flbenöausgabe Nr. 205 ❖ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 101 r-zugsbedingunzen und?nzeigenpr«If« lind in dir Morginaudgab« angegeben «edatkioa: STD. 68. Cinöenflrabe 3 Acrvsprccher: Dönhoff 292— 297 Scl.-SidceftcSojialtentotcof BctUa Vevlinev VolKsblstt (�10 Pfennig) Montag 3. Mai�2ö »«rla« und Äniilzinobtitlun«: S«sch»st»»«it 9— 5 übt Secleget; Sorroäcls-Ceclas Gmby. 8«clln SID. 68. Lindeaslroh» 3 L-nuspr-ch-r: Dönhoff 292— 297 Zentralorgan der Sozi aldemokrati fd�en Partei DeutPchlands Der englisthe Großkampf. Ultimatum der Regierung.— Alle Verhandlunge« abgebrochen. London. Z. Mal.(Eigener Drahlberichl.) Der englische Minislerpräsident valdwin verhandellc in Gegenwart des gesamten Ministerrats am Sonntagabend nochmals mit dem Gcneralrat der Gewerkschaslen. An diesen Verhandlungen nahmen später auch aus Wunsch einzelner Minister das Exekutivkomitee des Vergarbeiterver- l-andes teil. Die Besprechung dauerte bis 1 Uhr nachts und wurde dann ergebnislos abgebrochen, weil die Regierung einen Verzicht auf die General st reikporole von den Berg- erbeitern fordert, ehe sie in den Lauf der Dinge praktisch eingreise! Damit scheint der Beginn des Generalstreiks am heutigen Abend fast unvermeidlich. In einem Manifest, das nachts nach den Verhandlungen des Grneralrats mit der Regierung veröffentlicht wurde, wird die Enl- Wicklung der Lage nochmals in ihren Einzelheiten geschildert und darin erwähnt, dofz immer noch die Möglichkell zu einer Einigung bestehe, wenn die Regierung die Forderung. von vornherein einer Lohnkürzung zuzustimmen, zurückziehe und dafür Sorge trage, das} die Aussperrung der Bergarbeiter ausgehoben werde. „Daily Mail" kann am Dienstag nicht erscheinen, da die Seher and das übrige Personal sich geweigert hat, einen die Akiion der Gewerkschoflen in mahloser weise angreifenden Artikel erscheinen zu lassen. Kampfmaßnahmen Oer Regierung. London. 3. Mai.(WTB.) Kur; vor Mitlernoch gab der Minister de» Innern eine Mitteilung aus, in der erklärt wird: England müsse sich aus den Generalstreik gefaßt machen. Die Regierung unternehme alle Schrille, um die Versorgung mit Lebensmitteln, Brennstossen und Beleuchtung aufrechtzuerhalten und werde für den Schuh oller in diesen Industriezweigen Beschäftigten sorgen. Rekrotierungsämler für freiwillige Helfer würde»» eröffnet werden. Alle loyale Bürger würden oufgesorderl. sich bereitzuhalten, um der Regierung Beistand zu leisten. Weitere Bekanntmachungen werden für den heutigen Tag angekündigt. Aus der Sihung des Vollzugsausschusse» der Parlamentsmitglieder der Arbeiterpartei wurde gestern abend beschlossen, daß heute eine Debatte über die Krise verlangt werden soll, wenn bis zum Augenblick des Zusammentritts des Parlament» keine Regelung er- folg, ist. * Der Generalrat de» Gewerkschastskongresse» sandle heule früh eine Antwort an den Ministerpräsidenten, in der er sich beklagt, daß seine ausrichtige Bemühung, eine ehrenhaste Regelung zu erreichen,.durch das unerhörte Ultimatum der Regierung" zunichte ge- »nacht»vorden ist. Offiziell wurde erklärt, daß die Verhandlungen zu Ende seien. Salüwins Ultimatum. London, Z. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Amtlich wird milgeteilt. daß das Scheitern der Verhandlungen über den Kohlen- konflikt durch folgenden Brief des Premierministers B al d w i n an dcn Vorsitzende« des Geiverkschaftskongrestes Artur pugh bekannt gegeben wurde: „Die Regierung Seiner Majestät ist der Ansicht, daß keine Lösung der Schwierigkeiten in der Kohlenindustrie, die für alle Beteiligten zugleich durchführbar und ehrenvoll wäre, gefunden werden kann, es fei denn durch eine aufrichtige Annahme desKommifsionsberichts. In dem Ausdruck„Annahme des Berichtes" sind f o w o h l die Reorganisation der Kohlenindustrie, die sofort in Angriff genommen»»erden müßte, enthalten, wie auch die noch später zu errvartenden Ergebniste dieser Reorganisierung, die einstweilen durch eine vorübergehende Ungleichung der Löhne und der Arbeitszeit zu erreichen wären, um in der Zwischenzeit eine wirt> schaftliche Fortführung dieser Industrie zu ermöglichen. Wenn die Vertreter der Bergarbeitergewerkschasten bereit gewesen wären, klipp und klar zu erklären, daß sie diesen Vorschlag annehmen, so würde die Regierung dereit gewesen sein, die Verhandlungen zum Abschluß zu bringen und für weitere zwei Wochen die Zuschüsse fortzuzahle i». Aber seit den Unter. rcdungcn, die Zwischen dcn Ministern und den Vertretern der Ge-, werkschaften stattgefunden haben, hat die Regierung erfahren, daß nicht nur bestimmte Instruktionen— die von den Vertretern de? Generalrots der Gewerkschaften ausgehen— im Sinne der Prokla- »nierung des Generalstreiks auch für die lebenswichtigsten Industrien und Betriebe ergangen sind, sondern daß darüber hinaus schon bestimmte Handlungen in dieser Richtung vorge- nommen wurden, namentlich ein grober Eingriff in das Gebiet der Press e'freiheit. Ein solches Unternehmen enthält eine Kampfansage an die ver fasiungsmäßigen Rechte und an die Freiheit der Ration. Aus diei m Ounde w.'.'ß d:E R-igierunz Keiner Majestät, bevor sie die Verhandlungen wieder aufnehmen IgaOf oos den Sewcrkjchajteq joipcHl eine v xrzrteilztnz der erwähnten Handlungen, die bereits stattgefunden haben, wle mich eine sofortige und bedingungslose Zurückziehung der General st reikorder verlangen." 8° Diese letzten Worte beziehen sich, wie der amtliche engklfche Funkdienst hinzufügt, auf die in der vergangenen Nacht erfolgte Arbeitsniederlegung durch die Buchdrucker der „D a i l y M a i l" als Protest gegen einige Stellen eines Leitartikels, der heute früh in diesem Blatt erscheinen sollte und den sich der Chefredakteur zu ändern weigerte. Infolgedessen konnte der„Daily Mail" heute früh in London nicht erscheinen, dagegen ist die in Manchester gedruckte Ausgabe des Blattes erschienen. Die Antwort des Generalrats. Londor», 3. Mai.(WTB.) Die Antwort des Generalrats des Gewerkschaftskongresses auf die Entscheidung der Regierung besagt, es fei nichts Ungewöhnliches, daß Arbeiter in Berteidigung ihrer Interessen als Lohnempfänger die Arbeit einstellen. Der b e» sondere Zweck des dahingehenden Beschlusses im gegenwärtigen Fall sei. den Arbeitern dasselbe Recht zu sichern wie den Unter- nehmern, riämlich, daß die Verhandlungen außerhalb der Atmo- sphäre des Streiks oder der Aussperrung geführt werden. Was einen„schweren Eingriff in die Freiheit der Presse" angehe, so habe der Generalrat keine Kenntnis davon und könne dafür keine Verantwortung übernehmen. Er ergreife wirksame Maß- nahmen, um irgendwelche disziplinwidrigen Handlungen zu ver- hindern. Der Rat bedauere, daß ihm kein« Gelegenheit gegeben worden sei, die angeblichen Zwischenfälle zu untersuchen und sich dazu zu äußern, bevor die Regierung sie zum Vorwande nahm, um die Einigungsverhandlungen abzubrechen. Die Oefsentlichkeit»rzerde die wahren Absichten der Regierung nach dem überstürzten und beklagenswerten Beschluß in dieser Sache beurteilen und werde es mit dem Generalrat beklagen, daß seine aufrichtigen Bemühungen um eine ehrenhafte Regelung durch das unerhörte Ultimatum der Regierung zunichte gemacht wurden. Londoner Pressestimmen. London, 3. Mai.(MTB.) In Leitartikeln und spaltenlangen Berichten befassen sich die Blätter mit dem drohenden Generalstreik. Die letzten Ereignisse, das Ultimatum der Regierung und der Abbruch der Verhandlungen tonnten nur von einigen Blättern noch unter den letzten Nachrichten erwähnt»»»erden. Die liberalen Blätter kritisieren die Haltung der Regierung durchweg abfällig. Lloyd Georges Blatt„Daily Chronicle" sagt, ivenn die Katastrophe eintrete, müsse natürlich jeder Bürger bei der Aufrechterhaltung der Ordnung mitwirken. Das brauche aber nicht über die Tatsache hinivegzutäuschen, daß der verhängnisvolle Konflikt nicht ausgebrochen wäre, wenn die Regierung rechtzeitig und entschieden eingegriffen hätte, statt eine zweideutig« Haltung einzunehmen. Di« radikale„Daily News" erhebt Einspruch gegen den Versuch, die industrielle Krise als eine revolutionäre Bewe- gung hinzustellen. Was die Regierung betreffe, so habe sich Bald» win erst am letzten Mittwoch, zo»e» Monate nach dem Bericht der Kohlenkommission auf Verhandlungen eingelassen. Das einzige, was die Regierung wirklich getan habe, fei gervesen, sorgfältig« Vorsichtsmaßnahmen für den Fall eines Streiks zu treffen, statt ihn zu o e r h i n d e r n. Auch die liberale„Weftminster Gazette" macht Baldwin Unsicherheit und Unklarheit zum Vorwurf. Das Arbeiterblatt„Daily Herald" eccklärt, Baldwin � habe sich zum Werkzeug der Schuxrinduftrie gemacht, und ermahnt die Arbeiter zur Einigkeit, zu Vertrauen zu ihren Führern und Vor- ficht gegenüber Spionen. „Daily Expreß" sagt,»venn die organisierte Arbeiterschaft es auf eine Kraftprobe ankommen lasse, könne der Ausgang nicht zweifelhaft fein. Ein Generalstreik werde fehlschlagen.___ „Daily Telegraph" mißt dem Generalrat des Gewerkschafts- kongresses die Schuld an der unglücklichen Wendung der Dinge bei und spricht von dem politischen Charakter, den ein industrieller Konflikt erhalten habe. Sitnationsbericht der Regiernng. London, 3. Mai.(Reuter.) Bisher ist es nirgends zu Störun» gen der öffentlichen Ordnung gekommen. Mit Ausnahme der einen Million Bergarbeiter gehen alle friedlich ihrer Beschäftigung nach. Da» plötzliche Scheitern der Vermittlungsversuche hat im Lande große Enttäuschung hervorgerufen. Von dem Generalstreik wurden lü Millionen Arbeiter des Transportgewerbes und der damit zusammenhängenden Betriebe betroffen. Die Be» Hörden sind damit beschäftigt, die den außergewöhnlichen Umständen angemessenen Maßnahmen und Vorkehrungen zu treffen. Tausend von freiwilligen Arbeitern sind bereit» angeworben und die Re- krutierung weiterer Hilfskräfte ist im Gange. Der englische Hergbau. Der englische Riesentampf, der schon durch seine Ausdeh» nung ein Ereignis von gar nicht abzuschätzender Tragweite ist, wird durch den Umstand gekennzeichnet, daß die Unternehmer ihn provozieren, weil sie den R ü ck st a n d, in den Europa durch den Krieg geraten ist, durch die Verelendung der Arbeiterschaft wettzumachen suchen. Wenn zu Beginn des kapitalistischen Maschinenzeitalters die Arbeiter oft ihrer Wut durch Zerstörung der Maschinen Lust machten. so erinnert das Vorgehen der Unternehmer Europas gegen- wärtig an dieses primitive Mittel geistig Rückständiger. Die Unternehmer wollen die immer wieder versäumte Moderni- sierung der Betriebe nochmals hinausschieben, gegen den amerikanischen Maschinismus ankämpfen, indem sie die Arbeiter länger arbeiten lassen und niedriger ent- lohnen. Dieses Kapitel ist»ms auch in Deutschland reichlich bekannt. Wie es aber besonders im englischen Bergbau, der im Zentrum des großen Kampfes steht, im Vergleich zum deutschen Bergbau aussieht, dafür bietet ein jüngst veröffent- lichter Bericht englischer Bergarbeiter einen interessanten Ein- blick. Bor einigen Wochen hat die englische Zeitung„Daily Mail" acht Bergarbeiter nach Deutschland auf ein« Swdienreise Das Doöenreformgesch. Beratung im Reichstag.— Beschluß des Aktionsausschusses. Im Reichstag steht am Dienstag der Bericht des 11. Ausschusses (Wohnungswesen) über den Antrag der Abgg. Brodauf, Koch-Weser u. Gen. betr. Vorlegung eines Bodenreformgefetzes zur Beratung. Berichterstatter ist der Abg. Silberschmidt. Es handelt sich um ein Gesetz, das von großer Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft überhaupt, insbesondere aber für unsere Sozialpolitik ist, um ein Gesetz, das den weitesten Rahmen für unsere gesamte Boden-, Siedlungs- und Wohnungspolitik bildet, und ein« großzügige Lösung der Wohnungsfrage ermöglichen soll. Das A k- tionskomilee für Boden-, Siedlungs- und Woh- nungspolitik richtet einen dringenden Appell an den Reichsarbeitsminister.. Durch den Obmann des Aktions- komitees ist heute dem Reichsarbeitsminister der nachstehende, ein- stiininig gefaßte Beschluß des Aktionskomitees übermittelt worden: „Das Aktionskomitee für Boden-, Siedlungs- und Wohnungs- Politik beschließt, der Rcichsregierung mitzuteilen, daß das Äktions- komitee von ihr die baldige Einbringung des Bodenreform- gefetzentwurfes des Ständigen Beirats für Hehnstättenwesen beim Rcichsarbeitsminiftcr vom 22. März 1926 beim Reichstag e r- wartet,»nd daß die dem Aktionskomitee angeschlossenen Organisationen für die Annahme dieses Gesetzentwurfes im Reichstag mit allen Mitteln energisch agttieren werden." Der Beschluß trägt folgende Unterschriften: Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund(Leipart), Deutscher Ge- werksibastsbund(Bernard Otte, Dr. Brüning), Verband der weib- lichen Handels- und LureauonaesteLten(Dr. Frieda Glaß). Soziale Kommission der Deutschen Gcwerkvercine H. D.(Alfred Lange). Allgemeiser trsttzr Allgestelltenbjtud �Aujhäujcr� Allgemeiner Deutscher Beamtenbund(Dr. Völter). Deutscher Beamtenbund(Remmers), Deutsch« Woh- nungsfürsorge A.-G. für Beamte, AngesteMe und Arbeiter (Dr.-Ing. Wagner), Heimstättenamt der Deutschen Beamtenschast E. V.(Johannes Lubahn), Arbeitsgemeinschaft der Fachgewerk- schaften(Dr. Beume), Reichsoerband der Kleingarten- vereine Deutschlands(Förster), Reichsbund der Kriegs- beschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegerhinterbliebenen (Stadsholt). Gemeinnützige Rcichsbund-Kriegerfiedlung G. m. b. H. (Maroke, Pfändner), Märkische Scholle(Schluckebier)» Deutsches Heim(Schadewald), Reichsbund Deutscher Mieter(Fritz Dzieyk), Bund Deutscher Mietervereine, Geschäftsstelle Berlin (Gramse), Gruppe Nord, Gemeinnützige Siedlungs-G. m. b. H. (Siebenhnar), Bund Deutscher Bodenreformer(Victor Noack). Hinter dem Beschluß des Aktionskomitees stehen also die Der- treter von Millionen deutscher Arbeitnehmer. Der Ständige Beirat für Heimstättenwesen beim Reichsarbeitsmini- sterium hat in seiner Sitzung vom 22. März 1926 seinen ersten Ent- wurf für das Bodenreformgcjetz von 1929 nicht unwesentlich geändert. Der Wortlaut des revidierten Entwurfes, der vom Ständigen Bei- rat einstimmig angenommen worden sst, ist durch den Reichsarbeitsminister bereits den Landesregierungen zur Begut- achtung zugeschickt worden. Ein Zeichen, daß die Regierung selbst iiberzovgt davon ist, daß das Bodenreiormgesetz kommen muß, und daß sie willens ist, dieser Notwendigkeit Rechnung zu tragen Nunmehr kommt alles darauf an, daß der Reichstag der Regierung diz Möglichkeit gibt, dg- Sejetz zlj persttklichea,_ij._ L flcfonbf. um von ihnen ein Urteil über die Verschiedenheiten beider Länder zu erhalten. Das Blatt wollte seinen Lesern und der Oeffentlichkeit zeigen, wie noch im Arbeitsverhältnis stehende Bergarbeiter über den deutschen Bergbau urteilen. Der Bericht ist jetzt erschienen. Er wird ohne Zweifel sehr stark die Beurteilung"deutscher Bergwerksverhältnisse in England berinflussei-, einmal, weil man drüben auf das Urteil von im Arbeitsverhältnis stehenden Gutachtern großen Wert legt, zum andern, weil der Bericht auch tatsächlich die Wirtlichkeit ziemlich richtig schildert. Daher werden ernsthafte Widersprüche gegen den Bericht wohl kaum erhoben werden. ersten Teil des Berichtes wird über die Unterschiede, be- dingt durch die natürlichen geologischen Verhältnisse, gesprochen. Es wird ausgeführt, daß Vergleiche darüber, in welchem der beiden Länder die beste Abbaumethode angewandt würde, nahezu unmög- lich find, weil die Verhältnisse grundverschieden sind. Methoden von großer Leistungsfähigkeit in dem einen Land sind in dem anderen imwirksam. So sind an der Ruhr die Flöze mehr oder weniger stark geneigt, so daß schon aus diesem Grunde ganz andere Ab- baumethodcn angewandt werden müssen, als in England mit seinen flachen Flözen. Die Schwerkraft kann in Deutschland erheblich mehr zu Verrichtungen herangezogen werden, zu denen in England Pferde und maschinelle Kräfte verwandt werden müssen. In Lberschlesien sind die Flöze so dick, daß ein Vergleich mit England überhaupt nicht gezogen werden kann. Ebenso sind die Festigkeitsocrhältnisse der Kohle überall so verschieden, daß eine Schlußfolgerung, welche Arbeitsmethode allgemein am besten fei, nicht zu ziehen ist. Trog der unzähligen Unterschiede sind' jedoch die englischen Bergarbeiter überzeugt davon, daß in Deutschland die Verwendung von Maschinen im Bergbau in erheblich höherem Maße erfolgt als in England. Die höchstmögliche Verwendung von Maschinen und die geringste an inenschlicher Arbeitskrast sind ihrer Meinung noch in Deutsch- land init Entschiedenheit verfolgte Ziele der Unternehmer. Damit wollen sie nicht tagen, daß in England die Maschinen unbekannt sind, aber man muß in England einen ganzen Bezirk de- suchen, um dort soviel verschiedene Maschinen zu finden, wie sie in Deutschland auf einer Grube zu finden sind. Die größten Unterschiede in England zeigen jedoch die Tages- anlagen der S�rke. Die Anordnung der Tagesanlagen sowie ihre Aueführung ist in Deutschland erheblich besser als in England. Man hat bei ihrem Bau nicht nur die Leistungsfähigkeit berück- sichtigt, soildcrn auch ästhetische Gesichtspunkte mitsprechen lassen. Die Maschinenhäuser und Lohnbureaus sind im Vergleich zu den eng- tischen Wellblechbuden als Paläste anzusprechen. Besonders werden die Waschkauen erwähnt, die man im Gegensatz zu England überall findet. Der zweite Teil des Berichts, der sich mit wirtschaftlichen und Arbeiterfragen befaßt, ist wesentlich interessanter. Zuerst wird auf die großen Kosten der stattlichen Tagesanlagen hinge- wiesen. Die Möglichkeit, diese großen Kosten aufzubringen, er- klären sie damit, daß in Deutschland lm Gegensatz zu England das „G r o u p i n g- S y st e m" zu finden ist. Diese Bezeichnung spielt gegenwärtig in England eine große Rolle, da dieses System in dem Bericht der Kohlenkommission sehr warm empfohlen wird. In den> Bericht der Bergarbeiter wird>n diesem Zusammenhange ousge. führt: „Wo wir in England ein halbes Dutzend Gruben mit eigenen Tagcsanlaocn haben, ist in Deutschland ein g r oß e s Werk vorhanden, welches ein großes Griihenfeld abbaut. Hierdurch wird nicht nur die Ausbringung großer Kapitalien für die Tagesanlagen ermöglicht, sondern es wird auch die Leistungs- f ä h i g k e l t der Anlage erheblich verbessert. Auf diesen großen Anlagen findet man Werkstätten, in denen fast alle im Grubenbetrieb notwendigen Gegenstände hergestellt werden. Diese Kon- zenrration hat den Vorteil, daß ein Ausgleich zwischen den ren- tablcn und unrentablen Betnebetcilen stattfindet. Hierdurch wird eine regelmäßigere Beschättigung erniöglicht. Weiter ist die Aus- nugung der Wäscherei, Räiterei und der Nebenproduktenanlagen «ine bessere. Das Urteil über die Höhe des Verdienstes geht dahin, daß es den Anschein hat, als ob die englischen Bergarbeiter mehr verdienten al» die deutschen. Wörtlich wird gesagt:„Seit es wie es sei! Offenbar Kunstfthätze und Zürftenenteignung. Von Prof. Dr. Hermann Schmitz. In den Auseinandersetzungen der deutschen Länder mit den früheren Fürsten spielen die Kunstjchöpfungen der ehemaligen Landesherren, ihre Schlösser und Parts und alten Kunstsammlungen, eine große Rolle. Sie sind nach der Staatsumwälzung in der Haupt- fache von den neuen Regierungen in Besitz genommen und der ANgemeinheit zugänglich gemacht worden. Während in den meisten Bundesstaaten, namentlich in den süddeutschen und in Sachsen, die lieberfühning der fürstlichen Kunstgüter in den öffentlichen Besitz ohne Reibung auf Grund gütlicher Vereinbarungen vollzogen werden konnte, ergeben sich in anderen, vornehmlich in Preußen und Thüringen, dadurch Schwierigkeiten, daß von fürstlicher Seite Teil« des Kunstbesitzes beansprucht werden, die von besonderer Bedeutung für die Kultur des Landes sind. Ganz allgemein herrscht in diesen Fällen bei den Fürstenvertretern die Neigung, deren Kunstbesiß, ihre Schlösser mit Zubehör usw. als angeblich unbestrittenes Eigen- rum oewissermahen den Ländern in Rechnung zu stellen, um dadurch die Abfindung für die Fürsten günstiger zu gestalten. Es liegt aber im Interesse der Allgemeinheit, klarzulegen, warum solche Gegenrechnung nicht möglich ist und aus welchem Grunde der Staat berechtigt ist, die älteren Kunstschöpsungen der Fürsten von Hause aus als ihm zugehörig zu betrachten. Die bedeutendsten Schlösser, Kunstschäge und Parks sind von den Fürsten in der Epoche des Absolutismus geschaffen worden, als der Begriff des Fürsten sich vollständig mit dem des Staates deckte und der Fürst in seiner Person nicht nur die finanziellen und staatlichen, sondern auch die geistigen und künstlerischen Kräfte des Landes vereinigte. So sind die Kunstschöpfungcn damals nicht nur unter der finanziellen, sondern auch unter der tätigen Mitwirkung des Volkes entstanden. Wie der Fürst die Geldmittel aus Quellen entnahm, deren privater oder öffentlicher Ursprung nach heutigen Begriffen nicht zu bestimmen ist, so benutzte er Steinbrüche, Lehm- und Sandgruben, Kalkwert« und Forsten, die staatliches Eigentum waren, zur Beschaffung der Bau- stoffe. Selbst die Fron- und Handspanndicnste der Bauern be- ruhten noch auf öffentlichen Rechten. Das ganze Land fand gleichsam in diesen, durch und für seine Spitze geschaffenen Werte— ens- sprechend den damaligen Zeitausfassungen— den Ausdruck seiner schöpferischen Kraft, und daher hat z. B. die französische Republik ohne weiteres den gesamten Kunstbesttz der ehemaligen Könige über- nommen und blicke auf die Schöpfungen Ludwig» XIV. und seiner Nachfolger als auf die glänzendsten Zeugnisse der künstlerischen und üandwerklichen Begabung des französischen Volkes. In gleicher Weise ist man ja auch in Sowjetrußland verfahren. Erst seil l848 ist bei uns eine endgültige Scheidung der ftoat- iichen und fürstlichen Vermögensverwaltungen eingetreten. Aber bezüglich der Schlösser, Parks und Kunstwerk« kann auch dies« Scheidung keineswegs als bindend für die heutigen Verhältnisse angesehen werden. Auch damals bestand ja noch die Voraussetzung, dah der Fürst weiter der Vertreter des Staates, wenn auch in anderer Form, blieb, und wenn deshalb damals beispielsweise die preußischen Königsschlösscr, einschließlich des riesixen Berliner Schlosses, auf die private Vermögensverwaltung des Königshauses, auf die Kronsidrikommißrente und In die Verwaltung des Haus- ist eine große Armut unter den Bergarbeitern, die sich aus der Statistik nicht beweisen läßt, aber sie geht aus Kleidung, Wohnung und dem Auesehen, vor allem dem der Kinder, auf das deutlichste hervor." Von der Arbeitslosigkeit sagen sie, daß sie in Deutschland genau so groß sei wie in England. Bezüglich der in England an den Bergbau gezahlten Unter- st ü tz u n g berichten sie, dah sie von den deutschen Bergarbeitern er- fahren haben, daß auch diese die Unterstützung auf da» entschiedenste oerurteilen. Begründet habe man es damit, dah durch die Unterstützung die gesamten Weltmarktpreise gesenkt würden. Die Berichterstatter betonen, dah diese Ausführungen für sie besonders interessant gewesen seien, weil man ihnen in England stets erzählt habe, man müsse die Unterstützung der deutschen Konkurrenz wegen einführen. Sie schreiben, je mehr man mit den deutschen Bergarbeitern spricht, um so mehr fühle man. wieengdieBerg- arbeiter brider Länder miteinander verwandt seien. Das deutsche Problem sei das englische und umge- kehrt. In Deutschland finde man genau die gleichen Aus- einandersetzungen über Löhne, Arbeitszeit und Sozialisie. rung(Nationalisierung). Es wird abgelehnt, zu dem letzten Punkte etwas zu sagen, aber bei einem Besuch in Oberschlesien hätten sie gesunden, daß die dortigen Staatsgruben genau so gut geführt und leistungsfähig seien wie ein gutes Prioatwerk. Am Schlnfse des Berichts heißt es dann: „Eines ist uns klar geworden. Technische Dcrbesserungen können das Bergbauproblem nicht lösen. Das Problem hat nicht nur eine technische, sondern auch eine menschliche Seite. Solange es nicht gelingt ein technisches System zu finden, bei dem die Interessen der Arbeiter genügend gewahrt werden, ist wenig Hoffnung auf Frieden im Bergbau vorhanden. Wir fürchten so- gar, daß technische Berbesserungen des öfteren das Gegenteil er- reichen." Selbst die von dem nationalistischen Unternehmerblatt aus- gesuchten Bergarbeiter haben mit richtigem Instinkt die tiefe Vec- bnndenheit der englischen und der deutschen Arbeiter festgestellt. Diese Verbundenheit steigert unsere Anteilnahme an dem englischen Riesenkampf. Ermäßigung üer Sörfenfteuern. Ein Geschenk an die Banken. Unsere Mitteilung über die Absicht des Reichsfinanzministers Dr. Neinhold, die Börfenumsatzsteucr zu ermäßigen, ist durch die inzwischen erschienene Verordnung bestätigt worden. Donach wird die Steuer für die Händlergeschäste von 1 von Tausend auf >1,73 von Tausend, für die übrigen Geschäfte von 3 von Tausend ans l,5 von Tausend ermäßigt. Bei den Händlergeschäften beträgt also die EVniäßigung ein Viertel, bei den übrigen Geschäften die H ä l s t e des bisherigen Satzes. Beide Ermäßigungen beziehen sich nur auf die Umsätze mit Aktien usw., nicht aber für f e st- verzinsliche Werte. Bei ihnen bleiben die Stenersätze unverändert. Die Absicht also, lediglich e>ne Erleichterung für den Börsen- verkehr tn Aktien zu schaffen, tritt in dieser Maßnahme ganz beut- lich hervor. Die amtliche Begründung versucht der Maßnahme die 'Wirkung zuzuschreiben, die Belebung des gesamten Wirt« schaftolebens herbeizuführen. Sie bestreitet also, daß sie lediglich einen Prioatvortell für die Börsenkreist darstellt. Wir ver< mögen diese Auffassung nicht zu teilen. Der Umsatz an der Börse hängt in erster Linie von der allgemeinen Lage am Kopitalmarlt und erst in letzter Linie von der Höhe der Steuern auf den Börsen- verkehr ob. Die letzten Monate hoben dafür eine erdrückend« Fülle von Beweisen gebracht. Obwohl im vergangenen Jahre die Börsen- steuern verschiedentlich ermäßigt wurden, ist der Börsenver- kehr immer geringer geworden. Dagegen ist in den ersten Monaten dieses Jahre» ein sehr lebhafter Börsenverkehr«in- getreten, weil der Kapitalmarkt sich günstiger gestaltet hatte, trotzdem die Börsensteuern unverändert geblieben waren. Die Sozialdemokratie hält sich in. keiner Weise durch die voreilige Maßnahme des Reichs- ftnanzministers Dr. Reinhold für gebunden. Sie ist:hr im Gegenteil eine erneute Bestätigung ihre» immer oertre- Ministeriums der Hohenzollernfamilie übergingen, so ist das selbst- verständlich nur unter der heute sortgefallenen Voraussetzung ge- schehen, daß sie weiter der Repräsentation der Könige als Staats- Vertreter dienstbor blieben. Es besteht demnach ein historisch begründeter Rechtsanspruch des Voltrstaate» auf die sämtlichen älteren Kunstschöpsungen der früheren Fürstenhäuser, besonders, soweit sie«in« höhere Kulturbedeutuna besitzen. Freilich erwächst dem Staate mit der Uebernohm« dieses bedeutenden Schatze» an National- und Kunstgütern die Pflicht ihrer Erhaltung und Pflege und ihrer möglichst weitherzigen Dienstbarmachung für die Ocffent- lichkeit. Nicht nur da» Verständnis für Kunst und Kultur, fonden« auch das praktische Bau- und Kunslhandwerk soll dadurch befruchtet werden. Zu diesen Zwecken ist es u. a. auch notwendig, daß alle Beschränkungen des Studium», des Photoaraphierens und Kopierens in den staatlich gewordenen Schlössern soweit wie irgend möglich aufhören, und daß vor allem keine privaten oder holbprioatcn Monopole irgendwelcher Art die schwerringenden Gelehrten, Künstler und Kunsthandwerker von der Mitarbeit an der Derösfentltchung dieses nationalen Kunstgutes ausschließen. Venn Meeresströmungen stch änüern. In den weiten Gebieten der Ozeans vollziehe» sich bisweilen Revolutionen, die wenig Beachtung finden, aber durch ihre Wirkungen groß« Katastrophen zur Folg« haben können. Solche Umwälzungen treten ein, wenn die großen Ozeanströmungen ihre Wege verändern. Die Bewohner der Meere haben sich so vollkommen den natürlichen Bedingungen angepaßt, daß bei einer Abirrung der Strömungen in den Tiefen die schwersten Schädigungen entstehen. Ein Beispiel dafür hat sich kürzlich an der Westküste von Süd- amerika ereignet, wie ein englischer Meeresforscher ausführt. Dort fließt die sogenannt« Humboldt-Strömung von der Antarktis her, mährend südlich vom Aequator eine wanne Strömung, El Nino ge- nannt, vorhanden ist, die sich südlich von Nordperu selten bemerkbar macht. Aber im Jahr« 1891 und dann wieder 1S2S schien die kälter« Strömung plötzlich ihre Kraft zu verlleren, und Sl Nino nahm seinen Weg sehr viel weiter südlich. Für das Fisch- und Bogel- leben bedeutet das Vernichtung und auch der Mensch bleibt davon nicht unberührt. Di« Fischerei an der chilenischen Küste war er- gebnislos: merkwürdige tropisch« Fisch« drangen in die Häfen«in, aber da Chile nicht so sehr von den Erträgnissen des Meeres ab- hängig ist, war dieser Schaden weniger fühlbar als die Verheerung unter den Millionen von Guanovögeln, die auf den regenlose» Klippen leben. Unter diesen wurde der schwerste Schoden angerichtet. Tausend« von toten Vögeln säumien die Küste ein: die hungernden U eberlebenden, die infolge des Fischmangels ihre gewohnte Nahrung nicht finden konnten, flatterten hilflos und verzwcifelt in den Häfen herum. Di« Verluste waren um so größer, weil die Aenderung der Strömung mit der Brutzeit zusammenfiel, so daß die Eier und Jungen vielfach verlassen wurden. Nur die Geier, die von den Anden kamen. schwelgten in Uebersluß. Di« Siedlungen dieser nützlichen Dögel dürften auf Jahr« hin vernichtet fein. Di« durch die wärmere Strömung hervorgerufenen Regen an dieser gewöhnlich trockenen Küste halfen das Unglück vervollständigen Nach einer offiziellen Schätzung beläuft sich die Menge des Guano, die ins Meer gespült wurde, auf ienen Standpunktes, daß solche Ermächtigutigen zu selbständigem Handeln ohne den Reichstag leicht mißbraucht werden»nlk in einer Zeit stabiler Währungsverhältnißes ii b e r f l n s s i g sind. Zugleich wollen wir aber keinen Zweifel daran lassen, daß ein Rcichsfiiianzminifter, der dem Parlament Vorwrirfe macht, weil es Ausgaben erhöhe, sich s e l b st desavouiert, wenn er gleich- zeitig Steuern ermäßigt und so das Gleichgewicht im Etat gefährdet. 5)err Dr. Neinhold sollte sich auch nicht darüber o.mndcrn, daß der schon früher ron der Rechtsopposition erhobene Vorwurf, er lasse sich vci seiner Tätigkeit als Reichsfinanzminister von seiner Partei- politischen Stellungnahme leiten, durch seine neueste Leistung neue Nahrung erhält. Wir bedauern das Vorgehen des Rcichssinanznünisters aber auch deswegen, weil es einen Verzicht bedeutet auf die Verminderung der Zinsspanne der Banken. Noch immer ist der Unterschied zwischen den Zinsen für Einlagen und den Krediten 6—7 Proz. Die Banken weigern sich beharrlich, diese Zinsspanne zu vermindern. Das Reich hätte die Möglichieit gehabt, sie dazu zu zwingen und den von allen Kreisen des Volkes ver- langten Zinsabbau durchzuführen. Die von den Banken beschlossene Herabsetzung der Effeltenprovisionen ist als Gegenleistung sür die Steuerermäßigung um so weniger anzusprechen, als sie ebenfalls nur der Börse zugute kommt, während der Steucraussall von der Allgemeinheit getrogen wird. Liebknechtfeier in Gießen. Stadt und Universität bleiben fern! Sieben. 3. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Die Sozialdemokra. tische' Partei von Gießen beging gestern im Anschluß an den Maitag ein« Hunderjahr-Gedenkfeier sür Wilhelm Liebknecht. In der Kirchstraße. wo Liebknecht geboren ist, und an dem Lokal von Ritter, wo er verkehrt hat, wurden Gedenktafeln enthüllt, wobei Staatspräsident Genosse Ulrich und Genosse Dr. Ouarck Ansprachen hielten. Der Parteivorstand sowie die hessischen und badischen Landesoorstände hatten Vertretungen ent- fandt. Von der Familie Liebknechts war Iustizrat Reh-Alsfeld, der Schwager Wilhelm Liebknechts, anwesend. Auch die Stadtverwaltung und die Universität waren einge- laden. Die erste gab überhaupt keine Antwort, die zweite hatte eine Vertretung zugesagt, aber dann wieder abgesagt, weil die Feier einen„zu politischen Charakter trage. Die � est- stimmung wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Nach der Enthüllung der Tafeln begab sich ein Zug von vielen Tausenden nach der Liebig» höhe, wo als Vertreter des Part-ivorstandes Genosse S t a in p s e r die Gedenkrede hielt. Das Verhalten der Stadt und der Unbersität bildet in ihrer Geschichte kein Ruhmesblatt. Die Maifeier in Sukarest. Tas sozialdemokratische Zcntralorgan beschlagnahmt. Bukarest, l. Mai.(Eigener Drahtbericht.—. Verspätet einge- troffen.) Die Arbeitsruhe herrschte in der ganzen Stadt. Schon morgens kamen größer« Arbeitcrgruppen an den Zcntralsitz der Amsterdamer Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei, wo sie sich versammelten. Der Anordnung des Militärbefehls- Habers von Bukarest gemäß wurden keine Reden gehalten. Jedoch wurden Arbeit er lieber gesungen. Vereinzelt, da gemeinsame Züge verboten waren, gingen die Genossen dann nach Vararu. wo die Feier begangen wurde. An der Veranstaltung nahmen zirka 20 006 Arbeiter teil. Nach dem Absingen der Internationale zerstrenten sich spät abends die Massen. Die Feier wurde dadurch gedrückt, daß das soziildemokratische Zentralorgan, der„S o c i a l i s u l", von der Militärbehörde be- s ch l a g n a h m t wurde._ 3n den deutsch-polnischen Liquidallonsverhandlungen fordnt? die deutsche Regierung die polnische auf, sich mit der völligen Auf- Hebung der Liquidationen„im Interesse des künftigen Verhältnisses beider Länder" einverstanden zu erklären. 33 000 Tonnen, abgesehen von dem Schaden, den die übrig bleibenden Lager erlitten. Die Witterung begünstigte das Erscheinen von Moski- tos, die wieder eine Malariaepidemie zur Folge hatte. Selbst in den hoch über der Küste gelegenen Gebirgen wurden die Farmer und Viehzüchter durch Erscheinungen erschreckt, für die sie zunächst keine Erklärung hatten. In unseren nördlichen Breiten sind solch« Katastrophen, die das ganze Klima ändern und die Lebensbedingungen auf den Kopf stellen, nicht zu fürchten. Aber auch hier machen sich von Zeit zu Zeit Un- regelmäßigkeiten der Strömung bemerkbar, die die arktische Kälte von Nordwesteuropa fernhält. So muß im Jahre 1902 eine derartige Revolution in den nördlichen Meeren stattgefunden haben. In» folgenden Frühjahr, al» der Kabeljau an die Lofoteninseln zum Laichen kam, erlebten die norwegischen Fischer eines der schlechtesten Jahre, die sie je gehabt hatten. Die Fische erschienen spät, waren sehr klein' und außerordentlich dünn, so daß wenig Lebertran gewonnen wurde. Grönländische Robben erschienen in den südlichen Fjord» und erreichten sogar die Shetlandinfcln, während an der russischen Munnanküst« Myriaden von toten oerhungerten Summen an die Küste geschwemmt wurden._ Theaterskandal in Halle. Nachdem die Erstaufführung des «Fröhlichen Weinberg" am Sonnabend ruhig verlaufen war, kam es In der Aufführung am Sonntag zu stürmischen Kundgebungen. Fast dt« ganze hallefch« Studentenschaft hatte sicy eingefunden, um gegen Stellen des Werkes zu demonstrieren, die dazu aiigcla» i'cic», .studentische Kepslogenheitcn" ins Lächerliche zu ziehen. Fast eine Dreiviertelstunde long mußte die Aufführung untcrbrvchcn werden. Die Studenten sangen das Deutschlandlied, und die Kommunisten, die stch zu Eegenkundgebungen eingefunden hatten, antworteten mit der International«. Erst dem Ueberfallkommando gelang es, durch Entfernung einiger Demonstranten die Ruhe soweit wieder herzu- stellen, dag mit einigen Unterbrechungen die Vorstellung zu Ende gri„hrt werden kennte. Laban» Würzburger Arbeik. Rudolf von Laban reist sür einig« Wochen noch Amerika und beabsichtigt gelegentlich seines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten, die dortige» Einrichtungen von Körper- bildungsschulen und Tanzstätten zu studieren. Der Aufbau der Akademie der Tanzkunst in Würzburg beginnt fchen jetzt mit Sommerkursen im Naturpark der Akademie. Im Herbst sollen die ersten Meisterateliers«röfinet werben. Im Würzburger Stadl- theater finden auf Einladung feine» Leiters Heinrich K. Strohm noch vor Labans Amerikareise am 9. und 10. Mai Ausführungen des Gluckschcn Balletts„Don Juan" unter Labans Regie und seiner persönlichen Mitwirkung in der Rolle als Don Juan statt. Oer Dedächlniirckord einer Srieilaub«. Ein Fall von Gedächtnis de! einem Vogel, wie er bisher noch nicht te'tgestcllt wurde, bat fich in Eualaiid ereignet. Sine vriestaube, die bei MarenncS tn Franlreich am>0.(Zuni li>üZ verloren ging, ist nach einer Abwesenheit von 3 Jahren und g-Monat:n glücklich zu ihrem Besitzer I. W. Andrews in Bath zurückgekehrt. Am die vrrlöaoen'vg der Schutzfrist. Auf dem Kongreß der an der ?er»er Ueberelnkrinft beleiligien Siaalen, der tür das nächst« Jahr vor» bereitet wird, wird die sraiuoiische„As-ociation littpraire et aiti«(iquo" die Verlängerung der Schuhirisl an Werken der Literatur, der bitdendcy und der Tonkunst von 30 ouj 50 Jahre beaulragen. Die Neichsbahn unü dr. Cömunü Stinnes. Endgültiger Kauf der Reichsbahn-Reklaniegesellschaft? Auf unsere am 21. April veröffentlichte Notiz, daß die Deutsche Reichseisendahngesellschaft den Erwerb der im Eigen- tum von Dr. Edmund Stinnes befindlichen Deutschen Eisen- bahnrcklamegesellschast beabsichtige, hat die Deutsche Reichs- bahngesellschaft am 22. April der Oeffentlichleit mitteilen lassen, daß von einem Kaufgeschäft nichts bekannt fei. Nun wird uns von informierte Seite mitgeteilt, daß bei der Reichsbahn nach wie vor eine Kaufabsicht be- st ü n d e, daß Verhandlungen geführt werden, und daß die Verhandlungen in den nächsten Tagen zum Ab- schluß gebracht werden sollen. Würde sich diese Mit- teilung bestätigen, so müßte das Vorgehen der Reichsbahn das stärkste Befremden hervormfen. Stinnes ist seit 1918 im Besitz der Deutschen Reichsbahn- reklamegcsellschaft. Er ist vertragsmäßig verpflichtet, 5V Proz. vom Bruttoumsatz an die Reichsbahn abzuführen. Bis zum Jahre 1921 hat die Reichsbahn trotz ihres Anspruches auf eine vertragsmäßige Abgabe von rund 50 Proz. keine Zahlungen von Stinnes erhalten, mit Ausnahme eines Papiermil- lionenbctrages in der Zeit der höchsten Inflation, der nur eine lächerliche Dollarsumme wert war. Im Jahre 1925 hat die Reichsbahn den Vertrag gekündigt. Sie hätte wegen der Nicht- crsüllung der Vertragsverpflichtungen den Vertrag fristlos aufläsen können. Sie hat aus Courtoifie gegenüber Stin- nes den Vertrag nicht fristlos gelöst, nachdem Stinnes der Reichsbahn als Abgabe für 1925 eine Million Mark bezahlt hat, für die die Reichsbahnreklamegesellschaft eine Schuld bei der o. d. Heydt-Bank eingegangen ist. Die Reichsbahn will also jetzt einen Vertrag, den sie im vergangenen Jahre umsonst l>ätte zurücknehmen können, und der im Jahre 1935 automatisch kostenlos an sie zurückfällt u m sier Millionen Mark kaufen, und zugleich die Schuld der Reichsbahnreklomegefellschast in Höhe von einer Million Mark bei der v. d. Heydt-Bank, die mit 15 Proz. ver- zinslich ist, übernehmen. Käme der Verkauf zustande, so hätte Edmund Stinnes in die Gesellschaft keinen Pfennig hinein- gesteckt, aber von der Reichsbahn vier Millionen dafür erhasten, und obendrein noch die Einnahmen feit 1918 für sich gehabt, ohne der Reichsbahn einen Pfennig abzuführen. Es soll weiter die Absicht bestehen, den Geschäftsführer der Reklamegesellschaft, der von Dr. Stinnes für den Fall des Verkaufs einen bemerkenswert günstigen Anstellungsvertrag erhalten hat, zu Bedingungen zu übernehmen, die ihm auf Lebenszeit das Einkommen des Generaldirektors der Reichs- bahn fikert. Es fragt sich, ob der V e r w a l t u n g s r a t der Deutschen Reichsbahngesellschaft von diesen merkwürdigen Kaufabsichten unterrichtet ist, und welche Stellung, er dazu nehmen will. pariser Sezirksparteitag. Tie Taktik der Partei. Parts. 3. Mai.(Tigener Drahtbericht.) Die sozialistischen Der. bände des Sainebezirks hatten am Sonntag ihre Vertreter für den Pfingsten in Clermont-Ferrand stattfindenden Parteitag zu be- stimmen. Die Tagesordnung des Parteitags enthält neben der Er- örterung der Stellung der Sozialistischen Partei zur Kolonial- Politik nur Probleme organisatorischer Art. Dennoch dürste der größte Teil der Beratungen auch diesmal der allgemeinen Politik der Partei gelten Dem Pariser Bezirksparteitag lagen drei An- träge vor. Einer, gezeichnet von LSon Blum, Bracke, Zy- r o m s k i und Genossen, spricht sich gegen jede Beteiligung der So- zialisten an einer bürgerlichen Regierung aus; ein Antrag Re- n a u d e l schlägt die entgegengesetzte Richtung vor und ein Antrag M a u r i n protestiert gegen die bisherige Haltung der Kammer- frattion, verwirft sowohl eine Beteiligung an der Regierung wie ihre Unterstützung und schlägt eine engere Zusammenarbeit mit den Kommunisten vor. Leon B l u in verteidigte die Politik der Frak- tion gegenüber vielfacher Kritik. Er sprach sich für eine Politik aus, die weder eine unbedingte Unterstützung der Regierung noch eine systematische Opposition bedingt. Er schloß seine Ausführungen mit einem Aufruf zur Wahrung der Disziplin und Par- teieinheit. Die Entschließungsentwürse wurden daraus einer Kommission überwiesen, der 18 Vertreter der Gruppe Blum-Brocke, vier Vertreter der Gruppe Renaudel und ein Vertreter der Gruppe Maurin angehören. Dies« Kommission soll in 14 Tagen über die vorliegenden Entschließungen Bericht erstatten. was die Entente fördert. Tie madjarischen Rüstungen. Von Duldung der im Trianon-Fricden verbotenen und die Rachbaistaaten bedrohenden madjarischen Geheimrüstungen durch die Entente kann man längst nicht sprechen: da die Ententcregierun- gen sie kennen, fördern sie sie durch ihr Nichteinschreiten. Und ein Kapitel dieser Rüstungen ist der Z w a n g s d i e n st in der „Levcnte" nichts anderes als ollgemeine Wehrpflicht. Wie es dabei zugeht, lehrt dieser Bericht: Im Gemcinderat von Kecskemet wurde über die u n e r t r ö g- lichen Lasten geklagt, die die Leoenteoraanisation der bäuer- lichen Bevölkerung aufeilegt. Ein gewesener Unterführer des Ivan H e j j a s und eins Stütze des ganzen Mordregimes in Kecskemet, der in der Zeit des burgcnländischen Ausstandes die Kecskemeter Mordbrenner nach dem Burgenland führte, Josef Borbely, brachte die Angelegenheit zur Sprache. Dieser Mann ist gegenüber der Koiuerrevolution gewiß ein unvoreingenommener Zeuge, aber aus ihm spricht die Tatsache, daß diese Einführung der allgemeinen Dienst- pilicht den Baueur doch nicht mundet. Er berichtete, daß die Be- völkerung 7 Jahre lang l e v e n t e p f l i ch t i g ist und daß jähr. .'ich wenigstens lJV Atbcitstag« durch die Uebungen in Anspruch genommen werden Wenn man noch in Betracht zieht, daß jeden Sonntag Leoenteübungen stattfinden, kommt man zu einer fast dreimonatigen Dienstzeit im Jahre. Er führte auch darüber«ilage, oaß die Gemeinden mit allen Mitteln dazu gepreßt werden. U n 1 s 0 r n- n für die Leven!« anzuschaffen, während die wirtschaftlichen Verhältnisse so schlecht sind, daß die Bauern für sich und ihre Kinder keine Kleider kaufen können. Der Vorsitzende der Gewerbekorporation Siklosy klagte übe die Mißhandlun- g e n, die die Rekruten von den Leventelnstruttoren erdulden müssen. Der Obergespan(Landrat) Stephan F a y erklärte demgegenüber. daß er jede Zlufreizung gegen den Leventedienst mit den streng- sten Mitteln niederschlagen werde, denn die Zukunft und die Wiedcrauferstehiing Ungarns sei mit dem Ausbau der Levemeoraani- sation verbunden und die Dienstpflicht in der Organisation gesetz- l i ch festgelegt. Auch die Gemeinden würden mit gesetzlichen Mitteln verhasten werden, die finanziellen Mittel zur Ausbildung der Le- vente zur Verfügung zu stellen. Die Leventeorganisation baut eine regelrechte Armee auf, die sich vollkommen in den Händen der L c g i t i in i st e n be- jindet. Konfettionsproletariat. Frauen und Mädchen, die nicht hinter dem Derkausstisch» dem Schreibpult oder der Nähmaschine festgenagelt sind, sondern einen Berus ausüben, bei dem das rein Aeußerliche mit eine große Rolle spielt, waren von jeher starken Anfechtungen ausgesetzt. Man nimmt sie— wenn sie nicht eine wirkliche Position erreicht haben— nie recht für voll und jeder glaubt, an einen ihnen erwiesenen Dienst bestimmte Bedingungen knüpfen zu können. Nicht ganz mit Unrecht allerdings, denn es gibt bei diesen sogenannten freien Berufen naturgemäß sehr viele Elemente, die ohne jede berufliche Begabung und ohne jedes Können dastehen. Um sich überhaupt halten zu können, sind sie natürlich gezwungen, allerhand Konzessionen zu machen. Sic verdrängen also nicht bloß die berufenen Kräfte, sondern schädigen und diskreditieren den Beruf auf das aller- schlimmste. Da sie ihre Unfähigkeit entsprechend minder bewerten, drücken sie auch auf die Löhne und Gehälter. Sie bereichern das ohnedies stark überlastete Kontingent der Arbeitslosen um ein beträchtliches und sind skrupellos genug, sich msch überall vorzu- Krängen. Aus all diesen Gründen sind Frauen dieser Beruf« meist rechtlos und gänzlich der Willkür ihrer Umgebung ausgeliefert. Während der künstlerische Beruf«ine stark« Persönlichkeit erfordert, und die gänzlich Unpersönlichen letzten Endes doch ausscheidet, gibt es Vsrdienstmöglichkeiten, die nichts von alledem beanspruchen, oft--- wie dies bei der Filmkomparserie der Fall— bloß«inen bestimmten Typ und häusig auch nicht mal den. Aehnlich verhält es sich bei den V 0 r s ü h r d a m e n in der Konfektion, die in der Hauptsache nur bestimmte körperliche Maße aufzuweisen brauchen. Zu all diesen Berufen drängen sich heute, durch die übergroße Erwerbs- losigkeii, Frauen aus allen möglichen Klassen und Berufen. Solche, die vorher überhaupt nichts von Arbeit wußten, andere, die aus ihren, eigentlichen Beruf herausgerissen, jede Lerdienstmöglichkeit wahrnehmen müssen und leider auch solche, die nur den Schein einer ausübenden Beschäftigung erwecken wollen. Es ist ein Menschen- markt, wo grauestes Elend, stumpfe Verzweiflung und böses Laster Hand in Hand gehen. Ist es da ein Wunder, daß oft Ungehöriges verlangt wird? Di« solche Bedingungen stellen, wissen nur allzu gut: Macht es die eine nicht, dann machen es zehn, hundert andere mit Freuden. Das soll anders werden und durch eine Organisation wird jetzt auch der Beruf der Lorführdamen sein moralisches Dr- seinsrccht empfangen. Schulreform und Elternbeiratswahlen. Infolge des tatkräftigen Wirkens sozialistischer Schul- und Kulturpolitiker wurde in den letzten Iahren trotz aller Gegen- Wirkungen der Reaktion das Schulwesen Groß-Berlins stärker in den Brennpunkt des S ch u l f 0 r t s ch r i t t» gerückt. Sahen einst reformbegeisterte Lehrer Berlins sehnsüchtig nach Homburg und Sachsen, so darf man heute, wenn man die Bewegung an diesen drei Stellen kennt, mit Recht von der pädagogischen Gleich- berechtigung Berlins sprechen. Ohne den Schildbürgerstreich des Ab- baue? unseres sozialistischen Oberstadtschulrates hätte Berlin längst die Führung ergriffen. Wien z. D. hat trotz aller finanziellen Misere bewiesen, wa» sozialistische Schulpolitiker leisten können. Der Erfolg unserer Schulpolititer hängt sehr ab von der Unter st ützung der Elten aus der Ar- bcitnehmerschaft. Das ist eine Tatsache, die man im Hin- blick auf die kommenden Elternbeiratswahlen doppelt unterstreichen muß. Leider hat es in der Arbesterbevölkerung bisher an dem rechten Interesse für die Elternbeiratswahlen gefehlt. Das schlechte Ergebnis der letzten Elternbeiratswahlen hat ober auf die Kulturpolitik des Reiches außerordentlich hemmend gewirkt. Die Elternbeiräte müssen die Väter und Mütter darüber aufklären, wie auch hier eine günstigere Grundlage für die bessere Gestal- t u n g der Zukunft unserer Kinder geschaffen werden kann. Es gilt in diesen Wochen Vorsorge zu treffe», daß wir an ollen Schulen Groß-Berlins unsere Genossen in die Elternbeiräte bringen. Man darf annehmen, daß 75 Proz. aller Volisschulkinder sozialistisch oder kommunistisch wählende Eltern haben. Wir können an einer Schule nur dann keine Mehr- heit im Elternbeirat erreichen, wenn unsere Eltern ihre Pflicht versäumen. Sache der klassenbewußten Arbeiterschaft, vor ollem auch der Frauen, ist es, schleunigst mit einer regen Propaganda im Hause, aus der Straße, in der Partei und den Gewerkschaften einzusetzen. Es handelt sich um das Wohl unserer Kinder! Di« Ar- bcitnehmerschaft kann es sich nicht erlauben, auch nur eine einzige Wahl zu vernachlässigen. Reaktionäre Kreise zeigen die Möglichkeit, die Republik durch staatsfeindliche Erziehung zu gefährden. Da müssen w i r die Republik und den sozialistischen Fortschritt dadurch zu sichern suchen, daß wir uns den Einfluß ousdie Erziehung verschaffen, der unseren Massen möglich ist. Man lerne vom Zentrum. Jeder ernste Pater und jede sorgende Mutter müssen für ihr Kind eine andere Erziehung wünschen, als jene alt«, die im Weltkrieg jämmerlich versagte. Schulreform will heute mehr als äußere Reorganisation de, staatlichen Schulgebäude». Sie will die Kinder nicht mehr als Untertonen, sondern als werdende Staatsbürger ins Leben schicken. Mit Stolz bekennt sich ollein unsere Partei zur Forderung der Ar- beits- und Lebensschule. Jeder reformfreudige Lehrer müßte daher Anschluß bei uns suchen, wenn ihm am Sieg seiner Ideen liegt. Hier öffnet sich unfern Elternbeiräten«in weites und reiches Arbeitsgebiet. Es gilt, an allen Schulen Berlins für uns die Mehrheit zu gewinnen und dann die zahlreichen Lehrer zu stützen und zu fördern, die heute die neue Schule erstreben. Der lammende Oberstadtschulrat kann, gestützt auf eine kämpf- bereite Elternschaft, unserer Stadt Berlin auf schul- politischem Gebiet die Geltung verschaffen, die ihr gebührt. Verwendet in den nächsten Wochen alle Kräfte auf die Vorbereitung der Elternbeiratswahl. Di» Elternbeiratswahl muß eine Mehrheit für den Schulfortschritt bringen. Der Kampf um die weltliche Schule. In E h 0 r l 0 t t e n b u r g Hot der fortschrittlich gesinnte Teil der Elternschaft zu Ostern d. I. gegen die Möchte der Reaktion seinen Kindern eine weltliche Schule«rkämpst. Jen« EUern haben bewiesen, daß auch im Westen Verlin» weltlich« Schulen möglich sind. wenn nur die Elternschaft ihre verantwortliche Aufgabe erkennt. Jetzt müssen auch in den übrigen westftchen und südwestluben Be- zirken weltliche Schulen«rstehen. Wenn genügend Unterschriften von Eltern sajulpslichtiger Kinder vorhanden sind, kann ein Antrag an die Behörde eingereicht und die Errichtung weltlicher Schulen verlangt werden. Ein Kreis von Eltern hat sich bereits zusammengefunden. um den Kamps aufzunehmen. Alle Gesinnungsfreunde werden dringend ersucht, ihre Anschriften an ein« d«� nachfolgenden Adressen einzureichen: Herrn Th. R i« t h, Berlin- Schöneberg. Wartburgstr. 37; Herrn Schmidt, Berlin W.. Bülow- slraß« 101: Frau v. E s ch b a ch. Berlin-Schönebero. Torgouer Straßs 10: Frau H. R 0 e d e r, Berlin-Schöneberg, Hauptstr. l>7. Zur Unterstützung des Bestrebens, für die südwestlichen Bezirke eine weltliche Schule zu schaffen, findet am 4. Mai ein Vortrag des Genossen Rektor Jensen, Neukölln, abend» Uhr, in der Aula der Hohenzollern-Schule, Velzigcr, Eck« Eisenacher Straß«. statt. Thema:..Befreiung des Kindes durch die Weltlich« Schul»". Arbtitereltern, btsucht zahlreich dies«»«ranstaltung! Gräfin Volhmer geschieden. Auf dem Landgericht Potsdam fand heute der Ehcfcheidungsprozeß des Regierungsrats GrasBothmer gegen stine Gattin statt. Die.Ehe wurde geschieden und di« Gräfin ak» allein schuldiger Teil erklärt, gm übrigen ist noch zu bemerken. daß das Reichsgericht die Revision der Gräfin über das Urteil vom 23. Dezember 0. I. verworfen hat. Danach muß die Gräfin in dem ersten Prozeß die Strafe von vier Monaten verbüßen. Im zweiten Prozeß ist das Urteil noch nicht rechtskräftig. prähistorische Junüe in öritz. In der Röhe des Stubenrauchringes, auf dem Kelünde des alten Rittergutes in Britz führt die Deutsche Bauhütte im Auftrag der„Gehog" eine Großsiedlung für zirka 1000 Wohnungen aus. Am 15. April förderte dort die Baggermaschine ein menschliches Skelett zum Dorschein, das von der Kriminalpolizei sofort be- schlognahmt wurde. Noch am gleichen Tage fand man weiter« zwei Steletie. Bis heute sind im Ganzen 8 Skelette gesunden worden, die nach den bisherigen noch nicht abgeschlossenen wissen- schaftlichen Befunden aus vorgeschichtlicher Zeit stammen, doch läßt sich jetzt darüber noch kein abschließendes Urteil jällen. Bei den täglich angestellten Forschungen und Grabungen, die durch den Bagger erschwert werden, ist man im Umkreis von zwölf Metern— getrennt von den Skelettfundcn— auf ein« ehemalige Siedlung, jedoch scheinbar aus etwas späterer Zeit, gestoßen. Man entdeckte eine sogenannt«„Feuerstätte" mit zahlreichen Scher- ben, teilweis« aus prähistorischer, teilweise aus dem Uebergang der frühmittelalterlichen Zeit. Bei einem Skelett fanden sich zwei Messer aus der frühen Eisenzeit vor. Interessant für die Erdbewc- aung ist die Tatfache, daß die Funde nur K0 Zentimeter unter dem Boden stch befanden. Die Au-grabungsarbeiten stehen unter der Leitung des Direktors der vorgeschichtlichen Abteilung des Märkischen Museums Dr. K i e k e b u s ch._ Eine jugoslawische Ausstellung. Zu Beginn der Reisesaison meldet sich auch Jugoslawien als Reiseziel und veranstaltet zu diesem Zwecke die Touristisch« Sektion des jugoslawischen Handelsministeriums in den Räumen des Kunftgewerbe-Museums, Prinz-Albrccht-Straße 7(Licht- Hof) eine Ausstellung von Bildern, photographische Auf- nahmen und Landeserzeugnissen auf dem Gebiete der Volkstrachten, sowie der Teppichweberei, um das Publikum auf die landschaftlichen, historischen und kulturellen Schönheiten� ihre? Landes aufmerksam zu machen. Das Land Jugoslawien umsaßt die ehemals österreichischen Kronländcr Krain, Kroatien, Slawonien. serner Dalmatien, werbien, Bosnien und die Herzegowina und bietet als Küstenlandschaft durch mächtige Gebirgskette»(Alpen und Karst- gebirge) mannigfaltige Naturschönheiten. Auch vom historischen Standpunkt betrachtet, besitzt es viele wirklich interessante Gebiete. Mit Rücksicht auf den starken Tiesstand der Valuta(1 Mark=s 14 Dinar) wird eine Reise noch dorthin nicht allzu kostspielig wer- den: es tostet z. B. die Reif« München— Ljubljang 3. Kl. 9,80 M.. 2. Kl. 14,00 M. Außerdem genießt jeder Reifend« innerhalb Jugoslawiens SOproz. Fahrtermäßigung. Im Beisein sämtlicher Vertreter der jugoslawischen Behörde sand gestern nachmittag di« Eröffnung der Ausstellung durch Delegationsrat Michailowitsch statt, der in kurzer Rede den Anwesenden seine Heimat zum Besuch« anempfahl. Er versicherte, daß olles getan würde, den Reisenden ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Tie verpönten Reichsfarben. Aus Anlaß des Besuchs der amerikanischen Hotelbesitzer in Berlin haben sich die Berliner Hotels geschloisen neue a m e r 1» kanische Fahnen angeschafft. Selbst klein« Hotel» zeigen irdenwo ein kleines Sternenbanner, die großen fügen noch ein« L«. liner und eine preußische Fahne hinzu, und Adlon und Continental führen sogar eigene Hotelslaggen, aber nirgends sind auf den Hotel» im Zentrum der Stadt die Reichsfarbcn zu sehe». Rur das E r z e l- s i 0 r h 0 t e l in der Königgrätzcr Straße zeigt Schwarz-Rot- Gold, daneben aber, um ciucn Slusgleich zu schaffen. Schwarz- Weiß-Rot, man muß es eben ollen gerecht machen. Das Fehlen der R-ichsfarben. die doch unbedingt das Gegenstück zum Sternenbanner bilden müssen, scheint auf absichtlicher Sabo« ta g e zu beruhen. Wir erinnern daran, daß ehemals die Berliner Hoteliers den Beschluß faßten, die Reichsfarben nie zu führen. Das traurigste ist nur, daß den Hotelbesitzern anscheinend jedes Gefühl für das Lächerliche ihres Vorgehens abgeht. Sie sind international genug, die Flagge der großen amerikanischen Republik zu hissen und zu engherzig, die Flagge ihres eigenen Landes zu zeigen. Glauben sie wirklich dadurch in der Achtung der Amerikaner zu steigen? Sicherlich wird ihr vorgehen bei ihren eigenen Gästen dos größte Befremden erregen. Ter reisende Konsumladen. Die Ausbreitung des Mitgliederkreises der Konfumge» nosfenfchaft Berlin und Umgegend hat den vorstand veranlaßt, die Berkaussstellen immer weiter in die Vororte hinauszu- schieben. Aber alle Borsorg« hat nicht vermocht, den Warenbedarf oller Mitglieder zu befriedigen. Um auch an...ganzw«itdrauben" Wohnende d-ranzukommen, ist nunmehr von der Konsumgenoss««- fchast ein fahrbarer Laden gebaut worden, der die amllii!)« Bezeichnung„Wanderobaabestelle" führt und besonders di« in den Siedlungen wohnenden Mitglieder und die Laubenkolonisten bellefern soll. Dos Auto ist ganz als vertaufsgefchäft ausgestattet, hat einen Chauffeur, einen Logerhalter und ein« Derkäuftrin an Bord und wird am Dienstag fein« Iungfernreif« antreten. Bon dem Umsatz und der Aufnahm« bei den Mitgliedern hängt di« Inbetriebnahme weiterer Danderabgabestellen ab. .Schmiede', der Film de« werktSilgen S-IkeS, läuft bi«Donner»l-g, denk. Moi, in den.Elite- Lichtspielen de» Südosten»', 'Slaunynstrahe 6._ Schwerer Autounfall. 8 Personen schwer. ZI leicht verleht. Sonntag früh gegen �5 Uhr ereignete sich nach einer Meldung au» Frankfurt a. d. O. aus der Ehauslee Spiegelberg— K 0- ritten ein schweie» Autounglück. Ein mit 50 Angehörigen der Kommunistischen Partei besetztes Lastauto tuhr gegen einen C ha u s s e« p r« l l st« i n und tippte um. Dabei wurden 8 Personen schwer und 24 weitere leicht verletzt. Sosort herbeiaenifcne Aerzte leisteten die erste Hilft. Die Schwerverletzten wurden mit der Lahn tn das Frankfurter Krankenhaus gebracht, wo man ihnen di« erst« Hilfe angedeihen ließ. Ueber di« Ursache de, Unglücks ist noch nichts genaueres bekannt. Ter neue Kampf um den Nordpol. Die beiden Flugzeug« des omeritanifchen Polfliegers Lryd wurden am Sonnabend in K i n g, b 0 y auf Spitzbergen unter großen Schwierigkeiten an Land gebracht. Auf dem Startplatz liegt zwei Meter hoher Schnee.— Amundftns Luftschiff„R 0 r g t" sollte gestern nach B a d s 0« w Norwegen abfliegen, wegen des starken Windes wurde jedoch die Absahrt auf heute oerschoben. Di« Expedition beeilt sich um so mehr, al, der Amerikaner Byrd mit seinem Flugzeug bereits in Spitzbergen eingetroffen ist und un- günstig« W-tteroorousfagen für die nächsten Tage in Rordrußland eine Dsfchleuntgung der Abfahrt erfordern. Groß-Serlmer Partemachrichten. 1. fleei« Ritte. 5>ie. fite Di'nele». den t. Mai. angefetzie cnsflieri« fiandaNtzuna finde! n> ch l det T-drediaw. sondern bei zschiesm«,«tjoeitr. I, statt. Die«b,etl»n-!»l->ter müssen safttt aU,«orber, itunaen ,ur«eUeiinn, der Lerlamminnaoeinladiinßen treffen,«uoflait der Clnledunj.jetui«»»la«- abend bei Dodrodla». U ftttla«euiSIi» 1 fteiii», Montaq. den 8«al abend« 7V, UV in den Paffe»» sitlen.»erasie. JM Krei.sunkiioniirserfammluns«»riraa- Per Pdliordund und die Senser Vorgänge. Referent! Dr. Paul Sevi,.«£U Mitglieder Hoden IC. Krei»»»proick: beute, Montag, den 9. Rai abend» SV, Uhr FraftidiU- Vr d JUtUoottiMiJiihuna y« Nnihgu», tzirnum SS. EeVerWastsbewegung Die Vereinigung für sozialen Fortschritt. Vam A D G B. wird uns geschrieben: Am S7. April stattete der Generalsekretär der Internationalen Vereinigung s:ir sozialen Fortschritt, Professor P o i s s a r d- Paris, dem Porsland des Allgemeinen Deutschen Gcwcrkschaftsbundes einen Desuch ab, um die Fühlung zwischen dieser Vereinigung, die im vergangenen Jahre ins Leben getreten ist, und der größten deutschen Arbeiterorganisation auszunehmen. Die Internationale Vereinigung für sozialen Fortschritt ist die Körperschaft, in der sich die Internationole Vereinigung für gcseß- liehen Arbeiterschuß und die Internationale Vereinigung zur Bekämosung der Arbeitslosigkeit zusammengeschlossen haben. Es stt zu hoffen, daß dem Zusammenschluß dieser bedeutenden intcrnatio- nalen Vereinigungen, die schon auf eine verdienstvolle jahrzehnte- lange Wirksamkeit zurückblicken, auch ein Zusammenschluß ihrer Landesgr Uppen folgen wird, der bisher noch nicht in allen Landern verwirklicht worden ist. Die Internationale Verein!- gung für sozialen Fortschritt hat neben und gegenüber dem Jntcr- nationalen Arbeitsamt wichtige Aufgaben zu erfüllen. Sic hat, wie Albert Thomas in Prag auf den. Internationalen Kongreß für Sozialpolitik ausführte, die Mission, die öffentliche Meinung zu vertreten, anregend und kritisch auf die Tätigkeit des Internatio- nalen Arbeitsamtes einzuwirken und nicht zuletzt durch ihre wiisen- schoftliche Arbeit, ihre Propaganda, ihren Einfluß auf die Porla- nicnte der verschiedenen Länder dafür Soige zu tragen, daß die Ab- kommen der internationalen Arbciiskonsercnzen von den ver- jchiedenen Staaten angenommen und durchgeführt werden. Die Vereinigung für sozialen Fortschritt hat Staatskanzler o. D. Dr. Renner in Wien zum Vorsitzenden! ihr Generalsekretär Pro- fessor Doissard hat seinen Wirkungstreis in Paris! das Bureau der Vereinigung befindet sich in Basel. Die Namen dieser beiden Männer sind in den Kreisen der internationalen Sozialpolitiker seit Jahr- zehnten rühmlich bekannt. Ihre Tätigkeit an der Spitze der Ver- einigung ist eine Gewähr dafür, daß in Zukunft von dieser Ver- cinigung positive Arbeit geleistet werden wird. Sie kann bei ihren Bemühungen auf die tatkräftige Mitwirkung der deutschen Gewcrk- schaften rechnen, deren Verdienste für die Sozialpolitik der modernen Industriestaaten Professor Doissard in seinme Bericht an den Prager Kongreß mit warmen Worten anerkannt hat. Großkampf in Norwegen. Um die Kasten der Uationalisierunz. Dl« großen Arbeitskonflikt«, die sich gegenwärtig in den ver- schiedensten europäischen Landesteilcn abspielen, sind vor wenigen Tagen durch die Aussperrung von mehr als 2S kXXI Arbeitern in Norwegen vermehrt worden, nachdem eine Erneuerung der Frühjahrstarife wochenlang vergeblich versucht wurde. Don diesem Konflikt, der ebenfalls im Rahmen der zu erwartenden großen Arbeitskämpfe in Europa betrachtet werden muß und Be- ochtung verdient, sind in erster Linie die» i s e n i n d u st r i e, der Bergbau, das Baufach und die Lederbranche betroffen. Im Jahre 1924 war es in diesen Industrien aus dem gleichen Grunde wie jetzt schon einmal zu einem umfangreichen Arbeitskonflikt gekommen. Die wochenlangen Kämpfe führten schließlich zum Ab- fchluß zweijähriger Tarifverträge. Sie ließen die Möglichkeit offen, im Januar 1925 neue Verhandlungen anzustrengen, falls sich der Lebenshaltungsindex bis dahin um mehr als 5 Proz. ändern sollte. Dieser Fall trott ein, so daß die Arbeiter mit Recht eine Aenderung der Tarife oerlangten und eine generelle Lohnzulage von 15 Oere pro Stunde durchsetzten.• Das Ende des vergangenen Jahres ober brachte eine st a r k e D e s l a t i o n. die sich auf die Lebenshaltungskosten auswirkte, so daß fcer Lebenshaltungsindex statt damals 271 im März 1926 auf 225 gesunken war. Da die Tarife an sich zu erneuern waren, mußte eine Lohnherabsetzung erwartet werden. Die allgemeine Lage der an dem Konflikt beteiligten Industrien Hot hierzu zweifellos beigetragen. Der B er g b a u ist heute z. B. vor die Alternative gestellt, entweder die B e t r i e bs k o st e n um insgesamt 59 Proz. abzubauen oder den Betrieb e i n z u- stellen. Insbesondere der nordische Eisenerzbau zahll schon seit 1929 kaum noch Dividenden. Aber das wäre nicht das Schlimmste, wenn der Bergbau heute sein Leben nicht mit Bankkrediten fristen würde, die gegeben werden, damit das schon von Banken in die Bergwercke gesteckte Geld nicht rettungslos verloren ist. Die Eisenindustrie dagegen steht mitten in einer Umstel- tu n g und infolged«sten wirtschaftlich auf äußerst schwachen Füßen, während die Textilindustrie wie des gesamte skandinavische Textilgewerbe unter dem Dumping der Belgier und Franzosen mitt ihrem niedrigen Franken außerordentlich leiden. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß die Unternehmer unter diesen Verhältnissen eine Lohnherabsetzung von rund 25 Proz. verlangten und die Arbeiter in bezug auf die Lohnfrag« weit- gehende Zugeständnisse machten. Außerdem aber verlang- ten die Unternehmer eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen durch Verkürzung der Ferien und Herabsetzung der Eni- lohnung für die U eberstunden usw. Diese Forderungen waren für die Gewerkschaften unannehm- bar. Infolgedessen mußte die Regierung eingreifen. Sie ernannte einen„Reichsschlichtungemonn", der noch wiederholten Verhondwn- gen mit den beiden Parteien Milte April Tarife vorlegte, die ein Kompromiß zwischen den Unternehmersordcrungen und den gewerk- schaftlichen Zugeständnisien barstellten. S, wurde eine generell« Lohnherabsetzung um 19 Proz. und eine Streichung der 15-Oere-Zulage, die im vorigen August zugestanden worden war, vorgesehen. Dagegen lehnte der Tarif die Verschlech- terungen der Arbeitsbedingungen, wie sie von den Arbeitgebern ge- fordert werden, ob. Er sollte an sich aus ein Jahr abgeschlossen werden, aber nach der Feststellung der nächsten Indexzahlen im August d. I. die Wöglichleit einer neuen Lohnreguiierung offen lassen. Praktisch hätte also nach diesem Tarif für die Arbeitgeber die Mög- lichkeit bestanden, schon im August neue Lohnhcrabsctzungcn zu fordern. Die Arbeiter haben unter diesen Umständen den in Vorschlag gebrachten Tarif in einer Urabstimmung a bg e l e h n t, während die Unternehmer ihm— mit Ausnahme des Bergbaus und der Schuh- fabriken— zustimmten. Die Ablehnung des Tarifes durch die Arbeiter erfolgte gegen den Wunsch der Gewerkschafts- f ü h r e r, sogar gegen den Willen einiger Führer der Moskauer Kommunisten. Das führte in der Kommunistischen Partei zu einer Palastrevolution, die mit einem Wechsel in der Redaktion des Zentral- organs endete. Es ist in anbetracht der allgemeinen wirtschaftlichen Lage in Norwegen äußerst schwer, über den Ausgang des großen Arbeits- konfliktes auch nur das Geringste vorauszusagen. Vorläufig besteht die Möglichkeit, daß der Konflikt noch stark an Ausdehnung zunimmt. Erst in diesen Tagen haben die Unternehmer der Zündholzindustrie und die Arbeiter der kommunalen Baubetriebe in Oslo die ihnen vorgelegten Schiedssprüche verworfen, so daß auch in diesen Industrien ein Konflikt nicht aus- geschlossen ist. Hinzu kommt, daß am 1. Mai der Tarif in der N a h r u n g s- und Genußmitte lindu st rie abgelaufen ist, ohne daß hier die Aussicht auf eine schnelle Erneuerung besteht. Urabsiimmung der örauerelarbeiter. Streik oder weiterarbeit. Die Funktionäre der Brauereiarbeiter hatten in ihrer Versomm- lung am 27. April beschlossen, in den Betrieben eine U r a b st i m- m u n g über Streik oder Weiterarbeit durchzuführen, weil die Brauunternchmcr es abgelehnt, hatten, über eine Forderung von 7 M. Lohnerhöhung pro Woche für alle Brauereiarbeiter auch nur zu verhandeln. Diese Urabstimmung findet nunmehr am Mitt- w o ch und Donnerstag statt. An der Urabstimmung dürfen nur freigewerkschaftlich organisierte Brauereiarbeiter teilnehmen. Die Abstimmungsergebnisse müssen spätestens Freitag abends 6 Uhr im Bureau des Verbandes der Lebensmittel- und Geiräntearbeiter sein, um das gesamte Abstimmungsergebnis feststellen zu können. Auch die Bäckermeister wollen abbauen. Die Bäckereibeschästigten von Berlin waren am Donnerstag im großen Saal der Germania-Säle versammelt, um Stellung zu nehmen zu der Situation, welche sich aus der Kündigung des bisherigen Torifes durch die Bäckermeister zum 39. April ergibt, da ein neuer Tarif noch nicht abgeschlossen ist. Der Bor- sitzende des Nahrung?- und Genuhmittelarbeiterverbandes der Zahl- stelle Berlin, Genosse Schumann, gab einleitend seiner Aus- führungen bekannt, daß der bisherig« Tarif bis zum 31. Mai ver- längert sei und am 11. Mai die erst« Verhandlung über den neuen Tarif staflsinden soll. Des weiteren berichtete er, daß trotz mehrfacher Mahnung die Aenderungsanträge erst am Dienstag bei der Organisation eingelaufen seien, mit der Ausforderung, am Donnerstag zu verhandeln. Die Verhandlungen seien aber nur sehr kurz gewesen, da die Bäckermeister in dieser Sitzung w e i- lere Forderungen stellten, was eine Verhandlung unmöglich machte. Von der Derhandlungskommission der Arbeiter sind eben- falls Forderungen überreicht worden. Die Forderungen der Unternehmer bedeuten einen vollen Abbau des bisherigen Tarifes. Die Ferien sollen von 6 Togen auf 3 Tage herabgesetzt werden und erst nach 4 Iahren sollen 6 Tage erreicht werden. Der Redner wies darauf hin, daß dadurch die Woche Ferien im Kleinbetrieb nur noch auf dem Papier stehen würde, da gerade im Kleinbetrieb das Ar- beitsoerhältnis eher beendet wird. Das T a r i f a m t soll restlos fallen. Entgegen den gesetzlichen Bestimmungen will man aus Umwegen die Mtündige Arbeitswoche einführen, indem man Ueber- stundenzahlung von Erreichung der 48 Stunden abhängig macht. Auch von Kündigung ist man kein Freund: demgemäß soll die Kündigungsfrist auf 3 Tage herabgesetzt werden. Den Vogel haben aber die Unternehmer mit ihrer Forderung betreffs der Löhne abgeschossen. Die Löhne sollen für die große Mehrzahl der Beschäftigten um 4 und 5 ZU. abgebaut werdent Die Dersammelten erklärten in der Diskussion, daß es onge- zweifelt werden müsse, ob unter diesen Umständen ein Tarif über- Haupt möglich sei und beauftragten die Verhandlungskommission, bei den Verhandlungen einen Tarif abzuschließen, nur wenn die Arbeitgeber weit von ihren jetzt gestellten Forderungen ablassen. Abkommen in der Tolinjzer Metallindustrie. Essen, 3. Mai... Berlin. Druck: Vorwarts-Buchdruckerei und Berlaasanstult Paul Sinaer u. Co.. Berlin SW KS. LindcnftraKe 2. vis echte Bilzbrause nahrhaft, erfrischend, bekömmlich, .(ü aui VeStenr�ucker und�ur�d�m, Adolf Hoffmann Episoden und Zwischenrufe au» der Varlamenl»- und Alinisterzeit. Prei» 1 Mar«. 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