�benSaosgabe Nr. 2SI> 43. Jahrgang Musgabe B Nr. 138 BtjufliVMnfltnig«« und«n»«Is«nur«Is« Und in btt M-rsenausgab« anqtatfien Rebattion: STD. 68, Cinbenftcafje 3 Z-rniprecher: VSnhoft 202— 29t XsU-Udteff c: So jialÖcmatTal Bcclia Derlinev Vollrsblatt (lO Pfennig} Donnerstag 17. Juni 192H Verla» und Anzeigenabteiluu»: S«sib»ft«,»it»-« Uhr ?«rlegerivorn>ärls-verlag Smby. Berlin SD. 68, Clnbenfltaftc 3 Fernsprecher: vanhoff 202— 291 Zentralorgan der Sozialdemokrat» fd�cn Partei Deutfcblands Die /Aufwertung öer Wittelsbacher. Ein Riesenvermögen aus Staatsbesitz. Die Amtlich« Pressestell« der bayerischen Re» g i e r u n g wendet sich in einer offiziösen Verlautbarung gegen die in Verfammlungea und Aufrufen erhoben« Behauptung, dasi der Wert der der Familie Wittelsbach im März 1323 übereigneten Abfindung auf ISO Millionen Mark zu veranschlagen sei. Gleichzeitig wird auf das alte Märchen von einem umfangreichen Familienbesitz, insbe» sonder« von Waldungen zurückgegriffen und„festgestellt', daß die Ab- findung in einem sehr bescheidenen Rahmen gehalten sei. Hierzu ist zu bemerken: Der genaue Wert der Abfindung ist vom bayerischen Finanzmini st«rium entgegen seiner Pflicht, dem Landtag rückhaltlos Auffchluß zu geben, bei den seinerzeitigen Ber- Handlungen nicht angegeben worden. Aus der Regierungsvorlage bzw. dem von der bürgerlichen Mehrheit des Landtags beschlossenen Abfindungsgesetz läßt sich folgendes ersehen: Der Flächeninhalt der dar Wittelsbachern überlasienen Forst- ämter Reuburg-Ost, Wolssbronn, Stammham und Münchsmünster beträgt 7S03 Hektar. Der Reinertrag davon belief sich im Jahr« 1914 auf% Millionen Mark. Der Gesamtflächeninhalt der den Wittelsbachern über» lasienen Wasungen betrögt über 92Z3 Hektar mit einem jährlichen Friedensreinertrag von mindestens 900000 Mark. Der Wert fft außerordentlich hoch, weil es sich mit um die besten Forstbestände Bayerns handelt und beträgt sicher 40 bis 00 Millionen Mark. Auberdem kommen zu den Waldungen noch folgende Gebäude und Ländereien: Schloß Berchtesgaden mit Villen und Zubehör rund 16 Hektar, im September 1920 auf 1 230 000 Mark geschätzt, Schloß Berg mit Parkanlagen 88,5 Hektar, Wert nicht an- gegeben. Schloß Ludwigshöh« bei Edenkoben. 29 Hektar, vom Staat im Jahre 1869 um 176 000 Gulden angekauft, Schloß Reuburg im Jahre 1919 auf 1K Millionen Mark geschätzt, Hofgestüt Rohrenfeld, 236 Hektar(ohne Wald), Friedenswert der Gebäude 668 000 Mark, Pferdewert 1921 über 1 Million Mark, Gesamtwert ohne Wald, ohne Felderbestände und ohne Pserdebestand amtlich auf über 2 Millionen Mark geschätzt, Gestüt Bergstetten mit Schloß Grünau, 179 Hektar ohne Wald, Friedenswert der Gebäude 844 000 Mark, der Pferde 278 000 Mark. Gesamtwert ohne Wald und Pferde im Jahre 1920: 1 180 000 Mark, Remontedepot Fürstenfeldbruck mit Nebenbe» sitzungen Zellhof. Puch, Graßlfing und Rogtzenstein. Fläche insgesamt 1291 Hektar, jährlicher Friedensreinertrag 73 300 Mark(ohne Wald- ertrag von jährlich 40 000 Makr), Hirschgarten bei Rymphenb'urg 82,7 Hektar, Wert im Jahre 1916 amtlich auf 2 784 000 Marl geschätzt, Hosküchengarten bei Rymphenburg und Anwesen Haus Nr. 10 am nördlichen Schloßrondell über 3 Hektar, Wert im Jahre 1913 rund 630 000 Mark, Arcohäuser in München, Friedenswert 1 163 000 Mark mit jährlicher Friedensrente von 7300 Mark. Außerdem SchloßHohenfchwangaumit Nebengebäuden, Anlagen und Grundbesitz, Grundbesitz in Feldafing und Rosen- insel, zusammen rund 500 Hektar Fläche, M a x b u r g in der Pfalz, Wert nicht angegeben, Schloß Fürstenried, Wert nicht ange- geben, Wohnungsrecht auf Schloß Herrenwörth, Wert unbekannt, Fischereirechte bei Berchtesgaden, Wert unbekannt. Wohnungs- recht im Würzburger Residenzfchloß, Wert unbekannt, Wohnungsrecht im Nymphenburger Schloß, Wert unbe- kannt, Einrichtung der übereigneten Schlösser, dazu Silberzeug, Familienbilder, werw ollste Kunstgegenstände und Diamanten der Schatzkammer, die Bestände der Reichen Kapelle, Gemälde, Minia- turen, Elfenbeine, Bronzen, Porzellansachen, Möbel und Gobelins aus dem Nationalmuseum, der größte Teil der Bestände der Glypto- thek in München, die Vasensammlung, ein großer Teil der unschätz- baren Gemäldebestände der Alten Pinakothek, sonstige Gemälde, Porzellan- und Plastikensammlungen usw. und endlich Kapital insgesamt 60 Millionen Mark. Derücksichtigt man, daß einzelne Gemälde der Alten Pinakothek Millionen werte darstellen, so kommt man aus einen wert der Ab- sinduug von weit über 100 Millionen Mark. Wenn auf die Wittelsbachischen Stammgüter mit angeblich großen Waldungen hingewiesen wird, so ist daran zu er- innern, daß die Wittelsbacher diese Wälder in ihrer Eigenschaft als Reichsbeamt«(Gau- und Pfalzgrafen) vom Reich zu Lehen erhalten haben. Die größten Forsten, die damals dem Reich gehörten, er- warben sie mit dem Banmvaldrecht, das sie als Landesherren aus- übten. Ihr ganzer Familienbesitz war in den Erbfolgekriegen des 14., 16. und 16. Jahrhunderts verpfändet und wurde durch Steuer- mittel immer wieder ausgelöst. Das heute noch lebende Geschlecht der Wittelsbacher ist 1799 vollständig mittellos aus der Pfalz nach Bayern gekommen. Der bayerische Staat hat außerdem noch im Jahre 1821 an Frankreich eine Million Gulden bezahlen müsien, das waren die Schulden, die Max I. als französischer Ober st in Straßburg gemacht hatte. Das Privateigentum der im Jahre 1777 ausgestorbenen rechtsrheinischen Linie der Wittelsbacher war im Teschener Frieden von 1779 durch Abfindung der Erbin seitens de« bayerischen Staates an diesen übergegangen. Bon Rechts wegen ge- hört also den Wittelsbachern höchstens das, was sie in den letzten hundert Jahren erworben und angeheiratet haben. Ein Mufruf des öerliner Zentrums. Neiusagen ist„nicht leicht"!— Gegen Wahlterror! Der Provinzialoorstand ber Zentrumspartei Groß-Berlins erläßt folgenden Aufruf: Der kommende Sonntag fft der Tag des Volksentscheides. Die Deutsche Zentrumspartei fft gegen restlose Enteignung der früheren Fürsten. Sie fordert ein Gesetz, daß ihnen nur das geben soll, was der Gerechtigkeit entspricht und was sich angesichts der er- schreckenden sozialen Rot unseres Volkes vcravlworlen läßt. Wir folgen der Parole der Reichsparteil Das Wort.Recht' im Wahlspruche unserer Partei ist uns keine Phrase. Der Gedanke des Privateigentums gehört uns zu den unumstößlichen Grundlagen der deutschen und europäischen Wirtschaftsentwicklung. Restlose Enteignung lehnen wir als Anhänger des christlichen Sittengesetzes bewußt ab. Unsere Freunde im Lande dürfen wissen, daß uns diese Stellung angesichts der verschärften Rot. die wir tagtäglich in der Reichshauptstadt erleben, und angesichts der vielfach provo- zierenden Formulierung der Fürftenforderungen nicht leicht fällt. Aber Klarheit und Unverbrüchlichkeit unferer Grundsätze erscheint uns auch in Stunden der Not pslichtgemäß und für die Zukunfts- entwicklung unseres Landes fruchtbringend. Es ist von unverantwortlicher Seite in den letzten Tagen ver- sucht worden, die Berliner Zentrumswähler entgegen der Parole der Reichspartei zu beeinflussen. Die verliuer Partei hat mit diesem Treiben nichts gemein, und weist es mit allem Nachdruck zurück. Jeder Zenlrumswähler gehe daher am Sonnlag zur Wahlurne. Unsere Entscheidung ist:.Nein', wahlenthaltung unlerslüht den Wahlterror der rechten Parteien und bringt uns in den verdacht, jenen Kreisen zu dienen, die mit der Propaganda gegen den Volks- entscheid bestimmte politische Ziele verbinden. Mit der formalen Abstimmung am nächsten Sonntag ist die Frage der Fürstenabfindung noch nicht zu Ende. Unsere Arbeit steht noch bevor. Wir haben zu der Zentrumsftaklion des Reichstages das Vertrauen, daß sie olle Kraft daran setzen wird, möglichst bald«in Gesetz zustande zu bringen, das die maßlosen Forderungen der Fürsten aus ein erträgliches Maß zurückführt und ihnen nur das zugesteht, was nach Recht und Moral niemand streitig machen kann. Der Beschluß der Berliner Zentrumspartei unterscheidet sich zu seinem Nachteil von dem des Zentrums in H ö ch st. der für den Volksentscheid eintritt, er unterscheidet sich aber zu seinem Borteil von der Haltung der Rechtsparteien, deren In- famie er auf das schärfste brandmarkt. Sachlich fft zu bemerken: Wäre das Vertrauen des Berliner Zentrums zum Reichstag berechtigt, hätte der Reichstag ein Gesetz zustandegebracht, das dem Rechtsgefühl des Volkes eingermaßen entspricht, dann hätten nicht 12>- Millionen, darunter viele Hunderttaufende Zentrumsanhänger das Voltsbegehren unterzeichnet. Es fft aber unerfindlich, woher das Berliner Zentrum das Vertrauen zum Reichstag nimmt nach all den Erfahrungen, die in den letzten Monaten gemacht worden find. Der Wähler, der sich unter den Knüppel der Rechts- Parteien duckt, begibt sich feines staatsbürgerlichen Rechts und feiner Freiheit. Der Wähler, der am Sonntag zur Absttm- mung geht, hat es in der Wal�zelle nur mit sich selber und seinem Gewissen abzumachen, wie er stimmt. Mögen darum alle am Sonntag zur Urne gehen und der Stimme ihres Gewisiens folgen. Dann ist uns um den Ausgang wahrlich nicht bange! Drianüs Surgfrieüensverfuch. Paris, 17. Zunl.(Eigener Drahtberichl.) v r I a a d. der am Willwoch abend den Austrag zur Neubildung der Regierung angenommen hat, will den Versuch machen, für seine Regierung die Mllarbeil sowohl des Führers des Linkskartells. h e r r i o t. als auch des Führers des Nationalen Blocks, Poincarö, zu gewinnen. Er wird bei diesem versuch aus sehr große Schwierigkeiten stoßen und es ist sehr zweiselhast, ob er die beiden Pole der ftanzö- sischea Politik in einem Kabinett vereinigen kann. Die heutigen viorgenbläller verhalten sich ebenfalls zu dieser Möglichkeit äußerst skeptisch. Pvlocar« scheint seine Mitarbeit nur unter bestimmte« Ledinguugen zusagen zu wollen. Von h e r r i o l wird Briand wohl eine Absage erhalten, herriot wird sich dabei aus den gestern abend von seiner Partei gefaßten Beschluß berufen können, die jede Politik der.heiligen Einigkeit' energisch ablehnt. Die Radikalsoziale Partei ist nämlich gestern abend zu ihrem söge- nannten Kleinen Kongreß zusammengetreten uud faßte einstimmig eine Entschließung, in der es u. o heißt:.Der Kongreß der Radikal- sozialen Partei verwirft jeden versuch, die Regieruagsmocht unter dem Deckmantel der.Jlotlonalea Einigkeit' einer Minder heil zu übertragen, die durch die Volksabstimmung verurteilt worden ist, da ein solche« Ministerium den Empfindungen aller Republikaner widerspricht. Die Partei Ist dagegen bereit, ihr volles ver- trauen jeder demokratischen Regierung zu schenken, die die Einigung sämtlicher Republikaner um ein dnrchschlogeade» Pro- g r a m m der slnanziellen wlederaufrichtung zustande zu bringen j versucht.(Crnit TU. hat Poincate inzwischen abgelehnt. Red. d.»V.'j Kirche und Volksentscheid. Mißbrauch der Religion. Don Pfarrer E ck e r t-Meersburg. In dem Kampf um den Volksentscheid, i�r ein Kampf um die Rechte des arbeitenden Volkes ist, hat die Kirche in einseitiger Weise für die Fürsten Partei ergriffen und damit in Millionen von Volksgenossen das Vertrauen zur politischen Neutralität der Kirche aufs schwerste erschüttert, ja endgültig vielleicht vernichtet. Der Deutsche Evangelische Kirchenausschuß, der Kirchen» senat der evangelffchen Kirche der altpreußiscken Union, der Präsident der Württemberg i»schen Landes- kirche v. M e r z, der Generalsuperintendent der K u r m a r k D. Dr. Dibelius-Berlin, der Evangelische Bund, die Berliner Stadtmission und fast die gesamte kirch» liche Preffe hat zum Volksentscheid in ablehnendem Sinne Stellung genommen. Alle diese Kundgebungen haben natürlich nach den aus» drücklichen Bemerkungen, die eingefügt sind,„mit Politik aar nichts zu tun'; es handelt sich um eine Sache der„christlichen Sittlichkeit' und der„Gerechtigkeit'. Eigentümlich! D. W i n k l e r, deutschnationaler Vorsitzender der altpreuhischen Union, redet von den„Grund- lagen eines geordneten Staatswesens, die in Gefahr seiend D. Merz beruft sich auf das«gleiche Recht', das die„Ver- fasiung der Republik" jedem„Volksgenossen' gewährleiste, und der evangelische Bund redet„vom staatlichen Nieder- gang', von„christlicher und nationaler Ethik',(übrigens eine für den Bund bezeichnende Zusammenstellung) und von „Verpflichtungen, die wir dem deutschen Namen schuldig sind'. Das aber sind alles politische Erwägungen! Warum geben die Kirchenpräsidenten und die Führer des evange- nschen Bundes das denn nicht offen zu, daß nach ihrer polittschen Ansicht, die Enteignung der Fürsten untragbar sei. Warum verstecken sie sich hinter sittlichen und religiösen Begründungen? Warum zitieren sie Gott, warum das christliche Gewissen, warum die Grundsätze des Evangeliums jetzt für die Fürsten? Warum haben sie sich nicht auf die Forderungen des Christentums berufen, als die fürstlichen Vermögen entstanden, damals als sie sich Methoden, die jeder Gerechtigkeit und erst recht jedem chrisllichen Bewußtsein ins Gesicht schlu- gen, durch Gewalt und Kriegsführung Länder, Schlösser und Forsten aneigneten. Warum damals nicht, als sie mit dem schönen und so bequemen Grundsatz„vuius regio eius religio' Andersgläubige von Haus und Hof verjagten» und als 1803 von Frankreichs Gnaden die brutalste Enteignung der Sttste, Klöster und Städte durchgeführt wurde? Ich habe n i ck t s davon gehört, daß die Kirchenfürsten ihre Stimme erhoben haben im Namen Jesu Christi für die Arbeitslosen, die um ihr einziges Eigentum, ihre Arbeitskraft, gekommen sind durch die famose und profitable„Rationalisierung", nichts gehört davon, daß sie für die Kriegsopfer energisch eingetreten wären, die um Gesundheit und Lebenskrast gekommen sind. Ich habe nichts gehört davon, daß die Kirchen sich für die enteigneten Kleinrentner und für die In- o a l i d e n eingesetzt haben, die kaum leben können. Ist es hier nicht notwendig an die Forderungen des Evangeliums zu erinnern, das verlangt, daß den Armen und den Gedrückten geholfen werde? � Wenn die Kirche ihre Stimme erhebt bei dieser An- gelegenheit des Volksentscheids, dann hat sie den F ü r st e n zu sagen, daß das, was sie als„Privateigentum" verlangen, nicht ihr Privateigentum ist— sie haben keinen Quadratmeter des Landes bestellt oder er- arbeitet von den 2 Millionen Morgen, die sie zusammen oerlangen— sie haben von Gott und seiner Gerechtigkeit alles zu fürchten und nichts zu hoffen. Sie haben in dem Amte, das ihnen gegeben war, versagt! Haben nicht des Volkes Wohl, sondern ihr eigenes Wohl gesucht und suchen es noch. Das, was sie direkt oder indirekt durch ihre Macht und ihren politischen Einfluß erworben haben(und das ist auch das von ihnen verlangte„Prwateigentum'), fft von dem Zeiwunkt an dem Volke oerfallen, als sie nicht mehr Fürsten sind, nicht mehr regieren. Es ist das Beschämendste für die Fürsten, daß sie, die sich nach ihrer Ueberzeugung als von Gott, dem Herrn des Wsltenalls in ihr Amt eingesetzt wußten(auch die Fürstchen von Waldeck und Lippe!), nun um Geld und Geldeswert vor Gerichten verhandeln wollen, daß sie mit dem Volk, dem sie dienen und helfen sollten, streiten um ihren „Privatbesitz'. Wenn sie noch einen Funken wirklicher Hoheit, wirklicher Besonderheit m sich gehabt hätten, dann hätten sie freiwillig verzichtet auf alles und sich ein einfaches, arbetts- reiches"neues Leben aufgebaut, dann wären sie„Volts- genossen' geworden in der Republik, dann hätten wir sie wenig st ens noch achten können und die Tragik ihres Lebens verstanden; dann hätten wir sie auch nach dem glei- chen Recht der Verfassung behandeln können. So aber sind sie zum TeU außerhalb des Landes, dessen „nationale Ethik' nach Ansicht des Vorsitzenden des evange- lischen Bundes gebietet, ihnen ihre Forderungen zu erfüllen! Alle sind sie Gegner des bestehenden Staates. dessen„Grundlagen untergraben werden", wenn die An- sprüche der Fürsten nicht befriedigt werden, dessen„Rechts- grundsätze und dessen Verfassung erschüttert werden", nach D. Merz, wenn die Fürsten nicht wie jeder andere Volks- genösse behandelt werden. Die Fürsten haben genug! Sie haben sich alle gesichert, daß sie nicht im Elend leben müsien wie die Masse unseres Volkes. Darum brauchen wir nicht zu sorgen Sie bekommen nichts mehr! Was sie verlangen, soll den Aernlsten in unserem Volke gegeben werden, den Kriegs- opfern und den Kleinrentnern. Wenn man vom Standpunkt des Christen» tu ms aus zu der Frage der Enteignung der Fürsten eine Antwort geben soll, so kann die nur heißen: Keinen Pfennig den Fürsten! Sie sind gewogen und zu leicht befunden worden! Das Schicksal, also G ot t e s Wille selbst, hat sie entfürstet, enteignet, warum sollen wir dem Schick- sal in den Arm fallen? Sie haben es nicht anders oerdient! Aber die Herren Kollegen predigen, die Enteignung widerspricht dem 7. Gebot„Du sollst nicht stehlen", und dem 3. Gebot„Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Hauses". Haben sich die Fürsten danach gehalten? Ist es nicht vielmehr ein W i d e r g u t m a ch e n einer Sünde, die von den Fürsten gegen dieses Gebot begangen wurde, wenn wir die Enteignung ohne jede Entschädigung durchführen? Unzählige Sonntagsblätter stellen sich schützend vor das Eigentum der Fürsten, oft aus der Angst, daß dann auch das andere Eigentum darankomme, auch das Eigentum der Kirche. An die P f a r r f r a u e n wird der„Aufrechte" geschickt, ein„deutsches Voltsblatt" mit der Parole:„Mit Gott für König und Vaterland— mit Gott für Kaiser und Rei ch", das Material gegen die Enteignung verbreitet, welches beim„Reichsboten", der evangelisch- nationalen Zeitung gedruckt wird. Gegen den hahnebüchenen Mißbrauch der Re- l i g i o n der kirchlichen Verbände und Institutionen zu politisch reaktionären Zwecken müssen alle entschlos- jenen Christen Front machen. Die Durchführung der Fürstenenteignung ist nicht nur Sache der Parteien, die dazu aufrufen, sondern Sache jedes gerecht und verantwortlich denkenden M e n sch e n, auch jedes Christen, der nicht für die Rei- chen und Mächtigen eintreten darf, dafür daß sie noch mehr bekommen, als sie schon haben, wenn er wirklich Christi Nach- solger sein will, der vielmehr für die Armen eintreten muß. für die Kriegsopfer, die Kleinrentner, die Arbeitslosen, die Opfer der heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Stellt sich aber die evangelische und die katholische Kirche bei dieser Frage der Fürstenenteignung auf die Seite der Fürsten, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn das Kir- cyenvolt, wenn vor allem die Schichten unseres Volkes, die der Vergangenheit der Kirche sehr kritisch gegenüberstehen. die proletarischen Schichten, auch noch den letzten Rest von Vertrauen zu den innersten Kräften des Christentums und feinen Berkündern verlieren. Wenn die Kirchen sich so einstellen, dann zeigen sie wieder einmal, daß ihre„überpolitische Stellung" eine Phrase ist, daß sie nicht für alle da sind, sondern für bestimmte Kreise, bestimmte Schichten in unserem Volke, daß der Vorwurf einer Klassenkirche nicht ganz zu Unrechr erhoben wird. Wir anderen aber, die wir nicht so denken wie die oben zitierten Kirchenführer, wir werden die Massen auf- ruf en zurEnteignung der Fürsten. Wir fürchten nicht, daß wir uns eines Unrechts vor Gott schuldig machen, wir wissen aber, daß wir durch die Eitteignuna der Fürsten ein Unrecht gegen die Aermsten unseres Vol- kes verhindern können. dreist unü gottesfürchtig! Di« in dem vorstehenden Artikel treffend gekennzeichnete«in- fettige Stellungnahm« der evangelischen Kirche für die Fürsten gegen das Volk wird um so rücksichtelojer, je weiter die Geist- lichen von dem kritischen Licht« der Großstadt entfernt wohnen. Da erscheint z. B. für den Kirchenkreis Züllichau-Schwie- b u s ein„Evangelisches Sonntagsblatt", das von dem Super- intendenten Dr. Bronisch in Züllichou redigiert wird. Das Blättchen leistet sich die wütesten Ausfälle auf das oerfassungs- mäßige Recht des Volksentscheides und auf die Parteien, die von ihm Gebrauch machen. Ein gläubiger Leser des Blattes hat dem Herrn Superintendenten daraufhin eine Karte geschrieben, in der er mahnt, daß die Kirche sich doch nicht in die politischen Streitig- leiten einmischen, sondern Frieden stiften müsse. Darauf antwortet ihm der Superintendent im Briefkasten des Blattes dreist und gottes- fürchtig: Ihre Karte ist ein trauriges Beispiel der erschreckenden sittlichen Verwirrung gewisser Dolkskreise in der Frage der eMschädigungslosen Fürstenenteignung. Ihre Worte:„Meiner Meinung nach muß die Kirche, und was mit ihr zusammenhängt, Frieden und nicht Zwietracht säen", entwürdigen die Kirche zu einer feigen, stummen Gutheißerin des schändlichen, durch das Volksbegehren beabsichtigten Raubes am Eigentum unserer Volksgenosien. Was haben Sie doch für eine geradezu verworrene Vorstellung von der Kirche! Die Kirche nennt Sünde unbeirrt„Sünde" und warnt unser Volk öffentlich ernst davor, sich mit Diebstahl das Gewissen zu beflecken. Daß sie damit den Leuten nicht gefällt, denen das 7. Gebot nicht gefällt, ist selbstverständlich. Aber solche Leute sollten auch aufhören, sich Christen zu nennen, oder sollten erst einmal wieder die 10 Gebote lernen, ehe sie sich erdreisten, die Kirche zu belehren und zu tadeln!— Man sieht, dieser Kirchcnoberster hat gar nicht die Absicht, poli- tische Dinge politisch zu nehmen. Cr hält es für fein Recht, die» jenigen zu beschimpfen, die von ihrem verfasiungsmäßigen Recht« der Gesetzgebung durch da» Volk Gebrauch machen und würde sich wahrscheinlich wundern, wenn man ihn deshalb einen Hetzpriester nennen würde. So wenig haben diese„Diener des Worts" mit dem flutenden Leben gemein, daß sie lieber ihr« Gläubigen aus der Kirche oerjagen, als sich von ihrem reaktionären Treibereien fernzuhalten. Ebenso bösartig ist ein Fall, der uns aus dem Kreise Stern- b e r g berichtet wird. Dort liegt ein Ort Stenzig, der fast durch- weg von kleinen Besitzern bewohnt ist. In diesem Orte amtiert ein Pfarrer K n i e s ch k e, der natürlich nicht fern bleiben kann, wenn es gilt, kür die Silberschätze der Hohenzollern einzutreten. Stenzig ist ein ganz armes Bauerndörfchen und liegt völlig abseits der großen Durchgangsstrahen. Trotzdem der Ort bei seinen 300 Wählern fast regelmäßig 30 sozialdemokratisch« Stimmen aufbringt, hat dort noch n i e m a l» ein« sozial- demokratische Versammlung stattgefunden. Vor kurzem sollte nun die erste derartige Versammlung abge- halten werden, um Aufklärung über den Volksentscheid zu verbreiten. Pfarrer Kniesch ke ließ es sich nicht nehmen, mit Stimmscheine besorgen! Aber auch Ausweise mitnehmen! wer am Sonnlag aus einem dringenden Grunde nicht in seinem Wahlbezirk anwesend sein kann— etwa weil er auf Reisen ist—. der muß sich in seinem Wahlamt einen S l i m m s ch e i n besorgen. der in Berlin bis einschließlich Sonnabend ausgegeben wird. Auf jeden Fall ober muß jeder, der mit Stimmschein abstimmen geht, sich auch noch einen Auswels über seine Person mitnehmen, um allen Möglichkeiten gewachsen zu sein. Also: rechtzeitig Stimmschein besorgen und bei Antritt der Reise Ausweispapiere mitnehmen! Volk unö Vichter. Die Volksbühne als Auflraggeberin de» Dichters. (Eine Anregung von Alfred Wolfen st ein.) Au» der in den nächsten Tagen ericheinenden, der deut ch» L»It»biU,aentog»nz in Hanidurg gewidmelen Nmumk der Reit (chc/ft„Dir SoltibUfme*. Es herrscht bekanntlich allgemeines Verlangen nach dem Werk« eines Dichters. Man wartet daraus, wartet so sehr, und so aus- schließlich, daß man sich inzwischen selbst nicht rührt. Man könnte sich gegen die Kunst auch nicht anders oerhalten, wenn man gar nicht auf sie wartete. Aber kann man überhaupt etmas zum Erscheinen und zum Schassen des Dichter, tun? Ist er nicht ein von den sonstigen Arten des arbeitenden Menschen verschiedenes, au» dem Nichts schöpfende», sonderbar inspiriertes Wesen, dem man nicht hinter die Kulissen des Unsichtbaren blickt? Zugleich soll er allerdings ein faßbarer und zugänglicher, in seinem Vaterlande wurzelnder Sterb- licher sein, zeitgemäß, publikumgemäß in seinen Stoffen und Formen, ein wirklicher Helfer seines Aolkes. Die Schwierigkeit ist nur, daß er ebensosehr auf das Volk rechnen muß wie dieses auf Ihn,— und daß diese Empfangenden immer wieder den größten Wert darauf legen sich gegen den Dichter möglichst spröde und un- tätig zu verhalten. Ich rede hier nicht von materieller, sondern von ideeller Unterstützung. Aber gerade hieraus kommen sie nicht. es erschien« ihnen als eine seltsame, entweihende und enttäuschende Zumutung, daß sie am Schaffen des Dichters irgendwie teilnehmen sollten. Sie wünschen sein Werk nur fertig zu sehen und zu ge- nießen, sie halten ihm gegenüber noch auf orientalische Hochzcils- gebräuche,— ohne mit der Braut vorher einen Zusammenhang gehobt zu hoben, möchte man sich von ihr vollkommen überraschen lassen. Haben sie nicht«in Recht dazu, sich nicht zu ruhen, bis sie vom 'Dichter gerührt werden? Ist sein Schassen nicht tatsächlich eine jeder Wfönflussuug abholde, geheimnisvolle Arbeit, und kann er es über- 5Äipt wünschen, daß man sich darin einmischt? Ader es gibt eine gewisse der Kunst willkommene, in vielen Epochen geübte Art der Einmischung. Das ist der Auftrag an den Künstler. In Zeiten durchgeführter Kultur wirkt der überall umlaufende geistige Strom wie eine einzige große Aufforderung zum Schaffen, die Kultur ist die allgemeine unsichtbar« Äuftraggeberin. Aus dem Griechentum, der Gotik, dem Barock springen die Werke wie unter einem breiten unwillkürlichen Druck hervor. E» ist eine unter- iidisch« Gemeinsamkeit des Stils und der Kraft vorhanden, die alle Dämonen fruchtbar macht und ans Licht fördert. Dome, Gemälde, Statuen, Dichtungen brechen aus dem Nichts hervor und gewinnen Gestalt, als hätte ein Donneranruf sie geboren. Wer ruft den Künstler heutzutage? Nicht nur die gemeinsam« Kultur trägt ihn in jenen Epochen. auch der einzelne Machthaber tritt an ihm heran und erbittet oder erzwingt sogar sein« Arbeit. Perikles bittet Sophokles, Julius zwingt Michelangelo, Ludwig, Elisabech geben Möller«, Shakespeare de- stimmte Aufträge. Der Archont, der Papst, der König, die Königin haben ihren Anteil an der Fruchtbarkeit des Künstlers. Heute spielt statt der Kultur höchstens die Rot diese Rolle, aus einem Dichter, Balzac oder Dostojewski, eine lange gehegte Reihe von Werken hervorzurufen. Und an Stell« des Machthabers steht allenfalls der Verleger, um auf Grund des abgeschlossenen Per- träges etwa Gottfried Keller zu zwingen, daß er sich unter Tränen seinen Grünen Heinrich abnötigt. Wie es keine stilistische Gemein- Ichaft mehr gibt, keine prästabilierte Harmonie, die wechselseitig und unwillkürlich die Anregung zum Schaffen und die Empfänglich- keit für die Kunst heroorlockt, so ist auch der bewußte Auftraggeber an die Kunst der Mäzen, verschwunden. In der Volksbühne sehe ich hier eine letzte, eine neu« Möglich- keit: sie kann an beider Stelle treten. Sie muß den Mut zu ihrer eigenen kulturellen Atmosphäre haben, in der dem Dichter eine ganz neu« dramatische Anregung erwächst,— und sie muß diese Stim- mung noch bewußt unterstützen und weitertreiben als die moderne Machthaberin, die sie ist. Sie muß sich um das Werk kümmern. das sie braucht! Sie muß den Dichter zu sich zwingen! Denn er kommt noch nicht deshalb, weil sie da ist. Sie muß selbst jede ihrer lebendigen Pflichten erfüllen. Ein Heer von Mitgliedern, eine große Schar oon Schauspielern, ein wachsender Kreis von Theatern kann wie ein eher lähmender als befruchtender Hausen der Entwicklung lasten, wenn sie nicht alle ihre lebendigen Funktionen ausüben. Ich schlag« vor. daß die Volksbühne einen solchen Versuch mache. Sie veranstalte ein Ausschreiben um Werk« für ihr« Theater, sie erteile Austräge an Dichter. Die überall gehemmte Schassensfreude wird einen neuen Antrieb erhalten, dos Chaos der Formen und Stoff« wird festes Land gewinnen, und zugleich mit dieser Belebung ringsherum wird sie selbst zu Werken kommen, die ihr das rechte Gesicht oerleihen. Roch wichtiger als mancher andere Ausschuß wäre dieser: der, zusammengesetzt aus Leitern der Volksbühne, Zuschauern und Selbstschafsenden, die Aufträge der Volksbühne auszuschreiben hätte. Er würde der Oeffentlichkeit. den Dichtern, die ihr sifjon nahe stehen, und denen, die sich zu ihr ent- wickeln können, die Wünsch« und Gedanken vor allem auch der Volts- bühnenjugend, den empsänglichen Drang dieses ganzen Kunstkörpers vermitteln und bestimmte Stoffe und Probleme, sogar bestimmte Formen vorschlagen, wie es frühere Machthaber gleichfalls toten. Man fürchte nicht, dadurch unfreie Werke zu erhalten,— oder besser: diese wird man nicht gebrauchen können. Der Dichter wird durch Zwang und Vorschrift nur zu noch größerer Entfesselung ange- spornt, er hält sich und sein« Freiheit doch schadlos im Wesen seines Werkes. Die echte Arbeit wird man auch bei solchen Aufträgen gerade daran erkennen, wie sehr sie von ihnen abweicht,— obwohl sie ihnen entsprich'. Man übertreibt nicht, wenn man auf die Volksbühne noch hofft wie auf eine Insel im haltlosen Deutschland, wie aus eine Retterin im Katarakt der Zeit. Sie hat Bühne und Volt miede» zueinander gebracht, sie hole jetzt den Dichter hinzu. Auch ihn gilt es zu retten, die Kunst gilt es zu verteidigen. Die Verbindung mit einer unter sich dicht verbundenen Schar von Menschen kann der Kunst neue Kraft und eine Form bringen, und der Volksbühne bringt sie zugehörige Dichter. Auch dies ist«in Schritt zu der einheitlichen und entschiedenen Front einer Kunst- gesmnung, die ihr auf dem Weg« in dt« Zukunft not tut. ein«? Anzahl Iungbauer» in d«r Versammlung zu er» scheinen und oon vornherein durch gemeinsames Gebrüll den Redner niederzuschreien. Als das nicht gleich gelang, forderte Kniefchke direkt auf, den Sozialdemokraten mit Gewalt aus dem Dorfe zu jagen. Seine fanatisierten Anhänger ließen sich diesen„christlichen" nicht zweimal geben, und da sie in der Uebermacht waren, gelang ihnen dieser Gewaltakt. Es wird behauptet, daß Pfarrer Kniefchke wegen ähnlichem Verhalten schon einmal st rasversetzt worden sei. Er will sich jetzt, da der Wind für ihn günstig zu wehen scheint, wahr- scheinlich wieder in empfehlende Erinnerung bringen. Vielleicht nimmt die Kumpanei D ö h r i n g und Vogel ihn in ihren Bund als dritten auf. Er hat sicher Anspruch auf diese Gemeinschaft. Nünchhousiaüen. Ein„Mann" greift ein. In der„Deutschen Mgemeinen Zeitung" vom Mittwoch abend zieht ein Freiherr Börries v. Münchhausen gegen die Fürstenent- eignung vom Leder.„Wer einen Gesetzesantrag einbringt, sagt er. „fremdes Eigentum zu stehlen, macht sich der Anstiftung zu einem Verbrechen schuldig.... Ein Mann würde den Staatsanwalt anweisen, die, welche zu einem Verbrechen auffordern, zu belangen. Ein Mann greift ein. wo ein Verbrechen geschieht. Und braucht dazu weder Aufforderung noch Vorschrift, weder Gesetz noch Parla- ment. Ein Mann!" Der„Mann", der jetzt diese heitere Albernheit zu Papier bringt. ist derselbe Münchhausen, der vor einigen Jahrzehnten durch seine Denunziation gegen Richard Dehme! sehr ernsthaste» Aufsehen erregte. Damals entblödete er sich nicht. Dehme! als Ver» fasser unzüchtiger Literatur der Staatsanwaltschaft zu denunzieren. — ein Verfahren, das die Empörung aller anständigen Leute hervor- rief und eine durch Bierbaum veranlahte Aktion deutscher Dichter gegen den Münchhausen zur Folge hatte. Heute ist er harmloser geworden und sein Ruf nach dem Staatsanwalt erweckt nur noch Fröhlichkeit. Im Kreise der pathetischen Fürsten knechte haben wir die lustige Person nur ungern oermißt. Eix Münchhausen fehlte noch._ Wilhelms Marmorklosetts. Im Sommer 1911 war es, als das Kaiserpaar die Stadt Köln am Rhein durch seinen Besuch beehrte. Eine der beliebten Denk- Malsenthüllungen war der Anlaß. Der Magistrat unter der Leitung des heutigen deutschnationolen Abgeordneten W a l l r a f überschlug sich in Byzantinismus. Geld spielte keine Rolle: Der fünfstündige Desuch verschlang rund 230 000 M. Der Gipfel des Wahnsinn- aber war dies: Im Stimmsaal« de» Gürzenich wurden für das Herrscher- paar eigen» zwei Marmorklosetts eingebaut, die am Tage darauf sofort wieder entfernt wurden und nicht weniger als 40 000 M. gekostet hatten. Leider indesien geruhten die Majestäten nicht. die Einrichtung zu benutzen. Sinnlose Verschwendung, wenn es auf die Tasche des Steuer- zahlers ging, Habgier und Geiz, wenn es die eigene Börse betras. — so war der Wilhelminismus. Zeigen wir den Herrschaften am Sonntag, daß wir sie durchschaut haben! Ein Reichzehrenmal im Wald von Berka bei Weimar. Im Reichsministerium des Innern hat unter dem Vorsitz des Ministers «in« Besprechung verschiedener Fr ontkämpserverbände wettgehende Uebereinstimmung darüber ergeben, daß für ein Reichsehrenmal der Wald oon Berka bei Weimar in Betrocht komme und daß die Ehrung der Gefallenen in die Form eines- Ehrenhains gekleidet werden solle. Die Angelegenheit wird demnächst dem zuständigen Ausschuh des R e i ch s r a t s unter- breitet werden. Man rechnet mit einer baldigen endgülti- gen Entscheidung. Die Rllcktrlltsaussordernng an Dr. Venesch, die seine eigene Partei an den tschechischen Außenminister gerichtet, hat ihren letzten An- laß in der E r h ö h u n g der P r i e st e r g e h ä l t e r, die die Regierung jetzt vorschlägt, unmittelbar nachdem sie lebensverteuernde Zölle durchgedrückt hat. „Kavalier Zack."(Theater am Kursürjt«ndamm.) Dieser Kaoalier hat das Domizil gewechselt. Das Publikum im Westen Berlins hätte, auch wenn es weniger blasiert wäre, an ihm keinen Gefallen gehabt. Di« Geschichte des Gentlemeneinbrechers und wiedergefundenen Sohnes, oft ausprobiert, geht noch an. Aber in 2% Stunden rückt man nicht vom Fleck und ist so klug wie beim ersten Aufgehen des Vorhanges. Die karikierten Lustspielfiguren bekommen nur durch Waßmanns und der D o r a Improoisa- tionen Farbe und Leben. Letztere bringt durch ein selbstgedichtetes Couplet die Zuhörer 3 Minuten aus der Langeweil« zum Lachen. Es geht gegen die feigen Männer und gegen die modernen Damen. „Stolz sind die Damen aus ihre Knochen, die spitzen: ich möchte nur wissen, woraus diese Menschen sitzen." Und so fort. Prachtvoll und saftig. Der Komponistin Carito oon H o r st ist die gesamt« zeit- genössische Operettenschlagerliteratur eingefallen. Kein einziger Ton der Selbständigkeit. Schließlich landet es beim„Mädi". Di« Technik eines schmissigen Couplets hat diese Frau zwar(Lied von Jack u. a.). aber nichts Eigenes, um die Form zu füllen. Die Schauspieler gaben sich Mühe, kamen aber bei der Durchsichtigkett der Handlung oft ins Stocken. Bruno Arno stellt« eine Kopie von Kurt Bois auf die noch nicht so eleganten Beine, Adolf Falten singt fast zu seriös, Elisabeth B a l z« r wußte die paar dramatischen Pointen durch steifes, gemachtes Wesen glücklich zu verpatzen. Elaire E l a i r y ist so süß wie klem und temperamentvoll. Sie zieht an, auch wenn sie nichts anzieht. Ewald H u t h, der Sonnnerdirektor, dirigiert. A. S. „Lachen Nnks" darf als Werbemittel zum Doltsent- scheid nicht oergesien werden! Die neue Nummer 23 ist ganz eingestellt aus den Kampf gegen die Fürstenhabgier. Politische Satire war von jeher eine wirksame Wafs« der Unterdrückten. Sorgt für weiteste Verbreitung von„Lachen links" und ihr führt dem Volks- entscheid Tausende von Ia-Stimmen zu!„Lachen links" kostet pro Nummer 23 Pf. und ist zu beziehen durch alle Postanstalten und Volksbuchhandlungen oder direkt vom Verlag I. H. W. Dietz Nachf., Berlin SW. 68. Man verlange.Lachen links" an allen Zeitungs- kiosken. In der Rationaloalerlc smdet Mitte I n 1 1 eine NuSftellunz deuticher. französischer.' englischer und ainerikanilcher ltunit statt. Von deutschen Malern wir den eingeladen Camvendonk. Heäel, Vechiiein. Nolde, Pur, mann und Bildbaurr flalde und SinteniS; von den französischen: Derain, Matisse. Picasso und der Bildbauer Maillol. La» Sünftlkr-Sowmersesl der Zlovembergruppe sindet am kommenden Sonnabend aus dem kleinen Wannsee an Bord der Schoner-Brigg„Dorrtbea* siatt. Geichüdte» Teck, die große Schiilskabine und gcräumtge Strandzelte machen die Veronsialluna unabbängia van der Witterung. iluStunsi erleilt die Geichä'tSilclle. Achenbachstr. 21. Eine deutsche kunftauzslellunz in Japan. Turch Vermittlung di§ Zlu<» Iväri'gen jlmls und Ilnlersiiitzung der Javanischen Bolichast sindet im Herbst ei:.,:"uZsicllung deutscher Stunii in Tokio statt. Tie Vorbereitungen sür die?>i: ammenslevung sind bereit» ausgenommen worden. Zoe ErG. mit, daß der von uns erwähnte Oberleutnant von Faltenhayn zwar tatsächlich beim Reichsbürgerrat für Herrn o.o n L o e b e l l gegen den Volts- entscheid tätig ist, daß dieser Herr aber ihr vollkommen fernstehe und keineswegs mit dem Direktor ihrer Automobil- abteilung von Falkenhoyn identisch sei. Ihre Firma leg« grund- sätzlich das größte Gewicht daraus, daß ihre Angehörigen sich jeder politischen Tätigkeit namens der Firma enthalten. Der Vorwurf. daß sie völkisch eingestellt sei. beruhe infolgedessen im vorliegen- den Fall auf einer Namensverwechslung und sei auch im übrigen nicht zutreftend. Die Sank im Grünen. Mittwoch Mitternacht. Die Anlagen am Belle-Alliance- Platz sind fast menschenleer. Die Luft ist frisch und feucht. Feucht sind auch die Wege und Bänke. Sonst sitzen um diese Stunde in den lauen Sommernächten die Licbespärchen, festumschlungen, eins auf jeder Bank, zuweilen auch zwei. Heute nacht hat sie die Nässe vertrieben. Die Nebenwege sind einsam, nur über den mittleren breiten Verbindungsweg zwischen Fnedrichstraße und Halleschcm Tor, an der gespensterhaften Siegessäule vorbei, gehen etliche Passanten eiligen Schrittes nach Hause. Plötzlich vernimmt man aus den Anlagen Rufe des Erstaunens oder gar des Entsetzens. Menschen laufen durch die Nacht nach einer noch unsichtbaren Stelle. Ein Menschenknäuel bildet sich, ver- dichtet sich, schart sich um eine einsame Dank. Dort sitzt ein älterer Mann, unbeweglich, Kopf hängt seitwärts, etwas zurückgelehnt. Schläft er? Die fernen Lichter, durch die dichten Blätter der Bäume und Gebüsche nur spärlich durchgelassen, lassen es kaum erkennen. Streichhölzer werden angezündet: ihr kurzes Ausflackern läßt die Blässe des Mannes erkennen und seine völlige Regungslosigkeit. .Grüne" und.Blaue" tauchen aus, Blendlaternen werden aus das Gesicht gerichtet. Jetzt weißt man es: er ist tot. Ein Arzt erscheint, bestätigt es. Die Menschen stehen um die Bank, disku- tieren: Herzschlag? Vielleicht Vergiftung? Einzelne wollen ver- dächtige Gestalten in der Nähe beobachtet haben. Papiere hat der Tote nicht. Sollten sie ihm gestohlen worden sein? Ist er am Ende erwürgt worden? Schon ereifern sich einzelne Menschen, zumal das Zuschauerpublikum sich um allerhand Mitternachtsgestalten bereichert hat, Dirnen. Zuhälter und auch Undefinierbare. Der eine läßt den anderen.feststellen". Das Ueberfallkommando muß sich die Arbeit teilen: teils Schlichter, teils Totenwächter. Nach einer Stunde sitzt die Leiche, in Erwartung des Wagens aus der Hannoverschen Straße, noch immer auf der Bank. Und die Menschen starren sie an. Donnerstag vormittag. Die Sonne scheint über den Belle-Alliance-Platz. Frauen, Greise und Kinder füllen die An- lagen, viele, viele Proletarierkinder. Die Bänke sind überfüllt. Auch d i e Bank, auf der wenige Stunden vorher der tot« Unbekannte saß. Gerade auf der Bank sitzen kleine Kinder und spielen. Gewiß: es war wohl sicher nur ein Herzschlag, also keine Ansteckungsgefahr. Und trotzdem: der Gedanke, daß die Neinen Kinder sich auf dem gleichen Holz herumtummeln, singen und spielen, erzeugt Unbehagen. Aber so ist nun einmal das Leben: die Kinder wissen nichts— und der Tote weiß erst recht nichts— und so darf das fröhliche Leben gerade dort blühen und jauchzen, wo noch in derselben Nacht der Tod einen älteren, unbekannten Mann getroffen hat... D. Sch. « Nach dem heutigen Polizeibericht fand man nachträglich im Leichenschauhaus in den Taschen des Toten eine Flasche mit S t r y ch n i n. Es dürste also Selbstmord vorliegen. Im übrigen ist der Tote nach wie vor unbekannt: sein Taschentuch weist als ein- ziges Erkennungszeichen ein Monogramm O. H. auf. das Unglück im wannfee. Die Role-Sreuz-Leilung schwer belastet. Zu dem Unglück auf dem W a n n s e e erfahren wir, daß trotz eifriger Nachforschungen des Reichswasserschutzes, die sich über den ganzen See erstreckten, die Leiche des ertrunkenen Schülers Wilhelm Iähyke aus Zehlendorf noch immer nicht gebor-, gen werden konnte. Im Laufe des heutigen Vormittags begab sich Kriminalober- inspektor Otto, dem die Untersuchung der Schuldfrage obliegt, noch- mals nach Wannsee hinaus, um an der Unfallstelle erneut eingehende Untersuchungen über die Wassertiese und etwa vorhandene Schling- pflanzen vo?zunehm?n. Schon jetzt kann mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden, daß die Leitung der Wasserdemonstration die Schul- dige ist. Heute vormittag wurde Sanitätsrot Dr. P r i e tz e l, der bekanntlich die Oberleitung der Sanitätsübung in Händen hatte, ein- gehend von der Kriminalpolizei vernommen. Die bisherige Ver- nehmung hat ergeben, daß die Begleitumstände des Unfalls und die Organisation der Veranstaltung erkennen lassen, daß von den ver- antwortlichen Herren des Roten Kreuzes nicht mit der ge- nügenden Vorsicht und Umsicht zu Werke gegangen ist, so daß sie st ä r k e r b e l a st e t erscheinen, als man bisher annehmen konnte. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei werden ebenfalls noch weitergeführt. Auf dem Polizeiamt Zehlendorf fanden sich am Vormittag wieder die tiesbetrübten Eltern des Knaben ein. Sie konnten erfahren, daß die Leiche ihres Kindes noch nicht aufgefunden wurde. Trotzdem ist es für die Untersuchung der Kriminalpolizei von Wichtigkeit, daß sich noch Zeugen aus dem Publikum melden, die das Unglück vom Ufer aus beobachtet haben. Es wird besonders darauf hingewiesen, daß alle derartigen Mitteilungen streng vertraulich behandelt werden. Sie sind an Kriminaloberinspektor Otto beim Polizeiamt Zehlendorf zu richten.__ Das rasende Privatauto. Eine Person getAet, eine schwer verletzt. Ein schwerer Straßenunfall ereignete sich gestern nacht kurz nach i$12 Uhr in Charlottenburg vor dem Hause Berliner Straße 156/1S7. Der 37jährige Arbeiter Max Jankowski aus der Helmholtzstraße 33 wollte zusammen mit seinem Begleiter, dem 22ährigen Arbeiter Richard Dureck, wohnhaft Nordhausener Straße IS, den Fahrdamm überschreiten. Im selben Augenblick nahte von hinten in sehr schneller Fahrt ein P r i v a t a u t o- mobil und überfuhr die beiden. Richard D u r e ck hatte sv schwere Verletzungen erlitten, daß er nach wenigen Minuten an der Un- glücksstelle infolge innerer Verletzungen und eines Schädelbruches verstarb. Glücklicher kam Jankowski davon. Er zog sich st a r k blutende Fleischwunden und Hautabschürfungen zu und fand auf der nächsten Rettungsstelle erste Hilfe. Eine Frau Margarete Sch. aus der Oudenarder Straße 21. die Zeugin des furchtbaren Dorialles wurde, bekam Schreikrämpfe und einen Nervenschok. Auch sie mußte zur nächsten Rettungestelle gebracht werden, von wo sie nach ärztlicher Behandlung in ihre Wohnung entlassen werden tonnte. Der Führer des Privotkraftwagens, der 28iährige Georg Hortig aus der Fritscheftraße 44, der st a r k angetrunken gewesen sein soll, versuchte mit seinem Wagen zu entkommen. Schutzpolizeibeamte nahmen aber die Verfolgung auf und verhasteten ihn._ Glück im Unglück. Heute früh gegen 146 Uhr wurde der Polizeiwachtmeister D. vom Revier 8 von Hausbewohnern nrch dem Monbijouplatz 11 gerufen, wo der Arbeiter E. B o l d t eine Wohnung inne hat und aus der starker Gasgeruch drang. Die Wohnung wurde geöffnet und der Verdacht fand sein« Bestätigung. B o l d t und dessen Ehe- f r a u, seine drei Kinder im Alter von 8 bis 15 Jahren, sowie die Mutter der Frau wurden in ihren Betten durch Gas ver- giftet aufgefunden. Die Feuerwehr wurde zu Hilfe gerufen, die st fort Rettungsversuche mit Saucrstosfapparatcn anstellte, die glück- lichcrweise bei allen Personen Erfolg hatten. Wie die nähere Unter- iuchung ergab, hatte sich in der Küche der Gasschlauch vom Gas- krcher gelöst, so daß größere Mengen Gas ausströmen konnten. dee Kampf gegen üie volksfeisdel Das Interesse der Massen für den Volksentscheid wächst täglich. Die maßlose Hetze der Fürstenknecht« erreicht das Gegen.'eii des Bs- absichtigten, Indifferente werden so zahlreich wie noch nie �ki Wahlkämpfen aufgerüttelt, selbst kleinbürgerliche Elemente begiiknen zu erwachen. Di« Versammlung in den H o h e n z o l l e r n- S.a l e n in Charlottenburg, in der Reichstagsabg. Genosse Crisp.'en sprach, war so riesig besucht, daß eine Parallelversamn�- l u n g. die gleichfalls in kurzer Zeit überfüllt war. einberufen wurde. Hunderte mußten umkehren. Und das trotz des wölken- bruchartigen Regens, der um 148 Uhr über Berlin niederging, Unsere Sache steht gut! Genosse Crispien gab eine historische Studio der Entwicklung der Fürstengeschlechter, beleuchtete das schmachvoll-: Verhalten der vielen Potentätchen zur Zeit Napoleon Bonapartes,, wo jede der fürstlichen Jammergestalten um den Thron bettelte und vor dem Franzosen landesverräterisch auf dem Bauche kroch. Wilhelm, der wahnwitzige Phrasenschmetterer. gehörte entweder in- Zuchthaus oder ins Irrenhaus. Er muß mit seiner„Laubenkolonie von 280 000 Morgen Land in Doorn wirklich nicht verhungern. wenn ihm das geraubte Gut abgenommen wird. Es geht am 20. Juni um unser nacktes Leben! Die gestrige Kundgebung in der Aula Marktstraße zu Lichtenberg war so überfüllt, daß die Besucher bis auf den Flur standen. Genosse Auf Häuser hatte das Referat über- nommen. Er führte aus: 6 Monake hat der Reichstag versucht, ein Kompromiß zustande zu bringen, UU? die Volksbewegung aul- zuhalten. Die Fürsten sind nur zu den.hLhen Forderungen ge- kommen, weil sie wußten, daß ihnen die Geräte alles bewilligen werden. Dieselben Industriellen, die ihre Steuern nicht bezahlt haben, weil sie angeblich kein Geld haben, bezahlen pro Arbeiter 20 Pf. in den Kampssonds gegen den Volksentscheid. w»0l sie genau wisien, daß es darum geht, ob das Volt zu bestimmen hat oder eine Clique. Die den interesianten Ausführungen mit groß»A Auf. merksamkeit gefolgte Versammlung sang zum Abschluß begeistert unsere Internationale.„, Zu einer eindrucksvollen Kundgebung gestaltete sich umsr Mitwirkung des Gesangvereins„Bruderbund* die Öffentliche Versammlung der 115. Abteilung in Lichtenberg. Bis auf die' Straßen heraus staute sich aus dem Traveplatz die werktätige Bevölkerung, die in den Arbeitsgewändern von der Werkstatt weg zur Kundgebung geeilt waren. Erfreulicherweise waren besonders auch viele Frauen erschienen, ferner sah man zahlreiche K l ein- rentner und um ihr ganzes Hab und Gut geprellte ehemalige wohlhabende Bürger vertreten. Genosse Stadtrat Willi K i ü tz n e r erinnert« in seiner Ansprache an das„Sparkassenbuch" des ehe- maligen Kaisers, der mit 43 Millionen Mark als„armer" Mann ins Ausland Reißaus nahm. Es handle sich aber nicht nur am 20. Juni um das JIa" für die Fürstenenteignung, die ganze innere politische Zukunft der Republik, die Rechts- oder Links entwick- lung des ganzen Staates hängt von dem Siege des Volkswillens an diesem Tage ab, eine Erkenntnis, die Graf Westarp eindeutig zu verstehen gab. Darum darf es nur ein e i n st i m m i g e s I a geben! Genosse Dr. L ö w e n st e i n sprach in der Aula der König- städtischen Oberrealschule und man wünschte nur, es hörten ihn die, die es am meisten angeht. Immer noch gibt es- Lehrerinnen, die den höheren Töchtern sagen: Seht, dieser große Friedrich ist das Muster einer sittlichen Persönlichkeit für junge Mädchen! Er war mit 16 Iahren Dater. wahrlich ein Muster!„Die Regierung der Hohenzollern war eine fortgesetzte Reihe von Opfern für den Staat" sagt Herr Hergt. Dabei waren sie die größten Boden- und Häuserspekulanten, gerissen wie Kutisker. Noch 1917 baute sich der Herzog von Altenburg ein Schloß für seine„Nächte mit einer schönen Frau", Herzogslust genannt. Als man uns die Messing- schlösier von den Türen schraubte, ließ der charaktervolle Kronprinz seiner Brüsseler Geliebten Goldzähne machen(die anderen waren vom guten Essen faul geworden). Ein Geschmeiß von Fliegen nennt Tplleyrand. die deutschen Fürsten 1815. Sie sind nicht einmal die Pension wert, die man ihnen zahlt. Die Schmargendorfer hatten sich gestern abend im Schützenhaus in der Hundekehlenstraße zu einer Kundgebung. versammelt. Borher machte das Reichsbanner einen Umzug, von dem vernünftigen Teil der Bevölkerung freudig begrüßt. Der Saal trug den Schmuck der roten und schwarzrotgoldenen Farben. Genosse Hermann L e m p e r t, der das Referat hielt, ging in seinen Aus- führungen auf die beim Volksbegehren erzielten Eigebnisse ein und zeigte daran, daß auf dem flachen Lande ein unerhörter Terror ausgeübt worden ist. Die Gutsbesitzer, die fast alle reaktionär bis auf die Knochen sind, haben viele Arbeiter mit Drohungen, daß sie entlasten werden oder daß ihnen die Kuh entzogen wird, von der Einzeichnung ferngehalten. Auch jetzt beim Volksentscheid müsten wir mit dem Terror der Agrarier rechnen. Genau so wie früher wird wieder mit Bier und Schnaps zur Wohl gearbeitet. Die Gottes- diener unterstützen natürlich die Gutsherren, wie eben überall die Kirche den Raubzug der Fürsten unterstützt. Wir erwarten, daß das Volk am 20. Juni Abrechnung hält.(Reicher Beifall.) e- volksfreiheil und Cäsarismus. In den gewaltigen Kund- gebungen in den Spichern- und Hohenzollernsälen, die am 14. und 15. Juni gegen den fürstlichen Milliardenraubzug stattfanden, wurde eine überaus wirkungsvolle Szene aus dem Leben Ferdinand Lastalles.Volksfreiheit und Cäsarismus" zur Ausführung gebracht. Mitwirkende: Lieske, Hegenwald, Dönniges. Die propa- gandistisch sehr wirksam aufgemachte Sache, die auch ästhetisch keine Bedenken erregte, war zweifellos von stärkster Wirkung aus das Publikum, das aufs Lebendigste reagierte und an charakteristischen Stellen improvisiert zum leidenschaftlichen Mit- und Gegenspieler wurde. verreifte beim volksentjcheiü. Wer am Tage des Volksentscheids nicht an seinem Wohnort sein kann, der darf außerhalb seines Wohnortes sich an der Abstimmung beteiligen. Zu diesem Zweck muß er aber, wie im„Vorwärts" schon mehrfach mitgeteilt wurde, s i ch rechtzeitig einen Stimmschein besorgen, mit dem er dann an einem anderen Ort zur Abstimmung zugelassen wird. I n- fassen von Heilan st alten seien besonders daraus hinge- wiesen, daß sie an der für die Anstalt zuständigen Stelle, falls sie nicht ohnedies dort in die Lifte der Stimmberechtigten aufgenommen worden sind, mit solchem Stimmschein ihr Stimmrecht ausüben können. Bei großen Anstalten, wie es z. B. die von Berlin aus be- legten Heilstätten Beelitz sind, handelt es sich um Hunderte von Stimmberechtigten. Sechsfacher Morü und Selbstmord. Eine Tragödie in Dortmund. Ja der vergangenen Rächt tötete in einem hause in der Leopoldstratze zu Dortmund der Schlächter L I a s ch e w s k i seine Frau und seine drei Sinder in seiner Wohnung. Dann ging er in das Schlaszimmer der ein Stockwerk höher wohnenden Kostgänger und erschlug dort mit einem Beil einen von ihnen, mit dem er eine Rocht vorher gezecht hatte. Die anderen Kostgänger wagten bei Berübung der Tat keinen Laut von sich zu geben. Dann kehrte der Wörder wieder in seine Wohnung zurück. Eine ihm im hausslur entgegenkommeadc Frau, eine Mutter von sieben Kindern, schlug er ebenfalls nieder. Zu seiner Wohnung verübte der Täter dann S e l b st m o r d. Acht Personen bei einem Balkoaabsturz getötet. In Neapel ereignete sich ein schweres Unglück durch den Absturz eines Balkons einer Wohnung im vierten Stockwerk, auf welchem sich Kapitän Padovan!, ein bekannter faschistischer Organi- s a t o r, und mehrere seiner Freunde aufhielten. Padovani und sieben seiner Freunds starben auf dem Transport ins Krankenhaus: die übrigen verunglückten sind schwer verletzt. Fahnen heraus! Am Sonnabend v. Sonntag schmückt Fenster und Balkons mit roten und schwarzrotgoldenen Farbe«! Scheibenschießen unter Lebensgefahr. Die kleinkalibrigcn Uebungen der verschiedenen Schützengilden sind augenblicklich große Mode der Reaktion.„Verlernen Sie das Schießen nichl*. ist die Devise jener reaktionären Intriganten, für die diese Art„Sport" eine sehr hintergründige Sache ist. Wenn aber die Sporthegeisterung der Herrschasten das Publikum ge- f ä h r d e t, ist es Zeit, in die Praxis der Schützenbrüder ein wenig hineinzuleuchten. Die Schützengilde Rehbrück-Ber aHolz feierte vom Sonntag bis Dienstag ein Schützenfest. Ein Freund unseres Blattes, der sich am Ufer der Nut« aufhielt, hörte plötzlich drei Kugeln an sich vorbeisausrn. Eine Kugel schlug kaum zwei Meter van ihm entfernt in den Ufersand. Der Mann machte schleunigst, daß er seine gefährliche Position alz lebende Schieh- schcibe aufgab und flüchtete. Nach den Angaben unseres Gewährs- mannes war der Schiegstand zirka 1S Meter von der Einschlag- stelle der verirrten Kugeln entfernt. Es müssen schon ganz statt- liche„Kleinkaliber" gewesen sein, mit denen die Schützenvereinler ihrem„harmlosen Spiele" fröhnten. Jedenfalls mutz unbedingt verlangt werden, dah das friedliche Publikum vor den Gewehr- kugeln entfesselter Kriegeroereinler geschützt ist. Di« ganze Schießerei der Schützen-, Kriegdr- und sonstigen Schießoereine, besonders an den Sonntagen, ist aber im Grunde genommen unerträglich. Mit Ausnahme der Kirchzeit können die Herrschaften vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht mit ihrer Schietzerei den t o l l st e n Lärm vollführen, eine Störung der Sonntagsruhe ist das nicht. Als aber vor einiger Zeit an einem Sonntag vormittag gegen lt) Uhr ein Angestellter auf den Balkon seiner Wohnung in der Schönhauser Allee seine Kleidungsstücke ausklopfte, da erhiell er durch das 65. Polizeirevier eine Geldstrafe von 5 M.. weil er durch sein Zeugausklopfen die„äußere Heilighaltung des Sonn- tags beeinträchtigt und die Stratzenluft verunreinigt(!) habe". Mag sich die Polizei zur Begründung ihres Strafmandats auf die Berliner Straßenpolizeiverordnung und eine Reichsverordnung und noch ein Londesgesetz berufen, Tatsache ist, daß hier gegen diese an sich harmlose und unbedeutende Sache der Paragraphensturm entfesselt wird, während es anscheinend keinen einzigen Paragraphen gibt, mit dem die Polizei in der Umgebung der Schützenhäuser und Schießstände den Bewohnern einen ruhigen Sonntag gewährleistet. Rheinischer Nachmittag. Die Rheinische F r a u e n l i g a lud gestern In den Räumen der Reichskanzlei zu einem fröhlichen Nachmittag. Der Be- such war über alle Erwartungen groß. Prolog des Aater Rhein, launig und wirkungsvoll gesprochen von Hans Mühlhofer. Hier- auf ein Hymnus aufs Rheinland und feine schönen, heilsamen Bäder, prächtig gesungen von Kammersänger Ladmann. Darauf das Ballett Zimmermann und noch viele andere Darbietungen. Der Ertrag dieser Veranstaltung soll zur Milderung der wirtschaftlichen Not des Ryeinlandes beitragen und das Publikum soll erneut immer wieder auf dies prächtige Stück deutscher Heimat hingewiesen werden. In diesem Sinne aufgefaßt, fand ein sehr lustiger, gesanglicher Pro- pagandawettstreit zwischen Bad Kreuznach(Peter Ladmann) und Bad Neuenahr(Opernsänger Witting) vielen Beifall. Unter Musik, fröhlichem Geplauder— auch hier und da ein wenig rheinischem Heimweh— fand dieser hübsche Nachmittag seinen Abschluß. Kinderwoche im Kaufhaus. Ein � richtiges kleines Hippodrom in der vierten Etage mit lebendigen Ponies ist die Hauptattraktion der„Kinderwoche" bei Tietz in der Frankfurter Allee. Dazu dienen Schaukel, Rutschbahn, Karussell noch der Belustigung der Kleinen, hier wie in den anderen Häusern am Alexanderplatz und in der Leip- ziger Straße, wo außerdem noch ein Kasperletheater jubelnd um- lagert wird. Bor dem großen Eckschaufenster am Dönhoffplatz hört man ebenfalls manchen entzückten Ruf aus Kindermund angesichts der lebendigen Gänse und Enten, die sich mit ihren Küken dort hinter Glas im freien Auslauf sehr wohl zu fühlen scheinen. Und ungeachtet der Hitze und der drangvoll fürchterlichen Enge ziehen die Kinder ihre Mütter vorwärts und ruhen nicht eher, bis auch ganz gewiß alle der chnen gebotenen Herrlichkeiten gründlich be- sichtigt worden sind. Dorsührungen des aukomnfischen Telephonbekriebe». Demnächst wird das Selbstanschlußamt Wannsec eröffnet. Di« Oberpostdirektion beabsichtigt, die Teilnehmer mit der Bedienung ihrer Apparate sowie mit der Betriebsweise des Amtes oertraut zu machen. Sie wird zu diesem Zweck Vorträge und Borführungen veran- stalten, und zwar in Wannsee in der Wilhelm-Konrad- Schule(Charlottenstraße 16) am 21., 22., 24., 28. und 29. Juni. Beginn der Vorträge um 8 Uhr abends. Das 7. Gebot und der Volksentscheid. Die C h r i st l i ch- soziale Reichspartei veranstaltet am Donnerstag, den 17. Juni, abends 7)h Uhr, in der Stadthalle Klosterstraße eine Kund- gebung für den Volksentscheid. Als Redner ist der bekannte katho- lische Sozialpolitiker Vitus Heller- Würzburg gewonnen worden. Außerdem wird Herr Dr. Gründe!, ein Führer der katholischen Jugend, das Wort ergreifen. Von kirchlicher Seite wird das 7. Gebot gegen den Volksentscheid ins Feld geführt. Da wird es wohl für viele Berliner interessant sein, auch einmal die Gegenseite zu hören, die da sagt, daß gerade vom christlichen Standpunkt aus gesehen nicht der Volksentscheid, sondern die Ansprüche der Fürsten einen schweren Verstoß gegen das 7. Gebot darstellen. vom Auto an die wand gedrückt. In der Königin-Luise-Straß« in Zehlendorf geriet ein Lastkraftwagen msolge Versagens der Bremse auf den Bürgersteig. Hierbei wurden vorübergehend« Passan- ten von dem Auto an die Wand gedrückt. Es erlitten der 50 Jahre aste Studienrat Dr. Max Fleischer aus der Dankelmann. straße 39«inen doppelten Oberschenkelbruch und dos 50jährige Fräulein Gertrud Großmann aus der Prinzenstr. 34 innere Verletzungen. Beide wurden dem Kreiskrankenhau» in Lichter- felde zugeführt. OewerWhostsbewegung Die Stabiliflervng öer Krise. Das Ergebnis der kapitalistischen Wirtschaftsführung. Mit dem Einsetzen der Wirtschaftskrise im Herbst des vorigen Jahre» begann die große Lohnabbauaktion der Unter- nebmerverbände. Wenn man den Syndizi der Unternehmeroryani- sationen glauben dürfte, dann könnt« die Produktiv nicht wieder in Gang gebracht werden, wenn die elenden Löhne nicht vorher noch weiter abgebaut würden. Nun ist es infolge der Krise den Unter- nehmern gelungen, Lohnerhöhungen im allgemeinen a b z u- wehren und darüber hinaus Lohnkürzungen vorzunehmen. Man hat die sogenannten unrentablen Betriebe stillgelegt und die Arbeiterschaft in Mafien auf die Straße gesetzt. Man hat bannt die Absatzmöglichkeit noch mehr verringert. Die unvermeidliche Folge dieser Wirtschaftsführung war nicht ein Abflauen der Krise, sondern ein« Stabilisierung des außerordentlichen Krisen- zustande». Wie unsere graphisch« Darstellung zeigt, ist fest Anfang WT 131.5 120.1 Die Arbeitslosigkeit im Bezirk Groß'Berlm Januar~ Juni 1996 In 1000 Pensemen ..O"-O" � .Ä-o— O 6S.t ..o yi-y' 58.7 Männer Frauen 18. 1. is. 1. 15. M. 11. Ib. 10. tu, 7, 11. 15. B. 11. 8. 11. 5. 19. 3. 17. 31.' Januar Februar Man Appil Mai Juni Februar in Berlin die Arbeitslosigkeit, von geringfügigen Schwan- kungen abgesehen, unverändert geblieben, neigt in den letzten Wochen sogar zu einer weiteren Steigerung. Bemerkens- wert ist, daß die Arbeitslosigkeit der Frauen zu Anfang dieses Jahres nicht dieselbe scharfe Steigerung durchgemacht hat wie die der Männer, dagegen sich in einem zwar langsameren, aber fast ununterbrochenen Aufstieg befindet. Das dürfte vor ollen Dingen darauf zurückzuführen sein, daß die Frauen zumeist unter die Kategorie der Ungelernten fallen und daher auch wie diese die ersten Opfer der kapitalistischen Stabistsierung des Elends sind. Sozialpolitik vor dem Jaternatlonale« Gerichtshof. Der am 15. Juni w'eder zusammentretend« Ständig« Inter- nationale Gerichtshof im Haag Hot als ersten Punkt seiner Tages- ordnung eine Frage zu behandeln, die für die gesamte Arbesterwest von größter Bedeutung ist. Auf Ansuchen de» Verwaltungsrats des Internationalen Arbeitsbureaus, der von seiner Arbeitgebergruppe dazu veranlaßt wurde, soll der Gerichtshof folgende Frage beant- warten: „Hat die International« Organisation der Arbest die Befugnis, eine Regelung zu entwerfen und vorzuschlagen, die mit dem Ziel des Schutzes bestimmter Lohnarbeiter gruppen zugleich und nebenbei sich mit der Arbeit des Arbeitgebers befaßt?" Die Mehrheit des Berroastungsrats im Internationalen Arbetts- bureau, sowest sie der A r b e i t g e b e r g r u p p e angehört, hat die Befugnisse der Internationalen Organisation in dieser Hinsicht an- gezweifelt. Es handelt sich für den Gerichtshof nicht um die Urteils- fällung in einem etwa anhängig gemachten Prozeßverfahren, sondern um ein Gutachten. Die Frage hängt aus» engste mit der N a ch t- arbeit in den Bäckereien zusammen. Di« Arbeitskonserenz von 1924 hat eine im Jahre 1925 in zweiter Lesung angenommene Regelung getroffen, wodurch die Nachtarbett sowohl den an der Lrotbereitung teilnehmenden Arbeitern wie den Arbeit- g e b e r n oerboten wird. Die Arbestgeber waren jedoch mit dieser Bestimmung keineswegs einverstanden, da nach ihrer Auffassung da- durch in die Konkurrenzbedingungen«ingegriffen und die großen Arbeitgeber gegenüber den kleinen bevorzugt würden. Diese Maß- nähme bedrohe ein« Gruppe mit Untergang, die den Uebergong von der Arbeiter- zur Unternehmerklafie bilde: sie taste die indi- viduell« Freiheit an und bedrohe das Hausrecht. Die Arbestgeber blieben in der Plenaroerfammluno in Genf in der Minderheit. Don Arbeitnehmerseite wurde mit Recht geltend gemacht, daß das Verbot für die Lohnarbeiter nicht durchzuführen sei, tvenn es nicht zugleich auch für die Arbeitgeber gelle. Haag, 17. Juni.(MTB.) Der Internationale Gerichtshof hat in nichtöffentlicher Sitzung beschlossen, den Ersuchen mehrerer inter- nationaler Organisationen zu entsprechen, die den Wunsch ausge- sprachen hatten, durch besondere nach dem Haag zu entsendende Ver- treter dem Internationalen Gerichtshof mündliche Auskünfte über die Frage der Befugnifie der persönlichen Arbeitsleistung der Arbeit- geber zu verschaffen. Die erwähnten Organisationen sind folgende: das Internationale Arbeitsamt in Genf, die Internationole Organisation industrieller Arbeitgeber in Brüfiel, die Internationale Gewerkschoftszentrale in Amsterdam und der Internationale Verband Christlicher Gewerkschaften in Utrecht. wie es in der Putzbranche aussieht. Ein allgemein verbindlicher Verlrag. den niemand einhält. Ein überaus trauriges Bild von den Verhältnifien in der Putz- branche zeichnete Genosse Vetter vom Hutarbeiterverband in den beiden Verfanrmlungen der Putzmacherinnen der Engros- und Detailbetrieb« am Mittwoch im Dresdener Garten. In den Iahren nach dem Kriege war es der Organisation ge- langen, die Arbeitsbedingungen und Löhne in der Putzbranch« ver- hästnismäßig g ü n st i g zu regeln. Der organisatorisch« Zusammen- schluß der Putzarbesterinnen war sehr gut und kam besonders im regen Dersannnlungsbesuch zum Ausdruck. Jeder Mißstand in den Betrieben wurde sofort der Organisation mitgeteill, die auf die Abstellung hinwirkte: überhaupt waren den Putzarbeiterinnen durch den Meinungsaustausch in den Versammlungen die Berhällnisse in allen Betrieben und Geschäften bekannt. Nach der Inflation griff unter den Putzarbeiterinnen eine Gleichgültigkeit und Lauheit Platz, die sich nur zu schnell an den Putzarbsiterinnen selbst rächte. Eine Ausbeutung der Putzarbeiterrnnen griff um sich, wie sie schlimmer bald in der Vorkriegszest nicht war. Trotzdem für alle Branchen allgemeinverbindliche Tarifverträge be- stehen, wurden sie fast nirgends eingehalten. wochealöhne von 3 und 4 Mark für gelernt« Putzarbeiterinnen sind keine Seltenheit. Urlaub wird ganz willkürlich oder gar nicht erteill! Hinzu kommt eine un- glaubliche L e h rm äd ch e n z ü ch t e r« i, die mst den Tarifbe- slimmungen im krafiesten Widerspruch steht. Alle diese Zu- stände werden von den Putzarbeiterrnnen mst einer Gleichgülttgkest ertragen, als ob es niemals anders war oder werden könnte. Ge- nofie Vetter forderte die in leider nicht zu großer Zahl Erschienenen aus. die sich in das nur scheinbar unabänderliche Berussschicksal Fügenden aufzurütteln und an ihr« Menschenwürde zu appellieren. um wieder erträgliche Verhältnisse in der Putzbranch« zu schaffen. Das Abfestsstehen der Putzarbeiterinnen von der Organisation muß aufhören, wollen sie nicht ganz dem Unternehmertum ausgeliefert werden. Schon einmal war die Branche fast restlos organisiert und ein« der bestbezahltesten Gruppen in der Berliner Arbeiterschost. Dies wieder zu erreichen, muß für alle vorwärt» schauenden Putz- arbeiterwnen das nächste Ziel setn. Neue Vereinbarung i« Rummeksburg. Da die Eisenkonstruktionsfirmen des Kraftwerks Rummelsburg ihren Arbeitern nach Beendigung des Streits in der Lohnfrage Schwierigkeiten machten, indem sie alle getroffenen Vereinbarungen willkürlich zu ihren Gunsten auszulegen versuchten, machten sich wieder Verhandlungen notwendig. Diese fanden gestern im Rathaus unter Vorsitz des Oberbürgermeisters B ö ß zwischen den Vertretern des Metallarbetteroerbandes, der Streikleitung und den Vertretern des VBM2. und der übrigen Eisenkonstruktionsfirmen. Zu den strittigen Fragen der Entlohnung der Schlosser und der Laufzeitentschädigung der übrigen Arbeiter wurde folgender Dorschlag unterbrestet: Das Bruttostundeneinkommen der Schlofier und Facharbeiter wird ausschließlich Laufzeitentschädigung auf 81 Pfg. festgesetzt. Bereit» höhere Stundeneinkommen bleiben ungekürzt. Allen Montagearbeitern, also auch den Ungelernten, wird, sowest sie die Lauszestentschädigung nicht berests erhallen, eine Stunde Laufzeitentschädigung gewährt. Die Lauf- stunde wird nicht an Arbeiter gezahll, die Auslösung(Montage-- zuschlüge) erhallen. Diese Regelung gilt nur für Arbeiten auf der Rummelsburger Baustelle. Die übrigen Löhne für die ungelernten Arbeiter, Nietschirrmeister und Monteure bleiben so bestehen, wie sie seinerzeit dem Oberbürgermeister Büß unterbreitet wurden. Die Differenzen wegen der Bezahlung der Kesselschmiede sind ebenfalls durch Verhandlungen beigelegt worden. Die Funktionare de» Kraftwerkes Rummelsburg werden heute zu dem Dorschlog Stellung nehmen und chm aller Boraussicht nach zustimmen, so daß zu hoffen ist, daß die Arbeiten, vorausgesetzt, die Unternehmer hallen sich nun endlich an den Vereinbarungen, wieder fortgeführt werden können._ Ei« kommunistischer Musterbetrieb. Die russische Handelsvertretung befchäffigte das Kaufmanns» gericht Kommer VlI in 3 Sitzungen unter Vorsitz des Magistrats- rats Dr. O p p l e r. Ein kaufmännischer Angestellter erhielt nach Abgang aus der Handelsvertretung nicht sofort fein Zeugnis, sondern erst auf sein schrifiliches Gesuch. Man gab ihm ein Zeugnis in russischer Sprach«. Dies befriedigte den Kläger nicht und erst durch ein Versäumnisurteil— die Beklagte war im ersten Termin nicht vertreten— erhiell der Angestellte ein ordnungs- mäßiges Zeunis. Der Kläger beantragte außerdem eine dem Gehalt entsprechende Entschädigung bis zu dem Tage noch Erholten des Zeugnifies, da ihm ohne dieses nicht möglich wurde, anderwärts Stellung zu erhalten. Dies veranlaßte nun die Handelsvertretung zum Einspruch und ein Dr. Goldstein machte allerlei mündliche Einwendungen. brachte auch zwei Zeugen mst, die erst gar nicht vernommen wurden, um die Entschädigungen als unberechtigt hinzustellen. Durch den Einigungsvvifchlag des Borsitzenden ist die Summ« von 150— statt 190, wie verlangt,— von der Handelsvertretung genehmigt worden. Auch dieser Mitarbeiter, ein Kommunfit, mußte erst sein Recht durch ein bürgerliches Gericht und zwar durch drei Termine zu erwirken suchen. Der Kläger ersuchte noch privatim um Ueber- sendung der Lersicherungskart«. Es wurde ihm durch Dr. Goldstein aber erklärt, daß Angestellte nach dem Bertrag Deutschland- Rußland nicht versicherungspflichtig sind. Bcrantworli» tllr Politik: Er»» ZImtn: Wirtschaft:«rt»r«ntern»»! «rIschaftsbrweail»a: Z. Steiner; Feuilleton- St. S. T Sicher: Lokales und Sdnitinee: gri«»arilädt: Anweisen: ll». SloEe: sämtlich in Berlin. Berlaa: Lorwärto-Lerlaa S. m. b. b.. Berlin. Druck: Vorwärts-Buckidruckerei und Berlaasanitalt Paul Einaer u. Co.. Berlin<5W 6S. Lindenitrake 3. r HerUnerEleKlriHer Genossensdsafl angeschl. dem Verb. sor. Baubetriebe Berlin N.24, Elsässer Str. 86-88 Fernsprecber: Norden 6525,65�5 Filiale Westen, Wilmersdorf Landhausstr. 4. 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