Menöausgabe Nr. 249 � 45. Jahrgang Ausgabe B Nr. 122 eeftuasbeMnaungen und anjelaenjtelf« find in d«r SRotaenaiuanbe onaeatben Rebaftioa: StD. 68, Cinbcnfltab* 3 Zernsprecher: VSnhoff ZgZ— Zg? leU-Adresse-Zozialdemorrat Lerlln Devlinev Volksblakt (�10 pksnnig) Sonnabend 29. Mai 192b Verla» und»n,«ta-nadteilun«! Eeschästezeit 9-8 Udr Verleger: vorw«r»»-verlag GmbH. Verlln VW. 68, cindenslrahe 3 Zeensprecher:»»nhoss 202�297 Zentralorgan der Sozialdcmokratifd�cn partei Dcutfcblands Großer Wahlsieg öer Labour Party. Das erste Volksurteil über den Streik. London, 29. Mai. MTV.) Sei der Sachwahl zum Paria. meni in Hammersmith, einem südwestlichen Sorort von London, erhielt Gardner(Arbeiterpartei) 13 095, Glucksteia (Konservativ) 9484 und Mubsitt(Liberal) 1974 Stimmen. Die Arbeiterpartei hat damit einen neuen Sitz gewonnen. Bei den allgemeinen Wahlen im Herbst 1924 hatte der Konservative mit 12 925 Stimmen über den Arbeiter- parteiler gesiegt, der nur 19 979 Stimmen erhielt. Ganz England sah mit h ö ch st e r Spannung dieser Nachwahl entgegen, die dem Volke die erste Gelegenheit bot, seine Ansichten über die Haltung der Regierung und der Arbeiterpartei während des jüngsten Streiks zum Ausdruck zu bringen. Die Arbeiterpartei hatte ihre besten Kräfte für die Wahlagitation mobilisiert, aber auch die beiden anderen Parteien, vor allem die Regierungspartei, hatten alles daran gesetzt, gerade in dieser Wahl zu siegen. Das Ergebnis ist für Labour ein Triumph, für die Regierung eine moralische Katastrophe. O Londou. 29. Mai.(Eigener Drohtbericht.) Die Arbeiterpartei hat bei der am Freitag stattgefundenen Neuwahl in der Londoner Vorstadt Hammersmith einen glänzenden Sieg er- rungen. Der sozialistische Kandidat erhielt über 2000 Stimmen mehr, der konservative beinahe 3509 Stimmen weniger, als bei den letzten Wahlen, während der liberale Kandidat nicht einmal ein Achtel der abgegebenen Stimmen erhallen konnte. Dieser Neu- wähl kommt als St i m m u ng s m e s s e r große politische Be- deutung zu, weil sie die Rückwirkungen des Generalstreiks und der Kohlenkrise auf die Wählerschaft erkennen läßt. Es zeigt sich, daß die Wählerschaft die Haltung der Regierung, insbesondere in der Kohlenkrise, aufs schärfste verurteilt. Der Ausgong der Wahl be- weist, daß der General st reik nicht, wie von konservativer und liberaler Sette prophezeit würde, die Stellung der Arbeiter- partei geschwächt, sondern gestärkt hat. Das geht nicht nur aus der höheren prozentualen Beteiligung der Arbeiterschaft hervor, sondern insbesondere aus der Ta'sache, daß entgegen allen Er- Wartungen die Arbeiterpartei bei der Wahl starke Unterstützung von Seiten der aus dem Mittelstand stammenden Wähler gefunden Hot. Die Liberalen haben nicht einmal die Hälfte der im Jahre 192? abgegebenen Stimmen erhalten. Brasilien gibt fein Veto auf. Auch Tpanien mit dem ständigen Sitz für Teutschland einverstanden. Pari». 29. Mai.(WIS.)„Oeuvre' beschäftigt sich mit der Frage der zukünftigen Zusammensetzung de» Völkerbundsrat» und erklärt, S r a s i l l e n habe auf freundschaftliche und einmütige Sitten hin erklärt, es werde nicht ein Veto gegen den Eintritt Deutschland» in den Sund einlege«. Es sei ein Abkommen getroffen worden, dem Srasilien zugestimmt habe. Einzelheiten über diese, Abkommen teilt das Stall jedoch nicht mit. Die Nachricht, daß Srasilien im September d. Z. aus seinem im März angekündigten Veto hinsichtlich der Zuteilung eine» stän- digea Sitzes im Völkerbundsral an Deutschland nicht bestehen werde, wird auch von„Quotidien' bestätigt, der«klärt, Srasilien und Spanien dürsten, selbst wenn sie während der Völkerbunds- »ngung nicht zugleich mit Deutschland ständige Sitze im Völker- bundsrat erlangten, sich zugubsten der Zuteilung eines ständigen Sitzes an Deutschland aussprechen. Nlusiolini uns öer Irieüe. Sr entschuldigt den italienischen Imperialismus. Rom. 29. Mai.(Stefan!.) Am Schluß der Debatte über den Etat des Ministeriums des Aeußern hielt Mussolini eine Rede. Italien habe sich dem Locarnopakt angeschlossen, um sich nicht zu isolieren, und nicht außerhalb eines grundlegenden Paktes der größten europäischen Mächte zu bleiben und schließlich, um nicht die Gelegenheit zu verlieren, Italien auf die gleiche Stufe mit England zu stellen.(Also aus bloßer Prestigepolitikl Die Redaktion.) Italien bestand nicht auf einer Garantie für den Brenner, um nicht den Pakt selbst noch verwickelter zu gestalten, und schließlich auch deshalb, weil es von Deutschland nicht eine Garantie für die Brennergrenze fordern konnte, die keine llalienisch-deutsche Grenze ist. Deutschland werde natürlich im nächsten September als ständiges Ratsmitglied in den Völkerbund eintreten, eAe These, die er, Mussolini, stets verfochten habe. �. In einer grundsätzlichen Erklärung führte Mussolini aus:„Wie man stets für irgendeinen ein Jakobiner ist, so ist man auch stets für irgendeinen Imperialist. Die italienische Politik wurde stets imperialistischer Bestrebungen verdächtigt. Ich Hobe bereits in einem von tausend amerikanischen Blättern verösfent- lichten Interview dargelegt, was ich vom Imperialismus denke. Ich glaube, und hierin werde ich unterstützt durch Studien und Bücher, die ein allgemeines Kulturgut sind, daß sedes lebende Wesen, welches leben will, imperialistische Tendenzen besitzt, und daß daher die Völker die die gleichgeordnete Gesamtheit der leben- den Wesen darstellen wenn sie leben wellen, einen gewissen Willen zur Macht entwickeln müssen Sonst können sie nur vegetieren pnd einem stärkeren Volk zur Beute fallen, welches diesen Macht- willen noch mehr entwickell hat. Ich jagte also, daß der italienische Imperialismus ein Zeichen der Würde des italienischen Volkes und vor allem seiner moralischen Würde ist. Es besteht das Bedürfnis nach wirlschasllicher und intellektueller Ausdehnung bei einer Nation, die ein wenig spät aus dem Platze erschienen ist. Wenn ein Volk eintritt, wo jedermann bereits seinen Platz hat, ruft es ein wenig Unbehagen hervor. Ein unerwarteter Gast ist bisweilen nicht willkommen. Man hört schöne Phrasen von internationaler Solidarität', Verbrüderung der Völker und Herzlichkeit in den Beziehungen zwischen den Nationen. All das ist schöne Literatur, aber die Wirklichkeit ist grundverschieden. Unser Imperialismus besteht nicht in dem Sinne eines aggressiven Imperialismus, der sich zum Kriege rüstet. Die faschistische Regierung kann nur eine Friedenspolitik verfolgen. Sie will den Frieden nicht stören. Aber den Frieden wollen, bedeutet indessen nicht, entwaffnet zu sein. Man muß sich auch über die Entwaffnungsfrage verständigen. A b- rüstung muß vollkommen sein, sonst ist sie nur eine schlechte Komödie. Sie muß vollkommen sein, d. h. di« Rüstungen zur Se«, zu Lande und in der Luft umfassen. Bis zu dem Tage, an dem alle Staaten schnell und tatsächlich abrüsten, kann Italien nicht abrüsten, ohne Selbstmord zu verüben und ohne seine Unabhängigkeit und seine Freiheit zu verlieren.(!) Dies muß als Erklärung dafür dienen, weshalb General Demarinis in Gens eine s e st e und sehr kluge Haltung hinsichtlich der Wahrung der italienischen Interessen einnimmt. Man darf nicht nur darauf sehen, wieviel Kanonen eine Nation besitzt, wieviel Flugzeuge und Schiffe, sondern man muh ins Auge fassen, was diese Nation tatsächlich besitzt, an Rohstoffen, Fabriken und Werkstätten, Me morgen im gegebenen Augenblick eine große Anzahl von Schiffen, Kanonen und Flug- zeugen herstellen können.(!) Ich sprach zu Ihnen von einer Frie- denspolitik, aber ich meinte einen Frieden mit Würde, mit Festigkeit und mit Wahrnehmung unserer Interessen gegen jedermann und überall. Auch dieses junge Italien muß sich ein wenig Platz in der Welt machen. Ein gerechter dauerhafter Frieden muß begleitet sein von der Scsriediguag unserer legitimsten und heiligste« Interessen. Ich glaube, daß die Nationen, die in dem großen Kriege mit uns verbündet waren, sich davon überzeugen werden, daß sie unserer rechtmäßigen Forderung entgegenkommen müssen. Jeden- falls sei festgestellt, daß man niemanden, wer es auch sei, etwas geben wird, wenn nicht zuvor der italienische Anteil befriedigt ist.(Bei- fall.) Dies wird auch möglich sein. Denn es gibt einen Punkt, in welchem die faschistische Regierung hinsichtlich des Bölkerbunds- r a t e s vollkommen unnachgiebig ist, nämlich der Punkt betr. die Einstimmigkeit seiner Entscheidung. Wir stehen noch nicht an der Spitze einer Konstellation von Völkern, wir aben nicht ein mehr oder minder großes Gefolge Schutz- e f o h l e n e r(!) aber wir besitzen die furchtbare Waffe des Veto und auf dieses Veto sind wir in keiner Weise gesonnen zu verzichten.(I)_ Erkrankung ües Reichstagspräsiüenten. Der Reichslagspräsident Genosse L ö b e erkrankte gestern abend an einer akuten Entzündung der Gallenblase, litt große Schmerzen und Halle Fieber. Er ließ den Arz» und Reichstags- abgeordneten Dr. Moses rufen, der ihn in Sehandlung nahm. Mäh- rend der Arzl da» Krankheitsbild gestern abend als typisch schlecht bezeichnen mußte, konnte er e» heute vormittag als typisch gut an- sprecht,. Es ging heute den Genossen Löbe bedeutend besser, er wird aber noch die nächste Woche hindurch voraussichtlich liegen bleiben und unter ständiger ärztlicher Seobach- t u n g gehalten werden müssen. Nach Erkundigungen, die wir in der M i t t a g s st u n d e einziehen konnten, ist das Befinden des Reichstagspräsidenten wieder durchaus zufrieden st eilend. Es liegt kein Anlaß zu irgendwelchen Besorgnissen vor. Genosse Löbe wird allerdings noch in der nächsten Woche das Haus hüten müssen; er wird dann aber in alter Frische wieder sein Amt ausüben können._ Platz der Republik. Tie Genehmigung des TtaatsministeriumS. Der Polizeipräsident hat heute durch ein Schreiben den Serliner Magistrat verständigt, daß da» Staatsministerium den Magistratsbeschluh genehmigt hat. wonach der bisherige König»- platz fortan Platz der Republik heißt. Um den Volksentscheid. Zentrumswähler gehen zur Abstimmung. (srfc) Frankfurt a. M., 28. Mai. Das hiesige Zentrums- o r g a n, die„Rhein- Mainische Volkszeitung", wendet sich mit großer Leidenschaft gegen die Stellung des Parteioorstandes der Zentrumspartei in der Frage der Beteiligung am Volksentscheid. In einem ausgezeichneten Artikel heißt es:„Von den Aussichten des Kompromisses hängt also die Stellung zum Volksentscheid entscheidend ab. Es ist konsequent und daher auch verständlich, wenn der Parteioorstand, der diese Aussichten g ü n st i g be- urteilen zu können glaubt, Stimmenthaltung bzw. Ablehnung pro- klamiert. Wer an die Wahrscheinlichkeit des gerechten Kompro- milles nach sorgfältigster Prüfung und Abwägung der Aussichten nicht glauben kann, steht freilich weiterhin vor der großen Frage des kleineren Unrechtes. Die Partei darf ihn in diesem Fall die Freiheit der Gewissensentscheidung nicht beschneiden, fo gut es auch ihr Recht ist, ihre Autorität dabei in die Wagschale zu werfen. Gri'entalisthe Aussichten. Englands politische Arbeit.— Das Ayandatsgebiet. Von Dr. Moritz Bileski-Haifa. Man ist seit langem gewöhnt, die Länder des mittleren Ostens als ein Gebiet durcheinander wirbelnder Kämpfe zu be- trachten, in denen die dort interessierten europäischen Mächte sich einerseits mit unaufhörlichen, kleineren oder größeren Ausbrüchen arabischer Feindschaft, andererseits mit den un- liebsamen Folgen eigener Rivalitäten abzumühen haben. Die deutsche Oeffentlichkeit notiert, halb uninteressiert, halb schaden- froh, lediglich die am gröbsten ins Auge fallenden Erfchei- nungen, die diese Auffassung zu bestätigen scheinen. Es ist jedoch an der Zeit, davon Kenntnis zu nehmen, daß andere auf Beruhigung und Ausgleich gerichtete Tendenzen für die politische Entwicklung des Orients wachsende Bedeutung ge- Winnen. Die ägyptischen Wahlen haben soeben mit dem Siege der von Said Pascha Zaglul geführten Wasd-Partei ge- endet. Dieses Ergebnis stand seit Monaten mit vollkommener Sicherheit fest, und es ist natürlich auch von der englischen Okkupationsmacht erwartet worden. Es wäre ein schlechtes Zeugnis für die Voraussicht und Geschicklichkeit der englischen Politik, wenn es die Wahlen ruhig abgewartet hätte, um sich — wie ein großes Berliner Blatt in der Besprechung des Wahlausganges schrieb— von ihrem Ergebnis„unsympathisch berühren" zu lassen, und sich im übrigen damit abzufinden, daß nun die frühere Situation schärfsten Konfliktes zwischen ägyptischer Volksvertretung und englischer Regierung wieder gegeben sein würde. In Wirklichkeit ist die englische Politik seit Monaten unauffällig und, wie es scheint, nicht ganz ersolg- los bemüht, eine Verständigung mit der stärksten Gruppe des ägyptischen öffentlichen Lebens zu finden. Hier ein Beispiel von der Art, in der solche Gespräche geführt werden: Die englisch-offiziöse„Egyptian Gazette" hat nach einer Zeit des Zögerns die Vornahme der Neuwahlen zum ägyptischen Parlament offensichtlich begünstigt und wiederholt erklärt, daß das neue Parlament ein wirklicher Ausdruck des Volkswillens sein würde. Darauf schrieb Anfang Mai die arabische Zeitung„Misr"— ein parteimäßig nicht gebundenes, aber häufig mit dem Zaglul-Kreife übereinstimmendes Blatt: Britische Politiker denken anscheinend noch, daß das neue Par- lament ihnen ebenso feindlich sein wird, wie das frühere, und daß sie schlechte Beziehungen zu ihm haben werden. Wir können nicht verstehen, weshalb sie diese sonderbare Vorstellung aufrechterhalten. Gewiß gibt es noch schwebende Fragen zwischen England und Aegypten, deren Erörterung zu„schlechten Beziehungen" führen kann. Aber das bedeutet nicht, daß das neue Parlament den Eng- ländern feindlich sein wird. Die Aegypter haben keineswegs den Wunsch, Feinde der Briten zu sein. Sie wünschen aus der Tiefe ihres.Herzens, freundliche Beziehungen zu ihnen zu haben... Man sieht, daß hier von einer bitteren, unversöhnlichen Feindschaft gegen England keineswegs mehr die Rede ist. Ob die Pressegespräche und die Verhandlungen der politisch führen- den Persönlichkeiten wirklich zu einem Ergebnis führen werden, kann heute allerdings noch nicht gesagt werden. Aber immer- hin ist bisher erreicht, daß bestimmte Verhandlungsthemen— im wesentlichen die Stellung Aegyptens und Englands im Sudan und die Art der englischen Militärbesetzung in Aegypten— herausgearbeitet sind, und daß für die Behand- lvng dieser Themen eine erträgliche Atmosphäre hergestellt ist. Wenn es England wirklich gelingt, einen modus vivendi mit dem Parlament und dem künftigen Ministerium zu finden, so würde das bedeuten, daß eine der schärfsten Spannungen im Orient erheblich gelockert wird. Von der zähen Arbeit für die Befestigung seines Ein- flusses in der arabischen Welt gibt England in Trans- j o r d a n: e n eine Probe anderer Art. Hier ist nicht die Auseinandersetzung mit der Macht einer Volksstimmung die Aufgabe, hier gibt es als politischen Faktor nur einen Fürsten, noch dazu einen, der häufig genug seine Machtlosigkeit und seinen Mangel an Verwaltungstalent gezeigt hat. Da können weniger zarte Methoden angewendet werden. England hat soeben die transjordanische Truppenmacht aufgelöst, die dem Kommando Emirs Abdallah unterstand, hat Transjordanien in die Militärverwaltung Palästinas einbezogen(wo unmittel- bares englisches Kommando gilt) und ist offenbar entschlossen, auch sonst die Verwaltung Transjordaniens stärker an Pa- lältina anzuschließen. Mag sein, daß der Emir Abdallah mit einer Erhöhung seiner Zioilliste getröstet wird. Von der Schaffung eines unabhängigen transjordanischen Staates, die früher einmal beabsichtigt und auch dem Völkerbund ange- kündigt war, ist heute jedenfalls nicht mehr die Rede. Eine von England unmittelbar kontrollierte Verwaltung bedeutet eine stärkere Bürgschaft für Frieden und Ordnung als die unabhängige Herrschaft eines Araberprinzen aus dem seit langem vom Unglück verfolgten Husseiniten-Hause— und so kann auch die Entwicklung in Transjordanien im Sinne einer stärkeren Stabilisierung für die Zukunft gedeutet werden. In dieselbe Linie fällt schließlich der soeben vereinbarte Aus- gleich zwischen England und der Türkei. Hier hat allem Anscl)ein nach der ungebührliche Eifer Italiens nach- geholfen, dos sich«auf der orientalischen Bühne mit allzu großer Lebhaftigkeit noch vorn drängt. M u s s o l i n i hat sich in der Tat nicht damit begnügt, sich in den afrikanischen Besitzungen Italiens von Arabern Fantasias vorreiten zu lassen und goldene Schwerter als Geschenke entgegenzunehmen. Sondern seine Presse hat längere Zeit hindurch in nicht mißzuver- stehender Weise die Eignung Anawliens als Kolonisations- gebiet gepriesen, ja sie hat sogar— ein Beweis für völlige Verkennung der wirklichen Machtverhältnisse— wiederholt und auffällig festgestellt, daß Malta, dieses Kernstück der englischen Machtstellung im Mittelmeer, doch eigentlich italieniisch wäre. Der Erfolg dieser wenig diplomatisch angelegten Kampagne hat Italien zwar die Freundschaft Griechenlands eingebracht, aber andererseits England und die Türkei stark und schnell einander genähert, so daß nunmehr auch der Mossulkonflikt beigelegt worden ist. Die Unruhe Italiens hat dazu beige tragen, daß ein seit langem ungelöstes Problem der orientali schen Politik aus dem Wege geräumt worden ist. Es gibt nach alledem Anzeichen dafür, daß manche Knäuel der verwickelten orientalischen Fragen sich einigermaßen ent- wirren werden. Wenn aber einmal die Zeit der Kämpfe und Konflikte im Orient von einer Periode friedlicher Entwick hing abgelöst wird, kann hier mit bedeutenden Wirtschaft- lichen Fortschritten gerechnet werden. Schon deswegen— nicht nur wegen der Rückwirkung der orientalischen Be Ziehungen auf die Stellung der europäischen Mächte zuein ander— sollte auch die deutsche Politik den Vorgängen im Orient ihre Aufmerksamkeit schenken. Schon heute gibt es fen Deutschlands: in e des letzten Jahres, che Orientbank soeben wieder wichtige wirtschaftliche Intere Aegypten, wo, trotz der Baumwollkri viel Geld verdient wird, hat die Deut ihre Niederlassung wieder eröffnet. In Palästina steht Deutsch land unter den importierenden Ländern bereits wieder an dritter Stelle(nach Syrien und Großbritannien). Wichttger aber sind die Aussichten für eine Teilnahme an der Wirtschaft- lichen Entwicklung der Zukunft. Die riesigen Ländermassen von Alexandrette bis Basra unterstehen als Mandatgebiete der Kontrolle des Völkerbundes, und Deutschland würde als Mitgsted des Völkerbundes nicht nur Möglichkeiten der Einwirkung auf die Art der Entwicklung, sondern auch die rechtliche Gewähr gleicher Bedingungen im wirtschaftlichen Wettbewerb mit allen anderen Mächten haben. Ein fried- licher Wettbewerb zur Entwicklung dieser leeren Länder, der frei sein kann von jeder imperialistischen Absicht, wird Wechsel- festig Arbeit und Wohlstand fördern, und damit eine er- wünschte Gemeinsamkeit zwischen Orient und Okzident herstellen können._ Zlaggenexperimente. Aussichtslose Spielereien. Seit dem bekannten Briefe Hindenburgs an den Reichskanzler Dr. Luther, in dem die Schaffung einer Einheitsflagge verlangt wird, bemühen sich alle mög- lichen wohlmeinenden Leute um die Quadratur des Zirkels. Jetzt hat der Reichstunstwart Dr. R e d s l o b— zuständig- keitshalber— einen Flaggenentwurf ausgearbeitet, der das Unmögliche möglich machen, der Monarchisten und Re- publikaner mit einander versöhnen soll. Der Entwurf gibt die Dreifarbenfahne völlig auf und will eine Kreuz- f a h n e schaffen. Durch ein großes schwarzes Ritterkreuz, das bis an den Flaggenrand reicht, wird das Flaggenfeld in vier Teile zerlegt. Von den beiden Gevierten an der Fahnenstange ist das obere rot, das untere golden, die beiden Gevierte an der Außenseite oben golden und unten rot. Reben dem Flaggenentwurf Dr. Redslobs ist noch ein halb Dutzend anderer Flaggenentwürfe aufge- taucht, die Schwarzrotgold und Schwarzweißrot miteinander vermengen, einen Adler auf Schwarzrotgold setzen oder mit der Gösch allerlei Kunststückchen versuchen wollen. Dem R e i ch s t a g s a u s s ch u ß, der sich mit der Flaggenfrage befassen soll, wird ordentlich schwindlig werden, wenn er alle diese Flaggenentwürfe vorgeführt bekommt. Ganz schlaue Leute haben sogar schon herausgefunden, daß der Entwurf des Reichskunstwarts gar nicht oer- fassungsändernd sei, da er nur die Farben schwarz- rotgold oerwende und der bekannte Artikel der Verfassung nur davon spreche, daß die Farben des Reiches schwarz- rotgold seien. Die Presse der Mittelparteien bemüht sich deshalb auch schon, diesen Vorschlag indirekt zu unter- stützen. Es genügt aber ein Blick in die übrige Presse, um sofort festzustellen, daß alle diese Versuche sehr wohlmeinender, aber auch sehr unpolitischer Leute von vornherein aus- f i ch t s l o s sind. Eine ausreichende Majorität wird für keinen einzigen dieser Vorschläge zu erreichen sein. Ein- st i m m i g k e i t. die bei einem solchen Versuch der Schaffung einer Einheitsflagge überhaupt Voraussetzung wäre, ist über- Haupt gänzlich ausgeschlossen. Der Reichstag hat zwar mit einer Mehrheit, die in Wirklichkeit eine Minderheit war, beschlossen, einen Ausschuß zur Nachprüfung solcher Vorschläge einzusetzen. Diesem Ve- schluß entsprechend wird ein solcher Ausschuß dann auch zu- sammentreten und arbeiten müssen. Daß er zu irgendeinem Ergebnis kommen könnte, glaubt natürlich niemand. Es gibt in der Flaggenfrage kein Kompromiß, es gibt nur ein Entweder— Oder. Die Flagge der Republik ist schwarzrotgold und wer gegen diese Flagge ist, mit dem kann es kein Paktieren geben. Seemen für Schwarzrotgolü. Für Aufhebung der Flaggenverordnung. Bremen. 29. Mai.(Eigener Drahtbericht). In der Bremer Bürgerschaft fand am Freitag nach einer erregten drei- stündigen Aussprache ein sozialdemokratischer Antrag, den auch die Demokraten unterstützten, während sich die Haus- bescher der Stimme enthielten, mit 48 gegen 37 Stimmen Annahme. ?n dem Antrag wird der Senat ersucht, bei der Reichsregierung die Aufhebung der Lutherschen Flaggcnverordnung zu erwirken. Gegen den Antrag hatten die Völkischen, die Deutsch- nationalen und die Deutsche Volkspartei gestimmt. Ein deutscher Marineskanüal. Wucherhandel mit Bier in amerikanischen Gewäffern. Aus San Pedro, einer Hafenstadt in Kalifornien, wird von der offiziösen amerikanischen Nachrichtenagentur„Associated Preß" berichtet, daß auf dem gegenwärtig im Hafen liegenden beut- schen Kreuzer„Hamburg" hochprozentiges Bier für einen Dollar pro Flasche an Hunderte van Amerikanern in der Kantine verkauft worden sei. Amerikanische ProHibitions- b e a m t e, die sich in Zivilkleidung als Besucher an Bord begeben hätten, sollen dies selbst festgestellt haben. Treffen diese Meldungen zu, dann handell es sich um einen Skandal ersten Ranges, der auf die deutsche Reichsmarine ein eigenartiges Licht wirft. Die deutsche Kriegsmarine gehört zu den überflüssigsten Dingen der Welt. Mit Recht hatte in Versailles die deutsche Fricdcnsdelegation freiwillig angeboten, aus einen Teil der uns zugestandenen Kriegstonnage zu verzichten, wenn die Entente uns � dafür entsprechend mehr Handelstonnage überlassen würde. Kriegstechnisch betrachtet, ist sie viel zu schwach, um im Ernstfalle gegen einen starken Gegner etwas ausrichten zu können. Für die kleinen sonstigen Aufgaben, die ihr eventuell auch in Friedenszeiten obliegen, z. B. für Eisbrecherdienste in nördlichen Gewässern, ist sie viel zu stark. Die Reichsmarine verschlingt im Reichsetat viele Goldmkllionen, zumal immer wieder Neu- bauten vom Reichswehrministerium angefordert werden, deren Not- wendigkeit von der sozialdemokratischen Reichstagsfraktiqn ent- schieden verneint wird. Eines der Hauptargumente, das die An- Hänger der Reichsmarine anzuführen belieben, ist, daß unseren Kriegsschiffen die besondere Aufgabe zufällt, durch Weltreisen und Besuche in überseeischen Ländern das Ansehen des Deutschen Reiches im Auslande zu heben. Hier haben wir die Probe aufs Exempel: ein deutsches Kriegs- schiff fährt nach Kalifornien, die Besatzung wird von der Bevölke- rung herzlich begrüßt: dafür revanchieren sich die Mannschaften, in- dem sie in voller Kenntnis und wucherischer Aus- Nutzung des amerikanischen A l k o h o l v e rb o tes Bierflaschen zum Preise von 4,20 Mark an ihre äste an-Bord verkaufen. Die Sache wird in der Stadt ruchbar, Prohibitionsbeamte gehen der Sache nach, ziehen Zivil- kleider an und stellen den unerfreulichen Tatbestand selbst fest. Das deutsche Ansehen in Amerika ist damit ohne Zweifel beträchtlich „gehoben" worden. Aber noch unerhörter als da» Verhalten der deutschen Besatzung ist die Art, wie die hiesigen a m t l i ch e n S t e l l e n auf diese Nachrichten reagieren. Wenn es nach ihnen ginge, müßte das Auswärtige Amt in Washington eine geharnischte Protestnote überreichen, weil amerikanische Prohibitionsbeamte an Bord eines deutschen Kriegsschiffes nichts zu suchen hätten: denn ein deutsches Kriegsschiff sei deutscher Boden, in Friedenszeiten exterritorial und unterliege aus- schließlich den deutsch en Gesetzen: die Mannschaften könnten demnach an Bord des eigenen Schiffes tun, was ihnen be- liebe, und brauchten sich um die amerikanischen Gesetze nicht zu kümmern! Ob diese Auffassung völkerrechtlich einwandfrei ist, lassen wir dahingestellt. Ihre Anwendung in dieser Situation durch die zu- ständigen deutschen Stellen offenbart einen erschreckenden Mangel an Takt und gesundem Menschenoerstand. Nicht auf das formale Recht der deutschen Besatzung kommt es an, ihren amerikanischen Gästen Bier zu verkaufen, sondern darauf, daß ein deutsches Kriegsschiff in amerikanischen Gewässern nicht den Gesetzen des Völkerrechts, sondern den Ge- setzen des An st and es und der Gastfreundschaft unterliegt. Wenn die sonderbare Auffassung, die die amtlichen deutschen Stellen gegenüber dem Zwischenfall von San Pedro vcr- treten, zutreffen würde, dann könnte der deutsche Botschaster von Maltzan in den Räumen der deutschen Botschaft in Washington, die ja erst recht„exterritorial" ist, eine Filiale des Münchener Hof- bräu �richten, ebenso würden alle deutschen Konsulate in Amerika das„Recht" haben, Sekt» Wein, Schnaps und Bier an die Ein- wohnerschaft zu verkaufen. Uns wundert nur, daß die amtlichen deutschen Stellen sich nicht auf den Standpunkt stellen, daß mit dem Flaschenbierverkauf an Bord der„Hamburg" entsprechend den Intensionen der amerikanischen Regierung gehandelt worden sei, denn diese begünstige die Anwendung des Dawes-Planes, und nach dem Dawcs-Plan solle Deutschland trachten, alle Reichs- betriebe so rentabel wie möglich zu gestalten..., Kube reüet. In den Schlingen der Lüge. Die Reichstagsfraktion der Deutschvölkischen FreiHeitspartei vcr- öffentlicht die erste Aussage Grütte-Lehders vor der Kriminalpolizei über die Ermordung des Dammers und behauptet dazu, daß dies die Aussage sei. die der Wahrheit entspreche. Wie wenig das der Fall ist, geht schon daraus hervor, daß Grütte-Lehder in dieser Aussage behauptet, außer ihm seien noch zwei weitere Personen an dem Mord beteiligt gewesen, während unzweifelhaft feststeht, daß Grütte-Lehder die Tat allein ausgeführt hat. Die ganze Aussage ist also eine Phantasie, deren einzelne Sätze nicht die mindeste Beweiskraft haben. Wenn Grütte- Lehder am Schluß sagt, daß die Völkische Freiheitspartei mit der Tat nicht das geringste zu tun habe, so muß man dabei beachten, daß zur Zeit dieser Aussage, die wenige, Wochen nach der Tat erfolgte, Grütte-Lehder noch fanatisie'rter Anhänger dieser Partei und natürlich bestrebt war, diese nach Kräften zu schonen. Der Reichstagsabgeordnete K u b e hat einen neuen wüsten Schimpfbrief an den Untersuchungsausschuß gerichtet. Er be- schwert sich jetzt, daß er noch nicht vernommen worden sei, während er doch in seinem ersten— hier bereits veröfftenlichten Schimpsbricf — unter lümmelhaften Ausfällen gegen den Ausschuß jede Vcr- nehmung abgelehnt hatte. Charakteristisch ist folgendes: Herr Kube gibt zu, bereits im Ro- vember 1922 durch A h l e m a n n jenen mit roter Tinte geschriebenen Brief Grütte-Lehders erhalten zu haben, der das Attentat auf Scocring behandelte. Er will über diesen Brief e n t r ü st e t und entsetzt gewesen sein. Trotzdem hat der gleiche Herr Kube wenige Tage später nach seinen eigenen Angaben eigenhändig Grütte-Lehder einen Ausweis ausgestellt, der ihn zur Beschaffung von Unterlagen im Fall Dammers autorisierte. Ebenso hat Herr W u l l e, obgleich der Attentatsbricf bekannt war, jenen zweiten Ausweis für Grütte-Lehder geschrieben, der den 17jährigen jungen Mann zum Organisationsleiter der Deutschvölki- schen Freiheitspartei für ganz Vorpommern bestellte. Rehfisch:„Metel und öle 36 Gerechten". Neben Hans I. Rehfisch geht ständig ein guter Geist einher, der ihm zeigt, wo die guten Wirkungen auf dem bewegten Theater zu packen sind. Ihn begleitet aus der anderen Seite ständig ein weniger liebenswürdiger Geist, der ihn verleitet, auf der Bühne allerhand Moralsätze abzuhandeln. Dann geschieht es, daß Theater und Gesinnung in Feindschaft geraten. Die Gesinnung unterliegt. Es siegt das Theater. Es ist sicher, daß Rehfisch unter den jungen Leuten vom Theater heute die vergnüglichsten Pointen erfindet. Dabei scheert er sich gar nicht um den Vorwurf, daß dies und das schon einmal dagewesen sei. Er arbeitet mit alten Requisiten des Kulissenerfolges so geschickt, daß der Techniker ihm dankbar die Hände drückt. Ueberraschende Briefe werden ausgekramt, in zwei Minuten enthüllen plötzlich hervorgezogene Gerichtsakten, daß ein Ehrenmann ein Schuft und ein Bettelmann ein Krösus ist. Die Betschwester wird ebenso fix als ehemalige Tingeltangelprinzessin entlarvt. Und oll dieses Spiel der Demasklerung führt dazu, daß Nickel, der Säufer und Strauchdieb, von seinem Spleen geheilt wird. Dieser Spleen war merkwürdig genug. Nickel, der mit der Zange des Einbrechers eben noch gierig hantiert«, will plötzlich um jeden Preis die irdische Seligkeit haben. Es sitzt ihm im Ohr der Floh, daß auf Erden 3l> Männer seit biblischen Zeiten den Inbegriff jeder Anständigkeit und Frömmigkeit darstellen. Diese 3« Lieb- liugssöhne Gottes repräsentieren allein das, was im strengsten Sittenkatechisnius vorgeschrieben wird. Da offenbar einer von den 3g Hochgcrechten in Abrahams Schoß abgerufen wurde, sticht Nickel, den Halunken, unversehens der Ehrgeiz, die Spitzbubenhände nu» ein für allemal zu falten und wohlgefällig vor Gott zu werden, wie alle Heiligen des Kalenders. Kruzifixl Nur bekommt ihm diese Heiligenfigur nicht. Ha, es handelt sich aber nicht um eine seelische Bekehrung: es handelt sich nur um, einen herrlichen Narren und Lebenskünstler, der ein gesundes Weib nachts in seinem breiten Bette hat. So windet sich Nickel in tausendfacher köstlicher Körperpein, da ihm eine verrückte Schrulle an den Leib und sein herrliches Kebs- weib Lori aus dem Hause will. Die Kur geht vor sich, indem all dieses Derbe breit, oft zu breit, heruntergespielt und herunter- gewütet wird. Es spricht für den Moralisten Rehfisch, daß er die Hauptfrage seines Stückes sehr spannend einwickelt. Es spricht gegen seinen Fleiß, daß er die Frage schließlich etwas schludrig auswickelt. Die Komödie wird im Schiller-Theater durch Rudolf Forster unendlich gehoben. Forster war ein entzückender Ko- mödiant, verschlagen in seinen Bewegungen, voi� einer seltsamen Hitzigkeit der Rede. Er ist entzückend komisch, weil er stets so kindlich bleibt. Er repräsentiert die treuherzige Schlauheit und die spitz- bübische Ehrlichtelt. Er ist ein Schabernack, dem niemand zürnt. Er charakterisiert nicht geradeaus. Die halben Lichter, die er jedem Dinge und Worte aufsetzt, prickeln und kitzeln. Schließlich kann er so ausgelassen werden, daß jedes Herz zu ihm hinüber springt. Agnes Straub ist mit Humor und Derbheit die saftige Lisbeshälfle des spleenigen Halunken, und Lucic Mannheim und Walter Werner und Ernst Keppler gesellen sich so erheiternd zu der Truppe, daß am Schluß der Dramatiker mit all seinen Helfern prahlend a» öie Rampe tteten daich. Max Hochdorj, Sallettabenü in üer Staatsoper am Königsplatz. Als Entree der bekannte Einakter„P u l c i n e l l a". Als Mittel- und Gipfelpunkt das romantische Ballet„von m o r t c" von Mar T e r p i s. Zum Kehraus ein spanischer Scherz„Die Vogelscheuche". Alle drei Resultate redlicher, sorgfältiger, sauberer Arbeit. Alles künstlerisch vornehm, vollendet im technischen Können. Künstler, wie Harald Kreutzberg, Max Terpis, Dorothea Albu, Edith Moser in Solorollen, Ruth Marcus, Daisy Spieß, Ilse Eastner im Gruppentanz. Und doch nur ganz wenige starke Eindrücke. In der ersten Szene des„Pulcinclla" der feine und wirkungsvolle Kontrast geschmeidiger Weichheit im Tanz der drei Pärchen und der eckigen, flatternden grotesken Zappeligkeit Pulcinellas(Terpis). Und— zum Schluß— ein glänzendes Pas de deux Albus- K r e u tz b e r gs. Im„von morte" das Solo des Narren(Kreutz- berg), ein grandioses Gemälde des Schreckens, des Grauens, der Ver- zweiflung. In der„Vogelscheuche" einmal ein prachtvolles rhyth- misches Zusammenklingen in den Bewegungen der erschreckten Volks- menge und des als Scheuche verkleideten Manuel(Terpis). Im übrigen bunte Bilder, aneinandergereiht ohne rechte organische Gliederung und gipfelnde Steigerung, daher trotz Farbenreichtums meist monoton wirkend. Harmloser, einfältiger Großväterhumor im „Pulcinclla" und in der„Vogelscheuche". Im„von morte" die Hauptwirkung verpuffend: in die Schwüle der betäubenden Wirbel weht der eisige Hauch der Todesschauer nicht hinein. Was Terpis in den Totentänzen seiner Volksbllhnenmatinee meisterhaft ge- staltete, mißlang ihm hier. Aber wichtiger als alles dieses ist die prinzipielle Frage: warum stellt man sich von vornherein nicht höhere Ziele? Warum begnügt man sich, tausendmal ausgelaugten Ballet- paprika zu kultivieren? Was die Russen besser können. Warum versucht man durch Ueberfulle szenischen Prunks zu blenden? Was den modernen Revuen mit phantasieoollerem Raffinement gelingt. Wir haben einen Tanzstil, der dos Höchste und Tiefste auszudrücken vermag, was Menschenseelen unserer Zeit bewegt. Und die Staats- oper besitzt eine Künstlerschar, die diesen Stil beherrscht. Einen Leiter, der aus der Schule der Wigman kommt— warum will man, was man nicht kann, und warum verschmäht man» was man können müßte? I. S. * Der musikalische Ertrag dieses Abends ist nicht überwältigend. Zwar die P u l c i n e l l a- S u i t e, die wir seit zwei Iahren kennen, entfaltet wieder unter Kleibers Leitung die verführerischen und grotesken Reize einer köstlichen Melodicnsülle, die durch Stra- winskis. Bearbeitung einen betont modernen Akzent bekommt, ohne es eigentlich nötig zu haben. Das Mittelstück des Diners„von morte", mit der Musik von Friedrich Willens, war durchaus roh geblieben, M e y r o w i tz mußte es servieren. Willens entnimmt die Einfälle allen möglichen erreichbaren Musikern. Geschicklichkeit der Mache ist da, auch ein kunstfertiges Zusammensetzen von Stimmen und Klängen, ein stark esfektbetontes Kontrastiere» von Tanz und ■iodesschaiier. Aber all diese Malereien verlieren in der bewußten, dicken, aufgetragenen Darbietung von Einzelsarben an Interesse. Es ist soviel Klischee, daß man ein paar flotte Eigenarten(Tanz des Hofnarren, Begiann des spanischen Menuetts) kaum mehr be- achtet. Viel einfacher und echter ist Manuel de F a l l a s Musik zur „Vogelscheuche",.Em eigenartiger, spanisch nationaler Rhyth- mu» springt durch die ganze Groteske. Der Stil einfältigen Bauern- tums und eines witzigen Puppentanzes ist in sparsamen Instru- menten, in gesunden, wenn auch zuletzt matter werdenden Rassen- Melodien eingefangen. Nichts Aufrührerisches, nichts übermäßig Originales, aber tüchtige, saubere charaktervolle Arbeit. Auch dieses Stück dirigierte Kleiber. Man rief ihn mehrfach, Mcyrowig aber nicht. Ich habe keinen Unterschied zwischen beiden bemerkt. K. S. Ein Weg zu neuen Pflanzen. Der Petersburger Professor Makssimow hat in dem Institut für angewandte Botanik der dortigen Samen von Getreidepflanzen der Wirkung schwacher Lichtkräfte ausgesetzt. Wie in der„Umschau" berichtet wird, blühten bei einer Einwirkung zweier Lampen von je 1000 Watt die Bohnen und gobkn sogar Samen: Buchweizen brachte nur bei regelmäßiger Unter- brschung von Licht und Dunkelheit Früchte hervor, bei beständiger Beleuchtung jedoch nid)ts. Die wichtigsten Ergebnisse gab die künst- liche Beleuchtung des Roggens. Setzte man den Roggen der Wirkung des elektrischen Lichtes aus. so unterschied sich sein Korn in der Güte gar nidst vom gewöhnlichen Roggen, ober die Zeit bis zur Bildung der ersten Keime und Aehren war bedeutend kürzer bei ununterbrochener künstlicher Beleuchtung als bei Sonnenlicht. Diese Versuche Makssimows werden für die Botanik von großer Bedeutung sein, denn sie bieten die Möglichkeit, Pflanzen, die unter natürlichen Verhältnissen nicht zu gleicher Zeit blühen, gleichzeitig zur Blute und Kreuzung zu bringen. Es ist dadurch ein Weg ge- geben, völlig neue Pflanzen zu erhalten, die alten Sorten zu ver- vollkommncn und die Lererbungsgesetze der Pflanzen genau zu studieren. Einführung des metrischen Systems in USA. Dein amen- konischen Repräsentantenhaus ist soeben der Entwurf einer Bill zugegangen, die die Einführung des metrischen Systems für Maße und Gewichte vorsieht. Bis jetzt spielte das metrische System in den Vereinigten Staaten nur eine Nebenrolle, lediglich die wissen- schaftlichen Kreise gebrauchten es: auch wurde es im Geldsystem der Union angewandt. In der Praxis jedoch Helten sich Handel und Industrie an die alten Systeme von Zoll, Fuß,?>ard und Meile für Längenmaße, Bushel, Gallone für Hohlmaße und Gran und Un-.e für dos Gewicht. Der Gesetzentwurf sieht die Beseitigung aller dieser Einzelherten vor: am 1. Januar 1935 inuß das metrische System allgeinein und ausschließlich wirksam sein. Erstaufführungen der Doch«. Ulonl. Städtische Eber:.Katja K a 6 a n o in a*.- Cioisl. DeuIjcheS Th.:.D a S Ekel".— vonn. .uftlbielbau«:.Aus heiterem Himmel'.— Acel«. Tb. in der Klosterstrage!.Störenfried'.— Sonnab. Staat!. SchauipielbauS: .Die Weit, in der man sich langweilt". Rcnaiisance-Tb.: .Die sleihtgc Leserin". _ Utania-JJotlräge. Sonnt,(ö):.Island'.— Täglich außer DicnSiag: .D a S L o t t er l e s p« e l d e r E b e— Montag u. lalg. Tage:.?l u» den ProduktionSstätten der Natur und Kultur".— jmttwoch(7):.Moral als Le b e»s Slwaob. cs» »Kultsr �e» Orients". Der �rbeiterjugenükongreß. Dritter Verhandlungstag. t» R. Amsterdam, 28. Mai.(Eigener Bericht.) Die Beratungen beginnen, �wie schon kurz gedrahtet, mit dem Referat von Lind- st r ö m- Stockholm über„Die internationale Zusammenarbeit der Jugend als Mittel sozialistischer Friedenspolitik": Für den Welt- frieden zu wirken, ist um so notwendiger, als es noch genug Konfliktsstoff in der Welt gibt. So droht im Augenblick Gefahr von der Einwanderungspolitik verschiedener Staaten, in erster Linie Amerikas. Darum'befaßt sich auch die Sozialistische Arbeiter- internationale mit diesem Problem. Ein weiterer Gefahrenherd ist die Wanderung des Kapitals. Es wäre aber irrig, zu glauben, daß es völlig aussichtslos wäre, auf dem Boden der kapi- talistischen Wirtschaftsordnung für den Weltfrieden ersprießlich zu wirken. Die Kapitalistenklasse ist nicht allein Trägerin des Staats- willens. Dieser ist das Ergebnis verschiedener Willens- s-rebungen im Staate: je größer die Rolle der Arbeiterklasse dabei ist, desto größer sind auch die Aussichten der Friedenspolitik. So wird die Entwicklung der sozialistischen Bewegung die Hauptfrage der Ariedensbewegung. Für die Arbeiterjugend ist es geradezu Sclbsterhaltungspflicht, an dieser Aufbauarbeit kräftig mitzutun. Die Fricdensarbeit kann im Grunde genommen nur inter» nationaler Natur sein. Sie bedarf dazu internationaler Organe; solche sind der Völkerbund und die S o z t a l i st i s ch e Ar- bciterinternationale. Letztere Hot trotz der Unvollkommen- heit des Völkerbundes dessen Bedeutung stets betont. Sie hat das Genfer Protokoll, das Schiedsgerichte und Abrüstung zum Inhalt hat, lebhaft begrüßt und seine Annahme gefordert. Da zeigte es sich aber, wie wenig ernst es den kapitalistischen Ländern mit dem Welt- snedeii ist: das imperialistische England widersetzte sich der Annahme des Genfer Protokolls. Seine moralische Bc- deutnng erwies aber die Geschichte des Locarno-Vertrages. Auch das Verhalten Amerikas und Rußlands �eigt, welche Bedeutung starke sozialdemokratische Parteien fifr die Organi- sicrung des Friedens haben. Diese Staaten bleiben bis heute dem Völkerbund nicht zuletzt aus dem Grunde fern, weil die sozialdemo- kratischc Bewegung dort einflußlos ist. Für die Sozialistische Jugend- internationale entsteht als eine ihrer hauptsächlichsten Aufgaben, als Teil der Sozialistischen Arbeiterinterantionale an der Organisierung des Friedens aktiv teilzunehmen, nicht allein durch Kundgebungen, sondern in erster Linie durch Kleinarbeit, durch V e r- tiefung des Verständnisses für weltpolitische Zusammen- hänge durch Erziehung der Jugend zum Frieden. T e t l e y- England schildert als Korreferent die Opfer, die ge- rode die Jugend im Kriege zu tragön hat, und macht eine Reihe praklischer Vorschläge, die ihm geeignet erscheinen, das Gefühl der Zusanunengehöri�keit der proletarischen Jugend der verschiedenen Länder zu vertiefen. Beide Referate werden mit großem Beifall aufgenommen. Die Diskussion gestaltet sich zu einer mächtigen Kundgebung für den Bölkerfrieden und zum Gelöbnis, für ihn zu wirken. h e i n z- Deutschösterreich hält es für erforderlich, daß die sozialdemokratischen Parteien sich um die innere Struktur der Wehrmacht kümmern und in Ihr die Demokratie anstreben. damit sie, wie in Deutschösterrcich, eine Stütze der Republik sei. Er erblickt wie im Faschismus so auch im B o l s ch e w i s- in u z eine gleich große Kriegsgefahr. Der Kampf gegen beide iniisse mit gleicher Schärfe, wenn auch mit verschiedenen Methoden, geführt werden. Im Kampfe gegen den Faschismus entstehe die Not- wcndigkeit der körperlichen Stärkung der Jugend. R e o e n t l o w- Italien gibt seiner Skepsis gegenüber dem Völkerbund Ausdruck. K o h n- Polen wendet sich gegen die Identifizierung des russischen Staatsimperialismus mit den Interessen des russischen Proletariats. B r o i d o- Rußland schildert an schlagenden Beispielen die. Militarisierung der russischen Zugend, die der Kommunistische Iugendocrband betreibt. Lange- Norwegen regt ein gemeinsames Auftreten der Sozialisten im Völkerbund an Unter der großen Zahl der Diskussionsredner ist noch besonders Genosse Vanderveken- Belgien zu nennen, der die vortreffliche Antikriegspropaganda der belgischen Bruderpartei und speziell der Sozialistischen Arbeiterjugend hervorhebt. Interessant waren seine Darlegungen über die belgischen Faschisten und den Ar- beiterschutzbund. Im Laufe der Debatte ergriff auch Genosse C r i s p i e n das Wort, um den Kongreß zu warnen, sich in die Einzelheiten der Außenpolitik zu verlieren. Er gab in Verbindung mit der vorgeschlagenen Rosolution ein Bild von der geschichtlichen Entwicklung der deutschen Vertrags Politik. Mit der Frage eines einheitlichen Vorgehens der Sozialisten innerhalb des Völkerbundes habe sich die Sozialistische Arbeiterinternationale ein- gehend beschäftigt und bestimmte Linien in dieser Beziehung fest- oelegt. Es folgt das Referat W e st p h a l- Deutschland zum letzten Punkt der Tagesordnung über das verhällnl» der sozialistischen Zuqendorganisolionen zu den Zugendoerbänden und zu den össentlichen Einrichtungen für Zugendpslege und Zugendbewegung. Er schildert in großen Zügen die Entwicklung der deutschen sozia- listischen Jugendbewegung vor und nach dem Kriege. Er betont unter anderem, daß die Sozialistische Arbeiterjugend es nie abgelehnt hat, von Fall zu Fall sachlich mit anderen Jugendorganisationen zusammenzuarbeiten. Allmählich entwickelte sich' daraus eine Zu- sammenarbsit an bestimmten Iugendwerten mit dem festen Willen, entscheidenden Einfluß aus die Zlusgestaltung dieser Iugendwerke zu erhalten. Hier ist zu nennen: die Teilnahme am Deutschen Jugend- herbergsvcrbaud und am Reichsausschuß der deutschen Jugend- verbände, der den Zweck hat, all die Fragen zu vertreten, die alle Jugendlichen gemeinsam angehen. In diesem Reichsjugend- ausschuß, der gewissermaßen ein Jugendparlament darstellt, ist es der Sozialistischen Arbeiterjugend gelungen, unter anderem an der Aufstellung eines großzügigen sozialpolitischen Iugendprogramms entscheidend mitzuwirken. Desgleichen sind durch den Reichsausschuß verschiedene Erfolge bei der Wahrung-der Interessen der Jugendlichen und der Jugendorganisationen erzielt worden. Beschlüsse können jedoch nur einstimmig gefaßt werden, so daß die Gefahr einer Kam- promissclei ausgeschlossen ist. Der Referent betont serner die Zu- sammenarheit der Sozialistischen Arbeiterjugend mit den Behörden bei der Verteilung von Geldmitteln für Iugendzwecke. ihre Teilnahme an der Filmprüfungsstelle, ihre Mitwirkung an der Iugcndwohlfahrtspslege. Der Leitgedanke dabei ist. nicht der bürger- lichen Jugend das Feld allein zu überlassen, sondern im Interesse der Arbeiterjugend überall, wo nur mögilch, den Standpunkt der Ar- beiterjugend aufs entschiedenste zu vertreten. Als zweiter Referent spricht hierzu de Graeve- Belgien. Auch er ist der Ansicht, daß an der Jugendpflege im Interesse der Arbeiterjugend teilzunehmen sei. Zur Frage der Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Jugendorganisationen sei zu sagen, daß diese als beständige Einrichtung unter Umständen me Gefahr bedeuten könne. Eine Zusammenarbeit aus dem Gebiete der Erziehung sei keinesfalls möglich, vorübergehend könne sie auf politischen, onti- militaristischen, wirtschaftlichen und sozialen Gebieten geeignet sein, den Interessen der Arbeiterjugend zu dienen. Alles in allem sei aber zu sagen: Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur Sache der Arbeiter. klasse selbst sein. An der Diskussion" nahmen Klug-Oesterreich. Kern-Tschecho- stowakei. Lundberg-Schweden und Rcventlow-Jlalien teil, die im großen und ganzen den Referenten beipflichteten, unter Hervor- streicbung der Notwendigkeit, stets den Klassenstandpunkt zu wahren. Nach der Wahl der Kommissionen vertagte sich der Kongreß aus Sonnabend. Schundliteratur im Kino. Der„Schundfilm" weist folgende typische Merkmale auf: Er hält vor allem streng auf„Milieu", oder: der Mensch sängt erst beim Grafen an. Dann: Sämtliche Naturerscheinungen, vom oul- konischen Ausbruch angefangen, bis zum üblichen Wolkenbruch mit heftigstem Sturmgebraus, beleben die etwas monotone Szenerie. Desgleichen werden alle Register menschlicher Empfindungen natür- lich in der denkbar schlechiesten Weise aufgezogen. Was der Handlung an Geist, Witz und Lebenswahrheit fehlt, wird durch atemloses Aufeinanderprasseln der verschiedensten Geschehnisse ver- wischt. In weiser Boraussicht der ärgerniserregenden Wirkung des „Kunstwerkes" dreht der schlaue Herr Operateur seine 7 bis 10 Akte (darunter machen sie es selten), in derart schwindelnder Schnellig- keil, daß man überhaupt nicht zu Atem kommt. Dadurch kompri- miert sich naturgemäß das Mißfallen in erschreckender Weise. Das ganze erinnert an eine Laterna inagica, wo Kinder ihre bunten Glasplättchen wahllos, womöglich rasch hintereinander folgend, ein- schieben und herunterdrehen. Bei dem heutigen Hochstand des Film- Marktes im allgemeinen, dürste es gar nicht mehr passieren, daß deranig übles Machwerk vor das Publikum kommt. Man sieht allhier längst„zur Disposition" gestellte Star» in vorgestriger Toilette, mit wahrhaft„vorsintflutlichen" Ausdrucksformen. Dann ge- nießt man, zumal in den kleinen, entlegenen Kinos, eine stark„be- legte" Violine, ein arg verschnupftes Klavier, schlecht ventilierte 9f ff(> denkenden Arbeiter, Angestellte« und Beamte» werben im Betrieb(�-4...'s und im Hause fiir die Liste: TcyUtaUfVltU. Räume und eine chronisch convulsivisch zuckende Leinewand. Bon dem Thema selbst gar nicht zu reden! Wo bleibt die Aktion der Filmprüsstelle? Solch grobe Geschmacklosigkeiten sollten unter weit schärfere Zensur gehören als angeblich„Anstößige". Da gibt es näm- lich nichts mehr zu mildern, nichts zu beschönigen, oder sonstwie zu ändern. Da gibt es bloß eines: Wegschmeißen. Da profitieren dann doch wenigstens diejenigen, die die Filmabfälle einer nützlichen Verwertung zuführen. Eine geheimnisvolle Vergiftung. Ein Drama au» dem Eheleben? Eine noch in völliges Dunkel gehüllte Vergiftungsaffäre, schein- bar eine Selbstmordaffäre, spielte sich heute morgen gegen 3 Uhr im Hause Am Karlsbad 21 ab. Der in dem genannten Haufe wohnende 42jährige Ingenieur Ernst Paasche wurde von seiner Ehefrau in halbbewußtem Zu- stände im Beit ausgefunden. Ein hinzugezogener Arzt stellte schwere Vergiftungserscheinungen fest und ordnete die iofortige Ileberführung in das Elisabeth-Krankenhaus an. Frau P. begleitete ihren Ehemann dorthin, mußte aber kurz nach der Ein- lieferung erfahren, daß er an den Folgen einer schweren Vergiftung gestorben sei. Welcher Art das Gift war, das den Tod herbeiführte, konnte noch nicht festgestellt werden. Frau Paaschs begab sich hierauf in ihre Wohnung zurück, wollte sich aus Verzweiflung über den Tod des Gatten das Leben nehmen und öffnete sämtliche Gas- Hähne. Ihr Vorhaben wurde aber bemerkt. In bereits bewußtlosem Zustande wurde Frau P. aus ihrer Wohnung geholr und in das Elisabeth-Krankenhaus geschafft, wo sie hoffnungslos danieder- liegt. Mit der Aufklärung der sehr mysteriösen Affäre ist die Kriminalpolizei beschäftigt._ Max hirlemann, üer bayerische Könlgskurier. Ein politischer Hochstapler. Das Treiben eines politischen Hochstaplers, der sich seit einigen Wochen in Dresden in Haft-befindet, versuchen deutsche und aus- ländische Kriminalbehdrden weiter aufzuklaren. Mitte März tauchte in Uhingen im Oberamt Göppingen in Württemberg ein Mann auf, der sich„Max Hirlemann" nannte und angab, daß er Leutnant zur See und Kurier des ehemaligen bayerischen Königshauses sei. Dem Besitzer eines Miets- autos spiegelte er vor, daß er in Augsburg wichtige Geschäfte zu er- lcdigen habe, ließ sich von ihm dorthin fahren und betrog ihm um 300 Mark. Auf diese Fahrt nahm er«inen Landwirt aus Alters- hausen mit, den er früher in Kochel kennengelernt hatte und jetzt gleichfalls um 100 Mark beschwindelte. In Kochel spielte er den „Kurier Nr. 4" des bayerischen Heimat- und Königsbundes, der in Kochel wohnenden Offizieren Aufträge zu übermitteln habe und betrog einen Gastwirt um die Zeche. Hier nannte er sich"Adolf Hllrlimann". In Schwabmünden gab er sich als Oberwacht- meister„Max Frank" vom Reichswehrministerium in Berlin aus und erschwindelte sich ein Motorrad. In sächsischen Orten wandte er sich unter der Vorspiegelung, daß er Kurier des Reichswehr- Ministeriums sei, an gutgestellte, rechts gerichtete Leute. Hier nannte er sich„Leutnant Martini", erzählte, daß er seit längerer Zeit für das Reichswehrministerium unterwegs sei und augenblick- lich wichtige Schriftstücke nach München zu bringen habe und er- schwindelte allerlei Darlehen. In Lassa bei Würzen wurde der Hochstapler endlich erwischt Md als ein 29 Jahre alter aus Burgwind- heim bei Bamberg gebürtiger Kaufmann Max Wilhelm Joses H e i n k c l festgestellt. Mitteilungen über das Austreten des Schwindlers nimmt die Nachrichtenzentrale beim Landeskriminal- amt Dresden entgegen._ Des Bäckermeisters Löwenabeuteuer. Der Zoo ist sicherlich nicht da» geeignete Terrain für Leute, die alkoholischen Genüssen mehr als erträglich zugesprochen haben. Das Risiko für solche„schwankenden Gestalten" ist nicht zu unter- schätzen und der exotischen Gefahren sind hier mancherlei. Kam da am Freitag nachmittag ein etwas wunderlicher Herr aus der Pro- vinz, von Beruf Bäckermeister, in den Zoo und überstieg ausge- rechnet das Vorgitter zum Löwenkäsig, um der Löwendame Scnta Selbstgebackenes in verzeihlichem Erzeugerstölz anzubieten. Frau Senta jedoch verstand die zarte Brötchenhuldigung falsch, zumal ihr und ihresgleichen Teigwaren jeglicher Art ein Greuel sind. So kam sie denn zornig angefaucht, streckte die wohltrainierte, Pranke durch das Gitter und preßte den Angetrunkenen mit solcher Gewaltan dieEisenstäbe, daß ihm zwar Hören und Sehen oerging, er aber noch immer nicht nüchtern wurde. Die Sache sah recht bedrohlich aus, der Bäcker erhielt eine stattliche Anzahl erheb- licher K r a tz w u n d e n, als der Oberwärter Olesen im Sturm- tempo zur Hilfeleistung heraneilte. Auch der Begleiter des Bäcker- Meisters trat zur Rettung in den Ring. Den vereinten Bemühungen der beiden Männer gelang es. das Löwenabenteuer des Provinz- onkel» ohne einen ernsten Unfall abzuschließen. Immerhin erlitten die beiden Freunde erhebliche Krotzwunden. Auf der Unfallstation nahm man sich ihrer an, dann konnten sie in ihre Behausung ent- lassen werden._ Kinderfest in Treptow. Der Bezirksausschuß für Arbeiterwohlsahrt und Kinderschutz veranstaltete am Freitag im Diktoria-Garten am Treptower Part ein Kinderfest. Für Kinder ist so ein Spiel unter freiem Himmel immer etwas Erfrischendes, nur hätte man für etwas mehr Frei- fläche sorgen sollen. Der Lichtbildervortrag der Genossin T o d e n- Hägen über unser„Kinderheim in Gorifch", der zweite Teil des Programms, fand regen Beifall, Da mochte wohl so manches der Kinder sich wünschen, in einem der schönen weißen Betten, die auf der Leinewand gezeigt wurden, zu liegen. Große Freude riefen die Bilder bei den Kindern hervor, die bereits in Gohrisch waren und auf der Leinwand das Heim mit seiner bequemen Einrichtung wiedererkannten. Alle möchten sie wieder hin und sich an den Schönheiten der Natur erfreuen. Sehr viel Freude riefen auch die Aufführungen der Kinder aus dem Kinderheim Gohrisch hervor. „Nächtliche Ueberfälle.� Zu der Notiz mit dieser Ueberschrist im„B o r w ä r t s" vom 22. d. M. erhalten wir vom Rechtsbeistand der Witwe des erschossenen Maurerpoliers Schönwetter eine Zuschrift mit der Bitte um Veröffentlichung. Wir hatten den von uns mitgeteilten Sachverhalt einer Korrespondenz entnommen, die dem Polizeipräsidium nahe- steht. Das Schreiben stellt folgendes fest: Am Freitag, den 21. Mai 1S2K, kamen der getötete Maurer- polier Schönwetter und der oerletzte Maurer K l i t I ch e r von einer Geburtstagsfeier nachts 1 Uhr aus einem Cafe in der Schön- hauser Allee in Begleitung von vier Kollegen sowie zwei Damen. Vor dem Cafe wurden die Damen von'einem schwer Betrunkenen belästigt. Es entspann sich ein unbedeutender Wortwechsel, in den sich sofort eine Zivilperson, der später festgestellte Kriminalassistent Heinrich vom Polizeirevier KS, einmischte. Heinrich ist, wie eine Reihe von Zeugen glaubwürdig mitgeteilt haben, schon vorher im angeheiterten Zustande vor dem Cafe gesehen worden. Er trug schon vor 1 Uhr einen Revolver in der Hand. Als er sich, ohne sich als Kriminalbeamter erkenntlich zu machen, in die Unterhaltung mischte, hantierte er ständig mit einem Revolver. Er wurde von dem Maurerpolier Schönwetter und einem anderen Herrn ausge- fordert, sich nicht um Dinge zu kümmern, die ihn nichts angingen, und die Gesellschaft in-Frieden zu lassen. Daraus ging der Maurer- polier Schönwetter in der Richtung des Ringbahnhoscs auf die andere Seite der Straße. Heinrich folgte ihm und hielt ihm plöjzlich einen Revolver vor. Schönwetter suchte ihn mit einer Aktentasche, die er in der Hand trug, abzuwehren. Plötzlich fiel ein Schuß und Schönwettcr sank, tödlich in die Herzgegend getrossen, zu Boden. Als der �schuß siel, befand sich der Maurer Johann Klitscher in unmittelbarer Nähe des Schönwetter. Er war ihm gefolgt, um sich von ihm zu verabschieden. Kurz nach dem ersten Schuß fielen ein zweiter und dritter, durch die Klilscher an der rechten Hand erheblich verletzt worden ist. Nunmehr sammelte sich eine Menschenmenge, die sich über das Verhalten des erst später als Kriminalassiftent fest- gestellten Heinrich empörte und ihm wohl auch einige Schläge ver- setzte. Die herbeigerufene Schutzpolizei nahm Heinrich in Schutz- hast und brachte ihn zur Wache. Niemand hatte den Kriminal- beamten angegriffen, infolgedessen kann keine Notwehr vorgelegen haben. Schönwctter, ein 42jähriger Maurerpolier, Klitscher, ein S4jähriger Maurer, beides ruhige und vernünftige Familienväter. waren weit davon entfernt, zu einer Einbrecher- bände zu gehören, auf die der Kriminalassistent Heinrich hätte fahnden können. Die Meldungen der Zeitungen haben die Wirk- lichkeit ins Gegenteil verkehrt. Die von dem Rechtsbeistand unternommenen Schritte werden hoffentlich eine vollkommene Klärung der bedauerlichen Dorgänge in der fraglichen Nacht bringen. Ter Strasteulauf der Arbeiter Leichtathleten. Morgen, Sonntag, findet der alljährliche Straßenlauf der Arbeitersportler statt. Ueber 1000 Meldungen sind für die einzelnen Stafetten«ingegangen. So werden sich an der H a u p t- staffel, die über 6500 Meter fuhrt, 13 Läuier mit beliebigem Wechsel, in der Klasse A 16 und in den Klassen L, C und D 15 Mannschaften beteiligen. Die Strecke für die Jugend beträgt 2300 Meter und ist mit 10 Läufern zu bewältigen. Hier streiten 19 Mannschaften um den Sieg. Von den Sportlerinnen wollen sich 7 Mannschaften in der 2000 Meter betragenden Strecke messen. Die Gruppe der Turner, Schwimmer, Fußball.» spieler usw. ist mit 12 Mannschaften auf der 3000-Meter- Strecke vertreten. Schüler und Schülerinnen laufen eine lo-mal«�- 100-Meter-Stafette mit 17 Mannschaften. Auch die Einzel- läuf«r und Geher beteiligen sich mit über 50 Teilnehmern an dem Lauf über 6500 Meter. Acht Lastkrastzüge�besördern die Läuser zu den Wechselstellen. Don der Olivaer Straße im Osten bis hinaus nach Treptow(Paradiesgarten) werden Arbeiter- sportler für ihre Idee werben. Start der Stafetten: 4 Uhr nach- mittags Kinder: Petersburger Ecke Landsberger Straße. 4 Uhr nachmittags: Sportlerinnen: Baltenplatz. 4.05 Uhr nachmittags Jugend: Warschauer Ecke Romintener Straße. 4,10 Uhr nachmittags Turner, Fußballer, Schwimmer usw.: Warschauer Brücke. 4,05 Uhr nachmittags Hauptstasette: Treptow, Paradiesgarten. 4,05 Uhr nach- mittags Einzelläufer und Geher: Treptow, Paradiesgarten. Es werden folgende Etraßenzüge durchlausen: Treptower Chaussee, Schlesische Straße, Oberbaumbrücke, Warschauer Brücke, Warschauer Straße, Baltenplatz, Petersburger Straße, Elbingcr Straße. Das iel befindet sich aus dem Sportplatz Friedrichshain. ort finden auch ab 4 Uhr nachmittags Hockey- und Handballspiele statt.'_ TNarienburg Aeier im Rundfunk. Für Städtejubilöen scheint die Zeit fruchtbar zu sein: Lübeck feiert seine siebenhundertjährige Reichsfreiheit, Marienburg sein sechshundertsünfzigjähriges Bestehen. Daß der Rundfunk es dem ganzen Land möglich macht, an solchen Festen teilzunehmen, ist sicher zu begrüßen, zumal wenn dabei den „Gästen" eine so würdige Feier geboten wird, wie gestern abend anläßlich des Marienburg-Gedenktages. Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 4, Beethovens Eroiea, vom Funkorchestcr unter der Leitung Bruno Seidler-Winklers gebracht, war die Umrahmung der Gedenkrede, die der Oberpräsidcnt der Provinz Ostpreußen, Dr. S i e h r, hielt. Gewiß war es ihm nicht zu ver- argen, daß er nicht nur eine Entwicklungsgeschichte der Stadt Marienburg gab, sondern darüber hinaus der Bedeutung des ganzen ostpreußischen Lande» gedachte, das am 11. Juli 1920 ein so wuch- tiges Bekenntnis zum Deutschtum, ablegte. Tragöüie am Rheknufer. Eine Frau mik zwei Kindern in den Tod. Zwischen Biebrich und S ch i« r st e i n hat sich am Rhein» ufer gestern«ine furchtbare Tragödie abgespielt. Ilm 6 Uhr morgens sah man am Eingang des Schiersteiner Hafens ein schweres Bündel im Wasser treiben. Bei der Be» sichtigung stellt« sich heraus, vaß es sich um die zusammengeschnürten Leichen einer Frau und zweier Kinder, eines Knaben und eines Mädchens, handelte. Die Feststellungen ergaben, daß Selbst» ni o r d vorliegt. Nach vorgefundenen Ausweispapieren handelt es sich um die verwitwete Frau Dr. Wvlfsleben aus Vohwinkel. die mit ihrer elfjährigen Tochter und ihrem neunjährigen Sohn an» scheinend erst gestern zugereist war. Schweres Automobilunglück in Holland. Am Freitag ereignete sich auf dem Driebergschen Weg bei Z e i st ein schweres Automobilunglllck. Als bei einem Bahnübergang ein großer, vollbesetzter Automobilomnibus einem herannahenden Auto- mobil ausweichen wollte, kam es zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen dem Omnibus und einem Zuge der elektrischen Eisenbahn. Der Autobus wurde vom Zuge in der Mitte durch. geschnitten. Sämtliche Insassen des Autobus erlitten schwere Verletzungen. Eine Dame war sofort tot. Ein Fahrgast verfiel in Wahnsinn. Bis jetzt sind sieben Schwerverletzte eingeliefert. Groß- berliner Partemachrichten. 1>l.»tt.»»d»»t>»kl. Sonnabend S'v llbr bei Scymann. Woltersdorfcr StraZi«, »rweilrrt« Borltanbosituna unter SinjuAicbuna dca eitrrnbcirats sowie it* Babloorftande» mu eitttsbeixaUwaltl GewerMastsbewegung Rationalisierung nach unten. llnternehmerdiklatur in der Herrenkonfektion. Vom hauptvorstand des Deutschen Bekleidungsarbeiteroerbandes ivird uns geschrieben: In der Herrenkonfektion hat der Arbeitgeberverband den Reichstarifoertrag gekündigt und dazu sehr umfang- reiche und einschneidende Verschlechterungen verlangt. Der Deutsche Bekleidungsorbeiterverband hat demgegenüber eine Reihe Anträge auf Verbesserung des Reichstarifes gestellt. Zu dieser Situation hat der Arbeitgeberoerband in der Woche nach Pfingsten in einer Ausschußsitzung Stellung genommen und Beschlüsse gefaßt, wie er von seinem Standpunkt aus den Reichs- tarif gestaltet und durchgeführt wissen will, hierauf hat er zu Mittwoch, den 26. Mai, die Vertreter der Gehilfenverbände zu einer Verhandlung geladen und dort erklärt, daß alle Anträge auf Der- besserung des Reichstarifes von ihm unbedingt abgelehnt würden. Der Arbeitgeberverband habe zu allen Punkten des Reichstarifes Vorschläge ausgearbeitet, die er den Arbeitnehmer- Vertretern zur Kenntnis bringt, mit der Erklärung, daß in keinem Falle einer Aenderung dieser Vorschläge stattgegeben werde. Weitere Verhandlungen zwischen den Parteien würden hieran nichts ändern und auch Verhandlungen vor einem Schiedsgericht lehne er ab. Wenn eine Anerkennung dieser Dorschläge durch die Arbeitervertreter nicht erfolge, würde er von sich aus sofort die Beschlüsse des Ausschusses in einem Rundschreiben an seine Mit- glieder herausgeben und diose verpflichten, nach den vom Arbeit- geberoerband beschlossenen Verschlechterungsanträgen sofort die Entlohnung durchzuführen. Bei einer solchen Nichtachtung der Arbeiterorganisationen, sowie bei der Belastung der Verschlechterungsanträge, war es den Ver- tretern der Arbeiterschaft einfach unmöglich, hierzu die Zustimmung geben zu können. Die Unternehmer in der Herrenkonfektion werden nunmehr versuchen, auf dem Wege des Diktats ihre Absichten zur Durch- führung zu bringen, die im wesentlichen darin bestehen, daß eine erhebliche Reduzierung des Heimarbeiterzuschlages eintreten soll, der Q u a l i t ä t s z u s ch lag sowie die Arbeits- zetten und Berarbeitungsoorschriften verschlechtert werden sollen und durch Einführung einer neuen niedrigen Serie für Hosen und Westen wie für Großstücke und Loden weitere erhebliche Verschlechterungen eintreten. Bei dieser Sachlage hat der Deutsche Bekleidungsarbeiter- verband Veranlassung genommen, sofort das Reichsarbeits- Ministerium onzurusen. um durch Verhandlungen vor einem von diesem gebildeten Schiedsgericht eine endgültige Entscheidung herbeizuführen. Pflicht aller Konsektionsarbeiter und-arbeiterinnen ist es, das Ansinnen der Arbeitgeber unbedingt mit aller Ent- schiedenheit abzulehnen und keinerlei Vereinbarungen, dle eine Verschlechterung des bisherigen tariflichen Zustandes bedeuten. anzuerkennen. Es gilt, die Entscheidung des Schiedsgerichts obzu- warten, und von dessen Ergebnis wird es abhängig fein, ob für die herrenkonfekton wieder eine reichstarifliche Regelung zustande kommt. vie öetriebsratewahlen bei Ser Reichsbahn. Das Ergebnis im Direktionsbezirk Verlin. Bom Einheitsoerbdnd der Eisenbahner wird uns geschrieben: Nachdem der Bezirkswahlvorstand das Wahlergebnis endgültig festgestellt hat, zeigt sich, daß die Wahl im Direktionsbezirk Berlin der freigewertschastlichen Organisation der Eisenbahner, dem Einheitsverband, einen glänzenden Erfolg gebracht hat. Zum Bezirksbetriebsrat der Reichsbahndirektion Ber- lin einschließlich der Werkstätten der Bezirke Stettin und Osten lWerkstättenbezirk) wiirl�n von 28 745 Wahlberechtigten 22 912 Stimmen abgegeben. Das entspricht einer Wahl- beteiligung von 79,68 Proz. Ungültig waren 666 Stimmen. Von den abgegebenen gültigen Stimmen erhielten: der Einheltsverband IS 157 Stimmen--- 72.S proz. und 14 Sitze der ATB....... 3 879.= 17,6,, 8. die GdT....... 798,= 3,6, keinen Sitz der Jndustrieverband 1 432,= 6,4, und 1, Um einen Vergleich mit dem Ergebnis des Vorfahres an- stellen zu können, bringen wir die Zahlen des Direktionsbezirks Berlin ohne Stettin und Osten. Im- Direktionsbezirk Berlin ' wurden Stimmen abgegeben: für den Einheilsverbaad......... 13 686= 74,6 proz. .. ATD................ 2 909— 15,8. . die GdE................ 595= 3,2, . den Jndustrieverband........ 1 180= 6,4, Bei der vorjährigen Wahl erhiellen: DES..... 7 538 Stimmen GdE..... 509 Stimmen AEB..... 2 613. FEV..... 7 907 Das ergibt bei dem Einheitsverband eine Stelgerung von6148Stimmen oder 81,59 Proz.: bei dem AEV. ein Mehr von 286 Stimmen oder 10,93 Proz.; bei der GdE. ein Mehr von 86 Stimmen oder 16,89 Proz. Bei dem Nachfolger des FEV., dem sogenannten„Industrie- verband", ergibt sich ein Minus von 6719 Stimmen oder ein Ver- tust von 84.75 Proz. Dieses Wahlergebnis ist der schönste Lohn für die Funktionäre und Mitglieder des Einheitsverbandes, die im Vorjahre als Funktio- näre und Mitglieder des DEV. und des FEV. die Einigung in Berlin vollzogen haben. Die Stimmen, die im Borjahre der freie Eisenbahner-Verband erhielt, sind mit Ausnahme der geringen Stimmenzahl des Industrieverbandes restlos dem Einheit»- verband zugefallen. Die Niederlage des von Schmidtte geleiteten„Industrieverbandes* ist katastrophal. Es gilt im kommenden Jahr» alle» daran zu setzen, die Eisenbahnerkollegen auch organisatorisch zu erfaffen, die bei der Wahl für den Einheitsverband gestimmt haben. Dos Wahl- ergebnis ist zwar sehr erfreulich und der Fortschritt gegen das Vor- jähr ist groß, doch genügt die Stimmenabgabe bei der Wahl allein nicht, um den Einheitsverband zahlenmäßig und finanziell so stark zu machen, daß er die kommenden unausbleiblichen Kämpfe mit Er- folg bestehen kann. Die unorganisierten Kollegen haben durch ihre Stimmabgabe bekundet, daß ihre Sympathie dem Einheitsverband gehört. Sie müssen nun aber auch d i e Konsequenz ziehen und dem Einheitsoerband als Mitglied beitreten. V Hoffentlich erkennen auch die Kollegen, die heute noch für den .Lnduftrieverband" gestimmt haben, daß ihr Beginnen nicht nur aussichtslos, sondern auch arbeiterschädigend ist. Der Einheitsoerband heißt alle willkommen, die ehrlich gewillt sind, mit den übrigen freigewerkschaftlich organisierten Eisenbahnern gegen die Willkür der Reichsbahnverwaltung den Kampf zu führen. Internationale �rbeitskonferenz. Ausschuhberakungen über Auswandererschutz. Genf, 28. Mai.(MTB.) Die heutigen Beratungen des Ersten Ausschusses der Arbeitskonferenz betreffend den Auswanderer- schütz haben gezeigt, daß die gestern in der Volloersammlung der Konferenz aufgetretenen Meinungsverschiedenheiten in der Aus- fassung-der Ausgabe der internationalen Arbeitsorganisation im Ausschuß ausgetragen werden müssen, wenn das Hauptthema der gegenwärtigen Konferenz, die Aufstellung eines internationalen Uebereinkommens an der Hand des Entwurfes des Arbeitsamtes, erfolgreich durchgeführt werden soll. Nach den beiden Ausschuß- sitzungen von heute wurde in Konferenztreisen bereits von der Mög- lichkeit gesprochen, daß die Konferenz, statt ein Uebereinkommen auszustellen, lediglich die in dem Entwurf des Arbeitsamtes ent- haltenen Grundsätze zur Vereinheitlichung der Kontrolle der Trans- portvsrhältnisie auf Auswandererschiffen in Form von Empfeh- l u n g e n an die Regierungen weiterleiten wird, um auf diese Weise der Entscheidung der grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten aus dem Wege zu gehen. Noch schärfere grundsätzliche Auseinander. fetzungen werden für die 9. Internationale Arbeitskonferenz er- wartet, die am 7. Juni beginnt und auf der die Seeleute unter anderem den Achtstundentag auf den Schiffen durchsetz.m wollen. Zu dieser Tagung werden Reeder aus den wichtigsten Schiffahrtsländern als Vertreter der Unternehmergruppe erwartet. Besonderes Interesie bringt man dieser Tagung von englischer Seite entgegen. Der Zweite Ausschuß der Internationalen Arbeitskonferenz hat grundsätzlich die Schaffung eines besonderen Organs zur Ueberwachung der Durchführung der ratifizierten internatio- nalen Arbeitskonventionen beschlossen. Dieser Beschluß soll jedoch erst dann endgültig werden, wenn die Befugnisie dieses Organs unter Zustimmung oller beteiligten Gruppen genau festgelegt sind und jeder Widerspruch zu der Satzung der Internationalen Arbeitsorganisation ausgeschlossen ist. Di« Aufgabe des Ausschusses wird rein technischer Art sein. ver Streik bei Mertens& Jänicke beigelegt. Der Lohnabbau aufgehoben. Nach dreitägigem Streik der Bonbonabteilung in der Schoko- laden- und Zuckerwarenfabrit Mertens u. Iänicke konnte der Kon- flikt nach längerer Verhandlung zwischen dem Deutschen Nahrungs- und Genußmitteloerband der Zahlstelle Berlin und den Arbeit- gebern der Schokoladen- und Zuckerwarcnindustrie beigelegt werden. Die Arbeitsaufnahme erfolgt« einstimmig Freitag mittag zu folgen- den Bedingungen: Die Arbeitgeber verpflichten sich, dafür einzu- treten, daß für olle alten Arbeitnehmer in Berlin, die vor dem 24. April eingestellt waren, der Lohn zu zahlen ist, der vor dem 20. Mai gültig war. Maßregelungen finden nicht statt. Das Arbeitsverhältnis gilt als nicht unterbrochen. Damit ist dem beab- sichtigten Lohnabbau für ganz Berlin begegnet. Erfolgte Lohn- abzüge müssen nachgezahlt werden. Zum Streik im Großkraftwerk Rummelsburg. Die st?eikenden Eisenkonstruktionsarbeiter und Kesielschmiede im Großkraftwerk Rummelsburg haben gestern, wie bereits gemeldet, einstimmig beschlossen, den Streit fortzusetzen. Sie sind zu diesem Beschluß gekommen, nachdem der Verband der Berliner Metallindustriellen mit der Drohung der sofortigen Entlassung sie zwingen wollte, die Arbeit wieder aufzunehmen. Im Anschluß an die Versammlung fand eine Demonstration vor dem Kraftwerk Rummelsburg statt, in der in voller Disziplin die Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Streikenden zum Ausdruck kam. Es gilt nun, hie Streikenden, von denen ein erheblicher Teil bisher nicht organisiert war und daher keine Unterstützung bezieht, finanziell zu unterstützen. Dieser Kampf, dessen Verlängerung die Unternehmer wollen, muß mit einem Siege der Arbeiter enden. Sammellisten sind beim Deutschen Metallarbeiterverband, Linien- straße 83, Zimmer 4, täglich bis abends 6� Uhr(außer Sonnabend) abzuholen und auch dort wieder abzuliefern. Forderungen der Beamten in Oesterreich. Wien, 28. Mai.(TU.) Die Leamtenorganisationen der öfter- reichischen Bundesregierungsbeamten und der Beamtenanaestellten haben der Regierung eine Denkschrift überreicht, in der sie eine Reihe von Forderungen stellen und vor allem die Äuszahlunq von halb- jährigen Notstandsbeträgen in Höhe eines Monatsgehaltes ver- langen. Es wird erklärt, man erwarte eine Antwort noch vor der für Anfang Jum sestgefetzten Abreise des Bundeskanzlers nach Genf. Sollte die Amwort ablehnend sein, so werde� eine neue Beratung der Organisattonen stattfinden, in der die Frage eines allgemeinen Beamten streik» diskutiert werden müsse._* vie Sparkasse der Lank der Arbeiker. Angestellten und Beamten A.-G.. Berlin, BJallstr. 65, ist täglich mit Ausnahm« von Sonnabend von 9— 3 Uhr und 5—7 Uhr, Sonnabends von 9—1 Uhr geöffnet. Wirtschaft vie �verratene" Lanöwirtschast. Als das vorläufige deutsch-französifche Abkommen mit dem 1. April zum zweitenmal in Geltung gesetzt und dabei den fran- zösischen Gemüsehändlern beschränkte zollfreie Einfuhr von 27000 Doppelzentnern frischer Küchengewächse gewährt wurde, da war die deutsche Landwirtschaft auf ein- mal wieder verraten und verkauft. Zwar gibt es nur wenig Landwirte, die überhaupt Küchengewächse erzeugen. Das macht aber nichts. Dafür gibt es einige Gärtner, die in Frühkulturen größere Mengen von Frühgemllfe, insbesondere für den großstädtischen Bedarf ziehen und nun selbstverständlich als Vorspann benutzt wurden für die Behauptung, die deutsche Regierung nehme auf die .Belange" der deutschen landwirtschaftlichen Produktion nicht die gering st e Rücksicht. Wenn alle, die das nicht geglaubt haben, einen Taler gezahlt hätten, wäre ja schon ein ganz netter Kampfsonds für den Stahlhelm zusammen- gekommen. Aber trotzdem, in der Landbund-Presse war es so zu lesen. Jetzt teilt das Reichsfinanzministerium mit, daß bereits am 27. Mai das den Franzosen bewilligte Einfuhrkontingent für Küchen- gewächse erschöpft ist. Es darf also kein zollfreies Frühgemüse mehr über die Grenze. Nun beginnen in der deutschen Gärtnerei die größeren Gemüselieferungen überhaupt erst Ende Mai, Anfang Juni. Ausnahmen kommen höchstens in Betracht, wo es sich mn Treibhauskulturen handelt, die, wie gesogt, keine entschci- dende Rolle spielen. Demnach kann von einer Konkurrenz der franzöfischn Zollkontingente für den deutschen Gartenbau gar keine Rede sein. Es sei denn, daß man unter dem„deutschen Gartenbau" die Treibhäuser im Dahlemer Botanischen Garten und ähnlichen wissenschaftlichen und gewerblichen Instituten versteht. Also ist die deutsche Landwirffchast wieder einmal nicht ver- raten. Der Landbund müßte sich demnach revidieren und seine irre- führenden Behauptungen zurücknehmen. Wir haben berechtigte Zweifel, daß das geschehen wird. Denn Sachlichkeit in der Propaganda ist ungefähr das einzig«, was man von einem echten Dcutschnationalen nicht erwarten kann. Opposition gegen� den Handelsvertrag mit Schweden. Der Handelsvertrag mit Schweden ist noch längst nicht ratifiziert und schon meldet sich in Interessentenkreisen eine starke Opposition zum Wort. Angefangen haben damit die P f l a st e r st e i n s a b r i- kanten, die nach üblichem Rezept die Zollfreiheit auf schwedische Pflastersteine als den Ruin ihrer Industrie betrachten. Natürlich ist nirgends davon die Rede, daß vielleicht der Profit geschädigt sein könnte. Um so mehr aber betont man, daß man die Arbeiter- s ch a f t auf die Straße setzen würde, wenn man die Preise ent- sprechend den Weltmarktpreisen herabsetzen müßte.— Jetzt meldet sich weiter die Holzindustrie zum Protest. Der Wirtschastsverband dieses Gewerbezweiges, und zwar besonders die Fachgruppe Holz- Verarbeitung, findet es entsetzlich, daß im schwedischen Vertrag der autonome Zoll von 15 M. je Doppelzeittner Fensterrahmen und Türen, im Vertrag mit Oesterreich bereits auf 10,40 und im Schwedenvertrag sogar aus 6 Mark je Doppelzentner her- abgesetzt wird. Mit den Fenster- und Türentischlereien im Bunde befinden sich die F a ß h o l z s ä g e r e i e n, die sich ebenfalls in ihrer Lebensfähigkeit bedroht fühlen, immer wegen der ermäßigten tölle. Das ganze Vorgehen der Interesienten zeigt, wie sehr sich die llusionen des Großkapitals im Hinblick auf das letzte Aollgesetz zu der Zwangsvorstellung entwickelt haben, daß man auf dem wohlerworbenen Ruhekissen der Hochschutzzölle gründ- lich ausschlafen könne. Die Regierung hat ja ziemlich klein- laut bei der Einbringung der Vorlage betont, daß die Zollerhöhun- gen in der Hauptsache Verhandlungszölle darstellen sollten. Die Industrie aber will nicht von den einmal errungenen Zoll- sätzen herunter.— Die einzige Gruppe, die mit dem Schwedenoer- trag zufrieden zu sein scheint, wird von den Agrariern reprä- sentiert. Sie wissen, daß selbst die sogenannten Zollsenkungen des Schwedenverttages ihnen die Verdoppelung der bestehen- denZollsätze aus wichtige Lebensmittel garantieren. Das Ganze ist ein Beitrag zu dem Kapitel neudeutsche Handelspolitik, die dauernd vom Weltmarkt redet, aber jeder noch so Neinen Inter- essentengruppe das Recht zuspricht, das deutsche Volk seiner Export- sähigkeit zu berauben.__ Theater der Woche. vom LS. Mai bis S. Juni 192«. «olkrfLtitl! 30., 2., 7. D-s trunken« Schiff.»I., 3., I. I., 3. lubitli. t. Sxnnlet.— Stoatlich»» echaalpitOws«: 30., 8., 4. 6« tut)«« unt> Mariamn«. 81., 7. Peer®nnt. 1. Minna von Bornhelin. 2. ftoust. 0. Die Welt, in der man iich lanaweilt.— SchiNer-Zdeater: 30., 31.. 2., 3.. 3.. 6., 7. Nickel und die 30 Serechten. 1.. 4. gvrili.Pnri».— Aroll-vper: 80. Toskr. 31. Trittau. 1. Di« luftiaen Weider. 2. Baja�i: Don mortc: Di« Vogelscheuche. 3. Rosenkavalier. 4. Riaoletto. 3. gum 7Z0. Mole: Der ssreischug. 0. Aidu. 7. Vobeme.—»ammerspiele- Weekend.— Lessing.Tieater! SchMider Wibbel. — Städtisch« Oper Sdarlottenburq: 30. Rigoletw. 31.. 4. Katja Kochanvma. 1. Tonnbiiuser. 2. Tiefland. 3. Di« tvien Äugen. 3. Geschlossen« Vorstellung. 0. Äida. 7. slarinen. � Tde-ter de, Westen»! Gräfin Marija.— Ztenaissa»«. Tdeatrr: Ab 3. Die fleissia« Leserin.— Die Tridän«: Der Rubikvn.— Deutsche» Känstler-Tdeate»: Der frölfliche Weinberg.— Berliner Tbeater: Donneiwettcr. oan» f-wo»!— Reue, Theater am g»»: Der alt« Dessauer.— Ressde»,. Theater: V-rhoten« Küsse.— iZentral-Zheateri Eva Bonheur.— The�rr am Schisfbauer. dämm- Di« ff reter.— Komische Over: Berlin ohne Semd.— Luftspielha»»: «b 3. Au, heiterem Simmcl.—«etropal-Theater: Di« Rächt der Rächt«.— Theater i»»er«Sd-wstrahe: Evreewaldmädel.— Theatrr am«»rfürfteudam»! Rebhuhn.—«leine» Theater: Seitensprllna«.—«-llner.Zheater. Der heilig« Brunnen und Blaneo Vosnet, Erweckung. �»»se.Zheater: Ch:, deine Mutter. Kassuo-Theater: Da» verlorcnr Paradies.— Schlohpark-Theater Stegli»: Krone und ffessel. «aN-tShar: 30.. 3. Judith.— Staatliche» Schaulpielha»»: SO. Eharlci,, Tante.— Lessiua- Theater: 30., 1114 Uhr. Matinee: Tnvetanlortill�.— Theater de,«eftru»: 29.. 4 Uhr. Schtieewittchen. 30.. 2 Uhr. Schneewittchen. 30.. 4 llhr, Gräfin Mari«.— ?e»tral. Theater: 30.. s. Bundurl).—«ose.Theater(Garte udithne): Di» a«. schieden« Jungfrau. Vrranlwortli» für Politik:«ruft Reuter: Wirtschaft:«rtur Sat'ru»,: Gewerkschaftsbewegung: ffrirdr.«»kor»: ffeuilleton:«. ch.»»lch«r: Lokale» und sonstige»: ffrifc Karstadt: Angeiacn: T» Slock«: sämtlich in»erlin. Verlag. Vorwärts-Verla» S. m. b. ch., Berlin. Druck: Borwärts-Buchdruckerei und B-rl-asanss-lt Paul Einaer u. E-.. Berlin 6SB«8. Lindenstrah« 8. Sterbekasse Nr. 56 Berlin Zweck» Aulwertung der Etexbegeldan- fprüche wollen sich die Mitglieder, die ihre Mitgliedschaft nicht wieder aufgenommen hoben, bi« zum 10 Juli einschiiehlich bei dem Unterzeichnkien Montag, Mittwoch, Freitag von 3—0 Uhr melden. ver vorstand Bcrgemann. Transvaalstr 13,». II l. Adolf Hoffmana Episoden und Zwischenrufe au» der Varlament»- und TRitiisterzeik. 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