Abenöausgabe Nr. 259 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 127 Btjuflsbrtineuitfun unb«nzelseiwrels, Bit in b«t äBotgtnaiuflab««nswbfn Rebadion: sw. 68, Cinbenfltati« 3 Aer-sprecher- VSnhoff 292— 297 Sclvllbten«: Sojlalbenoftal Becli« Volksblatt (�10 Pfennig) Zreitag 4. Juni 1426 Scrlaa unb Anzeig«»ab tetlun»: TesS ästezelt»—8 Übe » erlege«; Botroätts-DctiaB GmbH. Setlln STD. SS. Clnbenffcafic 3 Fernsprecher; vSnhofs 262— 2BT Zentralorgan der Bozialdemokrattfchen partei Deutfcblands f\n die Hewertjchastsmltglieöer! Zwölfeinhalb Millionen deutscher Männer und Frauen haben im März 1926 den Volksentscheid über die cntschädigungslose Enteignung der deutschen Fürsten gefordert. Mit dieser geroaltigen Willenskundgebung hat das deutsche Volk zum ersten Male selbst die Initiative zur Gesetzgebung in einer Frage von weittragender Bedeutung ergriffen. Es ist kein Zufall, sondern in der Geschichte des Kampfes um die Sicherung und den Ausbau der deutschen Republik begründet, daß der erste Akt unmittelbarer Gesetzgebung durch das Volk um den Sieg des Gedankens geht: Volksrecht bricht Fürsten recht! Die Fürsten selbst haben diese Entscheidung herauf- beschworen. In einer Zeit, in der Millionen deutsche Arbeit- nehmer ohne Arbeit sind und von kargen Unterstützungen leben müssen, in einer Zeit, in der viele Hunderttausende von Invaliden und sonstigen Sozialrentnern, Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen sich in Not befinden, noch einem Krieg, in dem Millionen deutsche Frauen und Mütter ihre Männer und ihre Söhne haben hergeben müssen, wissen die ehemaligen deutschen Fürsten keinen anderen Weg, ihre Vaterlandsliebe zu betätigen, als um ihres privaten Vorteils willen ungeheuer- liche Ansprüche an Geld und Gut an den neuen Staat zu stellen. Kein Wunder, daß die Fürsten mit diesen„lanbesväter- fichen" Bestrebungen auf verständnisvolle Unterstützung aller jener Kreise in Deutschland rechnen können, die noch immer darauf hoffen, eines Tages die verhaßte Republik stürzen und ihre Diktatur an Stelle des demokratischen Staates setzen zu können. Von dieser Diktatur, deren Pläne in den letzten Wochen ausgedeckt wurden, bis zur Wiederaufrichtung der alten Fürstenherrlichkeit, ist nur ein Schritt. Inzwischen sollen den Fürsten Hunderte von Mil- Berlin. Juni 1926. l i o n e n deutschen Volksvermögens als W a r t« g« l d aus- gezahlt werden. Die Reparationszahlungen, an denen besonders das arbeitende Volk in den nächsten Iahren zu tragen haben wird, sind in den Augen der Monarchisten offenbar noch keine genügend schwere Belastung. Das deutsche Volt soll außerdem neue schwere Lasten in Form von Reparationszahlungen an seine früheren Beherrscher auf seine geduldigen Schultern' nehmen. Das muß der Volksentscheid verhindern. Die Habsucht der deutschen Fürsten steht in umgekehrtem Verhältnis zu den Verdiensten, die sie um Land und Volk erworben haben. Die Elendsjahre seit dem Kriege sind die bitteren Folgen jener verfehlten Politik, deren verantwortliche Träger die Fürsten und ihre monarchistische Gefolgschaft gewesen sind. Es gilt, das Recht des neuen Staates, das Interesse des Volksganzen zu verteidigen gegen die Anmaßung der Fürsten wie gegen die Putschpläne der Monarchisten. Das ist die große Bedeutung des Volksentscheids am 20. Juni. Die Entscheidung tonn für die organisierten Arbeitnehmer in Stadt und Land nicht zweifelhast sein. Am 29. Juni gibt es nur eine Antwort auf die Forderung der Fürsten: Das einmütige„Ja" aller Arbeiter, Angestellten und Beamten f ü r die entschädigungslose Enteignung. Gewerkschastsmitglieder! Unterstützt die Samm- lungen für den Volksentscheid, jeder nach seinen Kräften. Eure Beiträge müssen den Weg zum Sieg bahnen. Zum Sieg des freien Volkes über seine Unterdrücker. Zum Sieg der deutschen Republik über ihre Feinde. Der Wille des arbeilenden Volkes mutz das Recht des neuen Staates bestimmen. Allgemeiner deutsiher Sewerksthastsbunö. Allgemeiner freier flngestelltenbunü. Allgemeiner veutfchee Äeamtenbunö. �...... Konten fremder Währung in. Frankreich. Ter �inanzminister gegen die Stabilisierung. Paris, 4. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Da die Kammer auf verlangen der Regierung die Diskussion über die finanzielle Lage oertagt hatte, gewinnen die Erklärungen an Bedeutung, die der Finanzminister P e r e t am Donnerstag abend in der Finanz- kommifsion abgegeben hat. Der Leiter der französischen Staats- finanzen setzte die Lage des Devisenmarktes und die Gründe des jüngsten Franken st urzes auseinander. Er gab Aufklärung über die Mittel, die zur Stützung des Franken verwendet werden. Es feien zu diesem Zweck nur ein Teil der Manöoermasse gebraucht worden, während der G o l d b e st a n d der Bank von Frankreich unangetastet gelassen worden sei. Die Rückbeförderung der Devisen französischer Exporteure werde, wie Peret ausführte, einer scharfen Kontrolle unterworfen werden. Das Gesetz, das die K a p i t a l a u s f u hr oerbietet, kann nach Auffassung des Finanz- Ministers in unmittelbarer Zukunft abgeschasft werden, sobald nämlich gewisse vorbereitende Maßnahmen ergriffen seien. Dazu gehöre die Schaffung von Konten in fremder Währung bei der Bank von Frankreich. Die Lage des Schatzamte» soll durchaus be> friedigend fein. Zum Schluß seiner Ausführungen wurde der Minister über die Stabilisierung der Währung befragt. Peret gab die Erklärung ab, daß er im Prinzip die Stabilisierung billige, jedoch erscheine es ihm vorzeitig, gegenwärtig eine kräftige Stabilisierung der Währung durchzuführen, solange die- selbe noch nicht tatsächlich erreicht sei. Um eine Marokkokonferenz. Revision des Tangerabkommens. Pari». 4. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Die Regierung gibt zu. daß in der für nächste Woche einberufenen spanisch.französischen Konferenz auch eine Erörterung über eine Revision des Statuts für die neutrale Zone von Tanger, wie sie von Spanien seit langem gewünscht werde, stattfinden wird. Die franzö- fische Regierung soll, wie verlautet, bereits auf der Madrider Kon- ferenz vor der gemeinsamen Ofsensioe gegen Abd el Krim Spanien bestimmte Zusagen gemacht haben. Am Quai d'Orsay wird die Nachricht dementiert, wonach eine Marokkokonferenz einberufen werden würde. Es wird erklärt, daß lediglich eine französisch-spanifchc Konferenz in Paris zusammen- treten werde, die sich mit verschiedenen Punkten der französisch. spanischen Zusammenarbeit in Marokko beschästigen wird. Locarnoöebatte in Frankreich. Briand in der Defensive. Paris. 4. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Im weiteren Verlauf feiner Ausführungen im Senat erklärte M i l l e r a n d die deutsche Unterschrift unter den Locarno-Berträgen reiche nicht aus, da st« nicht mehr wert sei als die Unterschrift Preußens unter dem b e l g'i s ch e n Ncutralitätsoertrog. In Locarno habe man den schweren Fehler begangen, nicht die gesamten deutschen Grenzen «nter Garantie zu stellen. Zudem stünden sich die Austastungen der jranzöjijchea und der deutschen Politik injosern schroff gegenüber, al» Frankreich eine Sicherung des Friedens durch Achtung der Friedensverträge verfolge, während Deutschland niemals ein Hehl daraus gemacht habe, daß sein Streben Nach Revision dieser Verträge gehe. Briand gab aber schließlich trotz aller Einwen- düngen zu, daß es für Frankreich unmöglich sei, die Verträge von Locarno abzulehnen. Allerdings dürfe das Abkommen von Locarno Frankreich zu keinen gefährlichen„F r i e d e n s i l l u- s i o n e n* oerführen und seine Verteidigung nicht dem Vertrage von Locarno opfern. Die Bande mit den Verbündeten in Mittel- und Osteuropa müßten im Gegenteil noch enger geknüpft werden. Kompromißlösung in Aegypten. Zaghlul verzichtet auf die Kabinettsbildung. London. 4. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Nach Mitteilungen aus Aegypten hat Zaghlul Pascha am Donnerstag auf ein- stimmiges Anraten aller seiner politischen Freuf.de daraus verzichtet, die Regierung selbst zu bilden. Er hat vielmehr A d l y Pascha oorge- schlagen, den der englische Oberkommsssar in feinen Unterredungen mit Zaghlul Pascha und König Fuad als die einzig« für England erträglich« Persönlichkeit bezeichnet hatte. London, 4. Juni.(EP.) Der Verzicht Zoghluls Paschas auf die Kabinettsbildung hat sowohl in den konservativen als auch in den liberalen Kreisen lebhafte Befriedigung hervorgerufen. Der »Daily Telegraph' erklärt, daß hierdurch die Wiederholung diplomatischer P r o t e st e im Interesse de� Sicherheit auswärtiger Untertonen, wie sie vor einem Jahre von Amerika, Italien und Griechenland erhoben wurden, unmöglich gemacht würden. Im Auslande sollte man daher die energische Haltung des eng- tischen Obcrkommistors mit Beifall begrüßen. Er habe die Sicher- heit für stemde Staatsangehörige in Aegypten garanllert.— Der .Daily Herald' dagegen führt die Unzufriedenheit auf die gepanzerte Faust zurück, die England in Aegypten zeige. Dieser Politik sei das Mißtrauen und die geringe Sympathie Eng- land gegenüber zu verdanken. Während der englische Minister zu Hause den K o n st i t u t i o n a l i s m u s in den höchsten Tönen lobte, treten sie ihn mit Füßen, wenn er sich mit den so- genannten britischen Interessen vereinige. Di-se heuchlerische Haltung der englischen Minister verstärke die Antipathie der Aegypter mit Recht. mmm A memMW! Um Montag, den 14. 3uni, abend» 7 Uhr, wird eine große Kundgebung im Luftgarten stattfinde«, die der Werbearbeit für den Volksentscheid dienen soll. Alle parteigenofien, Gewerkschaflsmltglieder und sonstigen Republikaner werden gebeten, sich diesen Tag freizuhalten und für ein« gewallige Veteiligung an der östentlichen Demonstration zu werbe». Alles Rähere wird sfläter mitgeteilt. Rechtskurs in Schweden! Der Sieg des Bürgerblocks. Stockholm, den 2. Juni.(Eigener Bericht.) Die sozialdemokratische Regierung in Schweden ist einem Bürgerblock erlegen, wenn auch dieser Bürgerblock nicht programmatisch geschlossen ist und die Gründe, aus denen die bürgerlichen Parteien gegen das Kabinett stimmten, vcr- schieden waren. Im Grunde steht die gleiche Tendenz hinter dem Verhalten aller bürgerlichen Parteien, ob sie sich Volks- freisinnige oder Liberale, Bauernparteiler oder Konservative nennen. Man will dem„Gewerkschaftsterro r", wie ein beliebtes bürgerliches Schlagwort in Skandinavien heißt, zu Leibe: die verhältnismäßig starke Stellung, die sich der skandinavische Arbeiter verschafft hat, soll beseitigt werden. Das wollen alle, die Handwerker und Mittelständler der Volks- freisinnigen, die Beamten der liberalen Partei, die 5?ofbesitzcr der Bauernpartei und Adel wie Jndustrie in der konservativen Gruppe. Man hatte sich erst B r a n t i n g, dann S a n d l e r als Ministerpräsidenten, U n d 6 n als Außenminister, Möller als Innenminister, die ganze rein sozialdemokratische Re- gierung seit dem Herbst 1924 gefallen lassen, man hatte ihre Abrüstungspolitik, ihre friedliche Außenpolitik ertragen urd sie in ihrer maßvoll-oorsichtigen Arbeit nicht gestört, bis eine brennende Frage der sozialen Gegensätze das Kabinett zu Fall brachte. Sind Arbeitslose verpflichtet, in einem Betrieb, in dem kein allgemeiner sondern nur ein „wilder' Streik herrscht, Arbeit anzunehmen? Die Regierung sagte Rein, die bürgerliche Mehrheit sagte Ja, und damit war der Konflikt gegeben, war die Sozialdemokratie mit ihren 194 von insgesamt 239 Sitzen isoliert. In der Abstimmung kam der vereinte Wille der bürgerlichen Parteien zum Aus- druck, die politische Machtstellung der Arbeiter zu brechen. Aber dieses Ziel ist letzten Endes negativ und da eine Regierung schließlich positiv arbeiten soll, so wird auch die neue Regierungsbildung in Schweden nicht sehr leicht sein. Da die Volksfreisinnigen durch ihr Abschwenken vom sozialistischen Kabinett der Stoßtrupp gewesen sind, der die Sozialisten stürzte, hat der König Herrn E k m a n n, den Führer der Freisinnigen, mit der Kabinettsbildung beaustragt. Er will, das ist in der bürgerlichen Presse schon vor dem Sturz der Regierung diskutiert worden, versuchen, eine Re- gierung auf breitester Basis zustande zu bringen. Diese breite Basis ist aber, wie gesagt, nur im negativen, nur in der Ablehnung der Arbeiterschaft im Bürgertum Schwedens und in seiner politischen Vertretung vorhanden. Die Schwierigkeit positiver Zusammenarbeit beginnt schon zwischen den beiden linken bürgerlichen Parteien, den Freisinnigen und den Liberalen. Unsprünglich waren sie� eine Partei. Vor einigen Iahren erfolgte jedoch die Abspaltung der Freisinnigen, unter welchem Namen sich die A l k o h o l o e r b o t s a n h ä n g e r Schwedens verbergen, weil der liberale Parteitag nicht dazu zu bewegen war. die damals große liberale Partei für ein Alkoholverbot festzulegen. Seitdem find Freisinnige und Liberale feindliche Brüder, der eine spricht dem anderen jedes sittliche Niveau ab. Hier liegt die größte Klippe für eine bürgerliche Regierungsbildung, denn Bauernpartei und Konservative sind, ihrer Presse noch, eher geneigt, siir eine Bürgerblock-Regierung einen hohen Preis zu zahlen. Die Baueinpartei hat ein A g r a r p r o g r a m m, das der schwedischen I n d u st r i e und dem schwedischen Hand- werk ein Greucl'ist, und es ist fraglich, ob man sie zu mehr haben will, als zu einer wohlwollenden Unterstützung: aber auch als Nnterstützungspartei hat sich die Bauernpartei bisher als sehr unzuverlässig erwiesen. Dagegen sind die Kon- servativen eigentlich am meisten erfreut über eine frei- sinnige Regierung. Das sollte eigentlich den Freisinnigen zur Genüge sagen, wessen Spiel sie betrieben haben. Die kon- scrvative Presse erzählt, daß man zwar in der Frage de? Militärbudgets die verhältnismäßige Abrüstungs- freundlichkeit der Freisinnigen verabscheue, man auch die abstinenzlerische Tendenz der Freisinnigen Partei für unsinnig halte, aber einmal sei die Frage der Militärordnung nicht aktuell, ferner müsse man den Freisinnigen in ihrer Alkoholbekämpfung eine anerkennenswerte Moral zubilligen und schließlich handele es sich im Augenblick darum, durch eine „vernünftige" Wirtschaftspolitik Industrie, Handwerk und Landwirtschaft„h o ch z u h c l f e n", statt sonalcr Humanitätsduselei wieder straffe Oekonomie zu halten. Das heißt: erstens Schutzzoll für die Eisenindustrie und andere Branchen, zweitens Abbau der Sozialgesetzgebung und drittens Umlegung der Steuern durch Abbau der den Besitz belastenden Steuern und„Aufbau" der Steuern, die die Masse zu tragen hat. Diese Dinge dürfen die Freisinnigen ihren Anhängern natürlich nicht so offen vorsetzen: denn die Abstinenzvaröle hat so manchen Kleinbauern und Arbeiter zu den Freisinnigen gelockt, der durchaus sozial eingestellt ist. Aber man kennt auch in Schweden die in Deutschland gut bekannte Hintertür: Beamtenregierung. In den Diskussionen der bürgerlichen Presse tritt immer wieder die Möglichkeit in den Vordergrund, durch Besetzung der Fach- Ministerien mit Beamten, die der R e ch t e n nahe stehen, auch diese zufriedenzustellen. Wie auch die endgültige Regierung aussehen möge, das eine steht fest, daß die Freisinnigen mit ib.rem Sturmlauf gegen das sozialistische Kabinett sich in eine Abhängigkeit von der bürgerlichen Rechten begeben haben, die nur in einen Rechtskurs der neuen Regierung ausmünden kann. ' Vielleicht hat dieser Zustand das Gute, daß die unteren Beamten der Liberalen und die Kleinbauern der Freisinnigen bald einsehen, für wen sie mißbraucht werden und so das Bürgerblock-Kabinett bald wieder verschwindet. Mahrauns geheime denkfchrift. Ein Ultimatum an„Jungdo". Seit längerer Zeit spielt in der Rechtspresse die geheime Denkschrift des Herrn M a h r a u n, des Hochmeisters des Jungdeutschen Ordens, an den Reichswehrnünister eine große Rolle. Ganz besonders ist es die„Deutsche Zeitung", die sich mit dieser Angelegenheit täglich sehr aufgeregt beschäftigt. Run ist diese geheime Denkschrift noch immer geheim: über das, was in ihr steht und was nicht in ihr steht, wird zwischen denen um C l a ß und denen um Mahraun heftig gestritten, aber dieser Streit um die große Unbekannte wirkt doch in hohem Maße aufschlußgebend. Jetzt ist es Otto o. S ch i l l i n g. der in der„Deutschen Zeitung" schreibt: Mitte April wurde uns dann zugleich mit einer Warnung vor bevorstehenden Mahnahmen des preuhischen Innenministeriums Kenntnis gegeben von einer Denkschrift des Herrn Mah- raun, die dem auf der Rechten mißtrauisch beobachteten demokratischen Reichswehrmini st er und dem wegen seiner Abneigung gegen die vaterländischen Verbände bekannten„Bureau des Reichspräsidenten" eingereicht worden sei. An die Wahrheit dieser unglaublich klingenden Meldung haben wir aber erst geglaubt, als uns Einzelheiten über die von Herrn Mahraun gegen uns nahestehende Herren in der Denkschrift erhobene Be- schuldigungen mitgeteilt wurden.... Aus dieser Mitteilung geht hervor, daß irgendwo an amtlicher Stelle ein Vertrauensmann der Tlaß- Gesellschaft sitzt, der diese über alles unterrichtet, was ihren Plänen hinderlich werden könnte. Auch über die Haus- suchungen, die am Abend des 11. Mai vorgenommen wurden, waren die Rechtsverbände schon am Nachmittag desselben Tages unterrichtet. Weiter geht aus dieser Mitteilung hervor, daß im Lager der Rechtsverbände Dinge vorgehen, die sowohl dem Reichs- w e h r m i n i st e r als auch dem Bureau des Reichs» Präsidenten verborgen bleiben sollen und daß die Unter- richtung dieser amtlichen Stellen als Verrat betrachtet wird. Herr v. Schilling spricht das noch deutlicher aus: Mag dahingestellt bleiben, ob die Seoeringschen Pläne In bezug auf Putschhetze mit der Denkschrift des Herrn Mahraun nur zeit- lich oder auch ursächlich zusammengefallen sind. Die sich hinter Mahraun stellende Ordensleitung betont aber ausdrücklich, daß sie„jederzeit wieder eine solche Denkschrift einreichen würde". Das ist, wie niemand bestreiten kann, eine unerträgliche tage. Infolgedessen sind wir gezwungen, in aller Oeffentlichkcit an den „Iungdeutschen Orden" die Frage zu richten, ob er gewillt ist, diese Machenschaften des Herrn Mahraun ebenso wie die Ordensleitung gutzuheißen und zu decken? Tut der„Iungdeutsche Orden" das, was wir uns gar nicht denken können, dann schließt er sich selbst au» der Gemeinschost aller vaterländischen Verbände au» und rückt für uns weit hinter das Reichsbanner Sclzwarz-Rot-Gelb an die Seite des Roten Front- kämpferbundes. Vielleicht ist er dann sogar noch weitaus gesährlicher sür'-das vaterländische und völkische Deutschland als der letztgenannte Kommunistenbund. Denn der„Iungdeutsche Orden" würde für viele noch immer die Rolle des Wolfes im Schafspelz spielen. Entsprechend wäre unserseits die offene und rücksichtslose Kampfstellung einzunehmen. Wie gegen alle Verräter und Denunzianten! Wir warten auf Antwort. Also, unwürdig der Zugehörigkeit zu den„vaterländischen Verbänden". Verräter und Denunziant ist, wer amtliche Stellen wie dem Reichswehrminister und das Bureau des Reichspräsidenten über die Vorgänge innerhalb jener Ver- bände unterrichtet. Offener kann gar nicht ausgesprochen werden, daß sich die„vaterländischen Verbände" selber als einen Geheim- b u n d, als eine Verschwörergesellschaft betrachten, deren Handlungen und Ziele den maßgebenden Stellen des Reiches verborgen bleiben sollen. Unter diesen Umständen muß es als eine schamlose Heuchelei und als bewußte Befchwindelung der Oeffentlichkeit bezeichnet werden, wenn die Rechtspresse die Aktion der preußischen Regierung als un- berechtigt und auf falschen Voraussetzungen beruhend hinzu- stellen versucht. Was Herr o. Schilling schreibt, ist der beste Beweis dafür, daß diese Aktion berechtigt und not- wendig war.'_• wiking-Schwinöel. Die vertrauensseligen geldspendenden Bürger. Auf eine sehr einfache Art, Geld zu machen, ist der Führer des Braunschweiger Witingbundes gekommen. Er kannte die Ahnttngslosigkeit des honetten Bürgertums in politischen Dingen, wußte, daß Industrie- firmen und sonstige über reiche Mittel verfügende Kreise auf jeden Schwindel, wenn er schwarzweißrot an- gestrichen wird, hineinfallen Ünd handelte eben nach seiner Kenntnis. Er schrieb an den früheren„L a n d e s st u r m w a r t" des Wikingbundes in Braunschweig einen Brief, aus dem die ganze Verworfenheit der Abenteurer aus dem Wikingbunde hervorgeht.'Die in dem Brief genannten Firmen erfreuen sich, wie uns aus Braunschweig geschrieben wird, beim .Bürgertum des allerbesten Rufes. Um so bedauerlicher ist es, daß gerade sie von einem Schwindler so tief eingeschätzt werden und daß auch sie für jeden schwarzweißroten Firlefanz Geld über haben. Wir geben das Musterstück eines Wiking-Briefes hier im Wortlaut wieder: Hans Bergcr, Magdeburg, den 2. Juli 1925. Braunschweig, Thomaestraße 12. Mein lieber Robby! Run bin ich schon einige Tage in Magdeburg. Ich bin In ziem- lich niedergeschlagener Stimmung. Das Geschält ist hier faul und habe ich bis jetzt nichts verkauft. Mein Geld ist beinahe alle. Von morgen ab känn ich kein' Mittagbrot mehr essen. Wenn ich an Hannover denke, bekomme ich es mit der Wut. Denn nur dadurch ist es gekommen. Adolf Lampe Ist für mich erledigt. Er versprach mir bis zu meiner Abfahrt noch mindesten» 15 M. zu bringen, aber wer nicht da war. war Herr Lampe. Da» ist Kameradschaft. Ich gebe meinen letzten Pfennig, damit wir uns nicht blamieren, und andere find krumm, wenn sie sich bücken. Run hör mal zu. Natürlich darf das wte bei Becker nicht wieder vor- kommen. Es war ein S k» n d a l. Run mußt Du Geld besorgen. Wie Du diese» machst, will ich Dir jetzt erklären: Ein blauer Aktendeckel. Vorn darauf die Ausschrist: List«. Wiking- Bund, Ortsgruppe Braunschweig. Innen rein kommt folgendes: 1. Die Dienstvorschrift, 2. Befehle von München, 3. einige Nachrichtenblätter von uns, 4. eine Mitgliedskarte usw., 5. Die Bestätigung von Hannover zum Sammeln. Vorn vor kommt die Z e i ch n u n g s l i st e, die sieht so aus: Liste I. wickingbund. Ortsgruppe Braunschweig. Name Wohnung Betrag Meyer-- 30.— us«. Damit auf der Liste schon einige Namen stehen, schreibst Du folgendes darauf, die Schrift ungefähr so, wie ich es hier angebe: (Ter Schreiber verstellte dann seine Handschrift. Die Red.) O. Winkelmann.... H. LitolffS-Verlag... Longerfeldt..... (Das ist dl« alte Frau Langerf) Carl Wenning.... 60.—(mit Kopierstift) 60.—(Tinte) 30.—(mit Kopierstift) 20.—(Blei) 20.- gezeichnet. Aber sei beruhigt. Folgenden: Nun gehst Du mit folgendem nach Firma Cbininsabrll Buchlcr u. To. Franlsurter Tir. G. wcstrrmar.a, RiddagZ- häu:er Weg Vustav Cchuchart, Tack H. Müller sen. Komm-Rat Amme Diese Namen kannst Du getrost aufschreiben, da fragt keiner noch. Und wenn, dann haben sie früher für das Iungkorps etwas Rudolph Poll. Bordelftr. Tdormann u. Zchröder.Alt stadlmartt, Ecke Pojtflr. Herbst Weinstuben, Fricdrich-Wilhelm-Ttr. Th. Bewig, Lederhandlg., Poststraize an den zu wendenden Herrn Herr Buchlcr, Kauf- mann. Inhaber Ritlm. a. D. Hillig (Mivnh.) Herr Heller W. Grote Prioatwohnung Teller str. Herr Poll die deste Zetr etwa zu sven- dcndcr Betrag morg. geg.'/«H nachm. vorm. Herr Thorman Herr Heubner sen. millagZ Herr Bewig vorm. Wenn Du in Uniform gehen kannst(wenigstens Rock und Mützcf, ist es natürlich besser. Du kannst Dich ja bei Rühe umziehen. Wenn Du alle erledigt hast, bekommst Du neue Adressen. Als Grund sürs Geld gibst Du an: Reisekosten und verpslequnq sur drei Wochen(72 Mann) nach Süstrin. Natürlich streng vertraulich. Die Leute sogen aber sowieso nichts. Wenn Du es so machst, wie ich es Dir gesogt habe, kannst Du auf obige Beträge rechnen und Deine Jung mannen und Führer wissen von nichts. Nun möchte ich Dich bitten, mir schnellstens etwas Geld zu senden, da ich mein Hotel nicht bezahlen kann. Geld kannst Du in Brief schicken. Wenn es mir besser geht, komme ich bald einmal rllber. Aber, Robbie, lasie mich nicht im Stich und sang mit Sammeln auch sosorl an, damit wir beide aus-unsere kosten kommen. Wenn die Sache am Freitags und Sonnabend gut klappt, besuche mich Sonntagnachmittog. Für Sonntagvormittag schlage ich Dir vor, mit den Mannschaften in llnisorni zum Germaniabad zu gehen. Antreten 6 Uhr früh bei S. M., Abmarsch 6 Uhr 15, Rückmarsch von dort um 11 Uhr bis'zum Theater. Hinmarsch! Wendentorwall. Pockelstr., Kl. Exerzierplatz. Bültenwcg. Rückmarsch: Querum, Gliesmarode, Gliesmaroder Str., Bodeftr., Kaiser-Wilhelm-Str., Theater. Sonntagnachmsttag kommst Du dann(meinetwegen mit Braut) nach hier. Abfahrt dort 1 Uhr 58. Ankunft hier um 3 Uhr. Nun will ich schließen, ver Stahlhelm ist hier belämmerk. Schreib bitte bald. Heil und Sieg in allen Logen und Wickingheil Haus Berger, Magdeburg, Hotel„Thüringer Hos", Bahnhofstraße. Betress- Stendal Hobe ich dem Friedericus geschrieben (Stahlhelm). Bitte um ein Wickingheil an Mannschaften und Führer. Berger. Wie abgefeimt dieser Witlngbursche ist, geht daraus hervor, daß er die Namen derjenigen Braunfchweiger, die angeblich schon Geld gezeichnet haben sollten, abwechselnd mit Tinte. Kopier st iftund Blei nachzuahmen versucht hat. Er kennt auch die oermögenden Kreise derart genau, daß er weiß, daß sich später eintragende niemals er- kundigen würden, ob derjenige, der vorn auf der Liste gc- zeichnet hat, die Zeichnung tatsächlich selbst vorgenommen hat. Dem Witingbunde aber zu solchen Führern ein kräftiges Witingheill_**■, Die sozialistischen Studenken. In unserem Bericht über den internationalen sozialistischen Studententag in Amsterdam hat sich ein Druckfehler eingeschlichen. Die polnische Studenten- delegation hat nicht 50. sondern 500 Mitglieder. Im übrigen besteht auch in England eine sozialistische Studentenoraanisation mit etwa 3000 Mitgliedern, dazu kommen noch verschiedene nicht fesr organisierte Gruppen in kleineren Ländern, so daß die G e- s a m t z a h l der sozialistischen Studenten auf 8000 bis 10 000 ,zu beziffern som dürste. Die sranzösisch-russischen Verhandlungen über die Vorkriegs- schulden werden unterbrochen. Rakowski ist nach Moskau gereist. um neue Instruktionen zu holen. Frankreich oerlangt die allmählich« Abzahlung von 30 bis 40 Proz. des Goldwertes der Vorkriegs- schulden. Die Sowjetunion will nur 10 bis 15 Proz. anerkennen. Eine Vereinbarung ist bisher nicht zustande gekommen. Ein hastenllajsungsantrag der zu jahrelangem Zuchthaus ver- urteilten Frankenfälscherhäuptlinge N a d a s s y und W i n d i s ch- grätz ist abgelehnt worden. der öeruf. Von Johannes Berthol b. Bei der Einzeichnung für das Volksbegehren hatte ich ein kleines Erlebnis. Ich betrat mit mehreren Arbeitsleuten in unserem Bezirk das Zimmer, in dem die Listen für die Einzeichnung bereit lagen. In dem Zimmer war es still, niemand sprach. Rur die Fragen der Beamten nach Namen und Straße, das Rascheln mit den Kartothek- blättern und das Rücken des Stuhls, wenn jemand nach vollzogener Eintragung ausstand, unterbrachen das Schweigen. Vor mir harrten eine junge Frau unb ein« alte Mutter der Ein- tragung. Die junge Frau schrieb nach der Aufforderung des Be- amten rasch und sicher ihren Namen in die List«. Di« alte Mutter wollte es auch tun. Aber da sah sie auf den Listenblättern Spalten, die sie auf einmal etwas irre machten. Ihren Zunamen König und den Vornamen Emilie, mit dem Zusatz gebotene Wacker, wußte sie indessen richtig hinzusetzen. Vor der Spall«„Beruf" hielt sie ober inne. Sie flüstert« der jungen Frau zu. was sie da wohl hinschreiben könne. Sie Hab« ja eigentlich keinen Beruf, sie könne ja nicht mehr arbeiten gehen. Sie sei eine arme Frau, aus Unter- stützung angewiesen. Die alte Mutter wollt« einen Strich in die Spalte„Beruf" machen. „Aber Sie bekommen doch Rente?" „Ja, freilich," erwiderte die Mutter. „Dann sind Sie Rentnerin." Di« alte Frau griff das Wort dankbar auf und schrieb es hin, doch verwirrt ob der Stille und der Blick« der Wartenden im Zimmer. Sie oerschrieb sich, und so stand ein Name dort, über den mancher lachte. Die Verlegenheit der alten Mutter vor der Spalte„Berus" be- rührte mich aber im Jnnersten. Der Berus ihres ganzen Lebens als Arbeiterfrau, Gattin, Hausfrau, Mutter, Sorgerin noch in alten Tagen, sprach ja au» ihrer kleinen Gestalt. Gebeugt von den fahre- langen Anstrengungen am Waschfaß, niedergedrückt von den großen und kleinen Kümmernisien jhres Lebens, stand sie vor mir gestützt am Tisch. Ich sah unter ihrem Kopftuch die weihen Fäden im grauen Haar, ich sah in ihrem Antlitz die Furchen und Runzeln und darin die Augen einer guten, immerfort darbenden, gebenden Mutter. Ich sah ihre zerarbeiteten Hände, schon krumm und faltig, die von der Wärme sprachen, mit der diese Hände über Kinderköpfchen strichen, tagsüber Stuben und Säle reicher Leute blank wischten und die nacht» über die mühsam genähten Hemden und Höschen mit Lieb« glitten. Ich sah es: Pflicht und Verantwortung waren der altm Mutter Lebensinhalt und mit ihren»«rbrauchten Kräften mühte sie sich noch ums Brot. Und dies« Mutter machte mit einem Male die Frage„Beruf" verlegen.., O, wie liebte ich dip alte Mutter in diesem Augenblick! Diese Mutter, die sich ein Leben lang rechtschaffen müht«, die ausharrte an dem Platz, den ihr das Leben gewiesen, die alles gab und die noch in heiliger Verwirrung nach einem Namen suchte, um dos zu bezeichnen... I Wie wahrhaft klein und wie oerachtenswert erschienen mir da jene majestätiflt�n Größen, die das Vaterland zu lenken und zu schirmen sich berufen fühlten. Denn die Berlegenheit der Mutter um einen Namen für ihr Wirken enthüllte die ganz« Nichtigkeit eines Berufs, der königlich fein wollte und an das Borbild de; einfachen Pflichterfüllung einer Mutter nicht einmal heranreicht. „herz contra herz" Im Refldenzlheater. Die alte Geschichte vom Ehebruch, der Kammersänger Herz betrügt seine Frau und sie ihn. Sie wollen sich scheiden lassen und bleiben doch zusammen. In sechs kurzen Bildern, einem Vor- und einem Nachspiel rollt die Sache ab. Lose aneinander gereiht sind dies« Szenen. Sketche, die in sich vollkommen geschloffen sind. Nichts Neues wird gebracht, aber der Verfaffer Eugen Rex hat Witz, Grazie und Kultur, er entgleist selten ins Banale oder Kitschige. Die gewagtesten Dinge und Situationen verlieren ihren Charakter durch die witzig pointierende Form, durch die Eleganz, mit der sie gebracht werden. Da» ganze ist ausgezeichnetes Kabarett und mit ausgeprägtem Sinn für das Theater gearbeitet, geschult an besten, französischen Borbildern. Die Entschuldigungen, die Rex in einem Prolog vorbrachte, erübrigen sich, man lacht, und damit ist das Ziel erreicht. Alles ist unbeschwert, von spielerischer Leichtigkeit. Nur die Szene„Im Trocadero" gerät in entschiedenen Kabarettkitsch mit roter Be- leuchtung, schluchzender Geige, ungarischem Czarda» und belrogener, temperamentvoller Frau. Sie sollte wohl so etwas wie die Kehr- feite der Medaille, wie die Katerstimmung der Liebe vorstellen, aber sie wirkt beinahe wie eine Parodie. Die von Erich Ziegler zusammengestellte Musik bringt es manchmal zu netten Schlagerchen. dcch der Dialog bleibt das beste. EugenRex spielt bie Hauptrolle, ein Schauspieler von souveräner Komik, ruhiger, überlegener Haltung, trockenem Witz. Mizzi Metelka gibt manchmal zu- viel Temperament, betont hi» und wieder zu sehr ihr böhmisches oder magyarisches Blut und Carola Loose ist die Frau voll verspielter Sinnlichkeit, zart und schmiegsam. F. S. „Au» heiterem Himmel", keine Operette in drei Akten, er- öffnete gestern die Somnierspielzeit im Ä u st s p i e l h a u s. Der blühende Unsinn, den die Direktion Theodor Taggers hier ver- zapfen läßt, hat imcrhin eine lobenswerte Eigenschäjt: Tempo. Man lacht, weil man keine Zeit zum Nachdenken behält, weil die witzige Musik Friedrich Holländers die Gesangste�te, die Menschen, den— sozusagen— Inhalt der Nicht-Operette über die Bühne hetzt, daß es nur so eine Art hat. Daß Holländer auch für die Regie ver- antwortlich zeichnet, sei daher ausdrücklich oermerkl. Auch die kubistisch-unoerschämten Bühnenbilder Herbert D ö b l i n s tragen das ihre zur Heiterkeit des Abends bei und rücken das Ganze von dem schmalzige» Ton ähnlicher Thealervrodukte merklich ab. Die acht plus zwei Darsteller des Abends spielten nett und sloll und amüsant, und daß zwei von ihnen besonders schauerliche Gesangs- leiftungen produzierten, fei hiermit schamhast verschwiegen. Tes. Die brandcnburgische vezlrkstonferenz des Verbandes der Deutschen Dolksbühnenvereine, die im Sitzungssaal des Theaters am Bülowplatz stattfand, war gut beschickt. Der Be- zirksvorsitzende Fritz B a ll s ch m i e d e- Potsdam eröffnete die Per- fammlung und überbrachte zugleich die Grüße des Verbandsoor- standes. Das einleitende Referat über die Gestaltung von Volks- bühnensplelplänen hatte der Schriftsteller Julius Bad- Berlin übernommen. Er schilderte zunächst die Wichtigkeit der Postsbühnen. ziele, die den Krastauswand berechtigen, der von den vielen frei- willigen Mitarbeitern der Bewegung geleistet wird. Aus der Welt- literätur, ver Klassik, müssen die Volksbühnen dos Zeitlos-Lebendige spielen, aber auch die Dramatik der lebenden Generation oerdiene Beachtung. Es komme darauf an, auf der Bühne eine lebendige Menschenkunde zu vermitteln. Den Geschäftsbericht für das ad- gelaufene Spieljahr erstattete der Bezirksfekretär Fritz R. Schul;, der von einer weiteren Ausdehnung der Bolksbühncnbcwegung in der Provinz Brandenburg berichten konnte Bolle Anerkennung fand die künstlerische Arbeit der vom Verband unterhaltenen Wanderbühne, des Ostdeutschen Landcstheaters. Am Nachmittag hörten die Delegierten ein Referat des Geschäftsführers der Chemnitzer Volksbühne, O. Geil. Dieser erläuterte eine von ihm zusammengestellte interessante Ausstellung von Werbedruck- fachen und Propagandamaterial und bot somit den Versammelten überaus wertvolle Anregungen für die Vorbereitungsarbeiten zur nächsten Spielzeit. Staatliche Arbeiterbildung. In einer Sitzung der Vertreter des Handelsministeriums und des preußischen Kultusministeriums wurde den Vertretern der staatlichen Arbeiterbildungseinrichtungen, der Staatlichen Fachschule für Wirtschaft und Verwaltung in Düsseldorf und dem freigewerffchastlichen Seminar in Köln sowie den freien Arbeiterbildungsbestrebungen der Wirtfchaftsschule in Düffeldorf die weitere Schulung der wesldeulschen Arbeiterschaft durch Abendkurse in Volkswirtschaft, Privatwirtschaft und Arbeitsrecht übertragen. Die Regierungsvertreter haben für die Kurse streng fachwissenschaftlichen Charakter und größte politische Zurückhaltung gefordert. Zu den Differenzen im Bühnenoolksbund wird mitgeteilt, daß die für den 6. d. M. bevorstehende Bundestagung in Köln sich ein- gehend mit den gegen Herrn Gerft erhobenen Vorwürfen, die zum Austritt zweier Vorstandsmitglieder geführt hoben, beschäftigen wird. Herr Gerft wird in Köln selbst ausreichend Gelegenheit haben, sich gegen die erhobenen Anschuldigungen zu verteidigen. .Die väre»h«chz«it- von 31. 53. LunatscharSIii, deren filmische Bearbcitunl, von der ftilmobeiprüsftelle au»„sillHIchen" Gründen verboten wurde, ist als Bühnenwerk in der Voilsbüb neu- Verlags- und V e r t r i e b S> G. m. b. H. Berlin RD. 40. KönigSplah 7, erschienen und bereit» von einer Reihe von Theatern zur Aufführung erworben. lalroff Infzenlerk halenclever».Aullgone". Der bekannte russische Re< fllffenr Tairofi. der zuueit aus der Durchresie ln Berlin weilt, bat Hasen« cleverS„Antigone" zur Aufführung für die diesjährige Winlcrlaffon üi den Moskauer Kammertpiclen erworben. Tairoff wird jür die Jnszenicrunz persSnIiche Studien in Kreta machen. Da» Sommersell der Ilovembergruppe sindet am IS. Juni als Bordfesi auf der Schoner-Briag„Dorothea" auf dem kleinen Wannsee statt. AuS« kunft erteilt die SeschästSstelle der Noeembergruppe, Achenbachstraß« SU Behren öes enx Bortrag des Genossen Schiss vor de Vor der erweiterten Dorständekonferenz der Berliner Ortsausschusse des Allgemeinen Deutschen Gewerk- schaftsbundes und des AfA-Bundes hielt gestern abend Genosse Victor Schiff einen Dortrag über den (frohen englischen Streik und seine Lehre«. Genosse Schiff ging in der Beurteilung des englischen Streiks von der Tatsache aus, daß die englische Arbeiterbewegung bis vor wenigen Iahreif'noch rein gewerkschaftlich eingestellt war. Die Arbeiter- Partei und ihre Abgeordnetenfraktion im Parlament sind Verhältnis- mäßig spät groß geworden und noch heute sind die Gewerkschafts- Mitglieder durchaus nicht selten, die liberal, ja konservativ wählen, obwohl in ihrem Wahlbezirk Arbeiterkandidaten aufgestellt sind. Heute ist nun allerdings auch der politische Einfluß der Arbeiter- Partei im Parlament groß, namentlich durch die Unabhängige Arbeiterpartei. Zu berücksichtigen ist serner, dag das englische Volk stark religiös ist und daß nicht zuletzt deshalb ein schnelles Fort- schreiten der Entwicklung in England nicht zu erwarten ist. Der Einfluß, der sich stark arbeiter- und volksfreundlich gebenden Kirchen- Vertreter ist sehr erheblich: die Streitenden verbrachten beispielsweise ihre frei« Zeit mit Versammlungsbesuch, Sportbcteiligung und— Kirchenbesuch. Eine Jahrhunderte alt« Tradition hat die Engländer zwar zu Demokraten, nicht aber zu Republikanern gemacht. Die Königssamilie beschränkt sich auf eine rein repräsentative Vertretung- und vermeidet es, sich in Gegensatz zum Volk zu setzen. Der Unter- schied in der Psyche der englischen und der deutschen Arbeiterschaft erklärt manches beim letzten Streik, was uns unverständlich erscheint. Di« englische Gewerkschaftsbewegung ist stark zersplittert. Die Koiuentration in den etwa 500 Einzelgewerkschaften schreitet nur langsam voran, und wo schließlich eine Zusammenfassung vor- genommen wurde, geschah sie oft ohne jede Logik. Genau so kon- jervativ wie die englische Arbeiterbewegung in ihren Grundzügen ist, hält auch die Industrie an den althergebrachten Wirtschasts- Methoden fest. Daraus ergibt sich eine Schwerfälligkeit, die nicht zuletzt die Ursache der Wirtschaftskrise Englands ist. Eng- lands Kohlenindustrie beispielsweise ist am Absterben. Di« Rück- ständigkeit der maschinellen Einrichtungen, der zurückgehende Absatz, die immer weiter fortschreitende Verwendung der Elektrizltätswirtschaft und Erdölgewinnung haben schließlich dazu geführt, daß die Unternehmer den Ausfall durch Lohnabbau wettzumachen suchten. Die Kosten für die Unter- Haltung der während unseres Ruhrabwehrkampfes wieder in Betrieb genommenen unrentablen Grubenanlagen wurden teilweise vom Staat übernommen. Diese Unterstützung wurde bald eingestellt und erst eine Streikdrohung der Gewerkschaften der Schlüsselindustrien veranlaßt« den Staat noch einmal, die Subventionen zu verlängern. Der dabei mit den Gewerkschaften abgeschlossene Vertrag bestimmte, daß auf 9 Monate hin keine Kürzung der Löhne vorge- nommen werden dürfe. Eine der Internationalen Solidarität Rech- nung tragende Regelung war das gerade nicht, denn die Staats- Unterstützung wirkte auf die kontinentale Wirtschaft wie ein Dumping. Totsächlich sind die Zlrbeilslosenzlssern in den deutschen Sohlenrevieren während dieser neun Monate außerordentlich g e st i e g e n. Eine in England eingesetzte Untersuchungskommission forderte eine Re- organisation der Betriebe, die Rationalisierung des Bergbaues und die Abstoßung der unrentablen Grubenbetriebe. Bis zur Durch- führung dieser Maßnahmen sollt« ein Lohnobbau und eine Der- längerung der Arbeitszeit eintreten. Die beteiligten Gewerkschaften konnten sich-damit nicht einverstanden erklären. Sie drohten mit dem Streik, was wiederum die Unternehmer veranlahte, einen Lohnabbau zu diktieren, der bis zu 39 und gar 49 Proz. ging. Während dieses ganzen Konfliktes blieb die Regierung untätig. Sie hatte guten Grund dazu. Ihre scharfmacherischen Mitglieder hatten näm- lich in den neun Monaten ein« gute Abwehr des erwarteten Streits organisiert und es scheint fast, als hätten die Gewerkschaftsführer diese Gefahr nicht rechtzeitig erkannt. Die Regierung nahm die Disziplinlosigkeit einer Arbeitergruppe in einer einzelnen Zeitung so- fort zum Anlaß, ein Streikultimatum herauszugeben, wo- durch die Gewerkschaften ihrerseits nunmehr gezwungen wurden,- den allgemeinen Streik auszurufen. Di« Regierung b««ilte sich, mit unübertrosfener heuchlerischer Gebärde den Streik zu einem politischen zu stempeln. Sie oerschwieg dabei, daß der Streik aus denselben Wirtschaft- bchen Ursachen entstanden war, wie die Streikandrohung vor neun Monaten. Wenn die Streikandrohung damals keine politischen Hintergründe hatte, so konnte auch der jetzige Streik nicht politisch sein. Di« kommunistischen Zeitungen in Deutschland haben also mit ihrem Geschrei über den„politischen Generalstreik in England" die Absichten der englischen Regierung direkt unterstützt. tischen Streiks. t Berliner Gewerkschaftsfunktionären. Genosse Schiff gab ein umfassendes Bild der Entwicklung des Streiks nach feiner Verkündung. Obwohl längst nicht alle Gewerkschaften zum Streit aufgerufen wurden, war die Zahl der Streikbrecher sehr gering, wobei besonders zu beachten ist, daß nur etwa ein Drittel der organisationsfähigen Arbeiterschaft gewerkschaftlich ersaßt ist. Der Regierung gelang es denn auch, mit Hilfe einer gutorganisierten technischen Nothilfe einen leidlichen Verkehr einzurichten, den selbst die in Arbeit gelassenen Ge- workschastsinitglieder benutzen mußten. Der Buchdrucker st reik wurde sofort von der Regierung mit der Herausgabe eines Nachrichtenblattes beantwortet, das von der Bevölkerung eifrig ge- lesen wurde. Erst mehrere Tage später gelang es dem Generalrat der Gewerkschaften, als Gegenmaßnahme ein gewerkschaftliches Nach- richtenblatt herauszubringen, wobei große Schwierigkeiten mit der Vuchdruckerorganisation zu überwinden waren. Kostbare Zeit ging dabei verloren. �Natürlich bediente sich die Regierung für die Ueber- mittlung ihrer einseitigen Streiknachrichten auch des Radios. Mit allen Mitteln versuchte die Regierung, Streikbrecher zu werben, jedoch gelang es ihr nur in sehr bescheidenem Maße. Das ist den englischen Arbeitern hoch anzurechnen, wo nicht wenig« von ihnen eine jahrelange Arbeitslosigkeit hinter sich hatten. Der Redner wandte sich gegen das Verlangen der Kommunfften, einen kontinen- talen Sympathiestreik der Bergarbeiter zu beginnen. Das Weiter- arbeiten in Deutschland bracht« für die englischen Bergherren die Ge- fahr, ihre Absatzgebiete zu verlieren. Insofern wäre den englischen Arbeitern mit einem Sympathiestreik nicht gedient gewesen. Mehr als die internationale Kohlensperre und Geldsammlung, die durchgeführt wurden, wurde von der englischen Arbeiterschaft weder erwartet noch verlangt. Di« Fortsetzung des Streiks über feine Zeit hinaus hätte un- zweifelhaft zu� unübersehbaren Folgen geführt. England, dessen Lebensmittelversorgung zu vier Fünftel auf Einfuhr beruht, stand vor Hungerkrawallen: vielleicht hätte das der Regierung einen willkommenen Anlaß gegeben, die Arbeiterschaft blutig niederzuschlagen. Deshalb wurde der Abbruch des Streiks zu geeigneter Zeit vorgenommen und die Streikenden konnten geordnet zurückgeführt werden. Wie steht es mit der Behauptung, der Streikabbruch fei ohne Befragung der Bergarbeiter erfolgt? Genosse Schiff erklärte, daß der Streik- abbruchsbeschluß im Generalrat« i n st i m m i g gefaßt wurde, daß also auch stark kommunistisch beeinflußte Gewert- fchaftsführer . Purcell. Ben Tillet und hicks dafür waren. Das Geschrei der Kommunisten in Deutschland unter Beistand des englischen Bergarbeiterführers Cook ist nichts als eine Irreführung der Arbeiterschaft. Be- wundernswert ist die Zähigkeit, mit der die engtischen Bergarbeiter jetzt noch ihren Kampf führen, obwohl schon während des allgemeinen Streiks kaum geldliche Unterstützungen gewährt wurden. Eine Unterstützung der Streikenden durch die internationale Arbeiterschaft ist ein Gebot der Solidarität. Unter dem Beifall der Versammkung erklärte Genosse Schiff, daß jeder Generalstreik eine zweischneidige Waffe sei. Der Mangel an Elektrizität, an Gas, Wasser, Lebensmitteln und auch an Verkchrsmöglichkeitcn trifft vor ollen Dingen die Arbeiterbevölke- rung. Aus diesem Grunde dürfte kein Generalstreik zur Erringung wirtschaftlicher Vorteile verkündet werden: ein Generalstreik könne als letztes Mittel zur Abwehr politischer Anschläge in Betracht kommen. Zu einem revolutionären Kampf fehle aboc, gerade in England noch auf lange Zeit bei der Mentalität' des englischen Volkes jede, auch die kleinste Voraussetzung. Deshaih,, ist es sinnlos, wenn heute von den Kommunisten die sogenannten „reformistischen" Führer für den Ausgang des Streiks verantwort- lich gemacht werden. Von großen Gesichtspunkten aus betrachtet, ist der Verlauf des Streiks durchaus keine Niederlage gewesen, er ist im� Gegenteil zu einem unerhörten Erfolg des Klassengefühls geworden, er ist ein Erfolg des Solidaritätsgedankens schlechthin. Der Streik ist ein Sieg über die traditionelle Grundrichtung der englischen Arbeiterschaft, ein Sieg des Volkes über sich selbst. Der große Sieg der Labour Party bei der Nachwahl von Hammersmith war eine erste politische Auswirkung des Streike. Di« historische Bedeutung dieser großen Kraftprobe war die Erkennt- nis bei Hunderttausenden von englischen Proletariern, daß die Stärkung ihrer politischen Mach» die Voraussetzung für ihre wirtschaftliche Befreiung ist.(Lebhafter Beifall.) In der Diskussion versuchte ein Mitglied des Staats- und Gemeindearbeiterverbandes die kommunistischen Weisheiten über den Generalstreik anzubringen. Der Redner fand aber bei der Bersamm- lung so wenig Gegenliebe, daß die Diskussion alsbald geschloffen wurde. Mit einem Hinweis des Vorsitzenden Genossen S a b a t h auf den bevorstehenden Vo l k s e n t s ch e i d und die E l t e r n b e i- ratswahlen schloß die Vorständekonferenz. Ckn wrack. ♦ ♦ ♦' Ohne Reue steht der Angeklagte vor seinen Richtern und hört gleichmütig das Urteil an:„Gefängnis— Arbeitshaus," Straf- erfchwercnd die Heroorragenden Fähigkeiten und Vorbildung des der Zuhälterei Beschuldigten.... Ein überlegenes Lächeln des jungen Mannes im solid-eleganten Anzug, das da sagen soll, was oersteht ihr Männer des Gesetzes mit euren harten Sinnen, eurem nüchtern brutal-objektioem Denken, von der Psyche eines Außenseiters? Nein, er fühlt sich nicht schuldig. Nicht die aufwallend heiße Liebe einer Dirne hat schuld, nicht sein bißchen aufkeimender Lebenstrieb, der ihn zwang, mit ihrer Hilfe wieder ein Recht auf bürgerliche Gesell- schast zu erkämpfen. Sie opferte ihren Körper und er hatte Geld und tonnte der Gesellschaft ins Gesicht lachen:„Seht, ihr ober- flächlichen Scheinmoralisten, Geld regiert die Welt, nun bin ich wieder„standesgemäß", das„wie" ist euch ja Nebensache!..." Noch einmal blickt der Angeklagte auf seine zarten, weichen Frauenhände. Arbeitshaus.... Eine Sekundenspanne durchzuckt ihn Vergangenheitserinnerung. Elternhaus zwischen Dienstpersonal, Reitknecht und Dienern, das Leben eines lustigen Studenten mit einem nie versagenden väterlichen Monatswechsel, im Krieg als „Faulenzer" Himer der Front bei Militärkommissionen, Frauen und viel Wein, die große Wütschaftspleite, Inflation, Verarmung, All- tagsgeschichten.... Und heute? Selbstverständlich ist alles gekom- mcn. Umstellen tonnte sich dieser mimosenhaft empfindsame Mensch nicht auf die rauhe Wirtlichkeit des modernen Zeitgeistes. Ziellos, uferlos trieb ein Wrack.... Beamten führen Ihn ab. Ob er das „Arbeiten" lernen wird? Nicht den Angeklagten I. haben Polizeibeamte abgeführt, sondern den Vertreter einer ganzen K a st e, die sich für hochstehend hielt und doch nur zum praktischen Nichtstun systematisch erzogen wurde. Heute werden die letzten Opfer dem Moloch der Zeit dargebracht.... Sie verbluten hinter Gittern oder In verschwiegener Selbstmörderecke als Träger einer lebensunfähigen Vergangenheit.... Mit dem fluto in die Tiefe. Schwerer Unfall an der Monumentenbrücke.— Drei » Personen schwer verletzt. Ein entsetzliches Autounglück ereignete sich heute früh kurz nach drei Uhr in Schöneberg, wo ein mit drei Personen besetztes privat- automobil infolge zu scharfen Fahren» in der Kurve das hölzerne Lrückengelönde der vlonumenlenbrücke durchschlug und etwa 19 Meter tief auf die Gelelse der Anhalter Bahn >inab stürzte. Wir erfahren hierzu folgende Einzelheiten: Von der Kreuzberg- traße her nahtejn sehr schneller Fahrt ein Privatautomobil, das cchts in die Brücke einbog. Das sollte dem Wagenführer und den Insassen zum Verhängnis werden. Der Führer verlor die Gewalt iber das Steuer, raste rechts über den Bürgersteig und prallte mit ?ollcr Wucht gegen das mehrere Zoll starke Brückengeländer. Das Geländer hielt dem Anprall nicht stand uns brach. Der Kraftwagen überschlug sich mehrfach, als er in die liefe aus die Gleise stürzte. Auch das Geländer, das auf einer Länge von etwa 19 Meter zerstört ist, stürzte hinunter. Die Insassen wurden unter den Trümmern de» Autos, das quer über die Geleise lag, begraben. Straßenpassanten benachrichtigten sofort die Schöneberger Feuer- wehr, die nach kurzer Zeit unter Leitung des Obcrbrandmeisters S e n z an dem Ort der Katastrophe erschien. Den Feuerwehrleuten bot sich unten ein schrecklicher Anblick. Zwischen den Trümmern des Autos lagen teilweise eingeklemmt drei schwerverletzt«Per- s o n e n, die furchtbar zugerichtet waren. Die verunglückten find der IZjährigc Kraftwagenführer Otto Hügelmann aus der Katz- bochftraße 24, der 26jährige Polizeiobcrwachtmeifter Gabriel Zmmel- mann und das 29jährige Fräulein Küthe aus der Baugener Straße 2. Sie wurden durch die Feuerwehr in lebensgefährlichem Zustand nach dem St. Norberttrankenhaus überführt. Als großer Glücks- fall muß bezeichnet werden, daß vor dem Eintreffen der Feuerwehr und der Sicherung der Ungiücksstätte kein Zug nahte. In diesem Falle wäre das Unglück noch größer geworden. Die Aufräumungsarbeiten nahmen längere Zeit in Anspruch, da sie unter den größten Vorsichtsmaßregeln von statten gehen mußten. Wie wir erfahren, sollen die Insassen dem Altohol zugesprochen haben. Auf eine Anfrage im Krankenhaus erhielten wir den Bescheid, daß die Verunglückten sich unverändert in höchster Lebensgesahr be- finden. Aus den wirren Reden, die der schwerverletzte Chauffeur Hügelmann führt, geht immer nur die Sorge um seinen Kraft- wagen hervor und wiederholt fragt er im Fieber, ob sein Kraft- wagen auch sicher gestellt sei. Die Polizei ist mit der Klärung des Falles beschäftigt. Erst am 2ö. April mußten wir von einem ähnlichen Un- fall an der gleichen Stelle berichten, der glücklicherweise aber sehr glimpflich ablief. Zur genannten Zeit verlor der Führer einer Kraft- droschte die Gewalt über seinen Wagen und fuhr gegen das hölzerne Brückengeländer. Der Wagen durchbrach zwar das Getänder, blieb aber mit den Hinterrädern am Geländer hängen und schwebte so zwischen Brücke und Eisenbahngeleise. Wie durch ein Wunder stürzte der Wogen nicht in die Tiefe. Der Ehousseur kam mit bloßen Schrecken davon und er konnte unverletzt geborgen werden. Es erscheint daher dringend ratsam, daß die hölzerne Brücke, die über die Geleise der Anhalter Bahn führt, nach diesem neuerlichen Unfall auf ihre Verkehrssicherheit geprüft wird. * Königsberg. 4. Juni.(TU.) Ein schwerer Automobilunsall ereignete sich gestern nachmittag im Kreise Fischhausen. Ein mit fünf Personen besetztes Auto fuhr gegen einen Baum, schlug um und ging i n T r ü m m« r. Der Student Hans H a s j e n> stein aus Königsberg wurde auf der Stelle getötet. Drei weitere Studenten und der Führer des Wagens kamen mit leichten Ver- letzungen davon._ Oer verschwundene vroschkenlenker. Lebend ln der Havel gefunden. Das Verschwinden des Kraftdroschtenführers Friedrich Füller aus Neukölln, über das wir im heutigen Morgenblatt berichteten, ist bereits aufgeklärt. Ein Lokomotivführer, der auf dem Bahnhof Caputh-Geltow rangierte, sah etwa 190 Meter vom Bahnhof einen Mann im seichten schilf- bestandenen Wasser der Havel liegen. Er holte ihn aus Ufer und stellte fest, daß dem nur mit Hemd, Unterhosen, Strümpfen und einer Wolljacke Bekleideten die Hände auf dem Rücken mit dünnem Blumendraht gefesselt waren. Die sofort benachrichtigte Polizei erkannte in dem aus so merkwürdig« Wesse Aufgefundenen den gesuchten Kraftdroschenführcr Müller. Sie glaubt, daß er einen Raubllbersall vorgetäuscht hat. denn auch die eingehende ärzt- liche Untersuchung steht im Widerspruch zu Angaben, die M. gemacht Hot. Er hat sich höchstwahrscheinlich selbst gefesselt, und ist dann in das flache Wasser gegangen, um so durch einen„Ueberfall" die großen Geldverluste, die er infolge seiner Spielleidenschaft erlitten hatte, erklärlich zu machen.__ ver Sreisvereln Schöneberg-Friedenau des Reichsbanners Cchwarz-Roi-Gold veranstaltet am Sonnabend, den ö. Juni d. I., in der Schloßbrauerei Schöneberg. Hauptstr. 122, e.n republi- k a n i ch e S G a r t e n s e st. Di« Festrede hält Herr Eheiredakteur Ltio Nuschke. M. d. L. Große« Gartenkonzert. Kinderbeluftigungen, Kilmvorjührungen. Beginn i Uhr. Eintritt 50 Pf.» Kinder frei. Vorauf es ankommt. Mutter und Vater vergeht es nicht am Wahltag! Das einzig Entscheidende bei der Eltern- beiratsryahl ist für uns das sozial« Empfinden, das sozial« Verständnis für unsere Jugend und ihre Not. Deshalb stellt mit Recht die Liste„Schul aus bau" ap den Anfang ihrer Forderun- gen die sozialen Forderungen, die in dieser Zeit der Wirsschaftstrise, wo durch Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit die Not in viele Familien kommt, brenndender denn j« sind. Für die „Christlich-Unpolitifchen" existieren diese Fragen nicht. In einem ihrer Flugblätter heißt es zu diesen sozialen Forderungen:„Es ist erledigt durch die Frage: Wer bezahlt's, was da alles gefordert wird." Diese Verständnislosigkeit ist kein Wunder, da für die „Ehrsstlich-Unpolitischcn" ja nur die„R e l i g i o n S f r a ge". sonst nichts, brennend ist. Dies« Frage wird jedoch nicht entschie- den durch die Elternbeiräte, deren Tätigkeit damit nichts unmittelbar zu tun hat. Sie wird ensschieden durch die Ab- stinmiungen der Parlamente und der Gesamtheit d«r Erziehuggs- berechtigten. Für die„Christlich-Unpolitifchen" aber ist es der Kernpunkt, weil sie so aus den Elternbeiräten ein Werkzeug reaktionärer Schulpolitik machen wollen. Unter dem Schlagwort«:„Die Religion ist in Gefahr!" sängt man die Eltern, um aus der Staatsschule eine Kirchenschule zu machen. Tausende von Arbeitercltern schicken ihre Kinder noch in den Religionsunterricht. Sie wollen aber sicher nicht die von den Rechtsparteien unter dem täuschenden Namen der„Christlich-Unpoli- tischen" erstrebte verschärfte Bekenntnisschule. Des- halb� dürfen sie auch die„Christlich-Unpolitischen" nicht unterstützen. Nntionalistischc Propaganda in der Schule. Es nimmt kein Ende. Entgegen den Verfügungen der Be- Hörden benutzen deutjchnationale und völkische Kreise immer wieder die Schulen, vor allem die höheren, zu Propagondazwecken. Vor uns liegt ein Handzettel mit folgendem Inhalt:„Gymnasiasten! Stärkt die Reihen der nationalen Jugend, tretet ein in den Deut- schen Iugcndbund„Bismarck", Ortsgruppe 24.„von Roon", Weißensee. Ausnahme jeden Mittwoch abend, 8 Uhr,.im Gemeindehaus, Max-Sisinke-Straße 22(Betsaal)." Unterzeichnet ist der Handzettel mit' Eugen Hartwig, Gruppenführer, Weißensee, Gustav-Adolf-Straße 149. Handzettel mit diesem Aufdruck wurden por eitrigen Tagen in der Oberprima des Gymnajiuws in Weißensee kurz vor Beginn der Stunde ausgelegt, bzw. an alle Schüler der Klasse verteilt. Sollten die Lehrer dcr Schule nichts davon wissen? Das find dieselben„christlich-un- politischen" Kreise, die immer davon reden, daß die Sozialdemo- kraten die Politik auch in die Schule tragen wollen. Denkt daran am b. Juni, agitiert für die Liste„Schulausbau"! die Irauen zum volksentscheiö. Gestern abend hielten unsere Parteigenossinnen i-n den Sophiensälen eine Frauenkonferenz ab, die d«r Arbeit für den Volksentscheid gewidmet war. Genossin Todenhagen. die das Referat hielt, wies in ihren Ausführungen daraus hin, daß die Hauptarbeit bei dem Volksentscheid in den Städten geleistet werden müsse. Auf dem flachen Lande wird heute noch genau so mit Schnaps und Bier zur Wahl gearbeitet, wie in der Vorkriegszeit. Heute, in dcr Zeit des gleichen Wahlrechts, vielleicht noch mehr als frühcr.«Wir haben bei dem Volksbegehren sehr gut abae- schnitten, aber diesmal sind nicht 12)4 Millionen, sondern 20 M i l- l i o n e n Stimmen nötig. Die fehlenden acht Millionen wird unsere Partei ausbringen müssen. Das erfordert erhebliche Opicr. Finanzielle Opfer wie ausklärende Arbeit sind nötig, um uns den Sieg zu sichern. Wir müssen von Haus zu Haus gehen und den Menschen klar machen, worum es sich handelt. Bei einer wichtiacn Angelegenheit muß sich jede Genossin als Funklionärin fühlen. Wir wollen uns über die Schwieriakeitcn, die zu überwinden sind. keinerlei Täuschungen hingeben. Aber trotzdem dürfen wir nicht den Mut sinken lassen. Der 29. Juni muß zeigen, daß die Arbeiter- schast, wenn sie kämpst, auch zu siegen versteht. In dcr Distuisson über das mit lebhastcm Beifall ausgenommene Referat kam der Wille zur Mitarbeit zum Ausdruck. Endlich wurden Richt- f linien aufgestellt, nach denen zu arbeiten sich die Genossinnen ver- pslichteten.___ „Volk und Zeit", unsere illustrierte Wochenschrift, liegt der heutigen Postauflage bei. Selstmord wegen Arlaubsiiberfchreitunz. Der Unicrfeldwebel Pölitz von der Dcutsch-Kroner 19. Kompagnie