schäß ich analysiert die Gründe, aus denen den Produktivgenossenschaften ein Erfolg verlagt bleiben mußte, und prüft, in welcher Richtung die gemeinwirtschaftliche Tätig feit der Gewerkschaften erfolgen sollte. Otto Albrecht behandelt den Bernhard Gesezentwurf zum Endgültigen Reichswirtschaftsrat. Göring setzt sich in einem Aufsatz Die freien Gewerkschaften und die christliche Religion" mit seinen Kritifern aus den Reihen der christlichen Gewerkschaften auseinander. Paul Diberg untersucht an reichem statistischen Material den Stand der Arbeitslosigkeit in Sowjetrußland. Benno Weingart bringt seinen Auffaz„ Neues über den Chartismus" zum Abschluß. " Die Rundschau bringt unter anderem Beiträge zu der Arbeiterbewegung in Italien, der Tschechoslowakei und China. Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis des zweiten Jahrgangs der Arbeit" ist dem neuen Heft beigefügt. Wirtschaft Die Arbeitslosigkeit nimmt weiter zu. Nach den Berichten der Landesarbeitsämter für die dritte De zemberwoche ist neuerdings eine weitere fehr erhebliche Verschlechterung des Arbeitsmarktes eingetreten. Betriebs: fiillegungen, Entlassungen, Kurzarbeit und Werkbeurlaubungen nehmen überhand; die regelmäßig zu Weihnachten eintretende Nachfrage nach Arbeitskräften ist dieses Jahr nicht fühlbar geworden. Im rheinisch- westfälischen Steinkohlenbergbau wur: den neue größere Entlassungen vorgenommen. Allgemein wurde über eine besonders große Zunahme der Arbeitsuchenden berichtet in den Berufsgruppen der Industrie, der Steine und Erden, der Metallindustrie, ber Holzindustrie, des Belleidungsgemerbes, des Baugewerbes, des Verkehrsgewerbes und der ungelernten Arbeit. Much in her chemischen, der Textil, un papierinrbeitsträïten gr Bervielfältigungsgewerbe ist das Angebot von Arbeitskräften ge= stiegen, ohne daß eine entsprechende Nachfrage gegenübersteht. Befonders ungünstig ist die Lage des Arbeitsmarktes in Westfalen, Rheinland, Hessen, Hessen- Nassau und der Pfalz, in Hamburg, Bremen und Lübeck sowie in Berlin. Neue Kartelle der Schwerindustrie. Bor furzem hat der Ge schäftsbericht eines führenden Montanunternehmens sich über die Montanfartelle refigniert dahin geäußert, daß Kartelle auch nichts nügen, wenn die Absazmöglichkeiten einmal fehlen. Wir haben dem nichts hinzuzufügen. Diese Einsicht scheint aber feineswegs allgemein zu sein und dazu scheint sie, wo fie vorhanden ist, nur für alte, nicht für neue Kartelle zu gelten. Jedenfalls wird jetzt die Bildung zweier neuer Kartelle für die Schwerindustrie gemeldet. In Berlin ist von den maßgebenden Berzintereien ein Berzintereiverband" gegründet worden mit dem Gig in Düsseldorf, der aber die Organisation der Produktion und des Abfazes für verzinkte Bleche und verzinktes Bandeisen bestimmen wird. eines Außerdem stehen Verhandlungen über die Gründung ,, Mietenverbandes" vor dem Abschluß, der durch seine Ber. laufsstelle zunächst den Inlandsabsaz erfassen, darüber hinaus aber auch den Auslandsabsatz durch den Verband regeln will. Der Walter- Kellner- Konzern im Konkurs. Nach langem Lavieren hat die Walter Kellner A.-G., Barmen, die Dachgesellschaft mehrerer in der Inflation zum Konzern zusammengebrachten Tertil, Maschinen- und Metallwarenfabriken den Antrag auf Eröffnung des Kontursverfahrens gestellt. Der unmittelbare Anlaß dazu ist die Ar lehnung der vorher beantragten Geschäftsaufsicht. Für die At lehnung der Geschäftsaufsicht dürfte mitentscheidend gewesen sein de Berlust der Hälfte des Aftienfapitals bei der hauptsächlichen Terti beteiligung des Konzerns, der Vereinigten Tertilwerke Mann & Reinhardi A.-G. Damit find auch über diesen Inflationskonzern die Akten geschloffen. 3 Millionen Dollar für Tieh. Nach dem Karstadt- Konzern Ham burg hat auch die Leonhard Tiek A.-G. eine Amerifa- Anleihe abgeschlossen. Die Anleihe lautet über 3 Mill. Dollar und wird durc ypothefen auf die Warenhäuser gesichert. Aus der Anleihe wird zunächst ein früherer Dollarkredit von 1 Mill. Dollar zurückgezahlt. Berantwortlich für Bolttit: Genf Renter: Birtschaft: Gewerkschaftsbewegung: 3. Steiner; Feuilleton: R, S. Dicer; Lofales und Gonftiges: Friz Karstadt; Anzeigen: Th. Glode; sämtlich in Berlin. Berlag: Borwärts- Berlag G. m. b. 5.. Berlin. Drud: Borwärts- Buchbruderei und Berlaasanftalt Baul Ginger u. Co.. Berlin G 68. Lindenitrake& Artur Saterane; Palefots u. Ulster fertig und nach Maß in allen Formen und Farben in anerkannt guter Verarbeitung und Qualitäten empfiehlt preiswert J. Baer Spezialhaus f. Herrenund Knaben- Moden Berlin N20, Badstr. 26 Fornsprecher: Meable 2442. Eeke Prinzenallee