�benöausgabe klr. 30 ♦ 43. Iahrgaag Ausgabe B Nr. 15 Bezugsb-dinzun-ien und«njtiflejwttif« sind in der Morgenausgabe angegeben »edatlioa: Zw. SS, cindeaftrotz« Z Zern'precher: V0-hoff 292— 201 Xcl.-UAteffcrSojIalbcmofcaf Octlln Devlinev Volksblstt (lO Pfennig) Dienstag 1�. Januar 1026 Verlag und Anzeigenabteiiuug: Scichaitsieit S— d Uhr Serleger: Vorwärls-Verlag GmbH. Berlin SU). 68, eioveaslrahe 8 keraspreGer VSnhofs 202— 20T Zcntralorgan der Sozialdcmokratifcbcn partct DeutPchlands Regierungsbilöung in öer Schwebe. Die Demokraten bleiben bei ihrem Beschlutz. Kurz nach 10 Uhr empfing der Reichskanzler Dr. Luther die Führer der Millelparlelen, um die gestern abgebrochenen Bc- fprechuugen wieder aufzunehmen. An diesen Besprechungen nahmen leil von der Deuifchen Bolksporiei Dr. Scholz. Dr. Zapf, vom Zentrum Vc. Marx und Fehrenbach, von den Demokraten Koch und Erkelenz, von der Bayerischen Bolksparlei Dr. Leicht, wie verlautet, haben die Demokraten von ihrem heule Rachl gefaxten Beschluß Kenntnis gegeben. Die Rücksprache mit den demokralischen Vertretern dauerte nur kurze Zeit, da diese erklärten, daß sie keine weiteren vor- schlage zu machen hätten. Der Reichskanzler hatte dann nacheinander E l n z e l- b e s p r e ch u n g e n mit den Vertretern de» Zentrum», der Deulsi�cn Volkspartei und der Bayerischen Volkspartei. Im Anschluß daran fand eine gemeinsame Konferenz Dr. Luthers mit den Führern dieser drei Parteien statt. In dieser Konferenz soll noch einmal geprüft werden, ob eine Möglichkeit besteht. die demokratische Fraktion zu einer Regierung». bildung der Mitte hinzuzuziehen. An diesen Besprechungen nehmen auch der Außenminister Dr. Stresemann. der Arbeitsminlster Dr. Brauns, der postmlnister S t i n g l und Reichswehrminister Dr. Geßler teil. Tie Sitzung der Tewokraten. Räch der Besprechung zwischen Luther und den Mitlelparteien am heuligeu vormittag waren zunächst Gerüchte eutstauden, wonach den Demokraten ein Kompromißvorschlag unter- breitet worden sei. über den die Demokratische Fraktion in einer neuen Sihunz beraten sollte. Zn Wirklichkeit ist ein solcher k o n- kreier Kompromißvorschlag bisher nicht unterbreitet worden. Die Sitzung der Demokratischen Fraktion, die um 12 Uhr begann und bi» 2 Uhr dauerte, war bereits gestern abend vereinbart worden, um die Wirkung des ablehnenden Bcschlusie», den die Fraktion um Mitternacht gefahl halte, zur Kenntnis zu nehmen. Alle Gerüchte, wonach den Demokraten ein Kompromiß angeboten worden sei in der Form, daß Koch Vizekanzler und vielleicht zugleich auch Finanz- oder wirlschastsmiaister werden sollte, während das Innenministerium einem weniger.prononcierten" Demokraten. z. B. Dr. Külz, angelragen werden würde, sind unrichtig. Sie sind daraus zurückzuführen, daß Dr. Luther am Montag abend tatsächlich derartige Andeutungen gemocht halte, die jedoch von den demokratischen Unterhändlern zurückgewiesen wurden. Zu der Frakllonssitzung der Demokraten wurde nun ein schwacher versuch unternommen, durch.Auslegung- de» gestrigen Be- schlustes und mit Hilfe der Lutherschen Andeutungen die Fraktion zum ll m s a l l zu bewegen. Aber die sehr große Mehrheit der Demokraten wandle sich ganz entschieden gegen derartige dialek- tische Kunststücke. Es wurde zum Ausdruck gebracht, daß In der Frage de» Unllarismus kein Unterschied zwischen Koch und Külz gemacht werden könne und daß die Selbstachtung dervemo- krattschen Partei e» Ihr verbiete, in diesem Punkte nachzugeben. Die Demokraten stellten sich schließlich aus den Slandpunkt. daß für sie k e i n A n l a ß vorliege, eine wettere Frak- tionssihung abzuhalten, da ihr gestriger Beschluß eindeutig und endgültig sei.>> * Die demokratische Presse begegnet dem Vorstoß der Daye- tischen Volkspartei für die Festlegung der„Regierung der Mitte" aus den Rechtskurs mit berechtigter Erregung. Das „Berliner Tageblatt" schreibt: »Das Kabinett der Mitte, mit besten Bildung der Reichs- Präsident v. Hinbenburg den Reichskanzler Luther beauftragt hatte, ist also deshalb gescheitert, weil die Bayerische Volks- parte! als Innenminister einen Staatsmann ablehnte, der be- fähigt und entschlossen war, dieses Ministerium im Geist« der Reichstreue und der Verfassungstreue zu führen, und well der Reichskanzler Dr. Luther nicht den Mut oder nicht den guten Willen hatte, diesen ungeheuer- lichen Einspruch zurückzuweisen. Die klare und eindeutige Haltung der demokratischen Fraktion wird weit Über die Kreise der Partei hinaus, Anerkennung finden. Ueber die Konsequenzen wird noch zu reden sein" Die„Vossische Zeitung" stellt fest: „Es Handelt sich hier um ein Vorkommnis, für das es in der parlamentarischen Geschichte der letzten Jahre überhaupt keinen Ve r g l e i ch gibt. Geradezu grotesk aber wirkt die Begründung der Ablehnung Kochs durch die Biyerische Volkspartei, die sich der Reichskanzler durch seine jetzige Haltung zu eigen macht. Denn es ist wohl in keinem anderen Land bisher vorgekommen, daß mim als Grund des Widerspruchs gegen einen Minister eines Landes geltend macht, daß er die Stärkung der Reichsgewalt des Landes auf seine Fahne geschrieben habe. Nach dieser Ablehnung war für die Demokratische Partei ein Verhandeln überhaupt nicht mehr möglich. Denn es mi ßte ganz ausgeschlossen sein, daß an die Stelle Kochs irgendein anderes Mitglied der Fraktion trat, das sich damit ja den Vorwurf hätte machen lasten mästen, daß es weniger entschieden demokratisch und weniger ent- schieden auf die Wahrung der Rechte des Reiches als Reichsminister hätte bedacht sein wollen Wenn man annimmt, daß der Reichs- kanzler Dr. Luther wirklich ernst die Absicht gehabt hat, ein par- lamentarisches Kabinett der Kleinen Koalition zustandezubringen, so muh man Über die Ungeschicklichkeit staunen, die dieser sonst so geschickte Mann für die Durchführung seines Planes entwickelt hat. In diesem Falle bliebe nach unserer Auffassung dem Reichs- kanzler allerdings nichts anderes übrig, als heute bereits seine Mission in dl« Hände des Reichspräsidenten zuräckzulegen.- Die„Germans a" berichtet über die Verhandlungen von gestern mit deutlicher Sympathie für die demokratische Haltung. Sie läßt erkennen, daß hinter der Bayerischen Volkspartei die Deutsche Volkspartei als Treiber steht. Sie berichtet aus den Verhandlungen: .Dann kamen die Volksparteiler auf die.einfachste Lösung" zurück, nämlich aus ihren ursprünglichen Vorschlag, das Innenministerium mit einem der ihrigen zu be- setzen." Es sollte eine„Regierung der Mitte" zustande gebracht werden, die in Wahrheit ein maskiertes Rechtskabinett fein sollte. Das ist der Sinn des Streits. Hegen öen Nhein-Nlilitarismus. Schritt des deutschen Botschafters in Paris bevorstehend. Paris. 19. Januar.(Eigener Drahtbericht,) Wie der„Petit Parisien" mittellt, wird der deutsche Botschafter in Paris, von h o e s ch am Dienstag oder Mittwoch dem französischen Ministerpräsidenten einen Besuch abstatten, um ihm die E i n w ä n d e der deutschen Regierung gegen die Aufrechterhaltung der Besatzungstruppen in einer Stärke von 7 SO 0 0 Mann in der zweiten und dritten Besatzungszon« zu übermitteln. Nach einer ossiziösen Meldung aus London sind die deutschen Einwände, die der englischen Regierung bereits durch den deutschen Botschafter gemacht worden sind, augenblicklich Gegen st and der Prüfung durch die englische Regierung. Bevor eine Antwort an die deutsche Regierung erteilt wird, soll ein M e i n u n g s a u s- tausch zwischen London, Paris und Brüssel stattfinden. Der Fall Luppe. Protest der Konimnnalbcamten— Einstellung des Berfahrens? Rürnderg, 19. Januar.(Eigener Drahtbericht.) Zum Verfahren gegen Oberbürgermeister Luppe nehmen jetzt auch die N ü r n- berger Kommunalbeamten Stellung. Einstimmig faßten die in der R-ichsgewerkschaft Deutscher Äommunalbeamten organi. sierten Beamten der Stadt Nürnberg eine Entschließung, worin auf das schärf st e dagegen protestiert, wird, daß im Versahren gegen den Oberbürgermeister Dr. Luppe von unverant- wortlichen Elementen in Wort und Schrift mit den niedrigsten Mitteln eine nicht mehr zu überbietende Hetze getrieben wird: .Die republikanische Beamtenschaft in Nürnberg ist über- zeugt, daß das ganze Treiben der Gegner des Oberbürgermeisters nur daraus entspringt, daß Dr. Luppe ein Überzeugter Anhänger der republikonisiden Reichsversasiung ist. Die Gemeindebeamten bandeln im Sinne der übergroßen Mehrzahl der Nürnberger Einwohne», wenn sie der Ho'snnng Ausdruck geben, daß Herr Oberbülgermeifter Dr. Luppe recht bald in sein Amt zurückkehrt," Am vergangenen Sonnabend wurde Dr. Luppe und am heutigen Dienstag der Stadtsekretär Z a p s vom Untersuchung»- richter vernommen. Wie in eingeweihten Kreisen verlautet, zieht man aus dem Umstand, daß weder gegen den Polizeidirektor Gareis noch gegen den Führer der Reichsflagge, Hauptmann heiß, denen ebenfalls Widersprüche in ihren Zeugenaussagen im Streicher- Luppe-Prozeß nachgesagt wurden, von der Staatsanwaltschaft ein Versahren eingeleitet wird, den Schluß, daß gegen Luppe der Prozeß nicht eröffnet wird. Man rechnet damit, daß binnen vier- zehn Tagen bis drei Wochen das Verfahren gegen Luppe z u r E i n- stellung kommt. Das Urteil im Grans-prozeß. 1Ä Jahre Zuchthaus. Hannover. 19. Januar.(TDXB.) heule mittag 1,15 Uhr wurde da» Urteil im Grans-prozeh gefällt. Das Urteil de» Schwurgericht» vom 19. Dezember 1924 wird, soweit e» Grans betrifft, aufgehoben. Der Angeklagte Händler Fritz Grans, wird wegen Beihilfe zum INorde in zwei Fällen zu einer Gesamt- strafe von 12 Jahren Zuchthaus und Tragung der kosten de» Verfahrens verurteilt. Außerdem werden dem Angeklagten die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 12 Zähren aberkannt, ferner wird auf die Zulässigkeil der Stellung unter Polizeiaufsicht erkannt. fiusüehnung ües Zäischerprozeffes- Wirkung der französischen Mahnung. Budapest. 19. Januar.(WTB.) Vorgestern spät abends ist Prinz Windischgrätz von der Staateanwallschaft einem Verhör unterzöge» � worden, da» bis Mitternacht dauerte. Nach dem Verhör erklärte der Oberstoatsanwatt Journalisten gegenüber, e» sei eine Ergänzung der Untersuchung notwendig geworden, die auch schon im Zuge sei. Ec würden neue Verhöre angestellt, da in den bisherigen Aussagen gew. sie Lücken und Widersprüche vorhanden seien. Die Umerjuchung werde Momag sortgesetzt werden. Lohnpolitik öer Reichsbahn. Geschichte eines Schiedsspruches. Das Schlichtungsverfahren, das die jüngste Lohnde- wegungderArbeiterderReichsbahn im wesent- lichen zum Abschluß gebracht hat, zeichnet sich durch eine Reihe von Eigentümlichkeiten aus, die zu einer Betrachtung im Zu- sammenhange geradezu herausfordern. Das Verfahren hatte, wie wohl jedes andere dieser Art, außer dem chauptteil, den eigentlichen Verhandlungen mit dem Schlichter und im Schiedsgericht, ein Vorspiel und— was nicht mehr so ganz alltäglich ist,— zur harmonischen Ab- rundung des Gesamtbildes obendrein ein N a ch s p i e l. Unter dem Vorspiel verstehen wir die Einleitung des Verfahrens durch das Reichsarbeitsministerium, vor allem also die Be- stellung des„besonderen Schlichters". Nur nebenbei erinnern wir daran, daß die Reichsbahn- gefellschaft sichtlich bestrebt war, bereits die Verhandlungen der Parteien untereinander, die dem Verfahren vor der Schlichtungsbehörde voraufgehen müssen, s o lang« wie möglich hinzuziehen und eine klare Antwort auf die Forderungen der Gewerkschaften so spät wie möglich zu er- teilen. Als die— selbstverständlich ablehnende— Antwort der Reichsbahngesellschaft am 14. Dezember endlich gegeben wurde, beantragten die Gewerkschaften sofort die Einleitung des Schlichtungsverfahrens beim Reichsarbeitsminister. Damit beginnt das.. was wir das Vorspiel nennen. Es kostete unendliche Mühe, eine Persönlichkeit zu f i n d e n, die den Parteien genehm und zur Uebernahme des Schlichteramtes bereit und auch sachlich imstande war, die vor- liegende Aufgabe ohne Verzögerung in Angriff zu nehmen. Staatssekretär a. D. R ü d l i n erklärte sich schließlich als ein- zige der darum befragten Persönlichkeiten bereit, das Schlichter- amt zu übernehmen, aber mit dem Vorbehalt, daß er das Ber- fahren erst am 29. Dezember eröffnen könne. Da, wie gesagt, eine andere geeignete Persönlichkeit überhaupt nicht zur Ver- fügung stand, mußte das Verfahren trotz seiner Dringlichkeit bis zu dem von Herrn Rüdlin bezeichneten Tage ruhen. Es trat also ein Zustand der Verzögerung ein, der dem Erfolg eines Schlichtungsversahrens äußerst gefährlich werden kann und der daher Zweifel darüber auskommen lassen muß, ob das für Fälle dieser Art gesetzlich vorgeschriebene Verfahren, das immer mit dem Herumsuchen nach einer zur Schlichtung geeigneten Persönlichkeit verbunden ist, seinen Zweck überhaupt zu erreichen vermag.' Zweck des Schlichtungs- Verfahrens ist es, soziale Reibungen zu mildern und offene soziale Kämpfe, Streiks und Aussperrungen nach Möglichkeit zuverhüten. Diese Aufgabe, die nur erfüllt werden kann, wenn das Verfahren schnell durchgeführt wird, wenn die Schlichtung dem sozialen Kampf zuvorkommt, wird für besonders wichtig gehalten bei Lohnbewegungen in l e b e n s- wichtigen Wirtschaftszweigen. Zu diesen gehört die Reichsbahn ohne Zweifel. Schnelles, entschlossenes Handeln der zuständigen Behörde und reibungsloses Funktio- Nieren des gesetzlichen Apparates sind hier vor allem geboten — und nun zeigt sich, daß der Mechanismus des Schlichtungs- betriebes gerade an dieser Stelle v e r s a g r. Wir fühlen uns verpflichtet, die Oeffentlichkeit auf diesen Borgang aufmerksam zu machen, well wir in ihm einen Prüfftein für die Brauchbar- keit des nach unserer Ansicht wichtigsten Teiles des gesamten Schlichtungswesens erblicken. Die Erfahrungen, welche die Eisenbahner jetzt mit dem Schlichtungswesen machen mußten, dürfen bei einer zukünftigen gesetzlichen Neuregelung des Schlichtungsverfahrens nicht übersehen werden. Wir verbinden jedoch mit unseren Feststellungen keinerlei Vorwürfe gegen die Beamten des Reichsarbeitsministeriums, deren Aufgabe es war, den Schlichter zu berufen und das Ver- fahren auf die Beine zu stellen, und wir erheben auch keine Anklage gegen die Person des Schlichters selbst. Obwohl die Ergebnisse der Schlichtung die Gewerkschaften keineswegs be- friedigen, halten sie sich doch von einer persönlich gerichteten Kritik an den im Schlichtungswesen tätigen Männern fern. Das Unternehmertum gibt allerdings auch hierin ein schlechtes Beispiel Es verfolgt die Männer, die sich einmal der Schlichtung eines Lohnstreites bei der Reichsbahn zur Verfügung gestellt und dabei ein gewisses Verständnis für die Lage der Arbeiter und die Forderungen der Gewerkschaften gezeigt haben, besonders hartnäckig mit seiner Krisik noch lange über den Zeitpunkt des betreffenden Ereignisses hinaus. Das Unternehmertum ist sichUich bestrebt,. seine Herrschaft über die Reichsbahngesellschaft mit Hilfe seiner Vertreter im Verwaltungsrat fest zu begründen. Dazu er scheint es ihm vor allem nötig, die Lohnpolitik der Reichsbahn gefellschaft so zu bessimmen, daß sich aus dieser Lohnpolitik keine von den Unternehmern als unangenehm empfundenen Konsequenzen für andere Zweige der Wirt s ch a f t ergeben können. Daran zeigt sich zunächst, daß infolge der Umwandlung des Reichsbahnunternehmens in eine Gesellschaft und der daraus entstandenen engen Verbindung der Interessen des Kapitals mit denen der Reichsbahngesellschaft die Lohnde- wegungen der Eisenbahner und ihr Ausgang wachsende Bedeutung für eine große Zahl anderer Industriezweige und ihrer Arbeiter und Angestellten erlangt baben. Das alles zusammen, die gegen die Personen der Schlichter gerichtete Kritik der Unternehmer und die Bedeutung der Ausgabe, die mit jedem Schlichtungsverfahren in dieser Sphäre verbunden ist, sind die Gründe dajür, daß sich so wenig »abhängige Persönlichkeiten finden, die bereit sind, dieses Spiel zu wagen. Da aber das System auf die freiwillige Mitwirkung solcher Persönlichkeiten eingerichtet ist. wird es an diesem Punkte immer wieder versagen. Dem Hauptteil der Affäre, dem eigentlichen Schlichtungs» -erfahren, dos mit dem bekannten Schiedsspruch endete, der. je nach der Lohngruppe, ein bis zwei Pfennige Zulage pro Stunde vorschlug, diesem Hauptteil folgte das Nachspiel. Der Schlichter hatte als Endtermin der Erklärungsfrist den 12. Januar bestimmt. Die Gewerkschaften hatten sich bis dahin für die Annahme des Schiedsspruchs entschieden und sie gaben rechtzeitig dem Reichsarbeitsminister den ent- sprechenden Bescheid. Die Reichsbahngesellschaft aber hatte es nicht fertiggebracht, sich rechtzeitig zu entscheiden. Am Tage des Ablaufs der Frist stellte sie daher an den Reichsarbeits- minister das Ansinnen, die Erklärungsfrist zu ver» l ä n g e r n. Die Herren, die im Auftrage der Gesellschaft diese Angelegenheiten besorgen, Männer, die bei der Be- ratung arbeitsrechtlicher Gesetze im Reichslage wiederholt auch im Auftrage der Regierung mitgewirkt haben, wissen genan, daß die gesetzlichen Bestimmungen dem Reichsarbeits- minister keine Möglichkeit zu einer solchen Aenderung der Erklärungssrist bieten. Wenn sie trotz solcher Kenntnis der gesetzlichen Vorschriften so seltsame Forderungen erheben, so hat das vor allem den Zweck, in der Oeffentlichkeit den Ein» druck hervorzurufen, als habe die Reichsbahngesellschaft auch gegen diese geringe Aufbesserung der Eisenbahnerlöhne die heftigsten, selbstverständlich nur von einer großen„Derant- wortung für das volkswirtschaftliche Ganze� eingegebenen Bedenken. Außerdem glauben sie immer wieder nachweisen zu müssen, daß die zu einem gewissen Schutze der Arbeiter gegebenen gesetzlichen Borschriften für sie und ihr Unter- nehmen unpassend seien, damit sie davon den Anspruch ab- leiten können, daß zu ihrem Vorteil von den gesetzlichen Bor- schriften abgewichen werde. Sie versäumen daher keine Gelegenheit, gesetzwidrig zu handeln oder g e s e tz- widrige Ansprüche zu erheben, weshalb aber auch wir keine Gelegenheit versäumen wollen, auf die Motive und die krummen Wege dieser Herren aufmerksam zu machen. Die Gewerkschaften hielten sich dagegen streng an die gesetzlichen Bestimmungen. Sie betrachteten das Ausbleiben der Erklärung der Reichsbahngesellschaft als Ablehnung des Schiedsspruches und beantragten die B e r b i n d l i ch k e i t s- erklärung. Die Verhandlungen, die der Verbindlichteits- erklärung vorausgehen müssen, fanden am Sonnabend, den IS. Januar statt. In diesen Verhandlungen forderte nun die Gesellschaft» das Verfahren möge bis Ende Januar aus- gesetzt werden, damit sie Zeit habe, sich für oder gegen den Schiedsspruch zu entscheiden. Wir brauchen nicht mehr nachzuweisen, daß diese neue Unverfrorenheit abermals gegen den Sinn des Schlichtungswesens verstößt. Ein Schlichtungs- verfahren ist wahrlich kein Erperiment mit der Geduld aus- g e b e u t e t e r A r b e i t e r, die sich in einer Lohnbewegung befinden. Der Reichsarbeitsminister konnte daher dieser neuen Aufsorder un g, den Boden des Gesetze» zu verlassen, um der Reichsbahngesellschaft gefällig zu sein, unmöglich folgen, und er hat daher noch am gleichen Tage die Verbindlichkeitserklärung beschlossen. Der ganze Vorgang läßt die große Bedeutung der Lohnbewegungen der Eisenbahner für zahlreiche andere Arbeitnehmer erkennen und zeigt überdies von neuem, was die in der Reichsbahngesellschaft gegen- wärtig führenden Kreise den Arbeitern, der Oeffentlichkeit und der höchsten Schlichtungsbehörde, dem Reichsarbeits- Ministerium, z u b i e t e n w a g e n. Die Lohnbewegung der Eisenbahner ist aber damit nicht abgeschlossen, denn nach der Verbindlichkeitserklärung des Spruches beginnen nun die Verhandlungen über die Ortslohnzulagen auf Grund des gleichen Schiedsspruches. Kollwitz-�lusftellung in New gort. Don Louis« Diel. New Dort. Anfang Januar. Beim Abschied von Berlin schaute mich Frau Kollwitz lang halb ängstlich-besorgt, halb slnnend-gespannt an und meinte dann:„Dia» Sie mit dieser Ausstellung wohl alle» erleben werden!" Ich kann es Ihr jetzt erzählen Zwei Ausstellungen haben stattgefunden: Eine auf hoher See an Bord de»„Albert Ballin", die nur wenige Stunden dauerte, und dann die New Dorker im Eivic Club, welche vor Weihnachten eröffnet wurde und in den ersten Januartagen ihren Abschlutz fand. Zu vielen Hunderten sind sie gekommen, um sich Kollwitz-Kunst anzusehen. Die einen kannten sie au» ihrer Jugend aus Deutichland vor zwanzig Jahren, die anderen lesen den„Ptonler" der New Dorker Voltszeitung, wieder andere«rinnern sich an Neproduktlonen in deutschen Zeitschriften... aber beinahe oll« kannte» sie oder hatten Shon ein« persönliche Einstellung zu ihr. Es war oft rührend und im nnersten beglückend, zu beobachien, mit welcher Andacht und Hin- gab« jede» einzelne der vielen Blätter stundenlang betrachtet wurde. und dann das Urteil zu hören: Schlicht und selbstverständlich, al» ob es gar nicht anders lauten könnte, al» ob es aller Muttersprach« wäre. Und da» war es für diese Freunde Im tiefsten Sinn. S!« empfanden kein Grauen, kein Fremdseln, sie fühlten sich daheim. Das ist traurig und schön— beides zugleich, tief beschämt erkannte ich das immer wieder. Di« Gewißheit in mir wuchs mehr und mehr, und heute kann sie mir niemand mehr umstoßen: Käthe Kollwitz wurzelt so tief in der Seele des Volkes, jedes Einzelnen, Suchenden, Leidenden, Rin» genden; ihr Werk gibt ihm immer wieder Holt und Kraft zum Tragen, ohne zu resignieren, ohne sich zu ergeben.... Sie sporn« an und sie beschwichtigt, sie zeigt Anfang und Ende jener zeitlosen, ewigen Tragödie, die sich Aufruhr und Krieg nennt, und In jedem und zu jeder Zeit gärt und kämpft. Sie spricht Mensch zu Mensch. Wer tut da» sonst? Spaltet alle» andere au», läßt alles Beiwerk. „Daß der Mensch zum Menschen werde", darauf allein kommt e» an! Ich denke an den vergangenen Welhnachtetag, wie der .»rbeitenouristenverein Naturfreunde" die Ausstellung besuchte und wir miteinander olle die oertrauten Bilder betrachteten und zu un» sprechen ließen, und wir dann im vollen Chor deutsche Lieder sangen, glücklich Inmitten dieser Welt de» Ernstes, froh von Innen heraus. Da» war Festltimmung, selten ha» sie mich'o gefaßt, ich werde ihr noch oft nachsinnen. Da» alle» möchte ich Käthe Kollwig erzählen, möchte Ihr im Nomen von uns allen die Hand dankbar schütteln, daß sie ihr Leben solchem Menschheitewerke gewidmet. Und ich möchte ihren Freund und Gatten. Dr Karl Kallwitz, dabei gewiß nicht vergessen, kenne ich ihn doch, sein Hilfswerk an armen Kranken, das nie ruht und uneioennützig ein aanzes Menschenalter nun schon wirkt. Wenn tch bei diesen lieben Menschen in der freundlichen Stube mit den Michelangelo-Bildern an den Wänden in Gedanken Einkehr halte und von Welt und Dingen mit ihnen plaudere, dann fühle ich, daß e» doch eigentlich keine Trennung gibt und dt« wirklich« Gemein- schast zeit- und raumlo» ist. politische Justiz. Ein liuksstehender Oberstaatsanwalt soll niedergehetzt werden. Vor dem Großen Schöffengericht Chemnitz wirb demnächst der Prozeß gegen den Freiberger Oberstaatsanwalt A s m u s durch- geführt. Es handelt sich um einen der tollsten Fälle des politischen Mißbrauchs der Justiz gegen einen.sozialistischen Beamten. Dr. Asmus ist von der früheren sächsischen sozialistischen Regierung zum Oberstaatsanwalt beim Freiberger Landgericht bestellt worden. Gegen ihn richteten sich besondere Angriffe des Generalleutnants Müller: wie sehr die Militärverwaltung an den nachfolgenden Er- «ignissen Interessiert ist. ergibt sich daraus, daß sich in den Akten wiederholt Anfragen des Heeresanwalts befinden, die sich nach dem Stand des Verfahrens erkundigen, obgleich doch der hier in Rede stehend« Prozeß reine Angelegenheit der Zioiloerwaltung ist. Nachdem nach dem Einmorsch in Sachsen die sozialistische Ne- gierung beseitigt war, wurden versuche unternommen, den Ober- staatsanwalt Asmus zu beseitigen. Man bot ihm die Stelle eines Landgerichtsdirektor» an. Er lehnte ab. Nachdem also die Versuch«. ihn auf gutem Wege aus der staatsanwaltschaftlichen Tätigkeit zu beseitigen, gescheitert waren, wurde ein andere» Verfahren einge- schlagen. Die General st aatsanwaltschaft in Dresden in engstem Einvernehmen mit dem sächsischen Minister Dünger leitete gegen den Oberstaatsanwalt ein Verfahren au» Z 346 Str.G.B. ein: e» wurden nahezu seine gesamten Akten durchgesehen und daraufhin geprüft, ob er linksstehende Beschuldigte b e g ü n st i g t habe. Nachdem die Voruntersuchung eröffnet und durchgeführt war, beantragte die Staatsanwaltschaft die Einstellung des Ver- fahren». Eine Strafkammer in Freiberg unter Vorsitz eines extremen deutschnationalen Landgerichtsdirektors Dr. Siebdraht eröffnete das Verfahren in sieben Fällen. Hiernach ist Dr. Asmus beschuldigt, es in sieben Fällen in der Absicht,«inen Be« schuldigten der Strafe zu entziehen, unterlassen zu haben, die Strafverfolgung durchzuführen. Es handelt sich bei diesen sieben Fällen: 1. Um«inen Fall, in dem der sozialdemokratisch« Redakteur in Freiberg der Beleidigung de» Generals Müller durch die Presse beschuldigt war: Asmus hat das Verfahren wegen Nichtvorliegens einer Beleidigung eingestellt. 2. In allen übrigen sechs Fällen handelt es sich um mehr oder weniger bedeutende oder unbedeutend« Auftritte, die teil» als Land- friedensbruch, teil» als Körperverletzung, teil» als Nötigung zur An- zeige gebracht waren. In diesen sechs Fällen, die einen Tell eine» Gesamtdezernats von etwa tausend Fällen darstellen, hat Asmus das Verfahren eingestellt, teil» aus Rechtsgründen, teils well sich«in Täter nicht hatte ermitteln lassen. In allen diesen Fällen ober hat Asmus Verfolgungsmaßnahmen unternommen, Vernehmungen durch die Polizeibehörde, teilweise durch das Amtsgericht angeordnet und sein« Entscheidung erst auf Grund vorgenommener Ermittwngsmaßnahmen getroffen. Es wird ihm in diesen Fällen nur zum Vorwurf gemocht, er hätte noch mehr ermitteln müssen. In allen Fällen hat auch Asmus den begründeten Cinstellungs- beschwß den Anzeigenden bzw. Verletzten zugestellt, sodaß also die Verletzten Gelegenheü hatten, wenn ihnen die Einstellung unrecht erschien, Beschwerde zu erheben und damit über den Kopk des Ober- staatsanwalts weg das Verfahren weiter in Gang zu halten. Von dieser Möglichkeit hat der General Müller in dem Fall unter l Ge- brauch gemacht mit dem Erfolg, daß die Generalstaatsanwaltschaft in Dresden die veschwerde des Generals ZNüller zurückwies, asso die Entscheidung de» Oberstaatsanwalt» billigle. Dieselbe Generalstaatsanwaltschaft ist nunmehr aus Grund des veschlusse» jener Strafkammer gezwungen, den Oberstaatsanwalt Asmus des Der- brechen» au,§ 348 StGv. anzuklagen wegen eine» Leschlusses, den selbst gebilligt und nicht abgeändert hat. Da in den gesamten Akten auch nicht eine äußerlich inkorrekte Handlung dem Oberstaatsanwalt Asmus nachgesagt werden kann, alle Akten ordnungsgemäß geführt sind und alle vom G-setz strikt vorgeschriebenen Handlungen geschehen sind, ist diese Anklage allein gestützt aus den inneren Totbestand: die ganze Anklage beruht aus Wenn hoffenllich in diesem oder dem nächsten Jahr« das Ehepaar Kollwitz nach Amerika kommt, dann wird es viele Freunde vorfinden, die ihm all« zurufen:„Wir sind gute Bekannte, wir kennen uns längst— von Mensch zu Mensch, von Welt zu Welt!" »Dunte Tänze" hieß das Programm der Sonntagsveranstalwng unseres Berliner Bildungsausschusses in der Phil- Harmonie. Ein leichter, locker gebauter„Auftakt", den H a r a l d Kreutzberg mit dem Tonzensenible der Staatsoper brachte, leitete e» ein, in dem etwas billigen, aber amüsanten„Radetzkn-Marsch" (Max T e r p i s und Ensemble» klang es aus. Man Iah neben einigen Neuheiten o.ele liebe alte Bekannte, denen man immer wieder gern begegnet. Kreutzbergs„Aufruhr", das stärkste männ- liche Solo der modernen Tonzbühne. bildete den Höhepunkt. Ihm schloß sich ein Wrlzer der Ruth Marcus an. der nicht nur technisch durch seine effektvollen Pirouetten wirkte, sondern auch choreographisch mit einer farbensatten Fülle seelisch auedruckcvoller Details ein kleines Kabinettstück bildet. Max Terpis glänzte In einem phantasievoll komponierten, schmissig gebrachten. Chromatischen Galopp". E d« t b Moser und Käte Neumann gaben einig« schon au» dem Blüthn-rsaal bekannt« Nummern: Das Ls» äe äeux „Aufschwung", den„Spanischen Tanz" lMoser) und die komposi- torisch nicht kanseauen» gebaute, an einer Uebersülle kontrastierender Motive leidende, durch die hinreißend« tänzerische Ausführung abe> schr wirksam«„Rhapsodie"(Neumann). Ueberraschend gut war wieder Elisabeth Grube, deren EMwickiung von der Primaballerina zur modernen Tänzerin dauernd erfreulich« Fortschritte macht. Ihre„Humoreske" habe ich nie so lebensvoll und dabei so prickelnd blumig und spielerisch leicht oesehen, wie Sonntag. Auch die unver- wüstllche Scherznummer„Schlendrian", die sie mit Kreutzberg tanzt, wirkt In der Aueführung mit seder neuen Produktion vollkommener. Ein Fehlschlag war der„Spitzenwolzer". den die Grube mit drei Tänzerinnen vorführte. Solche kleinen Ensembletänze müssen mit der Exaktheit eine» Orchesters w'rken. in dem die verschiedenen Instrumente zusamm-nklingen und doch sedes zu seinem Recht kommt. Moderne Gruppentänze, z. B. Laban?, besitzen diese Eraktheit. Der alte Ballettstil, auch der der Russen, erreicht sse nicht. In diesem Spitzenwo',er sollen vier verschiedene tänzerilch« Individualitäten zusammenwirken, aber sie wirkten neben-, zuweilen gegeneinander. Da» Resultat war ein Cboos. I. S. Der Völkerbund'aueschuß für aeissiae Z- sammenarbeil hat am Montag unter dem Vorsitz von Professor Lorentz leine siebente Trguug geschlossen. Der Bericht der Unterkomm'ss-on für Wissenschaft und Kunst, der das Arbeitsprogramm des Völkerbund�amtes für geistige Zusammenarbeit in kllnstler!s+:er und wissenschaftlicher Beziehung regelt, wurde gebill-gt. Der Völkerbundsauestfniß bat ferner die Prüfung des Entwurfs der Satzungen für das Völkerbundsamt zur Vereinheitlichung des Prioatrecht» abgeschlossen, zu dessen Er- richtung in Rom die stalienische Regierung sich erboten hat. Künstlerhilse. Auf Grund von Vereinbarungen der Werk- Hilfe bildender Künstler, die in Gemeinschaft mit dem Wirtschaft- lichen verband b'ldender Künstler Berlin arbeitet, ist vom Landes» arbeitsamt Berlin eine Rundverfügung ergangen, welche die Arbeits- der durch keinen sachlichen Beweis gestützten Behauptung, der Ober- staatsanwalt habe aus politischen Motiven zugunsten der Angeschuldigten gehandelt. Rein äußerlich liegt der Fall so, daß, was wohl gleichfalls in der deutschen Rechtsgeschichte noch nicht vorkam, sämtliche Freiberger Richter sich ein«r nach dem andern von sich aus für befangen erklärten, sodaß für die Verhandlung des Strafsalles durch das Oberlandesgericht Dresden das Große Schöffengericht in Chemnitz bestimmt werden mußte. die tzohenzollern gegen üie Kleinen. Ein Propagandafeldzug für den Raubzug. Der„Demokratische Zeitungsdienst" macht auf ein«.Vereini» gung für einen rechllichen Ausgleich des Staates mit dem Hause Hohenzollern" aufmerksam, die wahrscheinlich eine verkappte Pro- paganda- und Press« st eil« der Hohenzollern ist. Sie überschwemmt die demokratische Presse mit Zeitungsartikeln über die Abfindung. Die Art dieser Propaganda wird durch einen Artikel gekennzeichnet, in dem es heißt: „Die Not der Zeit erfordert dringender denn je, daß über- trieben- und lächerliche Forderungen unberück- sichtigt bleiben. Der demokratische Antrag findet seine Recht- ferligung vor allem darin, daß das thüringische Staats- m i n i st e r i u m einen Hilferuf an die Reichsregierung gerichtet hat, weil es unter der Last der Fürsteniorderungen finanziell zusammenbrechen würde. In gleicher Weise undiskutabel und selbstverständlich einige Forderungen, wie sie in M e ck l e n- bürg verfochten werden." Der Aufsatz fordert weiter dazu auf, diese„kleineren Fürstenhäuser zur Räson zu bringen". Hier müsse „zweifellos kräftiger zugepackt" werden. Die hohen- zollern dagegen müßten geschont weiden, da der vorgeschlagene Vergleich dem Staat alle die Werte sichere, die ihm„sinngemäß" zukämen. Da, edle Herz der Hohenzollern erscheint wieder einmal in ben- galischer Beleuchtung. Nachdem gerade ihre unverschämten Forde- rungen eine Empörung hervorgerufen haben, die«ben so stark wie einmütig ist. versuchen sie durch eine Hegaktion niedrigster Art die Bewegung auf ihre„kleineren" Vettern abzulenken. Der Versuch>st so plump, daß er das Gegenteil von dem zur Folge haben wird, was er beabsichtigt. Derartige Methoden werden auch denen die Augen über die„Moral" der Hohenzollern öffnen, die bisher ver Meinung waren, die Frage der Abfindung sei«in Rechts- Problem« das am grünen Tisch gelöst werden könne. Indem Artikel der hohenzollernschen Propaganda st elle wird eindeutig empfohlen, den Rechtsboden, wie er durch die Gerichtsentscheid« in den Fällen Meck- lenburg und Thüringen geschaffen worden ist, zu verlassen, soweit er die kleineren Fürltenhäuser angeht. Da» Reich wird nicht päpstlicher zu sein brauchen als die Hohenzollern. Fordern die Hohenzollern dazu auf, die kleinen Fürstenhäuser zur Räson zu bringen, so wird da» Reich daraus für sich das Recht herleiten können, mit den Hohenwllern nach derselben Metbode zu verfahren. Die Pressestelle der Hohen-ollern trägt damit zur Klärung der Lage bei, indem sie selbst zugesteht, daß die Gerichte in dieser Frage nicht da» letzt« Wort haben können. Vernehmung Mahrauns und vornemann». Wie die Tele- graphennnlon erfährt, werden heute der Hochmeister Mahraun und der Kanzler Bornemann de» Jungdeutschen Ordens in Berlin von einem aus Leipzig entsandten Vertreter des Oberreichsanwalts vernommen. ver Kontur» de» Konzern» Deutscher caadbrndgevvssenichcslen. Auf eine kleine An'iage ter Kammunsslen über»ine eiwaio« Beteiliannq de» Preußi'chen Sloate« an dem Ende November v. I. in Konkur» gegangenen Konzern Deutscher Landbundaciiossei schaiirn erreili der vreußr'che Finai'ziiirnrsler nachstebende Ännvorl:.7er Preußische Sranr bat dem in Konkrrr» geralenen Konzern Deriise er Landbundger'osienicbaiien e. G. m b.H. in L-gindaiion. Berlin, Lützowslr.>67. kerne Geldmiitel zur VeriLgriiig gesiellr. 7er Preußilche Staat ist an die'er Genossenslbasl weder mittelbar noch unmittelbar beteiligt." Nachweiskontrolle der bildenden und ausübenden Künstler, die die städtische Erwerbslosenhilfe in Anspruch nehmen, regelt, und zwar für sämtlich« Künstler, bildende Künstler, lonkünstler, Schriftsteller und Bühnenkünstler. Die Rundo-rsügung lautet:„Um für bildend« und ausübend« Künstler, die die Voraussetzung zur Gewährung von Crwerbslosenunterstützung(krankenoersichcrungspflichtige Beschä'ti- gung usw.) nicht erfüllt hoben, die Vorbedingung zu schaffen, soll diesen Künstlern gestattet werden, ssch wahlweise bei den Dezirks- arbeitenachwersen oder der In Schöneberg, Neues Rathaus, Rudo ph- Wilde-Platz, Zimmer 288, bei der„Werkhilfe bildender Künstler" vom Landesarbeitsamt Berlin errichteten Zentralstelle eintragen und kontrollieren zu lassen. Die Bezirkserbeitsnackweise werden hierdurch ersucht, Eintragung und Kontrolle solcher Personen aus deren Antrag zu übernehmen." Da» Mädchen vom Maya-Slamm. Ein lebendes Phänomen erregt gegenwärtig in London großes Interesse, nicht bloß beim Laienpublikum, � sondern auch bei den Gelehrten, die Im B.itish Museum sich mit völkerkundlichen Forschungen befassen. Es handelt sich um em zwölfjähriges Mädchen namens Emiüa Vasquez, das zu dem berühmten Stamme der Maya gehört- und von einer Eng- länderin adoptierf und aus Südamerika nach England nrtgenamrnen tDor.en ist. Der Lolksftamm. dem das Mädchen entsvrosscn ist. zahlt heute nicht viel mehr als sünsztg Genossen und ist Im Aus- sterben begriffen. Er wohnt in der Nähe einer vul- tonischen Ortschaft bei Bubaantum(?). der tausendjährige» Ruinenstadt, die vor einiger Zeit in Britisch- Honduras cnt-ckl worden Ist Der Maya-Stamm hat eine oieltausendjährige Ge» schichte: er weist gewisse Aehnlichkeiten mit der mongolischen Rasse auf und wurde nach der spanischen Invasion In Südamerika de- zimien. Der ganze Zuschnitt des Lebens der Maya war dem der Mexikaner ähnlich, nur angepaßt dem bedeutend wärmeren Klima, in dem sie lebten kDukrtan, Tabaseo und G-mtemrla). Die Klei- düng bestand bei den Männern aus einer S.hambinde, bei den grauen aus einem um die Hütten gew ckelten TucI'! der Oberkörper blieb meist unbedeckt. Die Mcya schnürten den Kmdsrn den Kaps ®reHer, um ihm eine lange, abgeplattete Gestalt zu geben: die Zahne seilten sie spitz, den Oberkörper tätowierten sie: das war ihr Sck-önheitstdeol. Daß die Kultur der Mcya aus einer acHbaren Höbe stand, beweisen die Architekturdenkmäler und die D: der- schriften des Stammes, die sogenannten May'.-Hleroglypbm, von denen mehrere uns nock erhalten sind(Dresden, R-iris und Madrid). Die Maya stehen im Rufe, die gleichgültigsten Menschen der Weit zu sein: es gibt bei ihnen z. B. keinerlei Liebesäußerimgen zwischen Mann und Frau, Ellern und Kindern: niemand weint öder trauert. wenn ein Familienmitglied stirbt. Emissa Lcrsquez erweist sich in dieser Hinsicht ihres Stamme» durchaus würdig: London h-t auf sie nicht den geringsten Eindruck gemocht, weder im guten noch im schlechten Sinne. Die mobernsten Erfindungen, wie Telephon, Radio usw. ließen.sie durchaus kalt. Manchmal nur huscht etwas wie ein Läcbeln über ihr Antlitz, aber sie lächelt dann sozusagen nur aus Höflichkeit und ist im übrigen ein„steinerner Gast". Oderschulrat f Ufer bait am Freitag, abend» 8 Uhr. in der« In«corgen- itrage 30.31, am«.chnbof Fn-drichllr. einen Po,«rag über.Schwuna. Gymnastik- mit Dmjührungen der Sode-Sihat« durch Herrn Hlnrich Strafantrag im Perlacher Aloröprozeß. Totschlag in II fallen: 10 Jahre Zuchthaus. München. 13. Januar.(vdZ.) Zm Münchener Mordprozeh stellte der Staatsanwalt folgenden Strafantrag: Für beide Angeklagte wegen Totschlags in lt Fällen als Mittäter, begangen durch die Erschiehung der Perlacher Bürger, für jeden Fall sechs Zahre Zuchthaus. Die Strafe soll zusammengesaht werden in eine Gesamtzuchthaus st rase von tv Jahren. Die Untersuchungshaft ist voll anzurechnen. Die Anklage wegen Mordes im Falle Ludwig wird fallen gelassen. Heute wurden die Sachverständigen vernommen. General Exzellenz Ernst v. Oven gibt zuerst die Befehle bekannt, die für die Truppen maßgebend waren. Als grundlegender Befehl bestand der bekannte SchieherlahNoskes. Er wurde durch einen B e- fehl des Gardeschützenregiments verschärst, der später wieder eingeschränkt wurde. Diese Einschränkung der Befehle ist dem Freikorps Lützow nicht bekanntgegeben worden und konnte ihm auch seinerzeit nicht bekanntgegeben werden. Bei einer Führer- besprechung in Berlin wurde vom Reichswehrminister den ver- sammelten Führern bekanntgegeben, es liege ihm fern, jeden Unter» sührer zur Rechenschast zu ziehen, wenn einmal ein Mihgrisf er- folge, und der Minister denke nicht daran, jeder Unterführung einen Prozeh zu machen, wenn einmal ein eingebrachter Gefangener er- schössen werde, auch wenn dieser nicht unmittelbar mit der Waffe in der Hand angetrossen sein sollte. Für das Oberkommando in München lag keinerlei Deronlassung vor, diese Befehle nachträglich zu oerschärsen. Noch weniger habe angesichts des sanatischen Wider- standes der Ausständischen eine Veranlassung vorgelegen, den Befehl abzuschwächen. Diese Notwendigkeit trat erst noch der Besitz- nähme von München ein. Das Oberkommando hat daraufhin einen einschränkenden Befehl gegeben, und zwar am S. M a i. Es ist ober auher Zweifel, dah dieser Befehl dem Frei- korps Lüjzow zur Zeit des Erlasses noch nicht bekannt sein konnte. Der Befehl besagt« u. a., dah mit der Waffe in der Hand getroffene Personen auf der Stroh« erschossen werden. Wer festgenommen ist, kann nur gerichtlich abgeurteilt werden: zuständig ist das standrechtliche Gericht. Festgenommene Personen sind der Polizei zu übergeben. Es wurde noch besohlen: wer Erschießungen vornimmt, macht sich des Morde» schuldig und wird unter Anklage gestellt. Der Sachverständige fährt fort: Die Wiederherstellung der Ordnung des Staates haben wir zu danken der Vaterlandstreue und dem Opfermut von Männern, zu denen auch diejenigen gehören, die heute auf der Anklagebank sijzen. verleumöunyen und Seschimpfungen. Frctztagh-Loringhovcn verdächtigt die Reichsregierung. Der sattsam bekannte Breslauer Univerfltätsprofessor v. Frey- tag-Loringhoven hielt in Dresden bei einer Reichs- gründungsseier eine Rede, in der er nach einem Bericht der.Deut- schcn Zeitung' u. a. ausführte: Eingehend schilderte der Reichstagsabgeordnete die Führer- losigkeit in Berlin, das Verhandeln und Handeln u m P o st ch e n. An starker Führung, wie«inst im alten Kaiserreich, fehlt es an erster Stelle bei uns heute. Andere ölaaleu können vielleicht unter Parlamenlarismus und Republik leben, wir Deutsche wollen e» nicht.(Stürmisches Bravo!) Schonungslos brandmarkte der Rcdner die Politik des Lölkerbundes, die Erfüllungspolitik und die von Locorno und stellte fest, dah da» Volk überall oeläuschl wird, dah wichtigste Dinge ihm verschwiegen werden. Besonder» mit Stresemann rechnete Freiherr von Freytagh ab und brandmarkte seine unselige Verzichtpolitik im Geiste der neuerwachten Schlagwort-Atlivilät der wilhelm.irahe. Stürmische Zustimmung erweckten des Redners Worte, als er laut in den Riesensaal rief, dah es unsere Ausgabe sein wird, die neue im Zeichen de» Eintritt» in den Völkerbund gebildete Regierung wieder zu Fall zu bringen. Wie so oft operiert hier der deutschnationale Hochschullehrer mit Beleidigungen und Verleumdungen der Regierung. Er hat sich bei einer ähnlichen Gelegenheit schon einmal einen Ve r w e i» zugezogen. Der vorliegend« Fall zeigt von neuem, daß Professor Loringhoven nicht imstande ist, stch in den Grenzen zu bewegen. die einem Hochschullehrer gezogen sind. Der Kultusminister, der In dem sehr viel milderen Fall L e s s I n g den Deutschnaiionalen nicht scharf genug vorgehen konnte, wird sich überlegen müssen, ob er Herrn Loringhoven gegenüber nicht die Mittel anzuwenden ver- pflichtet ist, die von deutschnationaler Seite so oft bei unpasiender Gelegenheit anempsohlen werden. Geistige Zusammenarbeit. Eröffnung VeS Prr ser Instituts. Pari», ZI. Januar.(Eigener Drahtbericht.) Das Internaiionale Institut für geistige Zusammenarbeit wurde am Sonnabend im Palai» Rmial, von dem ein Flügel dafür hergegeben wurde, in An- Wesenheit des Präsidenten der Republik, der Minister, der Diplo- malen und zahlreicher Vertreter der Wisienschoft und des Geistes- lebens sowie der Press« feierlich eröffnet. Die Ucbergabe an den Völkerbund ec folgte durch Unterrichlsminister D a l a d i e r, der in seiner Ansprache an B« s ü r ch t u n g e n erinnerte, die semerzeit da« Angebot der französischen Regierung in der ganzen Welt aus- gelöst habe. In zahlreichen Ländern habe damals der Argwohn be- standen, daß Frankreich sich einen beherrschenden Einfluh auf die Kultur und dos Geistesleben anderer Länder sichern wolle. Um Besorgnisse dieser Art zu zerstreuen, genügt ein Blick aus die Organi- sat'on des Instituts und die hohe moralische Autorität seiner Mit- glieder. Das Institut sei von dem gleichen Geiste der Zusammen- arbeit im Interesse de» Fr i ed e n s und des Fortschritts der Bölker beseelt wie der Völkerbund. Der Baum, der am User der Seine ge- pflanzt sei. werde seine besten Kräfte aus dem Boden aller Länder ziehen. Eine geistige Zusammenarbeit habe zu allen Zeiten be- standen, aber sie sei aus gewisse Gruppen und Länder beschränkt ge- wesen. Daladier erinnerte da an den ersten großen wissenschaftlichen Kongreh, den H u m b o ld t zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nach Berlin zusammenberufcn habe. Gegenüber den Veranstaltungen dieser Art habe das neue Institut des Völkerbundes den doppelten Vorteil der Dauer und Universalität.— Den Dank des Völkerbundes für das großherzige G.schenk der französischen Nation sagte der derzeitige Vorsitzende des Dölkerbundsrct», S c i a l o j a. Der Völkerbund habe es von seiner Geburtsstund« an als eine seiner vor- nahmsten Aufgaben betrachtet, die durch den Krieg zerrisienen Fäden der Kultur wieder anzuknüpsen. Er habe zu diesem Zwecke die internationale Kommission für geistige Zusammenarbeit ins Leben geruien. Um wirklich sruchtbare Arbeit lecsten zu können, hätte diese Kommisston einer materiellen Basis bedurft, die sie heute dank der Großzügigkeit der französischen Regierung in dem Inter- nationalen Institut erhalten habe. Scialoja schloß mit dem Wunsche daß die anderen Völker dem französischen Beispiel folgten. Italien werde demnächst m Rom ein neues internationale» Institut zur Vereinheitlichung des Privatrechts der verschiedenen Länder eröffnen. Weitere Ansprachen hielten Sir D r u m m o n d Generalsekretär des Völkerbundes, Loren tz, Präsident der Inter- nationclen Kommission lür geistige Zusammenarbeit. Luchalre, Direktor de» neuen Institut» und P a i n l e v t als Präsident des Verwaltungsrat» des Instituts. Die Moabiter Katastrophe. Gasexplosion wahrscheinlich die Ursache. Es ist amtlich festgestellt, daß eine Gasexplosion die Ur- sache der Katastrophe ist und daß es anfänglich nur im Haus- flur gebrannt hat. Alle anderen Nachrichten waren unzutrejsend. Diese Gasexplosion zeigt genau dasselbe Bild, wie die Gas- explofionen im Frühjahr 1908 cn der Iagowstraße, in der Neander Straße, in der Niedcrwallstraße, 1907 in der Krummestraße in Charlottenburg und anderen Stellen. Bei dieser Gelegenheit muß mit allem Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß täglich in Berlin ein Dutzend Gasvergiftungen gemeldet werden und daß diese nicht nur für den Lebensmüden gefährlich sind, sondern auch für die nächste Umgebung� Schon sehr häusig sind in Berlin dadurch Gasexplosionen entstanden, daß man mit Ga» angefüllte Räume ohne Borsicht mit Licht betreten oder Licht angezündet hat. flufräumungsorbeitea im Hange. Auch heute bildet die Kirchstraße in Moabit da» Ziel unzähliger Schaulustiger. Noch immer hätt jedoch die Schuzipoiizei die Unglücks- straße abgesperrt. In mühevoller Arbeit ging die Feuerwehr daran, die Erkerfront niederzureißen, ein notwendiges Siche- rungswerk, das vielleicht den ganzen heutigen Tag in Anspruch nimnit Absperrung im weiteren Sinne oeryiudert die Gefährdung der Passanten durch die niedergehenden Stcinmengen. Wie uns von zuständiger Seite mitgeteitt wird, werden die durch die Erplosion zertrümmerten Scheiben der Nachbarhäuser durch die Feuersozietät ersetzt, die auch für den Materialschaden auskommt Das Mobiliar der Verunglückten war größtenteils unversichert. Man hofft, durch Veranstallung von Sammlungen und amtliche Hilse die Existenz der betroffenen Bewohner für die nächste Zeit sicherzustellen. Das Fundament des Hauses ist noch in brauchbaren» Zustand. Die Hälfte des Vorderhauses ist vernichtet und muß voll- ständig neu ausgebaut werden. Der andere Teil bedarf gründ- lichster Ausbesserung. Die Instaiülsetzungsarbeiten der Wohnungen im rechten Seitenflügel werden in den nächsten Togen be- ginnen. Vor ollem denkt man daran, die Vergasung der Fenster so schnell wie möglich durchzuführen, so daß dieser am wenigsten mitgenomniene Flügel des Hauses in kurzer Zeit wieder bewohnbar sein wird. Schwer beschädigt ist die V o r d e r t r e p p e, die erneuert werden muß. Arge Verwüstungen sind in den Wohnungen ange- richtet. Die Deckengewölbe müssen neu eingesetzt werden. Jedenfalls hat eine eingehende Prüfung ergeben, daß die Zerstörungen durch die Explosion weniger durchschlagend gewesen sind, als man zuerst annahm. Währenddessen sind die Bergungsmannschaflen dabei, die Erkerbalkone herunterzureißen. Immer mehr Schutt häuft stch auf den Bürgersteigen. Auf der Straße liegen herausgcstreut G e- schäftspapiere des Seifengeschäfts, zwischen Kleiderresten, Möbellrümmern und Tapetenfetzen. Die Aufräumungsarbeiten der Feuerwehr wurden in den heutigen Morgenstunden fortgesetzt. Es soll weiter versucht werden, den großen Schutthausen, unter dem man noch die Leiche des Seifenhändlers M a n s sowie des zweijährigen Kindes und noch weitere Tote vermutet, unter Beobachtung allergrößter Darsicht abzutragen. Gleichzeititz mit dieser Aktion werden Versteifungen vorgenommen, um ein Nachstürzen des zerrissenen Mauerwerks zu verhüten. Die Untersuchungskommission. die sich aus Mitgliedern der Baupolizei und der Feuerwehr zusammensetzen wird, wird erst in den nächsten Tagen an den Explosionshcrd gelangen können. Die Aufräumungsarbeiten werden vor diesem Termin nicht beendet sein. da durch die gebotene Vorsicht sich die Arbeiten sehr langwierig gestalten. Das Befinden der im Moabiter Krankenhaus liegenden Schwerverletzten ist zur Stund« unverändert: man hofft alle am Leben zu erhalten. Iu der Kirchstraße sind ein großer Teil der zerbrochenen Fensterscheiben wieder eingesetzt worden. Die Glaserarbeiten in den Hausfluren wurden bis in die späte Nacht hinein fortgesetzt, da die Bewohner infolge der strengen Kälte sich nicht in den Zimmern aufhatten tonnten. Die hilse für die betroffenen Familien. Zur Unterbringung der obdachlos gewordenen Familien sind, wie wir erfahren, von den zuständigen Stellen sofort die nötigen Vorkehrungen getroffen worden. Einige Familien hatten sich so- gleich nach dem Zusammenbruch des Hauses an das Wohlsahrtsamt Tiergarten gewendet, und von dort wurde unverzüglich das Wohnungsamt Tiergarten benachrichtigt, damit für schleunigste Be- schafsung von Obdach gesorgt würde. Das Wohnungsamt stellte kurz entschlossen die anderweitige Verteilung freier Wohnungen ein. um die verfügbaren Wohnungen den betraf- jenen Familien des Hauses Kirchstraße S vor- behalten zu können. Das Bureau des Wohnungsamts blieb über die Dienststunden hinaus bis zum Abend geöffnet, und alles war in Bereitschaft, nötigenfalls sofort zu helfen. Auch wurde angeordnet, daß bei etwaiger Weigerung eines Hauswirtcs, solche Familien ohne Prüfung sofort aufzunehmen, durch Zwangs- Zuweisung die Aufnahme erzwungen werden müsse. Beamte wurden bereit gehalten, die auf telephonischen Anruf der Abgewiesenen sich ohne Säumen zu dem widerspänstigen Hauswirt begeben sollten. Im Ernstfälle hätte man sogar polizeiliche Hilse herbeitzeholt. Bis- her sind aber Meldungen von Familien aus dem Unglückshaus nur spärlich eingelaufen, und Schwierigkeiten bei der Unter- bringung sind noch nicht entstanden. Auch das Wohlfahrls- a m t Tiergarten hat alles vorberettet. für Notleidende des Unglücks- Hauses zu sorgen. Am Montag wurde die Verteilung von Nachlaß- fachen an Arm« des Bezirkes einstweilen«ingestellt, weil zuerst die von dem Unglück betroffenen Familien be- friedigt werden sollten. Vor allem wurde für rascheste Beschassuntz von Betten gesorgt, die bei Bedarf verteitt werden sollen. Beim Wohlfahrtsamt sind auch schon Meldungen von Per- sonen eingelaufen, die Kleiduntz spenden wollen. Eine Familie hat sich erboten, ein verwaistes Kind in Pflege zu nehmen. Dagegen find Meldungen von Notleidenden zunächst noch nicht eingegangen. Offenbar haben die Bedrängten einstweilen Obdach, Kleidung und Nahrung bei Verwandten oder Bekannten gefunden. Ein außer- ordentliches Unglück, wie es der Einsturz eibes Hauses ist, greift tiefer in die Herzen hinein und macht sie williger zur Hilfe. Gesterreich» ein deutsches Sehnfuchtslond. Der O« st e r r e i ch i I ch- D e u t I ch e V o l k s b u n d. dem man es hoch anrechnen mutz, daß er in volkstümlichster Weise die Be- Ziehungen zwischen Deuiichland und Oesterreich pflegt, hat am Sonntag abend im Künstlerhaus in der Bellevue straße eine Alpenländifche W i n t e r s ch a u erössnet, die dem Zweck dienen sollte und soll, den Berlinern das schöne Oes, erreich, wie es sich in Stadt und Land zeigt, näherzubringen. Reichstagop. üdent Ge- nosse L ö b e betonte in seiner warmherzigen Erösfnungssprache, daß die Alpenländiscbe Winterschau nur eine Fortsetzung der praktischen Arbeit sei, die der Oesterreichisch-Dcutsche Volk-bund aus dem Wege zur Verschmelzung der beiden deut- chen Staaten seit Jahren zu leisten sich beinllhe. Die Aus- tellung sei der Beginn einer großzügigen Organisierung des gegen- eitigen Reiseverkehrs zwischen Deutschland und Deutsch- österreich. Die Propaganda ober beruhe auf Gegenseitigkeit. Mit demselben Eifer, mit der der Oesterrcichisch-Deulsche Voltsbund in Deutschland für Dcutschösterreich und seine landschaftliche Schönheit werbe, werde die Wiener Ortsgruppe des Volksbundes in Deutsch- österreich für Deutschland und seine großartige Industrie Propaganda machen. Nach dieser Erössnungsanjprache ergriff der österreichische Gesandt«, Dr. Frank, das Wort und dankte zunächst dem Oester- reich-Deutschen Volksbund und besonders dem Direktor Alfred W e r r e für ihre im Interesie Oesterreichs entfaltete Tätigkett. Ich bin, fuhr der Gesandte sort. über die Idee, den deutschen Reiseverkehr mehr als bisher nach den Alpcnländern zu lenken, um so mehr er- freut, als für die österreichische Volkswirtlchast der Ertrag des | Fremdenverkehrs und der sogenannte unsichtbare Export eine ganz bedeutende Rolle in unserer Handels- und Zahlungsbilanz spielt. Es ist keine Frage, daß wir Oesterreich«? unseren Gästen aus dem Reiche auch noch viele weniger bekannte Naturschön- h e i t e n zu bieten haben, und zwar nickt nur im Sommer, sondern auch zur Winterszeit Es sind aber nicht nur die materiellen Vor- teile welche die österreichische Volkswirtschaft aus dem Besuch deutscher Gäste zu erwarten hat, sondern durch den Reiseverkehr aus dem Deutschen Reick« wird das nationale und kulturell« Zusammen- oehürigkeitsgesühl de, deutschen Volkes Im Reich und In Oesterreich eine bedeutsame Stärkung erfahren Der Gesandte schloß seine sympathischen, mit starkem Beifall aufgenommenen Worte mit einem herzlichen Willkommen. Zum Schluß hielt Herr Ruß wurm einen Licktbisdervortrag. der dem überraschten und hingerissenen Zu- schauer Oesterreich als wa h r e s Sckönheitssehn- s u ch t s l a n d für alle Naturfreunde. Wanderer. Touristen. Reisende und Erholunasbedürstiae erschloß. Man hatte große Lust, sporn- streicks zum Anhalter Bahnhof zu rennen und sick in dieses im Wint-r wie im Sommer gleich schöne Paradies befördern zu lasten. — Die Ausstellung ist bis Mittwoch abend geössnet Jeden Abend um 8 Uhr findet auch der Lichtbildervortrag statt. Besuch von Aus- stelluna und Vortrag find vollkommen unentgeltlich: jeder Arbeitertourist und Iugendwanderer sollte sie besuchen. Ter kkasernenton bei der Schutzpolizei. In der letzten Zeit ist darüber geklagt worden, daß In den Quartieren der Schutzpolizei beim Erscheinen eines Vor- gesetzten aus den Stuben„Achtung I' gerufen werden mußte, und daß die Bewohner der Stuben auf diesen Ruf hin auf- springen mußten. Es ist auck häufig, vom Publikum unangenehm und als unzweckmäßig empfunden worden daß selbst in den Revierbudeau» beim Erscheinen eine, Vorgesetzten..Achtung!' aeruken wurde, und daß hier die Beamten die Abfertigung des Publikums unUrbrccken und aulspriiwen mußten. Wie wir nun erfahren, hat jekt der Berliner Polizeipräsident an- geordnet, dah dies in Zukunft zu unterbleiben hat, so daß weder in den Räumen der Reviere, in denen da, Publikum abgesertigt wird, noch in den Sti bcn der Bereilsckasten. für die die Polizeibcaiuten ja Miete zoMem beim Erscheinen eines vorgesetzten .Acklung!" gerufen wird. Eine Ausnahme von dieser Anordnung bildey lediglich die Wachtbcreitschaftcn und die Wachträume der Re- viere. Mit dieser Neuregelung hat sich der Berliner Polizeiprölldent Grzellnski ein wirtliches Verdienst erworben einmal um die Polizei- beamten selbst, die ja Staatsbeamte und ni�t Soldaten sind, dann aber auch um das Publikum, das dielen Erlaß dankbar be- grüßen wird, weil dadurch eine unliebsame Unterbrechung in der Abfertigung aus den Revieren künftighin oermieden wird.' Antomobilunglück bei Hoppegarten. Gestern abend gegen 10 Uhr fuhr ein mit sieben Personen be- letztes W to aus der Chaussee in unmittelbarer Nähe von Vogel»- dors bei Hoppegarten auf einen dort stehenden Kraftwagen auf. Sämtliche Insassen wurden mehr oder minder schwer oerletzt. Von Beilin wurde sofort ein Automobil des Städtischen Rettungs- amtes zur Hilfe gerufen. Inzwischen hatte aber ein Auto der Firma Wertheim, das nach Richtung Berlin fuhr, die Ver- letzten ausgenommen und nach der Lichtcnberger Reil ngsslcllc 40 transportiert. Hier wurde den Verunglückten"die erste Hilse zuteil. Fünf der Insassen, die leichtere Kopsoerlegungen, Hautabschürfungen und einen Rascnbeinbruch davongetragen hatten, konnten nach An- legung von Notverbänden in ihre"Wohnung entlassen werden. Zwei Schwerverletzte, der 36 Jahre alte Reisende Willi Bach aus Lichtenberg, Fincwstr. 37, wurde mit Kops- und schweren inneren Verletzungen, und der Schneidermeister Ernst Wolga st aus der Frankfurter Allee 122 mit einem Unterschenkelbruch in das Lichtenberger Krankenhaus durch einen Wagen des Städtischen Rcttungsamtes eingeliefert. Die Schuldfrag« ist bisher noch un- geklärt.__ Der voll der Republikaner findet am DonnerStog, 21. Januar' in dieiem Jabre zum ersten Male statt und zwar in sänuliwe« Gelellicha'lsräumen des Ulap. Im MittelpiinU de» Abend» wird euie humoivelle Einweihung de» Teiilmais für.Ivo a> im den Weicken' stehen Nainhafle Berliner Künstle, ivirken dabei mit. Aißeidem ist ein von bekannien Beiliner Karilalurisien ver- oiistalieie«.Rariiäieiikobineit' zu rrwäbnen. Einiriitekortrn innr an Mitglieder der repiiblikainsme» Parteien) find>m Gaubureau des ReichsbaiiuerS. S 14, Cebasiianfir. 37/38, erhältlick. Die Künsllrr der.F. nk-Sivrd»' orranllallrn ntn TonnerSI-ig, den 21. Januar 1920. in den Grsamlräurnen dr-Z Sdauptreslaiirani».Zoo oaischer Garten- einen a> ohen G e i> n d e. K o l> ü m> S a l l Alle Rundfunk- döirr»nd stielindr de» Ziundjunt» weiden liirrzu eingeladen und gebcien, ai«„Kesinde- tostüniieit zu rlia einen. Stiat weniger ai« acht Tanz- lapclle»(juelen aus. Um Ii4»>m Marnioi>aal.Atvenfiiiloni«4, Szene rni» der xioii-n CI alcli.Ncrnie:»Für?i»-. Um 12"— i" im Kaiieimal «chlager aus drr Rcilon-Reviie:»Die Nackt der Rächle' mit Mad», iiiniiiianS, Käie Erlholz. Max«ldaiberl, Harald Pauifen. Um 12"— l" im cSarlrnfaat»labarr». Die Zrniraltzellc lür Sludeniisch« t>»l«rbvoteorbeil in Drnifch and vcr« anstaiie» am Miliwoch. den 20. Januar, abend»«>/, l!hr. in drr Hochschul« für Poliiif, Schinleiplatz, rinen Ivorirog. E» wird Proirlsor Dr. Sän> er »der da« Zhen a iprcchrn: WillornSmu», LocarniSmuS, SuropaismuS. eintritt frei, auch für Nichtstuoenten. 15 verliner Sechstagerennen. Rieger-Giorgetl! wieder in Führung! Der Bericht im heutigen Morgenblatt enthält infolge eines Uebermittlungcsehler» einige sinnentstellend« Sätze. So muß es be, der nach dem 4. Spurt von Persyn entfesselten Jagd heißen: Das Feld fährt.Fächer.' Ferner erschien am Transpareiit bei der Prämienangclcgenheit für nur deutsche Fahrer nicht eine .rückgängige', fondern eine.beschwichtigende' Mitteilung. Die Prämie— ein echter Hund— wuroe ausgefahren und von R I e g e r gewonnen. Die Ausländer wurden von der Be- telligung ausgeschlossen, well Hunde angeblich nicht mit ins Aus- land genommen werden dürfen(!?). Nach der 2- Uhr- Nacht- Wertung ergab sich, daß das Paar Rieger-Siorgetti wieder dl- Führung mit 226 P. vor Mac Namara— Heran 21S P. übernommen hotte. Bei einer in den Morgenstunden stattgesunde- ncn Jagd bekamen die Brüder Bandenhooe wegen schlechter Ablös ng eine Strafrunde aufgebrummt! Der Stand des Rennen« ist nun folgender: 1. Riege r— G I o r- getti 226 Punkte, 2. Mac Ramara— Horan 2lö, 3. Tonani— Sa- wall 101, 4. Hahn— Tie« 90, 5. Persyn— Drbaets 81 Punkt«. 1 Runde zurück: 6 Bauer— Gottfried 119, 7. Lorenz— Krup- tat, die nach der gestrigen Jagd nicht Zwei, sondern nur noch eine Runde zurücklagen, 69, 8 Gebe Bandenhove 65 Punkte 2 Runden zurück: 9. Dewols— Stockelyuck 175, 10. Moeller— Lewanow 118 P nkt«. Beide Paare logen nach der gestrigen Jagd nicht drei, sondern nur noch zwei Runden zurück. Bei Beginn der Neutralisation(6 Uhr früh) sind 2712,439 Kilometer gefahren. GeweMhasisbewegung husemann über die flmerikareife. Die Verhältnisse Im Bergbau. Der Lorsitzend« des Deutschen Bcrgarbeiteroerbandes, Reichs- �ji-abgeordneter Genosse fjusenumn, schilderte kürzlich einem Ler- treter des»sozialdemokratischen Pressedienstes die Eindrücke, die er tzelegentlich der Studienreise der deutschen Gewerkschaftsdelegation in den Vereinigten Staaten gewonnen hat. Lei dem andauernden Streik der Anthrazitbergarbeiter, zu deren Gunsten der Vorsitzende des amerikanischen Gewcrkschastsbnndes, William Green, jetzt einen Ausruf zur Unterstützung durch Geld- und Kleiderspenden erlassen hat, gewinnen die Ausführungen Husemanns eine besondere Be- deutung. „Sehr interessante Eindrücke vermittelte uns der Besuch eines großen Stahlwerkes bei Chikogo, das über 15 000 Arbeiter beschaf- rigt. In dem hochmodern eingerichteten Werk sahen wir ousschließ- lich deutsche Martinöfen. Kennzeichnend für die musterhafte Menschenökonomie ist die Tatsache, daß von den 15 000 Arbeitern dieses Stahlwerkes nur Z4 unter IS Zahre alt siird. Ihre Einstellung erfolgte lediglich mit Rücksicht auf die von ihnen zu unterhaltenden Angehörigen. Die amerikanische Jugend besucht in ihrer übergroßen Mehrzahl die Schule chis zum 18. Jahre und erhält dadurch eine vorzügliche Allgemeinbildung. Ueber den amerikanischen Bergbau erklärte Husemann zu- nächst, daß Vergleichsmöglichkeitcn hier zwischen den amerikanischen und deutschon Berhällnissen kaum vorhanden sind. Die tiefste .Kohlengrube, die die deutsche Lergardeiterdelegotion befahren hat, erieichr'e 150 Meter. Vereinzelt sind tiefere Gruben vorhanden, die glößte Tiefe beträgt jedoch nur 400 Meter. Ein Teil der An- thrazit-, sowie der Steinkohle wird im Tagebau ge- fördert. Ueberall kennt der amerikanische Bergbau M o- schinenbetrieb. Im ganzen ist die Gewinnung der ameri- konischen Kohle ungleich günstiger als die der deutschen. Auf die Frage nach der Lebenshaltung«der amerikanischen Bergarbeiter äußerte sich.ksusemann wie folgt:„Die Lebensverhättnisse der ameri- kaniscben Bergarbeiter sind entsprechend der ungeheuren Ausdehnung des Landes sehr verschieden. In den Bergbaugebieten, in denen die amerikanischen Bergarbeiterorganisationen von den Unter- nehmern offiziell anerkannt sind, und wo Tarifvereinborun- gen bestehen, ist die Lebenshaltung zwei- bis dreimal besser als d i e des deutschen Bergarbeiters. In den sogenannten unorganisierten Gebieten liegen die Ver- hälinissc viel ungünstiger. Die Wohnungsverhält- n i s s c sind im Vergleicl) zu Deutschland hervorragend zu nennen. Viele Bergarbeiter bewohnen Eigenheime, die meist sehr put ausgestattet sind: fast jede Wohnung hat ihr Bad. Ein großer Teil der amerikanischen Bergarbeiter, in Illinois etwa die Hälfte, find Autobesitzer. Der Erwerb eines Autos, das bei den ameri- kanischeu Entfernungen ein notwendiges Verkehrsmittel darstellt, ist bei den billigen Preisen und den bequemen Abzahlungen fast jedem gutbezahlten Arbeiter möglich. Ueber den Stand der Bergarbeiterorganisationen der Dereinigten Staaten befragt, erklärte Husemann:„Gegenüber der Organisation der deutschen Bergarbeiter befindet sich die ameri- konische insofern in großem Vorteil, als nur ein großer ein- heitlicher Kohlenbergarbeiterverbond vorhanden ist, der Aktionen von vornherem eine größere Stoßkraft sichert. In den Bezirken, wo die Gewerkschaften sich durchgesetzt haben, sind die Bergarbeiter restlos organisiert. In einigen Distrikten werden so- gar die Beiträge bei der Lohnzahlung eingezogen und von den Unternehmern an die Gewerkschaften abgeführt. Im ganzen genommen sind bisher 60 Prozent sämtlicher amerikanischer Kohlenarbeiter organisiert. Der Sitz der Zentrolorganisation der amerikanischen Bergarbeiter ist in Indianapolis. Vorsitzender ist John Lewis." Husemann streifte auch die Frage der Auswanderung. die manchem deutschen Bergarbeiter angesichts der trostlosen Ber- hältnisic im deutschen Bergbau verlocken könnte. Allein die see- tische und körperliche Akklimatisierung sei für einen Deutschen nicht leicht und komme nur für Jugendliche in Frage. Nicht über- sehen werden dürfen die sozialpolitischen Zustände in den Vereinigten Staaten. Eine Pflichtversicherung besteht nur gegen Unfall. Eine Knappschaftsversicherung nach deutschem Muster gibt es in Amerika ebensowenig wie eine Alters- oder Invaliden- Versicherung. Allerding» gestattet das Einkommen der amerikanischen Bergarbeiter im allgemeinen in jungen und gesunden Tagen die Bit- dung von Sparguthaben für die Zeiten der Not, der Kraniheit und des Allers. Nicht außer acht gelassen werden darf jedoch, daß auch der amerikanische Bergbau unter der internationalen Absatzkrise leidet. Bor allem in den Weichkohlendistriktcn macht sich die Ar- beitslosigkeit schon recht fühlbar: in manchen Bezirken werden jähr- lich nur 140 bis 150 Schichten verfahren. H u s e m a n n faßte fein Urteil dahin zusammen, daß wegen der augenfälligen Verschiedenheit der geologischen und aUgemein- wirtschaftlichen Verhältnissen viele Vorzüge für den amerikanischen Bergorbeiter auf das verarmte Deutschland nicht übertragen werden können. Auf alle Fälle bleibe jedoch Amerika in betriebsorgani- satorischer und menschenwirtschaftlichcr Hinsicht aus dem Gebiete des Bergbauevs für Deutschland vorbildlich. /lrbeitsloflgkeit und Gewerkschaften. In der Plenarverfammlung des Ortsausschusses Berlin desADGB. am Montag im„Dresdener Kasino" hielt Siegle einen Vortrag über„Das Arbeitslosenproblem und die Gewerk- s ch af t e n". Er schilderte noch einmal in großen Zügen, wie durch die Saumseligkeit des Magistrats die Durchführung des schon im August vorigen Jahres vom Verwaltungsausschuh des Landesarbeitsamts aufgestellten Notstandspro- g r o m m s verzögert worden sei. Es bedurfte erst der energischen Beschwerden des Ortsausschusses bei den zuständigen Instanzen, sowie der mehrfachen Veröffentlichungen der Presic, um wenig st enseinen Teil der Notstandsarbeiten in Angriff zu nehmen und zu finanzieren. Will man einer Behörde die Schuld an den Verzögerungen zusprechen, so oersucht sie, sich reinzuwaschen und die Schuld auf eine andere Stelle abzuwälzen. Die Gewerkschaften werden in ihrem Druckaufdie Behörden zur Linderung der ungeheuren Not der Erwerbslosen, nicht nach- lassen und ihn noch verstärken, wenn nicht schnellstens umfangreiche Notstandsarbeiten in Angriff genommen werden. Gewiß kann man innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft das Erwerbslosenproblem niemals lösen, man muß aber die No! der Erwerbslosen zu lindern versuchen, ganz gleich, wie man über die Zweckmäßigkeit von Notstandsarbeiten und dergleichen denkt. Anschließend an den Vortrag des Genossen Siegle gab der Leiter der gewerkschaftlichen Iugendzentrale de» Ortsausschusses einen Bericht über die Maßnahmen, die der Ortsausschuß im Jnter- esi« der jugendlichenErwerbstosen unternommen hat. Die Maßnahmen teilen sich in solche der Jugendfürsorge(Bereitstellung von geheizten Aufenthattsriinmen und Mitteln zur Speisung n. a l und der produktiven Erwerbslosenfürsorge(Berrufsumschulung und Einrichtung von Kursen u. dgl.). Die zuständigen kommunalen Stellen haben den Forderungen der Gewerkschaften volles Der- st ä n d n i s entgegengebracht, so daß auf deren finanzielle Unter- stützung in kurzer Zeit zu rechnen ist. Die Gewerkschaftsvertreter haben ebenfalls mit der sozialdemokratischen Stadtverordnetenfraktion Rücksprache genommen, die die im Interesse der jugendlichen Erwerbs- losen liegenden Maßnahmen zu einem Antrag verdichten und der Stadtverordnetenversammlung zur Beschlußfassung unterbreiten wird. Nach der regen Diskussion, in der u. a. Genosie Stadtrat Brühl auf die verwaltungstechnischen Schwierigkeiten hinwies, die sich der schnellen Durchführung der geforderten Notstands- maßnahmen entgegenstellen, stimmt die Versammlung einmütig dev Forderungen zu, die der O r t s a u s sch u ß bei den maß- gebenden Stellen mit allem Nachdruck vertreten wird Diese Forde- rungen sind: Arbeitsbeschaffung für die Erwerbslosen. Erhöhung der unzulänglichen Unter st ützungssätze, Einführung der Kurzarbeiterunter st ützung, Einschänkung der B e- triebsstillegungen, Aufhebung der Bedürftigkeits- Prüfung, Zahlung der Unterstützung an olle Erwerbslose während der ganzen Dauer der Erwerbslosigkeit, baldige Verabschiedung des Arbeitslosenversicherungsgesetzes. Hilfsaktion für die amerikanischen Bergarbeiter. New Aork, 18. Iaviiar.(TU.f In den gestrigen Manen- Versammlungen der 25 000 streikenden Kohlenarbeiter in Penn- svlvanien wurden alle bUberioen Einigung4vers»ckie einmütig- u- rückgewieien. Die Politik der Streikfübrer wurde auigebeihen. Der amerikaniiite GeweiksckaflSverbond bot jetzi die Sammlung kür den Hungerfond« zugunsten der Familien der Strei- kenden eröffnet. Beranlmor-Ii» Nlr Politik:»cuter: Di-tsibaft:«-wr«»tern-,: Gcw.-rkl-baltsbew-aima:?r>ed-.««<>-»: ffniillcton: Dr. Zolin«cklkor-xki: Lokales und Eonslioc-.?ril,»arltädt: Zliueioen: rl>. Slait; sämtücki in Berlin. Berlaa: Borwärts-Berlaa E. m. b. S., Berlin. Druck: Borwilrts-Buck'drl'ckerei und Bcrlaasanltalt Bau! Einaer n. To.. Berlin SW 68. Linden itrage Z. Zahnpraxis..Olily Ansbacher Str. 52(amWii;enberg-PIair) TeL: Stelanplalz 15122. Garantie für kunstgerechte Anfertigung von Zahnersatz, Piomben in Porz»an. Gold, K'onen und Brücken. Schonendste Bihand- lung. Mäßige Preise.— Evtl. Teilzahlung. Pianosl Rflietc Ansbachcr Str. 1,1 M-WeMll -eder An »reri»r«>» w err Paul Gollcts, normal» Jabrn Vim. 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