ftbenSavsgabe Nr. ZHH � 43. Fahrgang Ausgabe B Nr. 152 BejHflsitMnffimsen unb Sn»eigemn«is« lind in ixt Morzenauszadi cnfltatben Sedattiaa: SV. 68, Cinbenffcatic 3 Fernsprecher: VSnhoft 292— 297 r»l.-2ldr»ff«:Sozii>Id»«okrat Berlin Derlinev VollrsblÄtt (�10 Pfennig) Sonnabend 3. Juii 192b Cetln« und SnzeiGenabtetlun«: S«schSft,,«it»-5 Uhr Berlegervorwürks-Derlag©m-öj- Berlin SV. 68, cinvenstrnhe 3 Fernsprecher: Dönhoff 292— 297 Zcntralorgan der Sozialdemokratifdien parte« Deutfchtands Was fol! werden! Die Presse über den Reichstags-Ausgaug. Die gesamie Presse beschäftigt sich heute morgen mit der Frage, wie sich das Schicksal der F ü r st e n a u s e i n a n d e r- s e tz u n g weiter gestalten soll. Die Regierungsparteien geben dabei dem Wunsche Ausdruck, diese Angelegenheit im Herbst doch noch Zu einer Lösung zu bringen, die Rechte dagegen hegt die Hoffnung, daß sie nunmehr endgültig begraben sei. Das„Berliner Tageblatt" schreibt: Was soll nun geschehen? Die Reichsregierung hat erklärt, daß sie erst dann wieder eingreifen will, wenn die politische Lage die parlamentarischen Voraussetzungen für ein Für st engesetz geschaffen hat. Ein Fürstengcsetz mit den Deutschnationalen kommt nicht in Betracht. Die Fühlung- nähme mit den Regierungsparteien, die die Deutschnationalen noch vor der Plenarsitzung versuchten, blieb ohne jeden Erfolg. Das hat auch die Rede des Grafen Westarp wieder nachgewiesen, und des- halb war es nützlich, daß die sonst ganz überflüssigen Reden der beiden Opposttionsvertreter noch gehalten wurden. Es bleibt also nur die Verständigung von der Deutschen Volkspartei bis zur Sozialdemokratie. Daß diese Verständigung gestern gescheitert ist. daran tragen die Sozioldemo- traten die Schuld, und vermutlich haben schon die Erlebnisse des gestrigen Tages die Zahl derer unter ihnen vermehrt, die dieses Er- gebnis bedauern. Nach den Parlamentsferien wird man sich schleu- nigst wieder zusammensetzen»müssen. Die Zeit drängt. Man wird sich vor allem klarzumachen haben, daß die Fürstenabfindung, so wichtig sie ist, nicht die einzige und nicht einmal die wichtigste unter den großen innerpolitischen Fragen ist, und vor allem, daß auch sie eingeordnet werden muß in die Gesamtpolitik, die man zu verfolgen gedenkt. Die„Vossische Zeitung": Noch besteht die Möglichkeit, die Fehler wieder gut zu machen. Da das S p e r r g e s e tz bis zun« 3l. Dezember verlängert ist, hat man sechs Monate Zeit, um doch eine reichsgesetzliche Regelung der Fürstenabfindung zu schassen. Man wird freilich den umgekehrten Weg einschlagen müssen: erst eine Mehrheit sicher haben und dann eine neue Regierungsvorlage einbringen. Das Kabinett Marx will sich jeder Initiative begeben, solange nicht die parlamenta- rischen Voraussetzungen für die Annahme eines Absindungsgesetzes gegeben sind. Jetzt haben wieder die Parteien das Wort. Der Reichstag wird heute in die Ferien gehen, und wie die Zeit alle Wunden heilt, wird sie auch alle Sünden wegwaschcn, die in den letzten Wochen politisch-parlamentarisch begangen worden sind. Im H gottesdienstliche Handlung; die Freiheit für Jesus Christus, aus der Kirche ins Freie zu gehen. Wir haben die Freiheit zu gehen und zu bleiben, zu tun und zu lasten, zu arbeiten und nicht zu arbeiten(leider gibt es auch diese letzte Freiheit): die Freiheit, jedei Handwerk, jede Kunst, jeden Beruf auszuüben, wir haben schließlich auch die Freiheit, zu besitzen, was uns gehört, ohne be- fürchten zu müssen, vom Volke enteignet zu werden. Wir haben, kurz gesagt, alle bürgerlichen und politischen Freiheiten." Hier gibt uns der Autor ein ziemlich erschöpfendes Ver- zeichnis der Freiheiten und Rechte, die man im heutigen Italien nicht hat. Mit dem Recht des freien Gedankens steht es so, daß einem römischen Universitätsprofessor von dem jüdischen Rektor der Universität eine Disziplinarstrafe erteilt wurde, weil der Professor, auch ein Israelit, an der Einweihung der katholischen Universitätskirche nicht teilge- nommen hatte. Die Freiheit der Wissenschaft ist so unbenom- men, daß alle Universitätsprofessoren, die öffentlich erklärt haben, nicht Faschisten zu sein, ihres Lehramtes enthoben werden. Angefangen hat man mit dem Genossen A r t u r o L a b r i o l a. Was Corradini„religiöse Freiheit" nennt und was für ihn mit der Gedankenfreiheit nichts zu tun zu haben scheint, haben wir in dem Sinne, als gelegentlich die Straßen der italienischen Städie stundenlang dem Verkehr entzogen wer- den, weil kirchliche Prozessionen stattfinden, aber unter dem weiten Mantel dieser religiösen Freiheit hat sich unlängst in Lioorno ein faschistischer Ueberfall auf Hjne Prozession voll- ziehen können, bei dem sogar ein Priester mißhandelt wurde. Und dabei war der Bischof und das Sakrament im Zuge und erschien vielen Gläubigen so bedroht, daß man die Unter- brechung des Umzuges anriet. � Die Freiheit, zu gehen und zu bleiben, haben in vielen Fällen nur die, denen an einem endgültigen Abgang aus der Welt wenig gelegen ist. Noch heute gibt es in Italien Tausende und aber Tausende von Mitgliedern der Arbeiterparteien, die die Rückkehr in ihren Heimatsort mit dem sofortigen Tode büßen würden. Hat nicht im vorigen Monat ein Einheitssozialist Italien den Rücken kehren müssen, ohne von seinem achtzigjährigen Vater Abschied nehmen zu dürfen? Und die Freiheit zu arbeiten? In Molinella sind 1000— sage und schreibe tausend— den freien Gewerkschaften angehörige Arbeiter und Arbeiterinnen seit Monaten arbeitslos, weilsienichtdenfaschi st i- schen Syndikaten beitreten wollen. Und die Arbeit wird ihnen verwehrt, nicht nur von den Agrariern, sondern auch von dem öffentlichen Konsortium für die Bonifizierungsarbeiten. Und wie steht es mit dem Recht der beruflichen Tätigkeit? Wer nicht regierungsfromm ist, darf nicht Rechtsanwalt fein; eigene Kommissionen sind heute da- mit beschäftigt, alle aus den Berufsverzeichnissen zu streichen, die im Geruch der Umstürzlerei stehen. Das Recht, zu besitzen, was einem gehört? Haben es etwa die Arbeiter- kooperationen, deren Kapitalien die Regierung auf Grund des eigens zu diesem Zweck erlassenen(Gesetzes vom 24. Januar 1924 eingezogen hat? Haben es die Redaktionen und die Individuen, in deren Häuser periodisch eingebrochen wird, um zu plündern und zu sengen? Hat es der Frei- maurerorden, dessen Palast in Rom man für die Summe von 1115 000 Lire enteignet, ohne damit auch nur den Bauplatz zu bezahlen? Der langen Rede kurzer Sinn ist, daß all die schönen Freiheiten in Italien nur zugunsten der Faschisten existieren. Die Schreiber des Regimes sollten besser derartige Inventars von Sonderrechten nicht aufnehmen; je weniger man über sie spricht, um so besser für den guten Namen des Landes. Wenn nun schon die Nicht-Faschjsten die Freiheit nicht haben, so haben sie dafür den„schmaken Weg der Pflicht". Wieviele Versuchungen sind ihnen nicht erspart! Ihre Ban- ken machen nicht bankrott, aus dem einfachen Grunde, weil alle leitenden Stellen an den italienischen Banken längst von iMschistcn besetzt sind. Italien hat mindestens einen Bankkrach in der Woche; der der„Banca popolare agricola" in Parma hat zu 27 Verhaftungen geführt, lauter Schwarzhemden der ersten Stunde, bis auf den Hauptmacher Lufignani, der momentan ausgefchloflen war. Und wie schwer wird es nicht den Unternehmern und den faschistischen Hierarchen gemacht, sich dem nationalen Gebot der Sparsam- keit zu fügen! Viele Textilfabriken verteilen in diesem Jahre 40 Proz. und darüber an Dividende, die Queckfilberwerke von Monte Amiata gar 60 Proz.! Bei dem Mailänder Pferde- rennen vom 20. Juni verzeichnete man Wetten für den Be- trag von 30 Millionen Lire. Das überschreit etwas grell die Sparsamkeitslitanei der Minister der Finanzen und der Volkswirtschaft. Man möchte fast die verfluchte Opposition dafür verantwortlich machen, wenn sie nicht zermalmt, zer- stäubt, verwest usw. wäre, und außerdem— dank der schon erwähnten Freiheiten— authentisch arm und mittellos. Um die Schlußorgien der heute abklingenden Grün- d e r z e i t mit der pflichtschuldigen Sparsamkeit zu vereinigen, die die Valutasorgen fordern, haben wir zum Glück d i e hierarchische Gliederung. Die Schicht derer, die die 40- bis OOprozentigen Dividenden einstreichen und Mil- lionen verwetten, ist sauber abgetrennt von dem Arbeiterpack, ' auf dessen Sparsamkeit es ja eigentlich ankommt. Die italienischen Spinnereien haben beschlossen, der Gefahr der Ueberproduktion und Preisverminderunq vorzubeugen, indem sie vorläufig für einen Monat ihre Fabriken stden sech- sten Tag schließen. Weitere Betriebseinschränkungen stehen bevor. Dabei wird alles teurer. Das Pack kann Gott danken, daß man ihm seine nationale Pflicht so leicht macht. Wie viel schwerer haben es die Faschisten, denen sich Amt auf Amt und Einkommen auf Einkommen türmt. Auf dem Gebiet der R e ch t s p f l e g'e, das sich nicht gut unter die Rubrik der Freiheit und auch nicht unter die der Sparsamkeit bringen läßt, haben wir den Freispruch des Senators Lucckini durch die Voruntersuchungskom- Mission des Senats: Lucchini hatte in seiner„Rivista Penale"' eine Rede Mussolinis abgedruckt mit der Bemerkung, daß er es um ihres„kriminologischen Interesses willen" täte. Der Freispruch erfolgte, weil die Bemerkung„in den Bereich der juridisch-wissenschaftlichen Beurteilung" falle; auch wurde die beleidigende Absicht in Abrede gestellt. Die V o r u n t e r- s u ch u n g Z a n i b on i schneckt ihrem Abschluß entgegen. Die Anklageschrift des Oberstaatsanwalts, die die Eröffnung des Hauptverfahrens beantragt, enthält kein einziges Element. das nicht schon in den ersten Tagen nach der Verhaftung Zanibonis bekannt geworden wäre. Sogar die Anklage wegen Führung eines falschen Namens ist in Wegfall ge- kommen, denn offenbar tonnte Zaniboni in einem Hotel, wo er 1eit Jahren bekannt war, nicht unter falschem Namen logieren. Auch das schon im Anschlag liegende Gewehr ist verflüchtet, wie der ausgesägte Fensterladen. Das Gewehr stand in einer Ecke, der Fensterladen war angelegt. Es wird fast ein ebenso großes Kunststück sein, hier das Material zur Anklage zu finden, wie es beim Prozeß gegen Dumini und Genossen war, Entlastungsmaterial zu schaffen. Genau be- sehen, muß man die italienische Rechtspflege der fafchistilchen Aera mehr unter der Rubrik der Freiheit als unter der der Sparsamkeit unterbringen. /tos dem Lande der.�Ireiheit und Sparsamkeit". Bei dem diesjährigen Herbstmanöver werden ZOOOReseroe- e f f i z i e r e einberufen.* Eine sechstausendköpfige„Forstmiliz" wurde ins Leben ge. rufen. ftcju, Gegen den Journalisten und Zeitungsverlegcr Filippo N a l d i, tfer bereits in den M a t t e o t t i- Prozeh und neuerdings in einen .B-a n ktrach oerwickelt war. ist Haftbefehl erlassen. Doch soll es Noldi bereits gelungen sein, nach Frankreich zu flüchten. Die Mussolini-Attentäterin Miß G i b s o n wird jetzt in die römische Provinzialirrenanstalt übergeführt. Bekanntlich hatte der faschistische Pöbel die ärgsten Gewalttaten gegen die Person und das Eigentum von Oppositionsführern verübt, obwohl es von Anfang an klar war. daß es sich um die Einzeltat einer Geistes- kranken handelte. � Die italienische Währung hat jetzt einen neuen Tiefstand erreicht: das Pfund war gestern 140 Lire wert,(vor 6 Wochen noch 120.) Cous. Dr. Emil Eons ist im Mer von so Jahren In Nancy gestorben. Einer der populärsten Männer der gesamten Kulturwelt ist mit Emil Eoue dahingegangen. Nicht nur Europa, auch Amerika betete das Evagelium nach, das er lehrte:..Es geht mir von Tag zu Tag in jeder Hinficht immer besser und besser." Aus ollen Teilen der Welt kamen Patienten zu dem kleinen, bescheidenen Apotheker nach Nancy, um wundergläubig bei ihm Heilung zu finden. Dabei war Eouö selber der letzt«, der seine Lehr« mit geheimnis- vollen Mysterien umgab. Er erklärte, nichts anderes als das Unter- bewuhtsein, die Phantasie sei der wirksamst« Heilfaktor. Der Mensch sei oft nicht krank, weil sein« Organ« versagen, sondern sein« Organe versagen, weil er sich krank glaubt. Dabei stritt jedoch Eoue keines- falls die tatsächlichen Krankheiten ab: aber die Furcht, von der Phantasie genährt, sollte sie nach den Theorien seiner Lehre ver- schlimmern. Hier griff er mit seinem berühmten Satz ein; die Ge- danken an Gesundung sollten so stark dadurch geweckt werden, daß der Will«, daß die Kraft des Körpers schließlich siegen. Keinesfalls lehnte Couö ein« medizinische Behandlung ab. Sie durch seine Lehre zu unterstützen aber war fein Bestreben, und daß er damit Erfolg« erreicht hat. ist unzweifelhaft. Man braucht nur an die Depressionen zu denken) denen viele chronisch Kranke, z. B. Lungenleidende, oft ausgesetzt sind und die jeder andere Arzt fast ebenso wie die Krankheit selbst fürchtet, um den Segen der Methode Coues zu ermessen. Der Mensch suggeriert sich den Gedanken: ich werde gesund— und der Appetit hebt sich, die Stimmung bessert sich, der Schlaf wird ruhiger. Oft ist damit schon der Weg zur 5)«llung einer Krankheit beschritten. Aber aus Nancy wurden auch Heilungen gemeldet, die an die Wunder der katholischen Kirche erinnern: Lahme gehen, Taube hören. Aussätzige werden gesund. Nun. wir leben in einem über- nervösen Zeitalter, und Ausschlag, Lahmheit und Taubheit sind zuweilen nur Aeußerungen eines überreizten Nervensystems, das dann auf die Beruhigungen de, Eouöschen Wundersatzes reagierte. Aber die Patienten, deren einziges Heilmittel eben ihr Glaube an die Autorität Eouös war, beteten ihn dann wie einen Heiligen on. Eouö, dessen Lehre ja eigentlich ein Bestandteil der gesamten modernen Medizin— nicht nur der Psychatrie ist. hat ni.- versucht aus seinen persönlichen Erfolgen Kapital zu schlagen. Wer zu ihm hinkam, wurde behandelt: hatte er Geld, so konnte er dafür bezahlen, hatte er keines, so war die Behandlung unentgeltlich. Nicht zulegt diese menschenfreundliche Eigenschaft hat die Populär!- tat Eouäs begründet. Und nun ist er plötzlich gestorben. E» ist noch nicht bekannt geworden, unter welchen Umständen, Aber es ist anzunehmen� daß Der Tag von Königgrätz. S. Juli 1866. Heute jährt sich zum sechzigstenmal der Tag, an dem Preußen durch seine Sieg bei Königgrätz die deutsche Frage in seinem Sinne löste. Oesterreich wurde aus dem Deutschen Bund hinausgedrängt und damit die Vormachtstellung Preu- ßens begründet. Der alte Kampf zwischen zwei„Haus- mächten" um die Hegemonie in Deutschland war damit end- gültig entschieden. Vier Jahre später drückte Bismarck dem widerstrebenden Preußenkönig in Versailles die deutsche Kaiserkrone aufs Haupt. Was durch Blut und Eisen geschaffen wurde, ist durch Blut und Eis�r wieder zerstört worden. Weltenstürme sind über das damals Geschaffene hinweggebraust. All das, was vor sechzig Jahren war, die Handel und Händel des deutschen Gottesgnadentums, der Bruderkrieg zwischen deutschen Stäm- men, die Methoden der Kriegsführung, mutet uns beinahe schon vorgeschichtlich an. Und doch ist der Kampf der Geister, der vor zwei Men- schenaltern geführt wurde, noch nicht ganz zu Ende. Das demokratische Großdeutschtum kämpfte damals— nach 1848 nur noch mit schwachen Kräften— für ein großes, freiheit- liches Deutschland, das alle seine Stämme unter seiner Fahne, der schwarzrotgoldenen, vereinigte. Wer vermag zu sagen, wie sich Europas Schicksal gestaltet hätte, wenn es gelungen wäre, ein einiges Deutschland zu schaffen, das innerlich stärker und größer war und das, nicht so machtberauscht wie der greußische Militarismus, nicht so das Volk entzweiend wie as System der preußischen Reaktion, sich eine unantastbare Stellung in Mitteleuropa geschaffen hätte? Aber über die kleindeutsche, die altpreußische Lösung hat die Geschichte ihr unwiderrufliches Urteil gefällt. Was bei Königgrätz und Sedan aufgebaut wurde, ist im Weltkrieg wieder in Trümmer gefallen, und die von Hause aus groß- deutsch gerichteten Kräfte der Demokratie waren es, die trotz alledem die Einheit des Deutschen Reiches aufrecht- erhielten. Bei Königgrätz wurde auch über das Schicksal wertvoller Teile des deutschen Volkes entschieden, das sich dann im Welt- krieg vollendete. Sie gerieten in die Rolle von Minderheiten in fremdnationalen Staaten. Einem andern Teil wurde gegen seinen Willen die Pflicht zu staatlicher Selbständigkeit außerhalb Deutschlands aufgenötigt. Und so ist es nur eine logische Folge der ganzen Entwicklung, daß es wieder die Kräfte der Demokratie sind, zu deneo. sich der politisch realisierbare Rest des großdeutschen Gedankens gerettet hat, denen die Wiederoereinigung mit dem rein deutschen Kern- stück Alt-Oesterreich am Herzen liegt. Die Vorstellung, daß Berlin und Wien die Zentren Sieker gegeneinander kriegführenden Mächte sein können, er- eint uns heute geradezu widersinnig. Königgrätz ist ge- wesen und kann nie wieder sein. Schadii nur, daß die Stadt Berlin die gute Gelegenheit versäumt hat, der König» g r ä tz e r S t r a ß e, bei der einst altpreußischer Takt den ehe- maligen österreichischen Kaiser bei seinen Besuchen in der deutschen Reichshauptstadt aussteigen ließ, einen andern Namen zu geben. Trösten wir uns damit, daß es trotz der „Königgrätzer Straße" keine Straße gibt, die nach Königgrätz zurückführt!_ Nicht» gelernt. Die Niederlage, welche die Justizverwaltung Im Falle H o« f l e mit ihrem Gefängnisgrzt am Untersuchung»- gefängni» Moabit erlitten hat, scheint noch nicht ausreichend gewesen zu sein. Sie hat dieselbe verantwortungsvolle Dienststelle mit einem in Pankow— also ebenso wie Dr. Thiel« in stunden- weiter Entfernung vom Gefängnislazarett— praktizierenden, 19 23 approbierten Arzt als„Vertreter des Bertreters" besetzt. Es ist anzunehmen, daß da» fürsorgliche Justizministerium gleich. zeitig verfügt hat, daß während dieser Zeit olle Zwischenfälle zu unterbleiben haben. Daß diese Behörde aber«inen so jungen Arzt mit einer so hohen Verantwortung belastet, ist ein weiterer Beweis dafür, daß sie immer noch nichts gelernt hat und daß ihr die Be- schlüss« des Landtages gleichgültig sind. er selber nicht lange krank war: denn noch vor nicht allzu langer Zeit kam die Nachricht, daß er eine Vortragstournöe nach Amerika abgeschlossen habe. Sicher ist, daß viel« Menschen ihm noch- trauern werden. * Emil Eoue stammt? au» Troyes in Frankreich, wo seine Eltern in sehr bescheidener Lage lebten. Nachdem er in Paris Pharma- kologie studiert hatte, war er dreißig Jahre lang Apotheker in seiner Heimatstadt, bis er vor einigen Jahren mit seinem Werk„D i e Selbttbemeisterung durch Autosuggestion" hervor- trat und seine Lehr« aui zahlreichen Vortragsreisen verbreitete. Er hatte sich inzwischen in Nancy ansässig gemacht, das schon vor ihn der Boden.für psychiatrische Berühmtheiten war. Bernheim, ein Lehrer Freuds, wirkte hier: vor ihm Liebault, der gleichsall» sich auf diesem Gebiet einen Namen erwarb, Eouö bildete zahlreich« Schüler aus, die seine Lehre verbreiteten. Die Grundgedanken seiner Lehre finden sich bereit» bei Kant, Hufeland und Feuchters- leben. „Die leicht« Zsabell". Im Staatlichen Schiller. Theater ist die Sommer-Soison glücklich eröffnet. Da» Publi- tum zeigt sich um so dankbarer, als der Berliner Humor und die Berliner gutmütige Schnauze in dem Schwant von Z e r l e t t eine Hauptrolle spielt. Während in der vorigen Sommerzeit das Eouplet„Durch Berlin fließt immer noch die Spree" einschlug, tat es diesmal der Berliner Refrain:.Komm' doch in den Grunewald". Auch der Aktschluß zeigte wieder eine ähnliche Idee der Wanderung auf Drehbühnen. Das ist etwas für Berlin und seine sommerlichen Leute. Die Musik Robert Gilberts ist sehr sonst und be- kömmlich und sehr abhängig vom Cliche der üblichen Tänze. Der Inhalt des Stückes erinnert an eine wahre Begebenheit, daß nämlich Zigarrenhändler ihr Geschäft durch ein sonderbares Lotteriespiel zu heben suchen. Wer in der Zigarre, die den Namen„leichte Jsabell" führt, das Los findet, der erhält 100 000 Mark, ein Landhaus und die reizend« Jsabell aus Perleberg. Der sich meldet, ist eine Aus- geburt von Häßlichkeit, er kommt ausgerechnet von Johannisburg. Na, schließlich kriegen sich die Richtigen doch. Gespielt wurde sehr lustig um die entzückende Grete Mosheim herum. Den Löwenanteil am Erfolg hatten neben ihr der urechte, kesse Berliner Junge Fis�cher-Köppe und Paul Heidemann. Auch Kaiser-Tietz, Enger», Ledebour und Erika N y m- gau gefielen allenthalben. Die Musikeinlagen dirigierte HermonnStock. K. S. Strindberg im Rejidenz.Ihealer.„Fräulein Julie und Die Stärkere" war gls Premiere des Residenz-Theater» in den meisten Blättern angezeigt, und man erwartete irgendeinen Ulk nach Strindberg. Es kam viel schlimmer: was man zu sehen bekam, waren die beiden bekannten Einakter des tragischen Nord- länder», der sein Leben lang um das Problem„Weib" rang, der es in seinen Werten wie in seinem Leben in immer neuer Beleuchtung schillern ließ, ohne daß es dadurch für ihn je etwas anderes wurde, als was rs eben war— ein Problem. Aber es verschob das dramatische Gleichgewicht in seinen Bühnenwerken. Nicht die Hand- lungcn sind hier das Borwärtstrcibcnde, sondern die Rejlc�c. die völkische Verleumder* Strafanzeige gegen das„Deutsche Tageblatt". Es geht nichts über die schmutzige Verleumder« t a k t i k der völtisch-antisemitischen Presse. Das„Deutsche Tage- blatt" veröffentlicht heute die Zuschrift eines völkischen Reichs- tagsobgeordneten. Der Bursche selber ist zu feige, mit seinem Namen hervorzutreten, und überläßt die Verantwortung der Redaktion, die sich selber dann wieder auf den immunen Abgeordneten beziehen wird. Die Zuschrift beschäftigt sich mit dem Oberregierungs- rat Fritz S ch ö n b e ck vom preußischen Finanzministerium. Es wird ihm vorgeworfen, daß er sich aus dem früheren kaiserlichen Ver- mögen bereichert habe. In der ganzen Notiz, die eine Spalte des sauberen Blattes füllt, befindet sich nicht ein« einzige Zeile, die der Wahrheit entspricht. Für die niederträchtige Gesinnung dieser B a n- d i t e n ist es kennzeichnend, daß sie die Adressen aller Familien- angchörigen Schönbicks mitteilt. Selbstverständlich wird das Finanzministerium gegen das Verleumderblatt offiziellen Strafan- trag stellen._ Ein vielsagender Vorbehalt. Journalistische Methoden der„nationalen" Presse. Die„Deutsche Zeitung" bringt in ihrer Freitagmorgen-Aus- gäbe einen Artikel über die spanische Verschwörung„von unserem H. I.- B eri ch t e rst a tt e r". datiert: Madrid. 29. Juni. Der Verfasser schildert darin das Wesen der Ossiziers- juntey,' dieser politisierenden und putschistischen Ossiziersverbänd». denen er natürlich grundsätzlich sehr sympathisch gegenübersteht, nur weiß er nicht recht, wie er sich in. d i e s e m Fall zu ihnen stellen soll, da st« sich jetzt gegen eine militärisch« Diktatur verschworen haben. Und so schreibt er am Schluß: „Um so bedauerlicher wäre es— soweit sich die Dinge von hier aus verfolgen lassen— wenn sie sich jetzt zum Wertzeug einiger abgewirtschafteter Politiker aus der Zeit des Cortes machen... �,,,. Datiert ist der Artikel aus Madrid. Geschrieben wurde er offenkundig in Berlin. Anders wäre nämlich dieser Vorbehalt„S o w e i t s i ch d i e D i n g e von hier aus v° r f o l g c n lassen"(I!) gornicht zu erklären. Oder sollten sich die spani- s ch e n Angelegenheiten besonders schwer von Madrid aus verfolgen lassen? Wenn schon das alldeutsche Blatt j o u r n a. l i st i s ch e Hochstapelei betreibt, dann sollte es dabei etwas weniger plump verfahren und solche Wendungen vermeiden, die den wahren Charakter ihrer„ausländischen Korrespondenten" dem aus. mertsamen Leser sofort oerraten. Schulrat dudek verurteilt. Polens Kampf gegen die deutsche Minderheit. Sattowih. 3. Juli.(TU.) Am gesfiigen Freitag begann vor dem Landgericht in Kattowitz der mit großer Spannung erwartet« Pro- zeß gegen den in Verbindung mit den Vorgängen bei dem Deut- schen Volksbunde in Kattowitz verhafteten Ljulrat a. D. Dudek, der von den polnischen Behörden des Verrates militärischer Geheimnisse angeklagt war. Nach D-r- lesung der Personalien des Angeklagten und Aufrufung der Zeugen und Erledigung der üblichen gerichttichen Formalitäten beantragte der Staatsanwalt AusschlußderOeffentlichkeit, was auch vom Gericht nach kurzer Beratung genehmigt wurde. Die Urteils- verkündung erfolgt« gegen 12 Uhr nachts. Da» Urteil lautet« wegen Verrate» militärischer Geheimnisse aus«inJahr sechsMonate Gefängnis und fünf Jahre Ehroerlust.(Der Staatsanwalt hott« fünf Jahre Zuchthaus beantragt. Red.) Auf die bereUs erlitten« Untersuchungshaft wurde eine Zeit von vier Monaten und 19 Togen in Anrechnung gebracht. Auf Antrag des Verteidigers bewilligte das Gericht die Freilassung gegen ein« Kaution von Sv 000 Zloty._ Ehrung für die tschechischen Turner. Die Italienisch-faschistisch« Abordnung hat ihre frühere Zusaae, am tschechischen Sotolkongieß in Prag teilzunehmen, widerrufen. Zwischentöne, die Rüancen, die ohne Ruck, gleichmäßig und unsicht- bar wie die Zeiger einer Uhr das Geschehen weiterrücken— nicht, einem Ziele zu. sondern im ewigen Kreise. Sehr disserenzicrte Menschen müssen auf der Bühne stehen, um die unwägbaren Dinge, auf denen diese Werke balanzieren. den Zuschauern fuhjbar zu machen, zumal heute, wo Strindberg» Probleme uns im wirklichen Leben kaum noch Probleme darstellen. Die Bergner hat vor Jahren in den Kammerspielen immerhin eine Stunde lang die Zu- schauer als„Fräulein Julie" erschüttern können: Maria Reu- k i r ch e n im Residenz-Theater vermag das nicht. Sie ist gewiß keine unbegabte Schauspielerin, und in einem festen Ensemble würde man wahrscheinlich an ihrer Entwicklung manche Freude haben: so, auf sich selbst gestellt— denn die Regie WillyGernhardtsist keine—. in einer Rolle, die ihr weltensern liegt, spielt sie einiger- maßen routiniert Theater: nichts weiter. Walter Süßeng uth als Diener scheint Filmerfahrungen zu haben, die er aber noch nicht recht oerwerten kann: nur Ea von Earlberg trifft manchmal. aber auch nur manchmal, glaubhaste Töne. Ueber die vorausge- gangen« Szene„Die Stärkere" sei der eiserne Vorhang christ- licher Nächstenliebe gebreitet. Sz. Das Theater in der Klosterstraße hat sich auch eine Sommer- spielzeit zugelegt und eröffnet sie mit der Komödie„S c a m p a l o" von Dario Niecode mi. Das Stück wirkt wie ein altes Lust- spiel mit rührseligen Gemütsattacken und einem schüchternen Aus- flug ins Ordinäre. Mittelpunkt ist ein mit allen wertvolle»! Tugenden ausgestattetes Kind der Straße, das, mit Kehheit begabt, all» Manns- leute auf Kosten ihrer legitimen und illegitimen Gefährtinnen in» Garn lockt. Einer bleibt dann schließlich gerührt an diefem ver- konnten Edelstein hängen. Durch das Theater wehte rin süßlich fader Dust von Gartenlaube und dos Publikum lacht« und schluchzte, wie's eben kam. Die Darstellung war„redlich bemüht", aber es langt« nicht für ein anständiges Niveau. K. Ilrania-vorttäge. Moni., Mittw,, Freit., Sonnt.(5,9). Dienst., Donnerst. Sonnab, 5,7):.Süd-Tirol im F t l m",— Mont,, Mittw. Frelt,, Sonnt. 17), Dienst,, Donnerst,,«onnab.(9):.23 Fahre im brasilianischen U r w a l t> unter deutschen Kolonisten".. va» Ser manische INusenm in Nürnberg veranstaltet Ende August Lehr- gjnae für»hmnasial-, Lberreal- und Realschullehrer aus dem Bereich der deutschen Kunst« und Kulturgeschichte. Ein Internationale» wissenschaftliche» Erz>ehung»bur«au. Dns.Jnsiilut Rousseau In Kens bat ein«issenlchostlich cingeltellles Erziebungsbureau er- össnct, Leiter ist Pros, Booet von der Universität Gens, Da» Bureau soll einen Gammelpuntt bilden iür Dokumente aller Art. die sich aus Erziebunas- wclen bezieben. Ferner soll es Rundsragen aus erperimentellem und ila- tlsttschem Gebiete durchsühren, und dadurch unmittelbar beitragen zur Lisunq von Fragen der Kinderpsychologie. der Pädagogik, der Prüfungen, Es will schlienlich als vermittelnde und verbindende Stelle zwischen Einrichtungen und Gesellschaften dienen, die sich mit den gleichen Problemen beschöstigen. JortschiM« der lievschheii In Musiolinien. Zu Beginn der Badewilon haben die Präseklen von Genua und Ancona sowie einige andere Badeorte strenge Bersligungcn gegen.unanttändige oder zu verwegene Badeanzüge"' erlassen. An einigen Orten wurde außerdem verboten, in Badeanzüge« oder Bademänteln den Strand zu verlassen und dariu Tanzsälc oder Sa« brncn zu betreten, was bisher in UflUcnijdjcn Badeorten gestattet auf. preußische Zorftverwaltung. Aus der Staatsbank. Der Landtag setzt die dritte Etatsberatung mit der Aussprach« zum Sorstetat fort.' Abg. v. Tresckow(Dnat.) betont, daß all« Parteien sich darüber klar seien, daß die im Forstetat eingesetzten 70 Millionen gar nicht gebraucht würden. Trotzdem seien die deutschnationolen Antröge auf entsprechende Abstriche abgelehnt worden. Der Minister möge sich darüber äutzern, was er mit den überflüssigen Mitteln beim Forstetat anfangen wolle. Redner fort>ert die Unterbindung der inflationistischen cholzeinfuhr aus Polen, und tritt be- sonders für die ostpreußische Land- und Forstwirtschost ein. Abg. Gras zu Slollbcrg(D. Vp.) befürwortet die Einsetzung eines Ausschusses zur Prüfung der Forstbeamten- und vrganisationsfragen, und wendet sich gegen die Tarif. Politik der Eisenbahn besonders in bezug auf Ostpreußen. In der Frage der cholzeinfuhr aus Polen ist ein Ausgleich der vcr- fchiedenartigen Interessen notwendig. Abg. Schmelzer(Ztr.) weist darauf hin, daß eine praktische Parlamentsarbeit nicht möglich sein werde, wenn jede Beamten- gruppe ihre Sonderinteressen mit allen Mitteln durchsetzen wollte. Es ist ein Skandal, daß die Reichsbahn das polnische Grubenholz zu Ausnahmetarifen nach dem Ruhrgebiet ver- frachte. Durch schlechten Zollschutz ist die deutsche Gerbstoffindustrie zum Erliegen gebracht, ein ähnliches Schicksal droht den Sägewerken. Die Regierung müsse aus dem Gebiete der Forstwirffchaft mit An- regungen voranschrciten. Abg. Müller-Frankfurt(Komm.) setzt sich für eine bessere Be- zahlung und Behandlung der F o r st a r b e i t e r ein und ver- urteilt scharf die Maßregelung von Forstarbeitern, die sich am Volksentscheid beteiligt haben. Abg. Barteld(Dem.) erklärt zi/'der Forderung der Deutsch- nationalen, die Grenze gegen die cholzeinfuhr aus Polen zu sperren, hier sei nicht der preußische Landwirtschastsminister zuständig, sondern dies sei Sache des Reichs. Im übrigen könne man die Frage nicht einzeln, sondern nur im Gesamtrahmen eines Handelsoertrages regeln. Zu bedauern sei die Ablehnung des Antrags auf Verminderung der Zahl der Obersorstmeister.(Zu- rufe bei den Deutschnationalen.) Hier habe man wirklich sparen können. Dafür seien aber die Deutschnationalen nicht zu haben ge- wesen, weil sie an Einfluß zu verlieren glauben, wenn gerade Be- amte in diesen Stellungen abgebaut würden.— Die erhöhten Beträge für die Erhaltung von Dauerweiden seien zu begrüßen. Landwirtschastsminister Dr. Steiger betont das Bestreben der Berwaltung, das staatliche Vermögen, das in den Forsten liegt, zuerhalten, auch in der Richtung, daß die Interessen der W a l d- a r b e i t e r gewahrt werden. Was die Verhandlungen mit Polen angeht, so hat die deutsche Delegation die Forderung der Polen abgelehnt. Wir haben die Sätze der Vorkriegszeit zur Grund- tage genommen, obgleich wir mit Rücksicht auf die veränderten Geldverhältnisse 30 Proz. mehr nehmen müßten. Wenn die Polen auf dieses Entgegenkommen nicht eingehen, so liegt die Schuld nicht bei uns. Den durch Hochwasser Geschädigten gegenüber übt die Forstoerwaltung das größte Entgegenkommen. Der Oberlandforftmcister äußert sich zu den Folgen des Fort- eulenfraßes. Abg. v. Treskow(Dnat.) bemerkt, daß der preußische Landwirt» schoftsminister in der Frage der Einfuhr aus Polen selbst seine Initiative zugesagt habe. Abg. Graf Garrier(Dnat.) bezeichnet es als tief bedauerlich, daß durch die Holzeinfuhr aus Polen der preußische Forstsiskus und der Privatbesitz schwer geschädigt, und daß gegen diese Ausfuhr nicht mehr geschehen sei. Damit ist der Forsthaushalt erledigt: es folgt die Beratung des Geftütetats. Sitte örei Mark mehr! Es gibt in jeder Stadt gewisse Gradmesser für den Reichtum und die Armut der Bewohner. Eine der besten und sichersten Aus- kunftsstellen in dieser Beziehung sind die Pfandhäuser. Wir brauchen kein Schauspielhaus zu besuchen, um eine rührselige Stimmung zu bekommen. Eine Stunde als Beobachter in einem Pfyndhaus und wir erleben ein tiefgreifendes Trauerspiel des Lebens! Nicht die verlotterte, verkommene Gestalt, wie sie uns Zille zeichnet, begegnet uns hier. Verschämte, verhärmte, verbisiene Armut steht vor uns in schlichten Gewändern, die ehedem teuer waren. Betrachten wir die teilweise vom Leid geadelten Gesichtszüge dieser Frauen, die stunden- lang am Warenabgabeschalter stehen, Frauen, deren Leben keine Freuden kennt, deren Hände von Arbeit, deren Augen nur von Sorgen und Madonnentum sprechen. Ein alter vergrämter Mann steht im abgetragenen, ober trotzdem sauberen Anzug stumpf und müde da. Einst hatte er ein ansehnliches Sparkassenkonto al» Re> sultat eines mühseligen, arbeitsreichen Lebens, ausgefüllt von Pflicht- treue und wieder Pflichttreue, besessen. Heute wandert eine Kost- barkeit nach der anderen ins— Pfandhaus. Dort die schmächtige, bleiche. Frau mit den hektischen Zügen, schwer fällt es ihr. so lange warten zu müssen. Immer wieder preßt sie das Taschentuch an die blutleeren Lippen, um den bösen Husten zu dämpfen, jetzt im Sommer! Scheu blickt sie sich um. Wenn sie jemand von ihren ehemaligen Bekannten sehen würde. Die besseren Tage von einst... Wie lange ist es her, das langsame stetige Hinabgleiten in die Not und dazu die fratzenhafte Gestalt des Hungers, der an der Ge- fundheit wie ein Vampyr mit Freude festsaugt. Endlich kommt sie an die Reihe. Der Taxator schätzt mechanisch, gleichgültig..Lehn Mark"—„Bitte drei Mark mehr, ich muß heute Miete be- zahlen..„Wollen Sie oder wollen Sie nicht?" Zehn Mark haben und nicht haben... Einen Moment nur zögert sie. Zitternd nimmt sie den Ausweisschein in die Hand. Und so betteln und bitten Dutzende mit flehentlicher Miene um eine Mark, ja um ein paar Pfennige mehr. Der Beamte, der oft gern helfen würde, muß hart bleiben. Meist erweist sich die Hoffnung, nach der abgelaufenen Frist fem Eigentum einlösen zu können, als trllgenjch. Alle Kostbarkeiten wandern auf Nimmerwiedersehen zur Bersteige- rung._ Ter �cricuverkchr auf der Reichsbahn. Trotz des am ersten Ferientage, besonders am Nachmittag, ein- setzenden Massenandranges, bleibt die Zahl der in die Sommer- frischen reisenden Ferienfahrer erheblich gegen die des Vorjahres zurück. Die allgemeine wirtschaftliche Notlage spiegelt sich hier in aller Deutlichkeit wider. Der gestrige Reiseverkehr ist zwar mit gut zu bezeichnen, doch ist auf keinem der fünf Kepfbähnhöfe jener große Ansturm wie zu Ferienbeginn des Vorjahres zu verzeichnen. Die Besetzung der fahrplanmäßigen Züge betrug durchschnittlich 80— 90 Proz.. teilweise etwa 100 Proz. Einzelne Vorzüge verließen nur halbt gefüllt, mit 50—00 Proz. Besetzung, Berlin. Außer den fahrplanmäßigen Zügen wurden von der Reichs- bahn 21 Vorzüge und 12 Sonderzüge eingesetzt. Der Verkehr wurde überall glatt und reibungslos durchgeführt und verlief ohne Störun- gen. Alle Reifenden fanden bequem Sitzplätze. Interessant sind einige Zahlen über den Reiseverkehr nach den verschie- denen Landcsteilen. An erster Stelle steht Süddeutsch- l a n d, dann folgen der Harz, das Riesengebirge und endlich, ganz im Gegensag�zuin Vorjahre, die Ostsee. Während in, vergangenen Jahre sämtliche Züge, die an die Ostsee fuhren, stark überfüllt waren, wiesen sie jetzt n�r einigermaßen gute Besetzung auf. Besonders das unbeständige Wetter und die noch immer vornehmlich in Seebädern herrschenden hohen Preise werden vielen die Fahrt dorthin verleidet oder unmöglich gemacht haben. Während sonst am zweiten Ferientage der Ferienverkehr den höchsten Grad erreichte, ist heute auf keinem der Bahnhöfe ein außergewöhnlicher Andrang erkennbar. Außer 205 fahrplanmäßigen und einigen Bor- und Nachzügen verkehren 15 Sonderzüge noch allen Himmelsrichtungen. verderbliche polizeimethodea. Reviervorsteher verlangen möglichst viel Strafanzeigen. Vor kurzem hatten wir in einer Notiz„Polizei und Verkehrs- regelung" auf selbstbeobachtete Fälle hingewiesen, aus denen das schikanöse und gerade hinterhältige Verhalten einzelner Beamten der Verkehrspolizei bei der Erstattung von Anzeigen deutlich her- vorging. Diese Notiz hat uns mehrere Zuschriften ein- gebracht, die den besten Beweis dafür liefern, wie notwendig es war, jene Mißstände wieder einmal zur Sprach« zu bringen. Ins- besondere schreibt uns der Vors itz ende des Allgemeinen Preußischen Polizeibeomtenverbandes, Genosse B e t n a r e k, u. a.: Ein solches Benehmen von Polizeibeamten, die sich im Hinter- halt verstecken, um so auf ihre Beute— nämlich Kraftsahrzeuge— zu lauern, deren Führer sie dann zur Anzeige bringen, ist uns ebenso zuwider wie Ihnen. Als die zuständige B e- rufsorganijation jedoch möchten wir nicht verfehlen, dar- auf hinzuweisen, daß die Schuldigen nicht die Beamten, sondern zum großen Teil die Vorgesetzten, nämlich die Reoiervorstcher, sind. Schon des öfteren haben wir Ge- legenheit nehmen müssen, den Herrn Polizeipräsidenten von Verlin aus einzelne Revlervorsteher hinzuweisen, die von ihren Beamten eine tägliche Mindestzahl von Anzeigen verlangen. Darüber wird eine sogenannte Täligkeitsliste geführt. Diejenigen Beamten, die die meisten Anzeigen haben, erhalten ein bis drei freie Tage im Monat neben den sonst üblichen Ruhctagcn. Daß der Boltzeipräsident damit nicht einverstanden ist, aus die Beamtenschost einen Druck auszuüben, damit sie recht viel Anzeigen macht, ist selbstverständlich. Zm Gegenteil, er hat die Führung einer sogenannten Täligkeitsliste aufs strengste verboten. Trotzdem wird diese» verbot umgangen. Un» nahestehende Revier- Vorsteher haben uns einfach erklärt, daß die Inspektionskomman- deure(Polizeimajore) von ihnen verlangen, daß dem Revier im Monat eine gewisse Anzahl von Anzeigen ge- macht werden. Es gibt sogar Jnspektionskommandeure, die hierin die produktive Arbeit der Polizei erblicken. Im Gegen- satz zu dem eigentlichen Zweck der Polizei, nämlich, daß sie eine vorbeugende Tätigkeit ausüben sollen." Dem Schreiben ist ein im Verbandsorgan vom 14. Mai d. I. erschienener interessanter Artikel beigefügt, in dem unter der Ueber- schrift„Mehr Anzeigen!" diese» widerwärtige Antreiber- s y st e m gründlich heleuchtet wird. Darin heißt es:„Die Parole lautet überall: Anzeigen, Anzeigen um jeden Preis, wasesauchsei... Tressen sich zwei Streifenbeamte an einer Ecke, so ist die erste Frage:„Hast du schon eine Anzeige?"—«Und du?" Beim Weitergehen sagt dann wohl der eine:„Wäre es doch nur ein Radfahrer ohne Licht oder ein Hund ohne Maulkorb". So werden Tausende von Strafanzeigen erstattet, so kommen sie zu- stände. Aus der Strafanzeige wird Selbstzweck." In einer anderen Zuschrift eines Kraftdroschkenfohrers wird zugleich im Namen vieler Berufskollegen unsere Notiz mit weiteren konkreten Beispielen von schikanösen Anzeigen ergänzt und bestätigt, daß die Gegend der Straße Unter den Linden bei allen Kraftfahrern dafür berüchtigt ist. Hingegen erwähnt unser Gewährsmann mit anerkennenswerter Objektivität, daß z. B. die Beamten an der Herkules- oder Corneliusbrück« oder an der Kreu- zung Joochimsthaler Straße und Kurfürstendamm sich allgemeiner Beliebtheit erfreuen und fügt hinzu:„Wer dort eine Anzeige ve- kommt, wird sie schon verdienen." Wir können nur noch einmal den Polizeipräsidenten auf diese gegen seinen ausdrücklichen Willen entstandenen Mißstände hin- weisen, die zu einer ebensolchen von den Vorgesetzten gezüchteten geistigen Korruption führen müssen, wie sie sich im alten Heer bei Offizieren und Unterossizieren entwickelt hatte. Schwimmfest der Groh-Berliner Schulen. All« Berliner Schulen hatten kürzlich ihr Sommer- S ch w i m m f e st, da» geleitet wurde von der Schwimmvereini- gung Berliner Lehrer. 5000 bis 6000 Zuschauer sahen von den Ufern des Spandauer Schiffahrtskänals zu. Ein ganz außergewöhnliches Ereignis waren die Massen- Trockenschwimm Übungen. In fast endloser Reihe sah man die völlig exakte Ausführung dieser Freiübungen. Ein wunder- bares Bild, das auch im Film starkes Interesse erregen wird. Darauf folgte das Anschwimmen der Schulen: da tummelte sich die ganze große Masse aller Beteiligten im Wasser. Dann richtet sich der Blick auf die Hauptkämpsc des Tages, auf die S t a f f e l n der Schulen, es gingen alle Schularten in Wettbewerb. Best« Zeit der 10 mal 50 Meter-Strecke in Bruststil war 9,04 Min. Den Abschluß bildete ein S t i l s ch w i m m e n aller Teilnebmer. Es macht viel Freude, die Jungens und Mädels bei der Arbeit zu sehen. Nachstehend die Ergebnisse: I. 10 mal 50 Meter, beliebige Staffel f. höhere u. Berufsschulen. 1. Diesterweg-Oberrealschule, in 8,26 Min. 2. Oberrealschule Mariendors, in 8.43 Min. Tl. 10 mal 50 Meter Briiststassel s. gemischte Schulen. 1. 262. Volksschule in 10.4,8 Min. 2. 6a Schule Reinickendorf in 10,44 Min. III. 10 mal 50 Meter Brnststaffel für Knaben-Volksschnlen. 1. 300. Volksschule in 9,004 Min. 2. 301. Volksschule in 9,45 Min. Verspäteter Karneval. Der„unpolitische" Kriegerverein Lichtenberg veranstaltete ani vergangenen Sonntag sein 50jähriges Stiftungssest. Zu diesem Zwecke wachte er auch einen sogenannten Propagandaumzug durch die Straßen. Voran natürlich, wie immer bei diesen Zügen, ungefähr 20 Hitlerjünglinge mit den bekannten, geradezu verbotenen Ge- sichtern. Ihnen folgte auf einem„Schlachtpferd«" eine Gestalt in Allongeperrücke, rotem Rock mit gelben Schnüren und weiterein Brimborium: man hörte allgemein, daß es sich um den alten Fritz handeln sollte. Daß sich dieser Figur noch einiger solcher Rummel- gestalten anschlösse», versteht sich von selbst. Alsdann folgte der Clou des ganzen Festzuges in Gestalt eines Leiterwagens, auf dem sich zwanzig„Ehrenjungfrouen" in sehr ehrwürdigein Alter be- fanden, die sich mit je einem Kornblun.enkranz und einem um die rechte Schulter fallenden schwarzweißroten Bandelier bekleidet hatten. Das sonderbarste Bild entstand dadurch, daß vor und hinter dem Zupe Dutzende von Schupoleutcn zu Fuß, zu Pferd, zu Rad und Wagen bewegten, während rechts und links des Zuges euie sehr dichte Eskorte von Grünen den Zug begleitete. Jede Straßenecke war außerdem noch mit dreifachen Schupoposten besetzt, außerdem traten noch Radfahr- und Autzpatrouillen in großer Zahl in Erscheinung. Obers'ächliche Schätzung zeigte schon ganz unzweideutig, daß dieser Festzug mindestens von doppelt soviel Schapolcuten eskortiert wurde als er Festteilnehmer in sich borg. Bei dieser starken Polizei- lichen Bedeckung wunderte sich niemand, daß den mitmorschierenden Heldenjünglinge» von Hitler» Gnaden die Sleiialein vor Stolz leuchteten. Bezeichnend für den Geisteszustand dieser Leute ist die Tatsache, daß bei ihnen keine Veranstaltung vorbeigehen kann, an dem nicht die Geister längst verstvrhener Herrschaften zur Schau gestellt werden. Wer eben kein« Zukunft vor sich hat, muß ja wohl notgedrungen in der Vergangenheit wühlen. ver TTTönnerchor Osl Lyraaia 1849, Mitglied de# D'ASv.. veranstaltet Montag, den 5. Juli. 7 Uhr Im Saaldan Iriedrichshain.«Saiten, einen Siraujzabend. Mitwirkung: BallmuMirettor Johann Strauß au» Wien. Verhaftung eines Raubmörders. Er leugnet die lat Am 27. vorigen Monats wurde in Stettin am Kohlenmarkt der Juwelier Schollmann in seinem Laden ermordet und be- raubt. Die sofort angestellten Nachforschungen der Stettiner Kriminal- Polizei ergaben, daß als Täter der 30 Jahre alte Arbeiter Ernst L ü d t t e, dessen Vormund der Ermordete früher war. in Frage kam. Verschiedene Anzeichen deuteten daraufhin, daß der Mörder sich nach Berlin gewandt habe, und so wurde die Inspektion A. der Berliner Kriminalpolizei lim Mitsahndung ersucht. Sie ermittelte, daß Lüdlke in Berlin in den verschiedensten Stadtteilen weibliche Bekanntschaften hotte. Die Mädchen waren als Hausangestellte tätig und steckten ihrem Freunde Geld und Lebensmittel zu. Lüdtke selcht ging keiner regelmäßigen Beschäftigung nach, sondern trieb sich planlos umher. Außer seinen Berliner Beziehungen hotte er Freun- binnen in Stettin und anderen Orten, mit denen er in Briefwechsel stand. Da er in seinem Unterschlupf nicht gemeldet war, so mußte»eH. seine Briefe selbst auf den einzelnen Postämtern abholen. Auch da» hatte die Kriminalpolizei erfahren und beobachtete die betreffenden Aemier. Heute morgen gelang es endlich, Lüdtke auf einem P o st- a m t im Zentrum der Stadt zu ergreifen' und in das Polizei- Präsidium zu bringen. Er wurde alsbald einem Derhör unterzogen, leugnet ober, mit der Tat etwas zu tun gehabt zu haben. Eo trat einen Allbibeweis an, der augenblicklich noch nachgeprüft wird. warum wohl! Beim Rundfunk hat man auch einen Theaterdienst. Täg- lich wird da den Rundfunkteilnehmern gesagt, welche Genüsse die Theater Berlin» bieten. Für die Staatsopfer hatte die Ankündigung bisher etwa so gelautet:„In der Staatsoper am Königs- platz wird gegeben usw." Als dann der„Königsplatz" in einen „Platz der Republik" umgenannt wurde, erhielt die Ankündigung folgerichtig den Wortlaut:„In der Staatsoper am Platz der Republik usw." Das scheint aber irgendwem nicht gepaßt zu haben. Seit einigen Togen verkündet der Rundfunk nur noch, daß in der„Staatsoper" das und das gegeben wird. Wo die Staats- oper liegt, das wird nicht mehr gesagt. . Ein Rundfunkteilnehmer, dem das auffiel, wandte sich an die Rundfunkgesellschast und an das Reichspoftminifterium mit der An- frage, warum wohl plötzlich der neue Platz n am« aus der Rundfunkankündigvng verschwunden sei. Das Reichspostministerium gab das Schreiben des Rundfunkteilnehmers weiter an die Rundsunkgeiellschast„zur gefälligen Kenntnisnahme und erforderlichenfalls weiteren Beranlasiung". Da der Beschwerde- führer in seinem Schreiben mitgeteilt hatte, daß er eine Abschrist davon dem„Vorwärts" zugehen lassen werde, so schickt jetzt die Rund- sunkgescllschast unausgesorbcrt uns im voraus eine Erllärung. Darin sagt sie zu ihrer Entschuldigung: „Wir gestatten uns. darauf hinzuweisen, daß es sich dabei um einen sogenannten Reklamedurchspruch handelt, der von der Staats- oper bezahlt wird uno für den die Staotsvper uns den Text vorschreibt. Wir sind daher gar nicht in der Lage, irgend- welche Aenderungen in dem Text vorzunehmen. Im übrigen ist e» Wunsch der Auftraggeberin, nur kurz als Staats- oper— im Gegensatz zu den Staatstheatern— genannt zu werden." Die Rundfunkgesellschast lehnt also die Verantwortung ab. Roch ihrer Darstellung ist allein die Berwaltung der Staatsoper dasür verantwortlich zu machen, daß nach der Umnsnnung des„Königs- plages" in einen„Platz der Republik" die srüherc„Staatsopcr am Königsplatz" jetzt plötzlich nur noch„Staatsoper" genannt wird. „Warum wohl?" hat der Rundfunkteilnehmer das Reichspost- Ministerium und die Rundfunkgesellschast gefragt.„Warum wohl?" fragen jetzt wir die Berwaltung der Staatsopcr. Warunz wohl mag hei diesem K u n st i n st i t u t der Republik der Wunsch sich geregt haben, den„Platz der Republik" in die Versenkung verschwtn- den zu lassen?._ Der Schneidergeselle als Arzt. Ein alter, unverbesserlicher Betrüger stand in der Person des Schneiders Robert Kläden wieder einmal vor dem Strafrichter. Kläden hat sein halbes Leben in Gefängnissen und Zuchityäusern zugebracht. Kaum auf freiem Fuße, trat er unter falschem Nomen und Titel auf und verübte mit großem Raffinement Betrügereien. Auch seine letzte 3J4jähr!ge Zuchthausstroje vermocht« ihn nicht zu bessern. Sofort nach der Entlassung wandte er einen seiner alten Tricks wieder an. Diesmal trat er als falscher Arzt auf. Er ließ sich Rezepte mit dem Kopf„Dr. med. Robert Kläden, prokt. Arzt" drucken und verschaffte sich in verschiedenen Apotheken M o r- p h i u m, wofür er noch als Arzt 10 Proz. Ermäßigung erhielt. Damit trieb er einen schwunghaften Handel. Daneben suchte er auch seine„Kollegen" als notleidender Arzt auf. Bei einem be- kannten Prosessoö erhielt er zehn Mark Unterstützung und wurde auf sein« Bitten an den Leiter eines Sanatoriums empfohlen. Er erhielt auch Anstellung und war einige Tage dort tätig, bis es ihm gelang, einen Vorschuß von 100 Mark zu erhalten. Dann ver- schwand er. Das Schöisengericht schickte den alten Gauner von neuein auf 1% Jahre ins Zuchthaus. Derzweislungstat eines allen Gärtners. Einen blutigen Aus- gang nahm gestern abend eine Auseinandersetzung zwischen dem Besitzer des Kurhausee Wannsee, Kurt Kundis und seinem Angestellten, dem 70jährigen Gärtner Wilhelm Gicse. Der Arbeitgeber war mit den Leistungen des alten Mannes nicht mehr zufrieden und kündigte ihm. Als es gestern abermals zu einer Unterredung kam, die einen sehr hestigen Verlauf nahm, zog der alte Gicse in seiner Erregung plötzlich ein Messer hervor, stach auf Kundis ein und traf ihn in den Unterleib, Kundis mußte schwerverletzt in das Rowaweser Krankenhaus gebracht werden, während Giese verhaftet wurde. Ein Lawinensturz. An der Grindelstraße gingen nach einer Meldung aus Lern zwei gewaltige�Lawinen nieder. Die Spreu- lawin« vor Guttannen brachte eine«chlieemeiige von etwa 400 000 Kubikmetern, eine andere Lawine bei Sommerloch sperrte die Straße auf 300 Meter Länge und in einer Höhe van 10 Meter. Um den Dertehr ausrecht zu erhalten, ist in die S p r e i t l a w i n e ein Tunnel von 78 Meter Länge und 4 Meter Höhe ge- graben worden. Einsturz eines Tunnelgewölbes. Bei den seit einem Jahr dauern- den Umbauarbeiten am Tunnel vor der Station Gaildorf ist heule früh gegen 3 Uhr, noch einer Meldung aus Backnang(Neckarkreis), ein Einbruch des Gewölbes erfolgt. Zwei Arbeiter werden vermißt. Sie sind vermutlich tödlich verunglückt. Der Bertehr muß mit Hilfe von Autos aufrechterhalten werden. Amundsen polmüde. Wie aus Seattle gemeldet wird, ist dort Amundsen mit seinen 15 Kameraden eingetroffen, die mit der „Norge" den Pol überflogen hatten. Der berühmte Forscher erschien den Journalisten, die ihn begrüßten, noch müderalsim letzten Jahre, als er von seinem erfolglosen Flug zurückkehrte.„Meine Aufgabe ist nun erfüllt," sagte Amundsen.„Die wichtigsten Pro- bleme der Polarregion sind gelöst. Natürlich bleibt noch eine große Anzahl von Einzelsrogen zu prüfen und zu erforschen, ober die künftigen Reisen, die noch unternommen werden müssen, werden kein Neuland mehr zu entdecken haben. Ich werde mich zurück- ziehen, um anderen Plag zu machen, die an meine Stelle treten und mein Werk vollenden werden." Groß- Serliner Partemachrichten. 47. I»t. Die?lzir5»fill>r«r. die Iroz Aulforderuna noji i>i4» abaorcchnct hoben, werden drinaend ersucht. Sonntog, den 4., vormittogs u Uhr. bei , de» Genossen Jacob abzurechnen. GewerMostsbowegung Ueberfiüsfiges Sejchrei. Der«iegesjubel über den Konjuntturerfolg der APD. bei den Berliner Delegicrtenwahlcn zum Verbondstag« der Metallarbeiter, den die„Rote Fahne" angestimmt hat, verleitete bekanntlich die „Prawda" dazu, von einem entscheidenden Wendepunkt in dem Verhältnis zwischen den Gewerkschaften und der KPD. zu sprechen. Das Moskauer Blatt meint, es drehe sich für die KPD. jetzt hauptsächlich darum,„zugleich und im Zusammenhang mit der Eroberung der Vorhut die Reste der Passivität in den Millionen Massen des Ecfamtproletariats zu liquidieren", d. h. sie für die KPD. zu gewinnen.„Der Weg dazu ist die n c u e Taktik der deutschen(kommunistischen) Partei: Systematische alltägliche Arbeit in allen Betrieben und Gewerkschaften, klares Eintreten für die reoolu lionären Losungen ohne überflüssiges Geschrei, Sammlung aller Kräfte für die bevorstehenden Machtkämpfe usw." Das hat die ..Rots Fahne" irtahl zum Abdruck gebracht, allein es fällt ihr sehr schwer,„ohne überflüssiges Geschrei" auszukommen, weil sie ihr ganzes Geschrei nun einmal für notwendig und reoolutio- när hält. Wir haben ihr ein wenig Wasser in den Wein über den Berliner Si«g getan, durch die Veröffentlichung des Gesamtergebnisse der Wahlen, und nun setzt sie sich in die Retourkutsche und ruft:„Unan- gebrachter Siege-jubel der SPD." Wir haben lediglich die Tatsache festgestellt, daß die APD. bei den jüngsten Verbondktagswahlen einen über Svprozentigen Rückgang gegen die Kosselcr Wahlen zu verzeichnen hat und die „Rote Fahne" muß zugeben:„Im wesentlichen stimmen die Angaben des„Vorwärts". Diese Feststellung machten wir ganz„ohne überflüssiges Geschrei", das wir der KPD. samt ihrem Sieg überlassen. Die öerliner Gewerkjchosten 1925. Der Ortsausschuß des ADGB. hatte am Dienstag im Gewerk- fchaftshaus seine Jahres-Plenarversammlung. Genosse S a b a t h verwies auf den gedruckt vorliegenden Geschäftsbericht, der die Tätigkeit des Ortsausschusses eingehend schildert. Sabath be» schränkte sich auf die Erläuterung der wichtigsten Detailfragen von allgemeinem Interesse. Wenn z. B. den Gewerkschaften von gewisser Seite vorgehalten wird, sie seien keine Kampforgani- s a t i o n e n mehr, so beweisen die Ziffern des Jahresberichts das Gegenteil. Im Berichtsjahr wurden von den Berliner Gewerkschaften insgesamt 1347 Lohnbewegungen, darunter 245 Streiks mit S6174S Beteiligten geführt, wovon 1332 Bewegungen lediglich der Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbe- dingungen galten. 43 Bewegungen richteten sich gegen beab- sichtigt« Lohnkürzungen und Verlängerung der Arbeitszeit. Erfolg- reich waren 1034 Bewegungen, teilweise erfolgreich 1b3 und ohne Erfolg 4 0. Ueber den Ausgong der übrigen Be- wegungen fehlen die Angaben. Vergleichszcchlen vom Vorjahr« können nicht gegeben werden, da dies« Statistik zum erstenmal auf- gestellt worden ist. Di« Ausgaben für Lohnbewegungen und Maßreqelungsunterstützung betrugen 2 5 63 865,3 4 Mark gegen 930 296,69 Mark im Jahr« 1924, ein Mehr also von 1 633 568,65 Mark. Die Mitgliederzahl stieg also um 23 727. vou 270 477 auf 294 204 Die Einnahmen sämtlicher Berliner Gewerkschaften beliefen sich 1924 aus 8 349 291,76 Mark, 1925 auf 14 287 237.30 Mark, stiegen also um 5 937 945,54 Mark. Ihre Ausgaben betrugen 7 733 999,70 Mgrk im Jahre 1924 und stiegen aus 13 033 824,54 Mark oder um ' 5299 824,84 Mark im Jahre 1925. Es oerblieb ihnen am Jahres- schluß ein Kassenbestand von 1 253 412,76 gegen 614 642,76 Mark im Vorjahr«. Die Gewerkschaftsschule hotte im Laufe des Berichts- jahrcs insgesamt 3566 chörer. Von den 8429 im Arbeiter» sekretariat Rechtsschutz Nachsuchenden waren— wie schon berichtet— 7214 Personen oder 99,22 Proz. freigewerkschaftlich organisiert. Der Vorstand des Ortsausschusses Hot jedenfalls im Laufs des Geschäftsjahres olles im Bereich der Möglichkeit Liegende getan, um den Interessen der Arbeiterschaft zu dienen. Ein« Diskussion über den Geschäftsbericht wurde nicht geführt. Die beantragte Entlastung des Kassierers Sprung wurde ein- stimmig erteilt. Vor der Wahl des Vorstandes wurde ein Schreiben des Verbandes der Zimmerer bekanntgegeben, in dem dagegen protestiert wird, daß dies« Organisation bei der Besetzung des Vor- standes nicht berücksichtigt sei. Di« Versarnmlung schloß sich der Aus- sossung des Vorsitzenden an, daß diese Angelegenheit nur durch die Jndustriegruppe selbst geregelt werden kann. Di« von den einzelnen Industriegruppen vorgeschlagenen Vertreter bzw. Stell- Vertreter für den Vorstand des Ortsausschusses wurden gegen zwei Stimmen gewählt. Als Sekretäre des Ortsausschusses wurden vom Vorstand vorgeschlagen und einstimmig gewählt: Sabath, Siegle, Sprung, Zippel, Bredow und ch e ß l e r. �usöehnung ües Eifenbahner-Schieüsspruches. Auf die Reichs- und Staat»arbeiter. Die im Deutschen Verkehrsbund organisierten Lohnemvfänger der Reichs- und Staatsbetriebe nahmen am 29. Juni in den Residenzsölen, den Bericht über die Verhandlungen im Reichsfinanzministerium und preußischen Finanzministerium zur Ausdehnung des Eisenbahner-Schiedsspruches auf die Reichs- und Staatsarbeiter entgegen. Das Reichsfinanzministerium hatte die Organisationsoertreter zum 25. Juni zu Verhandlungen geladen. Bei diesen VerHand- lungen erklärte sich das R. F. M. bereit, das f. Zt. abgegebene Ver- sprechen einzulösen, wonach die Arbeiter in den Reichs- betrieben die gleichen Zulagen erhalten sollten wie die Eisen- bahner infolge des Schiedsspruches. Die Verhandlungen hatten folgendes Ergebnis: Alle Arbeiter über 24 Jahre erhalten in den Lohn- gruppen I bis II eine Zulage von 2 Pfg., in den Lohn- gruppen III bis V 1 Pfg. für die Stunde. Die Arbeiterinnen über 24 Jahre erhalten in den Lohngruppen II und III 1 Pfg. für die Stunde. 98t die Zeft vom 3. Januar 1926 Vts 27. Itack 1926«chaSe» die männlichen Arbeiter der Gruppen I und II eine Nochzahlung von 2 6 Mark, die Gruppen III bis"V und die Gruppen II und III der weiblichen Arbeiter eine Nachzahlung von 13 Mark. Die Beträge vormindern sich für die Arbeiter, die das 24. Lebensjahr nach dem 3. Januar 1926 vollendet haben oder die noch dem 3. Januar 1926 eingestellt worden sind, für jede � vor dem Geburtstag oder dem Einstellungstag liegende volle Woche in den Lohngruppen III bis V der männlichen Arbeiter und den Gruppen II und III der weiblichen Archeiter um 50 Pfg., in den Lohngruppen I und II der männlichen Arbeiter um 1 Mark. Äusgeschieden« Arbeiter erhalten für jede vollendete Lohnwoche, die sie noch in dieser Zeit beschäftigt waren den sünfundzwanzigsten Teil der hier angeführten Sätze. Anträge auf Nachzahlung sind bis zum 31. Juli bei der zuständigen Dienststelle einzureichen. Die Arbeiter in den preußischen Verwaltungen er- holten in den Lohngruppen I der männlichen und I und II der weiblichen je 1 Pfg., in den Lohngruppen II und III der männ- lichen je 2 Pfg. Zulage. Anträge auf Nachzahlung auch an Ange- hörig« bereits verstorbener Arbeiter sind hier bis spätestens 31. August zu stellen. Große Enttäuschung rief es hervor, als der Referent mitteilte, daß die Putz- und Reinigungsfrauen leider in dem Eifenbahner-Schiedsspruch nicht erwähnt seien und deshalb leer ausgehen. Nach dem Schiedsspruch für die R c i ch s a r b e i t e r vom 8. April 1924, der gleichfalls utzter dem Vorsitz von Herrn R ü d l i n gesällt wurde, betragen die Löhne der weiblichen Arbeitskräfte 75 Prozent der Männerlöhne: folglich müßten auch die Frauen der unter st en Gruppen mindestens 1 P f g. Zulage erhalten. Die Organisation wurde beauftragt, nichts unversucht zu lassen, um die Erfüllung des Schiedsspruches vom 8. April 1924 durch. zusetzen._ Stillegung öer Mechanischen Weberei in Santzen. •1600 Arbeiter und Angestellte entlassen. Di« Vereinigten Iutespinnereien und Webereien, das größte industrielle Unternehmen Bautzens, bekannt unter dem Nomen Mechanische Weberei, haben nunmehr ihren Be> trieb gänzlich st i l l g e l e g t. Am Mittwoch wurden sämtliche Arbeiter und Angestellte entlass en. Durch die Schließung dieser Fabrik, die erst im Jahre 1920 einen umfassenden Neubau ausführte, in dem über 1000 Arbeite- rinnen Beschäftigung fanden, ist das Arbeitslosenheer Bautzens um 1600 Personen vermehrt worden. Auffällig ist, daß nach den Be- kundungen des Betriebsrates der Firma verschiedene Schwester- werke, die ebenfalls derHamburgerIutezentrale unter- stehen, trotz der Stillegung der Bautzener Fabrik, wöchentlich b i s zu 54 Stunden arbeiten. In taufenden ober taufenden Familien fehlt es an der not- wendig st en Wäsche und Kleidung. Im Mai waren nahezu 60 000 Textilarbeiter und-arbeiterinnen vollständig arbeitslos und 150 272 arbeiteten verkürzt. Nicht einmal die Textilarbester und-arbeiterinnen selber können sich von den Erzeugnissen ihrer Industrie das für sie notwendigste beschaffen. Auch nicht die Masse der übrigen Erwerbs- losen und Kurzarbeiter. Die Preise sind zu hoch und die Einkommen zu niedrig. Erwerbslosenunterstützung, Kurz- arbeiterlöhne und selbst die vielfach„ermäßigten" Vollöhne reichen knapp zu dürftiger Ernährung. Die Lebensbedingungen der großen Masse sind gedrückt, die Kaufkraft gedrosselt. Das Ganze nennt man Wirtschaft. Es ist die kapitalistische Wirtschaft, eine skandalöse Mißwirtschaft! 'Lohnbewegung der französischen Postbeamten. Paris, 2. Juli.(Eigener. Drohtbericht.) Die Lohnfcswegmig der französischen P o st- und Telegraphenbeamten hat in den letzten Tägen scharfe Formen angenommen. Es ist sogar der Ausbruch eines Streits zu befürchten. Während die Neuregelung der Gehälter für sämtliche anderen Beamten seit über einem Monat erfolgt ist, liegt die Vorlage für die Post- und Telegraphenbeamten noch immer unerledigt der Kammer vor. In Anbetracht der bevor- stehenden Parlamentsferien befürchtet die Gewerkschaft der Post- und Telegraphenbeamten, daß die Kammer ihre Vorlage nicht mehr rechtzeitig verabschieden wird. In einem Schreiben an die Presse droht sie für diesen Fall den Generalstreik sämtlicher Post- und Telegraphenbeamten an._/ Zum englischen Bergarbeiterstreik. London, 3. Juli.(EP.) Der Grubenarbeitersekretär Cook erklärte am Freitag in einer Rede, daß die Einladung Bald- w i n s zum sozialen Frieden nicht ernst genommen werden könnte. Die Regierung habe immer genau den Stand- punkt der Bergwerksbesitzer verireten und für die Forderungen der Arbeiterschaft nicht das ge- ring st e Verständnis ausgebracht. Sie habe die Forderung noch einer durchgreifenden Reorganisation der Gruben ignoriert. B a l d w i n und die Grubenbesitzer hätten lediglich den Ausweg der Heraufsetzung der Arbeitszeit und der Verkürzung der Löhne be- schritten. Die Regierung müsse ihr Projekt über den Achtstundentag zurückziehen und einen Reorganisationsplan ausarbeiten, dann wür- den die Bergarbeiter bereit sein, mit der Regierung zusammenzu- arbeiten und dem Konflikt ein Ende bereiten. Die Exekutive der Bergarbeiter ist zu einer neuen Sitzung nach London einberufen._ Gesperrter Gastwirtsbetrieb. Das Schloß Weißensee, vormals Sternecker, wird zurzeit von dem Inhaber Gastwirt U l l- r i ch bewirtschaftet. Herr Ullrich kann sich anscheinend nicht recht dazu verstehen, die nach der Revolution in Kraft getretenen Arbeits- schutzgesetze anzuerkennen. Arbeitsnachweis und O r g a n i- s a t i o n sind� ihm ein Dorn im Auge. Bei der Verhandlung mit ihm im Beisein eines Mitgliedes des Bezirksamts Weißensee ließ er deutlich durchblicken, daß er nur Kellner gebrauchen könne, die jede Dreck- und Schmutzarbeit oerrichten und s o lange arbeiten wollen, wie es Herrn Ullrich paßt. Auch das Bezirksamt Weißensee, das mit Ullrich einen Pacht- vertrag abgeschlossen hat, imponiert dem Herrn nicht. Der Betrieb ist für organisierte Arbeitnehmer gesperrt! weitere Abnahme der Arbeitslosen in Wien. In der zweiten Iunihälfte hat sich in Wien die Zahl der unterstützten Arbeits- losen um 1815 auf rund 75 500 vermindert. Dieser Stand ist um etwa 10 000 Höher als in der gleichen Zeit des Vorjahres. Wirtsthast Frankreichs wirtschaftliche Sorgen. Die Folgen der Geldentwertung. Während bisher in Frankreich die Schwierigkeiten nur finan» z i e l l e r Natur waren, hat die Geldentwertung jetzt bereits eine Lage geschaffen, wo die Schwierigkeiten auch auf das wirt� schaftliche Gebiet übergreifen. Schon seit langer Zeit ist die inländische Konsumkraft infolge der Geldentwertung er-! heblich zurückgegangen, zumal die Löhne den Preissteige- rungen bekanntlich stets nachhinken. Deshalb die seit längerer Zeit bestehende Krise der Textilindustrie. Diese Krise des inneren Marktes hat sich nun in mehrfacher Hinsicht verschärft: ein� mal infolge der weiteren Geldentwertung und der damit vex* bundenen weiteren Schwächung der Konsumkraft, zweitens infolg« der großen Getreideknappheit und der dadurch herbeige, führten Preiserhöhungen für Getreide, die zum Teil spekulativen Charakter haben. Die neue Ernte wird sehr ungünstig ausfallen, was die Kaufkraft der Landwirtschaft weiter herabsetzen wird. Schließlich hat die Geldentwertung zahlreiche Lohnbewe< g u n g e n ausgelöst und zu Streiks geführt, wodurch die allgemein« Konsumkraft noch weiter eingeschränkt wird. Die schwache Lage des inneren Marktes spiegelt sich in der außerordentlichen Einschränkung der Einfuhr von Roh st offen wider. Im Mai wurden um % Million Tonnen bzw. um 700 Milkionen Franken weniger Roh- stoffe eingeführt als im April, wobei zu berücksichtigen ist, daß der Rückgang nicht etwa aus die Kohle entfällt— trotz des englischen Streiks wurden im Mai ebensoviel Kohlen wie im April eingc- führt—, sondern auf andere Rohstoffe wie Baumwolle und W o l le. Die schwere Lage Des inneren Marktes wird aber nicht mehr durch die glänzenden Verhältnisse auf dem Exportmarkt wettgemacht. Auch die Ausfuhr geht trotz der fortschreitenden Geldentwertung zurück, im April und Mai blieb sie mengenmäßig erheblich hinter den früheren Monaten zurück, und die wertmäßige Steigerung entspricht bei weitem nicht der inzwischen eingetretenen Geldentwertung. Für diese ungünstige Entwicklung sind sowohl weltwirtschaftliche Ursachen im allgemeinen wie insbesondere die gesteigerte Konkurrenzfähigkeit der anderen Ausfuhrländer, zum Teil auch die erhöhten Produktionskosten der französischen Ausfuhr- Industrie verantwortlich. Endlich herrscht auf dem französischen Kapitalmarkt eine große Knappheit. Die französische Geldentwertung geht nämlich nicht mit einer erheblichen Noten- Vermehrung einher, bzw. werden von der Zentralbank keine großen Kredite gewährt, wie das bei der deutschen Inflation der Fall war. Deshalb besteht ein Mangel an langfristigen Darlehen. Demzufolge fehlen die Mittel, um die Produktion auszudehnen oder aber die Rationalisierung der Betriebe durch oermehrte Maschineneinstellung durchzuführen. Es ist anzunehmen, daß diese wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die bisher durch den Schleier der Geldentwertung verdeckt waren, bald derart sichtbar werden, daß die Stabilisierung des Franken sich als unvermeidliche Notwendigkeit aufdrängen wird. Die Wcrkzeugmaschinenfabrik F. Werner, A.-G., Berlin-Alarien- selde, ist mit ihren Erklärungen über den Verlaus des Geschäfts- jahrs 1925 sehr sparsam. Ihr Geschäftsbericht hebt ober auch den plötzlichen Rückgang scharf hervor, der in den Austrägen und in der Beschäftigung im Herbst vorigen Jahres einsetzte, und der durch die Zurückziehung schon in der Durchführung begriffener Aufträge dazu zwang, auf Lager zu arbeiten. Immerhin konnte im. Export der Inlandsausfoll einigermaßen wettgemacht werden. Das finan- zielle Ergebnis ist günstig. Der Betriebsüberschuß ist mit 876 000 gegen 821000 M. höher als im Vorjahr. Der Reingewinn, der mit 226 000 M. ausgewiesen ist, wäre noch größer gewesen, wenn man nicht die Abschreibungen erhöht hätte(200 000 M. gegen 139 000 M.). In der Bilanz kommt der Rückschlag derKorijunktur ziemlich deutlich zum Ausdruck. Die Forderungen sind von 928 000 aus 866 000 M. zurückgegangen, die Material- und Warenvorräte er- heblich, von 2,51 aus 3,15 Millionen gestiegen. Die Gläubiger sind von 1,28 auf 1,99 Millionen erhöht. Besonders die Flüssig- feit ist also durch die Krise verschlechtert worden. An der D i v>- d e n d e hat sich gegen das Vorjahr nichts geändert. Es werden auch in diesem Jahr wieder 5 Proz. verteilt. Znleressengemeinschasten für wirlschoslsmaschinen. Die Alexander- werk A. von der Nahmer A.-G. Remscheid, über die wir kürzlich aus- führlich berichteten, baut ihr Interessengemeinschaftssystem weiter aus. 1925 hotte sie den Alleinvertrieb der Heinrich Rieger u. Söhn« in Aalen übernommen. Nunmehr schloß sie mit der Aachener Hauben- werke A.-G. eine Fabrikations- und Verkaufsgemeinschaft zum Bau und Vertrieb von Geschirrspülmaschinen, wobei die Erfahrungen, Konstruktionen und Schutzrcchte der beiden Werke zusammengeführt werden. Die beiden Werke erhoffen davon eine weitere Rationali- sterung ihrer Produktion und der Absatzorganisation. Theater öer Woche. vom 4. Juli bis 1». Juli 1S26. Boll»bühll««u BiUowpIatz: Bis 12. Darüber lägt sich reden—»roll- Oper: 4. Maraaret«.!. Labengrin.«. Salome. 7. Bigoletto.». Därmen. 9. Ein Maskenball. 10. Mebermaus. 11. Meistersinger. 12. Taoalleria rustieana. Baja�i. 13. Miegcnbe Solländer. 14. Tosca.—««lnllcr- Theater! Bi, 11. Die leichte Isabell.— Deutsche» Theater: Ekel.— Di« gomödi«: Weekend.— Lessing. Theater: Schneider Wibbel.— Theater i» der»äniggräger Strahc: Gefallene Engel.— Theater de» Westen«: Die graste Unbekannte.— Renaiffanic.Theater: Die N-istiq« Leserin.— Deutsch««ünftler. Theater: Der fröhlich« Weinberg.— ftnmödienhaus: Der Garten Eden.— Berliner Theater: Donnerwetter—«an» famos!— Triausu-The-tei: Kampf in der Sachgeitsnacht.— Restden,. Theater: iW Juli« und Der Stärkere.— Komische vper: Berlin ohne Semd.— Lust. spielhau,: Armut.— Rrtropol-Theater: Bis S. Die Nacht der Nächte. Ab 10. Nsger-Reou«: Black peaple.— Theater in der»lofterstraß«: 4.,»., 7., S. Scampalo. 6., 10. Spanische sfliege. 8. Ehr«. 11. Iahannisfeuer.— Theater am KurfSrsteudam«: Kavalier Jack.— Kleine, Theater: Leckerbisten. Theater in der Lilhomftrahe: Sp-rerwaldmädel.— Schlostpark-Thearrr Steglih: Die tolle Komtest. Nachmittagsvorstellungen. Bolksbühu«: 4., 11. D-rllber läßt sich reden.— Theater de, Westen,: Gräfin Rariza.—«etropol-Theater: U. Neger-Revue: Black people. Berantwortlich für Bolitik: Ernst Neuter: Wirtschaft: Ar tut Sötern»»: Gewerkschafisbewegung: Fr. Estkoru: Feuilleton: Dr. John Eft ifornoki: Lokalr, und Sonstiaes: Tri« Karstädt: An»eiaen: Th. Stocke: sämtlich in Berlin. Berlaa: Lorwärts-Berlaa G. m. b. S.. Berlin. Druck: Borwäris-Buchdruckerei und Bcrlaasanswlt Paul Singer u. Ca.. Berlin SW 63. Lindcnstrast« 3. Berliner• ilekiriKer- fienossensdiafl BerlinN24,EIsäs�erStr.86-88 I Filiale Westen. Wilmersdorf Fernsprecber Norden 63 23 u. 63 26< LmdbausilraBe 4. Tel.: Pfaltfeurj; 9831 anggleimiitfgranme nnd Lager Alexanders tr. 30 40(Alexander- PassaKe) Tel.: HOnlKAadl 340. Elektrische Anlagen jeder Art n. jeden IJmfanges zu kulanten Zahlungsbedingungen. Beleuchtungskörper und Osram-Lampen zu Fabrikpreisen- Westerland ist da« Bequeme Rciscwcge ideale Nordseebad Madige Preise Man verlange Prospekte In den Relje- borcaui oder durch dfe fcdmr veifcm* Pianos zur Miete Ansbacher Str. 1, EAttorfininutriBt IroueripenDen jeder Art »etert preiswert Panl Oolletu. oormal» lobert Htm .Mariannersir.3. Ami Moristvl la. Eideitettkäse 9 P(d. M. frko. Dampf käs etabrlk KootUborx. IIMiilAreniliee |iiiiiiiiiiii!iiiiiiiiiiiimniiniiiiiiiniiiiiiiii