Nr. 153. Erscheint täglich außer Monl-g». Preis pränumerando: Vierlei- tährlich S.zo Marl, monatlich l.lo Ml., wöchentlich 28 Pfg. frei tn'S Haus. Einzelne Nummer « Pfg. Sonntags-Nummer mit illuftr. Sonntags-Beilag«„Neue Well" 10 Pfg. Post-Abonnement: Z.zoMl. pro Quartal. Unter Kreuz, band: Deutschland u. Oesterreich- Ungarn 2 Ml., für das übrige Ausland sMl. pr. Monat. Eingetr. in der Post-geitungs- Preisliste für isss unter Nr. 712». 12. Iahrx. UnsertionS-Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Peiitzetle oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Verlannulungs- Anzeige» 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn- und Festtagen bis s Uhr Vor- mittag» geösfnct. Lernfprccher: Amt l, Ur. 1608. Pelcgra»»»- Adresse: „Soiialdemoürat Kcriiu!' Verlliler Volksblalt. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. PedaKtion: LV. 13, ZZeuth-Strilke Z. DevRegiernngswechsel in England nnd die Uenwahlen. London, den 29. Juni isvs. Gestern ist dos neue Kltbinet fertig geworden, nur noch die untergeordneten Posten im Ministerium sind zu besetzen. Nicht alle Mitglieder des Ministeritlms sind nämlich zugleich Mitglieder des Kabinets, nur eine auserlesene Miuderhcil wird dieser Ehre theilhaftig, und darum war es keine Kleinigkeit, unter den vielen Berufenen die zu ihr Berechtigten auszuwählen. Es waren sehr viel Appetite zu befriedigen oder zu enttäuschen. Tie konservative Partei als Vertreterin von Rang und Besitz zählt eine ganze Armee geborener Staatsmänner; diesmal aber waren auch noch die liberalen Uniouisten zu berücksichtigen, die. mit Ausnahme des Herrn Goschen, 1856 noch tugendhaft alle Posten aiisgeschlagen hatten. Inzwischen hat sich die Sprödigkeil gelegt, und nicht nur die Vertreter so traditioneller Whig-Familien wie der Herzog von Devonshire(der frühere Lord Hnrtington) und der Marquis of Lansdowne, sind in das Kabinet des Tortz-Führers Salisbury eingetreten, sondern auch der weiland Hohepriester des kleinbürgerlichen Radikalismus, Herr Joseph Chamber- lain von Birmingham. Tie liberalen Zeitungen belustigen sich damit, Kraftstcllen aus Herrn Chamberlain's Wahlreden aus der Zeit zu reprodu- ziren, wo derselbe noch die ganzen Schleusen seiner nicht geringen Beredtsamkeit gegen das Haus der Lords im allgcnicincn nnd Lord Salisbury im besonderen spielen ließ, und ebenso die Liebenswürdigkeiten, mit denen der letztere seinerseits den „Temagogen" und Apostel der„Räuberpolitik" bedachte. Solche Ausgrabungen haben im ganzen viel weniger Zweck, als mau gewöhnlich meint, die Wähler fragen nicht, was der Führer, der sich um ihre Stimmen bewirbt, war oder ist, sondern, was er ihnen bietet. Taß der Marquis von Salisbury und der «Herzog von Birmingham" einander früher mit Schmutz be- worfen, hätte daher garnichts auf sich, wären nicht die beiden heute noch gar so sehr die alten. Herr Chamberlain ist heute noch derselbe Demagoge, der er vor 10 und 15 Jahren war, und Lord Salisbury derselbe stolze Aristokrat und Stocktory, der es bitter empfindet, daß die Nvthwendigkeit ihn zwingt, den emporgekommenen Plebejer in sein Kabinel aufnehmen zu müssen. Wenn die Liberalen in Chamberlain den„Verrälher" hassen, so die Tories in ihm den Eindringling, und ich weiß nicht, welcher Haß der stärkere ist, welcher tiefer empfunden wird. Herr Chamberlain ist das Skelett im Kabinet Salisbury. Er hat das Departement der Kolonien übernommen, das einer der einflußreichsten Posten ist und mit 5000 Pfd.(100 000 Mark) jährlich dotirt wird. Es ist allerdings auch einer der vcr- antwortlichslen Posten, und wer weiß, ob nicht der fromme Wunsch, er möge sich dort recht bald abwirthschaften, bei der Zuweisung mirgesprochen hat. Andere wollen wieder wissen, daß es nur ein Jnterimsposten für Chamberlain sei, den sein Herz vielmehr nach dem Schatzkanzleramt ziehe. Dieses ist nämlich merkwürdigerweise statt Herrn Goschen, der Finanzautoritäl der Unionisten. Herrn Hicks Beach, einer ziemlich farblosen konser- vativen Größe, zugefallen, und es heißt, das sei nur eine Jnterimsbesetzung, um die Empfindlichkeil des Herrn Goschen zu schonen, der es nicht verwinden würde, zu grinsten des Herrn Chamberlain übergangen zu werden. In der That hol erst vor etlichen Wochen Herr Goschen im Parlament sich demonstrativ Feuilleton. INächdruck verdou».! HerUner Marztage. Eine geschichtliche Erzählung von Michel Deutsch. 53 „Sorg' hübsch fleißig für Vater Wernicke, Schwester/ sagte Hans, indem er Elsbeth umarmte.„Wir werden Euch Nachricht schicken, so oft wir können, und hoffentlich bald als Sieger zu Euch zurückkehren." Sie schieden von einander. Zurück blieb der Greis nnd die Kranke mit den Kindern, während alles, was Kraft und Muth genug fühlte, hinauszog in den ungewissen Kampf, den die Geschichte dem Volke von Berlin auf- gedrängt hatte. Im Flur des Vorderhauses stieß Hans mit seinen Be- gleitern auf eine heftig bewegte Szene. Fritze Grams, in seiner Schützcnuniform, die Kugelbüchse auf dem Rücken, stand mit etlichen Schützenbrüdern vom Stammtisch der „Silbernen Ente", unter denen sich auch der Schornstein- fegermeister befaud, vor dem ängstlich dreinschauenden Herrn f lüddeniann, der in dem engen Hausflur vergeblich den ugang zur Treppe zu gewinnen suchte. „Sie kommen mit und damit basta," fuhr der Bäcker- mcister auf den in die Enge getriebenen Armenvorsteher los.„Hier ist'n Gewehr for Sie, echt englische Arbeit." „Schießt janz alleene, von vom und von hinten," setzte der Schornsteinfeger spottend hinzu, während Fritze Grams Herrn Gotthold eine erbärmliche alte Knarre mit einem Feuer- stcinschloß um den Hals zu hängen suchte. „Aber ich kann ja gar nicht schießen, meine Herren!" rief Herr Plüddemann, dem der Angstschweiß in hellen Tropfen auf der Stirn stand.„Ich Hab' mein Lebtag keine Waffe in der Hand gehabt!" als den Nachfolger des Sir William Harcourt proklamirt, sobald erst das liberale Kabinet ausgehaucht haben werde. Jetzt ist der kritische Moment da und Herr Goschen übernimmt das Marine- amt. Da hat es also sicher hinter den Kulissen eine Rauferei gegeben, und damit keiner der lieben Brüder vor Aerger platzt, bekommt vorläufig ein Fremder den streitigen Apfel. Nach den erste» Berichten der„Times" sollte Herr Chamber- lain das Kriegsdepartement erhalten. Warum davon abgesehen wurde, läßt sich ziemlich errathen. Verschiedene Geschwister und Verwandte des Herrn sind bei einer großen Firma der Kordit- fabrikation betheiligt, und, wie man weiß, ist Herr Campbell Bannerman gestürzt worden, weil er nach Ansicht der kon- servaliv-unionistischen Koalition nicht für genug Vorrälhe von diesem Sprengstoff gesorgt habe. Es zeugt von der Unverfroren- heil des Herrn Chamberlain, daß in der verhängnißvollen Sitzung er es war, der von dem Minister mit Gewalt eine Er- klärung verlangte, wieviel Kordit derselbe bei der Firma Kynop n. Ko. bestellt habe, und als er die Antwort erhielt, 400 Tons Masse und 5 Millionen Patronen pro Jahr, dies für lächerlich ungenügend erklärte, denn die Japanesen hätten bei Ausbruch des Krieges 700 Millionen Patronen in Bereitschaft gehabt. Kynop u. Ko. ist die vorerwähnte Firma, und einer ihrer Direktoren ist Herr Arthur Chamberlain, Bruder des Herrn Joseph Chamberlain. Tie liberalen Blätter konstatirlen dieS einige Tage nach der Abstimmung, ob es zur Zeit derselben allen Konservativen im Parlament bekannt war, kann man bezweifeln. Herr Arthur Baifour, der sich in Manchester einer Stackwahl unterziehen muß, ist in seiner Kan- didateurede über die Korditgcschichte, die unmittelbar vor der Abstimmung über das Mißtrauensvotum losgelassen war, merk- würdig schnell hinweggegangen, um desto emphatischer zu er- klären, daß er keinen Äugenblick an der vollendeten Ehrenhaftig- kcit des Herru Campbell Bannerman gezweifelt habe. Als Präsident des Kolonialdepartemenis wird Herr Chamber- lain nur seinem Drang nach Vergrößerung, von Englands Kolonial- besitz Ausdruck geben können, die Ausführung der sozialen Reformen, die er als Frucht der konservativ- unionistischen Koalition in Aussicht gestellt hat, wird man von seinen Kollege» erwarten müssen. Da ist es nun merkivürdig, daß bei der Be- setzung der entscheidenden Posten der entschiedenste Sozialreformcr der Konservativen, Sir John Gorst, total übergangen worden ist. Das Departement des Inner», dem die Fabrikgesetzgebung:c. untersteht, ist einem indifferenten Konservativen, dem Großgrundbesitzer Sir Mathew White Ridley, über- geben worden, das Handelsamt Herrn C. T. Ritchie, der sied im Londoner Grasschaftsralh als sehr flauer Sozialpolitiker erwiesen hat, und das Departement der Lokalverwaltungen dem ehemaligen Vorsteher des Landivirth- schafisdepartements, H. Chaplin, der bisher fast nur Interesse für Bimelallismus und ähnliche agrarische Schwärmereien gezeigt hat. Es ist aber bezeichnend genug, daß der Mann, auf den die nach irgend welchen Schutzzöllen begehrenden Farmer solange sehnsüchtig geblickt haben, nun er Gelegenheit erhält, sich als ihr Freund zu belhäligen, in ein anderes Departement abschwenkt. Es wird noch so manche Seifenblase platzen, wenn die neue Re- gierung eingerichtet ist. Einstweilen lehnt die neue Regierung es entschieden ab, ihr Regieruugsprogramm zu entwickeln. Unser Programm ist jetzt: Auslösung, erklärte Herr Baifour in Manchester, das weitere werde sich dann finden. Herr Chamberlein hat in allgemeinen „Ach wat, dct lernt sich rasch, redete Grams ihm zu. „Hauptsache is, det Se mitkommen, damit wer hier kecn' Vcrräther im Rücken haben." „Und ich sage, er wird nicht mitkommen!" ertönte auf einmal von der Treppe her die kreischende Stimme der Erau'Muckenich,„und Sie werden machen, daß Sie zum ause'raus kommen, und hier die Ruhe nicht stören! Was?!" schrie sie plötzlich auf, als ihr Blick auf Härtung und die jungen Wernickc's siel—„Hochverrath in diesem Hanse? Das darf nicht sein, so wahr ich Frau Muckenich heiße!" Wie ein gespenstischer Schatten huschte sie zwischen den beiden Gruppen hindurch, zog mit raschem Griff einen gc- waltigen Schlüssel aus der Tasche und versuchte die Haus- thür zu verschließen. Aber schon war ihr Ferdinand zuvorgekonimen; während er den Fuß in die Thürspaltc klemmte, drückte er mittelst einer Trommel die Wirth- schastcrin gegen die Wand und riß drohend feine Pistole aus dem Gürtel. „Noch einen Muck— nnd ich schieße!" schrie er die Entsetzte an, die vor Schreck den Hausschlüssel fallen ließ. „Hilfe! Herr Vorsteher! Hilfe!" tönte ohrzerreißend ihr Ruf durch den Hausflur.„Er schießt mich todt! Ich sterbe!" Herr Plüddemann aber war so sehr durch die Sorge um seine eigene Person in Anspruch genommen, daß er nicht daran denken konnte, seiner geängstigten Hausgcnossin bei- zuspringen. Tas Erscheinen der ehrbaren Wittwe hatte vielmehr einen merkwürdigen Umschwung in seinen Ent- schlicßungen hervorgebracht; er zog es plötzlich vor, mit den Empörern zu gehen, statt allein in der gefährlichen Gcscllsäiast der liebenswürdigen Dame zurückzubleiben. „Ich gehe mit Ihnen," sagte er resignirt zu Fritze Grams, hängte sich eigenhändig die Feuerstciuflinte um den Hals und schritt mit den triumphirenden Bürgerschützen an Frau Mnckenich vorüber, auf die Straße hinaus. ßFpedition: 8V. 19, ZSeutö-Straße 3. Wendungen von sozialen und administrativen Reformen gesprochen. worunter man sich alles mögliche vorstellen kann, und als das„Daily Chronicle" aus einem Wahlflugblatt, das vom Zentral- Bureau der Konservativen heraus- gegeben worden, ein Programm so zu sagen herausschälte erfolgte sofort die Erklärung, daß die Partei mit demselben nichts zu thun habe. Verschiedene Liberalen wollen die paar Sitzungen, die noch stattfinden, dazu benutzen, aus der neuen Regierung soviel Erklärungen wie nur möglich herauszulocken, es ist aber nicht wahrscheinlich, daß sie viel mehr erfahren werden als man jetzt schon weiß, denn die Koalition ist wohl darüber so ziemlich einig, was sie nicht will, ibr positives Programm wird sie aber wohl erst noch auszuarbeiten haben. Sie hat aus die verschiedenartigsten Interessen Rücksicht zu nehmen, und alles hängt davon ab, wie die Wahlen ausfallen. Zu diesen rüsten sich jetzt alle Parteien mit fieberhafter Eile. Die Konservativen und Unionisten haben so ziemlich alle Kreise mit Kandidaten besetzt, die Liberalen dagegen sind noch vielfach im Hintertreffen, weil viele ihrer bisherigen Vertreter nicht wieder kandidircn wollen, und es der Partei heute schon an diesen Leuten fehlt, die sich all den Scherereien und Kosten eines Wahlkampfcs zu unterziehen Lust haben. So charakteristisch dies Fakluni, so wäre es doch voreilig, daraus die baldige Auflösung der liberalen Partei zu folgern. So etwas geht hier sehr langsam. Werden doch, wenn es hochkommt, in etwa drei Dutzend von den 560 Wahlkreisen, die in England, Schottland und Wales zu besetzen sind, unabhängige sozialistische Kandidaten auftreten. In den übrige» haben die Wähler zwischen den Tories und den Liberalen zu wählen. Die Sozialdemokratische Föderation hat ihr Wahlmanifest bereits pubhzirt, sie hat vier Kandidaten im Felde, über deren Aussichten die Berichte variiren. So z. B. erklären die einen, daß das geistig hervorragendste Mitglied der Föderalion. H. M. Hyndmann, gute Aussichten habe, in Bureley gewähll zu werden; von anderer Seite dagegen heißt es, daß er es kaum auf eine vierstellige Stimmenzahl bringen dürfte, und der Aus- gang der Wahl in Wolworth ist nicht gerade geeignet, optimistische Erwartungen zu erregen. Um so mehr ist der Eifer und der Kampfesmuth derjenigen anzuerkennen, die unter so schwierigen Verhältnissen den Kampf aufnehmen. Die Jndependent Labour Party, die etwa 20 Kandidaten aufgestellt hat und noch verschiedene ausstellen wird, hat auf nächsten Donnerstag eine Delegirlen-Konferenz nach London ein- berufen, um über die Wahltaklik gegenüber den nichtsozialistischen Parteien Beschlüsse zu fassen. Erst wenn dies geschehen, soll ihr Manifest erscheinen. Es Handell sich darum, ob die Partei ihren Gesinnungsgenossen für Kreise, wo kein unabhängiger Sozialist im Felde ist, Wahlenthallung empfehlen, oder ob sie ihre Stimmen dazu benutzen soll, in diese Wahlen nach der einen oder anderen Seile einzugreife». Die eigenthümlichen Verhältniffe Englands und die Eigenartige Zusammensetzung der Partei er- klären es, daß darüber die widersprechendsten— und ich kann nicht umhin, hinzuzufügen, widersinnigsten Vorschläge laut werden. Einige erklären die Vernichtung der liberalen Partei für die dringendste Aufgabe der Sozialdemokratie— d. h. also be- dingungsloses Eintreten für die Tories, andere wollen, daß einfach überall, ohne Rücksicht auf die Qualität der Kandidaten, gegen denjenigen gestimmt werde, der zuletzt den Sitz inne gehabt u. dergl. mehr. Hoffentlich siegt die Erkenntniß, daß man de» Bären erst erlegen muß, bevor man ihn vertheilt. Hans Härtung und Schnick folgten mit den Mädchen, terdinand aber blieb noch einen Moment vor der in eine alzsäule verwandelten Wirthschafterin stehen und schlug aus seiner Trommel einen betäubenden Wirbel, der in ihren Ohren wie ein schauerliches Höllensignal wieder- gellte. Sie war allein— allein! Er hatte sie verlassen können in dieser entsetzlichen Stunde, um mit den Galgenvögeln da und diesen... diesen Schneidermädeln zu gehen! Einen Augenblick überlegte sie, ob es nicht das beste sei, in Ohnmacht zu fallen— aber aus wen hätte sie damit Eindruck machen sollen? So that sie denn einen tiefen, langen Atheinzug, raffte ihren ganzen Wittwcnstolz zu- sammen und stieg die Treppe empor in die eiusame'Wohnung. „Da Hab' ich ihm nun gerade heute diese köstlichen Hammelrippchen geschmort," murmelte sie, als ffe zähne- knirschend die schmale Treppe emporklomm.„Doch wart, Du Ungetreuer, Du wirst wicderkonimen— dann sollst Du sehen, daß Eulalia Mnckenich nicht ungestraft mit sich spaßen läßt." Unsere Freiwilligen waren inzwischen in den brausenden Ozean der Volkserhebung hinausgetreten. Wilde, lärmende Hast erfüllte die schmale Gasse, die nordwärts nach dem Petriplatz und südwärts nach dem Sprec-Ufer führte und einen der zahlreichen Seitenwege bildete, aus denen nian vom Schlosse ans über den schmalen südlichen Spree- Arm nach der Louisenstadt gelangte. Durch seine natürliche Lage war der langgestreckte, aus allen Seiten inselartig von Wasser umgebene Bezirk von Alt- Kölln zur entscheidenden Wahlstatt in dem bevor- stehenden Kampfe bestimmt. Der nördliche Thcil der Insel, mit dem Schlosse, dem Lustgarten und dem Zugang zu den Linden bildete das Hauptquartier der Militär- Partei, während vom Köllnischen Rathhaus ab nach Süden, Osten nnd Westen das Terrain den Volks- kämpsern gehörte. Die gesammte Anlage des Sladltheils Auch das parlamentarische Gewerkschastslomitee hat eine Konferenz einberufen, rm über ein Mahlmanisest an die Trade Unions zu berathen. Dieses wird empfehlen, die Stimmabgabe von der Verpflichtung aus bestinunte Forderungen abhängig zu machen, sowie nach Möglichkeit für Ausstellung von Arbeiter- kaudidaten zu wirken. Neben den Gewerkschaftlern, die schon im letzten Parlament saßen, werden noch verschiedene Gewerkschafts- kaudidaten, bezw. Arbeiterkandidaten genannt, die von den Liberalen akzcptirt sind, darunter der Agent der Docker Union Clem Edwards, das Mitglied des Londoner Trabes Council St e a d m a n(Delegirter am Züricher Kongreß) und der Bergarbeitersekretär Aspinwall ,n Wigan(Lamashire). Die radikalere Presse der Liberalen tritt dafür ein, den Arbeitern eine größere Anzahl von Kreisen abzutreten und selbst Leuten wie KeirHardie, B e n T i l l e t, S e x t o n von Liverpool ec., trotz ihrer Angriffe auf die Liberalen keine Gegenkandidaten gegen- überzustellen. Jndeß die liberale Presse schreibt, und die liberalen Wähler und Wahlvereine handeln. Nur im Falle Keir Hardie dürste in der Thal von einer Gegenkandidatur abgesehen werden. Mit der Auflösung des Parlaments fallen nalürlich alle noch nicht erledigten Gesetzcsvorlagen unter den Tisch. Es werden indeß Anstrengungen gemacht, wenigstens das Asquith'sche Fabrik- gcsetz zu retten. Und soweit das Haus der Gemeinen in Frage kommt, sind die Aussichten nicht ungünstig. Da wir eben vor einer Wahl stehen, haben die Konservativen, die, mit wenigen Ausnahmen, bisher in der Kommission in jeder Weise Obstruktion getrieben hatten, sich in den letzten Sitzungen lobenswerth nach- gicbig gezeigt, und es ist vereinbart worden, daß die Berathung in der Kommission Montag zu Ende gebracht und dann während der paar Tage, die betreffs Erledigung von Formalitäten das Parlament noch sitzen muß, die Vorlagen durch alle Stadien der Gesetzgebung durchgepeitscht werden soll, die ersorderlich sind, sie zum Gesetz zu erheben. Machen also nicht zuguterletzt die Lords noch Spähne, so haben die Arbeiter wenigstens von dem Krakehl einen Vortheil. Hat doch sogar Ben Tillet die Bestim- mungen über die Ausdehnung der Fabrikgesetze auf die Docks ic. die„Charte der Docker" getauft. Es geht mit den Neforitien sehr schrittweise vorwärts in England, aber bis jetzt wenigstens durfte man sagen, es geht dafür nie einen Schritt zurück. VolttilÄle Berlin, 2. Juli. Gegen den inneren Feind! Unser drastische Aus- drücke, Bilder und Gesten liebende Kriegsminister hatte im Reichstage gesagt, daß gegen unbotmäßige Massen Feuer- spritzen und Polizei ausreichen. Diese Meinung scheint nicht allgemein getheilt zu werden, wenigstens hatte es der Sohn des Prinzregenten von Bayern, der Prinz Leopold, für nöthig gefunden, den 16. Delegirtcntag der bayerischen Veteranen-, Krieger- und Kampfgenossenvereine mit einer Anrede zu begrüßen, die mit folgendem Satze schloß: „Ihnen bleibt die edle, hohe und dankenswerthe Aufgabe, die nachfolgende Generation ihrer würdig heranzuziehen, daß sie mit Gut und Blut einstehe für Thron und Vaterland gegen den äußeren und den inneren Feind." Der Bundespräsident versprach in seiner Antwort nicht blos jederzeit nnt Gott für König und Vaterland, Kaiser und Reich, sondern auch für Ordnung einzutreten. Und auf dem Kellerseste sprach, den Faden sortspinnend, der Bürgermeister der von zwei Sozialdemokraten im Reichstage vertretenen Stadt München auch den folgenden Satz: „Zu mächtigen Körperschaften vereint sind Sie Grundpfeiler der von Gott gewollten staatlichenOrdnung, wie des monarchischen Prinzips geworden, gegen deren mit Heldeublut gefügtes Fundament die Brandung der sozialistischen Bewegung umsonst ihre Kraft vergeudet..." Und eine andere Lokalgröße von München sagte: „Es gilt, den Kindern Liebe zum Vaterland einzupflanzen, daß sie gefeit sind gegen die Lehren falscher Propheten, dann können wir ruhig dereinst zur großen Armee einrücken..." Allwöchentlich steigt ein anderer Mann sürstlichen Blutes zum Volke herab, um den Krenzzug gegen die Sozialdemokratie zu predigen, nach dem Großherzog von Oldenburg nun der zweitältestc Sohn des Prinzregenten von Bayern. Es ist nicht unsere Sache, uns den Kopf zu zerbrechen, ob diese Redner von ihren Ansprachen einen Erfolg erwarten; daß diese der Sozialdemokratie nicht schaden werden, steht für uns fest. Die Reden richten sich an Leute, deren Haß und Feindschaft gegen die Sozial- demokratie nicht niehr gesteigert werden lann; andere Leute halten sich von Kriegervereins-Festen ohnedies fern. Auch der neueste Versuch, München der Sozialdenwkratie zu ent- reißen, wird vergeblich sein.— bot den Vertheidigern eine vortreffliche, wohlgedeckte Kamps- stellung dar. Aus dieser Spreeinsel, die bereits in wendischer Vor- zeit ein wichtiger strategischer Punkt gewesen war, und in deren heiligem Heine so mancher wilder Streit ausgefochtcn worden sein mochte, sollte nun nach Jahrtausenden von neuem ein Entscheidungskampf ausgekämpft werden. Aug in Auge standen sich die Kämpsenden gegenüber. Die Breite- straße herunter konnten die vom Schlosse bis zu jenem Häuser- block, der sich zwischen der Roß- und Fischerstraße nachdem Wasser zu hinzog, das Vorfeld übersehen und die etwa drei- hundert Schritte lange Straßenflucht mit Kartätschen und Granaten bestrichen. Niemand zweifelte daran, daß die Kanonen, diese kräftigen, sonoren Baßinstrumente des Militarismus, die bei den bisherigen Metzeleien noch stumm geblieben waren, hent endlich zn ihrem Rechte gelangen würden. Während jedoch die schnurgerade lange Königstraße und die Straßen der Friedrichstadt dem Feuer der Geschütze und den unter ihrem Schutze vorrückenden Fußtruppen einen günstigen Spielranm darboten, war gerade hier, im unmittelbarsten Gegenüber des Schlosses, der militärischen Weisheit eine Harle Nuß zum Knacken dargeboten. Was sollte, wenn selbst ein paar der vorgeschobenen Häuser in Grund und Boden geschossen wurden, mit den: dahinter liegenden, von Feinden strotzenden Gewirr von krummen Gassen ge- schehen— mit dieser natürlichen Festung, die über ein halbes Dutzend Brücken hinweg nach drei Seiten mit der kampfbereiten Bevölkerung der übrigen Stadt in Ver- bindung stand. Auf keiner Seite täuschte man sich darüber, daß hier, unter den Augen des Königs, der Kampf mit ganz beson- derer Heftigkeit entbrennen würde. Und wie in momentaner Eingebung war sich die Bevölkerung dieses vorgeschobenen Viertels ihrer schwierigen Aufgabe bewußt geworden. Als Hans Härtung und Fritze Grams mit ihren Begleitern die engen Gäßchen durchschritten, uni zunächst nach der Roßstraße und von da zum Rathhaus zu gelangen, war das wüste Chaos der ersten Viertelstunde bereits den Anfängen einer regelrechten, geordneten Vorbereitung zur Abwehr des Gegners gewichen. In angemessenen Abständen Tie Steuergroschen der deutschen Arbeiter, die ür Kulturaufgaben nicht zu haben sind, die aber für ver- chwenderische Feste, Verstärkung der Armee, neue Schiffe und dergleichen überreichlich verwendet werden, sollen nach einer merkwürdigerweise noch nicht dementirten Nachricht die chinesische Anleihe garantiren. Ein so regiernngs- fromnies Blatt, wie der„Hamb. Korr.", rcgistrirt das Ee- rücht, daß das Deutsche Reich mit Rußland, Frankreich und England gemeinsam die große chinesische Anleihe garantiren sollen. Dies ist nach unserer staatsrechtlichen Auffassung, die doch hierin hoffentlich nicht von der der Hohenlohe, Marschall v. Bieberstein, Koller:c. abweicht, ohne Zu- stimmuug des Reichstages unmöglich. Daß aber der Reichstag solchen Abenteuern zustimmt, halten wir vorerst noch für gänzlich ausgeschlossen.— Gegen die Bismarck'schen„Hamburger Nach- richten" und die Harden'sche„Zukunft" soll, wie die „Volks-Zeitung" erfahren haben will, mit einem Straf- antrage des Herrn v. Boettichcr vorgegangen werden. Es handelt sich u. a. um die Beschuldigung der Gcsinnungs- losigkeit und der in nicht mißzuverstehender Weise kritisirten Beziehungen Boetticher's zur Großbank. In der Redaktion der„Hamburger Nachrichten" wird man wohl nicht etwa gar aus zu weit getriebener Pietät für Bismarck's lithographirte Strasanträge über das Vor- gehen des Herrn v. Boettichcr erfreut sein. Des Humors entbehrt die indirekte Klage gegen Bismarck sicherlich nicht.— Tie Bimetallisten a« der Arbeit. Von der Zu- sammenkunft deutscher und französischer Bimetallisten haben wir schon berichtet. Ueber die Sitzung wurde das folgende Protokoll aufgenommen: „Nach einer eingehenden Prüfung der wirthschaftlichen Lage Deutschlands und Frankreichs, wie sie sich aus dein Werlhunter- schiede zwischen dein Silber und dem Golde herausgebildet hat, nach- dem die freie Prägung des Silbers in Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten aufgehoben war, waren die Ver- sammelten der Meinung: 1. Das unmittelbare Interesse der landwirthschaftlichen und industriellen Produktion und des auswärtigen Handels der beiden Länder erheischt die Herstellung eines festen Werthverhältniffes zwischen beiden Münzmetallen. 2. Dieses feste Werthverhältniß kann nur durch die inter- nationale Doppelwährung hergestellt werden. . 3. Unter internationale Doppelwährung verstehen die Ver- sammelten eine Vereinbarung zwischen Deutschland, Frankreich, England und den Vereinigten Staaten, nach welcher die freie Prägung und die unbeschränkte Zahlkraft für Gold und Silber unter gleichen Bedingungen verbürgt werden. 4. Was das Werthverhältniß anbelangt, so wird zwar die Wahl der Werthrelative nicht als eine prinzipielle Frage be- trachtet, aber angesichts der wirthschaftlichen Jnteresfen der beiden Länder und angesichts der bestehenden Zustände, welche durch die heutige Geldzirkulation geschaffen sind, würde das Werth- verhältniß des Goldes zum Silber von 1: löVe vor jeder Fest- setzung einer anderen Werthrelative den Vorzug verdienen, gez. Ed. Fongeirol. Thery. v. Kardorff. Graf v. Mirbach. Dr. Arendt. v. Poser-Mädlitz. Dr. Emil Aschendorff." Tie französischen Bimetallisten scheinen auf einer größeren Agitationstour begriffen zusein, bevor sie in Deutschland waren sie in England, um mit den dortigen Bimetallisten zu ver- handeln." Die Hoffnung der Bimetallisten auf den Minister- Wechsel in England sind eitel Schaumgeschläge. England wird auch unter der konservativen Regierung nicht von seiner bewährten Goldwährung abgehen. Wie die Bimetallisten arbeiten, kann man auch aus dem folgenden Telegramm ersehen, das dem Staatsminister Marschall von Bieberstein ans Sachsen zugegangen ist: „Ostrau i. Sachs., 23. Juni. Ew. Exzellenz erlauben sich 82 Vorstände laudwirlhschafliicher Vereine mit S404 Mitgliedern angesichts des Ministerwechsels in England die freudige Hoff- nung auszusprechen, daß nunmehr der internationale Bimctallismus mit Erfolg angestrebt wird, dessen für Landwirth- schaft wie Industrie gleich segensreiche Folgen Ew. Exzellenz schon beim Bimetallistenkongreß zu Köln betonte. Ew. Exzellenz thatkräftige Initiative zur Regelung der Währungssrage würde alle Angriffe hinfällig macheu und die beste Bethäligung bilden für den iuternationaleu Frieden aller Kulturvölker. Im Auf- trage: v. Frege, Vorsitzender." Es müßte schlecht um Herrn v. Marschall bestellt sein, wenn solche Zuniuthungen auf ihn Eindruck machen würden.— Tie Stichwahl I« Kolberg- KöSlin. Nach amtlicher Feststellung erhielt bei der am 28. v. M. in dem dritten Wahl- waren Gruppen von Männern, Frauen und Kindern damit beschäftigt, Barrikaden zu errichten, das Straßen- pflaster aufzureißen, die Rinnsteindecke abzuheben und ans den benachbarten Häusern alles herbeizuschleppen, was nur irgend als Material zur Herstellung der primitiven Schanzwerke dienen konnte. Aus Fenstern, Thüren und Thorwegen sah man Menschen mit Kisten, Fässern und Säcken, mit Aexten, Spaten und Hämniern nach jenen auptpnnkten eilen, an denen bereits die Fundamente der chntzwälle über dem Erdboden emporwuchsen. Hunderte von Köpfen spähten aus den Fenstern nach den Straßen- cingängen, Flüche und Verwünschungen, Kampfrufe und Abschiedsgrüße tönten laut durcheinander. In allen Augen loderte em Fieberfeuer, das durch die Erwartung des bevorstehenden Kampfes und die unmittelbare Nähe des Feindes immer heftiger angefacht wurde. Wer Waffen hatte, drängte vorwärts, nach dem Petri- platze und dem Köllnischen Fischmarkt, die zu Sammel- Plätzen der Volksstreiter geworden waren. Hierher halten auch Fritz Grams und Hans Härtung mit ihren Begleitern sich gewandt, nachdem in der„Silbernen Ente" Ephraim isch mit einem halben Dutzend von Handwerkern und rbeitern, die er mit Gewehren verschen hatte, zu ihnen gestoßen war. Es waren durchweg gediente Soldaten, die mit den Waffen ebenso gut Bescheid wußten, wie mit ihrem Werkzeug. Lotte und Tora waren in der„Silbernen Ente" ge- blieben, die im Handumdrehen in eine Art Arsenal der Volkskämpfer umgewandelt worden war. Eine Schaar von Frauen und jungen Mädchen hatte sich in den vorderen Gaststuben niedergelassen und war hier mit der Anfertigung von Patronen beichästigt, während auf dem Küchenheerd in proßen Kesseln Kaffee für die Barrikadenstreiter bereitet wurde. Auch die Möglichkeit, daß es bald Verwundete geben könnte, war ins Auge gesaßt. Ein junger Arzt hatte etliche der Frauen an einem langen Tische ctablirt, wo sie mit der Herrichtung von leinenem Verbandzeug, Charpie u. s. w. beschäftigt waren. Hier machten sich zunächst auch Lotte und Dora nützlich, nachdem sie von den Ihrigen Abschied genommen hatten. �(Forlsetzung folgt.) kreise de? Regierungsbezirks Köslin(Köslin, Kolberg- Körtin« Bublitz) stattgehabten Reichstags-Stichwahl Geh. Regiermigs- und Baurath a. D. Benoit-Charlottenburg(freisinnig) 3212 von 16 o7ö abgegebenen Stimmen; Landralh a. D. von Gerlach zu Parsow(konservativ) 7363 Stimmen. Benoit ist somit gewählt.— Die Unterrichts- Kommission d e S Abgeordneten- Hauses beschäftigte sich in ihrer Sitzung am Montag Atend mit dem Antrage des Fräulein Lange um Zulassung der Frauen zum Abiturienten• Examen und zum Universitäts- Studium aller Fakultäten und der Frau Kauer um Zulassung zum medizinischen Studium. Nachdem der Vertreter der Regierung erklärt hatte, daß diese Fragen im Ministerium erörtert würden, ein bestimmtes Resultat aber noch nicht erreicht sei, einigte sich die Kommission zu dem- selben Antrage, welchen sie bei gleichem Anlaß in der Session 1392/93 gefaßt hatte, die Petitionen der Staats-Regierung als Material zu überweisen. Zu einem gleichen Resultat gelangte die Kommission bei einer Anzahl Petitionen von Lehrern um Verbesserung ihres Einkommens, mit Rücksicht auf die Erklärung des Ministers, daß ein Lehrer-Besoldungs-Gesetz in Vorbereitung sei. Die übrigen Petitionen trugen einen lokalen Charakter und entbehren eines allgemeinen Interesses.— Ten Staatsanwälten und Gerichte» Teutschlands sei folgendes zur Beachtung empfohlen. In Apolda bot in der Nacht vom 26. zum 27. Januar d. I. in dem Restaurant zur Krone der Nachtwächter Rittermann Feierabend, weil die Polizeistunde eingetreten war. Die anwesenden Zecher er- widerten hierauf: Wir feiern Kaisers Geburtstag, Darauf that der Nachtwächter eine Aeußerung, die der Staatsanwaltschaft als Majestätsbeleidigung denunzirt wurde. Die groß- herzogliche Staatsanwaltschaft in Weimar hat aber den Denunzianten unterm 1. April wie folgt ablaufen lassen:„In Gemüßheit des ß 169 der Strafprozeßordnung für das Deutsche Reich ist Herr(Name des Angebers) in Apolda zu bescheiden, daß die Untersuchung gegen den Nachtwächter Nitlermann da- selbst wegen Majestälsbeleidigung in der Erwägung eingestellt worden ist, daß der Beschuldigte, wenn er auch im Un- muthe eine unüberlegte Aeußerung g e t h a n haben mag, doch nicht daran gedacht hat, Se. Majestät den Kaiser beleidigen zu wollen." Dieser Entscheid ist sicherlich sehr vernünftig. Was aber dem Nachtwächter Rittermann recht ist, das muß allen anderen Leuten, die ohne Absicht eine Majestätsbeleidigung verüben, billig sein.— Tas Tenkmal, welches Windthorst in Meppen er- richtet wird, soll am 16. Juli enlhüllt werden. Unter anderen sind alle Reichstags-Abgeordneten zu der Feier eingeladen. Bei der persönlichen Beliebtheit und der allgemeinen Achtung, deren sich der verstorbene Zentrumsführer auch bei den Gegnern er- freute, werden gewiß viele dem Ruf folgen.— Die Schweinereie» und Schändlichkeiten des Klosters Mariaberg haben den pfäffischen Vertheidigern besagter Infamien die bekannte Verbrccher-Taktik nahegelegt, andere ähnlicher Niederträchtigkeiten zu beschuldigen, damit die Aufmerksamkeit von der eigenen Schande ab- gelenkt werde. So schreibt jetzt ein ultramontanes Blatt Süddcutschlands, der„Badische Beobachter" vom 21. Juni (die Nummer wurde uns erst jetzt zugeschickt) wörtlich wie folgt: Karlsruhe, 19. Juni. Ueber die Mariaberger Alerianer hat sich wohl niemand lauter entrüstet, als die sozialistische Presse, obwohl diese am allerwenigsten Ursache dazu hat. Jedermann erinnert sich doch noch des berüchtigten Direktors R o b i n im Waisen Hause von Cempuis bei Paris, der von der gewiß nicht prüden französischen Regierung wegen der in seiner Anstalt vorgekommenen unerhörten Skandale fortgejagt werden mußte. Weil er aber ein überzeugter Sozialist war. nahm die gesammte Partei diesen Menschen in Schutz, feierte ihn als„Märtyrer" und sorgte dafür, daß er Professor der neuen sozialistischen Universität zu Brüssel wurde. Ein anderes Bild! In der unter Leitung des rothen Dr. Charbonnier stehenden Irrenanstalt von Berchem-St. Agathe bei Antwerpen kamen Dinge vor, gegen die die Mariaberger Vorkommnisse gar nichts zu bedeuten haben. Tie belgische Regierung sah sich gezwungen, Dr. Char- bonnicr seines Amtes zu entsetzen und— die Sozialisten boten ihrem„Märtyrer" einen Sitz im belgischen Senate, der ersten Kammer, an! Darum gemach, ihr rothen„Brüder"! Wer selbst im Glashause sitzt, soll auf andere nicht mit Steinen werfen! Letzteren Spruch hätte das Pfaffenblatt beherzigen sollen, ehe es den Stein nach uns warf, den wir mit der Hand auffangen, und ihm zurück ins Gesicht werfen. Was die Affäre des Dr. Charbonnier betrifft, so wiffen wir nur so viel, daß der Genannte, weil er kein Betbruder ist, von den belgischen Dunkelmännern aus das grimmigste und un- gerechteste angefeindet und verfolgt wird. In der Angelegenheit Robin's liegt aber jetzt das ganze Material vor uns. Wir werden daffelbe dem wesentlichen Inhalt nach in den nächsten Tagen unseren Lesern zugänglich machen. Für heute sei nur bemerkt, daß die amtliche Untersuchung nicht blos die vollständige Un- schuld Robin's an den, von verleumderischen Pfaffen ihm zur Last gelegten Vergehen und Verstößen ergeben, sondern auch die Thatsache festgestellt hat, daß Robin ein Pädagog ersten Ranges ist und die glän- z e n d st e n E r z i e h n n g s r e s u l t a t e erzielt hat. Wenn jemals die Pfaffen eine schmutzige Arbeit verrichtet und ein gemeines B u b e n st ü ck verübt haben, so war es hier; und wenn jemals eine Regierung sich feig und erbärmlich gezeigt hat, so war es die vorige französische Regierung, die, um sich die Gunst der Pfaffen zu sichern, allen Grundsätzen des Liberalismus ins Gesicht schlug und die Wissenschaft dem schwärzesten Obskurantismus opferte. Zwischen Diariaberg und Cempuis ist der große Unterschied, daß alle Anklagen gegen Cempuis von der Untersuchungskommission als Lüge und Fälschung — und daß alle Anklagen gegen Mariaberg von dem Gericht als Wahrheit erkannt worden hat. Versteht der„Badische Beobachter" den Unterschied?— Zum Fall Hammerstein schreibt man dem„Hamb. Korr." aus Berlin, daß der Personenwechsel im Verlage den Eindruck hervorgerufen habe, als ob dadurch die kürz- lich verbreitete Nachricht von dem demnächstigen Rücktritt des Frhrn. von Hammerstein von der Redaktion des Blattes widerlegt sei, da Graf Finkenstein in politischer Hinsicht dem Frhrn. v. Hammerstein näher stehen dürfte, als Herr v. Kröcher. Der Austritt des Frhrn. v. Hammerstein aus der Redaktion wird aber als entschieden bezeichnet. Heute veröffentlicht die„Krcuz-Zeitung" folgende Be- richtigung: Dem„Kleinen Journal" ist folgende Berichtigung zugegangen: „In Nr. 177 des„Kleinen Journals" wird behaupte!, ich hätte in meiner Klage gegen die„Kleine Presse" in Frankfurt a.M. „die beiden schlimmsten Vorwürfe, die das Blatt gegen mich er- hoben" habe, nicht unter die klage gestellt. Daran knüpft das „Kleine Journal" Mittheilungen über die Verwendung des Pensionsfonds der„Kreuz-Zeitung" und über die Papierlieserungen wcldje der Wahrheit nicht entsprechen.— Ich stelle deshalb hier- mit fest, dast ein Theil des Pensionsfonds von rot. 120000 9J!.— nicht 400 000, wie das„Kleine Journal" behauptet— zu Zwecken verwandt ist, die ausschließlich den Interessen der„Kreuz- Zeitung" und der konservativen Partei dienen, und daß die Papierlieferungen der„Kreuz- Zeitung" von verschiedenen Lieferanten erfolgt sind aus grund von Verträgen, welche dem Komitee(Aufsichtsrath) der„Kreuz- Zeitung" vorliegen. Beide Angelegenheiten betreffen somit lediglich geschäftliche Interna der„Kreuz-Zeitung"; das ist der Grund, weshalb ich sie in die Klage gegen die„Kl. Presse" nicht mit einbezogen habe. Berlin. 1. Juli 1ö9S. Frhr. v. Hammerstein, Chefredakteur der„Kreuz-Zeitnng." Hieran fügt die„Kreuz-Zeitung" die Bemerkung: Herr v. Hnmmerstein ist übrigens nunmehr auch gegen das „Kleine Journal" klagbar vorgegangen. _ Diese„Berichtigung" läßt den selbstbewußten Ton ver- missen, den wir sonst bei Herrn v. Hammerstein gewohnt sind. Merkwürdig ist, daß Herr v. Hammcrstein es als etwas ganz Selbstverständliches betrachtet, daß der Pensio ns- f o n d s für die„Kreuz-Zeitung" und die konservative Partei verwendet wurde. Leider wird nicht mitgetheilt, ob der Pcnsionsfouds im Juteresse der„Kreuz-Zeitung" etwa zur Deckung der Schulden des Freiherrn verwendet wurde. Es ist bedauerlich, daß Herr v. Hammerstein mitzu- thcilcn unterläßt, ob die Papierlieferungs- Verträge schon vor ihrem Abschlüsse dem Komitee der„Kreuz-Zeitung" vor- gelegen haben und ob sich seine Klage gegen das„Kleine Journal" wieder die weise Beschränkung auserlegt, wie die Klage gegen die Frankfurter„Kleine Presse". Würde Herr v. Hammcrstein mit einer Erklärung seine Gegner entwaffnen könneic, so würde er dies kaum uilter- lassen. Diese bietet nur Anlaß zu neuen Augriffen.— Der Nord-Ostsee-Kanal ist nickt tief genug— das ist das Resultat, zu dem nun auch die„Vossische Zeitung" gelangt. Er reicht nur für Schiffe mit 7 Meter Tiefgang aus, und, soll er seinem Zweck genügen, so müßte er einen Meter tiefer sein. Auch die Schleusen sind zu klein. Das machten wir schon vor Monatsfrist geltend.— Geschieht ihr recht— nämlich der„Vossischen Zeitung". Vor einigen Tagen sprach sie sich sehr korrekt über die Ermor- dung Carnot's aus und brandmarkte die Versuche, die vereinzelte That eines Epileptikers einer Partei aus die Rechnung zu schreiben. Wir zitirten die betreffenden Auslaffnngen. Jetzt hält nun die «Nationalliberale Korrespondenz" der„Vossiscken Zeitung" ihr Verhalten bei der Ermordung des italienischen Deputirten Ferrari unter die Nase, für welche Ermordung Tante Voß bekanntlich die S oz ia li st e n verantwortlich gemacht hat.„Wie stimmt das?" kragt die„Nationalliberale Korrespondenz". Es stimmt eben nicht.— Herr v. Pleuer, der Führer der österreichischen Liberalen, hat sich nun selbst zu den politisch Tobten geworfen. Seine schmähliche Hallung als Minister hat ihn gänzlich unmöglich gemacht, er hat nun bald nach seiner Demission als Minister auch sein Abgeordnetenmandat niedergelegt.— Frankreich. Im Namen der sozialistischen Fraktion bean- kragte gestern Genosse B a i l l a n t, das Branntwein-Monopol einzuführen. Der wurde mit 342 gegen 188 Stimmen ab» gelehnt.— Abgeordneter und Soldat. Der Abgeordnete Mirman hat in der französische n Kammer einen An- trag eingebracht dahin gehend, daß Geldbußen nach dem Ver- mögen des Bestraften bestiniml werden. Dem Soldat Mirman ist aber von seinen militärischen Vorgesetzten verboten worden, in die Kammer zu gehen und seinen Antrag zu be- gründen.— Militärreformen in Italien. In der Deputirtenkammer erklärte der Kriegsminister, keine Konvention mit den Mächten verpflichte Italien gegenwärtig, die Anzahl seiner Armeekorps aufrecht zu halten. Der Mimster kündigt eine Reduzirung der Dienstzeit bei der Kavallerie an, auch aus dem Grunde, weil dadurch die Rekrutirung erleichtert werden wird.— 40 000 Franken fiir den armen Criöpi. Dem römischen Blatte„Piccolo" zufolge soll dem Minister des Innern das Amt des Notars der Krone übertragen werden, um Crispi die Mög- lichkeit zu geben, das bei Eintragung des Heirathsaktes des Herzogs von Aosta gespendete Geschenk von 40 000 Lire in Empfang nehmen zu können.— Die spanische Kammer ist gestern vertagt worden.— Eine Amnestie fiir Majestätsbeleidigungen und Preß- vergehen soll von der spanischen Negierung in Aussicht ge- nommen sein.— Zur englischen Wahlagitation. Ein von den radikalen Mitgliedern des Parlaments veröffentlichtes Wahlmanifest be- hauptet, daß der Wille des Volkes von einer frechen Opposition und von unverantwortlichen erblichen Gesetzgebern vergewaltigt worden sei; es fordert Diätenzahlung an die Mitglieder des Parlaments und Aushebung der gesetzgebenden Machtstellung des Oberhauses.— Norwegen rüstet. Ans Christiania wird tclegraphirt: Nach lebhafter Debatte, in welcher der Führer der Linken'Ullmann das vorliegende große Heeresordinarium empkahl. nahm das Storthiug mit 77 gegen 36 Stimmen die Bewilligung von 357 000 Kronen zum Ankaufe der neuen Gewehre und von 782 000 Kronen zum Ankauf von Handwaffenmunition an.— Z�Krlsnrenksvertlhke. Abgeordnetenhaus. 84. Sitzung vom 2. Juli 1395, 11 Uhr. Am Miniftertische: Miquel, v. Hammerstein und Kommissarien. Das Haus wählt zunächst an stelle des aus dem Haufe wegen Beförderung ausgeschiedenen Abg. Hartmann-Lübben(k.) de» Abg. Jrmer(k.) zum Schriftführer und erledigt dann in dritter Berathung die Eisenbahnverstaatlichungs-Vorlage und den dazu gehörigen Nachtragsetat. Es folgt die zweite Berathung des Gesetzentwurfes betreffend die Errichtung einer Zentralanstalt zur Förderung des genossenschaftlichen Personalkredits. Berichterstatter ist Abg. M e n d e l- Steinkels(k). In fj 1 bat die Kommission beschlossen, an die stelle des „genossenschaftlichen Pcrsonalkredits", dem die neu zu errichtende Anstalt dienen soll, zu setzen:„Personallredits, insbesondere des genossenschaftlichen Pers onalkredils." Abg. Schenk(srs. Vp.) spricht sich gegen die Vorlage aus; er bezeichnet das ganze Gesetz als überflüssig und für die Ge- nossenschaftcn, die es fördern solle, für geradezu gefährlich. Tie Anstalt werde wie jede Bankanstalt operiren; kreditfähige Ge- noffenschaften erhielten stets Geld, so viel sie brauchten, und den nichtkreditfähigen würde auch diese Zentralanstalt nicht helfen. Im Jntereffe der Genossenschaften selbst empfehle er die Ablehnung der Vorlage. Der Äerbandstag der deutschen Erwerbs- und Wirthschafisgenosscnschasten der Provinz Posen habe sich auch gegen die Vorlage ausgesprochen und die Ein- Mischung des Staates ftir unvereinbar erachtet mit den auf Selbst- bilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung beruhenden Grundsätze» der Schulze-Delitzsch'schen Genosjcnschajten. Abg. v. Brockhausen: In der Kommisston zur Vor- berathung dieses Gesetzes ist von allen Seiten betont worden, daß ein Bedürfniß für eine derartige Anstalt vorliege, eine Aus- nähme hiervon hat nur der freisinnige Volksparteiler Abg. Parisius gemacht. An der Ansicht, daß dieses Institut wohl dazu geeignet ist, die Kreditverhältnisse der Landwirthschaft und des Kleingewerbes zu fördern und den Einfluß des Großkapitals einzudämmen, halten wir fest. Auf Abänderungsanträge lassen wir uns nicht ein. Davon werden wir uns auch nicht durch die kleinen Angriffe der freisinnigen Volkspartei abhalten lassen. Abg. Richter: Die Raiffeisen'schen Vereine, der zweitgrößte Verband nach dem Schulze-Delitzsch'schen, hat sich ebenso kühl, um nicht zu sagen protestirend gegen diese neuere Einrichtung verhalten, wie die Schulze- Delitzsch'schen Genossenschaften und ihre Verbände. Von irgend einer Stellungnahme der freisinnigen Volkspartei ist gar keine Rede. Die Mitglieder der Schulze-Delitzsch'schen Vereine sind gegen diesen Gesetzentwurf, gleichgiltig, welcher Parteistellung sie angehören. Landwirthschaftsminister v. Hammersteiu: Die Bedürfniß- frage ist in der Kommission eingehend erörtert worden, wie ja auch aus dem Kommissionsbericht hervorgeht.(Sehr richtig! rechts.) Herr Richter behauptet, die Schulze- Delitzsch'schen Ber- einigungen seien in der Vorbesprechung nicht vertreten gewesen; er weiß aber selbst, daß einer der eingeladenen Herren durch Unwohlfein verhindert war und verschweigt, daß ein Mitglied, Herr Glackemcyer aus Hannover, die Schulze-Delitzsch'schen Ge- nossenschaften vertreten hat. Ich kann feststellen, daß dieser sich ganz entschieden für diese Einrichtung ausgesprochen hat. (Hört! hört! rechts.) Ter westfälische Verband ist allerdings durch ein Versehen nicht eingeladen worden, indessen sind die gleichartigen Verbände vertreten gewesen. Es ist zu bedauern, daß der westfälische Verband nicht theilnahm, aber Schlesien war vertreten, das einen völlig gleichartigen Verband hat. Am über- raschendsten war sür mich die Behauptung des Abg. Richter, daß die Verhältnisse des Kreditbedürfnisses für die Landwirthschaft denen aller übrigen Prodnktivstände gleich seien.(Abg. Richter: Habe ich gar nicht gesagt!) In dieser Beziehung steht Herr lltichter, vielleicht mit seinen wenigen Parteigenossen hier im Hause, wahrscheinlich vollständig isolirt. Die Kreditsrage muß fürdie Land- wirthschaft anders gelöst werden als für dieProduklivgenossenschaften. Herr Richter übersteht den Hauptzweck dieser Einrichtung, eine Äusgleichstelle für das Kredilbedürfniß der Landwirthschaft in der ganzen Monarchie, nicht in einzelnen Bezirken, herbeizuführen. Ich bitte Sie, die Einrichtung einer sachgemäßen und sorgsamen Prüfung zu unterziehen, und sich durch diese Art der Be« kämpfung der Sache nicht irre machen zu lassen.(Lebhafter Beifall rechts). Abg. v. Wotzna(fk.): Es ist der klare Beweis geliefert worden, daß ein Bedürfniß, für den ganzen Staat eine Zentral- kasse zu schaffen, besteht. An keiner einzigen Stelle des Gesetz- entwurss ist davon die Rede, daß der Staat umsonst seine Mittel zur Verfügung stellen soll. Im Gegentheil, der Staat will damit ein Geschäft machen, und die Kommission hat sich ver- anlaßt gesehen, den Prozentsatz von ö auf 4 herab- zusetzen, um dieses Odium von dem Staat zu nehmen. Die Hineinziehung des Handwerks ist keineswegs nur dekorativ und die Zentralkasse soll nicht nur den bestehenden Genoffen- schaften ihren Geschäftsverkehr erleichtern, sondern das Genossen- schastswesen als solches anregen. Es ist zu hoffen, daß das Handwerk ähnliche Genossenschaften bilden wird, wie die Land- wirthschaft. Dieses Institut ist vielleicht dazu angethan, der Ge- fahr, daß das Genossenschaftswesen sich in den Dienst einer politischen Partei stellen könnte, einen Damm entgegenzusetzen. (Sehr richtig! rechts.) Schon aus diesem Grunde be- grüßen wir die Vorlage mit besonderer Freude. Die Regierung muß baldmöglichst durch Einbringung eines neuen Spar- kassengesetzes den Anschluß der Sparkassen an die Zentralkasse ermöglichen. Geh. Rath v. Rheiuhabeu: Nichts liegt der Anstalt ferner, als in die Selbstverwaltung einzugreifen, sie will der ferneren Ausbildung des Genossenschaftswesens keineswegs in den Weg treten. Allerdings haben die Raiffeisen'schcn Kassen, so weit sie dem Neuwicder Verband angehören und den Reichsbank-Kredit genießen, erklärt, daß sür sie das Bedürfniß nach dieser Anstalt nicht vorhanden sei, aber es giebt in Ostpreußen, Schlesien und Sachsen eine ganze Reihe von Kassen dieser Art, die ein Bc- dürfniß nach dieser Richtung anerkennen. In der Vorkonferenz haben alle Mitglieder das Bedürfniß anerkannt, außer deni Abg. Parisius. Der Abg. Richter meinte, das Handwerk sei lediglich dekoratives Beiwerk. Das ist jedenfalls nicht die Absicht der Staatsregierung, sie will vielmehr dein Handwerk erst recht mit diesem Gesetz unter die Arme greise». Es hat auch bereits in Handwerkcrkreisen großen Anklang gefunden. Tie Regierung will hier kein Geschenk machen, auch ein Geschäft hat sie nicht machen wollen, sondern es wird nur eine mäßige Verzinsung erwartet. Schon der Finanzministcr hat ansgeführl, daß es überaus schwierig ist, die Sparkassen schon jetzt mit ein- zubeziehen. Für den Augenblick empfiehlt sich das jedenfalls nicht, vielleicht später, wenn ein besonderes Sparkassengcsctz er- lassen ist. Mit dieser Anstalt soll ein wichtiger Schritt gclhan werden im Interesse der Landwirthschaft und des Handwerker- staudes. Abg. Sattler(ntl.): Die Kreditgenossenschaften in Hannover, unter Herrn Glackemeyer's Leitung, sehen in dieser Kreditanstalt ein außerordentliches Mittel, um das ganze Genossenschafls- wesen, auch diejenigen Genossenschaften nach Schulze- Delitzsch zu fördern. Die Genossenschaftsbank von Sörgel, Parrisins u. Komp. erfüllt den Zweck nicht, dem sie dienen sollte. Ich will hier nur nicht die Legende auskommen lassen, daß sämmtliche Genossenschaften Gegner der geplanten Anstalten seien, wie der Abg. Schenk. Abg. Gretv-Allenstein(Z.) erklärt seine und seiner Fraktions- genossen Zustimmung zn dem§ 1 der Vorlage. Abg. Richter(srs. Vp.): Der Abg. v. Woyna meinte, es sei nunmehr ausgeschlossen, die Genossenschaften zu politischen Zwecken zu benutzen. Schulze-Delitzsch hat von Anfang an es sich zur Aufgabe gemacht, es au vermeiden, irgend welche politische Partei in diese Organisation hineinzubringen, und wenn er das nicht gethnn hätte, würden die Genossenschaften nicht den Umfang erreicht haben über die einzelnen Parteien hinaus, die sie jetzt haben. Ich habe nicht gesagt, daß das landwirthschaftliche Kredit- bedürfniß das gleiche sei, wie bei andere» Eriverbszweigen; ich weiß sehr wohl, daß es sich mit der Erntezeit steigert. Der Landwirthschasrsminister sagte, niein Widerstand gegen diese Zentral-Kreditanstalt habe ihren Grund nur darin, daß ich fürchtete, daß diese Staatsanstalt den großen Banken Konkurrenz machen werde. Das ist nicht schön, nicht einmal parlamentarisch schön, Motive jemandem unterzuschieben, zu welche» er sich nicht selbst bekennt. Landwirthschaftsminister V. Hammerstcin: Ich habe allgemein gesagt: Ter Widerstand der linken Seile des Hauses gegen die ganze Einrichtung scheine mir diese Bermuthung zu begründen. Die Diskussion wird geschlossen.§ 1 wird nach dem Kom- missionsbeschluß angenommen. In tz 2, welcher die Befugnisse der Anstalt aufzählt, hat die Kommission nur eine Nummer umgeändert. Nummer 8 lautete:„Die Anstalt ist befugt, sür fremde Rechnung Effekten zu kaufen und zu verkaufen." Die Kommission hat folgende Fassung beschlossen:„Für Rechnung der unter 1 bezeichneten Vereinigungen u. s. w. (Genossenschaften, Landschasten) und der zu denselben gehörigen Genossenschaften sowie derjenigen Personen, von denen sie Gelder im Depositen- und Cbeckverkcbr oder Spareinlagen oder Dar- lehne erhalten hat. Effekten zn kaufen und zu verkaufen." Ferner hat die Kömmlffion folgenden Znsatz beantragt: „Der Geschäftskreis der Anstalt kann durch königliche Ver- Ordnung über die in Nr. 1 genannten Vereinigungen hinaus durch die Hineinbeziehung bestimmter Arten von öffentlichen Sparkassen erweitert werden." Abg. Hammacher(natl.) beantragt in Nr. 6, wonach die Anstalt Wechsel verkaufen und akzeptiren kann, die Worte„und akzeptiren" zu streichen. Wenn die Anstalt auch Wechsel akzeptiren dürfe, so könnte leicht ihre Sicherheit und Solidität Schaden leiden. Eine solche Bestimmung widerstreite dem Geiste des Gesetzes. Geheimrath v. Rheinvaben hält diese Besorgniß für unbe- gründet. Von dieser Befugniß wird natürlich der vorsichtigste Gebrauch gemacht werden. Abg. Richter: Wenn alles dies nur Vertrauenssache sein soll, dann brauchten wir die ganzen weiteren Paragraphen nicht und könnten alles der Weisheit der Regierung überlassen. Es ist bedenklich, die Befugniß dieser Anstalt und die Beziehungen zu den Genossenschaften auszudehnen. Wir wollen keine zweite Seehandlung schaffen. Dabei ist die Seehandlung nicht so ge- fährlich, weil sie seit den SOer Jahren ein reines Finanzinstitut ist. Anfangs wird ein großer Schwärm von Kreditsuchern an die Anstalt herantreten, aber weil sie nicht kreditwürdig sind, abgewiesen werden. Sie werden mit leeren Händen abziehen müssen, und der Geschäftskreis der Anstalt wird ein sehr beschränkter sein. Die Verwaltungskosten aber werden mindestens 70—80 000 M., also die Zinsen von 2—3 Millionen des Grundkapitals �aus- machen. Da ein großer Theil des Depositen- und Kommissions- geschäfts in den Händen der Seehandlung ruht, so wird die An- stall sich Mittel durch Akzepte zu verschaffen suchen, sie wird also ein Bankinstitut der unsolidesten, gefährlichsten Art werden. Warum soll ein Staatsinstitut mehr Vertrauen haben, als mi Privatinstilut? Wir können auch einmal weniger zuverlässige Finanzminister haben. Erinnern Sie sich an Herrn v. Bitter, der keine blasse Ahnung vom Kreditgeschäft hatte. Noch bedenk- licher sind mir die Bestimmungen über das Effektengeschäft uud die Einbeziehung der Sparkassen. Warum sollen wir das der königlichen Verordnung überlassen und auf die Mitwirkung des Landstags verzichten? Man sollte doch lieber bis zu dem Erlaß eines Gesetzes warten, in welchem eventuell bestimmt würde, unter welchen Bedingungen die Spar- lassen mit dieser Anstalt in Verbindung treten können. Ich bin gar kein warmer Vertheidiger der jetzigen Sparkassen, sie ge- währen auf viel zu lange Fristen Kredit; wenn sie aber mit einer solchen Staatsanstalt verquickt werden, so wird das Uebel noch größer. Nur die schnelle Beendigung der Kriege von 1866 und 1870 bewahrte die Sparkassen vor einer schweren Krisis; was soll aber werden, wenn wir sür 3—4 Millionen Mann die Mittel auftreiben müssen? Konstitutionell ist die Maßregel be- deuklich, nach der Verfassung sollen Einnahmen und Ausgaben in den Etat eingebracht und Anleihen nur nach Maßgabe eines Gesetzes aufgenommen werden. Ter Antrag Hammacher wird abgelehnt; Z 2 nach dem Kommissionsbeschlusse unverändert angenommen. Nach§ 8 hat das Direktorium der Kreditanstalt bei seiner Verwaltung überall den Vorschriften und Weisungen der Aussichts- behörde Folge zu leisten. Unter Ablehnung eines Antrages des Abg. v. Zedlitz wird Z 8 unverändert angenommen, ebenso ohne erhebliche Debatten der Nest des Gesetzes. Es folgt die zweite Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Entschädigung für Verluste durch Schweine- k r a n k h e i t e n. Hierzu liegt folgender Antrag der Kom- Mission vor: 1. Die königliche Staatsregierung zu ersuchen, annähernd feststellen zu wollen, wie hoch unter Zugrundelegung des Ge- setzentwurfs, betreffend die Entschädigung für Verluste durch Schweinekrankheiten, bei Einrechnnng der der Provinz bezw. dem Kreise für die Verwaltung, sür die örtliche Aufsicht und für die Feststellung der Schäden erwachsenden Kosten, der Versicherungs- beitrag pro Schwein sich stellen würde a) für einen Provinzialverband, b) für einen Kreisverband. 2. Die Durchberathung des Gesetzentwurfs betreffend die Entschädigung für Verluste durch Schweinekrankheilen bis nach Eingang dieser Mittheilung zu vertagen. 3. Die königliche Staalsregierung zu ersuchen, für diejenigen Provinzen, für welche von den zu errichtenden Landwirlhschafls- Kammern(laudwirthschastlichen Provinzialvereinen) das Be- dürfniß zur Einführung einer allgemeinen obligatori- scheu Versicherung gegen Verluste, welche Besitzer von Schweinen durch Seuchen oder andere Krankheiten der letzteren erleiden, anerkannt wird, die Einführung einer solchen Versiche- rung im Wege der Gesetzgebung herbeizusühren. Landwirthschaftsminister v. Hammerstein erklärt, daß die königl. Staatsregierung die gewünschte Ermittelung erst anstellen könne, wenn das Gesetz eingeführt und wenn ein Provinzial- oder Kreisverband die gewünschte Ermittelung angestellt hätte. Bis jetzt bestände nicht für alle Thierkrankheiten die Anzeige. Die Durchberathung des Gesetzentwurfes bis nach Eingang dieser Miitheilungen zu vertagen, heiße unter diesen Umständen die Regelung dieser Angelegenheit für immer vertagen. Der dritte Antrag der Kommission erkenne den Grundgedanken des Gesetzes an, und es sei nicht abzusehen, weshalb man den Wünschen der Betheiligten schon jetzt Rechnung tragen solle, nachdem ähn- liche Vorschriften schon früher in Norddeutschland eingeführt seien. Abg. Freut?(k.) bittet, den Gesetzentwurf a limine abzu- weisen, derselbe sei sür die Landwirlhe äußerst bedenklich. Abg. v. Bnddenbrock fürchtet, daß die beabsichtigte Wohl- that zu einer Plage werden könnte. Der beste Schutz gegen die Schweiuekrankheileu läge in den Maßregeln zur Ber- Hinderung der Einfuhr von kranken Schweinen. Er bittet um Annahme des Kommissionsbeschlusses. Minister v. Hammerstein führt ans, daß der bisherige Zu- stand nicht für ausreichend erachtet werden könnte für den Fall, daß einmal größere Seuchen hcreinbärchen. Geheimralh v. Scherr-Thoß befürwortet nochmals eingehend die Vorlage. Abg.'Lamprecht(k.) erklärt sich für den Kommisstonsantrag. Die kleinen Schiveinebesitzer könnten die Bei- tragslast nicht tragen. Nur die Schweiuehäudler hätten den Vortheil davon. Abg. Bandelow erklärt, daß er den Ausführungen der Re- gierung in allen Stucken beitrete. Abg.©amp spricht für den Kommisstonsantrag. Ter Kommissionsantrag wird angenommen. Schluß 4 Uhr. Nächste Sitzung Mittwoch 11 Uhr. (Kreditanstalt; Jagdschcingesetz; Novelle zum Jägdpolizeigesetz; Antrag Ring; Antrag L e t o ch a)' An die Parteigenossen und Genossinnen! Die vor- läufige Schließung des Berliner Frauen- und Mädchen-Bildungs- Vereins und die Verurtheiluug der Btitglicder der Frauen-Agi- tationskommission haben sicher jeden etwa noch gehegten Zweiiel über die Abneigung beseitigt, die in maßgebenden Kreisen gegen die Bestrebungen der Frauen, welche auf die Er- reichung einer besseren sozialen Stellung einwirken, vor- Händen ist. Jede einsichtige Frau wird sich aber bewußt fein, daß mächtiger als jener feindliche Wille, möge er auch augenblicklich die Staatsgewalt als Stütze auf seiner Seite haben, die unabweislich und gebieterisch an die Frauenwelt heran- tretende Verpflichtung ist, für die Erringnug ihrer Freiheiten und Rechte zu wirken. Unser Koalitionsrecht ist eine Illusion, weil die Auslegung und Handhabung des Vcrcinsgcsctzes uns jede Vereinigung unmöglich machen kann. Dies Gesetz, 1850 imtcv ganz anderen wirthschaftlichen und polnischen Verhältnissen z>: stände gekommen, paßt nicht mehr in unsere Zeit, es muß einem besseren Platz machen. Seit längerer Zeit wenden die Behörden den proletarischen Frauen ihre unausgesetzte Au mcrksamkeit zu, ein Zeichen dafür, daß man in jenen Kreisen von der Wichtigkeit der Rolle, welche die Frau in nächster Zeit im Völkerleben einnehmen wird, überzeugt ist Frauen und Mädchen! Seid eingedenk der hohen Aufgaben, die wir zu erfüllen berufen sind, ermüdet nicht im Kampfe für Menschlichkeit und Menschenrechte, sondern werbt neue Streiter im Kampfe für die Sache des Proletariats, für die Befreiung der Menschheit. Um die Aufklärung namentlich in Frauenkreisen zu fördern, wird am Montag, den S. d. M ts. ein öffentliche Volksversammlung B e u t h st r. 20 im großen Saale abgehalten werden, in der Genosse Stadt Hagen über das Thema referiren wird:„W i e v i e l i eine Frauensperson werth? unter B e r ü ck s i ch t i gung behördlicher Einschätzungc n." Auf diese Vev sammlung machen wir die Genossinnen und Genossen besonders aufmerksam und ersuchen, für einen starken Besuch, namentlich der Frauen, rege zu agitiren. Die Einberuferin. Ncber die Verhandlungc» der Agrarkommission finden sich in verschiedenen Blätter» allerhand Miltheilungeu. Wir können nur sagen, daß die Mitglieder der Kommission sich das Wort gegeben haben, vorläufig nichts über die Verhandlungen in die Oeffentlichkeit zu bringen, und die Veröffentlichung des vereinbarten und schließlich einstimmig angenommenen Pro gramm-Entwurfs dem Parteivorstand zu überlassen. Da wir die Gewohnheit haben, unser Wort zu halten, so haben wir auch heute nichts weiter mitzutheilen. Die Nachricht, daß Quarck für den Parteitag zum Referenten über das Agrarprogramm bestimmt worden ist, entspricht zwar der Wahrheit, ist aber auch nur durch Indiskretion in die Presse gelangt. Nnö der Parteipresse. Der Stettin er„Volks böte" bestand am 1. Juli zehn Jahre. In einem Rückblich sagt die Redaktion: Unter dem Sozialistengesetz in ganz kleinem Formate gegründet, ist unser Blatt seitdem vergrößert worden und erscheint seit dem l. November 1S93 täglich. Damals kaum beachtet, ist der„Volksbole" heute, trotzdem er von allen politischen Blättern am Orte das kleinste Formal hat, das am meisten beachtete und geachtete Blatt. Einen solchen Aufschwung der Arbeiten bcwegung. wie wir ihn heute in Pommern beobachten können, hat sich das kleineHäuflein ihäliger Genossen vor IVJahrennichtträumen lassen. Freilich, wer heute seine Grundsätze unentwegt vertritt. hat auch Feinde genug, und ein voll gerüttelt Maaß strafrecht licher Verfolgungen ist uns zu thcil geworden. Es giebt wohl in ganz Pommern keinen zweiten Mann, der so mit Prozessen verfolgt wird, wie Genosse Herbert. Und neben ihm sind auch noch andere Genossen, welche unser Blatt als verantwortlich zeichneten, mit Prozessen verfolgt worden. Aber trotzdem oder richtiger gerade deshalb erfreut sich die Sozialdemokratie eines recht erfreulichen Gedeihens; die Sympathie des Volkes, welche sich den Verfolgten zuwendet, verwandelt sich zumeist sehr schnell in eine Sympathie für die von den Verfolgten vertretene Sache Aus Wiirzburg sandte uns der Parteigenosse K � r n— auf unsere neuliche Bemerkung wegen der von ihm auf dem unterfränkischen Parteitage gegen die Parteileitung gerichteten Angriffe— eine längere Erklärung, in der er die Schwierige leiten schildert, mit denen unsere Würzburger Genossen in der Agitation zu kämpfen haben. Da es sich in Würzburg um dw selben gegnerischen Machinationen wie überall sonst handelt, so würden wir mit dem Abdruck nur altbekanntes wiederholen, ohne zur Lösung der Differenz das geringste beizutragen. Genosse Kern legt aber Werth darauf, daß außer dem bereits zilirten noch der folgende von ihm gesprochene Satz veröffentlicht wird „Ich bin der Ueberzcugung, daß die Parteigenossen, welche der Parteileitung in Berlin angehören, sich dem kleineren Kamp entfremdet haben und nicht mehr wissen, was es heißt, die in . differenten Massen Schritt für Schritt in unser Lager zu führen. Nur so läßt sich die Handlungsweise der Parteileitung uns gegenüber erklären."— Da, wie wir bereits mitgetheilt haben, der Beschluß der Parteileitung sich auf einen nicht miß- zuverstehenden Beschluß des Parteitags stützt, so richtet sich der Vorwurf des Genossen Kern an die falsche Adresse. Daß aber die erdrückende Mehrheit der Partcitags-Delegirten dem„kleinen Kampfe entfremdet" sein und nicht mehr wissen sollte, wie schwierig es ist, die Massen zu gewinnen, das glaubt bei etwas näherer Ueberlegung der Genosse Kern wohl selbst nicht. Im übrigen kündigt das Würzburger Parteiblatt an, daß die Angelegenheit aus dem nächsten Parteitag in Breslau zur Erörterung kommen soll. Das ist gut. Ter Parteitag ist zweifellos der richtigste Platz, die Sache zum Austrag zu bringen. In Lambrecht in der Rheinpfalz wurde in einer Volks- Versammlung von dem Parteigenossen Stuben reich gerügt, daß sogar Arbeiter, die sich Sozialdemokraten nennen, dafür agitiren, daß die Hintersassen(Nichtorisbürger) nicht in den Wald dürfen, um Leseholz und Strcuwerk zu holen. Er rieth, mit den Elementen, die sich solcher Stegmüllerei schuldig machen, gründlich auszuräumen. In der Debatte sprachen sich fämmt liche Redner in gleichem Sinne aus. Todtenliste der Partei. In Leipzig ist der Partei- genösse H e r m a n n M i e r i s ch, in S ch l e s w i g der Partei- genösse Zigarrenarbeiler Jakob Wülfrath aus Köln, zuletzt in Ottensen, aus dem Leben geschieden. Polizeilich, Gerichtliches w. — Wegen Beleidigung in sechs Fällen war der ver- antwortliche Redakteur der„Sächsischen Arbeiter-Ztg.", Arno R e i ch a r d, vom Dresdener Landgerichr zu einer Gesanunt strafe von 1 Jahr 3 Monaten verurtheilt worden. Auf seinen Revisionsantrag hob das Reichsgericht gemäß dem Antrag Rcichsanwalls das Urtheil in Beziehung auf folgende Fälle auf: eine Militärbeleidigung, die mit 0 Monaten, eine zweile Militär- beleidigung, die mit 4 Monaten, und eine Beleidigung einer Kreishauptmannschasl, die mit 6 Monaten geahndet war. Die drei Sachen wurden an das Dresdener Landgericht zurück> verwiesen. — Die Nummer der„Thüringer Tribüne" vom 25. Juni wurde wegen einer Notiz über die Taufe des Nord Ostsee-Kanals konfiszirt. In der Notiz soll eine Majestäts beleidigung stecken. — In Frankfurt a. M. sollten, wie wir seinerzeit meldeten, mehrere Parteigenossen gegen den§ l30 des Straf- gesetzbuchs gesündigt haben, davon allein 6 wegen der„Maisest- Zeitung". Gegen 5 der letzteren ist das angestrengt gewesene Ermittelungsverfahren eingestellr, während gegen den sechsten, den Expedienten der„Volksstimme", die Anklageschrift eingereicht wurde. Von den übrigen Parteigenossen, über deren Häuptern das Damoklesschwert des Z 180 schwebt, haben sich die Drucker der„Volksstimme". Schmidt und Kobisch, zu verantworten, weil sie ein Flugblatt des Parteigenossen Hoch in Hanau, gegen welches Schriftstück ein halbes Schock Anzeigen wegen angeb- licher Beleidigung des ß 130 eingelaufen ist, gedruckt haben, und der Redakteur der„Volksstimme", Reichstags- Abgeordneter Wilhelm S chmidt, hat sich mit demselben vielseitigen Paragraphen wegen des Neujahrsarlikels der„Volksstimme" abzufinden. — Wegen Beleidigung der Verwaltung der Konsumgenossen- schaft der kaiserlichen Artilleriewerkstatt in Straßburg i. E. war der Redakteur des Offenburger„Volksfreundes", Z i e l o w s k i, vom Offcnburger Landgericht zu 30 M. Geldstrafe verurtheilt worden. Das Reichsgericht hat jetzt seine gegen das Urtheil ein- gelegte Revision verworfen. Soziale ltebeeNchk: Die 1894et Jahresberichte der preußischen Gewerbe räthe und Bergbehörden werden noch in der ersten Hälfte dieses Monats im bisherigen Verlage von W. T. B r u e r in Berlin erscheinen. Die Zahl der Jahresberichte der Regierungs und Gewerberäthe ist infolge der Vermehrung dieser Beamten von 24 auf 27 angewachsen. Tie Regierungs bezirke Potsdam und Frankfurt a. O., die bisher zu einem Anfsichtsbezirke vereinigt waren, bilden jetzt 2 besondere Aufsicht-- bezirke; dasselbe gilt für die Regierungsbezirke Merseburg und Erfurt. Die Provinz Hannover ist in 2 Aussichtsbezirke gelheilt, von denen der eine die Regierungsbezirke Hannover, Stade Osnabrück und Aurich und der andere die Regierungsbezirke Hildesheini und Lüneburg umfaßt. Neben dem regelmäßigen Inhalte geben die Berichte Mittheilungen über die Durchführung und die Wirkungen der gesetzlichen Beschränkung der Arbeitszeit erwachsener Arbeiterinnen(Z 137 der Gewerbe-Ordnung) au' grund der Fragen, die den Aussichtsbeamten auf Ersuchen des Reichskanzlers für das Jahr 1894 zur Beantwortung gestellt waren. Der Wortlaut dieser Fragen und eine Uebersichl, an welchen Stellen der einzelnen Jahresberichte sie sich beantwortet finden, ist den Berichten vorausgeschickt; ebenso ein bis auf die Gegenwart fortgeführtes Verzeichniß der im Gewerbe-Anfsichts dienste beschäftigten Beamten. Ein Erlaß deS preußischen Ministers der öffentlichen Arbeiten weist die königlichen Eifenbahn-Tirektionen daraufhin, den zum Bau neuer Eisenbahn st recken herangezogenen Arbeitern, die vielfach bezüglich der Ernährung, der Unter kunft, der Krankenpflege, der Verhütung von Unfällen, der ersten Hilfe bei Erkrankungen und Verletzungen, der Gelegenheit zu körperlicher Reinigung:c. unter ungünstigen Bedingungen zu leben genöthigt sind, auch dann die nöthige Fürsorge zuzuwenden, wenn sie nicht unmittelbar, sondern von Unternehmern an genommen sind. Durch geeignete Einwirkung auf die Unter nehmer unter Zuziehung und Mitwirkung der bei den Bau- Krankenkassen bestellten Aerzte und Vorstands� Mitglieder sei die Möglichkeit geboten, vorbeugend und abhelfend ersprießlich zu wirken. Der Einsicht und Thatkraft der Eisen- bahn-Direltionen und der bauleitenden Beamten wird vertraut, daß sie im gegebenen Falle das richtige finden werden.— Hoffentlich wird dieser ministerielle Erlaß mit derselben Schneidig keit durchgeführt, die man bei den preußischen Eisenbahn Direktionen zu bewundern sonst Gelegenheit hat, wo es sich um Ersparnisse im fiskalischen Interesse handelt. Noch einmal die Generalversammlung deö Verbandes deutscher kaufmännischer Vereine. Die„Säcksische Arbeiter- Zeitung" bringt einen mit dem Stichwort„Keine„Stegmiillerei"?" geschmückten Artikel, worin lebhaft gegen den Parteigenossen Dr. Quarck in Frankfurt und gegen den„Vorwärts" polemisirt wird. Dr. Quarck wird verübelt, daß er für den nicht auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung, sondern aus dem Boden der Harmonie zwischen Kapital und Arbeit stehenden Verband agitire, und der„Vorwärts" wird gerüffelt, weil er den Bericht über die Generalversammlung des Verbandes ohne Kritik gebracht hat. Wir wollen unserer Dresdener Kollegin nur bemerken, daß der Bericht des„Vorwärts" im wesentlichen , veiter nichts als den Wortlaut der Beschlüsse enthielt. die unserer Ansicht nach hinreichend für sich selber sprechen, so daß uns eine Kritik füglich überflüssig erscheinen konnte; daß der Bericht durchaus nicht von Dr. Quarck eingesandt wurde, wie mit großer Kühnheit fabulirt ist, sondern von unserem regelmäßigen Mainzer Korrespondenten; daß wir die vom Hamburger Handlungsgehilfen-Verein an den Be- schlüssen und Verhandlungen der Generalversammlung des Ver- bandes geübte Kritik ihrem wesentlichen Theile nach sofort nach dem„Hamburger Echo" brachten, zum Schluß auch den Theil, woraus der Hamburger Verein»och Werth legte, und daß der Verein uns die Erklärung nicht zweimal, sondern nur einmal sandte. Daß hiernach der Vorwurf der Steg- müllerei in Beziehung auf den„Vorwärts" überaus leichtherzig erhoben worden ist, wird sich unsere Dresdener Kollegin kaum selber verhehlen können. Was die Auslassungen gegen den Partei- genossen Dr. Quarck betrifft, so wird dieser vermuthlich in der „Sächsischen Arbeiter-Zeitung" selbst das Wort nehmen. GeioerKkÄiaNliÄtos. In allen die Frauenbewegung betreffenden Angelegen- Heiken wird Auskunft ertheilt von Frau Gern dt in Berlin, Blumenstr. 26. Ferner sind alle Geldsendungen und Briefe an die gleiche Adresse zu richten. An die Glaser, sowie die in Glasschleifereien und verwandten Berufen thätigen Arbeiter und Arbeiterinnen Berlins! Wie unseren Berufskollegen be- kannt sein dürfte, hat die letzte Generalversammlung unseres Ver- bandes beschlossen, auch die weiblichen Arbeiter in unsere Orga- nisation aufzunehmen. Behufs lebhafter Agitation unter unseren weiblichen Berufskolleginnen findet am 6. Juli, abends SVe Uhr, im Saale des Genossen Z u b e i l, Lindenstraße 106, eine Versamm- lung statt, in der Frau Ihrer referiren wird. Wir ersuchen die Kollegen, recht rege für einen guten Besuch der Versammlung zu agitiren. Die Vertrauensmänner der Berliner Glaser. I« Stettin beschloß eine von zirka 2000 Personen besuchte Versammlung der Schneider und Schneiderinnen den Streik in den Konfektionsgeschäften von H. B. Juda und Leopold Juda. Ter Manrerstreik in Flensburg dauert fort, weshalb Zuzug nach wie vor streng fernzuhalten ist. Für die in Mit- leideuschafl gezogenen Bauhilfsarbeiter bewilligte die Vereinigung der Maurerarbeitsleute von Altona und Umgegend 150 M. als erste Unterstützungsrate. Die übrigen Raten sollen von Woche zu Woche abgehen. In Nürnberg haben einige Tischlerei-Juhaber ihr Personal ausgesperrt, weil die streikenden Tischler der Firma I. A. Eyßer die Arbeit nicht eher wieder aufnehmen wollen, bis ihre Forderungen erfüllt sind. Im ganzen sind bis jetzt 100 Arbeiter aus- gesperrt, meist Tischler und Majchinenarbeiter. 79 davon sind organisirt, 21 nicht. Ter Untcrstiitzungöverein der Hutmacher hielt am 24. bis 28. Juni in Offen dach seine Generalversammlung ab. Vertreten waren 2500 Mitglieder durch 25 Delegirte. Außer- dem nahmen an den Verhandlungen theil die Vertreter der österreichischen Hutmacher, 2 Vertreter des Vorstandes und ein Mitglied des Ausschusses. Die Rechnungslegung des Vorstandes weist in der Zeit von 1892 bis 1. Januar 1395 eine Einnahme von 282 039 M. und eine Ausgabe von'292 727 M. auf. Das Defizit mußte aus dem Bestände der sauptkasse gedeckt werden. Die Ausgaben vertheile» ch folgendermaßen: Für Mitglieder auf der Reise 69 567 M.. für Arbeitslose am Orte 91 563 M., für Kranke 52 068 M. und für Invalide 63 231 M. Größere Ausstände änden in der Berichtsperiode nicht statt, doch wurden immerhin ür Ausständige ze. 8000 M. verwandt. In dem Berichte wird lebhaft über große Arbeitslosigkeit der Mitglieder geklagt. Als Ursache hierfür ist die allgemeine Geschäftskrise und die Ein- ührung händesparender Maschinen aufgeführt. Nach Ent- gegennahme des Berichtes des Ausschusses und desjenigen über das Fachorgan, den„Correspondent für Deutschlands Hutmacher", wurde über das geschäftliche Unternehmen der Hutmacher debattirt. Nach Erledigung dieser An- gelegenheit wandten sich die Verhandlungen der Statuten- beralhung zu. In der Diskussion wurde fast von allen Seiten der Meinung Ausdruck gegeben, die reinen Unterstützungszweige, wie z. B. Invaliden- und Krankenunterstützung, aus dem Verein auszuscheiden und getrennt fortzuführen. Dadurch soll der Ein- tritt und das Verbleiben der Mitglieder im Verein, was bisher infolge der hohen Beiträge für das Unterstützungswesen erschwert wurde, erleichtert und möglich gemacht werden. Auf diesem Wege hofft man die außerhalb des Vereins stehenden Kollegen und Kolleginnen leichter für die Organisation gewinnen zu können. Erwähnt wurde, daß in der Taunusgegend viele Hasenhaarschneider beschäftigt, aber nicht organisirt sind, und daß auch unter diesen lebhaft für Anschluß an den Verein agitirt werden müsse. Um alle in der Hutmacherei thätigen Personen aufnehmen zu können, wurde beschlossen, daß der Verein in Zukunft den Namen„Unter- stützungsverein aller in der Hut» und Filzwaareninduslrie be- schäfligten Arbeiter und Arbeiterinnen" führen soll. Beschlossen wurde ferner: die oben erwähnten Unterstützungszweige vom Verein abzuzweigen und getrennt fortzuführen; eine Beihilfe zu den Streitfällen zu gewähren, welche ans den Arbeiterschutz- Gesetzen hervorgehen, und den„Korrespondent für Teutschlands Hutmacher" jedem Mitglied unentgeltlich zu gewähren. Sodann wurde das Eintrittsgeld für männliche Mitglieder auf 2,25 resp. 1,25 M. und für weibliche Mitglieder auf 50 Pf.. festgesetzt. Der Wochenbeitrag wurde für Arbeiterinnen aus 15 Pf., für Arbeiter auf 45 resp. 25 Pf. normirt. Hierfür soll bei Arbeitslosigkeit, Ausständen, Aussperrungen-c. Unterstützung in Höhe von 8 resp. 4 M. gewährt werden. Die vom Verein getrennte Jnvalidenunterstützung gelangt in Zukunft in Höhe von 4 M. zur Auszahlung, die Krankenunterstützung ivird in der bisherigen Weise, pro Woche 8,10 M., fortgezahlt. Tie Franen-Sterbekasse. welche nur für Mitglieder des allgemeinen Vereins besteht, bleibt unverändert. Der monatliche Beitrag ist 25 Pf., das Beerdigungsgeld 100 M. Von der Cr- bringung eines ärztlichen Gesundheitsattestes wurde ab- gesehen, jedoch die Karenzzeit auf 2 resp. 1 Jahr erhöht. Der seit 1892 straff zentralisirte Arbeitsnachweis wurde insofern geändert, als derselbe für einzelne Branchen und Orte außer Kraft gesetzt werden kann. Den weiblichen Mitgliedern soll gleichfalls die Arbeitslosenunterstützung am Orte zu theil werden. Beschlossen wurde ferner, die restircnden Beiträge an die General- kommisflon in Hamburg zu zahlen, und auch für die Zukunft diese Zahlungen zu leisten, sofern die Mehrzahl der deutschen Gewerkschaften das Fortbestehen der Kommission beschließt. Aus dem nächsten Gewerkschaftskongreß, soll der Verein durch zwei Delegirte vertreten sein, welche den Antrag zu stellen haben, daß der Beitrag an die Gencralkommisston pro Mitglied und Jahr 10 Pf. betragen soll. Nach einem kurzen Berichte des Delegirlcn auf dem Kongreß der Bekleidungsindustrie« arbeiter in Erfurt wurde beschlossen, diese Kongresse in Zukunft nicht mehr zu beschicken und sich an der Abschließung eines Kartellvertrages, welcher für nutzlos gehalten wird, nicht zu be- theiligen. Zur Vertretung des Vereins auf dem internationalen Hutmacherkongreß in London wurde ein Telegirter bestimmt, der auf die Befestigung der internationalen Beziehungen unter den Hutmachern hinarbeiten soll. Nach Erledigung verschiedener Be- chwerden und Gesuche und nach Vornahme der Wahl der Vereins- Verwaltung und des Vereinssitzes, welcher in Altenburg verbleibt, wurde die Generalversammlung vom Vorsitzenden mit einem Hoch auf die Organisation geschlossen. Tie Tischler in Graz ersuchten die Meister, die Arbeits- zeit von 10 auf 9 Stunden herabzusetzen. Das Gesuch blieb un- berücksichtigt. Nun forderten die Arbeiter den Neunstundenlag. Darauf antworteten die Meister mit der Sperre sämmtlicker Werkstätten, 190 an der Zahl. Die ausgesperrten Arbeiter, zirka fünfhundert, haben nur kleine Mittel zur Verfügung. Sie lind genöthigt, an die Arbeiterschaft auch des Aus- l a n d e s die Bitte zu richten, sie in dem ihnen von den Unter- nehmern aufgezwungenen schweren Kampfe so schnell wie möglich rnanziell zu unterstützen. Hoffentlich ist dieser Appell an die Solidarität der deutschen Arbeiterschaft nicht vergeblich. Sendungen sind zu richten an Anton Obergottsberger in Graz in Steiermark, Klosterwiesgasse 13. DepeMjen; Wolff's Telegraphen-Bureau. Frankfurt a. M., 2. Juli. Die„Frankfurter Zeitung" be- richtet über ein gestern über Rheinland und Westfalen nieder- gegangenes Unwetter, das zahlreiche größere Unfälle herbei- führte. Im Orte Wald schlug der Blitz in der Schützenhalle, wo- elbft eine Tanzgesellschaft versammelt war; eine Anzahl Personen erlitten Verletzungen. Der Blitzstrahl brachte die Bleiröhren der Gasleitung zum Schmelzen, daß die Gasflammen erloschen; das Gas entzündete sich und es brach Feuer aus. Auch in dem Dorfe Merzenich zerstörte der Sturm ein Tanzzelt. Durch das Herabstürzen von Balken und brennenden Petroleumlampen wurden zahlreiche Personen verletzt. Im Münsterlande sind über ein Dutzend Gutsbesitzungen beschädigt. München, 2. Juli.(Amtliche Meldung.) Das Schadenfeuer in Eslarn ist bewältigt. Von zirka 300 Gebäuden sind 150 ein- gestürzt. Ungefähr 1400 Einwohner sind obdachlos. Das Pfarr- haus ist vollständig abgebrannt, die Schule wurde stark be- chädigt; auch das Schulhaus ist leicht mitgenommen. Die öffent- lichen Kassen und Urkunden sind geborgen worden. Verluste an Menschenleben sind nicht zu beklagen Ein Hilfskomitee hat sich gebildet. Stockholm, 1. Juli. Der schwedisch-norwegische General- konsul in Shanghai telegraphirt, daß die schwedische Missions- station Kiaking zerstört worden ist. Nach dem Wortlaute des Telegramms wird angenommen, daß alle Missionäre gerettet sind. London, 2. Juli. Der erste Lord des Schatzes Valfour theille mit, die Regierung beantrage die Bewilligung eines Budget- Provisoriums für die Zivilvcrwaltung sowie für Heer und Flotte, um die Weiterführung der Geschäfte während der allgemeinen Wahlen zu ermöglichen. Wenn die noch nölhigen Verhandlungen bis zum Sonnabend abgeschlossen seien, werde das Parlament am Sonnabend vertagt und am Montag aufgelöst werden. Vor der Vertagung wünsche die Regierung die Aus- lieferungsbill durchzubringen, was nöthig ser, um die Ver- pflichtungen Frankreich gegenüber einzuhalten, desgleichen die Fabriken- und Werkstättenbill.(Beifall.) Harcourt unterstützte den Antrag der Regierung. Die Budgetprovisorien für die Justizverwaltung und die Flotte wurden genehmigt. Nach längerer Debatte wurde auch das Provisorium für die Heeresverwaltung bewilligt. Schließlich wurde die dritte Lesung der Vorlage betreffend die Marine- bauten angenommen und sodann die Sitzung geschlossen. (Teveschen-Bureau Herold.) Brüssel, 2. Juli. Bei der Berathung des Etats des Aeußeren in den Kammern haben heule mehrere Abgeordnete beantragt, die Regierung möge ihre Diplomaten im Auslande an- weisen, bei den fremden Mächten dahin zu wirken, daß zur Ver- Hinderung eines Krieges ein internationales Schiedsgericht ein- gesetzt werde. Der Deputirte Anseele(Sozialist) stellte den Antrag, das diploinatische Korps vollständig abzuschaffen. Die dadurch erzielten Ersparniffe sollen zur Hebung des Handels und des Gewerbes nach dem Auslande verwendet werden. Hier- aus erklärte der Ministerpräsident Deburlet, das belgische Konsular- wese» werde einer vollständigen Reorganisation unterzogen werden. Lemberg, 2. Juli. Die Stadt Gliniany wurde von einer furchtbaren Fenersbrunst heimgesucht; fast alle Häuser sind ein- geäschert. Einzeldeiten fehlen bis jetzt noch. Szegedin, 2. Juli. Im Bezirke Mako drohen Arbeiter- unruhen auszubrechen. Ein Bataillon Infanterie wurde nach dort abgesandt. Sofia, 2. Juli. Die bulgarische Regierung hat die von der Pforte verlangte Auflösung der macedoniichen Komitees abgelehnt und eine wesentliche Verstärkung des Militärs an der türkischen Grenze angeordnet. Verantwortlicher Redakteur: I. Dierl(Emil Roland) in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin, SW., Beuthstraße 2. Hierzu eine Beilage. Beilage zum„Vorwärts" Berliner Volksblatt. Ur. 15& Mittwoch, den 3. InU 1895. 12. Jahrg. DoKsles. Tie nächste Lokalliste erscheint am 13. Juli. Berichti- gungen resp. Aenderungen sind von den Lokalkommissionen spätestens am 10. Juli bei dem Unterzeichneten einzureichen. Im Auftrage der Berliner Lokalkommission: Karl Scholz, Wrangelstr. 32. Die Berliner Lokalkommission giebt bekannt, daß sie nach eingehender Besprechung der Saalfrage bezw. Lokalsperre mit de» Lokalkommissions-Mitgliedern der Vororte in ihrer letzten Sitzung folgendes als Richtschnur sowohl für ihr als auch der gesammten Parteigenossen Verhalten aufgestellt hat: In erster Linie ist es nothivendig, daß die Kontrolle über die gesperrten Lokale von feiten der Genossen der betreffenden Ortschaft vor- genommen wird. Die Agitation für strenge Durchführung der Sperre kann, je nachdem sich die Genossen der betreffenden Ort- schaften darüber verständigen, durch Plakate, Handzettel, oder auch mündlich betrieben werden. Es empfiehlt sich, daß die Lokalkommissionen nahe bei einander liegender Ortschaften hierbei gleichmäßig vorgehen. Im übrigen wird es den Parteigenossen Berlins zur Pflicht gemacht, stets die Lokalliste bei sich zu führen, in allen Versammlungen darauf hinzuweisen und sich bei Aus- flüaen strenge nach ihr zu richten. Die Köllerei ist aufs neue zum Kampf gegen die sozial- demokratischen Frauen ausgerückt. Unsere Parteigenossin Ottilie Baader hatte sich am Montag einem polizeilichen Verhör zu unterziehen, weil den eifrigen Männern am Alexanderplatz die Mär zu Ohren gedrungen war, daß unsere Genossin— Partei- bons in einer bei Keller am 17. v. M. abgehaltenen Versamm- lung verkauft haben sollte. Das ist allerdings ein Verbrechen, welches unter der Köllerei furchtbar gerochen werden muß. Tie für Berlin und alle deutschen Großstädte in hygienischer Beziehung hochbedeutcnde Frage der Müll- Verbrennung ist neuerdings in behördlichen und fachmänni- schen Kreisen wieder Gegenstand eingehender Erörterung ge worden, da die bisherigen, in der Berliner Versuchs- a n st a l t auf dem Grundstück der alten Stralauer Wasserwerke angestellten Proben nicht befriedigt haben, während die- selbe Methode der Müllverbrennung in London und alle» englischen Großstädten seit fünf Jahren die glänzendsten Resultate erzielt hat. Ueber die eigentlichen Ursachen der Verschiedenheit der Re- sultate bei gleicher Methode gab der von der Stadt-Bauverwaltung mit der Leitung der städtischen Müll-Verbrennungsanlage be- traute Regierungs« Baumeister Grohn, gelegentlich der Be> sichtigung durch die deutsche Gesellschaft für öffent- liche Gesundheitspflege, interessante Aufschlüsse. Als vor drei Jahren auf Anregung Dr. Th. AZeyl's die Berliner medi- zinische Gesellschaft sich mit der Frage der Verbrennung des Berliner Mülls nach englischem Muster beschäftigte, sandten schließlich die hiesigen Gemeindebehörden eine städtische Ab- ordnung nach England zum Zwecke eingehenden Studiums der dort bestehenden Müllverbrennungsanstalten und stellten gleich- zeitig für die Versuche eine Summe von 100 000 M. zur Ver- fügung. Nach Rückkehr der Abordnung würden für 48 000 M. nach dem Horsfallsystem zwei, und nach dem Warnersystem drei Versuchsöfen vor dem Stralauer Thor erbaut, von denen zur Zeit jeder täglich nicht mehr als einen einzigen Wagen Müll, von etwa 4 Kubikmeter, verbrennt. Beide Systeme haben sich mithin, nach den bisherigen Versuchen, sür Berlin nicht bewährt; doch zeigt der Schlacken- vergleich aus beiden Oefen mehr auf das Horsfallsystem als dasjenige, welches die Müllverbrennung, unter Zuführung von komprimirter Luft, etwas mehr befördert.— Im übrigen richtet sich die größere oder geringere Verbrennbarkeit des Berliner Mülls nach der Ursprungsstätle: das Müll z. B. aus der Friedrich- und Leipzigerstraße mit den leicht verbrennbaren Ab- gängen aus den Läden. Komtoiren nnd Waarenräumen leistet dem Feuer weniger Widerstand, als das bis aus die letzten Kohlenreste zc. durch die sogenannten.Naturforscher" ausgesuchte Müll aus den Proletariervierteln. Der größte Unterschied zwischeu dem englischen und dem Berliner Müll besteht bekannt- lich darin, daß das englische Müll einen hohen Prozentsatz von Kohlenresten(bis zu 29 pCt.) bei verhältnißmäßig geringem Vorhandensein feiner, feuererstickender Asche enthält, während das Berliner Müll der Kohlenreste fast gänzlich entbehrt(ca. 1,5 pCt.), dagegen einen sehr großen Prozentsatz feiner, feuertödtender Briquettasche aufweist. Nach dem gegenwärtigen Stande der Versuche ist also eine Verbrennung des Berliner Mülls ohne sehr erheblichem, d. h. enorm kostspieligen Zusatz von Brenn- Material nicht zu ermöglichen. Der Bau von 100 neuen Kirchen für Berlin und Um- gegend würde der schrecklichen Kirchennoth abhelfen und die furchtbar drohenden Mächte des Umsturzes niederhalten— das ist die wiederholt laut ausgesprochene Meinung der„Stillen im Lande". Fast zur selben Zeit, als auf dem Straßburger Platz zu Wilmersdorf der Grundstein zur katholischen St. Ludwigs- kirche gelegt wurde, brachten aus Einladung des Kirchenbau- Vereins in R i x d o r f einige Dutzend kirchenbaulustiger Herren im Ausschank der dortigen Vereinsbrauerei die„Nolhwendigkeil" eines zu erbauenden neuen evangelischen Gotteshauses zur Besprechung. Die Stadt Berlin hat hieran auch ein pekuniäres Interesse, da sie als Patron gleichfalls zum Kirchen- bau beitragen muß, während den frommen Mitgliedern des Kirchenbauvereins materielle Opfer nicht erwachsen. Aus einem gewaltigen Häusermeer, so meinte der Vorsitzende Herr Pastor Schröder, rage in Rixdorf der Wasserthurm empor, der die Bewohner mit irdischem Wasser versorge, aber der Kirch- thnrm fehle, und damit der Bau, aus dem das Wasser des ewigen Lebens fließe. Obwohl die Kirchenvertretung kürzlich die Nothwendigkeit des Baues einer zweiten Kirche nicht an- erkannt habe, müsse man jetzt diese Nothwendigkeit doch an- erkennen und durch Sammlungen von Liebesgaben u. s. w. u. s. w. Während in der Diskussion ein Herr Pastor Buhrow besonders betonte, daß es vor allem darauf ankomme,„die Kirche so schnell als möglich zu bauen, damit nicht noch mehr Seelen verloren gehen," führte ein Herr Pastor Püschel den obigen Gedanken des Vorsitzenden noch weiter aus, indem er erklärte,„die neue Kirche sei sür die Rixdorser noch nothwendiger als das liebe Brot," denn hier handle es sich um das ewige Leben.— Die Versammlung beschloß natürlich in diesem Sinne. Diese frommen Brüder verstehen es in der That; kein Tag vergeht, wo nicht auf irgend einem freien Platze ei» Grundstein gelegt, oder die Einweihung eines Gotteshauses mit dem üblichen Prunk gefeiert wird: Mull» dies sine ecclesia!— Und zu welchem Zweck? Ob denn die Frommen im Ernst immer noch nicht zu der Einsicht gelangt sind, daß alle neuen �Gotteshäuser", die man von den Groschen der Steuerzahler mit und ohne Sabbathschändungen erbaut hat, auch noch nicht einen einzigen Sünder im großen Berlin zum modernen Militär- Chrislenthum zurückgeführt haben. Der„Erfolg" liegt doch klar und offen genug zu läge; die kirchlichen Amtshandlungen oder wie man es nennt, gehen von Jahr zu Jahr erklecklich zurück, und wer gedeiht und sich zu herrlichster Blüthe entfaltet, das ist einzig die gottlose Sozialdemokratie! Tie Sozialreform in einer königlichen Mnster-Werk- statt. Die Funktion des Arbeiterausschüsses in der königlichen Eisenbahn> Haupt Werkstatt Tempelhof gestaltet sich folgendermaßen. Gewählt wurde der neue Ausschuß am 15. März dieses Jahres. Bis auf drei Mitglieder kamen voll- ständig neue Kräfte in die Körperschaft hinein, trotzdem der Direktor Borg empfohlen hatte, außer einem Mitgliede P., das er früher einmal als Sozialdemokraten bezeichnet hatte, die alten Leute wiederzuwählen. Mit froher Schaffenskraft wollte der neue Ausschuß an seine Funktionen heran- gehen und eine Beseitigung derjenigen Mißstände herbei- führen helfen, die der alte, der Direktion ergebene Arbeiterausschuß mehr oder weniger außer acht gelassen hatte. Am I. April d. I. wurde als neuer Direktor ein Hexr Schlesinger aus dem Rheinlands nach Tempelhof versetzt. Es gelang dem Arbeiterausschuß nach mancherlei Bemühungen, den neuen Herrn zur Abhaltung einer gemeinschaftlichen Sitzung zu bewegen, die endlich auch am 3. Juni stattfand. Eine ganze Kollektion von Anträgen und Beschwerden hatte sich in der langen Zeit, i» welcher der Zlrbcitcrausschuß nicht getagt hatte, ange- sammelt. Dem Ausschuß war es zunächst darum zu thun, endlich ein- mal schwarz auf weiß von den Rechten überhaupt Kenntniß zu er- halten, die ihm zu Gebote stehen sollen; die Bestimmungen sind kurioser Weise immer noch nicht gedruckt und den Arbeitern aus- gefertigt waren. Auch galt es. das energische Verlangen der Arbeiterschaft nach voller 14tägiger Lohnauszahlung, statt des üblichen monatlichen Zahlungsmodus, bei der Direktion vor- zubringen. Besteht doch in der Hauptwerkstatt der unglaubliche Zustand, daß der Arbeiter nur alle vier Wochen postnumerando seinen bis zum 24. des Monats verdienten Lohn und allenfalls am 16. inzwischen eine Abschlagszahlung erhält, die aber auch nur den Betrag des vom 24. des verflossenen bis zum 9. des lausende» Monats verdienten Arbeitslohnes ausmacht. Auch waren Beschwerden über ungenügende Ventilation ein- zureichen; ferner waren Anträge auf Lohnzulagen ge- stellt worden. In der Sitzung erklärte Herr Direkior Schlesinger sich sehr verbindlich bereit, die Wünsche und Be- schwenden der Arbeiter wohlwollend zu prüfen. Die Prüfung fand auch bereits zum theil am nächsten Tage statt. Resultat: Der Verdienst der Arbeiter ist in Tempelhof hoch genug, im Rheinlande wird noch viel weniger verdient. Sluch eine verbesserte Ventilation ist nicht nothivendig. Ueber eine Ver- besserung im System der Lohnzahlung verlautet kein Wort. Von einer Beseitigung des Rottensystems, dessen Abschaffung wegen des damit verbundenen ungleichen Lohnes beantragt worden war, ist gleichfalls keine Rede. Dem Antragsteller wurde mit der Motivirung, daß die Kritik dieser Zustände nicht Sache des Ausschuffes sei, vom Direktor das Wort entzogen. Ge.neralrcsultat aller gestellten Anträge also: Null, Null, Null. Selbst dem schon vom zahmen alten Ausschuß eingebrachten und in der Sitzung vom 8. Juni wiederholten Antrage auf Ver- besserung der für die 600 in der Wagenbau-Werkstatt be- schästigten Arbeiter höchst ungenügenden Einrichtungen der Be- dürfnißanstalt konnte von„wegen Ma„gxl an Mitteln" bislang immer noch keine Folge gegeben werden. Man kann sich denke», welche Freude die Arbeiter in der Werkstatt Tempelhof an dem erfolgreichen Wirken des Arbeiter- ausschusses haben und mit welchem Vertrauen sie der sozialisten- vernichtenden und volksversöhnenden königlich preußischen Sozial- resorm entgegentreten. Sozialrcform uud Privatunternehmer. Die� Begriffe, welche das Unternehmerthum von demjenigen Theil der Segnungen unserer vielgepriesenen Sozialreform hat, der nicht den Aus- beutern, fondern den Ausgebeuteten zu gute kommen soll, kenn- zeichnen sich in einer Anordnung, welche in der Metall- waaren-Fabrik von Schmidt u. T i e tz, Neanderstr. 3, getroffen worden ist. Dort werden u. a. auch junge M ä d- chen bei der ungemein gesundheitsgefährlichen Arbeit des Galvanisirens und Metallputzens beschäftigt. Die giftigen Dämpfe der Salpetersäure und Lacke, in welchen die Mädchen arbeiten müssen, ruiniren die Augen und führen regel- mäßig Erkrankungen der Brust uud des Magens herbei, welche des öfteren zum mehrtägigen Aussetzen der Arbeit nöthigen. Es kommt noch hinzu, daß die Arbeitszeit über neun Stunden währt und daß der Lohn, welchen die Mädchen erhalten, un- gemein niedrig ist und nicht entfernt sür die bei dieser Be- schäfligung absolut nothweudige kräftige Ernährung ausreicht. Beträgt doch der Wochenverdienst sür die kleinere Kategorie der Mädchen 12 Mark 50 Pfennig und sür den größeren Theil gar nur 3 Mark! Ist es schon an sich ein volkswirthschaftliches Verbrechen, daß junge Mädchen ihre Gesundheit und Körperkraft bei einer derart gemeingefährlichen Beschästigung ruiniren, so erschien den Herren Schmidt und Tietz der Grad der Ausbeutung in ihrer Fabrik immernoch nicht hoch genug. Die Herren wurmte die halbe Stunde, welche laut der Gewerbe-Ordnung am Sonnabend Abend früher als sonst Feierabend gemacht werden muß. und sie stellten allen Ernstes an die bei ihnen beschäftigten Mädchen das Ansinnen, diese halbe Stunde, welche dem Geschäft am Sonnabend verloren geht, am Montag Abend ohne Entschädigung länger zu arbeiten. Es gereicht dem weiblichen Personal der Firma Schmidt u. Tietz zur Ehre, daß es auf dies Verlangen nicht eingegangen ist. Die Strafe folgte aber auf dem Fuße. Als die Arbeiterinnen sich am Dienstag Morgen wieder zu ihrer Beschäftigung einfinden wollten, wurde demjenigen Mädchen, welches man als„Rädels- führerin" qualifizirt hatte, bedeutet, daß es für es mit der Arbeit zu Ende sei. Bis auf drei erklärten sich die übrigen Arbeiterinnen mit ihrer gemaßregelten Kollegin solidarisch. Das Vorgehen der Firma hat die Wirkung gehabt, daß sich die jungen Mädchen sämmtlich ihrer Fachorganisation, dem Metall- arbeiter-Verband angeschlossen habe». Im übrigen richten wir an den Gewerbe-Jnspektor die Aufforderung, recht bald die engen und höchst un- genügend ventilirten Räumlichkeiten, in welchen die Firma Schmidt u. Tietz rhre Arbeiter und Arbeiterinnen Mehrwerth schaffen läßt, einer recht gründlichen Besichtigung zu unterziehen. Diese hätte sich auch auf den einzigen Abort zu erstrecken, mit dem 50 Personen beiderlei Geschlechts sich begnügen müssen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen werden dem Gewerde- Inspektor bc> stätigen, daß das Kloset vom April vorigen Jahres bis Pfingsten dieses Jahres im ganzen sage und schreibe zwei- mal gereinigt worden ist, und daß erst von diesem Zeilpunkt ab auf energisches Verlangen des weiblichen Arbeitspersonals eine zweimalige Neinigung in der Woche erfolgt. Freisinniger Boykott. In der letzten. am Montag ab- gehaltenen Versammlung des Freisinnigen Arbeitervereins ist der Boykott über den AltstädterHof verhängt worden. Die Versammlung spricht die Erwartung aus. heißt es in der angenommenen Resolution, daß jeder freisinnige Mann das Lokal des Herrn Walterstein meidet, so lange der genannte Herr Inhaber des Altstädler Hofes ist. Gegen den»nkoulanten Wirlh ist zivil- rechtlich und strafrechtlich Klage erhoben, man will die Sache event. bis zur höchsten Instanz treiben, um festzustellen, welche Rechte und Pflichten dem Wirth in einem abgemiethcten Raum zustehen. Zlch, du lieber Himmel! Die Kündigung der H o f l o g e im Deutschen Theater ist nach dem„Kleinen Journal" in folgender Form erfolgt: Ein Polizeihauptmaun erschien mit mehreren Schutzleuten im Bureau des Deutschen Theaters und machte dem Direktor Brahm die Mittheilung, daß der Kaiser fortan darauf verzichte, das Deutsche Theater zu besuchen. Gleichzeitig überreichte er dem Direktor ein Schreiben aus dem Zivilkabinet des Kaisers, das die Mittheilung bestätigte. Als Direktor Brahm hiernach die Angelegenheit zunächst für erledigt hielt, machte der Polizeihanptmann ihn darauf aufmerksam, daß auch die Krone über der königlichen Loge sofort entfernt werden müßte. Brahm meinte, daß er dazu erst seine Arbeiter herbeirufen müßte, woraus der Polizeihauptmann erklärte, er werde mit seinen Beamten so lange warten, bis die Krone cnt- fernt sei! Unter den Augen der Polizeibcamten gingen die Arbeiter ans Werk, nnd die Embleme wurde» beseitigt.... Der arme Brahm! DaS Nrtheil über de» Berliner Bierbohkott soll bei den Berliner Arbeitern, wenigstens bei den Brauern und Böttchern, ein anderes geworden, der Glaube an die Zweckmäßigkeit des Boykotts erschüttert sein— also schließt die„Freisinnige Zeitung" aus Aeußerungen auf der letzten Brauer- und Böttcher- Versammlung. Die„Freisinnige Zeitung" verwechselt die äugen- blickliche Stimmung oder Verstimmung einiger persönlich Be- troffenen mit dem Urtheil der Berliner Arbeiterschaft, die heule weiß, daß der Erfolg des Boykotts ein noch viel durchschlagender war, und daß die Ringbrauereien noch weil größere Verluste er- litten haben, als Ende des vorigen Jahres, zur Zeit des Friedensschlusses angenommen wurde. Die„Freisinnige Zeitung" erweist durch derartige müßige Betrachtungen der Sache des „Bier-Friedens" und ver Brauereibesitzer einen sehr schlechten Dienst. Zum Rektor der Fricdenauer Gemeindeschnle ist jetzt an stelle des zuvor gewählt gewesenen, von der Regierung aber nicht bestätigten Rektors Eichholz aus Krossen der Berliner Gemeindeschul-Lehrcr Hanne m a n n gewählt, dessen Bruder Kreiskassen-Rendant des Kreises Teltow ist. Um zu erfahren. ob diese neue Wahl nicht etwa ebenfalls wieder nutzlos sein würde, hatte der Gemeindevorstand von Friedenau diesmal vorher an maßgeblicher Stelle Informationen darüber eingeholt, ob die nunmehr noch zur engeren Wahl gekommenen Kandidaten event. die Bestätigung erhalten würden. Diese scheint denn gnädigerweise nicht versagt werden zu sollen. Dem albernen„AttcntatSversuch" gegen den Polizei- obersten Krause scheint die Behörde eine ungemein große Be- deutung beizulegen, denn sie hat auf die Ermittelung des Absenders der sogen.„Höllenmaschine" eine Belohnung von nicht weniger als 1000 M. ausgesetzt. In der Angelegenheit wird von einem Berichterstatter gemeldet: Die Nachforschungen haben in Berlin bisher noch kein greifbares Resultat ergeben und die Meldung von einer schon erfolgten Verhaftung von 4 Anarchisten ist insofern unrichtig, als die letzteren nicht mitderHöllen-Maschinen- Affäre in Verbindung gebracht werden können. Es haben der. i>s zahlreiche Haussuchungen bei sogenannten Probisten stattgesund, u, jedoch ohne Erfolg. Die erleichterte Zulassung zum Schutzmanns- dienst in Berlin hat viele Tausende von derartigen Meldungen zur Folge gehabt und die Zahl der probeweise Eingestellten ist eine außergewöhnlich große. Soll es doch vorgekommen sein, daß zwei„Probisten" wegen Widerstandes gegen die Staats- gewalt sich zu verantworten haben; dieselben hatten den gemalt- samen Versuch gemacht, einen Militärgefangenen zu befreien. Die Nachforschungen in Fürstenwalde sind bis jetzt von keinem sonderlichen Nichtersolg begleitet gewesen, es ist bis jetzt nicht ge- lungen, scstzustellen, daß die Kiste in Fürstenwalde angefertigt worden ist. Tic Direktion der Urania theilt uns mit, daß, nachdem am 12. Juni die polizeiliche Genehmigung der Baupläne ein- gegangen ist, der Bau der Urania-Filiale in der Taubenstraße nunmehr begonnen wurde. Bis Ende dieses Jahres soll das Gebäude soweit gefördert sein, daß man mit der Ausführung der eigenartigen Bühnenkonstruktion des wissenschastlichen Theaters, sowie mit der Aufstellung der Instrumente wird de- ginnen können. Die Eröffnung der Urania-Filiale ist für die Milte des ersten Quartals 1396 in Aussicht genommen. Welche Ansnnynng der menschlichen Arbeitskraft im Fuhrwerkbetrieb stattfindet, darüber geben die näheren Umstände Aufschluß, die bei dem tragischen Geschick, welches den Kutscher Hübner getroffen hat, die Veranlassung gewesen sind. Wie wir unseren Lesern seinerzeit mitgetheilt haben, ist der Bedauerns- werthe im Schlaf von seinem Fuhrwerk gefallen und von seinem Gefährt todtgefahren worden. Nachträglich erfahren wir, daß der Verstorbene ein Opfer der übergroßen Anstrengung geworden ist. Hllbner hatte mit seinen Kollegen drei Tage vor jenem Un- glück von morgens 6 bis abends 11 Uhr ununterbrochen Kohlen vom Hasenplatz nach dem Gute Dahlem zu befördern. DeS Nachts wurde auf dem Gute im Pferdestall übernachtet, um nicht mit dem Fuhrwerk den weiten Weg nach Hause zurück- zulegen. An dem Unglückstage war Hübner gegen 11 Uhr zur Abfahrt von dem Gute fertig, denn der Auftrag war erledigt und es sollte noch in der Nacht der Rückweg angetreten werden. Auf Zureden seiner Kollegen ließ Hübner sich bewegen, diesen noch bei dem Abladen behilflich zu sein, um gemeinsam nach Hause zu fahren. Hier ereignete sich dann gegen 2 Uhr nachtS der traurige Vorfall. Einen Thierschutz haben wir bekanntlich. aber immer noch keinen Schutz gegen eine derart unerhörte Ans- bcutung. die der Mensch am Menschen verübt. Wir leben aber im Staate der Sozialreform. Humane Zeit, humane Sitten. Durch Polizeiverordnnng ist jetzt für de» Arbcilsbezirk Friedenau bestimmt worden. daß T hi e re, welche zum Reiten oder Ziehen verwendet werten solle», vollkommen diensttauglich sein müsse».'Als untauglich gelten namentlich solche Thiere, welche mit ansteckenden Krankheiten oder augenfälligen äußeren Schäden behastet, zu schwach, lahm oder abgetrieben sind. Für die Erfüllung dieser Bestimmungen soll nicht nur der Eigenthümer, sondern auch der Führer der Thiere haftbar sein. Sollte der christliche Staat es auch einmal zu einer Ver- ordnung bringen, welche die Ausbeutung zu schwacher, lahmer oder abgetriebener Menschen mit Strafe belegt? Dumme Illusion. Wo ist der Ansreizungsparagraph? Unglücksfälle im Bahnbetriebe. Ein schwerer Unglücks' fall ereignete sich am Montag Nachmittag im Betriebe der Nord- bahn. Als der um 4 Uhr in Birkenwerder fällige Vorortszng von Berlin auf der Station einlief, bemerkte der Lokomotivführer, daß die Maschine nicht ordnungsmäßig funktionirte nnd bog sich, um den Fehler zu entdecken, seitwärts heraus. Hierbei stieß der Beamte mit dem Kopf gegen die Signallaterne einer Weiche nnd stürzte infolge des Anpralls von der Maschine herunter. Da der Schwerverletzte genügende ärztliche Hilfe in Birkenwerdrr nicht schnell genug erlangen konnte, wurde er nach Oranienburg mit demselben Zuge geschafft und dann in das dortige Kranken- haus überführt. Tags vorher ereignete sich ein ähnlicher Unglücksfall auf ter Strecke Breslau» Berlin, zwischen Neumarkt und Nimkau. Um 4 Uhr nachmittags begegneten sich der von Breslau abgelassene Schnellzug Nr. 8 mit dem von Berlin kommenden Personenzug Nr. 6t. Während des Vorbeifahrens bog sich der 22jährige Heizer des Schnellzuges Alois Ernst heraus und stieß mit dem Kopf gegen die Lokomotive des Per sonenzuges. so daß ihm sofort die Schädeldecke zertrümmert wurde und der Tod auf der Stelle eintrat. Ter Körper des auf so entsetzliche Weise ums Leben Gekommenen blieb in stehender Haltung in der an der Seite der Maschine angebrachten Echntzkette hängen und erst später bemerkte der Lokomotivführer. daß sein Gefährte todt sei. Die Leiche wurde bis Station Neumarkt mitgenommen und in die dortige Friedhofshalle geschafft. Ein neueS Fnhrstnhl-Ungliick. Mit dem Fahrstuhl ist am Montag Abend gegen 7 Uhr in dem Hause Gollnowstr. 39 der 46 jährige Maler Wende abgestürzt, der Weydingerstr. 1 wohnte. Der in dem erwähnten Gebäude befindliche Fahrstuhl befand sich zur Zeil in Reparatur und außer Benutzung, und sollte frisch gestrichen werden. Allerdings hatte der Maler W. den Austrag erhalten, diese Arbeit erst nach Beendigung der Reparatur vorzunehmen, doch zog er es vor, dieselbe bereits gesteril zu bewerkstelligen. Zu diesem Zweck zog er den Fahr- stuhl in die Höhe und begab sich an die Arbeit; gegen 7 Uhr abends aber stürzte der Fahrstuhl plötzlich in die Tiefe und riß den Maler vom vierten Stockwerk bis in den Keller mit sich, woselbst der Verunglückte mit schweren Verletzungen am ganzen Körper liegen blieb: W. verstarb bereits auf dem Trans- port nach dem Krankenhause am Friedrichshain. Der Jofmnni- Umzug hat seine frühere Bedeutung als Haupt-Umzugstermin fast völlig verloren. Nur wenige Möbelwagen sah man am Sonntag und am Montag in den Straßen, und die Hauswirthe bemühten sich, die Kündigungsfristen in den Miethskontrakten so festzusetzen, daß diese nicht mit dem 1. Juli ihr Ende erreichen, weil alsdann die Gelegenheit zum Vermiethen weniger günstig ist. In früheren Jahren war der Johanni- Umzug der wichtigste im Jahre und die große Wohnnngsnoth im Jahre 1872 trat bei diesem Umzüge zu tage, als damals viele t linderte wohnungslos gewordener Familien auf der sogenannten chlächterwiese zwischen Urban und Kottbuser Damm in dürstig hergestellten Baracken Unterkunft suchten. Gesperrt sind für Fuhrwerke und Reiter die Boyenstraße von der Chausseestraße bis zur Scharnhorststraße, sowie der Grüne Weg von der Koppenstraße bis zum Küstriner Platz vom 1. Juli ab, der Kurfürstenplatz vom 3. Juli ab und die Sigismundstraße von der Regentenstraße bis zur Matthäikirchstraße vom 4. Juli ab. In der NntersuchnngSsache wegen Mordes gegen die Eltern des Knaben Karl Hosmann, dessen angeblicher Raub durch Zigeuner seinerzeit die Kriminalpolizei viel beschäftigt hat, nehmen die Ermittelungen ihren Fortgang. Jetzt sind auch die Gebeine des Knaben, deren Ausfinden schließlich zu einem Vorgehen gegen die Eltern führte, auf Anordnung der königlichen Staatsanwalt- schasl wieder ausgegraben worden, nachdem sie im vergangenen Herbste endlich aus dem St. Johanniskirchhose beigesetzt worden waren. Streitigkeiten in der Familie haben den 31 jährigen Kauf- mann Franz Mistelski zum Selbstmord veranlaßt. M. war ver- heirathet und wohnte in der Gneisenausir. 62. Nach einem heftigen Auftritt ging er am Montag von Hause weg und kehrte abends gegen 11 Uhr zurück. Bald darauf hörte man auf dem Hausflur einen Schuß fallen. Als man hinzueilte, fand man Mistelski mit einer Schußwunde im Kopfe todt auf. Als Leiche hat der Eigenthümer Karl Thiele aus der Exerzierstr. 18 seinen 43jährigen Sohn Paul, der Schlosser war und in der Ackerstr. 55 wohnte, wiedergefunden, nachdem der Sohn längere Zeit mit seinen Angehörigen nicht mehr in Be- rührung gekonimen war. Am Sonnlag früh um drei Uhr fand nian auf der Straße einen Mann auf, der besinnungslos dalag. Man brachte ihn zunächst nach der Unfallstallion 6 und von da in ein Krankenhaus. Dort starb er bald uaeh der Einlieferung. Aus einem Steuerzettel, der in der Tasche gefunden wurde, erkannte man die Wohnung des Verstorbenen und von da aus wurden die Angehörigen ermittelt, die nun nach längerer Trennung nur die Leiche des Sohnes und Verwandten wieder- sahen. Doppelselbstmord. Zwei Herren, anscheinend aus Berlin, haben am Sonntag früh in Grünau gemeinsam den Tod gesucht. Sie niietheten ein Boot, das sie durch Anbohrung unweit der sog. Bammel- Ecke zum Sinken brachten. Ein die Strecke passirendes Boot sah die beiden und brachte sie ans Land; der eine war bereits todt, der andere kam wieder zu sich und wurde ins Gesellschaftshaus zu Grünau gebracht. In einem unbewachten Augenblick verlor er wieder die Lust am Leben und öffnete sich mittels eines Federmessers die Pulsadern an beiden Armen; zum Ueberfluß erhängte er sich dann noch an einem Handtuch. Der Selbstmörder wurde als ein Kaufmann F. Leonhardt rekognoszirt, die Person des Ertrunkenen konnte nicht festgestellt werden. Wegen Misch nndlnng ihreS Pflegekindes ist von Be- wohnern des Hauses Kottbuserstr. 2 die Arbeiterfrau N o a ck bei der Polizei angezeigt worden. Frau Noack hal ein 8jähriges Töchterchen ihrer Schwester, die nach auswärts verzogen ist, in Pflege und bat das Kind wiederholt derartig geschlagen und ge- stoßen, daß die Hausbewohner schon lange Anstoß daran nahmen. Am Sonntag, den 16. v. M., hatte die Pflegemutter die Kleine wieder einmal so zugerichtet, daß sie es auf die Sanitätswache tragen mußte, wo sie erst dem Arzte vorredete, das Kind sei ge- fallen, später jedoch gestand, daß sie es mißhandelt habe. Kaum waren die Wunden geheilt, so begannen die unmenschlichen Züchtigungen von neuem, bis Mitbewohner des Hauses von dem Treiben die Polizei in Kenntniß setzten. Witterungsübersicht vom S. Juli I8SS. Zunächst sehr warmes, nachher wolkiges Wetter mit Gewitterregen und frischen südwestlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Polizeibericht. In der Nacht zum 1. d. M. wurde ein Handwerker in seiner Werkstatt in der Koppenstraße erhängt vorgesunden.— Am 1. d. M. nachmittags fiel in der Luisenstraße ein Kutscher infolge plötzlichen Anziehens der Pferde vom Wagen, gerieth unter die Räder und erlitt eine erhebliche Quetschung des Fußes.— Ein auf dem Grundstücke Gollnow- straße 39 beschäftrgter Maler stürzte gegen Abend durch eigene Schuld mit dem Lastenaufzuge von dem zweiten Stocke in den Kellerschacht hinab und zog sich sehr schwere Verletzungen am Kopfe und an den Beinen zu.— Abends ging in der Müller straße ein Droschkenpferd durch und fuhr mit dem Wagen gegen einen Laternenpfahl. Hierbei wurde der Kutscher vom Bocke geschleudert und an der Schulter bedeutend verletzt.— In der Naunynstraße gerieth ein fünfjähriger Knabe beim Spielen unter die Räder eines Möbelwagens und erlitt eine schwere Quetschung des Oberschenkels.— Im Laufe des Tages erschossen sich zwei Männer, einer aus dem Flur eines Hauses in der Gneisenaustraße, der zweite in einem Gasthose, in dem er als Fremder eingekehrt war.— In der Nacht zum 2. d. M. sprang ein Mädchen am Kottbuser User in der Absicht, sich das Leben zu nehmen, in den Landwehrkanal, wurde jedoch noch lebend aus dem Wasser gezogen und nach dem Krankenhause gebracht.— Im Laufe des Tages fanden fünf Brände statt. (Bevilftrs-JJeikung:. Vor dein Schwurgericht des Landgerichts l unter Vorsitz des Landgerichts-Direktors Leonhardt fand gestern die Ver- Handlung einer Anklage wegen Verleitung zum Mein- e i d e gegen die Frau Pastor Dr. Antonie Kipper, geb. Müller statt. Diese Anklage ist der Schlußakt eines ehelichen Dramas, dessen Ausgangspunkt die Ehescheidung der beiden Pastorsleute bildet. Ten Ehescheidungsprozeß hat Pastor Dr. Kipper gegen die Angeklagte wegen ehreukränkeuder Beleidigung angestrengt, die Angeklagte hatte Widerklage erhoben, der Prozeß ist aber endgiltig zu Ungunsten der Angeklagten ent- schieden worden. Die Augeklagte behauptet, daß dies nur da- durch möglich gewesen sei, daß Pastor Dr. Kipper sieben ihm zu- geschobene Eide geleistet habe. Die Angeklagte wird beschuldigt, in diesem Ehescheidungsprozeß versucht zu haben, mehrere Per- sonen zur Abgabe falschen Zeugnisses zu Ungunsten ihres Ehe- mannes zu bewegen. Sie stand bereits am 5. November 1894 vor dem hiesigen Schwurgericht unter der Anklage, eine unverehelichte Marx zur Ableistung eines Meineides bestimmt zu haben. Die damalige Verhandlung endete mit der Verurtheilung der Marx zu 3 Jahren Zuchthaus und der Freisprechung der jetzigen iilugeklagten. Letzlere wurde nicht lauge Zeit nach dem Termin aus der Untersuchungshaft entlassen. Aus der damaligen Verhandlung mußte ein Fall ausgeschieden werden, in welchem die Angeklagte eine Frau Christiane Grund- mann geb. Neugebauer zu Jaeobsdorf zu einer falschen Zlussage zu bewegen versucht haben soll. Dieser Fall stand- nun gestern zur Verhandlung. Tie Anklage vertritt Staatsanwalt Stachow I, die Vertheidiguug führt Rechtsanwalt Dr. Schw'indt.— Nach der Anklage soll die Angeklagte sich nach Jacobsdorf begeben und aufj sie eingeredet haben, als Zeugin in dem Ehescheidungsprozeß zu bekunden, daß ihr Mann (der Angeklagte) sie mißhandelt habe. Sie soll der Grundmann Geschenke versprochen, ihr gewisse Punkte ihrer Aussage in die Feder diktirt und sie auch noch schriftlich aufgefordert haben, ihrerseits auf eine andere Zeugin einzuwirken.— Die Angeklagte bestreitet mit großer Lebhaftigkeit die Beschuldigungen der An- klage. Sie erklärt, daß sie ein höchst unglückliches Eheleben ge- führt habe und seit der Einleitung des Ehescheidungsprozcsses von ihrem Ehemann und desien Verwandtschaft systematisch ver- folgt worden sei. Sie habe sich im Jahre 1835 als wohlhabende Wittwe mit dem Pastor Dr. Kipper verheirathet. Die Be- lastungszeugin Grundmann sei zwei Jahre hindurch bei ihr Amme gewesen und habe sich mit dem Grundmann in Jacobsdorf verheirathet. Zum Ankaufe ihres Besitzthums habe sie dem Grundmann'schen Ehepaar Geld gegeben, welches auf das betr. Grundstück hypothekarisch eingetragen wurde. Sie habe dann einmal, als sie in Breslau war, einen Abstecher nach Jacobs- dorf gemacht. Sie habe nämlich erfahren gehabt, daß der Pastor Kipper schon vor längerer Zeit sich von der Grundmann eine feinen Zwecken dienende eidesstattliche Versicherung verschafft halte und außerdem hatten die Verwandten des Pastors diesem in eidesstattlicher Versicherung bestätigt, daß sie(die An- geklagte) ihre Kinder in Schmutz fast habe umkommen lassen. Diese falsche Behauptung habe sie aufs höchste empört und da durch sie auch die Ehre der Grundmann, die damals Amme bei ihr gewesen sei, aufs empfindlichste berührt wurde, habe sie der Grundmann nahe legen wollen, daß sie diese Schmach entschieden von ihr und von sich selbst nehmen müsse. Es habe sich daran ein Briefwechsel zwischen ihr und der Grundmann geknüpft, der schließlich von ihr abgebrochen worden sei, weil sie gemerkt, daß die Grundmann's daraus bedacht waren, Geld von ihr zu erpressen. So habe namentlich der Ehemann Grundmann ihr ganz naiv den Vor- schlag gemacht: sie solle 6 Quittungen über die Zahlung der Hypolhekenzinsen schreiben und ihm dort lassen, er werde dann alle halbe Jahre eine Quittung abschneiden und behalten und feine Fran werde dann alles aussagen, was sie wünsche. Sie habe ein solches Auerbieten mit Entrüstung zurückgewiesen, und weil sie späterhin die Wünsche des Ehepaares Grundmann nach Geld nicht erfüllte, seien ihr diese Zeugen nun feindlich gesinnt Die Hauptbelastungszeugin Frau G r u n d m a n n aus Jakobs- dorf wiederholte ihre in die Anklage übergegangenen Beschul- digungen. Nach ihrer Behauptung habe die Angeklagte sie auf- gesucht und ihr zugesetzt, bei ihrer Vernehmung in der Ehe- scheidungsklage doch zu ihren Gunsten auszusagen und namentlich zu bestätigen, daß ihr Ehemann sie blutig geschlagen habe. Die Angeklagte habe ihr die Aussage, die sie abgeben solle, diklirt und sie habe sich dns Diktat, welches sünf Seiten füllte, aufgeschrieben. Die Angeklagte habe ihr versprochen, daß sie sich erkenntlich zeigen werde. Die Zeugin gab auch zu, daß schon im Jahre 1891 der Pastor Kipper sie und ein anderes Mädchen eines Tages zu einem befreundeten Arzte geführt und sich ein Schriftstück habe unterschreiben lassen, wo- nach die Frau Pastor Kipper ihren Ehemann schmählich be- chimpft habe. Die Zeugin behauptet aber, daß dns, was sie damals unterschrieben, der Wahrheit entsprochen habe. Um die Glaubwürdigkeil dieser Zeugin zu charakrerisiren, werden auf Antrag der Vertheidiguug mehrere Briefe ver- lesen, welche die Zeugin Grundmann an die Angeklagte geschrieben hat. Diese beginnen fast immer mit der An- rede:„Meine liebe gute Frau Pastorin", enthalten Dankes- worte für erwiesene Wohlthalen und suchen die Angeklagte über den Gang des Prozesses zu beruhigen. Die Briesschreibenn bittet die Angeklagte u. a. auch dafür um Verzeihung, daß sie dem Pastor Kipper jene eidesstattliche Versicherung abgegeben habe, sie pocht wiederholt wegen Geld an und als ihr endlich eine Bitte um 30 M. abgelehnt wird, ändert sie plötzlich ihre Gesinnung, ändert ihresAnrede in„Frau Kipper" um und deutet an, daß sie nur. wenn sie die 30 M. erhalte, bezeugen könne, daß die Kinder reinlich gehalten worden seien. Die Zeugin Grundmann hatte schon in der vorigen Schwurgerichtsverhandlung nach Ausweis des Proto- kolls und Bekundung des damaligen Präsidenten Dir. Funke und des Protokollführers Sekr. Hasse eidlich bestritten, jemals einen Brief mit der Bitte um 30 M. an die Angeklagte gerichtet zu haben und sie bestritt dies auch jetzt ganz entschieden. Nun sind aber inzwischen die Briefe aufgesunden worden und als auch drei 'einwandssreie Zeuginnen bezüglich der Briefe den Behauptungen der Gruiidmannj�entgegentraten, mußte diese zugeben, solche Briefe geschrieben zu haben.— Staatsanwall Stachow I beantragte das Schuldig.— Rechtsanwalt Dr. S ch w i n d t bat um die glatte Freisprechung, da die Glaubwürdigkeit der Grund- mann so gering sei, daß darauf hin eine Verurtheilung einer unbescholtenen Frau nichr möglich sei. Der Vertheidiger theilte unter anderem auch mir. daß der erste Gatte der Angeklagten der Leibarzt des Kaisers von Brasilien gewesen sei und ihr zweiter Ehemann nicht stets Doktor und Pastor gewesen, sondern dies wesentlich durch das Geld der Angeklagten geworden sei. Tie Geschworenen verneinten die Schuldfrage, worauf die Freifprechung der Angeklagten erfolgte. Tie Strafsache gegen LouiS Castan ist auch gestern noch nicht zu Ende gekommen. Bei der gestrigen Fortsetzung der Verhandlung vor der 2. Strafkammer, die in der dritten Nach Mittagsstunde begann, standen dem Angeklagten die Siechtsanwälte Dr. C o ß m a n n und Dr. Zella zur Seite. Es wurden noch mehrere Zeugen über Thatsachen vernommen, durch welche die Glaubwürdigkeit des Belastungszeugen Helmessen erschüttert werden sollte. Wie immer in solchen Prozessen sind in der Zwischenzeit den Vertheidigern noch eine Reihe von Zu- fchriflen zugegangen, durch welche die Aufmerksamkeit auf ver- schiedeue bisher noch nicht zur Sprache gebrachte Punkie zur Charakteristik des Mädchens und ihres Vaters gelenkt wurde. Das Mädchen blieb auch gestern ohne zu wanken bei ihren letzte» Bekundungen, die dem Angeklagten günstig waren. Ein an die Vertheidiger gerichteter anonymer Brief gab Ver- anlassung, sofort eine Friseurin Fräulein Neuman» zu laden. An diese hat das Mädchen� Helmessen einen Brief geschrieben und darin mitgetheilt, daß Castan unschuldig sei und sie nur zu Modellzwecken benutzt habe. Ihre erste Aus- sage habe sie nur aus Furcht vor ihrem Vater gemacht. Diese Zeugin bekundete ferner, dem Vernehmen nach, daß der Vater Helmessen nach dem neulichen Terinin gesagt habe:„Ich bin der Mann, mir wird geglaubt, Castan ist garuichts."— In der Verhandlung kam ferner zur Sprache, daß der Vater Helmessen seine Tochter jetzt in der Zwischenzeit zu den Predigern der Dreifaltigkeitskirche geführt habe und das Mädchen auch den Geistlichen gegenüber dabei geblieben iei, ihre jetzige entlastende Aussage sei die reine Wahrheit. Es wurde beschlossen, die Prediger R ö h r i ch und Schulz von der Dreifaltigkeilskirche als Zeugen zu laden und die Fortfetziing der Verhandlung auf Sonnabend 9 Uhr zu vertagen. Wegen Aufreizung wird sich der Reichstags- Abgeordnete Dr. B ö ck e l nächstens vor de», Strafrichter zu verantworten haben, die Anklageschrift ist demselben bereits zugestellt. In- kriminirt ist ein Gedicht:„Brutus, schläfst Du?" das vor einiger Zeit im„Volksrechl" veröffentlicht wurde. Eine» groben Vertranensbruch beging der angebliche Arbeiter Max S ch e u f f l e r aus Rixdorf am 1. Juni d. I. gegen de» Arbeiter Lehma» n aus Berlin. Letzterer zog am genannten Tage von der Mariannenstraße nach der Grünauerstraße und da er hierzu Hilfe brauchte, wandte er sich an den beschäftigungslos am Maybach- User stehenden, ihin bis dahin gänzlich unbekannten Angeklagten. Scheusfler war auch sofort bereit, gegen einige Mark beim Umzug zu Helsen. Zunächst sollte er eine Partie Kleidungsstücke nach der neuen Wohnung bringen, doch traf er dort nicht ein nnd ließ sich über- Haupt nicht wieder sehen. Lehmann begab sich daber auf die Suche nach dem unbekannten Helfer und hatte das Glück, den- selben im höchsten Grade betrunken auf den Köllnischen Wiesen schlafend anzutreffen. Ein herbeigeholter Gendarm verhaftete de» Sch. und lieferte ihn in das Rixdorfer Amtsgerichts- Gefängniß ein. Hier gestand Sch., daß er die sämmtlichen Sachen, welche gegen 100 M. werth waren, für 5 M. versetzt, das Geld aber verjubelt habe. Das Rixdorfer Schöffengericht verurlheilte de» zahllos vorbestraften Scheuffler mit Rücksicht darauf, daß der Geschädigte ein armer Arbeiter ist, wegen Unter- schlagung zu neun Monaten Gefängniß. Einer Reihe vou llrknndeufälschitiigen, die aus Räch- sucht begangen sein sollten, war die Frau Auguste Vogel, die Ehefrau eines pensionirten Schutzmannes beschuldigt. Sie stand gestern dieserhalb vor der neunten Straskammer des Land- gerichts I. Am 17. Dezember v. I. erhielt ein im Hause Sorauer- straße 25 wohnender Arbeiter einen Brief folgenden Inhalts: „Es ist mir durchaus nichts daran gelegen, wenn Sie kündigen und sich eine andere Wohnung suchen, denn Sie scheinen ein Sozialdemokrat zu sein. Solche Leute dulde ich nicht in meinem Hause, Sie können sich bei Ihren Gesinnungsgenossen eine Wohnung suchen, ich hätte sie sonst um 30 Mark ge- steigert." Unterzeichnet war der Brief mit dem Namen des Eigenthümers Rudolff. Innerhalb einiger Tage erhielten 15 andere Miether desselben Hauses ganz gleichlautende Briefe. Der Eigenthümer hatte den empörten Miethern gegenüber einen schweren Stand. Sie kündigten ihm an, sein Verfahren im Vorwärts" veröffentlichen zu wollen und ließen sich erst durch die Versicherungen des»iudolff, daß er zu den Briefen in gar keiner Beziehung stehe, beruhigen. Der Verdacht der Thäterschafr lenkte sich auf die Angeklagte. Ihr Ehe- mann war Vorbesitzer des Hauses gewesen und hatte mit Rudolff mehrere Prozesse geführt, in denen der letztere gesiegt hatte. Sie bestritt ihre Schuld im Vorverfahren wie im Termine mit großer Entschiedenheit, die Aehnlichkeit ihrer Handschrift spricht aber nach dem Gutachten des Schreibsachverständigen gegen sie. Ter Gerichtshof trat der Aussührung des Ver- theidigers, R.-A. Dr. Coßmann, daß das Gutachten des einen Sachverständigen zur Verurtheilung der Angeklagten nicht aus- reiche, bei und vertagte die Verhandlung, um nach dieser Richtung hin eingehenderen Beweis zu erheben. VerrmmnUrngen. Eine Versammlung der Händler und Händlerinnen. die am 28. Juni tagte, beschäftigte sich abermals mit den Zu- ständen jin der Zentral-Markthalle. Von dem Referenten Saß, sowie von den nachfolgenden Diskussionsrednern wurde nochmals eingehend geschildert, welchen Schädigungen die Zwischenhändler durch die unreellen Geschäslspraktiken der Engrosverkäuser aus- gesetzt sind. In einer Resolution, die ihrem Inhalte nach der- jemgen entspricht, die bereits eine vorausgegangene Versammlung angenommen hat, wird von der Markthallen-Berwaltung verlangt, die von den Interessenten geforderten Aenderungen ein- zuführen. Tie Zustände in den Werkstätten der Aktieu-Gesell- schaft S. Bergmann n. Co., Fennstr. 21, bildeten das Ver- Handlungsthema einer öffentlichen Metallarbeiter-Versammlung. welche unter ungemein lebhafter Betheiligung von Arbeiterinnen und Arbeitern am 1. d. M. im Meyer'schen Saale, Müllerstr. 7, stattfand. Zu derselben hatten auch der Herr Direktor R u n k, sowie die Herren Meister Bensinger, Necke und Joseph freundliche Einladung erhalte», doch hatten� die Herren der Tapferkeit besseres Tiieil erwählt und die Vorsicht gebraucht, statt selber zu erscheinen, sich vertreten zu lassen. Diesen Vertretern, obgleich man sie kannte, wurde dennoch bereitwilligst Gast- freundschaft gewährt. Referent war der Vertrauensmann der Berliner Metallarbeiter, Genosse Rüther. Derselbe erblickte in dem großen Juteresse, welches dem zur Tagesordnung stehenden Gegenstande seitens der Arbeiterschaft entgegengebracht werde, den sicheren Beweis dafür, daß mit der öffentlichen Besprechung der Zustände in den Werkstätten der Aktiengesellschaft S. Berg- manu u. Co. einem tiefgefühlten Bedürfnisse entsprochen werde. Vorausgeschickt möge hier gleich werden, daß der Referent unter vollster Zustimmung der Versammlung die Ansicht aussprach,� daß wobl keine zweite Fabrik in Berlin einen größeren Anspruch auf das Prädikat„Knochenmühle" erheben könne, wie die Bergmann'sche. Die Lohnverhältnisse bezeichnete der Referent als geradezu be- jammernswerthe. Durch fortdauernde Abzüge se.en die Löhne der Arbeiter— es kommen zum größten Theile Mechaniker in betracht— auf das Niveau der Hungerlöhne herabgedrückt und bewegen sich in aufsteigender Skala von 9 M. Wochenlohn an für jugendliche Arbeiter, welche mit Vorliebe beschäftigt würden, bis zur schwindelnden und daher selten erreichten Höhe eines Wochenverdienstes von LI M. Diese Einnahmen ständen im schroffsten Gegensätze zu den Einnahmen des Herrn Direktors und der Herren Meister. Bei dem grenzenlosen Jndiffereutismus und der herrschenden Indolenz der dortigen Arbeiter sei es nicht weiter wunderbar, daß sie alle Abzüge durch ver- längcvte Arbeitszeit und vermehrte„Knufferei" wettzumachen suchen. Auf diese bedauernswerthen Eigenschaften seien auch die sonstigen Annehmlichkeiten in der vorgenannten Fabrik zurück- zuführen. Mit rührender Fürsorge werde z. B. darüber gewacht. daß die Arbeiter durch Biergenuß nicht benebelt werden, durch Branntweingenuß nicht das volmmn tremens erhalten, durch Kaffeegenuß nicht zu Waschweibern und durch zu vieles Essen nicht fettleibig werden. Um letzteres zu verhindern, seien Frühstücks- und Vesperpausen überwundene Standpunkte. Wolle der Arbeiter frühstücken oder vespern, so müsse er verstohlen einen Happen genießen, denn nach empfangener Belehrung „sei die Fabrik keine Freßanstalt". Streng verboten sei es serner. Speisen auf die Arbeitstische zu legen, diese erhielten ihren Platz unter dem Tisch angewiesen. Das vorschriftsmäßige Fabrik- getränk sei Wasser, obgleich das Fabrikwasser ungenießbar sei. In Rücksicht hieraus werde den Arbeitern jetzt„Eiswasser" zur Verfügung gestellt. Sonstige Getränke würden im Betretungs- falle konfiszirt und die betreffenden Arbeiter hätten zu gewärtigen, aus dem Paradiese vertrieben zu werden, welcher Akt in der Berguiannschen Fabrik nicht gerade zu den Seltenheiten gehören soll. Vollzogen werde eine solche Austreibung nicht nach be- rühmtem Muster durch einen Engel mit flammendem Schwerte, vielmehr durch einen Fabrikgewaltigen nnt„aufgekrämpelten Aermeln"! In Wechselbeziehung zu der verlangten einfachen Lebensweise der Arbeiter in der Fabrik ständen, wie der Referent weiter darlegte, auch die Kloseteinrichtungen. Für die etwa 130 Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen seien iui ganzen vier Klosets vorhanden, die zudem noch von den Arbeitern einer ziveiten Fabrik mit benutzt werden. Unter diesen idyllischen Verhältnisse» erscheint es begreiflich, daß das eine oder das andere Kloset zeitweise„streikt" und erübrigt es sich, auf die er- baulichen Schilderungen des Referenten»ach dieser Richtung hin hier näher einzugehen. Nicht unerwähnt kann aber bleiben, daß auch hier die Arbeiter zur möglichsten Enthaltsamkeit an- gehalten werden und daß mit peinlicher Genauigkeit die Dauer der„Besuchszeit" überwacht wird. Ter Herr Direktor soll ausgerechnet haben, daß. wenn jeder Arbeiter 3 Minuten an dem heimlich trauten Orte verweile, ihm jährlich 200 Arbeitsstunden verloren gingen! Ter Aufenthalt in der Fabrik werde noch besonders angenehm gemacht durch die Schering'sche chemische Fabrik auf der einen Seite und durch die eigene Brennerei aus der anderen Seite. Eine wahrhaft sensationelle Wirkung auf die animirte Versammlung übte die Mittheilung des Referenten, welche die Entlassung eines Ma- schinisten betraf. Dieser hatte eines Abends zu seiner Erholung ein Lokal mit Damenbedienung besucht. Als er dasselbe verlassen wollte, betrat ein Fabrikgewaltiger das Lokal. Am anderen Morgen habe der Maschinist seine Entlassung erhalten unter der Begründung, daß man Leute, die Lokale mit Damenbedienung besuchen, in der Fabrik nicht brauchen könne!(Stürmische Heiterkeit.) Wir übergehen eine Reihe weiterer Mittheilungen, die zur persönlichen Charakteristik des Herrn Direktors und seiner Herren Meister dienten und wollen nur die eine hier einflechten, nach welcher der Herr Direktor einen Arbeiter, welcher sich den Luxus des Käse- genuffes geleistet hatte, mit Karbolwasser desinfizirte, weil er den 5täsegestank nicht vertragen könne. Wir wollen das hier in kurzen Zügen vorgeführte Bild schließen mit dem Hinweise darauf, daß die Fürsorge der Fabrikleitung für die Ardeiter sich sogar über die Fabrik hinaus erstreckt, indem jedem Arbeiter bei seinem Ab- gange ein Führungsattest mit auf den Weg gegeben wird.— Nachdem der Referent diese Zustände in treffender Weise ge- geißelt hatte, konnte er nicht umhin, den Arbeitern und Arbeite- rinnen die bittersten Vorwürfe zu machen über ihren Jndifferen- tisnuis und ihre Opferung aller Selbstachtung. Er appellirte an ihre Menschenwürde und verwies auf den Weg der Organisation, die nicht Unterstützungszwccken, sondern der Erlümpfung besserer Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu dienen habe. Dieser Appell vcr- hallte nicht ungehört und erklärten Arbeiter und Arbeilerinnen wider Erwarten zahlreich ihren Beitritt zu einer der bestehenden Organisationen. Eingeladen waren weiter die Arbeiter der aus demselben Grundstücke befindlichen Fabrik von Fabian. Nach Mittheilung des Referenten sind von d9 dort beschäftigten Kollegen nur 7 organisirt, obgleich nach dieser Richtung hin den Arbeitern nichts in den Weg gelegt werde. Unter diesen Um- ständen sei es nicht zu verwundern, daß letzthin eine Fabrik- landpartie nach einem für organisirle Arbeiter gesperrten Lokal unternommen und zu dieser Partie auch ein Banner benöthigt wurde, dessen Kosten in Höhe von fast 60 M. aus der Straf- lasse gedeckt worden seien. Ueber die internen Verhältnisse dieser Fabrik verbreitete sich der Referent nicht weiter, ebensowenig über die Verhältnisse der ebenfalls eingeladenen Eisen- gießerei von Arndt, von welcher Firma ein Vertreter der Versammlung beiwohnte. Diesem sowie den Versammelten gab der Referent bekannt, daß die Verhältnisse dieser Fabrik in einer demnächst stattfindenden Versammlung zur Erörterung gelangen werden und gab er zugleich der Hoffnung Ausdruck, daß auch diese Versammlung ebenso stark besucht sein werde, sowie daß bis dahin ein Theil der auch in jeuer Fabrik herrschenden Mißstände bereits beseitigt sein würde. Wie sehr der Referent aus dem Herzen der Arbeiter ge- sprachen, bewies der jubelnde Beifall, der ihm gezollt wurde. Die folgende lebhafte Diskussion bestätigte vollauf das vom Referenten vorgeführte. Ja, ein Redner konstatirle ausdrücklich, daß der Referent noch nicht schwarz genug gemalt habe! La»d«mannchaft der Schleswig-Nollteinrr i» Herllu. Mittwoch. den z. Juli, abends kjl Uhr: General-Versammlung im Vereinslotal „Kommandanten- Garten", Kommandantenftr. lo— u. ,.«»,»pl,nra alba". Verein sür Aquart-ntunde. ttat Mittwochs nach dem >. und 1°. jeden Monals tm Lolal Schönleintir. si. Die Anmeldunacn zur Aulnahme neuer Mitglieder finden in den Sitzungen fiatt. Gäste stets will- kommen. Berliner Kranken-zluterftiidung«-»nd Kegrabniffaerein s»r Frauen und Ztiüdchr». Donnerstag, den». Juli lS95, im Restaurant von R. Matschte, Andreasstr. IS: Vorstandssitzuna. Ziergnngnngsverein Italia. Mittwoch, den S. d. M.> abends g Uhr, bei Thiessen, Zionslirchplatz l: Sitzung mit Damen. Besprechung über unsern nächsten Ftdelitas. Ber liner Kadfahrer- Kenoircnfchakt..Koildaritiit". Sitzung jeden Mittwoch, abend» g Uhr. im Restaurant Wtlh. Roll, Waldemarstr. m. Tagesordnung: Statutenberathung. Ardeiirr- Kildn»g»schnlr, Mittwoch, abendS Tsi— 8)s Uhr! Lektüre. «!(— mx Uhr: Nordschule, Müllerstr. nsa: Naturerkenntniß(Der Darwinismus.— Wanderung und Verbreitung der Organismen. Die Eis- zeit der Erde.) S ü d 0 st s ch u l e, Waldemarstraße Nr. U: Geschichte(alte). Bei alle» Unterrichtsfächern werden neue Thetlnehmer, Damen und Herren, jederzeit ausgenommen. itft- und Sioirniirlllnd«. Vliitwoch. JohannJacobn, bei Fritz Lietzle, Cchwediersiraste SZ.- Gesundbrunnen, Abends«X Uhr, bei Lascrland, Bellermannsir. 87.— Gleichheit, Abends 8!j Ubr der Stramin, Ritterstraste Iis.— Heine, Rixdorf Abends 8llUhr, Prinz-Handjernstr. 00, parterre.— Einigkeit, Abends 8� Uhr bei Zeige, Triststr. l.— Theater- und Leseklub Morgenroth, abds. s Ubr, tm Rcstaur. Ttcle, Lothrtngerstr. 87. Krrrin ehrniatiger Kchiitrr der 18.«enieindc Schul». Jeden Mittwoch, abends e'i Uhr, Trotze Frankfurtersir. so. Ehemalige Schüler und Gäste willkommen. Arbeiter- Sängerbund Berlins und zlmgegend. Vorsttzender Ndols Ncumann, Pasewalkerfir. 8. Ave Aenderungen tm VereinSkalcndcr stnd zu richten an Fried. Kortum, Manteuffelilr.«s, v. 2 Tr. Mittwoch. UebungS stunde Abends 9 Uhr. Aufnalme von Mitgliedern.— LiedeSfreiheit l, Andreasstr. 26. bei Wille.— Norddeutsche Schleife, Echönleinstr.» bei Kartz.— Unverzagt t, Manteufselsiratze 9 bei Nowack.— Freya I, (Gemischter Estor), Rosenthalerftratze Nr. e? bei Wernau.— Lorbeer- kränz l, Wcinstratze Nr. 28 bei Späth.— Deutiche Eiche l, Grobe Franlsurierstratze Nr. 189 bei Gold.— Echo I, Pankow, Wollank- slratze 118 bei Lehmann.— Gesangverein Arion III, Rixdorf, Herrmann- und Herrfurthstratzen-Eche, beiWettz.— FreundeSlreue(gcmisch. Chor), Gr. Frankfurter str. ISS bei Eoid.— Einigkeit 1(Hutmacher), Neue Friedrtchstr,«e bei Rölltg.— Allegro, Wrangelstr. m bei W. Schmidt. — Frethcit r, Bülcwstratze sd bei Richter.— Stein nelke, Päse- walke rstratze 8 bei A. Ncumann.— Süd-Ost, Fallkenftetnstr. 7 bei Trittel nütz.— L i e d e S I» st, Fürsteuwalde an der Spree, Schlotzlelleret.— Freier Männerchor Nord-West(früher Klempner) Moabit, Emdcner-.und Siimcnsstratzcn-Ccke l«.— K up s er sch nu ed e. Metnstratze Ii bei Feind.— Rothe Nelke i, Cchöneberg, Golzstr. 4» bei Mauke.— Appolonia, Roscnthalerstr. 07 bei Wernau.— Fr c ih e it e a r u tz, Eremmenerslr. I bei Mathus.— Schneeglöckchen l, Rixdorf, Hermann- und ikarlSgarten- stratzcn-Ecke bei Hilpert.— Schneeglöckchen 2, Potsdam, Brandenburger »cmmunikatton is bei Glaser.— Matengrutz 8, FricdrichShage», Rund- theil. bei Lerche.— Unverdrossen, Lindowerstratze 8u bei Sachs.— Felsenburg, Langcsrratze 85 bei Owczareck.— Rütli, Friedenau, im Kur bau», Rtirg- und Rheinstratzen-Cckc.— Borwärls 7, Rummels- bürg, Cöthe- und Kantflratzc- Ecke bei Ereincrt— Hofsnling 8, Brandenburg a. H.,„Konlordia", Mtlhelinsdorferstratze.— Fr e i h e it S> klänge 1, Stallschretberftr.»9,„Zum eichenen Stabe" bei Schöning.— vertnistckzkes. Thomas Henry Huxlcy,") der große englische Physiolog und Naturforscher, ist vorige» Sonnabend— den 23. Juni— im Alter von 70 Jahren gesiorben. Am 4. Mai 1823 geboren, studirte Huxley in London Medizin, machte als Schisfsarzt große Reisen, die seinen Blick und sein Forschungsgebiet erweilerteu, und wurde 1833 Professor der Physiologle an dem„Königlichen Institut" und Mitglied des königlichen Kollegs der WisseiffchafU». Seine Forschungen führten ihn zu ähnlichen Ergebnissen wie Darwin, seinen Freund, dessen Mitkämpfer eher als Schüler er war. Seine zahlreichen Schriften, unter denen„die Stellung des Menschen in der Natur" in Teutschland wohl am bekanntesten ist, zeichnen sich ebenso durch Gründlichkeit und Tiefe wiedurchKühn- heil itnZieheu der letzteuKonscquenze» aus. Mit derKirchebrachHuxley schon früh vollständig und warf dem Klerus den Fehdehandschuh hin, was einem Engländer in dieser Lehensstellung hoch angerechnet ") Sprich Höcksläh. werden muß. Ohne direkt Parteimann zu sein, setzte er seine Hoffnungen auf die Arbeiterklasse, von der er die Regeneration der Gesellschast erwartete; und vor Arbeitern entwickelte er mit Vorliebe das Ergebniß seiner wissenschaftlichen Forschungen. Die Wissenschaft war ihm kein Monopol der reichen und sogenannt gebildeten Klassen. Die Wissenschaft für das Volk! das war seine Losung; und die Wissenschaft dem Volk zugänglich zu machen, galt ihm als sctiönster und höchster Beruf. Unter den englischen Arbeitern genießt Huxley auch eine Verehrung, wie vor ihm nur Robert Owen sie genossen hat. Und auch die Arbeiter der übrigen Länder sind dem großen englischen Ge- lehrten ein dankbares Andenken schuldig. In Breslau stürzten am Montag in der Volks-Badeanstalt für Frauen infolge des Einsturzes einer Brücke gegen 20 Personen in das Waffer, mehrere wurden verletzt. In Kassel wüthete in der Nacht zum Dienstag ein furcht- barer Sturm, welcher besonders in den Wilhelmshöher Park- anlagen große Verwüstungen anrichtete. In mehreren Nachbar- orten, so in Elmshagen und Grebenstein, wurden durch den Sturm die Dächer der Häuser abgedeckt. Die Felder sind auf iveile Strecken durch Hngelschlag vernichtet und hunderte von Bäumen entwurzelt worden. Zins Amberg wird berichtet: Nach einem Telegramm, welches der„Amberger Volkszeitung" von vertrauenswürdiger Seite zugegangen ist, sind in Eslarn im ganzen 170 Häuser niedergebrannt. In Calw, Württemberg, tobte am Montag Abend ein etwa 3 Minuten anhaltender Wirbel stürm, der von stärkstem H a g e l s ch l a g mit hühnereigroßen Schloffen be- gleitet war. Ter Sturm richtete außerordentlich großen Schaden an; er deckte Dächer ab, drückte Giebelwände von Gebäuden ein und zerschlug zahlreiche Scheiben. Ganze Waldftrccken wurden zerstört dadurch, daß die Bäume entweder entwurzelt oder abgeknickt wurden. Auch der entstandene Feld- schaden ist sehr beträchtlich. Verluste an Menschenleben sind nicht zu beklagen. Einem späteren Telegramm zufolge hatten unmittelbar vor dem gemeldeten Orkan zahlreiche Schulkinder die Bade- Anstalt verlassen. Dieselbe wurde durch den Wirbelsturm völlig zer- trümmert. Zahlreiche Fcldarbeiter kehrten mit Wunden bedeckt heim. In Laibach erfolgte am Dienstag Abend 10 Uhr 26 Min. nach vorhergehendem unterirdischen Getöse ein starker doppeller, 2 Sekunden andanernder Erdstoß. TaS Fener in der Godillol'schen Fabrik zu P a r i s, welches man schon erstickt glaubte, brach am Montag um 9 Uhr abends wieder an einigen Stellen aus. Die bedrohten Gebäude wurden geräumt; die benachbarten Häuser wurden ebenfalls vom Feuer ergriffen. Fünf Spritzen traten in Thätigkeit. Zwei Arbeiter der Fabrik und ein Feuerwehrmann wurden neuerdings verletzt; um Mitternacht gelang es des Feuers Herr zu werden. Tie Nachricht, daß bei dem Brande zwei Kinder umgekommen seien, ist unbegründet. Auch der abgestürzte Feuerwehrmann ist nur schwer verletzt. Verungliicktcr Lnftschiffcr. Aus Rostow am Don(Ruß- land) wird vom Dienstag berichtet: Der Luftschiffer Kasimir Krasstnski ist hier beim Herablassen mit dem Fallschirm ver- uuglückt. Derselbe stieg in seinem Ballon ungewöhnlich hoch und wurde beim Herablassen vom Winde dem Donfluß zugetrieben, in welchem der Lnftschiffer ertrank. Eine Depesche aus Povtoriko meldet, daß in Barran- quitaS eine Fenersbrunst 31 Hänser zerstörte; Opfer an Menschen- leben sind nicht zu beklagen. Vvi-efkkKen vrv Medstkkkon. Wir bit en bei jeder Anfrage eine Chiffre i(gwet Buchklaben oder eine Zahl) anzugeben, unter der die Anllvorr erlheilr»Verden soll. Montag. Dienstag, Donnerstag und Freitag wird von 7 bis S Uhr abends Auskunft und Rath in Rechtsangelegenheiten erthetlt. H. Borchert. Wenden Sie sich an die Redaktion der „Brandenburger Zeitung". Klage. I. Nein: dem Verfall des Pfandes vorzubeugen, lag Ihnen, nicht dem Gläubiger ob, dem Sie den Pfandschein ver- pfändeten. 2. 2 Jahre.— W. S. Wenn Billets an Nicht- Mitglieder verlaust sind, so kann ein öffentliches Vergnügen als vorliegend erachtet werden. Sprechen Sie gelegentlich in der Sprechstunde vor. Fiir denJnhalt der Inserate über- nimmt die Redaktion dcmPubliknm gegenüber keiuerleiBerantwortung Theater. Mittwoch, den 3. Juli. Zieue» Theater. Tata-Toto. HchiUrr- Theater. Die Hochzeits- reise. Flattersucht. Alerauderplah- Theater. Ver- botene Liebe. Ziationai- Theater. Im Irren- Hause. Theater zlnter de«« Linden. Miß Helyett. Apollo- Theater. Ein Abenteuer im Harem. Friede.- Milhelmflädtischer park. Gastspiel der französische» Panto- mimen-Gesellschaft Leonardy. Schiller-Thealer. (Wallner-Theater) Mittwoch, abends 8 Uhr: Die Koch- friisreise. Flattersucht. Donnerstag, abends 8 Uhr: Ange« der Liebe. Einer»»»iß Heirathen. Frritag� abends 8 Uhr: Augen der Liebe. Einer muß hrirathrn. Sonnabend, abends 8 Uhr: Augen derLiebe. Einer muß hriraihen. Passage- Panepticum. Täglich: Rettung aus Feuersgefahr durch die Aeilemeljr frieiii'iiZk-VsilliölmstsliiiLckeF! tekrt-psrli 25/26 Chausfte- Straße 25/26. Vollständig neues Programm. Gastspiel der französ. Pantomimen-� Gesellschaft Leonardy. Bettler-Quadrille. Grand Cancan. Grosser Lacherfolg. Berlin amüsirt sich! Theaterdlrektor Heinrich Arthur Fraenkel.| RBini Diva die pikante Französin. Entree 30 Pf. Mittwoch, den 10. Juli 1895: Grosses Wiener Praterfest. Kational-Theater. Große Frankfurterstraße 132. Direktion: Max Samst. Am Irrenhanfe. Sensations-Schauspiel mit Melodramen in 3 Akten und 8 Bildern von H. B. Regie: Max Samst. 1. Bild: Zwei Hallunken. 2. Bild: Mn tiefes Geheimnib. 3. Bild: Der Rächer. 4. Bild: Die Geheimnisse des Irren- Hauses. 5. Bild: Ein Verrälher. 6. Bild: Der Plan des Teufels. 7. Bild: Die Tochter des Verbrechers. 8. Bild: Der Giftmord. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Hationaltheater- Garten i Gr. Konzert u. Spezialitäten. Auftreten des vollständig neuen Spezialiiäten-Personals. Kaffenöffnung 3 Uhr. Anfang 6 Ubr. Entree 20 Pf. Reservirter Platz 40 Pf. Gangbare Destillation sof. verkäufl. Näheres Krautstr. 43. 1901b II N SB N S K Anstalt für volksthümllche Naturkunde. Am Landes Ausstellungspark (Lehrter Bahnhof). Geöffnet von 5— 10 Uhr. Täglich Torstellung im wissenschaftlichen Theater. Näheres die Anschlagzettel. UoBksgarten (ehem. Weimann's Volksgarten) Grsnndbrnnne». Kadftr. 56. Direktion: Max Samst. Heute: Großes Kinderfest verb. mit allerlei Volksbelustigungen. Großes Konzert und Theater-Vorstellung. Spezialitäten I. Banges. Auftreten des Verl. Origiual-Komikers Wilhelm Fröhel und Franz Becke. Chansonetten, Soubretten, Liedersänger, Luftgymnastik tc. Täglich: Familien-Ball. Kassenöffnung 5 Uhr.— Anfang des Konzerts 6 Uhr.— Entree 20 Pfg. Fasso-xartouts haben Giltigkcit. Gebe den prachtvollen Weimann'schen Volksgarten an Vereine wochentags unentgeltlich ab._ Reächshallen. Im prachtvollen Garten (bei ungünstiger Witterung im Saal): Täglich: Hllmristisilje Soiree ftfAMflileulscheii Quartett- Ii Ulli ii. GDuplet-Sänger Anfang 8 Uhr. Entree 30 Pf. Reservirter Platz 50 Pf. Sonntags: Anfang 7 Uhr. �DerMteHemilh. �nach"' Mariaberg/ W. Noack's Sommer-Theater, Krnnnenstr. 10. Täglich: Konzert, Theater- und Spezialitäten-V orstellnng. Im Saale: Grosser Ball. Die goldene Insel. Operette von Anton Anno. Bchert DIU, Liedersänger. Geschwister Morre, Dnettisten. Clara Jordan, Stostiim« Soubrette. Rappo-Trlo, Equilibtisten. Castan's Panoptikum. Das Bärenweib. Ein Flug durch die Luft! Bestrafte weibliche Eitelkeit. Kaufmann's Varidtl Konigstr., Kolonnaden. Setzte Woche. Humoristischer Abend der Neumann- Bliemchen's Leipziger Sänger. Neumann, Wilh. Wolff, Horvath, Glpner, Lemke, Feldow und Ledennann. Ans. 8 Uhr. Entree 30 Pf. Der Floh! (La Puce.) Posse von Wilh. Wolff. Stürmischer Beifall. Et i» zum pirprn! Hasenhaide. Heute, Mittwoch: BCime3eraf est mit großartigem neuen Programm. Nene Spozialttätcn. Konzert. Entree 15 Pf.. Kinder 10 Pf.[28061. Donnerstag: I. Elite-Tag. Gala- Parade-Feuerwerk. Doppel-Konzert. Herrn. Ramlow's Weiss- u.Bairisch-Bierlokal. Zwei neu renovirle Kegelbahnen. Vereinszimmer. J_ÖO Kchönhaujer AUce JLOleJt- Heues Club-Hans 72. Kommandanteastrasse 72. Jeden Sonntag: ffisar* BALL."HNZ Empf. meine 4 Käl» zu Festlichkeiten u. Versammlungen gratis. B. Ebeit. Achtung! Allen Freunden und Bekannten, sowie sämmtlichen Gewerkschaften empfcble Mein 2674L» Weiß- n. BilirisH-Bier-Llik�, verbunden mit Fremdenlogis(passend zur Zentralherberge). Brust Sieg enmnd.Alexanderst. 11. Nordhänser. No. 1 Literfl. 70 Pf. 10 Liter 5,00. No. 2„ 80„ 10„ 6,00. No. 3. 90„ 10„ 7.00. *' l. 110„ 5„ 5,50. «»»4„ 150, 5„ 7,50. »♦* 3/4„ 200„ 5„ 10,00. Georg Borstorff, Berlin so., Michaelkirchstr. 18. Eiolvindeu. l'ÄUi! sowie MllohgeschäftB-ütensiliea. Jordan, Kleine Marhnostr. 28. fcsa Ausstellung Italien in Berlin. Station Zoologischer Garten. Donnerstag, den 4. Juli 1895: . IM" M. � B s � s g-WW I. IVieüerliolunA«1er xr. italien. 9riAingI-?e8t-4iiMIii'N0Z: Ein WchzeUsM pi ßortttt im Jahre 184�. Beginn 10 Uhr abends. Schauplatz die gesammte Ausstellung. Entree I Mark, HeM: Großes Festprogramm: 22 italien. Musikkapellen.— Tarantella- Tänzertruppe Marano-Rnbinazzi. Während des ganzen Tages Besichtigung der italienischen Jndustrie-Ausstellung, des Edison- schen Kinetoskopen u. s. w. M- Entree S0 pt."MZ Ostbahn-Park RQdersdorferstr. 71. Am KQstriner Platz. Theater- und Spezialitäten-Vorstellung. Regie: Ol. Hintsche. Gartett Coneert von der 2i Mann starken Hauskapclle unter Leitung des Musikdirektors W. Carlon's. Anfang Sonntags 4 Uhr. Entree 20 Pf. Wochentags 5 Uhr. Entree IS Pf., m\t ein M Bier verabttW ml Volksvelustignnge» jeder Art- 4 Kegrlbaline» znr DerfLgung. Gute Kirre, ausgezeichnete Küche zu soliden Preise». KchWeizer Garten Am Rönigsthor. Am Friedriohshain. Jeden Mittwoch: Kinderftenbe«- und Familienfest, Tiieater u. Spezialitäten-Vorstellung, Familien-Ball— Fackelpolonaise. Enfree 30 Pf. ICincIer EO Pf. Familien können Kaffee kochen. y.''". Allgem. Arbeiter- n. ArbettmMN-Nmm Berlins und Untgegend. Tonnabend, de» v. Juli I8SS, in Wöllstein's Lustgarten, Bismarckstr. 36/37 �illsnsbnvf, Bismarckstr. 36/37: Großes Sommerfest unter Mitwirkung von Reise's Volkssänger-Gesellschaft, Während und nach der Vorstellung: S a n z ü r ä n z ch e n.-MZ Kinder erhalten Mütze und Stocklaterne gratis. Billet 26 Pf. Herren, die am Tanz theilnehmen, zahlen Zv Pf. nach. Den Damen steht die Kaffeeküche zur Verfügung. Anfang abends 8 Uhr. Ende? Das Lokal liegt herrlich am Walde, großer schattiger Garten, 2 Säle. Indem wir den Festtheilnehmern ein genußreiches Vergnügen versprechen, bitten wir um rege Betheiligung. Billets sind beim Komitee sowie vorher an der Kasse zu habe». Der Fahrpreis von Berlin ab Görlitzer und Schlesischer Bahnhof bis Adlershof beträgt 20 Pf. für die Person. Zille Stunden 2 Züge. 13/1- Das Comite. DM- Diejenigen Mitglieder, welche Bücher aus der Bibliothek von dein früheren Bibliothekar Neumann empfangen haben, werden nochmals aufgefordert, dieselben binnen 6 Tagen im Zentrallokal Friedrichsgracht 16, abzuliefern. Es können früher keine Bücher ausgegeben werden, bevor das Verzeichniß richtig geregelt ist. Der Uorstand. I. A.: Villi. Arndt. Sonnabend, 6. Jnli, in Gerling s Tempelhofer Tivoli, B.). Platz für zirka SOOO Personen. Elektrische Beleuchtung. Pfcrdebahnverbindung bis vor die Thür. .Entree für Damen 30 Pf., für Herren Hierzu ladet ergebenst ein V0 Pf. inkl. Tanz. 1320b Der Vorstand. Unserem Freunde und Genoffen Wichsmeier, Lübeckerstr. 27, ein drei mal donnerndes Hoch zu seinem heutigen Wiegenfeste, daß die Nullweißen knallen lSö7b Deine Stammgäste. Am 1. Juli nachts U/s Uhr verschied sanft nach kurzem schwerem Leiden meine liebe Frau und Mutter Alma Liese, geb. W i ch e r t. Dies zeigt tiefbetrübt an der trauernde Gatte Villielm I-ieso nebst Kindern Die Beerdigung findet Mittwoch nachm. 21/2 Uhr von der Leichenhalle der kgl. Charito aus statt. lSS2b Stempel-kahrik Insctrilt- ßravirnng, Monogram, Thürschild. Datum und Marken- Stempel, Schablonen Vereins-Abzeichen. Lawn-teniiis-Schulie Nadfahrer-, Turn- u. Kellner-Schuhe mit Gummi-Sohlen, Gummi-Tischdecken, Gummischläuche sc. zu billigsten Fabrikpreisen empfiehlt 0. Lietzmann, Gummiwaarenfabrik, 423M Rosenthalerstr. 44._ Erdbeer-Bowle Pfirsich-Bowle frisch, ausgezeichnet ä Flasche 60 Pf. inkl., 10 Fl. Mk. 5,50. Johannioberrmrin, herb, Fl. 60 Pf. Drsertmrin, süß, Fl. 75 Pf. Stacheibeermeiir, ganz vorzüglich, Flasche M. 1,—. Echt Mitsborstr Kbör. & Str. 1.80, 5 Str. 5,50, 10 Str. 10,—, 50 Str. 47Vs, 100 Str. 90,- Echten alten Uordhänfrr Ltrfl. Mk.1,10. 5 Liter ä Mk. 0,90. 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Getto ssettschostsK ackeret für Berlin und Umgegend (Eingetragene Genossenschaft urit beschränkter Haftpflicht) Müllerstraße 34. Wir machen die werthen Genoffen darauf aufmerksam, daß unser Brot, dem feit einigen Tagen eingetretenen Fallen der. Mehlpreise entsprechend, wieder die Schwere hat, die es vor dem Steigen der Preise hatte. Wir werden unserem Prinzip gemäß das Gewicht des Brotes erhöhen, wenn sich ein weiteres Fallen der Mehlpreise ergiebt, wie wir auch beim Steigen derselben lieber eine Verringerung des Gewichts als eine Ver- ringerung der Güte des Brotes eintreten lassen. Aus unser unter der Bezeichnung„Hamburger Schwarzbrot", ein reines Noggenschrotbrot, machen wir die werthe Kundschaft, als aus ein höchst wohl- schmeckendes, leicht verdauliches und nahrhaftes Produkt aufmerksam; es ist in allen unseren Niederlagen er- hältlich. M/i ver Vorstand. Arbeiter Berlins! 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