Abenöausgabe flr. 299 ♦ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 147 Btiugslebinguiittn unb Cnjetstsvteff« Bnj in t*r gtflratnamaat« enacctben BcAafHea: STD. OS, einbnfttabe 3 Jerafpted)er: VSnhosf 282— 207 JIÖteR»:i ojialftemoJcol Sctlta Devlinev Volksblstt (�10 Pfeeinig] Montag 2S. Juni 1926 e«rla, und Lnziliinaltkilun«: Tlschätt«»tit»—! Ubr 7>-rIegeri IZorwSrIs-Vsrlag GmbH. SerUb STS. 68, CinOcnfitabe 3 J«rr.fpt« die sich in gewissem Maße auch heute kundgebe. Hinsichtlich der Frage einer A b ä» d e- rung der Wahlordnung und einiger Teile der Der- fassung gab er der Meinung Ausdruck, daß man politisch von einer solchen Aenderung nicht allzuviel erwarten dürfe. Zu den Anspielungen auf eine Diktatur bemerkte Präsident Masaryk, das Beispiel der Diktatur in anderen Ländern passe nicht aus die Verhältnisse der tschechoslowakischen Republik. Nach dem Um- stürz herrsche jetzt das Bedürfnis noch Ruhe zur Arbeit. Jedes un- besonnene Vorhaben, ja auch nur eine tiefere politische Krise würde zweifellos die tschechoslowakische Währung schädigen und die Arbeiterparteien, die dies richtig erfasien, seien daher(aber doch nicht bloß deswegen, sondern als Demokraten!. Red. d. V.) auch gegen diktatorische Gelüste. Er verstehe nicht, wie es eine bürger- liche Fraktion geben könne, die mit diesem Feuer leichtsinnig spiele. Er seh« darin einen Beweis, daß die Parteien ein: Krise durch- leben, die freilich nicht die einzige sei. Aus eine Frage über die Politik gegenüber der deutschen Minderheit antwortete der Präsident: Da sich unsere Nationalität und der Staat nicht deckt, da wir nationale Minderheiten haben, ist die Frage der Minderheiten so wichtig. Ich wiederhole, was ich bereits mehrer« Male gesagt habe: Das Problem unserer deutschen Minderheit ist unser wichtigstes politisches Problem, das von unseren Staatsmännern gelöst werden muß. Sobald die Deutschen unseren Staat nicht mehr negieren und zwecks Mitarbeit eine Re- gierungsparlei werden, werden sich a u t o m a t i s ch all jene Konsequenzen einstellen, die für die übrigen Regierungsparteien gelten. Das ist eine so einfache und klare Sache, daß hier keine besondere Deutschenfreundlichkeit vonnöten ist, sondern nur ein bißchen politischer Verstand und Umsicht. � völkersoliöarität. Eine Rede Stresemauns. Der Verein der ausländischen Presse in Berlin dielt«In Gründungsfest ab, zu dem auch der Reichsaußenminister, die aus- tändischen Diplomaten usw. erschienen waren. Der Vorsitzende B l u n(,2e Journal", Paris) bezeichnete es als die Pflicht eines ,n einer auslänischen Hauptstadt itätigen Korrespondenten, das Land, dessen Gastfreundschaft er geikieht. in seinem eigenen.Vaterland« bekanntzumachen, frei von jedem Vorurteil und mit dem festen Ziel«, durch seine Berichterstattung der hohen Sache des Friedens und eines besseren Sichkennenlernens der Völker zu dienen. Die hier Versammelten haben alle die Schrecknisse des Weltkrieges miterlebt, sie sind auch alle Zeugen des Elends gewesen, das Deutschland nach dem Kriege über sich ergehen lassen mußte. Kjes�Erinnerungen, gepaart mit den persönlichen Erfahrungen, die diele von uns gemocht haben und heut« noch machen, sind es in erster Linie, die uns dazu veranlaßt haben, nach bestem Wissen und Gewissen die Bemühungen tatkräftig zu unterstützen, die Reichsminister Dr. Stresemann seit Jahr und Tag zur Befriedung Europos unternommen Hot und noch unter- nimmt. Iu Erwiderung auf die Begrüßungsrede sprach der Gesandte des Papstes, Runtius Pacelli. von der Verantwortlichkeit der Presse und sagte: Die Tränen, die der verheerendste aller Kriege verursacht hat, sind längst noch nicht gc- trocknet: die Wunden, die er schlug, brennen noch: die Lücken, die er riß, werden sich erst in Jahrzehnten schließen köikhen. Aus diesem furchtbaren Erlebnis ist eines hcroorgewachsen, das für jeden Gut- gesinnten zugleich auch eine Zukunftshoffnung ist: eine starke, alle Völker erfassende Friedenssehnsucht, der heiße Wunsch, eine Wiederkehr dessen zu verhindern, was die Menschheit in den rauenvollen Jahren des Weltkrieges erdulden mußte. Aus ieser Sehnsucht nach Frieden muß ein Wille zum Frieden werden. Und aus diesem Willen zum Frieden muß ein anderes sich herausbilden: Taten und Opfer für den Frieden. Diesen tat- und opferbereiten Willen in den Herzen und den Ge- sinnungcn der Völker zu fördern und zu festigen, ist eine Ausgabe, die ohne die ausrichtige und entsagungssreudige Mitarbeit der Presse unlösbar bleiben würde.— Hiernach führte t Reichsaußenminister Dr. Stresemann u. a. aus: Wer als Deutscher den Weltkrieg mit seinen Wechsel- Wirkungen und Nochwirkungen kennen gelernt hat, wie Millionen proletarisiert worden sind, wo Hunderttausende aus einer Bahn gerissen worden sind," von der sie glaubten, daß es ihre Lebensbahn sein würde— Nachwirkungen, die naturgemäß eine divergierende Strömung in da? 5ierz eines einzelnen bringen müssen—, wer oll dies auf sich wirken läßt, der wird auch verliehen, daß ein Volk, das so unendlich viel in sich geistig verarbeiten mußte, seelisch den Prozeh internationaler Annäherung sehr vielschwieriger durchzumachen vermochte als andere Nationen, denen das Glück mehr leuchtete als ihm in dieser Zeit, der wird iftr- stehen, daß es a u ch h e u t e die großen Erlebnisse mit seinen letzten Endtonsequenzen seelisch noch nicht durchgearbeitet hat. lind deshalb war auch der Weg der deutschen Außenpolitik ein so unendlich schwerer und dornenvoller. Auch für Locarno gilt das eine, daß einem Sonnenschein in diesein wirksich paradiesisch schönen Fleckchen Erde sehr schwere Tage geiolgt sind, in ollen Ländern. Aber ich Hab« die eine Ueberzeugung, und die berechtigt midi zu dem ver'rauen, daß der Fortschritt der Menschheit nur basiert sein kanu am der Idee des Frieden-, daß n u r s i e die Herzen der Menschheit erobern kann, und diese Ueberzeugung habe ich auf Grund meiner persönlichen Bekanntschaft und meiner Kenntnis der europäischen Politik. Ich habe auch die Ueberzeugung, daß die Männer, die damals an der Spitze ihrer Völker die Politik von Locarno guthießen, es auch noch heule tun, und daß das Werk von Locarno die Basis sein muß für die weitere Außenpolitik, das Werk von Locarno und olle die Verträge, die sich daran anschließen. Seit jenen, bewegten Tagen— und es waren Tage darunter, wo ich die- bittere Empfindung hatte, in Deutschland allein zu stehen— gerade die Weltpresse die große tragende Bedeutung der Idee erfaßt hatte, zu diesem großen Zusammenkommen der Nationen den Grund mit zu legen: denn ich bin der Meinung, daß es viel weniger auf die Paragraphen ankommt als auf den Geist der Verträge. In der kurzen, aber verhältnismäßig um so ereignisreicheren Zeit, wo ich deutscher Reichskanzler lein muhte, habe ich vor Ihnen ausgejührt�dah es nur ein Zeitalter gäbe, das sich mit dem unjengen noch oerMichen ließe, nämlich die Epoche von der vorigen Jahrhundertwende bis zum Jahre 1815, eine Zeit, die be- gann mit großen sozialwirtschastlichen Auseinandersetzungen, und die vom Komps der Meinungen über Ideen sich auflöste in Kriege und unendliche Veränderungen der Landkarte brachte: dann kam es zum Frieden. Jetzt hatten wir erst die kriegerische Auseinandersetzung, dann große staatliche Umwälzungen, innere Staatsumwälzungcn in vielen Staaten. Sie sind noch nicht abgeschlossen, weil unendlich vieles miteinander ringt in der Gegenwort der Dinge. Aber die Idee, die sich heute der Menschheit empfiehlt, ist, daß das Gesomlresume des Weltkrieges ein Elend und ein Unglück für alle gewesen ist. die am Weltkriege teilgenommen haben. Ich sehe nicht mehr Sieger und Besiegte, sondern nur noch ringende Völker, die sich bemühen, aus dem Chaos, das sich vor ihnen allen ausgetan hat, wieder in die V c r n u n f t zurückzukommen. Sie sehen eine Weltwirtschast, die nicht getragen ist von dem großen Gedqnken des Ausgleichs der Güter: der Austauich gerade zwischen den Rohstofsländern und den verarbeitenden Ländern ist überoll unterbunden, alle Grundgesetze, alle Fundamente, die man als sicher ansah, erscheinen beseitigt. Und in dieser große Umwälzung sinkt in die P r o l e t a r i s i e r u n g gerade der Teil des Volkes nieder, der bisher olsstaatserhaltcndfter galt. Die I n t e r- essengemeinschost der Völker und Staaten ist so groß gc- worden und das Bedürfnis nach Gcistesgemeinschaften, wie das Beispiel zeigt: daß im Augenblick, wo ein Land, das eben noch glücküberströmt sich als Sieger fühlte, nun im heftigsten Kampfe um die Stabilisierung setner O, Währung steht. niemand bei uns ist, der nicht den Wunsch nach Konsolidierung dieses Landes hat, zumal meiner Ansicht nach Frankreich auch Interesse daran hat, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht zu einer destruktiven Lage für Deutschland führen. Wenn die Vergangenheit als Tatsache für sich steht, können wir mindestens aus der Ver- gangenheit für die Gegenwart und Zukunft lernen. Die Zukunft kann nur basiert werden auf dem alten kulturell hochstehenden Europa, das der Welt unendlich viel gegeben hat, auf dem Ge- danken des Friedens, der Solidarität, der Zusammenarbest der Völker, kann nikr basiert werden aus einem Vertrauen in die Zukunft, daß wir uns verstehen lernen und begreifen, daß schließlich uns olle zusammen eiki einiges Schicksal bindet, daß wir zu einer glück- lichen Entfaltung nicht gelangen, wenn wir mit den Waffen— ich spreche hier nichi von den Dassen des Krieges—, wenn wir mit den Waffen des Geistes und diplomatischer Uebung gegeneinander kämpfen, sondern in gemeinsamem Wirken zusammen dafür arbeiten, daß der Vergangenheit eine bessere Zukunft folge. Paul Kaufmann 70 Zahr«. Heute vollendet der früher« long- jähriae Präsident des Reichsverficherunasamtes, Paul Kauf- mann, sein 70. Lebensjahr. Er hat sich durch seine Kenntnisse und sein warmes soziales Empfinden groß« Verdienste und all- gemeine Achtung erworben. Gewerkschaften in �apan. (Don unserem japanischen Korrespondenten.) Tokio. Anfang Juni 1926. In der Zeit nach dem Weltkrieg, als sich aus intellektueller Kreisen ein großer Strom der Aufklärung in die Arbeiter- Massen ergoß, begannen auch Gewerkschaften in ver- schiedener Form und Färbung aufzuschießen wie die Pilz« nach dem Regen. Von diesen Keimen sind manche zu ver hältnismäßig größeren Organisationen erwachsen, währen! andere inzwischen wieder verwelkt sind. Jetzt scheint die erst- Periode des bunten Durcheinanderliegens in der japanische! Gewerkschaftsbewegung beinahe schon vorüber, und so isi c; möglich geworden, die ganze Lage im Lande mit einige: Sicherheit zu überblicken Insbesondere wird die Gründuni der ersten proletarischen Partei, der„Bauern- und Arbeiter partei", vom 5. März d. I. gewiß einen neuen Abschnitt de Arbeiterbewegung in diesem Lande einleiten und auch de: Gewerkschaftsbewegung klarere Gestalt geben. Die Partei is aber augenblicklich immer noch mit Vorbereitungsarbeit be schäftigt und hat ihre eigentliche politische Tätigkeit noch nich begonnen. Die Gesamtzahl der japanischen Arbeiter wird au ungefähr 7 Millionen geschätzt. In den unter der Gewerbe ordnung stehenden Fabriken, einschließlich Bergwerken. Schiff fahrt und Staatsbahnen, sind etwa 2 815(KM) Arbeite beschäftigt Organisiert sind erst etwa 230 090 Arbeiter also 3,3 Proz. der Gesamtzahl, oder 8,2 Proz. der letztgenann ten Arbeiter. Von den organisierten Arbeitern sind etw: zwei Drittel zu Spitzenorganisationen zusammengeschlossen Die Uebersicht über die japanischen Gewerkschaften gestalte sich wie folgt: 1. Organisationen der gemäßigten Richtunj (Trado-Unionismus): Allgemeiner Gewerkschaftsbund Japan 39 850: Gewerkschaftsbund in Marinebetrieben 47 260: Ge werkschaftsbund in Militärbetrieben 1600: Gewerkschaftsbun in Verkehrsbetrieben 14 100: Japanischer Gewerkschaftsver band 4430: Buso-(verkürzter Prooinznamen)-arbeiierbun! 6440: Tonarbeiterbund 3410: Konstitutionelle Arbeiterparte 1000. Gesamte Mitgliederzahl 130 840. 2. Organisationen der kommunistischen Rich t u n g: Japanischer Gewerkschaftsausschuß 22 200. I. Organisationen der anarcho-syndikalistischei Richtung: Landesbund der Buchdrucker 1000: Gewerk schaftsverband Mitteljapans 1300: Gewerkschaftsverband Ost japans 300. Gesamte Mitgliederzahl 2600. Die hier erwähnten Organisationen sind zu Spitzen verbänden zusaifimengeschlossen. Außer diesen gibt es etw« 40 kleinere Gewerkschaften, von denen 10 mehr als 1000 Mit glieder haben. Die gesamte Mitgliederzahl dieser Gewerk schaftcn beläuft sich auf etwa 75 000. Die meisten von ihnei sind„gelb". Manche Organisationen der gemäßigten Richtung, wi der Gewerkschaftsbund in Verkehrsbetrieben, der Japanisch Gewerkschaftsverband, der Eewerkschaftsbund in Militär betrieben, die Konstitutionelle Arbeiterpartei u. a. habe, ziemlich viele kommunistische Elemente unter ihren Führern und es ist daher sehr wahrscheinlich, daß sie sich in der nächstei Zeit spalten werden, wobei die große Mehrheit der Mitgliede zweifellos bei der bisherigen gemäßigten Richtung bleibei wird. Unter den kleinen selbständigen Gewerkschaften sin Bestrebungen bemerkbar, wenn nötig nach Ausschluß dei „gelben" Elemente, sich an die bestehenden Spitzcnorgani sationen anzuschließen, da das Selbständigbleiben kleine Organisationen immer schwieriger geworden ist. Bemerkenswert ist, daß etwa zwei Drittel der gesamte« Gewerkschaften seit 1924 neu organisiert sind. Der Haupt anreiz zu diesen Gründungen war die immer klarer geworden realistische Tendenz in der Hauptströmung der japanische« Arbeiterbewegung. Vis dahin hatten anarchistische oder kom munistische Elemente die Oberhand, aber mit dem n e u c n G c setz über das allgemeine M ä n n e r w a h l r e ch hat die Bewegung eine rasche Wandlung erfahren. Auch kam gesagt werden, daß das A r b e i t e r k ob i n e t t in Eng l a n d einen starken Einfluß zugunsten des Trade-Unio nismus in Japan ausübte. Auf der anderen Seite bot auc die Genfer Arbeitskonsereoz einen Anstoß zui Organisierung neuer Gewerkschaften, da die japanische Regie rung 1924 zum ersten Male einen Arbeitervertreter zu diese Konserenz von den Gewerkschaften wählen ließ. Einig. Gewerkschaften sind sogar erst zum Zweck dieser Wahl in Leven gerufen worden, wie der Gewerkschaftsbund in de« Marinebetrieben. Die nächste Zukunft der japanischen Gewerkschaftsbcwe gung ist nicht leicht vorauszusehen, weil viele diese« Organisationen noch von wenigen intellektuelle« Führern geleitet und vom Hin und Her solcher Führun« leicht bewegt werden. Die bisherige Geschichte hat öfters au diesem Gebiet unerwartete Ereignisse gezeigt. Jedoch au Grund der Gegenwart darf man über die Zukunft der japo nischen Gewerkschaften vielleicht folgendes sagen: Die Gewerkschaften der gemäßigten Richtung haben di stärkste Stellung im Lande, daran kann nicht mehr gerüttcl werden. Aber das Wachstum dieser Gewerkschaften schein jetzt ins Stocken geraten zu fein, vielleicht wegen ungenügende Geldmittel für die Agitation. Jedenfalls ist die Mitglieder zunähme nicht stark. Dagegen schreitet die innere Konsoli dierung fort. Die kommunistische Propaganda ist rührig ab« ohne Aussicht auf Erfolg. Aehnliches gilt für di- anarchistische Richtung, die durch die Einkerkerung zahlreicher Führer stark gehemmt ist. Schließlich noch etwas über die japanischen„Bauern- verein e". Diese Bauernvereine sind Organisationen der kleinen Bauern oder Landpächter, die Kl) Proz. der ganzen 27 Millionen starken Bauernbevölkerung ausmachen. Die Hälfte des ganzen Ackerlandes in Japan ist von diesen kleinen Bauern gepachtet. Diese besonderen Verhältnisse der japa- nischen Landwirtschaft haben zu einer Verelendung der Klein- dauern geführt und so sind auch zahlreiche Bauernvereine gleichzeitig mit dem Aufschwung der Arbeitergewerkschaften ins Leben getreten. Mit diesen stehen sie jetzt in gemeinsamer Front gegen Kapital und Grundbesitz. Im Jahre 1911 gab es nur 23 Bauernvereine im ganzen Lande, aber 1919 108, und jetzt sind es schon mehr als 3500 Vereine, deren Mitgliederzahl rund 307 000 beträgt. Unter den Bauernvereinen ist der„I a p a n i-f ch e Bauern- b u n d" die stärkste Spitzenorganisation, die augenblicklich etwa 60 000 Mitglieder umfaßt. Dieser Bund hatte 1922 bei seiner Gründung nur 66 Mitglieder, aber 1922 schon 22 000, und er ist immer noch in steter Ausdehnung. Die erfolgreiche politische Tätigkeit dieses Bundes lockt zur Organisierung immer neuer Gruppen. Die erste Arbeiterpartei Japans, die„Arbeiter- und Bauernpartei", ist aus der eifrigen Initiative dieses japani- schen Bauernbundes entstanden. Dem Europäer mag es seit- sam scheinen, daß eine Arbeiterpartei durch die Anregung eines Bauernbundes zustande gekommen ist. Das kann eben nur aus den eigentümlichen wirtschaftlichen Verhältnissen Japans erklärt werden. Der Bauernbund hat sich in den letzten Iahren öfters an Wahlen, in Gemeinden sowie Pro- vinzverwaltungen beteiligt, während die Gewerk- schaften der industriellen Arbeiter wegen dauernder innerer Zwistigteiten keine Gelegenheit fanden, eine nennenswerte Tätigkeit zu entfalten. Der Bauernbund war daher der geeignete Anreger und Begründer der Arbeiterpartei. In 127 Gemeindevertretungen hat der Bund schon mehr als ein Drittel aller Sitze und in 60 Gemeinden hat er mehr als die Hälfte. Da die japanischen Pächter gleiche Interessen mit den gewerblichen Arbeitern haben, ist es leicht begreiflich, daß beide einen gemeinsamen Klassenkampf auf positischem Gebiet führen. Auch der Bauernbund macht jetzt eine Krise durch, die auf eine Auseinandersetzung mit seinen kommunistischen Ele- menten zurückzuführen und wohl als eine Gesundung s-- kr i s e zu betrachten ist._" Zranzosenfresier mit üem Munüe. Aber„pazifistische Verständigungsutopisten" in der Tat. Die Deutschnationalen sind unentwegte Gegner des Dawesplans und der L o c a r n o p o l i t i k. Sia be- treiben eine wüst agitatorische Hetze gegen jede Politik, die auf eine Verständigung mit Frankreich abzielt. Nur mit dem Munde, um des Stimmenfangs willen! In der Praxis können sie anders. In einer Polemik gegen die extremen Nationalisten schreibt der„I u n g d e u t s ch e": „Als der Hochmeister(Herr Mahraun. Red. d. D.) erstmalig von der Möglichkeit einer deutsch-französischen Verstand ig ung sprach und auf die Vorteile hinwies, welche eine solche, für beide Völker haben müsse, erhob sich ein großes G e- schrei im nationalen Lager. Mit Behauptungen, Frank- reich sei und bleibe chauvinistisch, ein Verständigungswille sei dort nicht vorhanden, der Hochmeister sei französischen Agenten auf den Leim gegangen, suchte man nachzuweisen, daß der Hochmeister seiner„frankophilen" Einstellung wegen ein nationaler Schädling sei... Wenn die Linkspresse etwas sogt, dann redet die„nationale" Presse von„pazifistischen Verständigungsutopien". Herr Dr. B r u h n aber geht nach Paris als führender Mann der deutschen Wirtschaft und erklärt den Franzosen, daß Frankreich nur die Besatzungsstärke seiner Truppen herabzusetzen brauche, um die deutschen Rationalisten zu entwaff- nen. Daß Dawesplan und Locarno- Vertrag in Deutschland keine Gegner hätten und daß Deutschland nur danach strebe, bei Anerkennung des territorialen st a t u s quo zu einem Wirtschaftsabkommen zu gelangen. Die„nationale" Presse, mit verschwindenden Aus- nahmen, gehört der Schwerindustrie oder wird durch schwerindustrielle Korrespondenzen sowie auch durch deren Nachrichtenbureaus gespeist. Sie bekämpft Mahraun wegen seiner Verständigungspolitik! S i e sagt kein Wort gegen Dr. Bruhn. Herr Bruhn ist Mit- glied der Deutschnationalen Loltspartei. Eine Stellungnahme dieser Partei erscheint erforderlich.„National" sein, heißt„national" handeln. Es genügt nicht, wenn man sich nur „national' nennt." Herr Dr. Bruhn. Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei, ist Mitglied des Kruppdirettoriums. Vorsitzender des Aufsichtsrats des Roheisenverban- des, Mitglied des Komitees für einen ständigen deutsch- französischen Wirtschaftsausschuß für eine wirtschaftliche Verständigung zwischen Deutschland und Frank- reich. Er ist für Nationalistenentwaffnung, für Dawesplan und Locarno, für den Status quo, also für den Verzicht auf Elsaß-Lothringen. Und ist d e u t s ch n a t i o n a l. Demokraten unü Schutzzoll. Koch kündigt schwere Kämpfe an. Der Vorsitzende der Demokratischen Partei, Dr. Koch, sprach im Anschluß an die Frauentagung der Demotratischen Partei in Erfurt in einer öffentlichen Versammlung u. a. über die Zollpolitik. Er führte aus: „Wir haben die schwersten Bedenken gegen den neuen Zolltarif.' Schon die deutschnational beeinflußt« Re- gierung des vorigen Jahres scheute sich, diesen Zolltarif in Kraft zu setzen. Es sollte das erst geschehen, wenn er durch Handelsoer. träge gemildert wäre. Handelsverträge, die ihn erheblich milder- ten, sind inzwischen nicht abgeschlossen. Von einer Regierung der Mitte kann man nicht erwarten, daß sie den Wünschen der Rechten weiter entgegenkommt als die Rechte selbst es gewagt hat. Daß im schwedischen Handelsvertrag die Einfuhr der Futtermittel im Sinne der Gleichstellung mit der Braugerste ge- regelt werden soll, ist ein unbegreifliches Zugeständnis an die Groß- agrarier, das sie 30 Jahre vergeblich erstrebt haben. Es bedeutet eine Verschiebung der Tiermast aus dem Westen und der Mitte Deutschlands in die kartosfelbauenden Großgrundbesitzergegenden des Ostens. Es wird in der letzten Woche des Zusammenseins des Reichstags noch schwierige Auseinandersetzungen aus diesem Gebiete geben." Der deutsch-schwedische Handelsvertrag hat gezeigt, daß die Regierung den Wünschen der Rechten entgegengekommen ist und eine neue Hochschutzzollpolitik einzuleiten gedenkt. Es handelt sich dabei nicht nur um Braugerste und Futtergerste, sondern um die Tatsache, daß in diesem Vertrag die bis 1. August geltsnden Sätze für Brotgetreide verdoppelt worden sind._ Militärüiktatur in Portugal. Verschickung der politischen Gefangenen nach Afrika. Wie aus Lissabon gemeldet wird, sind dem Ministerpräsidenten General Gomez da Costa all« Befugnisse des Staats- oberhauptes übertragen worden. Di« Posten der Dizegouver- neur«, die den Staat bei den zwei Notenbanken oertreten, wurden aufgehoben. Di« politischen Gefangenen werden nach A n g r a do Heroismo verbannt: ihr« Familien dürfen sie begleiten. Die Polizei hatte Flugblätter beschlagnahmt, in denen gegen die jetzigen politi- schen VerhälMisse p r o t e st i« r t wird. Sie verhaftet« mehrere im politischen Leben stehende Persönlichkeiten, darunter den früheren Kriegsminister Helder Ribeiro und den früheren Finanzminister Pestana, die dem linken Flügel der Demo- kratischen Partei angehören. /tana Simon. Am 23. Juni verstarb Genossin Anna Simon(Branden« bürg) nach schwerer Krankheit. Anna Simon gehörte vom August 1911 den Kreisvorstand des Sozialdemokratischen Wahlvereins West- Havelland(Brandenburg) an. Ihr eigentliches Arbensgebiet war der Textilarbeiterverband. Am 1. Januar 1908 wurde sie Vor- standsmttglied der Filiale Berlin, im November 1908 Angestellle des Textilarbeitcrverbandes. Sie gehörte der Nationalversammlung und dem ersten preußischen Landtag nach der Revolution an. Die Einäscherung der Genossin Simon findet heute nach- mittag 4 Uhr im Krematorium Gerichtststrahe ftätt. 75 Millionen Spritschiebungen. Der Untersuchungsausschuß des Reichstags für die Brannt- weinmonopoloerwaltung nahm am Freitag ein Referat des Abg. Dr. P r e y e r(Dnat.) über die Spritschiebungen entgegen. Er stellte fest, daß in den Iahren 1924 und 1925 im ganzen «X>0 Fälle von Vergehen gegen die Bestimmungen des Branntweinmonopolgesetzes aufgedeckt worden sind. Es handelt sich dabei um eine Gesamtmenge von 61 000 Hektoliter Weingeist und um eine hinterzogene Abgabesumme von 15 Mit- lionen Mark. Mildernd« Umstände könne man dabei nicht gelten lassen, da die Handlungen nur geschehen seien aus Gewinnsucht und mit der Absicht, den Staat zu betrügen. Aus der ein- gehenden Zergliederung der einzelnen Handlungen zog der Bericht- erstatter den Schluß, daß gegen die raffinierten Methoden des Schmuggels und der Schiebungen nur die allerschärfste Kontrolle und die härtesten Strafen helfen könnten. Der Ausschuß vertagte sich dann bis gegen Ende der Sommerserien: er will seine Arbeiten vor Wiederzusammentritt des Reichstags abschließen. Ein»Manifest an üie Nation". Neue Schuldenverhandlungen mit Amerika und England? Paris. 28. Juni.(Eigener Drahtbericht.) Heut« nachmittag wird im Quai dDrsay unter dem Borsitz von Briand ein Kabinetts- rat stattfinden, um die weitere Ausarbeitung der Regierungser- tlärung vorzunehmen, die wie mehrere Blätter zu melden wissen, den Charakter eines ,.M a n i f e st e s an die Nation" an- nehmen soll. Caillaux hat am Sonntag den finanziellen Teil der Regierungserklärung ausgearbeitet. In den Morgenstunden hatte Caillaqx eine längere Besprechung mit Bokanowski und bald darauf verbreitet« sich das Gerücht, daß er die Absicht habe, neue Schuldenoerhandlungen mit den Vereinig- ten Staaten und mit England anzuknüpfen. Boka- nowski werde beaustragt werden, die Führung einer französischen Mission zu übernehmen, die sich nach Washington zur Wiederauf- nahm« der Schuldenverhandlungen begeben soll. Abends wurden diese Gerüchte für unbegründet erklärt. In diesem Halbamt- liehen Dementi wurde festgestellt, daß die Betrauung Bokanowskis zwar in der Absicht des Finanzministers liege, dagegen noch nicht vom Kabinettsrat genehmigt sei. Dos soll erst im Lause des heutigen Tages geschehen. Der Wechsel in der Bank von Frankreich. Der(erzwungene) Rücktritt des Gouverneurs der Bant von Frankreich R o b i n e a u ist offiziell vollzogen worden, ebenso die Ernennung des bisherigen Leiters der Dank von Algerien, M o- r e a u, zu seipsm Nachfolger. Offiziös wird dazu erklärt, daß die Unabhängigkeit der Bank nicht angelastet werden soll, um so weniger, als sie gesetzlich geregelt ist. Der Bant von Frank- reich könne man indessen nicht den Vorwurf ersparen, daß sie auf ihre Privilegien zu eifersüchtig bedacht sei und den Interessen des Staates nicht genügend Rech- nung trage. Die Bank fei besonders In den Fehler oerfallen, daß sie vor aller Welt verkündete, daß an dem Goldbestand von fünf Milliarden nicht gerührt werden solle. Das habe zur Folge gehabt, daß sowohl im Innern wie auch nach außen hin die S p e k u l a t i o n ungestörter habe zu Werke gehen können. Siebenter Volksbühnentag. Der erste Tag des Kongresses bringt am Nachmittag noch einen Empfang der Tagungsteilnehmer durch den Hamburger Senat, der in den prunkvollen Räumen des Rathauses stattfindet. Erster Bürgermeister Dr. Petersen begrüßt die Gäste, mit einer An- spräche, auf die der Verbandsoorsitzende Vaake erwidert. Der zweite Tag wird gleich dem ersten durch mehrere Be- gnchungsansprachen eröffnet. Staatssekretär Heinrich Schulz übermittelt die Grüße und Wünsche des Reichsministeriums des Innern. Er betont die Umwandlung des alten Obrigkeitsstaotes in einen Aolksstaat, der die von unten herausdrängenden Kräfte für die Neugestaltung des geistigen Lebens anerkenne und brauche. Dr. S e e l i g spricht als Beauftragter des preußischen Kultus- ininisteriums, des Deutschen Bühnenvereins, des Verbandes der Deutschen gemeinnützigen Theater und der Preußischen Landesbühne. Er streift eine-lange Reihe von Problemen der Theaterpolitik, die in der letzten Zeit zur Entscheidung standen und bei denen der Volks- bühnenverband durch sein Eingreifen und seine Mitarbeit fördernd gewirkt habe. Es folgt ein Referat des Generalsekretärs des Verbandes, Dr. R est r i e p k e-Berlin über die Forderungen seiner Organisatton zum Reichsbühnengesetz. Aus der derzeitigen recht ver- worrenen Rechtslage schließt der Redner, daß ein Reichsbllhnengesetz zur Regelung der geschäftlichen Stellung des Theaters notwendig sei. Er betont, daß die Gesetzgebung die Aufgabe habe, durch einen Kon- zessionszwang für alle kulturell unwichtigen berufsmäßigen und Dilettantentheater die Möglichkeit zum Schutz und zur Förderung der kulturell wichtigeren gemeinnützigen Betriebe und auch eines volksbildnerisch wertvollen Laienspiels zu schaffen. Aus dieser Grundeinstcllung entwickelt der Redner dann eine Reihe von Einzel- forderungen zur Umgestaltung der heutigen gesetzlichen Bestim- mungcn. Unter anderem hebt er den Anspruch der Volksbühnen- organisationen auf eine gesetzliche Bestimmung hervor, wonach künftighin vor jeder Konzessionserteilung nicht nur die führenden Verbände der Schauspieler und Bühnenleiter, sondern auch die der kulturellen Theatcrbesucherorganisationen gutachtlich zu hören sein sollen. Zugleich betont er. daß es mit einem neuen Reichsbühnen- gesetz ollein nicht getan sei: In den Ländern, als den ausführenden Organen, müsse teilweise die„Zuständigkeitssrage" neu geregelt werden, und eine positive auf eine sozialkulturclle Kunstpflege ge- richtete Theaterpolitik des Reiches wie der Länder müsse die Form des neuen Gesetzes mit neuem Geist erfüllen. Es schließt sich ein Vortag von Prof. Aug. Ziegler- Hannover zum Thema„Besucherorganisationen und Theater" an. Der Redner nimmt zum Ausgangspunkt Angriffe, die von der Genossenschaft Deutscher Bühnenangeböriger gegen die Besucherorganisationen gerichtet wurden. Er wendet sich gegen die Behauptung, daß die Volksbühnen„Mitgliederfang auf Kosten des deutschen Theaters" trieben. Unter den rund 600 000 Mitgliedern der Volksbühne seien mindestens 300 000, die erst durch die Volksbühnen dem Theater gewonnen wären, weitere 100 000 bis 200 000, die durch sie zu einem häufigeren Besuch des Theaters als vorher veranlaßt feien. Ebenso wehrt er das Verlangen ab, die Volksbühnen hätten sich jeder Einmischung in die Wahl der Theaterleiter oder in die Ge- staltung des Spielplanes zu enthalten. Das Publikum übe stets einen Einfluß auf das Theater aus. Es frage sich nur, was besser sei: Jener blinde, unberechenbare, unverantwortliche Einfluß eines Zufallspublikums oder die Einwirkung einer organisierten Besucher- gemeinschaft, die von einem starken Verantwortlichkeitsgefühl ge- tragen wäre. Nach dieser Darlegung verweist der Redner aber auf die Tatsache, daß inzwischen die Bühnengenossenschaft die Hand zum Frieden ausgestreckt habe. Diesen Darlegungen schließt sich eine kurze Aussprache an. Artur Holitscher- Berlin wendet sich gegen die in den Groß- städten gepflegten Sommerspielpläne der Theater, die durch ihr« Minderwertigkeit zunichte machten, was im Winter aufgebaut wäre. Er fetzt den Volksbühnen das Ziel, durch eigene Veranstaltungen diesem Unheil entgegenzuwirken. Dr. B o u r f e i n d- Köln umreißt noch einmal dos Ziel der Volksbühnen: Ausscheidung des Zufalls- Momentes im Theaterbesuch, aber zugleich auch Erfüllung der Masse mit einer Eigenseele. D ö scher- Berlin wünscht, daß das Streben der Darsteller nach Einsluß inerhalb der Theoterbetriebe verstanden werde. W o ls g. S ch u mü n n- Dresden betont, daß eine Beteili- gung der Besucherorganisationen an der Auswahl der Direktoren niir Vorteile bringen könne. M ö ß i ng e r- Stuttgart schildert erfolgreiche Auseinandersetzungen mit dem württembergischen Landes- theater. Dr. S e e l i g meint, daß die Volksbühne mit den Erfolgen ihrer Abwehr gegen die Angriffe der Bühnengenossenschaft zufrieden sein könne, nachdem auf dem Schauspielerkongreß immer wieder die Volksbühnen als das unentbehrliche Rückgrat des künftigen Kultur- theaters anerkannt worden wären. Unter lautem Beifall weist er auf die Entschlossenheit Preußens, aber auch der anderen Länder hin, in jedem Fall mit den Bolksbühnenorganisationen zu gehen und' ihnen zuliebe selbst andere Verbindungen zu opfern. Mit einer großen Kundgebung wendet sich der Volks- bühnentongreß am Abend des zweiten Tages an die breiteste Oefsent- lichkeit. Musik- und Gesangsoorträge sowie Darbietungen des Sprechchors der Altonaer Volksbühne umrahmen eine Anzahl von Ansprachen. Der Vorsitzende der Hamburger Volksbühne Bürger- jchaftspräsident Roß betont, daß ein wirkliches Volkstheater ohne den bewußten Kulturwillen der werktätigen Massen nicht möglich fei. Er umreißt die Aufgaben einer Volksbühne, die dem draniati- schen Dichter eine Gemeinschaft wirklich erlebnisstarker Menschen schaffen solle.— Als Vertreter der Altonaer Volksbühne und zugleich des Altonoer Magistrats richtet Senator Kirch Begrüßungsworte an die Versammlung. Er gibt zugleich einen kuizeii Abriß der Altonaer Theatergejchichte.— Prof. Dr. A tt.t h e s- Lübeck spricht von der Aufgabe der Volksbühne, die Menschen zum Wesentlichen der Kunst zu sühren, zu dem, was sie an„Grundmenschlichem" gibt. — Dr. Armin T. W e g n e r- Berlin zeichnet das Chaos unserer Zeit. Noch fehle ihr der Dichter, noch das wirklich lebendige Theater, das das Zeitliche gestalte und zugleich heraushebe in den ewigen Atem des Wellganzen. Er fordert das Theator als eine Bühne der Schicksalsbetrachtungen, für die als Wegbereiter zu wirken die Volksbühne als ihre Ausgabe zu erfassen habe.— Dr. B o u r- fe i n d- Köln würdigt das Theater als Erziehungsfaktor, zeichnet das Publikum des Theaters als mitschaffenden Teil am Kunstwerk und begrüßt die Volksbühnen als wertvolle Mitarbeiter am Aufbau einer neuen Kultur.— Der Breslaucr Pfarrer lie. Ernst M ö r i n g stellt an den Anfang seiner Ausführungen über Moral und Kunst den Satz, daß Moral und Kunst gar nichts miteinander zu tun hätten. Das Moralische sei imitzewnit der Gefahr des Urtcilcns und Derurteilens behaftet, während der Dichter die Ganzheit des Lebens gestalte. Aber Kunst sei nicht denkbar ohne Ordnung und Gesetz und damit Hobe sie doch ihre Moral. Indem er gleichennaßcn die bloße Tendenzdichterei wie eine nur artistische Dichtung ablehnt, stellt er den Volksbühnen das Ziel ihrer künstlerischen Wirksamkeit. Der dritte und letzte Derhandlungstag dient wesentlich der Erörterung de» Themas„D I e Beeinflussung der Mit- gliedschaften im Sinne der Volksbühnenidee". Br o d b e ck- Stuttgart als Referent sieht die Idee der Volksbühne in dem Streben nach einer neuen freiheitlichen Gemeinschaftskultur. Die Tatsache, daß Hunderttausende neuer Menschen an die Pforten der Theater pochten, beweise, daß in diesen Massen eine Kulturidee lebendig sei.- Hier- gelte es anzuknüpfen. Er legt dann dar, wie durch die Erziehung zur Mitverantwortlichkeit an den Darbietungen der Bühne eine größere Erlebnisfähigkeit des Kunstwerkes zu wecken sei, und spricht von den einzelnen Einrichtungen der Volks- bühnen, kunsterzieherisch zu wirken. Diesen Ausführungen schließt sich eine Debatte an, die oft recht lebhafte Formen annimmt. Arthur Holitscher macht sich zum Sprecher jener dreißig Künstler, Dramatiker und Kritiker, die dent Volksbühnentag mit ihrein Gruß die Mahnung zur Abkehr von allem Konventionellen und Kleinbürgerlichen übermittelten. Er sieht vor allem in der Jugend eine gewisse Unzufriedenheit mit der Arbeit der'Volksbühne, er hält sie auch selbst für zu wenig wagemutig. Namentlich in den Organisationen der Provinz fehle das Schritt- halten mit dem„Geist der Zeit". Es fei auch nicht möglich, in einer Zeit, wie der heuttgen, die politische Neutralität zu wahren.— Demgegenüber stellt Julius Bab fest, daß bei der heutigen Machtstellung der Bewegung im Sinne Holitschers nicht mehr zu tun möglich sei, als bereits geschehe. Im übrigen sei die Volks- bühn» in ihrem Grunde eine tief revolutionäre Bewegung, denn ihre Pflege der Kunst wolle nicht rein ästhetische Erregungen, sondern Auswirkungen der künstlerischen Erschütterung in das gattzc Leben hinein. Wo die politischen Strömungen der Zeit sich in großen künstlerischen Offenbarungen spiegelten, da allerdings habe die Volksbühne die Pflicht, diese Werke den Mitgliedern nahezu- bringen. Zunächst aber gelte es, cinniol Menschen zu schaffen, die reis wären, überhaupt Kämpfer für irgendwelche Ideen zu werden. Do» sei die große Mission der Volksbühne! In der weiteren Debatte spricht Fritz Schulz, Berlin, als Vertreter der Jugend innerhalb der Volksbühnen, von dem Echo. dos in dieser Jugend die Arbeit gerade der Berliner Volksbühne ae- funden habe. Direktor Holl vön der Berliner Volksbühne betont, daß gerade auch die Pflege der klassischen Dichtung Aufgabe der Volksbühnen sei, aber diese müsse im Rhythmus der Zeil wurzeln und durch die Bühne aus dem Geist der Zeit heraus gestaltet werden. Wolfg. Schumann, Dresden, gibt Anregungen, durch Gastspiele Aeußerungen der neuen Dichtung und neuer Reqiekunst auch in die Provinzstädte hineinzutragen.— Dr. Heinrich D c h m e l, Berlin, richtet den Blick auf die im Religiöse» liegenden Wurzeln der Kuisst hin und möchte, daß der Volksbühnenarbeit diese Wurzeln aller Kunst immer bewußt bleiben. Mit Holitscher oerlangt er, daß der Geist der Volksbühne immer etwas von Empö- Gegen ein«Potemkin�-Verbot. Der Ausschuß �ur Verhinderung des Potemkin- verbot? hotte am wonntag zu einer Protestkundgebung im P i c c a d i l l y- K i n o in der Bismarckstraße eingeladen, die ein übervolles Haus sah. Die Hauptrede hielt der langjährige be- mährte Kämpfer für die Freiheit der Kunst, Rechtsanwalt Genosse Wolfgang Heine, der sich entschieden gegen die Narren wandte, die da meinen, sie könnten mit gewaltsamer Unterdrückung und durch Zensur der revolutionären Entwicklung von Kunst und Literatur den Staat retten. Der alte Staat war berüchtigt durch die Geisilosigkeit seiner Zensur, die Engherzigkeit seiner Bureaukratie und den Terra- rismus seines Offizierskorps. Dieser unerhörte Gesinnungsterroris- n us hat es zuwege gebracht, daß wir heute geknechtet und abhängig sind. Renter: Wirtsckiaft: Letne Saterioi»: Sewerkscktastsbeioeauno: Feiedk. ttzkee»: Feuilleton: K. A. Dlschee: Lokale» und Eonssioes: Fritz Nerftädt: An, einen: TV»locke: sämtlich in Berlin. Berlna: Borwärts-Berlaa S. m. b. K.. Berlin. Druck: Borwärt». Buchdruckcret und Bcrlaasanllalt Paul Einaer u. ffo.. Berlin SW 68. Lindenlrratz« 3. Deoftdie! TDeater Norden 10334-38 «'/. Uhr Max Adalbert in Das 8kel Katnoerspiele Norden 10334-38 Nur Ws 30 Juni «>/. Uhr: Castsp. Maria Orska MeineCousine aus Warschau Die Komödie Bismarck 2414, 7316 8'/. Uhr; Weeh-end Städtlsdie flpei Cbarlottenburz 7 Uhr: lohenp Abonn-Turnus IV Thealir a. Kottk. Tor • TSgl. 8 UHc ffe Alle- IB sanger Ah B. 1.-13. Juli �«eftspiel der Megdedurger M-ZäM mit einem fabelhaft UederrafchnngS- Programm! Reichshallen- Theater Abends 8 Uhr Stettiner SSnger Neut MDsyibeiMew's erliw Seriell m Men«! Dön hof I-Breltl Gii o. Cirt.) Variete»- Hemertl— Tauet berliner KKIk-TlIO Neukölln." Lahnitr. 74/761 Die echte Bilzbrause nahrhaft, erfrischend, bekömmlich, da aus bestem Zucker und naturreinem Fruchtaroma hergestellt. 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