�benöausgabe Nr. 243 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 114 enufisbebtnaunflen und anMlsetipTttt« Und in ixt äRotfltnamaad« anaeaede» Hcdaffion: Sw. SS. Cindeitflcabe 3 Zernl?rech«r: VSnhoff 292— 202 Xc(.'9CreffcSojialOemo(ral8(rlia Vevlinev Volksblstt Zcntralorgan der Sozialdemokrat! rchen Partei Deutfcblands (10 Pfennig) Mittwoch 2b. Mai1�2b Verla, und Anzet«enabteilun,: G«schiift-,«tt 9— d Uhr Serleger:vorn>arl»-verlog GmbH. Sartt» Sw. SS, Llndenslrahe 3 Zerusprecher: DSnhoft 292— 292 pilsuöfkis Programm. Friedenspolitik— keine Diktatur— grötzere Präsidentenmacht. Pari». 26. Mai.(WTB) Marschall Pilsudski erklärte dem Conderberichterstatter des„Matin" in Warschau über die äußere Poli- tik Polens: Meine Auffassung kann in das einzige Wort Frieden zusammengefaßt werden. Das Land ist durch den Krieg ausge- pumpt und durch innere Erschütterungen erregt. Es hat also ein dringendes Bedürfnis nach Frieden. Wir wünschen keine t e r r i- torialen Abänderungen. Wir wollen leben und uns im Frieden kräftigen. Aber wenn wir jemals angegriffen würden, würden wir uns verteidigen. Pilsudski erklärte sodann, er sei nichtfüreineDiktaturin Polen. Er müsse aber das Recht haben, rasche Entscheidungen über Fragen von nationalem Interesse zu treffen. Die parlamentarischen Zwistigkeiten ver» zögerten nur die unerläßliche Lösung. Man lebe in Polen in einem gesetzgeberischen Wirrwarr, denn man habe von drei verschiedenen Staaten Gesetze und Vorschriften übernommen. Dazu seien noch neue gekommen. Das müsse dadurch vereinfacht werden, daß man dem Staatspräsidenten Autorität verleih«. Es brauchten nicht gerade die Vereinigten Staaten kopiert zu werden, in denen einer starken Zentralgewolt die weitestgehende Auto- n o m i e der verschiedenen Staaten gegenübersteh«, ober man müsse etwas A e h n l i ch e s suchen, was für Polen anwendbar fei. Dieser letzte Satz scheint zur Beruhigung der Posener und ostoberschlesischen Reaktionäre bestimmt zu sein, denen die Möglichkeit einer Autonomie versprochen wird. Vielleicht soll diese Aeußerung auch die Sozialisten und Minderheits» nölker befriedigen, die die Autonomie für die geschloffen siedelnden Ukrainer und Weißrussen, die kulturelle Selbstver- waltung auch für Deutsche und Juden fordern. Dagegen lehnen die Linksparteien, wie schon gemeldet,«ine dauernde Erweiterung der Präsidentenrechte ab. Die Ermordung petljuras. Rache für Pogrome. Pari». 26. Mai.(WTB.) Zur Ermordung des ukrainischen Poli- tikers Petljura wird weiter bekannt, daß Petljura auf offener Straße erschossen worden ist. Ueber den Ursprung des Atten- tat» erfährt Haoas, daß der Mörder Schwartzbarth ein ukrai- nischer Jude ist, der während des Krieges im französischen S)eere als Freiwilliger diente, und der von der franzö- fischen Regierung damals nach Petersburg entsandt wurde. Dort habe er erfahren, daß Petljura, der 1917 Gouverneur der Ukraine war, T a u s e n d e von seinen Religionsgenossen habe hinrichten lassen. Schon damals habe er den Plan gesaßt, seine Brüder zu rächen. Nach dem Kriege sei er nach Frankreich zurück- gekehrt und habe sich hier naturalisieren lassen. Er habe dann er- fahren, daß Petljura gleichfalls in Frankreich weile und die Zei- tung„Le Trident'(?) leite, die in ukrainischer Sprache erscheine, und in der er eine antisemitische Propaganda betrieben haben soll. Die Angaben Tchwartzbarths. Pari», 26. Mai.(WTB.) Der Attentäter Samuel S ch w a r tz- barth erklärte nach dem„Matin" bei seiner ersten amtlichen Der- nehmung folgendes: 1917 gehörte ich einer französischen M i l i t ä r m i s s i o n an, die sich nach Petersburg und Odessa be- gab. Zu dieser Zeit erzählte man mir von Judenmassakers in der Ukraine, deren provisorischer Regierungschef Petljura war. Von den Sowjets verdrängt, muhte sich Petljura nach Polen und der Tschechoslowakei begeben, wo er die Juden weiter mit seinem ch a ß verfolgte. In diesem Augenblick entschloß ich mich, meine Brüder zu röchen, und diesen Mann zu töten. Eines Tages erfuhr ich. daß er sich in Paris niedergelassen habe, und hier eine Zeitung ln ukraimscher Sprache, den.Trident", herausgab, und daß er nicht darauf verzichtet habe, seinen Kampf gegen Rußland und gegen die Juden fortzusetzen. Run taufte ich einen Revolver und begann, Petljura zu suchen. Vor 14 Tagen begegnete ich ihm endlich. Er trat aus einem Restaurant heraus, und da er von seiner Frau und einem jungen Mädchen begleitet war, wollte ich nicht auf ihn schießen, um nicht die Frau oder das Mädchen zu verletzten, cheute Hab« ich ihn endlich wieder erwischt, und ich habe ihn nicht verfehlt. Tant mieuxl(Um so besserl) Schwarzbarth ist naturalisierter Franzose, der seit fünf Iahren in Pari» einen gutgehenden Uhrenhandel betreibt. Die Polizei hat übrigens gestern in der Wohnung Petljuras Siegel o n g e le g t, da sich dort angeblich eine ganze Anzahl wichtiger diplomatischer Dokumente befinden soll. * Eine solche Versiegelung dürste vom französischen Auswärtigen Amt vielleicht auf Verlangen Polens oder auch anderer Mächte veranlaßt worden sein. Petljura war an den Aktionen gegen Sowjetrußland beteiligt, die ja nicht allein von russischen Antibolsche- wisten unternommen, finanzert und bewaffnet worden waren. Provokateure an öer Arbeit? Zusammenstöße in Neukölln. Gestern abend haben sich in Neukölln zwischen Kam- munisten und Stahlhelm-Anhängent schwere Zu- fammenstöße ereignet. Nach den anfänglichen Meldungen schienen diese Zusammenstöße nicht erheblich zu sein. In- zwischen hat sich aber doch herausgestellt, daß sie einen größeren Umfang angenommen haben. Das Polizei- Präsidium verbreitet folgende amtliche Darstellung: Im Lause des gestrigen Nachmittags und Abends ist es in Neukölln zu erheblichen Ruhestörungen gekommen. Am Nachmittag versuchte eine Anzahl Mitglieder des Roten Frontkämpferbundes Zusammenstöße mit zwei Gruppen von S t a h l h e l m l e u t e n, die sich an einer Beerdigung beteiligt hatten, herbeizuführen. Die Stohlhelmleute zogen sich schließlich in das Deutsche Wirtshaus in der Bergstraße in Neukölln zurück, wo sie von einer immer mehr anwachsenden Menge belagert wurden. Die Polizeibeamten räumten wiederholt die Straße. d»ch wuchs die Menge insolge Zuströmens radaulustiger Elemente zeitweise auf mehrere Tausend an. Auch als die Stohlhelmleute das Deutsche Wirtshaus durch eine Hintertür ver- lassen hatten und nachdem auch auf der anderen Seite der Rote Frontkämpfcrbund seine Mitglieder einigermaßen vollzählig herausgezogen hatte, dauerten die Ruhestörungen noch fort. Der Straßenverkehr wurde erheblich behindert. Die Polizei- bcamten wurden mit Steinen beworfen und durch wilde und beschimpfende Zurufe beleidigt und provoziert. Da es der Po- lizei trotz der zeitweiligen Sperrung der Straßen für jeden Verkehr und trotz wiederholter Säuberung der Straßen nicht gelang, die in den Nebenstraßen, in den Hausfluren und in den umliegenden Wirtschaften sich ansammelnden radaulustigen Elemente zu zer- streuen, wurden schließlich die im Mittelpunkt der Ruhestörungen liegenden Hausflure und Gastwirtschaften geräumt und geschlossen. Darauf trat allmählich Ruh- ein, und da auch die Kommu- nistenführersich bemühten, die Menge zumAuseinander- g e h e n zu bewegen, konnte die Polizei in erheblichem Umfange auf das Revier zurückgezogen werden. Einen eigentlichen politischen Charakter hoben die Ruhestörungen nicht gehabt. Ernstere Der- l e tz u n g e n sind nicht vorgekommen. Sieben Beamte wurden durch Steinwürfe leicht verletzt, außerdem eine Anzahl der Ruhestörer durch Schläge mit dem Gummiknüppel. Die Polizei nahm insgesamt 27 Zwangsgestellungen vor. Bemerkenswert ist, daß einer der festgenommenen hauptruhe- störer außen aus dem Rock ein Relchebannerabzeichen, auf der Weste aber ein Hakenkreuz trug, außerdem noch ein Abzeichen des Roten Frontkämpferbundes. Das Auffallendste an der pdizeilichen Meldung ist die Feststellung, daß einer der Festgenommenen nicht weniger alsdreiverschiedene Abzeichen geführt hat. Damit dürfte der Beweis erbracht fein, daß bei diesen Zusammenrot- tungen offenkundige Provokateure beteiligt gewe- sen sind. In w e l ch e m L a ge r die Provokateure zu suchen sind, kann keinem Zweifel unterliegen. Die Hugenberg- Presse hat so eindeutig die Pläne der Reaktion auf Provozierung ,, kommunistischer" Unruhen klargelegt, daß nie- mand mehr ihr Entrüstungsgeschrei über solche Unruhen wird ernst nehmen können. Erfreulicherweise sind diese Zusammen- stöße ohne ernste Folgen abgegangen, sie zeigen aber, wie not- wendig es ist, ein w a ch s a m e s A u g e für alle die zu haben, die im Trüben fischen möchten. Es besteht nicht die geringste Besorgnis, daß die Polizei ihrer Aufgabe nicht gewachsen sein würde. Es muß aber dafür gesorgt werden, daß solche Provokationen überhaupt gar nicht erst Erfolg haben können. Hoffentlich sind auch die K o m m u n i st e n vernünftig genug, einzusehen, daß sie alle Veranlassung haben, den Reaktionären nicht den Gefallen zu tun, den man von ihnen erwartet. Die Zuspitzung des politischen Kampfes um den Volksentscheid wird noch oft genug die Situationen schaffen, in denen Provokateure hoffen können, auf ihre Rechnung zu kommen. Das muß mit allen Mitteln verhindert werden. * Eine größere Anzahl von Personen wurde teils erheblich verletzt. Ein Mann wurde mit einer schweren Schädel- Verletzung in das Neuköllner Krankenhaus eingeliefert, konnte aber nach Anlegung eines Notverbandes entlassen werden. Auch auf der Rettungsstelle 5 in der Erkstraße mußten 4 Personen ärzt- l I ch e Hilfe in Anspruch nehmen. Es besteht die Vermutung, daß weitere Personen bei den Zusammenstößen verletzt wurden, die sich aber in privatärztliche Behandlung begeben haben. Strafverfolgung Mulles. Von Kube noch keine Rede. Beim Preußischen Landtage ist jetzt der Antrag des preußischen Iustizmiisters auf Genehmigung zur Strafverfolgung des völkischen Abgeordneten W u l l e wegen des Verdachts der An- stiftung zu politischen Attentaten eingegangen. Das Schreiben um- faßt mit der näheren Begründung des Antrages nicht weniger als zwölf Seiten. Es wird zunächst dem Geschästsordnungsausschuß des Landtages überwiesen werden, der über die Aushebung der Immuni- tat zu beschließen hat. Die endgültig« Entscheidung trifft dann der Landtag selbst. Die nächste Sitzung des Geschäftsordnungsausschusses findet bereits am Montag statt. D-r Fall Wulle steht allerdings noch nicht auf der Tagesordnung. Es liegt aber rm Ermessen des Vorsitzenden, diese Angelegenheit noch zur Verhandlung zu stellen. Beim Reichstag ist ein ähnlicher Antrag gegen den völkischen Abgeordneten Kube, wie er vom preußischen Justizministerium angekündigt wurde, bis jetzt noch nicht eingegangen. Sturm über Englanö. Das Zentralproblem der sozialen Fsrage. Im Herbst 1925 reisten Vertreter des Reichsarbeitsmini- steriums, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber nach Großbritan- nien, um an Ort und Stelle die britische Arbeits- lofenverficherung zu studieren. Vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund nahm an dieser Reise der Genosse Spliedt, vom AfA-Bund der Genosse Croner teil. Für die Schaffung einer endgültigen Arbeitslosenversiche- rung in Deutschland ist es selbstverständlich von größter Be- deutung, die organisatorischen Einrichtungen Großbritanniens kennen zu lernen, um bei der Lösung der eigenen Aufgabe Nutzen aus den Erfahrungen eines gerade auf diesem Gebiete beispielgebenden Landes ziehen zu können. Das ist nicht ganz einfach. Partikulare Interessen, gehüllt in den Mantel tief- gründiger Wissenschastlichkeit, verhindern eine fruchtbare Nutz- anwendung. Die Haltung der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberoerbände ist ein typisches Beispiel dafür. Es ist deshalb auch kein Wunder, daß die„Deutsche Kommission zum Studium der britischen Arbeitslosenversicherung" überhaupt zu keinem positiven Ergebnis der Nutzanwendung großbritannischer Erfahrungen gekommen ist und sich auf eine nackte Tatsachenfeststellung beschränkte. Das offizielle Ergebnis dieser Studienkommission ist also gleich Null. Wichtiger jedoch als das Studium der organifa- torischen Einrichtungen ist das Studium der Ursachen des Arbeitslosenproblems in Großbritannien. Hier stoßen wir auf das Zentralproblem der sozialen Frage, nicht nur in Großbritannien, ebenso auch in Deutschland wie in der ganzen Welt. In diesen Tagen erscheint im Industriebeamtenverlag, Berlin, unter dem Titel:„Sturm über England" ein Buch, das sich mit den Problemen der Arbeitslosigkeit in Großbritannien ausführlich auseinandersetzt. Sein Verfasser ist Fritz Croner, der Letter der sozialpolitischen Abteilung des Deutschen Werkmeisterverbandes, der als Vertreter des AfA-Bundes an jener Studienreise nach Großbritannien teilnahm. Seit Iahren lastet auf Großbritannien eine riefen- hafte Arbeitslosigkeit. Alle Versuche, ihrer Herr zu werden, sind bisher gescheitert. Aber die in ihr liegenden sozialen Gefahren haben wenigstens im Gegensatz zu Deutsch- land dazu geführt, dast man versucht, sich mit den ö k o n o- mischen Ursachen ernschaft auseinanderzusetzen. Und so wird hoffentlich dieses Buch dazu beitragen, daß man auch bei uns anfängt, sich tiefer mit diesem Fragenkomplex zu befassen. Wir haben wiederholt aus diese Notwendigkeit hin- gewiesen. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß auch b e i uns die große Arbeitslosigkeit zu einem Dauerproblem geworden ist, dem man nur mit ernst- haften ökonomischen Maßnahmen zu Leibe rücken kann. Von einer solchen Einsicht ist unsere Reichsregierung allerdings noch weit entfernt. Zwar hat der Reichsarbeits- minister Dr. Brauns bei den letzten Etatsberatungen zu- gegeben, daß wir mit einer größeren Arbeitslosigkeit auf lange Zeit zu rechnen haben. Dennoch ist man im Reichsarbeits- Ministerium von jener in England längst vorhandenen Ein- ficht, der G. Nicholls in seiner Listorv ok Lnz-Iisb iPoor Law mit den Worten Ausdnick verlieh, daß es unter solchen Um- ständen billiger sein kann, den leeren Magen zu füllen, damit er wieder gehorsam wird, als die hungernden Elenden durch Waffengewalt zu zwingen, das Roastbeef ihrer Nachbarn zu respektieren, noch weit entfernt. Anders ist die Haltung des Reichsarbeitsministeriums bei der Neuregelung der Enverbslosenfursorge nicht zu verstehen. Ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland eine langandauernde Erscheinung, dann sind die gegenwärtigen Unterstützungssätze erst recht eine beispiellose Sünde an der Nation, weil ihre Unzulänglichkeit ein gewaltiges Stück Volkskraft zerstört. Was lehrt die Entwicklung in England? Zunächst an Hand der Untersuchungen Croners einige Tatfachen. Vor dem Kriege hatten die Gewerkschaften 2 bis 3 Prvz. arbeitslose Mitglieder-, 1911 waren es 3 Proz., 1912 3,2 Proz., 1913 2,1 Proz. Im Februar 1926 find es 10,6 Proz., bei den gegen Arbeitslosigkeit Versicherten sogar 11,1 Proz. In Zahlen ausgedrückt beläuft sich das Heer der Arbeitslosen im Jahre 1913 auf rund 200 000, steigt 1914 eine kurze Zeit auf 700 000, um dann in den darauf folgenden Jahren bis Ende 1918 fast ganz zu verschwinden. In den Jahren 1919 und 1920 bewegt sich die Zahl der Arbeitslosen um 200 000, sie steigt Ende 1920 auf 600 000, um dann im Verlaufe des Jahres 1921 auf Überzwei Millionenzu steigen. In den nachfolgenden Jahren bleibt das Heer der Arbeitslosen immer über eine Million! Zu diesem oftiziellen Heer der Arbeitslosen kommt das inoffizielle, das sich bei den Armenunter st ützten befindet. Es ist sehr interessant, bei Croner nachzulesen, wie die Verminderung der Arbeits- losenzahl im November 1925, die die Regierung Valdwin sich als besonderes Verdienst anrechnete, in der Vermehrung der Armenunter st ützten wiedererscheint. Nichts charakterisiert den Widersinn kapitalistischen Pro- duzierens treffender als die Tatsache, daß einer erhöhten Produktionsfähigkeit eine erhebliche Produktionsminderung gegenübersteht. Die volle Ausnutzung der Produktionsfähig- keit würde bedeuten die Eingliederung des Ar- beitslosenheeres in den Produkttonsprozeß. Warum geschieht das nicht? Die Bermehning der Produttion ist doch auch die Voraussetzung einer Erhöhung der gesamten Lebens- Haltung. Des Rätsels Lösung liegt in der Tatsache beschlossen, tag es in der kavitalistischen Produktion gar nicht auf die Befriedigung der Bedürfnisse, sondern auf die Erzielung von Profit ankommt. Und so löst sich jener Widerspruch, daß die Produktionsfähigkeit gewaltig gestiegen ist, diese Möglichkeit ober unausgenugt bleibt. Die Folge ist Arbeitslosigkeit und Unterentlohnung. Jede Ausweitung des Produktionsappavates geht auf Kosten der Arbeitskrast, ist Immobilisierung eines Teiles des volkswirtschaftlichen Ertrages. In einer Wirtschast, die auf die bestmögliche Bestiediaung der Bedürfnisse der Bevölkerung genchtet ist, ist das eine für alle Teile segensreiche ökonomische Maßnahme. In der kapitalistischen Wirtschaft dagegen die Ursache schwerer ökonomischer Krisen, Vergeudung eines Teiles des volkswirtschaftlichen Ertrages, weil die Immobilisierung nicht im Hinblick auf die bestmöglichste Befriedigung der Bedürfnisse, sondern im Hinblick auf die größten Profitaus- . sichten erfolgt. Dieser Prozeß wird auch von namhaften k a p i t a l i- st i s ch e n Wirtschaftsführern gesehen, in seiner sozialen Bedeutung aber keineswegs erfaßt. Auf der siebenten Mit- gliederverfammlung des Zentralverbandes der deutschen Elektrotechnischen Industrie sagte der Vorsitzende des Direk- toriums der AEG.. Dr. Deutsch, u. o.: Während des Krieges sind in ollen Ländern, in allen Industrie- zweigen die alten Fabriken vergrößert und neue Fabriken gebaut worden, zum Teil zur Herstellung von Kriegsmaterial, zum Teil, um diejenigen Artikel zu fabrizieren, die sonst vom feindlichen Aus- lande bezogen wurden, zum Teil aber auch, um sich voneinander unabhängig zu machen. Ich schätze die industrielle Kapazität der Welt um mindestens 40 bis 50 Proz. größer als vor dem Kriege, da» bedeutet eine sehr viel größere Produktion gegenüber einer außerordentlich stark verringerten Kaufkraft. Die Vermehrung der industriellen Kapazität ist nur mög- lich gewesen durch die außerordentlich stark verringerte Kauf- krast der breiten Masten, das eine bedingt das andere. Es ist deshalb geradezu grotesk, wenn die Kapitalisten immer wieder versiichen, die verringerte Kaufkraft durch Senkung der Löhne und Gehälter beheben zu wollen. Der Riesenkampf im englischen Bergbau ist auch nur ein Streit darüber, ob der Profit des im Bergbau investierten Kapitals auf Kosten der Arbeitskraft gesichert werden soll. Die entscheidende Frage. wie man durch ökonomische Maßnahmen zur Lösung der Kohlenkrise kommen kann, wird, wie Croner zeigt, deshalb nicht gründlich aufgerollt, weil die Heiligkeit des Privateigen- tums unangetastet bleiben soll. Das gleiche Bild entrollt sich bei der Untersuchung der Eisenindustrie, des Schiffbaus und der Textilindustrie. Nationalisierung der wichtigsten Industriezweige, d. h. Umwandlung des Privateigentums in Sozialeigentum ist das Losungswort der britischen Arbesterklasse in chrem Kampfe gegen die Arbeitslosigkeit. Es wird auch bei uns zum Zentral- Problem werden, denn die ausreichende Unterstützung der Arbeitslosen bleibt immer nur eine Notmaßnahme, die öko- nomische Verwertung aller Arbeitskräfte dagegen dos Ent- scheidende. Der verachtete Sürger. Hinter den Knlisse» der„vaterländischen Verbände". Bei der Einweihung des Schlageter-Dentmals in Weimar hat, nach der„Deutschen Zeitung", der Führer des„Wer- wolfs", Studienrat Fritz Kloppe, folgenden Notschrei ausgestoßen: »Zieht den Trennungsstrich so scharf wie nur irgend möglich gegen alle diejenigen, die sich in die vaterländische Lewe- gung eindrängen, weil sie reaktionäre Tendenzen verfolgen oder nur deswegen schwarzweißrot sind, weil sie hoffen, dadurch eine alle, durch ihre Schuld verlorengegangene Vor- Machtstellung wiederzugewinnen." Diese Worte sind charakteristisch für das, was zurzeit hinter den Kulissen der vaterländischen Verbände vorgeht. Es muß daran erinnert werden, daß die Gründer der meisten dieser Verbände bürgerlicher, ja kleinbürgerlicher Herkunft sind, außer Kloppe seien nur genannt die Namen: Hiller, Seldte, Mahraun, Roßbach usw. Im alten Deutschland wären zahl- reiche dieser Gründer nicht einmal zur Kaisergcburtstagsfeier der Honoratioren zugelassen worden. Nach der Revolution haben sich die alten privilegierten Kreise, als da sind Fürsten, Wlige, Großgrundbesitzer, Generäle, die Arbeit dieser Bürger- lichen gern gefallen lassen, zumal sie selbst in ihrem Kastenstolz und Dünkel gar keine Aussicht hatten, an größere Volksmassen heranzukommen. Aber die Unterstützung dieser Zugelassenen geschah unter der stillschweigenden Boraussetzung, daß im Fall des Sieges die Werkzeuge natürlich abzutreten hätten, um be- scheiden den„gottgewollten Autoritäten" Platz zu machen. Den Hitler, Kloppe usw. wiederum ist ihr Führertum so zu Kopf gestiegen, daß sie gar nicht daran denken, nur für die mumifizierten Träger hoher Namen die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Je näher man sich dem Sieg geglaubt hat oder heute wiederum glaubt, desw schärfer treten diese Gegen- fätze zutage. Dies ist der innerste Grund, warum Hitler zu einer Nebenperson herabgesunken, Mahraun in Opposillons- stellung gedrängt und Kloppe zu Notschreien wie dem zitierten gezwungen ist. Franz Seldte, der Gründer des„Stahlhelms", hat man zur Stahlhelmfeier am Rhein zwar gnädigst als Fest- redner zugelassen, aber es ist bekannt, daß auch seine Stellung im„Stahlhelm" durch die Intrigen einer adligen Offiziers- klique als stark gefährdet gilt. Die deutsche Reaktion krankt an dem Fehler aller Nestau- ratwnsbestrebungen, daß den durch die Revolution gestürzten privilegierten Klassen eben nicht zu helfen ist. weil sie nichts gelernt und nichts vergessen haben. Auch wo die Reaktion sich vorgeschobener bürgerlicher und kleinbürgerlicher Führer nach außen hin bedient, ist ihre Verachtung und ihr Standesdünkel gegenüber der bürgerlichen Plebs nicht um ein Iota geringer geworden._ Gleiches Recht üen Dürften. Die deutfchuationale Parole. Die Pressestelle der Deutschnationalen hat zum Volks- entscheid folgende offizielle Parole herausgegeben: Das Kabinett Marx hat die Stellungnahme der bisherigen Reichsregierung übernommen, daß zur Annahme des Volksentscheide» über entschädigungslose Enteignung der Fürstenhäuser gemäß der Verfassung ein« Mehrheit der Wahlberechtigten mit Ja stimmen muß. Soll das revolutionäre Volksbegehren diese Mehrheit finden, so müssen 20 Millionen Ja-Stimmen abgegeben werden. Wir haben niemals Zweifel daran gelassen, daß es für Deutschnationale nur entschiedensten Kampf gegen die kommunistischen Angriffe aus die Eigentumsordnung, den Grundpfeiler unseres Staates, geben kann. Sammelt die Mannen und brecht der Wahrheit die Gasse durch die Reihen der Hetzer und Verleumder. Den Fürsten soll gleiches Recht werden wie jedem anderen deutschen Staatsbürger. Es geht um den Bestand von Haus und Hof, von Nation und Reich. Unsere Parole laucet: Bleibt der Abstimmung am 20. Juni fern! An dieser deutschnationvlen Parole ist vor allem auffällig, daß sie jede offene Stellungnahm« zugunsten der Monarchie vermeidet. Die Frage der Staats- form wird mit keinem Worte berührt. Ja, wenn man wollte. könnte man aus ihr sogar ein Bekenntnis zur Republik heraus- lesen, da die Forderung ausgestellt wird, den Fürsten sollte gleiches Recht werden wie jedem anderen deutschen Staatsbürger. Nach monarchistischer Auffaffung sind ja die Fürsten nicht nur den anderen Staatsbürgern gleichberechtigt, sondern sie sind„von Gottes Gnaden" und über die anderen als Herren eingesetzt. Natürlich wäre es aber ganz falsch, aus der deutschnatio- nolen Parole eine prinzipielle Wendung der Partei selbst herauslesen zu wollen. Es handelt sich um einen taktischen Zug. Die Deutschnationalen wissen genau, daß mit einer offen monarchistischen Parole kein Geschäft zu machen ist. ja sie fürchten, daß sie durch zu große Offenheit nur ihren Gegnern beim Volksentscheid nützen würden. Darum ziehen sie es vor, diejenigen ihrer Anhänger zu enttäuschen, die ver- langt hatten, daß ihnen im Kampf gegen den Volksentscheid die Fahne der Monarchie vorangetragen werden solle. Die Deutschnationalen glauben besser zu fahren, wenn sie die Fahne der Monarchie eingerollt lassen und wenn sie dafür desto eindringlicher an die Instinkte der besitzenden Kreise appellieren. Ihnen wird wahrheitswidrig gesagt, daß in dem Eigentum der Fürsten das Eigentum aller bedroht ist. Nicht aus Treue zum angestammten Herrn soll der Bürger und der Bauer gegen die Fürstenenteignung wirken, sondern aus Angst, daß er sonst selber demnächst an die Reibe kommen könnte. An die Stelle des Appells an den Idealismus tritt also der Appell an den Materialismus. Unter diesen Umständen werden die Deutschnationalcn unmöglich sagen können, daß diejenigen, die am 20. Juni, ihrer Parole folgend, zu Hause bleiben, Anhänger der Mon- archie seien. Im übrigen denkt die Sozialdemokratische Partei, wie hier schon oft angeführt worden ist. nicht daran, die ent- eignungslose Entschädigung als Regel auszustellen. Sie be- trachtet den Fall des Fürsteneigentums als einen ganz be- sonderen, well die Fürsten ihr Vermögen der st a a t s r e ch t- lichenStellung verdanken, die sie jahrhundertelang ein- genommen haben, und weil nach dem Erlöschen ihrer Vorrechte auch die Güter, die sie diesen Vorrechten verdanken, an die Wgemeinheit zurückfallen müssen. Mit dem Satz „gleiches Recht den Fürsten wie jedem anderen Staatsbürger" läßt sich die Forderung nicht begründen, daß einige wenige Familien über Milliardenwerte verfügen sollen, wäh- rend die ungeheure Mehrheit des Volkes aus Besitzlosen besteht. Daß die Deutschnationalen ihren Kampf für die Fürsten- Milliarden nicht mit einer monarchistischen, sondern mit einer scheinrepublikanischen Formel führen, ist als Beweis für die Schwäche des Monarchismus in Deutschland intereffant. Aber helfen wird es ihnen auch nichts! Der französifthe Parteitag. Beendigung der Taktikdebatte. pari». 26. Mai.(Eigener Drahtbcricht.) Auf dem Sozialistl- schen Parteitag in Clermont- Ferrand sprach am Dienstag nach- mittag, als Vertreter des rechten Flügels der Partei, G a st o n Levy. Er trat für Beteiligung an einer bürgerlichen Regierung ein, betonte die Rückwirkung der unsicheren Währungszustände auf die wirtschaftliche Lage der Arbeiterschaft und forderte daher die Stabilisierung der Währung. Der Generalsekretär der Partei, Paul Faure, Hab die Notwendigkeit der Wahrung der Parteidisziplin hervor und erklärte, die Partei könne nicht darauf verzichten, Uebertretungen zu rügen. Unter großem Bei- fall erinnerte er an da» Verhalten Iaures aus dem Internatio- nalen Kongreß in Amsterdam. In die Resolutionskommission wurden dann neben 20 Der- tretern der Mehrheit 0 Vertreter der Richtung Renaudels und zwei der äußersten Linken gewählt. Die Kommission hat noch am Abend ihre Arbeiten aufgenommen. « Eine große Zahl Parteitagsdelegierte, darunter Zyromski, Re- naudel, Leon Blum. Paul Faure. Grumbach und andere, haben ein Telegramm an Paul Boncour gerichtet, in dem es heißt, daß die Unterzeichner, durch die Wiedergabe der Parteitagsdebalte in einem Teil der deutschen Presse veranlaßt, Wert auf die Fest- stellung legen, daß in der Aussprache weder Angriffe noch Vor- würfe gegen Paul Boncour erhoben worden seien. ver letzte Kalis, ZNohamed VI., besten Testament In San Remo geöffnet wurde, wünscht darin, zu Damaskus beigesetzt zu werden, was die französisch« Regierung bewilligt hat. Die Leiche wird auf einem italienischen Kriegsschiff nach Syrien überführt werden. Der jetzige.Falis", Abdul Äiedjid II., will von San Remo aus den Kampf für Thron und Kalifat fortsetzen. Der gefährliche Nachbar. Von Friedrich Flierl. Man kennt die Großstadtstraßen zweiten Ranges, jeder Roman enthält treffliche Schilderungen davon. Ich brauch« also nur zu er- wähnen, daß in meiner Straße, innerhalb meines Blickfeldes, eine Wäscherei, ein Seifengeschäst, eine Klempnerei, ein Konfitüren- ladchen und ein Uhrengeschäft dicht beieinander sind. Der Uhrmacher ist der gefährliche Nachbar. Zur kaiserlichen Zeit wurde er in den Listen der Polizei al»— Anarchist geführt, und er war es auch. Seit in Rußland der Bolschewismus legalisiert ist und auch wir so etwas w:e eine Revolution hatten, ist der Nimbus des Geheimnisvollen, der solche Leute umgab, freilich weg. Und so ein ganz richtiger Anarchist, der mit Nitroglyzerin schlafen geht und nur auf die Ge- legenheit wartet, um den erhaltenen Antrag auszuführen, war er wohl überhaupt nicht. Wie er mir einst gestand, entsprach ihm Proudhon mehr als Bakunin, Tolstoi mehr als Stirner, Gustav Landauer mehr als der alte Fritz Kater. Die Po-Po(o diese Unsittel wer hätte früher eine solche Abkürzung für Politische Polizei ge- wagt!) hat jedenfalls keine Ursache, ihm. der mtttlecweile Kriegsteil. nehmer war, weiter nachzuspüren. Nur ich muß es tun. Nicht,«eil er oft auf mich einredet, von Sowjetrußland auf Karachan tn Peking, von den Chinesen auf Buddha, von den Indern aus die freiheitshungrigen Araber springend, um dann bei unserer Tagespolitik zu verweilen und mitleidig-verächtlich diese Regie- rung, Politiker, Wirtschaftler, Gelehrten. Journalisten. Künstler. Parteiführer, diese urteilslose Masse abzutunl Nicht, weil er oft lange über die letzten Weisheiten der Philosophen aller Zeiten und Völker spricht und seine eigene Weisheit dabei ins rechte Licht rückt! Da» alles geschieht, mit oder gegen meinen Willen und bescheidenen Einspruch, am Sonntag, der zur Pflege des Geistes da ist, und ich kann mich damit abfinden. Aber er entheiligt den Zweck des Wochentages, des Arbeitstage?, er fügt unserer Wirtschaft Schaden zu. Er verläßt seinen Laden und stellt sich unter die Tür der Wäscherin. Ich hör« natürlich nicht, was er sagt. Aber es muh etwas ähnliches sein wie:„Laß stille stchn die Dampfmasihine, komm auf die Straße, Proletar'!" denn die Wäscherin legt sofort die Arbeit nieder. Sie steht«ine Stunde und länger um ihn herum und hört andächtig zu. Die Schokoladnerin tut da» gleiche. Dito der Klempner. Bedauerlich aber ist es, daß auch das Fräulein aus dem Seifengeschaft immer öfter die Obliegen- beiten ihres- Dienstes unten liegen läßt und feinen Worten lauichi. Schon aus meinem Bedauern wird der denkende Leser merken: Das Seifenfräulein ist kein gewöhnliches Geschöpf. Es ist zart, schlank, ganz-ganz blond, trägt ein kurzes Röckchen, und wenn es, halb an die Wand gelehnt, vor ihm steht, dann schlägt es anmutig die Augen auf und die Beine übereinander. Und der Seifengcschäftsinhaber ist ihr Vater. Zugegeben, der Uhrmacher gehört nicht zu denen, die es immer gewußt und gesagt haben,..daß man Bomben schmeißen muß". Zu. gegeben, er hat soviel Geschmack, daß er dem holde» Fräulein nicht zumuter, mit seinen Stöckelschuhen durch ein Meer von Bürgerblut zu waten. Aber irgend etwa» Verführerische», Verderbliches muß er doch predigen, sonst würden nicht alle so an seinen Lippen hangen. Ich beschloß, der Sache nachzugehen, zog mich also nett an und machte in einer stillen Stunde Einkäufe. Soviel brachte ich heraus, daß der Uhrmacher von allem spricht, was die Leute gerade hören wollen, von der Teuerung, der neuen Mode, den Rennpläßen, der Gesundheit, von Preisausschreiben und Zirkuswundern fremder Fakire, nichts aber, gar nichts vom Anarchismus. Er gibt sich so nett und erzählt so gut, daß alle Straßengenassen von ihm ent- zückt sind. Ist das nun In Ordnung, wenn ein Anarchist, den die Po-Po einst verfolgte» so po-pu-lär wird? Ich nehme Anstoß! Soll ich, der um der armen Wirtschaft willen— man hat ge- sehen, wie es Stinnes erging!— für eine Verlängerung der Arbeits- zeit von 8 auf 14 Stunden eintritt, vielleicht nicht Anstoß nehnien, wenn dieser Mann so viele Zeit der Arbeit(die allein uns retten kann) entzieht? Man rechne nur! Täglich steht er wenigstens zwei Stunden herum, gestern waren es sogar drei Stunden. Er tut nichts, die Wäscherin tut nichts, die Schokoladnerin wt nichts, der Klempner tut nichts, das Seifenfräulein tut nichts, ich tue nichts(denn ich muß doch zusehen!). Der Verlust ist uncinbringbar. Liegt hier ein geheimer Austrag vor, den er erfüllt, hat man es mit einem neuen Kampfmittel zu tun? Uhrmacher, treibe es nicht zu weit!(Gott, ich hätte ihm viel nachgesehen, wenn er sich mit der Wäscherin begnügt hätte. Aber daß er sich auch noch auf da» Seifenfräulein warf...!) Ich nehme heftigsten Anstoß! Ich fordere die bürgerliche Oeffentlichkeit zur Wachsamkeit auf! Denn ist es nicht eine Pflicht der Allgemeinheit, zu verhüten, daß durch versteckt anarchistische Manöver die bürgerliche Front des Seifenfräuleins eine Einbuchtung erleidet? „Schneider Dibbel" Im Lefflngtheaker. Pointenreich und ein- gewickelt in Humor ist die Komödie. Sie ist lustig und heute noch sehr wirksam. Müller-Schlösser ist durchaus nicht seinem rhein- ländischen Landsmann Zuckmayer unterlegen. Der„Schneider Wibbel", der sich bei seinem eigenen Begräbnis königlich amüsiert, wird eine unvergeßliche Figur des deutschen Theaters noch über lange Jahre hinaus bleiben. Die Sommerdirektoren Beycrle und Henckels, die der Kassenmisere der Hundstage trotzen wollen, könnten Glück haben. Uebrigens ist Henckels sein bester Schauspieler. Er hat die Schneiderrolle vor Jahren schon gespielt, er spielt sie heute noch beinahe klassisch. Gerade das Provinzielle, dieser rhei- nislbe Dialekt, der die Mitte hält zwischen dem Ordinären und dem Pfiffigen, liegt dem Manne, der aus Düsseldorf kommt, außerordentlich. Und dazu auch ein: wirklich kostbare Fahrigkeit der beweglichen Glieder. Ein Schneider, der die Militärs und Gen- darmen in die Tasche steckt, das Herz blüht auf, man lacht sich ins Fäustchen, man lacht noch weiter unbändig. Die verschlagene und von Einfällen übersprudelnde und auch dem Auge wohlgefällige Schneiderssrau wird von Thea G r o d tc; i n s k y, der legitimen Direktorsfrau, ebenso fröhlich, ebenso witzig, ebenso wonnig gespiett. All« guten Triebe siegen. Tod und Leben schrecken nicht mehr. Man begnügt sich mit der Welt, man denkt nicht mehr darüber nach, ob Gott böse oder gut ist. Der volkstümliche Humor bewirkt das alles. Wir haben nicht viel deutsche Lustspiele, die so gut sind. Daß wir aber dieses besitzen, des wollen wir uns jreuen. M. H. Island im Film. Schon beim Nordlandsilm. den Ing. Dreyer. aufgenommen hat, sah man interessant« Bilder von Island. Jetzt laust in der„Urania"«in richtiger Islandsilm, der eine gute An- schauung von diesem seltsamen Lande vermittelt. Welche Kontraste: bis an die See reichen die Gletscher und daneben ein hochvulkanisches Land mit Laoawüsteneien, heißen Geysirn, Schwefeldämpscn und Schlammvulkanen. Da» Inner« des Landes ist z. T. noch unerforscht. Die Fikmleute unternahmen mit den kleinen, sehr ausdauernden Island-Pferden ein« Expeditton dahin. Das Ergebnis war sehr reichhaltig: die wilde Natur des Landes mit seinen reißenden Flüsien, zerklüfteten Felsen, tiefen Spalten ersteht lebendig vor uns. Vor allem aber sehen wir die vulkanischen Kräst« am Werk. Island ist «in Dogelland, und so hat denn auch der Film den Seeschwalben, Möven, Singschwönen, Islandfalten seine Aufmerksamkeit zugewendet. Bor allem werden die Nisffclsen der Alten, Lummcn und Eiderenten aufs Korn genommen, die von kühnen Eierjägern an langen Seilen heimgesucht werden. Der Fischfang ist einer der Haupterwerbszweige Islands. Das Herrichten und Trocknen des Kabeljaus wird uns getreulich vorgeführt. Schneller und besser als manche Bücher hat uns der Film diese nordische Insel mit ihren prächtigen Bewohnern nahe gebracht. Ausstellung finnischer Ryen In Verls». Im Lichthof des früheren Kimstgewerbe-Museums wird am 29. Mat eine Ausstellung seltener und ausgewählter finnischer Teppiche aus Mufeumsbefitz Finnland» eröffnet werden. Diese handgeknüpsten Ryen, Zeugen einer lebendigen Handwerkstradition, gehören dem 18. und 19. Iabr» hundert an und sind in ihrer ornamentalen und bildhasten Farbia- keit Meislerwerte des ffnmschen Voltes. Die Arbeitsgemeinscbatt für deutsche Hondwertskultur, deren Borsitzender der Reichzkunft- wart Dr. Redslob ist, wird diese Wanderausstellung, die ibr von der finnischen Regierung anvertraut ist, durch verschiedene deutsche Museen ketten, lind der beste finnische Fachmann, Prof. Sirelius, der da» grundlegende Wert über die Ryen geschrieben hat, wird diese Ausstellung begleiten und durch Vorträge erläutern. Die Ausstellung dauert in Berlin 14 Tage. Ein Land«hne Fräulein. Die Unterscheidung zwischen ver- heirateten und unverheirateten Frauen wird in Dänemark van jeizt ab sehr schwierig fein, denn alle weiblichen Wesen sollen von jetzt ab mit„Frue" angeredet werden. Die Frauenrechtlerinnen kämpfen schon seit Iahren um diese Einheitlichkeit der Anrede, die ja den Männern schon seit langem zuteil wird. Ein offizielles Komitee i>t jetzt in Kopenhagen zur Durchführung dieser Reform berufen worden. und untervesien haben die Zeitungen beschlossen, sofort die Anrede „Fröloen", d. h. Fräulein, aufzuheben. vi« allgemeine Schulpflicht In«ricchenlend. Die Schulpflicht ist schts seit vielen Jahren in Sriechcnland eingeführt. Tie wurde jedoch dttlier wenig befolgt, sodaß sich zu ihrer Durchführung der Erlatz eine» neuen strengen KeieheS notwendig»lachte. Durch«in Dekret hat nunmehr die Regierung diese Lücke gefüllt. Räch diesem Dekret müifen alle Kinder vom 5. bis zum 14.!?eben»jabre die Schule besuchen. In den Volksschulen werden die Kindec auch Unterricht in der Landwirtschaft g«netzen. der Konflikt �sqm'th— Llopö George. Rückwirkungen des Ttrciks auf die englischen Liberalen. Wahrend der englischen Tireiktage haben sich namhafte Führer der englischen Liberalen völlig auf die Seite der konservativen Negierung geschlagen und in Wort und Schrift nicht nur alle Masz- nahmen des Kabinetts verteidigt, sondern sogar in s ch a r s m a ck? e- r i s ch e r Weise gegen die Gewerkschaften gewirkt. Das gilt vor allem für Sir John Simon, der im Nnterhmis die juristische Theorie der materiellen Haftpflicht der Gewerkschaftsführer und Streikenden für die entstandenen Schäden entwickelte, eine Arg»- mentation, die von ollen Regierungsstellen gierig aufgegriffen und lebhast propagiert wurde. Aber auch A s q u i t h, der jetzt Lord O x s o r d heißt, stellte sich der Regierung zur Verfügung und schrieb für die„British Gazette' einen Verdammungsartikel gegen den Streik. Ebenso hielt Lord Grey eine Rundfunkrede im Sinne der Regierung, wenn auch etwas versöhnlicher im Ton als die beiden anderen obengenannten liberalen Exminister. Kein Zweifel daran, daß diese Kundgebungen, die aus dem Gefühl der t a p i t a- listischen Klassen solldarität entstanden waren, den Grundbegriffen liberaler Anschauung widersprachen. Sogar einzelne konservative Abgeordnete wie Lord Hug Cecil und Lady Astor und ein konservatives Blatt wie die„Times' bewiesen gegenüber den scharfmacherischen Maßnahmen von Churchill und Ioynso'n Hicks und gegenüber dem provokatorischen To» der„British Gazette' weit mehr Unparteilichkeit als jene liberalen Wortführer. Auf der anderen Seite gab es auch einzelne liberal« Abgeordnete, namentlich der stets sehr wert links stehende Kenworthy, die mitten im Streit ihre Sympathie für die Sache der Arbeiterschaft nicht oerhehlten. Bor allem aber war es der offizielle Führer der liberalen Unterhausfraktion und Dorfitzende der Liberalen Partei, Lloyd George, der im absoluten Gegensatz zu den sonstigen Promi- nenten seiner Partei die Haltung der Regierung und besonders ihres Diehard-Flügel» scharf kritisierte, insbesondere die Unter- drückung des Friedensappells der Erzbischöfe von Canterbury und Dort durch die staatlich kontrollierte Rundfunkges ellschaft und den Ton der von Churchill inspirierten„British Gazette'. Lloyd George faßte seine Kritiken in einem Artikel zusammen, den er noch während des Streiks für groß« amerikanisch« Blätter schrieb. Das wurde ihm von den Konservativen, aber auch von einem Teil der Liberalen sofort um so mehr verübelt, als damals die- englische Presse selbst lahmgelegt war. Diese Haltung von Lloyd George hat zu einer lebhaften Debatte innerhalb der Liberalen Partei geführt, die schließlich in einem offenen Brief gipfelte, den Lord Oxford an Lloyd George richtete, der in der kaum versteckten Aufforderung gipfelt, den Vorsitz der Partei und der Fraktion niederzulegen. Lloyd George. der in den letzten Tagen bereits mehrfach auf die gegen ihn ge- richteten Angriff« geantwortet hat. wird heute eine große Rede in seinem Wallffer Wahlkreis halten, in der er sich grundsätzlich mit Lord Oxford auseinandersetzen will. Es ist kein Geheimnis» daß die beiden liberalen Führer sich schon seit Jahren gegenseitig nicht ausstehen können. Lloyd George hat be- kountlich im zweiten.Kriegsjahr Asquith vom Premierministerposten rücksichtslos verdrängt und bildete später die Koalition mit den Konser- ratioen, während Asquith an der Spitze der reinen Liberalen blieb, die von der Koalition bei den ersten Rachkriegswahlen vernichtend geschlagen wurden. Im Jahre 1922 zerbrach die Koalition, und im Jahre 1923 wurden die beiden liberalen Flügel wieder zusammen- gekittet. Die Frage der Führung innerhalb dieser wieder» vereinigten und äußerlich wieder«versöhnten" Liberalen Partei blieb lange ungeklärt. Sie wurde schließlich dadurch gelöst, daß bei den Wahlen im Herbst 1924 Asquith neben vielen anderen liberalen Kandidaten auf der Strecke blieb. Di« Regierung Baldwin machte sodann aus ihm einen Lord Oxford, aber mit seiner aktiven politischen Laufbahn schien es zu Ende zu sein. Inzwischen aber haben sich innerhalb der Liberalen Partei die K o n f l i k t» st o f f e angehäuft. Die Liberale Partei macht wie die meisten biirgerlich-demokratischen Parteien Europas, die zwischen der konservativen Reaktion und der wachsenden Welle des Sozialismus eingeklemmt sind, eine schwere Krise durch. Obwohl sie im englischen Unterhaus jetzt nur noch etwa »in Elftel der Abgeordnetensitze einnimmt, b edeutet sie noch immer eine starke Macht im politischen Leben Englands. Würde das Proportionolwahlsyftem in England bestehen, so hätten die Liberalen mit ihren zwei Millionen Stimmen Anrecht auf etwa 100 Sitze von insgesamt 015. also immerhin mehr als zwei- mal so viel, wie sie tatsächlich erhalten haben. Gewiß befinden sich die Liberalen in einem unaufhaltsamen Niedergang, aber sie verfügen noch immer über eine große und gute Presse, und ein großer Teil des geistigen Englands steht hinter ihnen. Lloyd George hat nun das Bestreben, die Liberale Partei durch eine radikale Politik wieder hochzurichten. Auf der letzten Tagung der Liberalen entwickelte er ein sehr fortschrittliches Programm für eine Agrarreform, daß ihn nicht nur in schärssten Segensatz zu den Konservativen, sondern auch zu den ge- mähigten Mitgliedern der Liberalen Partei brachte. Einer von diesen Rechtsliberalen, sein ehemaliger Ministerkollege S i r A l s r e d Mond, verließ mit Ach und Krach die Liberalen und behauptet«, daß Lloyd George mit seiner Agrarreform auf dem besten Wege fei, die Partei den Sozialisten auszuliefern. Der neueKonflikt zwischen Lord Oxford und Lloyd George ist letzten Endes nur eine gradlinige Fortsetzung sowohl der alten Rivalität zwischen den beiden alten markantesten Persönlichkeiten der Liberalen Partei wie auch der jüngsten Auseinandersetzungen, die sich an das Agrorprogramm Lloyd Georges geknüpft haben. Ob- wohl es sicherlich eine kindische Uebertreibung ist. wenn manche Leute behaupten, Lloyd George habe durch fein« Haltung während des Streiks den eigenen Uebergang zur Arbeiterpartei vorbereiten wollen, es liegt doch zweifellos bei ihm das Bestreben vor, die libe- rale Politik so zu radikalisiercn, daß der Aufsaugungsprozeß der liberalen Demokratie durch die sozialistische Arbeiterbewegung auf- gehalten werden könne. Wenn er aber durch diese Taktik lediglich eine Spaltung der ohnedies schon geschwächten Liberalen Partei erreicht, dann wird deren Niedergang um so schneller vor sich gehen. Neuer§ranken-Knacks. Ausgangspunkt: Newyorker Börse. New Zork. 25. Mai.(MTB.) Der französische Fronten notierte heute an der Börse 3, 23�4 gegen 3,37>4 gestriger Schluß: der belgisch« Fronken 3,24� nach 3,34. Nachbörslich ging der erster- weiter aus 3,19 1s. der letztere aus 3,21 zurück. Weitere Sanicrungsmasfnahmen in Ausficht genommen. Paris, 20. Mai.(Eigene? Drahtbericht.f Der französische Fi- nanzminifter P e r e t Hot am Dienstag abend ein> Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Briand gehabt. In einer amtlichen Mitteilung über dies« Aussproche heißt es. daß weitere Maß. nahmen zur Erholung des Franken ins Luge gefaßt worden seien. Insbesondere hätten Briand und Peret beschlossen, einen Ausschuh von Finanzsachverständigen in, Leben zu rufen. Damit macht die Regierung einen weiteren Schritt auf dem Wege der Erfüllung der von den Vertretern der Hochfinanz ge- stellten Forderungen. Die Münchener Eifenbahnkatastrophe. Ein weiteres Todesopfer. Die Zahl der Todesopfer des Münchener Eisenbahnunglücks bat sich auf 28 erljöht. Im Krankeichause München- Haidhausen verstarb an ihren schweren Verletzungen die Angestellte Emilie Slechele. die dort mit ihrer ebenfalls schwer verletzten Mutter ein- geliefert worden war. Im Befinden der übrign Verletzten ist t«ine wesentliche Aenderung eingetreten. In der Chirurgischen Klinik liegen nur noch vier Verletzte, während sechs andere bereits ent- lassen werden konnten. Die bei der Katastrophe getöteten Reisen- den werden voraussichtlich am Donnerstag nachmittag ge- meinsani in München beigesetzt werden. Die Leichen sind von der Staatsanwaltschaft inzwischen freigegeben worden und die Reichebahngesellschaft hat sich bereit erklärt, alle entstehenden Kosten zu übernehmen. Heute vormittag um 11 Uhr hielt der M ü n- chener Stadtrat, unter Vorsitz der Bürgermeister, eine T r a u e r f e i e r für die auf so entsetzliche Weise ums Leben ge- kommenen Münchener Bürger ab, bei der der Oberbürgermeister in warmer Weise der Verunglückten gedachte. München, 20. Mai.(WTB.) Heute vormittag' erschien im Polizeigebäude der auf freiem Fuß befindliche L o t o m o t I v- führe? des Personenzuges, der das Unglück am Ostbahnhof ver- schuldet hat. Er wurde in Gegenwart eines höheren Polizei» beamten und eines Staatsanwalts einem Derhör unter» zogen. Die Untersuchung über die furchtbare Eisenbahnkatastrophe auf dem Ostbahnhof ist nunmehr abgeschlossen worden, und von der Reichsbahn» direktion München ist ein entsprechender Bericht der Hauptverwal- tung der Deutschen Reichsbahngesellschast zugeleitet worden. In dem Bericht heißt es, daß nach eingehenden Feststellungen die Signalanlagen ordnungsmäßig funktioniert hoben und daß die Schuld den Lokomotivführer A u b e l e trifft, der das Vorsignal überfahren habe. Di« Reichsbahndirektion München teilt mit: „Ein Münchener Blatt hat die Nachricht verbreitet, das Unglück habe feine letzte Ursache in der übermäßigen Beanspruchung des Personals infolge des aus Ersparnisgründen vorgenommenen Per- sonalabbous. Demgegenüber fei festgestellt, daß auch noch den weiteren bisherigen Erhebungen davon ausgegangen werden muß, daß der Zug 814 das„Halt' zeigend« Blocksignal überfahren habe. Der Lokomotivführer dieses Zuges hatte von Sonnabend abend 9 Uhr bis Montag früh 4.30 Uhr dienstfrei. Er fuhr dann nach l.30 Stunden Vorarbeitszeit von 6 bis 8.12 Uhr vormittags einen Personenzug von Rosenheim nach Freilassing und hotte nach einer anschließenden Nachtarbeitszeit von 40 Minuten dienstfrei bis nach- mittags 4.15 Uhr. Von einer ungebührlichen Inanspruchnahme dieses Lokomotivführers infolge von Personaleinsparungen kann demnach auf keinen Fall die Rede sein. Der Lokomotivführer selbst berief sich bei seinem Verhör auch nicht auf Uebermüdung. Anderes Per- fonal kommt aber nach dein derzeitigen Stand der Erhebungen alz schuldtragend nicht in Betracht.' Ein Gpfer üer weltstaöt. Räksel Hasses verschwinden eine, junge« Mädchens. Seit drei Wochen ist die 10 Jahre alte Kontoristin E l s b« t h D oye, die in der Steinstroß« 0 zu Berlin-Lichterfelde bei den Eltern wohnte und bei einer Immobilienfirma angestellt war, spurlos verschwunden. Die Kontoristin begab sich im Auftrage dieser Firma am 3. Mai nachmittags nach Neukölln und zog in dem Haufe Donau st rahe 21 500 Mk. Mieten ein. Der Pförtner sah, wie sie gegen 451 Uhr das Haus verließ und mit einem jungen Mann wegging. Seitdem fehlt jede Spur von ihr. Sie hat weder bei der Firma noch zu Haust wieder etwas von sich hören lassen. Es wird oermutet, daß die Vermißte einem Verbrecher in die Hände gefallen ist. Das Raubdezernat der Kriminalpolizei hat alsbald die Ermittlungen aufgenommen, bisher aber noch keine Spur gefunden. Für das Auffinden des Mädchens ist jetzt eine Belohnung von 200 Mk. ausgesetzt worden. Es ist 1,50 Meter groß und vollschlank, hat«inen mittelblonden Bubikopf, breite Augenbrauen, die etwas dunkler sind als das Haar und blaugraue, ziemlich große Augen. Auf dem Zeigefinger der linken Hand trug das Mädchen einen goldenen Ring mit ursprünglich zwei kleinen roten Steinchen, von denen einer fehlt und ein Ohrgehänge mit Wachsperlen. Ob der junge Mann, in dessen Begleitung sie zuletzt gesehen wurde, mit ihrem Derfchwinden etwas zu tun hat, läßt sich nicht sagen. Jedenfalls aber könnt« er über ihren letzten Aufenthalt Auskunf: geben. Er ist etwa 21— 23 Jahr« alt, hat einen Anflug von Schnurrbart und trug einen hellen Gabar- dineanzug, einen hellen Filzhut mit dunklem Rand, braunweiße Strandschuhe und einen starten Rohrspazierstock. Mitteilungen zur Aufklärung an dos Roubdezernat Dienstell« A. 5 der Kriminalpolizei im Zimmer 80 des Polizeipräsidiums. Völkische Edelinge. Ein Akt unglaublicher Roheit spielt« sich, wie uns erst jetzt mit- geteilt wird, am Psingstsonntag Nachmittag um 4 Uhr an der Kur- fürsten-. Ecke Blumenthalstroß« ob. Zwei Knaben im Alter von 0 bis 10 Iahren waren dem Umzüge der Kommunisten gefolgt und gingen nun noch dem Heim zurück. An der erwähnten Stelle wurden sie von drei uniformierten Hatentreuzlern von etwa 18— 20 Iahren überholt. Das lebhafte kindliche Geplauder über das Geschehene erweckte wohl in einem dieser Tapferen den Furor Teutonicus. denn plötzlich kehrte er um, zog«inen Dolch heraus und mit den Worten: Ihr verfluchte Kommunisten! stach er den Sjährigen Knaben in den Kopf. Das Kind brach blut- überströmt zusammen und erhielt von einem in der Nähe wohnenden Arzt die erste Hilfe. Nach vollbrachter Heldentat ergriffen die natio- naliftifchen Jüngling« stlbstverständlich die Flucht und« n t k a m e n unerkannt. Leider waren um dies« Zeit di« Straßen menschenleer, so daß«in« Verfolgung nicht aufgenommen werden konnte, die polizeiliche Meldung und Absendung einer Streif« blieb ebenfalls erfolglos.___ Vom Dampfer gerammt. Ein schweres Bootsunalück ereignet« sich gestern nachmittag kurz nach 0 Uhr in der Nähe der Rohrwallinsel bei Cöpenick. Der Dampfer.Hoffnung' rammte an der bezeichneten Stelle ein mit zwei Personen besetzte» Ruderboot. Das Boot wurde förmlich durchschnitten und die beiden Insassen, ein dreißigjähriger Kaufmann Herbert Rede aus der Birkenstraße und feine Mutter, sielen ins Wasser. Nur mit Mühe gelang es einigen Wasser- sportlern, die auf ihren Booten herbeieilten, die mit den Wellen Kämpfenden zu retten. Die Schuldfrage ist bisher noch nicht ein- wandfrei geklärt._ In SO Tagen um die Erde. Gestern abend 9.30 Uhr landet« im Berliner Flughafen Tempel Hof mit einem Sonderflugzeug der englischen Imperial Airways der amerikanisch« Journalist John Gold ström, der den Weltrekord für die Umkreisung de» Erdboll» auf 30 Tag« drücken will. Er war mittag? um 12 Uhr in Croyden bei London gestartet, wohin ihn ein Flugzeug von Plymouth gebracht hotte. Bon Reuyork, dem Ausgangspunkt seiner Welirnje, war c: mit der„Mauretonio' gefahren. Goldstrom flog noch in der Nacht mit dem regelmäßigen Nachtflugzeug der deutschen Lusthansa noch Königsberg weiter, wo er den Anschluß an di« Deruluftmaschine nach Moskau erreicht. Die Derulust stellt ihm von Moskau aus ein Sonderflugzeug, mit dem er den bereits von Moskau abgegangene., iranssibirischen Expreßzug nach 2500 Km,, also etwa bei Swerid- lrwsk, einzuholen gedenkt._ Pauschalkuren in deutschen Badern. In den Kreisen de« reisenden Publikums ist wiederholt der Wunsch geäußert worden, einen K u r a u s e n t h a l t in deutschen Bädern zu einem vorher festgelegten festen Preise zu ermöglichen und in diesen Preis die volle Pension und sämtliche Kurmittel einzubeziehen. Nunmehr ist es dem Mitteleuropäisr�n Reisebureau(MER) gelungen, zunächst mit einer Reihe jührenoer großer deutscher Bäder dahingehende Abmachungen zu treffen. In den deutschen Heilbädern Altheide, Elster, Fitnsberg, Lippspringe, Mergentheim, Neuenahr, Oeynhausen,«alzschlirs und Wildungen können schon in der jetzigen Reisezeit solche so- genannten Pauschalkuren gebraucht werden. Diese Bäder haben sich bereit erklärt, Heilungsuchende in ausgesuchten Häusern zu festen Preisen einschließlich sämtlicher Nebenousgaben unterzu- bringen und zu verpsiegen. Für sämtliche Kurmittel und Kur. Veranstaltungen einschließlich der Kurtaxe ist von der Badeoerwaltung ein fester Preis bewilligt, so daß di« Kurkosten in ihrer Gesamtheit im voraus berechnet werden können. Die in allen größeren Städten bestehenden Vertretungen de. Mitteleuropäischen Reisebureaus nehmen Anmeldungen o»f diese neu eingerichteten Pauschalkuren entgegen._ Das erste deutsche Flugzeug»ach PariS gestartet. Heut« morgen 8.45 Uhr startete auf dem Berliner Flughafen Tempelhof dos erste im regelmäßigen Luftverkehr nach Poris flie- gend« Flugzeug. Die Maschine, ein Iunters-Großflugzeug der Deut- fchen Lufthansa, di« als erste dieses Typs die deutsch« Zulassungs- bezeichnung„O 870' trägt, landet in Effen und Köln und soll unter Führung des Piloten Rodzinka flugplanmößig im Pariser Flughafen Lebourget um 5 Uhr nachmittags eintreffen. vi« Arbeitsgemelvlckaft für Jorstschuh und Aawrkvvd« C. 0, Lerlin- Jriedrichshuqen, veranstaltet am Eonnlag. den 30. Mai, eine Aiihnma durch den Botanilchen Garten in Dahlem, Trefsirnnlt Eingang Königin-Luilc-Stra««. 10 Ubr vorm. lstahrl mit der Untergrundbahn bis PodbielSki-Allee. Leg zum Eingang Köntgin-Luise'Ztrahe etwa» Minuten). Der Vulkanausbruch in Fapan. Bis jetzt 100 Tote festgestellt. Tokio, 20. Mai. Bon den Opfern des Bulkanausbruches auf der Insel H o k k a i d o sind bis jetzt 100 Tote aus den Lava- und Schult. mossen geborgen worden. Wie viele von den tausend Bauern, die vermißt werden, infolge des Zlusbruches lebendig begraben worden sind, konnte noch nicht sestgestellt werden. 200 Acrzte und Kranken- Pflegerinnen sind zur Hilfeleistung für die Verlegten herbeigeeilt. — Es erfolgten drei heftige Ausbrüche. Die beim ersten Ausbruch vom Berge herabströmende Lava sperrte einen Flußlaui vollkommen ab, so daß das Wasser dos umliegende Gelände über- schwemmte. Der dritte Erdstoß sprengte einen Abhang de» Berges. dessen Trümmer das Bett eines anderen Flusses ausfüllten, wodurch die Ucberfchwemmungcn vergrößert und mehrere Dörfer unter Wasser gesetzt wurden. Drei Kilometer der Eisenbahnlinie sind zerstört._ Hochwasserkatastrophe im Gebiet der Wolga-Teutsche«. Das Hochwasser der Wolga hat einen äußerst bedrohlichen Ilm- fang angenommen. Der Wasserstand bei Baratow ist 14 Meter über dem normalen Stand. In Sysran sind 9000 Menschen und in P o- trowsk, der Hauptstadt der Republik der Wolga- deutschen, 12 000 Menschen obdachslos: sie werden in öffentlichen Räumen untergebracht. Der Schaden durch Zerstörung von Häusern und Brücken und infolge Stillegung mehrerer Fabriken ist sehr be- deutend. Berluste an Menschenleben sind nicht zu beklagen. Das Wasser steigt weiter._ Zwanzig gegen einen. Auf der Straße Michelbach— Bettingen bei Saarbrücken überfielen am P�ingftmontagabend ungefähr 20 Raufbolde einen deutschen Zollbeamten und versetzten ihm über'20 Messerstiche in'die�Herz- und Bauchgegend. an deren Folgen der lleberfallene, uf der Stelle verstarb. Äon den Unholden sind sieben Mann in Halt genommen. Außerdem wurden in der Mordnacht zwei Beteiligte von Landjägern festgenommen und ins Gefängnis eingeliefert. Hitzewelle über Dari». Die französische Hauptstadt ist seit gestern von einer heftigen Hitzewelle heimgesucht. Der Aufenthalt aus den Straßen ist unerträglich. Bisher' verzeichnet man s ü n s H i tz- schlage. 20 Personen mußten zur Behandlung in Hospitäler ge- bracht werden._ Groß- Berliner partetnachrichten. Achtnng! Di« für morgen, Donnerstag nach dem Berliner Rathause einberufene Konferenz der Bor stände der Stadt- und Lezirksverordnetenfraktionen mit den parteigenöffifchen Vorst ehern der Bezirtsoer- fammlungen fällt aus und findet des Volksentscheides wegen erst nach dem 20. Juni statt. Einladungen erfolgen rechtzeitig. Das kommunale Sekretariat. * 2. Streit Titretarten. Tenntrslati, 21. Mai.« Uhr, dei?rl>»p«r. STIen». (lurotr Str.!, wickilia» �unftlcnärinnenfonferens. 7.*r«i« e«a»I»tici\bnrfl. Sonntrsio«, 27. Mai. 8 Ufit. Vi Sttiflrt, Sptet- ftrüfir S Srtiafraucnabcnb. Wlmoorfütirunarn; t.„Hu irre ÄinVr. unfrre Rufurft". 2...Ein NunVona durch das deuitche ttnstitut titr grourn. funbe". Achtuna! Um 7 Übt edrnda wichtiae ftunltionärinnritütliinfl. ViinkNiches Erfchrinen nnbedinat erforderlich. 17. Jtrei»»ichtendera. Die Wadlvorschliiae silr die Slierndeirotswahlen müssen sofort beim Genossen Platiner. Berlin O UZ. Ärofsener Str. 8. Seiten- flilots 4 Trevven, durch die Abteilunasleiter einaereicht werden. Hamen und aenauc Adresse der ffialfeorflehft der einzelnen Schulen müssen dabei uudediiwi mit onaeaeben werden. fjeufc, Mittwoch, 26. Mai: 14. Abt. V,i Uhr in de» Schulaula Puibusser Str. 3 Miigliederverfammluna. Boriraa:..Di» volitliche Laar". Referent Adolf chirfch. Nilst» wisskommen. Z». Abt. Dir Miialirderveisammlunq fann umffäuftciwlVt erst am Mittwoch, 2. fluni, in der Schulau'o Stranmannstnaste staltfinden. n. Abt. Die tzunklioniirslbuna und die Abteilungaversammluna findet um- stündebalber erst am Mittwoch, i. Juni, statt. b!. Abt. abarlattenbue«.'.V* Ubr bei sstcimer, JBiImersborfet Str. 21, ssunk- tionärsibuna. Pünktlichem Erscheinen wird erwartet. tt. Abt. AeuSI». 7 Ubr Vi chUttler, Prinz-Sandierv-Str. 34. wichtiae Sifcuna sitmilicher izunktioniire und der SPD.-Eltern. Ziowawe» Mittwoch, den 28. Mau adend» 8 Ubr, beim Genossen Otto Gebauer, Wallitrabe«2, Mitgliederverlommlunq. Nortraq de» Genossen Auft Uder die Bedeutung de» Reichsbanner» Schwarz-Rot-Gold und sein Bethiilint» zur Partei. Erscheinen aller Mitglieder ist Pflicht Morgen. Donnerstag. 27, Mai: 31. Abt. Aeaksün. Die Genossinnen, welede an der Beflditimm« de» O»k»r- Kelene-Aeiin- in Doblem teilneiimen wollen, treffen stch D«nner»ia« friib vünttlich Sl» Ubr vonnifraa» Unterarundbabnbof feermannplab. IM. Abt.«ävenief. Oeffentliebe ffUernoerfammlunfl: am DonnerMaa. ST. Mai, für die 4. und 3. Gemeindelchule in der Turnballe Vr 4. Gemeinbeschule. Glienicker Strafte: am Treitaa. 28. Mai, kür die 1, und 2. Gemeindefchule in der Tuenballe Rieftet Ecke Antt»strafte: cm Sonnabend. 20. Mai. für die 6. und« Geweindeschule in der Turnbolle der 8. Gemeindeschule. Raiser.??rirdrich.Sirafte. Taaesordnuna in allen Berlammlunaen:„Der Rermpf um die Schule". Beginn 8 Ubr. Bei der Wichtiakeit dte beror- liebenden Eliernbeieatswablen wird Vr Besuch der Versammlungen oo» allen Genossinnen und Genossen Vfitormt erwartet. Eltern»rn Rindern. die vorarnanni« Schule» besuchen, lind eimulode». vortrage, vereine und Versammlungen. «elchabanne».»auoorstand. Achtun, Spielleuiel Donnerstag, den TT. Mai, abend» 7", Ubr. Generalprobe sümtlicher Spielleute, PlerVmarft, PlSftensee, Ziii.g. dahnhok Plöfteufee. Bereinigung fllr Schul'«ad«rziebungssragen, BerUn-Irepto». Reichensaal bei 6 Treptower Gemeindeschule. Mildendnichltr. Sllstll. Freitag, den 28. Mai 1038: De:»egensa, der Generationen"(grau Ztevy Dolfiheim). Eintritt frei! Munition zu kommenden Kämpfen. Schaffe ftch jeder einen Notfonds! Es soll hier keineswegs der alte Plan wieder aufgegrissen wer- den, für sämtliche organisierte Arbeitnehmer einen einheitlichen ge< werkschaitlichen Streikfonds zu schaffen, noch sonst irgendwie die ge- werkschastlichen Einrichtungen erörtert werden. Klar ist aber auch in Umernehmerkreisen, daß es bei dem Abbau auf dem Lohngebiet auf die Dauer nicht bleiben kann, selbst dann nicht, wenn die Abbau- Projekte auch nur dazu führten, die gegenwärtigen Lohn- und Ar- beitsbedingungen beizubehalten, jedwede Verbesserung derselben zu verhindern. Der mit so großem Pomp angekündigte Preis- o b b a u ist sang- und klanglos preisgegeben worden, ohne daß die Vorschüsse, die das Unternehmertum in Verbindung mit der Schlichtung?- und Schiedsspruchpraxis daraus oorweggenom- men hat durch Verhinderung von Lohnerhöhungen, der Arbeit- nehmerschflft zurückgegeben worden wären. Selbst der„B ü r g e r r a t von Kroß-Berlin" weist darauf hin, daß mit einer Besserung unseres Wirtschaftslebens, mit der es leider noch gut« Weile hat,„sich zwecks Erringung höherer Löhne automatisch eine Streikwelle über das Land ergießen wird", obwohl er diese Voraussicht lediglich als Mittel zu seinen erzreaktionären Zwecken benutzt. Es hätte auch nicht erst des Großstreiks in England bedurft, um uns zur Vorsorge zu mahnen für die unausbleiblichen künftigen Lohnkämpfe. Zumal, nachdem Dr. T ä n z l e r der Der- einigung deutscher Arbeitgeberoerbände in seiner Abgangsrede u. a. auch die Versicherung gegen Streiks und die B i l- d u n g eines Streikabwehrfonds neben anderen alten Rezepten zur vekämpfung des Aufstiegs der Arbcllnehmerschaft empfohlen hat, dürfte es nicht ganz unzeitgemäß erscheinen, unsere Aufmerksamkeit der Frage der Streikgelder ebenfalls wieder einmal zuzuwenden. Die Wirtschaftskrise hat zwar die Gewerkschaften in die Der- teidigungslinie gedrängt, allein gerade die Abwehr gegen die Anschläge des Unternehmertums auf die in langen opferreichen Kämpfen der Gewerkschaften erreichten Verbesserungen der Arbeits- bedingungen macht die Sorge um die notwendige Unterstützung der Mitglieder nicht überflüssig. Selbstverständlich bieten die Gewerk- schaften alles auf, um trotz der starken Belastung durch die Arbeits- losigkeit eines mehr oder minder großen Teiles ihrer Mitglieder, ihre finanzielle Kraft zu erhalten und zu verstärke». Ob das aber allen Verbänden in ausreichendem Maße gelingt, auch denen, die den schwersten Belastungen ausgesetzt sind, ist eine andere Frage. Schließlich kommt aber auch für die eine oder andere Gewerkschaft die Zeit, in der sie wohl oder übel aus der Abwehr st ellung heraustreten und zum Angriff übergehen muh, gezwungen durch die Berhällnisfe, selbst dann, wenn die Umstände ihr weniger günstig sind. Da wir es auf Verzweiilungskämpse nicht ankommen lassen können, wird stets die chöhe des verfügbaren Kampsfonds eine große Rolle spielen. Soweit darf es aber nicht kommen, daß die Stellungnahme einer Arbeitnehmergruppe gänzlich davon abhängig ist, ob sie finanziell kräftig genug ist. Verschlechterungen abzuwehren oder die Möglichkeit einer für sie günstigen Situation zu einem Erfolg ungenützt zu lassen. Eben deshalb, und weil es immer daraus ankommen wird, wie lange die im Abwehr- oder Angriffs- streik stehenden Gewerkschaftsmitglieder ausharren können, ist die Munitionsbeschafsung ungemein wichtig. Die Gewerkschastsgenossen, die von Beitragserhöhungen stets wenig erbaut sind und sich zu einem großen Teil dagegen wendeten, wenn die Wochenbeiträge in solcher Höhe bemessen würden, wie sie zur Sicherung aus alle Fälle notwendig sein würden, sollten sich nach allem nicht ausschließlich auf die Streik- Unterstützung ihrer Verbände verlassen. Am wenigsten die verhei rateten Mitglieder, die eine Familie zu ernähren haben. Was sollen diese Genossen aber tun? Sollen sie spare n, wo dos Einkommen meist nicht mehr zur Bestreitung der allernotwen- digsten Auswendungen ausreicht? Mit diesem Rat wäre gegen- wärtig wirklich nicht viel anzufangen. Denn wo noch geringe Rück- lagen gemacht werden können, sind sie von vornherein zu bestimm- ten Zwecken vorgesehen. Trotzdem empfehlen wir— zu sparen und behaupten, daß die Möglichkeit hierzu ohne weiteres gegeben ist. Es ist nur notwendig, daß alle Gewerkschaftsmitglieder, min- bestens aber alle Verheirateten sich darauf besinnen, daß sie nicht nur Vroduzenlen, sondern auch Konsumenten sind und sie nicht nur gewerkschaftlich, sondern auch genossen- schastlich organisiert sein müssen. Dazu gehört, von der Anmeldung und der Zahlung des Eintrittsgeldes zur Konsum- genossenschaft, weiter nichts, als der Einkauf der Lebensmittel in einer der Verkaufsstellen der Konsumgenossen- s ch o f t. Das aber ist notwendig, da sonst die Mitgliedschaft zwecklos ist, zumal im Einblick auf den besonderen gewerkschaftlichen Zweck, den wir hier im Auge haben. Denn die Konsumvereins- Mitglieder erhalten alljährlich eine Dividende, deren Betrag sich nach der Gesamtsumm« ihres Umsatzes im letzten Geschäftsjahr richtet. In Berlin besteht heute allerdings die Gepflogenheit, die Dividende— soweit sie nicht auf den Geschäftsanteil gutgeschrieben worden muß— zum Jahresschluß bzw. zu Weihnachten auszuzahlen. Damit müßte gebrochen werden. Statt dessen müßte jedem Mitglied, nachdem es seinen Geschäftsanteil voll eingezahlt hat, ein Konto für Rotfälle eingerichtet und die Dividende diesem Konto überwiesen werden. Von außergewöhnlichen Notfällen abgesehen, käme als Notfall in der Regel nur eine Aussperrung oder ein Streik in Frage. In solchen Fällen könnten dann die beteiligten Konsumvereinsmit- gliedcr Lebensmittel ohne Bezahlung beziehen, soweit ihr Guthaben auf Notfallkonto dazu ausreicht. Der näheren Regelung wäre zu überlassen, das Notkonto nicht nur aus Dividenden, sondern auch durch klein« Einzahlungen aufzu- füllen, seine Inanspruchnahme erst von der zweiten oder drillen Woche ab zu ermöglichen, und ähnlich« Zweckmäßigkeiten mehr. Worauf es ankommt, ist gesagt. Es handelt sich nicht etwa um ein Experiment, sondern um ein bereits in der Vorkriegszeit erprob- tes Verfahren, das sich auch in Berlin durchführen läßt. Eine solche Einrichtung schadet auf keinen Fall, wiegt für die Konsumgenossenschaft die vermehrte Arbestslast durch Dorteil« auf und bietet im gegebenen Fall d e n F a m i l i e n der im Arbeits- kämpf stehenden Genossen einen guten Rückhalt. Es ist nicht zu spät dazu, mit der Ansammlung eines solchen Kamvffonds zu be- ginnen; es ist jedoch an der Zeit, den Ansang nicht länger mehr hinauszuschieben. künSlgung öer Manteltarife im SroKhanüel. Der Arbeitgeberverband für den Großhandel hat zum l. Juli sämtliche Manteltarife für die Handelshilfsarbeiter der Berliner Engrosgeschöfte gekündigt. Von der Kündigung werden folgende Branchen betroffen: Textilwaren, Oele und Fett«, Leder und Schuhe, Eisenwaren, Fourage, Glas und Chemikalien, Kurz- und Spielwaren, Diizigemittel, Samen, Lebensmittel und Kaffee-Engroshandel._ Oie Stillegung ües Ruhrgebiets. Hagen i. w., 26. Mai.(WTB.) Auf der Delegiertentagung des Gewerkvereins deutscher Metallarbeiter machte Regie- rungspräsident König- Arnsberg wichtige Mitteilungen über Stillegungen im Industriegebiei. Der Höhepunkt der Stillegungen sei noch nicht erreicht. Es lägen ihm eine große Zahl von Stillegungsanträgen vor. In den nächsten Tagen würden die Verhandlungen mit dem Phönix in Hörde geführt. Man werde wahrscheinlich mit der Stillegung dieses großen Werkes zu rechnen haben. Auch andere große Werke beabsichtigen Stillegung oder starke Abbaumaßnahmen, und zwar werde erklärt, die Produktion im westfälischen Industriegebiet sei wegen der höhe der Transportkosten zu teuer geworden. Sie«nützte an den Rhein herap, um billiger ver- flachten zu können. Werde keine Möglichkeit geschassen, die Industrie zu unterstützen, dann müsse man mit der Abwanderung der Großindustrie rechnen. Der Bergbau habe bereits den Anfang gemocht: die großen Eisen- und Stahlwerke würden folgen. Zum Schluß forderte der Redner gesetzliche Maßnahmen gegen unberechtigte Wertsstillegungen. Bochum, 2Z. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Die Verwaltung der Deutsch-Lux. Bergwerks-A.-G. hat beim Demobilmachunas- kommissar die Entlassung von 500 Arbeitern auf ihren Schacht- anlagen Prinzregent, einschließlich der Nebenanlagen Fridericia, Julius Philipp und Karl Friedrich zum 15. Juni beantragt. Be- gründet wird der Antrag mit anhaltendem Kohlenabsatzmangel. Kongrest der Hirsch-Tunckerschen Metallarbeiter. Hägen, 25. Mai.(Eigener Drohtbericht.) Im Zeichen der Farben schwarzrotgold findet gegenwärtig in Hagen die Sil. Dele- iertentagung des Gewerkvereins der Metallarbeiter Deutschlands D.) statt. In der ersten Sitzung sprach der demokratische Reichs- K tagsabgeordnete Erkelenz über das Thema„Rationalisiert« Wirtschaft", wobei er als die wichtigste sozialpolitische Aufgabe der Gegenwart und Zukunft die wesentliche Steigerung der Kaufkraft des deutschen Volkes bezeichnete, die aber nach seiner Meinung nur durch höhere Produktivität erreicht werden könne. Diplomingenieur M ä ck b a ch hielt ein Referat über„Die Praxis der Produktions- beschleunigung und ihre volkswirtschaftliche Bedeutung". Nach- inittags sprach Dr. Raueck über„Deutschlands Stellung zur Welt- Wirtschaft". Das Ergebnis der Diskussion über die drei Dorträae send seinen Niederschlag in einer Reihe von Entschließungen, in denen u. a. gefordert wurden: Ratifizierung des Washingtoner Ab- kommen», Kampf den gelben Gewerkschaften, Teilnahme der Arbeit- nehmer bei Verhandlungen über internationale Kartelle, Trusts usw., Durchführung einer Arbeitslosenversicherung und einer großzügigen Siedlungspolitik._ Tie Internationale Arbeitskonferenz. Genf, 26. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Der Dermo ltungsrat des Jnternationalen Arbeitsamts hielt am Dienstag ein« kurze Sitzung zur Vorbereitung der am Mittwoch beginnenden Arbeits- konferenz ab. Ein Antrag des Genossen Oudegeest, die in Gang befindliche Untersuchung über die Kohlenindustrie möge sich nicht nur auf die Lohn- und Arbsitszeitoerhältnisse beschränken, sondern die Gesamtproduktion umfassen, stieß auf entschiedenen Widerstand namentlich des englischen Regierungsvertreters. Am Mittwoch beginnt eine Tagung der Opiumkommission des Völkerbundes, in der 13 Länder oertreten sind, darunter auch Deutschland._ Tie englische Kohlenkrise. London. 26. Mai.(TU.) Premierminister Baldwin hat bisher auf sein« ultimativen Briefe, die er an Tergwerksbesitzer und Berg. orbeiter richtete, noch keine Antwort erhalten. Ein« Kabinettssitzung, die erneut über die Kohlenkrise beraten wird, dürfte erst am Donners- tag oder Freitag stattfinden. London. 26. Mai.(MTB.) Der parlamentarische Bericht- erstatter des„Daily Telegraph" schreibt, in gut unterrichteten Kreisen werde angenommen, daß in dem KoMenstreit in nicht langer Zeit eine neue Lage zu erwarten sei. Die Regierung werde jede in ihrer Macht liegende Unterstützung gewähren, wenn an sie von neuem in einer Weise herangetreten werde, die die Wiedereröffnung der Der- Handlungen rechtfertige. Auch„Daily herald" befaßt sich mit der Frage, wie der tote Punkt in der Kohlenkrise überwunden werden könne. Das Blatt führt die gestrige Rede Cooks an, der den Premierminsster aufforderte, die Wiederaufnahme der Arbeit unter den bisherigen Bedingungen zu veranlassen, und fügt hinzu, Cook werde nötigenfalls bereit sein, über Lohnminderungen nach der Durchführung der Neuorganisation der Kohlenindustrie zu verhandeln._ Der Konflikt in der französischen Automobilindustrie. Paris, 25. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Der Streik und die Aussperrung in den Werken der französischen Automobilfabriken Renault und Forma n dauert an, und es ist noch nicht abzu- sehen, wann die Arbeit wieder aufgenommen werden wird. Mehrere tausend Arbeiter der Renaukt-Werke haben am Dienstag vormittag in einer Streikoersammlung in St. Cloud das Angebot der Direktion abgelehnt und die Fortführung des Streits beschlossen. Musiolini sucht Verbündete. Rom. 26. Mai.(Eigener Drahtbericht.) Mussolini gibt sich die größl« Müh«, um sich nach außen sür fein Gewertfchaftsgesctz gegen die Gewerkschaftsbewegung ein Alibi zu verschaffen. Da er auf die Zustimmung der freien Gewerkschaften nicht hoffen kann, oersucht er, wenigstens die katholischen Gewerkschaften zu gewinnen. Nach Aeußerungen des„Osservatore Romano" zu schließen, scheint man im Vatikan nicht abgeneigt, ein Kompromiß einzugehen. Die Führer der katholischen Gewerkschaften, die in Rom versammelt waren, um zu dem Gewerkschaftsgesetz Stellung zu nehmen, haben je» doch dreiVorbedingungen gestellt: 1. Ausschluß jeder Monopol- stellung einer Partei; 2. Respekt vor dem religiösen und sittlichen Gewissen der Mitglieder; 3. Aufrechterhaltung der bestehenden(freien) Vereinigungen, die die Aufklärung, Bildung und Unterstützung ihrer Mitglieder zum Ziel haben. Ob Mussolini diese Lorbedingungen der„Weißen" annehmen wird, erscheint zum mindesten zweifelhaft. Mit den Eroberungen unter den Arbeitern wird sich der Faschismus nicht brüsten können. Wirtschaft Dänische �rbeitergenossenschastsbewegung. Inser Kopenhaaener Mitarbeiter schreibt uns: Die kooperativen Arbeitergesellschaften in Kopenhagen veron- stalten gegenwärtig eine A u s st e l l u n g, die einen guten Ueber- blick über die Entwicklung der Arbeitergenossenschaftsbewegung in Dänemark gibt. Die Produktivgenossenschaften der Erd- und B e t o n a r b e i t e r und der Zimmerer, die Maschinenfabrik der Metallarbeiter und die Instollationsgenossenschast der Elektrotechniker zeigen an verhältnismäßig kleinen Ständen und mit Hilfe kurzer Notizen über die Entwicklung, daß die Arbeiter- produktivgenossenschast als solche nicht berufen ist, eine große revolutionäre Rolle in der Wirtschast zu spielen. Alle in der Kopenhagener Ausstellung vertretenen Betriebe haben unendlich viele krisenhafte Zeiten erlebt und konnten sich infolge besonders günstiger Umstände und durch geschäftstüchtige Leiter behaupten und Hocharbesten. Im Grund« genommen haben sie auch erst in den letzten Iahren, seitdem die Arbeiter b a u g e n o s s e n s ch a s t ge- wissermaßen als Derbraucherorganisation diese Betriebe in ihren Bauten beschästigen, günstige Abschlüsse zu verzeichnen. Innerhalb der Ausstellung nimmt der Konsumverein „Hauptstadt" mst Recht einen lehr breiten Raum ein. Der Verein begann sein« Tätigtest im Jahre 1916 mit 43 Verkaufs- lüden, 7684 Mitgliedern und einem Jahresumsatz in hohe von vier Millionen Kronen. Ende 1925 besaß er 105 Läden, 28 700 Mit- alieder und hatte einen Gesamtumsatz von 11 Millionen Kronen. Neben ihm zeigen«ine gut gehende Arbeiter b r a u e r e i und«me prosperierend« Arbeiter m e i« r« i. daß Arbeiterproduktlvunterneh- mungen sich, wenn sie unter tüchtiger Leitung gute Waren herstellen, nach'denen Nachfrage ist. wohl halten können. Jedoch ist nicht zu übersehen, daß sie sich, ganz zwangsläufig, von der privatkapitalrfti- schen Linie kaum entfernen können......... Auch die sozialdemokratische Presse Dänemarks ist auf der Ausstellung vertreten. Die Ausstellung beweist, daß der Kopenhagener„S ocialdemokraten" Haupt- und Mutterblatt für die gesamte sozialistische Presse des Landes ist. G-tzenüber„So- cialdemokraten" spielen die 63 Provinzblätter nur die Rolle von Filialen des Zentralorgans. Ohne Zweifel ist diese Zentralisation nicht zuletzt der Grund sür die außerordentliche Geschlossen- heit und einheitliche Stellung der dänischen sozialdemotratischen Presse gegenüber fast allen Fragen des politischen und wirtschastliche» Lebens in Dänemark. Großes Interesse finden auch die auf der Ausstellung vorgeführten Filme; u. a. Hot„Socialdemokraten einen Film über seinen Betrieb und seine Redaktion herstellen lassen,>n dem die bekannten dänischen Arbeiterführer, u. a. Stauning und Borgbjerg gezeigt werden. Der Film erweist sich als äußerst wich- tige» Propagandamittel. Filme von dänischen und schwedischen Ge- nossenschastsbetrieben oervollständigen das Programm. winkershall-konzern 1? Proz. Dividende— Adler-Kalikonzern Verluflobschlüsse. Herr Rostera. der Herrscher von Wintershall. schüttet seinen Aktionären und Gewerten viel Wasser in den Wein. den er ihnen im vorigen Jahr versprochen hat. Als er im Vorjahr durch den Abschluß von Dutzenden von Interessengemeinschasts- vertrügen seine große Konzentrations- und Stillegungsaktion be- gann, versprach er 20 Proz. Dividende. Die Oeffentlichkeit erwartete in den letzten Monaten eine Dividende von 15 Proz. Jetzt wird gemeldet, daß die Verwaltung der K a l i i n d u st r i e A.- G. eine Dividende von 12 Proz. in Vorschlag bringen wird. Die Ver- Wässerung der Rosterg-Dividende dürfte die Folge der großen Ein- schränkungen des Absatzes sein, die die letzten Monate gebracht haben. Ueber diesen Minderabsatz wurde in den Generalversamm- lungen des Adler-Kalitonzerns berichtet. Danach betrug der Minderabsatz des Kalisyndikats in den ersten 4 Monaten 1926 gegen die entsprechenden Monate des Vorjahres 1,02 Millionen Doppelzentner Reinkali. Für den Mai erwartet das Kalisyndikat einen Absatz von nur 400 000 gegen 732000 DoppelzeMner im Vorjahr. Sämtliche vier Werke des Adlerkonzerns schließen mit Verlust, und zwar insgesamt einschließlich des Dorjahrsverlustes bei der Gewerkschaft Oberröblingen(jetzt stillgelegt!) 655 000 M. »«rantwortli» tilr Polillk:«t«B Htnitt; Birischaft:«'t»r Sat»n»,: S«w«ris»<>ft,d«weaumi: griede. 9Uatn; geuwet-n:*. S.»»icher: L-lale, und SonftiiK*: fftift Karstadt: Aneriaen: Td. Olodt; sämtlich in Berlin. Betlan; Borwärts-Perlaa<5. m. 6. 6., Berlin. Druck: Bormärt».Buchdruckerei und verlaasanilalt Beul Einaer u. Co.. Berlin TW<8. Lindenstrake 3. DeotsAeilMaltMM Oonnetalag, den 27. Slal. nachm. dllhr, inpacfcrrcsaal des verband» Hanse», Cinienitc. 83 45: Branchenversammlung der Zigaretten-INaschinensührer und vekriebshandwerker. Tageoordnung: l. Bericht. Z. Bran» chenangelezcnheiten. 3. Bertchiedene». Rngliedsbuch legitimiert l Die 0et»»enoaItnna. Auf Teilzahlung! Herren-Garderobe Kleine Anxahlanic Bequeme Abznklant CAMNITZER Schttnhausar AII*«S2 1 am Hochbahnhof Nordring Marken-Zigaretten GroBe Posten 7-Pf.- Sorten billig. Fabelheft, Bliukopf. Frltil.... 23.70 Moslem 3 PI. am Lager. Dicke Tfirken, Kl- bari....22 90 Juno.... 28.20 Sterr.Staatsrat 34.00 OldPort.Obersl 35.00 Walasko. Avide 42.50 Dieses einige Beispiele unserer Billigkeit. Heiisnerbiiiie ao Lager. Zigarren weil unter Fabrikpreis. Sommer Neue Schönhauser Str. 4-8, Im Laden. Genau auf Hausnummer achten. Versand nur gegen Nachnahme. Mieten Sie vonuns