flbenöausgabe Nr. 186 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 62 Bfüuflslxiiinfliinstit unb Vnttitauitttfa Eni in btt M-rg«u Devlinev Volllsblstt (lO Pfennig) Mittwoch 2l./»pril1g26 Serie« aai Vaiettenabtcilun«; SefdjEfteiett»-8 Uhr 3 er leg er: Oomäcts-Oeclog Guibh Serila SID. 6«, Cinbenflra�e 3 Jcralptciftce: DSnhoff 292— 287 Zentralorga« der Bozialdcmobrattfcben parte» Deutfchlands Justiz und Fürstenabfindung. Debatte im Rechtsausfchutz.— Stresemann und der Exkronprinz.— Das Gesprach auf dem Monte Berita. Der Rechtsausschuß des Reichstages trat heute in die S p e z i a l- eratung des Fürstenkompromisse» ein. Da.;u liegen sozialdemokratische Anträge nor auf Enteignung der �ürslenvermögen und sä? den Fall der Ablehnung dieser Anträge roeitere Anträge aus Verbesserungen des Kompromtßvorschloges. Bei der Debatte erklärte zunächst Dr. Hanemann(Dnat.). daß die gestrigen Ausfichrungen der Reichsregierung über die Frage der Versassungsänderung seine �Freunde nicht be- friedigt habe. Es handele sich um die Schassung eines Aus- nahmegerichts gegen die Fürsten, jpomit sie sich nie und niiruner«inverstanden erklären können. Sie verlangten.�daß das Reichsgericht durch einen besonders zu bildenden Senat die Fürstenfrage entscheide und daß, falls dies abgelehnt werden sollte. jedenfalls nur Mitglieder höchster deutscher Gerichte in dem Gerichtshof sitzen dürsten. Genosse Roseufeld führte aus, daß die sozialdemokratische Frak- sinn nach wie vor auf dem Standpunkt stände, daß nur die Ent- e.ignung der Fürstenoermögen die richtige Lösung der ganzen Frage bedeute. Dieser Antrag sei schon früher ausführlich begründet worden, er wolle heute nur der Behauptung entgegentreten, als ob den Fürsten bei Durchführung des Enteignung sgcfetzes auch das Letzte genommen werde. Oos Leben, wie es die deutscheu Fürs�n augenblicklich führten. zeige, daß diese Herren in der Lage seien, ihr Leben in groß- , artiger Weise weiterzuführen. Man seh« nicht die geringste Berücksichtigung der Notlage des deut- schen Dolke? in ihrem Auftreten. Der frühere Kronprinz habe jetzt am Lago Maggior« ein herrliches Besitztum. Er habe es selbst ge- sehen. Es sei ein großes Gebäude mit 15 Räumen und der Krön- prinz habe sich mit einem hosttaat umgeben, der in dieser Größe ganz gewiß nicht erforderlich sei. Jene Dilta heiße Rocca bella, liege in Lugono und sei übrigens dicht neben der Dilla Daronata, in der früher Bokunin gelebt habe. Nedner wisie nicht, ob auch der Kronprinz von dort aus Verschwörungen anzettele. E» sei sehr merkwürdig, daß der Kronprinz in der Schweiz auch mit Herrn Stresemann zusammengetrossea sei. Man könne nicht verstehen, daß ein Minister der Republik sich auf Unterhaltungen mit dem früheren Kronprinzen einiosscn könne. llebrigens würden auch über das Leben im Hause Doorn Nachrichten verbreitet, die auch nicht dafür sprechen, daß der dort wohnend« stüher« Fürst Verständnis für die Lag« des deutschen Volkes habe. Der Enteignungsgcvank« führ« daher allein zum Ziel. Falls eine Reichstagsmehrheit ein Gericht entscheiden lassen wolle, müsse das Gericht ganz anders aus- sehen, als es bis jetzt in Aussicht genommen sei. Die Feschaltung des R i ch t e r p r i v i l« g s für den neuen Gerichtshof sei für seine Freunde nicht annehmbar. Ein solcher Beschluß wurde geradezu auf ein Dertraucnsvotum für die Richter hinauslaufen, das abzugeben er insolg« der ganzen heutigen Justiz nicht in der Lage sei. Bei dem allgemeinen Mißtrauen gegen unser« Richter könne der Gerichtshof nicht nur aus Richtern bestehen. Er verweise darauf, daß der Senatsprasident Großmann gerade jetzt in einem offenen Brief schärfste Kritik an dem preußischen Richtervercin geübt und ihm vorgeworfen habe— und zwar mit Recht— daß dieser Richterverein durch den Beschluß, daß kein Richter auch im Republi- knnischen Richterbund sein dürfe, ein« gesellschaftliche Aechtung der republikanischen Richter herbeiführe. Im Verhalten des preußischen Richtcrvereins zeige sich die monorchi- flilche Einstellung der meisten deutschen Richter, die bei republikani- schen Richtern die Betätigung republikanischer Gesinming verurteilten und sogar durch einen solchen Beschluß eine Einschüchterung ausübten. Die Mitglieder des Gertchtshoke» müßten durch den Reichstag gewählt werden. Dos sei allerdings eine gewisse Politisierung des Gerichts, aber die Politik spiele in jedem Gerichtssaal mit und außerdem würden doch die Mitglieder des in der Verfassung vorgesehenen Staatsgerichtshoss auch vom Reichstag gewählt, es sei also nicht das erstemal, daß Rich- ter durch den Reichstag gewählt würden. Allerdings habe man mit dem Staatsgerichtshos zum Schutze der Republik schlechte Ersahrungen oemachl. Er möchte die Reichsreoierung fragen, ob es richtig fei, daß nach Aufhebung des Staatsgerichtshofs in dem Senat des Reichsgerichts, der jetzt die hochoerratsfachen bearbeitete, derselbe Senatspräsident N i e d n e r und andere Richter mitwirken, die gerade zur Kritik am Staatsgerichtshof führten. Wenn der Herr Justizminister jetzt durch Kopfnicken bestätigt, daß in der Tat Herr Niedner und andere frühere Mitglieder des Staatsgerichtshofs bei Hochvcrratsprozessen mitwirken, so möchte er sagen, daß das auf eine Verhöhnung des Reichstags hinausliefe, der eine andere Rechtsprechung habe herbeiführen wollen. Er müsse sich vorbehalten, bei anderer Gelegenheit hieraus zurückzukommen. Dos neue Gericht fei für seine Freunde nur annehmbar, wenn es eine grundlegende Umgestaltung erführe. Reichsjustizminister Marr: Ueber das angebliche Gespräch Strcse manns mit dem Kronprinzen wolle er sogen, daß solche Verhandlungen zwischen dem Minister und dein früheren Krön- Prinzen nicht staltgesunden haben, schon weil sie keine Mög- lichkeit hatten, überhaupt mtteinander zu sprechen. Den Uebergang der Hochocrralssachen auf einen Senat im Reichsgericht, in dem frühere Mitglieder des Stoalsgerichtshofs mitwirkten, habe dt« Justizverwaltung nicht verlnndern können, denn nach dem G e> richtsversafsungsgesetz habe die Justizverwaltung kein Recht, aus die Berwendunr, der allen Richter des Reichsgerichts ein- zuwirken und es würde«ine außerordentliche Veränderung in der Justizverwaltung bedeuten, wenn man ihr das Recht geben wollte, einen Einspruch auszuüben. Herr Niedner fei früher Vorsitzender des vierten«enats gewesen und er sei es geblieben, auch nachdem der Senat die Hochverratssachen bekommen habe. Der Minister ver- wabre sich dagegen, daß man ihm zumute, auf die Verteilung der Geschäfte bei den Gerichten Einfluß auszuüben. Abg. Scholz(D. L.) dankt dem Minister für die Dementierung der Nachrichten von der Unterhaltung Stresemanns mit dem Krön- prinzen. Er sei von dem Herrn Außenminister oulsrisierl worden zur ErNäruug. daß keinerlei Zusammenkunft oder Besprechung mit dem kronpriazeu swtlgefundea habe. Au sich sei gegen'eine derartige Zusammeukunft nicht das geringste einzuwenden. Es fei dem besonderen Takt des Kronprinzen»nd de» Außenministers zu verdanken, daß die beiden Herren sich nicht gesprochen haben. v. Richthosen(Dem.) begrüßt die Erklärung des Abg. Scholz. Genosse Rosenfeld erklärt demgegenüber, daß ihm die Dementierung zu ollgemein gehalten s«. Er erklärte auf Grund zuverlässigster Nachrichten, daß Stresemann insbesondere a m 11. April auf dem Monte Vertta, oberhalb Ascona, m i t dem Kronprinzen zusammengetroffen sei. Und er wolle abwarten, ob diese spezielle Mitteilung auch dementiert werde. Dr. Scholz(D. Vp.): Es sei einsaches Gebot jedes Menschen- rechtes, auch mit einem Menschen zu sprechen, der einmal Kronprinz gewesen sei, das werde sich kein Minister nehmen lassen, besonders wenn es sich um Besprechungen über die Verhältnisse des betreffende» Menschen zum Staate handle. Es sei sogar unter Umständen eine Pflichtverletzung, eine solche Unter- baltung abzulehnen. Gerade die Sozialdemokraten, die für eine Gleichberechtigung aller Menschen eintreten, sollten doch dafür Ver- ständnis haben. Vom Monte Verita habe ihm Srreseinaiin nichts erzählt, er habe ihm dafür ausdrücklich mitgeteilt, daß er mit dem Kronprinzen in Locarno zusammen gewesen sei, daß aber der Kran- prpinz aus dem gleichen Taktgefühl im Augenblick der Verhandlungen über die Fürstenauseinandersetzung keinen Versuch gemacht habe, sich ihm Z» nähern Der Minister habe ihn lediglich ein- mal von weitem gesehen, aber niemals gesprochen. Die Verhandlungen gehen weiter. Sturz üer Mecklenburger Negierung. Eine rtfolge der Tteuerkämpfe. Schwerin. 21. April.Seisenbahn-Reklamc-Gcsellschast. Die Deutsche Reiäisbahngesellschaft steht im Begrisf, von Dr. Edmund S t i u n e s, der zurzeit im Auslände weilt, die Reichseisenbahn. Reklame-Gesellschaft zu erwerben um den erheblichen Betrag von 3 bis 4 Millionen Mark. Bekanntlich war dieser Dertrag schon mehrfach Gegen- stand kritischer Erörterungen im Reichstag und in der teffonllichkeit..—. Daß gerade gegenwärtig die Reuhsbahngesellschait trotz ihrer stark zurückgegangenen Einnahmen und großen Be» lastungen, die ihr angeblich keinerlei Aufbesserungen ihres Personals erlaubt, den Zeitpunkt für gekommen hält, diesen eigenartigen Lertraa mit Millionen abzulösen, muß stärkstes Besrmden erregen, das sich um so«ehr steigert, als Stinnes für diesen Vertrag keinen Pfennig aufgewendet hat. Dabei soll der derzeitige Direktor der Deutschen Eisen» bahn-Reklame-Gesellschaft mit ganz ungewöhnlichen Opfern übernommen werden. Wenn sich der Verwaltungsrat der Reichseisenbahnen tatsächlich entschließen sollte, einem solchen Abkommen zu- zustimmen, so wäre das ein Beweis dafür, daß die Reichs- eisenbahn mit ihren Mitteln nicht wirtschaftlich umgeht. Das öffenlliche und allgemeine Interesse steht hier im höchsten Maße in Frage._ Plünderung in Peking. Die«Ordnung- Tschangtsolins. Loadon, 21. April.(EP.) In den Vorstädten Pekings, die von den Truppen Tschangtsolins besetzt wurden, sind zahlreiche Plünderungen vorgekommen, welßrussische Truppen oerbände heben Stellungen nördlich von Peking ans, um einem etwaigen Der. such Fengs, Peking zurückzuerobern, entgegentreten zu können. Ver- treter Tschangtsolins und Wupeifus beraten über die weitere Politik Chinas. Tschangtsolin fordert die Ausweisung des russi- schen Botschafters Karachau. Tie Russenkolonie in Peking. London, 21. April.(WTB.) Nach einer Pekinger Meldung der „Thikago Tribüne" wird offiziell bestätigt, daß Marschall T s ch a n g- t s o l i n die Abberufung de» Sowjetbotschasters Karachan und zahl- reicher„Agitatoren der Moskauer Internationale" gefordert habe. Die meisten Personen, deren Abberufung verlangt wird, haben in der russissischen Botschaft und in den Hotels des Gesandt schaftsviertel» Zuflucht gesucht. Es heißt, daß Karachan Moskau telegraphisch um Instruktionen gebeten habe, Zurück zur Rechtsregierung! Die Treibereien der Volkspartei. Als vor einigen Monaten die Deutschnationalen ihre Flucht aus der Regierung vollzogen, wandten sich die Blicke der Mittelparteien hilfesuchend nach der Sozialdemo- k r a t i e. Die demokratische Presse gab die Parole der Großen Koalition aus. Aber die Berhandlungen über die Große Koalition scheiterten, wie sie scheitern mußten, weil eine innere Bereitwilligkeit der V o l k s p a r t e i zu ihrer Bildung nicht bestand. Die Sozialdemokratie sah sich genötigt, ein ziemlich ausführliches und genau umschriebenes Regie- rungsprogramm vorzulegen, von dessen loyaler Durchführung sie ihre Beteiligung an der Regierung abhängig machte, und es ist kein Geheimnis, daß sie diese loyale Durchführung von einer Koalition, in der die Volkspartei saß, ernstlich gar nicht erwartete. Die Voltspartei zeigte sich so reserviert wie möglich und war offenbar ganz von der Abfüllt beherrscht, die„Schuld" an dem Scheitern der Großen Koalition, die sie selber gar nicht wollte, der Sozialdemokratie zuzuschieben. Die Sozialdemokratie hat diese„Schuld" auf sich genommen und sie ist daran nicht gestorben. Zwar zeigte sich die demo- kratische Presse über sie sehr ungehalten, aber gar bald stellte sich heraus, daß mit Vorwürfen über das Gestern keine Politik ,zu machen war. Das Heute und das Morgen verlangten ihr Recht: die Regierung Luther wurde auf dem Boden einer Minderheitskoalition der Mitte rekonstruiert und begann zu arbeiten. Die Sozialdemokratie hat gegen sie keine Toshcitspolitik getrieben. Als eine Partei, die auf dem Boden der parlamentarischen Demokratie steht, hat sie kein Interesse an zweck- und aussichtslosen Regierungskrisen. Sieht sie eine Gelegenheit, eine bestehende Regierung durch eine bessere zu ersetzen, so wird sie nicht zögern, von ihr Gebrauch zu machen. Regierungsstürzerei als Sport liegt ihr nicht. Trotzdem gibt es heute Schwierigkctten für den Fort- bestand der zweiten Luther-Regierung. Sie kommen aus ihrem eigenen Schoß. Es ist die V o l k s p a r t e i, die das Bedürfnis noch einer neuen Regierungskrise spürt, es ist die Volkspartei, die die Regierung der Mitte sprengen möchte, um eine neue Rechtsregierung an ihre Stelle zu fetzen. Das Verhalten der Sozialdemokratie bei den VerHand- lungen über die Bildung einer Großen Koalition findet damit seine glänzende Rechtfertigung. Denn wenn der Volkspartci schon die beiden demokratischen Minister Külz und Rein- hold eine zu starke Linksbelastung sind, wenn sie am liebsten den lieben Brüdern aus der„liberalen Vereinigung" einen Stoß versetzen würde, um sich wieder mit den Vertretern der äußersten Reaktion an einen Tisch zu setzen, dann ist wohl die Frage berechtigt, wie sich ein gedeihliches Zusammenarbeiten der Volkspartei mit der Sozialdemokratie hätte gestalten sollen. Die Neigung der Volkspartei zur Zusammenarbeit mit den Deutschnationalen ist uns früher aus taktischen Gründen erklärt worden. Der Rechtsradikalismus wurde uns als eine bedrohlich wachsende Bewegung geschildert, die alle Ufer überschwemmen würde, wenn es nicht gelänge, sie in dos ruhige Bett der Regierungstätigkeit zu leiten. Heute ist der Niedergang der nationalistischen Reaktion zu offenkundig, daß derartige Argumente nicht mehr ver- sangen. Viel eher könnte man angesichts der kräftigen Links- srrömung im Volke, die sich bei der Unterzeichnung des Volksbegehrens kundgetcn hat, umgekehrt argumen- tieren und sagen, daß ein weiter links gerichteter Regie- ningskurs notwendig sei, wenn die Regieningspolitik niöbt in einen katastrophalen Gegensatz zur Bolksstimmung geraten sollte. Wenn in der Volkspartei trotzdem der Zug nach rechts Oberhand behält, so muß diese Erschciming Ursachen hoben, die tiefer liegen als in den augenblicklichen Bedürfnissen der Taktik. Als eine Partei des Großbürgertums, vor ollem des industriellen Unternehmertums, fühlt sich die Volkspartei den Deutschnotionalen unendlich viel näher als der großen deutschen Arbeiterpartei, der Sozialdemokratie. Was sich in der Sehnsucht der Volkspartei nach einem festen Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien unter Führung der Rechten kundtut, das ist die F u r ch t vor der steigenden Welle der sozialistischen und demokratischen Volksbewegung, das ist, mit einem Worte, die alte S a m m l u n g s p o l i t i k, die uns aus der Zeit des Kaiserreichs nur zu gut bekannt ist. Nun hat uns aber gerade die Zeit des Kaiserreichs gezeigt, daß es keine Politik gibt, unter der die Sozialdemokratie besser gedeiht, als eben jene Sarmnlungspolitik. Und die Ersah- rungen der Republik haben jene des Kaiserreichs bestätigt. Die Rechtsregierung mit Schiele, S ch l i e b c n, Neu- haus war eine Regierung der Sammlungspolittk gegen die Sozialdemokratie. Heute, da ihre segensreiche Tätigkeit bis auf weiteres abgeschlossen ist, kann man ruhig aussprechen, daß die Schäden, die sie angerichtet hat, geringer sind als die Verdienste, die sie sich durch unfreiwillige Förderung der sozial» demokratischen Bewegung erworben hat. Damit soll nicht gesagt werden, daß die Bilanz einer zweiten Rechtsregierung ebenso günstig abschließen müßte. Die Deutschnationalen waren in der Schiele-Schlieben-Regierung doch zu stark gehemmt, um einen Rckordschadcn anrichten zu können. Sicher bleibt aber doch so viel: in dem Maße des Schadens, der angerichtet wird, wird allemal auch die Kraft der sozialdemokratischen Opposition wachsen. Diese Gewißheit gibt uns die Möglichkeit, bei den neuer- Uchen Darsuchen, ein Eanunlungskabinett gegen die Sozial- bcmofroHc zustand« zu bringen, in der Rolle der interessierten Beobachter zu verirren. Einstweilen sieht man weder in der Außenpolitik noch in der Innenpolitik die Grundlage, auf der sich die Deutsch- nationalen mit Parteien der Mitte zu einer festen Mehrheit zusammenfinden könnten. Der Vertrag mit Sowjet- r u ß l a n d bietet den Deutschnationalcn so lange keine Brücke, als er von der Regierung als ein Akt zur Ergänzung der Locarno Politik, nicht aber zu ihrer Preisgabe deklariert wird. In der Frage der F ü r st e n a b f i n d u n g ist durch die Erklärung der Regierung, daß zu ihrer Lösung eine Zwei- drittelmehrheit notwendig sei, der Weg zur Bildung einer Rechtemehrheit verlmut. Außerdem könnte diese Rechtsmehr- beit nach dein bisherigen Verhalten der Deutschnationalen nur einen Block zur Verteidigung der Fürsten- a n s p r ü ch e darstellen, und was aus diesem Block bei den nächsten Reichstagswahlen würde, läßt sich kaum beschreiben. Da versagt die Phantasie. Alles in allem läuft das Verhalten der Volkspartei also darauf binaus, der bestehenden Regierung, in der sie zwei der wichtigsten Ressorts innehat, Verlegenheiten und Schmie- rigkeiten zu bereiten, womöglich eine Krise herbeizuführen, ohne daß auch von fernher ihre Lösung sichtbar wäre. Auch das ist keine neue Erscheinung. Die Lolkspartei hat ja selber die Große Koalition im Reiche gesprengt, an deren Spitze cherr Stresemann als Reichskanzler stand, sie hat der Regierung Marx das Leben unmöglich gemacht sie berennt in Preußen die Stillung der Regierung Braun, obwohl kein Mensch zu sagen imstande ist, was nach ihr kommen kann. Ihr ganzer Ehrgeiz scheint darauf gerichtet zu sein, in der parlamentarischen Demokratie als destruktives Element zu wirken. Ihre Geschichte von ihrer einstigen stolzen Stellung als Natior.alliberale Partei bis heut« ist eine Geschichte des Nieder- gongs. S-e ist die Geschichte von der politischen U n- f ä h i g k e i t des deutschen Bürgertums. von preußischen Richtern- und vom preußischen Justizministerium. Daß die Mühlen der Justiz langsam mahlen, ist bekannt. Aber sie mahlen nicht immer tresslich sein. Es kann sogar Jahre dauern, bevor eine Entscheidung gefällt wird, wenn durch sie«in Richter von seiner gottähnlichen Selbstherrlichkeit verlieren könnte. In Frankfurt a. O. lebt als aussichtssiihrender Richter beim Amtsgericht der Amtsgerichtsrat Dr. Wrede, Major der Land- wehr a. D. Dieser war vor den Kapp-Tagen Führer der Ein- wohnerwehr, die später aufgelöst wurde. Der Führer der dortigen Reichswchrdioision, Freiherr v. Brüter, hatte sich an dem Kapp- Putsch beteiligt und war dafür in einem Extrablatt der„Frankfurter Oderzeitung" als erfolgreicher Gegenrevolutionär gefeiert worden. Brüter halte in den Tagen seiner Militärherrschost mehrere sozial- demokratische Führer Frankfurt», darunter auch den Landtagsabge- ordneten Genossen F a b e r verhaften lassen. Roch dem Zusammen- bruch des Kapp-Putsches mußte Brüter Frankfurt verlosien. Er wurde vor dem dortigen Landgericht auf Entschädigung wegen der widerrechtlichen Einsperrung verklagt und auch verurteilt. In dem gegen ihn rußerdem eingeleiteten Derfohren wegen och verrat» hatte Brüter u. a. mitgeteilt, daß.mehrere Per- sünlichkrten. darunter auch ein Herr v o m B e r i ch t", bei ihm vorgesprochen und ihn auf Leute aufmerksam gemacht hätten, die zum Streik in lebenswichtigen Betrieben hetzten. Besonders.de- zeichnete» sie mir einen gewissen Porth und F a b e r*. Trotzdem in unserem Frankfurter Parteiblatt wiederholt öffentlich jener Richter aufgefordert wurde, sich zu melden, schwieg der Herr vom Bericht beharrlich. Unser Frantfurter Parteigenosse, Rechtsanwalt F a l k e n s e l d, beantragte mir ein Disziplinarverfahren gegen Unbekannt mit der Begründung, daß ein Richter, der sich an dem Hochverrat durch Denunziation von Bürgern beteiligt habe, durch sein beharrliches Nichtmclden, seine Kollegen vom Gericht belaste. In diesem Disziplinaroerfahlcn gegen Unbekannt wurde Brüter als Zeuge vernommen. Cr kam nach Frankfurt, um den Richter festzustellen und darauf wurde endlich der aussichtsführende Amtsrichter Dr. Wrede entdeckt. Nun mußte Wrede vor dem Amtsgerichtspräsidenten eine dienstliche Erklärung abgeben. Er bestritt selbstverständlich, sich strafbar gemacht zu haben und de- hauptcte außerdem, nicht e r habe unsere Genossen denunziert. sondern er habe nur einen nichtgenannten Franksurler Bürger zu dem General geleitet, der damit seine Anzeigen vorbringen könne. Nachdem Herr Wrede als dieser Herr vom Gericht bekannt ge- worden, wurde gegen ihn ein Disziplinarverfahren beantragt mit der Begründung, daß er in seiner dienstlichen Ertläning der Behörde wissentlich die Unwahrheit gesagt habe. Das Disziplinar- verfahren wurde in allen Instanzen odgelehnt. Daraufhin beon- fragte Genosse Falkenfeld, der die Einleitung des Verfahrens angeregt hatte, bei der Staatsanwaltschaft ein Strafvcrsahren gegen sich selbst wegen wissentlich falscher Anschuldigung. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft wie die Oberstaatsanwaltschaft in Berlin lehnten ein solches Verfahren ab. Falkenfeld wandte sich nuninchr beschwerdeführend an den preußischen I n st> z m i n i st c r und zwar am 1. Februar 1923. Am 16. Juni 1923 teilte ihm der Minister mit, daß die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien. Ein volles Jahr später, am 16. Juni 1924, erinnerte unter Bezugnahme auf den Jahrestag des ersten Bescheides der Antragsteller Falkenfeld das Ministerium daran, daß nach vollen sechzehn Monaten nach der Cinreichung des Antrages die Angelegenheit inimer noch nicht erledigt sei. Daraufhin wurde dem Antragsteller mitgeteilt, daß die bisherigen Ermittlungen noch kein klares Bild gegeben hätten. Auf diese Mitteilung erfolgten dann am 3. Juli 1924 weitere Angaben von Falken- selb. Aber am 2. Jahrestag der ersten Derfügung, nämlich am 16. Juni 1923 mußte Falkenfeld noch einmal daran erinnern, daß die Angelegenheit noch immer nicht entschieden sei. Endlich fand da» Justizministerium am gleichen Tage, zwei volle Jahre nach seinem ersten Bescheid, Gelegenheit, mitzuteilen, daß es der De- schwerde gegen den Entscheid der Staatsanwaltschaft nicht statt- geben könne, da ein Einschreiten gegen Faltenfeld wegen wissentlich falscher Anschuldigung keinen Erfolg verspräche. Auf weitere Beschwerden wurde schließlich eine Gegenüberstellung galkenselds und Wredes vor einem beauftragten Richter angeordnet. Bei dieser Gegenüberstellung erklärte Falkenfeld mit dem Wunsche, daß das ausdrücklich ins Protokoll ausgenommen werde, Teile der dienstlichen Aenhernng Wrede» für eine„bewußte Lüge" und forderte die Einleitung eines Strafverfahren» gegen sich, um den Wahrheitsbeweis antreten zu können. Jetzt fand sich Wrede endlich bereit, den Strafantrag zu stellen. Er wandte sichondenPräsidentenderKammergerichts, damit dieser als höchster Dienstvorgesctzter dem Strafantrag beitrete. Der Kammergerichtspräsident hat das abgelehnt. Und der Generolstaatsanwalt beim Kammergericht hat von sich aus die Einleitung des Strafverfahrens gegen Falkenscld wegen Be> leidigung abgelehnt, weil ein öffentliche» Interesse an der Verfolgung der Beleidigung des aufsichtführenden Rich- ters nicht vorliege! So blieb dem Dr. Wrede nichts anderes übrig, als Privat» klage zu erheben. Er Hot dabei den Dorteil, daß er feine als unwahr bezeichnete Aeußerung nicht als wahr beschwören kann. Immerhin wird man der öffentlichen Verhandlung dieser Dinge vor dem Schöffengericht mit einiger Spannung entgegen- sehen dürfen. Besonders, weil man auf dem Wege der Prioatklage endlich gewisse Feststellungen trefscn kann, zu deren Ermittlung das Justizministerium eine Reih« von Iahren brauchte. um schließlich doch zu versagen, und an denen der Generalstaats- anwalt kein„öffevtliches Interesse" findet. Der Kutisker-prozeß. Holzmann spricht. Holzmann verteidigt ssch Er will beweisen, daß er ein Ehrenmann ist. Er habe stets mehr als korrekt gehandelt— der Vorsitzende meint dazu, es genüge, wenn er korrekt gehandelt habe. Er ist bereit, seine ganze Laufbahn nochmals auszukramen, um die Behauptungen der Anklage zu entkräften. Diese hat weit ausgeholt: sie wirft Punkte auf, die dem Angeklagten nicht zur Last gelegt werden— seine angeblichen Mehlschiebungen in Bulgarien und seine unkorrekte Hiuidlungsweise bei dem Waffen- licferungsoertrag mit der russischen Handelsvertretung in Berlin. Holzmann ist weitschwcisig, seine Aussprache ist weich slovisch, seine Bewegungen sind weltmännisch, sein Acrkchr mit dem Bor- sitzenden höstich und ruhig. Voin Sturm, der ihn vorgestern be- wegte, ist nichts zu merken. Man fühlt es aber, daß er jeden Augenblick wieder vultanartig aufbrausen kann, und begreift, daß sein sicheres Auftreten und seine weltmännischen Allüren ihn im Kcschäftslcben gut vorwärtskommen ließen. Er beruft sich ans Zeugen, durch die er den Gegenbeweis zu führen bereit ist. Er ist bemüht,«in günstiges Bild über seine Person zu cniwerse»— die Zeitungen hätten unmögliche Dinge über ihn geschrieben, in Wirk- lichtest sei er stets deutschfreundlich gewesen. Selbst als Deutsche ihr Geld ins Auslniid brochtc», gab er sein Geld in eine deutsche Bank und begnügte sich mit geringem Zinsfuß. Auch im Streite wegen der Bagdadbahn hat er trotz der Verlockiingen von französischer Seite als günstiger Zeuge für die deutsche Regierung ausgesagt. Mit einem Worte: Holzmann verteidigt sich. Es ist nicht wahr, daß er in Bulgarien Mehl nach Griechenland ver- schoben habe. Der Russischs Invaiiocnbnnd war an die Firma, an der er beteiligt war, mit der Bitte herangetreten, die Mehlbe- stellung, die sie bisher in Bulgarien gemacht hatten, zu finanzieren. Die Firma tat dies aus W o h l t ä t i g t c i t s gründe». Als er dann von einem Russen, der in Wirklichkeit fronzöfischer Spitzel war, in einer russischen Zeitung verdächtigt murde. da veranlaßie sein Kompagnon die Einsetzung einer Kommission, die seststellte, daß an der Verdächtigung kein Wort wahr sei. Nie habe er einen Waggon Mehl verschoben. Nicht weniger korrekt habe er auch in der Sache der Wassenlieferung für die russische Handelsvertretung in Berlin gehandelt. Wohl habe er im Laufe von sieben Monaten die Zinsen von den 800 000 Dollar erhalten, die von der russischen Handelsvertretung auf seinen Namen deponiert worden waren. Es ist aber nicht wahr, daß er diese veranlaßt habe, den Vertrag rück- gängig zu machen. Und schließlich der Punkt, der ihm von den Anklage zur Last gelegt wird. Dabei handelt es sich um folgendes: Strietcr hatte das Hanauer Lager von Eoloniue gekauft. Da er den Kaufpreis nicht zahlen konnte, erhielt er gegen Wechsel von der Steinbank, deren Generaldirektor Kutisker war, die crsorderlicke Summe. Als diese Wechsel fällig wurden und er sie nicht auslösen konnte, verlangte die Steinbank andere Wechsel in Höhe von 1300 000 M. Diese Wechsel hatte nun Grobe ausgestellt, bei dem Holzmann sein Bureau aus- geschlagen hatte. Wie das geschah, erzählt ausführlich Holzmann. Simon T o w b i n i, das Faktotum Kutisters, gemeinsam mit B r a n d s k i. dem Faktotum Strietcrs, baten ihn, er möge die Wechsel besorgen. Die Summe sei mehrfach gedeckt durch Waren, die dem Strikter gehören und die Steinbank würde die Garantie über- nehmen. In vier Monaten würde er die Wechsel zurück haben, ein Protest derselben würde unter keinen Umständen stattsinden. Er sei darauf zur Steinbank gefahren, und da habe ihm Kutisker gesagt, daß für die Wechsel eine so große Deckung vorhanden sei, daß sie selbst ein Portier unterschreiben könne. Darauf bat er den Grobe, auf den er schon früher eingeredet hatte, die Wechsel auszustellen. Grobe habe dann die Wechsel ausgestellt. Auf seinen Namen tonn:« er das nicht tun. da seine Konstantinopelcr Firma damit nicht«in- verstanden gewesen wäre. Hört man also auf Holzmann, so hat er stets mehr als korrekt gehandelt. Die Zeugen werden zu bekunden haben, ob er in Wirklichkeit so oder anders aussah. Grabe erklärte aber vorgestern, daß er die Wechsel nur auf Drängen Holz- mann? ausgestellt habe. Für die ganze Sanierungsaktion war allen Teilnehmern 10 000 Goldmart versprochen. H o l z m a n n will 2000 bis 3000 M. erhalten haben. Grobe nur 1000 M. Neuer japanischer volschasler in verlin soll H o n i h a r a. der ehemalige Botschafter in Washington, an Stell« des zurückgetretenen Botschafters Honda werden. Hanihara war 1924 von Walhing- ton abberufen worden, als er im Zusammenhang mst den amerika- Nischen Gesetzen über die Einwanderung von Japanern den Aus- druck„ernste Konsequenzen" gebraucht hatte. wegen der Verbrennung einer Vlussolinl-Puppe am Schluß einer Demonstration der Sozialisten von La Louviere(Belgien) hat ein Brüsseler Faschistenblatt den italienischen Botschafter zum Einschreiten aufgefordert. Der Innenminister hat eine Unter- suchung eingeleitet. Hinrichtung wegen Spionage. Wegen Spionage zugunsten Polens wurde in Kowno am 17. April die litauische» Staatsang»- hörigen Kostowsky, Donath und Rondomanlky-Jarastowicz Hill- gerichtet. deutsches Theater. „Unsere Kinder" von Zangwill. Wahr Ist, daß heule viel« englische junge Damen vom Spleen besessen sind. Ihre Herren Däter, die mit etwa 60 Iahren vom britischen König den Adel und vom Rotspon spendenden lieben Gott das Podagra empfangen, seben das natürlich nicht gern. Die jungen Damen von London W. gewöhnen sich dann nämlich Ihr besonderes Leben an, d. h., sie liebäugeln mit den« Nachtbummel und dessen Konsequenzen, als da sind Schminkschalullen, Emanzipation de» Fleische» und iogar— der Bolschewismus. Das sind olles Dinge, die«in englischer Gentleman verachtet. Der Dramatiker, der diese Gegensätze zwischen Jung und Alt packt, hat demnach Gelegenheit, entweder mit den Alten oder mit den Jungen auszuräumen. Israel Zangwill. der mit all- seiligem Beifall und sogar mit Tantiemenen rechnet, räumt überhaupt nicht aus. Er zeigt eine Zeitlang die Berkalkung der Alten »nd hierauf die hoffnungsvolle Jugend,»nd wenn es gerade zum großen Aussland kommen soll, versöhnt man sich wieder. Zangwill ist darum nicht zu tadeln. Irgendwie balanciert sich die Welt ja wirklich sehr primitiv aus. Ohne diese hübsche und beruhigend« Erfahrung, die in gleilher Weise den Konfirmanden und den Patriarchen zugänglich sein soll, wäre solche Komödie auch gar nicht möglich. Ihr«til ist seit anderthalb Jahrhunderten unoer- ändert. Nur die Vokabeln wechseln ab. Immerhin überrascht die Feststellung, daß auch das England von 1926 gelernt hat, in Salons »nd Malerateliers die Sprache der Literaturidiotik zu reden. Bern- Harb Shaws Frechheit macht Schule, seine Feinheit nicht. Mary, die«in Teufelsmädel ist. und auf der Dachrinne in die Freiheit rutscht, wenn Papa den Hausschlüssel einzieht, schreit zum Schlüsse doch nach der Mutter. Und Fred, der sich nicht genug tun kann in Boheme, rettet gar sein Mädel aus den Klauen eines ganz gemein.'» dichtenden Bauernfängers. Mary und Fred werden durch nichts als ihr goldenes Herz bekehrt. Dabei wird dieses schöne Herz sogar betrogen. Denn es ist gar nicht wahr, daß ihre Mama leben». gefährlich krank ist. Der Papa hat die» Gcschichtchen nur erfunden, damit die Kinder wieder artig werden. Gott sei Dank, alle» ist nur Komödie. Israel Zangwill stieg sonst tiefer in die Menschen hinein. Er war früher sogar ein Sozial» und Rassenkritiker, in seinem Land« eher gefürchtet al» beliebt. Da er niemandem mehr weh tut. wird man ihn jetzt nur lieben. Er langweilt höchstens noch, übrigens nur im dritten Akt feiner Komödie. Zwei Akte, in denen die jungen und die alten Leute sehr närrisch sind, pulvern auf. Dann allerdings, wenn die Moral der jungen und der alten Leute durch Sentimentalität harmonisiert werden soll, versiegen die Einfälle. Im Deutschen Theater spielt den unverwüstlichen, tapleren und entzückenden Backfisch, der trotz aller Emanzipationsgelüst« jung- fraulich zum Srandesami wandert, Fräulein M o o s h e i m. Jugend und Anmut, die durch Routine nicht verschleierk, sondern«her gc- hoben werden, ein« Künstlerin, die ans Herz greift und zungenfenig und blond zu jedem Geschmack redet. Rolle und Künstlerin«in einziger Gleichklang, der sich stets einschmeichelt. Herr S ch r o t h, Fräulein Werkmeister, Herr o. Meyrinck und Frau Richards find bemüht, durch Karikatur und Geschicklichkeit zu be. leben, was ohne soviel theatralische Schulung ziemlich tot geblieben wäre. MaxHochdorf. Hennl Lehmann las im Rahmen eines Schriftftellerinnenabsnds im Lyzeumklub aus eigenen Werken. Besonders eindrucksvoll wirkte die Novelle„Die russssche Schaukel", die die feine Beobach- tungsgabe und das warm«, menschliche Empfinden der Verfasserin verriet. Ueberhaupt zeigten alle zu Gehör gebrachten Werke, die im guten Sinne weiblich, mütterlich wirkten, das� starke Einstchlunos- vermögen Henni Lehmanns in menschliches Schicksal und mensch- liches Leid. Die schlichte, unpathetische Vortragsweise der Verfasserin konnte die Wirkung nur erhöhen. Es folgten dann Rezitationen von Gedichten von Annemarie Schrobsdorff, die Mary Hahn brachte, und einzelne Kapitel aus Ilse L e u tz Roman „Schloß Ohnesorge", die Maria Menoni las. Dieser Roman, der!n den großen Kapiteln nicht» ist als ein« filmisch ausgezogen« Friede- ricus-Rex-Erzählung, voll von Gefchichtsbuch-Zitaten, verriet immer- hin in den Genreschilderungen einiges Geschick der Berfasserin. Te». Udschda. die Stadt der kommenden Friedenskonferenz. Die Meldungen von den bevorstehenden Friedensverhandlungen der Franzosen und Spanier mit Abb el Krim nennen die Stadt Udschda als Tagungsort. Ein neuer Name unter den vielen, die man aus den Berichten über die langwierigen Kämpfe im Nif kennengelernt hat. Udschda blickt aus eine lange Geschickte zurück: bis ins 11. Jahr- hundert hinein läßt sich fein« Vergangenheit zurückoerfolgen, die ihr« Blütezeit unter dem Geschlecht der Almoraviden erlebt hat. Aus dieser Zeit rühren die stolzen Bauten, die die Zierde der Stadt darstellen, in der heut« an die zwanzigtausend Menschen wohnen. Im Osten Marokkos gelegen, Treffpunkt der Straßen, die nach dem Rif,»ach dem Innern Marokkos und nach Algier führen, war es von jeher ein wichtiger Platz, auf den die Franzosen von Ansang an ein Aug« geworden hatten. Die Nähe der algerischen Grenze, die nur 27 Kilometer östlich der Stadt verlaust, ließ sie in Udschda «inen Platz sehen, von dem aus die beabsichtigte Eroberung Marokkos am zweckmäßigsten zu beginnen war. So ist Udschda der erste Ort gewesen, dessen sich die Franzosen, lange vor der offiziellen lieber- nähme der Oberhoheit über Marokko, bemächtigt haben. Als vor neunzehn Iahren, im März 1907. der französische Arzt Dr. Mau- champ in Marrakesch in provokatorischer Absicht die Trikolore hißte und von den erbitterten Eingeborenen deswegen gesteinigt wurde, hatten die Franzosen den längstersehnten Grund, ihre Eroberungs- abfichten in die Tat umzusetzen: der erste Schrill aus diesem Weg war die Besetzung von Udschda. In diesen zwei Jahrzehnten hat sich die Stadt gründlich gewandelt; sie ist äußerlich europäisiert, es gibt dort jeden Komfort der Neuzest. Die trotzige Mauer, die die Stadt umgibt, steht noch immer. Dort pflegten ehedem die all- mächtigen Paschas die abgeschnittenen Köpfe ihrer Widersacher zu warnendem Beispiel anzuheften. Noch heute zeigt der Stein die Spur vergossenen Blutes; auch heute noch wird die Mauer als Anschlagsäule benutzt, wenn auch nicht mehr Köpfe, sondern bunte Kinoplakate Platz finden. Ein Stislungsrekordjahr für amerikanische Museen. Die gegen- wärtige Saison nennt der New Porker Berichterstatter des ..Cicerone" die an Stiftungen reichste in der Geschichte der amerika- nischen Museen. Erst vor kurzem wurde von dem Riesengcschenk von 40 Millionen D o l l a r an das New Porker Metropolitan- muscum berichtet. Dieser Stiftung schließen sich jetzt zwei weitere großartige an: der bekannte Sammler und Glasfabrikant Libbey, der schon Lebzelten dem Museum seiner Heimatstadt Toledo in Ohio ein wahrer Mäcen war, hat diesem Institut 14 M i l- lionen Dollar vermacht, und 8 Millionen Dollar wurden zur Gründuno und dem Ausbau eines öffentlichen Kunst- ii stituts in Kansas City von einem reichen Zeilungsverleger be- stimmt. Sehr zahlreiche kleinere Stiftungen haben verschiedene Museen erhalten.— Bon dem großen, namenlosen Heer der eigent- lichen Mäzene, durch das diese Riesenstiftungen erst ermöglicht worden sind, wird nichts gemeldet. Es handelt sich ja auch nur um die— Arbeiter. Photos ohne Platte und Film? Englische Blätter berichten von der Erfindung eines südafrikanischen Chemikers, der Film»nd Platte beim Photographicren durch ei» besonders empfindliches Pa- pier ersetzen will. Das Bild soll sich in 50 Sekunden entwickeln lassen, die Abzüge selbst werden in einem Apparat vorgenommen, in dessen Innern das Bild vermittels einer Linse aus gewöhnliches Brompapier geworfen wird. Die Bevölkerung von Parle. In Frankreich fand bekanntlich am 7. März dieses Jahres eine Bolkszählung statt: für die Stadt Paris werden jetzt die vorläufigen Ergebnisse der Zählung be- tanntgegeben. Es befand sich in Paris am 7. März eine Bevölke- rung von 2 838 416 Seelen; das bedeutet gegen die Zählung voni Jahre 1921 eine Bevölkerungsabnahme von 25 017 Seelen. Diese Zahlen lonstrostieren in merkwürdiger Weise mit der immer noch sehr ernsten Wohnungskrists. Es ist zu be. merken, daß die Zablenangaben Paris im engeren Sinne betreffen. das heißt die alle Stadt innerhalb ihrer Berwaltunasgrenzen, die dem Stadtgüncl der alten Bastionen entsprechen. Zählt man zu dieser eigentlichen Stadt die sehr bedeutenden Bororte, die mit ihr in engstem Zusammenhang und in ständigem Koniakt stehen, und die mit Paris dos sogenannte„Groß-Paris" bilden, hinzu, so dürfte mehr als eine weitere Million Seelen hinzukommen. Bei dieser Einwohnerschaft der Vororte dürfte auch kaum eine Ver- ringerung der Bevölkerung gegen 1921, sondern wert eher ein be- trächlicher Bevölkerungszuwachs zu konstatieren sein. Vi« staatliche hocksschul« fflt Handwerk trad Bankirast In UM mar ist soeben eröffnet worden. Tie neue Ansialt erflrebl, wie ihr Leiter Pros. ?r. Bailning in seiner Eröffnungsrede betonte, ein Weilerarbetlen aui den Ideen des Baubauies. Bartnin-, will Kuntt und Handwert am vraltilchen Bau vereinigen und mit seiner Anstalt daS thüringische Gewerbe, mit dem er eng zu'ommen zu arbeilen gedenkt, ebenw benutzen, wie scinerleil» anregen. Neue Kalilcger in Rußland. Gewaltige Kaliloger, die die Landwirt- tchast der Sowjeiunivii und die aonze chemische Industrie vom Weitmarkt unabbäncig machen, lind zu Solilamst in Rujjland auigedcckt worden. La« Kalt ist bis zu einer Tief« von SL m gesunde» wordea. Ueber 22 Proz. deS Gesteins besteht aus Chlor. Srianö über den Russen-Vertrag. «ine abwartende Erklärung an Pole». Varl». LI. April.(WTB.)„Journal" zufolge hat Minister- Präsident B r i a n d dein polnischen Boischoster gelegentlich seiner gestrigen Mitteilungen über die Stellungnahme der öffentlichen Meinung Polen? zu den deutsch-russischen Vertrags» Verhandlungen erklärt, die französische Regierung beabsichtige, an der Fortführung der Politik von Locarno f e st z u h a l t e n. » Auch die deutsche Regierung hat durch den Mund Stresemann» am Sonntag und durch einen Artikel ihrer offiziösen„Deutsch-diplo- matischen Korrespondenz" am gestrigen Tage erklären lassen, dag sie an Locarno festhalte. Demnach würde alles in schönster Ordnung sein. Aber es scheint, als ob in Paris und anderwärts noch immer Zweifel daran beständen, ob der neue deutsch-russische Vertrag mit den Verträgen von Locarno völlig vereinbar sein würde. Wachsende Besorgnisse in London. London, 2l. April.(WTB.) Der diplomatisch« Korrespondent des„Daily Telegraph" schreibt, in britischen Kreisen werde die Aussassung immer allgemeiner, daß der deutsch-russische Vertrag, wenn sich sein Wortlaut auch vielleicht als ein- w a n d f r e i erweisen werde, doch zu ernsten Schwierig» leiten und Gefahren zu einem späteren Zeitpunkt führen könne. Indessen bestehe in vielen Kreisen eine offenbare Abneigung, im gegenwärtigen Stadium irgendwelchen Druck auf Berlin auszuüben. Man sei auch zienllich allgemein der Ansicht, dah ein solcher Druck gegebenenfalls nicht nur in Berlin, sondern auch in den alliierten Hauptstädten ausgeübt werden müßte, deren Beharren auf einer Veränderung der Zusammensetzung des Völkerbunderates zu den unglücklichen Genfer Ereignissen ge- führt habe.(Das gilt aber doch auch für London und Cdanrberlain selbst! Red. d.„V.".) Der Korrespondent sagt, er habe Grund an- zunehmen, daß in nicht langer Zeit der Wert der Leistung Englands, das durch sein« Beteiligung am Loearnovertrog viel gebe und nichts dafür empfange, den interessierten Seiten nachdrücklich vorgehalten würde. Erklärungen üer Rifvertreter. Kein franko.spanisches Ultimatum. Pars». 21. April.(Eigener Drahtbericht.) Wie aus Udschda gemeldet wird, haben die Vertreter des Riss«ine neue Mitteilung an die Presie veröffentlicht, in der sie ihre Friedensabsichten vcr> sichern und die von Frankreich und Spanien fornniiierten Friedens- bedingungen einer Kritik unterziehen. Di« Vertreter des Riss fordern insbesondere, daß die von Frankreich und Spanien verlangte Unterwerfung des Riss unter die Oberherrschalt des Sultans durch Anerkennung seiner staatlichen und kirchlichen Autorität erletzt werde. Was die Entfernung Abb el Krim» aus dem Rif betreffe, so wird ausgeführt, daß diese Entfernung zweckmäßiger- weise erst an einem späteren Datum erfolgen könne und den Charakter einer freiwilligen Handlung tragen müsse. Jeden- falls komm« die Verbannung Abd el Krims aus ollen Landern des Islam» nicht in Betracht. Di« Entwaffnung der aufständischen Siämme müsse durch die Schaffung einer selbständigen Miliz ausgeglichen werden. Die Auslieferung der französischen und spanischen Kriegsgefangenen könne erst nach endgültigem Friedensschluß erfolgen. Die französische Delegation, die von dieser Berössent- lichung der Erklärung der Risoertreter unangenehm über- ? o s ch t gewesen Ist, läßt dazu mitteilen, daß die Riskabylen den Sachoerhalt im großen und ganzen richtig darstellten. Nur in einem Punkte wichen sie von der Wahrheit ab, indem st« glauben machen sollten, daß die französtsch-spanischen Bedingungen eine Art von .1 ltimatum darstellten, was keineswegs zutreffe. Ange- > hts dieses ungünstigen Eindrucks haben die Vertreter de» Riss ■um erklärt, daß die Veröffentlichung gegen ihren Willen esolgt sei. Die Berichterstattung über den Verlauf der Friedensverhondlun- >en in Udschda wird dadurch erheblich erschwert, daß die Militär» cnsur»ine strenge Kontrolle über sämtliche Pressemeldungen .lusübt. Insbesondere hatten die Militärbehörden zunächst die Deiterleitung und Veröffentlichung der erwähnten Pressemitteilun- gen untersagt, was zu einem Konflikt zwischen Presse und Zensur geführt hat. Nur das Eingreifen des französischen Außen- in i n i st e r i u m» hat diesen Konflikt beizulegen vermocht: dataufhin wurde nun beschlossen, ein Mitglied der Presseabteilung des Aus» wältigen Amts nach Udschda zu entsenden. * Zu der oben gemeldeten Erklärung der Rifvertreter, die Presse habe chre Aeußerungen gegen ihren Willen verösfentlicht, weist H a v a» daraufhin, daß jene Aeußerungen mit einem Ausruf an dt« öffentlich« Meinung der Welt begannen. Im übrigen wird mitgeteilt, daß gestern abend Beratungen im Kreise der einzelnen Delegationen stattfanden, und daß die Rifdelegierten hinsichllich des weiteren Fortganges der Verhandlungen durchaus optimistisch gestimmt seien. Hcnkerarbeit in Syrien. Beirut, 21. April.(Havos.) Hier sind fünf Aufständische hingerichtet worden. Regierender Geheimklub. Ungarische Zustände. Budapest. 21. April.(Eigener Drahtbericht.) In der National- Versammlung kam es zu stürmischen Szenen, als der Abg. Markgras Pallavicini behauptete, daß der Innenminister v. Ra- kowszky zu einer Zeit, als er noch nicht Mitglied der Regierung war, an den Fälschungen tschechischer Banknoten teilgenommen und die Ausgabe übernommen habe, für die Verbreitung der sal- schen tschechischen Roten zu sorgen. Außerdem erklärte Pallavicini, es sei eine Spiegelsechtevei, wenn der Ministerpräsident eine Aktion gegen die Geheimgesellschaften ankündige, da nicht nur der Minister- Präsident selbst, sondern auch die meisten Mitglieder der Regierung Gehcimorganisationen angehören. Auch alle an den Franken- fälschungen Beteiligten, so R a d o s s y. der Chef der Landespolizei. und St räche, der Oberstaatsanwalt, sowie der Borsitzende des Senats, der die Verhandlung gegen die Frankensälscher leiten soll. seien Mitglieder geheimer Gesellschaften. Als Pallavicini von den Bänken der Regierungspartei zugerufen wurde, daß auch er Mit- glied einer geheimen Gesellschast sei. versichert« er. er sei es nicht mehr, sei es ober nur gewesen, well der R- i ch s o e r w e s e r ihn dazu ermächtigt habe: er sei aber ausgetreten, als er gesehen habe, daß die Gehcimgesellschaften nicht patriotische Zwecke, sondern nur die Stützung der Regierung verfolgten. Der Minister des Innern erklärt« die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen als unzutresfend. Eine Doiksabstimlnnng über Aeaderung de» Alkoholverbot» bat die gesetzgebende Körperschajt de» Staate» New A«> r k durch Be- ichlnft zugelaffe». Notwendiger Preisabbau. Mit dem erwachten Frühling geht die Lust zur Wanderung ins Freie. Der gewohnliche Sterbliche muß sich seine Freiheitsgelüste ohnedies die ganze lange Woche hindurch verkneifen, und nur am Sonntag ist es ihm vergönnt, ein bißchen gute Luft zu schnappen. Gern nimnit er die vollgepfropfte Stadt- oder Straßenbahn, wo sie Kopf an Kopf stehen, in Kauf, wehmütig streicht er die Regensonn- tage vom sommerlichen Bergnügiingsanzeiger, aber die paar schönen freien Tage will er unter allen Umständen in Gottes freier Natur verbringen. Einen Tag fern vom dröhnenden Maschinenlärm, vom staubigen Schreib pult, von der surrenden Nähmaschine bedeutet wahre Erlösung! Und draußen tummeln sie sich dann fröhlich, ver- gessen den grauen Alltag mit all seiner Schwere, darüber wird's Nachmittag und der Kafseehunger stellt sich ein. Und jetzt kommt das Häßliche. Die Herren Wald- und Wiejen-Cafctiers vereiteln ihnen diese unschuldige Freude. In einem kleinen, ganz einfachen Cafe- und Bierlokal unweit Wannsee kostet z. B. eine große Kanne Kaffee(etwa 4 Tassen) mit zwei Portionen Gebäck und Trinkgeld zirka 3 M.(sogar etwas darüber). Dieser Betrag entsprickst dem Tagesverdienst vieler Werktätigen, wie ost aber verdient selbst ein Familienvater nicht viel darüber. Das ist ein bißchen hart. Kaisee- trinken, mindestens am Sonntag, ist wahrlich weder Luxus noch Verschwendung. Oder soll man stets die Thermosflasche bei sich führen, oder muß die abgehetzte Mutter unbedingt in den Lokalen mit der Erlaubnistafel„Hier können Familien Kaffee kochen" sich stundenlang in der Küche drängeln, um für Geld und gute Worte endlich ein Töpfchcn heißen Wassers zu ergattern? Außerdem gibt es Lokale mit dieser loyalen Einrichtung nur an einzelnen Aus» flugsorten. Es wäre zu wünschen, daß hier bald Rat geschossen wird. Die Gastwirteorganisationen sollten sich im Interesse des Ansehens ihres Standes mit der Frage beschäftigen, denn«inen Verdienst, der mehrere hundert Prozent der Entstchungskostcn aus- macht, nennt man Wucher. Vorschüsse und Varlehen! Die Unterschlagungen beim Ueichsverbcmd der Aulolnbustne. Zu den Veruntreuungen beim Reichsverband der Auto- mobilindustrie erfahren wir, daß die Vernehnningen des geschäfts- führenden Direktors Dr. S p e r l i n g, des Kassierers S ch ä u f l e r und verschiedener Angestellten bis über Mitternacht fortgesetzt wurden. In den Aussagen der Vernommenen zeigten sich erhebliche Widersprüche, die bisher nicht ausgeglichen werden konnten. Das nächste Ergebnis war, daß Kurt 1 Orange, der Sekretär Dr. Sperlings und Schriftleiter der Verbandszeitung, beim Abbruch der Verhandlungen um 1 Uhr nachts außer dem bereits verhafteten Kassierer Schäuslcr unter dem dringenden Verdacht unlauterer Machenschaften mit Kontoschiebungen ebenfalls vorläufig fest- genommen wurde.('Orange gibt zu. Vorschüsse au» der Kasse des Verbandes erhalten zu haben. Er behauptet jedoch, daß Dr. Sperling darum gewußt und daß der Kassierer Schaufler mit seiner Genehmigung die Vorschüsse gegeben habe. Einmal handelt es sich dabei um 6800 M., 3000 M. davon will l'Orange anderen al» Darlehen gegeben, 2800 M. will er für Dr. Sperling au»- gegeben haben. Schaufler hat, wie er zugibt, die Originalquittung verbrannt und dafür ander« ausgestellt. Dr. Sperling bestreitet entschieden, von diesen Vorschüssen und damit auch von ihrer Lerwen« dung irgend etwas zu wissen. In einem anderen Fall« handelt es sich um 12000 M. die l'Orange guten Freunden al» Dar» lehen gegeben hat. einem davon zum Ankauf eine» Grundstücke». Als dessen Eigentümer bezeichnete l'Orange sich selbst. In Wirtlich- keit aber ist der Eigentümer eine Privatperson, big von l'Orange da» Geld zum Ankauf erhalten hat. lieber die Herkunst dieser 12 000 Mark kann oder will l'Orange keinerlei Auskunst geben. Er kann den Erwerb nicht belegen. Wahrscheinlich stammen auch sie aus der Kasse des Reichsoerbandes, und es wird vermutet, daß l'Orange auch noch weitere Betröge aus der Kasse erhalten und anderen Personen als Darlehen gegeben hat. Unter welchen Titeln diese Gelder aus der Kasse geslossen sind, wird erst ein« genauere Prüfung feststellen können. Die um 1 Uhr nachts abgebrochenen Vernehmungen wurden heute vormittag wieder ausgenommen und fortgeführt._ Tie Ansbefsernngen am Brandenburger Tor. Zu den verschiedenen Nachrichten über die bevorstehende In- standsetzung des Brandenburger Tores wird uns von der für di« Ausführung zuständige Behörde, der Preußischen Bau- und Finanz- direktion, mitgeteilt, daß der Zustand des Langhansschen Torbaus keineswegs so mangelhast ist, daß man ihn als.baufällig" be» zeichnen kann, vielmehr ist die Bauanlage im Kern noch voll» st ä n d I g g« s u n d. Die allerdings recht umfangreichen Schäden treten hauptsächlich nur an den Architekturgliedern, der Dachdeckung und dem bildnerischen Schmuck auf. Die Verwitterungen am Sandstein, die sich besonder» an der Westseite in starkem Maße zeigen und ein Auswechseln der schadhaften Stücke gegen wetterbeständiges Material erforderlich machen, stnd in der Hauptsache aus den sür den Bau verwendeten Elbsand st ein zurückzuführen, der sich den Witterungseinflüssen gegenüber in ungleichem Maße bewährt hat. Namentlich haben die Reliefs in den Füllungen des Frieses sehr stark gelitten und müsien zum Teil ganz erneuert werden. Die alten Holzbalkendecken über den Durchfahrten sollen durch massive Decken ersetzt werden, ebenso wird an Stelle der Zinkbedachung de» Tores und der seitlichen Säulenhallen eine neue Eindeckung in Kupfer hergestellt werden. Eine gründliche Ausbesserung wird auch die Schadowsche Quadriga erfahren, bei der namentlich die innere Elsen- konstruktion der M�rde erhebliche Schäden aufweist. Bei der Sieges- göttin und dem Wagen sind diese Arbeiten bereit» 1909 ausgeführt worden. Es dürste von Interesse sein, dah da» Bildwerk, das auf dem Transport nach Frankreich sehr gelitten haben muß, tn Paris im Jahre 1807 einer durchgreifenden Ausbesserung durch den Gießer Eanlers unterzogen worden ist, bei der u. a. ein Flügel der Sieges- göttin und sechs Beine der Rasse ganz erneuert wurden. Für dl« geplanten Ausbesserungen am Brandenburger Tor sind die Mittel im Haushaltsplan für 1920 vorgesehen, di« Vergebung der Arbeiten durch die Bau- und Finanzdirektion kann aber erst erfolgen, sobald der Finanzminister die Mittel überwiesen haben wird. Ein Getandheiisbüchlei«. Ein hübsches„Merkbüchleinfür jedermann" gibt der Reichsousschuß für hygienisch« Volksbilduna her. aus, das in Form eines Bilderbuchs mit meist gereimten Unter. schriften eindringliche Gesundheitsregeln bringt. Dabei sind die Bil- der so geschickt zusammengestellt, daß sie schon allein lehrreich genug wirken, so z. B. die Seite, die das O b st e s s« n empfiehlt, aber vor dem Genuß ungewaschener Früchte warnt. Da kommt auf dem Bilde die Obsthändlerin, deren Ware schon in Kiepen und Körben auf sie wartet, aus dem ganz unverkennbaren bew-ußten Häuschen heraus, das Erwachsene nur allein auszusuchen pslegen, und geht mit ungewaschenen Hände» wieder an das Obst. Die folgend« Illu- stration zeigt die Mutter, die den Kindern das sofortige Verspeisen des eben eingekauften Obstes verwehrt. In ähnlich wirkungsvoller Art sind Verhaltungsmaßregeln bei Tuberkulose. Warnungen vor Alkoholgenuß, kurz, die verschicdensten Regeln sür eine gesunde Lebensführung dargestellt, auch für Kinder meist heiter zu sehen und z» lesen und dabei doch eindringlich. Gerade dieser so schwer zu trefsende Ton ist hier fast überall glücklich gefunden. Darin kann die Straßenbahn in ihren Plakaten, die die Kinder vor Unfällen warnen wollen, lernen. Denn meist unbegründete Gebote „Du sollst" und»D« sollst nicht" und Bilder mit fröhlich»on der Bahn abspringenden Kindern oder solchen, die geschickt vor der fahren- den Elektrischen den Damm kreuzen, sind schwerlich geeignet, die Kinder zur Unterlassung ihrer gejundheitsgesährdcnden Unarten zu bringen. So kann man nur wünschen, daß das kleir.e dankensweue Büchlein in recht viele Kinderhände gelange, wenn auch leider die Gefahr besteht, daß die Worte Schwimmen, Milch, Obst. Fleisch in manchem onnen Zlrbeiterhaushalt, in dem man gern alle Gesund- Heitsregeln besolgcn würde, nichts als Sehnsucht iiach dieje» fernen Herrlichkeiten auslösen können. Politik und Schule. Dr. Gustav Wyneken, der bekannte Pädagoge, sprach in einer öffentlichen Monatsversammlung des Bundes entschiedener Schulrcjormcr über das Thema„Politik und Schule". Die Schule, besonders die höhere Schule, ist das Instrument der staat- lichen Jugenderziehung. Da der Staat die Organisation der Herr- schaft einer Minderheit über eine Mehrheit darstellt, so ist der Schul- zweck nach Meinung Wyiickens Befestigung und Zlnfrechicchallung dieser Herrschast. Da die Schule staatliches Jnstruincnt ist. sei sie notwendig politisch. Bei oberslüchlicher Betrachtimg der doch teil- weise so unpolitilchen Lehrfächer der höheren Schule, wie des griechischen und lateinischen Unterrichts im Gyinnasiuiii, den Natur- Wissenschaften und der Mathematik der Realanstalten ist man geneigt, die p o l i t I s ch e Z w e ck s e tz u n g der Schule zu verkennen. Durch die Schwierigkeit und Langwierigkeit der Erlernung dieser Sprachen bilden sie jedoch einen Schutzzaun sür die gesellschaftliche Oberllaise. Der großen Masse der Besitzlosen ist es unmöglich, 9 Jahre aus die Ausbildung der Kinder zu verwenden, und so wird die Bildung ein schützender Wall sür die Klasseiiherrschast. zumal der politische Zweck bei Lehrfächern wie Religion und Geschichte ganz außer Frage steht. Wahre Religion soll ja nicht im Religionsunterricht vermittelt wer- den. Sluch das gesamte Bildungsberechtigungs- und Prüjnngs- Unwesen, der ganze Drahtverhau von Examen dient keinem anderen Zwecke, als die Exklusivität der Bildung zu sichern. Die geistige Menschenschicht, die aus den Schulen des Staates hervorgeht, die durchaus nicht identisch mit der gesellschaftlichen Oderschicht ist. trägt den Stempel der Klassenerziehung und stellt sich als geistige Blüte der Nation zumeist auf die Seite der herrschenden Minderheit. Auch die V o I k s s ch» l e, die ursprünglich ein Stück revolutionärer Ent- wicklung. eine Alislicserung der geistigen Waffen der herrschenden Klasse an die beherrschte Masse darstellte, ist mm Instrument der Klassenherrschaft»mgewandelt worden. Die Waffen der geistigen Bildung wurden der Masse ausgeliefert, weil die Oberschicht intelli- gente Arbeiter brauchte. Durch den Religionsunterricht und durch Beschränkung der geistigen Bildung auf ein Mindestmaß wird der hierdurch entstehenden Gefahr die Spitze abgebrochen. Bei alledem wenden die Waffen, die mit der geistigen Betöti- gunq in die Hand der Schüler gegeben werde», sich doch gegen di« Klassenherrschaft, ihre herrschende Idee. Die Schule trägt, wie Hegel sagt,„die List der Idee" in sich. Es werden stets Momente ein» treten, mo zwischen Lehrer und Schüler etwas andercs erwächst, als der Lehrplan, die Schulordnung vorsteht, ein menschliches Ver- stehen, ein gemeinsames Ringen nach Wahrheit, lind in solchen Momenten bahnt sich das aründlegend Neue an. das bestimmt ist, an Stelle des geist- und seelenlosen Bildungs-„BetrIebcs" etwas Neues zu setzen. Es ist zwecklos, bei Ausrechtcrhaltung des heutigen gesellschaftlichen, im tiefsten Grunde kuttlirlosen Zustande» an ein- zelnen Mißständen im Schulwesen herumzuknrieren. Denn die Schul? ist Symptom, ist Folgeerscheinung des gesamten Sozial- zustandes. Wyneken forderte zum Schluß alle von dieser Erkenntnis durchdrungenen Menschen auf, zusammenzustehen zunächst gegen den herkömmlickien Schulbetrieb, in der Hauptsache gegen die Seelen- und Kulturlosigkeit unserer Zeit. Der Vortrag fand starken Beifall und wurde w einer ousge- dehnten Aussprache noch lebhaft erörtert. Einige schiefe Urteil« gegen die sozialistische Bewegung von heute wurden in der Aus- sprach« richtiggestellt._ Arbeitsgemeinschaft der internationalen Kleinarbeit. Die.Arbeltsgemeinschaft der Freund« der Internationalen Kleinarbeit" hatte ihre Anhänger und Freunde zu einer Zusammenkunst nach dem juristischen Sprechzimmer im Vorwärtsgebäude geladen. Genosse Dr. Sldolf P a e tz, der mit noch einigen Freunden die Arbeitsgemeinschaft ins Leben gerufeit hat, gab in seinem Vortrage eine Uebcrstcht über die Arbeit der Be- wegung. 2in März 192S begann die Arbeitsgemeinschaft mit 25 Freunden, heute zählt sie 500. Das Programm umsaßt olles, was der internationalen Verständigung dienen kann. Durch persön- liche Fühlungnahm« mit den Sozialisten oller Länder soll Klarheit gewonnen werden über die Verhältnisse im Lande. Ein reger Brief- und Zeitungsaustausch wird mit ausländischen Genossen gepflogen. Der Erfolg ist nicht ausgeblieben. In diesenl Sommer werden englische Bergarbeiter, die bereits Rcisekassen ge- bildet haben, die deutschen Freunde aussuchen. Um die Verständigung noch besser zu pflegen und die Anhänger enger zusammenzusaisen, ist die Herausgabe eines Mitteilungsblattes geplant. In der Aus« spräche wurde der Wille zur Mitarbeit unterstrichen. Zn dem Feuer In Onkel Toms Hütte hat eine Berliner Morgen- zeitung di« Nachricht gebracht, daß die Zehlendorfer Feuer- wehr infolge Schlauchschadens nicht aktionssähig war. Wie unr aus Anfrage von der Leitung der Zedlendorser Feuerwehr mitgc- teilt wird, ist dos Gegenteil richtig. Die Zehlendorfer Wehr war sechs Minuten nach Eingang der Meldung an der Brandstelle, mußt« eine zirka 250 Meter lange Schlauchleitung legen und nahm mil dieser Leitung die ersolgreich« Bekämpfung des Feuers auf. Ein« nur vier Minuten währende Unterbrechung trat ein, als ein Schlauchstück undicht wurde und ausgewechselt werden mußte. Den Hauptonteil der Ablöschung hat auch die Zehlendorscr Wehr geleistet. Die von einer anderen Berliner Lokalzeitung gebrachte Mitteilung, daß die telephonische Verbindung des vom Brand betrossenen Pächters zur Zehlendorfer Feuerwehr 25 Minuten gedauert hat, ist ossen- bar auf einen Mangel des in Zehlendorf vorhandenen p o st a l i- schen automatischen Fernsprechwesens zurückzuführen, über den noch«in ernste« Wort zu sprechen sein wird. yteve Sonntags-Buckkohrkarten nach Kloster Cefmln. Die di« Reicbibahndirekiion Berlin mitteilt, wird am 1. Mai d. I. di« durckgebende Abfertigung mit der Lehniner Kleinbahn aufgenommen Gleichzeitig damit werden Sonntagsrückfahrkarten vom PolSdamer Bahnhof nach Lehnin ausgelegt. Tieie Karlen losten sür bic 3. Klass« 3.40 M. und für die 4. Klasse 2.90 M. itusstellang.«esundheltsstirsorge unserer Zeit" tu der ZunkhaNe. Am Donncrltag. den 22. Adrll, vorm. 11 Ubr, findet eine ftülsriing durch dl« AuZslclluncitabteilung.Die geiunde Dohnfiätle' unter iachtundiger Führung statt, mit anlchliehendenr Gang durch die ge'amte Ausstellung. Grohseuer wütete in der Maschinenfabrik H. Meinecke Akt.-Ges. in dem Vorort« Carlowitz bei Breslau. Das Feuer war in einem zentral gelegenen Gebäude des Werkes, der größten ost- deutschen Wassermesserfabrit nnt einer Belegschaft von 750 Mann, ausgebrochen, und zwar in dem Montagebau. Das 60 Meter lang« und 45 Meter breite Gebäude ist vallständiA aus- gebrannt. Die Fabrikieitung nimmt als Ursache vorsätzliche Brand- stistung an. Veruntreuungen bei der Augusl-Thyssen-fjülle. Große Veruntreuungen und Fälschungen stnd heut« bei der August-Thyssen-Hütt« in Hamborn entdeckt worden. Eine Anzahl von Monteuren und Angestellten auswärtiger Baufirmen, die bei der Hüfte verschied-ne Baiiten auszuführen hatten, haben es verstanden, durch F ä l s ch u n» gen der Lohnlisten und andere Machenschaften Summen in einem Betrage von KOOOO bis 70 000 Reichsmark in ihre Taschen zu leiten. Bisher wurden 10 Personen jeftgenommen. 100 japanische Fischer vermißt. Die ganze japanische Westküste wurde von schweren Stürmen heimgesucht. Ueber 100 japanische Fischer werden oermißt. Ein Zerstörer Ist auf der Suche nach den Vermißt«». �ewerLschastsbeivegung Der christliche Gewerkschaftskongreß. Vehrens hat das letzte Wort. Am Dienstag hielt B o l t r u s ch einen Vertrag über.Lage n n b Aufgabe der deiirfchen Wirtschot t". Baltrufch untersuchte die Ursachen des Niederganges der deutschen Wirtschast und zeigt« Wege und Mittel, wie wir aus der Wirtschaftskrise her- ouskammen könnten. Im einzelnen führte er aus, dah die christ- liehen Tewertschasten gegen jede Zwangswirtschaft seien. Die greche Zahl der Kartelle und Innungen trage durch zu hohe Preisfestsetzungen einen großen Teil der Schuld an der Versteifung der deutschen Wirtschaft. Der Gesetzentwurf zur Förderung des P r cisabbaues müsse mit den vom Reichswirt- schaftsrat vorgeschlagenen Aendcrungen endlich dem Reichstag vor- gelegt werden. Die R otionalisierung und Vervollkommnung der Beiriebe und der Ausbau der Verkehrsmittel seien zu sördern. Der Z i n s s u ß müsse weiter gesenkt werden, ebenso die Fracht- tarise aus den Eisenbahnen. Banken und Sporkassen sollten ihre Zurückhaltung bei der Hergäbe langfristiger Kredite aul> geben. Der Lohnabbau sei lein geeignetes Mittel, um aus der Krise herauszukommen. Von Arbeitgebern und Arbeitnehmern müsse der Weg ehrlicher Verständigung beschritten werden. Größere Leitungen seien nur dann aus der Arbeiterschaft herauszuholen, wenn sie mit ihrer Seele voll bei der Arbeit sei. Derbondsvorsitzender Fahrenbroch- Düsseldorf sprach als Korreserent über„M itbestimmungsrechl und Mitbesitz der Arbeiter in der Wirtschai t� und legte dem Kongreß eine Entschließung vor, in der die paritätische Zusammen- setzung aller öffentlich-rechtlichen Wirtschafts- k o m m e r n sowie die baldige Errichtung von Be�irkswirt- s ch a f t s r ä t e n und des endgültigen Reichswirtschafts- r a t e s in organisch gegliedertem Ausbau gefordert wird. In der Vormittagstogung sprach noch Giesberts: er führte u. o. aus: Es müsse die wichtigste Ausgabe der deutschen Politik sein, der Wirtschast wieder die Stellung zurückzuerobern, die sie vor den, Kriege innegehabt habe, weil Deutschland mit dem Welthandel und der Weltwirtschaft unlösbar verknüpft sei. Ein Wiederausstieg der Wirtschaft sei aber ohne Befruchtung aus der Arbeiterschaft heraus nicht denkbar. Di< Fürsorge für das deutsche Volk müsse in den Vordergrund treten, spekulative Elemente und kapitalistische Profil- sucht zurückgedrängt werden. Giesberts wandte sich zum Schluß scharf gegen die aus der Essener handelskammcrtagung in Erscheinung getretenen Tendenzen. In der Nachmittagssitzung wurden die dem Kongreß vorgelegten Leitsätze, Anträge und Entschließungen mit unwesentlichen Abändc- rungen angenommen. Ein Antrag, der sich für die stärkere Bekämpfung des Alkoholmißbrauches einsetzt, fand ein- stimmige Annahme. In den Ausschuß des Gcsamtoerbandes wurden dann Stegerwald, Boltrusch, Funke, Jansen, Kaiser, Hillenbrand, Dr. Röhr, Ott« und Giesberts gewählt. Darauf sprach Dr. Röhr-Berlin über Wege und Ziele des ge- werkschafllichen Bildungswesens. In seinem Schlußwort hob B e h r e n»(!) hervor, daß besonders in den Begrüßungsansprachen der beiden Vertreter der christlichen K.'usessionen die Zusammenarbeit von Kirche und Arbeiterschaft stärker betont worden sei. Di« christlich-nationole Arbeiterschaft und ihre Bewegung schreite rüstig fort. Es ist vielleicht mehr als ein symbolischer Zufall, dah es aus- gerechnet der deutschnationale Rehmer von Umernehmergeldern Behrens war, der das Schlußwort auf dem christlichen Gewerk- schaftskongreh hielt. Wie unsere Leser wissen, hat der Deutsche Landarbeiterverband in einer von uns ocröjsentlichten Zuschrift er- klärt, daß die Behrens.und Meyer nicht nur die sonderbare Anleih? von.5000 Mark bei der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberver- bände aufnahmen, sondern ständig Zuweisungen von landwirtschaftlichen Unternehmerorgonisatio- nen erbitten und erhalten. Der Deutsche Landorbeiter- verband hat in dieser öffentlichen Erklärung sich erboten, dos in seinem Besitze bciindliche Material dem Gesamtoerband der christ- lichen Gewerkschosten zur Kenntnisnahme zur Verfügung zu stellen. Nicht minder bekannt sind die Schlußfolgerungen des Untersuchung»- ausschusses, die sich gegen Behrens und Meyer richten und die auch mit den Stimmen der Fraktionskollegen des Behrens ange- nommen wurden. Trotz dieser Tatsachen hat man es dem Behren» erlaubt, auf dem christlichen Gewerkschastskvngreß eine Rolle zu spielen. Wir haben diesen Fall vorangestellt, weil er für die zwie- spältige Haltung, für das ängstliche Ausweichen des Dorr- munder Kongresses vor jeder grundsätzlichen Auseinandersetzung be- zeichnend ist. Das ist eigentlich das Ergebnis des Dortmunder Kongresses. Die groß angelegte Red« Stegerwalds war nicht die Pro- grammrede eines Gewerkschaftlers, sondern die Rechtserti- gungsrede eines Politikers. Sie war vor allem auf einen persönlichen, stark überheblichen Ton gestimmt. Sie vermied ober überoorsichtig jede Schlußfolgerung für die zukünftige Politik der christlichen Gewerkschaften und Stegerwalds. Wenn dieser auch die Republik gegenwärtig als die einzig möglich« Staats- form erklärte, so bemühte er sich, die schwarzweißrote Fahne zu verteidigen. Die schwarzweißrote Republik Stegerwalds ist aber keine Republik. Was sonst In den Referaten zutage gefördert wurde, geht nicht über die Belanglosigkeiten beliebiger Versammlungsreden hinaus. Daß auf sozialpolitischem Gebiete z. B. die Aufrechterhaltung der Trennung der Versicherungseinrichtungen gefordert wurde, ist auch kein Zeichen weitsehender Sozialpolitik. Wenn dl« christlichen Gewerkschaften sechs Jahre brauchten, um einen so sarb- losen, knochenweichen Kongreß zustande zu bringen, dann hätten sie mit dem Kongreß ruhig nochmals sechs Jahre warten können. vereknheitttchung öer Seamtenbewegung. Wie sie sich der DVL. denkt. Vom Deutschen Verkehrsbund, Mttgsiedschaft Allgemeine Deutsche Postgewerkschast, wird uns geschrieben: Der Gesamtvorstand des Deutschen Beamtenbundes hat auf seiner Tagung am 17. d. M. eine Entschließung gefaßt, die die Vereinheitlichung der Beamtcnbewcgung fordert und olle Schritte begrüßt, die in dieser Richtung unternommen werden. Dieser Beschluß muß im Zusammenhang mit einer Eni- schließung des zweiten Kongresses des christlichen Gesamt- Verbandes deutscher Bcomtengewerkschasten in Köln betrachtet werden, der die„Zusammensührung der deutschen Beamten in eine Einheitsorganisation auf dem Boden christ- lich-nationoler Weltanschauung" und Bejahung der deutschen„Volksgemeinschaft" unter Ablehnung des Klassenkampfes verlangt und die Verbandsleitung beauftragt hat, ihre Bemühungen zur Vereinheitlichung der Beamtenbewegung in diesem Sinne fortzusetzen. Die bisher auf feiten des Deutschen Beamtenbundes und des Christlichen Gesamtverbandcs geführten Verhandlungen haben auch Spv.-ttelsllardetieil Besudil die Brandienversanuninn�en am Donnerstag! bereits den positiven Erfolg gehabt, daß der unter dem Vorsitz de» bekannten Herrn K u g l e r stehende zum DBB. gehörende Reichs- verband Deutscher Post- und Telegraphenbeamten eine Arbeits- gemeinschaft mit der Christlichen Deutschen Po st- gewertschaft mit dem Ziele einer Verschmelzung beider Verbände abgeschlossen hat. Diese enge Verbindung mit den christ- lichen Gewerkschaften ist also nunmehr vom Gesamtvorstand des Deutschen Beamtenbundes gebilligt worden. Sind die Mit- glieder des Reichsoerbandes Deutscher Post- und Telegraphenbeamten mit ihrer Vereinheitlichung innerhalb der christlichen Gewerkschaften einverstanden?_ Tie Zigarcttenmaschinenfuhrer für Amsterdam. Gestern hatten die im Deutschen Metallarbeiterverband organi- sierten Zigarettenmaschinenfübrer ihre Branchenversammlung, in der sie zur Neuwahl der Bronchenkommission Stellung nahmen. Den Jahresbericht gab der 2. Branchenleiter Franken- stein. Er ging zunächst auf die gesamte Lage in der Zigaretten- industrie ein und behandelte dann die Arbeitsverhältnisse der Ma- schinensührer im besonderen. In den ersten achten Monaten des Vorjahres war eine so gut« Konjunktur, so daß sogar ein Mangel an Maschinenführern eintrat. Seit dem Inkrafttreten des neuen Tobaksteuergesetzes dagegen hat die Beschästigungsmöglichkeit kata- strophal nochgelassen. Es ist zurzeit etwa die Halste der Zigaretten- maschinensührer arbeitslos. Die vermindere Kaufkraft der arbeiten- den Bevölkerung hilft die Krise in der Zigarettenindustrie noch ver- schärfen. Durch verbeflerte Moschinen und andere technische Neue- rungen in der Zigarettenindustrie ist die Produktivität um etwa 20— 50 Proz. gegenüber der Leisttingssähigkeit vor zwei Jahren gestiegen. Dieser vermehrten Produktion steht aber die geminderte Kauskrost der Konsumenten gegenüber. Infolge dieser Arbeitslosigkeit und großen Kurzarbett war es auch nicht möglich, in den letzten Monaten Erhöhungen der Löhne durch- zusetzen. Im allgemeinen hat aber die Branchenkommission ihr Möglichstes getan, um die wirtschaftliche Lage der Branchenange- hörigen zu heben. Es muß auch das Bestreben der neuen Bronchen- kommission sein, im besten Einoernehmen mit der Organisation und der Branche zu wirken. Eine Diskussion zum Jahresbericht wurde niibt gewünscht. Die Versammlung wählte nach dem Vorschlag der Dettrouensleute die bisherige Branchenleitung Amsterdamer Richtung wieder. Betriebsräte und wissenschaftliche Betriebsführung. In der Dctriebsräteversammlung der Metallindustrie am Diens- tag in den Sophiensälen wurde über die Reichsbeirats. l a g u n g der Betriebsräte der Metallindustrie in Leipzig am 12. und 13. März Bericht erstattet. Genosse Lübbe vom Gesamtbetriebsrat des Siemcns-Konzerns gab zunächst einen gedrängten Bericht von den Referaten, die auf der Konferenz gehalten wurden. Genosse S n e l l vom Butad gab dann einen Auszug aus seinem in Leipzig gehaltenen Referat' über.Wissenschaftliche Betriebs- führung". Genosse Snell geißelte die sogenannte.wisienschaftliche Betriebsführung", wie sie von den Unternehmern betrieben wird, als das, was sie wirtlich ist, nämlich erhöhte Ausbeutung der menschlichen Arbeitstrast. Mit dieser Art der wisienschastlichcn Betriebssührung können sich die Arbeiter und Angestellten nicht einverstanden erklären. Wir verlangen eine Steigerung der Produktivität der Betriebe durch Verbesierung der Maschinen. Vorrichtungen. Werkzeuge und dergleichen, wodurch eine größere Arbeitsleistung ohne erhöhte Anspannung der Arbeitskraft möglich ist. Genosse Weber, Mitglied des ZdA., behandelte dann noch in kurzen Ausführungen die Veränderungen' in der kaufmännischen Bureauorgonisation, die durch das Eindringen der zeit- und arbeit- sparenden Bureaumaschinen hervorgerufen werden. Die Veranstaltung hatte den Zweck, mit dazu beizutragen, daß ein innigeres Zusammenwirken zwischen Angestellten und Arbeitern innerhalb der Betriebe Platz greift. Bedauerlich ist nur, daß die Versammlung einen so schlechten Besuch aufwies, obwohl es doch gerade sür die Betriebsräte in der jetzigen Krisenzeit so dringend notwendig ist, sich über so tiefgehende Fragen von weittragender Bedeutung zu informieren._ Tie Lohnbewegung der englischen Metallarbeiter. London, 20. April.(E. P.) Von 116 Gewerkschaften der Metall- arbeiterunion hoben sich bis jetzt 11 zugunsten eine» R e f e r e n- d u m s über die Zweckmäßigkeit eines Streiks ausgesprochen. Die Arbeiter fordern bekannllich eine Lohnerhöhung von einem Pfund, während die Arbeitgeber nur eine solche von 2 Schilling 6 Pen« zugestehen wollen. MirtslHaft Staatshilfe für Giesthe- gegen harrimaa. In der Frage, ob der deutschoberschlesische Zinkerz b c s i tz der Bergwerksgeselljchoft Giesches Erben an die amerikanische H a r'r i ni a n- A n a c o n d a- Gruppe ausgeliefert werden soll(worüber wir noch im gestrigen Abendblatt berichteten), steht, wie wir hören, eine Entscheidung kurz bevor. Preußen und das Reich werden wahrscheinlich der deutschen Giesche-Gesell- schaft einen größeren Subvention skredit, etwa in Höhe von 20 Millionen Mark, gewähren. Aus diesen Mitteln sollen dann Verhüttungsanlagen auf deutschem Boden geschaffen werden. Die Harriman-Anaconda-Gruppe erhält also keinen Ein- sluß auf den bei der Teilung Oberschlcsiens bei Deutschland ver- bliebcnen Besitz an Zinkerzoorkommen und wird in ihrer Beteili- gung auf den polnischen Anteil der Giesche-Gesellschaft beschränkt. Das öffenttiche Darlehen an Giesche soll zu ähnlich günstigen Bedingungen gewährt werden, wie der Kredit an den oberschlesischen Eisentrust, was man in beiden Fällen mtt den Verlusten begründet, die infolge der Teilung Oberschlesicns und der Ausstandsbewegung entstanden sind. Man wird eine solche Regelung, die deutschen Be- sitz erhätt und der Gefahr eines Woltzinkmonopols in den Händen Harrimans vorbeugt, grundsätzlich begrüßen können, aber andererseits fordern müsien, daß der Subventionskredit nicht als reines Geschenk an die Giesche-Gesellschaft fällt, die sich als wenig fähig erwiesen hat, sondern dah Hand in Hand mtt der Kreditgewährung aus öffentlichen Mitteln eine maßgebend« Beteiligung Preußens bzw. des Reichs an der Ä e r w a l- t u n g und am Ertrag erfolgt. Das Erstarken de» Sapilalmarkls: eine große Znlandsanleihe der ftlöckaer- Werke. Der Aufbau des inländischen Kapitalmarktes macht schnell weitere Fortschritte. Nach zahlreichen Emissionen öffentlicher und halböffentlicher Körperschaften gciK nun auch die Großindustrie zur Ausgabe von„reinen" Inlandsan- leihen über, das heißt solchen Anleihen, für die kein« beson- deren Vergünsttgungen(Umwandlung in Aktienform,„Convertible Bonds") gewährt werden. Die Klöckner-Werke(Berlin und Rauxel in Westfalen) legen unter Mitwirkung eines großen Banken- konsortiums eine Teilschuldverschreibungsanleihe von 4 0 Millionen Mark, die zu 8 Prozent verzinslich ist und bis 1S31 unkündbar bleibt, bei einem Ausgabekurs von 94!� Prozent zur Öffentlichen Zeichnung auf.(Die tatsächliche Verzinsung sür den Erwerber stellt sich danach aus fast 9 Prozent, die tatsächliche Z i n s b e l a st u n g sür das Unternehmen auf etwa 10 Prozeitt oder noch höher!) Nach der lS-Millionen-Anleihe der Continental-Caoutchouc- und Guttapercha-Companie in Hannover ist dies die zwette größere in- dustrielle Inlandsanleihe binnen kurzer Zeit. Was diesen Vorgang so besonders interessant erscheinen läßt, ist die Tatsache, daß d i e „unrentable" und„daniederliegende" Schwer- i n d u st r i e" nicht davor zurückschreckt, neue ungeheure Schulden auf sich zu laden, bei einer Zinsbelastung, die mehr als 10 Prozent ausmacht! Es scheint also so, als ob man damit rechnet, daß ein entsprechend hoher Gewinn bei der Investierung dieser Summen noch ganz gut herauszu- wirtschaften sein wird! Andererseits kann man sich des Eindrucks nichl ganz erwehren, als ob die"8 a n k e n jn dem be- greislichen Bemühen, sich gute Anlagemöglichkeiten für die flüs- sigen Mittel zu schassen, schon zu weit gehen, indem sie die Aus- nähme von Anleihen in einem Maße ermutigen, das für den Markt der fesioerzinslichen Werte gefährlich werden kann, sobald die Ueberfülle am Geldmarkt einmal ihr Ende findet. Der Slaal als Bauherr. Während die Arbettstätigkeit m» privaten Wohnungsbau, entgegen allen Erwartungen, auch bei fort- schreitender Iahrcszett nach wie vor gering bleibt, und industrielle Bauten so gut wie gar nicht unternommen werden, sind die öffentlichen Organisationen bei den gegenwärtigen Wirtschastsschwierigteiten die wichtigste Stütze des Bau- markts. In einem Extraordinarium zum preußischen Haushaltsetat, das gestern dem Landtag vom Staatsrot zugeleitet wurde, wird die Bewilligung eines Betrags von 57 Millionen Mark für die Ausführung bereits begonnener oder über- nommener staatlicher Bauten nachgesucht.— Zusammen mit dem sonstigen öffentlichen Baubedars de? Reichs, der Kam- munen, der Betriebsverwaltungen usw. ergibt das eine De- schäsrigungsmöglichkeit für Tausende von Arbeitern in einer Zeit, wo die„private Initiative" versagt! Der ftoniernabbau bei Scheidemandel. Daß das wohl- und vlanlose Angliedern von Beteiligungen während der Inflation die Ursache von V e r l u st e n bei vielen an sich gesunden Unternehmen ist. das Hot in der Generaloersammlung der Akttengesellschaft sür chemische Produkte vormals H. Scheidemandel der Aufsichts- ratsvorsttzend« Geheimrat Kempner zugegeben. Die Gesellschaft ist führend in der Knochcnverarbeitung und hat durch die Rohag eine beherrschende Stellung im Knocheneinkauf. Sie will sich in Zukunft aus dieses ureigenste Arbeitsgebiet beschränken und hat begonnen. alle diejenigen Beteiligungen abzustoßen, welche in keinem oder nur im losen Zusammenhange mit der Verarbeitung von Knochen, in eister Linie mit der Leimfabrikation, stehen. Bisher hat sie ab- gegeben die Beteiligung an der S u n l i g h t- Seisenfabrik Mann- heim, anöden Dereinigten Chemischen Fabriken Zeitz und an Spratts Hundekuchenfabrik. Dadurch hat sie die Höhe der Gläubiger um 2VH Millionen Reichsmark verringern können. Die Gesellschaft weist bei einem Aktienkapital von 25 Millionen einen Verlust von 1 334 194 M. aus, der auf neue Rechnung vorge- getragen wird. Den Hauptanteil an den durch die mangelnde Voraussicht der Verwaltung entstandenen Verlust muß natürllch, wie überall, die Belegschaft tragen, die im großen Umfange abgebaut worden ist. Spezielle Zahlenangaben konnte(oder wallte? D. Red.) die Verwallung auf Anfrage nicht machen. Aber man kann den ungefähren Umfang des Abbaues ermessen aus der Tat- fache, daß von 18 Betrieben der Gesellschaft nur noch S a r- beiten. Diese allerdings sind voll beschäftigt. ?>,rantwerlli>k> fUt Politik: XIAarli Berasteia: Wirtschaft: Artar Saterau»; Snverkschaftobeweaun»: J. Stet«»: IZeuillet-n: Ä. 8. Dischrr: Lokales uni> Eoniliae»� Zrui garftädt: Anzeiaen: Td. Sloike: sämtlich in Berlin. Verla«: Borwärto-Lerlaa>?. m. b. Ö.. B-rlin. Bruck: Borwärtz-Buchdruckeret und Berlaasanllalt Paul Einaer u. Co.. Berlin SB K8. Lindenitroke 2. üeillldi!! RIMM-Mzit Di- Branchenversammlung der Salt"«.SelMMMssn findet nicht am Mittwoch, sondern am Mmsm, den 22. Avril. nachm. S'/i Uhr, in groben Saal bar„SopylaaffllC, Sophtenstr 17 IS, ftott via Orlaoormoktaag. Pianos ohne Anzdhlung Bequemste TeilzaUung Preise von BM. 800,—»n Jörzey Poteduaar Str. 30 Adolf Hofftnann Episoden und Zwischenrufe au» der varlament»- und Malsterzett. Preis 1 Mark. 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