Nr. 314» 4Z. �ahrg. Msgabe A Nr. 162 Bezugspreis. Wöchentlich 70 Pfennig, monatlich 8,— SReidjonfötf voraus zahlbar. Unter Kreuzband für Deutschland, Danzig. Eaar. und Memelgebiet, Oesterreich. Litauen, Luremburg 4.S0 Reichsmark, für da» übrig« Ausland S,ZO Reichsmark pro Monat. Der„Vorwärts" mit der Sonntags- Heilage„Volk und Zeit" mit„Sied- lung und Kleingarten" sowie der Beilage„Unterhaltung und Wissen" und Frauenbeilagc„Frauenstimme" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal. Delegramm-Adresse: .Sozialdemvtrat Berlin" Morgenausgabe Derlinev Volksblatk (lO Pfennig) Anzeigenpreise: Die einspaltige Rrnparcillr. zcile 80 Pfennig� Rcklamezeile 5,— Reichsmark.»Kleine Anzeigen" das settgedruckte Wort 2ö Pfennig (zulässig zwei fettgedruckte Worte). sedes weitere Wort 12 Pfennig. Stcllcngehlche das erste Wort IS Pfennig, icdes weitere Wort 10 Pfennig. Worte über IS Buch» � stabe» zählen für zwei Worte. Arbeitsmarkt Zeile CO Pfennig. Familienanzeigcn für Abonnenten Zeil« 40 Pfennig. Anzeigen für die nächste Nummer müssen bis 4>.b Uhr nachmittags im Hauptgeschäft, Berlw SW 88, Linden. strafte 3, abgegeben werden. Geöffnet von iVi Uhr früh bis S Uhr nachm. Zcntralorgan der Sozialdemokrat» fchen parte» Deutfchlandö Neüaktion und Verlag: öerlin SW. 68, �inöenstraße 3 Fernsprecher: Tönhoff 292—297. ltaillaux' Sanierungsaktion. Drei Milliarden Mehreinnahmen gefordert.— Herabfehnng direkter Steuern. Vollmachten verlangt. Paris. 6. Juli.(Eigener Drahtbericht.) In der großen Finanz- ausspräche, die am.Dienstagnachmittag vor übersülltem, nervös ge- spanntem Hause durch eine große Rede Caillaux' eröffnet wurde. begann die bedeutend st e politische Debatte vor dein sranzosischen Parlament seit dem Versailler Frieden. Diese Bcdeu- tung liegt nicht nur auf finanziellem Gebiete, wo außerge- wohnliche Maßnahmen ergriffen werden müssen, soll die Währung nicht vollends zusammenbrechen. Die politische Bedeutung der De. batte ist mindestens ebenso groß, denn der Kamps um die Lösungen. die zur Behebung der finanziellen Schwierigkeiten vorgeschlagen werden, wird ein Kamps für oder gegen den demokratischen Gedanken sein. Alle Parteien werden diesmal vor Entscheidungen gestellt wer- den, die für die materielle und ideelle Zukunft Frankreichs von größten Folgen sein können. Es ist bei der Zerfahrenheit aller Parteien in der Kammer kein Zufall, daß gegenüber dem Finanzexposc Caillaux', das sich noch vielinehr als man befürchten konnte, an den reaktionären Cr- pertenbericht anschließt, nur die sozialistische Partei ein klares großzügiges Finanzprogramm besitzt. Alle anderen Parteien stehen völlig programmlos und tief u n s ch l ü ss i g über ihr Berhalten in einer Debatte, von deren Ausgang das Los einer ganzen Gene- ralion Frankreichs bestimmend beeinflußt werden kann. Ein srap- pantes Beispiel für die Ratlosigkeit der Parteien bot z. B. die Frak- tionesitzung de? s o z i a l r a d i k a l e n Partei, die am Dienstag- vormittag stattfand, um angeblich die Haltung der Parteien den Regierungsentwürfen gegenüber festzulegen. In dieser Sitzung wur- den ziemlich alle Meinungen laut. Der eine kritisierte Caillaux' Entwürfe scharf. Der andere empfahl ihre restlose Annahme. Ter dritte die Annahme mit Vorbehalt. Der vierte die Ausarbeitung eines Kompromißvorschlages. Die Sitzung wurde dann auch unent- schieden beendet, und die Partei wird in der Endabstimmung, wie bereits mehrere Male, völlig auseinonderfallen. Die s a z i a l i- st i s ch c Kammergruppe hat hingegen ebensalls in einer Fraktion?. sitzung am Dienstag morgen nochnials ihren Willen kundgeta», dem Regierungsprogramm gegenüber„allen wahrhast demokratischen Linksparteien" die Annahme des sozialistischen Gegenprogramms anzuempfehlen, das Blum auf der Kammertribüne vertreten wild. Caillaux, der sofort bei Beginn der Sitzung die Tribüne bestieg, begann mit einem kurzen Resumc des Expertenbe- r i ch t s, den er sich so ziemlich in allen Punkten zu eigen macht. Daran anschließend entwickelte er sein Sanierungsprogramm, vcr- langte zunächst Z Milliarden neuer Einnahmen, die ausschließlich der Amortisierung der Schulden dienen sollen. Diese sollen ausgebracht werden dprch eine„Reorganisation", d. h. zu deutsch eine Erhöhung gewisser indirekter Steuern, die aus- schließlich den verbrauch und den Verkehr belasten. Von stürmischem Beifall der Kammer unterbrochen kündigte er gleich- zeitig eine Herabsetzung gewisser direkter Steuern, so der Einkommen- und Erbschaftssteuer an.(!) Das einzige neue an der Rede war die Mitteilung, daß die Finanzverwaltung ihren Kredit bei der Bank von Frankreich bereits bis auf 500 Millionen verbraucht hat und daß sie die Höchstgrenze der ihr ein- geräumten Vorschüsse bereits überschritten haben würde, wenn ihr das vorhergehende Kabinett nicht den Erlös der aus der Morgan- Anleihe stammenden Dollars zugesührt hätte. Im weiteren Verlauf seiner Rede verlangte dann Caillaux die sofortige Ratifikation des Washingtoner Abkommens, ohne das die Regie- rung Kredite nicht erhalten könne. Nach kurzer Suspendierung der Sitzung entwickelte Caillaux im zweiten Teil seiner Rede sein Sanierungsprogramm, für das er mit dem Ziel, der Flucht aus den Fronten Einhalt zu tun, weitgehende vollmachten verlangte. Zum Schluß wandte er sich dem sozialistischen Sanierungsprogramm zu, das man dem Regierungsprogramm entgegenhält, lehnt es jedoch als eine„wirtschaftliche Unmöglichkeit" ab. Ungeheurer Eindruck— nbcr beängstigend. Pari», 6. Juli.(EP.) Der Eindruck, den die Rede Caillaux' in der Kammer gemacht hat, wird als außerordentlich stark be- zeichnet. Die Rede wird einmütig als ein Meisterwerk be- zeichnet, von verschiedenen Abgeordneten als der Ausfluß eines Genies. Caillaux verstand es, die schwierigen Finanz- Probleme anschaulich zu gestalten, so daß seine im Gnindc genommen streng technische Rede sich wie eine spannende Erzählung anhörte. Immerhin wurden die Abgeordneten gegen das Ende geradezu be- unnihigt, besonders als der Minister mit unglaublichem Pathos und den tragischen Gesten eines Schau- s p i e le rs der Comedie Fran�aise ein Sonett von Verlaine zitierte, das eine Verherrlichung des Willens darstellt. Caillaux wurde gegen das Ende immer a u s g e r e g t e r. Er spielte an- dauernd mit seinem Monokel. Seine Stime überschlug sich und wurde schließlich zischend. Er fuchtelte mit den Armen umher und bot den Eindruck eines hochgradig nervösen M e n- scheu. Gewisse Abgeordnete nannten ihn sogar einen Menschen jn p a t h o l o g i s clDc r E x st a s e. Immerhin war die Stimmung derart, daß man jetzt allgemein mit einer st arten Regierun gs- m e hr h e i t rechnet. Die S o z i a l i st e n werden aber auf ihre Opposition nicht verzichten und Leon Blum hat bereits mitgeteilt, daß er eine große Oppositionsrede gegen Caillaux, wahr- scheinlich für morgen, vorbereite.— Nach Caillaux sprach der Marine- minister Bord, doch erschienen seine. Ausführungen über die Stabi- lisierung so farblos, daß die meisten Abgeordneten den Sitzungssaal verliehen. Erregung in Weimar. Die Fvlften der völkischen Provokation. Weimar, 6. Juli.(Eigener Drahtbericht.) In der Dienstags- sitzung des Landtags gab der Führer der Thüringischen National- sozialistcn, Dr. Dinier, im Einverständnis mit dem Landtags- Präsidenten eine Erklärung zu den Vorkommnissen während des Parteitages der Hitlergarde ab, die den Gipselpunkt der Unverfrorenheit und Verlogenheit darstellt. Versicherte er doch frech heraus: Wenn Zusammenstöße in Weimar vorgekommen sind, so sind sie ausnahmslos aus das Konto unserer marxistischen Gegner zu setzen, die unsere Parteigenossen provoziert haben. Ein Hagel von Zwischenrufen der mit Recht empörten Linken hin- derte Dinier zunächst an der Fortsetzung seiner Rede. Als endlich wieder Ruhe eintrat, wiederholte Dr. Dinter diesen Satz noch einmal. Daraus kennzeichnete ihn ein sozialdemokratischer Abge- ordneter als Lump. Der Sozialdemokrat wurde darauf aus- geschlossen, und als er den Sitzungeraum nicht verließ, wurde die Sitzung in starker Erregung abgedrochen. In stundenlangen Verhandlungen im Aeltestcnausschuß versuchte man den Zwischenfall beizulegen. In der Stadt Weimar hat sich angesichts der unbcschreib- lichen Dreistigkeiten und Rohheitm der Nationalsozialisten am Sonnabend und Sonntag vor allem auch des parteilosen Teiles der Le- völkerung eine große Erregung bemächtigt. Nachdem in zwei Sitzungen des Aeltestenrats des Landtags keine Verständigung über eine Einschränkung der Ausschluß- maßnähme des Präsidenten gegen einen sozialdemokratischen Abge- ordneten, die auf neun Sitzungstage erfglgt ist. zu erzielen war, hat die SPD.-Fraktion bei Wiedererässnung am späten Nachmittag durch den Abg. Frölich die Erklärung abgegeben, daß sie zum Protest gegen die einseitige, Dinter schützende Handlungsweise �des Präsi- deuten die Sitzung verlassen werde. Den Sozialdemo- kraten schlössen sich die beiden kommunistischen Fraktionen an. Sozialdemokraten und Kommunisten veranstalteten am Dienstag und Mittwoch getrennte Protejitnudgebnuge»»« zu denen pe die Weimarer Bevölkerung zur Abwehr gegen die nationalsozialistischen Uebergrisfe ausgerufen haben. Die Regierung hat sich immer noch nicht bereit erklärt, die große Anfrage der SPD. über die Ausschreitungen der Nationalsozialisten zu beantworten, obwohl die Er- Hebungen darüber bereits abgeschlossen sind. Es gewinnt immer mehr den Anschein, als ob die Regierung durch ihr Schweigen ihre Billigung zum Vorgehen der Nationalsozialisten zu verstehen geben will. Inzwischen ist man übrigens auf der Suche nach dem Helden, der den Polizeibeamten niedergeschossen hat, auf einen Autodieb- st a h l gestoßen, den sich die Nationalsozialisten während ihres Partei- toges zuschulden kommen ließen. Daneben beklagen mehrfach Wirte die Nichtbegleichung von Zechen durch Gruppen von Nationalsozia- listen, die als Parteitagsteilnehmcr nach Weimar gekommen waren. Sie haben immer dasselbe Mittel der Zechprellerei angewandt: Es wurde aufgetafelt und fleißig gezecht, bis plötzlich auf der Straße ein Signal ertönte, die Hakenkreuzler aus und davon rannten und zum Sammeln liefen, ohne vorher an das Zahlen zu denken. Gras Westarp widmete in der„K r e u z- Z e i t u n g" zwei Leit- artikel dem verständlichen Wunsche der Deutschnationcklen nach Schassung eines Bürgerblocks. Dabei zitierte er eine seiner Reichs- tagsreden folgendermaßen:„Deshalb halten wir es für erforderlich, daß sich alle Krästc, die aus dem Boden der gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung stehen, zusammenschließen." Jetzt teilt die„Kreuz-Zeitung" mit, daß das verhängnisvolle Wort„gegen- wärtigen" zu streichen ist. Sehr bezeichnend! Ueber die Frage eines deutschen Kolonialmandats wurde im Unterhaus debattiert. Baldwin stellte fest, daß sich die englische Politik seit Locarno nicht geändert habe. Damals sei Deutschland keine Zusage gemacht, sondern klargestellt worden, daß es als Mit- glied des Völkerbundes ebenso gut wie jede» ander« Mitglied für ein Mandat kandidieren könne. Französische weinbauinlerefienten haben den Handelsminister Chapsal ersucht, den Abschluß der deutsch-sranzöstscheu Handetsver- tragsverhandlungen zu beschleunige». Vorwärts-Verlag G.m.b.H., öerlin SW. H8, Linöenstr.Z Boftscheckkont»: Berlin 37 53<— Bankkonto: Bank der Arbeiter. Angcstesstcn und Beamten, Wallltr. 83: Diokonto-Grlrltlchatt. Deoosstrnlasse Lindenstr. 3. Sozialdemokratie und Reichstag Ihre Aufgaben und Erfolac. Seit Ende 1923 ist die Sozialdemokratie nicht mehr an der Reichsregierung beteiligt. Als der Ruhrkampf liquidiert werden mußte, und die Sanierung der Währung sowie der Reichsfinanzen unter schwersten Opfern des Volkes durch- zuführen war, legten die bürgerlichen Parteien auf die Mit- Hilfe der Sozialdemokratie den größten Wert. Nachdem dieses Ziel erreicht war, entdeckten sie, daß nur die bürgerliche Klassenfront die geeignete Grundlage für die Reichsregierung darstelle. Der Rechtsblock sollte Deutschland die Gesundung bringen. Unter diesen Gesichtspunkten fanden die Reichstags- wählen im Dezember 1924 statt, die der Deutschen Volkspartei eine ausschlaggebende Stellung verschafften. Die Folge war die Rechtsregierung. Es ist lehrreich, sich die Versprechungen in die Erstme- rung zu rufen, mit denen damals der Rechtsblock seine Tätig- keit begann.„Ein Aufstieg ist nur möglich im Kampf gegen die Sozialdemokratie", so sagte der Aufruf der Deutschnationalen Volkspartei.„Völle Be- fchäftigung aller Arbeitskräfte, ausreichende Versorgung des ganzen Volkes, Hebung der Kaufkraft und der Lebenshaltung" wurden in sichere Aussicht gestellt, wenn ohne und gegen die Sozialdemokratie regiert werden könne. Und als gar Hinden- bürg, der„Retter", zum Reichspräsidenten gewählt wurde, da jubelte man:„H i n d e n b u r g kommt, jetzt wird alles wieder gut!" Nichts ist von diesen Versprechun- gen erfüllt worden. Das Streben des Rechtsblocks war auf Steigerung des Profits kleiner Gruppen von Kapitalisten! gerichtet. Für das Interesse des Volkes sorgte man nur mit schönen Worten. Das Jahr 1925, in dem die Reaktion offen regierte, brachte infolgedessen Deutschland keinen Aufstieg, sondern einen tiefen Absturz. Die Folgen einer einseitig kapitalistischen Politik lasten drückend auf Volk und Wirtschaft. Die Deutschnationalen warfen die schwere Bürde der R e g i e r u n g s v e r a n t w or t u n g von s i ch. Angeblich wegen der Locarnjipolitik. In Wirklichkeit auch deshalb, weil die von ihnen mit verschuldete Verschär- fung der Wirtschaftskrise das Regieren weniger angenehm machte, als man erhofft hatte. Seit dieser Zeit hat Deutsch- land nur eine Minderheitsregierung. Zunächst die Minder- heitsregierung Luther, die bereit war, jeden Augenblick den Anschluß nach rechts wieder herzustellen. Neuerdings die Minderheitsregierung Marx, die sich als Uebergangskabinett fühlt und eine selbständige Politik nicht getrieben hat. Die Sozialdemokratie stand beiden Regierungen abwartend gegenüber und beurteilte sie nach ihren Taten. Ihrem Ein- tritt in die Regierung steht die jetzige ungünstige Zusammen- setzung des Reichstags und der ungebrochene Witte der Deut- scheu Volkspartei nach der Zusammenarbeit mit den Deutsch- nationalen entgegen. Der Sturz der Regierung, wie er von den Kommunisten gegenüber jeder Regierung verlangt wird, wird gehemmt durch die Erwägung, daß damit der inzwischen wieder gewachsene Wunsch der Deutschnationalen nach dem Eintritt in die Regierung unterstützt wird. Daß die Teilnahme an der Reichsregierung nicht die einzige Möglichkeit zur positiven Beeinflussung der Gesetz- gebung bietet, hat die jüngste Vergangenheit gelehrt. Wenn, wie in Deutschland, die Kräfte des Volkes in starken Orga- nisationen zu einheitlichem'Willen zusammenFefaßt werden, kann selbst eine Rechtsregierung an ihren Wünschen nicht ganz vorübergehen. Zweifellos war es der Wille des Rechtsblocks, die Verteilung der Lasten aus dem verlorenen Krieg so ein- seitig vorzunehmen, daß die besitzenden Klassen wenig, die besitzlosen Bevölkerungsschichten dagegen den Hauptteil zu tragen hätten. Obwohl der Rechtsblock über eine feste Mehr- heit verfügte, hat er trotzdem unter dem Druck der sozialdemo- kratischen Opposition manches Zugeständnis an die Volks- intereffen machen müssen. Noch deutlicher aber treten die Erfolge hervor, die die Sozialdemokratie während der Herrschast der Minderheits- regierung erzielt hat. Ihr fehlte die feste Mehrheit, Sie mußte die Unterstützung der Sozialdemokratie in der Außen- Politik in Anspruch nehmen und konnte auch in der inneren Politik schon mit Rücksicht auf ihre eigenen. Anhänger an den Wünschen der Sozialdemokratie nicht so ohne weiteres vor- beigehen. � Unter diesen Umständen gelang es, vor allem die Fürsorge für Erwerbslose und Kurzarbeiter zu verbessern. Zweimal wurden die Unterstützungssätze für Erwexbslckse erhöht. Die Unterstützung der Kurzarbeiter wurde trotz erheblicher Widerstände wieder eingeführt. Auch die Unterstützungs- d a u e r für den Bezug der Erwerbslosenunterstützung wurde bis auf ein Jahr verlängert. Von besonderer Bedeutung'ist das Programm fijr die produktive Erwerbslosen» f ü r s o r g e, das der Reichstag in den letzten Tagen beschlossen hat und durch das bis zu 500 000 Erwerbslose vorübergehende Beschäftigung finden sollen. Bleibt auch das Erreichte hinter dem Gewünschten stark zurück, so ist doch ein Fortschxitt gegen- über früher unverkennbar. In derselben Richtung liegt die Verlängerung der Kündigungsfristen zum Schutze der älteren Angestellten. Das neue Bring! Äns wesenMHe Verbesserung der Versicherung der Bergarbeiter gegen Inva lidität und Krankheit. Auch die Verbesserung der Leistungen der Krankenkassen für Schwangere und Wöchnerin n e n ist erwähnenswert. Trotz erheblicher Widerstände, ins besondere des Zentrums ist auch der Kampf um die Mild e- rung des§ 218(Abtreibung) mit einem wesentlichen Erfolg beendet worden. Die Zuchthausstrafe bleibt nur für diejenigen bestehen, die aus der Abtreibung ein Gewerbe machen, sonst kann nur auf Gefängnisstrafe erkannt werden. Da keine Mindestgrenze vorgeschrieben ist, können die niedrigsten Gefängsstrafen verhängt werden. In der Regel dürften sie in G e l d st r a f e n umgewandelt werden. Einen großen Erfolg kann die Sozialdemokratie bei der Lohn- st e u e r verzeichnen. Die steuerfreie Grenze wurde innerhalb eines Jahres von 50 M. auf 100 M. monatlich erhöht. An zuviel gezahlter Lohnsteuer ist innerhalb weniger Monate ein Betrag von mehr als 50 Millionen Mark erstattet worden. Zeigt bereits diese lückenhafte Aufzählung positiver Er- folge das verdienstvolle Wirken der Sozialdemokratie im Reichstag, so darf doch nicht verkannt werden, daß die furchtbare Not viel weitergehendere Maß- nahmen verlangt und rechtfertigt. Das Ziel der inneren Politik muß in erster Linie die Ueberwindung-der Wirtschaftskrise sein. Abschluß von Handelsverträgen, Be- fchaffung von Arbeit, ausreichende Unterstützung für die schuldlosen Opfer der Wirtschaftskrise ist erforderlich. Da das letztere große Mittel erfordert, hat die Arbeiterklasse ein besonderes Interesse an einer gesunden Finanzpol i- ti k, die auch die Träger der Sozialfürsorge, Länder und Gemeinden, nicht zur Verkümmerung bringt. Daneben behalten die Probleme der großen P o l i t i k— Fürstenabfindung, Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, Schaffung einer Mehrheitsregierung— ihre überragende Bedeutung. Die Lösung all dieser Fragen im Inter- esse der Arbeiterklasse hängt in erster Linie von der Stärke und dem Einfluß der Sozialdemokratie ab. Gewiß ist hierin seit 1921 eine große Besserung eingetreten. Im Mai-Reichstag war die sozialdemokratische Fraktion mit 100 Mann schwächer als die deutschnationale mit 105, und nicht stärker als Völkische und Kommunisten zusammen. Der .7. Dezember 1924 brachte eine Besserung. Mit 131 Mandaten wurde die Sozialdemokratie wieder die stärkste Partei des Reichstags, die Deutfchnationalen mit 110, die Völkischen und Kommunisten mit zusammen 60 Sitzen weit hinter sich zurück- lassend. Aber noch immer stehen den 131 S o z i a l d e m o- k r ä t e n 317 Abgeordnete der bürgerlichen Parteien gegenüber, und die Kommunisten wirken p r a t- lisch gewöhnlich mehr für die Rechte als für die Linke. In dieser Tatsache liegt die Ursache für die mangelnde Berücksichtigung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen der großen Volksmassen. Aber im Zeichen der Dempkratie wird auch auf diesem Gebket bei emsiger Arbeit und wachsendem Vertrauen zur Sozialdemokratie der Erfolg Nicht ausbleiben.__ Luther und Reichsbahn. ißtn Affront der Reichsregierung gegen Preußen. Aus preußischen parlamentarischen Kreisen schreibt man uns: vor fast einem Jahre ist das von Preußen gestellte Mitglied des Vcrwaltungsrats der Reichseisenbahngesellschaft verstorben. Seit- dem oerhandelt Preußen mit dem Reiche wegen der Neubesetzung. Die Reichsregierung unter Luther glaubte den Dorschlag Preußens nicht akzeptieren zu können, weil es sich um einen aktiven Beamten und nicht um einen Mann aus der Wirtschaft handelt. Das. Reich allerdings hat selbst einen aktiven Beamten des Reichsfinanz- Ministeriums, den Staatssekretär Fischer, einen Getreuen Luthers, in den Verwaltungsrat entsandtl Da die monatclangen VerHand- lungen mit dem Kabinett Luther und neuerdings mit Marx zu keinem Preußen befriedigenden Ergebnis führten, nahm Ministerpräsident Braun kürzlich bei der Beratung des Etats im Landtag Gelegen- heit, die Angelegenheit zu besprechen. Eine neue Rücksprache mit 1 dem Reichskanzler brachte davn wiederum nicht die erwünschte Kl?- rung. Nunmehr hat das Reichskabinett kurzerhand den Vorschlag Preußens rücksichtslos beiseite geschoben und den Reichskanzler a. D. Luther in den Verwaltungsrat gewählt. Das ist ein Vorgehen gegen das größte Land des Reiches, das geradezu wie eine Kampfansage wirken muß und die sich keineswegs nur gegen die Regierung, sondern auch gegen den Landtag richtet, der in dieser Frag« geschlossen hinter der Regierung steht. Daß es der Reichsregierung unangenehm gewesen ist, daß der Verwaltungsrat der Reichsbahn sie einfach durch die schnelle Wahl Dorpmüllers zum Generaldirektor, einem Posten, der Luther in Aussicht gestellt war, überrumpeln wollte, ist zu verstehen, daß sie aber glaubt, das durch einen Affront gegenüber Preußen wettmachen zu können, um Luther ein Pflaster auf die Wunde zu legen, ist un- verständlich. Die Reichsregierung erweist übrigens auch Dr. Luther damit keinen guten Dienst, denn sie setzt ihn dem Verdacht aus, daß er als Kanzler dem Vorschlag Preußens mit dem Einwand, es müsse ein Mann aus der Wirtschaft gewählt werden, widerstrebt habe, um diesen Posten für sich zu reservieren. * Die Ernennung des früheren Reichskanzlers Dr. Luther zum Mitglied des Verwaltungsrats der Deutschen Reichsbahngesellschast hat im Landtag starke Bedenken hervorgerufen. Lag doch ein B e- schluß des Preußischen Landtags und des Preußischen Kabinetts vor, der die Ernennung einer anderen Persönlichkeit, eines ausgesprochen anerkannten Eisenbahnfachmannes, durch die Reichsregierung seit beinahe Jahresfrist wünsciste. Die Ernennung Luthers sei wiederum„eine Stellung vor vollendete Tatsachen�, da Luthers Name offiziell weder genannt wurde noch darüber verhandelt worden ist. Diese im Preußischen Landtage aufgetauchten Bedenken haben inzwischen ihren Niederschlag in einer Großen Anfrage der Abgg. L e i n e r t(Soz.) und Fraktion, Dr. Schmedding(Ztr.) und Fraktion und Hoff(Dem.) und Fraktion gesunden, die am M i t t w o ch im Landtag zur Beratung kommen wird und folgenden Wortlaut hat: „Laut Zeitungsnachrichten hat die Reichsregiermig als Mit- glied des Verwaltungsrats der Deutschen Reichsbahngesellschaft in die seit zehn Monaten erledigte Stelle, für die Preußen nach den getroffenen Vereinbarungen ein Vorschlagsrecht besitzt, den früheren Reichskanzler Herrn Dr. Luther ernannt. Wir fragen das Staatsministerium: 1. Ist diese Ernennung im Einverständnis mit der Staats. regierung erfolgt. 2. falls nicht, welche Schritte gedenkt die Staalsregierung zu ergreifen, um das dem Lande Preußen zustehende Recht zu wahren?" Die Rufgaben öer Reichsbahn. Siemens eröffnet die Sitzung des Vcrwaltungsrats. Auf der Tagung des Verwaltungsrats der Deut- schen Reichsbahngesellschaft, die gestern in Hamburg zusammentrat, hielt der Präsident des Verwaltungsrats, Dr. Carl Friedrich von Siemens, eine Rede, in der u. a. ausführte: Die Reichsbahnen sind, in welcher Form sie auch geführt werden, ob in der alten Form der direkten Staatsverwaltung oder in der Form einer Bctricbsgesellschaft, ein wirtschaftliches Unternehmen, und von einem wirtschaftlichen Unternehmen muß verlangt werden, daß das in ihm arbeitende Kapital auch eine den jeweiligen Kon- junkturverhältnisien angemessene Verzinsung abwirft. Jedes wirtschaftliche Unternehmen weih auch, daß es die Verpflich- tungen aus feinen Schulden an erster Stelle zu erfüllen hat. Ich bin überzeugt, daß bei geordneter und ungestörter Geschäfts- sührung es der Gesellschaft wohl möglich ist, selbst in wirt- schaftlich nicht günstigen Jahren den übernommenen Schuldenoerpflichtungen gerecht zu werden. Die preußisch-hessischen Bahnen haben vordem Kriege dem Staat eine Einnahme von jährlich 500 bis 800 Millionen bei der alten Kauftraft des Geldes gebracht, h e u t e hat an Schuldenzinsen das gesamte deutsche Netz rund 600 Millionen aufzubringen. Kein Mensch wird wohl behaupten können, daß bei einem in den Bahnen angelegten Kapital von sicher nicht unter 20 Milliarden die für den Schuldcndienst zu erarbeitende Rente als hoch angesprochen werden kann. Selbst wenn keine Schuldverpflichtung vorhanden wäre, wie sie durch das Eisenbahngesetz festgelegt ist, so könnte und dürste der Skaak nicht darauf verzichten, eine mindestens fo hohe Summe imtz den Einnahmen— wie früher— zur Deckung seiner finanziellen Lasten zu erhalten. Es ist heute noch mehr als früher üblich geworden, wenn irgend- wo finanzielle Schwierigkeiten entstehen, um Staatshilse zu schreien. Veränderung der Wirtschaftsbedingungen, falsche eigene Politik der einzelnen haben die Lebenskrast manchen Gebildes zer- stört. Es ist sicherlich nicht richtig und wird niemals zu einer Ge- jundung führen, wenn durch künstliche Mittel versucht wird, die Folgen wirtschastlicher Gesetze auszuhalten. Wenn aber ein akuter Notstand vorliegt, der nur in den augenblicklichen Zcitverhältnissen bedingt ist» und der Stayt entscheidet sich, seinen Beistand zu ge- währen, dann sollte es auf klare sichtbare, auchdemEmpfönger dauernd fühlbare Weife geschehen und nicht durch Hinter- türen. Zu diesen Hintertüren gehört auch der so oft ausgesprochene Wunsch, daß die wirtschaftlichen Unternehmungen des Staates da- durch Hilfe leisten, daß sie für ihren eigenen Betrieb absehen sollen von den Grundsätzen, nach denen allein ein Wirtschaftsbetrieb geführt werden darf, wenn er übersichtlich und gesund bleiben will. D i e heute so beliebte Verquickung von Politik und Wirtschaft, der die wirtschaftlichen Betriebe des Staates be- sonders ausgesetzt sind, ist kein Weg. der zu gesunden Verhältnissen zurückführen kann._ Strafversehung fiir Iaem'cke. Strafverschärfung in der Berufungsinstanz. Leipzig, 6. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Am Dienstag fand vor dem Reichsdisziplinarhof in Leipzig die Berufungsverhandlung gegen den Schwiegersohn des verstorbenen Reichspräsidenten E b e r t, den Attache im Auswärtigen Amt Dr. Wilhelm I a e n i ck e unter Vorsitz des Senatspräsidenten Meyer statt. Dr. Iaenicke hatte wenige Tage nach der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten in einem Hotel in Capri ins Fremdenbuch folgendes eingezeichnet:„In Ihrem gemütlichen Haufe vergesse ich sogar, daß Hindenburg Präsi- dent der Deutschen Republik geworden ist." Dieser Zettel war von dem in Caprj weilenden Stadtamtmann Arnold aus Charlotten- bürg herausgerissen und dem Auswärtigen Amt übermittelt worden. Gegen Iaenicke war deshalb ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Am 7. November 1925 erkannte die Reichsdisziplinarkammer in Berlin auf einen Verweis und eine Geldstrafe in Höhe eines Drittels eines Monatsgehalts. Gegen dieses Urteil legt« sowohl der Staatsanwast als auch Iaenicke Berufung ein. Iaenicke erklärte in der heutigen Verhandlung, daß er diese Eintragung nur in einem Buche vorgenommen habe,, das ihm von seinem Freunde, dem Hotelbesitzer, vorgelegt wurde. Auch habe er sich noch unter der seelischen Depression befunden, da sein Schwiegervater, der Reichs- Präsident Ebert, so plötzlich verstorben und nur das Opfer seiner politischen Gegner gewesen sei. Deshalb habe er auch gegen die Hintermänner, die Hindenburg als Prästdentschaftstandldaten aufgestellt hatten, nur feine politische Meinung zum Ausdruck bringen wollen. Hindenburg selbst habe er nicht beleidigen wollen. Der Reichsanwalt plädierte für Strafversetzung. Das Gericht kam diesem Antrage, wie es infolge der Zusammensetzung nicht anders zu erwarten mar, auch nach und erkannte wegen einer Taktlosigkeit in seinem Amte auf Strafversetzung. Auch wird Iaenicke zu einer Geldstrafe in Höhe eines Drittels seines Monatsgehalts ver- urteilt.— In der Urteilsbegründung wird die Eintragung als grobe Taktlosigkeit bezeichnet, die sich ein Beamter in solcher hohen Stel- lung wie Iaenicke nicht zuschulden kommen lassen dürfe. Eine Dienstenthebung käme jedoch nicht in Frage, da das Vergehen hierfür zu gering sei. Auch habe das Gericht die seelische Lage Iaenickes in der damaligen Zeit berücksichtigt. Er sei dennoch zu bestrafen und deshalb sei das Gericht zu einer Strafversetzung gekommen. Die Ernennung de» Zenkrumsabg. Dr. Bell zum Reichsjustiz m i n i st e r steht, wie der Reichsdienst der Deutschen Presse mitteilt, unmittelbar bevor. Sie wird noch vom Reichspräsidenten in dieser Woche vollzogen werden, nachdem die Regierungs- vorteien noch vor dem Auseinandergeben des Reichstags sich im interfraktionellen Ausschuß über diese Frage geeinigt baben. Das Reichskabinett hat inzwischen Dr. Bell« l n st i m m, g dem Reichs- Präsidenten für den Posten des Reichsjustizministers in Vorschlag gebracht. Der Posten des Reichsminister» für die b e f e tz t e n G e- biete wird, wie bisher, vom Reichskanzler Dr. Marx weiter verwaltet werden. ?m Roten Meer. Von Dr. Gerhard Herrmann. Man erzählt es sich in eingeweihten Kressen, Leute, die es wissen müßten, wiederholen es immer wieder, Journalisten, die nichts Besseres zu tun haben, posaunen es in alle Welt: „3m Roten Meer ist es heiß, sehr heiß, glühend heiß: eine Hitze herrscht dort, von der„man" sich keine Borstellung machen kann, die man am höchsteigenen Leibe erlebt haben muß. Gewiß, etwas Richtigkeit ist daran, 38 bis 40 Grad Celsius im Schatten find schließlich keine Kleinigkeit, dazu ein spiegelglattes Meer, über dem sich kein Lufthauch regt und, was das Schlimmste ist. eine fast bis zur Sättigung mit Feuchtigkeit erfüllte Luft, vor der es kein Entrinnen gibt, der man sich nirgends entziehen kann. Vom frühen Morgen an ist der Körper in Schweiß gebadet! Eine feuchte Schwüle düngt auch Menschen und Dinge und nimmt dem geplagten Leid jeden Rest von Beweglichkett und Spannkraft! An Nachtruhe ist nicht zu denken l Stumpfsinn und Gleichgültigkeit überfällt uns, die mit der des Seekranken, der sich ohne das geringste Widerstreben über Bord werfen ließe, verteufelte Aehnlichkeit hat. Nur nicht denken müssen! Trinken und Kühle sind die einzigen Bedürfnisse, die sich noch regen. An Essen denkt kein Mensch mehr!" Und doch ist dies alles nur halb wahr, was man so landläufig vom Roten M�er erzählt: denn die allermeisten, die in diesem Back- ofen schmoren, machen die Reise als Passagiere, d. h. schlimmsten Falls ruhen sie in einem Deckstuhl, durch einen kärglichen Schatten- fleck vor der ärgsten Sonne geschützt, nähren sich von Eiswasser. Soda und Eau de Cologne, wid lassen im übrigen den lieben Gott einen guten Mann sein. Ewig dauert die Zeit ja nicht! Nein, nein, die wahre Hölle dieses Meeres liegt anderswo, die wenigsten kennen sie. Geht hinunter in den Heizraum und zu den Moschinen. Stellt euch eine halbe Stunde nur vor die Kessel und öll die Maschinen! Dann werdet ihr mir alle, ohne Ausnahme, zu- geben, daß es oben, auf dem Deck herrlich zu leben ist, daß es dort luftig und kühl, daß dort das Paradies ist. Für jene da unten, die das letzte, wirklich das allerletzte ihrer Kräfte hergeben müssen, er- scheint dieses Deck als rettende Oase, in die sie sich alle halbe Stunden flüchten, um einen erlösenden„Schnaufer" zu tun. Dabei gibt es schon hier oben harmlose Gemüter, die um jeden Preis vor Hitze umkommen wollen. So fix geht das mit dem Umkommen nicht. Für den, der sich etwas darunter vorstellen kann, sei es gesagt: Bit 58 Grad Celsius beträgt die Temperatur im Maschinenraum (wahrhaftig, ich schneide nicht aus!). Ich denke an den jungen Russen, der sich in Schanghai als Trimmer anheuern ließ, um billig nach Europa zu kommen. Ihm sah man es an, daß er für andere Arbeit geschaffen war. Jetzt tragen sie ihn mühsam die steile Eisenleiter empor. Man legt ihn aujs Borderdeck, der Arzt bemüht sich. HerzkrSmpsel Diesmal hat er noch Glück gehabt! Nach einer halben Stunde kommt er wieder zu sich. Nach einer Woche ist er wieder völlig gesund. Es hätte auch anders kommen können. Oder jener baumstarke Riese, eine wahre Paolinogestalt, der diese Resse zum soundsovielten Male macht: jetzt liegt er„fertig" in einer Ecke und keine zehn Pferde bringen ihn wieder hinunter vor den Kessel. Ist dos noch menschenwürdige Arbeit, die den Menschen auspreßt wie einen Schwamm? Da es Anfang Juli ist und selbst für jene Gegend eine Rekordtemperatur herrscht, hat die Schiffsleitung ein Einsehen, allerdings recht zweiselhafter Natur. Die verteilt Schnaps an die einzelnen Wachen(!), um die Leute einigermaßen bei Stimmung zu erhalten, und läßt halbe Kraft fahren. Das Grauenvollste ist der Schichtwechsel. Ein Dutzend fast nackter Gestalten torkelt mühsam aus dem Maschinengang: ein ekelerregendes Gemisch von Schweiß und Kohlenstaub bedeckt die Körper. Mehr ahnend als sehend erkennt man-sie als Menschen! Die ablösende Wache, von abstechender Sauberkeit, steigt mit finsteren, fatalistischen Mienen für vier lange Stunden hinab. Nach einer Viertelstunde bereits sind auch sie von der Arbeit oerwandelt. Der Kreislauf beginnt von neuem! Denkt an die Trimmer und Heizer der„Roten See", wenn euch schon das bißchen Hitze im deutschen Juli zuviel wird!!! hallbare Sommerware. Zum fünfundzwanzigsten Male wurde Marcellus Schiffers neuestes Magazin„Die fleißige Leserin" auf der Bühne des Renaiffance-Theaters durchblättert. und das Publikum spendete seinen Beifall so lebhast wie beim erstenmal. Man nimmt das gern als ein gutes Zeichen des gebesserten Geschmacks: denn wenn das Magazin auch keine literarische Feinkost bietet, so ist es doch weit entfernt von der üblichen Sommerkolportage, die sonst so gern um diese Zeit von den Bühnen vertrieben wird. Neun wirksame Bilder wurden für die 25. Ausführung eingefügt: leider hat man bei dem aktuellsten, „Volksentscheid", aus jeden politischen Einschlag verzichtet und sich überhaupt gerade hier in recht bescheidenen Grenzen gehalten. Der Beifall galt daher wohl mehr dem mit Erfolg pallenbergernden Curt von Molowsty als dem Chanson mit dem anspruchslosen Resain:„Du kannst mich nicht leiden, ich kann dich nicht leiden, darum woll'n wir Volksentscheiden." Lebhafte Freude erweckte dagegen die„T a n z g r i p p e", die famose Parodie einer modernen Tanzgruppe, der„Tag aus dem Leben einer Filmdiva", der ausgezeichnete.Inseratenteil" und noch manches andere amüsante Bild. Man kann sein Urteil über diese heitere Miniatur-Revue in die Worte fassen: haltbare Sommer- wäre.. Sz. Der unbequeme Ausstellungskalalog. Die großen Sommeraus- stelllingen haben wieder ihre Tore geöffnet, und das Publikum sucht sich in ihnen mit Hilfe der Kataloge mühselig zurechtzufinden. Gegen die wohl von jedem Ausstellungsbesucher empfundene unpraktische und unübersichtliche Anordnung der Kataloge der Kunstausstellungen wendet sich Paul Westheim in dem von ihm herausgegebenen„Kunst- blatt".„Für diejenigen," schreibt er,„die heutzutage auch in Kleinigkeiten rechnen und aus materiellen Gründen sich manchen Kulturgenuh versagen müssen, ist die Notwendigkeit, den Katalog zu erstehen, eine Peinlichkett, für sehr viele geradezu ein Grund, überhaupt nicht in die Ausstellung zu gehen. Aber abgesehen davon. da die Ausstellungskataloge fast durchweg unintelligent gemacht sind, will sagen: geordnet nicht in der Reihenfolge, wie die Bilder an den Wänden hängen, sondern nach dem Alphabet, so wird der Aus- stellungsbesucher vor jedem Bild aufs neue gezwungen, zu blättern und zu suchen. Was eine ebenso ärgerliche wie zeitraubende Ptozedur ist. Bei größeren Ausstellungen ist es so, daß viele für das Suchen im Katalog mehr Zeit verbrauchen als für das Ansehen der Bilder. Eine Erschwerung, die schließlich dazu führt, daß in der Zeit, die für den Ausstellungsbesuch zur Verfügung steht, nur ein Teil der Dinge gesehen wird. Wogegen es das sehr einfache, Kraft und Zeit sparende Mittel gibt, unter jedem Bist» den Namen des Malers und den Titel des Werkes anzubringen. Die Künstler selbst sollten aufs entschiedenste darauf dringen. Sie sind doch die eigent- lich Geschädigten. Sie beschicken Ausstellungen, um zu verkaufen— was der phantastische Gluckszufall ist, der ja schon gar nicht mehr vorkommt— und um bekannt oder bekannter zu werden. Gerade dem arbeitet aber die Ausstellungsleitung entgegen, die den Namen des Künstlers unterdrückt, d. h. nur denen bekannt gibt, die ihn sieb mühsam aus einem Katalog heraussuchen. Die Künstler sollten sich zur Wehr setzen gegen da» übliche Versahren, das sie schädigt und dem Publikum den Ausstellungsbesuch erschwert. Sie sollten es ab- lehnen, Ausstellungen zu beschicken, die in dieser Weise ihren Namen perschweigen." Wie das Duell in Griechenland bekämpfl wird. In Griechenland ist soeben dos neue Strafgesetz in Kraft getreten. Hauptmerkmal dieses Codex ist die Strenge, mit der das Duell geahndet wird. Die niedrigste Strafe für den Zweikampf ist ein Jahr Gefängnis. Wenn einer der Kämpfenden tot am Platze bleibt, muß der Sieger dies mir zwei Iahren Gefängnis büßen. Wer ein Duell provoziert, be- kommt ein bis drei Jahre: wer die Regeln des Duells verletzt und seinen Gegner tötet, wird wie ein gewöhnlicher Mörder behandelt: die Zeugen eines solchen„unritterlichen" Duells machen sich der Bei- Hilfe und Mitwisserschaft am Mord schuldig. Stoafiopet(Platz der Republik 7). In der.Carmen'-AuffSd« rung am Donnerstag, den 8.. fingt Michael Bohnen den EScamillo. Titel- rolle Barbara Kemp.— Freitag findet die letzte Wiederholung in dieser Spielzeit des neueinstudierten, Maskenball' in der Premierenbesetzung statt. vimi Förster gestorben. Pros. Nim« Forster. der von 18LS bis 1924 da» Ordinariat sür Physik an der Universität Lern innehatte, ist im 83. Lebensjahre gestorben. llniverfilStsstudium durch Radio. In den Vereinigken Staaten baben bereits viele Universitäten und Hochschulen eigene Nadio-Tendeliationen zur Uebermtttlung von Vorlesungen. Allein die beiden arotzen Unlvcrsi- lSten von New Bork baben mehrere tausend Nundsunkhorer, die bis in« Gebiet de« Milfiisippi wohnen, und man erwägt jetzt die Frage, wie der Radioftudent Prüfungen ablegen und akademische Trade erringen kann. Auch an der Pariser Sorbonne find bereits drahtlose Vorlesungen«in- geführt. Die Ablehnung der Kürjlenvorlage. Die Berliner Funktionäre billigen die Haltung der Fraktion Die Berliner Parteifunltionäre hielten gestern abend im Saalbau Friedrichshain eine Konferenz ab, in der Reichstagsabgeordnetcr Genosse Crispiea über„Reichstag und Fürstenabfindung" sprach. Bon Ansang an war unser Bestreben daraus gerichtet, die Frage der Fürstenabfindung als eine politische anzusehen, die durch Landesgesetz ohne die Möglichkeit der Inanspruchnahme des Rechtsweges entschieden werden mutzt«. Jeder zivilrechtliche Weg sollte den Fürsten abgeschnitten sein, weil wir uns mit pro- minenten Völkerrechtslehrern darüber einig sind, daß Revolutionen neues Recht schaffen, demnach das alte keine Geltung mehr hat. Unsere diesbezüglichen Anträge, die wir im Reichstag stellten, fanden z u n ä ch st die Unterstützung der Demokraten und des linken Zentrums. Später jedoch mutzten wir allein den Volksentscheid durchführen. Gerade die Demokraten waren anfangs durchaus für das demokratische Mittel des Volksentscheides, zogen sich aber später auf die bekannte indifferente Stellung zurück. Genosse Crispien zeigte, daß der Vorwurf, unsere Partei hätte sich im Schlepptau der Kommunisten befunden, falsch ist. Am besten wird das mit der Tatsache bewiesen, daß die Kommunisten ihren übereilt eingebrachten Cnteignungsgesetzentwurf zurückziehen mutzten, weil er den einfachsten Vorschriften nicht ent- sprach. Der Volksentscheid hat nicht die verfassungs- mäßige Mehrheit gebracht, aber die Regierung hat auch o u s die 15 Millionen Jasager keine Rücksicht genommen; sie wollte eben mit ihrem kurz vor dem Volksentscheid eingebrachten Gesetzentwurf dem Volksentscheid die Spitze abbiegen. Wie sollten wir uns zum Gesetzentwurf der Regierung im Reichstag stellen? Man tonnte zunächst der Ansicht sein, daß wir mit dem Volksentscheid unterlegen seien und datz durchaus die Möglichkeit bestand, daß sich eine bürgerliche Mehrheit finden würde. die das Gesetz annahm. Wir beobachteten daher zunächst die alte sozialdemokratische Taktik, an dem Gesetz soviel wie mög- lich zu verbessern, ohne uns aber damit auf die Schluß- abftimmung festzulegen. Eine Auflösung des Reichstags kam nur in Frage, wenn die D e u t s ch n a t i o n a l e n das Gesetz zu Fall brachten. Unter diesen Umständen hätten wir eine gute Wahl- parole gehabt. Aber die Deutschnationalen taten uns natürlich nicht den Gefallen. Es bestand ferner aber auch die Gefahr, datz die Bürgerlichen sich in der Fürstenabfindungssrage zurückzogen und datz dann die ganze Angelegenheit sich selbst resp. der Regierung überlassen blieb. Die von manchen geäußerten Bedenken, wir könnten uns zu sehr unter den Einfluß der Kommunisten begeben, bedürfen keiner Wider. legung. So war die Lage für die Fraktion nach dem Volksentscheid. Wir konnten uns mit dem geplanten Sondergericht unter keinen Umständen einverstanden erklären, nicht nur weil alle unsere Verbesierungs- anträge abgelehnt wurden, sondern auch weil es sich zu einer Instanz entwickelt haben würde, die berufen war, den Fürsten ein„standes- gemäßes Leben ohne Arbeit" für ewige Zeiten zu sichern. Alle vorausgesagten Befürchtungen, die im Falle der Ablehnung des Gesetzentwurfes eintreten sollten, sind ausgeblieben: Da» Sperrgesetz ist verlängert worden, der angedrohte Eintritt der Deutschnationalen in die Regierung ist ausgeblieben und selbst die Auslösung ist nicht erfolgt.(Zuruf: Schade!) Wie ist jetzt die Lage? Es ist interessant zu beobachten, daß sich unmittelbar nach dem Zurückziehen des Gesetzentwurses im preutzi- schen Lchidtaa die Rechtsparteien, regen, um eine landes- staatlfcche-Abs�udurifl durchzusetzen. Wir haben nicht die g«-� ringst? Veranlassung zur Sil c. Jetzt, nach dem Volksentscheid können wir unmöglich auf den vorgeschlagenen Weg eines Vergleich» zurück. greifen. Bis zum Zl. Dezember besteht das Sperrgeseh. bis dahin können die Fürsten nichts unternehmen. Wegen unserer Ablehnung beim Fürstengesetz sind wir von den Bürgerlichen scharf angegriffen worden. Man mochte uns sogar zum Vorwurf, wir hätten bei den neuen Zollgesetzen eine gemeinsame Front der republikanischen Parteien gegen die schutzzöllnerijchen Deutlchnativnalen verhindert, ja wir hätten Demo- traten und Teile des Zentrums sogar zu einem Kompromiß mit den Deutschnationalen getrieben. Dabei muß eines ein für allemal fest- gestellt werden: An dem entscheidenden Donnerstag schlössen am Vormittag die gesamten bürgerlichen Parteien ihr Zoll- kompromiß, aber erst am Abend faßte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion ihren ablehnenden Beschluß.(Hört, hört!) Damit ist diese Behauptung, als Lüge entlarvt. Natürlich fehlen in der Angriffsfront gegen die Soziawemokraten auch die Kommunisten nicht. Ihr Geschrei nach Reichstagsauf- lösung findet nirgends Widerhall, weder bei den Parteien noch bei Regierung oder Reichspräsident. Alle bürgerlichen Par- t e i e n haben von Neuwahlen nichts zu erwarten. Deshalb find sie für eine Reichs tagsauflöjung nicht zu haben. Mit dem geforderten Generalstreik ist schließlich unter vernünftigen Menschen auch nicht viel anzufangen.(Sehr richtig!) Was soll schließlich der herbeigeschriene„Kongreß aller Werktätigen"? Ein solcher Kongreß kann möglicherweise sehr kleinbürgerlich uno reaktionär sein. Uns Sozialdemokraten kommt es nicht darauf an, eine allge» meine Arbeiterbewegung zu haben, sondern eine Bewegung der Werktätigen im s o z i a l i st i s ch e n Sinne. Immer wenn die Parolen der Kommunisten abgewlrlschastet haben, sucht man mit neuen Parolen neue Mitläufer zu gewinnen. Genosse Crispien betonte am Schluß seiner mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen, datz es nicht nur unsere Ausgabe sein kann, die unverschämten Fürstensorderungen zu verhindern. Ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger, ist der Kamps um wirtschaftliche und sozialpolitische Fragen. Unzweifelhaft stehen uns dabei große Kämpfe bevor, Kämpfe, die ein starkes Proletariat finden müssen. Diese Probleme werden eine bessere Parole sein als alles Geschrei der andern.(Lebhafter Beifall!) In der Diskussion bemängelte Genosse kubatschek. daß sich trotz des Eintretens unserer Partei für eine entschädigungslose Enteignung der Fürsten und trotz der 15 Millionen Jasager beim Volksentscheid in der Reichstagsfraktion immer noch eine starte Minderheit fand, die dem Fllrstenabfindungsgesetz zustimmen wollten. Genosse Fechenbach betonte, daß ein Aufatmen durch die Partei ging, als der ablehnende Beschluß der Fraktion bekannt wurde. Der Redner vermißte in den Ausführungen Crispien« einen Hinweis darauf, was beim Wiederzusammentritt des Reichstags im Herbst geschehen solle. Genosie Schiff erklärte, daß er den Standpunkt der Mehrheit der Fraktion durchaus billige. Bei der Entscheidung handelte es sich um eine sehr schwierige taktische Frage, wobei allerdings die Minderheit der Fraktion gewichtige sackliche Gründe für sich an- führen konnte. Es ist das Ziel der Sozialdemokratie, ein Gesetz zu- stände zu bringen, das den Fürsten möglichst wenig läßt. Genosse Künstler: Nach dem Volksentscheid muß das Wort von der Republik ohne Republikaner verstummen. Der Minderheit der Fraktion muß das Recht der freien Willensäuße- r u n g zugestanden werden, so wie es jeder für sich verlangt.(Beifall.) Im Schlußwort erklärte Genosse Erispien. daß es erfreulich sei, wenn sich heute die Partei sachlich über die Haltung der Fraktion ausspreche. Wenn wir solche Aussprachen in unserer demokratischen Partei nicht hätten, mühten wir sie direkt schaffen. Nachdem der Redner sich mit den einzelnen Diskussionsrednern auseinandergesetzt hatte, betonte er,' daß nach seiner persönlichen Meinung im Herbst unter keinen Um- ständen der Vergleich als eine Grundlage für Verhandlungen mit den Fürsten benutzt werden darf. Wir müßten vielmehr die Frag« der Fürstenabfindung zu einer politischen Frage zu machen suchen und sie durch eine reichsgesetzliche Regelung zur Entscheidung bringen lassen. Im übrigen betonte Crispien noch- mals, daß es neben der Fürstenabfindung bitter notwendig sei, eine Massenbewegung gegen die deutsche Klein st aate- r e i und für den Anschluß Oesterreichs herbeizuführen. Dar- über hinaus fei die wirtschaftliche Vereinigung der Länder Europas dringend notwendig ohne die es kem« Löiung der Arbeitslosenfsage in allen Ländern gäbe.----- � Folgende Resolution wurde einstimmig ongenonstnen: .Di« von 2000 Funktionären besuchte Konferenz des Berliner Bezirksverbandes der SPD. billigt ein st immig die Hat- tung der sozialdemokratischen Reickstagsfrat- t i o n im Rechtsausschuß und im Plenum des Reichstags zum Fürstenkompromißgesetzentwurf der Reichsregierung Marx. Die Versammlung erwartet von der Reichstagsfrattion, daß sie auch im Herbst bei Wiederzusammentritt des Reichstags das zur Vorlage gelangende Gesetz für Fürstenabsindupg ablehnt, wenn die bei den letzten Reichstagsvcrhandlungen von der SPD. aus ge stell- ten Forderungen nicht berücksichtigt werden. Der Reichstag ist in seiner heutigen Zusammensetzung nicht mehr der Willensaus- druck der Mehrheit der deutschen Wähler. In einer Auslösung des Reichstags erblicken die Funktionäre die erste Voraussetzung dafür, die Füistenabsindungsfrage im Interesse des deutschen Volkes zu lösen." Eine weitere Resolution verlangt, daß Beamte, die sich bei der Volksabstimmung unkorrekt benommen haben, zur Verantwortung gezogen werden. »Organisiertes verbrechen am Proletariat/ Stetter über die„Politik der Kommunistischen Partei. Stuttgart, 6. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die Kommunistische Partei Württembergs hat vor einigen Tagen den früheren Reichs- tags- und Landtagsabgeordneten Stetter aus der Partei ausgeschlossen. Die kommunistische Presse fährt fort, den Gemaßregelten in der unflätigsten Weise zu beschimpfen. Stetter, der bis jetzt geschwiegen hatte, ersuchte nun die„S ch w ä- bische Tagwacht" in Stuttgart um Ausnahme einer ausführ- lichen Darstellung der Verhältnisse innerhalb der KPD., um damit seine Haltung zu rechtfertigen. Diesem überaus wichtigen Doku- ment, das großes Aussehen erregt, seien folgende Partien ent- nommen: Stetter stellt zunächst fest, daß die KPD. zur vollständigen Bedeutungslosigkeit herabgesunken sei. Er fährt fort: »politisch bedeutungslos, organisatorisch eine jesuitisch verseuchte Sekte, beherrscht von einigen hundert mit russischen Geldern bezahlten Scharlatanen und Demagogen(sogenannte Beruss- revolutionäre), die keine eigene, sondern nur eine bezahlte Meinung haben dürfen und sich bei diesem Verhältnis sauwohl fühlen. Zu diesen Zustand herabgesunken, ist heule die KPD. zum störenden Element innerhalb der um ihre nackte Existenz ringenden Arbeiterklasse geworden." Im Jahre 1923 hätten in den Bezirken nicht mehr die alten Funktionäre entscheidend bestimmt, sondern die militärischen Ober- und Unterleiter, die in der Parte! gar nicht bekannt waren und zum Teil aus allen möglichen zweifelha.ften Elementen bestanden. Diese Elemente ljaben sich dann gerade in den schwierigsten Tagen feige verkrochen. Stetter schreibt dann:„Wenn Brandler, Thalheimer usw. sich im Jahre 1923 wirklich ein Verbrechen an der deutschen Arbeiterklasse haben zuschulden kommen lassen, so ist es nicht die Tatsache, daß sie das deutsche Proletariat vor einem furchtbaren aussichtslosen Blutbad verschont haben, sondern das Verbrechen besteht darin, daß sie ihre Macht nicht benutzt haben, um die V e r- brecherbande Ruth � Fischer, Maslow, Schalem, einschließlich T h ä'lma nn und Konsorten aus der KPD. hinauszubefördern. Vieles Btttere wäre uns erspart geblieben. Wenn heute von der KPD. nur noch ein jammervoller Trümmerhaufen übriggeblieben ist, so kann die herrschende Klasse diesen Erfolg nicht sich zugute schreiben. Die herrschende Klasse Deutschlands oerdankt den Leuten um Ruth Fischer, Thälmann und Konsorten ungeheuer viel, denn alle Organe des heutigen Klassenftaates haben nicht vermocht, das Vertrauen der Arbeiter zur KPD. so zu erschüttern, wie es der derzeitigen Führung in der Partei im Zeitraum von Jahren möglich war. Man muß schon selbst Gelegenheit gehabt haben, diese Politiker vom Schlage der Ruth Fischer, Schalem, Thälmann usw. näher bei der Betätigung ihrer Politik kennen zu lernen, um die Unehrlichkeit und Hohlköpsigkeit ihrer De- m a g o g i e in ihrer ganzen Größe zu erfassen." Das schildert Stetter an praktischen Beispielen aus der Arbeit der kommunistischen Reichstagsfraktion im Som- mer 1924, der er selbst angehörte. Das Auftreten der 52 Mann sei ein Verbrechen gewesen...Zeder Spektakel, der jm Plenum gemacht wurde, wurde in einer Fraktionsbesprechung beschlossen. Dabei wurden immer die einzelnen Personen bestimmt, die den krach und Spektakel zu machen hatten. Wer sich an den einzelnen Spektakelszenen nicht lebhaft beteiligte, wurde gerügt und von ein- zelnen Mitgliedern der Fraktion als Sozialdemokrat bezeichnet.(I). Von« st e r politischer Zbrb ei t war garkeine Rede. Die paarGcnossen, die ehrlich gewillt waren, auch auf demZBöden des Parlaments durch Ausarbeitung von Anträgen usw. dem schwer leidenden Proletariat zu dienen, wurden als R e f o r m i st e n und Nurparlamentarier verachtet und geächtet. Die Anträge auf den verschiedensten Gebieten wurden mit Absicht so extrem gestellt, daß jeder Außenstehende sehen mußte, daß es der KPD. bei all diesen Anträgen gar nicht ernst war." Besonders interessant ist eine Aeußerung über Hermann Remmele:„Dieser Mann, dessen ganze politische Tätigkeit ein einziger Spektakel ist. verursachte einmal von sich aus einen Spezialspektakel und trieb es so lange, bis er für 20 Sitzungen ausgeschlossen wurde. Nachher freute sich dieser Mensch kindisch über seinen Ausschluß, da er, wie er sich rühmte, die Geschichte absichtlich provozierte, weil er andern Tag» ohnehin für längere Zeit nach Schweden verreise. Den Paß habe er schon in der Tasche." Stetter bekennt endlich: »Ich spreche es offen aus: Ich bin nun über 20 Zahre in der Arbeiterbewegung tätig, habe viele Stürme in der Bewegung miterlebt, aber geschämt habe ich mich vor der deutschen Arbeiterschaft für die kommunistische Partei in jenen wenigen Monaten meiner Tätigkeit als Mitglied de» Reichstages, denn was dort geleistet wurde, war das organisierte verbrechen einer politisch verwahrlosten Bande gegenüber dem Kommunismus und gegenüber dem Proletariat." Am Schluß erklärt Stetter, die KPD. habe nur scheinbar ihre Taktik umgestellt. Der alte Geist der Maslow und Ruth Fischer spuke weiter und könne jeden Tag wieder in akute Der- rücktheit umschlagen, da sich am Personalstand der führenden Berufs- revolutionäre verflucht wenig geändert habe. Die Zersplitterung . der Partei, die er angeblich betrieben haben soll, werde von den beutigen Führern der KPD. so gründlich besorgt, daß einem andern nichts mehr zu tun übrig bleibe. In einem zweiten Artikel will Stetter aus die ihv gemachten persönlichen Borwürse deutlich eingehen..* Der Zoll öaur. Der Femeausschutz beendet die Beweisaufnahme.— Seltsame Zeugen. Im Femeausschuß des Reichstages erfolgte gestern die Zeugenvernehmung über die Flucht des Mörders Zwengauer aus dem Krankenhaus in Straubing. Zuvor wurde gegen die Ansicht der sozialdemokratischen und demokratischen Ausschußmitglieder der Beschluß gefaßt, Anfang Oktober die Beweiserhebung über den Einwobnerwchrkomplex in München abzuhalten. Als erster Zeuge in Sachen Zwengauer erschien Dr. Michel. Arzt in Tegernsee, der ein halbes Jahr lang mit Zwengauer zu- sammen in derselben»Zelle des Spitals der Strafanstalt lag. Ihm hat Zwengauer erzählt, daß er den Baur nicht erschossen habe, sondern nur eine vorgeschobene Person sei. Aber er sei Milglied der Tscheka, deren Zweck wäre, mißliebige Personen und Vaterlandsverräter zu beseitigen. Als Arzt hat Michel den Zwengnauer auch unter- sucht und ein Nierenleiden bei ihm festgestellt, das einen Herzschlag befürchten ließ. Er sollte deswegen auch operiert werden. Die Operation ist aber nicht erfolgt. Es folgt dann die Vernehmung des Zucht ha usdirektors hopp, der mitteilt, daß Zwengauer sofort in die Krankenabteilung eingeliefert wurde, da er trank ankam. Er habe Ihn wenig besucht, da er auch nicht nach ihm verlangt habe. Seine Ablieferung in das Krankenhaus Straubing ersolgte aus Antrag des Arztes, Von seiner Tat habe er den Eindruck, daß Zwengauer-. sie als Werkzeug anderer gemacht habe. Der Zeuge muß zugeben, daß von der Anstaltsdirektion ein Gesuch auf Strasunter- b r e ch u n g zwecks Unterbringung in eine bessere Heilanstall befürwortet sei. Abg. Dr.£eoi(So,.) beanstandet, daß das Gesuch gemocht wurde, ohne daß der Sträfling Reue zeigte. Zeuge antwortet: Bin ich hier Angeklagter? Er vermag aber aus die Frage Dr. Levis, ob nicht irgend jemand an ihn herangetreten sei, Zwengauer zu entlassen, erst nach längerem Schwanken ver- neinend zu antworten. Der Anstaltsarzt Medizinalrat Dr. Vlernslein schildert auf Grund seiner Aufzeichnungen eingehend den Krankheitsvcrlauf. Auch ihm habe Zwengauer gesagt, daß er die Tat nicht a u s g e- führt habe, daß er aber angesichts seiner schweren Krankheit sich als Opfer hingegeben habe. Die Frage, ob der Zeuge das geglaubt habe, beantwortet er: Für mich als Beamter kommt nur das Gerichtsurteil in Frage. Es sei zweifellos, daß Zwengauer schwer krank war. Es sei ihm, dem Zeugen, persönlich unerklärlich, daß Zwengauer allein oder aus die betonnte Weise aus der Anstalt ent- fliehen tonnte. Er hält es für ausgeschlossen, daß Zwengauer simu- liert hat und nach seiner Ueberzeugung könne Zwengauer auch heute nicht mehr leben. Die Aussage des Krankenhausarztes Dr. Angerer ist noch unergiebiger. Er beginnt mit einer Erklärung, daß er grund- sätzlich keine Beziehungen zu politischen Parteien unterhalte, die Polttit müsse vor der Tür des Krankenhauses bleiben. Er berichtet ebenfalls eingehend über den Krantheitszustand, und betont, daß die Sicherung im Krankenhaus gegen eventuelle Flucht für genügend angesehen wurde. Bon seiner Straftat habe Zwengauer ihm nicht» erzählt. Es wird ihm ergebnislos vorgehalten, daß in den ganzen Briefen Zwengauer» kein wort von der geplanten Operation steht. Auch Angerer kann sich nicht vorstellen, daß Zwengaue, die Flucht ohne Hilfestellung gemacht hat. Er mußte am Seil 8 Meter abwärts, dann über die 2}% Meter hohe Mauer und die zum Uebersteigen notwendige Bank konnte er auch nicht gut allein tragen. Der Zeuge schließt mit einer Erklärung, daß e» sein« Art wäre, dafür gerade zu stehen, wenn er bei einer solchen Tat mitgeholfen hätte. Da aber auch er den Zwengauer für tot hält, teilt der Vorsitzende mit, daß die eigenen Eltern noch vor einem Zahr mitgeteilt haben, daß er am Leben sei. Auch andere Gründe sprächen dasür. Der Hausmeister des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder, S t r a s s e r, erzählt schwer verständlich in gut bayerischem Diotekt von seinen Hilfsdiensten für Zwengauer, der ihm auch angesichts seiner schlechten Entlohnung(der Zeuge bekam 4 M. im Monat!) einmal 15 M. gegeben habe. Er hat die Briefe de» Zwengauer besorgt und sich nichts weiter dabei gedacht, da Zwengauer nicht immer eingesperrt gewesen sei. Er habe sehr viel Freiheiten gehabt. Da Zwengauer ihm immer von seiner Entlassung sprach, habe er ihm schließlich auf seinen Wunsch auch den Anzug gebracht, als Zwengauer sagte, die Entlassung ist da. Er könne nicht glauben, daß Zwengauer ge- sährlich erkrankt war. denn er habe sehr viel Zigarren und Zigaretten gernuchl, die er ihm ebenso wie Bismarckherinqe. Rollmöpse, Brot und Semmel besorgt habe, was dann gemeinsam in Zwengauer» Zimmer verzehrt wurde. Schließlich erfolgt noch die Aussage eines gewissen weinzirl, der früher einmal im Krankenbaus Straubing war und von daher Beziehungen zu dem Pater Jordan(alias Drechsler) hatte. Drechsler elbst ist auf Vorladung vor den Ausschuß nicht erschienen. Drechsler ei zu ihm gekommen und habe ihm von einem„feinen Herrn mit Goldzähnen" erzählt, der einen Mord begannen hätte, aber jetzt sich krank stelle. Die weitere Vernehmung ergibt nichts von Belang. Der Aus- schuh schließt damit endgültig die Beweisaufnahnz» im Falle Baur. Er wird seine Arbeiten in der letzten Sezjtemberwoche mit der Berichterstattung über die Fälle der bayerischen Einwohnerwehr wieder aufnehmen._ Letzte Nachrichten. Erübeben in Steiermark. Graz, 6. Zuli.(WTB.) Nach den nunmehr vorliegenden Nachrichten au» Mürzzuschlag Hot da» heule vormittag verzeichnete Erdbeben beträchtlichen Schaden an den häu- fern angerichtet. Die Erdstöße waren ungemein heftig und von explosionsartigem Getöse begleitet. Saum ein Gebäude blieb verschont. In den meisten Häusern entstanden große Risse an den wänden und Decken. Arg beschädig« wurden da» Rathau», die Bürgerschule, das alte Brauhau» und da» Gebäud« de» Bezirksgerichts. Ein Schornstein stürzte ein und durchschlug da» Dach. Die ausgeregte Bevölkerung stürzte in» Freie und getraute sich erst nach Stunden wieder in die Wohnungen zurückzukehren. Zu einer Eisenhandlung in Kindberg begannen die dort zum Verkauf ausgestellten Messingglocken während de» Beben» kräftig zu läuten. Da» Erdbeben wurde auch ia Oststeiermark, Hartberg und Riegersburg deutlich wahrgenommen. OewerMastsbewsgung Generalversammlung üer Bergarbeiter. Zweiler Verhandlungslag. Saarbrücken, 6. Juli(Eigener Drahtbericht.) Der zweit« Tag der 25. Generalversammlung des Verbandes der Bergarbeiter in Saarbrücken war der Fortsetzung der Diskussion über die Geschäfts- berichte des Vorstandes, des«chlußwortes H u s e m a n n s und am Ztachnnttag der Beratung der Verbandsstatuten vorbehalten. In der Diskussion ging der Genosse Schmidt vom Hauptoorstand m i t den Kommunisten ins Gericht. Er warf ihnen zunächst vor, daß sie durch ihre Phrase von dem Schielen nach dem Brotkorb eine elende Führerverleumdung betrieben, zu der niemand so unberechtigt sei als gerade die Kommunisten. Auch die immer wieder hervorgeholte und bereits auf der Dresdener Generaloer- sammlung im Jahre Iö24 widerlegte Behauptung von der falschen Haltung des Verbandes im Ruhrkamps beweise nichts anderes� als daß es der kommunistischen Opposition an dem notwendigen Material fehle, um die Verbandsleitung mit guten Gründen angreifen zu können. Diese Arbeiterkommunisten leisten im übrigen der gelben Gefahr der Werkgemeinschaften die größte Hilfe. Die Werkgemeinschaften des Ruhrgebietes— das würde von verschiedecken Diskussionsrednern ausgeführt— werden gebildet von Beamten und ehemals radikalen Kommu- nisten, und die KPD. Zeit«» gen der deutschen Bergbau- gebiete mit ihren unqualisizierbaren Verleumdungen gegen den Verband und seine Führer liefern nur Wasser auf die Mühlen der gelben Gewerkvereine. Im übrigen oerlangte die Diskussion angesichts der groß e n Zahl der Unorganisierten eine intensive Jugend. s ch ck l u n g, eine unermüdliche M a s s e n a u f k l ä r u n g und end- lich eine Ausdehnung der Versicherungspflicht. Im übrigen stand die gesamte Diskussion mit wenigen Ausnahmen unter dem Zeichen der Worte Uassallesi„Aussprechen, was ist." Husemanns Schlußwort war ein begeisterter Aufruf zur Sammlung der Kräfte für den Notkampf der Entrechteten gegen den Kopitalsmoloch. Fast einstimmig erhielt die V e r b a n d» l e i t u n g in der Dis- fuffion das V e r t r.a u e n der Delegierten für ihre Arbeit in den Berichtsjahren 1924 und 1925 ausgesprochen. �ympalhieerklürung für die englischen Kameraden. Saarbrücken, 6. Juli.(Mtb.) Die Generalversammlung nahm zum englischen Bergarbeiter st rcik am Schluß ihrer - heutigen Nachmittagssitzung einstimmig folgende Entschlie- ß u n g an: „Die Generalversammlung weiß sich mit der Bergarbeitcrinter- nationale eins, daß der Versuch der britischen B«rgbouunternehmcr und der britischen Regierung, die Arbeitszeit zu ver- längern, eine ernste Bedrohung der Interessen aller Bergleute sowie der Arbeiter aller anderen Berufe bedeutet. Der Verbandsvorstand wird beaustragt, seine Bemühungen zur B e- Hinderung der Kohlenausfuhr nach England fort- zusetzen und alle"möglichen Maßnahmen zu ergreifen, um den eng. lichen Kameraden zum Erfolge zu verhelfen." Zum Streik in Englanü. Ein Vertrauensvotum für Thomas. Dondon. 6. Juli.(Eigener Drahtbericht.) Die große Aus. einan Versetzung auf dem Be.rb.o.ydstäg der briti- Ersen bahn er über die Haltung per Führer des Verbandes während des Generalstreik» endet« mit«inem Siege des Vorstandes. Nach einer Rede des Vorsitzenden Thomas, gegen den zwei Entschließungen vorlagen, die seine Absetzung als Sekretär forderten, nahm der Verbandstag e i n Vertrauensvotum für Thomas und eine Entschlie- ßung an, die die politische Führung des Verbandes beim Abbruch des General streik» billigt. « Weshalb der Generalstreik aufgehoben wurde. London, 6. Juli.(WtCB.)„Times" berichtet, die zum 25. Juni einberufen gewesene Sitzung des Gewerkschastskongresses sei aus- geschoben worden, um die Stellung der Bergleute nicht durch Be- " kanntgabe der Kritik zu schwächen, die der G e n e r a l r a t des Gewerkschaftskongresses bei dieser Gelegenheit an der Haltung der Führer der Bergleute geübt haben würde. Der Zweck des Ausschubs sei aber vereitelt worden durch einen Aussatz im offiziellen Organ des Verbandes der Lokomotio. führer und-Heizer, dessen Herausgeber Bromlcy Mitglied des Generalrots ist. Der Artikel bringe einen Auszug aus dem Bericht, den der Generalrat auf der ausgeschobenen Konferenz vor- zulegen beabsichtigte. Darin werde zur Rechtfertigung der Auf- Hebung des Generalstreiks ausgeführt, daß die Lage der K o h l e n i n d u st r i e ein zeitweiliges Opfer der Bergleute während dei Dauer der Reorganisation crsördere, daß aber die Führer der Bergleute die Denkschrift Slr Herbert Samuels mit der Erklärung abgelehnt hätten, kein einziger Bergmann dürfe eine Lohnverminderung erleiden. Die Lage sei damals zu ernst ge- wesen, als daß der Generalrat sich durchjin reines Schlagwort hätte binden lassen dürfen. Die Denkschrift Samuels wäre eine gerechte und billige Grundlage für Verhandlungen gewesen. Hätte der Vollzugsausschuß der Bergleute sie ange- nommen, so wäre ein annehmbares Abkommen mög- l i ch gewesen. In einer rein negativen Politik aber habe der General- rat dem Vollzugsausschuß der Bergleute nicht folgen können und habe sich daher nicht berechtigt gefühlt, zuzulassen, daß die anderen Gewerkschaften sich auch nur einen Tag länger für die Bergleute aufopferten. Der General st reik sei aus einem einzigen, aber ausreichenden Grunde abgesagt worden, nämlich dem, daß im Hinblick aus die Haltung des Bergarbeiterverbandes eine Fortdauer des Generalstreiks dem angestrebten Ziele nichts genützt haben würde. „Westminster Gazette" meldet, zwei Vertreter der Bergleute, die den Bericht des Generalrats zur Kenntnis nahmen, hätten dar- auf dringend um Ausschub der Konferenz ersucht, indem sie erklärten, wenn die Geschichte des Streiks bekannt würde, würden die Berg- leue nicht eine Woche länger im Ausstand bleiben.... valdwins Umfall. Ob die Darstellung der„Times" richtig ist, können wir nicht ohne weiteres nachprüfen. Tatsache ist aber, daß— wie uns berichtet wird — der Generalrat den Generalstreik im Vertrauen daraus abge- brachen hat, daß Baldwin die gemeinsame Erklärung des Generalrats und des früheren Vorsitzenden der Kohlenkommission Sir Herbart Samuels, auf deren Basis der Generalstreik ab- gebrochen wurd«, nicht anerkannt hat, ganz im Gegensatz zu seinem vorhergehenden Verhalten. Die Ablehnung dieser Basis durch die Bergarbeiter gab Baldwin den erwünschten B o r w a n d, das Samuelssche Memorandum völlig fallen zu lassen. Nun blieb ihm, wollte er wirklich den Frieden, wie er stets verkündet hatte, ein und nurein W e g offen: der Weg zurück zum halbvergesienen, halbverleugneten K o h l e n b e r i ch t selbst, den einem von seinem Vertrauen bestellte Kommission oersaßt und deren Fertigstellung der Nation, insolg« der Subsidierung der Industrie in der Zwischen- zeit, rund 24 Millionen Psund Sterling gekostet hatte. Der Kohlenbericht ist gewiß keine Lösung im Sinne der Ar- beiterschaft. Er bietet nur halbe Maßreg e.ln und seine Durchführung erfordert bedeu-endc Opser der Bergarbeiter. Aber der Bericht stellt die Linie des kleinsten Widerstandes zwischen Unternehmer- und Arbeiterforderungen dar, er betrachtet die Unter- nehmer nicht als„tabu", er erspart den Arbeitern eine Reihe von Opfern, die ihnen die Unternehmer zugemutet hatten. Hätte Baldwin sich, unmittelbar nach dem Abbruch des General- streiks, eindeutig und be st im ml auf den Boden des Kohlenberichts gestellt, hätte er die nötigen Gesetzesvor- lagen ini Unterhaus eingebracht, so hätten wir heute, das kann auf Grund einiger Kemcknis der inneren Vorgänge der letzten Wochen gesagt werden, bereits Frieden im Bergbau. Statt dessen hat Baldwin den verhängnisvollen Schritt nach der Unternehmerfeitc hin gemacht und damit seine nioralische Stellung im Handumdrehen schwerer erschüttert als durch alles, was seine gesamte Regierung während zweier Jahre getan und nicht getan hat. Mit einem Bekenntnis zum Kohlenbericht aus den Lippen hat er die Resultate der Kommission auf die Seite geschoben und mit seinem Achtstundcntaggesetz für den Bergbau und Reorganisationsoorschlägen, die den Bergbau nicht reorganisieren, sich völlig in die Arme der Unternehmer geworfen. Es soll hier nicht von der Unbrauchbarkeit des Reorganisationsgesetzes gesagt werden, das die Umformung des britischen Bergbaues denselben Unternehmern überläßt, welche ihre Unfähigkeit zur Durchführung einer solchen Aufgabe zur Genüge bewiesen, noch von der wirtschaftlichen Unsinnigkeit des Achtstundentaggesetzes. Alle Fachleute, mit Aus- nähme der reinen Jnterejieuten. sind sich darüber klgr. daß pne ein- stündige Ve rlauge ru ng der' Arbeitszeit die Uebel, unter denen der britische Bergbau heute leidet, nur noch steigern wird. Der Kohlenbericht hat sich deshalb auch in einer nicht zu überbietenden Schärfe und Eindeutigkeit gegen diese Maßregel ausgesprochen. Lösen die Baldwinschen Gesetzesentwürfe also rein wirtschaftlich gesehen nichts, so haben sie, was die unmittelbare Beilegung des Konfliktes im Berg- bau selbst anbelangt, g e r a d e z u das Gegenteilige der an- scheinend erwarteten Wirkung hervorgerufen. Der zähe Kamps, den die Arbeiterpartei während der vergangenen Woche im Unterhaus gegen das Achtstundengesetz geführt hat, mußte der Regierung und der Nation zeigen, daß es hierin für die Arbeiterklasse kein Paktieren und kein Kompromiß geben kann. Auf Baldwins, des Premiers, politische Existenz mag freilich dieses Gesetz entscheidendere Wrrkungen haben als auf die Bergbau- krise. Es'hat den Mythos Baldwin zertrümmert. jenes erhabene Bild der Ueber- und Unparteilichkeit, dem selbst ein Teil der Linken zum Opfer gefallen war. Hier lagen die stärksten Wurzeln seiner Krast, seine Stärke wohl im eigenen Lager, gegen- über den widerspenstigen Elementen der Rechten, als gegenüber der Opposition. Dies Mythos ist gefallen und hinter dem Pathos seiner Bibelsprüche-wird der Vertreter einer Klasse sichtbar, so wie oft genug hinter dem erhobenen Kreuz des überseeischen Missionars das Exportinteresse des tzeimischen Kaufmanns. Indem Baldwin die Bergarbeiter verriet, ist er nur seiner Klasse getreu geblieben. Die Rolle der Uakernehmer. London, 6..Juli.(WTB.) Der parlamentarische Berichterstatter der„Times" meldet, in ministeriellen Kreisen habe gestern eine gewisse Enttäuschung über die Lohnvorschläge geherrscht, die von den Grubenbesitzern in Süd- und Westyorkshire bekannt gegeben wurden, da man bessere Bedingungen und infolgedessen die Wiederaufnahme der Arbeit durch eine große Anzahl Bergleute erhofft habe. Ein kompromihvorschlag in der Arbeitszeilfrage. London, 6. Juli.(TU.) In der nächtlichen Unterhaussitzung machte der liberale Redner Lord Grey der Regierung den Vor- schlag, zur Beruhigung der Arbeiterschaft, die eine Beseitigung des Siebenstundentags im Bergbau durch die neue Ar- beitszeitbill befürchtet, in das Gesetz die Klausel auszunehmen, daß nach dem ersten Jahre die achtstündige Arbeitszeit von Jahr zu Jahr uni eine Viertel st unde herab- gesetzt werden soll, so daß nach dem fünft en Jahr die alte Arbeitszeit wiederhergestellt sein würde. Die Bergarbeiter werden auch durch diesen Vorschlag nicht be- ruhigt werden, selbst wenn er angenommen werden sollte. /lffl-Iunktionäre öer Metallindustrie! Da der vvZNZ. den am 23. Zum gefällten Schiedsspruch abge- lehnt hat. finden nunmehr am Freitag, den 9. Zuli, Vergleichs- Verhandlungen entsprechend unserem Antrage aus verbind-' ticherklärung des vorerwähnten Schiedsspruches statt. Am gleichen Tage, also am Freitag, den 9. Zuli, abends 7% Uhr. ist in haoerlands Festsölen, Reue Friedrich-, Ecke Hochstraße, eine AsA-Funk- tionärversammlung. Die Mitglieder de» AsA-Metollkartells treffen sich im gleichen Lokal bereits um 6Vj Uhr. Restlose Beteiligung aller Funktionäre erwartet bestimmt AsA-Metallkartell: Günther, Lange. Rothe. Schiedsspruch für die Metallgießereien. Die Vereinigung Berliner Metallgießereien hatte dem Deutschen Metallarbeiterverband das Lohnabkommen für die Metalljormpr zum 30. Juni gekündigt und eine Herabsetzung der Löhne beantragt. Da die Organisationsvertreter in den direkten Verhandlungen j e d e n Lohnabbau ablehnten, die Unternehmer aber bei ihrem Standpunkt verharrten, wurde der Schlichtungsausschuß angerufen. Dieser fällte einen Schiedsspruch, durch den das bisherige Lohnabkommen unverändert verlängert wird bis zum Schluß der Lohnwoche, in die der 31. August fällt. Die Versammlung der Metallsormer am Montag im Gewerkschafts- haus stimmte deni Schiedsspruch zu, da durch ihn an den bestehenden Lohnverhältnissen nichts geändert wird. Bankangestelltenstreik in Rumänien. Bukarest. 6. Juli.(WTB.) Die Angestellten des großen Bank- Hauses Marmorosch Blank sind wegen Gehaltsdifferenzen in den Ausstand getreten._ Um die Kohlenbergwerke in Reu-Seeland. London. 6. Juli.(EP.) Der sozialistische Führer der Opposition in Neu-Seeland hat ein Gesetz eingebracht, wonach der Staat die Kohlenbergwerke Neu-Seclnnds ankaufen�und die Kontrolle über die Entwicklung der Kohlenindustrie Neu-Seelands übernehmen soll. Das Gesetz sieht die Einrichtung eines obersten Bergwerksrats vor, in dem die Bergarbeiter, die Verbraucher und die R e g i e r u ng vertreten sein sollen. �.. Zn. Indianapolis ist das Personal d«: Straßenbahnen in den Streik getreten, um höhere Löhne �u erkämpfe«. is«i« QemrflAaftiiaociib. Seilt«. Mittwoch, 7. Juli. 714 lllit, tagen die ©nippen: Zirnkiil» I: Jugendheim Bergftr. 29, Sof. Wir gehen zur Bolks- bllhn«.— Schöneberg: Jugendheim Rubensstrohc lEportpIahi. HeimbesurcchuNg und Diskussion iiber unsere Mädchenarbeit.— Südwesten: Jugendheim 99/.- waldstr.&4. Heiindesiirechung. Heiterer Abend.— Norden: Jugendheim Darteu- bläh t. Heimdesprechung. Äbcndspaziergang.— Rorvring: Jugendheim Ebers- waldcr Etr. 10. Keimbesvrechuna, Liederabend.— Eharlottenburg: Jugend- heim Berliner Str. IZ7«Deutsches Ztrankenkassenhaus). Heimbesveechung und Aussprache Uber die Besichtigung des Buchdrulterhauses.— Auftensviele ver- anstolten folgende Gruppen: Landsberger Plag, frankfurter Allee und Ritt« auf dem Spielplag im ssriedrichshain. Plag 4. Lichtenberg im Treptower Park, Spielwiese 1. Gkfunbbrunacn und Webding im Schillerpark, SchMerwicse. Zugeadgrnpp« de, gdA. Heut«. Mittwoch. T.i Uhr. finden sich folgende Abteilungen zusammen: Lichtenberg: Jugendheim Schule Goglcrstr. 61. Mit- glicderversammlung— Neukölln: Jugendheim Nogatstr. HZ, Alle Beranstaltun- gen werden in der Gruppe bekanntgegeben.— Wedding. Gesundbrunnen: Jugendheim Schonstedtstr. 1 lLedigenheim. b Treppen». Gruppenbcsvrechung. — Eharlottenburg: Jugendheim Rofiuenslr. 4. Mitgliederversammlung.— Schöneberg: Jugendheim Hauptstr. IS liZrankenlandzimmer). Gruppen- besprechung. ?e,irk»»erlammlung de» sidA. Morgen. Donncrstag. 6 Uhr. Tcwpelhos: Restaurant Ringler. Berliner Str. 100.„Bon Spichern, Parasiten, Tieren und Behörden"«Theo Maretl. Verantwortlich kür Politik: Ernst Reuter: Wirlschakt: Aetur Satern»»: Gewerkschaftsbewegung: Fr. Ehkorn: Feuilleton: Dr. Zohn Schikowoki: Lokale, und Sonsliaes: Frih ikarftödt: Anzeiaen: Tb. Glocke: sämtlich in Berlin. Verlag: Lorwärts-Berlaa D. m.b.H., Berlin. Druck: Vorwärts-Buchdruckerel und Bcrlaasanstolt Paul Singer u. Co. Berlin SW 66 Lindenstrahe 3. Sicr,u 2 Beilagen»nd..Unterhaltung und Wissen". ei.ltpleiisw.1 Theater am BOlovplati 8 Uhr: ««liner Bilderbogen in 3 Akten Morgen � Uhr Darüber läBtsidi reden Staats-Theater Opernhaus M. Platz d.RepuM. 8 Uhr; Rigolelto DiDtsüieT IliMtti Norden 10334—38 Castspieldirekt oo Kuhnert 8' 4 Unr Max Adalbert Bas SUcl Die Komödie BismarcK 2414, 7SI6 8'/, Uhr: Weck end «Ueber'n Seniuag) Kose-7heater lOa'tenbßhii«) 5»/, Uhr: Konzert uad banter Teil. bU-rfeitf lioginAbiMS .»Lesslng-Tb. Paul Henckel zum 52ü. Male; Schneider Wibbel Berber, GrotttMKtr Sommerpr. 1-8 M. Mitgl. d Volltsbüh.. Gewerb idull. ReidttbiniKr gegen du: teir gute Plihe i 1.50. audi an AugeMrige J, meinesTb. leiketln Vorz. dieses zahlt 50°„ d Kass-npr Bainowsky-Böhnen Sommerpreise neaier HSnlMrAtz.Str. T.:HasenhetdJ110 »>,. Uhr: Oelallene EdbdI HomtXUenbaat Fei.: Norden 6304 8 Uhr Der Garten Eden ffieateid. Westens >t Uhr Operette v..suppe Kleine Sommerpr Komische Oper S'/g vir. James Klein S1/« Die groBe Revue Berlin olme Hemd! ab heute Einlage Satans Brautnacht naturalistisches, groBe« Ballett Keine erhöhten Breite. Kasse ununterbrochen geöffnet. It. im larfiisteatiDm 8'/, Uhr: Kavalier Jack Operette in 3 Akten Musik von Cartta von Horat Sommerpr. 2—6 M Central. Theater uhr: Eva Bonhenr Itka arünlng Deulsehes tllnsll.- Theater Tagl 8'l, Uhr Der frODUtse Welntoers EUlc-SfinOer tÄflL 8 Uhr: «astsplel berCriginal . Haddebmiiir f Eilte-Uafier. Bieten- ' jottomü Berliner rneaier M/, Uhr; Donnerwetter, ganz famos Reichshallen- Theater Abends 8 Uhr Stettiner Sünger Neu I EinRaniballlieiMeyer'i Berlinr Burletke nn Hirtel. Dönhoff-Brettl(Sttl i.Btrt.) Tarletet- Honxertt— Tanz) Mittwoch, den 7. Juli nachmittags 3 Uhr ßpaHppoi Langwaldt&ScInnolke Berlin C 2. In der Striliner Bride B Telephon: Amt Alexander 4200, Amt Königstadt 3288. FerlenaSonderfahrten Ab Neukölln, WUdenbruchbrBcke> Abf. 830 Uhr morgens; Stralau. Rest Tübbeke, Abf. 8 S3 Uhr morgens; Schönweide, Treskownrücke, Abf 9 30 Uhr morgens. Tlgllch außer Sonnabend unB Sonnlag nach Nen- Hcrlngsdorf. Wolteradorter Schleuse. Qrünhelde, Alt-Bucbhoest, Möllensee.— Jeden Donncistag naen dem herrlich gelegenen Stlenltzsee. Am Sonnabend, den 10. Juli;. Ezlrafphrt nach Neu- Herlngadorf, Abf. 8 30 Uhr und Sonntag, den 11. Juli Wolteradorter Schleuse, Abf. 8 30 u. 2.00 Uhr. Fahrpreise: Neu-Herlngsdorf, Hin- u. Rückfahrt, wochentags 1 Mk„ Sonntags I SO Mk.; Woltersdorfer Schleuse' Hin- u. Rückfahrt wochentags 1 50 Mk., Sonntags 2Mk: Qrünheide, Hin- u. Rückt wochent. 2 Mk.; Stlenltzsee' Hin- u. Rückfahrt wochentags 2 Mk. K nder die H4llie Ab Bahnhof Prledrlchstrntie t Täglich außer Sonnabend u Sonntag nana Nedlitz mit Rundtahrt auf dem herrlichen Krampniizsee, Abfahrt 9 Uhr. Fahrpreis lik) Mk. für Hin- u Rückfahrt, Kinder zahlen die Hälfte. �saliner-m.� Opirtttusplelztlt. 8 Ohr; SHeBifUe tkaMf Hesldcaz■ Theei. a1/, Uhr: Frl. Julie u. Die Stirkere Maria Nnkirdsti. Söirnguth ZOOlOg. Garten Täglich ab 4 Uhr Konzert Aanarium geöitnet v.9— 7 U Tlerkunsl* Ausstellung Lunu- Park Heute I. Groller Sinfonie-Alienil 1. IvUlafenle-OrdHihn (Blilkttrl, Dnerelnailk d.rtktgr Peel ldmipflig. 1. 1. Tidulksnir: Siaf. Patbdllque Eintriff Mk. I.- J. EiüMMö >fd. M 6,— frko la 9 Pfd. M 6,— frko. Dampfkisefabrlk Rendsburg. Gib ihm Kruschen-Salz, denn er fühlt sich schlaff, abgespannt und müde, er schleppt sich aus dem Bett wie ein alter Mann. Wenn man jeden Morgen eine kleine Dosis Kruschen-Salz nimmt, dann wird das ganze System (Blut, Nieren, Magen und Leber) auf ganz natürliche Weise gereinigt und erfrischt, so daß der Stoffwechsel dadurch normal und kräftig funktionieren kann und Schlacken und überflüssige wässerige Massen den Körper auf natürliche Weise verlassen können. la Apotheken and Droferien M. 3.- pro GU», für 3 Monat« ausreichend. k. SCHULTZ G. M, B, H* BERL1M M38. fA N K STRASSE 13-tt Nr. 314 ♦ 43. Jahrgang l. Heilage ües Vorwärts Mittwoch, 7. Juli 1426 In Bad Saarow trabten die Bäckerjungen auf der staubigen Straße und eilige Arbeiter liefen zum Bahnhof, als wir in aller Herrgottsfrühe mit unserem Wägelchen, auf dem die Teile unseres Faltbootes unseren Schritten folgten, zum Bahnhof pilgerten, um mit dem Zug Fürstenwalde zu erreichen. Bon dort sollte es spree- abwärts bis Erkner gehen. Wir hofften auf die günstige Strömung der Spree und wollten mit wenig Mühe die etwa 40 Kilometer lange Fahrt bewältigen. Die aufgeregte Spree. Der Zug lief ein. Schnell war das„Boot in der Westentasche" im Abteil. Der Schaffner machte Einwände. Wir erklärten ihm, daß wir so durch ganz Deutschland reisten und daß daran noch nie- mand etwas auszusetzen gehabt hätte. Er gab sich dann auch zu- frieden, und mit vielem Pfeifen und nach manchem Hin und Her erreichte das Bähnlein wirklich Aursleuwalde. Auf der Fahrt durch die Stadt gab es einen Auflauf. Aber nicht unferetwegen, fondern weil Reichswehr zu Pferde mit klingendem Spiel daherzog und die Schaulust derer, die nicht alle werden, reizte.-Wir suchten einen guten Ausbau, und Startplatz. Zuerst kundschafteten wir das Ge- lände vor der Brücke, die über die Spree führt, aus. Dann fanden wir den rechten Platz auf dem anderen Ufer neben einem Schuppen, in dem fleißig gearbeitet wurde. Der Wind ging auf und nahm bald so an Stärke zu, daß sich die Bäume neigten. Zu allem Ueberfluß wehte er auch noch unserer Fahrtrichtung entgegen. Es war riesig gemütlich! Der Regen ging vorüber, der Sturm blieb. Wir kochten aus reiner Berzweiflung Kaffee und aßen etwas dazu. Wir hotten die Freude an der Fahrt eigentlich verloren. Unser Spartenwimpel, der uns als Mitglieder der Arbeitersportbewegung kennzeichnete, lag verwaist am Heck des fahrtfertigen Schiffes. Plötzlich grüßte ein freudiges„Frei heil!". Das hatten wir gerade hier nicht erwartet. Es zeigte sich, daß der Schuppen, neben dem wir uns zur Spreefahrt rüsteten, das Bootshaus des neugegründeten Paddelklubs der Mrstenwalder Arbeitcrsportler war. Man zeigte uns die ersten Boote und war voller Hoffnung für die Zukunft. Mit freundlichem Gruß trennten wir uns. Zwei Stunden waren feit dem Beginn des Ausbaues verflossen. Wir mußten uns zur Fahrt entschließen. Flach war das Ufer, und so durften wir hineinwaten in das Wasser, bevor das Schifflein frei schwimmen konnte. Dann ging es an gegen einen Wellengang, der der gu� alten Spree alle Ehre machte und sie geradezu zu einem Wildstrom werden ließ. Wir hatten natürlich das Boot mit der Spritzwasserdecke dicht gemacht und wenn dann hin und wieder gar zu naseweise Wellen überkamen, war das nicht weiter schlimm. Aber auch diese Fahrt zeigte wieder, wie geeignet gerade ein Aaltboot für ausgeregtes Wasser ist. Es springt über die Wogen, so daß man seine Freude daran hat. Bald gefiel uns der Tanz und wir führten die Paddel so, daß wir Wind und Wellen zum Trotz gut vorankamen. Bald lag Fürstenwalde hinter uns. Eine herrliche Wald- und wicfenlondfchos» nahm uns auf. Am Ufer trabte ein«tter LNann mit langen Angelruten einher.� Weit draußen vor der Stadt fand er ein beschauliches Fleckchen für fein Werk. Dann wurde es einsam, nur die Wogen rauschten und die Bäume. Die Vögel sangen und die Blumen tanzten auf und nieder. Der Wald grüßte aus der Nähe und sandte seinen Dust herüber. Die Natur war in Bewegung, das war wirtliches Leben, das war Luft am Kampf und Vorwärtskommen. Unwillkürlich war die Großstadt, der wir sonst zugehören, vergessen. Wir fühlten im schlanken Boot, in harter Arbeit gegen den Wellengang uns einig mit allem, was uns umgab. Zuweilen ebbten Wind und Wellenhöhe etwas ab, dann war es, als ob ein Orchester das lauteste Fortiffimo mit dem sanften Piano vertauscht hätte, so daß man überrascht aus- schaut und sich wie verwandelt vorkommt. Nach einer Biegung der Spree leuchteten rote und schwarze Kahne, Schleppdampfer- sirenen heulten, Hunde bellten, Menschen fluchten: die Schleuse an der Einmündung des Spree-Oder-Kanals bei der„Gvoßen Tränke" war erreicht. Wir machten am Südufer fest und schauten uns das bunte Treiben vor der Schleuse an, sahen, wie sich Kähne hinter- einanderschoben, Schleppdampfer manöverierten, bis sich endlich aus dem Wirrwarr ein Schleppzug bildete, dessen Trossen sich spannten, als der Dampfer mit voller Kraft westwärts nach Fürstenwalde fuhr. Die vielen Sogen. Und dann ging es durch die Wogen hinüber zum Norduser, dorthin, wo das große wehr den Eingang zur alten Spree ver- sperrt. Am bequemen Anlegesteg hoben wir das Boot heraus, setzten es auf unseren schnell zusammengebauten Wagen und fuhren es mit leichter Mühe um das Wehr herum. Dort hatten sich im Windschutz des Ufers zahlreiche kleine Fische versammelt, die auf- geregt davonschossen, als der„Pilot" sich wieder dem Wasser an- vertraute. Nun begann eigentlich der landschaftlich schönste Teil der 5ahrl, die jetzt auch dadurch gefördert wurde, daß der Wind etwas nachließ. Endlich machte sich auch der recht kräftige Strom der Spree zuweilen fördernd bemerkbar. Wasser, Wald und Wiese, manchmal eine Ablage für das Holz des Waldes oder ein Kilometerstein. So ging es stundenlang, bis endlich das erste Haus von hangelsberg auftauchte. Aber mit diesem Ort hat es seine eigene Bewandtnis. wenn man noch am Abend ein bestimmtes Ziel erreichen soll und will, weil am nächsten Morgen wieder die. Arbeit, die Pflicht des Tages ruft. Ach, wie lange sah man diese Häuser, bald von vorn, bald von hinten, bald von rechts und bald von links. In schier unendlich vielen Windungen schlängelt sich hier die liebe Spree durch das Gelände links herum, rechts herum und so fort, die reinen Kunstschleifen. Immer, wenn man ein tüchtiges Stück gefahren war, sah man dasselbe Haus, denselben Garten neben sich, gerade so, als wenn man in, Gebirge eine Serpentinenstraße emporsteigt und immer denselben Kirchtum unter sich erblickt. Und wir mußten unbedingt vorwärts, der Wind hatte zuviel Zeit gekostet.„Hallo, wie heißt der Ort?" fragten wir oft. Und immer kam die Antwort: „Hangelsberg!" Nein, der Name ist falsch, es muß Bammelberg heißen, denn es dauerte gar zu lange, bevor wir diesen Schlupfwinkel der Spree überwunden hatten. Aber endlich sagte man uns, daß irgend- welche Häuser zu All-ZNönchswintel gehörten und dos wir bereits die Weltstadt Wulkow passiert hätten. Welche Leistung, welch ein Glück! Aber die gute Spree wand sich weiter, je länger wir fuhren, und es schien uns, als ob auf den Karten ihr Portrait viel zu viel retouchiert wäre. Bogen nach links. Bogen nach rechts, so ging es fort, fast bis All- und Neu-hartmannsdors.» Arme Spree, was Haft du hier arbeiten müssen, um dein Bett zu graben und den Weg zur Hochzeit mit der Havel zu sinden. In diesen Windungen trafen wir wieder Arbeiter des wasserbauamles Fürsten walde, die die User mit Arsten und Sand befestigten.„Nee," rief uns einer zu,„in soo'n Boot jeh ick nich rin. Da is mir mei Leben zu lieb'." Sei be- ruhigt, guter Freund, wir nähmen Dich ganz bestimmt nicht mit. Bringe Du Dein Leben nur auf andere Art in Gefahr, seinem Schicksal kann doch niemand entgehen. Vor Alt- und Neu-Hart- mannsdorf, das eigentlich ganz überraschend da war, gab es eine gerade Strecke, auf der sich der Wind noch einmal auszutoben be- gann, fodaß wir nur mit größter Mühe gegen ihn auskamen. Dann passierten wir endlich die Straßenbrücke, die diesen Ort verbindet. links eine Mühle, und hübsche, blumenbckränzre Höfe. Einsame Strecken folgten, ein Kuckuck leistete uns Gesellschaft. Er sah in irgend einem Baum am Ufer und rief unermüdlich. Und wenn wir danit bis auf wenige Meter heran waren, schwang er sich aus dem Gezweig, hinüber zum nächsten Baum, rief wieder und wieder, bis wir nahe genug waren, um das Spiel von neuein beginnen zu können. Eine liebenswürdige Unterhaltung, ein intelligenter Vogel und zwei dankbare Faltbootsahrer. Wald schiebt sich an den Fluß, entfernt sich wieder. Irgendwo weit hinten leuchtete ein Kirchturm. Wir passierten Steinfurth, eine schwere Zlllo lag dort verankert, und dann krochen wir immer näher an den fernen Kirchturm heran: Vurig- und Reu-Zittau. das langersehnte war dal Motorboote liefen vorüber, die Straßenbrücke grüßt und kizrze Zeit begleitet uns die Chaussee nach Erkner. Dann geht die Spree nieder eigene Wege, wendet sich nach links und nach rechts. Seit langem sivgen in der Ferner die wüggelberge empor. Durch Wiesen führt der Weg zur Ausfahrt in den Dämmeritzsee. Siedlungshäuser, Lauben. Bootsjchuppen, Angler, Ruderboote, die Welt hatte uns wieder. * Irgendwo sollte am Dämmeritzsee ein freundliches Bootshaus liegen, dos den müden„Piloten" für die nächste Zeit beherbergen sollte. Auf dem Nordufer ragt dort ein weißes Haus. Wir nahmen es zum Ziel. Es war ein gutes Ziel. Denn neben ihm war das erstrebte Quartier. Bald war der„Pilot" wohl verwahrt aus hähepi Gerüst in dem großen Holzhaus und harrte auf neue Fahrten. Saisonausverkauf. Wie immer haben auch die diesmaligen Ausverkäufe Preis- herabfe�ungen gebracht. Nun kommen die sicherlich nicht un- berechtigten Fragen: Waren diese Preisherabsetzungen nicht früher möglich? Haben die vorher teurer verkauften Waren dem Verkäufer nicht Uebergewinne gebracht? Wäre es nicht möglich gewesen, den schlechten Geschäftsgang, über den der Einzelhandel stöhnt und jam- mert, durch frühere Preisherabsetzungen zu beleben? Der Käufer nämlich will seine Ware nicht billig, er will sie billiger haben. Dieser psychologischen Eigenart der„Käuserseele" kommt der Warenbesitzer durch Preisherabsetzungen entgegen und der Konsument kaust auf diese Weise häufig billige Waren teuer. Immerhin ist die Erziehung der Großstadtkäufer durch öffentliche Aufklärung so weit fortgeschritten, daß bei den Ausverkäufen das Angebot minderwertiger Ware im Verhältnis zum Gesamtangebot an Ware ständig zurückgeht. Der größte Teil des Warenangebots in den Saisonausverkäufen ist nicht verkaufte Saisonware. Der ver- regnete Sommer dieses Jahres war für das Geschäft in Sommer- kleidung und Sommerwäsche geradezu verhängnisvoll. Das meiste blieb liegen. Die Läger aber müssen geräumt werden, einmal, um Platz zu schaffen für die hereinkommende Herbst- und Winterware und dann müssen die Kassen mit barem Gelde gefüllt werden, da- mit der Kaufmann in der Lage ist, seinen Verpflichtungen nach- zukommen. Nicht alle im Saisonausverkauf abgegebenen ZMIkbl bringen Verluste. Bei vielen Waren, besonders bei denen, welche der Mode unterworfen sind, werden die Verkaufspreisberechnstjtg?n so aufgestellt, daß die Notwendigkeit des Verkaufs eines Teils der Ware unter dem Einkaufspreis schon berücksichtigt ist. Der Zuschlag aus den Einkaufspreis für hereinkommende Modewaren beträgt 200 Proz. und etwas darüber, so daß der Verkäufer keine Verluste erleidet, wenn er einige Stücke, die er übrig behalten hat, billige? abgibt. Eins zeigen die Saisonausverkäufe deutlich: Ware ist vorhanden, Bedarf nach Ware ebenfalls. Wenn also Warenpreise und Ein- kommensverhältnisse miteinander in Einklang stehen, dann wird auch getauft. Oer Ivobblq. 251 Von v. Troven. coiurttfit by Buchmeister-V-rlag. Berlin und Leipzig. In einer Ecke tvurbe jetzt eine Bant versteigert. Sie wurde angeboten mit fünf Pesos, überboten mit zehn, und sie ging endlich fort mit sechzig Pesos. Ich sah rüber zu dem, der sie gekauft hatte. „Hölle, noch mal, Leary, Mann, wo kommen Sie denn her?" rief ich hinüber. Es war in der Tat Leary, mit dem ich in Campeche in einem Oelkamp gearbeitet hatte. ,�Zch drucke den Daumen für Sie, Leary, bis auf dreihundert gegen zwanzig. Einverstanden?" rief ich ihm zu. „Einverstanden, Gale," rief er zurück. Die Amerikaner, die anwesend waren und es gehört hatten, flachten und kamen alle zu dem Tisch, wo Leary sich jetzt' niedersetzte, um die Bank zu übernehmen, die er er- steigert hatte. Es wurde losgespielt. Leary mußte bluten. Hundert, zweihundert, dreihundert. Er packte das Geld nur immer so raus und schob es fort. Seine Chips waren längst zu Ende. „Verflucht noch mal, Gale, drücken Sie denn auch, oder was ist?" „Nur keine Angst, Leary, hauen Sie nur drauf, alles was Sie haben." „Gut, mache ich," rief Leary herüber.„Aber ich fchnerde ihn ab, wenn Sie mich abflattern lassen." „Gehen Sie drauf! Ich steh« Ihnen mit dreihundert gegen Gentleman-Agreement. drauf!" Ich hatte zwei Pesos in der Tasche.> Und Leary ging los. Bierhundert, fünfhundert, sechs- nundert, siebenhundert. Sein Gesicht wurde rot wie eine Tomate, und es sah aus, als ob es jeden Augenblick platzen wolle. Er zog ein Tuch aus der Tasche und wischte sich den Schweiß ab. Aufgeregt war er nicht. Es war nur die Em- sigkeit der Arbeit, die ihn so stark mitnahm.,}'( Siebenhundertfünfzig. Die Karten fielen. Die Bank gewaiyi. Die Karten fielen abermals. Die Bank gewann. Ich quetschte den Daumen. Die Bank gewann.. Leary stand auf:„Ich gebe die Bank ab. Versteigere." „Wieviel haben Sie gemacht, Leary?" fragte ich ihn, als er zu mir kam. um mir die Hand zu geben. Denn wir hatten uns ja nur über den Tisch und über das Gedränge hinweg begrüßt----------------.—.. „Gemacht? Wieviel? Ich weiß nicht ganz genau. Aber da, nehmen Sie. Gehört Ihnen." Er gab mir zweihundert Pesos. Ich hatte sie ehrlich verdient. Aber er sagte mir nicht, wieviel er gemacht hatte. Für zwanzig hatte er sich verbürgt, falls er gewänne: wenn er mir nun zweihundert geben konnte, so hatte er einen hübschen Haufen in der Hosentasche. Man nimmt das Geld und fragt nicht, woher es kommt. Man kann doch nicht verhungern. Verhungern ist Selbst- mord. Und Selbstmord ist eine Sünde. Aber Sünden soll man nicht begehen, das wird einem schon in der Jugend gelehrt. l 15. Leicht gewonnenes Geld ist rasch ausgegeben. Aber diese zweihundert Pesos waren keineswegs leicht verdient, und ich hielt sie gut zusammen. Ich borgte Osuna fünfzehn Pesos, und er mietete sich einen kleinen Zigarettenstand. Er zahlte für das Tischchen, das mit einem Stück gestreiftem Segeltuch überspannt war, um die Sonnenstrahlen abzuhalten, neun Pesos den Monat Miete. Jeden Tag einmal kam der städtische Steuereinnehmer vorbei, der den Standtribut einforderte, fünfzehn Centavos. Dafür bekam Osuna ein Zettelchen, das er vorzeigte, wenn der Beamte nachmittags wieder vorbeikam, um bei denen einzukassieren, die am Vormittag nicht bezahlt hatten. Diese Bezahlung des täglichen-Tributs war alles, was man mit den Behrden zu tun hatte, wenn man ein Geschäft auf der Straße errichtete. Wenn das Geschäft mal an einem Tage sehr schlecht ging, dann sagte Osuna zu dem Beamten:„Ich habe heute kaum ein Mittagessen verdient," dann schenkte ihm der Beamte für diesen Tag die Steuer. Es wird dem Händler geglaubt, wenn er sagt, daß er kein Geschäft gemacht hat: dafür glaubt er auch bei einer andern Gelegenheit wieder der Behörde, wenn die etwas sagt. Vertrauen gegen Vertrauen. Viel verdiente Osuna nicht. Manchen Tag einen Peso, manchen zwei Pesos. Ueber zwei Pesos kam er selten. Aber es war leichter als in der Bäckerei. Die Arbeitszeit war frei- lich die gleiche. Von früh morgens um fünf bis nachts um zwölf oder eins stand er an seinem Tisch. Ich holte mir jeden Tag ein oder zwei Pakete Zigaretten bei ihm und verringerte so seine Schuldsumme. Es ging sehr langsam: denn jedes Paketchen kostete nur zehn Centavos und in jedem Paketchen waren vierzehn Zigaretten. In manchen Paketen war sogar noch ein Gutschein für zehn. zwanzig oder fünfzig Centavos, die Osuna freilich von der Fabrik ersetzt bekam, die er aber doch erst einmal auszulegen hatte. Die Fabrik zahlte ihm für diese ausgeliehene Summe fünf Prozent. Eines Nachmittags, als ich bei ihm saß und auf der kleinen Kiste hockte, die sein Stuhl war, fragte ich ihn: „Warum sind Sie denn damals nicht mit zum Baumwoll- pflücken gekommen? Sie hatten doch das Reisegeld so gut wie ich." „Eben darum, weil ich das Reisegeld hatte, bin ich nicht mitgekommen. Ich hatte Sie ja gewarnt, aber Sie wollten mir ja nicht glauben. So leicht werden Sie ja nun nicht mehr darauf hineinfallen." � „Man kann nie im voraus wissen, ob es stimmt, oder obi es nicht stimmt. Im vorigen Jahr stimmte es," erwiderte ich- „Natürlich kann es auch mal stimmen und wirklich Arbeit da sein und richtiger Pflückerlohn," bestätigte er mir.„Aber ich habe reichlich Erfahrung. Vor drei Iahren war ich pflücken bei einem Amerikaner. Wissen Sie, wie es mir er- gangen ist?" „Nein, wie?" „Als die erste W�che herum war, wollten wir unseren Lohn haben. Da sagte der Farmer, er könne nur jedem einen Peso geben. Wenn wir Ware brauchten, so könnten tyir das, aus seinem Laden beziehen. Da nahmen wir auch die Ware, weil wir sie brauchten. Bon dem Tage an gab er uns über- Haupt kein Geld mehr, sondern immer nur Bons für seinen Laden. Und da setzte er uns Preise an, doppelt so hoch wie in der Stadt. Tabak, den wir in der.Stadt für achtzig Cen- tavos kauften, berechnete er uns mit einem Peso vierzig. Ein Hemd, das in der Stadt drei Pesos kostete, berechnete er mit fünf Pesos. So ging das mit Mehl, mit Bohnen, mit Kaffee, na, kurz mit allem. Als wir dann mit der Ernte fertig waren, wollten wir abrechnen und unser Geld haben. Da sagte er ganz trocken, er hätte selber kein Geld, wir könnten für das ganze Geld, das uns noch zustand, Ware haben. Was sollten wir aber mit der Ware machen? Geld brauchten wir vor allem, um wieder zur Stadt zurückkommen zu können." „Und bekamt ihr das Geld?" „Nein, wir mußten laufen. Cr blieb uns den ganzett Lohn schuldig. Er sagte, wir sollten unsere Adresie ein» schicken, dann wolle er uns das Geld im Oktober schicken. Er hat nie einen Centavos geschickt, ist den Lohn heule noch schuldig Wir haben gerade für das lausige Essen die acht Wochen gepflückt. Und was für Essen? Sie wissen ja, was man sich da kocht, und was man ißt. Sie haben ja gepflückt.� ___,..„i,/.(Fortsetzung folgt.) j Durch ausftrömenüen Sauerstoff getötet. Schwerer Unfall in einer Aleifchwareufabrit. Ein schweres Unglück ereignete sich am gestrigen Dienstagnach- mittag gegen Mi Uhr auf dem Grundstück Linden st rasie 1l>S, wo in der Kühlanlage der Fleischfabrik und Schinkensalzerei von Karl Kisch der 52 Jahre alte Maschinist Joseph Baumbusch aus der Ncuenburger Str. 9 leblos aufgefunden wurde. Fünf weitere Personen, die sich um den Verunglückten bemühten und ihn aus der im Keller gelegenen Kühlanlage retten wollten, wurden ebenfalls durch die ausströmenden Sauerstoffdämpfe so schwer betäubt, dah drei von ihnen durch das Rettungsamt der Stadt Berlin in das Urban-Krankenhcus transportiert werden mußten. Zu dem Unglück erfahren wir noch folgende Einzelheiten: Gegen Vii Uhr wollte der Fahrstuhlführer des Gebäudes Karl O e r t h wegen einer kleinen Reparatur an dem Aufzug mit dem Maschinisten Joseph Baumbusch, der über 25 Jahre bei der Firma Kisch tätig war und dort als Faktotum galt, Rücksprache nehmen. Als er ihn nicht auffand, begab er sich in den unter dem dritten chof gelegenen Kühlkeller, wo vor einiger Zeit eine schon gebrauchte Kühlmaschine eingebaut worden war. In dem Keller sah er den Maschinisten in sich zusammengesunken leblos in der Nähe der Kllhlmaschine liegen. Gleich darauf überkam ihn selbst ein Schwindelgefühl, so daß er nur noch mit großer Mühe wieder auf den chof empor gelangen konnte. Aehnlich ging es dem Mit- besißer der Firma Herrn H e i l b r o n n, der gleichfalls in den Kühlteller hinunterstieg. Drei weitere Angestellte der Firma, und ,zwar der Expedient Fritz L e u p o l d aus der Reuen Iakobstr. 5, der Schlächter Erich Schultz aus der Herrsurthstr. 3 in Neukölln und der Schlächter Richard K r u m m b ü g e l aus der Pasewalker Straße 7, die den verunglückten Maschinisten an die frische Luft zu bringen oersuchten, wurden durch die aueströmenden Dämpfe ebenfalls schwer betäubt und mußten in das Krankenhaus am Urban übergeführt werden. Da der Keller vollkommen mit Sauer- stofsdämpfen angefüllt und jedes Betreten mit Lebensgefahr verbunden war, wurde die Feuerwehr alarmiert, die einen Zug aus der Linden- und einen aus der Reichenberger Straße entsandte.- Die Feuerwehr hatte mehrer« Stunden lang zu tun, bis es nur einigermaßen gelang, den Raum wieder betretbar zu machen. Die Entsiehunasurfäche des bedauerlichen Unglücksfalles konnte bisher noch nicht restlos aufgeklärt werden, jedoch nimitjt man an, daß eine der Sauer st offlaschenundicht geworden ist. Da der Sauerstoff völlig genich- und geschmacklos ist, hatte der ver- unglückte Maschinist das Ausströmen nicht bemerkt, so daß er sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte. Bei der Kühlmaschine Händelt es sich um eine Anlage, die früher in einer anderen Groß- Berliner Großschlächterei in Betrieb'war und erst kürzlich bei der Firma Kisch eingebaut worden ist. Die polizeiliche Untersuchung über die Schuldfrage ist bereits eingeleitet worden, jedoch konnten gestern abend keine Feststellungen mehr gemacht werden, da die Kellerräume -noch nicht ohne Sauerstoffmaske zu betreten waren. Vijstüentettgelü für Sie Kirchentaffe! Alle Klagen, daß oft Dissidenten noch mit unberechtigten Kirchen- steuerforderungen belästigt werden, scheinen wirkungslos bleiben zu sollen. Seit einer langen Reihe von Jahren haben wir im»Vor- wärts" immer wieder unter Anführung von Beispielen, die uns ge- meldet wurden, diesen Skandal gerügt. Doch alljährlich, wenn den Mitgliedern der Kirche die Ausförderungen zur Zahlung ihrer Mit- gliederbeiträge(genannt Kirchensteuern) zugchen, wird immer wieder auch mancher Dissident irrtümlich noch der Geld heischen. den Kirche zugezählt. Es nutzt nichts, andauernd die Kirche daran zu erinnern, daß es ihre Pflicht wäre, sich eine Buchführung über ihren Mitgliederbe st and an- zulegen, wie das jede andere Organisation, jeder Verein und jede Irrtümer, die dabei vorkommen, lehnt die Kirche jede Verantwor- tung ab. Sie gibt die Schuld den Beamten der Finanzämter oder auch den mit der Kirchensteüerforderung belästigten Dissidenten, die e» Unterlasten haben sollen, bei der alljährlich im Herbst statt- sindenden Personenstandsaufnahme sich in den Hauslisten als Dtsst- deuten zu bezeichnen. Wir haben im.Vorwärts" schon mehrfach gezeigt, daß einen Dissidenten auch die gewissenhafte Ausfüllung der Hausliste nicht immer davor schützt, noch als Mitglied der Kirche geführt und mit einer Kirchensteuerforderung belästigt zu werden. In Köpenick hat vor kurzem ein seit 1920 nicht mehr zur Kirche gehörender, ober für 1926 noch zur Kirchensteuer veranlagter Dissi- dent dem Finanzamt Oberspree und dem Kemeindekirchenrat der Köpenicker Stadtkirche geschrieben, er habe sichinderHausliste ausdrücklich als Dissident bezeichnet und wolle in Zukunft vor derartigen Belästigungen verschont bleiben. Hoffen wir, daß es hilft, aber es gibt Leute, denen auch so etwas nichts ge« ! nützt hat. Einer schreibt uns, daß er im vorigen Jahre die Auf- •fordcrung erhielt, Steuern für die katholische Kirche zu zahlen. Da- mals habe er de» zuständigen Stellen mitgeteilt, daß er im Jahre 1922 ausgetreten sei. Aber in diesem Jahre hat er mieder eine Kirchen st euerveranlaguncj erhalten, diesmal zugunsten der evangelischen Kirche. Er hat letzt der in Be- ltracht kommenden Kirchenvehörde geschrieben, ihr müsse er es über- Dalsen, über seine Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zur Kirche sich selber durch Anfrage bei dem zuständigen Gericht zu belehren. Die Rechtslage ist aber die, daß die Kirche das nicht einmal nötig hat. So weit geht das ihr gewährte Vorrecht, daß der mit eii�er .Kirchensteüerforderung belästigte Dissident selber den Beweis bringen ! inuß, daß er nicht mehr zur Kirche gehört. Welche andere Organi- ■sativn darf sich das leisten, daß für sie einem ihr nicht angehörenden sMenschen eine Zahlungsaufforderung ins Haus geschickt wird und man dann von ihm den Nachweis verlangt, daß er ihr nichts schuldet! Ein anderer Leser, der 1906 aus der evangelischen Kirche «ustrat, berichtet uns, daß man ein paar Jahre später Steuern für die evangelische Kirche und wieder ein paar Jahre später Steuern für die katholische Kirche von ihm haben wollte. Nachdem man ihn dann «ine ganze Weile in Ruhe gelassen hatte, überraschte man ihn Ende ,1925 wieder mit der Forderung einer angeblichen Kirchensteuer aus 1925, die der evangelischen Kirche zugute kommen sollte. In schrift- lichem Widerspruch beantragte er, daß er aus den Listen der Kirchenmitglieder gestrichen würde. Den E r- folg steht er jetzt: Ende Juni 1925 kam eine Kirchensteuerforderung für 1926! Der so hartnäckig Belästigte gebraucht hier zur Kennzeichnung der Dinge einen kräftigen Ausdruck, den wir lieber nicht wiedergeben wollen. Die Steuerbehörde treibt ihren Eifer für die Kirche sogar so meit,. daß sie den Steuerveranlagungen eine War- nung vor dem Kirchenaustritt beifügt.. Ein seit 1920 nicht mehr zur Kirche gehörender Neuköllner, dem man für 1926 noch Kirchensteuer abnehmen wollte, übersendet uns ein dem amt- lichen Schreiben des Finanzamts ausgeklebtes rotes Zettelchen..Zu- fatz der Kirchengemeinde", steht darüber, und dann folgt für Zah- lungsunfähige" der Rat, sich„vertrauensvoll" an das Pfarramt zu wenden. Zum Schluß heißt es:„Der Kirchensteuer wegen sollte niemand aus der Kirche austreten." Wo steht in dem Gesetz, daß die Finanzämter sich zu solchem Helfersdienst für die Kirche hergeben sollen?_ Die Sanitätsübung vom Roten Kreuz vor GerichZ. Die Voruntersuchung über die Schuldsrage des Unglücks an- läßlich der Sanitätsübung des Roten Kreuzes auf dem Wannsee, bei der der 13jährige Gemeindeschüler Wilhelm I a e h n k e au» Zehlendorf ertrank, ist jetzt auf dem PotsdamerLandgericht in vollem Gange. Gestern fand eine große Zeug'enoer. n« h m u n g statt. Der Prozeß, zu dem annähernd 100 Zeugen ge- laden werden, finde: Ende August vor dim großen Potsdamer Schöffengericht statt.. Die Anklage, die auf i-atzr l.gj jiK« Tötung erhoben wird, vertritt der Oberstaatsamvall Pfaff. Vor einigen Tagen fand eine genaue Geländebesichtigung am Wannsee durch den Untersuchungsrichter und den Staatsanwalt im Motor- boot statt. Zur Verantwortung gezogen werden die Leiter der Ver- anstaltung._ Der freigesprochene fimtsgerichtsrat. ZNoralisch verurteilt. Das Breslaucr Landgericht hat den Amtsgerichtsrat Joseph- sen gestern von der Anklage der Beihilfe zum Mordversuch frei- gesprochen. Auch die Entschädigungsklag: der Geliebten Joseph- sens, der von der Roden stock angeschossenen Hesse, ist adge- wiesen worden. Der juristische Freispruch bedeutet aber gleichzeitig durch die Urteilsbegründung eine moralische Verurtei- l u n g. Der Vorsitzende führte aus, daß dem Angeklagten nach seiner Lebensführung und seinem Verhalten gegenüber seinen Geliebten die Tat wohl zuzutrauen wäre. Dieses Verholten den Frauen gegen- über sei eines preußischen Amtsgerichtsrats unwürdig. Der Angeklagte habe sich völlig von seinem Trieblebe n beherr- schen lassen. Er sei jedoch freizusprechen gewesen, da die ganze Anklage sich aus die Aussagen der Täterin stützten, die laut§ 51 des StGB, für unzurechnungsfähig erklärt worden war. Das Urteil kam nicht unerwartet. Besonders verständlich wird es aber nach den Ausführungen des Verteidigers Iofephfens, des bekannten Justizrotes Dr. Mammroth. Er verweilte ausdrück- lich bei der Entstehungsgeschichte des Prozesses, unterstrich, daß es ihm von vornherein unmöglich schien, daß man eine Anklage erheben würde auf Grund der Aussage eines Menschen, der nicht allein drei- bis viermal in einer Irrenanstalt interniert war, sondern auch von drei Sachverständigen, die bereits vom Untersuchungsrichter hinzu- gezogen waren, für unzurechnungsfähig im Sinne des§ 51 erklärt worden war. Es herrschte aber in den Kreisen der Justizbehörden die Ansicht, daß man in diesem Falle ohne Ansehen der Stellung des Beschuldigten bis zum äußersten gehen müsse. Des- halb hat auch das Oberlandesgericht sich auf den Standpunkt gestellt, daß die Frage der Verantwortlichkeit der Hauptbelchuldigten Roden- stock, von dem erkennenden Gerichte nachgeprüft werden müßte. Aus diesem Grunde kam es zum Prozeß. Der Amtsgerichtsrat Iosephfen hatte in seinem letzten Wort noch einmal seine Unschuld beteuert. Die Absicht, die ihm unterstellt worden sei, erklärte er für absurd. Er habe als Beamter sich vor nichts so gefürchtet, als wie vor einer Bloßstellung in der Oeffentlich- keit. Und da sollte er sich in eine Mordasfäre verwickelt haben, die ihn geradezu einem öffentlichen Skandal ausliefern mußte. Amts- gerichtsrat Iosephfen mußte freigesprochen werden. Die Einblicke ober, die man in das Leben dieses Richters erhalten hat stimnien äußerst nachdenklich. Auch Richter sind schließlich nur Menschen; das sollten sie nie vergessen, wenn sie über ihre Mit- menschen zu Gericht sitzen. Dielleicht würde dann manches Urteil menschlicher ausfallen. Das ist die Lehre dieses traurigen Prozesses. Bor öer Erhebung See Anklage im Fall Jürgens. Die Voruntersuchung gegen Landgerichtsdirektor Jürgens und seine Ehefrau ist materiell bereits beendet und steht formell vor ihrem unmittelbaren Abschluß. Bereits für die nächste Woche dürfte mit der Erhebung der Anklage gegen das Ehepaar zu rechnen fein. Ob die Hauptoerhandlung noch während der Gerichtsferien in Stettin stattfinden wird, ist allerdings noch fraglich, wenn nicht, so wäre die Anberaumung des Haupt- oerhandlnngsteomins für September zu erwarten. Vereinigung sozialdemokrakifcher Studenten. Der Vorstand hat beschlossen, Julius Ecker aus Wien, gegenwärtig wohnhaft Lankwitz, aus der Vereimgungf�T-uszufchließen.-Es wird vor ihm gewarnt!■■■:. z Für den Dvoräk- Abend soll der Rundfunk bedankt sein; bedankt für den Solisten Gustav Havemann wie für den Dirigenten Georg Szell. Man erlebte wieder einmal mit Freude, was das Berliner Funkorchester leisten kann, wenn man ihm würdige Aufgaben stellt. Die Slawischen Tänze wie die tZ-Dur- Sinfonie, die immerhin schon merklich von eurvpäifcher Musikkultur beleckt ist, zeigten stark und lebendig die bodenständige Kraft des tschechischen Meisters in der ausgezeichneten Wiedergab«. Einen besonderen Genuß aber bot die Ausführung des Violinkonzer- tes �-Moll durch Professor Havemann, der mit seinem Instrument all die schmerzliche Süß« dieser slawischen Melodie zu wecken wußte. Es war eine erlesene Feierstunde. Sonst brachte dieser Funktag kaum wesentliches. Der Dortrag Prof. Dr. Paul Graebners über den„Botanischen Garten in Berlin-Dahlem" beschränkte sich leider in der Haupt fache auf Namen und Daten, die für einen Fachwissenschaftler möglicherweise ganz interessant gewesen sein mögen, der großen Schar der Funkhörer aber doch nur wenig sagen konnten. Doch spiegelte sich felbst in dieser fast rein statistischen Uebersicht ein Stück Kulturgeschichte, das von Kriegen und Kriegsfolgen wußte, und das in dem Satz, daß der Personal- obbau dem Botansschen Garten 51 Arbeitskräfte entzogen habe, in einem traurigen Kapitel der Gegenwart endete. Die dann folgende Fortsetzung der Vortragsreihe Dr. Georg Wegeners„Eine Wanderung durch deutsche Gaue" bracht« Ausführungen über das norddeutsche Flachland, die aber kaum neues oder besonders an- regendes boten. Daß Dr. Wegner begeisterter Anhänger der Monarchie ist. tut seinen geographischen Ausführungen zwar keinen Abbruch, wenn auch die überreiche Erwähnung aller möglichen ehemaligen Herrscher hier nicht gerade mn Platze scheint; doch ein Satz in seinem Vortrage dürste manchem Hörer dunkel geblieben sein: Wo liegt der Nordteil der preußischen Monarchie?, Das Rundfunkprogramm. Mittwoch, den 7. Juli. Äußer dem üblichen Tagesprogramm: 4 Uhr nachm.: Otto Köhler:„Capri, die Insel der Sirenen". 8— 8.30 Uhr abends: Zweites Kinderfest. Anschließend: Ratschläge fürs Hans, Theater- und Pilmdienst. 7 Uhr abends: Dr. Georg Zehden:»Vom Lachen, Gähnen und Sohnarchen" 7.28 Uhr abends: Erich Schulze:„Lernt schwimmen!" 7.88 Uhr abends: Hans-Bredow-Sohule(Bildungskurse). Abteilong Rechtswissenschaft. Dr. Th.' Tichauer:„In den Maschen des Strafgesetzes (Tat und Gesetz)". 8.30 Uhr abends:„In den Bergen". Dichtungen aus der Welt der Berga. Zithertrio, Jodeln, Gesang usw. Anschließend: Dritte Bekanntgabe der neuesten Xagesnach- richten, Zeitansage, Wetterdienst, Sportnachrichten, Theater- und Pilmdienst. Königswosterhaosen, Mittwoch, den 7. Juli. 1.10— 1.40 Uhr nachm.: Grander n. Walinski: Französisch für Schüler. 3— 3.30 Uhr nachm.: Btudienrat Priedel und Lektor Mann: Englisch für Anfänger. 3 30—4 Uhr nachm.: Studienrat Pnebel und Lektor Mann: Englisch für Fortgeschrittene. 4 bis 4 30 Uhr nachm.: Oberstudienrss Dr. Brunner; Boden und Volksart Deutschlands in ihrer Eigenart. 4 30—5 Uhr nachm: Mitteilungen des Zentralinstitute?. 5— 5 30 Uhr nachm: Anna r. Gierke: Soziale Arbeit im eigenen Heim. 8.30 Uhr abends; Uebextragung von Berlin.• Zur Katastrophe fn Voltersöorf. Ein Berliner Ausflügler, der am Sonntag in Woltersdorf weilte und bei dem Rettungswsrk als ausgebildeter Sanitäter zusammen mit einem anwesenden Arzt als erster die Verletzten in Obhut nahm, bemängelt das völlige Versagen der Wolters- dorfer Behörden und die Unzulänglichkeit der Verbandsmaterialien, Krankenbahren usw. Der Betreffende weilte in einem naheliegenden Restaurant und eilte etwa 10 Minuten nach dem verhängnisvollen Einsturz nach dem Kranichs- berg. Alles war dort in größter Aufregung und laute Rufe nach Aerzten ertönten. Zu gleicher Zeit kam ein Arzt hinzu, der zufällig einen Ausflug nach Woltersdorf gemacht hatte, der sich gleichfalls sofort um die Verletzten bemühte. Es war fast kein Verbandszeug — außer einigen Kästchen mit winzigen Binden— vorhanden. Es blieb nichts weiter übrig als die Verletzten mit gebrochenen Gliedern ohne Verband abzutransportieren. Einigen Schwerverletzten mußten mit primitivsten Mitteln Notverbände und Papierpackungen angelegt werden. Auch Bahren, worauf die Verletzten hätten getragen werden können, waren nicht zur Stelle. So mußten sie in Tüchern gehüllt fortgetragen werden. In ganz Woltersdorf war kein Verbandszeug aufzutreiben und erst als nach geraumer Zeit Krankenwagen eintrafen, konnten die Verletzten richtig behandelt werden. Skandalös ist es. daß einige Wirte ausgesprochen passive Resistenz übten und den vielen freiwilligen Rettern und Helfern in jeder Beziehung das Rettungswerk durch ihre ablehnende Haltung erschwerten._ Die Siedlung an der Schillerpromenade. Auf dem etwa 36 000 Quadratmeter großen Gelände im Norden Berlins an der Schillerpromenade fand eine Besichtigung der Siedlung»- bauten statt, die unter Führung des Direktors der Deutschen Gesell- fchaft zur Förderung des Wohnungsbaues, Stadtamtmann Damerow, und des leitenden Architekten Erich Glas vor sich ging. Die finan- ziellen Mittel, die zur Verfügung standen, waren gering, sie be- standen hauptsächlich aus Hauszinssteuer und Zusatzhypotheken. Trotz dieser geringen Mittel wurde eine größtmöglichste Anzahl von Wohnungen geschaffen, die in jeder Weise unserer heutigen kulturellen und sozialen Forderung entsprechen. Die Gesellschaft mußte die Bau- und Regiekosten auf das denkbar Geringste herab- drücken. Es wurden nur Ein-, Zwei- und Dreizimmerwohnungen gebaut. Die Wohnungen sind alle gut durchlüftet und hygienisch einwandfrei. Die großen Höfe machen den Eindruck, als ob hier geradezu luxuriös gebaut worden wäre. Die Freiflächen sollen als Spielplätze für Kinder und als Erholungsplätze dienen. ver„Gemischte Eher Norden" Mitglied des DA SB. fingt Donnei Stag, 8. Juli, 7'/, Uhr aus der Terrasse der Promenade am P I ö tz e n s e e. Das gestrandete Weinschiff. Drei Tote durch übermäßigen Alkoholgenuß. An der Kölner Südbrücke strandete ein mit Wein bela- denes Schiff, das beim Ankern gegen die Pfeiler geworfen wurde und auseinanderbrach. Die Mannschaft konnte ge- rettet werden, während die Ladung ein Opfer der Fluten wurde. Kurz nach Bekanntwerden des Unfalles sammelte sich unterhalb Kölns an der Mülheimer Schiffsbrücke eine große Menschenmenge, die mit allen Mitteln die Weinfässer den Fluten zu entreißen suchte. Das glückte vielfach. Die Folge war, daß an Ort und Stelle eine wüste Trtnkerei begann, die gegen Abend zu einer wahren Orgie ausartete. Dutzende von Männern undFrauen lagen finnlos betrunken am Ufer des Rheins. Schließlich mußte die Polizei eingreifen, die die Betrunkenen ins Krankenhaus lieferte, wo ihnen der Magen ausgepumpt wurde. Dennoch sind bisher drei Todesfälle infolge übermäßigen Alkoholgenusses zu oerzeichnen.__ . Schwerer llnsall auf der iverfl von Dl ahm und Daß. An Bord des auf. Utl Werft von Blohm.und Voß im Dock liegenden Dampfers Oldenburg brach der Brückenausbau, auf dem sich zehn Arbeiter befanden, zusammen. Die Arbeiter stürzten in- folgedessen in den Laderaum. Acht von ihnen erlitten schwer«. zwei leichtere Verletzungen. Sport. Rennen zu Strausberg am Dienstag, den 6. Zull. 1. R e n n e n. 1. Falter lW. Schmidt), 2. Grazie(Wuthe), 3. Oddrun (M. tilose). Toto: 128:10. Platz: LZ. 17. 12:10. Ferner Uesen: Wolken- schieber, Patrons, Kitz me quick, Hobe, Fuchste, Sportwelt. 2. R e n n e n. 1. gia(Huguenin), 2. Alarid(Jentzfch), Z. Antiope (M. Schmidt). Toto: 29:10. Platz: 18, 18, 88:10. Ferner liefen: Staffelei,«loriamar. Doltsrache. Schirmherr. Etzel, Livonia, Gustava. Nogulna, Moosrose, Paladin, Lava. 3. R e n n e n. 1. Karneval II(A. Leue), 2. Sandhase(vitlneri, 3. Partie(R. Schuller). Toto: 42: 10. Platz: 21. 98. 24: 10. Ferner liefen: Dulelkop, Steinzeit. Lori, Engpatz, Final, Ouilow, Jdea, Krouth, Treuherz, Gustel, Baladin, Grille. 4. Rennen. I. Movinq(Zachmeier), 2. PiaSki(Staudinger), 3. Torquato(Hayn es). Toto: 94: 10. Platz: 26, 14, 20: 10. Ferner Uesen: Sanktion, Fritz Fromm, Eyprienne, Dorn» Bruder, Laurin. Quilon. 8. R e n n e n. I. Erdferkel(Zi. Derschug), 2. Barsutz(Schnitzer). 3. Friedchen(Müschen). Toto: 72: 10. Platz: 19, 13. 18: 10. Ferner Uesen: lldine, Rausbold, Belladonna, Waldgeisl. Le Challenqe. K.Rennen. 1. Duo vadis(O. Schmidt), 2. La Ptave(Franzke), 3. Heliotrop(H. Braun). Toto: 32: IN. Platz: 13. 12. 23: 10. Ferner iie,en: Gaudium, Oetavio, Landrat, Franeoise, Lily I., Tuang Fang, Nana. 7. R e n u e n. 1. Schwaiberich(tzl. Leu«), 2. Elothiide�g Uhr im Jugendheim Zleichenberger Str.«6 Zusammenkunft der Wanderleiter. Werbedejirk Äeinüfendors: R Uhr beim«enosten Ianke. Hovveftr. 23. Werdebegirksvorflandsfitzung. Erscheinen aller ist Pflicht. Iugendbeirare und Bettretet der«iaderfreunde find herzlichst»rnoetaden. Mittwoch 7. Unterhaltung unö ANissen öeilage öes vorwärts Hans Hinkebein. 2] Novelle von Max Dortu. Obacht! chi«r kommt man ans gefährliche Eck vorbei. Vorbei kommt man am Villenviertel. Dieses Wohnnngsquartier der Reichen ist dem chans tiefft verhaßt. Hier kann ihn kein Kind und kein Hund leiden. Hier riecht man seine freie Seele, hier liebt man nur Sklaoenseelen. Unterwürfigkeit, sagt das Herrenquartier: Hans aber sagt: Der Deubel soll euch--. Oho, die Kastanienbäume, schon sind die Aweigespitzen ange- schwollen, und klebrig sind sie, das Märzenblut brennt den Bäumen in den Adern. Die Bäume, die Kastanien,'ne ganze Reihe— vor den Villen— nur nicht an das andere denken, an die Kinder, na! heut sind ja keine da, man kommt ohne Zoll durch, und die Sonne scheint, die Sonn« mit dem gelben Tuch um das liebe alte junge Gesichtchen— da, vom Villengarten her, schrecklich: Hans Hinkebein,' Laß's Saufen fein. Und ein Knabengelächter, ein bissiges Jungenlachen, drei, vier, fünf— wieviel sind's? Man sieht sie nicht, aber schon wieder: Hans Hinkebein, Laß's Saufen sein. IBos tun? Hingehen? Das Haus anzünden? Di« scharfe Axt auf dem Wogen zuckt und zuckt im Sock. Di« Axt flüstert: Hans! Rur aus dem Sack laß mich raus, dann mach ich's selber. Aber Hans schluckt— ja! Er schluckt die Verführung herunter— er denkt an das Kittchen— drei Monate— und der Huren richter hatte gesagt: Hans, das nächstemal gibt's'n Jahr. Rä, nur nich. O! die Kastanien- bäume, und'n Klaiber,'n ftiederblauen Baumläufer. Und'n Fink, der schon singt. Und dann war Hans mit seinen, Wägelchen aus der Bergstraß«. Schon im Gebirge drin. Und dann ist man an Ort und Stelle. Axt! jetzt tanze du. Axt! jetzt spring« und sing« du. Schnell ist das Wägelchen voll, nun heim! Erst'ne Peiff Tobak. Hast du welchen? Ach was. Da hängt ja braunes Eichenlaub. Puch Deulbel, wie das schmeckt. Ekelhaft. Aber's raucht. Und's oerbeißt den Hunger. Schön ist's im Wald'. Die Sonn« steht nun auf Nachmittag. Dos goldene Sonnenhaar flimmert durch den Eichenwald. Hoch droben steht das schwarze Gezweig« gegen einen seidenblauen Himmel. Die Vöglein. Aha! die Kohlmeisen, die munteren Freunde. Aha! der Grünspecht, dieser nordisch« Papagei. Aber auch die schwarzen Toten- vögel: Grab! Grab! Grab! Mit der Nase'u bißchen auf'n Boden suchen, vielleicht find't man'n Goldstück— Iessas!— da könnt der Affe trinken, trinken. trinken. O! die Buben. Die Gottlosen. Die Hunde. Di« Reichen. Di« Quäler. Wieder muß man da vorbei.— Hans schluckt und schluckt.— Heil ober das auch? Wirklich! Iungfernkuß! Der erste Seidelbost. Di« zarte Blütensamilie an schlanker Silbergert«. Seidel- bast, lilarot, Dust wie Hyazinthen,— Und da-»wch-�ener, un. da, und da— wirtlich!'s gibt'n Sträußchsn, dos. kmnmt an die Mütze — und dann heim— der Magen sagt's, der Magen, der Magen. Heut abend gibt's Kartoffeln:'n Häringsfchwanz is auch noch da. Fein! Das soll schmecken, so speist kein Fürst. Heimwärts. Lustig geht's bergab'. Ha, nun geht die jüngserisch« Sonne schlafen, hinter die rosigen Vorhänge tritt sie, jetzt entkleidet sie sich, und Hans sieht das weiße Iungfrauenfleisch seiner Rike.— Ach, lang, lang ist's her. Woll an die vierzig Jahre. Nu schläft sie, die Sonne. Hans deckt sie noch'n bißchen zu, mit blauen Woltenfedern. Und Hans gibt der schlafenden Sonnenjungfer'n Kuß. Im Traume errötet sie leise.— O die hohe Wolke, zartrosig wie Psirsichblüt«. Da hinten aber kommt es hinter den schwarzen Bergen hervor, der Glatzkopf, der Bismarck, der Mond. Dieser scheußlich« Herren- schädel: der Mond, der Neider, der Schleicher, der Horcher, der dem Hans seine Liebe zur Sonn« mißgönnt. Jawohl! Auch der Wind sagl's: Der Mond is'n Ekel. Die Gicht hat er. Er kann nich laufen. Auf'n Krankenwagen rollt er über die Nachtbrücke hin. Aber die anderen, ja! das is was, die Sterne, die Freimde, die Lieben, die Mädchen. Schon singen sie. Schon tanzen sie. Wie der Reigen sich schwingt und schwingt— wohl gelungen! muß gelingen, wird gelingen, wird immer gelingen— denn Frau Venus ist Vor- tänzerin, ha! Frau Venus, das goldene Geschmeide her und die weißen Brüst«. Da trinken dürfen.— O, die Rite-- lang, lang ist's her. Und dennoch— Weiblichkeit! oh, jetzt'n Schnaps haben— vergessen, träumen, nä! sehen, fühlen, erleben. Immer bleibt das Herz jung, in seiner Liebe zum Weibe, in seiner Liebe zur Natur, in seinem Haß gegen das Böse. Das Böse? Jawohl! Hier is es schon. Hans, kehr du um. Hans, fahr nicht da an den Villen vorbei, schon bellen die Hunde, schon hörst du übermütige Knabenstimmen.— Hans! Hans!'s gibt'n Unglück. Aber schon ist man drin: mitten mang die Villen. O! die Sterne, die Sterne, wie sie tanzen, und das grüne Silber der Straßenlaterne, Gas? Elektrisch? Da, die Knabengrupp«— fünf, sechs, acht? Da stehen sie lauernd vor dem eisernen Gittertor, vor der Säulenvilla.— Ho, und ihre Augen funkeln Haß. Verachtung, Hochmut, das sind di� Elternaugen: Abkehr vom armen Manne, Dünkel. Uederhobensein, bessere Menschen Die anderen? Säufer. Hurer, Faulenzer, Vieh, Knechte, Sklaven: gebt ihnen die Rute, schlagt ihnen das Fell bunt--. Ha! Hans, Hans, Hans. Hans, was geht in deinem Herzen vor? Hans! laufe,'s gibt Unglück. Da: Rauhes Lachen— und dann: Hans Hinkebein, Laß's Saufen fein.— Und'ne Handvoll Dreck fliegt von den Knaben her, das kribbelt dem Hans in Ohren und Nacken.— Schon wieder: Hans Hinkebein, Laß's—-- Weiter kam der Spötter nicht, ein Blitz flog ihm vor die Stirne. ein Donnerkeil, die Axt! die?lxt! Das Kind ist tot. Dreizehn Jahre war der Knabe alt. Die silberne Axt biß in das zarte weiße Gehirn, spaltete Stirnhaut und Schädel. Tojigtos«tch t*% Zi�tsanwalts Sejam,_£5�1 jolgt�. Ruth, öie Gefangene. In der sGönen D�eisezett Sibzt Ruth FisGer tief Irrt 5oid, 'Weil die ÄNoskauer Despoten Ä G, das Reis en Th r verboten." Da sie trotzdein fortgeloffen Hat der BannflnG sie betroffen. Und das Herz voll tiefer Traner Hütet Rath das Vogelbauer. Die RIoral: Dreh' der-Äornintern Eigenrnächtig nicht den-- Rücken 1 M öer Jagö nach Karl Marx. Im Jahre 1871 erhielt die berüchtigte„III. Abteilung der Kanzlei Seiner Majestät des Kaisers von Rußland"(die politische Ueberwachungsabteilung des Polizeidepartements, kurz auch „Ochrana" genannt), wie aus den einschlägigen Akten zu ersehen ist, durch einen ihrer Auslandsagentcn die Mitteilung, daß Karl Marx die Absicht habe, unter fremdem Namen von London noch Rußland zu reisen. Diese Müleilung— sie ging vermutlich von dem Agenten A. Balaschewitsch-Pototzkij aus, der sich damals in London aushielt und Zutritt zu Karl Marx hatte— wurde in Petersburg mit großer Beunruhigung aufgenommen. Es wurden sofort entsprechende Maßnahmen ergriffen, da der Einfluß der I. Internationale Ansang der siebziger Jahre in Europa bekannt- lich groß war, und der Name ihres Führers bei den damaligen Regierungsmännern aller europäischen Staaten keine angenehmen Gefühle auslöste. Die„III. Abteilung" erlieh sofort an alle Gen- darnierievcrwaltungen der Grenzzone folgendes geheime Rund- schreiben: Nr. 1338. ' 10. August 1871. Geheim! Der Vorsitzende der deutschen Sektion der Internationalen Bereinigung und eines ihrer tätigsten Mitglieder— der Literat Karl Marx, beabsichtigt mit englischem Paß unter dem Namen Wallacc mit böswilliger Absicht nach Rußland zu gelangen. Ich ersuche Euer Hochwohlgeboren ergebenst, das Erscheinen des M a r x- W a l l a c e innerhalb unserer Landesgrenzen aufs strengste zu überwachen, sowie im Falle seiner Aufgreisung die III. Abteilung der Kanzlei Seiner Majestät des Kaisers telegra- phisch zu oerständigen und die Anordnungen derselben abzu- warten. I. V. des Abteilungschcfs gez. Geheimer Rat Gribowskij. Außer diesem Zirkular, dos an den Chef des Gendarmerie- korps Oberst Shitkow und an die Chefs der Gendarmeriebezirks- Verwaltungen von Beßarabicn, Podolien, Wolhynien, Koyino und Warschau hinausging, wurde an den Chef der Gendarmeriever- woltung von Odessa, Ober st Knopp, bereits am 24. Juli 1871 ein dementsprechendes dringendes Telegramm gerichtet. Diesem Oberst Knopp blühte schließlich ein ganzes Jahr nach Empfang des Telegramms— im Mai 1872— das ungeheure Glück, sich ein paar Tage in der Meinung und in dem erhebenden Gefühl zu wiegen, den gefährlichen Revolutionär Karl Marx in Odessa„ausfindig gemacht" und zwei Tage strengen Stubenarrests über ihn verhängt zu haben. Den Vorgang der Per- Haftung schildert Knopp selbst in einem Schreiben an den Ehes des Gendarmeriekorps, das ebenfalls in den Akten enthalten ist, sol- gendermaßen: „Mit dem Dampfer au» Konstontinopel traf am 18. Mai dieses Jahres Julius Zllexander Maria Marx, gebürtig aus der Stadt Leipzig, ein, der im Iahte 1863 die englische llntertanschaft ange- nommen hat und, wie er angibt, in der Stadt Nottingham wohn- Haft ist, woselbst sein Vater ein Handelshaus hat. Sein Paß ist von Lord Grenville ausgestellt und am 1./13. April dieses Jahres von unserem Konsul visiert. _«Dk Dexejche Eurer Erlancht vom äL Juli oorisea Jahres jg Betracht ziehend, in der mir vorgeschrieben wurde, einen gewissen Marx, der aus Konstantinopel eintreffen soltte, zu verhasten, habe ich, um Ihren Befehl genau auszuführen, da mir keine besonderen Merkmale, ja nicht einmal der Vorname des Marx bekannt ist, und da ein Mißverständnis möglich wäre, zumal bei seiner Durch- suchung nichts Verdächtiges gefunden wurde, ihn keiner förmlichen Verhaftung unterzogen, sondern ihm durch Vermittlung des Stadt- Hauptmanns— der in diesem Betreff eine Vorschrift des örtlichen Generalgouoerneurs hatte— vorgeschlagen, entweder bis zur Auf- klörung der durch seinen Familiennamen entstandenen Zweifel auf dem Dampfer zu verbleiben, oder aber an Land zu gehen und noch eigener Wahl in einem beliebigen Gasthof abzusteigen, sich jedoch zu verpflichten, sein Zimmer vor Erlaubniserteilung nicht zu ver- lassen. Es wurde ihm hierbei die Möglichkeit gewährt, jene Per- sonen bei sich zu empfangen, zu denen er in geschäftlichen Be- Ziehungen zu stehen vorgab. Der Paß des Marx oerblieb beim Stadthauptmann, während vor seinem Zimmer ein Polizist postiert wurde." Durch Telegrammaustausch mit Petersburg wurde der Irrtum aufgeklärt und der„falsche" Marx aus freien Fuß gefetzt. Der diensteifrige Knopp rapportierte daraus seinem Vorgesetzten: „Nach dem heute erfolgten Empsang des Telegramms von Eurer Erlaucht wurde Marx sofort von der weiteren polizeilichen Beaufsichtigung befreit, lieber die ihm bereiteten Schwierigkeiten beschwerte er sich brieflich bei seinem hiesigen Konsul, der übri- gens dieser Beschwerde keine besondere Beachtung schenkte und noch entgegengenommener mündlicher Er- klärung die Anordnungen der Ortsverwaltung b il- l i g t e." Da er sich jedoch die verlockende Ehre nicht entgehen lassen wollte, den Revolutionär Marx doch noch zu sangen, fügte der ehrgeizige Knopp seinem Schreiben den folgenden Absatz hinzu: „Indem ich dies Eurer Erlaucht melde, nehme ich mir die Ehre, Sie höflichst zu bitten, wenn besondere Merkmale oder ge- nauere Angaben zur Feststellung der Person jenes Marx vorliegen. der noch der Ankunft in Rußland zu verhaften ist, mir diese zur Vermeidung möglicher Mißverständnisse mitteilen zu wollen." Auf„Erlauchts" Veranlassung sandte man Knopp schließlich auch noch, seiner Bitte entsprechend, ein Lichtbild von Karl Marx. Selbstverständlich ist es dem ruhmsüchtigen Gendarmerieoberst von Odessa trotz all seinen weiteren Bemühungen nicht gelungen. den„echten" Marx zu„schnappen". Ob er trotzdem in Anerken- nung seines vaterländischen Diensteifers zum General befördert oder doch wenigstens mit einem Orden ausgezeichnet wurde— ist aus den Akten leider nicht zu ersehen. Hans R u o s f. öetel unö Kautabak. Die besonders in Amerika weit verbreitete Sitte des K a u e n s scheint auch bei uns mehr und mehr Verbreitung zu finden. Bisher begnügte man sich mit dem„Priemen", neuerdings bricht sich aber auch das Kauen schwerlöslicher Bonbons Bahn. Am verbreiterten ist in Asien und Amerika dos Betel kauen: in Asien wird es schon seit Jahrhunderten leidenschaftlich betrieben. Hergestellt wird der Betel aus zerkleinerten Teilen der Arckanuß, die in die Blätter des Betelpfeffers gewickelt und mit gebranntem Kalk gestrichen werden. Diese kleinen Klumpen wurden dann von den Frauen zu- bereitet und in teilweif« recht kostbaren Gefäßen für die Männer aufgehoben. Pei der Arbeit,.auf der Jagd und bei gemeinsamen Züfammenkünsten-biidetc der Betel einen großen Teil ihre» körsifr- lichen Wohlbehagens, ja, einzelne afiattfche Völkerschaften, wie'«die Negritos und die Weddähs, brachten Betel ihren Göttern zum Opfer und hielten starkes Betolkauen für ein den Gottheiten wohlgefälliges Werk. Wie groß die Leidenschaft des Betelkäuens bei den asiatischen Völkerschasten war, kann man schon daraus ermessen, baß nach einer Ende vorigen Jahrhunderts erschienenen Stottstik in einem Jahre 2l)0 Millionen Kilo A re ka n ü ss e für die Her- stellung von Betel gebraucht wunden. In Amerika freilich ist die Leidenschaft nicht weniger verbreitet. Auch dort ist die Betelkauerei uralte Sitte, sie wird aber auch von den Eingewanderten nicht ver- schmäht, denn diese gewöhnen sich bald an die eigentümliche Passion. Wenn man der Ursache dieser Manie nachgeht, so kann man an- nehmen, daß zweierlei dabei eine Rolle spielt. Erstens verschalst die der Arekanuß anhastenlde Gerbsäure dem Kauenden einen an- genehmen Gaumenkitzel, und sodann kommt der Kauende dadurch in einen„guten Geruch". Im Gegensatz zum Betelkauen ist das Tabak kauen eine europäische Erfindung. Es wird bei uns heute noch stärker als man allgemein annimmt, ausgeübt. Das Heer der leidenfchafttichen Tabakkauer ist nicht gering, und inanch einer glaubt, ohne den „Priem" im Munde nicht leben zu können. Zur Herstellung dieses beliebten Kaumittels ist am besten der schwerste Virginia-Tabok ge- eignet. Die Tabakblätter werden ausgelaugt, mit verschiedenen Soßen getränkt und dadurch einem Beizverfahren unterzogen. In Nordamerika, wohin das Tabakkauen von Europa aus verpflanzt wurde, konnten schwere Kronkheitssymptome, die durch das Kauen hervorgerufen wurden, festgestellt werden, so u. a. hochgradige Der- dauungsstörungen und seelische Erschütterungen. A. I. Da» Rätsel der„Schwere". Auf die Frage„Warum fällt der Stein auf die Erde" gibt der Laie wohl meist die selbstverständliche Antwort: weil der Stein schwer ist. Die Physik führt hier den Be- griff der Anziehungskrast ein. Der Stein bewegt sich zur Erde, weil er von der Erde angezogen wird. Was aber die Anziehungs- traft ist, das ist noch recht rätselhaft. Der Physiker Hartsough an der Universität Columbia hat Versuche unternommen, die das Wesen der Erdanziehung aushellen sollen. Er ging von dem Gedanken aus, daß auch der Mond aus die Gegenstände eine Anziehung aus- üben müsse und daß die Mondanziehung� um so stärker sei, je näher sich der Mond bei der Erde befinde. Steht der Mond im Zenith, so muß also das Gewicht eines Gegenstandes am geringsten sein. Hartsough hat nun ein außerordentlich feines Meßinstrument ton- struiert, mit dem tatsächlich Gewichtsschwantungen je nach der Stellung des Mondes festgestellt werden konnten. Das lieber- raschende aber war, daß das Gewicht eines Gegenstandes nicht am geringsten war, als der Mond im Zenith stand, sondern kurze Zeit danach. Es scheint somit aus diesem Versuche hervorzugehen, daß sich die Anziehungskraft— ähnlich wie der Schall und das Licht— im Räume fortpflanzt. Die Untersuchungen hierüber sind noch nicht beendet, man darf hier aber noch auf manche wertvolle Entdeckung rechnen, die das Rätsel der Anziehungskrast einer Lösung nahe- bringen werden. warum macht schwarze Kleidung schlank? Dem aufmerksamen Beobachter wird es nicht entgehen, daß wohlbeleibte Damen in einem schwarzen oder dunklen Kleide bedeutend schlanker erscheinen als in einem weihen. In derselben Weise lassen weiße Handschuhe die Hände und helle Schuhe die Füße größer erscheinen, als wenn sie dunkel bekleidet sind. Diese eigentümliche Tatsache beruht auf den optischen Fehlern des Auges, die zusammen die sogenannte Irradiation bewirken. Diese besteht darin, daß im Bewußtsein helle Flächen größer erscheinen als gleichgroße dunkle. Diese durch„un- genaue Konstruktion" des Auges hervorgerufene Irradiation bewirkt nämlich, daß im Bild aus der Netzhaut das Licht des hellen Gegen- stände? etwas über die dunkle Umgebung hinausgreist. Dadurch er- scheint der helle Gegenstand aus Kosten seiner dunkleren Umgebung etwas vergrößert. Wer also seine etwa- übermäßige Körpersülle ein wenig oerbergen will, meide unbedingt zu helle Kleidung. Ei« «acht chn, in unjeten Augen nur noch stört erl Meagenabgabe vorbehalten Große Posten Kaffeedecken ca. 110x110 cm, imlt. Leincu 1.28 Frotti erHandtücher buntgemustert. Kräuselstoff 0.78 Reinleinene Handtücher vorzügl. Qual, ca. 48x100 cm, gesäumt und gebändert 0.95 Korsetten Unsere Preise sind in vielen Abteilungenteilweise Kleidersiotte zur Hälfte herabgesetzt. 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Juli 1936, nachts ll'J, Übe. cntlchücf nach langem Krankenlager mein lieber guler Mann. unser herzensguter Vater, ber frühere Sewerlschastsangeftellte Paul Zelske im 52. Lebensjahre. Die» zeigt tielbetrUbt an Elf» Zeisk». geb. Pomabt nebst ftinbetn Reinickenbork-OIt, ben 5. Juli 1926. Die Einäscherung findet am Don- nerstag, den 6. Juli nachm. Vi, Uhr, im Krematorium(Berichislr. 37/38 statt Am 5 Juli verschieb nach kurzem. aber ichwerem Krankeniager nniere innig stgeiiebie Mutter. Schwester, Schwieger» und Großmutter Hedwig Schulze geb. Bannemann, im 68. Lebensjahre. O 112, Simpionstr. 6. Für die Hinterbliebenen: Eieorg Schnlze und Jean. Beerdigung Donnerstag, 8 Juli, nachmittags 2 Uhr. von ber Halle des Stäbtifchen ffriebhois an ber Bornitz. straße in Lichtenberg. flolZdSllGSk WodieiieBdhteaer— Proapektc gratl. 1 Wald- Q. Waaacrparzelleii- Nach wetz. Am Sonntag, den 4. Juli, verschieb nach langem jchweren Leiben meine inniggeliebte Frau, unsere Mutter, Groß- und Schwiegermutter, Frau Emilie Burg geb. Hille Diese« zeigt an ber tiefbe- trübte Gatte wilh. Bncg, als Kinder Otto Steahi, Frieda Strahl geb.Burg! Artur Ruckjer.Erna Ruckjerged.Burg. Berlin, den 7. Juli 1926. Einäscherung am Freitag, abend» 6 Uhr. im Krematorium Serichtstr. Korbmöbel Große Auswahl! Billige Preise! Peddigrohrliseh von 5,75(4. an Peddigrohrsessel von 7,50 M. an Speilal-Korbnilielbaöi Edmund VoB Neukölln, SerllHr Str. 1t, Anzahlung gestattet Uanksaguag. Allen denen, die mei- nem lieben Mann Andrea» Bode die letzte Ebre erwiesen haben, besonder» dem Deutschen Peekebr«- bunb. ber 103 Abt. ber SPD Oberschöne. weide und dem Spar- verein Biene, aus die- lern Wege meinen innigsten Dank. Oberichöneweide, den 5 Juli>926 Witwe Elise Bob«, geb. Schultz.» Iriiuewenttii jeder Art lielert preiswert Panl Golleta. vormal» liberl Unn Marlanncnsir.3. 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Das Kommunique der Reichs- bank über die entscheidende Zentralausschuhsitzung hat folgenden Wortlaut: In der heutigen Sitzung des Zcntralausschuffes der Reichsbank teilte Vizepräsident Kaüsfinann in Vertretung des auf Urlaub befindlichen Reichsbankpräfidenten Dr. Schacht mit, daß das Reichs- bantdircktorium beschlossen habe, den Reichsbank d i s k o n t wester von 6� auf 6, Proz. und den Lombardzinssutz entsprechend von 7'/i auf 7 Proz. herabzusehen. Er wies zur Begründung der Diskontermätzigung darauf hin. dah die letzte Ermähigung auf die Inanspruchnahme der Reichsbank kaum einen Einsluh ausgeübt habe. Sie habe infolge des Halbjahresultimos in der legten Juniwochc naturgemäß zwar etwas zugenommen, und die gesamte Kapitalanlage in Wechseln, Schecks. Lombard und Effekten sei etwa Ivl Millionen Rm. größer, als Ende Mai. Davon ent- fielen aber 56 Millionen auf Lombarddarlehen, die stets nur für wenige Tage aufgenommen werden und deren Rückzahlung bereits wieder eingesetzt habe, und nur rund 44 Millionen aus den Wechsel- bestand: das eingereichte Wechselmaterial sei überdies ganz kurz- saftig. Demnach habe sich die vorübergehende Verknappung des oifenen Geldmarktes am Ultimo Juni auf den Status der Reichsbant kaum ausgewirkt: es fei wohl auch zu berücksichtigen, daß die kürzliche Versteifung des Marktes teilweise in markt- technischen Momenten ihren Grund habe. Wenn auch die Geldmarkt- und Wirtschaftslage nach wie vor ein vorsichtiges Vorgehen geboten erscheinen lasse, so sehe sich doch die Reichsbank nach Prüfung aller Umstände in der Lage, eine nochmalige Zins- ermäßigung vorzunehmen und erwarte, dah durch die neue Diskont- Herabsetzung, die sich automatisch aus die Zinssätze de» ganzen Landes übertragen werde, eine weitere Entlastung an vielen Stellen eintreten werde, die entsprechend günstige Rückwirkungen auf die Gesamtwirtschast und insbesondere auch aus die Verhältnisse am Arbeitsmarkt auslösen könnte. Die Lage des inter- nationalen Geldmarktes auf die in Fragen der Diskontpolitik Rück- ficht genommen werden mühte, stehe einer' weiteren Diskont- ermähigung in Deutschland nicht im Wege. Uebriqens wolle auch die Golddiskontbank ihren Diskont um>4 auf 5 Proz. ermäßigen. Tie Gründe der Herababsetzunft äußerlich plausibel. Sieht man die Gründe der diesmaligen Herabsetzung an, wie sie von der Reichsbant gegeben werden, und betrachtet sie im Rahinen der übrigen in diesem Jahr durchgeführten Diskont- ermäßigungen, so erscheint auch die diesmalige Herabsetzung durch- ous verständlich. Die Reichsbank hat recht, wenn sie ihrer zum Halb- jahrsultimo etwas größeren Inanspruchnahme nur geringe und vor ollem vorübergehende Bedeutung beimißt. Di« Der- Änderungen im Status der Reichsbank zum 30. Juni sind durchaus nicht ungewöhnlicher Natur. Die gesamte Kapitalanlage stieg gegen die Vorwoche nicht stärker als um 202,2 Mill. Mark. Davon ent- fallen allein, was bei den gestiegenen Börsenkursen und der riesigen ' Aörsentätigkeit der letzten Wochen nickst verwunderlich ist, lZ8 Mill. ous hereingenommene Esscktenlombarde. Auch die Steigerung des Wechselbestands um 64,3 auf 1288,2 Mill. M. entstammt nicht er- böhter W i r t s ch a s t s tätigkeit, sondern dem vorübergehenden Geld bedarf der Banken: das ergibt sich demlich aus dem Kommunique zur Diskontermäßigung, das ausdrücklich die durch- gängige Kurz fristigkeit der neu hereingenommenen Wechsel betont. Dah es sich um ei« reine Halbjahrultimoanspannung bandelt, zeigt auch die Bewegung der Giroeinlagen der Kundschaft und der Deckungsdevisen. Erstere gingen um 237,1 auf 526,9 Mill. zurück: letztere stiegen, offenbar durch Bankenverkäufe, um 175 Mill. auf 325 Millionen. Der Mehrabsluß an Reichsbanknoten(473 Mill.) und an Rentenbankscheinen(150,8 Mill.) erklärt sich aus diesen An- snrderungen der Banken zur Erhöhung ihrer Liquidität ganz zwang- los. Selbst wenn man annstmnt, dah die Banken die Leichtigkeit des Ultimos überschätzt haben(Staaten und Gemeinden, die Börsen verlangten auch beträckstliche Summen), so ist das Bild der Reichsbank doch nicht so, daß sich im Rahmen der bisheri- gen Politik der Reichsbank die Herabsetzung nicht rechtfertigen liehe. Auch wenn man den Iuniabschluh der Reichsbonk mit den vorhergehenden Monats- und Ouartolsabschlüsien der Reichsbonk vergleicht, ergibt sich, immer im Rohmen der bisher g e- übten Diskontpolitik, nichts Auffälliges: Ende 25 1. Quart.-Ende Ende Mai S.Quart.-Ende ISS« 1S2S lSZS Roten und Schulden sin Millionen Mary ReichSb. Notenumlauf 2960 3l60 2878 2971 Giroeinlg.d. Wirtschaft 697 628 579 627 Kredite a. d. Wirtschaft Lombardkredite.. 10 77 87 143 W-chselkredite... 1915 1216 1244 1288 lWeiterbegeb. Wechsel(473,1)(413,6)(37,7)(0) Notendeckung durch Gold.... 1208 1491 1492. 1492 durch Devisen... 402 481 387 326 zusammen.... 1610 1972 1879 1817 Deckung SV erhältni« Gold u. Devisen zus. 64,4 Proz. 64.4 Proz. 66,3 Proz. 61.2Proz. Gesamter Geldumlauf 6181 6062 6043 6180 Nachdem die Reichsbank einmal endgültig seit April etwa die Herrschaft über den Geldmarkt an die Privatlwnken abgetreten Katte, hatte sie ja keine andere Wahl, als in der Diskontpolitik dem Geldmarkte zu solgen, wenn sie nicht ganz aus dem Geschäft kommen wollte. Die obige Gegenüberstellung zeigt ja. daß, wenn man von den an die Privatbanken verlorenen Wechselgeschästen der Reichsbonk absieht, der Reichsbanknatenumlauf, dessen Gold- und Devisendeckung und der gesamte Geldumlauf keinerlei Verände- rungcn ausweist, die bedenklich erscheinen mochten. Soweit scheint alles in Ordnung. Innere Bedeutung und Gefahren. Dennoch messen wir der diesmaligen Herabsetzung eine de- sondere Bedeutung bei. Das liegt nicht an dem halben Prozent Er- Mäßigung. Aber in der Begründung des Kommuniques liegt dies- mal eine besondere Note auf den Rückwirkungen, die die Reichsbank von ihrer Politik für die Gesmntlage der Wirtschaft und den Arbeitsmarkt erwartet. Bon solchen günstigen Rückwirkungen auf die Krisenlog« zu sprechen, hat sich die Reichsbank bisher sorgfältig gehütet, weil sie sich des Verlustes ihrer Führerrolle und ihres Einfluises auf die Wirtschaft offen- bar bewußt war. Daß sie sich heute gebärdet, als ob sie diesen Einfluß besäße, da? erscheint uns im I n t e r e s s e d e r ö f f e n t- lichen Wachsamkeit gegenüber der Reichsbonkpolisik außer- ordentlich gefährlich. Diskontpolitik und Wirtschaftskrise. Wir haben bisher die Aufmerksamkeit der Oefsent- l ich ke it gegenüber der Kredit und Diskontpolitik der Reichsbant. weit DiK-qTiiir hntz LMK»£er �tz>>i4Ai>g- schlechthin erblicken, mit Nochdruck hochzuhalten gesucht.. Wir taten das, weil wir die bisherige Reichsbankpolitik. ipätestens feit der e r st e n Diskontermäßigung am 26. Februar 1926 für falsch hielten Wir waren und sind der Ueberzeugung, daß in einem be- triebskapitol armen Lande wie Deutschland, sollte nicht glerchzeitig die Sanierung bei Gesamtwirtschast gefährdet werden, der Preis des Umschlagskapitals hoch sein müsse. Die Borsorg« gegen leicht- fertige Uebersüllung mit ausländischem Leihkapital, der not- wendige Zwang zur richtigen Anpassung des Eigen kapijals der im Ausland borgenden Unternehmungen an das geliehene Um- l ch l a g s kapital, der Zwang, zur T i ef er b e w e r t u n g der Uisternehmungen und Bodengüter bis zur Wiederher st el- lung der dauernden Rentabilität, die Vorsorge für den schnell- st en und wirksam st en Umschlag der geringen eigenen und der geborgten Umschlogsmittel in der Privatwirtschost, im Zusammenhang damit die schnellste, reichlichste und wirk- s a m st e Versorguna der deutschen Wirtschast mit ausländischem Betriebskapital, endlich die unabweisbare Notwendigkeit, dos seit dem Aushören der Krcditratiomerimg endgültig gewordene Zins- Monopol(Zinsspanne!) der kartellierten Privatbanken zu brechen und die geradezu wirtschosts zerstörende Kreditzwangswirtschaft der Privatbanken zu beseiti- gen: das waren unsere Gründe, weshalb wir für die ganze Dauer der Wirtlchastssaniemng in Deutschland nicht niedrige, sondern hohe Letriebskapitylspreise für notwendig hielten. Da die Reichs- dank dos einzig« Unternehmen in Deutschland ist, das durch ihr Notenprivileg von der Mrtfchastslage u n abhängig ist und deshalb allein in der Lage ist. die Wirtschaftlichkeit der Wirt- schostssonierung mit Erfolg zu überwachen und zu lenken, desbalb forderten wir auch die Herrschaft der Reichsbank auf dem deutschen Geld- und Kapitalmarkt. Ganz anders als in nor- malen Fricdenszeiten, wo es durchaus ein Nebeneinander- und Zusammenwirken der Reichsbank und der Großbanken geben konnte, weil die Bolkswirtschast in ihrer Gesamtheit gesund und nie sanierungsbedürstig war, hielten und halten wir noch die absolute Unterordnung der Privatbanken unter die Reichsbank sür unverbrüchliche Notwendigkeit der erfolgreichen Wirtschastsgestindung, durch das Versagen der Reicksbankpolitik ist es ander« gekommen. Die Fehler der Reichsbankpolitik.— Wir warnen! Di« Reichsbank hielt sich für sähig, die Kapitalpreise zu „machen*. Wahrend sie bei einer Diskontpolitik nach oben mir den Gesetzen einer kranken und betriebskapitalhungrigen Wirtschaft gefolgt wäre, während sie in einer solchen Wirtschaft durch ihre Diskontpolitik noch oben und ihre Herrschaft über den Geld- und Kapitalmarkt diesen Gesetzen nur Ausdruck gegeben hätte, bat ihre Diskontpolitik nach unten und ihr Verzicht auf die Herrschast gegenüber den Privatbanken die Gesamtwirtschast zum Spielball der Jnterellenten, zum ausschließlichen Ausbeutungsobjekt des Finanzkapitals gemacht und die Gesamtwirtschast jeder plan- inähigen. krisenpolitischen Führung beraubt. An die Stelle der normalen Funktion der Wirtschaftsgesetze, die durch die Reichsbankpolitik in Deutschland erst m i e d e r h e r z u- stellen gewesen wäre, wurde die Diktatur der hochkapitalistischen Sonderinteresien gesetzt, und die Reichsbank selbst wurde, spätesten, seiL ihren Konzernstützungen zuaunsten der Großbanken, vom Subjekt zum Objekt des Finanzkapitals und seiner Sonder- interefsen. Als spätestens im April dieses Jahres die unbeschränkte Herrschaft der Privatbanken und die absolute Ohnmacht der Reichs- bank offenbar wurde, haben wir es verstanden, daß die Reichs» bank sich dein Zwange fügt« und mit ihrer Diskontpolitik dem Geld- und Kapitalmarkt zunächst folgt«. Wir erwarteten ober, daß die Reichsbonk mit ihren Diskontermäßigungen nur in Bereitschaft« st ellung ging, um baldigst nachzuholen, was sie�in den beiden Jahren gefehlt hotte. Ihre heutige Haltung zwingt nunzu derBefürchtung, daß die Reich-bank sich definitiv ihrer Dienerrolle fügen will. Wäre dos der Fall, so käme die deutsche Gesamtwirt- schaft, aus dem Höhepunkt der schwersten Krise, durch die«in. seitige Herrschaft der Sonderinteresien des Schwer- und Finanz- kapital? genau so ins Schwimmen, wie sie während der Inflation durch deren Herrschaft und die Untätigkeit der Reichsbonk in» Schwimmen kam. Die deutsche Oeffentlichkeit scheint zu v e r- g« s s e n. daß auch mit einer st a b i l e n Währung eine Volkswirt- schaft zugrunde gerichtet werden kann. Die deutsche Wirtschait wäre ober zugrunde gerichtet, wenn die Millianenarbeitslosigkeit, die Deutschland wegen seiner ausschließlichen Borger- stellung niemals wie England etwa finanzieren kann, von der Privatwirtschaft nicht einmal voll zurück- gesaugt werden wird. Daß das nicht geschieht, dahin wirkt die heutige Herrschaft des Schwer- und Finanzkapitals. Daß das Der c�eurtsel�russiselTe H an del sverlielir iqi3u.l9ÄV19�6 In Killionen Mark 2.'5'6Ta B�EinfuKrla'iis Ruß.land ■ Ausf.uKf nacH Rußland _ �SOLö 11**0.1 "VierteljaTxpsdurckschii. I. II. x s definitiv nicht geschehen könnte, dahin würde der Verzicht der Reichsbank auf ihre Führerstellung wirken. Wir haben un, bisher mit der Kritik der Reichsbankpolitik zurückgehalten. Heute aber hoben wir uns verpflichtet, die Oeffentlichkeit im Gesamtinteresse zu warnen. K-r. Internationale tvirtschastekonferenz. Zweite Sitzung im November. In diesen Tagen weilt einer der leitenden Beamten der Wirt- schaftssektion des Völkerbundes in Berlin, um mit Wirtschaftsführern, u. a. auch mit deutschen Delegierten zur Vorbereitenden Inter- nationalen Wirtschostskonserenz Rücksprache zu nehmen. Man ist in Genf zu der Ueberzeugung gelangt, daß es unzweckmäßig sein würde, aus der zweiten Sitzung der Barbereitenden Wirtschostskonserenz. die im Monat November stattfinden soll, das gesamte im Mai von der Konferenz ausgestellte Programm zur Beratung zu bringen. Nach den Ersahrungen, die man bisher gemacht hat, würde die Beratung des Mai-Pro- gramms eine derartig umfangreiche Moterialsammlnng voraus- setzen, dah allein die vorbereitenden Arbeiten mehrere Jahre in?ln- spruch nehmen würden. Bei allen Teilnehmern der Konferenz ist jedoch der Wunsch stark zum Ausdruck gekommen, die Konferenz so bald als möglich stattfinden zu lassen, um zu verhüten, dah sich der Gedanke einer internationalen Wirtschostskonserenz im Sande verlaust. Man setzt in Genf schon heute das Einverständnis der deutschen Vertreter nor. aus. einige wichtige Fragen, wie Z. B die der internaiionnlen Kar. t e l l i e r u n g und der Zollprobleme aus der Masse der aus. getauchten Wirtschaftssragsn herauszuschälen und gesondert auf der endgültigen Winschaftskonserenz, die in jedem Falle erst im Herbst 1 92 7 stattfinden kann, behandeln zu lassen. Welch« Pläne auch zur Durchführung gelangen, es wird immer Aufgabe der Arbeitervertreter auf der Konferenz fein, dajür zu sorgen, daß die Arbeiterinteressen im Zusammenhang mit den zur Behandlung stehenden Fragen erörtert und gewahrt werden. Auch bei der Herausnahme einzelner Fragen zur Sonderbehandlung wird die gröhte Aufmerksamkeit der Arbeitnehmervertreter insofern not- wendig sein, als dafür gesorgt werden muh, dah nicht etwa ous diese Weise die Behandlung einer Reihe der Arbeitnehmer besonders interessierender Probleme unmöglich gemacht wird. Ueberzcichnung der ZNontantrustanicihe. Die Darmstädter- und Nationolbank teilt mit, dah die Zeichnung auf die Anleihe der Vereinigten Stahlwerke sofort nach Erössmmg infolge vielfacher Ueberzeichnung geschlossen werden muhte. Erhöhung russischer Einfuhrzölle. Soeben wird das Detrct der Sowjetregieruug vom 15. Juni d. I. oerösfentlicht, das eine Erhöhung des Einfuhrzolls für eine Reihe von Waren beim Import über die europäi- fche Grenze verfügt. Die Erhöhungen erstrecken sich vorwiegend auf Waren, die von den wohlhabenderen Beoölkerunaeschichten ge- braucht werden, und auf Rahstosse, die zur Herstellung jolcher Waren verwendet werden. U. a. sind die Zölle auf gewisse Obst- und Beeren- sorten, Oliven und Gewürze erhöht worden, so z. B. der Zoll qvf Vanille von 12 ous 50 Rbl. pro Kilogramm. Der Zoll aus ungk- mahlenen Rohlafsee ist von 37 aus 75 Rbl. pro 100 Kilogramm�aüf gebrannten Kassee, gemahlen und ungemahlen, van 74 ovi 120 Rbl. pro 100 Kilogramm erhöht worden usw. Der Zoll aus Kondilor- waren beträgt 215 Rbl. pro 100 Kilogramm brutto, auf Kolao, un- gemahlen, 100 Rbl. pro 100 Kilogramm(bisher 13 Rbl.), auf gebrannten Kakao 170 Rbl.<37 Rbl.), auf>Kalaopiilver ohne Zucker 250 Rbl.(225 Rbl.), mit Zucker— 500 Rbl., aus Salz- vi: d Raucher. Heringe 9 Rbl.(3 Rbl.). Der Zoll aus Flaschenkorken wird von 36 Rbl. aus 150 Rbl. pro 100 Kilogramm erhöht, aus Kautschuk und Guttapercha von 6 aui 25 Rbl., aus alkoholhaltige Parfümerieivrrren und Kosmetik von 13 auf 175 Rbl. pro Kilagranm, briillo, ans Rasiermesser und-klingen von 25 Rbl. aus 100 Rbl. pro Kilogramm. Besonders hervorzuheben ist, dah die bisherige Verzollung nbn Automobilen undMotorrädern nach dem Gewicht durch eine Verzollung noch dem Wert des eingesichrten Fahrzeuges ersetzt wird.' Der Zoll aus Motorräder und Automob-I« mir nächstens acht Sitzen beträgt bei einem Preise von 9000 Rbl. 35 Proz. des Wertes, bei einem Preis über 9000 Rvl. 50 Proz. Diele Zolle beziehen sich auf Krastsahrzeuge, die sür die russischen Verhälmisj« standardisiert sind: für andere Kraftfahrzeuge beträgt er 100 Proz. des Wertes. Für Autobusse mit inebr als acht Sitzen stellt sich der Zoll aus 15 Proz. des Wertes bei Standardiypon und auf 50 Proz. bei nichtstandardisierten Typen. Bei Lasiqutos, Feuerwehrautos, Zisternenwogen, Sonitätsavtos u. dql. betragt der Zoll 12 bzw. 50 Proz. des Wertes. Außerdem ist der Disseremial- taris sür die Ein- und Ausfuhr über Mannansk teilweise geändert worden Die neuen Zollsätze werden vom Mo-lauer Zollamt bereits angewendet und sollen in kurzer Zeit auch bei den anderen Zoll- amtern eingeführt werden. vi« rheinisch-bergische sionsumgenessenschist„Hossmmg" GmbH. in Köln, eine der größlen rbeinischen Konsumnereine, blickt in diesen Tagen aui ihr 25iährigez Bestehen zurück. Die„.Hojsnnnq" wurde 1900 in Mllhlheim a. Rh. gegründet und erlebte einen sehr raschen ?lusstieg, vor allem dadurch,' daß sie ihr Arbeitsgebiet nach der linken Rheinseite verlegen konnte. Schon im Jahre 1908 muhte eine groß-- Zentrale in Köln-Kalk in?lnarisf genommen werden, deren Bäckerei ein Jahr später aus das Doppelte vergrößert werden konnte Nach der Aufhebung der Zwangswirtschaft setzte 1920 eine neue Aufwärts- entwicklung ein. Die im Jobre 1921 erfolgte Verschmelzung mit der Konsumgeirossenschast„Solidarität* des benachbarten Solinger Kreises brachte einen starken Zuwachs an Mitgliedern und Ver- teilungsstelle». Im Jahre 1924 nahm dann die„Hoffnung* auch den Bezirkskonsumverein Mittelrhein mit dem Sitz in Koblenz aus. In einem weiten Arbeitsgebiet unterhält die Kenajsenschast nunmehr 161 Lebensmittelverteilungsstellen, in denen sich mehr als 70 000 Mit- gliederfomilicn mit dem lebensnotwendigen Bedarf versorgen. Die Belieferung dieser Berteilungsstellen geschieht von drei Zentral- logern in Köln-Kalk. Ohligs und Koblenz aus. An diese Zentralen sind moderne Großbäckereien mit zusammen 21 Auszugsbackösen an- gegliedert. Der Jahresumsatz der Genossenschaft erreichte im avge- laufenen Geschäftsjahr etwa 12 Millionen Mark. HÄG Ich habe Kaffee Hag sowohl in der Praxis als auch In meinem Familiengebrauch häufig angewandt In den meisten Fällen, wo der gewöhnliche Bohnenkaffee contraindizierend ist. leistet Kaffee Hag sehr gute Dienste,- er wird auch gern genommen, da er in puncto Aroma hinter keinem Bohnenkaffee zurücksteht Nachtsitzung im Lanötag. Der Fall Lessing.— Der Etat in 3. Beratung. Im weiteren Aerlauf der gestrigen Landtagesitzung gab tlbg. veerberg(Dnat.) die bemerkenswert« Erklörung ab. er und seine politischen Freunde wüßten, daß in weiten Kreisen de» deutsche» Voltes nicht das Vertrauen zur Justiz bestehe, wie es in einem Ziechlsstaate ersorderllch wäre. Daran tragen aber nicht die mnrali. schen Qualitäten des deutschen Nichte rstcm des die Schuld. Der Grund liege vielmehr darin, daß unser Volk da» Recht nicht mehr versteht und daß sich kein Mensch in dieser Fülle mehr oustenn«. Der Staat müsse darauf halten, daß er selbst«in« Gesetzgebung gebe, die auch von Ministerien und Volksvertretungen selbst geachtet werden. Sind die wohlerworbenen Rechte der Beamten, die in der Verfassung garantiert sind, nicht Stück für Stück den Beamten ge- nommen?(Sehr wahr! rechts.) Glauben Sie. daß das Problem der Aufwertung je zur Ruhe kommen wird?(Zurufe und Lachen links.) Das Boll wird kein 35er. ständnis dafür haben, daß in der Inflation eine Rechtsprechung an dem Grundsatz fest hielt: Mark bleibt Mark. Wenn die höchsten Richter erklären, die Gesetzgebung sei derart, daß Zweifel bestünden, ob der Rechter überhaupt noch ein formal richtig zustande gekommenes Desetz anwenden dürste, so zeigt da», wiewest wir mit dieser formalen Gesetzgebung gekommen sind. Deerberg streift im weiteren Verlauf seiner Rede den chochverratsfall Tlaß und schließt: Di« Schicksalsfrage unseres Juristenstandes und unseres Redzts liegt heut« darin, ob es uns gelingt, wie es in der Llersasiung gefordert wird, durchzusetzen und zu erhalten, daß der Richter nur sich und dem Gesotz gegenüber verantwortlich ist. daß er sich frei hält von allem politischen Ginfluß, und von dem Einfluß von Parteiinstanzen. Wenn«Kr von diesem Grundsatz abweichen, dann zertrümmern wir unser Recht.(Lebhafter Beifall rechte.) Abg. Slendcl(D. Dp.) erinnert die Deutschnattonalen an ihr Verhalten in der Ausmertungsangelegenhett, aus dem sich ergebe, daß sie nicht m der Lag« wären, anderen Par- teien Vorwürfe zu madjen. Der Redner wendet sich sodann gegen die Zlngrift« des Abg. Kutiner gegen den Preußischen Richte rnerein und versucht den Fall Großmann so hinzustellen, als handele es sich nicht um einen Ausschluß wegen politischer Gesinnung. Luch wir oerwehren cherrn Großmann nicht, daß er für die Republik eintritt, aber wenn er sagt, die Zeit würde hoffentlich kommen, wo die Richter aus Verstand Republikaner würden, so muß da» aufs schärfst« zurückgewiesen werden. Zlbg. Kollwih(Komm.) richtet heftig« Angrisse gegen die Schutzpolizei und wird zur Ordnung gerufen, als er van kalt. blütigen Verbrechern und Mördern in der Schupo spricht. Der Redner wird bei seinen Angriffen gegen den Richter st and zum zweiten Male zur Ordnung gerufen. Abg. Dr. Grzlmek(Dem.) betont die Rotwendigteft, da» geltend« Recht mit dem Volksempfirrden in Einklang zu bringen. Di« Deutsch-, nationalen könnten angesichts ihrer challung bei der Auftvertungs» gesetzgebuug jetzt nicht noch diese Gesetzgebung bemängeln. Der Beschluß de» Preußischen Richterbund«» im Falle Groß- mann ist insofern außerordentlich merkwürdig, als rechtsgerichtet« Richter, die verhetzend und vergiftend wirken. straffrei ausgehen. Nach Ausführungen des Abg. Haast(Wirtfch. Lereingg.s schließt die Besprechung des Ivstizhaushalt». Es folgt die Besprechung de« Sullusetat». Abg. Frau wrouke(Ztr.) möchte die Turnleheennnen vor«in« gemeinsamen Erziehung mit den Turnlehrern bewahren. Slbq. Koch. Oeynhausen(Dnot.) fordert, daß auch im neuen Staat die Schulbildung auf christlicher Grund lag« erfolge, und verlangt Einwirkung auf die Reichsregierung, daß endlich das Reichsschulgesetz kommen möge. Der übrige Teil stinor Rede verliert sich in einer breiten hetz« gegen Lessing unter Assistenz feiner politischen Gesinnungsgenossen, die offenbar Lessing und nicht den Aog. Koch D r e ck s a u bezeichnen. ich als Lumpen. Ferkel und Abg. Schutler(D Vp.) wendet sich gegen die >f. Schuldige Prof. Lessing sei im Hochschulskandal der eigentlic gewesen. Abg. Sänig-Swinemünde(Soz.) zitiert da» Urteil von Hans T r iefch- Leipzig über Lessing, da» diestr im„Berliner Tageblatt' gefällt hat. Er habe von Studenten gesprochen, die von Kreisen vor» gelchoben stien, denen Lefsing unbequem ist. Lessmgs Schriften seien, wie es in dem Urteil heiß«, nicht leicht: stdenfall» sti er der Kullurphilosoph unstrer Zeit, l Lacken rechte.) E» werde wohl niemand sein, der die Autorität Triesch» bezuvstl«. Gegen den Terror der Studenten habe der Staat die Vslicht einzuschreiten. Der Redner setzt sich noch für den sozialdemokratischen Antrag«in, die Prügelstrafe in den Schulen wenigsten« dann nicht anzuwenden. wenn es sich um„mangelhafte Leistungen' handelt. Kultusminister Dr. Decker führt aus, daß der an der Technischen Hochschule Hanno«?«nt- standen« Konflikt inzwischen dadurch beendigt wurde, daß die Staat». regierung dem Ratschlag angesehenster deutscher Hochschullehrer g«> folgt ist. Roch dem Bericht de« Rektor» der Teckmischen Hochschule Hanno«? ist die Ordnung nun wiederhergestellt. Was die Sache selbst angeht, so hätte Prof. Lessing auf Grund der ihm zur Last gelegten, mannigfach zitierten Lusführunge» auf diszipli. narischem Wege nur durch einen Rechtsbruch au» seinem Amte ent» fernt werden können. Bei diestr Sachlage hat sich die Unterrichts- Verwaltung, die Lessing wiederholt ihr Mißfallen über fein« litera- rifche Produktton zum Ausdruck bracht«, nur auf den Standpunkt stellen können, der durch Gewaltmaßnahmen und Diszi- plinlosigkeit von Studenten hervorgerufenen Erschütterung der akademischen und der Staatsautorstät entgegenzutreten. In das Disziplinarrecht der Technischen hochschul« Hannooer Hot die Unt«rrichts«rwaltung nicht eingegriffen. Die Erregimg sugeadlicher akademischer Kresse durste niemals die Form annehmen, daß ein Hochschullehrer mil Gewalt an der Ausübung seiner cchrläligkeit verhindert würde, vststn Standpunkt billigt die überwiegende Mehrheit der deutschen Hochschullehrer. Er bildet die Grundlag« für den Lösungsoersuch Wenn die Schließung der Technischen Hochschule Hannover«i werden konnte, so wird das von der Staatsregierung besonder» begrüßt. Der Minister beschäftigt sich weiter mit der Herabsetzung der Beiträge und der deutschen Studenten» schaft und erklärte dann noch, daß er den Wunsch teist. daß in Hannover wie überhaupt aus allen technischen Hochschulen «in« philosophisch« Professur errichtet werde. Ein- verstanden erklärt« er sich mit dem sozialdemokratische» Antrag, die Prügelstraf« in den Schulen nicht anzuwenden, wenn es sich um mangelhafte Leistungen oder Unagftnerksamteit des Schülers handelt. Abg. Dr. Bahner(Dem.) meint«, im Fall« Lefsing Hab« man «in Beispiel dafür erhalten, wie«in Skandal aufgezogen werde. Dst Rechte müsse mehr Liberalismus zeigen, wie er von breiten Schichten des deutschen Volkes jetzl«rlong: werde. Da» falle ihr anscheinend schwer, wie zum Beispiel auch ihr ängstliche» Festhalten an der P r ü g e l st r a f« zeig«. Gegen H6 Uhr unterbricht dos hau» dst Beratungen. Um 7 Uhr soll eine Nachtsitzung die Fortsttzung der dritten Lesung de» Etat» bringen. » In der Nachtsitzung, die nach Uhr erSswet wird, erklärt Slbg. Dr. Slamt(Wp.): Mein« Freund« und ich sind zwar kein« abgestempelten und patentierten Republikaner. dadurch «mieden ab« wir freuen uns doch, wenn«in Schritt vorwärts auf dem Wege zum Frieden in der Republik getan wird. Abg. Danicke(Dölk.) ergeht sich unter dem Lärm des Hauses in antisemitischen Pöbeleien zum Fall Lesstng. Es folgt die Befprechmig des Haushalts der volkswohlfohrt, bei der sich dst Parteien für Unterstützung der Leibesübungen ein- � Abg. Sabalh(Soz.) bezeichnet die Erwerbslosenfrage als wich- tigstes Problem der Gegenwart. Das Wohlfahrtsministerium müsse dafür sorgen, daß da» vom Landtag beschlossene Arbeits- und Bauprogramm auch durchgeführt wird. Mit dem Begriff„Not- standsarbeit' müsse schon aus psychologischen Gründen Schluß ge- macht werden. Wirtliche Arbeit wollen die Erwerbstättgen. Minister hlrkflefer teilt in Beantwortung ein« deutschnatto- nalen Anfrage mit. daß« unerträglich sei. wenn dst Arbeilgeb« dst von den Arveitnehmera cinbehallencn Erwerbslosenbeiträge zurück- behalten. Unverzüglich würde dagegen vorgegangen werden, daß manche Betrieb« auf Kosten der Sozialoersicherung ihre Wirtschaft- zinssteuergesetz bereit» im März verabschiedet worden, so würde jedenfalls unser Bauprogramm mit erheblich größerem Nach- druck In die Praxi» umgesetzt worden sein. Bei der Rede des Abg. Sellheim(Komm.) kommt es zu einem Zwilchenfall. Auf der Rechten wird gerufen: Lauter sprechen! Rufe b. d. Komm.: Schnauze halten! Der Präsident weist diese Ausdrücke zurück. Abg. Bartels(Komm.): Dann sorgen Sie dafür, daß die Betrunkenen au» dem Saale entfernt werden! Als im weiteren Verlauf der Ausführungen des Redner» die Zwischenrufe auf der Rechten nicht nachlassen, rufen die Kam- munisten nach rechts:„Die ganze Bande ist besoffen!' (Glocke des Präsidenten.), und„Trinken Sie doch keinen Schnaps, wenn Sie keinen oertragen können!' Das Haus stimmte schließlich ohne Aussprache den Etats der Oberrechnungskammer und der Staatsschuld zu. Gegen 12 Uhr wird die Weiterberotung auf Mittwoch 12 llhr oertagti vorher soll noch die große Anfrage von der Regierung beantwortet werden, die das Staatsministerium fragt, ob es billige, daß Dr. Luther in den V e r w a l t u n g e r a t der Deutschen Reichsbahngesell schaft delegiert worden ist. eivsendimgi» für dlrt« SuJtH fwd Berit» Sffi 6S, Lwde-ilraße 3, Partemachrichten für Groß-6er!in stet» au da» Bejlrkisekretariat. 2. Hot, 2 Trr». recht», zu richtru. t. tttl» Sitte. Donneret»«. 7H Uhr.©Unrnfl de» erweiterten«reievor- stände» dei Dobrodlaw. Ewlnemitnder Eiraße. 3. fttti« Weddinz. Sonnabend, 10. Juli, Tii Uhr, findet im kleinen Pharu«- (aal, fflünrtftr. 142, die Bannerweib« der 22. Abteilnn« statt. Festredner: Robert Breuer. Die Parteigenossen mit ibreu Angehörten sind herzlichst «ingeiaden. Eintritt frei. Rickupaileimitgliedern ist der Eintritt nicht gestattet. Der BiDnngeaudschust dar 22. Abteilung. «. Niet» tttmficta. DU Eintrittskarten vom Sommerfeft sind umgehend bei« Na stierer Relndold Urban. Görlitzer Str. 37, Quergebaude 1 Trenn«, abzurechnen, 7. teil Eharlottruburg. Don«r»taz, 8. Juli, 7Zj Uhr. preis- «i tolle dervorsammlung im Restaurant de, Schiller tbeater», Biomarck. ftiasU HO. Referent: Genosse Landoders, 9*. d. SL Vortrag:„Fürsten. adfindung und Reichstags. U, tel,««»Ml». Donnerstag, 8. Juli, 71$ Uhr, an bekannter Stelle er- weitert« teisvoirstandssstzung. Heule, ZMltwoch, den 7. ZuN: XL Abt. 8 Uhr: Funktion-rfitzung bei Wertalla. Hohenlohestr. 3, vorher Borstand» fmung um 7 Uhr abend»., <2. Abt. De: AbteilungskassUrer wird vom 8. bis 22. Juli durch de» Gm noste» Roth«. Schleiermacherstr. 1-, oertreten. 48. Abt. Di« Genossen des Bücherkreisc» werde» gebeten, die Bücher vom Genossen Urban. SSrlitzer Str. 37, abzuholen. 38. Abt. 71$ Uhr Rantestr. 4. vorn 4 Trepven. Funktion iwitzung. 92. Abt. Reokost». Pünktlich 8 Uhr bei Wölkt.«ais-i.Fiiednch.Stt. 173, lF: wichtige Abtei lungofunktiooörsttzung.«ein Funktionär darf tehlen. D:« Genossen Stadttäte. Stadt- und Bezirksverordnet«, soweit st- der Abteilung ajujehören, sowie sonstige prominente Genossen der Abteilung nehmen ebenfalls an der Sitzung teil. Bezirkskassierer Mitgliederlisun mitbringen. 104. Abt. RiederfchSueweide. 71$ Uhr Sitzung sämtluder Funktwvil», B«. amtrn und Betriedsvertrauenzleute bei Thiel«, Berliner Str. 38. Morgen, voaaerslag. den S. Juli: 24. Abt 71$ Uhr bei Heile, wichti» Funktionärsttzung. Wichtig« Tag«,. ordnung. Erscheinen ist Pflicht._,„, 48.«btz. TV. Uhr wichtig, ffunktionärsttzun« bti»rüger.«rmrmstr. 1. E, ist unbedingt erforderlich, d-tz jeder Bezirk wegen der wtchttgrn Tage». ordnung vertreten ist. vchlnebeeg. Funktionäre dringend erforderlich. 88, Abt. T-wpelhof. 8 Uhr in der.Linde". Friedrich.«arl- Ecke Werder- s.ratze, wichtige Funktionärsttzung. « Arbeitsgemeinschaft der«inderfrenude. Grotz-BeNia: Achtung! Wir bitte». zur Deckung des Bedarfs an Zeitschriften und Material die Sprechstund« am Donn«rstaa. 8. Zuli. zu benutzen. Di« Sprechstunde fällt dann 14 Tage aus. — Frei» MUt«: Mittwoch. 7. Juli, Bestchtigung de, neuen Verband»Hause» der Buchdrucker in Tempelhof. Dreibund str. 8. Treffpunkt abend» 7 Uhr vor dem Perba nt»hau». Interessierte Genossen ssnd herzlich eingeladen. Frauenveranstaltungen: 8. Abt. Der Ausfiuq findet erst am Mittwoch, 14. Juli, statt. nachmittag, 1 Uhr Bahnhof Grostgörfchenstrastt. Treffpunkt Sterbetafel der Groß»öerlinec partei-Grgani fation 29. Abt. Am 4. Juli verstard die Frau unsere» Adtellllng«kassierrrs. Go- noffin Emilie Burg. Prenzlauer Alle« 189. Einäsäurung am Freitag. 9. Zuli. abend» 6 Uhr. im Krematorium Gerichistratze. Dir dittrn um reg« Beteiligung. Vorträge, vereine und Versammlungen. Reichsbanner»Schwarz-Rot�vold''. Geschäft, stell«:«erlin S. k4. Sedastianstr. 8738. H-f 9 Tr Sauvorstaad: Letzter Uebung»abend der nach Wien fahrende» Spiel- leute: Mi., d. 7.. 71$ llhr, in den Baracken Rochowsttahc, Neu» kölln. Strostendahnlini« 27.»altestell« Rathau» Britz.- W-ddiug: Mi., d. 7.. 7 llhr, Sport- und Iugendabtettung Spielplatz Wiesen strafe. Bollzähliz erscheinen!— Breuzlauer Berg: tlanienadschaft Falke Do., d. 8., 8 Uhr. bei Grohn Bollverfannnlung: Vortrag, Kameradschaft WSrther Platz Fr., d. 9., 8 Uhr. bei Büttner, Schwedter Str. 23. Vollversammlung.— Friedrichshai»: Do., d. 8., 71$ llhr. Baltenpla». Pflichtneranstallung.— teuzter«: Mi., d. 7., m Uhr, Iungmannschaft Südost Gewerkschaftohau». Eoäl 3.— L>